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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Weihnachtsmann & Co - Was hinter den winterlichen Gabenbringern steckt

06.12.2023 · 22 Min.

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Über diese Folge

Er kommt, wenn es kalt wird, hat einen langen Bart, einen dicken Bauch, und er bringt schöne Geschenke. Wer glaubt, diese Figur gibt es nur bei uns, der irrt: Mit anderen Namen kennt man sie sogar in China. (BR 2014) Autorin: Bettina Weiz

Credits
Autor/in dieser Folge: Bettina Weiz
Regie: Martin Trauner
Es sprachen: Christiane Blumhoff, Friedrich Schloffer
Technik: Ursula Kirstein
Redaktion: Bernhard Kastner

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  • Sex im Islam - Liebe, Lust und Leidenschaft

    06.12.2023 · 22 Min.

    Let's talk about sex! Das Bild des Islam ist konservativ, vor Jahrhunderten aber schrieben muslimische Gelehrte offen über Erotik, Liebe und Sex. Sex wurde wie Essen und Trinken als etwas Natürliches angesehen. Heute ist der Umgang mit Sex im Islam häufig ein anderer. (BR 2021) Autorin: Claudia Steiner Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Katja Bürkle, Julia Cortis, Christian Schuler Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Ali Ghandour, Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster; Dr. Meltem Kulacatan, Religionspädagogin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main; Serdar Kurnaz, Professor für Islamisches Recht in Geschichte und Gegenwart an der Humboldt- Universität zu Berlin; Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaften von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Fahimah Ulfat, Professorin und Religionspädagogin an der Universität Tübingen Literaturtipps: Ali Ghandour, Liebe, Sex und Allah – Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime, C.H. Beck Meltem Kulacatan, Geschlechterdiskurse in den Medien: Türkisch-deutsche Presse in Europa, Springer VS Fahimah Ulfat und Ali Ghandour (Hrsg.), Islamische Bildungsarbeit in der Schule: Theologische und didaktische Überlegungen zum Umgang mit ausgewählten Themen im Islamischen Religionsunterricht, Springer VS Thomas Bauer, Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient, C.H. Beck Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN (S. 122) „Lust auf eine glatte Vulva, nach Safran duftend! So eng wie eine Tülle, so voll wie Höcker, dass ein Penis darin ersticken würde. Ja, süßer als Honig ist sie für den Genießer.“ SPRECHERIN … schrieb die Dichterin ʿAmra bint al-Hamāris im 7. Jahrhundert über ihren Körper. Let’s talk about sex – über Jahrhunderte war das in vielen muslimisch geprägten Gesellschaften überhaupt kein Problem. SPRECHERIN Verschleierte, entrechtete Frauen, Polygamie, Harems, Homophobie – die westlichen Vorstellungen über Liebe, Leidenschaft, Sex und Erotik in muslimischen Gesellschaften sind nicht selten von Missverständnissen geprägt. Denn zum einen gibt es nicht DEN Islam, sondern unterschiedliche Entwicklungen, Strömungen und Interpretationen vom 7. Jahrhundert bis heute in verschiedenen Ländern, Kulturen und Gesellschaften auf der ganzen Welt. Zum anderen zeigen Schriften, dass in muslimischen Gesellschaften über Jahrhunderte Sex und Liebe gefeiert und als Geschenk Gottes gesehen wurden, sagt Ali Ghandour. Er lehrt am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster und hat ein Buch mit dem Titel „Liebe, Sex und Allah – Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime“ geschrieben: O-TON 1 (Ghandour 1, 0.02) Ja, es herrschen einige Vorurteile über das Thema. Zum Beispiel Sex ist nicht etwas, was mit der Sünde verknüpft wurde bei Muslimen, der Sex ist nicht per se schlecht oder etwas, was dämonisch ist. Sex ist eher positiv konnotiert in der muslimischen Tradition. MUSIK SPRECHERIN Es ging nicht nur darum, wie Männer ihre Lust und den Genuss maximieren konnten, auch die weibliche Lust spielte eine große Rolle. O-Ton 2 (Ghandour, 1, 0.55) Zum Beispiel in vielen erotologischen Werken wurde die weibliche Lust ziemlich ausführlich thematisiert, sprich: was die Frau zum Höhepunkt bringt. Auch die Anatomie der Frau wurde in diesen Werken studiert, auch sexuelle Positionen, die der Frau eher gefallen. Also, all das finden wir in diesen Werken. Es ist zwar aus einer männlichen Perspektive geschrieben, aber die weibliche Lust, wurde schon ernst genommen. SPRECHERIN So schrieb der Gelehrte Ibn al-Hāddsch im 12. Jahrhundert: ZITATOR (S. 138) „Man sollte nicht wie die Unwissenden handeln, die die Frau ohne jeden Übergang penetrieren. Vielmehr soll man mit der Frau spielen und in einer erlaubten Weise mit ihr kokettieren, durch Berührungen, Küsse und Ähnliches. Erst wenn man merkt, dass sie sich wohlfühlt und für den Akt bereit ist, erst dann kann man mit ihr Geschlechtsverkehr haben.“ SPRECHERIN Das westliche Bild des Harems, geprägt von Männerfantasien – vermittelte den Eindruck, dass muslimischen Männern Dutzende oder gar Hunderte Frauen zur sexuellen Verfügung stehen. Der Franzose Jean Auguste Dominique Ingres malte im 19. Jahrhundert barbusige und nackte Frauen, die sich lustvoll auf Diwanen oder in türkischen Bädern räkelten. Tatsächlich waren Harems einfach die Frauenabteilungen von Herrscherhäusern, in denen neben den Frauen auch Dienerinnen und Sklavinnen lebten. Der Begriff Harem geht auf das arabische Wort „haram“ zurück, was „verboten“ heißt. Der Harem war also ein privater Bereich im Palast, der für Außenstehende tabu war. Eine Zeitzeugin war die Lyrikerin Lady Montagu. Sie lebte mit ihrem Mann, der britischer Botschafter in Konstantinopel war, am Bosporus und besuchte die Gemächer, die den Frauen vorbehalten waren. Sie schrieb, dass die Realität nichts mit den erotischen Gemälden des Orientalismus zu tun hatte, sagt der Islamwissenschaftler Professor Thomas Bauer von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: O-TON 3 (Bauer, 5.35) Die Lady Montagu, die in dem 18. Jahrhundert herumreiste und sich damals schon mokierte über die ganzen Harems-Schilderungen, auch die Schilderung von Frauen-Bädern von Männern aus dem Westen (…) Lady Montagu sagte, dass sie eben die Einzige war, die auch in Frauen-Bädern war und die sah, wie absurd teilweise die Männerfantasien des Westens waren, die ja in einer Zeit entstanden, die ein sehr gespaltenes Verhältnis auch zur Sexualität hatte. SPRECHERIN Lady Montagu war zudem der Ansicht, dass türkische Frauen generell deutlich bessergestellt waren als britische. O-TON 4 (Bauer, 03:46) Die Lady Montagu sagte, dass die islamische Frau im Grunde freier ist als die britische Frau, weil sie über ihr eigenes Vermögen verfügen kann – was damals ja in England oder auch in Deutschland auch nicht ging. Das heißt, manchmal war die Frau sogar reicher als der Mann, es gibt einen bekannten Fall. Der berühmteste Hadith-Gelehrte überhaupt aus dem 14. Jahrhundert ist Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī. Der hatte die allerhöchsten Ämter inne, war Oberkadi in Kairo und hat im Haus seiner Frau gelebt, die eben noch reicher war. SPRECHERIN Durchschnittliche Muslime hatten keinen Palast und damit auch keinen Harem, Polygamie aber war - wie in anderen patriarchalischen Gesellschaften auch, zum Beispiel bei den alten Persern und den vorislamischen Arabern – erlaubt. Noch heute wird sie in einigen Ländern wie Pakistan, Afghanistan oder Nigeria praktiziert, in anderen Ländern ist sie verboten. Dabei war die Ehe mit mehreren Frauen im Islam aber nie die übliche Lebensform, sagt die Religionspädagogin Meltem Kulacatan von der Goethe-Universität Frankfurt am Main: O-TON 5 (Kulacatan, 17.44) Also (eine Konkubine oder wegen Nebengeräusch) eine Geliebte beziehungsweise mehrere Frauen, das wissen die betroffenen Männer, würde ich jetzt mal sagen - auch in Deutschland, muss man sich erst mal leisten können. Nichts Anderes ist das im Islam. Und es war als Notsituation, Notlösung gedacht für gesellschaftliche Situationen, wo Männer beispielsweise durch Kriege versehrt werden und wo es einen Frauenüberschuss gibt in einem patriarchalischen Kontext, wo Frauen einen Vormund benötigen und hier letzten Endes die Eheschließung mit maximal vier weiblichen Personen - vorausgesetzt, man wird ihnen allen gerecht auf die gleiche Art und Weise - ermöglicht werden sollte. SPRECHERIN Neben der Versorgung von Witwen wurden zum Beispiel auch Zweitfrauen genommen, wenn die Ehe mit der ersten Frau kinderlos blieb, sagt der Islamwissenschaftler Bauer: O-TON 6 (Bauer, ca. 2.40) Wenn man eine Frau heiratete, und man wollte bei ihr bleiben, hat aber festgestellt, dass der Kinderwunsch unerfüllt bleibt, da hat dann oft eine zweite Frau aus dem Dilemma geholfen. Aber man muss ja auch dazu sagen das ist natürlich, die Frauen untereinander sich ja auch irgendwie verstehen müssen – sonst wird die Ehe ja zu einer Hölle. Und in der Tat hat bei einigen Theologen diese Forderung, alle vier Frauen oder alle Frauen eins, zwei, drei (…) oder vier gleichermaßen gerecht zu behandeln, dazu geführt, dass man auch durchaus Verständnis für die (…) Monogamie entwickelt hat und sagte: eigentlich ist es nicht erlaubt. SPRECHERIN Umstritten unter Theologen ist die „Ehe auf Zeit“, eine zeitlich begrenzte Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau. Diese Genussbeziehung – die von schiitischen Strömungen als legitim angesehen wird - kann nur drei Tage oder auch mehrere Jahre dauern. Im Koran heißt es in Sure 4, Vers 24: ZITATORIN (Koran, Rudi Paret) Und verboten sind euch die ehrbaren Ehefrauen, außer was ihr an Ehefrauen als Sklavinnen besitzt. Dies ist euch von Gott vorgeschrieben. Was darüber hinausgeht, ist euch erlaubt, nämlich dass ihr euch als ehrbare Ehemänner, nicht um Unzucht zu treiben, mit eurem Vermögen sonstige Frauen zu verschaffen sucht. Wenn ihr dann welche von ihnen im ehelichen Verkehr genossen habt, dann gebt ihnen ihren Lohn als Pflichtteil! Es liegt aber für euch keine Sünde darin, wenn ihr, nachdem der Pflichtteil festgelegt ist, darüberhinausgehend ein gegenseitiges Übereinkommen trefft. Gott weiß Bescheid und ist weise. SPRECHERIN Die Frau bekommt also eine Ehegabe. Zudem muss der Mann während der Dauer der Verbindung für die Frau aufkommen. Männer, die sich zeitlich befristet verheiraten, können bereits eine Frau haben, Frauen müssen dagegen unverheiratet sein. Serdar Kurnaz, Professor für Islamisches Recht in Geschichte und Gegenwart an der Humboldt-Universität zu Berlin: O-TON 7 (Kurnaz, 11.46) Das ist eine alt-arabischen Tradition, die scheinbar einige Jahre auch (…) während der Lebzeiten des Propheten Mohammed (…) praktiziert worden ist. Die Überlieferungen zeigen, dass er das eine Zeit lang zugelassen hat. Scheinbar soll das die Verhältnisse regulieren, dass wenn jemand sich lange Zeit an einem anderen Ort befindet, (…) das ist eine Beziehung, die man führt, bei der danach ganz klar wird, dass jemand mit jemandem zusammen ist. Und wenn es Kinder aus dieser Ehe gibt beziehungsweise Beziehungen gibt, dann wird dieses Kind dann auch entsprechend identifiziert. SPRECHERIN Die Frauen mussten nach Ablauf ihrer Zeitehe zwei Menstruationszyklen warten, bis sie erneut heiraten durften. Im Iran ist die Zeitehe auch heute noch möglich. Die Kritik der Sunniten an dieser Form der Verbindung lautet, dass sie Prostitution ermöglicht, die es aber sowieso über Jahrhunderte gab. Zeitweise existierten Register, in die sich Prostituierte eintragen mussten. Es gab Tavernen, Bordelle und Unterkünfte, in denen man Prostituierte antraf. Prostitution wurde in mehreren Dynastien besteuert und war ein wichtiger Wirtschaftszweig. In den meisten Epochen wurde das Gewerbe toleriert, manchmal aber auch bekämpft und bestraft, indem Prostituierte zum Beispiel des Viertels verwiesen wurden. ZITATOR (S.82) „Den Wein trägt ein Effeminierter in Frauenkleidung, dessen Schläfe Moringaduft trägt. Er küsst die Trinker, während er sich flink unter uns bewegt. Mal ist er unser Lustgarten für unsere reifen und steifen Hengste, mal ist er unser Schenker und Narzisse.“ SPRECHERIN … schrieb der Dichter Abū Nuwās im 8. Jahrhundert über gleichgeschlechtlichen Sex, der durchaus üblich und verbreitet war. Ali Ghandour: O-TON 8 (Ghandour, 8, 0.18) Zum Beispiel, wenn wir jetzt das 9. und 10. Jahrhundert in Bagdad nehmen, waren die gleichgeschlechtlichen Beziehungen sehr verbreitet, auch unter der Oberschicht, aber auch unter der Unterschicht. Und das Gleiche kann man auch über das 15., 16. Jahrhundert in Ägypten sagen oder später auch über Istanbul sagen. Also, es war schon verbreitet, und in meiner Forschung habe ich kaum ein Phänomen, dass wir heute kennen, was nicht damals auch bekannt war und praktiziert war. SPRECHERIN Dies führte teilweise sogar dazu, dass sich Frauen in Bagdad weniger feminin gaben, um Männern zu gefallen, sagt der Berliner Wissenschaftler Kurnaz: O-TON 9 (Kurnaz, ca. 3.02) Es gab zum Beispiel Frauen, die sich bewusst ähnlich wie die Männer gekleidet haben, um aufzufallen. SPRECHERIN Doch die Frage, ob jemand heterosexuell oder homosexuell veranlagt war, stellte sich lange gar nicht. Diese Kategorisierung stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Thomas Bauer: O-TON 10 (Bauer, 8.22) In den islamischen Kulturen ging man einfach davon aus, dass alle erwachsenen Männer gleichermaßen sich in hübsche, junge Frauen und in hübsche, junge Männer verlieben können, die unterschiedlichen Vorlieben sah man nicht anders an als unterschiedliche Vorlieben beim Essen. Das heißt also, dass sich in einen jungen Mann zu verlieben war für einen Mann etwas, was (…) ihn nicht zur Überlegung brachte, ob er nun eine andere Identität hätte als andere Männer. SPRECHERIN Im Laufe der Jahrhunderte gab es - je nach Rechtsauffassung - gar keine Strafen für gleichgeschlechtlichen Sex bis hin zum Auspeitschen oder der Todesstrafe durch Steinigung. Eine Verurteilung war aber nur dann möglich, wenn vier männliche, muslimische, unbescholtene Zeugen den Akt beobachtet haben. Das heißt, selbst in Epochen, in denen Sex zwischen Männern offiziell bestraft worden ist, wurden diese Strafen fast nie vollzogen. SPRECHERIN Auch Liebes- und Sexbeziehungen unter Frauen sind überliefert. Im 9. Jahrhundert soll eine Dienerin und Sängerin mit dem Namen Badhal vor dem abbasidischen Kalifen al Maʿmūn gesungen haben, dass nichts köstlicher sei als Sex mit einer Frau. Der Kalif soll geantwortet haben, dass der Sex zwischen Mann und Frau besser sei, als lesbischer Sex. SPRECHERIN Dies zeige, so Ali Ghandour, wie ungehemmt am abbasidischen Hof selbst vor den Mächtigen über Sex gesprochen werden konnte. Liebes- und Sexbeziehungen unter Frauen galten zwar als moralisch falsch, lösten aber offenbar keine gesellschaftlichen Debatten aus. SPRECHERIN Über Jahrhunderte waren die Sichtweisen in Bezug auf Erotik, Liebe, Leidenschaft und Sexualität sehr liberal. Zu einem klaren Wandel kam es jedoch im 19. Jahrhundert, so Ghandour: O-TON 11 (Ghandour, 9, 0.12) Durch den Kolonialismus wurden Vorstellungen über die Sexualität und auch eine Sexualmoral verbreitet, die damals ziemlich konservativ war. Wir denken jetzt zum Beispiel an die viktorianische Sexualmoral. Auch die Einführung von neuen Kategorien, mit denen wir die Sexualität normieren, wie zum Beispiel das Perverse, das Nicht-Natürliche… Oder die Gesetze, die von Franzosen und Engländern erlassen wurden, die zum Beispiel die Homosexualität in den Kolonien verbieten. SPRECHERIN Auch der Islamwissenschaftler Thomas Bauer sieht einen deutlichen Anteil des Westens an der heutigen Sexualmoral in muslimisch geprägten Ländern: O-TON 12 (Bauer, 34,38) Also, zuerst hielt man islamische Gesellschaften für unmoralisch, und dachte, man muss sie (…) von diesen schrecklichen Lastern befreien. Heute hält man sie für repressiv und sagt: Man muss sie ja von dieser Repression befreien. Das glaube ich ist wirklich ein wichtiger Punkt. Was im Westen ist, was bei uns hier geschieht, es ist immer universell. Solange wir dachten, dass Liebesbeziehungen zwischen Männern etwas Unordentliches sind und diese Muslime sich in diesen schrecklichen Lastern hier suhlen und damit auch zu keiner richtigen Entwicklung kommen, da ist man hingegangen, hat gesagt: Ihr müsst damit aufhören oder auch Polygamie und ähnlichen Dingen. Heute gilt es bei uns ja als ganz normativ, das ist ja was Gutes bei uns. Jetzt geht man hin und sagt: Ihr müsst euch jetzt befreien und in die andere Richtung gehen. Ich glaube, dass diese missionarischen Botschaften, die vom Westen kommen, der sich immer egal welche Meinung er hat, für universell und für Menschheits bildend hält, dass das ein Übel ist. SPRECHERIN Nach Ansicht von Ali Ghandour gibt es aber noch weitere Aspekte, die zu einem Wandel geführt haben wie die Entstehung von modernen Nationalstaaten oder auch die Entstehung von muslimischen Ideologien, die mehr oder weniger sexfeindlich waren: O-TON 13 (Ghandour, 9, 1.23) Und ein weiterer Grund ist die Landflucht, die im Laufe des 20.Jahrhunderts stattfand und die dazu geführt hat, dass diese alte, urbane, mehr oder weniger bürgerliche Tradition verschwand. SPRECHERIN Tatsächlich sind viele muslimische Gesellschaften heute deutlich konservativer als noch vor ein paar Jahrhunderten. Doch solange es um einen normativen Diskurs geht und einen Bezug auf historische Quellen gibt, fühlen sich viele islamische Gelehrte noch immer frei, detailliert über Sex und Erotik zu sprechen, betont Serdar Kurnaz: O-TON 14 (Kurnaz, 16.30) Zum Beispiel, wenn es darum geht, welche Pflichten hat der Mann gegenüber der Frau in der Ehe in Bezug auf Geschlechtsverkehr, dann werden auch zum Beispiel so Überlieferung zitiert, und dann wird darüber gesprochen, wie genau ein Geschlechtsakt auszusehen hat. (…) Ich glaube, das hat damit zu tun, dass die Gelehrten sich dazu verpflichtet fühlen, vor allem in dem normativen Diskurs (…) detailliert darzustellen, wie, was gemacht werden kann oder was alles erlaubt ist, um auch der Verpflichtung gerecht zu werden, dass sie all das, was sie für richtig halten, den Menschen auch entsprechend kommunizieren. Da fühlen Sie sich frei. Da geht es auch darum, zum Beispiel bestimmte sexuelle Praktiken (…), zum Beispiel Sexspielzeuge zu benutzen, Cremes zu benutzen und so weiter, um die Lust zu maximieren, nehmen sie dann als Anlass, eine normative Aussage darüber zu treffen, - und dann wird es auch recht detailliert und recht offen. SPRECHERIN Moderne Sexualpädagogik für junge Musliminnen und Muslime in Deutschland dreht sich – wie bei jungen Menschen anderer Religionen auch - um Fragen wie: Wie gehe ich mit meinem Körper um? Wie gehen wir mit unserer Lust um? Was bedeuten Verlobung und Hochzeit? Welche Verhütungsmöglichkeiten gibt es? Die Frankfurter Religionspädagogin Meltem Kulacatan: O-TON 15 (Kulacatan, 14.20) Es gibt ja auch Sexualaufklärer/innen - muslimische, die hier pädagogische Arbeit leisten, sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden und in Schweden beispielsweise. Die werden häufig von den jungen Menschen angerufen, auch frequentiert und angefragt. SPRECHERIN Die Religionspädagogin Fahimah Ulfat, Professorin an der Universität Tübingen, plädiert deshalb dafür, dass Sexualität nicht nur im Biologie-, sondern auch im Religionsunterricht thematisiert wird: O-TON 16 (Ulfat, 3.1, 1.20) Ja, im islamischen Religionsunterricht ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass Sexualität ein Teil des Menschseins ist. Und dass es auch wichtig ist, die eigene Sexualität nicht zu unterdrücken, sondern sich über seinen eigenen Körper bewusst zu werden, sich ein Bild von den eigenen Genitalien und dem Körperinneren zu machen, das heißt auch, seinen eigenen Körper zu erfahren. SPRECHERIN Viele muslimische Jugendliche befänden sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Tabuisierung und Liberalisierung von Sexualität. O-TON 17 (Ulfat, 2, 2.00) Beispielsweise wird in manchen konservativen Familien Sexualität zum Teil tabuisiert. Es wird mit Scham und Respekt verbunden, und man spricht eben nicht darüber und zum Teil wird auch ein enger Zusammenhang zwischen Jungfräulichkeit und Ehre hergestellt. Und mit diesem Konzept der Familienehre gehen auch geschlechtsspezifische Rollenvorstellungen einher. SPRECHERIN Andere junge Muslime kritisierten die traditionellen Rollenbilder und die Moralvorstellungen von Keuschheit und Ehre, so Ulfat: O-TON 18 (Ulfat, 2.48) Sie äußern sich eben kritisch zu den Einstellungen, das Männer zugebilligt wird, sexuelle Erfahrungen vor der Ehe zu sammeln, aber von Frauen erwartet wird, dass sie jungfräulich in die Ehe gehen. Und sie verurteilen auch diese starren Geschlechterrollen und die unterschiedliche Sexualmoral in Bezug auf die Geschlechter. Es gibt aber auch muslimische Jugendliche, die ihre Sexualität als ihre private Angelegenheit ansehen und Sexualität ist dann auch für sie ein selbstverständlicher Teil ihrer persönlichen Identität. Aufklärung findet zum Beispiel innerhalb der Familie sehr früh in einer offenen Art und Weise statt und Ehre wird auch von den Eltern nicht am Sexualleben der Tochter festgemacht. (…) Und dann gibt es natürlich auch Beispiele für junge Musliminnen, die sich eben nicht an diese Virginitätsnorm halten und sexuelle Erfahrungen auch außerhalb der Ehe sammeln. SPRECHERIN Untersuchungen zeigen, dass die Art und Weise, wie Muslime heutzutage in unterschiedlichen Ländern über die Sexualität sprechen, wie sie ihre Sexualität leben, eben nicht nur von der Religion abhängt. Ali Ghandour: O-Ton 19 (Ghandour, Take 11, 0.24) Zum Beispiel die soziale Herkunft oder die Bildung spielen hier eine wesentliche Rolle. Das heißt, in der Oberschicht und in der Mittelschicht, in den urbanen Milieus, in den muslimisch geprägten Ländern wird offener mit dem Thema umgegangen als jetzt auf dem Land oder in bildungsfernen Milieus oder in der Unterschicht. Es ist auch eine soziale Frage, wie man mit dem Thema umgeht, hat auch mit Privilegien zu tun und nicht nur (…) mit der Religion oder mit einem bestimmten Islamverständnis zu tun. SPRECHER / ZITATORIN (abwechselnd) Zügellos. Zurückhaltend. Schamlos. Schambehaftet. Freizügig. Bedeckt. Homophob. Erotisch. Selbstbewusst. Lust-betont. Orgiastisch. SPRECHERIN Es gibt nicht DEN Islam, nicht DIE allgemeingültigen Regeln für Sexualität und Liebe, sondern unterschiedliche Interpretationen, Ausprägungen, Ansichten und Lebensweisen – die je nach Epoche, Region und Gesellschaftsschicht fluide sind.

  • Die Mikrowelle - Vom Radargerät in die Küche

    06.12.2023 · 23 Min.

    Mikrowellen erhitzen Speisen schier magisch, von innen heraus. Der Herd mit den elektromagnetischen Wellen erfährt viel Skepsis, könnte aber eine Renaissance erleben. Einen Wendepunkt unserer Esskultur markiert er in jedem Fall. (BR 2020) Autorin: Inga Pflug Credits Autor/in dieser Folge: Inga Pflug Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Caroline Ebner, Ann-Isabelle Zils, Florian Schwarz, Diana Gaul, Peter Weiß Technik: Peter Preuß Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dipl.-Ing. Moritz Heber, Deutsches Museum München, Kurator u.a. für Haustechnik; Prof. Dr.-Ing. John [joːn] Jelonnek, Karlsruher Institut für Technologie, Leiter Institut für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik; Prof. Dr. Gunther Hirschfelder, Universität Regensburg, Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft, Volkskundler und Kulturanthropologe Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 (CD516970005 Benny Goodman Sextet: Slipped Disc 0’59) Sprecherin1: Januar 1945. Während sich die Welt bekriegt, stecken Ingenieure in den Laboren von Raytheon in Waltham, Massachusetts ihre Köpfe zusammen. Sie tüfteln an einem Radar-Gerät. Die Technik ist für das Militär gedacht. Da fühlt Radar-Forscher Percy Spencer plötzlich etwas Warmes in seiner Hosentasche – und findet einen geschmolzenen Schokoriegel. Der ist nicht etwa nur durch seine eigene Körperwärme aufgeweicht. Etwas anderes muss ihn erwärmt haben – regelrecht aufgeheizt! Fasziniert geht der Tüftler der Ursache auf den Grund, findet sie in den elektromagnetischen Strahlen des Radargeräts – und bis zur Entwicklung des Mikrowellenherdes ist es nur noch ein kleiner, logischer Schritt. Sprecherin2: So geht die Geschichte von der Erfindung der Mikrowelle. Oder doch nicht? OT1 Heber: Das ist dieser Mythos, sag ich jetzt mal, auf dem man immer wieder stößt, den man aber ein Stück weit eigentlich hinterfragen muss. Also das ist so eine Serendipity Erzählung sagen wir dazu, also eine Erzählung von einem glücklichen Zufall, der zu einer großartigen Erfindung geführt hat… Sprecherin2: … sagt Moritz Heber, vom Deutschen Museum in München. OT2 Heber: … das Klettband, Penicillin, Teflon, das sind so Beispiele für glückliche Zufälle. Im Fall der Mikrowelle stimmt das nicht ganz, und es ist ganz interessant, welchen Weg diese Erfindung eigentlich genommen hat. Sprecherin2: Der Krieg, die Radar-Forschung – sie haben tatsächlich mit der Mikrowelle zu tun. Doch den Ausgangspunkt für den Siegeszug des Mikrowellenherdes sieht Moritz Heber nicht in Massachusetts, sondern in Großbritannien: OT3 Heber: In den 30er Jahren, als man also wirklich große Angst hatte vor dem drohenden Krieg, haben viele in vielen Ländern, also nicht nur Großbritannien, auch Deutschland, USA, Japan, alle an Radargeräten geforscht. Und den Engländern ist 1940 in der Beziehung ein echter Durchbruch gelungen. Das Magnetron, also das ist das Kernstück, das eben diese Mikrowellenstrahlung erzeugt, das war bis dahin sehr groß und schwer. Und die Engländer haben 1940 ein Magnetron erfunden, was sehr klein war, sehr leicht und was sich dadurch auch in Flugzeuge einbauen ließ. Aber sie konnten es nicht in großen Stückzahlen fertigen. Und deswegen ist Großbritannien an die USA herangetreten und hat gesagt, also wir legen unsere Forschungsergebnisse offen, unsere Erfindung teilen wir mit euch. Aber ihr müsst uns diese Magnetrone bauen. Sprecherin2: So kommt die Erfindung erst in die USA – und dort in das Forschungslabor zu Percy Spencer. MUSIK 2 (Z9379852205 Django Reinhardt: Swing Guitars 0‘33) Sprecherin1: Und tatsächlich setzt sich der Tüftler dort auch mit der erhitzenden Wirkung von Mikrowellen auseinander. Er bereitet das erste Mikrowellen-Popcorn zu – und auch Eier lässt er unter dem Einfluss der elektromagnetischen Wellen aus dem Magnetron explodieren, berichtet Moritz Heber. Doch an eine reine Zufallsentdeckung will der Hausgeräte-Experte nicht glauben. Denn: OT 04 Heber: Dieser Effekt, dass elektromagnetische Strahlung Wärme induziert, also Wärme hervorruft, der war schon lange bekannt. Spencer selbst schreibt in seinem Patent auch, dass das eigentlich nicht neu ist. Aber dass es eben jetzt besonders effektiv ist. Sprecherin2: Für wahrscheinlicher hält es Moritz Heber deshalb, dass der Rüstungskonzern Raytheon sich in den 1940er-Jahren bereits auf eine Zeit nach dem Krieg vorbereitet und zivile Märkte erschließen will. Und da kommt die Mikrowellentechnik eben gerade recht. MUSIK 3 (CD617730001 Lionel Hampton and His Orchestra: Jivin‘ The Vibes 0’17) Zitator 1 Werbeannonce [historisch]: Make the greatest cooking discovery since fire – Radarange Microwave Oven – Cuts most cooking times by 75%. Bakes a potato in 4 Minutes, cooks a hot dog in 20 seconds and a 5 lb roast in 35 minutes. Sprecherin2: Das Herzstück des Mikrowellenherdes, das Magnetron, in dem die hochfrequenten Schwingungen erzeugt werden, muss also erst konstruiert werden und technisch ausreifen. Die Mikrowellen selbst aber sind keine Erfindung, sondern ein natürliches Phänomen. MUSIK 4 (CD617730001 Lionel Hampton and His Orchestra: Jivin‘ The Vibes 0’25) Zitator 1 Werbeannonce [historisch]: Erleben Sie das großartigste Kocherlebnis seit der Entdeckung des Feuers! Die Mikrowelle! Verkürzt die Kochzeit um 75%! Gart eine Kartoffel in 4 Minuten! Einen Hotdog in 20 Sekunden! Und zwei Kilo Braten in 35 Minuten. Sprecherin2: Zwar benutzen wir den Begriff "Mikrowelle" heute landläufig stellvertretend für den ganzen Mikrowellenherd. Der physikalische Begriff "Mikrowelle" jedoch ist nur ein vereinfachter Begriff für bestimmte elektromagnetische Wellen, erläutert der Ingenieur und Elektrotechniker Professor John Jelonnek. Er leitet das Institut für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik am Karlsruher Institut für Technologie. MUSIK 5 (Z8027766104 Less: Zum Greifen fern 0‘59) OT5 Jelonnek: Die Mikrowelle ist im Grunde genommen nur der Bereich des elektromagnetischen Spektrums in einem bestimmten Frequenzbereich, also von 300 Megahertz, wie wir das sagen, bis ungefähr 300 Gigahertz. Aber in der Natur haben Sie das komplette Spektrum aller Frequenzen vorhanden. Es ist also was völlig natürliches. Wir kennen es als natürliche Wärmestrahlung. Wir kennen es als Licht. Sprecherin2: Die verschiedenen elektromagnetischen Wellen im Spektrum unterscheiden sich in Wellenlänge und Frequenz. Ohne technische Hilfsmittel wahrnehmen können wir aber eben nur einen äußerst geringen Anteil aller elektromagnetischer Wellen: die Wärme der Infrarotstrahlung und das sichtbare Licht. Sprecherin1: Kein Wunder, dass dem Mikrowellenofen und seiner Funktionsweise anfangs durchaus Skepsis entgegenschlägt. OT 6 Heber: In den USA hatten die Hersteller oder der Vertrieb von Mikrowellen doch einige Zeit damit zu tun, Köchinnen und Hausfrauen davon zu überzeugen, dass ein Lebensmittel mit Mikrowellen zu erwärmen, dass das jetzt nicht irgendwie mystisch, magisch, unverständlich und dadurch vielleicht auch irgendwie beängstigend ist, sondern dass das ein ganz einfacher physikalischer Vorgang ist, der ganz ungefährlich ist. Sprecherin1: … erläutert Haustechnik-Experte Moritz Heber. OT 7 Heber: Und da wurden dann auch irgendwie Analogien herangezogen, dass man sagt okay, die Mikrowellenstrahlung, die bewegt einfach die Moleküle in deinem Essen ganz schnell hin und her. Und so wie du deine Hände zusammenreiben kannst, entsteht dann Reibungswärme im Essen. Und das ist also ganz normal und gar kein Problem. Sprecherin2: Besonders gut klappt diese Erwärmung auf molekularer Ebene bei Flüssigkeiten und wasserhaltigen Speisen. Denn Wasser bringt eine bestimmte Eigenschaft mit: MUSIK 6 (Z8014180102 SINE: Feel Love 0‘35) Sprecherin1: Stark vereinfacht gesprochen, ist ein Wassermolekül, also H2O, eine Art Kompassnadel oder Magnet mit einer positiv und einer negativ geladenen Seite. John Jelonnek spricht von einem sogenannten Dipol. Und an diesen beiden unterschiedlich geladenen Seiten packt nun sozusagen die Mikrowelle an. OT 8 Jelonnek: Nehmen Sie mal nen Rugbyball, der oval ist. An der einen Seite malen Sie ein Plus und an der anderen Seite ein Minuszeichen. Es hat also ein positives Ladungsende und ein negatives Ladungsende. Sprecherin1: … veranschaulicht es John Jelonnek: OT 9 Jelonnek: Nehmen Sie ganz viele dieser ovalen Bälle und legen sie in ein Wasserbad, ganz unregelmäßig. Sie werfen sie einfach dort hinein. Jetzt legen Sie ein Feld an, dann werden sich alle diese Moleküle versuchen, nach dem Feld auszurichten, alle in einer Richtung. Das ändert sich aber periodisch mit der Frequenz. Hier haben wir eine Frequenz von 2,45 Gigahertz. Das heißt, es ändert sich sehr, sehr schnell. Und dadurch kommt es einfach zur Reibung. Die müssen sich alle ja immer drehen und reiben sich sozusagen aneinander. Und es kommt zur Erwärmung des Materials. MUSIK 7 (Z8030896149 Chris Gilcher / Michi Koerner: Unbiased Opinion (reduced) 0’39) Sprecherin1: Und zwar direkt in den Lebensmitteln – was den großen Vorteil der Mikrowellengeräte gegenüber anderen Herdarten ausmacht: Während im Backofen oder auf der Herdplatte die Hitze ja erst einmal durch Topf, Pfanne oder Bräter ans Essen herankommen und dann bis ins Innere vordringen muss, findet die Erhitzung im Mikrowellenherd direkt im Essen statt: Die Mikrowellen dringen einige Zentimeter ins Gargut ein, lassen dort die Dipol-Moleküle des Wassers "schwingen", das Essen wird warm. Das Innere des Ofens selbst bleibt kühl. Sprecherin2: Röstaromen wie in der Pfanne bilden sich so freilich nicht. Das allerdings ist für die Entwickler des Mikrowellenherdes nicht das größte Problem: OT 10 Heber: Das große Problem war, dass die Lebensmittel, die man in der Mikrowelle erwärmen wollte, dass die sehr ungleichmäßig erhitzt wurden, erwärmt wurden. Das kennt man heute auch noch teilweise. Sprecherin2: … sagt Moritz Heber. Auch das hat mit der Physik der elektromagnetischen Wellen zu tun – und dem Phänomen der sogenannten Stehenden Wellen: Sprecherin1: Die Mikrowellen, die vom Magnetron aus in den Garraum gesendet werden, reflektieren an den metallenen Wänden des Ofens. Sie werden an die gegenüberliegende Wand und zurück geworfen und so weiter, wie Licht zwischen zwei Spiegeln. Sprecherin2: Zwischen den beiden festen Wänden kommt das maximale Feld, also quasi der Bauch der Welle, so aber immer an der gleichen Stelle zustande. Hochleistungsmikrowellen-Forscher John Jelonnek verbildlicht das Phänomen mit der Wellenbewegung eines Springseils: MUSIK 8 (CD735920005 Skipping Rope 0’40) OT11 Jelonnek: Sie haben an zwei Enden zwei Kinder, die das Seil bewegen, dass es so Wellenbewegungen macht. Und das Seil wird sich quasi immer an den gleichen Stellen auf und ab bewegen. Und an den Enden ist das Seil nicht ausgelenkt, beziehungsweise dort gibt es kein Feld. Da, wo die Kinder sind, dort in sind sozusagen Null-Stellen. Sprecherin 2: … und dort bleibt das Essen kalt. Sprecherin 1: Schlechte Voraussetzungen für einen Markterfolg – und eine technische Schwierigkeit, an deren Lösung die Mikrowellen-Pioniere lange getüftelt haben, berichtet auch Moritz Heber: OT 12 Heber: Zunächst hat man überlegt, ob man den Raum in der Größe ständig verändern muss, spricht, dass sich die Wände der Mikrowelle verschieben, sodass quasi der Raum größer und kleiner wird. Das ist natürlich enorm unpraktisch. Dann ist man auf die Idee gekommen, dass man an der Decke von diesem Raum einen kleinen Rührer, also einen Metallstab, der sich ständig dreht, anbringt. Dadurch werden die Wellen dann unterschiedlich reflektiert. Und zuletzt, und das kennt man heute, hat man ja den Teller, der sich dreht, in der Mitte. Sprecherin 2: Zum Garen von rohem Hähnchenfleisch und anderen möglicherweise mit Salmonellen oder Listerien belasteten Lebensmittel sollte die Mikrowelle trotzdem nicht benutzt werden: Zu groß ist das Risiko, dass nicht alle Stellen gleichmäßig durcherhitzt werden. Sprecherin 1: Die ersten Mikrowellen finden aber aus noch viel pragmatischeren Gründen in der normalen Durchschnitts-Küche keinen Platz, sondern nur in der Gastronomie oder Kantine: OT 13 Heber: Die ersten Mikrowellen, die überhaupt auf dem Markt verfügbar waren, das waren riesengroße Geräte, so groß wie ein Kühlschrank, 300 Kilo schwer. Die haben eine Wasserkühlung benötigt. Also spricht einen eigenen Wasseranschluss. Sprecherin2: Rund 20 Jahre dauert es ab der Patentierung, bis wirklich haushaltsfähige Geräte auf dem Markt sind. Sprecherin1: Denen allerdings macht bald schon die langsam erstarkende Umweltbewegung in den USA zu schaffen, die die elektromagnetische Strahlung kritisch beäugt. OT 14 Heber: Das hat auch erst dazu geführt, dass überhaupt in den USA dann mal ein Gesetz erlassen wurde, was Grenzwerte für auch für Haushalts-Mikrowellengeräte überhaupt erst einmal festgeschrieben hat. Und im Zuge dessen 1971 hat das amerikanische Gesundheitsministerium dann auch Mikrowellen mal getestet auf dem Markt und hat festgestellt, dass irgendwie ein Drittel der Geräte diese Grenzwerte überschreiten. Und das hat natürlich schon, sage ich mal, den Mikrowellen erstmal einen Dämpfer versetzt, ja. MUSIK 3 (M0050378111 ISAN: Linnæus 0‘34) Sprecherin1: Und dem Gerät einen Makel verpasst, der ihm bis heute anhaftet: Wer das Stichwort "Mikrowelle" in die Suchmaschine eingibt, findet neben Kaufangeboten und Rezepten unausweichlich auch Berichte über verstrahltes Essen, zerstörte Vitamine und gefährliche Strahlen aus der Mikrowelle. Sprecherin2: Was auch an der synonymen Verwendung der Begriffe "Elektromagnetische Wellen" und "Elektromagnetische Strahlung" liegen könnte. OT 15 Jelonnek: Leider hat die Strahlung eine negative Auffassung für viele Menschen. Dabei ist Strahlung etwas, was eigentlich nur die Leistung angibt, die man eigentlich erhält, wenn elektromagnetische Wellen sich ausbreiten. Sprecherin2: … sagt John Jelonnek vom Karlsruher Institut für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik. Wie bereits erwähnt umfasst das elektromagnetische Spektrum neben sichtbarem Licht, Mikrowellen, Radar oder Rundfunkwellen auch Frequenzen im Bereich der ionisierenden Strahlung, also etwa Gamma- und Röntgenstrahlung sowie kurzwellige Ultraviolettstrahlung. Und diese elektromagnetischen Wellen können biologisch schädlich wirken. Sprecherin1: Mikrowellen aber nicht, verspricht John Jelonnek. Nicht mal im Mikrowellenofen selbst würde jemand "verstrahlt": OT 16 Jelonnek: Sie sollten sich natürlich nicht in ein hohes Mikrowellenfeld reinstellen, auf gar keinen Fall, weil dann würden sie quasi erwärmt werden. Das ist das, was passiert. Sprecherin 1: Denn die Mikrowellen unterscheiden nicht zwischen dem Wasser im lebenden Organismus und der Flüssigkeit im Essen. Sprecherin 2: Abgesehen von ihrer Temperatur verändern sich die Lebensmittel in der Mikrowelle aber nicht, betont Jelonnek: OT 17 Jelonnek: Das heißt auch, wenn man jetzt wieder abkühlt, werden sich quasi alle Moleküle wieder durcheinander ausrichten und nach außen hin neutral sein. Also aus wissenschaftlicher Erkenntnis heutzutage kann man keinen negativen Effekt, der Mikrowellen, also der der hochfrequenten elektromagnetischen Wellen, auf irgendein Essen zeigen. Es gibt's dort nicht. Sprecherin1: Die Forscher am Institut für Hochleistungsimpuls- und Mikrowellentechnik in Karlsruhe arbeiten an weitaus größeren Mikrowellenöfen, als wir sie aus der Küche kennen. In ihrer Mikrowellenprozessanlage können unter anderem Kunststoffteile für Luft- und Raumfahrt und die Automobilindustrie gehärtet werden. Bei 36.000 Watt erwärmen sich die Bauteile dort nicht nur schneller als in einem herkömmlichen Härtungsofen, sondern das Verfahren ist auch energieeffizienter. Weil eben auch dort – wie in der Küchenmikrowelle – nur das Gargut – in diesem Fall das Bauteil – erhitzt werden kann und nicht der ganze Ofen mit aufgeheizt werden muss. Sprecherin2: Trotz der hohen Leistung: Genauso wie der Mikrowellenherd Zuhause arbeitet der Karlsruher Mikrowellenofen bei 2,45 Gigahertz. Und ist für den Experten genauso beherrschbar: OT 18 Jelonnek: Das ist das schöne eigentlich in der Hochfrequenztechnik. Sie können für die elektromagnetischen Wellen sogenannte Fallen einbauen. Bestimmte Strukturen, dass die Mikrowelle bei geschlossener Tür wirklich im Ofen bleibt. Sprecherin1: Dafür sorgt beispielsweise das Metallgitter im Fenster der Gerätetür. Somit treffen die Mikrowellen nur das Essen im Inneren. Und nicht den Bediener vor dem Gerät. Sprecherin2: Das bestätigen auch Überprüfungen des Bundesamtes für Strahlenschutz: Zitator 1: "Durch Abschirmmaßnahmen ist gewährleistet, dass im Betrieb nur sehr wenig Strahlung nach außen gelangt. Eine weitere Sicherheitsmaßnahme sorgt über eine technisch mehrfach ausgelegte Schutzvorrichtung für eine zuverlässige Abschaltung des Gerätes, sobald die Tür geöffnet wird." Sprecherin2: … heißt es dort . Für die dennoch auftretende Leckstrahlung um Sichtblende und Türe ist in einem Abstand von fünf Zentimetern von der Geräteoberfläche ein Emissionsgrenzwert von fünf Milliwatt pro Quadratzentimeter festgelegt. OT 19 Jelonnek: Das heißt, das, was raus darf und was gemessen wird bei der technischen Zulassung der Mikrowelle, ist so gering, (ist eine Größenordnung) wie die eigene Temperaturstrahlung des eigenen Körpers. Sprecherin2: Bei wiederholten Messungen lagen die tatsächlichen Werte laut Bundesamt bei einem Prozent des zulässigen Grenzwertes: Zitator 1: "Bei technisch einwandfreien Geräten besteht daher keine gesundheitliche Gefahr, auch nicht für besonders schutzbedürftige Personen wie Schwangere oder Kleinkinder." [Collage Rezept-Fragmente] MUSIK 10 (C1218710013 High LLamas: Showstop 0’32) Zitatorin 2: Kartonverpackung entfernen, Deckfolie mehrfach einstechen … Zitator 1: Das Rührei bei 440 Watt ca. 7 Min. stocken lassen, zwischendurch mit einer Gabel zerpflücken. Zitatorin 2: … bei 600 Watt ca. 3 Minuten, bei 900 Watt ca. 2 Minuten erhitzen. Zitator 1: … bitte nachschauen, ob der Kuchen durchgegart ist. Zitatorin 2: kurz ruhen lassen, nach dem Öffnen umrühren. MUSIKENDE OT 20 Hirschfelder: Der große Erfolg der Mikrowelle kommt ja nicht zufällig genau zu dem Zeitpunkt, in dem die Grund-Geometrie des Kochens sich vor allem in unseren westlichen Gesellschaften verändert. Sprecherin2: … sagt Gunther Hirschfelder. Für den Volkskundler und Kulturanthropologen markiert der Mikrowellenherd einen Wendepunkt in unserer Esskultur: MUSIK 11 (Z9376907208 Hot Butter: Popcorn 0’41) OT 21 Hirschfelder: Kochen ist eigentlich vor allem immer eine Notwendigkeit gewesen hat, viel Zeit beansprucht. Und das versuchte man immer zu reduzieren, weil viel Zeit bedeutet dann eben oft zu viel Zeit. Und in den Jahren um 1970, als die Sache mit der Mikrowelle Fahrt aufgenommen hat, da ist das Kochen sozusagen von einer unbedingten Notwendigkeit zu einem Hobby geworden, zum Ausdruck von Lifestyle. Da haben wir die Unterscheidung seitdem auch für eine Bevölkerungsmehrheit in Versorgungsküche auf der einen Seite und Erlebnisküche auf der anderen Seite. Und da kommt die Mikrowelle auf einmal mit ins Spiel. Sie erleichtert die Versorgungsküche. Und die Versorgungsküche hatte sich bis dahin schon in kurzer Zeit ohnehin massiv verändert. Sie war viel effizienter und viel schneller geworden, und die Mikrowelle wirkt hier sozusagen als Katalysator wie ein Turbo. MUSIK 12 (1218710004 The High Llamas: Janet Jangle 0’30) Sprecherin1: Schnell die Reste vom Vortag aufwärmen, weil zum Kochen heute keine Zeit ist? Die Mikrowelle macht's. Popcorn? Warm und frisch, natürlich aus der Mikrowelle! Die Familienmitglieder sind alle zu unterschiedlichen Zeiten daheim und trotzdem jeder will eine warme Mahlzeit? Ab mit den Portionen in die Mikrowelle! Sprecherin2: Statistisch erfasst wird der Ausstattungsgrad mit Mikrowellengeräten in der Bundesrepublik erstmals 1988 in der Einkommensverbrauchsstichprobe. Zwölf Prozent der Haushalte besitzen damals eine Mikrowelle. 30 Jahre später liegt der Wert bei mehr als 70 Prozent. Sprecherin1: Wie stark sie genutzt wird, erfasst die Statistik nicht. Und auch die Kulturwissenschaft tappt da im Dunkeln. OT 22 Hirschfelder: Die Mikrowelle ist ein Multifunktionstool, und wir wissen gar nicht genau, was die Menschen damit anstellen. Auf der einen Seite habe ich ausdifferenzierte Kochbücher, die eine ganze Menge Möglichkeit geben, mit der Mikrowelle intelligent umzugehen. Dann hab ich Einzelgerichte, die ich einfach Kompakt in die Mikrowelle schiebe, die auch verschiedene Komponenten haben können. Der Discount und die Supermärkte bieten da eine reiche Auswahl und auch Essen auf Rädern bespielt hier in dieser Liga … Sprecherin1: Vom Ruf der Mikrowelle als Prestige-Objekt für den High-End-High-Tech-Haushalt freilich ist heute nicht mehr viel übrig: In modernen (Luxus-) Küchen wird die Mikrowelle längst nicht mehr zum Zentralelement gemacht. Oft wird sie leicht verschämt in der Ecke versteckt. Sofern sie überhaupt noch vorhanden ist. MUSIK 13 (Z8031838101 Fred und Luna: Zyklopädie Nummer 28 0’41) OT 23 Hirschfelder: Bei vielen Wohnformen für Menschen, die unter harten Bedingungen arbeiten, da spielt die Mikrowelle eine viel größere Rolle. Wir haben die Mikrowelle in den Unterkünften der Saisonarbeiter etwa, wir haben sie in manchen Studentenapartments. Sie rangiert sozusagen am unteren Ende der Wertigkeitsskala der Küchenutensilien. Sprecherin1: Vielleicht aber nicht mehr lange, mutmaßt der Kulturanthropologe. Denn in Zeiten, in denen Energieeffizienz eine immer größere Rolle spielt und sich neue Wohnformen auf kleinstem Raum etablieren, könnte die Mikrowelle eine Renaissance erleben. Davon ist Gunther Hirschfelder überzeugt: OT 24 Hirschfelder: Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir Wohneinheiten haben, wo man nicht mehr eine ganze Küche einbaut, sondern wo man eine wassergespeiste Spülanlage hat und wo man dazu zum Beispiel ein Ein-Platten Induktionskocher hat und eine parallel dazu vielleicht noch eine kleine Mikrowelle, da hätte man eine Kombination, mit der man doch eine ganze Menge machen kann. Sprecherin1: Und auch die Küchengeräte-Hersteller haben die Mikrowellen wieder ins Visier genommen: Sogenannte Dialoggarer kombinieren Ober- und Unterhitze oder Heißluft mit den elektromagnetischen Wellen, messen permanent wie viel Energie das Lebensmittel schon aufgenommen hat und versprechen durch einen intelligenten Einsatz verschiedener Frequenzen ein besonders gleichmäßiges und zeitsparendes Koch-Ergebnis. MUSIK 14 (CD516970005 Benny Goodman Sextet: Slipped Disc 0’30) Sprecherin2: Und so dürfte das Ergebnis von Percy Spencers Tüfteleien am Radar-Gerät noch länger erhalten bleiben. Und bestimmt noch den ein oder anderen Schoko-Riegel zum Schmelzen bringen. Sprecherin1: Denn ob wahre Geschichte oder Erfinder-Mythos: Schokolade-Schmelzen können die elektromagnetischen Strahlen wirklich.

  • Heinz Erhardt - Was bin ich für ein Schelm!

    05.12.2023 · 22 Min.

    Erhardt, zunächst Radio-Moderator und Schauspieler, war der Humor-Star der Wirtschaftswunderjahre. Größten Erfolg allerdings hatte er mit seinen witzig und spritzig gereimten Erzeugnissen, erstmals gedruckt 1963 in dem Büchlein "Noch 'n Gedicht", das auch den Klassiker "Die Made" enthält. Heinz Erhardts Komik entstand aus bewusst unbeholfenen Handlungen und Reden, und sprachlicher Doppeldeutigkeit: "Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung....". Credits Autor/in dieser Folge: Petra Hermann-Boeck Regie: Petra Hermann-Boeck Es sprachen: Christiane Blumhoff Redaktion: Brigitte Reimer Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZUSPIELUNG 1 (C 140284 Das Beste von Heinz Erhardt Disc 1, Take 3) Nachdem ich mich he-ute, äh, heute, um dieses Mikrophon versammelt habe, ergreife ich außer der Gelegenheit auch noch das Wort, um es an Sie zu richten. SPRECHERIN Ein typischer Heinz-Erhardt-Satz. Bürgerlichen Ansprüchen scheinbar hilflos ausgeliefert nimmt er gewohnte Sprach-Versatzstücke auseinander, verdreht und verfremdet sie, ZUSPIELUNG 2 (CD 63543, take 1/CD 146755, 1) Ich würde mich ja gern ans Klaviezymbel setzen und etwas pianieren, aber…. SPRECHERIN um sein Akademikerdeutsch dann im Spiel mit doppelten Wortbedeutungen auf den platten Fußboden der Alltagsprache herunterzuholen - aus einiger Bildungshöhe. ZUSPIELUNG 3 (Anfang Interview) Wenn ich ein Vöglein wär und auch zwei Flügel hätt, flög ich zu Dir, da ich kein Vöglein bin und nur ein Flügel hab, spiel ich Klavier. MUSIK, darüber: SPRECHERIN Heinz Erhardt, Musikant, Poet, Reimkünstler, Entertainer, wohl gerundetes Symbol der Wirtschaftswunderjahre. Meist in der Rolle des Biedermannes, der kein Brandstifter sein mag, aber tolpatschig und mit Hintersinn über manche Ungereimtheit des Lebens stolpert. Willy Astor: ZUSPIELUNG 4 (Astor) Also ich finde, das Tolle an Heinz Erhardt ist, dass seine ganzen Gedichte und Texte unheimlich zeitgemäß sind. Über die könnt man auch in 100 Jahren noch lachen, das sind einfach Kunstwerke und es hat einfach eine gute Kraft, es hat einen Körper und deswegen hat es immer Bestand. ZUSPIELUNG 5 (Zehrer) Ja, so eine Figur taucht bei uns in jeder Generation nur einmal auf ... vielleicht gibt es so eine Linie im 20. Jahrhundert der komischen Köpfe, die auch langlebig in Erinnerung geblieben sind. Das fängt an mit Otto Reuter zur Jahrhundertwende, geht über zu Karl Valentin, dann kommt aber auch schon Heinz Erhardt, wurde dann wohl abgelöst von Otto Waalkes …. SPRECHERIN Klaus Zehrer, Literaturwissenschaftler und Humorkritiker, über Heinz Erhardt, der seine eigene Geschichte so beginnt: ZUSPIELUNG 6 (Erhardt C 140284, take 3) Also, es war vor etlichen Jahren, da erblickte ich das elektrische Licht der Welt... Der Winter war sehr kalt und ich lag so rum, was sollte ich machen, ich hatte schon Beine, aber ich konnte noch nicht laufen und ich fror so vor mich hin, denn meine Eltern waren ausgegangen, der Ofen auch und da beschloss ich dann, ein Dichter zu werden. Denn alle berühmten Dichter haben ja in ihrer Jugend gefroren. SPRECHERIN Und oft auch später noch. Wie der arme Poet, den man in der Schule kennen lernte, wo den Zöglingen auch die bekannten Klassikerballaden eingetrichtert wurden. Ein Kanon, auf den Heinz Erhardt noch zurückgreifen konnte. Und das Publikum? War froh und dankbar, dass da mal einer die Luft rausließ. ZUSPIELUNG 7 (Erhardt CD 71819, disc 1, 7) Sie hören als zweites Gedicht, gleich das erste. Johann Wolfgang von Frankfurt. Der König Erl Wer reitet so spät durch Wind und Nacht? Es ist der Vater. Es ist gleich sieben, nein acht. (Die Uhr ging nach) Im Arm den Knaben er wohl hält, er hält ihn warm, denn er ist erkält´. Halb drei, halb fünf. Es wird schon hell. Noch immer reitet der Vater schnell. Erreicht den Hof mit Müh und Not--- der Knabe lebt, das Pferd ist tot! SPRECHERIN Auch Heinz Erhardt muss als Kind oft gefroren haben, vor allem seelisch: seine Eltern trennen sich bereits kurz nach seiner Geburt. Der kleine Heinz wächst bei seinen Großeltern in Riga auf. Kurz bevor er eingeschult werden soll, entführt ihn die Mutter nach Petersburg. Dort allerdings leidet er unter solchem Heimweh, dass er zu den Großeltern zurückgeschickt werden muss. ZUSPIELUNG 8 (Erhardt CD 63543, take 1)) Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. SPRECHERIN Dann nimmt der Vater, ein Kapellmeister, den knapp 10jährigen Buben mit auf Tournee durch ganz Deutschland. Sohn Heinz wechselt 15 Mal die Schule, kann schließlich dort nicht mehr Fuß fassen und schmeißt das Abitur. ZUSPIELUNG 9 (Erhardt CD 63543, take 1)) Jeder sollte sein eigener Hirte sein, jeder sollte sich hüten und zwar davor, dass einem die anderen Leute das Fell über das Ohren hauen. SPRECHERIN Der Großvater steckt ihn in seine Musikalienhandlung. Ein solides Geschäft. Neben der Arbeit studiert Erhardt jedoch am Konservatorium in Leipzig Musik. ZUSPIELUNG 10 (Erhardt) Ich wollte Pianist werden, Chopin, Schumann, und die Romantiker lagen mir besonders. SPRECHERIN Außerdem sammelt er erste Lorbeeren als Stegreifkomiker. ZUSPIELUNG 11(Erhardt CD 63543, take 1)) Liebe Spottfreunde, es darf für uns kein Äußerstes geben, zu dem wir nicht entschlossen wären und keine Lauer, auf der wir nicht lägen. SPRECHERIN Dann stirbt der Großvater. Erhardt hat keine Lust auf den Musikalienhandel. Aber er lernt die Liebe seines Lebens kennen: Gilda Zanetti. ZUSPIELUNG 12 (Erhardt) Das war in Riga in einem Fahrstuhl. Ich stieg in den Fahrstuhl, sie war schon drinnen, und ich fragte, eine sehr dumme Frage: Verzeihen Sie, fahren Sie auch nach oben, wo soll man sonst hinfahren, wenn man im Parterre einsteigt. Und zufällig musste ich auch in die gleiche Wohnung, wo meine Frau wohnte und ein Jahr später haben wir geheiratet. SPRECHERIN Gilda ist es, die Heinz Erhardt darin bestärkt, sich endgültig für die Bühne zu entscheiden. Sie wird ihn lebenslang begleiten und unterstützen. ZUSPIELUNG 13 (Erhardt CD 63543, take 1) Nicht jeder, der die Bretter, die die Welt bedeuten, betritt, merkt, dass er auf dem Holzweg ist. SPRECHERIN Erhardt geht nach Berlin, sucht ein Engagement und hat´s schwer. Oft gibt es nichts anderes zu essen, als die mittägliche Erbsensuppe, die in der Volksküche ausgegeben wird. 1938, kurz vor Kriegsbeginn, schafft er den Durchbruch im renommierten „Kabarett der Komiker“. ZUSPIELUNG 14 (Erhardt CD 63543, take 5)) Ich wollte durch mein Erscheinen gar nicht erst herkommen, weil ich so scheu von Hause aus bin, aber der Chef des Hauses meinte, komm Heinz, wirf alles von dir, was dich host, äh, hemmt, jetzt steh ich hier Cognak, äh, rum..... SPRECHERIN Er tourt durch ganz Deutschland und brilliert ausgerechnet an der Seite einer der schönsten Frauen dieser Zeit, der Tänzerin La Jana. ZUSPIELUNG 15 (Erhardt) mein erstes Autogramm: Herr Le Jana, könnt ich von Ihrer Frau ein Autogramm haben? SPRECHERIN Inzwischen manövriert Hitler die Welt in den Krieg. 1941 wird auch Heinz Erhardt einberufen – als Nichtschwimmer kommt er zur Marine. Dort schiebt man ihn glücklicherweise zur musikalischen Unterhaltung ab: Erhardt darf erst mal auf die große Pauke hauen. ZUSPIELUNG 16 (Erhardt) Da hatte ich 187 Takte Pause und dann kam ein Bums von mir, der war sehr wichtig, und der Obermusikmeister wusste dann, wo er war. Bei den Proben hatte mein Nachbar mir immer einen Tritt gegeben, da wusste ich: jetzt kommt der Schlag, da hab ich reingehauen, das stimmt jetzt auch. Aber bei der Aufführung hat der mich im Stich gelassen und schließlich habe ich auf gut Glück reingehauen, weil ich dachte: jetzt ist der Höhepunkt, aber nein, es war falsch, die konnten nicht mehr blasen, vor Lachen. Es war eine Katastrophe. Nachher kam der Obermusikmeister zu mir und meinte, Sie mögen ein guter Mensch sein, aber Sie sind ein schlechter Schlagzeuger, wir werden Sie abkommandieren, Sie kommen zur Wehrbetreuung nach Kiel. Da hab ich erst meine richtige künstlerische Laufbahn begonnen. SPRECHERIN Dank der Auftritte in Riga und mit La Jana hat Heinz Erhardt bereits allerhand Repertoire: selbstverfasste Gedichte und Chansons. Das berühmteste wird das „Fräulein Mabel“. ZUSPIELUNG 17 (Erhardt) Das Chanson hatte ich schon in Riga gedichtet und war sehr stolz auf diesen Reim, Mabel, eibel. Meine Verwandten sagten immer: Was für einen Quatsch. ZUSPIELUNG 18 (CD 141509, 14) Kennen Sie denn schon das Fräulein Mabel würden Sie sie sehn, wird’s ihnen eibel. Beine hat se krumm so wie ein Säbel meine süße kleine Freundin Fräulein Mabel. (AB HIER EV UNTER TEXT) Kennen Sie denn schon das Fräulein Mabel. Immer nimmt sies Messer statt der Geibel. Trotzdem habe ich für sie ein Fabel, für die süße kleine Freundin Fräulein Mabel. Manche gibt es, die mir heute, dieses stille Glück nicht gönnen nur deshalb, weil diese Leute so was nicht verstehen können. Kennen Sie denn schon das Fräulein Mabel. Sie bewohnt gleich nebenan ne meibel - lierte kleine Wohnung unterm Geibel, meine süße kleine Freundin, Fräulein Mabel. ZUSPIELUNG 19 (Zehrer) Heinz Erhardt war ein Humorist, ein volkstümlicher Humorist im besten Sinne. Er hat keine hohen intellektuellen Hürden aufgestellt, sondern er war einfach, er war allgemeinverständlich. Aber er war dabei niemals platt... SPRECHERIN findet Klaus Zehrer, Humorkritiker und Kolumnist bei dem Satiremagazin „Titanic“. ZUSPIELUNG 20 (Zehrer) Ich seh ihn in der Tradition der Volkssänger, das kommt alles aus dem 19. Jahrhundert, wo es auch schon eine große Tradition des Wortspiels gab. Und wenn man H. E. genau liest, dann sieht man, dass er sehr viel von Wilhelm Busch gelernt hat. SPRECHERIN Von Heinz Erhardt gelernt hat dagegen der bayerische Kabarettist, Musiker und Komponist Willy Astor. Ihm ist der Komiker geradezu ans Herz gewachsen. ZUSPIELUNG 21 (Astor) Dieses Feinstoffliche, das Heinz Erhardt mitgebracht hat in seinem Humor, das hab ich erst später durch das Lesen seiner Sachen ergründet und ich hab ihn immer schon sehr gern gemocht. Ich mochte es gut leiden, dass er ein stiller Mann war außerhalb seiner Arbeit. Er hat ja auch Musik komponiert. Er war ein super Musiker. ZUSPIELUNG 22 (Erhardt Interview 14.35)) Das Gedicht ist nur durch Zufall gekommen, sie waren meist nicht länger als 4 Zeilen. Und immer wenn ich vier Zeilen zu ende hatte, dann sagte ich: noch n Gedicht. ZUSPIELUNG 25 (Erhardt CD 63543, take 1)) Das Leben kommt auf alle Fälle aus einer Zelle. Doch manchmal endet´s auch – bei Strolchen! - in einer solchen. SPRECHERIN Es war sicher ein Glück für Heinz Erhardt, dass sein fast zeitloser Humor keine tagesaktuellen oder politischen Bezüge suchte. So kommt er relativ unbeschadet durch die Nazi-Zeit, den Krieg und kann 1946 beim NWDR wieder neu beginnen. Selbst die Engländer, die jede Sendung im voraus absegnen müssen, sind begeistert. Er sei der einzige Deutsche, über den sie lachen könnten, ohne ein Wort zu verstehen. Dabei arbeitet Erhardt hart an seinen Texten, oft kosten ihn seine Pointen, die nur scheinbar leicht und improvisiert daherkommen, schlaflose Nächte.... ZUSPIELUNG 27 (Zehrer) Das glaub ich ihm sofort. ZUSPIELUNG 28 (Erhardt) Manchmal aber fallen einem auch die Pointen aus dem Ärmel. So war es zum Beispiel in der Waldbühne, in Berlin, 25 000 Menschen, irrsinnig heiß und wie ich auftrete, umschwirrten mich einige Wespen. Ich wagte nicht, den Mund aufzumachen, weil ich dachte, ich verschluck gleich eine. Und ich hatte einen 10 Minuten langen Kampf mit den 5 Wespen. Das war ein so großer Erfolg, dass man sagte, warum machen Sie es nicht immer? Aber wo kriegt man immer gleich Wespen her. Aber da war noch was anderes. Als die Wespen dann verscheucht waren, trug ich ein Gedicht von mir vor, das ich schon mindestens 1000 mal vorgetragen hatte, blieb aber mittendrin stecken, vielleicht war die Hitze dran schuld, Totenstille. Ich errötete bis unter die Haarwurzeln: Mit einem Mal bücke ich mich, tu so, als ob ich etwas hochhebe und sage: ach. Ich hatte den Faden verloren und stecks dann oben in die Tasche. Das war die Rettung. ZUSPIELUNG 29(CD 71819, disc 2, take 16) Aber das passt jetzt ganz genau hinein. Urlaub im Urwald. Ich geh im Urwald für mich hin. Wie schön, dass ich im Urwald bin. Man kann hier noch so lange wandern, ein Urbaum steht neben dem andern. Und an den Bäumen Blatt für Blatt hängt Urlaub. Schön, dass man ihn hat. SPRECHERIN Der Erfolg beim Radio zieht Theaterauftritte nach sich. Lustspiele sollen die Entbehrungen der Nachkriegszeit vergessen lassen. „Lieber reich, aber glücklich“ mit Heinz Erhardt sehen 1947 allein in Hamburg 35.000 Zuschauer. ZUSPIELUNG 30 (Erhardt) Das Wort Schauspieler möchte ich da vielleicht doch etwas vorsichtiger gebrauchen – ich kann mich eben nur selbst spielen. SPRECHERIN Mancher Text funktioniert auch als Szene mit verteilten Rollen. Ein Dramolett auf den Buchstaben G. ZUSPIELUNG 26 (Erhardt CD 63543, take 1) Gong Geliebte Gisela. - Geliebter Gregorius. Günstige Gelegenheit - Gatte ging? - Geschäftsreise - Guckshaven – Großgerau - Glänzende Geldgegend - Getränk gefällig? - Genialer Gedanke. Gerade Gewürzgurke gegessen. - Gesundheit - Gleichfalls – Gutes Gesöff – Glücklich? - Gewiss - Geht ganz gut, gell? SPRECHERIN In den 50er Jahren kommt dann der Film. Körperlich inzwischen für die Breitwand geradezu geschaffen gibt Erhardt den kleinen, großen Mann. So ist er „Der müde Theodor“: Liebevoll, gutmütig bis zur Trotteligkeit. Immer mit Brille. Aber nicht ohne Durchblick. Meist mimt er den Familienvater, auch alleinerziehend wie in „Witwer mit fünf Töchtern“. Partnerverlust als Kriegsfolge. ZUSPIELUNG 31 (Zehrer) Ja das war sicher ein Thema der Zeit, das aber umgekehrt wurde. Es war ja ein viel eklatanteres Thema, dass Frauen ihre Männer verloren haben und als Witwen gelebt haben. Der Witwer, der alleinstehende Mann, der war ja ein eher seltenes Phänomen, aber das ist eine übliche Technik des Humoristischen, das man das Wohlbekannte so leicht verfremdet und umgekehrt und so in eine Form bringt, die einen nicht so ganz an die schmerzhafte Realität erinnert. ZUSPIELUNG 32 (Erhardt) An sich war ich sehr glücklich mit diesen Vaterrollen. SPRECHERIN Ausgerechnet diese Filme - von der Kritik nicht ganz zu Unrecht als Klamauk abqualifiziert - sollten in den 80er Jahren ein Comeback erleben. Für junge Leute sind sie plötzlich Kult. ZUSPIELUNG 33 (Zehrer) Es gab eben tonangebende Stimmen in den Medien, die spätestens ab den 60er Jahren doch verlangt haben, dass Komik nicht so apolitisch daherkommen darf wie es Heinz Erhardt doch immer verkörpert hat, dass sie mehr sein muss, dass sie aufklären muss und da kamen dann etwa Formen des Politkabaretts höher in Kurs und Heinz Erhardt galt als altbacken und antiquiert. Mittlerweise sieht man das wieder entspannter. Man sieht auch wieder genauer auf das Handwerk des Humors und kann das wieder wertschätzen, dass Heinz Erhardt da einfach sehr sehr gutes Handwerk geliefert hat. ZUSPIELUNG 34 (CD 71819,disc 1, take 8) Der Berg Hätte man sämtliche Berge der ganzen Welt zusammengetragen und übereinandergestellt, und wäre zu Füßen dieses Massivs ein riesiges Meer, ein breites und tiefs, und stürzte dann unter Donnern und Blitzen der Berg in dieses Meer ----, na, das würd spritzen! ZUSPIELUNG 35 (Zehrer) Da baut Erhardt so eine Kulisse der Spannung auf, gibt etwas sehr Dramatisches vor, und dann fällt das in einer sehr plötzlichen und überraschenden Pointe in etwas sehr Banales ab. Das ist eine sehr klug und gut und sicher gehandhabte Technik, die etwa Immanuel Kant schon in seiner Humortheorie vorweg genommen hat. Kant sagt, das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts. ZUSPIELUNG 35, b (CD 63543, take 1) Man fasse sich, aber kurz, das ist das hüpfende Komma, der springende Punkt. ZUSPIELUNG 36(Astor) Für mich ist Heinz Erhardt auf einer absolut gleichen Stufe wie Ringelnatz zum Beispiel. Und Ringelnatz hat ja gesagt: Humor ist der Knopf, auf den wir drücken müssen, damit uns nicht der Kragen platzt und das hat Heinz Erhardt gemacht und er hat es phantastisch gemacht. Das hat eine wahnsinnige Qualität. Ich finde dass Heinz Erhardt auch ein Komiker war, der eine unheimlich starke Poesie verbreitet hat in seinen Texten. ZUSPIELUNG 35, c (Erhardt CD 63543, take 5) Himmel, Gesäß und Nähgarn SPRECHERIN Und welches Gedicht fällt Willy Astor als erstes ein, wenn er an Heinz Erhardt denkt? Natürlich: die Made ZUSPIELUNG 37 (CD 63543, take 5/7) Die Made Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde. Sie ist Witwe, denn der Gatte, den sie hatte, fiel vom Blatte. Diente so auf diese Weise einer Ameise als Speise. Eines Morgens sprach die Made: „Liebes Kind, ich sehe grade, drüben gibt es frischen Kohl, den ich hol. So leb denn wohl! Halt, noch eins! Denk, was geschah, geh nicht aus, denk an Papa!“ Also sprach sie und entwich.- Made junior aber schlich hinterdrein; und das war schlecht! Denn schon kam ein Sprecht und verschlang die kleine fade Made ohne Gnade. Schade! SPRECHERIN Das Gedicht von der Made. Wahrlich ein Klassiker und ein Fix-Stern am Himmel deutscher humoristischer Dichtung. Geradezu genial – die Klimax der vielen Aaas und seine verzögerte Schlusspointe. Ein Markenzeichen von Heinz Erhardt. ZUSPIELUNG 38 (Erhardt, wie vorhin) Nein noch nicht, da kommt doch noch was...Hinter eines Baumes Rinde ruft die made nach dem Kinde ... ja jetzt ist es aus....BEIFALL ZUSPIELUNG 39 (Zehrer) Die Texte, wenn man sie sich genauer ansieht, sind natürlich alles andere als harmlos. Da geht es auch um Tod und Leben. Aber er bringt das immer wieder so charmant und unschuldig rüber, dass einem das gar nicht so richtig auffällt. Und das hat Heinz Erhardt so gut gemacht, dass er immer wieder als der unschuldige Witzemacher in Erscheinung getreten ist, der er im privaten auch gar nicht war. SPRECHERIN Der erfolgreiche Komiker, der liebenswerte und immer lustige Heinz Erhardt, gestorben am 5. Juni 1979, hat mit Problemen zu kämpfen. ZUSPIELUNG 40 (Zehrer) Es gibt eine große Kluft zwischen dem öffentlichen Heinz Erhardt, den wir als Bühnenfigur kennen und dem Menschen, der von großen Ängsten und Problemen besetzt war, der wie man heute weiß, ein massives Alkoholproblem hatte, der wohl auch in der Familie nicht der gemütliche Familienvater war, als der er immer wieder in seinen Filmen erscheint. ZUSPIELUNG 41 (Erhardt CD 63543, take 1 oder take 4)) Ja ja, manchmal kommt man mit einem blauen Auge davon, das man einem anderen geschlagen hat/ Immer wenn ich traurig bin, trink ich einen Korn (gesungen) ZUSPIELUNG 42 (Astor) Er war auch ein nervöser Bühnenkünstler. Das ist aber unheimlich sympathisch, dass da nicht irgend so ein ausgebuffter Typ auf der Bühne steht. Leider hat er die letzten Jahre seines Lebens stumm verbringen müssen, weil er durch seinen Schlaganfall halt die Stimme verloren hat, was die größte Grausamkeit ist für einen Komiker, aber ich muss sagen, des ist mir wahnsinnig nahe gegangen und ich fühl mich mit ihm seelenverwandt. ZUSPIELUNG 43 (Zehrer) Es gibt so einen kleinen Vierzeiler von ihm, den ich sehr schätze. Ich kann nichts dafür, dass der Mond schon scheint und dass nicht der Mond seinen Mondschein schont und das Frau Adele im Wohnheim weint weil sie nicht wie früher in Weinheim wohnt. Also, da ist nun wirklich der Inhalt nichts. Das ist reine Sprache, das ist reiner sound, im Grunde genommen ist das ein Urvater des deutschen Hip Hop. ZUSPIELUNG 45 (Erhardt) Ich freue mich, wenn man über mich lacht. Aber man soll so über mich lachen, dass man sich hinterher nicht schämt, über mich gelacht zu haben MUSIK, darüber: ZUSPIELUNG 46 (Astor) Ich finde, dass man sich vor diesem Mann verneigen soll, weil er einfach großartig war. ZUSPIELUNG 47 (Erhardt CD 63543, take 5) Na also ruhig. Sizilium, sizilium.

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