Surf Rock - Als Musik die Welle machte
12.03.2024 · 23 Min.
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Surf-Rock ist Musik, die so klingt wie die Wellen des Ozeans. Rau, kraftvoll und verspielt. Sie begeistert seit den 60er Jahren Musikfans rund um die Welt. Autor: Christian Schaaf (BR 2021)
Credits
Autor dieser Folge: Christian Schaaf
Regie: Sabine Kienhöfer
Es sprachen: Andreas Neumann, Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger
Technik: Daniela Röder
Redaktion: Andrea Bräu, Susanne Poelchau
Im Interview:
Michael Koltan, Archivar; Martin Schmidt, Musikjournalist
Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
50 States - Der Amerika-Podcast mit Dirk Rohrbach
Auf der schönsten Küstenstraße der Welt durch Washington, Oregon und Kalifornien: Dirk Rohrbach fährt mit dem Gravelbike einmal die komplette Westküste runter, 3000 Kilometer auf Amerikas Traumstraße am Pazifik. Von der Grenze zu Kanada im Norden bis zur mexikanischen Grenze südlich von San Diego. Dabei trifft er Häuptlinge, Müllkünstlerinnen, Austernzüchter, Seetangsammlerinnen, Chicanos und natürlich Surfer.
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Einspielung: Musik: Dick Dale. Misirlou 1‘00
Sprecher:
Es beginnt wie ein Knall. Die Gitarre drischt sich überschlagende Tonfolgen in den Raum, steigert den Schalldruck bis fast ins Unerträgliche. Dann bricht die Klangwelle in einer Gischt aus verwehtem Echo und flirrenden Klängen bis der Sog der nächsten Welle einsetzt.
Sprecherin:
Der Gitarrist Dick Dale beschreibt hier 1962 mit seiner Band the Del-Tones eindrücklich die rohe Gewalt der Natur und des Ozeans. Eigentlich ist der Song Misirlou eine Neuinterpretation eines alten griechischen Volksliedes. Doch der Sound, den der Linkshänder Dale aus seiner E-Gitarre holt, ist neu. Und er trifft damit einen Nerv seiner Generation.
Einspielung: Musik: Dick Dale. Misirlou
Musik: The Pyramids. Penetration 1‘10
Sprecher:
Surfmusik ist Anfang der 1960er Jahre der Soundtrack einer Teenagerbewegung in Südkalifornien. Deren Ideal ist ein sorgloses Leben am Strand mit Surfbrett, Strohhut und Hawaii-Hemd. Gedanken um Geld, Beruf und Zukunft existieren nicht. Der Blick geht nach Vorn. Zum Horizont. Auf der Suche nach der perfekten Welle.
Sprecherin:
Aufbruch und Neuanfang liegen in der Luft. Die Zeit der großen Krisen scheint nach den beiden Weltkriegen und dem Korea-Krieg vorbei zu sein. Wissenschaft und Technik weisen den Weg nach vorne. Und der eben gewählte junge US-Präsident John F. Kennedy will, dass nicht einmal mehr der Himmel die Grenze der Möglichkeiten ist: Die USA sollen schon ihn zehn Jahren zum Mond fliegen.
Sprecher:
Teenager zu sein in diesen Jahren bedeutet: take it easy. Zeit, sich auszuprobieren. Und an der Küste Südkaliforniens ist Wellenreiten die Garantie für Abenteuer, Sport und Spaß.
(Musik weg)
Geräusch: Lautes Wellen-Rauschen 1‘20
Sprecherin:
Der Surfsport ist über tausend Jahre alt. Seine Ursprünge liegen wohl in Polynesien und auf Hawaii. Hier war es lange Zeit üblich, dass Frauen, Kinder und Männer, nackt auf einem Holzbrett stehend, die Wellendünung hinunterglitten.
Sogar der hawaiianische König Kamehameha soll diesen Sport betrieben haben.
Der erste Europäer, der davon berichtet, ist 1778 der Leutnant James King, der zusammen mit dem Entdecker James Cook auf die Insel gekommen war. Als er einen Wellenreiter vor Hawaii beobachtet, schreibt er fast schon neidisch in sein Tagebuch:
Zitator:
„Ich konnte daraus nur schließen, dass dieser Mensch höchsten Genuss dabei empfand, so schnell und sanft vom Meer vorangetrieben zu werden.“
Sprecher:
Das wirklich überraschende für den Europäer ist dabei offenbar, dass die Einheimischen das Surfen nur zum Spaß betreiben. Denn das Wellenreiten dient erkennbar nicht der Jagd auf Fische. Auch werden durch das Surfen keine zum Überleben wichtige Fertigkeiten trainiert.
Sprecherin:
Die europäischen calvinistischen Missionare, die im 19. Jahrhundert nach Hawaii kommen, schieben dem unbeschwerten Wellenreiten einen Riegel vor. Sie erachten diesen Freizeitspaß als frivol und gotteslästerlich. Von nun an müssen die Einwohner des Inselstaats stets Kleidung tragen, hart arbeiten und regelmäßig in die Kirche gehen.
Musik: Makalapua Hawaii-Musik 0‘50
Sprecher:
Trotz- oder vielleicht gerade aufgrund der Einschränkungen verschwindet das Surfen auf Hawaii nicht. Und so kann auch der Reiseschriftsteller Mark Twain um 1866 von den Menschen auf Hawaii berichten, die nur zum Spaß auf Brettern stehen und damit Wellenrücken hinuntergleiten. Er schreibt staunend über die Wellenreiter:
Zitator:
„wie Geschosse kommen sie angezischt“.
Sprecher:
Twain ist derart begeistert, dass er versucht, selbst zu surfen. Doch am Ende seiner Hawaii-Reise muss er resigniert notieren, dass er
Zitator:
„mit ein paar Fässern Wasser im Bauch“
Sprecher:
kläglich gescheitert ist.
Sprecherin:
Als der Schriftsteller Jack London rund vierzig Jahre später, im Jahr 1907, nach Hawaii reist, ist er, wie zuvor Mark Twain, von dem Volkssport des Wellenreitens tief beeindruckt. Ob er selbst ein Surfbrett bestiegen hat, ist leider nicht überliefert. Geradezu ehrfürchtig schreibt London in seinem Reisetagebuch:
Atmo Wellen: 1‘15
Zitator:
„Wo einen Moment zuvor nur grenzenlose Verlassenheit und unerschütterliches Wogengebrüll war, steht nun ein Mensch, aufrecht, in voller Statur, der nicht verzweifelt kämpft in dem reißenden Strom, der nicht begraben und zerstampft und umhergeschleudert wird von diesen mächtigen Monstern, sondern der über ihnen allen steht; ruhig und erhaben schwebt er über dem taumelnden Gipfel, während seine Füße von der strudelnden Gischt umschlossen sind, Salzdampf an seinen Knien emporkriecht, und alles Übrige von ihm in freier Luft und blitzendem Sonnenlicht ist, und er fliegt vorwärts ebenso schnell wie die Woge unter ihm; er ist ein Merkur.“
Sprecher:
Es mag an solchen Schilderungen wie denen des viel gelesenen Jack London liegen, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch außerhalb von Hawaii Menschen mit dem Wellenreiten beschäftigen und versuchen, selbst diesen Sport auszuüben.
Sprecherin:
Einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung des Sports leistet der 1890 in Honolulu geborene Duke Kahanamoku (sprich wie geschrieben). 1912 nimmt er als Schwimmer an den Olympischen Spielen in Stockholm teil und gewinnt dort Gold über 100 Meter Freistil, nicht zuletzt wegen seiner neuen Kraultechnik, die er entwickelt hatte, um auf dem Surfbrett gegen die Brandung auf den Ozean hinaus zu paddeln. Dreimal wird er Olympiasieger, reist um die ganze Welt und führt überall, wo es die Wellen und Küsten erlauben, so auch in Australien und Kalifornien, seine Anhänger in das Wellenreiten ein. Kleine Surf-Sport-Klubs entstehen, in denen Surfbretter gebaut und verkauft werden und Interessierte Unterricht nehmen können.
Musik: The Trashmen: Walk don´t run 1‘30
Sprecher:
Ab den 50er Jahren verhelfen Materialen und Techniken aus dem Flugzeugbau dem Sport zu einem großen Fortschritt: Die bis zu drei Meter langen Surfbretter sind nun nicht mehr aus massivem Holz geschnitzt, sondern aus leichterem Balsa-Holz und Fiberglas geformt. Das macht es vor allem Anfängern leichter, auf dem Brett stehen zu bleiben, wenn direkt darunter der Ozean tobt.
Sprecherin:
Das Erlebnis, im Wasser auf einer Welle zu „reiten“, ist an Land nur schwer zu vermitteln. Die echten Surfer sind zunächst ein eingeschworener Zirkel – zu dem aber immer mehr junge Menschen gehören wollen. Ab Ende der 50er Jahre gehen die Verkaufszahlen von Surfbrettern in Kalifornien steil in die Höhe. An den Wochenenden bevölkern tausende Teenager die Pazifik-Strände und werfen sich mutig in die Wellen. Surfen wird In.
Sprecher:
1959 wird Hawaii als 50. Bundesstaat in die USA integriert. Die Nation endet nun nicht mehr am Sunset-Strip in Los Angeles oder an der Golden Gate Bridge in San Francisco. Der Pazifische Ozean und seine Wellen sind von nun an Bestandteil der Vereinigten Staaten. Das Meer ist nicht mehr die Grenze – sondern ein Teil der unbegrenzten Möglichkeiten.
Musik: The Belairs: Mr. Moto 1‘00
Sprecher:
Anfang der 60er Jahre gehört in Südkalifornien das Surfen zum Life-Style der Jugendlichen. Bands wie die the Belairs liefern den Sound dazu.
Sprecherin:
Das Instrumentalstück „Mr. Moto“ von the Belairs gilt als die erste Surf-Aufnahme überhaupt. Die Single erscheint 1961. Die Band besteht aus fünf Teenagern, die auf High-School-Tanzparties spielten und Rock-n-Roll-Songs coverten. Bis auf die Tatsache, dass sie die erste Surf Single aufnahmen, ist tatsächlich wenig über The Belairs zu berichten. Sie wollten weder rebellisch sein, noch ein neues Genre begründen. Sie wollten in erster Linie die Melodien in ihren Köpfen in tanzbare Musik umsetzen.
Typisch für ihre Zeit, findet der Archivar und Surf-Musik-Spezialist Thomas Koltan aus Freiburg.
Einspielung:
Koltan 1: „Eigentlich ist das eine sehr optimistische Musik. Eine Aufbruchsmusik. Zumindest die erste Welle, die Anfang der 60er Jahre entstanden ist. Man muss sich vorstellen, das war damals die Zeit als mit John F. Kennedy ein jugendlicher Präsident – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen – die Regierungsgeschäfte führte. Das war einfach eine Aufbruchsstimmung. Und Surfmusik passte da einfach hervorragend rein, um diesen Aufbruch zu symbolisieren und dieses Lebensgefühl in Musik zu fassen.“
Musik:
The lively ones. Surfrider 0‘27
Sprecherin:
Kurz zuvor, also Ende der 50er Jahre, hatte sich der Sound der Jugend noch rauer und schmutziger und ein Stück rebellischer angehört.
Musik: Chuck Berry. Johnny B. Good 0‘35
Sprecher:
Der Musikjournalist und Gitarrist Martin Schmidt beschäftigt sich schon lange mit der Musik dieser Zeit.
Einspielung: Schmidt 1:
„Der Rock and Roll der 50er Jahre ist noch sehr vom Blues beeinflusst – also man hat dann wirklich noch sehr oft das 12-taktige Blues-Schema. Es ist eigentlich immer mit Gesang. Die Themen sind typische Teenager-Themen. Im Rock and Roll ging es eigentlich immer um Liebe oder um Arbeit, die man nicht machen wollte oder um Unverstandenheit. So ein typisches Teenager-Ding. Bei Surf-Musik ist die Melodik einfach ein bisschen anders. Es ist nicht so Blues- oder Country-bezogen, sondern einfach ein bisschen breiter gefächert, vielleicht auch ein bisschen romantischer, mehr in Moll geschrieben, so würde ich das beschreiben.“
Musik: The Centurians. Bullwinkle Part 2 1‘00
Sprecherin:
Bei der Surfmusik spielt die Gitarre die Hauptrolle, da es in den meisten Surf-Songs keinen Gesang gibt. Der legendäre Radio-DJ Phil Dirt ist eine der wenigen Autoritäten der Surf-Bewegung. Er nennt als drei essenzielle Elemente des Surf-Sounds:
Echo, Glissando, also das Herauf- und Heruntergleiten der Töne und Double-Picking, der Doppelschlag der Gitarristen auf einem Ton.
Auch der Musikjournalist und Musiker Martin Schmidt nennt ein paar eindeutige Merkmale des Surf-Sounds:
Einspielung: Schmidt 2:
„Also wenn man es sehr klischeehaft machen will, dann gibt es da zwei, drei Sachen mit denen man das in sehr kurzer Zeit hinbekommen kann. Da ist einfach erst mal ein ganz typischer Drum-Beat. Umm-Ba-Ba. Umm-Ba-Ba. Umm-Ba-Ba. Der ist auf fast allen Surf-Musik-Songs zu hören. Dann eben der Gitarren-Sound mit viel Hall. Eben recht weit hinten am Steg angeschlagen, dass man eben diesen Twang hinkriegt. Und dann bedient sich Surf-Musik immer so harmonischer Klischees. Also entweder ist das noch so an den Rock´n Roll, an das Blues-Schema angedockt oder man nimmt halt so ein bisschen was von orientalischer oder spanischer Musik. Aber alles sehr amerikanisch gespielt, also nicht wirklich tief in diese Folkloremusik reingegangen.“
Musik: Dick Dale: Hava Nagila 1‘35
Sprecher:
Der Gitarrist Dick Dale, der hier mit seiner Band the Del-Tones zu hören ist, gilt als „the King of Surf-Guitar“. Der 1937 geborene Musiker hat mit seinem halsbrecherisch schnellen und kraftvollen Gitarrenspiel wie kein anderer den Surf-Sound geprägt. Dick Dale ist der Musiker, der das Genre um orientalische Klänge und Flamenco-Rhythmen bereichert. Als einer der wenigen Surf-Musiker gelingt es ihm, einen gut dotierten Plattenvertrag zu ergattern und mit seinen Aufnahmen in den Charts zu landen.
Musik: The Surfaris. Wipe out 0‘45
Sprecherin:
Die kommerziell erfolgreichste Surf-Band werden die The Surfaris – Eine Band aus High-School-Kids, die 1963 mit der Single „Wipe-Out“ die US-Charts bis hinauf auf den zweiten Platz stürmen.
Sprecher:
Ohne Dick Dale und the Surfaris wäre Surf-Musik vermutlich nicht über die Grenzen von Kalifornien hinaus bekannt geworden. Überall auf der Welt, in Europa und Japan, erscheinen nun Surf-Singles in den Charts und inspirieren Musiker. Sogar hinter dem Eisernen Vorhang, in der Pazifik-fernen DDR, beginnen Bands wie das Franke-Echo-Quintett, Surf-Musik-Titel einzuspielen.
Musik: Franke-Echo-Quintett. Melodie für Barbara 0‘25
Atmo Beatleskonzert 0‘15– kreischende Fans –
Musik: The Beatles. I want to hold your hand 1‘00
Sprecherin:
August 1964 – Die Beatles starten ihre USA-Tour in Kalifornien – dem Heimatstaat der Surf-Musik. Von hier aus lassen sie eine Welle der Pop-Begeisterung über das Land rollen. In den US-Charts scheinen die Vier aus Liverpool von nun an ein Abonnement auf die ersten Plätze zu haben.
Amerikanische Pop-Musik muss sich von nun an hintenanstellen – und instrumentale Surfmusik scheint niemanden mehr zu interessieren.
Sprecher:
Das musikalische Erdbeben, das der Musikimport aus Großbritannien in den USA auslöst, wird von einigen Beobachtern als „British Invasion“ bezeichnet und somit mit einer feindlichen Übernahme oder einer Eroberung verglichen.
Sprecherin:
Gleichzeitig hat sich die Welt der Jugendlichen in den USA drastisch verändert. Im November 1963 wird US-Präsident John F. Kennedy erschossen. Der Traum von einer friedlichen Zukunft ist geplatzt. Im Frühjahr 1965 lässt Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson Vietnam das erste Mal bombardieren. Die fröhliche Aufbruchsstimmung, die noch zu Beginn der 60er Jahre geherrscht hatte, ist damit endgültig verflogen. Die USA sind wieder ein Land im Krieg.
Sprecher:
Surfen und Surfmusik gelten nun als Klischee. Bands wie die Beachboys halten den Kalifornien-Sound zwar weiter am Leben. Doch erfolgreich sind Surf-Songs nur noch, wenn in ihnen, nach Beatles-Vorbild, mehrstimmig gesungen wird.
Musik: Beach-Boys. I get around 0‘35
schon bei „Bands wie die Beach Boys“ einsetzen
Sprecherin:
Aber ist das noch Surf oder schon die kommerzielle Ausschlachtung einer Jugendkultur? Der Surf-Musik-Spezialist Michael Koltan sieht hier eindeutig eine Grenze überschritten.
Einspielung. Koltan 2:
„Die Beachboys haben großartige Musik gemacht. Ich würde sie nicht unbedingt als Surfmusik – im Sinne dieses Aufbruchs der 60er Jahre sehen. Das war was anderes. Und es ist auch im musikalischen Sinn was anderes. Das eine ist harmonischer Akkord-Gesang und das andere ist schnelle Gitarrenmusik, die mit unwahrscheinlichen Drive nach vorne gespielt wird. Aber mit dieser instrumentalen Surf-Musik hat das nichts zu tun.“
Musik: Paul Johnson & the Packards, Mr. Moto 1‘10
Sprecher:
Echte Instrumentale Surf-Musik kommt erst gute 15 Jahre später - zu Beginn der 80er Jahre, wieder an die Oberfläche. Der Gitarrist Paul Johnson, der mit seiner Schülerband the Belairs 1961 den ersten Surf-Song überhaupt eingespielt hatte, nimmt mit einigen Freunden, die sich zur Band the Packards zusammengeschlossen haben, wieder ein paar Surf-Stücke im Studio auf. Über seine Gründe das zu tun, verrät er in einem Interview Folgendes:
Zitator:
Paul Johnson: „Surfmusik und instrumentale Rockmusik generell sind definitiv die instrumentale Grundlage von Rock ´n Roll. Sie waren für 15 Jahre völlig verschwunden – in den späten 60er und dann in den 70er Jahren – weil jeder dachte, Musik müsste wichtiger und beschäftigter und komplizierter und so weiter sein. Und irgendwann beschlossen die Leute, dass es nicht so sein muss. So kam ich auch wieder darauf zurück.“
Sprecherin:
Zu der Zeit, als Johnson mit den Packards den Surf wiederentdeckt und erste, wenn auch bescheidene Erfolge mit seinen Platten hat, erobern gerade die letzten Ausläufer der Punk-Bewegung und die ersten New-Wave Hits die Hitparaden. Instrumental-Musik scheint da auf den ersten Blick wenig hinein zu passen. Doch schon bald klingt Punk, so wie bei der Band Agent Orange aus Kalifornien, auch so:
Musik: Agent Orange. Mr. Moto 0‘40
Sprecher:
Surf-Musik Experten wie Michael Koltan sind sich sicher, Punk und Surf sind musikgeschichtliche Geschwister.
Einspielung: Koltan 3:
„Phil Dirt, der große Surf-Musik-DJ, hat behauptet - und ich glaube er hat recht - dass Surf die erste Punk-Bewegung war. Nicht im Sinne von Aggressivität und No Future. Sondern in dem Sinn, dass Jugendliche einfach komplett ihr eigenes Ding durchziehen. Unbeeindruckt von dem, was sonst als Standard gilt. Das sich selbst eine eigene Jugendbewegung erschaffen – das war Punk dann auch wieder.“
Musik: Dick Dale and the Del-Tones. Misirlou 0‘45
Sprecherin:
Gute 10 Jahre später: Hollywood Regisseur Quentin Tarantino eröffnet 1994 seinen Erfolgsfilm Film Pulp-Fiction mit dem Surf-Klassiker Misirlou von Dick Dale.
Damit macht er ein Millionen-Publikum auf die bis dahin schon wieder vergessene Instrumental-Musik aus den 60er Jahren aufmerksam. Der Film tritt damit die dritte Welle der Surf-Musik-Begeisterung los.
Sprecher:
Mit einem Mal gibt es wieder Surf-Bands, die vor großem Publikum spielen. Darunter sind auch etliche Musiker, wie z.B. Dick Dale, die ihre Laufbahn während der ersten Surf-Musik-Welle, zu Beginn der 60er Jahre, gestartet haben. Aber es gründen sich auch ebenso viele neue Bands, die den Surf-Sound perfektionieren, wie z.B. Messer-Chups aus Russland. Eine hohe Chart-Platzierung gelingt allerdings keiner Surf-Kapelle mehr.
Musik: Messer Chups. Twin Peaks-Twist 0‘25
Sprecherin:
Und heute? Über 25 Jahre nach Pulp Fiction und der letzten großen Surf-Welle? Die Musik wird noch immer gespielt und auf Festivals gefeiert. Wie die deutsche Band The Razor-Blades.
Musik: The Razor-Blades. Punk-Rock Summer 1‘30
Sprecher:
Die Surf-Szene ist vor allem per Internet eng vernetzt. Fast alle Surf-Musiker Europas kennen sich. Idealismus und der Spaß an der Musik stehen eindeutig im Vordergrund – ganz weit vor dem Traum, mit der Musik das große Geld zu machen. Ob Surf-Musik einmal wieder aus diesem gepflegten Biotop, aus seiner Nische herauskommen wird? The Razor-Blade-Musiker und Journalist Martin Schmidt hat da so seine Zweifel:
Schmidt 3:
„Ich würde jetzt mal ohne Garantie die Nische vorhersagen. Aber in der heutigen Zeit ist es ja immer so, dass der Erfolg von Musik gar nicht mehr so von der Musik selber abhängt, sondern von der Art und Weise, wie sie eingesetzt wird. Wenn es jetzt also einen Film gibt, oder ein Videospiel, oder eine Werbung wo Surf-Musik drin vorkommt, dann ist es wahrscheinlich für viele Leute wieder präsent. Und wenn es das nicht gibt dann sind es eher die Leute, die sich für die Musik interessieren. Dann wird´s klein bleiben. Das ist schwer vorhersehbar. Ich hoffe auf einen Film, der das Ganze wieder nach vorne bringt.“
Atmo Wellen: 0‘15
Sprecherin:
Und so schauen Surf-Musik-Begeisterte wie einst die Wellenreiter auf den Horizont – Auf der Suche nach der nächsten, perfekten Welle.
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Bhagavad Gita – Der Gesang Gottes, eine zeitgenössische Version für westliche Leser, Übersetzung, Peter Kobbe, Goldmann Verlag München Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO: Herzschlag + Atmung (auch dem Folgenden unterlegen) SPRECHERIN Der Mensch atmet. Das Herz schlägt. Kommt beides zum Stillstand, gilt der Mensch als tot. Und dann? ATMO (endet) ZITATOR Das war’s! Aus und vorbei. Mit dem Tod endet alles. SPRECHERIN So die Haltung von Atheisten, für die weder Gott noch Götter oder ein Leben nach dem Tod existiert. Doch gibt es wohl kaum eine Religion, die nicht davon ausgeht, dass es im Menschen eine Lebenskraft, ein Lebensprinzip gibt, das auch „Bewusstsein“, „Höheres Selbst“ oder „Seele“ genannt wird, das beim Tod den Körper verlässt und weiter existiert. Und wie sieht das aus? SPRECHER Sind Körper und Seele auch über den physischen Tod hinaus miteinander verbunden? Oder existieren sie unabhängig voneinander? Durchlebt jede Seele nur ein einziges Leben oder mehrere? MUSIK (m03, Sinfonie Nr.4 G-Dur, Gustav Mahler, 1:05) O-Ton 01 (0’15) Franz Winter Prinzipiell gilt fürs Christentum: Es gibt eine sehr enge Anbindung der Seele an den Körper, was sich vor allem darin spiegelt, dass man die beiden – Körper und Seele - nicht auseinanderdividieren kann; und gemeint ist durchaus, dass am Ende der Zeiten sozusagen Körper und Seele zusammengefügt wird. SPRECHERIN Erklärt der Grazer Religionswissenschaftler und Universitätsprofessor Franz Winter. Nach christlich-jüdischem Verständnis durchläuft also eine Seele in einem Körper ein Leben. Am letzten Tag der Welt, dem sogenannten „Tag des Jüngsten Gerichts“, an dem die Toten wieder auferstehen, vereint sich die Seele dann wieder mit dem einstigen Körper. „Eine Seele - ein Körper – ein Leben“ - dies ist das Konzept von Christentum, Judentum und auch dem Islam. – Aber, könnte es nicht auch anders sein? MUSIK hoch ZITATOR „Ist es denn ausgemacht, dass meine Seele nur einmal Mensch ist?“ 1) SPRECHER Fragt der Dichter, Dramatiker und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing und der französische Aufklärungsphilosoph Voltaire formuliert kurz und knapp: ZITATOR „Zweimal geboren zu werden ist nicht erstaunlicher als einmal.“ 2) MUSIK (Z8015897130, Lethargia more red, 1:00) SPRECHERIN Schon die Grabbeigaben vieler Kulturen, die den Toten ins Jenseits begleiten sollen, lassen vermuten, dass die Menschen bereits in früheren Zeiten an so etwas wie „Wiedergeburt“ glaubten. Eine Vorstellung, die möglicherweise aus der Beobachtung der Natur entstand, in der es ein beständiges Werden und Vergehen gibt: Sonne und Mond, die Jahreszeiten, die Pflanzen – alles kommt und geht. Wieder und immer wieder. Warum sollte das nicht auch für den Menschen gelten, der ja Teil dieses Kosmos’ ist? MUSIK hoch SPRECHERIN Viele sogenannte „Ur- oder Naturvölker“ gehen davon aus, dass man mehr als einmal lebt, erzählt Josef-Franz Thiel, Ethnologe, Religionswissenschaftler und ehemaliger Direktor des Weltkulturenmuseums in Frankfurt: O-TON 02 (0’33) JOSEF F. THIEL Die meisten Ethnien haben die Vorstellung von zwei Seelen. Davon gehen sie aus. Da ist zunächst die Lebensseele oder Körperseele wie man sie auch nennt. Wenn der Mensch stirbt, ist auch diese Seele mitgestorben. Die zweite Seele ist die Freiseele. Wenn der Mensch nachts träumt, geht sein Leben weiter, aber sie geht auf Wanderschaft. Und wenn er stirbt, stirbt sie nicht. Sie überlebt und wird dann in das Ahnenreich gehen. SPRECHERIN Von dort kann sie auch wiedergeboren werden und zwar als Nachkomme innerhalb ihrer einstigen Familie, dem Clan oder der Sippe. Deshalb versuchte man früher gleich nach der Geburt eines Kindes mittels magischer Praktiken herauszufinden, welcher Ahn in dem Neugeborenen wiederauflebt und entsprechend folgte die Namensgebung. SPRECHER Auch in der europäischen Tradition kennt man diesen Brauch. Kinder werden nach Großvater, Großmutter oder einem anderen Familienangehörigen benannt. Ein Hinweis oder eine Hoffnung, dass in den Enkeln etwas von den Vorfahren fortlebt. MUSIK (M0011691Z00, Sitar masters, 0:15) ZITATOR Wie ein Mensch alte Kleider ablegt und neue anzieht, so gibt die Seele alte und unbrauchbar gewordene Körper auf und nimmt neue physische Körper an. 3) SPRECHER Heißt es in der Bhagavad Gita, einer der zentralen Schriften des Hinduismus. 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Im Buddhismus hingegen gibt es keine dauerhafte, unvergängliche Seele, erzählt der Indologe und Buddhismus-Spezialist Jens-Uwe Hartmann: O-TON 04 (0’34) JENS-UWE HARTMANN Das liegt daran, dass der Buddhismus von der Grundwahrheit ausgeht, dass alles vergänglich ist. Und von dieser Voraussetzung aus, kann es keine dauerhafte Seele geben, die von einer Existenz in die nächste wandern würde. Im Buddhismus nimmt man an, dass so ein Bewusstseinsimpuls von einer Existenz in die nächste weitergeht. Im Todesfall verlässt das Bewusstsein den Körper und dass die Summe der guten und schlechten Verhaltensweisen, gekoppelt an das Bewusstsein, weiterwandert. SPRECHERIN Und was unterscheidet nun die Vorstellung einer ewigen, unveränderlichen Seele vom buddhistischen Konzept des Bewusstseins? O TON 05 (0’17) JENS-UWE HARTMANN Das Bewusstsein ist ein Prozess, der sich ständig ändert. Das ist keine Sekunde lang gleich. Unser Bewusstsein ändert sich in einem Moment durch die ständig neuen Eindrücke, die wir erleben. Es ist wie ein Bankkonto, auf dem Soll und Haben verbucht wird und das man in die nächste Existenz mitnimmt. SPRECHERIN Und diese Eindrücke und Erfahrungen ebenso wie alle Handlungen, Gedanken und Gefühle, die jeder im Verlauf seines Lebens erfährt, haben Auswirkungen auf das aktuelle oder das nächste Leben. Und alles, was dem Menschen im jetzigen Leben widerfährt, hat seine Ursachen in vergangenem Tun - in dieser oder einer früheren Existenz. Das ist die Lehre vom Karma, einem zentralen Prinzip von Buddhismus und Hinduismus. SPRECHER Karma ist das kosmische Gesetz von Ursache und Wirkung. 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Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik Crazy in Love Z8007984 110 O-TON 1 (Radloff) Ich bin ein romantischer Typ, ich bin sogar ziemlich oft verliebt, natürlich seit 6,5 Jahren treu. Es ist sehr vergleichbar mit einer ganz klassischen Liebesbeziehung: Schmetterlinge im Bauch, Nähe wollen. SPRECHER Kati Radloff ist seit vielen Jahren mit ihrem Freund zusammen. Eine romantische und harmonische Beziehung – mit einer Besonderheit. Musik aus Musik Did that hurt Z8007984 116 O-TON 2 (Radloff) Das einzige ist eben bloß, dass ich niemals Lust auf Sex habe, also keine sexuelle Anziehung ihm gegenüber empfinde. Egal, wie wir uns berühren oder wie nahe wir uns sind oder ob es grad gut oder schlecht läuft, ich habe einfach nie das Gefühl, ach, jetzt wäre Sex einfach toll mit ihm. SPRECHER Das gilt nicht nur für ihren Partner. Auch von anderen Männern oder Frauen hat sich Radloff nie körperlich angezogen gefühlt. Sie beschreibt sich selbst als: asexuell. O-TON 3 (Radloff) Das können viele vielleicht vergleichen mit dem gleichen Geschlecht, da haben ja auch manche gar keine sexuelle Anziehung, die duschen mit denen zusammen beim Sport oder die schlafen zusammen in einem Bett und da hat man trotzdem keine sexuelle Anziehung. So ist das bei mir mit beiden Geschlechtern. SPRECHER Männer, Frauen, Dinge – was Menschen Lust bereitet, ist individuell sehr verschieden. Vielleicht – mag der eine oder die andere jetzt denken – hat sie einfach noch nicht das Passende gefunden? Diesen Gedanken hatte auch Radloff lange. O-TON 4 (Radloff) Also, habe ich vielleicht noch nicht die richtige Sexpraktik gefunden? Probier ich vielleicht mal ein bisschen. Hab ich vielleicht nicht den Richtigen oder die Richtige oder das richtige Ding gefunden, probier ich mal ein bisschen. SPRECHER: Aber: Nichts. Musik aus Fortsetzung O-TON 4: Man kommt ja erst, oder ich bin ziemlich zuletzt darauf gekommen, dass es tatsächlich so etwas wie Asexualität geben muss und dass ich das sein könnte. SPRECHER Heute, mit Ende 30, fällt es Radloff leicht, über ihre Asexualität zu sprechen. Sie scherzt sogar darüber. Sex? Kein Interesse, nie gehabt. Da ist dem ein oder der anderen schon mal die Kinnlade herunter gefallen. Dass ihr das Thema leicht fällt, war allerdings nicht immer so. In jüngeren Jahren war sie erst einmal ziemlich irritiert, dass bei ihr etwas anders war als bei ihren Freunden. O-TON 6 (Radloff) Also wenn man Kind ist, ist das ja normal, dass man keine Lust auf Sex hat. Wenn man dann in die Pubertät kommt, kann man auch noch Spätzünder sein, der Richtige kann noch nicht gekommen sein oder man versucht vielleicht ein bisschen rum, bevor man so die richtige Sexpraxis findet und so. Tatsächlich habe ich mir dann so richtig Sorgen gemacht, als ich 21 war und all meine Freunde und Freundinnen in Beziehungen waren und für sie Sex eben selbstverständlich war und ich mir dachte, wieso kann ich mir Beziehungen nicht so vorstellen, wie die sie leben? Also, was ist genau an einer Beziehung so falsch, dass ich mich dagegen sträube? SPRECHER Sie musste erst einmal herausfinden, was das genau ist, das bei ihr anders ist. O-TON 7 (Radloff) Und dann bin ich zu dem Punkt gekommen: Ich hab keine Lust auf Sex und ich weiß nicht, wie ich Sex haben soll, wenn ich überhaupt keine Lust darauf habe, wenn ich mich dadurch zwingen muss sozusagen. SPRECHER Einfach war diese Zeit nicht für sie. Denn auch wenn Sex als schönste „Nebensache“ der Welt gilt – oft drängt sich diese Nebensache als Hauptsache in den Vordergrund. O-TON 8 (Radloff) Und dann hatte ich so ein schweres Jahr, so ein Jahr lang, wo ich so ein inneres Coming-Out erlebt hab und dachte: Ja, was mache ich denn dann mit meinem Leben überhaupt, wenn Sex nicht so meins ist? Dann fällt ja erst mal eine Beziehung weg, dann fällt ja Ehe weg, dann fallen ja Kinder weg, dann fällt ja ne ganze Menge weg. SPRECHER Der Begriff Asexualität als Beschreibung für fehlende körperliche Anziehung durch andere Menschen existiert erst seit ein paar Jahren. Entsprechend wenig ist darüber bekannt. Die wenigen Studien, die es gibt, stammen größtenteils aus den letzten 10, 15 Jahren, sagt Talke Flörcken. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich intensiv – im Rahmen einer Doktorarbeit an der Berliner Humboldt-Universität – mit dem Thema Asexualität. O-TON 9 (Flörcken) Ein Text, der viel zitiert wird, ist von Bogaert, Anthony Bogaert heißt der, und der ist aus dem Jahre 2004, und im Anschluss haben sich halt immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Asexualität beschäftigt. Musik The Art of War (privat) SPRECHER Laut der Studie des kanadischen Sozialpsychologen Anthony Bogaert bezeichnet sich ein Prozent der Menschen in Großbritannien als asexuell. Seine Studie hat allerdings Schwächen. Denn er hat Daten verwendet, die in den 90ern erhoben worden waren im Rahmen eines Forschungsprojektes, in dem es um Aids-Prävention ging. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass andere Wissenschaftler zu ganz anderen Häufigkeiten kommen. Die Spanne reicht von 0,6 bis 5,5 Prozent. Auch darüber hinaus gibt es kaum wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse. Nur darin, dass vermutlich mehr Frauen als Männer asexuell sind, stimmen viele Studien überein. Dass es so divergierende Daten zur Häufigkeit gibt, liegt daran, dass die Wissenschaftler Asexualität unterschiedlich definiert haben – typisch für ein Forschungsfeld, das gerade erst entsteht. Für die einen ist jemand asexuell, der einfach keinen Sex hat. Für andere ist Asexualität eine sexuelle Orientierung, wie Hetero-, Homo- und Bisexualität. Am weitesten verbreitet ist mittlerweile die Definition, wonach Asexuelle sich nicht durch andere Menschen angezogen fühlen, sagt Vivian Jückstock, Sexualtherapeutin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Musik aus O-TON 10 (Jückstock) Eine gängige Beschreibung ist eigentlich, dass der Wunsch nach sexuellem Kontakt mit anderen wenig bis gar nicht vorhanden ist. Es können durchaus sexuelle Handlungen stattfinden, auch im Rahmen von Partnerschaften, aber ein eigenständiges Verlangen ist wenig bis gar nicht vorhanden. Auch Menschen, die sich als asexuell bezeichnen, haben sexuelle Kontakte, wenn ein Kinderwunsch besteht oder um Partnerschaften aufrecht zu erhalten. SPRECHER Einig sind sich die meisten Forscher auch darin, dass Asexualität kein neues Phänomen ist, sondern dass es das immer schon gab, auch wenn der Begriff sich erst vor ein paar Jahren entwickelt hat. Schon der bekannte Sexualforscher Alfred Kinsey beschreibt Mitte des 20. Jahrhunderts das Phänomen – nur hat er es anders genannt. O-TON 11 (Flörcken) Er hat ja so Erhebungen gemacht, die heißen, das sexuelle Verhalten des Mannes beziehungsweise der Frau aus den 40er, 50er Jahren. Und da hat er Menschen gefunden, die er der Kategorie X zuordnet. SPRECHER Die Menschen, die er zu dieser Kategorie X zählt, beschreibt Kinsey folgendermaßen: ZITATOR Wenn sie erotisch weder auf hetero- noch auf homosexuelle Reize reagieren und weder mit dem gleichen noch dem entgegen gesetzten Geschlecht irgendwelche körperlichen Kontakte haben, die als sexuell bezeichnet werden können. O-TON 12 (Flörcken) Einige Wissenschaftler sehen halt in dieser Kategorie X so einen Vorläufer von Asexualität. SPRECHER Kinsey hat sich allerdings nicht weiter mit der Kategorie X beschäftigt. Ihm ging es damals auch eher darum, seinen Zeitgenossen darüber aufzuklären, welche sexuellen Varianten es gibt und dass seiner Meinung nach viele Menschen eigentlich bisexuell sind. Für die damalige Gesellschaft ein Schock. Menschen, die keine Lust auf Sex haben – das war zu dieser Zeit kein großes Thema. Musik Clean you Up (privat) Das änderte sich erst in den späten 90ern. In dieser Zeit existierte zwar der Begriff Asexualität aber nicht in Bezug auf den Menschen. Asexuell, das sind in der Biologie Lebewesen, die sich ungeschlechtlich fortpflanzen, zum Beispiel Amöben, englisch: amoeba. O-TON 13 (Flörcken) Und 1997 gab es einen Artikel mit dem Titel „My life as an amoeba“, das spielt also auf das biologische Verständnis von Asexualität an. SPRECHER Die Autorin Zoe O`Reilly beschreibt in dem kurzen Text auf recht unterhaltsame und teilweise ironische Weise, wie zufrieden sie als „Amöbe“ lebt. ZITATORIN Ich gehöre nicht zu den Leuten, die eine große Sache daraus machen, dass sie keinen Sex haben. (...) Es ist vielmehr so, dass mich das Thema überhaupt nicht interessiert. Und ich finde, dass die Abwesenheit von Sexualität mein Leben um einiges leichter macht. (...) Ein Geburtstag weniger, den ich mir merken muss, weniger Lebensmittel, die ich einkaufen muss und niemand, der mich davon abhält, dass ich auf meiner eigenen Liste ganz oben stehe. SPRECHER Stellenweise liest sich der Text von O`Reilly sogar wie eine Art Manifest. ZITATORIN Hier bin ich und ich bin stolz asexuell zu sein. Meine Leute sind definitiv eine Minderheit und wünschen sich anerkannt zu werden wie alle anderen. Wir wollen farbige Schleifen, einen nationalen Feiertag, Gutscheine für Fast Food! Und wir wollen, dass die Welt da draußen weiß, dass es uns gibt. Musik aus SPRECHER Der Artikel hatte offenbar einen Nerv getroffen. Viele Menschen erkannten sich wieder. In den Kommentaren unter dem Online-Artikel entwickelte sich in den folgenden Wochen und Monaten eine rege Diskussion zu dem Thema. O-TON 14 (Flörcken) Und das wird so als erste Möglichkeit angesehen, für Menschen mit ähnlichen Erfahrungen sich auszutauschen. Musik Robots (privat) SPRECHER Einige Jahre nach Erscheinen des Textes gründeten sich die ersten Foren und Communities. Das bekannteste ist heute Aven, das es seit 2001 gibt. Die Buchstaben stehen für Asexual Visibility and Education Network, was auf deutsch so viel bedeutet wie: Sichtbarkeit von und Aufklärung über Asexualität. Auch Kati Radloff ist vor einigen Jahren auf das Online-Forum gestoßen. Musik aus O-TON 15 (Radloff) Und ich dachte natürlich; krass, andere Asexuelle, es gibt sie wirklich und das war auch inspirierend irgendwie, worüber sie gesprochen haben. Also was Asexualität ist, war nur eine von vielen Fragen, größtenteils ging es darum, wie gestalte ich meine Beziehung oder wie gehe sozusagen gegenüber anderen um, oute ich mich oder nicht, (was für eine Einstellung habe ich gegenüber meinem Körper, was für eine Einstellung habe ich zu Nähe, Intimität und so weiter.) Das fand ich unglaublich bereichernd und dachte, das muss es auch auf deutscher Seite geben. In Deutschland gibt es bestimmt auch Asexuelle, also habe ein deutsches Unterforum dazu aufgemacht, und das hat wirklich relativ viel Resonanz gefunden, muss ich sagen. Also innerhalb von kürzester Zeit hatten wir schon mehrere tausend Benutzer, die gesagt haben; ja, ich bin auch asexuell, wow, ich bin jetzt 50 oder 60, 70, und dachte wirklich mein ganzes Leben lang, ich wäre irgendwie verkehrt. Musik Robots (privat) SPRECHER Aven gibt es heute in vielen Ländern und Sprachen. Das Internetforum hat sehr stark dazu beigetragen, Asexualität bekannter zu machen. Viele Wissenschaftler und Journalisten beziehen sich auf das Online-Forum und auch die heutige Definition geht größtenteils auf Selbstbeschreibungen von Aven-Mitgliedern zurück. Warum Asexualität so plötzlich in Wissenschaft und Öffentlichkeit aufpoppte und diskutiert wird, ist unklar. Jückstock vermutet, dass es heute generell mehr Toleranz gegenüber solchen Themen gibt. Musik aus O-TON 16 (Jückstock) Es ist einfach mehr Offenheit da, über Sexualität zu reden, auch über unterschiedliche Ausgestaltungen von Sexualität, vielleicht hat es das erleichtert. SPRECHER Viele Asexuelle beschreiben das Online-Forum Aven als erste Anlaufstelle, wo sie nicht nur Informationen bekommen haben, sondern auch erleichtert feststellen konnten: Es gibt andere Menschen, die ähnlich empfinden wie ich. O-TON 17 (Jückstock) Das ist der große Vorteil davon, endlich zu wissen, was ist eigentlich los mir mir und auch mitzubekommen, es gibt andere, denen geht es genauso und das ist nichts Schlimmes, sondern es ist einfach eine bestimmte Art, wie die Sexualität ausgeprägt ist. Und dass es viel Druck nimmt, den Fehler – den Fehler in Anführungsstrichen – bei sich zu suchen oder eben herausfinden zu wollen, was stimmt mit mir nicht. SPRECHER Ein großes Thema in den Foren sind Beziehungen. O-TON 18 (Radloff) Es gibt viele Asexuelle, die haben keine Liebesbeziehung im klassischen Sinne, die sind halt aromantisch, das heißt, die haben halt enge Freundschaften, die ähnlich wie Lebenspartnerschaften sind, oder einen ganz engen Freundeskreis und haben mit denen auch zusammen Kinder, was weiß ich. Aber die haben halt nicht dieses Liebesbeziehungskonzept sozusagen. SPRECHER Radloff ist eher der romantische Typ. Für sie war es deshalb besonders interessant zu erfahren, wie andere Asexuelle ihre Partnerschaft – und ein eventuelles Liebesleben – gestalten. Musik Did that hurt? Z8007984 116 O-TON 19 (Radloff) Wie ist denn das bei dir mit Treue, mit Liebessachen und so weiter. Wie können Beziehungen gestaltet werden, welche Nähe und welche Form von Intimität möchte ich gerne ausleben? Möchte ich Kinder haben oder nicht, wie sieht es mit meiner Weiblichkeit aus? SPRECHER Beim Thema Sex haben sich Radloff und ihr Freund inzwischen gut arrangiert – zu ihrer beider Zufriedenheit. O-TON 20 (Radloff) Wir haben da wirklich Wege gefunden, die da gut funktionieren, um sexuelle Nähe zu leben, ohne dass einer von uns beiden zu weit über sich selbst hinaus gehen muss. SPRECHER Wie Paare, bei denen einer asexuell ist, ihr Liebesleben gestalten – und wie sie mit Treue oder Eifersucht umgehen – ist sehr unterschiedlich. Auch in den Online-Foren zeigt sich auch, dass es „die“ Asexuellen natürlich nicht gar gibt. Musik aus O-TON 21 (Jückstock) Es gibt jetzt wieder neue Unterkategorien, also ob man nun ein romantischer Asexueller ist, romantische Beziehungen eingeht ohne Sexualität oder ein Solo-Asexueller, also es gibt schon wieder ganz viele Unterkategorien, die zeigen, wie vielfältig es ist. Es gibt Menschen, die sich als asexuell bezeichnen, aber viel Freude an Masturbation haben. Es gibt Menschen, die sich als asexuell bezeichnen und überhaupt kein Interesse an Masturbation haben. SPRECHER Mit Gleichgesinnten zu sprechen, ist für viele auch deshalb wichtig, weil das Umfeld oft irritiert reagiert. Keine Lust auf Sex, da muss etwas schief gelaufen sein, denken offenbar viele Menschen. Diese Erfahrung hat auch Kati Radloff gemacht. O-TON 22 (Radloff) Mir wurde unterstellt, ich wurde missbraucht, ich wurde missbraucht und hätte es nur vergessen, mir wurde gesagt, ich hätte eine schwierige Kindheit gehabt, meine Eltern wären zu offen gewesen oder sie wären zu rigide gewesen, mir wurde gesagt, ich soll zum Arzt gehen, meine Hormone überprüfen lassen, das ist krank. SPRECHER Viele Asexuelle berichten, dass sie erst einmal auf Ablehnung stoßen, wenn sie Freunden und Bekannten erzählen, dass sie Sex nicht interessiert. Ähnlich wie Homosexuelle sprechen sie deshalb von einem Coming-Out, wenn sie sich zu ihrer Asexualität bekennen. O-TON 23 (Jückstock) In den seltensten Fällen löst es ja wohlwollende Neugier aus, sonst hätte man nichts zu befürchten, wenn man das sagt, wenn man dann auf viel wohlwollende Neugier stößt und Nachfragen. Sondern häufig gibt es ebenso latente Anfeindungen. Bist du frigide? Kommt dann im schlimmsten Fall noch die Nachfrage. Es gibt sehr viele negative Bezeichnungen für Menschen, die wenig sexuellen Kontakt haben, gerade was Frauen angeht. Und das mag zum einen sein, dass Menschen so reagieren, wenn sie auf etwas Anderes stoßen, was im ersten Moment fremd ist. Aber irgendwie scheint es ja auch sozusagen etwas auszulösen, dass sich jemand angegriffen fühlt. SPRECHER Die Frage ist: Warum eigentlich? Denn es könnte anderen ja eigentlich herzlich egal sein, wenn jemand asexuell ist – mal abgesehen vielleicht vom eigenen Partner. Jückstock vermutet, dass der ein oder andere, der ablehnend auf ein Coming-Out reagiert, gekränkt sein könnte, vielleicht auch nur unbewusst. O-TON 24 (Jückstock) Natürlich hat Sex auch was mit Fortpflanzung zu tun und wenn da jemand, der aus evolutionsbiologischer Sicht gute Erbanlagen verspricht, sagt: Meine Erbanlagen stehen nicht zur Verfügung. Das ist ne Frustration. Das eigene Begehren kommt nicht an bei einem Menschen, der sich als asexuell bezeichnet. SPRECHER Zwar würden eher wenige von sich behaupten, in evolutionsbiologischer Mission unterwegs zu sein und nach guten Erbanlagen Ausschau zu halten. Aber man sollte, sagt Jückstock, sich mal vor Augen führen, was Menschen so alles veranstalten, um attraktiv für potenzielle Sexpartner zu sein. O-TON 25 (Jückstock) Freitagabend in die Disco gehen und gucken, ob man mit jemandem knutschen kann, kann ne hohe Motivation sein, am Freitagabend loszugehen und irgendwie sich in enge Klamotten zu zwängen und draußen zu frieren, weil man sagt: Ach, vielleicht treffe ich jemand Nettes. Das ist sozusagen der Motivator. Wenn der sozusagen nicht da ist, dann würde jemand sagen: Warum soll ich mich bei Kälte, in unbequeme Klamotten, in eine Horde von betrunkenen Menschen begeben? Musik Hubble (privat) SPRECHER Fragen wirft Asexualität auch in der Wissenschaft auf. Zwar gehen die meisten Forscher heute davon aus, dass keine oder wenig körperliche Anziehung durch andere Menschen genauso eine Ausprägung von Sexualität ist wie dessen Gegenteil, wenn jemand sehr schnell und häufig erregt ist. Dennoch stellen manche Forscher die Frage, inwieweit Asexualität einen Krankheitswert hat. Denn wenn jemand keine Lust auf Sex hat, kann das durchaus auf Erkrankung zurückgehen, zum Beispiel auf eine Depression. Deshalb ist es für Therapeuten wie Jückstock sehr wichtig, genau hinzuhören, wenn jemand von fehlender Libido berichtet. Musik aus O-TON 26 (Jückstock) Wir haben Patienten oder Patientinnen, die sagen: Ich bemerke, dass ich keine sexuelle Lust mehr hab und das macht mir Probleme. Die bezeichnen sich nicht als asexuell, sondern da ist ein klarer Wunsch nach Veränderung Wunsch nach Hilfe. Deswegen suchen die therapeutische Hilfe auch auf. SPRECHER Wobei es auch einige Wissenschaftler gibt, die fragen, ob Asexualität nicht generell als sexuelle Störung gewertet werden sollte. Jückstock hat dazu eine klare Meinung: O-TON 27 (Jückstock) Das Entscheidende ist, dass ein Leidensdruck bei der betroffenen Person vorliegt, Leidensdruck und ein Veränderungswunsch, und das ist ganz häufig bei jemandem, der sich als asexuell bezeichnet, überhaupt nicht gegeben. Damit ist ein wesentlicher Bestandteil, um etwas als Krankheit klassifizieren zu können, gar nicht gegeben. Ich finde es auch durchaus sinnvoll, dass Asexualität nicht als Krankheit gewertet wird, sondern dass es einfach eine Ausprägung von Sexualität ist wie viele andere Ausprägungen auch. SPRECHER Ungeklärt ist auch die Frage, ob Asexualität dauerhaft oder temporär ist. Denn die Sexualität verändert sich im Laufe des Lebens, bei allen Menschen. O-TON 28 (Jückstock) Das bleibt ja nicht starr. Also in der Jugend ist die Sexualität anders als im Alter. Ich würde sehr dafür plädieren, offen zu sein für die Veränderung, die in uns möglich sind. SPRECHER Dass sich manche damit schwer tun, Asexualität als sexuelle Orientierung anzuerkennen, liegt vermutlich auch daran, dass sie nicht so richtig in unser Bild von Sexualität passt. Die gängige Vorstellung ist, dass Sex natürlich, eine Art Instinkt ist und man als junger, gesunder Mensch eben ein Liebesleben hat, egal, wie das im Einzelnen aussehen mag. O-TON 29 (Flörcken) Und darauf hatten Theorien von Sigmund Freud oder auch Masters und Johnson, das sind andere Sexualforscher, die haben das mitbeeinflusst. Musik Water and Glass (privat) SPRECHER Laut dem Psychoanalytiker Freud ist der Mensch ein Wesen, das – bewusst oder unbewusst – durch seine Triebe gesteuert wird. Menschen, die keine Lust haben, passen nicht in dieses Modell. Und auch wenn nicht jeder die Theorien Sexualforschern wie Freud im Detail kennt – auf unser derzeitiges Verständnis von Sexualität hatten sie maßgeblichen Einfluss. Vielleicht stellen deshalb manche die Frage, ob bei Asexuellen etwas nicht stimmt oder ob in ihrer Kindheit etwas schief gegangen ist. Sie werden auf diese Weise pathologisiert, weil Asexualität bei Freud und Co einfach nicht vorgesehen war. O-TON 30 (Flörcken) Dieses Konzept von Sexualität als Norm führte dann lange Zeit oder führt immer noch dazu, dass Asexualität gar nicht richtig denkbar ist. Musik aus Musik Crazy in Love Z8007984 110 SPRECHER Es wird deshalb sehr spannend, wie Asexualität als neue sexuelle Orientierung in wissenschaftliche Konzepte integriert wird, und wie das wiederum unsere Vorstellung von Sexualität verändern wird. Musik aus
- Der Saum der Landschaft - Was existiert zwischen Feld, Bach und Wald?
12.03.2024 · 23 Min.
Die Übergänge zwischen Acker und Feld, Wald und Wiese, Bach und Straße werden immer weniger. Dabei ist längst klar, dass diese kleinen Landschaftsstreifen besonders wertvoll sind für die Artenvielfalt. Für viele Säugetiere, Pflanzen und Insekten sind diese "Säume" zwischen verschiedenen Landschaftsnutzungen der ideale Ort, um zu überleben. Von Daniela Remus (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Martin Trauner Es sprachen: Rahel Comtesse, Frank Manhold Technik: Susanne Harasim Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Rainer Buchwald, Biologe, Universität Oldenburg; Dr. Lena Neuenkamp, Biodiversitätsforscherin, Universität Münster; Prof. Georg Petschenka, Insektenkundler, Universität Hohenheim; Prof. Andreas Schweiger, Ökologe, Universität Hohenheim Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Biotopvernetzung - Wenn Lebensräume verbunden werden JETZT ANHÖREN Was macht Moore so wertvoll? - Alles Natur JETZT ANHÖREN Flechten, Meister der Extreme - Alles Natur! JETZT ANHÖREN Neophyten, die eingeschleppten Pflanzen - Alles Natur JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: CUT - Das Silvester, das uns verfolgt | ARD Audiothek In diesem Podcast gehen wir auf eine Reise: Von 2015 bis Heute. Und sehen: Diese Nacht hat einen Riss in der Gesellschaft hinterlassen. Damals wurden mehr als 600 Frauen Opfer von sexuellen Straftaten. Die Täter: Meist Männer aus Nordafrika. Dieses Täterprofil hat Debatten über Integration, Flucht und Sicherheit verändert. Bis heute. Was haben wir in Sachen Migration und Asyl gelernt, ignoriert und verpasst seit der Kölner Silvesternacht 2015? Wir reden über Ängste und Angstmacher, Täter und Opfer, die AfD und über ein kleines Dorf in der Eifel, Marmagen. Wir hören die Geschichten derer, die von der Nacht nicht losgelassen werden. So wie uns alle die Silvesternacht 2015 bis heute nicht loslässt. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO (Sommeratmo, Vögel zwitschern usw., verblenden mit Atmo von Straße oder Bach oder Traktorfahrt) dann darüber: SPRECHERIN Sie sind klein, schmal, oft auch etwas kümmerlich und werden häufig übersehen: Die Ränder oder Übergänge von einem Landschaftselement zum nächsten. Zwischen Acker und Wald, Bach und Straße, Wiese und Feld. Den meisten Menschen fallen sie nicht auf, denn sie sind ein „Dazwischen”. Der Name für diese kleinen Biotope: Saum oder Saumhabitat, aber auch – wissenschaftlicher gesprochen – Refugialfläche, Puffer oder Ökoton. Das Lexikon der Biologie beschreibt den Saum als einen… ZITATOR „…wachsenden Streifen von krautigen, meist mehrjährigen Pflanzen, der sich floristisch und damit auch strukturell vom angrenzenden Nutzland (Wiese, Acker, Weide) oder von Wegen absetzt. Je nach Wasser- und Nährstoffhaushalt sind die Säume sehr verschiedenartig aufgebaut.” ATMO (vom Anfang nochmal hoch) SPRECHERIN Denn es kommt darauf an, wo sie sich befinden. Welche Bereiche der Landschaftsnutzung umsäumen sie? Wälder, Äcker oder Bäche? Oder unterbrechen sie als sogenannte Knicks mit Hecken und Sträuchern landwirtschaftlich genutzte Felder? TAKE 1 (O-Ton Schweiger) L: 0, 15 Grundsätzlich kann man unterscheiden zwischen menschlich gemachten Saumhabitaten und Saumhabitaten oder Ökotonen, die durch nicht menschliches Zutun gestaltet werden, die dann generell als Ökotone bezeichnet werden. SPRECHERIN Erklärt Andreas Schweiger, Professor für Pflanzenökologie von der Universität Hohenheim. Natürliche Saumhabitate finden sich beispielsweise in den Bergen: Die Übergange vom Wald in Grasland oder alpine Matten. Außerdem kommen natürliche Säume zum Beispiel auch in den nördlichen Breitengraden vor. Auch dort stellen sie den Übergang dar von bewaldeten Zonen zum offenen, steppigen Gelände der Tundra. ATMO (Wind pfeift eisig) SPRECHERIN Wenn wir hierzulande über diese Übergänge sprechen, dann geht es in der Regel um andere Säume, nämlich um die von Menschen. Also um die Ränder von Äckern, die Bereiche zwischen Wald und Wiese oder die Böschungen von Bächen und Flüssen. Naturschützerinnen und Biologen fordern, diese oft unscheinbaren Streifen Land besser zu schützen. Denn diese Biotope seien ein Rückzugsort für viele Tier- und Pflanzenarten, und damit für den Erhalt der Artenvielfalt unersetzlich. Was das Besondere an einem solchen Übergangsgelände ist, das lässt sich am Beispiel eines Waldrandes anschaulich machen: TAKE 2 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20 Da gibt es eine bestimmte Abfolge, die nennt man Zonierung oder Zonation, das heißt, da sind vier Zonen nebeneinander geschaltet, die interessanterweise auch durch eine zeitliche Veränderung miteinander verbunden sind… SPRECHERIN Erklärt der Biologe Rainer Buchwald. Er ist emeritierter Professor an der Universität Oldenburg. TAKE 3 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30 Das ist einmal der eigentliche Wald, mit einem besonderen Waldinnenklima und der Wald ist eben gekennzeichnet durch die Dominanz von Bäumen… dann das nächste ist der Waldmantel, der ist dem vorgelagert sozusagen und ist dominiert von Sträuchern oder jungen Bäumen kann man auch sagen, und der unterscheidet sich vom Wald durch ein anderes Mikroklima. SPRECHERIN Unter dem Begriff Mikroklima verstehen die Biologen einerseits die klimatischen Bedingungen in Bodennähe bis zu einer Höhe von rund 2 Metern. Und andererseits ist damit das Klima gemeint, in einem kleinen, klar definierten Bereich. Zum Mikroklima gehört die Bodenbeschaffenheit eines Geländes, die Art und Dichte der vorherrschenden Pflanzen und die Lichtverhältnisse. Aber auch Standortbedingungen wie Wind beeinflussen das Mikroklima. Der Waldmantel, in der Aufteilung von Rainer Buchwald Zone zwei, geht in den Waldsaum über und erst danach, als Zone vier beginnt das Kulturland. Das kann ein Acker sein oder eine Straße. Jede dieser vier Zonen weist ein ganz spezielles Mikroklima auf. Und das bedeutet: Die Zonen unterscheiden sich durch die Sonnenbestrahlung, Feuchtigkeit oder die Bodendichte. Und dementsprechend lassen sich in diesen vier Zonen sehr unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten nieder. TAKE 4 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30 Man sagt, dass ein Wald, damit er ein richtiges Waldinnenklima hat, sollte er mindestens 1-2 Hektar groß sein. Davor ist er den Randeinflüssen zu stark ausgesetzt und ein richtiges Waldinnenklima bildet sich nicht. Der Waldmantel, wenn er von verschiedenen Sträuchern besiedelt ist, sollte mindestens wenn es geht 4-5 oder noch mehr Meter breit sein. (…) Und dann kommt der Waldsaum, der wieder ein anderen Mikroklima hat, der ist noch stärker besonnt oder offen und ist deshalb den äußeren Einflüssen stärker ausgesetzt als der Wald selber (…) SPRECHERIN Waldsäume können eigenständige Biotope sein. Sie bieten dann sichere Brutplätze und Nahrung wie Früchte, Nektar oder Pollen. Insekten, Spinnen, Vögel und kleinere Säugetiere leben dann hier. Um aber als eigenständiges Biotop überhaupt bestehen zu können – gegen die äußeren Einflüsse – können Saumhabitate nicht beliebig groß oder klein sein, sie brauchen eine Mindestgröße. TAKE 5 (O-Ton Buchwald) L: 0, 10 Das ist die Krux: Fluch und Segen eines Saums ist eben, dass er einerseits was Eigenes ist, aber auf der anderen Seite in der heutigen Landschaft sehr häufig unter die Räder kommt. SPRECHERIN Und damit meint er, dass sie nicht genug in ihrer Besonderheit beachtet werden. Deshalb fordert Rainer Buchwald, dass kein Saum schmaler sein dürfe als zwei Meter, denn sonst sei dieser bewachsene Rand eben kein Biotop, in dem sich die dafür typischen Tiere und Pflanzen ausbreiten können. Neben der Mindestgröße sei darüber hinaus noch ein weiterer Aspekt entscheidend, damit ein solches Gelände auch tatsächlich als Biotop funktionieren kann: Seine Pflege. Denn diese kleinen Landschaftsflecken dürfen nicht komplett verwildern, nicht komplett zuwachsen, um ihre Eigenart nicht zu verlieren, betont der Vegetationskundler Rainer Buchwald: TAKE 6 (O-Ton Buchwald) L: 0, 25 Ein Saum ist immer ein Offenbiotop und wenn irgendwann Gehölze aufkommen, dann muss eben ein Landwirt oder eine Gemeinde oder ein Naturschutzverband …muss diese Bereiche pflegen, und das Beste, was man da machen kann, ist eben einmal im Jahr mit dem Mäher drübergehen, damit die nicht zuwachsen und wirklich einen Offencharakter haben. SPRECHERIN Denn, um beim Waldrand-Beispiel zu bleiben, würde der Waldsaum nicht immer mal wieder gemäht, allerdings höchstens einmal pro Jahr, dann würde sich der Wald nach und nach auf dieses Territorium ausbreiten. ATMO (Waldatmo) SPRECHERIN Es gibt Tiere und Pflanzen, die sowohl in den kleinen Übergängen als auch im angrenzenden Wald vorkommen. Aber sie brauchen diese unterschiedlichen Biotope für verschiedene Lebensphasen. Die Brut mancher Insekten ist z.B. im Wald perfekt aufgehoben, während die geschlüpften Insekten bessere Lebensbedingungen im Saumhabitat haben. Und manche Arten erfüllen in den unterschiedlichen Umgebungen unterschiedliche Funktionen. TAKE 7 (O-Ton Petschenka) L: 0,30 So kann es z.B. sein, dass sich am Waldsaum oder am Rand eines Waldweges da kommt beispielsweise durchaus mal ein Baumschößling hoch, und der Baum ist nicht gleich Baum. Der Baum kann ökologisch eine ganz andere Funktion haben, wenn er als kleiner Schößling irgendwo am Wegrand steht, als wenn er eine ausgewachsene Eiche oder Buche im Mischwald ist. Weil manche Insekten beispielsweise ihre Eier nur an Stockaustriebe legen… und da macht es einen ökologischen Unterschied, ob ich einen Baum oder einen Baumschößling vor mir habe und deshalb ist ein Rand oder Saumhabitat ganz wichtig. SPRECHERIN Der Lebenszyklus der Pflanzen ist mit dem anderer Arten aufs engste verknüpft, sagt Georg Petschenka, Professor für Insektenforschung an der Universität Hohenheim. Manche Schmetterlinge nutzen junge Bäume zur Eiablage, Wildbienen brauchen Totholz zum Brüten während andere Insekten sich von der Baumrinde ausgewachsener Bäume ernähren. Und nicht zu vergessen, die verblühten Blühwiesen bieten vielen Insekten Unterschlupf als Winterquartier. Deshalb ist es notwendig, unterschiedliche Biotope bestehen zu lassen oder sie anzulegen, um die Artenvielfalt zu erhalten bzw. das Artensterben zu verlangsamen. Und noch ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig Saumhabitate sein können: An Gewässern beispielsweise stabilisieren Büsche und kleine Bäume das Ufer und beschatten im Sommer das Wasser. Das bleibt dadurch ein paar Grad kühler und kann so für einzelne Fischarten lebensrettend sein. ATMO (Bachgeglucker) SPRECHERIN Saumhabitate sind also ein wertvoller Lebensraum, der aber in den letzten Jahrzehnten drastisch geschrumpft ist. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Da ist zum einen die Tatsache, dass immer mehr Flächen versiegelt wurden, dass Gewässer begradigt und Feuchtbereiche trockengelegt wurden. Aber auch der Umstand, dass die Landwirte im großen Stil Pestizide auf den Feldern versprühen. Als Hauptursache für den Rückgang dieser kleinen Streifen gebiete benennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber den grundlegenden Strukturwandel in der Landwirtschaft, erklärt Andreas Schweiger: TAKE 8 (O-Ton Schweiger) L: 0, 30 Wenn man das Ganze historisch betrachtet, ist es natürlich so, dass die Flurbereinigung sehr viele von diesen Saumhabitaten aus unserer Landschaft entfernt hat. Es werden ja auch Heckenstrukturen als Saumhabitate z.B. gesehen, die wurden einfach systematisch entfernt aus unseren Landschaften mit den allen bekannten Folgen für die Biodiversität, für die Rückzugsräume, pflanzlich aber auch tierisch. SPRECHERIN Die Flurbereinigung. Hinter diesem Begriff steht die umfassende Umstrukturierung der Landwirtschaft, die bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat. Durch die Erfindung des Kunstdüngers und den Einsatz der ersten landwirtschaftlichen Maschinen. Der entscheidende Schritt aber erfolgte in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch das sogenannte Flurbereinigungsgesetz, das am 1. Januar 1954 in Kraft trat. Der erste Paragraph beschreibt das Ziel dieses Gesetzes: ZITATOR „Zur Förderung der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Erzeugung und der allgemeinen Landeskultur kann zersplitterter oder unwirtschaftlich geformter ländlicher Grundbesitz nach neuzeitlichen betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zusammengelegt, wirtschaftlich gestaltet und durch andere landeskulturelle Maßnahmen verbessert werden (Flurbereinigung). ” (§1 Flurbereinigungsgesetz 1953) SPRECHERIN Die Konsequenzen dieses Gesetzes: Das Nebeneinander vieler kleiner Äcker, zum Teil schief und krumm, durch Hecken, Gebüsch oder schmale Blühstreifen voneinander getrennt, in manchen Regionen eher einem Flickenteppich ähnelnd, wurde nach und nach neu geordnet. ATMO (landwirtschaftliche Maschinen) SPRECHERIN So entstanden große rechteckige Flächen, die von Ackerwalzen, Beregnungsmaschinen oder Mähdreschern problemlos befahren werden können. TAKE 9 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 25 Die Flächen, seitdem es die Ackermaschinen gab, sind seitdem viel, viel größer geworden. Früher konnten die Arten immer noch einmal durch´s Feld laufen oder fliegen, heute sind die so groß, dass das einfach unmöglich ist. Und deswegen ist es so wichtig, Ausweichhabitate zu haben. Und die können linear sein aber letztendlich geht es um alle Brachflächen. SPRECHERIN Erklärt Dr. Lena Neuenkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster, mit Schwerpunkt Biodiversitätsforschung. Die Flurbereinigung veränderte aber nicht nur die Größe der Äcker, das Aussehen der Landschaft, sondern auch die Lebensbedingungen vieler Pflanzen und Tiere: Hecken und schmale Blühstreifen standen der intensiven Nutzung des Bodens entgegen und mussten deshalb vielfach weichen: TAKE 10 (O-Ton Schweiger) L: 0, 10 Die menschlichen bedingten Saumhabitate sind, oder waren traditionell Bereiche, der extensiveren Nutzung, also Rückzugsorte für Pflanzen und Tiere. SPRECHERIN Sagt der Ökologe Andreas Schweiger. Diese Rückzugsorte, wissenschaftlich Refugialflächen genannt, gingen durch die Flurbereinigung im großen Stil verloren. Wie groß der Verlust der Flächen tatsächlich ist, lässt sich allerdings nur schätzen. Denn nicht in allen Bundesländern ist der Verlust dokumentiert worden. Aus Schleswig-Holstein liegen aber z.B. Daten vor. Dort verschwanden zwischen 1950 und 1980 rund 28.000 Kilometer dieser Saumhabitate. Heute ist klar, und wissenschaftlich erwiesen, dass diese Randstreifen und Übergangspassagen bei der Flurbereinigung unterschätzt wurden. Denn sie spielen für den Erhalt der Artenvielfalt eine ganz zentrale Rolle, betont Insektenkundler Georg Petschenka von der Uni Hohenheim: TAKE 11 (O-Ton Petschenka) L: 0, 30 (…)und die Besonderheit ist, dass diese Lebensräume einfach sehr, sehr heterogen sind, das sind einfach Lebensräume, die sich im Prinzip von links und rechts unterscheiden. Also von dem, was angrenzt, (…) und dieser Übergangsbereich ist besonders interessant, weil wir da andere Bedingungen vorfinden, (…), das geht einher mit einem heterogenen Mikroklima auch unterschiedlichen Nischen und einer erhöhten Biodiversität. SPRECHERIN Die Biodiversität ist aber nicht in allen Säumen gleich. Sie variiert je nach Struktur des Saums und je nach Umgebung. Eine junge Hecke beherbergt andere Arten als eine alte Hecke, eine Blühwiese am Waldrand ist ein anderer Lebensraum als der bewachsene Rand einer Autobahn. TAKE 12 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20 Es ist ein eigenes Mikroklima, es sind Arten, die dort ihren Schwerpunkt haben, es ist extrem schwierig, da exklusive Arten zu finden… aber die Zusammensetzung der Arten, die Artengemeinschaft, die ist schon einmalig, das auf jeden Fall, wegen dieses Mikroklimas. SPRECHERIN Und Georg Petschenka ergänzt: TAKE 13 (O-Ton Petschenka) L: 0, 35 Wenn ich jetzt einen Waldrand hab, dann finde ich dort nicht nur Arten, die es im Wald gibt oder auf der angrenzenden Wiese, sondern ich finde auch Arten, die vielleicht nicht ausschließlich aber doch vorrangig in solchen Habitaten vorkommen. Also gerade wenn ich an Wegränder denke, da finde ich (…) eine Insektenfauna die vielleicht einen offenen, lückigen Bodenbewuchs braucht, bestimmte Laufkäfer beispielsweise, die ich möglicherwiese in der Wiese daneben gar nicht finde. (…) Da werden Lebensräume geschaffen, die für bestimmte Arten letztendlich essentiell sind. SPRECHERIN Die Forschenden schätzen, dass es rund 8 Millionen Arten gibt. Etwa 1 Millionen davon steht kurz vor dem Aussterben, so der Welt-biodiversitätsrat. Und: Das gegenwärtige Artensterben gehe 10 bis 100 Mal schneller voran, als in den letzten 10 Millionen Jahren. Selbstverständlich sind diese alarmierenden Prognosen nicht allein damit zu erklären, dass es immer weniger Säume in der Landschaft gibt. Aber der Rückgang dieser Lebensräume trägt zum Artensterben ebenfalls bei. So hat sich beispielsweise allein in Deutschland die Anzahl der Vogelarten in der Agrarlandschaft in den letzten Jahrzehnten um mehr als 36 Prozent verringert. ATMO (Wiesenatmo) SPRECHERIN Deshalb haben mittlerweile alle Bundesländer sogenannte Naturschutzpläne, in denen es auch um die Wiederherstellung und die Pflege von Saumhabitaten geht. In Bayern zum Beispiel ist 2019 durch das Volksbegehren Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern das Ziel ins Auge gefasst worden, den „Biotopverbund Offenland” bis 2030 auf 15 Prozent zu steigern. Zur Zeit liegt er noch bei rund 10 Prozent. Denn, das ist die zweite nicht zu unterschätzende Funktion von Saumhabitaten: Sie ermöglichen es, Biotope miteinander zu vernetzen, wie Rainer Buchwald erklärt: TAKE 14 (O-Ton Buchwald) L. 0, 20 Entlang dieser Korridore wandern z.B. Rehe, das machen Rebhühner, das machen Tagfalter, wenn ich drumrum nur eine Straße und Acker hab, dann ist das das einzige was noch halbwegs ein paar Blüten anbietet für die Tagfalter oder Wildbienen, auch nicht immer viel, aber besser als nichts. SPRECHERIN Feldhasen, Rehe, Wildkatzen, Rebhühner und auch die verschiedensten Insektenarten, sie alle brauchen den sogenannten Biotopverbund. Also eine Vernetzung zwischen den Gebieten, in denen sie sich aufhalten und verstecken können oder in denen sie Nahrung finden. Denn viele von ihnen haben keine große Reichweite, wie es in der Biologie heißt. Und das bedeutet, dass sie eine Entfernung von mehreren hundert Metern nicht überwinden können. Ohne Korridore, die einen Saum mit dem anderen verbindet, schaffen sie es also nicht die Entfernung zu bewältigen, sagt Georg Petschenka: TAKE 15 (O-Ton Petschenka) L: 0, 30 Verinselung ist ein großes Problem, dass Biotope oder Habitate zerschnitten werden, und dann Populationen isoliert. Damit eine Art dauerhaft existieren kann…Insektenarten sind da von ihrer Empfindlichkeit her relativ unterschiedlich, aber üblicherweise ist doch schon so, die Meinung, dass wir einen großen genetischen Fluß wollen und deswegen ist es wichtig, dass die Einzelvorkommen vernetzt sind. Und da helfen natürlich viele kleine Inselchen, um so etwas zu erreichen. SPRECHERIN Trittsteinhabitate nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese kleinen Inselchen, die eine Biotopvernetzung ermöglichen, erklärt Lena Neuenkamp. TAKE 16 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 15 Die werden dementsprechend Trittsteinhabitate genannt, dass man sagt, dass selbst die Arten, die in der Intensivlandwirtschaft nicht leben können, die haben dann da wie so Trittsteine, um dann ein Habitat mit dem anderen zu verknüpfen. SPRECHERIN Das Wissen um die Bedeutung der kleinen Saumgebiete für die Artenvielfalt ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Und damit auch die Erkenntnis, dass die Flurbereinigung zwar dazu beigetragen hat, die Landwirtschaft zu optimieren, dass sie aber gleichzeitig viele Schäden verursacht hat und auch noch heute bewirkt. Dennoch passiere in der Praxis bisher viel zu wenig, so das einhellige Urteil der Expertinnen und Experten, um diese wertvollen kleinen Flächen angemessen zu schützen. Rainer Buchwald von der Universität Oldenburg: TAKE 17 (O-Ton Buchwald) L: 0, 30 Man kann nicht sagen, dieser Saum hier, egal ob das am Graben ist oder am Weg oder am Wald, er ist per se schutzwürdig. Und deshalb weil er oft zu schmal, zu klein ist und deshalb ist oft auch dies „geschützter Landschaftsraum”, den man oft bei Baumreihen, bei Alleen hat, der greift da nicht richtig. Und wer macht sich die Mühe, so einen wunderbaren Saum (…) zusammen mit dem Wald oder mit dem Trockenrasen unter Schutz zu bringen? SPRECHERIN Das sieht auch Andreas Schweiger von der Universität Hohenheim so. TAKE 18 (O-Ton Schweiger) L: 0, 10 Das Bewußtsein ist da…ich denk, letztendlich es hängt damit zusammen, dass Förderung noch nicht gezielt genug zur Verfügung gestellt wird, bzw. umgesetzt werden kann. SPRECHERIN Die Ursache für die oft halbherzige Umsetzung liegt vermutlich auch daran, dass es bisher, ganz formal, kein Naturschutzprogramm gibt, in dem es ausdrücklich um Saumhabitate geht. Ein solches existiert nicht, betont Rainer Buchwald. TAKE 19 (O-Ton Buchwald) L: 0, 20 Es gibt keinen geschützten Biotoptyp nach §30 vom Naturschutzgesetz, der sagt, dieser Waldsaum oder dieser Grabenrand ist besonders schutzwürdig! Das gibt es nicht. Und wenn man Glück hat, wird er auch so erhalten und wenn man Pech hat, wird er eben weggenietet. SPRECHERIN Dabei gäbe es Möglichkeiten, diese Rand- und Übergangsbereiche zu schützen, zu pflegen und zu erhalten. Viele dieser Flächen sind im kommunalen Besitz. In Bayern zum Beispiel gibt es im Internet den „Bayernatlas”, auf dem ist die Flurstückskarte einsehbar. Dort sind die Flächen gekennzeichnet, die am Rand von Straßen, Feldern oder Gewässern im kommunalen Besitz sind und die als Saumhabitat angelegt oder gepflegt werden könnten. Allerdings rät Lena Neuenkamp von der Universität Münster davon ab, in Aktionismus zu verfallen und überall die gleichen Hecken zu pflanzen oder Blühstreifen anzulegen. Denn für die Artenvielfalt brauche es landschaftliche Diversität, gibt sie zu bedenken: TAKE 20 (O-Ton Neuenkamp) L: 0, 20 Eine Saumstruktur eine Ackerbiodiversitätsmaßnahme, die kann nicht alles abdecken. Es geht ja auch um Dinge wie, eine Hecke speichert viel Kohlenstoff, die einen sind gut für die Bodeninsekten, die anderen für die Bestäuber… SPRECHERIN Deshalb sieht sie es als erforderlich an, nicht nur neue Säume anzulegen, sondern sie in ihrer Struktur so zu mischen, so dass sie für unterschiedliche Tiere und Pflanzen attraktiv sind. Und das bedeutet, dass es neben den generellen Schutzprogrammen für diese Gebiete auch Pflege- oder Aufbauprogramme geben sollte, die die landschaftlichen Bedingungen in einer Region übergeordnet bedenken und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen bepflanzen und pflegen. Bis dahin aber kann jeder Einzelne viel dafür tun, den eigenen Garten, die Terasse oder den Balkon zu Rückzugsorten für heimische Arten zu machen.