Viren - Killer und Lebensretter
08.04.2025 · 22 Min.
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Pflanzen, Tiere oder Menschen können von Viren befallen werden. Diese Winzlinge brauchen Lebewesen, um zu überleben und sich zu vermehren. Sie können krank machen, aber auch sehr nützlich sein. Von Daniela Remus (BR 2021)
Credits
Autorin dieser Folge: Daniela Remus
Regie: Christiane Klenz
Es sprach: Ditte Ferrigan
Technik: Peter Preuss
Redaktion: Matthias Eggert
Im Interview:
Prof. Thomas Gramberg, Virologe, Universitätsklinikum Erlangen-Nürnberg
Prof. Adam Grundhoff, Virologe, Leibniz Institut für Experimentelle Virologie, Hamburg
Dr. Eva Herker, Virologin, Philipps Universität Marburg
Prof. Ulrike Protzer, Virologin, Technische Universität + Helmholtz Zentrum, München
Die Geschichte der Hygiene - Der Kampf gegen Bakterien & Co. HIER
Bakterien und Viren - Die Weltenherrscher HIER
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- Das grüne Band - Polarlichter zwischen Mythos und Wissenschaft
09.04.2025 · 23 Min.
Polarlichter haben die Fantasie der Menschen schon immer angeregt. Heute ziehen sie Touristen und Wissenschaftler nach Nordnorwegen. Auch wenn ihre Entstehung weitgehend klar ist, gibt es viel zu forschen: Wie beeinflusst die Aurora die digitale Technik auf der Erde? Andreas Pehl ist dem Nordlicht auf der Spur. Von Andreas Pehl (BR 2024) Credits Autor: Andreas Pehl Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Caroline Ebner, Thomas Loibl und Benedikt Schregle Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Magnar Gullikstad Johnsen; Gunnar Hildonen; Theresa Rexer; Kristian Schlegel; Birgit Schlegel; Juka Vierinen Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Wetterpropheten - Wie Meteorologen Sonne und Regen vorhersagen JETZT ANHÖREN Sonnen-Eruptionen - Wenn heiße Gase die Erde treffen JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Birgit und Kristian Schlegel, „Polarlichter zwischen Wunder und Wirklichkeit. Kulturgeschichte und Physik einer Himmelserscheinung. Spektrum, 2011. Der Königsspiegel. Aus dem Altnorwegischen übersetzt von R. Meissner, 89–91, Halle/Saale, 1944. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Aus aller Welt zieht es die Menschen ins nordnorwegische Tromsø, wenn nach der langen Mitternachtssonne die Nächte im Herbst wieder länger werden. Urlaub in der Polarnacht? M Missing fragments unter: 0´44´´ Unbedingt! Denn hier geht es um ein Naturschauspiel, für das es dunkel sein muss: das Nordlicht. 01 OT Hildonen 923 … OV Hildonen Das kann an einem Abend mal ganz ruhig beginnen und dann wird es plötzlich ganz wild und die Menschen weinen und schreien. Andere werden ganz still. Das ist wirklich unglaublich mächtig, wenn der ganze Himmel explodiert. Sprecherin Gunnar Hildonen ist als ‚Nordlichtjäger‘ eine Institution in Tromsø. Seit rund 20 Jahren ist er Gästen unterwegs, auf der Jagd nach dem „grünen Gold des Nordens“. ((02 OT Hildonen 906 … OV Hildonen Wir haben hier viele Berge und Fjorde, deswegen ist das Wetter regional sehr verschieden. Tromsø an sich ist keine gute Nordlicht-Destination. Aber wir haben die Möglichkeit, hinauszufahren. Wir jagen also kein Nordlicht, das ist ja fast immer da. Wir jagen den klaren Himmel.)) Sprecherin Anbieter von Nordlicht-Safaris sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen und machen ein gutes Geschäft. In der Saison von Oktober bis März sind die Touren fast immer ausgebucht. 03 OT Hildonen 905 … OV Hildonen Anfangs waren die Menschen in Tromsø total schockiert, dass man dafür bezahlen soll, Nordlicht zu sehen. „Wir müssen ja nur vor die Haustür gehen, um das Nordlicht anzuschauen!“ haben sie gesagt. Nordlicht ist für die Menschen hier ja genauso gewöhnlich wie für Spanier die Sonne. 04 OT Rexer 705a Nun arbeite ich schon seit vielen Jahren mit dem Nordlicht. Aber jetzt, wenn schönes Wetter ist – begeistern tut einen das trotzdem, egal wie oft man es gesehen hat. Sprecherin Nicht nur Touristen sind in Tromsø auf der Jagd nach dem Nordlicht. Auch für Wissenschaftlerinnen wie Theresa Rexer ist Tromsø „the place to be“. Theresa Rexer ist Astrophysikerin. Die Deutsch-Norwegerin arbeitet an der Universität Tromsø. Ihr Forschungsgebiet: das Nordlicht. 05 OT Rexer 701 Aus der Wissenschaft gesehen ist das Nordlicht wie eine Signatur von den Prozessen, die im Weltraum passieren. Zufälligerweise können wir es sehen, was eigentlich ziemlich cool ist. Die meisten Sachen, die im Weltraum passieren, können wir nicht wirklich sehen. Wir haben Satelliten, wir haben Kameras und wir haben Radar – das sind alles winzige Messungen an kleinen Stellen von einem riesigen System. Das ist wie mit einem Fischerboot versuchen, das Meer zu beschreiben. Das ist schwierig. M Northern lights unter: Länge 0 50´´ Sprecherin Nordlicht hingegen lässt über einen größeren Bereich des Firmaments hinweg Rückschlüsse zu auf das, was im Weltraum über unseren Köpfen geschieht. Doch woher kommen die grünen Bänder und Vorhänge, die über den Himmel tanzen, manchmal ins Violette und Rote wechseln? Dank der Weltraumforschung ((und vielen einzelnen klugen Ideen von Wissenschaftlern in den letzten drei Jahrhunderten)) wissen wir heute ziemlich genau, wie das Nordlicht tatsächlich entsteht, erzählt Theresa Rexer. Doch schon immer haben sich die Menschen Gedanken gemacht, die diese Himmelsphänomene beobachtet haben. Sind unter dem Nordlicht gezeugte Kinder wirklich besonders klug und schön? Sind Nordlichter die leuchtenden Seelen der Vorfahren? Sind es die schimmernden Rüstungen der Walküren? Göttliche Botschaften an die Menschen? Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing ZW001192 W01 immer wieder bis S. 11 Länge ingesgesamt: 6´00´´ Zitator Am Fünften des Monats [...] öffnete sich der Himmel. [...] Vom Norden kam ein [...] flackerndes Feuer, und rings um [...] war ein Glänzen, und darin, im Feuer, sah es aus wie Bernstein. Sprecherin Prophet Ezechiel, Kapitel 1 Zitator Mitten darin war die Gestalt von vier Wesen [...] Was sich zwischen den Wesen hin und her bewegte, hatte das Aussehen von Fackeln. Musik aus 06 OT Rexer 703 Was oft als schönstes Nordlicht beschrieben ist, ist ja, wenn wir diese großen geomagnetischen Stürme haben, die von der Sonne kommen, in das Magnetfeld der Erde eintreten und dann sieht man auch weiter im Süden Nordlicht. Das dauert einen Tag oder zwei oder drei, je nachdem was für ein geomagnetischer Sturm das ist. Und dann ist es vorbei. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Manchmal kann man am Himmel in klaren Nächten verschiedene Erscheinungen beobachten, Spalten und Rinnen und blutrote Farben. Sprecherin Aristoteles: Meteorologica Zitator Der Grund für die kurze Dauer dieser Erscheinungen ist, dass die Kondensierung flüchtig ist. (S. 40) Musik aus 07 OT Rexer 724 Wenn man weit im Süden ist, dann kuckt man von der Seite rein und sieht das Nordlicht, was etwas höher in der Atmosphäre ist. Und das rote Nordlicht ist einfach höher, über dem grünen drüber. Wenn man genau drunter stehen würde, würde man das grüne und das rote sehen. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Die Himmelsfeuer gibt es in verschiedenen Formen: wie ein Komet, wie glühende Lichter, mal still an einem Ort, mal wirbelnd in der Luft. Sprecherin Seneca: Naturales Questiones (I, 14.1–15.5): Zitator Sie erscheinen in vielen verschiedenen Farben. Manche sind tiefrot, andere blass wie substanzloses Feuer, manche funkeln, andere leuchten orange Musik aus 08 OT Rexer 708a Plasmapartikel – es gibt den Zustand der Dinge: fest: Eis. dann gibt es flüssig: Wasser. Gas gibt es: Wasserdampf. Und der nächste Zustand ist Plasma. D.h., man geht von Gas zu Plasma. Dann sind die Atome nicht mehr zusammen, sondern teilen sich in Elektronen und Ionen, positiv und negativ geladene Partikel. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator In diesem Jahr erschien nach Sonnenuntergang ein rotes Kreuz am Himmel; [...] In Sussex beobachtete man wundersame Schlangen Sprecherin Anglosaxon chronicle, 774 n. Chr. Musik aus 09 OT Rexer 708a Es fängt an mit Explosionen auf der Sonne. Und wenn so eine Explosion auf der Sonne ist, wird Plasma im Weltraum verteilt. Und manchmal trifft uns das. [--Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Einige sagen, [...] das Licht nehme seinen Schein von dem Feuer, das rings um die äußersten Meere sich windet. Sprecherin Königsspiegel, mittelalterliches Lehrwerk, Norwegen um 1250 Zitator Andere haben auch behauptet, dass zu der Zeit, wenn der Lauf der Sonne unter der Erde in der Nacht vor sich geht, dass ein gewisser Schimmer von ihren Strahlen auf den Himmel fallen könne. Musik Aus--] 10 OT Rexer 708b Wenn dieses Plasma das Magnetfeld der Erde trifft, dann kann es in unser Magnetfeld eintreten. Und dann fliegt das Plasma durch unser Magnetfeld, entlang an den Magnetfeldlinien und wird dadurch in unsere Atmosphäre geschleudert. Und zwar den Punkten, wo das Magnetfeld in die Erde reingeht. D.h., am Nordpol und am Südpol. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Ein grausamb und erschröcklich wunderzeychen: Am 28. Tag des Christmonats [Dezember] AD 1560 hat sich [...] ein grosser breytter lenger Feurflammen vom Hymmel herunnter gelassen. Sprecherin Flugblatt, gedruckt von Georg Merckel, Nürnberg 1561 Zitator Der liebe Gott [...]lest [...] die straffe durch Zeychen verkündigen/ die Gottlosen dardurch zur Buß zu reytzen Musik aus 11 OT Rexer 709a Wenn diese Plasmapartikel, die ursprünglich von der Sonne in unser Magnetfeld und dann in unsere Atmosphäre kommen, die Atome und Moleküle in unsere Atmosphäre treffen, dann geben die ihre Energie ab. Man kann sich das ein bisschen vorstellen wie beim Billard. Man schießt die eine Kugel, trifft die andere und dann fängt die andere an zu rollen. D.h., die Plasmapartikel treffen Atome und Moleküle in unsere Atmosphäre, und dann nehmen die die Energie auf. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Warhafftige und erschröckliche Neue Zeyttung so sich am Himmel erzeyget hat den 6. Martii Anno 1582. Sprecherin Flugblatt, gedruckt von Hans Schulte, Augsburg 1582 Zitator Es hat unser Herr Gott der nit ein Gott ist dem Gottloß wesen gefelt sonder hasset alle Ubelthäter große Zeichen am Himmel vorgehen lassen, um die Menschen zu warnen. Musik aus 12 OT Rexer 709b Atome und Moleküle können aber solche Energien nicht unendlich lange halten. Die müssen sie wieder abgeben. Und diese Energie wird wieder abgeben in Form von Licht. In unserer Atmosphäre ist Sauerstoff und Stickstoff die zwei häufigsten Atome und Moleküle da oben, von 80-300 km oder mehr. Und diese Energie ist genau so viel Energie wie man für grünes Licht braucht oder rotes Licht, je nachdem, ob es Sauerstoff oder Stickstoff ist. Und so entstehen die Farben. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Als [...] 17. Martii [...] 1716 [...] des Abends [...] bei uns in Halle ein ungewöhnliches Licht gegen Norden am Himmel erschienen und viele in der Erkänntniß der Natur Unerfahrne in grosse Bestürzung versetzet, so hat man sich vielfältig erkundiget, ((was ich von diesem sonderbahren phaenomeno hielte und)) [...] ob man [...] ihm eine gewisse Deutung zueignen könne. Sprecherin Christian Wolff, Professor in Halle und Mitglied der Königlich Preußischen Societät der Wissenschaften, 1716. Musik aus 13 OT K. Schlegel 509a Man kann fast den 17. März 1716 als Ausgangspunkt der Nordlichtforschung sehen. Damals erschien ein Polarlicht in ganz Europa bis runter in den Mittelmeerraum. ((Und man hat das zum ersten Mal richtig beobachtet, weil es vorher 70 Jahre keine Polarlichter gab. Dann haben sich auch Wissenschaftler daran gemacht, das zu erforschen.)) Sprecherin Kristian Schlegel ist Physiker und zusammen mit seiner Frau, der Kulturanthropologin Birgit Schlegel, Autor des Buches „Polarlichter zwischen Wunder und Wirklichkeit“. 14 OT K. Schlegel 509a Schon eine Woche später hat Christian Wolff einen öffentlichen Vortrag gehalten. Er wollte diese Erscheinung unter das Volk bringen und hat betont, dass es kein Zeichen Gottes ist, sondern dass es eine natürliche Erscheinung ist, die man wissenschaftlich untersuchen kann. M ARD-Labelmusik Mysterious ice flowers Z8034768129 Länge 0´44´´ Sprecherin Der Name dieser Erscheinung: Polarlicht, Nordlicht oder Aurora borealis. Ein Name, der auf Galileo Galilei zurückgeht. Denn starkes Nordlicht ist nicht nur im Hohen Norden zu sehen. Von Süden aus wirken die höheren, roten Bereiche des Nordlichts wie ein flammender Himmel – eben wie Aurora borealis, Nördliche Morgenröte. Haben also Aristoteles, Seneca oder der Prophet Ezechiel also tatsächlich die Aurora gesehen? 16 OT B. Schlegel 512 Wenn Aristoteles das so genau beschreibt, kann man glauben, dass er es selber gesehen hat oder auf Vorgängerbeobachtungen zurückgreift. ((Wahrscheinlich hat er nicht nur in Athen, sondern auch in Mazedonien diese Polarlichter beobachtet.)) 17 OT K. Schlegel 510-511 Der magnetische Nordpol, der wandert im Laufe der Jahrhunderte. Heute liegt er in der Nähe von Nordkanada. Damals lag er etwas östlich von Spitzbergen. Dann ist es aber auch so, dass das Magnetfeld damals etwas stärker war. Das konnte man aus paleomagnetischen Messungen herausfinden. Und das dritte Argument ist, dass die Sonnenaktivität hoch war. Auch das kann man aus C14 Messungen feststellen, dass in den Jahren eine erhöhte Sonnenaktivität war. Wenn man das genau analysiert, kommt man zu dem Schluss: Ezechiel hat wirklich ein Polarlicht gesehen. Sprecherin Ähnliches gilt für die Flugblätter aus der frühen Neuzeit. Im Zuge der Aufklärung begannen Wissenschaftler, nach und nach die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln und kamen dem mysteriösen Nordlicht mehr und mehr auf die Spur. 19 OT K. Schlegel 518 1741 haben Celsius und Hjorter, schwedische Forscher, festgestellt: Immer, wenn ein Polarlicht auftritt, bewegt sich auch die Magnetnadel. D.h., die haben den Zusammenhang hergestellt zwischen geomagnetischem Feld und Polarlicht. Und noch später hat der Astronom Ångström, das war im 19. Jahrhundert, erkannt, dass das Licht von einem selbstleuchten Gas stammt. Und dann noch mal 100 Jahre später hat man erkannt, dass das letztlich Teilchen sind, die von der Sonne gesteuert in die Erdatmosphäre einfallen und die das dann zum Leuchten anregen. Sprecherin Wegweisend war dabei der norwegische Forscher Kristian Birkeland. Ohne von der Existenz von Sonnenstürmen und Elektronen zu wissen, vermutete Birkeland, dass kleine Teilchen aus der Sonne der Grund für das Nordlicht sein könnten. Doch es sollte noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts dauern, bevor mit Hilfe von Satelliten Birkelands Sonnenteilchen-Theorie bewiesen werden konnte. 20 Atmo EISCAT-Radar – Schüssel fährt – Computer tippen Sprecherin Astrophysiker Juka Vierinen von der Universität Tromsø ist solchen Sonnenteilchen auf der Spur. Er forscht unter anderem mit einer der leistungsstärksten Radaranlagen der Welt in der EISCAT-Forschungsstation Ramfjordmoen bei Tromsø. 21 OT Vierinen 601 … OV Vierinen Wenn man Plasma studiert, wird diese Technik benutzt, um die ionisierte obere Atmosphäre zu untersuchen: ((wie viele Elektronen sind dort pro Volumeneinheit, wie schnell und in welche Richtung bewegen sie sich.)) Sprecherin Ähnlich wie bei einem Schiffsradar schicken die Antennen Signale aus und messen die Reflexion. Während allerdings ein Schiffsradar recht große Boote anpeilt, misst und untersucht Juka Vierinen mit stark gerichteten Radar-Impulsen winzig kleine Plasmateilchen in über hundert Kilometern Höhe. 22 OT Vierinen 603 … OV Vierinen Was wir untersuchen, ist die Physik der ionisierten oberen Atmosphäre. Und was wir untersuchen, ist: wie interagieren die Sonne und der Sonnenwind, der aus der Sonne hervorgeht, mit der Erde und der Magnetosphäre der Erde. Das ist sozusagen eine magnetische Blase um die Erde herum. Und welche Energien fließen in diesem System als Ergebnis dieser Interaktion. Sprecherin Juka Vierinen schaut eigentlich nur in seiner Freizeit in den Himmel und bewundert das Nordlicht. In seiner Forschung arbeitet er mit langen Zahlenreihen auf dem Bildschirm, die nur selten in zauberhaften Grüntönen schimmern. Die Wissenschaftler messen hier in der EISCAT-Forschungsstation nicht nur, was sich über unseren Köpfen tut, sondern sie erforschen auch, welche Folgen Sonnenstürme auf die Ionosphäre der Erde haben. Um das herauszufinden, versetzen sie Elektronen in der Ionosphäre mit großen Radar-Antennen künstlich in Schwingung – ein kleiner Sonnensturm, künstlich von der Erde aus erzeugt. 23 Atmo Heating-Experiment Sprecherin Ein Plasmaphysik-Experiment, das natürliches Plasma verwendet. Wenn die Moleküle in der Ionosphäre zum Schwingen angeregt werden – egal ob durch Sonnenstürme oder durch die elektromagnetischen Wellen aus der Forschungsstation – dann entsteht: Nordlicht! 24 OT Vierinen 622b … OV Vierinen Wir können künstliche Aurora erzeugen, indem wir die Elektronen beschleunigen und mit den neutralen Atomen kollidieren lassen. Das ist nicht so spektakulär wie die natürliche Aurora, aber wir können immerhin Aurora damit simulieren. Sprecherin Mit dem künstlichen Nordlicht könnte Nordlichtjäger Gunnar seine Gäste jedenfalls nicht beeindrucken, es ist mit dem bloßen Auge nicht erkennbar. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. V Polar Winds. Eldbjørg Hemsing 26 OT Johnsen 819 … OV Johnsen Wir haben soweit verstanden, was das Phänomen ist und wie es generiert wird. Aber es ist mit der Nordlichtforschung wie mit der Mikroskopie: wenn du eine neue Kamera bekommst, dann sieht man Dinge, die man vorher nie gesehen hat und für die man keine Erklärung hat. Da liegt noch sehr viel Grundlagenforschung vor uns. Sprecherin Am Ufer des Sees Prestvannet in Tromsø liegt das traditionsreiche Nordlichtobservatorium. Hier arbeitet Magnar Gullikstad Johnsen in der Tradition der Nordlichtforscher der letzten Jahrhunderte. Er ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die über hundert Jahre langen Nordlicht-Messreihen weitergeführt werden. Er holt alte Bücher aus einem Schrank. 28 OT Johnsen 817 … OV Johnsen Hier sind Observationsbücher von 1902, 1903. Das ist die große Expedition von Birkeland. Die aller seltensten Teile des Archivs, habe ich hier im Büro stehen. 29 Atmo blättern Man habe hier eine lange und stolze Geschichte, sagt er und meint: 32 OT Johnsen 820 … OV Johnsen Das Nordlicht ist nicht nur ein schönes Phänomen, sondern es ist auch ein gefährliches Phänomen. Wenn das Nordlicht am Himmel flackert, dann bedeutet es ja, dass Partikel aus der Sonne herausströmen. Und manchmal gibt es Sonnenstürme, da gibt es dann besonders kräftiges Nordlicht. Da gibt es viel mehr Dynamik in der Magnetosphäre. Und das Ganze hat natürlich Einfluss auf die moderne Infrastruktur und die Technologie. Die Liste der Effekte ist sehr lange. Sprecherin Die Elektronik an Bord von Satelliten kann gestört werden. Flugzeuge müssen umgeleitet werden. 33 OT Johnsen 827-834 … OV Johnsen Kommunikation und Navigation, GPS, wenn du zentimetergenaue Präzision brauchst und kräftiges Raumwetter hast, dann verlierst du das. Gar nicht zu sprechen von den Zeitsignalen, die alle Banken und die Eisenbahn brauchen. Sprecherin Wenn das Nordlicht flackert und das Magnetfeld vibriert, entsteht eine Art riesiger Dynamo über der Erde – und der beeinflusst Leitungen auf dem Boden, induziert Spannungen in das Stromnetz. 1998 brach die Stromversorgung im kanadischen Québec zusammen, 2003 im schwedischen Malmö. Auch Norwegen ist immer wieder betroffen. 34 OT Johnsen 821 … OV Johnsen Man hört nicht so viel davon, aber das zeigt, wie verwundbar wir sind. Wir wissen eigentlich noch gar nicht, welche Effekte ein kräftiger Sonnensturm wirklich haben wird. Sprecherin 1859 gab es einen schweren Sonnensturm, das sogenannte Carrington-Ereignis, benannt nach dem Sonnenforscher Richard Carrington. 35 OT Johnsen 822 … OV Johnsen Eines Tages hat er eine kräftige Explosion auf der Sonne beobachtet. Und zwei Tage danach ist das Nordlicht aufgeflammt und man konnte Nordlicht in Ägypten und Florida und Hawaii sehen, sogar in Indien. 1921 gab es ein ähnliches Geschehen. Viele Telegrafenstationen sind niedergebrannt und die Telegraphisten haben Verbrennungen an den Ohren bekommen. Sprecherin Seither wurde kein so heftiges Ereignis mehr aufgezeichnet – doch gleichzeitig sind unser Stromnetz und unsere Abhängigkeit von Energie enorm gewachsen. Der Schaden ist kaum vorherzusagen, den ein solches Raumwetterereignis verursachen würde. Im schlimmsten Fall könnten die Energienetze in ganz Europa betroffen sein. Nur eines ist sicher: wir hätten dann für einige Zeit genug Nordlicht, um wenigstens teilweise die ausgefallene Straßenbeleuchtung zu ersetzen. 37 OT Johnsen 824 … OV Johnsen Wenn die Gemeinschaft den Strom verliert, dann verlieren wir die Möglichkeit zu kommunizieren. Die gesamte Logistik, der Informationsfluss wird stillstehen. Krankenhäuser, öffentliche Einrichtungen können nicht mehr arbeiten, weil man keinen Strom mehr hat. In besonders dramatischen Situationen könnte die Gesellschaft im Chaos versinken. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing ZW001192 W01 immer wieder bis S. unter: Länge 2´10´´ Sprecherin Die Touristen aus aller Welt, die nach Tromsø kommen, um sich vom Nordlicht bezaubern zu lassen, kümmert das alles wenig. Sie freuen sich auf Selfies mit den tanzenden grünen und violetten Bändern und buchen eifrig ihre Nordlicht-Expeditionen. Nordlichtjäger Gunnar Hildonen freut’s. 38 OT Hildonen 925 … OV Hildonen Ich kann mit meinen Gästen immer noch schreien. Man sieht ja immer wieder etwas Neues. Das ist immer noch faszinierend. Sprecherin Und auch Astrophysikerin Theresa Rexer freut sich über richtig schönes Nordlicht am Himmel über Tromsø. 39 OT Rexer 705b Das alltägliche Nordlicht, das wir fast jeden Tag haben, da geh ich nicht mehr raus. Aber wenn ich weiß, da kommt ein substorm, dann zieh ich die Kinder an und wir gehen raus und gucken. Sprecherin Dann bleibt eigentlich nur noch zu klären, was es mit dem Mythos auf sich hat, dass unter dem Nordlicht gezeugte Kinder besonders klug und schön seien. Magnar Gullikstad Johnsen, Direktor des Nordlicht-Observatoriums, kann dazu mit fast wissenschaftlichen Ergebnissen aufwarten. 40 OT Johnsen 833 [umgestellt] … OV Johnsen Ich glaube, dass das ein Mythos ist, ausgehend von einem Missverständnis zwischen Guides und Touristen. ((Und dann wurde es zu einer Erzählung, die es bis nach Asien geschafft hat. Und dort wurde es zu dem Mythos.)) Es ist sozusagen eine moderne Urban Legend. Ich hab allerdings eine empirische Grundlage und kann sagen: meine Kinder, die unter dem Nordlicht geboren sind, die sind sehr schöne Kinder! Sprecherin Na dann! Und so lange noch nicht alle Rätsel um die geheimnisvollen Lichter in der Polarnacht gelöst sind, darf man sich auch weiterhin wundersame Geschichten erzählen. Vielleicht kommen nicht umsonst so viele junge Paare im Winter nach Tromsø! Musik
- Pollenallergie - Die Natur als Feind?
08.04.2025 · 23 Min.
Die Nase läuft, die Augen jucken: So äußert sich ein Heuschnupfen beziehungsweise eine Pollenallergie. Diese allergischen Erkrankungen sind nicht nur extrem lästig für die Betroffenen, sie können die Gesundheit sogar dauerhaft schädigen. Behandelt werden sollten sie daher auf jeden Fall. Von Daniela Remus (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger Technik: Bernd Schreiner Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Prof. Karl-Christian Bergmann, Allergologe, Stiftung Deutscher Pollenflugdienst und Charité, Berlin; Prof. Jeroen Buters, Toxikologe, Technische Universität München; Prof. Ana Zenclussen, Immunologin, Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, Leipzig; Prof. Torsten Zuberbier, Allergologe, Charité Berlin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Immunsystem - Wächter unseres Körpers JETZT ANHÖREN Die Haut - Empfindliche Schutzbarriere JETZT ANHÖREN Linktipps: Institut für Allergieforschung, Berlin: EXTERNER LINK | https://ifa.charite.de Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, Leipzig: EXTERNER LINK | https://www.ufz.de/index.php?de=47352 Zentrum für Allergie und Umwelt (ZAUM); TU München EXTERNER LINK https://www.helmholtz-munich.de/en/iaf/pi/pi-jeroen-buters Forschungen unserer Interviewpartner/innen Auswahl an neuen Forschungen des Instituts für Allergieforschung / Prof. Zuberbier: Asano, Koichiro; Tamari, Mayumi; Zuberbier, Torsten et al. Diversities of allergic pathologies and their modifiers: Report from the second DGAKI-JSA meeting. Allergol Int. 2022;71( 3):310-7. Maurer, Marcus; Zuberbier, Torsten; Metz, Martin The Classification, Pathogenesis, Diagnostic Workup, and Management of Urticaria: An Update. Handb Exp Pharmacol. 2022;268:117. Jappe, Uta; Beckert, Hendrik; Bergmann, Karl-Christian et al. Biologics for atopic diseases: Indication, side effect management, and new developments. Allergol Select. 2021;5:1-25. Forschungen von Prof. Bergmann: Bergmann, Karl-Christian; Kugler, Sebastian; Zuberbier, Torsten et al. Face masks suitable for preventing COVID-19 and pollen allergy. A study in the exposure chamber. Allergo J Int. 2021;30( 5):176-82. 16. Bergmann, Karl-Christian; Krause, Linda; Hiller, Julia et al. First evaluation of a symbiotic food supplement in an allergen exposure chamber in birch pollen allergic patients. World Allergy Organ J. 2021;14( 1):100494. Forschungen von Prof. Zenclussen: Fischer, F., Ermer, M.R., Howanski, J., Zenclussen, A.C., Schumacher, A. (2023): Bisphenol A and benzophenone-3, two ubiquitous endocrine disruptors, may interfere with tolerance pathways by disturbing the T cell equilibrium Am. J. Reprod. Immunol. 89 (S1), 83 - 83. EXTERNER LINK | https://www.ufz.de/index.php?de=20939&pub_id=27023 Forschungen von Prof. Buters: EXTERNER LINK | https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/34799 Meteorological conditions, climate change, new emerging factors, and asthma and related allergic disorders. A statement of the World Allergy Organization G D’Amato, ST Holgate, R Pawankar, DK Ledford, L Cecchi, M Al-Ahmad, ... World Allergy Organization Journal 8 (1), 1-52. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Offene Beziehung - Das Ende der Monogamie?
07.04.2025 · 23 Min.
Laut Umfragen ist fast jeder Dritte schon mal fremdgegangen. Evolutionsbiologen betonen, der Mensch sei gar nicht für die Monogamie geschaffen. Warum also nicht ehrlich sein und die Beziehung öffnen? Es gibt Paare, für die passt dieses Modell. Sie scheinen weniger von Verlustangst geplagt zu sein. Andere hingegen stimmen nur zähneknirschend zu aus der Angst, den Partner oder die Partnerin zu verlieren. Von Karin Lamsfuß (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Caroline Ebner, Sven Hussock Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut; Anouk Algermissen, Psychologin und Paarberaterin; Friedemann Karig, Wissenschaftsjournalist und Autor; Verena König, Traumatherapeutin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Hochzeit - Riten und Bräuche ums Fest JETZT ANHÖREN Die Geschichte der Ehe - Liebe und Recht seit der Romantik JETZT ANHÖREN Kinderehen - zur Heirat gezwungen JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Friedemann Karin: Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie. Atb-Verlag, 2018. Wolfgang Krüger: Treue: der Konflikt zwischen Vertrauen und Begehren. BoD – Books on Demand 2019. Holger Lendt und Lisa Fischbach: Treue ist auch keine Lösung. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe. Piper 2014. Und hier noch zwei besondere Podcast-Empfehlungen der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast | ARD Audiothek Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Kein Kinderwunsch | ARD Audiothek Verena hat eigentlich gar keinen Kinderwunsch und trotzdem zweifelt sie und stellt sich Fragen wie: “Mache ich einen riesigen Fehler, wenn ich kein Kind bekomme?” “Bereue ich das später mal ganz doll?” Diese Fragen und noch mehr bespricht sie mit Expertinnen, Mamas und auch kinderlosen Frauen. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Steffen (0‘01“): Ich liebe sie beide. O-Ton 2 Wolfgang Krüger (0’11“): Dass wir viele andere Menschen lieben können, glaube ich nicht, ich glaube, dass die Liebe immer etwas Exklusives hat, zumindest, was Erotik anbetrifft. O-Ton 3 Steffen (0‘12“): Warum nur eine? Sag mir einen ordentlichen Grund, warum man nur eine Freundin haben sollte. Ich denke nicht, dass ein Herz eine mechanische Größe hat. O-Ton 4 Anouk Algermissen (0‘07“): Die meisten Menschen, die sich mit dem Thema Offene Beziehung beschäftigen, die machen das aus dem Grund, dass sie mehr Freiheit wollen. O-Ton 5 Nicole (0‘07“): Wir haben so ne hohe Scheidungsrate: Warum bieten man seinem Partner nicht einfach die Möglichkeit an, offen und ehrlich zu sein? Atmo Sektkorken, Party + Musik 2: Shameless - 44 Sek Sprecherin: Es passiert auf der Weihnachtsfeier, an Karneval oder auf dem Oktoberfest. Fremdgehen ist fast schon Normalität. Jeder zweite bis dritte – je nach Studie – ist schon einmal fremdgegangen. In der Folge wird gelogen, verheimlicht, manchmal gebeichtet. Ganz oft mündet das in einer großen Katastrophe für die Partnerschaft. Weil der Vertrauensbruch nicht mehr zu kitten ist. Sprecher: Jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden. Mit zunehmender Beziehungsdauer sinkt die sexuelle Zufriedenheit. Viele Paare reden nicht mehr miteinander. Irgendwann angeblich nur noch sieben Minuten am Tag. Ist die Monogamie am Ende? O-Ton 6 Wolfgang Krüger (0‘31“): Die Konstruktion, die wir heute haben von Partnerschaften, die ist ausgesprochen anspruchsvoll. Also wir wollen, dass wir mindestens zehn, 20 Jahre mit jemandem zusammen sind, dass man den Alltag miteinander verbringt, dass man Konflikte klärt, dass man sich möglicherweise ein Haus baut, dass man also so was ist wie ne Wirtschaftsgemeinschaft, dass man die Kinder zusammen hat, dass man Vertrauen hat, und dann wollen wir auch noch, dass man immer wieder in den anderen verliebt ist und eine lebendige Erotik hat! Sprecher: Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut. Sprecherin: Nicht selten entsteht in eingeschlafenen langjährigen Beziehungen und Ehen eine heimliche Sehnsucht: nach mehr Lebendigkeit, nach Aufregung, nach intensivem Fühlen. O-Ton 7 Wolfgang Krüger (0‘18“): Und wenn man dann noch Herzklopfen haben will, muss man tendenziell fremdgehen, und 60% der Seitensprünge gehören diesem Muster an, dass man merkt: Die Beziehung hat eigentlich kein wirkliches Liebespotential mehr, man will sich aber nicht trennen, also geht man fremd. Musik 3: Clouds up aus: The virgin suicides - 35 Sek Sprecher: Warum nicht mal anders mit dem Thema umgehen? Warum nicht die Beziehung öffnen – und zwar offen und ehrlich? Sprecherin: Vielleicht ist das ja die Lösung für ein bislang ungelöstes Dilemma: Nämlich, dass einerseits viele Beziehungen auf Dauer an Lebendigkeit verlieren. Andererseits heimliche Seitensprünge einen hohen Preis haben: zerbrochene Beziehungen und Verrat an den eigenen Werten. Doch gibt es beides gleichzeitig: Treue UND Freiheit? O-Ton 8 Anouk Algermisssen (0‘23“): Ich glaube, viele Paare versuchen zu navigieren, eine langfristige, stabile Partnerschaft zu haben, und gleichzeitig einen Weg zu finden, ihr Freiheitsbedürfnis, Experimentierbedürfnis auszuleben, und ich glaube, das ist für viele Menschen sehr spannend, sich überhaupt die Freiheit rausnehmen zu können, das monogame Modell überhaupt hinterfragen zu dürfen. Sprecher: Sagt die Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen. Sprecherin: Sie begleitet Paare dabei, ihre Beziehung zu öffnen. Im Durchschnitt sind ihre Klientinnen und Klienten um die 30. Sprecher: Laut einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage im Auftrag des Partnervermittlers ElitePartner hatten bereits 14 Prozent aller Männer und sieben Prozent aller Frauen zumindest eine Zeit lang eine offene Beziehung. Unter den 18- bis 39-Jährigen waren es sogar 19 Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen. O-Ton 9 Algermisssen (0‘32“): Was auch häufig ist, ist, dass man unterschiedliche sexuelle Vorstellungen hat oder auch Vorlieben, dass das z.B. schwer vereinbar ist, und es gibt auch manche Menschen, da geht es gar nicht so sehr um die Sexualität, die im Vordergrund steht, sondern tatsächlich um das Konzept der Beziehungsform. Also da kommen die sozusagen rein und sagen „Wir wollen selber noch mal überlegen, wie wir Beziehung führen möchten und machen das sozusagen im Kontext der offenen Beziehung. Um uns das noch mal neu anzugucken und zu schauen, wie wir Beziehung leben wollen. Sprecherin: Die neuen Beziehungsmodelle jenseits der klassischen Monogamie werden gerne in Lifestyle-Magazinen als Zeitgeist-Phänomen präsentiert. Offen, unkonventionell, experimentell. So dass sich jeder, der treu lebt fragt: Musik 4: Conundrum – 12 Sek Sprecher: Hab ich irgendwas verpasst? Bin ich vielleicht einfach zu spießig? Sprecherin: Eine Frau lebt mit zwei Männern, ein Mann mit vier Frauen, mal lieben sich die Männer und Frauen auch untereinander, mal nicht. Erleben wir gerade eine Beziehungsmodell-Revolution? O-Ton 10 Friedemann Karig (0‘20“): Monogamie ist nicht das eine natürliche Modell, nach dem wir alle leben müssen. Es war sozusagen mal eine schlaue Idee der menschlichen Kultur, sich darauf festzulegen, aber natürlich so wie unsere Sexualität entstanden ist, ist wahrscheinlich eher eine serielle Monogamie, die wir heute auch leben, oder sogar polygame Formen des Zusammenlebens. Sprecher: Friedemann Karig. Wissenschaftsjournalist und Autor des Buchs „Wie wir lieben“. Er hat viele Paare zur Treue, zur Ehrlichkeit und zum Miteinander befragt. Und Studien und Berichte ausgewertet: von Biologen, von Evolutionspsychologen, Genetikern, Soziologien, Anthropologen und Sexualwissenschaftlern. O-Ton 11 Friedemann Karig (0‘17“): Es gibt so viele Liebesmodelle, wie es Menschen gibt. Es lohnt sich für jeden einzelnen, nach dem für ihn passenden Leben und Lieben zu suchen. Jenseits der Monogamie und jenseits einer Kultur, die uns heute immer noch vorschreiben will, dass eins plus eins genau das Richtige ist. Sprecher: Religiöse und gesellschaftliche Normen bröckeln schon länger. Das lässt mehr Raum für individuelles Experimentieren, mehr innere Freiheit. Sprecherin: So scheint es, als befänden wir uns gerade in einem Selbstbedienungsladen der unterschiedlichen Beziehungsmodelle. Monogam, polyamor, offen, heimliche Affäre, Freundschaft plus,– um nur einige zu nennen. Jeder und jede kann ins Regal greifen und sich das passende Modell heraussuchen. Ist das wirklich so einfach? O-Ton 12 Verena König (0‘27“): Aus der therapeutischen Haltung betrachtet, glaube ich, dass es sehr wichtig ist, dass wir uns bewusst machen, dass die anderen Beziehungsformen wie beispielsweise Polyamorie oder Polygamie oder offene Beziehungsmodelle, dass die nicht unbedingt weniger Reife und weniger Selbstreflexion von uns erfordern als die herkömmlichen Beziehungsmodelle, sondern im Gegenteil eher mehr. Sprecher: Verena König, Traumatherapeutin. O-Ton 13 Verena König (0‘15“): Es geht ja im Grunde bei Beziehungen immer um tiefe Bindung, es geht um Bindung. Es geht darum, dass sich zwei Menschen, zwei Herzen, zwei Körper, zwei Nervensysteme begegnen und verbinden. Zwei oder mehrere. Musik 5: Silver lining title – 59 Sek O-Ton 14 Nicole (0‘26“): Christian und ich waren in einer offenen Beziehung, ganz am Anfang, ich hab es ihm vorgeschlagen, weil er hatte mir gesagt, er hatte vor mir nur eine Beziehung, und da ist bei mir tatsächlich auch so der Gedanke gekommen: ‚Oh Gott, wenn das jetzt für immer ist … wird er sich fühlen, dass er was verpasst hat in seinem Leben, und da hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich möchte ihm das anbieten, weil wenn das von beiden Seiten okay ist – warum nicht? Sprecher: Nicole, Fabian und Christian leben eine polyamore Beziehung. Das heißt: Eine feste Liebesbeziehung mit mehr als zwei Menschen. Sprecherin: Bei den Dreien heißt das konkret: Nicole hat sowohl mit Fabian als auch mit Christian eine innige Beziehung. Körperlich sowie seelisch. Christian ist ihr Ehemann und Fabian ihr zweiter Partner. Die beiden Männer haben jedoch keinen Sex miteinander, erklärt Fabian: O-Ton 15 Fabian (0‘27“): Wir haben das mal so hinterfragt und sind drauf gekommen, dass wir uns auf eine asexuelle Weise lieben. Also wir sind auch in einer vollen Beziehung miteinander, das ist halt auch der Punkt, den viele übersehen: Vielen denken: ‚Aha, Sex ist gleich Beziehung, Nicole hat zwei Beziehungen, Christian und Fabian jeweils nur eine Beziehung, d.h. Nicole hat mehr vom Leben, Christian und Fabian weniger. (…) Und das ist halt bei uns nicht der Fall, vor allem auch, weil wir auch ne Triade sind. Sprecherin: Christian und Nicole führten schon immer eine offene Beziehung. Das heißt: Jeder durfte fremdgehen. Dann kam Fabian hinzu. Zunächst als ein guter Freund des Paares. Und dann verknallte sich Nicole in Fabian. Nun sind sie zu dritt. O-Ton 16 Nicole (0‘23“) Also für mich ist das Schönste, dass immer jemand für einen da ist. Das ist tatsächlich bei uns Dreien so: Tatsächlich egal, wer mal ausfällt, es passiert sehr, sehr selten, dass einer alleine ist, (…) als ich krank war, hat der Fabi was zu tun gehabt und zum Christian gesagt: „Machst du heute Teedienst für die Nicole?“ Also es ist wirklich immer einer für einen da! O-Ton 17 Fabian (0‘06“) Deine Familie wird einfach größer. Je mehr Menschen füreinander da sind, desto mehr Halt hast du auch! Und mehr Sicherheit! Musik 6: Romantics – 23 Sek Sprecherin: Halt und Sicherheit. Begriffe, die Außenstehende erst mal nicht mit offenen oder polyamoren Beziehungen verbinden würden. Diese Lebens- und Liebesformen klingen eher nach Anarchie und Instabilität. Sprecher: Nicht unbedingt, sagt die Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen: O-Ton 18 Anouk Algermissen (0‘17“) Wenn die offene Beziehung gelingt, dann kommt damit häufig auch eine größere Tiefe einher. Weil man dann nicht etwas rausnimmt, sondern ich muss ja noch mehr Kraft in die Beziehung investieren, damit ich die schön halten kann und gleichzeitig auch mein Bedürfnis befriedigt bekomme. Sprecher: Wie viele Menschen in Deutschland zumindest zeitweise polyamor leben, ist nicht bekannt. Zahlen – allerdings auch nur geschätzte - aus den USA gehen von fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Sprecherin: Polyamorie ist von der Idee her kein wildes Bäumchen-wechsel-dich, sondern ein tiefes sich Einlassen auf mehrere Menschen. Wer so lebt, sieht sich mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Die gehen von Sprecher: „kann nicht klappen“ Sprecherin: …über… Sprecher: „ist sowieso der Anfang vom Ende!“ Sprecherin: …bis hin zu… Sprecher: „Ich würde umkommen vor Eifersucht!“ O-Ton 19 Christian (0‘17“): Am Anfang war schon etwas Eifersucht da, aber das hat sich aber ziemlich schnell gelöst, weil wir uns sowieso schon vorher sehr gut kannten. Dass wir Freunde waren, vorher. Und dadurch, dass wir viel geredet haben, um abzuklären und zu besprechen, ist die Eifersucht eigentlich ziemlich schnell verschwunden. O-Ton 20 Nicole (0‘14“) Ich glaub, am Anfang haben beide so ein bisschen Eifersucht gespürt, das hab ich auch so gemerkt, wir haben darüber gesprochen, das ist ja auch ein normales Gefühl, was dazu gehört, aber mit der Zeit verliert man ja die Eifersucht, weil man kennt diese Situation. Sprecherin: Einfach reden, und schon schwindet die Eifersucht? Sprecher: Psychologin Anouk Algermissen macht oft andere Erfahrungen: O-Ton 21 Algermissen (0‘29“): Menschen in offenen Beziehungen sind ebenfalls eifersüchtig, verlustängstlich, und denen tut das ebenfalls weh. Also das ist keine andere Gattung von Mensch! Aber die Menschen in offenen Beziehungen, die das aushalten, wollen das ja! Also es gibt ja für sie irgendnen Nutzen, nen Vorteil! Vielleicht ist es für sie auch aufregend, davon zu hören! Dann gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass das weh tut, dass das nicht so einfach ist zu hören, aber irgendwo hat es auch was Aufregendes, was Kribbelndes! Sprecherin: Damit das Ganze überhaupt eine Chance hat, sollten Paare feste Regeln vereinbaren, so die Psychologin: O-Ton 22 Algermissen (0‘15“): Also wie möchte ich informiert werden über die Außentreffen zum Beispiel? Wie soll da der Austausch passieren? Möchte ich wissen, wer das ist? Möchte ich vorher ein Foto sehen, möchte ich, dass wir danach darüber sprechen? Möchte ich, dass wir nicht darüber sprechen? Musik 7: Explain – siehe M1 – 15 Sek Sprecherin: Liebe nach festen Regeln. Liebe, die gönnt. Sprecher: Der Berliner Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger sieht das Ganze kritisch: O-Ton 23 Wolfgang Krüger (0‘26“): In der Literatur wird manchmal beschrieben, man solle die Großzügigkeit haben: „Ich wünsche dir viel Vergnügen bei deinen Erlebnissen!“ und das halte ich schlicht und ergreifend für eine dreiste Zumutung, ich will, wenn ich mit einem Partner, einer Partnerin zusammen bin und habe dort eine gute und erfüllte Sexualität, dann will ich, dass ich der Einzige bin und dass es exklusiv ist. Und ich würde eher Sodbrennen kriegen, wenn ich wüsste, dass dieser Partner, diese Partnerin mit anderen schläft. Sprecherin: Wolfgang Krüger, der auf 40 Jahre Erfahrung als Psychotherapeut zurückblickt, ist ein Verfechter der Treue. Er stellt das Modell der offenen Beziehung grundsätzlich infrage. Denn – so seine Meinung - es verkenne die Komplexität der menschlichen Seele. Und das filigrane Wechselspiel zwischen Körper und Seele. O-Ton 24 Wolfgang Krüger (0‘42“): Erotik ist im Grunde Leidenschaft, ist von der Tendenz her etwas, was immer eine Verschmelzung beinhaltet, und das ist die Absicht. Wenn ich miteinander schlafe, dann will ich, dass sich die Grenzen zwischen mir und dem anderen, dass ich die aufhebe! Das ist der Sinn von Sexualität! Der Sinn von Sexualität ist Verschmelzung. Das bedeutet Kontrollverlust. (…) Und man tut immer so in der Sexualität als wären das einfach Liegestütze, die Spaß machen. Aber Sexualität ist ein hoch emotionaler, sinnlicher Prozess, wo viel passieren kann, man kann sich eben auch in den anderen verlieben, obwohl man das am Anfang nicht wollte. Und das können Sie nicht vereinbaren, und da können Sie nicht irgendwelche Regeln aufstellen, das ist im Grunde alles Kinderei. Musik 8: Highschool... aus: The virgin suicides – 35 Sek Sprecherin: In seinen Augen liegt ein weiteres Problem darin, dass Paare – sobald sie die Beziehung öffnen – permanent diskutieren müssen: Sprecher: Wie viel Nähe wollen wir, wie viel Autonomie? Sprecherin: Wer darf wie oft mit anderen Partnern zusammensein? Sprecher: Wollen wir uns davon erzählen? Sprecherin: Bleibt das gemeinsame Schlafzimmer eine Tabuzone? Sprecher: Klingt anstrengend. Doch für Anouk Algermissen liegt genau darin die ganz große Qualität von offenen Beziehungen: O-Ton 25 Anouk Algermissen (0‘29“) Da gibt’s auch einige Studien zu, die ganz interessant sind: Paare in offenen Beziehungen, wenn die funktioniert, müssen die eben ne sehr hohe Kommunikationskompetenz haben. Und das hilft ihnen eben auch in vielen anderen Lebensbereichen. Also sei es, wenn man über Finanzen spricht, über Lebensplanung spricht, wenn es viel Stress von außen gibt: Das ist ja eine Kompetenz, die man auf viele unterschiedliche Lebensbereiche anwenden kann. Und wenn man die einmal gelernt hat und diese Fähigkeit ausgebaut hat, dann hat man da auf jeden Fall nen großen Vorteil. Sprecherin: In jedem Fall müssen Begriffe wie „Vertrauen“ und „Treue“, die ja bis dato ganz hohe Werte in Beziehungen waren, neu definiert werden. O-Ton 26 Anouk Algermissen (0‘40“): Ich kann natürlich auch Vertrauen anders aufbauen: indem ich merke, dass da jemand ist, der mein Interesse im Blick hat, der auf mich achtgibt, der dennoch sich weiterhin an die Absprachen hält, die wir auch ausgemacht haben, auch wenn die innerhalb einer offenen Beziehung passieren, aber dann können das eben Absprachen sei wie ‚Du meldest dich, nach dem Treffen‘ oder ‚wir besprechen das nach‘ oder ‚ich weiß vorher, wenn du triffst‘ (…) Wenn man merkt, dieses stetige ‚Ich weiß, worauf ich mich verlassen kann‘ fällt weg, weil jetzt sehr viel Unsicherheit und Neues mit reinkommt, da muss man sich ganz bewusst nach neuen Quellen des Vertrauens und der Sicherheit umsehen. O-Ton 27 Wolfgang Krüger (0‘20“): Dass man über alles redet und dass man auf diese Weise auch wieder Vertrauen hat, durch die Offenheit usw., das ist im Grunde gut und schön, ich finde nur: Solche Regelungen sind am Rande der Albernheit, weil ich Leidenschaften und Gefühle nicht durch irgendwelche Regeln bestimmen darf, wer das versucht, hat meines Erachtens vom Wesen der Leidenschaft nichts verstanden. Musik 9: We move lightly 1:12 Min Sprecherin: Es ist wahrlich kein einfacher Weg, alternative Beziehungsmodelle auszuprobieren und zu leben. Vom Umfeld oft misstrauisch beäugt ist es auch intern ein fortlaufender Prozess des Klärens und Diskutierens. Des Probierens und des Experimentierens. Regeln werden aufgestellt, Regeln wieder verworfen. Es gibt ja kaum Vorbilder. Traumatherapeutin und Paarberaterin Verena König gibt zu bedenken: Die Sache ist komplexer als man denkt – und zwar auf einer viel tieferen Ebene: Gerade Menschen mit unsicheren, instabilen frühen Bindungserfahrungen fühlen sich womöglich hingezogen zu einer offenen Beziehung, in der sie – vermeintlich – niemanden wirklich nah an sich ranlassen müssen. Gleichzeitig kann diese Unsicherheit auch alte Wunden aufreißen: O-Ton 28 Verena König (0‘30“): Also ich würde zur Vorsicht mahnen oder einladen wollen, wenn Beziehungen ein grundlegend angstbesetztes Thema ist. Also wenn Menschen zum Beispiel immer wieder grundlegend das Gefühl haben, sie laufen Gefahr, verlassen zu werden. Sie sind vielleicht nicht gut genug, wenn sie sich gewohnheitsmäßig übermäßig anpassen und solche Beziehungsmuster leben, dann würde ich sagen, ist die Gefahr recht hoch, dass man etwas tut oder sich auf etwas einlässt, was man nicht wirklich möchte und was einen dann sehr belasten kann. Sprecherin: Ein weiteres Problem: Die Ehrlichkeit zu sich selbst. In der Regel ist es so: Einer von beiden will die Beziehung öffnen. Der andere stimmt vielleicht zu. Allerdings nicht immer aus tiefer Überzeugung, sondern manchmal aus reiner Verlustangst: O-Ton 29 Verena König (0‘34“): Ich würde auch zur Vorsicht mahnen wollen oder einladen wollen, wenn das Ganze sich überfordernd anfühlt und man es nicht gut differenziert kriegt. Es ist vielleicht noch mal auch hilfreich, sich zu fragen: Geht es da wirklich um Polyamorie? Ist es unser beider Bedürfnis? Ist es das Bedürfnis des Einen? Wer ist hier vielleicht im Hintertreffen? Wer wird vielleicht übergangen? Geht es eigentlich um Sexualität? Geht es wirklich um Bindung? Was für Probleme sind vielleicht ausschlaggebend, die dann zu dieser Idee führen ‚Wir könnten unsere Beziehung öffnen‘? Sprecher: Eine Beziehung zu öffnen und Dritte oder gar Vierte hinzuzuholen – sei es offen gelebt oder im Rahmen eines „Stillschweigeabkommen“ – ist immer ein Wagnis. Niemand weiß, wohin die Reise geht. In jedem Fall aber ist es ein sehr anspruchsvoller Weg, sich selbst kennenzulernen. Alles in allem ein ziemlich herausforderndes Experiment. Musik 10: Clouds up – siehe vorn – 38 Sek Sprecherin: Um auf die Ursprungsfrage zurückzukommen: Ist die offene Beziehung denn nun das Ende der Monogamie? Bedingt. Sie ist durchaus eine Alternative zum heimlichen Fremdgehen. Zum Lügen, Betrügen und dem Schmerz, wenn alles ans Tageslicht kommt. Sprecher: Weniger ist die offene Beziehung eine Alternative für zwei Menschen, die sich gerne, bewusst und aus tiefstem Herzen füreinander entscheiden. Sprecherin: Gerade das, so der Psychotherapeut Wolfgang Krüger habe in unsicheren Zeiten wie die, in denen wir leben, eine ganz hohe Qualität. O-Ton 30 Wolfgang Krüger (0‘29“): Ich glaube, dass Treue eher etwas Modernes ist. Das hat immer im Laufe der Geschichte geschwankt, wir haben immer dann eine Mehrheit derer gehabt, die sich eine offene Beziehung gewünscht haben, in Zeiten von Sicherheit, und mittlerweile schlägt das Pendel eher etwas in die Richtung dass Treue wieder sehr viel mehr angesagt ist, weil der Wunsch nach Verlässlichkeit, der wird momentan stärker. Sprecher: Treue hat für viele nach wie vor eine große Bedeutung. Das gaben laut einer Studie des Institutes für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf 90% aller befragten Menschen an. Über Musik 11: We move lightly – siehe vorn – 1:06 Min Sprecherin: Am Ende ist es immer eine Entscheidung: Sprecher: Zwischen Sicherheit und Stabilität auf der einen Seite. Und Aufregung, Freiheit und Abwechslung auf der anderen Seite. Sprecherin: Die Frage ist immer, was man vom Leben will. Und welchen Preis man bereit ist zu zahlen. Für Wolfgang Krüger ist die Sache klar: Er will blind vertrauen können. O-Ton 31 Krüger (0‘25“): Wir wollen neben dem anderen liegen und morgens wach werden und haben noch den Schlaf in den Augen und wollen quasi unsere Hand ausstrecken und bevor wir den Verstand einschalten können, haben wir fast eine kindliche Form des Vertrauens, und diese Form des Vertrauens ist uns unendlich wichtig, weil wenn wir in einer Krise sind, wenn wir krank sind, wenn wir seelisch irgendwie schwanken, dann wissen wir: Auf diesen einen Menschen ist im Grunde Verlass. Musik aus.