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2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Hildegard von Bingen - Kämpferin, Komponistin, Universalgelehrte
14.11.2024 · 24 Min.
Die Visionärin Hildegard von Bingen zählt bis heute zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des Mittelalters. Ihre Gottesbeziehung manifestiert sich in einer tiefen Verbindung zu Natur und Kosmos und inspiriert die Menschen bis heute. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Regie: Irene Schuck Es sprachen: Christian Baumann, Irina Wanka, Friedrich Schloffer Technik: Tim Höfer Redaktion: Andrea Bräu Interviewpartner dieser Folge: Peter Adamson, Professor für Philosophie, Ludwig-Maximilians-Universität München Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Literaturtipps: Die Originalwerke der Hildegard von Bingen in deutscher Sprache sind erhältlich beim Beuroner Kunstverlag. Hildegard von Bingen, Das Leben der Heiligen Hildegard von Bingen (Vita sanctae Hildegardis), mit einer Einführung von Prof. DR. Michael Embach, übersetzt von Dr. Monika Klaes-Hachmöller, Band 3 der Gesamtausgabe, herausgegeben von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim Eibingen, Beuroner Kunstverlag 2. Auflage 2018 Hildegard von Bingen, Ursprung und Behandlung der Krankheiten, Causae et Curae, übersetzt und eingeleitet von Ortrun Riha, Band 3 der Gesamtausgabe, herausgegeben von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim Eibingen, Beuroner Kunstverlag 4. Auflage 2020 Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, Liber Scivias: Eine Schau von Gott und Mensch in Schöpfung und Zeit, übersetzt von Mechthild Heieck, mit einer Einführung von S. Maura Zatonyi OSB, Band 1 der Gesamtausgabe, herausgegeben von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim Eibingen, Beuroner Kunstverlag 4. Auflage 2018 Hildegard von Bingen, Das Buch vom Wirken Gottes, Liber Dinvinorum Operum, Neuüberstetzung aus dem Lateinischen von Mechthild Heieck, Einführung von Caecilia Bonn, OSB Band 6 der Gesamtausgabe, herausgegeben von der Abtei St. Hildegard, Rüdesheim Eibingen, Beuroner Kunstverlag 4. Auflage 2018 Barbara Beuys: Denn ich bin krank vor Liebe. Das Leben der Hildegard von Bingen, Insel-Verlag 3. Auflage 2009 Barbara Beuys: Hildegard von Bingen: Kämpferisch und barmherzig, Insel Verlag 2017 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Die Geierwally - Von der Malerin zum Mythos
13.11.2024 · 24 Min.
Die Geier-Wally und ihr Geier: der symbolische Inbegriff einer Frau, die ihr Schicksal gegen alle Widerstände selbst in die Hand nimmt, unbeugsam und eins mit der Natur. Ein Mythos aus der Feder einer Schriftstellerin, auch wenn Etliche zu wissen glauben, wer die "echte" Geier-Wally war. Autor: Frank Halbach (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Udo Wachtveitl, Caroline Ebner, Thomas Birnstiel Technik: Klemens Kamp Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: PD Dr. phil. Katja Mellmann, Germanistin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Geier - Die fliegenden Saubermänner JETZT ANHÖREN Emma Goldman - Anarchie, Freiheit und Frauenrechte JETZT ANHÖREN Der Berg Nanga Parbat - Mythos, Ehrgeiz, Risiko JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally. Eine Geschichte aus den Tiroler Alpen. Hesse & Becker, Leipzig 1921. Katja Mellmann: Wilhelmine von Hillerns Quellen für die Rundschau-Novelle „Die Geier-Wally“ (1875). In: Jahrbuch Franz Michael Felder Archiv 19 (2018), S. 122–159. Susanne Päsler: Die Geier-Wally. Eine Romanfigur im Spiegel ihrer Popularität. In: Augsburger Volkskundliche Nachrichten, 01/1995, S. 24–37. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Kurt Gödel - Die Grenzen des Verstandes
12.11.2024 · 22 Min.
Kurt Gödel gilt als der bedeutendste Logiker des 20. Jahrhunderts. Er bewies logisch, dass man mit Logik nicht alles beweisen kann, und zeigte damit: Unsere Erkenntnis, unser Verstand hat Grenzen. Auch als Person war Gödel extrem. Von Aeneas Rooch (BR 2018) Credits Autor dieser Folge: Aeneas Rooch Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann, Peter Veit Technik: Birgit Vetter Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Eva-Maria Engelen, Philosophin, Uni Konstanz Prof. Dr. Benedikt Löwe, Mathematiker, Uni Hamburg Dr. Dirk Frettlöh, Mathematiker, Uni Bielefeld Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: David Hilbert - Größter Optimist unter den Mathematikern HIER Forscherinnen im Schatten - Vergessene Frauen der Wissenschaft HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Wie bitte? Was? Staunen als Anfang von allem
11.11.2024 · 23 Min.
Staunen lässt sich nicht erjagen, nicht erzwingen, nicht trainieren. Es geschieht, ereignet sich, kommt als Geschenk: Wir stehen still, versunken in den Moment, schalten alle Sinne auf Empfang für die Wunder der Welt. Und eine Reise beginnt, die nach Erklärungen für das zunächst Unbegreifliche und Überwältigende sucht. Autor: Simon Demmelhuber (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Simon Demmelhuber Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Werner Härtl, Katja Bürkle, Benjamin Stedler Technik: Winfried Messmer Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartnerin: Prof. Dr. Nicola Gess, Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Departement Sprach- und Literaturwissenschaften an der Universität Basel Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Wunder - Faszination des Unerklärlichen JETZT ANHÖREN Hoffnung - Die Stille Kraft JETZT ANHÖREN Die Magie - Wenn der Glaube Berge versetzt JETZT ANHÖREN Die Entwicklung des Glaubens - Wie Religion entstand JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Nicola Gess: Staunen. Eine Poetik. Göttingen [Wallstein-Verlag] 2019. Nicola Gess, Mireille Schnyder, Johannes Bartuschat, Hugues Marchal (Hg.): Staunen als Grenzphänomen. [Brill | Fink] 2019. Stefan Matuschek: Über das Staunen. Eine ideengeschichtliche Analyse. Tübingen [Max Niemeyer Verlag] 1991. Staunen. Plädoyer für eine vergessene Erlebensform. Kunstforum International, Band 259 (März-April 2019). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Erziehung früher - Das sagt die Bindungsforschung heute
08.11.2024 · 24 Min.
Ratschläge zu Säuglingspflege und Erziehung, wie im Nationalsozialismus propagiert, wirken bis heute nach. Aus Sicht der Bindungsforschung können Methoden wie "das Kind schreien lassen" langfristige Spuren in der Seele hinterlassen. Autorin: Birgit Magiera (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Birgit Magiera Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann, Jennifer Güzel Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Dr. Margarete Bolten, Psychotherapeutin, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel; Dami Charf, SozPäd+Heilpraktikerin f Psychotherapie, Verhaltenswissenschaftlerin, Göttingen; Dr. Claus Koch, Psychologe, Publizist, Pädagogisches Institut Berlin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Schlechte Gesellschaft – Die ARD Politthriller-Hörspiele Verborgene Machenschaften, gesellschaftliche Abgründe und private Tragödien mit Tiefgang - die Politthriller-Hörspiele enthüllen abgebrühte Bösewichte, undurchsichtige Konzerne und raffinierte Regierungen. Relevant, politisch und mit absoluter Nervenkitzel-Garantie JETZT ANHÖREN Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Bitte berühren! - Warum Körperkontakt so wichtig ist JETZT ANHÖREN Was schulden wir den Eltern? Zwischen Pflichtgefühl und Abgrenzung JETZT ANHÖREN Linktipps: Folgen von Schreienlassen, Dissertation Uni Konstanz: EXTERNER LINK | https://kops.uni-konstanz.de/server/api/core/bitstreams/af59e78a-4ad6-4594-a6be-dc46b7c46820/content Transgenerationale Weitergabe von belastenden Bindungserfahrungen Uni Ulm: EXTERNER LINK | https://oparu.uni-ulm.de/xmlui/bitstream/handle/123456789/33297/Promotion_Weismann.pdf?sequence=5&isAllowed=y Artikel über Ko-Regulation: EXTERNER LINK | https://traumaheilung.de/coregulation/ Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Bayern und Böhmen - Kampf um Glauben und Krone
07.11.2024 · 23 Min.
Bayern und Böhmen - das war schon immer mehr als bloße Nachbarschaft. Lange Zeit waren sie eng miteinander verbunden, politisch wie kulturell. Beide Regionen waren aber auch über Jahrhunderte Schauplätze im Kampf um die Macht im Heiligen Römischen Reich. Im bayerisch-böhmischen Gebiet kam in dieser Zeit auch der Barock zu voller Blüte. Autor: Michael Zametzer (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Michael Zametzer Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christian Baumann, Christopher Mann Technik: Fabian Zweck Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Prof. Dr. Anuschka Tischer, Julius-Maximilian-Universität Würzburg; Prof. Dr. Britta Kägler, Universität Passau Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Schlacht am Weißen Berg - Das Ende des Winterkönigs JETZT ANHÖREN Nach dem Dreißigjährigen Krieg - Wiederaufbau in Augsburg JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Ein großes Theater - Die Geschichte des Bolschoi in Moskau
05.11.2024 · 23 Min.
Es gibt nur wenige Orte in der russischen Hauptstadt, die so symbolisch aufgeladen und so eng mit der Geschichte Russlands und dem Geist Moskaus verbunden sind, wie das Bolschoi-Theater. Das klassizistische Gebäude wie das darin beherbergte Ensemble und seine Kunst blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Von Julia Smilga. Credits Autorin dieser Folge: Julia Smilga Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Andreas Neumann, Rahel Comtesse, Julia Fischer Technik: Ursula Kirstein Redaktion:Karin Becker Im Interview: Alexei Parin, Musikwissenschaftler, Opernkritiker Ekaterina Belowa, Professorin für Choreografie und Ballettstudien an der Staatlichen Akademie für Choreographie in Moskau Literaturtipps: „Galina“ von Galina Wischnewskaja, Gustav Lübbe Verlag ISBN: 3-7857-0433-X „Ich, Maija“ von Maija Plissezkaja, Gustav Lübbe Verlag ISBN: 978-3785707746 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 ( Tschaikowsky: Schwanensee; Orchester des Bolschoi-Theaters, Alexander Vedernikov 1‘11) OTon 01 Parin deutsch Für mich persönlich ist Bolschoi Theater wirklich ein Symbol von Moskau, ein Symbol von russischer Kunst. Und natürlich Bolschoi-Theater steht so fantastisch in unserer Stadt bis jetzt, dass wir, wenn wir vorbeigehen und wenn wir das Gebäude sehen. Wir verstehen sofort, das ist wirklich eines der größten Theatergebäuden in der Welt. eigentlich la Scala ist ein bisschen größer. Bolschoi-Theater ist zweiter von Größe. Sprecher: Der Moskauer Musikwissenschaftler und Opernkritiker Alexei Parin kennt das Bolschoi Theater seit seiner frühesten Kindheit. Der 80 - jährige erinnert sich gerne an seinen ersten Besuch vor 75 Jahren – die Oper „Ruslan und Ludmila“ von Michail Glinka hat den 5 - jährigen fasziniert und ihm die Liebe zur Musik und zu diesem Theater für immer „eingeimpft“, wie Parin sagt. Die Größe des Theaterraums lässt sich erst erahnen, wenn man ganz oben steht. OTon 02 Parin deutsch Wenn ich meine Enkelkinder ins Bolschoi-Theater zum ersten Mal bringe. Wir müssen unbedingt zum vierten Rang gehen, und dann dort stehen und sehen, dass Bolschoi-Theater so groß ist wie ein großes Gebäude. MUSIK 2 ( Michail Glinka: Ouvertüre „Ruslan und Ludmilla“, Walerjan Schirkow 0‘33) Sprecher: Das beeindruckende Gebäude im klassizistischen Stil mit seinem Vorbau mit acht ionischen Säulen und einer Quadriga, also einem antiken Viergespann auf dem Dach, weckt Erinnerungen an längst vergangene, glanzvolle Zeiten. Der Hauptsaal mit Platz für rund 2000 Zuschauer ist mit vergoldetem Stuck und rotem Samt ausgekleidet, die ihm speziellen Glanz und Feierlichkeit verleihen. Hier fanden die Welturaufführungen zahlreicher berühmter Opern russischer Komponisten statt. Peter Tschaikowsky und Sergej Rachmaninow dirigierten hier selbst die Premieren ihrer Opern. Aber auch in der sowjetischen Geschichte spielte das Bolschoi Theater eine zentrale Rolle: hier fanden die Allrussischen Sowjetkongresse und die Sitzungen des Zentralen Exekutivkomitees in der jungen Sowjetrepublik in den 1920er Jahren statt. Auch die Gründung eines neuen Staates – der UdSSR – wurde am 30. Dezember 1922 von der Bühne des Bolschoi-Theaters durch keinen geringeren als Wladimir Lenin verkündet. Oton 03 Parin deutsch Bolschoi-Theater: als Gebäude, als Theater, das ist natürlich Symbol von Imperium – eigentlich alle Festsitzungen, alle Jubiläen wurden gefeiert im Bolschoi-Theater, Bolschoi-Theater in meiner Kindheit, in meiner Jugend das war natürlich der Platz, wo alle diese Sitzungen stattfanden. Und das bleibt in meiner Seele, bis jetzt, also wenn ich Bolschoi-Theater besuche. Ja, also, das ist so groß und prächtig und alles Mögliche, dass ich sofort in unsrem Imperium mich verstehe. MUSIK 3 ( Gluck: „Orfeo ed Euridice“, Münchner Rundfunkorchester, Bruno Weil 1’15) Sprecher: Das Bolschoi Theater als Symbol des russischen Imperiums - ob es auch von der Zarin Katharina der Großen so gedacht war? Am 28. März 1776 gab Katharina die Große dem russischen Fürsten Urussow das Privileg, Vorführungen, Bälle und Maskeraden zu veranstalten und eine Theatertruppe zusammenzustellen. So gilt der 28. März 1776 als Geburtstag des Bolschoi Theaters in Moskau. Der Saal lag noch an anderer Stelle der Stadt als das heutige Bolschoi, mit seinen drei Logenetagen und einer Rotunde für besondere Besucher wurde er schnell zum kulturellen Zentrum Moskaus. Hier führten Leibeigene italienische komische Opern und Ballette auf. Auch einige erste russische Opern wurden hier gezeigt. Es gab auch eine Tanztruppe – sie bestand zunächst aus Moskauer Waisenkindern, die zuvor einer Tanzschule durchliefen. Diese Schule wurde nach dem Beispiel der bereits existierenden Sankt Petersburger Ballettschule des französischen Tänzers und Choreografen Jean-Baptiste Landé errichtet, erzählt Ekaterina Belowa. Sie ist Professorin für Choreografie und Ballettstudien an der Staatlichen Akademie für Choreographie in Moskau. OTon 04 Belova russ Sprecherin OV 1773 gilt als das Gründungsdatum der Moskauer Ballettschule, es war ein Erlass von Katharina der Großen. Sie hat, nachdem sie den Thron bestiegen hatte, schon 1763 einen Erlass herausgegeben, ein Bildungshaus in Moskau zu eröffnen, wo uneheliche Kinder, Waisenkinder unter 4 Jahren aufgenommen wurden. 00:08:35 - Sie wurden in verschiedenen Handwerken, Künsten, Zeichnen, Musik und eben Balletttanz unterrichtet. Und so wurde im Dezember 1773 der erste Tanzunterricht erteilt, und dies gilt als das Gründungsdatum der Moskauer Ballettschule, die letztes Jahr im Dezember ihr 250-jähriges Bestehen feierte. Sprecher Die berühmte Tradition des russischen Balletts ist wegen ihres tänzerischen Vorbilds, Jean-Baptiste Landé, in Wirklichkeit französisch, sagt Ekaterina Belowa. Doch während in Frankreich die Balletttradition nach der Französischen Revolution im 19. Jahrhundert fast zu Ende ging, wurde das klassische Ballett in Russland weiter bewahrt. Die Theatertruppen in Sankt Petersburg und Moskau wurden aus dem kaiserlichen Staatsbudget üppig finanziert. MUSIK 4 ( Rimskij-Korsakov: Die Zarenbraut, Ouvertüre 1‘00) Sprecher 1856 wurde in der Nähe des ersten, mittlerweile abgebrannten Theaters des Fürsten Urussow ein neues Theater aufgebaut und „Bolschoi“ genannt - zu deutsch: Großes Theater, und auf seinem Spielplan standen nun hauptsächlich Opern- und Ballettaufführungen. Der Architekt Alberto Cavos, der vorher auch das legendäre Mariinskij Theater in St. Petersburg umgestaltet hatte, baute in Moskau das damals größte Theatergebäude der Welt, für etwa 2300 Zuschauer. Es war reich und aufwendig mit Kronleuchtern, himbeerrotem Samt und Gold dekoriert. Die Verwendung von Materialien wie Holz und Pappmaché verbesserte die akustischen Eigenschaften. Nach wie vor ist das Bolschoi Theater für seine Akustik berühmt. Bis zur Oktoberrevolution 1917 blieb jedoch das Bolschoi Theater stets im Schatten des Mariinskij Theater in Sankt Petersburg, erzählt der Opernkritiker Alexej Parin OTon 05 Parin Selbstverständlich: Sankt Petersburg war in dieser Zeit die Hauptstadt von Russland und deswegen alle wichtigste Premieren von russischen Opern inklusive Glinka und Rimsky-Korsakov und so weiter wurden in Sankt Petersburg. Moskau hat eigentlich in dieser Sache zweite Rolle gespielt. Nur Tschaikowsky war hier glücklich. Die erste öffentliche Produktion von Eugen Onegin auf der professionellen Bühne war in Moskau in Bolschoi-Theater. MUSIK 5 (Tschaikowsky: Eugen Onegin; Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons 0‘32) Sprecher 1918 verlegte Wladimir Lenin die Hauptstadt des neuen bolschewistischen Russlands nach Moskau. Lenin forderte zunächst die Schließung und sogar den Abriss des Bolschoi-Theaters – die Oper sei keine Kunst des Proletariats, sondern der Bourgeoisie, die zu viel Geld koste. Erstaunlicherweise waren es das Mitglied des Zentralkomitees Joseph Stalin und der erste Kulturminister der Sowjetunion Anatolij Lunatscharskij, die sich für die Erhaltung des Bolschoi-Theaters einsetzten. OTon 06 Parin Lenin war schon krank, es war im Jahre 1922 und deswegen diese Meinung von Lunatscharskij und Stalin war wichtiger als die Meinung von Lenin. Und dann ist Bolschoi Theater geblieben. Sprecher Aber es brachen neue Zeiten an. Die Wirren der Revolution, Hunger und Not während des Bürgerkriegs zwangen viele Künstler zur Auswanderung aus dem so genannten „kommunistischen Paradies“. Beinahe die komplette Balletttruppe des Mariinskij Theaters ging ins Ausland, erzählt die Balletthistorikerin Ekaterina Belowa. In Moskau hingegen waren die meisten Tänzer und Tänzerinnen trotz der Schrecken der Revolution geblieben - und traten weiterhin im Bolschoi Theater auf. OTon 07 Belowa russ Sprecherin OV Das Theater wurde nicht geheizt, es wurde kaum Gehalt bezahlt, es gab nichts zu essen. Laut der Erinnerungen von Zeitzeugen standen die Ballerinen im Winter in Pelzmänteln und Filzstiefeln hinter der Bühne - Nachdem die Ouvertüre erklungen war und ihr Auftritt kam, warfen sie ihre Pelzmäntel ab, stiegen aus den Filzstiefeln und flogen in Tutus mit nackten Armen und Schultern, trotz der Kälte, über die Bühne. Auch das Publikum veränderte sich natürlich sehr, statt adeliger Verehrer waren es nun Fabrikarbeiter, Soldaten, Matrosen, denen zuvor der Zugang zu den Theatern verwehrt war. Sie wussten natürlich nicht, wie sie sich verhalten sollten, machten Lärm, redeten, knackten während der Vorstellungen Sonnenblumenkerne… MUSIK 6 ( Reinhold Gliere: Roter Mohn 0‘22) Sprecher In den Jahren um 1930 geriet das Theater zunehmend unter die Kontrolle der kommunistischen Behörden. Die Regierung forderte neue Opern und Ballette, mit Musik, die für die Massen verständlich war. Auf der Bühne wurde ein „großer Stil“ geschaffen: massiv, für das Publikum verständlich und historisch -realistisch. Das alte klassische Repertoire wurde inhaltlich überarbeitet. So kämpfte der Bauer Iwan Susanin, die Hauptfigur in Michail Glinkas Oper „Ein Leben für den Zaren“, nun nicht mehr für das Zarenhaus, sondern für das russische Vaterland… OT 08 Parin deutsch: Ab 30er-Jahren. Das war Bau von sozialistischem Realismus. Man muss alles so echt historisch auf der Bühne bauen und spielen, und man musste auch die Opern von geringer Qualität, aber mit gutem Gehalt sozusagen im sozialistischen Sinne spielen. Sprecher: Auch im Ballett versuchten Komponisten und Choreografen, Werke mit neuen, sozialistischen Inhalten auf die Bühne zu bringen. Nach dem Tod Wladimir Lenins 1924 konzentrierte sein Nachfolger Josef Stalin die gesamte Macht über die Sowjetunion in seinen Händen. Sein besonderes Augenmerk galt der sozialistischen Kunst. Das Bolschoi Theater wurde zu seinem kulturellen Stammplatz MUSIK 7 ( Mussorskij: Boris Gudunow 1‘05) Zitatorin Galina Wischnewskaja „Das Bolschoi Theater! Groß, monumental, einmalig… Ich trat dem Ensemble am Ende einer Epoche bei…“ Sprecher schreibt die Sopranistin Galina Wischnewskaja, in ihren Memoiren „Galina. Erinnerungen einer Primadonna“. 1952 trat die 25-jährige Operettensängerin nach einem Vorsingwettbewerb der Truppe des Bolschoi bei. Ein Jahr später würde Josef Stalin sterben. Doch als die junge Galina im Bolschoi zu singen begann, da war er noch da, hielt seine schützende Hand über das Theater, mischte sich gerne in künstlerische Interpretationsfragen ein… Galina Wischnewskaja erlebte eine einzigartige von Stalin geprägte Atmosphäre im Bolschoi: Zitatorin Galina Wischnewskaja „Das Bolschoi stand unter Stalins höchstpersönlichem Schutz (…) Finanzielle Schwierigkeiten hatte das Bolschoi nie gekannt. Wenn es um das eigene Prestige geht, scheute der Staat keine Kosten(..) Imperialistisches Theater! Während der Stalin Zeit genügte schon sein Name auf der Gästeliste, und schon drängten sich sämtliche Sänger und Sängerinnen nach einem Auftritt, ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit. Der Stammplatz von Stalin war die Loge A, die unmittelbar über dem Orchester und von der Bühne aus gesehen, auf der rechten Seite lag. Ein Vorhang verbarg ihn vor dem Publikum, doch zeigte schon die Menge der Leibwächter in Zivil, das dort kein anderer saß als ER. Ob Stalin die Musik liebte? Nein. Stalin liebte das Bolschoi, genoß seinen Glanz, seinen Pomp. Hier konnte er sich als Herrscher fühlen, hier genoß er seine Rolle als Hausherr und Patron der Künstler, seiner Leibeigener. Ihnen gegenüber zeigte er sich gern großzügig, in dem er- genau wie der Zar es getan hätte - die besten belohnte“ Sprecher Ein Lob konnte alles bedeuten: Gehaltserhöhung, neue Wohnung, neuer Titel des verdienten Künstlers. Aber auch mit Kritik geizte Stalin nicht – und wehe dem, der bei ihm in Ungnade fiel. Vom Parteiausschluss bis zu Arrest und Verbannung nach Sibirien - alles war möglich. MUSIK 8 ( Alexander Borodin: Fürst Igor 1‘00) Sprecher: Nach Stalins Tod 1953 verloren die Künstler am Bolschoi peu à peu ihre Privilegien als „Hofmusiker“, ihre Gehälter schrumpften wieder, erzählt Galina Wischnewskaja, die übrigens später Frau des Cellisten und Dirigenten Mstislaw Rostropowitsch wurde. Das Bolschoi Theater blieb aber auch in der Zeit der Tauwetterpolitik von Nikita Chruschtschow in den 1950er und60-er Jahren eine wichtige Institution der sowjetischen Musikkultur. Zum einen begann der Austausch mit dem Westen. 1964 gastierte die Truppe der Mailänder Scala im Bolschoi und das russische Publikum konnte zum ersten Mal Opern von Verdi im Original auf Italienisch hören. In der Sowjetunion wurden ausländische Werke zuvor ausschließlich auf Russisch gesungen. Aber auch regelmäßige Gastspiele der Bolschoi Opern- und Balletttruppe seit Mitte der 1950-er Jahre im europäischen Ausland und in den USA riefen beim Theaterpublikum stets Begeisterung hervor. Gleichzeitig war das Bolschoi eine starke Propagandawaffe im Kampf zwischen zwei Systemen – des kommunistischen und des kapitalistischen. Hervorragende Stimmen, prachtvolle Bühnenbilder, einmalige Tanztechnik und ausdruckvolles Schauspiel der Moskauer Künstler fesselten die Zuschauer. Dafür liebte das einheimische Publikum sein Bolschoi Theater, sagt der Opernkritiker Alexei Parin. Auch wenn die Aufführungen manchmal altmodisch wirkten… OTon 9 Parin Die traditionellen Opern wie Boris Godunow und Chowantschina und manche Opern von Rimsky-Korsakov, die Zarenbraut, Eugen Onegin und der Pik-Dame von Tschaikowsky - sie waren wirklich verstaubt. Das kann man sagen, das war sehr historisch auf der Bühne. Aber (…) unsere Sänger, die haben die Rollen so tief vorbereitet, dass wir in dieser verstaubten Situation doch das echte Leben empfanden. (..) Wir haben diese Rivalitäten und diese Liebe auf der Bühne mit den Sängern empfunden. Das war auch in diesen verstaubten Inszenierungen ein echtes Leben auf der Bühne MUSIK 9 ( Aram Chatschaturjan: Nr. 2 aus: Suiote aus „Spartakus“ 0‘51) Sprecher Im Ballett hat der Choreograph Juri Grigorowitsch im Bolschoi eine Revolution vollführt, erzählt Ballettwissenschaftlerin Ekaterina Belowa. 30 Jahre lang, von 1964 bis 1994, leitete Juri Grigorowitsch die Balletttruppe des Bolschoi Theaters - und hat vor allem den männlichen Tanz in Russland völlig verändert. Der Ballettänzer wird bei ihm zur zentralen Figur. Vor allem im Ballett Spartakus von Aram Chatschaturian, das 1968 im Bolschoi Theater uraufgeführt wurde, kam das zur Geltung: OTon 10 Belowa Sprecherin OV Vor Grigrowitsch gab es keinen männlichen Tanz dieses Niveaus, er hat viele fliegende Sprünge eingeführt. Der Ballettänzer Vladimir Vassiliev musste in drei Sprüngen die gesamte Bühne des Bolschoi Theaters überfliegen, er hat sehr komplexe Drehungen eingeführt, (..) so einen virtuosen Tanz gab es vorher nicht, das männliche Corps de ballet, spazierte bis dato um die Bühne herum, und gab manchmal der Partnerin die Hand, unterstützte sie. Die Spartakusrolle war so schwierig, dass der Solist Vladimir Vasiliev bei jeder Aufführung mindestens zwei Kilo verlor, wie er sich selbst erinnerte … MUSIK 10 (Igor Strawinsky: Vorspiel aus: The Rake‘s Progress 0‘36) Sprecher Mit dem Beginn der Perestrojka Ende der 1980-er Jahre und dem Zerfall der Sowjetunion 1991 begann eine widersprüchliche Zeit für das Bolschoi Theater. Einerseits endete die Staatsfinanzierung völlig, das Theater musste selbst das Geld verdienen, um die Truppe zu finanzieren - und das verarmte russische Publikum war dabei keine große Stütze. Andererseits gab es viel Freiheit: die ständige KGB – und Parteiaufsicht fiel weg und es begann eine fruchtbare Phase des intensiven Austauschs mit internationalen Opern und Balletthäusern, erzählt Alexei Parin: OTon 11 Parin Wir haben dann in dieser Zeit solche Inszenierungen wie Woyzeck, zum Beispiel mit ausländischen Sänger gemacht. die neuen Produktionen von Mozart, wo man auch sehr viele ausländische Sänger gehört haben - in dieser Zeit, wo der Bolschoi International wurde. Ich würde sagen das waren große Zeiten von guten Inszenierungen und vom internationalen Wechsel hier. Sprecher Bereits in den 80er Jahren war klar, dass das Theater von Grund auf saniert werden müsste. Das Gebäude war in einem katastrophalen Zustand, hatte tiefe Risse in den Wänden und drohte einzustürzen. Doch man wollte das Haupttheater der Sowjetunion nicht einfach schließen und entschied, zuerst eine Filiale zu bauen - die so genannte Neue Bühne des Bolschoi Theaters in Moskau in der Nähe der Hauptbühne. Diese wurde im Herbst 2005 wegen Sanierung geschlossen. Bei ihrer feierlichen Neueröffnung am 28. Oktober 2011 erstrahlte der originalgetreu nachgebaute Zuschauerraum in üppigem Gold und sattem Himbeerrot. Im Zuge der sechs Jahre lang andauernden Sanierung war nicht nur die Hauptbühne, sondern das komplette Gebäude des Bolschoi Theaters in Moskau renoviert, vergrößert und modernisiert worden. Nach offiziellen Angaben kostete der umfassende Umbau knapp 500 Millionen Euro. MUSIK 11 ( Tschaikowsky: Der Nußknacker, Ouvertüre; Orchester des Bolschoi-Theaters, Alexander Vedernikov 1‘38) Sprecher Nach wie vor ist das Bolschoi Theater die Bühne Nummer 1 in Russland. Für die legendären Aufführungen des Balletts „Der Nussknacker“ in der Weihnachtszeit stehen die Besucher durchaus eine Nacht lang vor dem Kartenschalter an, um die Chance haben, gleich nach Öffnung Tickets zu ergattern. Und natürlich steht das Bolschoi, das Symbol des Imperiums, nach wie vor im staatlichen Machtkontext, sagt Alexei Parin. OTon 12 Alexei Parin deutsch Von Säulen, von Bolschoi-Theater wir sehen Kreml. Und das ist nicht nur geografisch, das ist ideologisch bis jetzt, (..) Das bleibt in Verbindung. Und wenn man einen Direktor von Bolschoi-Theater nennt, wer nennt das - das nennt Kreml. Sprecher Trotz der engen Verbindung zu den russischen Machthabenden, für Alexei Parin bleibt das Bolschoi Theater vor allem der Geburtsort seiner Faszination für die Musik: OTon 13 Alexei Parin Diese goldene Vergangenheit ist überall in diesem Bolschoi-Theater. Wir, wenn wir in Zuschauerraum kommen - wir fühlen, dass hier sehr lange schon gute Sachen gemacht waren. Das ist irgendwie in der Luft. Das bleibt in der Luft.
- Eichhörnchen - Kletternde Kobolde
04.11.2024 · 22 Min.
Eichhörnchen leben gern in Nadelwäldern, beleben als Kulturnachfolger aber auch Gärten und Parks; sie sind anpassungsfähig und gewitzt. Und auch in Mythen und Erzählungen hat es seinen festen Platz. Von Brigitte Kohn (BR 2015) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Thomas Birnstiel Technik: Adele Kurdziel Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Doris Nogai und Sabine Gallenberger, Eichhörnchen Schutz e. V., München; Dr. Stefan Bosch, Biologe und Buchautor, Sternenfels Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik Filigran 85062920 Z00 Park-/Stadt-Atmo 01 O-TON SABINE GALLENBERGER 1.14 Ende Februar fängt's langsam an. März geht so, im April ist es eigentlich die Hölle. Da kriegen wir bestimmt 200 Tiere in einem Monat, fast ausschließlich aus dem Wohngebiet. Nester bauen die an den Balkonen, und da fallen die Jungen runter, bzw. beim ersten Ausflug kommen sie vielleicht gerade noch runter, aber nicht mehr nach oben. ERZÄHLERIN: Manchmal sammelt die Eichhörnchenmutter ihre Jungen wieder ein und bringt sie in Sicherheit, aber in der Stadt ist das oft schwieriger als im Wald. Wenn sie nicht kommt, ist menschliche Hilfe nötig. Musik aus Sabine Gallenberger ist die Gründerin und Vorsitzende des Vereins Eichhörnchen Schutz e.V., der ein bayernweites Netz von Pflegestellen aufgebaut hat und pro Jahr im Schnitt 500 Eichhörnchen das Leben rettet. Dafür hat sie im Jahr 2014 den Bayerischen Tierschutzpreis erhalten. Ihr und den anderen ehrenamtlichen Helfern geht die Arbeit zwischen Februar und Oktober, Musik Filigran 85062920 Z00 Park-/Stadt-Atmo wenn es junge Eichhörnchen gibt, nie aus. Die Stadt ist ein schwieriger Lebensraum: zu viele Autos, hungrige Krähen, Hunde und Katzen, viel zu ordentliche Gärten mit viel zu viel Pflanzengift und ungesicherten Regentonnen. 02 O-TON SABINE GALLENBERGER 1.14 Manche fassen sich ein Herz und suchen den Menschen, damit er ihnen hilft. Was ganz oft verkannt wird, weil die Leute ganz oft nicht verstehen können, dass das ein Hilferuf ist. Manche klettern den Menschen auch die Beine hoch, dann heißts o Gott, Hilfe, Tollwut. Also, laut Robert-Koch-Institut: Eichhörnchen sind keine Tollwut-Überträger, und in Deutschland gibt es schon lange keine Tollwut mehr derzeit. Die suchen wirklich nur Hilfe. Musik Pattalar home groove C1465890 031 Atmo Hörnchen im Käfig ERZÄHLERIN: Bei Doris Nogai aus München-Waldtrudering finden sie diese Hilfe und auch die Gesellschaft von Artgenossen, die junge Eichhörnchen für ihre Entwicklung unbedingt brauchen. Handaufzucht ist anstrengend: Musik aus Die Eichhörnchenkinder brauchen alle vier Stunden eine spezielle Aufzuchtmilch, wenn sie ganz klein sind, alle zwei Stunden. Auch nachts. Die Jungtiere bewohnen große Käfige im Wohnzimmer und tragen die Namen, die ihre Finder ihnen gegeben haben. 'Lotta' und 'Meggie' zum Beispiel, eine rot, eine schwarz, sind Schwestern. Atmo aus 03 O-TON DORIS NOGAI Die Rote, die ist cooler drauf wie die schwarze, die ist auch nicht so ängstlich wie die schwarze. [Die Schwarze hat sich auch an mich gewöhnt, aber die ist immer noch etwas zögerlich.] Die Rote ist ziemlich draufgängerisch, die kommt auch her und will raus. Die sind schon vom Charakter her sowas von unterschiedlich. Musik Katalog für Schlagzeug II 74061020 000 ERZÄHLERIN Kleine Eichhörnchen empfinden den Käfig als Nest. Aber wenn sie größer werden, springen sie unruhig umher. Mit etwa 14 Wochen wird es höchste Zeit zum Auswildern. Sabine Gallenberger sorgt dafür, dass dies außerhalb der Stadt geschieht, in großen Auswilderungsvolieren am Waldrand, in denen die Tiere erst mal ein paar Wochen bleiben. 04 O-TON SABINE GALLENBERGER 4.26. Dort können sie sich an die Umgebung gewöhnen, sie lernen sich zu warnen, mal vor einem Greifvogel oder so. Es ist ja immer einer in der Gruppe, der ein bisschen schlauer ist und ein bisschen sensibler in Bezug auf die Umgebung, und die lernen sich das untereinander. [Und dann wird die Klappe aufgemacht und dann können sie raus. Aber die ersten Wochen wird auch nachts wieder zugemacht, um vorm Marder sicher zu sein.] Musik aus 05 O-TON DORIS NOGAI: 54.00 Die sind, wenn sie klein sind, schon zutraulich. Aber spätestens dann, wenn sie in Auswilderungsvolieren sind, werden die meisten scheuer werden. Es sind die wenigsten, die dann wirklich zahm bleiben. Und das soll ja auch so sein. Ich versuche die Bindung zum Eichhörnchen spätestens ab der Zimmervoliere ein bisschen zurückzunehmen, damit die Trennung nicht so schwer ist. Weil die sind einfach putzig. Man muss sie einfach gern haben. Musik Pas de deux 74061020Z00 ZITATOR HEBBEL: „[„Wenn du mich jetzt schreiben sähest, würdest du deinen Spaß daran haben. Mein kleines Eichkätzchen will den Brief durchaus nicht zustande kommen lassen. Bald zupft es an der Feder, bald hüpft es über das Papier, und wenn ich das Tintenfass nicht immer zudeckte, würde es gewiss seine Pfötchen hineintauchen und dir ein Autograph mit schreiben.] Hast du je ein solches Tierchen in der Nähe gehabt? Ich kenne nichts Anmutig-Possierlicheres, wir haben das unsrige schon zwei Jahre, und es macht uns viel Vergnügen, denn es ist so zahm, dass es die Hand leckt und hinterher läuft wie ein Hündchen.“ Musik aus ERZÄHLERIN: Der Dichter Friedrich Hebbel liebte sein Eichhörnchen über alles und beschrieb seine drolligen Angewohnheiten in langen Briefen. Als es im Herbst 1861 starb, war er ganz untröstlich. Atmo Wald Allerdings: Zahme Eichhörnchen kommen weder mit der Natur noch mit Artgenossen zurecht und sind ziemlich gefährdet. Am besten sind sie hoch oben in den Baumwipfeln aufgehoben, sicher getarnt durch das rote, braune oder schwarze Fell, das die Raubvögel im Gewirr der Äste von oben kaum erkennen können. Der Eichhörnchenbauch ist immer weiß und verschwimmt, vom Boden aus betrachtet, mit dem hellen Himmel. Auch in ihrer Fortbewegungsweise sind die Tiere perfekt an den Lebensraum Baum angepasst, sagt der Eichhörnchenexperte und Sachbuchautor Dr. Stefan Bosch: Atmo aus Musik Sieben Stücke für 2 Xylophone, Nr. 2 Allegro CD235070 030 06 O-TON DR. STEFAN BOSCH 14.27 Es gibt nur ganz wenige Tiere, die genauso gut klettern können. Die, mit dem Kopf voraus, stammabwärts klettern können. Und das schafft man nur, wenn man eine Vierpunktaufhängung hat, mit zwei Haken oben und zwei Haken unten. Das hat der Kleiber in der Vogelwelt, und das hat das Eichhörnchen. Und das Eichhörnchen kann sich nur deshalb an vier Punkten festhalten, weil es im Sprunggelenk eine 180-Grad-Drehung machen kann. Wenn wir nach vorne schauen, schauen unsere Zehen auch nach vorne. Wir können nicht die Zehen um 180 Grad nach hinten schauen lassen, aber das Eichhörnchen kann das. Und deshalb kann es sich mit den Hinterbeinen, die nach oben gedreht sind, oben festhalten, und mit den Vorderpfoten, mit den Krallen, unten festhalten. Und kann deshalb den Stamm Kopf voraus abwärts klettern und auch hervorragend nach oben klettern und sich überhaupt in den Bäumen sehr gut fortbewegen, weil die scharfen Krallen extrem stabilen Halt geben. Auch an glatten Rinden. Auch an Hauswänden. Wenn die nicht zu glatt sind, können sie auch an Hauswänden hochklettern. Musik aus ERZÄHLERIN: Ein ganz wichtiges Körperteil ist der Eichhörnchenschwanz. Er kann zwar keinen Fall bremsen, wie oft behauptet wird, aber er gibt eine gute Balance beim Klettern und hilft auch beim Springen, indem er die Flugeigenschaften verbessert. Musik Sieben Stücke für 2 Xylophone Nr. 6 Grazioso CD235070 034 08 O-TON DR. STEFAN BOSCH 15.42 Das Eichhörnchen verlängert damit seinen Körper, und man weiß von den Lanzen, dass lange Lanzen besser fliegen als kurze. Er dient aber auch der Thermoregulation, die Eichhörnchen können sich damit einwickeln und zudecken im Winter, wenn sie in ihren Kobeln den Tag verschlafen. Sie haben auch noch ein spezielles Blutgefäßnetz, wo sie überschüssige Körpertemperatur im Sommer über den Schwanz abgeben können. Und der Schwanz dient der Kommunikation. Die Eichhörnchen leben ja weit verstreut im Wald, aber mit dem Schwanz können sie Gefühle oder Erregung ausdrücken, und das können andere Eichhörnchen, die auch weiter weg sind, beobachten und können so die Stimmung ihres Reviernachbarn wahrnehmen. Musik aus ERZÄHLERIN: Eichhörnchen haben keine Flügel und leben dennoch zwischen Himmel und Erde. Das hat Menschen schon immer fasziniert und ihre Phantasie angeregt. In dem Roman „Eichhörnchen“ des russischsprachigen Autors Anatolji Kim, erschienen 1984, ist das Eichhörnchen ein märchenhaftes Schwellenwesen, das häufig seine Gestalt wechselt: Symbol für die Vielstimmigkeit der Welt, für Wandlungsfähigkeit und Perspektivenreichtum. Musik Snowmelt C1516150 004 [ZITATOR KIM: „Im Wald verwandle ich mich, vergesse im Nu die Fertigkeiten des zivilisierten Wesens, klettere auf Bäume und hüpfe von Zweig zu Zweig. Wenn ich mich so eine Weile vergnügt habe, erklimme ich den allerhöchsten Baum und sitze ganz oben still auf einem schwankenden Zweig. Die wunderliche Welt der Waldwipfel liegt vor mir, ich sehe das dichte Grün, das vom Wind bewegt wird wie das Meer.“] Musik aus ERZÄHLERIN: Das wohl älteste literarische Eichhörnchen findet man in der nordischen Mythologie, genauer gesagt in der Edda, einer isländischen Textsammlung aus dem 13. Jahrhundert, die auf sehr alten Überlieferungen basiert. Hier wird von der Weltenesche Yggdrasil erzählt, in deren Wipfeln ein Adler und an deren Wurzeln ein Drache namens Nidhogg, ein schlangenartiges Ungetier, haust. Der Adler verkörpert Licht und Transzendenz, der Drache die dunklen und bösen Mächte. Und das Eichhörnchen, das den Stamm hinauf und hinunter flitzt, sorgt als eine Art Mittlerfigur dafür, dass die beiden in Verbindung bleiben. Musik Pas de deux 74061020Z00 ZITATOR EDDA: „Ratatoskr heißt das Eichhörnchen, das herumspringt an der Esche Yggdrasil; die Worte des Adlers trägt es von oben herab und sagt sie unten Nidhögg.“ Musik aus ERZÄHLERIN: Beeindruckend sind auch die scharfen Sinne des Eichhörnchens. Sie können viel besser sehen, hören und riechen als Menschen und die kleinsten Veränderungen in ihrer Umgebung blitzschnell wahrnehmen. Mit ihrem kraftvollen Gebiss – die unteren Schneidezähne sind durch einen Muskel verbunden und daher beweglich – sprengen die Nagetiere auch harte Nussschalen schnell und sicher. Musik Filigran 85062920 Z00 Atmo Hörnchen knabbert Und: Eichhörnchen speisen mit einer Anmut, die auch Goethe bezaubert hat. ZITATOR GOETHE: „Warum gibt uns die Betrachtung unseres heimischen Eichhörnchens so viel Vergnügen? Weil es als die höchste Ausbildung seines Geschlechtes eine ganz besondere Geschicklichkeit vor Augen bringt. Gar zierlich behandelt es ergreiflich kleine appetitliche Gegenstände, mit denen es mutwillig zu spielen scheint, indem es sich doch nur eigentlich den Genuss dadurch vorbereitet und erleichtert. Dies Geschöpfchen, eine Nuss eröffnend, besonders aber einen reifen Fichtenzapfen abspeisend, ist höchst graziös und liebenswürdig anzuschauen.“ Musik und Atmo aus Musik Pas de deux 74061020Z00 Atmo Wald 09 O-TON DR. STEFAN BOSCH 17.40 Das Bild von der Ernährung des Eichhörnchens ist geprägt von dem berühmten Bild von Albrecht Dürer, wo das Eichhörnchen wunderbar abgebildet ist, aber Haselnüsse frisst. Haselnüsse oder auch Walnüsse gehören zwar jahreszeitlich auch zur Ernährung, aber die Hauptnahrung, die das ganze Jahr über zur Verfügung stehen muss und die dem Eichhörnchen die Grundnahrung liefern, sind Baumsamen. Diese kleinen, knapp linsengroßen geflügelten Samen, die man aus den Zapfen von Kiefer, Fichte oder Lärche herausschütteln kann, wenn man mal so einen trockenen Zapfen hat, diese Minisamen frisst das Eichhörnchen. Und es muss jeden Tag zwanzig bis dreißig solche Fichtenzapfen bearbeiten und da die Samen rausholen, um seinen Tagesbedarf zu decken. ERZÄHLERIN: Der Nadelwald ist also der beste Lebensraum für Eichhörnchen. Sein Nahrungsangebot ist natürlichen Schwankungen unterworfen, mal gibt es viele Baumsamen, manchmal wenige, und danach richtet sich auch die Anzahl der Eichhörnchen. 10 O-TON DR. STEFAN BOSCH 34.32 Und wenn wir sehr gute Eichhörnchenjahre haben, wo es sehr viele Eichhörnchen gibt, dann gibt’s Abwanderungsbewegungen in die Umgebung, dann kann man sie auch im Laubwald oder in Gärten und Parks feststellen. Deshalb ist es so, dass man im Laufe der Jahre manchmal Eichhörnchen im Garten hat, in manchen Jahren aber auch nicht. Musik Pattalar home groove C1465890 031 ERZÄHLERIN: Jedes Tier hat sein Revier, das es mit den Duftdrüsen an seinen Pfoten markiert. Die Tiere sehen sich aus der Ferne, nehmen aber außerhalb der Paarungszeiten wenig Kontakt zueinander auf. Musik aus Die Mittagsstunden verbringen sie gern schlafend in ihren Nestern, denn den ganzen Tag hüpfen und springen, das wäre für die stressempfindlichen Tiere zu anstrengend. 11 O-TON DR. STEFAN BOSCH 38.40 Eichhörnchen bauen ihre Reisignester lieber in den Bäumen, gelegentlich werden auch Baumhöhlen genommen, aber das selbst gebaute Reisignest ist eigentlich das wichtigste Quartier. Einerseits zum Ruhen, einerseits zum Überwintern, und von den Weibchen, die die Jungen zur Welt bringen, als Fortpflanzungskobel in etwas größerer Ausführung genutzt. Die Kobel sind etwa fußballgroß und innendrin sehr gut ausgepolstert. Und da können die Eichhörnchen dann den Winter verschlafen oder ihre Jungen zur Welt bringen. Musik Snowmelt C1516150 004 Atmo Knabbern ERZÄHLERIN: Im Winter verlängern sich die Ruhepausen deutlich. Oft liegen mehrere Tiere in einem Kobel, um sich gegenseitig zu wärmen. Einen richtigen Winterschlaf halten sie aber nicht. Sie müssen täglich raus, um Nahrung zu suchen, in den Bäumen, oder in ihren Vorratslagern, die sie regelmäßig anlegen und meist auch wiederfinden. Aus liegengebliebenen Samen sprießen neue Bäume. Auf diese Art unterstützen die Eichhörnchen das Ökosystem Wald. Musik aus 12 O-TON DR. STEFAN BOSCH. 30.40 Baumhörnchen haben deswegen nachgewiesenermaßen größere Gehirne, weil sie sich diese Versteckstellen merken können. Beim Verstecken muss man nicht nur verstecken und wiederfinden. Es gibt auch Eichhörnchen, die sogar Nahrung zwischendrin während dem Einlagern mal kontrollieren und die schlechten rauswerfen und die guten Nüsse wieder weitervergraben oder an anderer Stelle neu vergraben. Musik Hulze Glechter und Totem für Xylophon und Fellinstrumente 85046920 014 Atmo Winterwind Nestgeräusche ERZÄHLERIN: Im Winter sehen Eichhörnchen deutlich pummeliger aus als im Sommer, denn ihr kraftvolle Muskulatur und ihr leichtes Skelett sind unter dem wesentlich dichteren Winterpelz verborgen. Um die Ohren zu wärmen, wachsen ihnen dort lange Haare, die senkrecht in die Höhe stehen und sehr hübsch aussehen. Atmo Balzgeräusche Ende Januar sind die ruhigen Zeiten vorbei, denn dann beginnt die Paarung. Die Männchen wetteifern um die Gunst der Weibchen und jagen sich in wilden Verfolgungsjagden die Bäume hoch, um klarzustellen, wer der Stärkere ist. 13 O-TON DR. STEFAN BOSCH 33.50 Auch wenn sie doch auf Distanz leben, gibt es Ranghierarchien, die vom Geschlecht, vom Alter und vom Gewicht bestimmt werden. Die männlichen sind dominanter wie die weiblichen, die alten dominieren die jungen und die schwereren und kräftigeren die leichteren und jüngeren. Musik Embolada N1402540 003 ERZÄHLERIN: Sind die Ernährungsbedingungen gut, kommt es im Spätsommer noch zu einem zweiten Wurf. Die Weibchen ziehen durchschnittlich vier bis fünf Junge alleine auf. Am Anfang sind sie winzig, nackt und blind. Doch sie wachsen schnell, und nach etwa 38 Tagen geht’s rund: Die Balgereien beginnen, erst im, dann rund um den Kobel. Kämpfen, drohen, sich durchsetzen, das muss man alles lernen, wenn man später erfolgreich ein eigenes Revier besiedeln will. Musik aus Das aber schaffen nur wenige. Nicht nur, weil viele Jungtiere der industriellen Forstwirtschaft zum Opfer fallen, die ihnen keine Chance lässt. Es ist auch ein natürlicher Ausleseprozess. 14 O-TON DR. STEFAN BOSCH 42.50 Das trifft eigentlich für alle wildlebenden Tiere zu, dass die Jungensterblichkeit im ersten Lebensjahr extrem groß ist. Beim Eichhörnchen bewegt sich das auch so um 70 bis 80 Prozent. Nur ein Viertel bleibt ungefähr übrig, um die Art weiter zu erhalten. ERZÄHLERIN: Normalerweise genügt das auch. Eichhörnchen sind in ganz Europa und Asien verbreitet und gehören noch nicht zu den gefährdeten Tierarten. Atmo Grauhörnchen Aber in England ist eine Konkurrenz entstanden, die die Eichhörnchen zu verdrängen droht und die in ein paar Jahrzehnten wohl auch Mitteleuropa erreicht haben wird: die Grauhörnchen. Die stammen aus Nordamerika und wurden im 19. Jahrhundert nach England gebracht, entkamen dort ihren Käfigen oder wurden einfach ausgesetzt. Solche Aussetzungen sind nie eine gute Idee, denn sie können das heimische Ökosystem nachhaltig durcheinanderbringen. Grauhörnchen sind größer als Eichhörnchen und kommen mit Laubbäumen viel besser zurecht. Sie verursachen mehr Verbissschäden in Wäldern und setzen auch den Waldvögeln zu. Atmo aus 15 O-TON DR. STEFAN BOSCH 25.25 Eichhörnchen nehmen Singvogelnester sicher nur als Gelegenheitsbeute, an die sie gelegentlich drankommen. Ihre Hauptnahrung brauchen sie von den Baumsamen. Es gibt bislang keine Hinweise, dass Eichhörnchen die Bestände von Singvögeln nachhaltig beeinflussen. Bewiesen hat mans schon für die Grauhörnchen in England. Es gibt mehrere Waldvogelarten, die von Grauhörnchen nachteilig beeinflusst werden. Weil die Grauhörnchen auch an deren Nester gehen und die ausräumen. Musik Pas de deux 74061020Z00 ERZÄHLERIN: Außerdem tragen sie ein Virus in sich, das ihnen selbst nicht schadet, den Eichhörnchen aber schon. Das ist das Squirrelpox-Virus, auch Eichhörnchenpocken genannt. Inzwischen sind die Grauhörnchen dabei, sich auch in Norditalien zu etablieren. Musik aus 16 O-TON DR. STEFAN BOSCH 21.27 Leider gibt es auch durch den Tierhandel immer wieder noch Nachschub. Es gibt Menschen, die sich Grauhörnchen kaufen und dann aussetzen. Sie schicken sich an, die Alpen zu erobern, eventuell auch zu umrunden, und es könnte in der weiteren Zukunft möglicherweise sein, dass das Grauhörnchen das Eichhörnchen aus vielen Lebensräumen verdrängt und dass das Eichhörnchen bald nur noch in reinen Nadelwäldern überleben, weil sie dort einen Vorteil gegenüber dem Grauhörnchen haben. Atmo Grauhörnchen ERZÄHLERIN: Natürlich können die Grauhörnchen nichts dafür, und sie sind ja auch genauso niedlich wie Eichhörnchen und sogar weniger scheu. Viele Engländer haben sie schon ins Herz geschlossen, und die ethische Diskussion darüber, ob man diese Tierart einfach wieder eliminieren darf, ist noch in vollem Gange. 17 O-TON DR. STEFAN BOSCH 22.30 Man macht sehr viel Forschung in England, um diese komplexen Interaktionen zwischen Eichhörnchen und Grauhörnchen zu erforschen und zu verstehen. Und nach dem heutigen Stand der Forschung liegt es vor allem an der Bewirtschaftung der Wälder. Man kann den Wald entsprechend gestalten. Wir haben eine Liste erarbeitet von Baumarten, die eichhörnchenbegünstigend sind, und eine von Baumarten, die grauhörnchenbegünstigend sind. Und in England und Schottland macht man folgendes: Man versucht in bestimmten Waldregionen Eichhörnchenschutzgebiete auszuweisen, wo man ganz gezielt auch die Grauhörnchen beseitigt, wegfängt und tötet, und wo man nur noch Baumarten anpflanzt, die dem Eichhörnchen entgegengekommen, wo die Eichhörnchen die besseren Lebensbedingungen drin haben. ERZÄHLERIN: Man hat in England auch versucht, den Eichhörnchen durch Fütterungen den Rücken zu stärken, aber die hatten auf die Bestandsdichte keinen nennenswerten Einfluss. Inzwischen ist man wieder davon abgekommen, denn die Futterplätze fördern die Verbreitung der Eichhörnchenpocken. Musik Pas de deux 74061020Z00 Knabberhörnchen-Atmo Hierzulande hat man das Problem noch nicht, und ein gut betreuter Futterautomat im Garten, dazu eine sichere Wasserstelle, sind bei Eichhörnchen immer beliebt und auch nicht weiter bedenklich, sagt Stefan Bosch. Solange die Fütterung in Maßen geschieht und das Sozialgefüge der einzelgängerisch lebenden Tiere nicht stört. Musik und Atmo aus 18 O-TON DR. STEFAN BOSCH 27.11 Man sollte daran denken, artgerechtes Futter anzubieten, und das sind vor allem Mais, Weizen, Erdnüsse, Sonnenblumenkerne, auch frisches Obst wie Äpfel, Karotten, Trockenobst. Erdnüsse mögen die Eichhörnchen zwar sehr, sind aber für ihre Ernährung ungünstig, weil sie viel Fett und wenig Kalzium enthalten. Musik Filigran 85062920 Z00 Hörnchen-Knabber-Atmo ERZÄHLERIN: Helfen kann man den Eichhörnchen auch, indem man spezielle Kobelkästen für sie aufhängt, in denen ihre Nester sicher sind. Der Verein Eichhörnchenschutz e.V. freut sich immer über Spenden, gerne auch in Form von Baumsamen oder Nüssen oder über Menschen, die am Waldrand wohnen und Platz für eine Auswilderungsvoliere haben. Das Wichtigste aber, was Eichhörnchen brauchen, sind Bäume: Baumgruppen, Waldgebiete mit hohem Nadelbaumanteil, und die sollten durch Alleen oder Hecken miteinander verbunden sein. 19 O-TON DR. STEFAN BOSCH 35.44 Eichhörnchen brauchen Wipfelkontakt, sie bewegen sich lieber von Baum zu Baum fort, als dass sie auf den Boden gehen, von daher müssen solche Verbindungslinien in der Landschaft vorhanden sein. Sie gehen ungern über ungeschützte offene Flur, sondern sie brauchen immer Vegetation in Form von Bäumen oder Baumreihen. ERZÄHLERIN: Alleen und Hecken stehen den Autos und den landwirtschaftlichen Maschinen oft im Weg. Trotzdem sind sie wichtig: nicht nur für Eichhörnchen, sondern für viele Tierarten. 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Wie bringt sie ihre Werke auch zum entferntesten Leser? Wie findet das eine bestellte Exemplar aus mehr als elf Millionen Bänden seinen Weg in die Ausleihe? Wie klingt ein Bücheresel? Und warum schlägt man auch heute noch Bücher auf? Ein Gang durch die Bestände und die Geschichte der Bayerischen Staatsbibliothek. Autorin: Leo Hoffmann (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Leo Hoffmann Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Peter Schnitzlein, Leitung Presse Bayerische Staatsbibliothek; Prof. Dr. Stefan Wimmer, Hebraica&Bestand Widmanstetter, BSB; Dr. Claudia Bubenik / Alte und Seltene Drucke, BSB; Dr. Wolfgang-Valentin Ikas / Handschriften, BSB: Dr. Martin Hermann / Münchener Digitalisierungszentrum, BSB Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Die Wunderkammer - Als die Welt noch in ein Zimmer passte JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? 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Mit mehr als 37 Millionen Medien, darunter 19 Millionen Fotos und Bilder, mit der viertgrößten Handschriftensammlung der Welt, mit Wiegendrucken, Künstlerbüchern, mit Landkarten und Globen, Bildbeständen und Fotosammlungen ist sie eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Universalbibliotheken Europas. Doch beinahe wäre ihre Karriere im Sande verlaufen! Stabi_01_Atmo_Tür (lauter Akzent, dann Ende) Musik: ZE001630101 Toccata del sesto tono 0‘36 SPRECHERIN: Man schreibt das Jahr 1558: Die drei Töchter eines Johann Albrecht Widmanstetter bieten den Nachlass ihres im Vorjahr verstorbenen Vaters feil. Wer war denn dieser ... Stabi_02_ Widmanstadii „Johannes Albertus Widmanstadii“ SPRECHERIN: ... fragen wir Prof. Stefan Wimmer, Experte für den Gründungsbestand der „BSB“ oder „Stabi“, wie die Bibliothek zungenfertig abgekürzt wird: Stabi_03_Vita „Er kam aus einem Dorf, Nellingen bei Ulm, aus einfachen Verhältnissen, sehr viel weiß man dazu nicht, aber man weiß, dass sein Dorfpfarrer sein Talent für Sprachen entdeckt hat, und ihm Latein und Griechisch beigebracht hat, er konnte dann an verschiedenen Universitäten, Tübingen, Heidelberg und anderen studieren, und ist zu einem Sprachgenie geworden, hat sich vor allem auf orientalische Sprachen spezialisiert, ist deshalb auch ein Wegbereiter der Wissenschaft geworden, die wir Orientalistik nennen, das Studium der Sprachen des nahen und mittleren Ostens, und war ein typischer Renaissancegelehrter, der sich mit allen Zweigen des Gelehrtentums befasst hat, mit Jura, er war von Beruf ja auch Rechtsgelehrter, er war Diplomat in verschiedensten Diensten, bis hinauf zum König Ferdinand, der dann Kaiser wurde, bei zwei Päpsten war er in diplomatischen Diensten, bei Herzog Ludwig X. von Bayern, in Landshut, und war also ein sehr viel beschäftigter Mann.“ Musik: ZR003960111 Vinci für Orgel 1‘00 SPRECHERIN: In diesem Leben zwischen Tübingen und dem Vatikan, zwischen Basel, Neapel und Wien sammelt sich einiges in Truhen, Kästen und Kisten, denn die Forscher der Renaissance pflegen ihre akademischen Beziehungen länderübergreifend: Widmanstetter korrespondiert beispielsweise nach Rom mit dem Kardinal Egidio da Viterbo, dem Generaloberen des Augustinerordens. Über Viterbo hat Widmanstetter auch Kontakt mit Elias Levita, einem jüdischen Gelehrten aus Neustadt an der Aisch, der den Kardinal in Aramäisch und Hebräisch unterrichtet, damit der den Talmud und das Alte Testament erforschen kann. Religiöse Animositäten? Mitnichten, wie ein Brief von Levita aus dem Jahr 1538 beweist. Stabi_04_Brief 37:60 „Da steht als Adresse – es beginnt in aramäischer Sprache und geht dann Hebräisch weiter, .... (hier im Original der Brief) Das heißt ‚zu Händen des großen und teuren Herrn, bei dem die Erleuchtung wohnt“ ... (hier weiter im Original) „das ist mein teurer Herr Jochanan, also Johannes Widmannstetter ist gemeint. Drunter steht me Venezia ... (hier weiter im Original bis „ve shalom“) „Aus Venedig der großen Stadt nach Rom, Fürstin der Länder, und Shalom – Frieden!“ Musik: ZE001630114 Canzon prima für Cembalo 0‘53 SPRECHERIN: Der Wittelsbacher Herzog Albrecht V., genannt der Prächtige, ist ein Sammler: Antike Skulpturen und Münzen, Gemälde, edle Rosse, venezianisches Glas, Preziosen für seine Wunderkammer UND Bücher! Wie alle Renaissancefürsten stellt er durch die Präsentation kostbarer Objekte seinen Anspruch auf Königs- und Kaiserwürden klar. Folgerichtig bieten ihm Widmanstetters Töchter den Nachlass ihres Vaters an. Dessen Einzigartigkeit aber erschließt sich Albrecht nicht: Er lehnt den Kauf ab! Erst als der bibliophile Gelehrte Johann Jakob Fugger ihm klar macht, dass Widmanstetter einen einmaligen Bestand an orientalischen Handschriften und Drucken hortete, besinnt er sich: Die Karriere der Stabi beginnt. Stabi_05_Kauf: Der Herzog hat dann 1000 Gulden gezahlt, nicht auf einmal, sondern über mehrere Jahre und verzinst, und diese Bibliothek dann zum Grundbestand seiner neuen herzoglichen Bibliothek gemacht, der Hofbibliothek, aus der die Bayerische Staatsbibliothek geworden ist.“ SPRECHERIN: Bibliotheken neigen zum Wachstum. So auch die von Widmanstetter, die Herzog Albrecht ins ‚alte Gewölb’, das Archiv im Kanzleigebäude des Alten Hofs in München, bringen lässt. Der „Prächtige“ ergattert bald die nächste Sammlung: Sie gehört ausgerechnet seinem künstlerischen Berater Johann Jakob Fugger. Der muss Bankrott anmelden, da die spanische Krone die Tilgung ihrer hohen Kredite aus Augsburg schuldig bleibt. Bayern profitiert von dem Fiasko: Fuggers Sammlung, 10'000 Bände etwa, ist epochal, so Claudia Bubenik, die das Referat „Alte und Seltene Drucke“ leitet: Stabi 07_Fuggersammlung In seiner Sammlung verbergen sich seltenste Drucke auch des 16. Jahrhunderts, wie eine Ausgabe von Gilles Corrozet, die Hecatomgraphie, ein 1543 in Paris gedrucktes Werk, das also auch noch die alte Signatur der Hofbibliothek trägt ‚statio 7, die Nummer 31’. Musik: ZE013680108 Ricercar für Cembalo 0‘52 SPRECHERIN: Neben alten Handschriften hat Fugger alles gesammelt, was damals aktuell auf den Markt kam, die Neuerscheinungen quasi: Pierre Belons Vogelkunde, 1557 in Paris gedruckt, oder Juan di Isíars Anleitung zur Kalligraphie, Saragossa 1548, die „Carta Marina“ des Bischofs Olaus Magnus, gedruckt in Rom 1539 ... Last but not least gehört Fugger die nachgelassene Bibliothek des Nürnberger Arztes und Humanisten Hartmann Schedel, inklusive seines Hand-Exemplars der „Weltchronik“. Natürlich zieht der exquisite Erwerb eine ganze Reihe Folgekosten für Albrecht V. nach sich: Stabi_08_Buchbinden „Die Bände waren ja damals nicht gebunden auf dem Markt erhältlich, sondern in Lagen und das heißt, je nach Geldbeutel des neuen Besitzers, ließ dieser sich die Bände in prächtigen Einbänden binden oder eben in einfachen Pergamenteinbänden oder einem Coperteinband und es liegen zum Teil auch noch Unterlagen vor im Archiv, aus denen hervorgeht, welcher Buchbinder für wie viel Geld wie viele Bände bekam zum Einbindenlassen.“ SPRECHERIN: Längst reicht ein Archivar wie Erasmus Fendt zur Betreuung der Sammlung nicht mehr aus: Ein Bibliothekar muss engagiert werden. Stabi_09_ Örtel Der erste Bibliothekar von dem es auch eine offizielle Bestallungsurkunde gab, war Egidius Örtel, der 1561 angestellt wurde, und die sogenannte ‚liberey’ zu verwalten hatte. Von ihm liegt auch der erste oder älteste Katalog der Hofbibliothek vor, zu den dialecticae ed grammaticae, leider nur als Fragment ... Stabi_10_Prommer Prägend für die Hofbibliothek war aber Wolfgang Prommer. Prommer kam aus Landsberg am Lech und wurde 1562 von Johann Jakob Fugger für seine Bibliothek eingestellt und kam, als Fugger seine Sammlung 1571 an Albrecht V. veräußern musste, mit der Bibliothek in die Hofbibliothek und hat dort sofort begonnen, diese Masse an 10'000 Bänden, die da plötzlich hereinschwappten, zu ordnen, aufzustellen und zu katalogisieren. Musik: ZE001630110 Amarilli mi abella 0‘37 SPRECHERIN: Von „seinen“ Büchern untrennbar wechselt Prommer Ort und Auftraggeber! Auch sein Katalog ist in Teilen erhalten und zeigt seine penible Arbeitsweise. Die höchsten Folgekosten von Albrechts Ankauf sind räumlicher Natur: Das Kanzleigebäude im Alten Hof fasst Fuggers Büchermengen nicht! Die „liberej“ zieht um: in das von dem Kunstagenten Jacopo Strada entworfene und vom Augsburger Stadtbaumeister Simon Zwitzel errichtete „Antiquarium“. Im oberen Stock dieses ersten Museumsbaus nördlich der Alpen werden ihre Bände als Saalbibliothek entlang der Wände in Regalen aufgestellt und ergänzen so die Antikensammlung im Erdgeschoss: Eine ideale Umsetzung des Bildungsideals der Renaissance und für Albrecht zugleich die Chance, mit kostbaren Einbänden zu glänzen. Zugänglich aber ist diese Bibliothek nur der Oberschicht: dem Hof und seinen adeligen Eliten. Später sind auch Jesuitenobere, Verwaltungsbeamte und Gelehrte zugelassen. Nicht alles, was Albrecht angekauft hat, dürfen sie lesen. Sein Sohn, Wilhelm V., ordnet eine Revision an: Prommer muss anstößige, vor allem aber anti-katholische Werke aussortieren. Ziel jeglichen Bücherstudiums soll die Stärkung und Verteidigung des katholischen Glaubens gegen Luthers Lehre sein. Nicht umsonst trägt dieser Wittelsbacher den Beinamen „der Fromme“. Musik: ZE001630110 Amarilli mi abella 0‘39 SPRECHERIN: Werke von Melanchton, Calvin, Osiander usw. gelten als häretisch. Doch werden sie nur ab- und nicht ausgeschieden und zwar in einen Raum, zu dem Wilhelm V. den Schlüssel hat. Rund 600 geistliche Werke mit 1500 Schriften fallen darunter. SPRECHERIN: Man erkennt sie daran, dass Prommer KEINE neue Signatur in roter Tinte im Vorderdeckel anbringt. Wer sie erforscht, braucht auch heute eine Sondergenehmigung: Nicht, weil sie auf dem Index stehen, sondern weil sie unersetzliches Kulturgut sind. Musik: Z8026958106 Nature existence 0‘33 Das studiert man im ersten Stock des Südflügels. Hinter einem gut bewachten Drehkreuz liegt der Handschriftenlesesaal. Mit Blei gefüllte Samtschlagen hängen zur Beschwerung der Seiten über hölzernen Buchwiegen. Weiße Handschuhe liegen bereit. Am „Tresortisch“ in der Nordostecke des Saals liest man die wertvollsten Werke unter den strengen, in Öl gemalten Augen von Johann Andreas Schmeller: Stabi_11_größterBiblio „der mit Fug und Recht als größter Bibliothekar des 19. Jahrhunderts der Hof- und Staatsbibliothek bezeichnet werden kann“... SPRECHERIN: ... so Wolfgang Ikas, Leiter des Referats „Handschriften und Benutzung“. Neben Schmellers Porträt sitzt der Benediktinermönch Bruder Willibaldus, alias Martin Schrettinger, im Goldrahmen. Bevor sein Kloster Weißenohe der Säkularisierung zum Opfer fällt, geht er als Hofbibliothekar nach München, wo er heute als Begründer der Wissenschaft vom Bibliothekswesen gilt. Kritisch beäugt von diesen verdienten Vorläufern öffnet Wolfgang Ikas ein grünes Kästchen. Passgenau eingebettet liegen zwei Tontäfelchen und vier Ton-Kegel darin. Im Jahr 2034 v. Chr. drückte ein Schreiber die waagrechten, senkrechten und schrägen Dreiecke in den frischen Ton: Stabi_12_Tontafel „Da handelt es sich um eine Abrechnung über 183 Tonnen Getreide, die geerntet und zu Mehl verarbeitet worden sind.“ SPRECHERIN: Vor über 4050 Jahren! Uralt auch der Kegel, den Herr Ikas zwischen seinen behandschuhten Fingern hält. Stabi_13_Tonkegel „Da handelt es sich um Schafe, die für einen Götterkult am Tempel abgegeben wurden, und entsprechend weiterverarbeitet wurden. Das stammt aus dem Jahr 2046 vor Christi Geburt.“ Musik: ZR005190101 Tempus transit 0‘47 SPRECHERIN: Viel jünger als diese Keilschriften, weitaus poetischer, ja geradezu identitätsstiftend für Bayern sind die „Carmina Burana“, die die Stabi hütet, das „Wessobrunner Gebet“ oder der „Tegernseer Liebesgruß“, den ein Benediktiner Ende des 12. Jahrhunderts zwischen die lateinischen Seiten einer Handschrift aus dem Tegernseer Kloster schreibt. Dieses Einsprengsel ist wohl das älteste Liebesgedicht in deutscher Sprache – ein Sprachdenkmal. Stabi_14_Liebesgruß Du bist min, ich bin din, Du bist mein, ich bin dein, dessen sollst du gewiss sein, du bist eingeschlossen in meinem Herzen, verloren ist das Schlüsselchen, du musst auf immer darin sein. SPRECHERIN: Auch Weltdokumentenerbe der UNESCO birgt die Stabi, nämlich die „Leithandschrift A“ des Nibelungenliedes, die früher als die älteste Abschrift dieser Dichtung angesehen wurde, außerdem die Handschrift „D“, die Wiguläus Hundt, Kanzler von Albrecht V., im 16. Jahrhundert auf Burg Prunn im Altmühltal entdeckt. Stabi_15_Leithandschriften „Sie ist zwar textlich nicht so bedeutend, wie die drei Leithandschriften, aber sie ist wunderschön illuminiert ...“ SPRECHERIN: Wie ihre Paarreime klingen, weiß Herr Ikas natürlich auch: Stabi_16_Nibelungenlied „Uns ist in alten mæren wunders vil geseit / von helden lobebæren, von grôzer arebeit, von fröuden hôchgezîten, von weinen und von klagen, von küener recken strîten muget ir nun wunder hœren sagen.“ Musik: Z8034319124 Cans and computers (c) 0‘58 SPRECHERIN: Wer diese Handschrift mit ihren verspielten Initialen in Rot, Blau, Grün und Gold durchblättern will, braucht weder Handschuhe, noch eine Genehmigung. Selbst die Sigle „CGM 31“ muss er nicht wissen. Es reicht, „digitale-sammlungen.de“ in eine Suchmaschine einzugeben und „Prunner Codex“ in das Feld mit der Lupe, das dann aufleuchtet: Schwupp, erscheint der abblätternde Ledereinband aus dem 14. Jahrhundert auf dem Bildschirm. Komplett. Samt den Messingschließen, die seine 350 Seiten eng zusammenhalten, damit kein Staub zwischen die Blätter dringt und kein Papierfischchen! Um die Schließen zu öffnen, muss man nicht mit der Faust auf den Buchdeckel schlagen, wie beim Original: Der Cursor erledigt das mit einem Mausklick. Er kann das, weil im Erdgeschoss des Südflügels das „Münchener Digitalisierungszentrum“, kurz MDZ, wirkt. Es löst 1997 die „Fotostelle“ ab, in der Bücher seitenweise „abgeknipst“ wurden, um sie den Lesern zu erhalten. Inzwischen hat die Stabi drei Einheiten zur Digitalisierung, so Martin Hermann, der das Referat Digitale Bibliothek leitet. Stabi_17_Digital „Das beschäftigt sich vor allem mit der Digitalisierung der hochwertigen, seltenen, unikalen Stücke, die auch einer besonderen Behandlung bedürfen“... SPRECHERIN: Dafür tasten in abgedunkelten Räumen Handauflagescanner die Seiten ab. Das klingt so: Stabi_18_Atmo_Scanner SPRECHERIN: Oder so, wenn es sich um ein älteres Scanner-Modell handelt: Stabi_19_Atmo_Scanner-laut (unter Text durchlaufen lassen) SPRECHERIN: Dabei kommt oft eine Erfindung des MDZ zur Anwendung: Die „Münchner Finger“, flach zulaufende Stäbe aus Plexiglas, beschweren die Papiere. Das jüngste Großobjekt des MDZ war die „Tabula Palatinorum“ von Johannes Herold aus dem Jahr 1556: Ein Stammbaum der Pfälzer Linie der Wittelsbacher, der vom sagenhaften König Chlodwig bis zu Kurfürsten Friedrich II. von der Pfalz reicht, vom 6. bis ins 16. Jahrhundert. Eine Hängetafel aus auf Leinwand fixierten Blättern mit gut 4 m Länge und 1,26 m Breite. Durch Mehrfachdigitalisierung und Bildbearbeitung sorgte das Team des MDZ dafür, dass die Leser das Objekt im Ganzen abrufen können. Der Mehrwert dabei? Die hochaufgelösten Dateien lassen tiefer blicken als das Original und das menschliche Auge: Wer sich diese „Tabula Palatinorum“ auf den Bildschirm holt, kann auch noch die dünnste Schraffur in den wuchernden Ästen des Baumes erkennen. Er entdeckt unbekannte Wittelsbacher, z.B. „Dodo, Dux Bavariae“, bayerischer Herzog im Jahr 666, aber auch winzige Fehl- und Knickstellen. Das „Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung“, das im Untergeschoss der Stabi sein hochmodernes Labor hat, sorgt dafür, dass die Knicke nicht aufbrechen. Einzelstücke wie dieser Stammbaum sind Scan-Sonderprojekte im MDZ, denn Digitalisierung muss vor allem eines können: Masse. Deshalb arbeitete das MDZ an der Entwicklung von Robotern, die das Umblättern der Seiten übernehmen. Stabi_20_Atmo_Staubsaugerscanner (unter Text laufen lassen) SPRECHERIN: Was wie ein aggressiver Staubsauger klingt, war ein technischer Quantensprung: Die Bände liegen auf etwa 30° geöffnet in der Buchwiege. Ein dreieckiges Prisma fährt von oben in sie hinein und scannt beim Hochfahren beide Seiten gleichzeitig. Ein Luftstoss bläst die rechte Buchseite nach links. Das Prisma fährt wieder nach unten. Auf der Homepage der Stabi zeigt ein Zähler, dass die Bücher im Internet-Regal so täglich mehr werden: Über 3,7 Mio sind es inzwischen. Das ist ein Segen für die Originale, deren Papier wegen Säure- oder Tintenfraß zerfällt. Licht, Staub, Feuchtigkeit sind elementare Bedrohungen für jeden Band – und es ist ein Segen für die Leser! Nicht zu vergessen: Die Digitalisierung ermöglicht den Zugriff von jedem Schreibtisch der Welt aus, egal ob er in Wien steht, in Johannesburg oder in Tokio. Stabi_20_Atmo_Staubsaugerscanner (ausfaden) Musik: MR010690W04 Konzert für Klarinette und Orchester C-Dur, 1. Satz Allegro 1‘15 SPRECHERIN: Doch, Moment?! Bevor man in der Staatsbibliothek scannen kann, muss die ja erst einmal gebaut werden. Wie kommt es dazu? Aus dem Antiquarium war die Hofbibliothek nach mehreren Zwischenstationen in das „Wilhelminum“ gezogen, heute „Alte Akademie“ genannt. Der ungeliebte Pfälzer Kurfürst Karl Theodor hatte ihr dort einen ganz in Weiß gehaltenen Bibliothekssaal mit Galerie errichten lassen, mit verglasten Buchschränken unter klassizistischen Stuckaturen. Ein Schau-Objekt? Nicht nur: Diese Bibliothek hat drei Lesezimmer und zwar für alle, ohne Unterschied des Standes, wie das Münchner Intelligenzblatt im Juli 1789 verkündet. Diese Öffnung muss man vor dem Hintergrund der Französischen Revolution lesen: Wer keinen Volksaufstand riskieren will, muss an Exklusivität dreingeben. Doch warum verlassen die nun rund 71'000 Bücher und 2000 Handschriften diesen idealen Platz an der Neuhauser Gasse? Weil die Bibliothek 1802/1803 von Büchern geradezu überschwemmt wird. Man geht, so Peter Schnitzlein ... Stabi_21_Säkularisation „davon aus, dass circa 500'000 Bände und 20'000 Handschriften ins Haus gekommen sind, aus den Klosterbibliotheken, nachdem eben Klöster aufgelöst wurden im Zuge der Säkularisation, und die Bibliothek war nicht benutzbar.“ SPRECHERIN: Ein Großteil der Schätze, die heute den Ruf der Bayerischen Staatsbibliothek ausmachen, fallen ihr durch Enteignung in den Schoß! Alle diese Werke müssen gesichtet, katalogisiert und aufgestellt werden, bevor man sie lesen kann! Diese Sisyphusarbeit leisten vor allem Johann Andreas Schmeller und Martin Schrettinger. Und für die Aufstellung? Muss ein Neubau her! Musik: R0092400010 Allegro non troppo O‘31 Eigentlich schwebt König Ludwig I. dafür der Platz vis-à-vis der Glyptothek vor. So würden antike Skulpturen und Bücherschätze wieder eine Einheit, wie schon im Antiquarium. Doch dann fällt seine Wahl auf „seine“ Prachtmeile, die Ludwigstraße. Realisieren soll den Bau sein Architekt Friedrich von Gärtner, dem er ständig in die Pläne pfuscht: Er will eine glatte Fassade, keine Säulen, keinen Portikus... Resigniert präsentiert ihm Gärtner 1831 schließlich eine „langweilige Bücherkaserne“. Der König schwelgt: Stabi_22_Ludwig_Zitat „’Gärtner, das kann das großartigste Gebäude in München werden!’ In seinem Tagebuch hat er dann sogar noch vermerkt, zu diesem Fassadenentwurf, ‚einfach schönes Äußeres, würdevoll’.“ Musik: C1589890113 Consistent method 0‘36 SPRECHERIN: 150 Jahre später ist auch dieser riesige Blankziegelbau schon wieder zu klein! Widmanstetters 800 Bände sind angewachsen auf heute über 11 Millionen. Aber die sind jetzt allen zugänglich, weltweit! Damit verwirklicht die Stabi ein Ideal, das Widmanstetter vorgelebt hat: den von Ländergrenzen, Religionen und Ideologien ungehinderten Zugang von Forschenden und Wissenschaftlern!
- Tschingis Aitmatow und Kirgisien - Nomaden, Jurten und Kolchosen
24.10.2024 · 23 Min.
Als Inbegriff des Kirgisischen wird das Werk des Autors Tschingis Aitmatow oft bezeichnet. Was genau aber als 'kirgisisch‘ gesehen wird, ist ein Produkt der sowjetischen Kulturpolitik. Diese forcierte Kulturevolution forderte ihre Opfer, wie auch die Familie Aitmatows zu spüren bekam. Autorin: Fiona Rachel Fischer (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Fiona Rachel Fischer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Julia Fischer, Katja Amberger, Rainer Buck Technik: Robin Auld Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Dr. Moritz Florin (Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Vielvölkerreich im Osten - Russland und die Sowjetunion JETZT ANHÖREN Iwan Turgenjew - Ost-West in Person JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Ajtmatov, Cingiz (1994): Nomaden auf dem Weg zu sich selbst. In: Cingiz Ajtmatov, Asta Scheib und Wolfdietrich Fischer (Hg.): Friedrich Rückert - Vorläufer einer neuen Zeit. Festvortrag des zehnten Preisträgers des Friedrich-Rückert-Preises der Stadt Schweinfurt. Würzburg: ERGON-Verl. (Rückert zu Ehren, 5), S. 13–22. Tschingis Aitmatow: Kindheit in Kirgisien. Autobiographische Erzählung. Herausgegeben und übersetzt von Friedrich Hitzer. Zürich: Unionsverlag 19995. Moritz Florin (2015): Kirgistan und die sowjetische Moderne. 1941-1991. Zugl.: Hamburg, Univ., FB Geschichte, Diss., 2013. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Ehegattensplitting - Geschichte eines maroden Modells
23.10.2024 · 22 Min.
Wer heiratet, kann viel Geld sparen. Möglich macht es das Ehegattensplitting. Der Steuervorteil ist umso größer, je ungleicher Eheleute verdienen. Das begünstigt eine traditionelle Rollenverteilung. Tatsächlich stammt das Splitting noch aus den 1950er Jahren. Warum hält es sich so hartnäckig? Autorin: Maike Brzoska (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Christopher Mann, Sissi Forster Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Yvonne Maier Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Katharina Wrohlich, Ökonomin und Genderforscherin am DIW und Professorin an der Universität Potsdam; Miriam Beblo, Ökonomin und Professorin an der Universität Hamburg; Malte Chirvi, Steuerberater und Dozent an der Hochschule Flensburg; Andreas Peichl, Ökonom, Forscher am ifo-Institut und Professor an der LMU Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Geschichte der Steuern - Zugemauerte Fenster und gestutzte Bärte JETZT ANHÖREN Die Mütter des Grundgesetzes - Männer und Frauen sind gleichberechtigt JETZT ANHÖREN Linktipps: Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Mütter und Väter erzählen ungefiltert von ihrem Leben als Eltern. Vom irrsinnigen Glück. Vom ganz normalen Wahnsinn. Und von ihren dunklen Momenten. Die Journalist*innen Ruslan Amirov, Schlien Gollmitzer, Kathrin Hasselbeck und Kristina Weber sind selbst Eltern und sie wissen: Es ist und bleibt ein Abenteuer. ARD Audiothek | Eltern ohne Filter JETZT ANHÖREN Literaturtipp: Maria Wersig: Der lange Schatten der Hausfrauenehe. Zur Reformresistenz des Ehegattensplittings. Verlag Barbara Budrich, 2013. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- H.P. Lovecraft - Meister des dämonischen Horrors
21.10.2024 · 22 Min.
Zu Lebzeiten waren seine Erzählungen nur in Pulp-Magazinen zu lesen. Heute gilt H.P. Lovecraft als einer der einflussreichsten Horrorschriftsteller der letzten 200 Jahre. Seine düster-subtilen Erzählungen haben bis heute Einfluss auf Literatur, Film und Popkultur. Und doch umwehen den eigenwilligen Schöpfer unaussprechlicher Monstrositäten bis heute Legenden und Geheimnisse. Autor: Michael Zametzer (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Michael Zametzer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Thomas Morawetz Interviewpartner/innen: Prof. Marco Frenschkowski, Universität Leipzig; Philipp und Florian, Lovecraft-Fans Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Stephen King - Der König des Schreckens JETZT ANHÖREN Bram Stoker - Der Erfinder des "Dracula" JETZT ANHÖREN Die Lust am Gruseln - Echte Gänsehautgefühle JETZT ANHÖREN Linktipp: ARD Audiothek | Mia Insomnia Was ist das Hörspiel "Insomnia"? Und warum ist Podcasterin Mia die einzige Person auf der Welt, die sich an diese Hörspiel-Kassette aus ihrer Kindheit erinnert? Die Suche nach Antworten führt sie zu einer unheimlichen Erkenntnis: Entweder ihre Erinnerungen sind nicht echt - oder die Welt um sie herum. Mit ihrem Aufnahmegerät nimmt uns Mia auf ihre Suche mit. Was als scheinbar harmlose Reise beginnt, entwickelt sich zu einer großen Verschwörung. Hörspielserie von Gregor Schmalzried | Produktion, Musik und Regie von Lorenz Schuster | Mit Julia Gruber und Bastian Pastewka JETZT ANHÖREN Weitere Infos und Behind the Scenes finden Sie HIER. Literaturtipp: H.P. Lovecraft – Chronik des Cthulhu-Mythos. Band I und II. Festa Verlag Leipzig 2011. Mit einem Vorwort und Kommentaren von Prof. Marco Frenschkowski Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Rollentausch? Wenn die Eltern alt werden
18.10.2024 · 23 Min.
Wenn die Eltern alt werden, bekommen sie vielfach Unterstützung von ihren Kindern. Die kümmern und sorgen sich. Doch oft lassen sich die alten Eltern nichts von ihnen sagen. Ein schwieriger Rollentausch, der viel mit Loyalität und Fürsorge, aber auch mit und Wut und Überforderung zu tun hat. Autorin: Karin Lamsfuß Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Sebastian Fischer Technik: Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Anne Otto, Dipl. Psychologin und Autorin; Dr. Susanne Zank, Professorin für rehabilitationswissenschaftliche Gerontologie; Dr. Katja Werheid, Professorin für Neuropsychologie; Katrin und Barbara, Mutter und kümmernde Tochter, Johanna, Tochter einer demenzkranken Mutter. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Dicker als Blut? Warum Kinder mit den Eltern brechen HIER Was schulden wir den Eltern? Zwischen Pflichtgefühl und Abgrenzung HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Linktipps: Studie von Susanne Zank zur Lebenssituation Hochaltriger: HIER Literatur: Anne Otto: Für immer Kind, Wie unsere Beziehung zu den Eltern erwachsen wird, Edition Körber, 2022 Katja Werheid: Nicht mehr wie immer. Wie wir unsere alten Eltern begleiten können. Piper 2020 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Gespräch zwischen Mutter und Tochter (0‘51“) Katrin: Jetzt wohnst du hier im Erdgeschoss in nem Mietshaus, und es ist auch schon mal eingebrochen worden, und vor Jahren… hast du dir so ein doppeltes Schloss machen lassen, und wenn ich mal komme und es ist hier keiner, und dieses wunderbar angebrachte Schloss ist überhaupt nicht abgeschlossen, dann denke ich mir so ‚geht’s noch? Kannst du das mal bitte abschließen?‘ Barbara: Also bei mir ist noch nie eingebrochen worden und bei mir ist auch noch nie was geklaut worden, ich denke, das muss erst mal passieren, bis ich das einsehe, dass ich mich mehr schützen muss. Katrin: Und dann find ich halt… was heißt, dass ich ein Recht habe, dir das zu sagen… ich will dir das dann sagen, „du das änderst und deine scheiß Tür abschließt, damit nicht eingebrochen wird!“ Barbara: Jaaaa…. Die ist ganz schön streng mit mir! Erzählerin: Eine ganz typische Szene zwischen der 58jährigen Katrin und ihrer 85jährigen Mutter Barbara. Beide wollen nur ihre Vornamen nennen. Mutter Barbara lebt alleine und kommt eigentlich noch gut klar. Doch immer öfter braucht sie Unterstützung von ihren beiden Töchtern: bei Bankgeschäften, Behördenschreiben, bei Arztbesuchen oder der Bedienung ihres Hörgeräts. In Musik einbetten O-Ton 2 Gespräch zwischen Mutter und Tochter (0‘11) Katrin: Fühlst du dich denn getadelt, wenn ich sage „Zieh mal das Hörgerät an!“? Barbara: Jooo… Ich denke, ich kann das alleine bestimmen, ob ich das anziehe oder nicht. Katrin: Denkst du dann, ich bevormunde dich? Erzählerin: Katrin kümmert sich gerne. Doch sie hat oft etwas andere Vorstellungen davon, was das Richtige für ihre Mutter ist. Das sorgt manchmal für Konflikte. Sprecher: Fast alle erwachsenen Kinder erleben solche oder ähnliche Situationen. Es passiert schleichend. Irgendwann zwischen 40 und 60. Lange Zeit war die Beziehung zwischen ihnen und den Eltern auf Augenhöhe. Und plötzlich verändert sich etwas: Die alten Eltern benötigen Unterstützung. O-Ton 3 Anne Otto (0‘24“): Ich hab das ja selbst in meinem Freundeskreis festgestellt, dass immer mehr Leute von ihren ganz alten Eltern erzählen und sind selbst schon so um die 50, 60 und kümmern sich jetzt um 80-, 90jährige, andererseits bedeutet das, dass man dieser Beziehung auch immer eine neue Form geben muss und sich wahrscheinlich auch immer neu abgrenzen – einfach bewusster. Erzählerin: Sagt die Psychologin Anne Otto. Für ihr Buch „Für immer Kind – Wie unsere Beziehung zu den Eltern erwachsen wird“ – hat sie erwachsene Kinder interviewt, die sich um ihre alten Eltern kümmern. O-Ton 4 Anne Otto (0‘13“): Das gab es so früher nicht, eine Zahl, die kommt aus ner Studie von Hans Bertram, einem Sozialwissenschaftler, der halt sagte: Vor 100 Jahren hatten Väter und Kinder nur 15 gemeinsame Jahre! 15 bis 20. Heute sind das 60! Sprecher: Viele träumen von der Vorstellung, wo die Alten - intergiert in die Familie - liebevoll bis zum Schluss versorgt werden. Und die Kinder den Eltern von Herzen das zurückgeben, was sie selbst einmal bekommen haben. Das gibt es nach wie vor. Doch die meisten tun sich schwer mit dem Rollentausch. Diese neue, oft lange gemeinsame Lebensphase zu gestalten ist für viele eine große Herausforderung. Vor allem ab dem Moment, wo die Eltern Hilfe brauchen. Anfangs sind es meist nur Dinge des Alltags wie Einkaufen, Behördengänge oder Bankgeschäfte. Später vielleicht auch Beantragen einer Pflegestufe. Oder Unterstützung bei der Körperpflege. Die alten Eltern müssen ihre erwachsenen Kinder zunehmend um Hilfe bitten und geraten in eine abhängige Rolle. Nicht ganz einfach. Erzählerin: Auch die 85jährige Barbara bemerkt die Rollenumkehr: Obwohl sie sich gut mit ihren beiden Töchtern versteht, ist es ein seltsames Gefühl: Plötzlich ist sie nicht mehr die „Wissende“ die „Erfahrene“, die ihren Kindern die Welt erklärt. Nun braucht sie selbst Hilfe. Nach Jahrzehnten der Autonomie. O-Ton 5 Barbara (0‘28“): Ich war ja immer schon alleine, also ohne Mann, und musste immer alles alleine machen und denke: Ich kann alles alleine, und bin froh, dass ich in meinem Alter noch so das kann, was ich so möchte, aber ich sag ja: Ich fühle mich getadelt, und ich hab auch etwas Angst vor Katrin, wenn ich weiß, die kommt: „Hast du auch die Tür zwei Mal abgeschlossen? Hast du auch die Waschmaschinentür aufgelassen?“ Sprecher: Wenn alte Eltern erkennen, dass sie manches nicht mehr allein können, tut das erst mal weh. Erzählerin: Dr. Susanne Zank ist Professorin für Rehabilitationswissenschaftliche Gerontologie an der Uni Köln und hat in einer großen repräsentativen Studie die Lebenssituation der Hochbetagten untersucht, also der Menschen über 80. O-Ton 6 Susanne Zank (0‘30“): Da ist offenbar eine sehr, sehr große Angst davor, wahrzunehmen, dass die eigenen Kräfte geschwunden sind, und das kann man nicht mal so eben ablegen. Und wenn ich 70 Jahre lang völlig selbstständig gelebt habe, und das für mich auch ein großer Wert war und ist, autonom zu sein, selbstständig zu sein, und da kommt dann auf einmal dieses blöde Kind – das ist jetzt zwar auch 60 Jahre alt – und will mir erzählen, was ich zu tun und zu lassen habe! Sprecher: Wenn die alten Eltern zunehmend hilfsbedürftig werden, lassen sie sich ungern etwas sagen. Von ihren eigenen Kindern oft schon mal gar nicht. Erzählerin: Das sorgt für Zündstoff, sagt die Psychotherapeutin und Neuropsychologin Prof. Katja Werheid. Vor allem dann, wenn alte Eltern und kümmernde Kinder kein wirklich liebevolles Verhältnis zueinander haben. O-Ton 7 Katja Werheid (0‘27“) Selbst, wenn es Konflikte gibt, selbst wenn die Beziehung nicht so eng ist – trotzdem lässt das Kinder nicht kalt, wenn ihre Eltern gebrechlich werden. Im Gegenteil: Da kommen diese ganzen Fragen von Schuld, warum ich, warum nicht meine Geschwister? Also diese ganzen Geschichten kommen dann wieder hoch; ich bin nicht unbedingt immer dafür, dass man alles geraderaus ansprechen muss. Musikzäsur Erzählerin: Johanna hatte ein konfliktbeladenes Verhältnis zu ihren Eltern. Statt Liebe erfuhr sie Strenge, Druck und Härte. Mit 18 verließ sie ihr Elternhaus, ging ins Ausland und zog in eine andere Stadt, etwa 300 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. Der Kontakt zu den Eltern war eher spärlich. Als der Vater starb, besuchte sie alle paar Wochen ihre Mutter. Widerwillig. O-Ton 8 Johanna (0‘22“): Da hab ich sehr drunter gelitten, und bin da manches Mal hingefahren und völlig verzweifelt nach Hause gefahren, weil nur Boshaftigkeit war, weil sie sehr in so alten Geschichten auch wühlen konnte, die zwischen uns schief gelaufen sind und ich gedacht hab: ‚oh Gott, diese weiter Fahrt, das viele Geld, was du verfährst – das um dich fertig machen zu lassen?‘ O-Ton 9 Anne Otto (0‘13“): Jetzt ist man ja erwachsen, fühlt sich eigentlich sehr souverän, kommt dann ins Elternhaus und wird dann mit alten Sätzen und alten Triggern konfrontiert und ist dann sofort in Gefühlen aus der Kindheit. Erzählerin: Nach dem Tod des Vaters veränderte Johannas Mutter ihr Wesen. Kam mit vielem nicht mehr klar. Johanna befürchtete: Demenz. O-Ton 10 Johanna (0‘29“) Und habe dann bei einem Psychiater an ihrem Wohnort einen Termin vereinbart, um das mal checken zu lassen, da hat sie sich gebärdet wie eine Wilde: Sie wär doch nicht verrückt! Und hab mit viel Geduld es geschafft, dass sie mit mir dahin gegangen ist, dann saßen wir in der Sprechstunde, es war ein rammelvolles Sprechzimmer, wir mussten Stunden warten, sie stand mehrfach auf und wollte rausrennen, und meckerte: „Das brauch ich nicht! Ich will hier nicht warten!“ Sprecher: Rollenumkehr. Es gibt einen Punkt, an dem erwachsene Kinder ihre Eltern nicht nur unterstützen und ihnen gleichzeitig ihre Autonomie lassen, sondern in hohem Maße Verantwortung für deren Leben übernehmen. Übernehmen müssen. Erzählerin: Johannas 80jährige Mutter, so diagnostizierte der Arzt, sei in einem Stadium fortgeschrittener Demenz. So machten sich Johanna und ihre Schwester auf die Suche nach einem guten Platz für die Mutter. Hinter deren Rücken. O-Ton 11 Johanna (0‘20“): Ich hatte oft das Gefühl, ich hab nicht das Recht in ihr Leben einzugreifen. Man überschreitet Grenzen dessen, was zwischen Eltern und Kindern normal üblich ist. Ich hab viele schlaflose Nächte darüber gehabt, ich hab nicht gewusst: Darf ich das? Soll ich das? Kann ich das? Muss ich das? Es war einfach richtig, richtig schwer. Erzählerin: Es fällt leichter, so die Psychologin Anne Otto, wenn Kinder ihren alten Eltern schon in guten Zeiten über die entscheidende Frage gesprochen haben: Was ist, wenn du mal nicht mehr für dich sorgen kannst? O-Ton 12 Anne Otto (0‘49“): Und die Tendenz ist dann häufig, es bis zum letzten aufzuschieben, und ich hab ja auch für das Buch mit vielen Familien gesprochen, und es war immer wieder das gleiche Muster: Erst wenn die alten Eltern stürzen oder eine schwierigere Erkrankung da ist, dann wird dieses Thema unheimlich forciert. Auf ne Art ist das auch verständlich, aber ich glaube, dass es gut ist, mit nem bisschen längeren Anlauf… dass man guckt: Wie wollen wir das eigentlich gestalten? Denn irgendwann kommt das, und immer mal wieder dieses Thema aufgreifen: „Wie willst du später wohnen? Möchtest du mal in die Stadt ziehen, in der ich bin? Was für ne Art von Pflege?“ und dass man sich da so ein bisschen gemeinsam vortastet. Erzählerin: Johanna und ihre Mutter konnten nie darüber sprechen. Vielmehr verhakten sie sich im täglichen Kampf um die Grundversorgung: Haarewaschen, Nägel schneiden, Kühlschrank leerräumen, in dem die Mutter 15 Pakete Wiener Würstchen und sieben Pakete Butter hortete. Vieles schon vergammelt. Die Rollen kehrten sich um. O-Ton 13 Johanna (0‘06“): Das hat auch zu unglaublichem Streit geführt, dann schrie sie rum „Ich lass mich nicht entmündigen von dir, hau ab!“ Sprecher: Respektvoll und fürsorglich mit garstigen, abweisenden, vielleicht auch wütenden alten Eltern umzugehen, kann zur riesengroßen Herausforderung werden. Erzählerin: Susanne Zank sagt: Der erste Schritt ist es, anzuerkennen, dass auch das, was den Kindern als absurd und unvernünftig erscheint, in den Augen der Eltern eine Berechtigung hat: Hinter jeder Abwehrreaktion steckt eine tieferliegende Angst. O-Ton 14 Susanne Zank (0‘18“): „Man will mich entmündigen!“ Man muss im Einzelfall gucken: Was könnte dahinterstecken? Was ist die konkrete Bedrohung dieser Person vor dem Hintergrund ihrer Biografie? Was ist daran so schrecklich, Hilfestellungen anzunehmen? Erzählerin: Dabei sei hilfreich, so die Psychologin Anne Ottto ist es, wenn Kinder zuvor etwas erreicht haben, was man in der Fachsprache „filiale Reife“ nennt. O-Ton 15 Anne Otto (0‘16“): Dass man z.B. sagt: Ich will von meinen Eltern nicht mehr kindliche Bedürfnisse befriedigt haben oder ich sehe meine Eltern als ‚ganze‘ Menschen und nicht nur als meine Eltern, da gibt es Konzepte, wie man das lernen kann, in einem anderen Verhältnis zu den Eltern zu stehen. Sprecher: Filiale Reife heißt: Von den Eltern nichts mehr erwarten. Ihnen erwachsen begegnen. Akzeptieren, dass vielleicht noch alte Rechnungen offen sind, die niemals mehr beglichen werden. Und sie sehen als das, was sie sind: alte Menschen, die ihr Leben gelebt haben und nun vielleicht hilfsbedürftig sind. Erzählerin: Wenn die Eltern mit Wut und Abwehr reagieren, hilft es, etwas Grundlegendes zu verstehen, so Susanne Zank, Professorin für Rehabilitationswissenschaftliche Gerontologie: Die heute 80jährigen sind Kriegskinder. Und in diesen Biografien gibt es Gemeinsamkeiten: O-Ton 16 Susanne Zank (0‘29“): Dass sie sehr schnell sehr selbstständig werden mussten keine Schwäche zeigen, nicht hilfsbedürftig sein, sondern im Gegenteil: Zu einer Zeit, wo sie vielleicht selbst hilfsbedürftig waren, durften sie es nicht sein, Wenn Sie in ihrem ureigensten Kern das Gefühl haben ‚Ich muss besonders stark sein!‘, dann fällt es Ihnen auch sehr, sehr schwer, überhaupt wahrzunehmen, dass Sie jetzt weitere Unterstützung brauchen. Sprecher: Eltern, die nur schwer Hilfe annehmen können und Kinder, die sich verantwortlich fühlen. Manchmal über-verantwortlich. Ein Konflikt, der oft schwer auszuhalten ist. Musikzäsur Erzählerin: Vor einiger Zeit hatte sich Katrin große Sorgen um ihre Mutter gemacht, die für viele Wochen im Krankenhaus war. Nach einer großen Operation war sie anfangs sehr geschwächt und wackelig auf den Beinen. Katrin hatte Sorgen, dass die Mutter stürzt. In Musik einbetten O-Ton 17a Gespräch zwischen Mutter und Tochter (0‘23“) Katrin: 31‘30“ Du hast ein Riesen Theater gemacht! „Ich geh doch nicht mit dem Rollator über die Straße! Bist du irre? Brauch ich nicht!“ geht weiter, Überhang O-Ton zum Unterlegen Erzählerin darüber: Und während Katrin argumentiert, dass der Rollator ein tolles Hilfsmittel ist, verzieht Mutter Barbara nur angewidert den Mund. Ihre größte Sorge: O-Ton 17b Gespräch zwischen Mutter und Tochter (0‘08“) wieder hochziehen: Barbara: Dass ich hier ziemlich bekannt bin und dass dann alle Leute sehen „Guck mal, die Barbara, die geht jetzt auch am Rollator! Ist die so alt geworden? Sprecher: Brille, Hörgerät, Rollator, vielleicht auch irgendwann Inkontinenzeinlagen. Das sind nicht nur sinnvolle Hilfsmittel, sondern auch Symbole. Symbole fürs Älterwerden, für den Verlust von Fähigkeiten, für schmerzhafte Abschiede von dem, was ein Leben lang selbstverständlich war. Erzählerin: Für Barbara spricht der Rollator seine ganz eigene Sprache: O-Ton 18 Mutter und Tochter (0‘07“) Barbara: Dass man nicht mehr alleine gehen kann. Katrin: Und dass man ein tolles Hilfsmittel hat?! Barbara: Man kann so viel nicht mehr, wenn man älter wird! Erzählerin: Alt zu werden ist für viele Menschen eine ganz große Herausforderung, weiß Susanne Zank: O-Ton 19 Susanne Zank: Das ist ne massive Kränkung. Man muss sich damit arrangieren, dass Verluste häufiger werden, diese körperlichen Verluste, aber natürlich auch soziale Verluste, und insofern sind die meisten alten Menschen eigentlich sehr gut darin, sich zu adaptieren. Aber nicht von heute auf morgen! Sprecher: An dem Punkt entsteht ein großes Spannungsfeld, das für die erwachsenen Kinder nur schwer auszuhalten ist: Natürlich haben sie nicht das Recht, ihren Eltern Hilfsmittel vorzuschreiben oder riskantes Verhalten zu verbieten. Gleichzeitig haben Kinder ein berechtigtes Interesse, dass die Eltern so lange wie möglich gesund und selbstständig bleiben. Denn wer wird sich im Pflegefall kümmern? Die erwachsenen Kinder natürlich. Die aber sind oft schon am Limit: gehen Vollzeit arbeiten, haben eine eigene Familie und sind zudem in einem Alter, in dem sich oft erste gesundheitliche Baustellen zeigen. Die Energie schwindet. Das Kümmern um die eigenen Eltern wird zum Kraftakt. Musikzäsur Sprecher: Wie spricht man diese Dinge am besten mit den alten Eltern an? So dass sie nicht in Trotz und Abwehr verfallen und sich bevormundet fühlen? Erzählerin: Die Neuropsychologin Katja Werheid sagt: Es ist sinnvoll, nicht in der Situation zu streiten, sondern in einem ruhigen Moment konkrete Erlebnisse anzusprechen. O-Ton 20 Katja Werheid (0‘38“): Zu sagen: „Ich mach mir Sorgen!“ Also ich mach mir Sorgen, nicht du musst was ändern. Ich weiß nicht: Ist das jetzt noch sicher, und wenn ich jetzt so weit entfernt wohne, oder wenn du hier allein unterwegs bist, fühlst du dich dann noch sicher? Vielleicht hast du ja auch einen anderen Vorschlag.“ Vielleicht ist es nicht der Rollator, sondern erst mal der Stock oder der Handlauf, der montiert werden muss… also im Gespräch bleiben, das ist das, was wichtig ist, nicht so im Tiefflug reingeschneit kommen, schnell mal Ratschläge an alle verteilen und dann wieder abziehen, und die Eltern dann völlig entkräftet da sitzen und denken: Naja, jetzt hat er oder sie es uns mal wieder gegeben! Erzählerin: Geduldig, langsam, gegebenenfalls auch mehrfach ansprechen. Mal führt das zum Erfolg, gibt Katja Werheid zu, mal nicht. Musikzäsur Sprecher: Das Thema „Autofahren“ ist vielleicht das brisanteste unter den Eltern-Kind-Themen. Jedenfalls sorgt es für maximalen Zündstoff. Denn da geht es nicht nur um die eigene Unversehrtheit, sondern auch um die anderer Menschen. Musik, dann darüber: O-Ton 21 Gespräch zwischen Mutter und Tochter (0‘29“) Katrin: Autofahren ist ein sehr schwieriges Thema. Barbara. Warum? Katrin: Dass ich finde, dass du schlimm Auto fährst, das weißt du ja. Barbara: Das kann ich überhaupt nicht akzeptieren. Ich bin die beste Autofahrerin der Welt. Katrin: Ein Blick rechts über die Schulter - kommt da ein Fahrrad oder nicht? machst du nie. Barbara: Doch! Katrin: Ich wundere mich total, dass du noch nie einen Fahrradfahrer totgefahren hast, Barbara: Ich gucke immer nach rechts! Ich gucke überhaupt überall hin! Ich bin sehr aufmerksam! Sprecher: Autofahren ist vielleicht die letzte Bastion der schwindenden Selbständigkeit. Autofahren bedeutet: Am Leben teilnehmen, Menschen treffen, selbstständig einkaufen gehen, einfach unabhängig sein. Auf dem Land noch mehr als in der Stadt. [[ O-Ton 22 Barbara (0‘17“): Da denk ich immer: Hoffentlich passiert mir das nie, dass ich wen umfahre. Aber das weiß ich nicht, ob das ein Grund wäre, den Führerschein abzugeben. Also das Auto ist mir schon sehr wichtig. Und ich bin der Überzeugung, dass ich ne gute Autofahrerin bin. Erzählerin: Nach dem Interview wurde Barbara übrigens nachdenklich und hat zum ersten Mal das Thema ‚Autofahren‘ hinterfragt. Ganz vorsichtig. Das Ergebnis steht noch aus.]] Sprecher: Es ist ein schwieriger Rollentausch, der viel mit Loyalität und Fürsorge, aber auch mit Wut und Überforderung zu tun hat. Musikzäsur Erzählerin: Die Ereignisse bei Johanna und ihrer demenzkranken Mutter überschlugen sich. Die Mutter drehte mehrfach stundenlang die Gasflamme auf und verließ das Haus. Rief immer wieder die Polizei, weil ihr angeblich etwas gestohlen wurde. Verstaute die Socken im Gemüsefach. Nun war klar: Sie konnte nicht mehr alleine wohnen. Johanna hatte sich bereits hinter dem Rücken der Mutter nach einem Platz für betreutes Wohnen umgeschaut. O-Ton 23 Johanna (0‘28“): Da hat sie erst mal genickt. Es war auch ne gewisse Erleichterung spürbar, die auch einen Moment angehalten hat. Am nächsten Morgen gab’s ein riesen Theater: Sie ginge da nicht hin, und sie käme prima zurecht, alles wäre ja sauber und ordentlich, und dann hab ich gesagt „Mama, das stimmt alles, es ist sauber und ordentlich, wir gucken es uns einfach mal an.“ Und sie war eigentlich ganz angetan. Es hatte so ein bisschen den Eindruck eines netten Hotels. Erzählerin: Die Mutter war einverstanden, der Vertrag wurde unterschrieben. Es kam der Tag des Umzugs. O-Ton 24 Johanna (0‘33“): Das ging noch relativ gut. Dann hat sie ein oder zwei Nächte dort verbracht, und dann haben wir die Wohnung räumen lassen, und plötzlich stand sie in ihrer alten Wohnung. Sie hatte offenbar noch einen Schlüssel und rastete so völlig aus: Wir hätten sie gegen ihren Willen in ein anderes Zuhause gebracht, und sie käme jetzt zurück, sie hätte das schon alles organisiert und sie schrie und brüllte, wir wären gegen die verbündet, wir wollten sie abschieben… also es war wirklich schrecklich. Kurzer Musikakzent O-Ton 25 Johanna (0‘31“): Ich hatte auch mit den Tränen zu kämpfen, und ich hatte von dem Psychiater eine Tablette, ich weiß nicht mehr, was das war, er sagt: Die wirkt ganz schnell, dann kommt die runter. Dann haben wir sie alleine gelassen und sind ein paar Mal um den Block gegangen, und wir kamen zurück und sie saß ganz friedlich am Küchentisch, und völlig willenlos ließ sie sich dann zurück transportieren, meine Schwester ist bei ihr geblieben, ich hab dann weiter räumen lassen, und wir haben dann den Schlüssel einfach weggenommen. Erzählerin: Johanna musste ihre eigene Mutter bevormunden, Entscheidungen für sie treffen, zeitweise sogar gegen deren Willen. So wie die Mutter es früher getan hat, als Johanna klein war. Dieser Rollentausch fühlte sich einerseits richtig an und andererseits verkehrt. O-Ton 26 Johanna (0‘34“): Ganz schwierig war für mich in der ganzen Phase mit meiner Mutter, dass ich nicht das Recht hatte, sie zu manipulieren, sie zu hintergehen, also hinter ihrem Rücken ein anderes Zuhause zu suchen, nicht ehrlich mit ihr umzugehen, gleichzeitig wuchs in mir auch so ein Gefühl von Pflicht, ich hab die Pflicht, für sie zu entscheiden, wenn sie es nicht mehr kann, und diese widerstrebenden Gefühle auszuhalten, war oft total schwer. Erzählerin: Die Neuropsychologin Katja Werheid sagt: Auch die Eltern kommen mit diesem Rollentausch aus einem weiteren Grund nicht gut klar: Denn für sie bleibt auch das erwachsene Kind – von dem sie zunehmend abhängiger werden - immer ein bisschen Kind. Das Kind, das sie einst versorgt haben. O-Ton 27 Katja Werheid (0‘13“): Und das sind auch sehr, sehr einprägsame Erlebnisse, die einem, selbst wenn man stark demenzkrank ist, immer noch präsent sind, wie man sein Kleinkind, sein Baby damals im Arm gehalten hat, das vergisst man nicht. Musikzäsur Sprecher: Generell ist es für erwachsene Kinder eine große Herausforderung zu einem tieferen Verständnis für ihre alten Eltern zu kommen: die einst als Kriegskinder geboren wurden und viel zu früh viel zu selbstständig waren. Für die Hilfe annehmen viel mit Schwäche zu tun hat. Die den Schmerz der vielen Verluste im Alter tragen. Deren Radius immer weiter schrumpft. Und die vielleicht irgendwann mal völlig hilflos werden. Und gleichzeitig gilt es für die erwachsenen Kinder zu begreifen, dass sie von den alten Eltern nichts mehr erwarten können und vieles für immer ungelöst und ungeklärt bleiben wird. Erzählerin: Johannas Mutter gefiel es gut im betreuten Wohnen. Trotzdem baute sie in kurzer Zeit ab. Die Demenz schritt voran. Nach eineinhalb Jahren starb die Mutter an einem Herzinfarkt. Johanna hatte schon lange vorher ihren Frieden mit der Mutter geschlossen: O-Ton 28 Johanna (0‘24“): Wenn ich an sie denke, denke ich nicht als strafende Mutter an sie, sondern als alte Frau, mit der ich auch manchmal noch lachen konnte und echten Spaß haben konnte und die mir gut war und der ich gut sein konnte. Und wo ne tiefe Liebe da war, die nicht mehr so nach Erwiderung gesucht hat. Und das hat mich dann auch den Tod von ihr, der dann ja sehr plötzlich kam, sehr gut überwinden lassen.