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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Von Wutausbrüchen, Freudensprüngen und Bedürfnissaufschub

22.05.2025 · 21 Min.

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Über diese Folge

Wutanfälle bei Kindern sind berühmt-berüchtigt. Die Kleinen entdecken ihren Willen und wollen ihn durchsetzen. Mit der Zeit lernen sie, Emotionen zu regulieren. Aber was passiert eigentlich mit all den Gefühlen? Von Maike Brzoska (BR 2024)

Credits

Autorin dieser Folge: Maike Brzoska
Regie: Irene Schuck
Es sprach: Susanne Schroeder
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Susanne Poelchau

Im Interview:
Sabina Pauen, Psychologin und Professorin an der Universität Heidelberg
Herbert Scheithauer, Psychologe und Professor an der Freien Universität Berlin

Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

01 TON (Maike, Leo)

Zähneputzen. Gleich. Nein, jetzt Leo. Komm, wir müssen gleich los.

ERZÄHLERIN

So klingt es bei uns morgens. Erst frühstücken, Zähne putzen und dann anziehen. 

02 TON (Maike, Leo)

Zieh mal bitte die Schlafsachen aus. Hörst du mich? Einmal Schlafsachen ausziehen. 

ERZÄHLERIN 

Aber mein Sohn ist schon wieder in seiner eigenen Welt. Er will mir unbedingt noch seinen Lieblingsbaum draußen zeigen.

03 TON (Maike, Leo)

Da, der wo das Häuschen daneben ist. Aha. So komm, zieh mal jetzt an. Hast du ihn gesehen? Ja. Stell dich mal hin und zieh die Sachen aus.

ERZÄHLERIN (leicht genervt)

Es folgt eine Runde auf dem Bett hüpfen ….

04 TON (Maike, Leo)

Komm her. Mama, kann ich spielen? Wir ziehen dich jetzt erst mal an. Beine durch. Wo sind denn jetzt die Socken? Socken? Ich hab dir hier eben die Socken gelegt. Einmal Socken suchen. Hab sie. Das ist ein Fußball. 

ERZÄHLERIN

Die Socken durchs Zimmer kicken und noch ein Purzelbaum im Bett. Ist alles viel lustiger als Anziehen. Kann ich ja verstehen. Aber trotzdem: die Zeit drängt, wir müssen los zur Kita. Deshalb dranbleiben, es fehlen nur noch Schneeanzug und Schuhe:

05 TON (Maike, Leo)

Den Anzug ziehst du dir gleich alleine an. Ne Mama. Warum denn nicht? Weil ich nicht will! 

Musik 2

"Im Innern Berlins" - Album: Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt (Die Original Filmmusik) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'50

ERZÄHLERIN

An dieser Stelle kann es dann auch mal etwas lauter werden, aber nur kurz. Inzwischen kriegen wir es eigentlich immer hin, dass alle einigermaßen pünktlich und vollständig angezogen loskommen. 

Vor ein paar Jahren war das noch anders. Da war mein Sohn etwa zwei Jahre alt. Wenn es schlecht lief, kam es an dieser Stelle dann zu einem richtigen Wutanfall: Hochroter Kopf, Schuhe, die durch den Flur flogen, ein schreiendes Kind, das aufgebracht hin und her lief. Wie das klang, erspare ich Ihnen an dieser Stelle. Die meisten Eltern kennen das vermutlich ohnehin. So ein Wutanfall beginnt in der Regel damit, dass ein Kind etwas will, und zwar unbedingt!

06 O-TON (Pauen)

Sei es jetzt eine bestimmte Jacke anzuziehen oder eben den Teddy noch mitzunehmen oder Süßigkeiten aus dem Supermarkt mitzunehmen. Egal was es ist, es wird erstmal insistiert, dann gibt es ein Nein, ein Widerstand auf der anderen Seite, und dann wird das immer lauter und das Kind kann wirklich am Schluss völlig hilflos auf dem Boden liegen, strampeln, schreien, völlig ausgeliefert seinen negativen Emotionen sein.

ERZÄHLERIN

Sagt die Psychologin Sabina Pauen. Sie ist Professorin an der Universität Heidelberg. Typischerweise treten solche Wutausbrüche im Alter von zwei bis vier Jahren auf. 

07 O-TON (Pauen)

Auch noch bis fünf, aber nach fünf selten.

Musik 3

"Im Innern Berlins" - Album: Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt (Die Original Filmmusik) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'40

ERZÄHLERIN

Bei uns gab es die Wutanfälle meistens morgens, wenn Müdigkeit und Zeitdruck zusammenkamen. Bis mein Sohn sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, konnte es schon mal zehn bis fünfzehn Minuten dauern. Eine schwierige Situation für uns Eltern. Manchmal hatte ich ein Meeting und wusste, alle Kolleginnen und Kollegen warten gleich auf mich. Oder ich musste zum Zug – und der wartet eben leider nicht auf mich. In solchen Momenten hätte ich mich am liebsten selbst auf den Boden geworfen und losgeschrien. Bringt natürlich nichts. 

08 O-TON (Pauen)

Was man dann machen muss, ist, zunächst Verständnis signalisieren. Das ist natürlich genau nicht das Gefühl, das man gerade hat. In dem Moment, wenn man schnell aus der Tür muss und das Kind streikt. Aber im Endeffekt sagen: Ja, ich verstehe, du willst das jetzt wirklich nicht. Aber es muss jetzt so laufen. Also auf der einen Seite Verständnis signalisieren, auf der anderen Seite ganz ruhig und ganz konsequent die eigene Position noch mal wiederholen für das Kind, manchmal auch mehrmals. Aber das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben. Und das Schwerste.

ERZÄHLERIN

Mit der Zeit sind wir als Eltern gelassener geworden. Was mir wirklich sehr geholfen hat: zu wissen, warum es zu solchen Wutausbrüchen kommt.

09 O-TON (Pauen)

Das hat was damit zu tun, dass die Kinder gerade eine bestimmte Entwicklungsphase durchlaufen, in der sie auf der einen Seite schon ein Autonomiebedürfnis entwickelt haben, auch die Fähigkeit, viele Dinge selber zu machen und auch zu kommunizieren, was sie möchten.

ERZÄHLERIN

Die Kinder wissen, was sie wollen und können es den Eltern auch mitteilen. Aber andere Fähigkeiten fehlen ihnen noch. 

10 O-TON (Pauen)

Zum Beispiel die Fähigkeit, die Perspektive von Anderen mit einzubeziehen.

Musik 4

"48 Hours" - Ausführende: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'35

ERZÄHLERIN

Also beispielsweise meine Perspektive. Mir kam es tatsächlich so vor, dass mein Sohn ausgerechnet immer dann streikte, wenn ich einen wirklich wichtigen Termin hatte und pünktlich losmusste. Manchmal dachte ich sogar, dass er sich absichtlich querstellte, so von wegen: Mama soll keine Termine haben, sondern nur für mich da sein. Trotzkopf sagten manche Menschen früher – aber mit Trotz, also mit Widerstand gegen die Eltern, hat so ein Wutausbruch nichts zu tun. 

11 O-TON (Scheithauer)

Als Elternteil, ich bin selber Vater, rutscht man sehr schnell auch in so eine Situation, dass man denkt: Oh, dieses Kind, was will das jetzt wieder? Und man bezieht das so auf sich selbst und denkt, das Kind will sozusagen rebellieren, es will seinen Kopf durchsetzen, es will einem etwas Böses. Das ist überhaupt nicht der Fall. Die Eltern müssen sich klar machen, dass das Kind eben noch nicht anders kann in so einer Situation. 

ERZÄHLERIN

Sagt der Psychologe Herbert Scheithauer. Er ist Professor an der Freien Universität Berlin. Rückblickend denke ich, dass meine eigene Anspannung oft dazu beigetragen hat, wenn es morgens laut wurde. Deshalb: am besten gelassen bleiben. Und vielleicht schafft man es sogar, sich darüber zu freuen, dass das eigene Kind gerade einen bedeutenden Entwicklungsschritt macht. Das versucht auch Scheithauer zu vermitteln. 

12 O-TON (Scheithauer)

Wenn Eltern mich fragen, sage ich oft: Herzlichen Glückwunsch, Ihr Kind entwickelt sich ganz vorzüglich. Denn zum einen sind Wutanfälle die Möglichkeit, mit denen kleine Kinder ihre Gefühle ausdrücken und bewältigen. Und zum anderen lernen sie gerade, dass ihr Verhalten andere beeinflusst. 

ERZÄHLERIN

Im Alter von anderthalb bis drei Jahren passiert bei Kindern unglaublich viel. Wir als Eltern waren damals oft erstaunt. Zum Beispiel als unser Sohn, der als Baby eigentlich immer getragen werden wollte, plötzlich anfing, auf eigenen Beinen die Welt zu erkunden. 

13 O-TON (Scheithauer)

Sie beginnen unabhängiger zu werden. Das geht damit einher, dass das Kind sich plötzlich im Spiegel selber erkennt, dass es das es plötzlich Worte benutzt wie „mein“ und eben auch das berühmt-berüchtigte Wort „Nein“. Und sie lösen sich damit natürlich auch ein Stück weit von den Eltern. Sie folgen nicht mehr so ganz dem, was die Eltern sagen und wollen, weil sie ihren eigenen Willen durchsetzen wollen. Sie wollen bestimmen, was sie anziehen, was sie essen, was sie tun. 

ERZÄHLERIN

Ein Stück Autonomie also – das starke Emotionen mit sich bringen kann. Heftige Wut, wenn die Eltern einen ausbremsen. Aber auch riesige Freude, bei unserem Sohn zum Beispiel, als er es das erste Mal geschafft hat, die Tür alleine aufzumachen. Solche Gefühle können Eltern ihren Kindern spiegeln.

14 O-TON Scheithauer

Also von Geburt an kann man eigentlich Emotionen dem Kind gegenüber spiegeln: Ach, jetzt bist du traurig. Oder ja, das macht dich froh. Dass man dem Kind erklärt, wie es sich überhaupt fühlt. Das klingt jetzt komisch, es ist aber so, dass Kinder überhaupt noch gar kein Verständnis haben in einem sehr jungen Alter, was Emotionen sind und was mit ihnen da eigentlich los ist. 

ERZÄHLERIN

Denn erst wenn sie verstehen, was da gerade passiert, welches Gefühl sie haben, können sie lernen, damit umzugehen. Anders ausgedrückt: Sie können lernen, ihre Emotionen zu regulieren. 

15 O-TON (Scheithauer)

Und es gibt zwei Emotionsregulations-Strategien, wo wir auch aus einer Vielzahl von Studien wissen, dass diese besonders Sinn machen, die aber erst bei etwas älteren Kindern funktionieren, weil es bestimmte kognitive Kapazitäten braucht, das heißt, das Kind muss kognitiv in der Lage sein, das zu tun.

Musik 5:

"Desolate Spirit" - Ausführende: Nick Johnson & Nino Morro - Album: Nordic Noir - Komponist: Nick Johnson - Länge: 1'23

ERZÄHLERIN

Strategie Nummer eins: Das Kind möchte etwas haben, zum Beispiel den Schokoriegel an der Supermarktkasse. Und dann sagt oder denkt das Kind:

16 O-TON (Scheithauer)

Ist ja nicht so schlimm, wenn ich das jetzt nicht kriege, dann kriege ich nachher eben ein Gummibärchen. Das heißt, das Kind nimmt so ein bisschen Druck aus dieser Situation, dass es jetzt nicht sofort etwas bekommt, weil es sagt: Ich finde das jetzt gar nicht so wichtig. 

ERZÄHLERIN

Es relativiert also ein Stück weit seinen eigenen Wunsch. Irgendwann wird es schon wieder was Süßes geben. Es muss nicht sofort sein. Das kann die Wut mildern. Die zweite Strategie, die Kinder ab einem gewissen Alter lernen können, ist: Lösungen finden. Zum Beispiel wenn der Turm, der sehr lange und mit sehr viel Hingabe gebaut wurde, plötzlich umfällt. 

17 O-TON (Scheithauer)

Wenn also etwas umgefallen ist, dann nicht schreien und einen Wutanfall kriegen, sondern sagen: Ach, ist nicht schlimm, kann man ja wiederaufbauen und dann das Ganze auch wiederaufbauen. Und dann steht der Turm wieder und dann gibt es auch keinen Grund mehr für Frust. 

ERZÄHLERIN

Relativieren und Lösungen finden – beides sind erfolgreiche kognitive Strategien, um eine Situation neu zu bewerten und mit Frust umzugehen. Es gibt sehr viele solcher Strategien, wobei einige von Psychologinnen und Psychologen heute nicht mehr empfohlen werden. Zum Beispiel „Dampf ablassen“, wie man umgangssprachlich sagt. Dahinter steht die sogenannte Karthasis-Hypothese.

18 O-TON (Scheithauer)

Die geht davon aus, dass sich zum Beispiel bei Frustrationen, die ich erlebe, meine Wut rauslassen muss. Es gibt also ganz berühmte Experimente, auch aus der Sozialpsychologie, wo wir Kindern die Möglichkeit geben, sozusagen dann mit Keulen auf eine Puppe einzuschlagen. Oder wir finden das auch häufig in Erziehungsratgebern. Das Kind soll dann ein Kissen nehmen und mit der Faust reinschlagen. In dieser Situation selber ist das tatsächlich so, dass man sich dann so ein bisschen wie befreit fühlt. Das Problem ist aber, dass die Kinder dann lernen, dass das ein tolles Gefühl ist, wenn man die Wut so rauslässt, wenn man zuschlägt, wenn man haut. Und das bleibt als Lerneffekt. Und deshalb ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass auch zukünftig in einer solchen Situation genau ein solches Verhalten gezeigt wird, was wir ja eigentlich nicht wollen. 

ERZÄHLERIN

Als ich das höre, erschrecke ich erst mal. Denn tatsächlich haben wir das mit dem Kissen zum Reinboxen auch mal versucht, man liest es einfach oft. Es half auch ein bisschen. Aber auf längere Sicht ist es eben keine gute Idee.

19 O-TON (Scheithauer)

Wir wissen aus Studien, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen, die ihre Wut in solchen Situationen rauslassen, zukünftig häufiger in wutauslösenden Situationen auch ein aggressives Verhalten zeigen. Es macht also mehr Sinn, mit der Wut umzugehen, die Wut zu beherrschen, zu kanalisieren in sozial angemessene Verhaltensweisen.

ERZÄHLERIN

Wobei es an dieser Stelle wichtig ist zu betonen: Es geht nicht darum, gar keine Wut oder keinen Frust mehr zu haben. Sondern vielmehr darum, Emotionen so zu regulieren, dass sie einen nicht mehr völlig überwältigen. 

20 O-TON (Scheithauer)

Alle Emotionen, das muss man immer wieder sagen, haben ihre Berechtigung. Es geht also nicht darum, Emotionen wegzuregulieren, Dass wir nicht mehr traurig sind, ängstlich oder wütend. Das wäre fatal, weil alle Emotionen haben ihre Funktion, ihre Bedeutung in unseren sozialen Interaktionen. 

ERZÄHLERIN

Sie sind wichtig, weil sie anderen Menschen signalisieren, wie es einem geht. 

21 O-TON (Scheithauer)

Das heißt, man kann einem Menschen ansehen, wenn er Angst hat oder wenn er wütend ist oder wenn er glücklich ist. Und sie regulieren dann die Interaktion mit anderen Menschen. Das heißt, wenn ich sehr traurig bin, dann sehen das andere und sprechen mich an, oder ich suche mir selber Hilfe. Dafür dienen Emotionen.

ERZÄHLERIN

Deshalb ist es zwar wichtig, dass wir Emotionen regulieren, auch ein Stück weit dämpfen und kontrollieren, aber gleichzeitig auch ausdrücken und zeigen können. Langfristig betrachtet, kann es sonst zu Depressionen kommen im schlimmsten Fall.

22 O-TON (Pauen)

Wenn ich jetzt Gefühle habe und die werden nicht wahrgenommen von Anderen oder ich kann das Verhalten, das daraus resultieren würde, nicht zeigen, dann lähmt mich das oder macht mich hilflos. Und da ist so der Übergang zu depressiven Verstimmungen oder auch Depressionen irgendwann. Das ist ja gelernte Hilflosigkeit. Also ich kann nichts machen, ich werde nicht wahrgenommen und ich kann nichts bewirken. Das sind Gefühle, die mich sehr traurig und hilflos machen.

Musik 6

"Im Innern Berlins" - Album: Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt (Die Original Filmmusik) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'45

ERZÄHLERIN

Auch während eines Wutanfalls ist es deshalb wichtig, beim Kind zu bleiben und ihm zu signalisieren, es ist schon in Ordnung, dass du jetzt wütend bist. 

23 O-TON (Pauen)

Das Gefühl ist erstmal da und es wird sich auch nur dann verändern, wenn sich meine Bewertung der Situation verändert…

ERZÄHLERIN

… was die Kleinen aber eben noch nicht können …

23 O-TON

Oder wenn eine andere Person darauf reagiert hat und mein Signal angekommen ist. Erst dann kann es wieder flüssig werden, sagen wir Psychologen manchmal, dass ich irgendwie wieder in andere Richtungen auch denken und fühlen kann.

Musik 7

"Desolate Spirit" - Ausführende: Nick Johnson & Nino Morro - Album: Nordic Noir - Komponist: Nick Johnson - Länge: 0'41

ERZÄHLERIN

Je älter Kinder werden, desto besser gelingt es ihnen, Gefühle zu regulieren. Auch weil sie immer besser sprechen können. 

24 O-TON (Pauen)

Und damit auch in Verhandlungen einzutreten mit den Eltern und auf eine sozial akzeptierte Weise Interessenkonflikte zu regeln. 

ERZÄHLERIN

Oh ja, das Verhandeln! Unser Sohn macht inzwischen Vorschläge, wie wir das mit den Süßigkeiten handhaben sollen. Also seiner Meinung nach. Nach jedem Essen etwas aus der Süßigkeiten-Dose. Oder für jedes Mal Zimmer aufräumen einen Schokoriegel. Meistens finden wir einen Kompromiss. Hilfreich ist dabei, dass er unsere Sichtweise inzwischen nachvollziehen kann. 

25 O-TON (Pauen)

Was sich ändert, ist eben, dass man die Fähigkeit entwickelt, die Position des Anderen besser zu verstehen und damit auch vielleicht die eigenen Emotionen oder Wünsche zu relativieren. Und ganz wichtig ist: Das hängt mit der Reifung des präfrontalen Cortex zusammen, die Fähigkeit, auch eigene Gefühle ein Stück weit zu steuern, Situationen unterschiedlich zu bewerten, neu zu bewerten. Das sind alles Kompetenzen, die mit dem Alter immer mehr dazukommen und dann uns helfen, in sozial akzeptierter Weise unsere Interessen zu kommunizieren. 

ERZÄHLERIN

In sozial akzeptierter Weise – das gilt übrigens auch für positive Emotionen. Man könnte vielleicht denken, dass wir Freude nicht regulieren müssen, weil man davon nicht genug haben kann. Ein Trugschluss. 

26 O-TON (Scheithauer)

Stellen Sie sich vor, Sie wären stundenlang euphorisch oder überschwänglich positiv gestimmt. Das klingt jetzt erst mal so, als wäre das etwas sehr Erstrebenswertes. Aber ich glaube, wenn man so richtig glücklich ist und euphorisch hochspringt, wenn man das mal 15, 20 Minuten erleben würde, wäre man fix und fertig.

ERZÄHLERIN

Hinzu kommt: Erwachsene zeigen Freude anders als Kinder. Ich erinnere mich noch daran, wie mein Sohn und seine beste Freundin sich das erste Mal nach den Ferien in der Kita wiedergesehen haben. Die beiden fielen sich in die Arme und sind dann händchenhaltend und im Hopserlauf in ihren Kitaraum gehüpft. Wir Eltern waren entzückt. Tatsächlich freue ich mich wirklich auch, wenn ich Kolleginnen oder alte Freunde nach längerer Zeit wiedertreffe. Aber Händchenhaltend durch die Stadt? Im Hopserlauf durch die Redaktion? Eher nicht. Das zeigt: Wie wir unsere Gefühle ausdrücken, was akzeptiert ist und was nicht, ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Normen. 

27 O-TON (Pauen)

Das hängt sehr von kulturellen und normativen Erwartungen ab. Und bei Erwachsenen drückt sich eben unbändige Freude anders aus als bei einem Kleinkind. 

ERZÄHLERIN

Wie Gefühle ausgedrückt werden, lernen Kinder vor allem durch Beobachtung. 

28 O-TON (Pauen)

Alle Kinder lernen durch Beobachtung am Modell. Und für die Kleinkinder sind die etwas älteren Kinder eben das Modell. Und wenn in einer Kultur sich eine bestimmte Form des Ausdrucks verbreitet hat, dann läuft dieses Lernen implizit. Das wird auch gar nicht irgendwie eingedrillt oder so, sondern das entsteht einfach, weil die Umgebung so ist.

ERZÄHLERIN

Die ist zum Beispiel in Asien anders als in Europa.

29 O-TON (Pauen)

Eine Kollegin von mir ist Japanologin. Die hat mir erzählt, dass sie mit ihren Kindern in Japan auf dem Spielplatz immer sehr unangenehm auffällt, weil ihre Kinder eben sehr laut durch die Gegend rufen und eben sehr viel Emotionsausdruck zeigen. Und schon die kleinen Kinder in Japan eigentlich viel gesitteter und ruhiger sich äußern. Also die Erwartungen, was den Ausdruck angeht und die Wildheit des Verhaltens angeht, sind in Japan ganz anders als hier.

ERZÄHLERIN

Ich finde es ja toll, wenn die Kinder auf dem Spielplatz sich so richtig austoben. Wenn sie wild spielen, rennen und auch mal so richtig rummatschen. Aber ich bin eben auch jemand, der im Westen sozialisiert wurde, also einer individualistischen Kultur.

30 O-TON (Scheithauer)

Hier fördern Eltern zum Beispiel die Selbstbestimmtheit des Kindes, die Autonomie, die Unabhängigkeit ihrer Kinder. Und der Selbstausdruck und eine offene Kommunikation von ich-fokussierten Emotionen wird hier besonders betont. Also Ärger, Stolz, Ekel, auch negative Emotionen werden hier viel stärker gefördert und akzeptiert als eben in den kollektivistischen Kulturen. 

ERZÄHLERIN

Die kollektivistischen Kulturen findet man in vielen Ländern Asiens. 

31 O-TON (Scheithauer)

Wir sprechen auch von Emotional Display Rules, das heißt, es gibt bestimmte Regeln, die wir einfach kulturell vermittelt kennen, wie man sich in bestimmten Kontexten zu verhalten hat – wenn man glücklich ist, wenn man fröhlich ist, wenn man wütend ist, wenn man ängstlich ist usw. Das heißt, je nach kulturellem Hintergrund kann dann auch die gezeigte Gesichts-Mimik etwas anders ausfallen.

ERZÄHLERIN

Das kann dazu führen, dass wir in einer fremden Umgebung, in einer anderen Kultur erst mal unangenehm auffallen. Aber gleichzeitig macht es auch deutlich, wie vielfältig wir Menschen sind. 

32 O-TON (Pauen)

Auf der positiven Seite zeigt das ja eigentlich, mit wie vielen unterschiedlichen Formen des Austausches wir zurechtkommen. Also im Prinzip sind die Kleinen wirklich offen für alles. Es kommt darauf an, was wir ihnen bieten. 

Musik 8

"Im Innern Berlins" - Album: Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt (Die Original Filmmusik) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'24

ERZÄHLERIN

Uns ist es wichtig, unserem Sohn zu zeigen, dass alle seine Gefühle okay sind. Auch Wut. Und mit der Zeit ist es uns gelungen, auch bei heftigen Wutanfällen gelassen zu bleiben. Meistens jedenfalls. Aber es muss auch gar nicht immer perfekt laufen. 

33 O-TON (Scheithauer)

Weil es gibt ja auch Möglichkeiten der Wiedergutmachung, dass man dem Kind das hinterher erklärt und sagt: Du, Mama ist gerade ganz doll im Stress und es tut mir leid, ich wollte dich jetzt nicht anschreien. Auch das ist etwas, was Kinder dann lernen von den Erwachsenen, dass man auch mal einen Fehler macht und dass man sich aber entschuldigt und mit dieser Situation umgeht.

Musik 9 

"Desolate Spirit" - Ausführende: Nick Johnson & Nino Morro - Album: Nordic Noir - Komponist: Nick Johnson - Länge: 0'37

ERZÄHLERIN

Sich entschuldigen, sich wieder vertragen und versöhnen – auch das will gelernt sein. Am besten von den eigenen Eltern. 

34 O-TON (Scheithauer)

Man kann damit seinem Kind auch gleichzeitig wieder etwas Gutes tun, indem es lernt: Auch Erwachsene sind schwach, auch Erwachsene machen Fehler, und die wissen aber auch, wie man sich dann entschuldigt und wie man das wieder geradebiegt.

ERZÄHLERIN

Und das ist bei all den starken Gefühlen, die im Familienalltag so aufkommen, doch letztlich sehr beruhigend. 


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Das pralle Leben kehrt zurück nach dem langen, kargen Winter. Sprecherin: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Sprecher: In der Natur, so wie in allem Leben. O-Ton 1 Petra Bock (0‘29“) Und dann bin ich ins Bett gegangen, konnte lange nicht einschlafen, plötzlich hatte ich ne Art Vision, so kann man es wirklich nennen, hatte ich ein Bild, wie ich an einem wunderschönen Frühlingstag in einem Zimmer sitze bei offenem Fenster, draußen ist ein Obstgarten, die Vögel zwitschern, und ich sitze da und schreibe. Und in dem Moment kam so ein richtiges Glücksgefühl auf. Eins, dass ich seit Monaten nicht mehr kannte. Sprecherin: Ein Neuanfang im Leben der promovierten Politologin Petra Bock. Bevor er Wirklichkeit wurde, kam er zunächst als vielversprechende Vision in ihr Leben geschneit. Sprecher: „Neuanfang“ – das klingt fast magisch. Nach Chancen. Verheißungsvoll, inspirierend, motivierend. Nach frischem Wind, Fülle, Optimismus und Weiterentwicklung. Das ganze Leben ist voller Neustarts: freiwilligen wie unfreiwilligen. Großen wie kleinen. Jeder Tag, jedes Aufwachen, jeder Atemzug ist im Grunde ein winziger Neuanfang. Nicht immer, aber oft muss etwas Altes sterben, bevor etwas Neues beginnen kann. Musik, dann darüber Sprecherin: Petra Bock führte ein Leben wie aus einem Hochglanzmagazin. Sie fuhr ein chices Auto, trug teure Klamotten und führte ein klassisches Businessleben in der Banken-Metropole Frankfurt. Dort arbeitete sie – nach ihrer Promotion mit 28 – als Unternehmensberaterin und Wirtschaftsanalystin. 12-14-Stunden-Tage waren die Regel. O-Ton 2 Petra Bock (0‘16“) Das war einfach sehr, sehr anstrengend, und ich war immer öfter erkältet. Bin dann trotzdem ins Büro gegangen, hab mich trotzdem reingeschleppt, hab dann für die Präsentationen noch irgendwie ne Tablette geschluckt, dass ich mit dem Fieber zurechtkomme. Das ist dann so ein Prozess geworden, so dass ich mich fast jede Woche neu erkältet hab. Musikzäsur O-Ton 3 Günter Menne (0‘11“): Wenn Menschen zu mir kommen, dann kommen sie aus zwei Beweggründen. Eigentlich immer. Sie wollen irgendwo hin – zu oder sie wollen von – weg. Von etwas weg. Sprecherin: Günter Menne ist Coach. Er begleitet Menschen bei Neuanfängen. Oft, so seine Erfahrung, meldet sich dieses Bedürfnis in der Lebensmitte. O-Ton 4 Günter Menne (0‘06“): Wo die große Frage im Raum steht für viele: Was denn noch? Was ist noch möglich? O-Ton 5 Petra Bock (0‘08“) Die Frage war: Möchte ich das bis zum Ende meines Lebens machen? Also bis zum Ende meines Berufslebens machen? Und dann kam sofort so ein: „Nee, um Gottes Willen. Das halt ich gar nicht aus!“ O-Ton 6 Günter Menne (0‘53“): Wenn Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ von jedem Zauber spricht, der uns beschützt bei allen Neuanfängen, dann denke ich aus meiner Erfahrung, die ich auch als Coach gewonnen habe, dass dieser Zauber sich nur dann entfalten kann, wenn wir wirklich gegenwärtig bleiben bei den Veränderungen, die uns oft auch widerfahren. [[ Und um die Gelegenheit zur Aktualisierung, zur Veränderung in jeder neuen Erfahrung überhaupt zu erkennen, müssen wir gegenwärtig sein.]] Und zu spüren: Passt die noch zu mir? [[ Und aus diesem Gespür eine Kraft zu entwickeln, die wir oft als Druck oder auch als Sog erleben. Wobei dir Veränderung durch Sog in aller Regel leichter funktioniert als die Veränderung durch Druck.]] Sprecherin: Petra Bock lag also mal wieder mit ihrer soundsovielten Nasennebenhöhlenentzündung im Bett, als ihre Vision erschien: Das Bild von sich selbst, schreibend, mit dem Blick auf die Obstbaumwiese. 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Dann strengen sich Menschen weniger an. Erfolgreicher sind hingegen diejenigen, die Hindernisse und Hürden im Vorfeld schon mal durchspielen. Forscher nennen das "mentales Kontrastieren". Sprecherin: Für Michael Schonnebeck kann ein Neustart nur dann gelingen, wenn ein möglicher Misserfolg theoretisch praktisch miteingeplant wird. Eine Erfolgsgarantie gibt es sowieso nie. O-Ton 9 Michael Schonnebeck (0‘28“): Zum mutigen, abenteuerlichen, gewagten Leben gehört die Gefahr dazu, von der Bahn abzukommen, ins Straucheln zu geraten, abzustürzen, sich weh zu tun, und ich glaub, jeder muss entscheiden, wie sein Spielraum ist: eher schmaler oder eher etwas weiter, aber sich das zu erlauben, ist der Preis, die Eintrittskarte quasi für ein etwas aufregenderes, selbsterfüllenderes Leben. Sprecherin: Coach Günter Menne kennt das Stadium des Zweifelns bei seinen Klientinnen und Klienten nur allzu gut. Oft ist es der Knackpunkt, der darüber entscheidet, ob aus einem Neuanfangs-Plan auch ein tatsächlicher Neuanfang wird. O-Ton 10 Günter Menne (0‘36“): Neuanfänge fallen manchen oder vielleicht auch vielen Menschen schwer, weil wir oft an Glaubenssätze – aus der Kindheit beispielsweise – gebunden sind. Da hat der Vater vielleicht zu seiner Tochter gesagt „Du hast kein Talent, mach was Vernünftiges!“ und diesem Glaubenssatz ist die Tochter gefolgt und entdeckt vielleicht erst im Alter von 40 Jahren die Sehnsucht neu, und jetzt geht es in einem Coaching darum, die Glaubenssätze zu betrachten und umzuschreiben. O-Ton 11 Petra Bock (0‘27“) Der erste Gedanke war: Hmmm, was denken die anderen von mir? Ich bin dann so innerlich meine Reihe von Freunden und Bekannten durchgegangen und hab gedacht was sagen die dazu – ich werde jetzt Schriftstellerin! Das war ein guter Ausleseprozess für mich. Weil ich wusste: die oberflächlichen Nervbekanntschaften, die finden’s furchtbar, und die wollen nichts mehr mit mir zu tun haben (...) und andere wiederum, da wusste ich, die sagen: hey, Petra, endlich kommst du wieder zur Vernunft und machst deinen Weg, und es gab sehr viele, die mich unterstützt haben dann. Musikzäsur Sprecher: Neuanfänge gehören unweigerlich zum Leben dazu. Neuanfang, das bedeutet auch fast immer: Abschied von etwas Altem, Liebgewonnenem. Meistens gibt es zu jedem ersten Mal auch ein letztes Mal. Sprecherin: Der letzte Schultag – der erste Tag an der Uni. Der letzte Tag als Junggesellin – der erste Tag als frisch Verheiratete. Der letzte Tag in der alten Firma - der erste in der neuen. Der letzte Frühlingstag, der erste Sommertag. Über Musik: Sprecher: Der Sommer entfaltet sich wie ein strahlender Neuanfang. Alles erwacht zu neuem Leben: Blumen blühen in leuchtenden Farben, Bäume tragen stolz ihr grünes Blätterdach, und Vögel singen um die Wette. Die Luft ist erfüllt von einem Gefühl der Möglichkeit und des Aufbruchs. Von der Sonne gekitzelt aufzuwachen, erzeugt gleich das Gefühl. Heute geht was! Packen wir’s an! Musik weg Sprecher: So magisch es auch klingen mag: Keineswegs wohnt jedem Anfang ein Zauber inne! Krankheit, Tod, Verlust des Partners, des Arbeitsplatzes – all das sind Ereignisse, die Menschen zu Neuanfängen zwingen. Und diese Neustarts sind keineswegs verheißungsvoll, hoffnungsvoll und inspirierend. Sie sind oft einfach nur bitter und schmerzhaft. Ggf. über Musik O-Ton 12 Petra van Laak (0‘16“): Als junge Frau hab ich davon geträumt, viele Kinder zu haben und eine gute Ehe zu führen und mit meinem Partner alt zu werden und später dann auf die Enkelkinder auf dem Rasen spielend zu gucken und sich über die Kinder auszutauschen – das war mein Ideal. Und das ist natürlich komplett zersprungen in tausend Stücke. Sprecherin: Rückblende. Petra van Laak, studierte Kunsthistorikerin; führte ein Leben an der Seite eines erfolgreichen Geschäftsmannes. Sie kümmerte sich um die gemeinsamen vier Kinder, hielt das große Haus am See in Schuss. Geld spielte keine Rolle. Es war einfach immer genug da. Bis herauskam, dass ihr Ehemann nicht halb so erfolgreich war, wie er vorgab. Er war hochverschuldet, hielt das aber lange geheim. O-Ton 13 van Laak (0‘31“): Das passiert alles gleichzeitig. Das Haus kommt quasi untern Hammer, also die Zwangsversteigerung steht im Raum. Sachen werden gepfändet, Strom wird abgestellt, Telefon wird abgestellt, kein Zugang mehr zum Konto. Es gibt kein Bargeld mehr, man kommt an Bargeld nicht mehr heran, d.h. ich hab dann so Sachen gemacht wie alle Schubladen durchforstet, nach alten Währungen, von früher, wenn wir gereist sind, dann hab ich die Währungen zur Bank getragen und hab die erst mal eingelöst und umgewechselt, auch zu schlechten Kursen, um wieder Bares zu haben. Und um wieder einkaufen zu können. Bei Aldi, ein paar Nudeln. Ggf. akustische Zäsur O-Ton 14 van Laak (0‘49“): Ich kam mir total exotisch vor, als ich noch in der Villa war und die Räumungsklage am Hals hatte und mich das Amt für Wohnraumsicherung – so heißt das – und Obdachlosenstelle oder so ähnlich, forderte mich dann auf per Brief, mich bei denen zu melden, dass mir eine Bleibe zugewiesen werden kann. Und dann bin ich zu diesem Amt gestiefelt – hatte noch ein Auto mit ganz normalem Outfit, Aktenordern unterm Arm und gehe diesen langen Flur lang und links und rechts sitzen ist jetzt total klischeehaft – wirklich Punks, Penner, Junkies das ganze Chaos sitzt da, ich geh da durch, und die grüßen mich alle, weil die dachten: Da kommt die Sachbearbeiterin! Das war für mich der Hammer! Dann grüßte ich freundlich zurück und setzte mich zwischen die auf die Bank. Sprecherin: So tauschte die einst reiche Gattin und Mutter von vier Kindern ihr Haus am See in eine dunkle, feuchte Sozialwohnung. O-Ton 15 van Laak (0‘35“): Mir war schon klar, dass das ein grausamer Abstieg war. Dass das offensichtlich regelrecht würdelos war, wie wir da gewohnt haben, ist mir an den Gesichtsausdrücken klar geworden der Mütter, die ihre Kinder vorher in die Villa gebracht haben, dann eben mit ihren großen Autos in eine andere Gegend fuhren und ihr Töchterchen zum Spielen abholten oder ablieferten und dann durch dieses Treppenhaus mit Katzenpipi im Flur usw. und mit abgerissenen Tapeten an den Wänden, mit Modergeruch aus dem Keller, dann sah ich an deren Gesichtsausdruck: Oh ja, das muss schon ein krasser Gegensatz sein! Sprecherin: Ein Neuanfang ohne Zauber. Einfach nur eine knallharte Herausforderung, mit den Veränderungen irgendwie umzugehen. Trotzdem - oder gerade - weil die Fallhöhe so groß war, entwickelte Petra van Laak ungeahnte Kräfte. Nie hätte sie gedacht, dass sie sich mal über eine geschenkte Kiste voller Lebensmittel so freuen würde. Oder dass sie durchaus in der Lage sein würde, sich und ihre Kinder mit Telefon-Drückerjobs über Wasser zu halten. Sprecher: Vielleicht ist das der Anfangs-Zauber, von dem Hesse in seinem Gedicht spricht, der uns beschützt und uns hilft zu leben. Sprecherin: Neben aller Härte und Gnadenlosigkeit, die diese Situation mit sich brachte: Petra van Laak entwickelte in dieser Zeit auch ungeheuer viel Kraft, Mut und Optimismus. O-Ton 16 Peter Gross (0‘07“): Der Buddhismus sagt: Bereite dich sozusagen darauf vor, dass nichts Bestand hat. Nichts bleibt gleich. Alles wandelt sich. Sprecherin: Peter Gross ist Psychotherapeut und Buddhist. Er stellt fest, dass sich Menschen mit Neuanfängen oft deshalb sehr schwertun, weil sie sich vom Alten nicht gut trennen können. Sprecherin: Ein großes Problem bei Neuanfängen, so Peter Gross, läge darin, was im Buddhismus „Anhaftung“ genannt wird: O-Ton 17 Peter Gross (0‘26“): Eine Lehre des Buddhismus ist: Nicht an Vergänglichem festzuhalten. Was zugegebenermaßen ein ziemlicher Lernprozess ist. Also erst mal die Vergänglichkeit anzuerkennen: dass es so ist und dass es da keine Ausnahmen gibt. Und zweitens: dass dieses Festhalten am Vergänglichen, dass das die Ursache des Leidens ist. Sprecher: Eine Studie der Universität New York und der Universität Hamburg kam 2020 zu dem Ergebnis, dass ein guter und zufriedener Abschied mit dem Lebensabschnitt davor entscheidend für einen erfolgreichen Neuanfang ist. Und auch Hermann Hesse spricht davon, dass das Herz bei jedem Lebensruf bereit sein müsse zum Neubeginn – und zwar ohne zu trauern. Ein Gedanke, der besonders bei schmerzhaften Verlusten ein wenig fremd anmuten mag. Über Musik Sprecher: Im Herbst wechselten die Farben. Das satte Grün der Blätter verwandelt sich in ein Kaleidoskop aus Rot, Orange und Gelb. Es wird allmählich kühler und dunkler, die Nächte länger. Zeit der Reflexion, die vorher nicht zur heiteren Stimmung der langen hellen Sommernächte passte. Auch der Herbst ist ein Neuanfang, eine Zeit des Wandels und die Vorbereitung auf die kommende Ruhe des Winters. Musik weg Sprecher: Alles ist stets im Fluss. Klingt nach Kalenderspruch, ist aber ein Gesetz des Lebens. Eins, gegen das sich Menschen manchmal mit aller Macht stemmen. Aus Angst vor Weiterentwicklung verharren sie dort, wo es ihnen schon lange nicht mehr gut geht: in lieblosen Beziehungen, frustrierenden Arbeitsverhältnissen, leeren Freundschaften. Sie horten hunderte von Gegenständen, die sie gar nicht brauchen. Einfach weil sie es nicht schaffen, sich davon zu trennen. Sprecherin: Für Hirnforscher Dr. Gerald Hüther liegt ein Grund dafür in der Art, wie unser Gehirn konzipiert ist. O-Ton 18 Gerald Hüther (0‘43“): Wir sind ja alle ziemlich bequeme Menschen, und das Hirn ist ein Energiesparorgan. Immer dann, wenn dich das Hirn anstrengen muss, wenn man noch mal denken muss oder gar wenn man was verändern muss, wird’s furchtbar energieaufwendig. Wenn man sich einmal im Leben mit bestimmten Verhaltensmustern eingerichtet hat, dann ist das ne Katastrophe, wenn man plötzlich anders denken soll. Und wenn man anders handeln soll. Das macht keiner gern. Weil das Angst macht. Sie fühlen sich in dem alten Denken, in den alten Räumen, in denen Sie sind, da fühlen Sie sich total wohl, und jetzt sollen Sie raus in die Welt und etwas grundsätzlich Neues probieren: Da wissen Sie gar nicht, wie Sie das alles einordnen sollen! Sprecher: Der Aufbruch fällt - je nach Persönlichkeit - dem einen leichter und der anderen schwerer. Neugier, Mut und ein gewisser Anfängergeist sind hierfür gute Voraussetzungen. Sprecherin: Gerald Hüther sagt: Neuanfänge sind jederzeit möglich - wenn das Herz die Richtung vorgibt. Wenn sich also ein 85jähriger in eine Chinesin verliebt, sei er durchaus noch in der Lage, chinesisch zu lernen! O-Ton 19 Gerald Hüther (0‘11“): Wenn es einem unter die Haut geht. Also wenn es wirklich wichtig ist. Dann werden im Hirn die so genannten emotionalen Zentren aktiviert, und dann macht man sich auch auf den Weg! Geräusch 1: 18‘30“ Kommt, poltert, bringt Jagdhorn, bläst Sprecherin: Auch Coach Günter Menne wagte einen Neustart. Der Magic Moment ereignete sich an seinem 57. Geburtstag. O-Ton 20 Günter Menne (0‘16“): Ein paar Freunde waren zum Essen eingeladen, und da oben auf dem Schrank im Esszimmer, da lag seit Jahrzehnten ein kleines Jagdhorn. Ein Geschenk meines Vaters an mich im Alter von sieben Jahren, ja, und dann lag’s rum. 50 Jahre lang. Geräusch 2: Horn O-Ton 21 Günter Menne (0‘30“): Und wie zum Jux nahm ich dann dieses kleine Jagdhorn aus Kindertagen in die Hand, traut auf die Terrasse, und tatsächlich kam da ein Ton und auch ein zweiter, und diese zwei, drei Töne, die ich dann in dieser Nacht auf der Terrasse hinausblies, die haben eine solche magische Wirkung auf mich gehabt, dass ich am anderen Tag nach meinem Geburtstag nur diesen einen Wunsch in mir spürte: Ich möchte Horn lernen. Mit 57 Jahren. Sprecherin: Es war ein freiwilliger Neustart. Ohne Not, ohne vorherigen Abschied. Also die Luxusvariante eines Neubeginns. Einfach so aus einem Entdeckergeist heraus, der Lust zu experimentieren. O-Ton 22 Günter Menne (0‘19“): Der Klang war für mich reine Magie. Und damit verbunden der heiße Wunsch, das auch können zu wollen. Man stelle sich vor: Dieses vielleicht schwierigste aller Instrumente zu erlernen und hoffentlich eines Tages ganz schön spielen zu können. Sprecherin: Nach Jahren des intensiven Übens und unzähliger Unterrichtsstunden ist der Coach heute so weit, dass er sagt: Ich bin zufrieden! Sprecher: Vielleicht liegt darin das Geheimnis, gut mit dem Wandel des Lebens umzugehen: Sich einfach immer mal wieder im Kleinen etwas Neues zu trauen. Dort, wo es um nichts geht. Unwissend, ob es klappt. Das Scheitern einkalkulierend. Das trainiert vielleicht für den großen Wandel. Musikzäsur Sprecher: Neuanfänge bieten große Chancen für persönliches Wachstum und die Verwirklichung von Träumen und Zielen. Auch Hermann Hesse spricht in seinem Gedicht vom Weltgeist, der uns Stufe um Stufe heben und weiten will. In jedem Fall aber erfordern Neuanfänge meist Durchhaltekraft und Resilienz, um Rückschläge zu überwinden. Nicht selten wachsen Menschen über sich heraus, wenn sie aufstehen und ihr Krönchen neu richten müssen. Sprecherin: Petra van Laak, die einst reiche Unternehmergattin, wagte irgendwann den Sprung in die Selbständigkeit. Heute ist sie Chefin einer Kommunikationsagentur und wurde zur Unternehmerin des Jahres des Landes Brandenburg ernannt. Ohne den unfreiwilligen Neustart wäre das wahrscheinlich nie so gekommen. O-Ton 23 Petra van Laak (0‘22“): Ich hatte so ne innere Freiheit, ne innere Unabhängigkeit, ich war früher in einer viel abhängigeren Situation, die mir vielleicht auch gar nicht in meinem Wesen entsprochen hat, und im Grunde war dieser Zusammenbruch dieser bürgerlichen Existenz auch eine Katharsis. Eine Möglichkeit, Dinge abzustreifen und vielleicht auch gereinigt aus so was hervorzugehen. Sprecherin: Auch für die frühere Finanzanalystin Petra Bock hat der Neustart die entscheidende Wende gebracht: Mittlerweile hat sie einige Bücher geschrieben und coacht unter anderem Menschen auf dem Weg in ihre Berufung. O-Ton 24 Petra Bock (0‘21“): Damit macht mein Leben irgendwo Sinn. Und meine Talente, da hatte ich immer so ein Gefühl: die hab ich nicht umsonst mitbekommen. Ich bin kein gläubiger Mensch im klassischen Sinne, aber so ein Gefühl für spirituelle Verbundenheit zu etwas Größerem habe ich auf jeden Fall. Und so hab ich das empfunden. Ich dachte: ja, das könnte was sein, wofür ich vielleicht auch mit auf die Welt gekommen bin. Das war ein sehr tiefes und dankbares Gefühl. Musik, dann darüber: Sprecher: Die Winterlandschaft verwandelt sich über Nacht in ein zauberhaftes Wunderland aus glitzerndem Schnee. Bäume tragen frostige Kronen, während der Atem der Natur in der kalten Luft sichtbar wird. Die Natur ruht in einem tiefen Schlaf, bereit, sich für einen neuen Zyklus vorzubereiten. Menschen nutzten die Stille und die Einsamkeit, um über Vergangenes nachzudenken und neue Pläne zu schmieden. Der Winter ist mehr als nur eine kalte Jahreszeit – er symbolisierte Hoffnung, Reinigung und die Möglichkeit für einen frischen Start.

  • Surfen - Ein Sport und seine Geschichte

    22.05.2025 · 23 Min.

    Surfen war für die Ureinwohner Hawaiis mehr als ein Freizeitvergnügen: Sich auf hölzernen Brettern Wind und Wellen auszuliefern, war für die Südsee-Insulaner gar eine Religion. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitet sich das Surfen weltweit. Von Lukas Grasberger Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Daniela Röder Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Matze und Laura, Wellenreiter und Surftouristen aus Hannover; Prof. Sabine Kind, Professorin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, Saarbrücken und Surferin; Timo Sternemann, Diplom-Sportwissenschaftler, Surflehrer und Coach, Münster; Arthur Pauli, Pionier des Flusssurfens, Traunreut; Philip Köster, Windsurf-Weltmeister in der Disziplin „Wellenreiten“, Gran Canaria Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die Meeresbrandung - Ein Küsten-Schauspiel voller Überraschungen JETZT ENTDECKEN Der Kampf ums Meer - Tiefsee, Nordpol, Pazifik JETZT ENTDECKEN Meerestiere im Klimawandel - Wenn das Wasser imm wärmer wird JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“ Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt – oder gleich HIER Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Wellen, Stimmen am Strand, darüber Sprecher (Aussprache: „Si – ser“, Betonung auf erster Silbe) Es ist ein sonniger, aber windiger Mittag am Cicer-Strand in Las Palmas auf Gran Canaria – einem der beliebtesten Surf-Spots Europas. Matze und seine Freundin Laura aus Hannover haben gerade ihre Wellenreit-Session beendet. Nun entspannt das Paar an der Strandpromenade in der Sonne, lässt den Surf-Tag Revue passieren – und sinniert über die Faszination, die das Surfen für sie im Allgemeinen und im Besonderen ausmacht. O-Ton 1 Matze, Surfer aus Hannover „Weil wir es einfach lieben, im Wasser zu sein, und Verbundenheit zur Natur zu spüren...Wir hatten schon sehr viele sehr schöne Momente, ich erinnere mich an einen Moment in Porto: Es hat leicht geregnet, und die Sonne kam alle paar Minuten doch ein bisschen raus. Und wir mitten im Wasser, und um uns keine Menschen. Also das sind diese fast meditativen Elemente, die mir das Surfen gibt.“ O-Ton 2 Laura, seine Freundin, ebenfalls Surferin „Diese Kombination: Natur und Urlaub gleichzeitig, und auch Sport zu treiben...macht auf jeden Fall viel Spaß!“ Sprecher Matze und Laura sind Surf-Touristen. Wann immer das Paar Urlaub hat, reist es dorthin, wo die Wellen am besten brechen, wo die Urgewalt des Meeres den Surfer oder die Surferin auf seinem Brett meterweit trägt. In Portugal waren sie schon, in Nordfrankreich - und jetzt in Las Palmas auf Gran Canaria. Und überall treffen Matze und Laura auf Gleichgesinnte: Längst ist eine internationale Surf-Community entstanden, die die Faszination für Meer, Wind und Wellen eint. Musik: Inca Gold 0‘35 Sprecherin (Aussprache: Kabaiitos de Totora, Betonung auf den „i“) Es ist indes kein neues Phänomen: Schon vor Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden wagten sich Menschen auf hölzernen Brettern oder auf einem Gefährt aus geflochtenem Schilf aufs Meer. Schon auf Keramiken der Vor-Inka-Zeit fand man Zeichnungen peruanischer Fischer, die auf Caballitos de Totora, auf „Schilf-Pferdchen“ über die Wellen ritten. Auch Höhlenmalereien aus Polynesien aus dem 12. Jahrhundert zeigen bereits, wie sich Vorreiter der heutigen Surfer auf dem offenen Meer bewegen. O-Ton 3 Sabine Kind, Sportwissenschaftlerin und Surferin „Ursprünglich sind die Polynesier und die Hawaiianer mit ihren Auslegerkanus rausgepaddelt, um halt zu fischen, quasi um ihre Nahrung aus dem Wasser zu holen….“ Sprecherin ….weiß Sabine Kind, Professorin für Sportwissenschaften, die zum Thema „Surfen“ promoviert hat. Musik: Ku’ulpolka 0‘30 Sich in die oft meterhohen Wogen des pazifischen Ozeans zu wagen – das taten die Bewohner der Südsee-Inseln nicht nur zum Zweck des Nahrungserwerbs. Nachdem polynesische Seefahrer ihre Art, die Wellen auf einem Kanu, auf einer Planke oder einem Holzbrett zu reiten, nach Hawaii gebracht hatten, surfte man dort zum Freizeitvertreib. Das Surfen entwickelte sich so zur hawaiianischen Alltags-Kultur. O-Ton 4 Kind „Also vergleichbar mit den Inuit, die ich weiß nicht, wie viele hundert Bezeichnungen für Schnee und Schneeflocken haben, also ist das in Hawaii damals gewesen, dass sie unglaublich viele Bezeichnungen für das Meer hatten (…), und in allen Gesellschaftsschichten wurde gesurft. (…) Es gab halt Strände, die waren nur den Häuptlingen und den Königen vorbehalten und es gab halt Strände, die der allgemeinen Bevölkerung vorbehalten waren. (...) da gab es dann bereits maßgefertigte Surfbretter, auch hier gab es eine klare Trennung: bestimmtes Holz nur für die Könige, für die Häuptlinge, also sehr hochwertiges Holz und sage jetzt einfach mal Holz, was vielleicht nicht ganz so hohe Qualität hatte, für die normale Bevölkerung.“ Sprecherin Letztendlich, sagt Sabine Kind, gewann das Surfen auf Hawaii sogar religiösen Charakter. O-Ton 5 Kind „Das Meer hatte halt auch einen Götterstatus.(...)Es gibt kleine Tempel oder gab kleine Tempel, die halt auch errichtet worden sind, in denen dann um Wellen gebeten wurde, wenn keine Wellen da waren.(…) Da gab es dann Opfergaben in Form von Blumen, ich sage jetzt einfach mal Naturopfergaben: Das kann auch Obst gewesen sein - um dann eben auch entsprechend Wellen zu bekommen, gute Wellen zu bekommen. (...) Das andere war zum Beispiel, dass man bei nicht vorhandenen Wellen das Meer mit Seetang gepeitscht hat, um quasi Wellen herbeizuschwören, dazu gab es dann halt auch bestimmte Gesänge.“ Sprecherin Doch: dass die Hawaiianer ihr gesamtes Leben von früh bis spät nach dem Gang der Wellen ausrichteten – dies sollte bald der Vergangenheit angehören. Nach der Entdeckung der Inseln durch James Cook kamen im 19. Jahrhundert christliche Missionare nach Hawaii. Diesen war das heidnische Brauchtum ein Dorn im Auge: allem voran, dass sich die Inselbewohner nackt aufs Brett stellten. Den Missionaren gelang es, ihre moralischen Sitten durchzusetzen. Mit ihnen hielt auch ein klar strukturierter Tagesablauf auf den Südseeinseln Einzug, der sich nicht mehr nach Ebbe und Flut, nach dem Gang der Wellen richtete. Die kulturelle Einbindung des Surfens ging verloren, es verkam zum reinen Zeitvertreib. Musikakzent: White sandy beach of Hawai 0‘15 Es war Duke Paoa Kahanamoku – kurz, der „Duke“ - der Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance des immer weniger populären Surfens herbeiführte. O-Ton 6 Kind „...Er hat das Ganze wirklich nach vorne gebracht: Ursprünglich ja auch ein Schwimmer, ein Rettungsschwimmer, wenn man in Waikiki am Strand steht, gibt es eine ganz große Statue von ihm mit einem Surfbrett. (…) Im Prinzip hat er das Surfen wieder gesellschaftsfähig gemacht, also eben, er hat halt im Prinzip einfach wieder gesurft und die Leute neugierig darauf gemacht, das hat ja so eine Sogwirkung dann: „oh, der macht das auf einmal, das ist ja schon wieder was Besonderes!“ Und letzten Endes hat er dann halt viele andere Leute mitgezogen. (...) Es wurden dann erste Surfclubs wieder eingerichtet, 1908 wurde dann die erste offizielle Surforganisation, der Outrigger Surfboard Club nannte der sich, gegründet. Touristen haben dann halt bei diesen typischen Beach Boys, so nannte man sie oder so nennt man sie halt auch immer noch, Surfunterricht bekommen. Das Ganze ist dann ja von Hawaii nach Kalifornien gekommen.“ Musik: Beach Boys“, Surfin´USA 1‘00 O-Ton 7 Sternemann Teil 1 „Da war das mehr so: Hey, wir gehen da raus, wir haben Spaß zusammen und dödeln da auf so Riesenbrettern so ganz langsam durch die Welle (…) Sprecher ...weiß der Surflehrer und Coach Timo Sternemann. O-Ton 7 Sternemann Teil 2 „Und ich denke da, vielleicht hast du so Bilder auch vor Augen, da sind so 50 Leute auf einer Welle gesurft und ich glaube, da war das weniger kompetitiv.“ Sprecher Noch war das Surfen auf großen, trägen Brettern eine recht gemächliche Angelegenheit. Doch diese Zeiten änderten sich spätestens mit den 1950er-Jahren. Tüftler traten auf den Plan, um die Boards leichter, kleiner und wendiger zu machen. Dazu kamen mehreren Finnen: Kunststoffteile, die wie umgekehrte Haiflossen unten aus den Brettern ragen. Sie beschleunigten die Boards, und machten sie drehfähiger. Dies führte Timo Sternemann zufolge dazu... O-Ton 8 Sternemann „….dass die Sportart schneller, agiler, kraftvoller geworden ist, dass irgendwann (...) in den 70er Jahren die Bretter kürzer geworden sind und so ein Dreierfinnen-Set, so ein Thruster erfunden wurde. Da ist so mehr Dynamik reingekommen...und da brauchte dann ein Surfer die ganze Welle, weil der vor, zurück, rauf, runter gefahren ist und dann war dieser Style vom Surfen eben nicht mehr mit 30 Leuten auf einer Welle möglich.“ Sprecher Dass das Surfen so zunehmend Wettbewerbscharakter gewann – und dass es sich gleichzeitig immer mehr verbreitete: Dies hatte mit einer weiteren Neuerung zu tun: Dem Neopren-Anzug. Denn der machte längere Aufenthalte im Wasser auch in kälteren Regionen - wie etwa der französischen Atlantikküste - möglich. Befeuert durch Berichte in Zeitungen, Magazinen, Rundfunk und Fernsehen kam es in den 1960er-Jahren weltweit zu einem Surf-Boom. Atmo: Wellen Auch Arthur Pauli, einem Abiturienten aus dem Chiemgau in Oberbayern, fiel ein Artikel über das Surfen am französischen Atlantik in die Hände. Der junge Mann las ihn – und war sofort fasziniert: O-Ton 9 Pauli „Das war der da...„The Fabulous French Surf“. Und das war natürlich... uih, in Frankreich kann man surfen und Biarritz ist natürlich sozusagen die Hauptstadt des europäischen Surfens. Da musste ich unbedingt hin! Das war dann mein Grund, warum ich dann nach meinem Abitur mit dem Motorrad nach Biarritz gefahren bin.“ Sprecherin Doch: Wie dort surfen ohne eigenes Board? Arthur Pauli und sein ebenso surfbegeisterter Spezl schalteten eine Anzeige in einer Lokalzeitung im fernen Baskenland, um mit Surfern am Atlantik in Kontakt zu kommen. Gemeldet, erzählt Pauli, hat sich niemand. O-Ton 10 Arthur Pauli, Mit-Erfinder des Fluss-Surfens „Dann haben wir gesagt: Da gibt es bestimmt einen von den Surfern, der uns ein Brett leihen wird. Aber haben wir keine Resonanz bekommen, bis wir weggefahren sind nach Biarritz. Und auch in Biarritz selber hatten wir Pech gehabt, hat uns keiner ein Brett geliehen. Die waren alle in Betrieb. Immer wenn gute Wellen waren, waren die Bretter alle draußen. Und wenn keine guten Wellen waren, dann wollten wir auch nicht rausgehen. Der Traum, da viel zu surfen, war dann da ausgeträumt. „ Sprecherin Doch Arthur Pauli, der junge Surf-Pionier aus Trostberg, wusste sich selbst zu helfen. Der Traum, eine schöne Welle zu reiten – der musste sich doch auch fern der Ozeane verwirklichen lassen? Erste Erfahrungen damit hatte Pauli schon als Schüler gesammelt. Zuerst mit Holzbrettern, dann mit der Platte eines alten Campingtischs, die der Jugendliche mit einem Seil am Ufer der Alz befestigte. Sich darauf in die Fluten zu stürzen – das funktionierte aber nur leidlich. Arthur Pauli und seine Freunde verbrachten mit diesen Brettern mehr Zeit unter - als auf dem Wasser. Atmo Welle Surfin 0‘15 Der junge Mann beschloss daher, sein eigenes Surfbrett zu bauen. Als Vorlage hatte er nicht viel mehr als die Abbildung eines Wellenreiters auf einem Plattencover. Aber Pauli hatte schon Erfahrung im Modellbau, wusste bereits, wie man kleine Boote fertigt. Er sägte die Bestandteile des Bretts aus speziellem Sperrholz und überzog das Ganze mit Glasfaser-Polyester. Fertig war das erste im Chiemgau hergestellte Brett - möglicherweise das erste in Deutschland gefertigte Surfboard überhaupt. Mit der Übergabe eines seiner Boards an einen „Kunden“ in München im Jahr 1971 sollte auch die Geschichte des „River-Surfens“ in der Landeshauptstadt Fahrt aufnehmen. O-Ton 11 Pauli „Und da sind wir dann, das war dann südlich des Campingplatz Thalkirchen...da hat es auch eine kleine Welle gegeben, die war aber für uns das erste Mal noch nicht so interessant. Wir wollten das erste Mal mit dem Seil fahren, aber beim Fahren mit dem Seil mit dem Brett sind wir draufgekommen: Da ist ja eigentlich schon ein bisschen eine Welle, und vielleicht könnte man mal versuchen, so hinzufahren mit dem Seil, dass die Welle schiebt! Die war nämlich nicht sehr hoch die Welle, die hat schätzungsweise so 40 Zentimeter, 30 Zentimeter... Das ist uns nicht gelungen!“ Sprecherin Frei, ganz ohne Seil auf einer Welle zu stehen: An der heutigen Königsdiziplin der Fluss-Surfer scheiterten Pauli und seine Surf-Spezln damals – noch. O-Ton 12 Pauli „...aber mein Spezl, dem ich das Brett geliefert habe am Königsplatz, der hat mit einem amerikanischen GI, den wir da auch kennengelernt haben, der hat so lang probiert und so intensiv auf der Welle probiert, bis er es geschafft hat, auf dieser kleinen 30 Zentimeter hohen Welle wirklich ohne Seil zu reiten“ Atmo große Welle(n), darüber Sprecherin Während in München das Riversurfen florierte, die tollkühnen Wellenreiter – nunmehr auf dem Eisbach - nach und nach zur Touristenattraktion wurden, nahm weltweit eine andere Form des Surfens ihren Aufschwung: Musik: Wind beneath the wings 0‘45 Das Windsurfen. Es waren die US-Amerikaner Newman Darby und Jim Drake, die Ende der 1960er-Jahre die Idee, ein Surfbrett mit einem Segel zu verbinden, erstmals in die Tat umsetzten. Doch erst Neuerungen, die das Windsurfen bequemer machen, wie die Entwicklung des Trapezes, das die Hände entlastet, Fußschlaufen für höhere Standfestigkeit auf dem Brett, sowie insgesamt leichtere und agilere Bretter, die Sprünge ermöglichen, sorgten dafür, dass sich die Sportart weit verbreitete. Seinen weltweiten Durchbruch erlebte das Windsurfen Ende der 70-er, Anfang der 80er-Jahre. Sprecher Zu dieser Zeit wandert auch das Hamburger Ehepaar Köster nach Gran Canaria aus - und gründet dort eine Surfschule. Ihr Sohn Philipp wächst mit Wind und Wellen auf. O-Ton 13 Philip Köster, Windsurf-Profi auf Gran Canaria „Ich hatte eigentlich immer das Meer vor meiner Haustür. (...)Surfen ist mein Leben, sozusagen. Seit meinem achten Lebensjahr bin ich eigentlich nur am Windsurfen.“ Atmo: Wind/Meer Sprecher (Aussprache: Poso Iskierdo) Der hier stets wehende, oft starke Wind in Pozo Izquierdo im Südosten von Gran Canaria bietet professionellen Windsurfern wie Philip Köster beste Bedingungen. Musik: Sky in your eyes 0‘30 Manchen Surfer reizt der Speed: Profis erreichen bei starkem Wind Rekordgeschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometer pro Stunde. Andere bevorzugen die Disziplin „Slalom“. Philip Köster reizt indes eher das Waveriding: Die Wellen – und was sich aus ihnen machen lässt. O-Ton 14 Köster „Man kann Ein-, Zwei-Meter-Wellen haben bei einem guten Tag. Nicht so wie in Hawaii, wo es dann bis acht Meter geht. Das Spezielle hier auf Gran Canaria in Pozo, ist eigentlich der ganz starke Wind, wo man richtig hoch springen kann. Desto stärker der Wind ist, desto höher kann ich auch springen, was mir auch sehr viel Spaß bringt. Und ich schaue immer, immer höher zu springen. (...) Also ich bin schon seit Jahren lang dran am Triple Loop, also dreifachem Vorwärtssalto.“ Atmo: Meeresstand Sprecher Schon 2009, als Jugendlichem, gelang Philip Köster mit 18 Metern der damals höchste Sprung der Windsurfgeschichte. Köster war der erste Deutsche, der in der Kategorie „Wellenreiten“ Windsurf-Weltmeister wurde. Vier weitere Titel sollten folgen. Der junge Surfprofi ist „mit allen Wassern“ gewaschen. Doch perfekt – das, sagt Köster, ist man im Surfsport nie. O-Ton 15 Köster Man kann nie der perfekte Surfer sein.(…) Die Bedingungen sind eigentlich immer anders (…) Wenn der Wind stärker wird, wird alles unberechenbarer. Man kann Sachen kontrollieren bis zu einem Limit. Wenn der Wind, wenn erst mal zehn, elf, zwölf Windstärken da sind, dann kontrolliert man einfach nichts mehr so richtig. Und an dem Limit zu bleiben und Sachen auszuprobieren, bringt mir Spaß. Ja, das gehört eigentlich dazu zum Windsurfen, sich immer weiterzuentwickeln darin.“ Sprecher Es ist der Reiz des Unkontrollierbaren, der Surferinnen und Surfer bis heute veranlasst, sich den Elementen auszuliefern, sich zum Spielball der Urgewalt des Meeres zu machen. Ungefährlich ist das nicht: Philip Köster verletzte sich bei einem Sturz schwer am Knie, riss sich Bänder, ein Knochen splitterte ab. Beim Surfen kann einiges passieren: Das Board kann einen Surfer am Kopf treffen, er kann bewusstlos werden, im schlimmsten Fall ertrinken. Weltweit verunglücken durchschnittlich jedes Jahr zehn Surfer tödlich. Um das Surfen sicherer und besser zu machen, hat der Mensch die Technik der Boards über die Jahrzehnte immer weiter verfeinert: Zunächst beim Wellenreiten, dann beim Windsurfen, schließlich aktuell beim Kiten – wobei sich der Surfer von einem Lenkdrachen ziehen lässt. Musik: Longing for freedom 0‘20 Sprecherin Freiheit erfahren, sich eins fühlen mit einer Natur, die dem Menschen gleichzeitig genau seinen Platz zuweist: Das macht für den Sportwissenschaftler, Surflehrer und Coach Timo Sternemann die Faszination des Surfens aus. O-Ton 16 Sternemann „Für mich ist das tatsächlich so, dass man sich irgendwie in dieses große System Natur so reinbegibt und ja irgendwo nach diesen Regeln spielen muss. Das sind ja eigentlich Regeln der Physik. Also ich muss irgendwelche Regeln erfüllen, damit ich in diesem System da überhaupt auf diese Welle kommen kann oder mit dem Kite wegfliegen kann. Aber innerhalb dieser Grenzen dieses Systems, da kann man sich dann frei entfalten. Und das finde ich geil. Und ich finde, da kann man auch so ein bisschen Parallelen aufs Leben, auf das Leben in einer Gesellschaft auch ziehen. So wir haben hier bestimmte Regeln, bestimmte Eckpfeiler. Aber innerhalb derer kann man sich dann doch frei entfalten und kreativ sein.“ MUSIK: Hyacinth House 0‘25 Sprecher Neo-Hippies, die mit ihrem VW-Bulli den Wellen nachreisen, auf dem Dach immer das Board, in der Hand den obligatorischen Joint: Die, sagt Timo Sternemann, gebe es immer noch. Und doch habe sich im Surfen etwas verschoben: Weg von einer Lebenseinstellung, einem Lebensgefühl hin zum Sportlichen, das den modernen Prinzipien der Optimierung und Selbstoptimierung folgt. O-Ton 17 Sternemann „Bestimmt ist es kompetitiver geworden, weil die Welt ist ja durchaus, wir leben in den Medien und Marketing und Wirtschaft, das lebt ja irgendwie von Competition, vom Wettbewerb. (…) Und die Gesellschaft macht die Menschen, die Menschen machen die Gesellschaft, also werden diese Menschen auch genau das in so einen Sport reinbringen. In diesem Sinne kann man bestimmt sagen, ja, es gibt mehr Contests, mehr öffentliches Interesse, das würde auch so eine kompetitive Ader des Surfens fördern. Es gibt auch noch einen anderen Aspekt von Competition, das ist im Prinzip auch so ein Neidfaktor an den Spots, da gibt es natürlich auch etwas Kompetitives, nämlich wem gehört die Welle? Ist es den besseren Surfer, dem Surfer, der da wohnt oder sind die für alle da? Also dieses Lokalismus, Localism ist da ein Thema, glaube ich, wo Leute sich irgendwie des Kämpfens verpflichtet fühlen.“ Musik: Smart workaround 0‘45 Sprecherin Denn über Social Media, über Instagram, Facebook oder Tik Tok ist jeder einmal entdeckte Surfspot einer globalen Community einfach in Sekundenschnelle zugänglich. Surfer wüssten heute durch Wind- und Wettervorhersagen oft schon im Vorhinein, welche Orte sich wann zum Wellenreiten lohnen – wo es sich lohnt, hinzufahren, und wo nicht. Doch: Geht dadurch nicht das Geheimnis von Versuch und Irrtum, die Faszination des Entdeckens neuer Strände, die Spontaneität beim Surfen verloren? Timo Sternemann hat daran Zweifel. Denn dank der digitalen Errungenschaften könne man heute eben auch ganz spontan einen Trip dorthin buchen, wo Wind und Wellen gerade am besten sind. Für Sabine Kind, Surferin und Professorin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement hat ein weiterer Aspekt des Surfens jüngst an Bedeutung gewonnen: Fitness und Gesundheit. O-Ton 18 Kind „Atemübungen, Achtsamkeit, was kann ich meinem Körper zutrauen, was traue ich mir selber zu. (…) Es gibt ein paar wenige Studien, die zum Beispiel festgestellt haben, dass bei depressiven Verstimmungen, depressiven Erkrankungen Surfen helfen kann, das ganze zu verbessern. Eben aufgrund von Achtsamkeit, (...)man stärkt dadurch auch seine Selbstwirksamkeit, weil man ja immer seine Fähigkeiten intensiviert, immer mehr Fähigkeiten dazu gewinnt. Und eben auch durch diese Erfolgserlebnisse, die man dann irgendwann hat, wenn man dran bleibt, seine Selbstwirksamkeit stärkt.“ Musik: The flow of time 0‘45 Sprecherin In ihrer Doktorarbeit „Surfing - Happy and Healthy? Gesundheit im Habitus von Surfern“ zitiert Sabine Kind die brasilianische Big-Wave-Surferin Maya Gabeira, die nach einem lebensbedrohlichen Unfall in meterhohen Wellen gefragt wurde, warum sie trotzdem weitermache. Ihre Antwort: Der Flow. „Wenn Du in einer lebensbedrohlichen Situation in den Flow kommst“, erzählte die Profi-Surferin, „dann erreichst Du ein Level, das Du ohne diese Situation nie erreichen würdest.“ Es sei genau dieser Flow, der Surferinnen und Surfer trotz brenzliger oder auch einfach nur anstrengender Situationen immer wieder aufs Brett treibe, sagt Sabine Kind. O-Ton 19 Kind „Surfer sprechen ja auch oft oder überhaupt in diesen Sportarten, die ja häufig von diesem Flow-Gefühl beschrieben, dass es einen so trägt und dass es einen motiviert, weiterzumachen. Auch wenn vielleicht der Muskelkater von Tag vorher noch extrem vorhanden ist.“ Sprecher „Weitermachen, trotz aller Mühe!“ Das ist auch das Motto von Laura und Matze, die aus Hannover zum Surfen an den Stadtstrand von Las Palmas gekommen sind. Die Bedingungen: Sie waren heute nicht einfach, die Wellen ziemlich choppy, das heißt: Der Wind zerstreut die Wellen, macht sie ungleichmäßig – und so schwer zu reiten. Atmo Wellen Eine Erfahrung, von der sich passionierte Surfer wie Laura und Matze jedoch keineswegs entmutigen lassen. O-Ton 20 Laura „Heute schwierig, aber auch sehr interessant, die Wellen auch zu lesen. Ich habe begonnen – und ich werde, bis ich nicht mehr kann... surfen lernen und üben.“ Musik Ambient flow 0‘35 O-Ton 21 Matze „Ich hab das schon erwähnt mit dem Meditativen: Es ist wie Wandern, aber im Wasser. Und das Gefühl nach so ner Session: Das genieße ich auch immer sehr. Ich fühl mich wie...als wär ich in der Waschmaschine gewesen. Ich war auch in einigen Waschmaschinen: So nennt man das beim Surfen auch, wenn man unter Wasser ist. Von daher: Das Gefühl danach ist auch sehr, sehr schön.“

  • Claude Lévi-Strauss - Ethnologe und Philosoph

    21.05.2025 · 23 Min.

    Sind wir anders als sogenannte Naturvölker? Gibt es allgemeine Strukturen des Lebens und Denkens? Für den französischen Forscher und Philosophen Claude Lévi-Strauss galt: es gibt keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Völkern. Von Michael Reitz (BR 2020)

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