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04.09.2025 · 23 Min.
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- Kumari - Nepals kindliche Göttin auf Zeit
04.09.2025 · 21 Min.
Kumaris gelten in Nepal als kindliche Göttinnen auf Zeit und sind für eine Vielzahl religiöser Rituale zuständig. Mit dem ersten Tropfen Blut, den sie vergießen, müssen die Mädchen in ihre Familien zurückkehren und versuchen, sich wieder in die Realitäten der nepalesischen Gesellschaft einzufinden. Autorin: Margarete Blümel (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Margarete Blümel Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Katja Amberger, Hemma Michel, Peter Weiß Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Scott Berry, Lehrer und Autor einer Kumari-Biografie; Rashmila Shakya, Ex-Kumari; Prof. Axel Michaels, Indologe und Religionswissenschaftler; Prof. Horst Brinkhaus, Indologe Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Nepal - Vielfalt der Religionen HIER Lebende Götter - Und das Wort ist Fleisch geworden HIER Literaturtipps: - Berry, Scott: From Goddess to Mortal: The True Life Story of a Former Kumari. Vajra Publications, Kathmandu 2005. Einfühlsames Porträt der ehemaligen Kumari Rashmila Shakya, die ihre Erfahrungen als Kindgöttin schildert und in den religiösen Kontext ihres Heimatlandes Nepal einordnet. - A Study of Living Goddess Kumārī: The Source of Cultural Tourism in Nepal by Him Lal Ghimir. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN: Auf einem mit Brokat überzogenen Stuhl sitzt ein kleines, sehr ernst blickendes Mädchen, das die Aufgabe hat, sein Land zu beschützen. Bei der nun folgenden, Stunden währenden, Tempelzeremonie wird ein Büffel sein Leben lassen, Trommler werden ihre Klangkörper bearbeiten und Gläubige ihre Köpfe bis zum Boden vor der kindlichen Göttin verneigen. Musik hoch ERZÄHLERIN: Das Mädchen ist stark geschminkt und in ein bis zu den Knöcheln reichendes Gewand gehüllt, das von Goldfäden durchwirkt ist. Manchmal ist diese Berufsbekleidung der Kumari, Nepals ”kindlicher Göttin”, auch tiefrot. Und: Die Kumari trägt einen mit Diamanten versehenen, in allen Farben schimmernden Kopfputz dazu. Eines aber ist immer gleich: Die lebende Göttin hat zwar das Gesicht eines Kindes. Doch ihre Würde und Bestimmtheit, die sie an den Tag legt, lassen sie um Jahre älter erscheinen. Musik mit Atmo 1 Tempelzeremonie verbinden O-TON 1: EX-KUMARI RASHMILA SHAKYA At the age of four, I became a Kumari. At the age of twelve, I retired from the Kumari house. VO-Sprecherin-weiblich: Ich war vier, als ich zur Kumari erhoben wurde. Und zwölf, als ich wieder ins weltliche Leben zurückkehrte. ERZÄHLERIN: Heute ist Rashmila Shakya 37 Jahre alt. Als sie das Kumari-Amt innehatte, war der König noch das Staatsoberhaupt Nepals. Damals kniete der königliche Regent vor der vierjährigen Rashmila nieder, um aus ihrer Hand den sogenannten ‚Tika‘ zu empfangen. O-TON 2: RASHMILA SHAKYA It’s become used to for me, because every time the king came to get the bless ...I know that I used to give the Tika to the king. I feel proud. VO-SPRECHERIN-weiblich: Ich hatte mich schnell daran gewöhnt, meinen Aufgaben ruhig und besonnen nachzukommen. Auch dann, wenn ich dem König den Tika, das hinduistische Segenszeichen, auf die Stirn tupfte. Bis heute macht mich das immer noch ein wenig stolz. ATMO 1 Tempelzeremonie O-TON 3: PROF. HORST BRINKHAUS Manchmal werden sie mit sechs Jahren erst geweiht oder eingeführt, manchmal auch schon mit zwei Jahren, das ist sehr unterschiedlich. Es ist ja an eine ganze Reihe von Kriterien geknüpft, wer Kumari sein kann. ERZÄHLERIN: … sagt der Indologe Professor Horst Brinkhaus. O-TON 4: PROF. HORST BRINKHAUS Da werden Tests gemacht und einiges auf die Beine gestellt, um festzustellen, wen hat sich die Göttin Durga - oder Taleju, wie sie in Nepal genannt wird – ausgesucht als Inkarnation? Das gilt es ja herauszufinden. Man macht ja keine Kumari, das ist nicht Menschenwerk, sondern die Göttin ist sozusagen übergegangen in einen Mädchenkörper. ERZÄHLERIN: Es gibt mehrere Kumaris in Nepal. Die bedeutendste unter ihnen ist die in Kathmandu lebende ‚Royal Kumari‘. O-TON 5: PROF. HORST BRINKHAUS Es wird selten über die weniger bekannten Kumaris berichtet. Berichtet wird fast immer nur über die Royal Kumari in Kathmandu und es gab auch einige Berichte über eine Bhaktapur-Kumari, die nämlich in Amerika war mit elf Jahren - als Kumari noch, wohlgemerkt, nicht erst danach. MUSIK m03 (Holiya Mela, Traditional Nepal Folk Tunes, K:= Bharat Nepali, 0:34 Min) ERZÄHLERIN: Etwa zehnmal im Jahr verlässt die Royal Kumari den Palast, um religiösen Zeremonien beizuwohnen. Die inzwischen meist als ‚Kathmandu-Kumari‘ bezeichnete lebendige Göttin wird bei diesen Gelegenheiten stets in einer Sänfte befördert, da sie sonst Gefahr liefe, sich zu verunreinigen oder sich zu verletzen, sagt der Indologe und Religionswissenschaftler Professor Axel Michaels: O-TON 6: PROF. AXEL MICHAELS Es ist schon etwas schwieriger für die Kathmandu-Kumari, weil die eine so herausragende Stellung hat. Sie gab ja früher dem König den Tika und hat ihn gewissermaßen dadurch legitimiert für ein Jahr. Aber in Bhaktapur etwa ist die Kumari ja ein ganz normales Mädchen, die auch nicht so eine isolierte Stellung hat wie die Kathmandu-Kumari, die ja in einem eigenen Haus wohnt und eigentlich nicht auf die Straße darf. Sie kann nur getragen werden. Die auch nicht mit anderen Kindern einfach so spielen kann. Das gilt aber eigentlich nur für die Kathmandu-Kumari. ERZÄHLERIN: Aber selbst hier bestätigen Ausnahmen die Regel, weiß der Lehrer und Autor Scott Berry, der die Biografie der Kathmandu-Kumari Rashmila Shakya geschrieben hat: O-TON 7: SCOTT BERRY We had two daughters who were eight and six at the time... And they got to be friends that way. VO-SPRECHER-männlich: Unsere Mädchen waren acht und sechs Jahre alt, als wir nur ein paar Straßen weit entfernt vom Tempelpalast wohnten, in dem die Kumari ihre Wohnstatt hatte. Meine Töchter waren fasziniert davon, dass ganz in ihrer Nähe ein Mädchen lebte, das eine Göttin war. Und sie gingen jeden Tag zu ihrem Haus und saßen im Hof. Eines Tages stand sie oben auf der Treppe und rief: „Ich habe einen Ball. Wollt ihr spielen?“- „Ja“, sagten meine Töchter. Aber natürlich durften sie nicht nach oben gehen, schon allein, weil sie keine Hindus sind. Und sie durfte nicht nach unten kommen. Also blieb sie oben auf der Treppe, und meine Töchter standen unten und warfen den Ball hin und her. So wurden sie zu Freundinnen. MUSIK m04 (Rato Bhale, Traditional Nepal Folk Tunes , K:= Krishna Gurung, 1:15 Min) ERZÄHLERIN: Diese Erinnerung hat die ehemalige Kathmandu-Kumari Rashmila Shakya in Scott Berrys „From Goddess to Mortal“ preisgegeben. Ebenso wie die Auswahlkriterien für die Kandidatinnen, die ihr noch heute leicht über die Lippen gehen: ein günstiges Horoskop, die körperliche Unversehrtheit der Kandidatinnen und die richtige Kaste. O-TON 8: RASHMILA SHAKYA Shakya caste, sacred Shakya. Yeah. And … are taken out from the Kumari house in the festival in a year. VO-SPRECHERIN-weiblich: Wir müssen aus der Shakya-Kaste kommen. Und unser Horoskop muss klar zeigen, dass wir gute Eigenschaften aufweisen und unserem Land nützlich sein können. Wenn Astrologen und Priester das herausgefunden haben, kommt die Frau aus der Familie, die mit der Kumari unter einem Dach lebt und sie betreut. Sie schaut sich den Körper und das Gesicht des Mädchens genau an und untersucht alles nach Wunden oder Kratzern. Wenn auch dieser Test bestanden ist, zieht das Mädchen als lebendige Göttin in den oberen Trakt des Kumari-Hauses ein, den sie nur verlässt, wenn sie zu Zeremonien und religiösen Festen abgeholt wird. Atmo 2 Tempel Kathmandu ERZÄHLERIN: Die Kumaris stammen aus den Reihen der Newars, einer vor allem im Kathmandu–Tal beheimateten Volksgemeinschaft. Die Newars pflegen eine weltweit einzigartige Sonderform des Buddhismus, den nach ihnen benannten ‚Newar-Buddhismus‘. Die lebende Göttin wiederum wird seit Langem als Reinkarnation einer Hindu-Gottheit betrachtet: Durga, die sich in Nepal als ‚Taleju‘ manifestiert hat. Taleju soll vor einigen Jahrhunderten ins Kathmandu-Tal gekommen sein und sogleich zur Schutzgöttin der nepalesischen Königsfamilien und des Landes aufgestiegen sein. Schließlich aber nahm Durga/Taleju die Gestalt eines kleinen Newarmädchens an. So entstand ein göttliches Amt, das seitdem von einer wechselnden Schar auserwählter Kumaris versehen wird. O-TON 9: PROF. HORST BRINKHAUS Die Kumari wird von Buddhisten wie auch von Hindus verehrt, übrigens nicht nur von Newars, sondern natürlich auch von den Nepalisprechern. Sie ist auch ein - wie der König ja auch in der Vergangenheit war - ein Integrationsfaktor. Nepal ist ein Vielvölkerstaat. Es gibt ungeheuer viele Sprachen in Nepal, ethnische Gruppen, von Tal zu Tal sozusagen häufig verschiedene Gruppen. Und irgendwo muss ja eine Klammer sein, die eine gemeinsame Identität begründet. Atmo 2 Tempel Kathmandu O-TON 10: SCOTT BERRY The main thing it does, it symbolizes the unity, or at least...And Kumari comes from a Newar caste. VO-SPRECHER-männlich: Das Kumari-System symbolisiert, wenn nicht die Einheit, so zumindest doch die nicht vorhandene Feindschaft zwischen den Buddhisten und Hindus in Nepal. Die Newars sind die ursprünglichen Bewohner von Kathmandu. Sie haben ihre eigene Sprache, ihre eigenen Bräuche. Und die Kumari stammt eben aus einer Newar-Kaste. ERZÄHLERIN: … betont Scott Berry. Der Lehrer und Verfasser der Lebensgeschichte Rashmila Shakyas, von „From Goddess to Mortal“, hat mit Frau und Kindern viele Jahre im Nachbarhaus von Rashmilas Eltern gelebt. So konnte Scott Berry nicht nur den Werdegang der Ex-Kumari, sondern auch die Bedeutung der Kumari-Tradition verfolgen. Atmo 2 Tempel Kathmandu O-TON 11: SCOTT BERRY The Newars actually share temples. They're divided between buddhists and hindus... she's a buddhist girl who becomes a hindu goddess. VO-SPRECHER-männlich: In der Tat nutzen die Newars Tempel, die von Buddhisten und Hindus gleichermaßen aufgesucht werden. In einer dieser nepalesischen Kultstätten wird zum Beispiel eine Inkarnation Shivas von Hindus verehrt, während Buddhisten am selben Ort Lokeshwar anbeten, einen spirituell sehr fortgeschrittenen Bodhisattva. Und, zurück zur Kumari: Sie stellt ein wichtiges Symbol für all das dar, weil sie ein buddhistisches Mädchen ist, das zu einer hinduistischen Göttin wird. Atmo 2 Tempel Kathmandu bitte in Kreuzblende mit Atmo 3 Durga Sloka verbinden ERZÄHLERIN: Im Vielvölkerstaat Nepal werden Kultur und Politik seit jeher von der Religion mitbestimmt. Literatur, Kunst, Sitten und Gebräuche, alle Abläufe des täglichen Lebens, sind von den religiösen Überzeugungen der Nepalesen durchdrungen. Und umgekehrt: Die wechselvolle politische Geschichte des Kathmandu-Tals hat entscheidend auch die Religion beeinflusst und so eine ureigene Beziehung zwischen Buddhismus und Hinduismus im Lande bewirkt. Atmo 3: Durga-Sloka ERZÄHLERIN: Im nur in Nepal praktizierten Newar-Buddhismus vereinen sich verschiedene Richtungen des Buddhismus: Die Newar streben zwar nach Erlösung, stellen aber ihre Suche nach dem Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten hintan, um anderen, bedürftigen Lebewesen zur Seite zu stehen. Zusätzlich betreiben sie magische Rituale, die ihnen auf ihrem spirituellen Weg weiterhelfen sollen. O-TON 12: PROF. HORST BRINKHAUS Wenn man sich Nepal mal jetzt als diesen Streifen von Ost nach West vorstellt – der Norden ist sehr stark buddhistisch geprägt, aber nicht newarbuddhistisch, sondern lamaistisch. Der Süden, insbesondere das Terai-Gebiet, der Teil, der zum Gangesflachland gehört, ist sehr stark hinduistisch geprägt. Da gibt es auch Muslime und wirkt ja sowieso ganz indisch, ganz nordindisch. MUSIK m01 ((Morning Song, Byanchuli, Traditional Music Of Nepal, Interra Records, 1:24 Min) ERZÄHLERIN: In diesem Schmelztiegel der Religionen, in einem Land, dessen Könige als Wiedergeburt des Hindu-Gottes Vishnu galten, besteht inzwischen ein Parlamentarisches Mehrparteiensystem. Doch obwohl die Monarchie seit Mitte des Jahres 2008 der Vergangenheit angehört, und obschon die Maoisten im politischen Gefüge eine große Rolle spielen und Kritik an einigen Traditionen laut wird – religiöse Bräuche wie die der Verehrung der Kumari bestehen fort. Auch die Voraussetzungen für das Ausscheiden der „kommissarischen Göttinnen“ aus ihrem Amt sind nahezu unverändert geblieben. Um ausgeschlossen zu werden, genügen ein paar Tropfen Blut: Sobald die Kumari blutet, sei es im Zuge einer Verletzung oder durch Einsetzen ihrer Periode, muss die Kindgöttin das Zepter an ein anderes Mädchen abgeben. O-TON 13: PROF. AXEL MICHAELS Der Jungfrauenkult ist natürlich auch in Indien immer wieder einmal da gewesen - also die Verehrung einer Jungfrau als Göttin. ERZÄHLERIN: … sagt der Indologe und Religionswissenschaftler Professor Axel Michaels. Aber …. O-TON 14: PROF. AXEL MICHAELS Aber es ist sehr spezifisch im Grunde genommen bei den Newars. Sowohl in Kathmandu wie auch in anderen Orten des Kathmandu Tals. Weil die daraus einen regelrechten Kult gemacht haben, mit eigenen Ritualen, mit eigenen Häusern und der Notwendigkeit, dass die Kumari bestimmte Rituale eröffnen muss oder dabei sein muss oder Leute segnen muss. Atmo 4 Ritual ERZÄHLERIN: Am Durbar Square, im Zentrum Kathmandus, steht ein blutüberströmter Omnibus. Dach, Fenster, Türen und die Front des alten Vehikels, dessen Reifen kurz davor sind, mit den Felgen eins zu werden, sind mit dem Blut einer soeben geschlachteten Ziege beschmiert. Die Sitze des Busses sind aufgerissen, die Fenster sind längst den Weg alles Irdischen gegangen. Im Fahrerraum prangt unter einem Wirrwarr von Girlanden eine Darstellung der Durga. Sie vollführt einen Kriegstanz, schwingt Lanzen und Schwerter in ihren vielen Armen. Ihr Gesicht ist zu einer Grimasse grausamen Triumphs erstarrt. Zu ihren Füßen liegt der Büffel-Dämon Mahisasura, den die große Göttin zertreten hat. Heute nimmt sie in Kathmandu ihr Festmahl. Atmo 4 Ritual ERZÄHLERIN: Einmal im Jahr wird Durga-Puja, das große Opfer- und Erntefest, gefeiert. Busse, Lastwagen und Privatfahrzeuge werden mit frischem Tierblut geweiht, damit die Insassen in Zukunft nicht zu Schaden kommen mögen. In Innenhöfen, Häusern, Gassen und in großen Festzelten sind für die Göttin Durga Altäre aufgebaut. Die Frauen haben besonderes Essen für den Anlass vorbereitet. Kinder werfen einander Luftballons zu und warten aufgeregt darauf, dass der Prozessionszug mit der Kumari, der lebendigen Vertreterin Durgas, endlich eintrifft. Dass die kindliche Göttin kommt, ihnen ein ernstes Lächeln schenkt und dem einen oder anderen vielleicht auch ein Segenszeichen auf die Stirn malt. Atmo 4 Ritual bitte kurz hoch, dann blenden O-TON 15: PROF. HORST BRINKHAUS Die Royal Kumari hängt ja stark mit dem Königtum zusammen. Sie wurde ermittelt, unter anderem von dem Astrologen und dem Familienpriester des Königs und anderen hohen Beamten. Die sind natürlich mit der Abschaffung des Königtums nun auch entfallen. Und das heißt, die Kumari muss immer wieder auf neue Grundlagen gestellt werden, wie man sie herausfindet, wer für sie eigentlich sorgt, wer zuständig ist für diese Institution. ERZÄHLERIN: Inzwischen gewährt der Staat den kommissarischen Göttinnen zumindest eine kleine Rente – und eine Schulausbildung. O-TON 16: PROF. HORST BRINKHAUS In der Vergangenheit war ja ein Problem, dass sie in keine Schule gehen konnte oder durfte, dass sie also nicht ausgebildet wurde. Immerhin ist man Kumari bis zum zwölften, dreizehnten Lebensjahr, je nachdem. MUSIK m05 ( Yantra, Jens Buchert, 2:21Min) O-TON 17: RASHMILA SHAKYA I have to struggle so much in the normal life. Mostly in the study...At the age of twelve I started my school career. VO-SPRECHERIN-weiblich: Ich hatte anfangs wirklich schwer zu kämpfen. Vor allem mit dem Lernen, weil es zu meiner Zeit keine formale Bildung für Kumaris gab. Erst im Alter von zwölf Jahren habe ich meine Schullaufbahn begonnen. ERZÄHLERIN: Ihr Biograph Scott Berry erinnert sich noch sehr gut an das, was Rashmila damals durchgemacht hat. O-TON 18: SCOTT BERRY Well, this is something that's changed considerably since Rashmila’s time...and they're able to go to their proper grade when they stop. VO-SPRECHER-männlich: Nun, das ist etwas, das sich seit Rashmilas Zeit stark verändert hat. Sie hatte große Schwierigkeiten, ins normale Leben zurückzukehren. Sie musste in die erste Klasse gehen, obwohl sie schon zwölf Jahre alt war. Einmal hat sie versucht, wegzulaufen und ins Kumari-Haus zurückzukehren, aber da stand sie dann natürlich vor verschlossenen Türen. Doch schließlich hat sie es geschafft. Ihre Familie hat Rashmila bedingungslos unterstützt. Und heute ist es so, dass vor allem ihretwegen Kumaris lernen und studieren. Sie haben Tutoren und werden darauf vorbereitet, die zu ihnen passende Klasse zu besuchen, wenn es soweit ist. ERZÄHLERIN: Noch etwas kommt erschwerend hinzu, das über lange Zeit hinweg manchmal wie ein Fluch über den ins irdische Leben zurückkehrenden Mädchen lag: der alte Irrglaube, Kumaris fänden keinen Ehemann. O-TON 19: RASHMILA SHAKYA This is only a misconcept about the Kumari. And this misconcept.. Before that the guy had little bit hesitate ad to marry the ex Kumari. VO-SPRECHERIN-weiblich: Diesem Aberglauben nach soll ein Mann, der eine ehemalige Kumari zur Frau nimmt, eines unnatürlichen und viel zu frühen Todes sterben. Die jüngere Generation hat sich da inzwischen bewegt und schenkt dem keinen Glauben mehr. Aber ich erinnere mich noch der Zeiten, als Männer einer Verbindung zu einer Ex-Kumari deshalb ziemlich zurückhaltend gegenüberstanden. O-TON 20: SCOTT BERRY Traditionally, they're not supposed to get married. The husband's supposed to die... and they seem very happy together. VO-SPRECHER-männlich: Traditionell ist es nicht vorgesehen, dass sie heiraten. Und, ja, angeblich soll der Mann sogar innerhalb des ersten Jahres der Ehe sterben. Aber das ist völlig falsch. In der Vergangenheit gab es mehrere Kumaris, die geheiratet haben - und auch Rashmila ist den Bund der Ehe eingegangen. Wir waren sogar auf ihrer Hochzeit. Inzwischen hat sie einen Sohn, und sie scheinen sehr glücklich miteinander zu sein. ATMO 5 Kumari-Ritual O-TON 21: RASHMILA SHAKYA Yeah, I have married before eight years. And I have one son and he is became a five years old. VO-SPRECHERIN-weiblich: Seit unserer Hochzeit sind acht Jahre vergangen. Und unser Sohn ist jetzt fünf Jahre alt. Musik m01 ((Morning Song, Byanchuli, Traditional Music Of Nepal, Interra Records, 1:40 Min) Erzählerin: Über dreißig Jahre liegen zwischen den fundamentalen Ereignissen, die das Leben der Ex-Kumari nachhaltig beeinflusst haben. Rashmila Shakya erinnert sich noch sehr genau daran, wie das damals war: Als sie als vierjähriges, sehr ernst dreinschauendes Mädchen auf einen Thron stieg, um als kindliche Göttin ihren König und ihr Land zu beschützen. Und dann, acht Jahre später, als die Zeit gekommen war, das Kumari-Haus zu verlassen …. O-TON 22: RASHMILA SHAKYA At the time? I became sad and happy. Also sad because that I have left the Kumari house and happy that I have returned to the own house and lived a normal life. VO-SPRECHERIN-weiblich Da war ich froh und bedrückt zugleich. Traurig, weil ich das Kumari-Haus hinter mir lassen musste. Und froh, weil ich nach Hause zurückkehren und ein normales Leben führen konnte. Erzählerin: Nichts von alldem möchte Rashmila missen. Wie viele andere Ex-Kumaris auch, mit denen sie gesprochen hat, ist da das nachhaltige Gefühl, ein Privileg genossen zu haben. Einen Lebensweg beschritten zu haben, der schwierig, steinig und ungemein erfüllend gewesen ist. O-TON 23: RASHMILA SHAKYA I got two life in one born. One is normal life and one is God. Is life. VO-SPRECHERIN-weiblich: Ich habe zwei Leben geführt. Das eine ist das normale, das irdische Leben und das andere ist mein Dasein mit Gott.
- Staatenlosigkeit - Ohne Schutz und Rechte?
03.09.2025 · 21 Min.
Die meisten haben sie ohne darüber nachzudenken: Eine Staatsangehörigkeit. Wer sie dagegen verliert oder nie hatte, kommt immer wieder in Schwierigkeiten - zum Beispiel beim Reisen. Autor/in dieser Folge: Linus Lüring Regie: Irene Schuck Es sprachen: Christian Baumann, Andreas Neumann Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Geschichte des Reisepasses - Ein Papier öffnet Grenzen JETZT ANHÖREN Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Arendt, Hannah (1955): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt/Main: Europäische Verlagsanstalt. Beyer, Judith (2022): The common sense of expert activists: practitioners, scholars, and the problem of statelessness in Europe. In: Dialectical Anthropology (2022). Gosewinkel, Dieter (2021): Struggles for Belonging. Citizenship in Europe, 1900-2020. Oxford: Oxford University Press. Interviewpartner/innen dieser Folge: Dr. Judith Beyer, Professorin für Ethnologie, Universität Konstanz; Dr. Roland Bank, Leiter Rechtsabteilung UNHCR Deutschland; Christiana Bukalo, Staatenlose und Gründerin von „Staatefree e.V.“; Dr. Dieter Gosewinkel, Professor für neuere Geschichte an der FU Berlin, Wissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Aquakulturen - Fluch oder Segen?
03.09.2025 · 23 Min.
Seit 30 Jahren stagnieren die Fänge der Wildfischerei. Schon jetzt stammt jeder zweite weltweit konsumierte Fisch aus Aquakulturen. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung gewinnt die Aquakultur als Lebensmittellieferant enorm an Bedeutung. Credits Autoren dieser Folge: Jörn Breiholz und Michael Marek Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Amberger, Peter Veit Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Reinhold Hanel, Direktor des Instituts für Fischereiökologie am "Johann Heinrich von Thünen-Institut" für Fischerei in Bremerhaven Ulfert Focken, Fischerei-Ökologe, "Thünen-Institut" Jón Kaldal, Journalist, Icelandic Wildlife Fund, NGO Island Daniel Jakobsson, Geschäftsführer Arctic Fish, Lachszuchtunternehmen Elvar Friðriksson, Geschäftsführer North Atlantic Salmon Fund, NGO Island Sigurdur Thorvsalds, Biologe und Naturschützer, Island Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Schlangengrube - WirTier Markus hat als Tierarzt eine Mission: Reptilien vor Leid bewahren. Er kümmert sich um Schlangen aus Qualzuchten oder auch um exotische Tiere, die als Ware illegal gehandelt und wenig artgerecht gehalten werden. Host Vici nimmt für WirTier ihren Mut zusammen: Schafft sie es, Schlangen auf Augenhöhe zu begegnen? HIER geht es zur Folge. Überfischung - Wenn das Meer leer wird HIER Fische - Die unterschätzten Lebewesen HIER Der Aal - Ein Fisch voller Rätsel HIER Hör-Tipp: Lost - Björk & Rosalia, 2023 auf YouTube Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Bremerhaven an der deutschen Nordseeküste: Im beschaulich-historischen Fischereihafen riecht es nach Fish and Chips. Fangschiffe gibt es hier schon lange nicht mehr. Stattdessen: Räuchereien, Restaurants und Souvenirläden. Einen Steinwurf entfernt steht ein neues, modernes Glas-und-Stahl-Gebäude. O-Ton 1: Ulfert Focken "Wir sind hier in der Aquakultur Forschungsanlage des Thünen-Instituts für Fischereiökologie in Bremerhaven." ATMO: Thünen-Institut / Sicherheitsschleuse Sprecherin: Sagt Professor Ulfert Focken. Wir stehen mit dem Spezialisten für Aquakultur und Fischernährung hinter der Sicherheitsschleuse im Erdgeschoss. Ein leicht muffiger Geruch liegt in der Luft – wegen der Feuchtigkeit, erklärt der Wissenschaftler. In gut einem Dutzend Wasserbassins schwimmen verschiedene Fischarten unterschiedlicher Größe: O-Ton 2: Ulfert Focken "Hier sind verschiedene Becken von zahlreichen Aquarien mit circa 50 Litern bis hin zu Becken mit zwei Meter 50 Durchmesser, wo wir Tiere des warmen Bereiches halten. Das sind hier bei uns in erster Linie Karpfen und daneben auch tropische Garnelen, die sogenannte Pazifische Weißwein-Garnele. Wir machen hier Forschung in erster Linie zur Haltung und Fütterung dieser Arten." MUSIK 1 ( SINE - Lost And Never Found 0’37) Sprecherin: Seit gut 30 Jahren beschäftigt sich Focken mit Aquakulturen, also der Erzeugung von Organismen, die im Wasser leben. Im Gegensatz zur Fangfischerei werden in der Aquakultur Fische wie zum Beispiel Lachse, Karpfen oder Doraden, aber auch Krebstiere, Muscheln und Algen unter kontrollierten Bedingungen aufgezogen. Aquakultur ist sozusagen Landwirtschaft unter Wasser. Für Focken wie auch für seinen Kollegen Professor Reinhold Hanel sind Aquakulturen für die Welternährung unverzichtbar: O-Ton 3: Reinhold Hanel "Wir werden sehr oft gefragt: Aquakultur - ja oder nein? Diese Frage wird immer nur in Deutschland gestellt. Weltweit würde die niemand stellen, weil man müsste, um sozusagen dieselbe Frage auf die Landwirtschaft umzumünzen, zu sagen, Landwirtschaft ja oder nein. Und die Frage würde niemand ernsthaft stellen. Sondern man redet dann über Schweinezucht oder über Geflügel oder irgendwelche Ackerfrüchte. Aber man stellt nicht grundsätzlich die Ernährungsproduktion des Menschen infrage. Und die Aquakultur hat in vielen Kontinenten, gerade in Asien, einen Stellenwert, der dem der Agrikultur, der Landwirtschaft, entspricht." MUSIK 2 ( SINE - Lost And Never Found 0’36) Sprecherin: Reinhold Hanel leitet das Thünen-Instituts für Fischereiökologie; es ist eines von drei Instituten, die im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft die Fischerei erforschen. Er ist Experte für den europäischen Aal, für Biodiversität, Populationsgenetik und Aquakultur: O-Ton 4: Reinhold Hanel "Und ohne Aquakultur hätten wir keine Chance, den Menschen zu ernähren. Und eine steigende Weltbevölkerung, also die Zunahme an Nahrungsmitteln, sieht die Welternährungsorganisation fast ausschließlich über eine Zunahme der Aquakultur. Wir müssen also Wasser, Meeresflächen, aber auch Binnengewässer teilweise noch stärker als bisher für die Nahrungsmittelproduktion nutzen, wenn wir eine steigende Weltbevölkerung in ausreichendem Maße mit Nahrung beliefern wollen." ATMO Thünen Institut / Aquakulturanlage Sprecherin: Aber ist die Produktion jeder Fischart sinnvoll und nachhaltig, um alle Menschen satt zu bekommen? Was ist etwa mit dem in Deutschland und vielen anderen Ländern beliebtesten Speisefisch, dem Lachs? O-Ton 5: Reinhold Hanel "Der Lachs hat nun mal ein relativ hohes Grundbedürfnis an Nahrungsqualität als Fleischfresser. Aber dasselbe gilt natürlich auch für den Thunfisch - vor allem der aus dem Farming kommt, also der sozusagen gemästet wird. Und dasselbe gilt natürlich auch für die Dorade und für den Wolfsbarsch. Das sind alles Fische, die nicht für die Welternährung gezüchtet werden, sondern um einen Nischenmarkt zu bedienen." ATMO Thünen Institut / Aquakulturanlage Sprecherin: Das Futter ist das mit Abstand wichtigste Instrument, mit dem die Fischfarmen Wachstum und Gesundheit der Tiere steuern können. Auch deswegen erforscht das Thünen-Institut hier in Bremerhaven vor allem das Futter und seine Auswirkungen auf Zuchtfische: O-Ton 6: Ulfert Focken "Das Erkenntnisinteresse aktuell liegt nicht in der Züchtung. Das sind zwar die Ursprünge dieser Arbeitsgruppe von Anfang der 1960er-Jahre, wo man versucht hat, den grätenarmen Karpfen zu züchten. Bei uns geht es um die Untersuchung zur Fütterung und zur Umweltwirkung. Denn ein Futter, was schlecht verwertet ist, produziert natürlich mehr Ausscheidungen als ein hochwertiges Futter." MUSIK 3 ( SINE – Always 0’48) Sprecherin: Haben die Fischfarmen die Jungfische erst einmal von der Brutstation zum Mästen in die Käfige im Meer, Fluss oder in den Teich transportiert, können sie die Wassertemperatur nicht mehr regulieren, die Fische nicht mehr impfen – und: auch einzelne Tiere nicht mehr isolieren. In der Mäst-Phase bestimmen vor allem Wassertemperatur und -qualität das Wachstum der Tiere – aber eben auch und vor allem das Futter. Das hat heute eine ganz andere Zusammensetzung als noch vor einigen Jahren, erklärt Ulfert Focken: O-Ton 7: Ulfert Focken "In den 1980er-Jahren, als die industrielle Lachszucht in Norwegen begann, bestand das Lachsfutter noch zu circa 50 Prozent aus Fischmehl und 10 bis 15 Prozent Fischöl. Und zu dieser Zeit wurden, um ein Kilogramm Lachs zu produzieren, vier bis fünf Kilogramm Sardinen, Sardellen und ähnliche Fische gebraucht, die dann zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet wurden. Inzwischen ist die Lachsproduktion weltweit aber größer als der Fang von Fischen zur Fischmehl-Erzeugung. Und im Laufe der Zeit ist der Fischmehl-Anteil im Futter auf unter zehn Prozent gesunken." MUSIK 4 ( SINE – Always 0’32) Sprecherin: Raubfische wie Thunfisch, Dorade, Wolfsbarsch oder Lachs ernähren sich in ihrem natürlichen Habitat von anderen Fischen und Krebsen. Wenn der Lachs aber in der Aquakultur nicht einmal mehr zehn Prozent Fischanteil im Futter bekommt, woraus bestehen die anderen 90 Prozent seiner Nahrung in der Mästung? Ulfert Focken: O-Ton 8: Ulfert Focken "Es sind einerseits in gewissen Mengen Tiermehle, aber der überwiegende Teil sind Pflanzenproteine. Und da in erster Linie eben Soja basierende Proteine. Das ist natürlich keine natürliche Nahrung für den Lachs. Und wenn wir den Lachsen wie auch vielen anderen Fischen einfach rohes Sojamehl geben, dann führt es zu chronischer Darmentzündung." ATMO Hafen / Möwen Sprecherin: Das bedeutet: Das pflanzliche Futter muss industriell aufbereitet werden, um die Proteine zu isolieren – und um das Sojafutter vom anderen Ende der Welt, aus Südamerika, in die Fischzuchtanlagen in Norwegen, Island oder dem Mittelmeer zu transportieren. Zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung sind Raubfische daher wenig nachhaltig. Gleichwohl haben die wissenschaftlichen Untersuchungen des Thünen-Instituts die Vorzüge von Fischzucht ganz grundsätzlich nachgewiesen – vor allem, was die Nachhaltigkeit betrifft, sagt Fischerei-Ökologe Hanel. Denn für Aquakulturen … O-Ton 9: Reinhold Hanel "… braucht man deutlich weniger Ressourcen als für terrestrische Organismen, also für Rind, Schwein, Huhn. Eine bessere Energiebilanz haben teilweise Insekten als Fisch. Aber Fisch eignet sich sehr gut, um mit relativ wenig Energie-Input relativ viel an Nahrung zu produzieren." ATMO: Musikakzent Sprecherin: Ortswechsel. Die Westfjorde im Nordwesten von Island: eine Halbinsel mit zerklüfteten Küsten, knapp 400 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Reykjavik. ATMO Meer + Verkehr Sprecherin: Jón Kaldal steht am Arnarfjörður Fjord. Der Isländer arbeitet für den Icelandic Wildlife Fund. Die Nicht-Regierungs-Organisation engagiert sich für den Umweltschutz, vor allem für Meer und Fische. Kaldal schaut besorgt auf die Fischfarm: 12 kreisrunde Netze, jedes 200 Meter im Durchmesser, die 400 Meter vom Ufer entfernt im Wasser liegen: O-Ton 10: Jón Kaldal "In this small location … whole Iceland wild population." VO 1.1: Allein an diesem kleinen Standort gibt es etwa 1,2 Millionen Zuchtlachse. Das ist 20-mal mehr als die gesamte isländische Wildpopulation. ATMO Fjord + Blubbern Sprecherin: Wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht, schaukeln die nach oben offenen, kreisrunden Plastikgehege auf den Wellen. Von oben sieht das alles unspektakulär aus, doch das täuscht. ATMO Collage Musikakzent + Geräusche Fjord Sprecherin: Unter der Meeresoberfläche ist es eine unterseeische Industrie-Mastfarm. In jedem einzelnen der zwölf Netze schwimmen 100.000 Lachse. Jón Kaldal zeigt auf einen Ponton inmitten der Anlage. Darauf befindet sich ein containerartiges Gebäude: ein Futterautomat, der über Plastikrohre industriell produziertes Fischfutter in die riesigen Netze schießt: O-Ton 11: Jón Kaldal "They put the juveniles … this fast-growing rate." VO 1.2: Sie setzen die Jungtiere ins Netz, wenn sie zwischen 120 und 200 Gramm wiegen. Danach bleiben sie 18 Monate in der Zuchtanlage. Wenn die Lachse zwischen sechs und acht Kilo wiegen, werden sie geschlachtet. Davor werden sie unentwegt gefüttert. Die Zuchtlachse wachsen derart schnell, dass einige von ihnen missgebildet sind. Denn das Skelett kann mit dem schnellen Wachstum nicht mithalten. ATMO Vögel + Schritte Sprecherin: Umweltschützer Kaldal greift in seine Jackentasche und holt sein Smartphone heraus. Er zeigt uns Fotos von Lachsen in einer Fischtreppe, aufgenommen von einer Fotofalle. Auf dem ersten Bild kehrt ein ausgewachsener wilder Lachs aus dem Atlantik zur Paarung zurück – in genau den Fluss, in dem er selbst vor Jahren geboren wurde. Auf dem zweiten Foto schwimmt ein Zuchtlachs. Er ist noch nie über das Plastiknetz im Fjord hinausgekommen – bis er fliehen konnte und die Fotofalle auslöste: O-Ton 12: Jón Kaldal "The main thing is… as a healthy one." VO 1.3: Was man sofort erkennt: Der Wildlachs ist lang, sieht ein bisschen wie ein Torpedo aus. Am selben Tag wurde der entkommene Zuchtlachs aufgenommen. Und Sie können ganz deutlich sehen, wie er sich unterscheidet: Er ist viel gedrungener. Die Schwanzflosse des Zuchtlachses ist missgebildet und klein; dieses Tier sieht einfach nicht gesund aus. MUSIK 5 ( Slagr – First Frost 0’50) Sprecherin: Der wilde Lachs ist lang und muskulös: ein Raubfisch mit kräftiger, breiter Schwanzflosse, die er auf den vielen tausend Kilometern Reise durch Islands Flüsse und den Atlantik herausgebildet hat. Die braucht er auch, um die isländischen Flüsse hinauf ins Brutgebiet schwimmen zu können. Ganz anders der von Menschenhand gezüchtete Lachs auf dem zweiten Foto: Seine Schwanzflosse ist viel kleiner und nicht sehr ausgeprägt. Er hat sein gesamtes Leben in Gefangenschaft verbracht: erst in der Aufzuchtstation an Land, später in dem Plastiknetz der Zuchtlachsfirma. Gejagt hat dieser Raubfisch nie. Für Jón Kaldal sind Zucht- und Wildlachs zwei komplett verschiedene Fische, die auf keinen Fall Nachfahren zeugen sollten: ATMO Bach O-Ton 13: Jón Kaldal "You have an offspring … of the salmon industry." VO 1.4: Du hast dann Nachkommen, die nicht an ein Leben in der Wildnis angepasst sind. Ähnlich wie die Nachkommen eines Pudels und eines Wolfs: Die wären auch nicht in der Lage, in der freien Wildbahn zu leben. Und das würde auch mit den Lachsen passieren: Es handelt sich ja um ein domestiziertes Tier mit domestizierten Genen, das sich trotzdem fortpflanzen und mit dem Wildtier vermischen kann. Das ist die schreckliche Seite der Lachsindustrie. ATMO Bach Sprecherin: Was die Isländerinnen und Isländer vor allem beunruhigt: Dass die aus den Unterwassergehegen entkommenen Zuchtlachse sich in den Flüssen Islands mit dem wilden Lachs paaren – mit der Folge, dass die Zuchtlachse sich in die Population der freilebenden Island-Lachse einkreuzen. Die genetischen Eigenschaften der Zuchtfische sind zwar für die Massenproduktion geeignet, reichen aber nicht für das Überleben in der Natur. Denn es sind unterschiedliche Lachsarten: Der Zuchtfisch stammt aus Norwegen, die Lachsfarmen befruchten und vermehren ihn seit vielen Jahren künstlich - in Brutstationen an Land. Etwa 3.500 geschlechtsreife norwegische Zuchtlachse sollen entkommen sein. ATMO Auto + Kirchenglocken Sprecherin: Ísafjörður, ganz im Norden der Westfjorde: Hier ist das Büro von Arctic Fish. Das Unternehmen gehört mehrheitlich dem norwegischen Mowi-Konzern – es ist der Betrieb, aus dem die Zuchtlachse entkommen sind. Vor 50 Jahren gelang es dem größten Zuchtlachskonzern der Welt, Lachsbrut künstlich zu befruchten und sie in Meeresnetzen aufzuziehen. Seitdem ziehen die Norweger mit ihrem lukrativen Geschäftsmodell durch die Lachsreviere der Welt. Doch wie konnten die Zuchtlachse überhaupt aus den Gehegen entweichen – und wie schädigt das den Wildbestand? Geschäftsführer Daniel Jakobsson antwortet ausweichend: O-Ton 14: Daníel Jakobsson "I am not a biologist … sea pens." VO 2.1: Ich bin kein Biologe, aber das isländische Meeresforschungsinstitut sagt uns: 3.500 entkommene Zuchtlachse würden dem Wildlachs auf Island nicht schaden. Das heißt aber nicht, dass es in Ordnung ist, wenn unsere Lachse entweichen. Unser Ziel ist es, die Tiere sicher in den Gehegen zu halten. Das tun wir nun schon seit zehn Jahren mit guten Ergebnissen. Natürlich sind wir nicht stolz darauf, dass Lachse entkommen konnten. Es gab Unzulänglichkeiten – und ein Risiko, das mit den Unterwassernetzen aus Plastik verbunden ist. ATMO Collage Musikakzent "Iceland" + Atmo Sprecherin: Arctic Fish habe alles im Griff, das zumindest suggeriert Daníel Jakobsson. Naturschutzorganisationen sehen das anders – und weisen auch auf die Lachslaus hin. Dieser kleine, acht bis 12 Millimeter lange Parasit breitet sich in Norwegens Zuchtlachsgehegen aus, lebt von Schleim, Haut, Muskeln und Blut der Lachse. ATMO Auto innen Sprecherin: Zwei Autostunden von Ísafjörður entfernt: Wir treffen Elvar Friðriksson am Ufer des Langadalsá. Ein paar Meter neben dem Fluss steht eine Anglerhütte mitten in der Wildnis. Vor der Tür zeigt uns Friðriksson ein Dutzend toter Lachse: O-Ton 15: Elvar Friðriksson "This is lice … rivers." VO 3.1: Das sind Lachsläuse; seht Ihr, wie sie sich bis in den Schädel gefressen haben? Und schaut euch die Flosse an, die ist ganz zerrissen. Das ist ein untrügliches Zeichen für einen Zuchtlachs. Und wenn ihr euch die Flosse genauer anschaut: Bei einem Wildlachs wäre diese erheblich größer und spitzer. Schließlich ist sie für das Schwimmen gegen starke Strömung und in Flüssen gemacht. ATMO Leute Sprecherin: Elvar Friðriksson ist Geschäftsführer des North Atlantic Salmon Fund, einer Nicht-Regierungs-Organisation. Der Naturschützer erklärt uns, was es mit den Tierkadavern auf sich hat: Es handelt sich um die entflohenen Zuchtlachse aus den Netzen von Arctic Fish. Das Unternehmen hat extra norwegische Taucher einfliegen lassen, die diese Zuchtlachse aufspüren und töten sollen. So will man verhindern, dass sich Zucht- und Wildlachs paaren. Sigurdur Thorvsalds steht neben Elvar Friðriksson vor der Anglerhütte. Er betreut Angeltouristen, die viel Geld bezahlen, um wilde Lachse zu fangen. Sigurdur Thorvsalds hat Angst, dass erst der wilde Lachs und dann die Touristen ausbleiben könnten: O-Ton 16: Sigurdur Thorvsalds "We took a picture … we have to stop it now." VO 4.1: Wir haben ein Foto gemacht. Darauf kann man erkennen, dass ein Wild- und ein Zuchtlachs sich paaren. Das ist schrecklich. Versteht Ihr? So könnte uns der Wildlachs verloren gehen, durch das Meer wandern und vielleicht nie mehr hierherkommen. Das müssen wir jetzt stoppen! Sprecherin: Nicht nur Sigurdur Thorvsalds, auch Wissenschaftler und Naturschützer sind überzeugt: Wenn sich der norwegische Zuchtlachs immer weiter mit dem isländischen Wildlachs kreuzt, dann verliert der heimische Lachs Teile seiner Eigenschaften als kräftige, wilde Fischart. Und der Wildlachs würde es dann womöglich irgendwann nicht mehr durch den Atlantik zurück in die isländischen Flüsse schaffen. ATMO Musikakzent "Permafrost" Sprecherin Auch wenn die Lachszucht mit ihren Absatzmärkten in Europa und den USA ein äußerst profitables Geschäft ist: Zur Welternährung trägt sie vergleichsweise wenig bei. Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich der weltweite Fischkonsum mehr als verdoppelt. Das liegt ausschließlich an der Aquakultur: Vor 40 Jahren hatte Aquakultur einen Anteil von nicht einmal zehn Prozent am weltweiten Fischkonsum. 2020 stammte bereits jeder zweite weltweit konsumierte Fisch aus Aquakultur. Vor allem in Asien boomt sie: 2020 produzierte Asien neunzehn Mal mehr Fisch aus Aquakultur als Europa. China züchtete mit etwa 37 Millionen Tonnen mit Abstand den meisten Fisch aus Aquakultur. Und während in Europa die Fischzucht im Meer deutlich größer ist als die inländische Fischproduktion, ist es in Asien genau andersrum: Hier dominiert die inländische Fischzucht, vor allem von Graskarpfen, auch Weißer Amur, Grasfisch oder Chinakrapfen genannt: ein Pflanzenfresser, der in China schon seit dem zehnten Jahrhundert gezüchtet wird. ATMO Fischerei-Hafen Bremerhaven / Thünen Institut Sprecherin: Zurück in Bremerhaven im Thünen-Institut für Fischereiökologie: Wir wollen wissen, was die Forschung darüber weiß, wie sich Lachse in der Aquakultur fühlen. Für die Fischindustrie ist es hoch profitabel, wenn 100.000 Exemplare einer Art monatelang dicht zusammengedrängt in einem kleinen Netz leben und dann geschlachtet werden. Doch wie geht es den Fischen selbst? Institutsleiter Reinhold Hanel: O-Ton 17: Reinhold Hanel "Das Thema Tierwohl wird immer bedeutender und ist auch ein Hauptgegenstand unserer Forschung. Das Fühlen ist ein schwieriger Begriff in der biologischen Forschung. Es ging sehr lange darum, ob Fische Schmerz empfinden können, beispielsweise. Auch ein sehr, sehr schwieriger Begriff in der Biologie, weil Schmerz über lange Zeit nur dem Menschen zugestanden wurde. Aber mittlerweile hat sich doch bei vielen Wissenschaftlern zumindest der Gedanke durchgesetzt, dass Tiere sehr wohl zu Schmerzempfinden fähig sind. Und dann ging es darum, ob das auch Fischen zugestanden wird. Und mittlerweile geht die Diskussion doch oder die weitläufige Meinung doch eher dahin, dass auch Fischen ein Schmerzempfinden nachgesagt wird." MUSIK 6 ( Slagr – Quiet Rain 0’50) Sprecherin: Allerdings, schränkt Wissenschaftler Hanel ein, gebe es in der Science-Community Stimmen, die der Meinung sind: Bei Reaktionen, die Fische auf Verletzungen zeigen, handele es sich nicht um Schmerz im menschlichen Sinne, sondern eher um eine Reaktion des Körpers. Und von daher gehe die Diskussion: Schmerz Ja oder Nein eher in die philosophische Richtung. Weil Schmerz oder Stress setze eigentlich Bewusstsein voraus. Und Bewusstsein gestehen manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Tieren nicht zu, so Hanel. Andere sehen das anders und forschen inzwischen sogar zur Individualität unter Fischen und der Frage, ob es in einem Fischschwarm unterschiedliche Charaktere gäbe. O-Ton 18: Reinhold Hanel "Aber das andere ist die Konsumentenwahrnehmung. Das hat nicht immer nur etwas mit Rationalität zu tun, sondern auch viel mit Psychologie. Das heißt, es werden dann Dinge, die man von anderen Nutztieren kennt, zum Beispiel aus der Hühnerhaltung, also Haltungsdichte, werden sehr häufig auf Fische projiziert. Da kommen auch sehr häufig falsche Wahrnehmungen dazu - in dem Glauben, dass je weniger dicht zum Beispiel Fische gehalten werden, umso besser geht es ihnen, was nicht immer der Fall ist, sondern das hängt sehr, sehr stark von der Art ab und der speziellen Biologie einer Art. Es geht nicht um das Wohlfühlverhalten von einzelnen Fischen. Wobei das auch vielen Menschen ein Anliegen ist. Sondern es geht auch darum: Die Einhaltung des Tierwohls führt zu einer Verbesserung der Tiergesundheit, unter Umständen zu einer Reduktion von Arzneimitteln und ähnlichem und damit auch direkt in die Produktqualität und damit auch für wirklich etwas Messbares und Verständliches auch für den Konsumenten." ATMO Collage Atmo Aquakulturanlage + Musikzent Sprecherin: Und wenn man das alles bedenkt: Welcher Fisch ist tatsächlich nachhaltig – wenn man als Konsument die Auswirkungen auf Natur und Fische berücksichtigen will? O-Ton 19: Reinhold Hanel "Wer ihn unter ökologischen Gesichtspunkten konsumiert, der landet dann beim Karpfen, der auch nicht modrig sein muss. Oder eben auch bei importierten Fischarten wie der Tilapia. Die kann ich genauso gut auf den Grill tun wie eine Dorade. Aber der ökologische Fußabdruck von einer Tilapia, die im Süßwasser, in Teichen produziert worden ist, ist deutlich geringer als von einer Dorade aus der Netz-Käfighaltung im Mittelmeer." Sprecherin: Auch Karpfen und Tilapia können in der Massenhaltung Krankheiten bekommen und müssen dann medikamentös oder mit Impfstoffen behandelt werden. Aber generell, sagt Wissenschaftler Reinhold Hanel, essen Verbraucher mit diesen beiden Süßwasserfischen aus der Teichhaltung gesund und schonen obendrein die Umwelt.