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2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Amelia Earhart - Die tragische Heldin der Lüfte
07.12.2024 · 21 Min.
Amelia Earhart überflog als erster Mensch den Pazifik zwischen Hawaii und Kalifornien. In den USA galt die Rekordfliegerin als Idol. Die Bestürzung war groß, als sie auf ihrem letzten Flug spurlos verschwand. Von Susanne Merkle (BR 2021) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Instagram-Kanal "FrauenGeschichte" Über Frauen, die Geschichte schrieben: ZUM INSTAGRAM-KANAL
- Die Reliquienräuber von Bari - Nikolaus in Geschichte und Legende
06.12.2024 · 18 Min.
Der Nikolaus ist so beliebt, dass kaum jemand auf ihn verzichten möchte. Doch eigentlich wissen wir recht wenig über ihn. Auch, weil wenig historisch Gesichertes über ihn zu finden ist. Von Christian Feldmann (BR 2006) Credits Autor dieser Folge: Christian Feldmann Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Wilkening, Adela Florow, Robert Dölle Redaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Fetischismus - Der Reiz der Gegenstände
05.12.2024 · 21 Min.
Der Fetisch: In der Ethnologie ein Gegenstand, dem magische Kraft zugeschrieben wird. In der Psychologie wird der Begriff Fetischismus verwendet bei sexuellen Vorlieben für bestimmte Objekte, Materialien oder Körperteile. Therapiebedürftig oder einfach eine besondere Spielart menschlicher Sexualität? Von Frank Halbach Credits Autorin dieser Folge: Frank Halbach Regie: Martin Trauner Es sprachen: Christoph Jablonka, Sophie Rogall Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Dr. Victor Blüml, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker; Stefanie Grohmann, Paar- und Sexualtherapeutin Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Asexualität - Keine Lust auf die Lust? HIER Das Kamasutra - Leitfaden für Liebe, Eroitk und Lebensweise HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Literatur: Victor Blüml, Matthias Schmidt (Hg.): Sigmund Schriften zum Fetischismus, Wien 2025. Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek 2006. Hartmut Böhme: Fetischismus und Sexualität. Auf dem Weg zu einem metapsychologischen Konzept. Binet, Krafft-Ebing, Freud. In: Johannes Cremerius, Gottfried Fischer, Ortrud Gutjahr (Hg.): Kulturtheorie, Würzburg 2005 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Unter Hochstaplern - Das Impostor Syndrom
04.12.2024 · 22 Min.
Menschen, die am sogenannten Impostor Syndrom leiden, schreiben ihre Erfolge nicht den eigenen Fähigkeiten zu, sondern Faktoren wie Glück, Zufall oder Hilfe von Anderen. Sie glauben, dass andere sie überschätzen würden - und sind deshalb ständig in Sorge, entlarvt zu werden. Von Maike Brzoska (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Susanne Schroeder, Hemma Michel Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Susanne Poelchau Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Dr. Michaela Muthig, Buchautorin „Und morgen fliege ich auf“; Dr. Mona Leonhardt, Psychologin an der Frankfurter Goethe-Universität; Dr. Kay Brauer, Psychologe an der Universität Halle-Wittenberg Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Selbstwert – Mut zur Schwäche JETZT ANHÖREN Wir empfehlen außerdem eine Folge von Jobstories: Der Coaching-Podcast von BR 24: Angst vor der Arbeit – So bleibst du mental gesund JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Michaela Muthig: Und morgen fliege ich auf. Vom Gefühl, den Erfolg nicht verdient zu haben. dtv Verlag. 2021. Sabine Magnet: Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann? mvg Verlag. 2018. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Pflicht zur Hilfsbereitschaft? - Eine Philosophie des Füreinander
03.12.2024 · 23 Min.
Über fünf Milliarden Euro werden jedes Jahr in Deutschland gespendet. Helfen scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein. Doch Helfen ist nicht immer altruistisch, es gibt auch genügend egoistische Motive. Von Karin Lamsfuß (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Burchard Dabinnus, Jerzy May Technik: Helge Schwarz Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Gerhard Kruip, Professor für christliche Anthropologie und Sozialethik an der Uni Mainz; Dr. Martin Booms, Philosoph, Bonn; Sylvia Wetzel, buddhistische Lehrerin; Christoph Letzel, sozialpolitischer Referent der Caritas Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK Zitator: Acht Uhr morgens. Ein Gemeindezentrum in einer deutschen Großstadt. Kleidung, Spielsachen und Hausrat stapeln sich bis unter die Decke. Wenige Tage zuvor war ein Mehrfamilienhaus in Flammen aufgegangen. Zehn Menschen wurden obdachlos. Sofort brach eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. MUSIK: „ Bose-Einstein Condensation“ K: Biosphere Album: Shenzhou Sprecherin: Über fünf Milliarden Euro werden jedes Jahr in Deutschland gespendet. Beinahe jeder Zweite über 14 ist ehrenamtlich engagiert. Junge besuchen alte Menschen im Pflegeheim, Senioren unterrichten benachteiligte Schüler. Andere arbeiten bei der Tafel, im Hospizdienst oder kochen Mittagessen für sozialschwache Kinder. Insgesamt macht das 4,6 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr. Nicht mitgezählt die unzähligen kleinen Gesten der Hilfsbereitschaft im Alltag. Helfen scheint irgendwie ein menschliches Grundbedürfnis zu sein. MUSIK: Gris Gris K: John Zorn Album: From Silence to Sorcery A: John Zorn SPRECHERIN: Ist es das wirklich? Oder setzt sich eher durch, wer nach der Devise verfährt: Zitator: Jeder gegen jeden! Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner! Jeder ist sich selbst der nächste! Sprecherin: Manche rümpfen nur die Nase beim Wort Ehrenamt – und frönen den Verlockungen der Spaßgesellschaft. Und argumentieren: Zitator: Was geht mich das Leid der anderen an? Mein Motto ist: „Me first!“ 01 - O-Ton Martin Booms: Das ist ja eine anthropologische Grundfrage, über die seit Anbeginn des Philosophierens gestritten wird: Ist der Mensch von Natur aus gut? (…) Da wäre etwa eine Position zu nennen wie die von Aristoteles, der gesagt hat: Der Mensch ist ein Zoon Politicon, das heißt also ein Wesen, das bezogen ist auf andere, das gar nicht als singuläres Wesen überhaupt existieren könnte. Sprecherin: Dr. Martin Booms, Philosoph und Leiter der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur in Bonn. Auch der römische Philosoph Seneca hat die Bedeutung der Hilfsbereitschaft im gesellschaftlichen Zusammenleben immer wieder betont: Zitator: Die höchste Stufe des Gewährens ist die Güte“. „Sei deines Wohltuens froh, auch wenn es keine Früchte trägt!“ Sprecherin: Die heutige Gesellschaft scheint sich in zwei Hälften aufzuteilen: Einerseits die, die auch die anderen im Blick haben, und andererseits die, die nur sich selbst und ihren eigenen Vorteil sehen. Die Gründe für diesen Egoismus sind vielfältig, meint Gerhard Kruip, Professor für christliche Anthropologie und Sozialethik an der Uni Mainz: 02 - O-Ton Gerhard Kruip: Naja, weil die Menschen eben nicht immer nur moralisch sind. Sondern weil sie egoistisch sind, weil sie sehr kurzfristig denken, weil sie vielleicht auch manchmal Situationen falsch verstehen, oder weil ihnen Empathie fehlt, also, dass sie gar nicht merken, dass es anderen schlecht geht, … ja, Menschen sind unvollkommen! MUSIK: „ Bose-Einstein Condensation“ K: Biosphere Album: Shenzhou Sprecherin: Trotz aller menschlichen Unvollkommenheit: Hilfsbereitschaft ist – zumindest in der Theorie – ein Wert, der in der Gesellschaft einen ganz breiten Konsens hat. Teilen, helfen füreinander da sein: diese Ideale sind in allen großen Religionen zu finden. Wie weit sie tatsächlich gelebt werden, das steht auf einem ganz anderen Blatt. MUSIK: „ Fallen“ K: Teho Teardo Album: Diaz (Un film di Daniele Vicari) [feat. Il balanescu quartet] Sprecherin: Die Frage ist: Sind uns Hilfsbereitschaft, Altruismus, Nächstenliebe in die Wiege gelegt? Und wenn ja, wann, wo und warum bleiben sie auf der Strecke? Zahlreiche Studien kommen jedenfalls zu dem Ergebnis: Egoismus ist nicht angeboren. Der Mensch erlernt das eigennützige Handeln erst im Laufe seines Lebens. 03 - O-Ton Sylvia Wetzel: Mein Menschenbild ist: Der Mensch ist von Natur aus gut, aber oft ist dieses grundlegende Gut-Sein überschattet von Selbstbildern, von Ansprüchen, von Ängsten, von emotionalen Blockaden, von rigiden Vorstellung und dergleichen. Ich glaube an das Gute im Menschen, aber es ist oft verdeckt. Sprecherin: Sylvia Wetzel ist buddhistische Lehrerin. Achtsamkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft sind zentrale Werte - auch in der buddhistischen Ethik. Alles Handeln soll danach ausgerichtet sein, das Leid anderer zu verringern. 04 - O-Ton Sylvia Wetzel: In Gesten, in Handlungen, im Materiellen, in Trost, in Rat, in Unterstützung. Denn dann findet es Ausdruck und ich glaube, das ist ansteckend. Also ich denke, Gut-Sein ist ansteckend! MUSIK: „Habitación verde“ K: Pascal Gaigne Album: „Los mundos sutiles Zitator: Egoismus versus Altruismus Selbstsucht versus Hilfsbereitschaft Sprecherin: In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Mensch. Das spiegelt sich auch deutlich in einer Forsa-Umfrage über die wichtigsten Ziele bei der Kindererziehung: Zitator: Platz 1: Hilfsbereitschaft. Platz 2: Durchsetzungsfähigkeit. Sprecherin: Das wirkt zunächst wie ein Widerspruch. Altruismus versus Egoismus. Zwei menschliche Impulse, die offenbar pausenlos im Clinch miteinander liegen. Wer gerade siegt und wer verliert, hängt von vielen Faktoren ab. MUSIK: MUSIK: Öldurót K: Ólafur Arnalds, Atli Örvarsson & SinfoniaNord Album: Island Songs Ólafur Arnalds Sprecherin: Ein Motiv für Hilfsbereitschaft könnte sein …: Zitator: Das eigene Pflichtbewusstsein. 05 - O-Ton Martin Booms: Ich glaube, dass es eine Pflicht gibt, und zwar eine moralische Pflicht gibt zu helfen. Und das hängt damit zusammen, dass wir einen Bezug zum anderen Menschen haben, ein Interesse am anderen Menschen haben und deswegen auch ein Interesse am Wohlergehen anderer Menschen. Zitator: Ich habe euch in allem gezeigt, dass man so arbeiten und sich der Schwachen annehmen muss im Gedenken an das Wort des Herrn Jesus, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen. Sprecherin: Heißt es in der Apostelgeschichte des Lukas. MUSIK: Öldurót K: Ólafur Arnalds, Atli Örvarsson & SinfoniaNord Album: Island Songs Ólafur Arnalds Sprecherin: Ein zweites Motiv, sich hilfsbereit zu zeigen, wäre also: Zitator: Helfen wertet auf. Verschafft ein gutes Gefühl. Sprecherin: Doch auch das kann ein Motiv für aktives Helfen sein: Zitator: Spekulation auf Hilfe, wenn es einem selbst mal schlecht geht. Sprecherin: Ein Tauschhandel? Vielleicht. Doch das Prinzip … Zitator: Gibst du mir, so gebe ich dir! Sprecherin: … durchzieht die gesamte Menschheitsgeschichte. Der amerikanische Evolutionsbiologe Robert Trivers prägte den Begriff des … Zitator: … reziproken Altruismus … Sprecherin: Und ist, gemeinsam mit vielen anderen, der Meinung, dass in den vergangenen fünf Millionen Jahren eine scharfe Selektion zugunsten der Entwicklung reziprok altruistischer Verhaltensweisen stattgefunden hat. Stämme, die besser kooperierten, setzten sich langfristig durch. MUSIK: „ Bose-Einstein Condensation“ K: Biosphere Album: Shenzhou Sprecherin: Wenn Hilfsbereitschaft der Kitt ist, der Gesellschaften zusammenhält, wenn Gesellschaften langfristig erfolgreicher sind, wenn sich zumindest einige ihrer Mitglieder altruistisch zeigen: Was heißt das für das Individuum? Muss jeder wirklich jedem Bedürftigen helfen, der seinen Weg kreuzt? Darf man auswählen? Und wenn ja, wie? Stichwort: Straßenbettler. Atmo Straße Zitator: „Ich habe Hunger!“ Sprecherin: Geschätzt 860.000 Menschen sind in Deutschland ohne festen Wohnsitz. Der Umgang mit ihnen zeigt vielleicht am deutlichsten, wie schwer das mit der Hilfsbereitschaft ist: 06 - O-Ton Passantin 1 Was ich öfter mache, ist, dass ich zum Bäcker gehe (..), was zu essen hole und ihnen in die Hand drücke, weil ich das sinnvoller finde als wenn sie das Geld dann doch wieder in Schnaps investieren. Ich möchte eigentlich nicht für die Sucht anderer Leute verantwortlich bzw. unterstützend tätig sein. Sprecherin: Menschen, die völlig anders leben, die sich den bürgerlichen Idealen entziehen, bringen Hilfsbereite durchaus an ihre Grenzen: die Grenzen ihrer eigenen Ideale! Die nämlich besagen oft: Das Butterbrot ist gut, der Alkohol ist schlecht. Somit wird der einsichtige, entwicklungsfähige Obdachlose unterstützt, der süchtige hingegen nicht – auch, wenn er die Hilfe womöglich am nötigsten bräuchte. Ist diese Selektion ethisch korrekt? Der Philosoph Martin Booms sagt: Ja, Menschen dürfen sich je nach Situation für oder gegen Hilfsbereitschaft entscheiden: 08 - O-Ton Martin Booms: Wenn man in die Ethik schaut, ist das durchaus differenziert: Da spricht man z.B. von so genannten „vollkommenen Pflichten“ und „unvollkommenen Pflichten, die wir gegenüber anderen Menschen haben. Eine vollkommene Pflicht wäre eine solche, wo sich gar nicht die Frage stellt, ob ich helfen „muss“. (…) Also wenn ein anderer Mensch in einer lebensbedrohlichen Situation ist, dann habe ich eine unbedingte Pflicht, eine vollkommene Pflicht, hier zu helfen. Sprecherin: Diese Pflicht ist sogar in unser Rechtssystem eingegangen, und ein Verstoß dagegen ist strafbar: die unterlassene Hilfeleistung. Daneben aber gibt es die unvollkommenen Pflichten: 09 - O-Ton Martin Booms: Ich habe ich da selber mal gefragt und mein eigenes Verhalten analysiert und dabei festgestellt: Ich bin völlig inkonsequent. Also mal geb ich was, mal was mehr, was weniger, und häufig auch gar nichts. Und habe mich dann selber gefragt: Ist das eigentlich zu rechtfertigen? Beruhigenderweise bin ich zu dem Schluss gekommen: Ja! (…) Warum? Weil das eigentlich ein Beispiel wäre für eine unvollkommene Pflicht. Natürlich wenn ich die Mittel habe, bin ich grundsätzlich verpflichtet, Menschen, die in Not sind, zu helfen. Das heißt aber nicht, dass genau diese Person, genau, wenn ich da vorbeikomme, einen Anspruch genau an mich hat, dass ich ihm helfe! Sprecherin: Selektion muss also sein, weil niemand die ganze Welt retten kann. Ob sie immer fair ist, ist eine ganz andere Frage. Denn schnell können die, bei denen die Not am größten ist, aus dem Blickfeld verschwinden. Aus verschiedenen Gründen. MUSIK: Öldurót K: Ólafur Arnalds, Atli Örvarsson & SinfoniaNord Album: Island Songs Ólafur Arnalds Sprecherin: Bisher steht also aus philosophischer Sicht nur fest: Jeder muss helfen in einer lebensbedrohlichen Situation. Das gehört zu den vollkommenen Pflichten. In allen anderen Fällen ist die Pflicht unvollkommen. Jemand kann einem bestimmten Lebewesen in einer bestimmten Situation helfen, er muss es aber nicht. Eine gute Orientierung gibt immer das eigene Empfinden. Zitator: Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Sprecherin: Der Kategorische Imperativ ist das Grundprinzip der Ethik des Philosophen Immanuel Kant. Zwar hat er seine Schriften zu Ende des 18. Jahrhunderts veröffentlicht, doch auch im 21. Jahrhundert ist dem eigentlich nichts hinzuzufügen. Einen Schritt weiter geht der US-amerikanische Philosoph John Rawls, der ein interessantes Gedankenexperiment angeregt hat: 10 - O-Ton Gerhard Kruip: (…) Der schlägt vor, dass wir uns vorstellen sollen, (…) wir wären in einem Urzustand versammelt und würden die Regeln für die zukünftige Gesellschaft gemeinsam festlegen in diesem Urzustand, ohne allerdings zu wissen, wer wir nachher in dieser späteren Gesellschaft sein würden. (…) Und das erzwingt dann Regeln, die die am schlechtesten Gestellten so gut wie möglich stellen. Differenzprinzip‘ nennt Rawls das. Und da würde man eben auch sagen: Niemand weiß, ob er in so eine Notlage hineingerät, also wird er im Urzustand unter dem Schleier des Nichtwissens für Regeln sorgen, die auch Menschen in solchen Notlagen noch eine Hilfe sein können. Eine Unterstützung anbieten. Sprecherin: In einer Welt, in der alle dem Rawl`sche Gedankenexperiment folgten, gäbe es womöglich fast paradiesische Zustände: Eine Welt des Miteinanders, eine Welt, in der Menschen Empathie für alle Lebewesen empfänden. Einer Welt voller Nächstenliebe. Das aber führt automatisch zu der Frage: Zitator: Wer ist eigentlich der „Nächste“? Sprecherin: An dem Punkt wird es richtig schwierig: Wo fängt man an? Und wo hört man auf in diesem endlosen Meer aus Leid? Zitator: Ein Übel, das erwartungsgemäß auch uns selbst oder einen der Unsrigen treffen könnte (…) Ferner haben wir Mitleid mit denen, die uns bezüglich Alter, Charakter, Gewohnheiten, sozialer Stellung und Herkunft ähnlich sind. Sprecherin: Schrieb schon Aristoteles in seiner Rhetorik und war damit der Erste, der den Versuch machte, Mitleid als eine ganz zentrale Voraussetzung für Hilfsbereitschaft zu definieren. Viele sprechen heute eher vom Mitgefühl. Wer mit Lebewesen mitfühlt, wird den Impuls verspüren, zu helfen, etwas gegen diese Not zu tun. MUSIK: Öldurót K: Ólafur Arnalds, Atli Örvarsson & SinfoniaNord Album: Island Songs Ólafur Arnalds Sprecherin: So kann also auch dies ein Motiv sein zu helfen: Zitator: Helfen aus dem Impuls des Berührtseins heraus. Sprecherin: Menschen helfen am ehesten dort, wo sie sich zugehörig fühlen: in der Familie, im Freundeskreis, am Wohnort. Alles, was ‚fern‘, ‚ganz weit weg …‘ ist, gehört eher nicht dazu. Hier kann viel einfacher die Maschinerie aus Abwehr und Ignoranz angeworfen werden: Zitator: Was geht mich das an? Viel zu weit weg! Sprecherin: Der Sozialethiker Gerhard Kruip findet, dass das aus ethischer Sicht zu kurz gedacht ist: 11 - O-Ton Gerhard Kruip: Unter Philosophen ist das allerdings umstritten. Also Peter Singer z.B. der sagt, dass die räumliche Distanz eigentlich keinen Unterschied machen darf, wenn wir also erfahren, dass es große Not in anderen Ländern gibt, und wir können etwas gegen diese Not tun, z.B. indem wir Geld spenden, dann sind wir verpflichtet, das zu tun. Sprecherin: Helfen, wo die Not am größten ist. Laut dieser Maxime wären Menschen in Syrien, dem Jemen oder der Sahelzone die „Nächsten“, die die Hilfe am nötigsten hätten. Ihnen aber fühlen sich viele kaum verbunden. Zitator: Das Wenige, das du tun kannst, ist viel – wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst, sei es Mensch, sei es irgendeine Kreatur. Leben erhalten ist das einzige Glück. Sprecherin: Albert Schweitzer, Theologe und Kulturphilosoph. Hilfsbereitschaft für nicht-menschliche Kreaturen ist weitaus seltener. Ein Blick in die Spendenstatistik 2017 des Statistischen Bundesamtes zeigt: Menschen helfen vor allem Menschen. Zitator: Knapp 78 Prozent wurden für humanitäre Zwecke gespendet, hingegen nur 2,7 Prozent für den Naturschutz MUSIK: Öldurót K: Ólafur Arnalds, Atli Örvarsson & SinfoniaNord Album: Island Songs Ólafur Arnalds Sprecherin: Neben Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein oder Mitgefühl gibt es aber noch ein weiteres Motiv zu helfen: Zitator: Helfen macht Spaß! Sprecherin: Ist daran etwas verkehrt? Nein, sagt die buddhistische Lehrerin Sylvia Wetzel. Einzig kontraproduktiv ist Helfen aus dem reinen Gefühl der Verpflichtung und der Selbstaufwertung: 12 - O-Ton Sylvia Wetzel Wenn es uns schwerfällt, dann stimmt es nicht! Dann ist es vermutlich so, dass wir uns selber eher was Gutes tun, wenn wir Gutes tun. Dass wir unser eigenes Selbstbild damit stärken „Ja, ich bin ein guter Mensch! Ich spende immer Geld!“ Dann spende ich zwar Geld und tue vielleicht auch etwas Gutes für eine andere Person aber in erster Linie blase ich meine Selbstbild auf. Sprecherin: Schmälert also die Hilfsbereitschaft mit Hintergedanken das gute Ergebnis? In der Philosophie, so Martin Booms, wird die Frage kontrovers diskutiert: 13 - O-Ton Martin Booms: „Ist doch egal, was ich mir denke, Hauptsache, es kommt an bei den Bedürftigen!“ Das wäre eine utilitaristische Position, d.h. eine ethische Position, die sagt: Wenn wir bewerten wollen, was gut und was schlecht ist, dann müssen wir immer auf die Effekte, auf das Ergebnis unserer Handlungen schauen. Die andere große ethische Schule, die deontologische Schule (…), die würde eher sagen: Nein, es kommt darauf an, dass ich eine Haltung habe, die auf das Gute abzielt, (…) auch wenn der Effekt vielleicht gar nicht so eingetreten ist. Sprecherin: Helfen ohne Hintergedanken – ein edles Ziel. Aber keinesfalls ein realistisches. Ganz oft steckt auch dieses Motiv hinter dem Altruismus: Zitator: Dank und Anerkennung. MUSIK: „Baud“ 14 - O-Ton Sylvia Wetzel Ja die Frage ist: Wenn ich etwas Gutes tue und dafür einen Dank erwarte, dann wäre das in meiner Definition nicht wirklich etwas Gutes tun, das wäre ein Handel: „Ich gebe Dir Geld und Du gibst mir Dankbarkeit und Wertschätzung!“ Das ist ein Handel! Zitator: Gabe und Gegengabe Sprecherin: Der französische Soziologe und Philosoph Marcel Mauss (sprich: Moos) hat herausgefunden, dass dieses ökonomische Prinzip in allen Gesellschaften vorhanden ist. Die rein selbstlose Tat ohne jegliche Erwartung ist die Ausnahme. Auch viele Unternehmen meinen, dass ihnen Altruismus gut zu Gesichte stünde: Kaum ein Betrieb, der nicht mindestens ein soziales Projekt am Start hat. Der Philosoph Martin Booms berät Unternehmen und warnt: Diese Aktionen gehen oft nach hinten los: 15 - O-Ton Martin Booms: Da gibt es ganz viele Unternehmen, die etwas machen, „Corporate Responsibility“, also Unternehmensverantwortung, (…) also die kümmern sich um Umweltprobleme in der Stratosphäre, um den Regenwald, die bekämpfen den Hunger in Afrika… (…) aber das Erste, worauf ein Unternehmen achten müsste, wäre zu schauen: Welche schädlichen Effekte oder bedrohlichen Effekte gehen denn von meinem unmittelbaren unternehmerischen Handeln aus? Sprecherin: Egal ob Kinderarbeit, Umweltverbrechen oder Anlegerbetrug: Gutes Tun heißt auch: Schlechtes zu unterlassen! 16 - O-Ton Martin Booms: Und wenn Unternehmen dahin kämen, zunächst einmal sich ganz zu fokussieren auf die Bereiche, die tatsächlich in einer unmittelbaren moralischen Verantwortung sind, wäre die Welt eine viel Bessere, im Vergleich zu einer Welt, wo alle (…) diese philanthropischen Aktionen machen, wo man gerne Verantwortung wahrnimmt, aber immer woanders! Sprecherin: Martin Booms hält wenig von glanzvollen Wohltätigkeits-Events – auch wenn am Ende dabei sehr viel Geld für einen guten Zweck zusammenkommt: 17 - O-Ton Martin Booms: Wir brauchen gar nicht so sehr diese großen spektakulären Charity-Aktionen. Das hat dann wieder was von Glanz und Reputation und von Image, und alle fühlen sich gut …! Nein, es geht darum, im Alltag, in den ganz kleinen Dingen, die in der Summe aber riesig sind, ein Bewusstsein zu entwickeln. Sprecherin: Andererseits sind es aber vor allem die großen Charity-Aktionen, die Millionen für den guten Zweck einspielen. Zahlreiche humanitäre Projekte sind abhängig von diesen großen Finanzspritzen. Warum sollten sich die edlen Spender nicht auch ein bisschen gut dabei fühlen? MUSIK: „ Bose-Einstein Condensation“ K: Biosphere Album: Shenzhou Sprecherin: Trotzdem: Hilfsbereitschaft ist viel mehr als ein einmaliges ‚tolles Erlebnis‘! Es ist nicht weniger als eine Haltung. Eine, die sich durch das gesamte Leben zieht. Wirklich hilfsbereite und mitfühlende Menschen gehen mit offenem Blick durch die Straßen. Sie schauen hin. Und fragen: Zitator: Was brauchst du wirklich? Wie kann ich dich unterstützen – und zwar ohne dich zu beschämen? Sprecherin: Alexander Letzel, sozialpolitischer Referent bei der Caritas, fordert einen Richtungswechsel im Umgang mit Bedürftigen. Helfen heißt sehr viel mehr als einem Straßenbettler einen Euro zu geben: nämlich genau hinschauen und genau hinhören: 18 - O-Ton Alexander Letztel: Das geht durch Gespräche! Also wenn Sie sich wirklich die Zeit nehmen, auf die Bedürfnisse, auf die Situation einzugehen des Menschen, mit dem Sie da konfrontiert sind, dann werden Sie auch feststellen, dass viele auch dankbar sind für menschliche Spende sozusagen. Das heißt für Nähe, für ein Gespräch, für ein paar nette Worte, es geht nicht immer nur um Geld, sondern die Isolation und die Einsamkeit ist auch ein großes Thema, da hilft dann menschliche Wärme. Sprecherin: Alexander Letzel will ermutigen, die Scheuklappen abzulegen. Sich einzulassen, Fragen zu stellen – um dann am Ende eine gute Entscheidung zu treffen. Ganz gleich wie die aussieht: 19 - O-Ton Alexander Letzel: Das ist sehr anstrengend! Das ist uns auch bewusst! Das ist jedem selbst überlassen, wie er hilft, uns ist wichtig hinzugucken. Und den Leuten tatsächlich zu begegnen. Und auch anzunehmen, dass es solche Situationen gibt und das eben aus dem Halbdunkel herauszuholen. Sprecherin: Das erfordert aber auch, aus der eigenen Starre herauszukommen, aus dem Automatismus, mit dem Leid schnell und effektiv abgewehrt wird. Wer sein eigenes Leid anerkennt – wird auch durchlässiger für das Leid anderer. Das erfordert ein hohes Maß an Empathie auf der einen und Stärke auf der anderen Seite. Es heißt: den eigenen Horizont verlassen, das Herz für andere Menschen, andere Lebewesen zu öffnen. MUSIK: „ Fallen“ K: Teho Teardo Album: Diaz (Un film di Daniele Vicari) [feat. Il balanescu quartet] Zitator: Beim Anblick des Leidens eines anderen, auch eines Tieres, identifizieren wir uns derart, dass wir im fremden Leid unser eigenes Leiden fühlen und erkennen. Ein bedeutsamer Schritt darüber hinaus und eine Erweiterung des Mitleids besteht darin, im angeschauten Leid das Leiden der ganzen Welt zu erkennen. … Sprecherin: Arthur Schopenhauer Sprecherin: Menschen, die ihre Fähigkeiten für das Gemeinwohl einsetzen, merken plötzlich, dass ihr Tun einen Unterschied macht. In dem Moment entdecken sie womöglich das, wonach sie ihr Leben lang gesucht haben: das Gefühl von Sinn. Einen größeren Gewinn gibt es kaum. MUSIK: „ Bose-Einstein Condensation“ K: Biosphere Album: Shenzhou Sprecherin: Und damit verschwimmen die Grenzen zwischen Geben und Nehmen. Es geht nicht mehr um geben müssen, sondern um geben dürfen. Für den Philosophen Martin Booms ist die Frage nach der Hilfsbereitschaft am Ende ganz eng verknüpft mit nichts Geringerem als der Frage nach der menschlichen Würde: 20 - O-Ton Martin Booms: Ich glaube, dass das für die Frage, die ja ein jeder für sich spätestens am Ende des Lebens einmal zu beantworten haben wird: „Habe ich richtig gelebt?“ eine ganz entscheidende sein wird. Denn die materiellen Vorteile oder auch eine Machtposition, die ich mir durch Übervorteilung anderer erarbeitet habe, die wird am Ende dahinschmelzen. Insofern kann man diese Trennung zwischen anderen und mir selber, möglicherweise gar nicht machen. Die Integrität, die ich anderen zukommen lasse, ist eine Integrität, die ich in mir selber habe. Und das ist für ein gelungenes, würdevolles Leben eine ganz entscheidende Voraussetzung. Stopp
- Die Zentralbanken - Big Player der Politik
03.12.2024 · 23 Min.
Banknoten ausgeben und Goldmünzen verwalten - dafür wurden einst Zentralbanken geschaffen. Heute müssen sie unsere Banken regelmäßig vor dem Kollaps retten. Im modernen Finanzmarktkapitalismus läuft nichts mehr ohne die mächtigen Geldmanager. Wie kam es dazu? Von Maike Brzoska Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Heiko Hinrichs, Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Joscha Wullweber, Politikwissenschaftler und Professor an der Universität Witten/Herdecke Leon Wansleben, Soziologe und Gruppenleiter an Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln Nils Herger, Ökonom und Dozent an der Universität Bern Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Literatur: Nils Herger: Wie funktionieren Zentralbanken? Geld- und Währungspolitik verstehen. Springer/Gabler, 2015 Joscha Wullweber: Zentralbankkapitalimus. edition Suhrkamp, 2021 Leon Wansleben: The Rise of Central Banks. State Power in Financial Capitalism. Har Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Juli 2012 auf einer Investorenkonferenz in London. Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, tritt vor das Mikrofon und hält eine kurze Rede. Mitten in seinem Vortrag hält er inne, schaut ins Publikum und sagt mit Nachdruck die folgenden Worte: 01 / TON Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough. 02 OT (Wullweber) Das war ja der berühmte Ausspruch: Was es auch bedeutet, ich werde auf jeden Fall den Euro retten. SPRECHERIN Der Politikwissenschaftler Joscha Wullweber. Er ist Professor an der Universität Witten/Herdecke. Nicht wenige meinen: Mit diesen Sätzen hat Draghi den Euro gerettet. Zumindest aber eine weitere Eskalation der Eurokrise verhindert. Zur Erinnerung: Nachdem in den USA eine Immobilienblase geplatzt war, mussten erst Banken und dann ganze Staaten, vor allem in Südeuropa, gerettet werden. Ob das klappt, war damals fraglich. Eine Reihe von Investorinnen und Investoren wettete darauf, dass die Eurozone zerbricht, dass also Griechenland oder Italien aus dem Euro austreten müssen, weil sie pleite sind. Bis Draghi die entscheidenden Worte sprach: Wir werden den Euro retten, whatever it takes, was immer es kostet. 03 OT (Wullweber) Das Signal an die Finanzmärkte: Italien wird nicht Pleite gehen, weil die EZB wird da sein, und sofort haben sich die Finanzmärkte beruhigt, ohne dass Mario Draghi auch nur einen Euro ausgeben musste. Musik: New beginning 0‘32 SPRECHERIN Ein paar Worte des Zentralbank-Chefs genügten, um die Stimmung zu drehen. Ein Einzelfall? Keineswegs. Ein anderes Beispiel ist die Rede von Alan Greenspan 1996. Die Börsen hatten damals einen langen Aufwärtstrend hinter sich, als Greenspan, damals Chef der US-amerikanischen Zentralbank, auf einer Dinnerparty beiläufig vom „irrationalen Überschwang“ sprach. 04 OT (Wullweber) Und in dem Fall war das so, dass Greenspan meinte, er ist sich nicht ganz sicher, ob die guten Entwicklungen auf dem Finanzmarkt in nächster Zeit so weitergehen. Führte dazu, dass sofort rein interpretiert wurde; Oh je, es könnte sein, dass etwas abstürzt, also verkaufe ich. Und dann fingen diverse Leute an zu verkaufen. Das führt dann zu einer Spirale, die immer weiter runterzieht. SPRECHERIN Draghis entschiedene Worte in der Eurokrise, Greenspans Zweifel im Börsenhoch: Die Zeiten waren sehr verschieden, aber beide Male haben Zentralbank-Chefs viele Milliarden an Euro oder Dollar bewegt – allein durch ein paar Worte. Wie kann das sein? 06 OT (Wullweber) Finanzmärkte sind hoch psychologisch, emotional getrieben. Und mit diesen Emotionen, mit der Psychologie müssen Zentralbanken, die ja die Hauptstabilisatoren dieses Systems sind, auch umgehen. Und das tun sie auch. SPRECHERIN Hauptstabilisatoren, weil ohne sie nichts mehr läuft. Joscha Wullweber hat dafür den Begriff Zentralbankkapitalismus geprägt. 07 OT (Wullweber) Was die Zentralbanken heute so mächtig macht, ist, dass eigentlich das gesamte Finanzsystem ohne die permanenten Interventionen der Zentralbanken nicht mehr funktionieren würde. SPRECHERIN Geplant war das nicht. Vielmehr war es so, dass die Zentralbanken im Laufe der Zeit an Bedeutung gewannen. Die ersten Zentralbanken gründeten sich im 17. Jahrhundert. 08 OT (Herger) Das sind insbesondere zwei Zentralbanken, die es heute noch gibt. SPRECHERIN Sagt der Ökonom Nils Herger. Er ist Dozent an der Universität Bern. 09 OT (Herger) Das ist einerseits die schwedische Reichsbank. Und die zweitälteste ist die Bank of England. Musik: 2.Satz Bach 0‘25 SPRECHERIN In Schweden lief das mit den Zahlungen damals ziemlich schleppend – im wahrsten Sinne des Wortes. Eine oft verwendete Kupfermünze wog knapp 20 Kilogramm. Ein echtes Schwergewicht. Deshalb bot der Banker Johan Palmstruch an, die Münzen in seiner Bank zu verwahren und stattdessen Papierquittungen auszugeben. Die Idee überzeugte den schwedischen König. Palmstruchs Bank erhielt das hoheitliche Recht, Banknoten auszugeben. Die Quittungen kursierten bald als Zahlungsmittel, um größere Beträge zu begleichen. Papiergeld statt Kupfermünzen – das war neu. Die Innovation bestand darin, … 10 OT (Herger) … dass eine private Gesellschaft vom Staat sozusagen das Recht erworben hatte, um in einem gewissen Gebiet eben Papiergeld, Banknoten auszugeben als ein innovatives Zahlungsmittel damals. SPRECHERIN Palmstruchs Bank ging ein paar Jahre später Pleite, aber seine Idee hatte sich bewährt. Die Regierung gründete 1688 die Schwedische Nationalbank, die Vorläuferin der heutigen Zentralbank Schwedens. In Großbritannien lief es ähnlich. 1694 bekam die Bank of England das Recht, Banknoten auszugeben. Die englische Krone brauchte dringend Geld für den Krieg gegen Frankreich. Ein häufiges Motiv für die Gründung von Zentralbanken. 11 OT (Wansleben) Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Zentralbanken eigentlich ausschließlich zur Kriegsfinanzierung gegründet. SPRECHERIN Der Soziologe Leon Wansleben. Er ist Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. 12 OT (Wansleben) Und die Idee bei der Kriegsfinanzierung war eigentlich: Man gründet eine Zentralbank, die so eine Art Fonds ist, in denen reiche Bankiers, die Kapitalisten der jeweiligen Gesellschaften, einzahlen und der Regierung diesen Kredit zur Verfügung stellen für die Kriegsführung. SPRECHERIN Weil das gut funktionierte, gründeten sich nach und nach überall in Europa Zentralbanken. Man nennt sie auch Notenbanken, weil sie eben Banknoten ausgeben. Musik: Precision on demand 0‘25 SPRECHERIN Mit der Zeit eröffneten auch normale Geschäftsbanken Konten bei der Zentralbank. Für sie war das praktisch: Sie konnten dort ihre Goldbarren lagern und sich Kapital borgen. Die Zentralbanken wurden somit jeweils zur „Bank der Banken“. So werden sie heute noch oft genannt. Nach und nach entstand ein zweistufiges System mit einer Zentralbank im Mittelpunkt. Unumstritten war das allerdings nicht. Eine einzelne Bank, die so eine zentrale Stellung innehat. Und die auch noch Papiergeld drucken darf. Das warf Fragen auf: Warum ausgerechnet diese Bank? Und ist das Papier, das sie ausgibt, überhaupt richtiges Geld? Solche Fragen wurden im 19. Jahrhundert intensiv diskutiert – und stellen sich auch heute wieder: beim digitalen Geld. 15 OT (Herger) Es ist auch eine technische Innovation und es ist nicht ganz klar, was ist hier die Rolle der Zentralbank? Soll man das jetzt einfach dem Wettbewerb überlassen? Sie kennen diese Kryptowährungen, Bitcoin, es gibt ganz viele verschiedene Währungen. Soll man das regulieren? Soll sie ein eigenes elektronisches Zentralbankgeld ausgeben? Diese Diskussionen, die kommen heute wieder, in einem anderen technischen Umfeld. SPRECHERIN Die Skepsis gegenüber der herausragenden Stellung einer Zentralbank führte mancherorts dazu, dass sie erst relativ spät gegründet wurde. 16 OT (Herger) Bekannte Beispiele sind vor allem die USA, die das auch sehr lange beibehalten hat, bis zur Gründung des Federal Reserve Systems 1914. Musik: Dark waters (reduziert) 0‘32 SPRECHERIN Dass schließlich dort doch eine Zentralbank gegründet wurde, lag am äußerst instabilen US-Finanzsystem. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den USA regelmäßig Bankenpleiten, die Wirtschaftskrisen nach sich zogen. Deshalb kam man auch hier zu der Überzeugung: Es braucht eine zentrale Bank, die im Notfall mit Geld aushelfen kann. Eine Bank mit Reserven, das Federal Reserve System, besser bekannt als die Fed. 17 OT (Wansleben) Und die Idee hier ist, dass die Zentralbank den anderen Banken Liquidität bereitstellt, wenn die Kunden ganz schnell ihr Papiergeld gegen Gold eintauschen wollen. SPRECHERIN Lange Zeit gab es ein Anrecht darauf, die Papierquittungen gegen Gold oder andere Edelmetalle einzulösen. Nach und nach wurde die Einlösepflicht allerdings abgeschafft. Das war eine längerfristige und keine lineare Entwicklung. Aber mit Beginn des Ersten Weltkriegs suspendierten eigentlich alle am Krieg beteiligten Länder die Goldeinlösepflicht. Auf diese Weise konnten die Zentralbanken freier agieren, wenn das Geld sehr knapp war – und das war es in Kriegszeiten praktisch immer. 18 OT (Wansleben) Die Idee war dann nicht mehr, dass es in der Zentralbank Gold gibt, das den Banken bereitgestellt wird, sondern dass die Banken selbst nur Reserven in Form von Schulden bei der Notenbank haben. Und die Notenbank tun letztlich nichts anderes als Schulden auszugeben als Reserven. Musik: Prayer wheel 0‘51 SPRECHERIN Die Zentralbanken sicherten die Kredite der Geschäftsbanken also nicht mit zurückgelegtem Gold ab, sondern mit selbst geschaffenem Geld – und genauso funktioniert das auch heute noch. Vor allem in Krisenzeiten stellen Zentralbanken auf diese Weise große Mengen an Geld bereit. Oft heißt es dann, die Zentralbanken werfen die Notenpresse an, wobei der Anteil der physischen Geldscheine heute verschwindend gering ist. Aber das Bild der Notenpresse ist geblieben – vielleicht weil es so schwer vorstellbar ist, dass solche enormen Summen mehr oder weniger aus dem Nichts erschaffen werden. Mit der Aufgabe, im Krisenfall schnell Liquidität bereitzustellen, wandelte sich jedenfalls die Rolle der Zentralbanken. Sie wurden zum Lender of Last Resort, zum „Geldleiher der letzten Instanz“. 19 OT (Herger) Da findet schon eine gewisse Wandlung der Zentralbank statt in dem Sinne, dass sich die Zentralbank – zumindest während der Krise – von einer rein privaten Institution hinwendet zu einer Institution, die mehr das öffentliche Interesse im Auge behalten muss. Musik: Under a dark sky 0‘49 SPRECHERIN Allerdings brauchte es erst noch eine richtig große Krise, bis sich diese Sichtweise endgültig durchsetzte. 1929 kam es zur Großen Depression, eine sehr schwere Wirtschaftskrise. Sie begann 1929 mit einem Absturz der New Yorker Börse. Viele Banken und Unternehmen bekamen Schwierigkeiten, einige gingen Pleite. Das brachte weitere Banken und Unternehmen in Bedrängnis. Auf diese Weise zog die Krise immer weitere Kreise. Ein beherztes Eingreifen der Zentralbanken, das Anwerfen der Notenpresse, hätte den Teufelskreis vermutlich stoppen können. Allerdings stellten die Zentralbanken damals nur wenig Geld zur Verfügung – aus Angst, dass zu viel Geld den Markt flutet und es zu Inflation kommen würde. Aber so kam es zum Gegenteil: Die Deflation, also die Aufwertung der Währung, verschlimmerte die Lage – die Nachfrage sank, die Preise fielen, die Unternehmen machten weniger Gewinn, Menschen verloren ihren Job, was wiederum zu sinkender Nachfrage führte…. Bis Anfang der 1930er hatten sich in den USA die Löhne halbiert, ein Drittel der Menschen war arbeitslos, viele Menschen hungerten. In Europa sah es nicht viel besser aus. Ein Desaster, das Forschende im Nachgang stark beschäftigte. Viele kamen zu der Überzeugung, dass Zentralbanken die Wirtschaft sehr viel stärker lenken sollten, und zwar nicht nur in Krisenzeiten. Einer, der für solche Vorschläge bekannt wurde, war der Ökonom John Maynard Keynes. Die Idee war, … 20 OT (Herger) ... dass eben die Geldpolitik hier im Dienst der Konjunktur und Preissteuerung eigentlich umfassend eingesetzt werden kann. SPRECHERIN Über die Geldpolitik hat eine Zentralbank großen Einfluss auf die Wirtschaft. Das ist auch der Grund, warum etwa die EZB Schlagzeilen macht, wenn sie die Zinsen hebt oder senkt. Niedrige Zinsen führen oft dazu, dass Banken günstigere Kredite vergeben. Unternehmen investieren dann mehr und Menschen kaufen sich mehr Häuser oder Autos auf Pump. Das stimuliert die Wirtschaft, Löhne und Preise gehen tendenziell nach oben. Aber es geht auch andersrum: Steigen die Preise zu schnell, droht also eine Inflation, hebt die Zentralbank die Zinsen an. Die Menschen kaufen dann weniger auf Kredit, Unternehmen investieren zurückhaltender, die Wirtschaft wird eher gedrosselt. Das ist weniger populär – und führt in einigen Ländern regelmäßig zu Konflikten mit den Regierungen. Deshalb pochen viele darauf, dass Zentralbanken unabhängig sind. 21 OT (Herger) Der Vorteil der Unabhängigkeit ist, dass man sagt, okay, wir müssen nicht direkt gewählt werden. Wir haben das Mandat, die Preisstabilität zu gewährleisten, und dann können sie das eben noch auch tun. Wait and hope Red. Version 0‘50 SPRECHERIN In Deutschland ist die Unabhängigkeit der Zentralbank ein großes Thema. Das liegt auch an der Rolle der hiesigen Zentralbank in den 1920er und 30er Jahren. In der Weimarer Republik agierte die Zentralbank ganz im Sinne der Regierung. Sie druckte Unsummen an Reichsmark, weil man glaubte, die Reparationen, also die Kriegsschulden, nicht anders begleichen zu können. Das führte schließlich zu einer Hyperinflation, in der das Geld zuletzt so schnell an Wert verlor, dass Brot mehrere Millionen Reichsmark kostete. Erst eine Währungsreform schaffte Abhilfe. In den 1930er Jahren bauten die Nationalsozialisten die Zentralbank dann in ihrem Sinne um. Ab 1939 unterstand sie sogar direkt Reichskanzler Adolf Hitler. Auf diese Weise konnte er seine Vorhaben quasi selbst finanzieren. So etwas sollte es nie wieder geben. 22 OT (Wullweber) Es gibt einen sehr guten Grund, weswegen die Bundesbank als neutrale Instanz nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde, weil die natürlich im Nationalsozialismus sehr stark mit Hitler zusammen agiert hat. Und eine Lehre daraus war zu sagen: Die soll unabhängig sein. SPRECHERIN Das wurde denn auch in den Statuten der 1957 gegründeten Deutschen Bundesbank festgeschrieben. Daneben wollten die Regierungen nach dem Zweiten Weltkrieg ein stabiles Währungssystem etablieren. Im US-Städtchen Bretton Woods einigten sie sich auf ein System fester Wechselkurse. SPRECHERIN Insgesamt ein stark reglementiertes System, das bis Anfang der 1970er Jahre gut funktionierte. 24 OT (Wansleben) Und dann kam es ja in den 70er Jahren zur Inflationskrise einerseits und andererseits zu immer stärkeren Liberalisierungsschüben durch die Globalisierung des Handels und der Kapitalströme, und dann brach im Prinzip diese ganze Architektur der Nachkriegszeit zusammen. Musik: Take off 0‘19 SPRECHERIN Bretton Woods war Geschichte. Auf die stark steigenden Preise reagierte die Bundesbank, indem sie die Zinsen erhöhte. Das gelang, die Inflation ging zurück, allerdings auf Kosten anderer wirtschaftspolitischer Ziele, meint Leon Wansleben. 25 OT (Wansleben) Inflation war damals wahrgenommen als ein Riesenproblem und wurde dann immer stärker in den Vordergrund gestellt. Die Frage von Beschäftigung und die Frage von Wachstum wurde eher hintenangestellt. SPRECHERIN Soll man ein paar Prozent Inflation in Kauf nehmen, um die Wirtschaft zu stimulieren und Arbeitsplätze zu schaffen? Denn, wie gesagt, führen niedrigere Zinsen oft dazu, dass mehr investiert wird und die Menschen mehr auf Pump kaufen. Die Nachfrage steigt also, die Unternehmen machen mehr Gewinn – und stellen Leute ein. Allerdings gibt es seit vielen Jahren in der Wissenschaft Streit darüber, ob das wirklich so funktioniert. Der frühere SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt jedenfalls meinte mal: ZITATOR Fünf Prozent Inflation sind leichter zu ertragen als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Musik: Secret proofs 0‘42 SPRECHERIN 1998 wurde die Bundesbank dann Teil des Europäischen Systems der Zentralbanken. Wenige Jahre später folgte die große Finanzkrise: Eine Immobilienblase platzte, die Börsen stürzten ab, die Investmentbank Lehman Brothers musste 2008 Insolvenz anmelden. Das hatte zur Folge, dass Banken sich untereinander kein Geld mehr liehen – weil niemand wusste, wer als nächstes Pleite geht. Es fehlte an Liquidität. Die Zentralbanken sprangen ein – die Fehler der Großen Depression wollte man nicht wiederholen. So sah es insbesondere der US-amerikanische Zentralbank-Chef Ben Bernanke. Er ist ein profunder Kenner der Großen Depression – als Wirtschaftsprofessor hatte er sich jahrelang damit beschäftigt. Für ihn war klar: Es muss Geld in das System. Aber wie? Zunächst senkten die Zentralbanken die Zinsen. 26 OT (Wullweber) Hatte keine Wirkung. Finanzkrise ging weiter. Das zweite Instrument ist dann: Der Lender of Last Resort, dass gesagt wird, okay, wir leihen den Banken Geld und da reden wir schnell von mehreren 100 Milliarden. Das war der zweite Schritt, ist völlig verpufft. Und dann hat man gemerkt, der Krisenherd liegt gar nicht im bekannten Finanzmarktsystem, sondern in diesem sogenannten Schattenbanken-System. SPRECHERIN Schattenbanken heißen so, weil sie – anders als reguläre Banken – kaum reguliert sind. Dazu zählen Investmentbanken amerikanischer Art, aber auch Kreditversicherer und Hedgefonds wie BlackRock. 27 OT (Wullweber) Und was die Federal Reserve dann gemacht hat, ist zu sagen, sie fangen nun an, das Schattenbank-System zu stabilisieren, indem sie den Akteuren, die hier das Geld brauchen, das Geld zur Verfügung stellen. Musik: Incorrectness (reduziert) 0‘27 SPRECHERIN Die Schattenbanken bekommen von Zentralbanken praktisch unbegrenzt liquide Mittel – so etwas war vorher undenkbar. Wie auch andere Maßnahmen, die während der Finanz- und Eurokrise zum Einsatz kamen: Negativzinsen, Ankauf von Staatsanleihen im großen Stil und so weiter. Eine in geldpolitischer Hinsicht irre Zeit. SPRECHERIN Aber die Zentralbanken machen das nicht ohne Grund. Denn ohne die Unmengen an Liquidität droht das Finanzsystem zusammenzubrechen. Und deswegen wird jede kleine Äußerung, und sei sie noch so beiläufig, von Zentralbankchefs und -chefinnen genauestens verfolgt. Stützen sie das System weiter? Oder gibt es Andeutungen, dass die Gelder zurückgefahren werden? Deshalb diskutieren Forschende inzwischen darüber, ob das, was Zentralbanken tun, überhaupt legitim ist, ob es noch ihrem Mandat entspricht. Denn wenn für Bankenrettungen solch enorme Mengen Geld nötig sind, bleibt das nicht ohne Nebenwirkungen. 29 OT (Wansleben) Was nicht beachtet wird, ist, dass Inflationsbekämpfung oder auch die Rettungsaktionen, die Zentralbanken durchführen für das Bankensystem, immer inhärent mit anderen Aspekten der wirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängen. Zum Beispiel Inflationsbekämpfung hat Folgen für Beschäftigung und auch für langfristige Wachstumsaussichten. Finanzmarktstabilisierung hat wiederum Auswirkungen auf die Möglichkeit zukünftiger Krisen usw. SPRECHERIN Leon Wansleben meint deshalb, es sei an der Zeit die Rolle der Zentralbanken zu überdenken. 30 OT (Wansleben) Das Problem ist, dass wir keine brauchbaren Konzepte im Moment haben, wie Regierungen mit Zentralbanken kooperieren können. Die Zentralbanken agieren mit engen, oft auch kurzfristigen Zielen, … SPRECHERIN Etwa dem Ziel, die Inflation niedrig zu halten. Forts. 30 OT … es gibt aber keine kohärenten, holistischen, langfristigen Ziele, an denen sich Regierungen und Zentralbanken gemeinsam orientieren. SPRECHERIN Eine Neuausrichtung der Zentralbankpolitik fordern einige Forschende mit Blick auf die Klimakrise. Denn für die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft werden noch große Summe nötig sein. Joscha Wullweber nennt Beispiele, wie Zentralbanken hier aktiv werden könnten. 31 OT (Wullweber) Sie könnten sagen, wir geben Banken für grüne Investitionen einen günstigen Refinanzierungssatz. Man könnte auch sagen, Banken, die sehr viel in fossile Industrie investieren, müssen mehr Zinsen zahlen, könnte man auch machen. Zentralbanken könnten sogar auch sagen, in Sachsen oder Nordrhein-Westfalen gab es eine Riesenüberschwemmung, die lokalen Behörden haben Finanzierungsschwierigkeiten. Wir überweisen jetzt einfach mal 1 Milliarde, auch das könnte eine Zentralbank im Zweifelsfall tun. SPRECHERIN Nils Herger sieht solche Vorschläge kritisch. Er meint, dass es schwierig sei, wenn Zentralbanken mehreren Zielen verpflichtet sind. 32 OT (Herger) Das hat in der Vergangenheit immer zu Problemen geführt, wo man sagt, die Zentralbank sollte ein stabiles Geld haben, aber auch noch den Staat finanzieren, vielleicht Konjunkturpolitik betreiben. Dann bestand immer die Gefahr, dass man sich dann letztlich verzettelt hat und eigentlich keines dieser Ziele richtig verwirklicht hat. Climate change B 0‘34 SPRECHERIN Was ist die Aufgabe einer Zentralbank? Banknoten ausgeben? Preise stabil halten? Schattenbanken retten? Digitales Geld emittieren? Die Klimatransformation finanzieren? Die Geschichte der Zentralbanken zeigt, dass sich ihre Rolle immer weiter gewandelt hat, vor allem in Krisenzeiten. Es könnte der Moment sein, wo sie sich wieder wandeln.
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- Franziska zu Reventlow - Schriftstellerin, Rebellin und Freigeist
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Franziska zu Reventlow - sie war Mythos und Skandal zugleich: Die Schriftstellerin, Malerin und Übersetzerin wurde Mittelpunkt der Schwabinger Künstlerkreise um 1900, galt als Verkörperung erotischer Rebellion und bohèmehaften Lebens. Empörend und vorbildhaft: als frühe Inkarnation weiblichen Selbstbewusstseins. Von Frank Halbach Credits Autor und Regie dieser Folge: Frank Halbach Es sprachen: Christiane Roßbach, Stefan Merki, Ines Hollinger Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Ulla Egbringhoff, Publizistin und Reventlow-Biographin Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Karl Wolfskehl - Der Zeus von Schwabing muss ins Exil HIER Bayern zwischen den Kriegen - Von der Boheme zu Barbarei HIER Die Geierwally - Von der Malerin zum Mythos HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? 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ERZÄHLERIN Franziska zu Reventlow: „Ein Leben, das eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem den jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie.“, meinte der Lyriker Rainer Maria Rilke. ZITATORIN (ernsthaft) Ich darf nur lieben, aber niemals jemanden gehören! SPRECHER (sensationslüstern) Die Skandalgräfin von Schwabing war eine Virtuosin der freien Liebe! MUSIK ENDE MUSIK Z8022611 128 „Alphaville“; ZEIT: 01:00 ERZÄHLERIN Franziska zu Reventlow war alleinerziehende Mutter, Symbolfigur der sexuellen Revolution, Vorbotin des intellektuellen Prekariats und lange Zeit eine viel zu wenig beachtete Schriftstellerin. ZITATORIN (erfüllt) Vielleicht brächte ich es soweit, in Glanz zu leben, aber ich hätte dann alles andere nicht, meine absolute Freiheit und mein Leben für mich. ERZÄHLERIN Sie setzte Maßstäbe eines ungebundenen Lebens, brach mit den Konventionen des Kaiserreiches und mit ihrer Familie. 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Auch dort war sie schon von Anfang an renitent und hat einmal in ihrem Kleiderschrank geschrieben: MUSIK privat Track 014 „Das Gedicht“; Album: Oktoberfest 1900; Label: 2Lane Records; Interpret: Michael Klaukien; Komponist: Michael Klaukien; ZEIT: 00:12 ZITATORIN (unbeirrbar, zu sich) Ich habe nie das Knie gebogen – den stolzen Nacken nie gebeugt. MUSIK ENDE O-Ton 3 Egbringhoff (02:40) Dieser Widerstand gegen Restriktionen und Eingrenzungen hat durchaus ihr Leben bestimmt. Und das war in ihrer Familie nicht gern gesehen. Und selbst in ihrer Familie wurde sie zum Skandal. Als sie dann in jungen Jahren nach München ging und in die Münchner Bohème ging, da fiel sie auch sehr auf mit ihrem Freiheitsdrang, der sich darin ausdrückte, dass sie als geschiedene Frau, als ledige Mutter ein Kind bekommen hat. Sie hat immer verheimlicht, wer der Vater des Kindes war, und das war natürlich skandalös. MUSIK privat Track 014 „Das Gedicht“; Album: Oktoberfest 1900; Label: 2Lane Records; Interpret: Michael Klaukien; Komponist: Michael Klaukien; ZEIT: 01:47 ERZÄHLERIN Geboren am 18. Mai 1871 in Husum wird sie getauft auf den Namen: Fanny Liane Wilhelmine Sophie Adrienne Auguste Comtesse zu Reventlow. Die Mutter versucht ihre Tochter gemäß des Frauenbilds des 19. Jahrhunderts zu erziehen. Das bedeutet: Anpassung bis zur Selbstverleugnung und das Unterdrücken jeglichen eigenmächtigen kreativen Ausdruckswillens. Um das durchzusetzen sind Schläge an der Tagesordnung. ZITATORIN (verletzt, sarkastisch) Nicht einmal die Hunde bekamen so viele Prügel. – Mama hatte die Hunde wohl auch viel lieber. ERZÄHLERIN Die Prügel haben nicht den gewünschten Erfolg. Und der Aufenthalt im Internat, im Freiadeligen Magdalenenstift in Altenburg auch nicht. Die Stiftpröbstin macht in Fanny einen schädlichen Einfluss auf die Mädchen aus. ZITATORIN Die Sünde ist unter euch wie ein fressender Eiter. SPRECHER Nach dem Rauswurf aus dem Internat verbrachte Fanny viel Zeit bei ihrer Tante Liane von Qualen, der jüngeren Schwester ihrer Mutter, in Wulfshagen, im Kreis Eckernförde. ERZÄHLERIN Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester ist Tante Liane sehr interessiert an Kunst und Literatur. In Fanny wächst der Wunsch Malerin zu werden und sie erhält Unterricht von Fräulein Heine, die zu Fannys Vorbild wird. SPRECHER Doch 1888 soll Fanny wieder nach Hause kommen – der Vater hat beschlossen mit der Familie nach Lübeck zu ziehen. ERZÄHLERIN Doch der Same ist gesät: Kunst ist für Fanny gleichbedeutend geworden mit: ZITATORIN Leben! Ein Traum von immerwährender Glückseligkeit MUSIK ENDE O-Ton 4 Egbringhoff (05:23) Das war ihr ganz großes Ziel, schon sehr früh, Künstlerin zu werden. Als sie dann in Lübeck gewesen ist, war sie dann verlobt mit einem Juristen. Und der Jurist, Herr Lübke, hatte ihr dann auch ermöglicht, Unterricht zu nehmen in München. MUSIK Z8042026 113 „Goldstein“; ZEIT: 02:02 SPRECHER Ende des 19. Jahrhunderts war München zu einer der bedeutendsten Kunstmetropolen Europas aufgestiegen. München leuchtete: ERZÄHLERIN Die bayerische Hauptstadt lockte Malerinnen und die, die es werden wollten, an die Isar. SPRECHER Ein Studium an einer staatlich und künstlerisch anerkannten Akademie war Frauen damals freilich verboten. Die vielen Künstler Münchens aber boten gerne privaten Unterricht an. ZITATORIN (glücklich) Das Arbeiten in unserem großen kühlen Atelier, und dann wieder in die Sonne hinaus, den ganzen Tag sein eigner Herr sein, keinen Moment des Tages sich nach anderen richten zu müssen! So habe ich mir’s geträumt, das ist endlich die Luft, in der ich leben kann. Mein Gott, und jetzt muss ich arbeiten, arbeiten bis aufs Blut und dann fasst mich der Jammer an um all die verlorene Zeit, was für Jahre hätte ich schon arbeiten können. SPRECHER Klagt die 22-jährige Fanny. In der Malschule von Anton Ažbé in der Georgenstraße, wo auch so prominente Künstler wie Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky ausgebildet wurden, beginnt Fanny ihr Bohème-Leben. Zunächst noch recht sorglos, finanziert von ihrem Mann Walter von Lübke. Fotos aus der Zeit zeigen eine kleine, zierliche hübsche junge Frau. ERZÄHLERIN „Ihr Äußeres von strahlendem Reiz und das Herz erfüllt von der Schönheit des Lebens und von der Sehnsucht nach einer schönen freien Menschenwelt.“, wird Erich Mühsam später schreiben. Und Annette Kolb meinte: „Ihre Augen waren wunderschön. Ihr Zynismus kannte keine Grenzen, doch immer alles mit Grazie.“ SPRECHER Ihre materiellen Mittel sind bescheiden – nicht nur weil die Schulgebühren und die Malutensilien teuer sind, sondern wohl auch weil sie mit Geld recht unbekümmert umgeht. Ulla Engbringhoff: MUSIK ENDE O-Ton 5 Egbringhoff (07:36) Sie hat Unterricht genommen, sie hat gemalt, aber sie musste immer wieder feststellen, dass ihr Talent doch nicht so groß war. So hat sie es auch selber immer wieder geschrieben, in ihren Tagebüchern: Ach, ich habe schon wieder gepatzt et cetera. Es sind leider auch nur sehr wenige Bilder von ihr erhalten, sodass wir uns kein richtig gutes Bild machen können, wie erfolgreich sie als Künstlerin vielleicht hätte werden können. MUSIK Z8042026 212 „Goldstein Reprise“; ZEIT: 01:44 ZITATORIN (drängend) Es gibt so vieles, was man gerne künstlerisch gestalten möchte und es wenigstens doch in der Malerei nicht ausdrücken kann. Da drängt es mich mächtig dazu, es zu schreiben. SPRECHER Tatsächlich verfasst Fanny bald kleinere literarische Texte, die in den „Husumer Nachrichten“ veröffentlicht werden. ERZÄHLERIN Die Künstlerin Fanny zu Reventlow sucht Nähe zu anderen Künstlern, die sie in den Künstlerkreisen der Schwabinger Bohème findet. ERZÄHLERIN Die Freiheit, die sie hier kennenlernt, wird Fanny fortan nicht mehr aufgeben. SPRECHER Ihre Ehe mit dem Gerichtsassessor Walter Lübke wird wegen fortgesetzten Ehebruchs Franziskas geschieden. ERZÄHLERIN Sie führt ein Bohèmeleben. SPRECHER Geprägt von Geldnot, von Krankheit und mehreren Fehlgeburten. ZITATORIN (überzeugt) Und doch ist dieses Künstler-Bohèmeleben das Beste von meinem ganzen bisherigen Leben gewesen: Es ist wenigstens frei, ganz frei! ERZÄHLERIN Fanny lehnt Bürokratie, Aristokratie, den geld- und fortschritts-gläubigen, nationalistischen, militaristisch wilhelminischen Gründergeist und die Erziehung junger Frauen zu „höheren Töchtern“ kategorisch ab. SPRECHER Am 1. September 1897 wird ihr Sohn Rolf geboren. ZITATORIN (erfüllt, doch ungläubig) Mein Kind, endlich mein Kind, o mein Gott, mein Kind. Alles hängt an ihm, all meine Liebe und all mein Leben, und die Welt ist wieder herrlich für mich geworden, wieder Götter und Tempel und der blaue Himmel darüber. MUSIK ENDE SPRECHER Den Namen des Vaters verschweigt die Reventlow zeitlebens. ZITATORIN „Bubi“, „Maus“, „Göttertier!“ ERZÄHLERIN Franziskas Tagebuch ist voll von rührenden mütterlichen Glücksbekundungen. Sie begegnet ihrem Sohn mit solcher Liebe, als müsse sie all die Verbrechen gutmachen, die an ihr als Kind begangen wurden. Rolf Reventlow schreibt später in seiner Autobiografie: SPRECHER Das Fehlen eines Vaters bedeutete keine Lücke in meiner Kindheit, in diesem recht ungeordneten, aber von mütterlicher Liebe durchglühten Kinderleben. ERZÄHLERIN Ihren Unterhalt verdient Franziska mit literarischen Übersetzungen und kleineren schriftstellerischen Arbeiten für Zeitschriften und Tageszeitungen wie den „Simplicissimus“, die „Neue Deutsche Rundschau“ oder die „Münchner Neueste Nachrichten“. Außerdem tritt sie nach etwas Schauspielunterricht 1898 eine Zeit lang am Theater am Gärtnerplatz sowie im Akademisch-Dramatischen Verein des jungen Otto Falckenberg auf. SPRECHER Ihre anderen Jobs: Hilfsköchin, Glasmalerin, Messehostess, Prostituierte und das Schnorren… ERZÄHLERIN …die Spenden ihrer männlichen Bekanntschaften. SPRECHER Von denen sie in der Münchner Künstlerszene reichlich hatte. Sie verkehrte mit Theodor Lessing, Friedrich Huch, Erich Mühsam, Oskar Panizza, Frank Wedekind, Rainer Maria Rilke… ERZÄHLERIN Vor allem aber dem sogenannten Kosmiker-Kreis um Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und Alfred Schuler…, SPRECHER …die die Reventlow wegen ihrer erotischen Freizügigkeit und ihres unehelichen Kindes zur „heidnischen Madonna“ und „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ stilisieren. Fanny gelang es im Gegenzug, Klages zu überreden, die Vormundschaft für Rolf zu übernehmen, da das Gesetz einen gesetzlichen Vormund verlangte. ERZÄHLERIN Der Vorname „Fanny“ ist in Bayern die gängige Abkürzung für Franziska. Was dazu führt, dass Rilke und Klages Fanny in Briefen zur „Francisca“ veredeln. ZITATORIN (heiter) Die kleine Fanny aus Husum und die große Franziska in München. ERZÄHLERIN Ihre Erlebnisse in der Münchner Künstlerszene destilliert Franziska in ihrem humoristischen Schlüsselroman „Herrn Dames Aufzeichnungen“, der in „Wahnmoching“ spielt. O-Ton 6 Egbringhoff (12:56) Dieser Roman ist 1913 erschienen. Er erzählt aber von Ereignissen, die so um 1903, 1904 geschehen sind. Und der Titel Wahnmoching - man assoziiert vielleicht Wahnfried, das wäre aber zu wagnerisch gewesen - und Moching, das ist natürlich den Münchnern und Münchnerinnen eher bekannt als den Norddeutschen. Dass es eben Ortschaften gibt wie Feldmoching und so weiter. Und es heißt, so hat Rolf Reventlow, ihr Sohn, es später erzählt, dass er auf diese Kombination gekommen sei. Wahnmoching als Bezeichnung für diesen Stadtteil Schwabing. In Schwabing, in Wahnmoching spielt diese Geschichte von „Herrn Dames Aufzeichnungen“. Einfacher Plot: Ein junger Mann unbedarft, kommt nach Wahnmoching, um fürs Leben zu lernen, und staunt dann sehr ausführlich und mit großen Augen, was da so geschieht, denn er kommt dieser junge Mann, Herr Dame, in den Kreis, in dem sich auch Franziska zu Reventlow bewegt hat: in den Kreis der Kosmiker und in den Kreis, wo auch Stefan George sich zeitweilig aufhielt. SPRECHER Stefan George, der sich „Meister“ nennen lässt. Als Lyriker war George zunächst vor allem dem Symbolismus verpflichtet, und predigte „kunst für die kunst“, geriert sich aber immer mehr zum Mittelpunkt des nach ihm benannten George-Kreises. ERZÄHLERIN Der Kosmiker-Kreis, in dem zeitweise auch der Meister Stefan George auftaucht, ist eine parareligiöse Intellektuellengruppe. O-Ton 7 Egbringhoff (16:04) Die Kosmiker waren Männer in erster Linie, die ich würde sagen, sehr reaktionäre Vorstellungen hatten. Die haben sich auf ein wichtiges Buch bezogen, „Das Mutterrecht“ von Herrn Bachofen, wo es heißt, vor den patriarchalen Zeiten habe das Mutterrecht regiert. Also, es habe ein Matriarchat gegeben. ERZÄHLERIN Avantgarde, Größenwahn, Hedonismus, ekstatische Rituale, Zionismus, Antisemitismus, Nietzsche-Epigonen, Homoerotik und alle möglichen und unmöglichen „Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“ schildert Franziska zu Reventlow in einer Satire über Aberglauben, Magie und freie Liebe. O-Ton 8 Egbringhoff (17:55) Es gab ein wichtiges Fest im Februar 1903, an dem auch Stefan George teilgenommen hat. Und es kann man sich so vorstellen, dass die alle verkleidet werden. Alfred Schuler, der hatte sich sowieso als Römer immer imaginiert, lief dort in Verkleidung eines alten Römers daher. Die hatten lange Gewänder an und haben das Dionysische gefeiert. Und Reventlow mittenmang einfach, weil sie Lust zum Feiern hatte, und hatte Spaß auch an der Verkleidung und so weiter. Sie hat das natürlich gar nicht so ernst genommen wie die Herren, die auch wirklich daran geglaubt haben, dass sie das Heidnische wieder zum Leben erwecken können. Völlig abstrus. Naja. Und davon erzählt der Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“. ERZÄHLERIN Der Schlüsselroman der Schwabinger Bohéme. Am Ende herrscht Katerstimmung, der kollektive Rausch ist vorbei, alle sind erschöpft und die Mitglieder des Kreises völlig zerstritten. O-Ton 9 Egbringhoff (20:33) Da hat die Franziska zu Reventlow in diesem Roman mit einer großen Gabe an Ironie und Humor - heute würde man vielleicht auch von verschwörungstheoretischen Vorstellungen sprechen - sehr schön aufs Korn genommen. Das war ihr aber dann eben erst möglich zehn Jahre später. MUSIK privat Track 014 „Das Gedicht“; Album: Oktoberfest 1900; Label: 2Lane Records; Interpret: Michael Klaukien; Komponist: Michael Klaukien; ZEIT: 00:24 ERZÄHLERIN Franziska feiert zahllose Feste… SPRECHER …und liebt unzählige Männer. ZITATORIN Ich habe nie das Verlange gehabt, einen Menschen ganz zu „besitzen“ oder ihn über Gebühr festzuhalten. Dazu ist das Leben zu kurz. Und wer mich festhalten wollte – es kam hier und da vor – ist niemals zufrieden mit dem Erfolg gewesen. MUSIK ENDE O-Ton 10 Egbringhoff (22:33) Die Kehrseite, die ist lange nicht - zumindest bei den Zeitgenossen nicht immer wahrgenommen worden - dass diese Kompromisslosigkeit, die sie in ihrem Leben hatte, auch dazu führte, dass sie mental auch immer auf eine andere Schiene gekommen ist. Sie war zwischendurch immer wieder sehr krank, also Krankheit bestimmte auch ihr Leben. Und sie hatte da vielleicht auch bedingt durch die Krankheiten, auch immer wieder sehr schwere depressive Phasen gehabt, in denen sie, ja eben nicht fröhlich gefeiert hat, sondern sehr lethargisch war und unter den Belastungen sehr gelitten hat. Denn sie hatte wirklich viele Gläubiger, hatte immer finanzielle Probleme. Sie hat das gemacht, was man eigentlich auch kurios findet. Wenn sie denn mal Geld hatte, hat sie dann gerne mal ein bisschen Geld in der Wohnung versteckt, damit sie, wenn sie in Notzeiten ist, in ihrer eigenen Wohnung suchen kann und vielleicht doch noch ein paar Groschen finden kann. ERZÄHLERIN Ihr widerständiges Leben, das alle herrschenden gesellschaftlichen Regeln und Zwänge ihrer Zeit sprengt, ihr unbändiges Streben nach Freiheit, hat dazu geführt, dass man sie später zu einer Ikone der Frauenemanzipation stilisierte. SPRECHER Doch eine Kämpferin für Frauenrechte, eine Feministin, war sie nicht. ERZÄHLERIN Franziska zu Reventlow ist zwar mit Frauenrechtlerinnen wie der Autorin Helene Böhlau oder der Juristin Anita Augspurg befreundet. Doch eine gleichberechtigte Berufstätigkeit der Frau interessiert sie nicht. ZITATORIN Wir sind dazu da, es gut zu haben und uns nicht beklagen zu müssen. O-Ton 11 Egbringhoff (10:53) Das ist wiederum zu lesen vor dem Hintergrund, dass sie selber immer wieder in die Bredouille kam, ihren Lebensunterhalt irgendwie finanziert zu bekommen, was sehr schwierig war. Und deswegen ist ein bisschen verständlich, dass sie dann eher sagt: Nein, wir Frauen sollen nicht die gleichen Rechte haben, dann müssen wir ja arbeiten. Nein, das findet sie ganz und gar nicht. ERZÄHLERIN Doch Franziska fordert: MUSIK Z8042026 113 „Goldstein“; ZEIT: 00:46 ZITATORIN Volle geschlechtliche Freiheit, das ist freie Verfügung über seinen Körper, die uns das Hetärentum wiederbringt. SPRECHER Fanny kritisiert an der Frauenbewegung die Vermännlichung der Frau und die Feindschaft gegenüber jeglicher erotischer Kultur. ERZÄHLERIN Und denkt zugleich Erotik und Mutterschaft außerhalb der Gesellschaftsform Ehe. ZITATORIN Die Hetären des Altertums waren freie, hochgebildete und geachtete Frauen, denen es niemand übel nahm, wenn sie ihre Liebe und ihren Körper verschenkten, an wen sie wollten und so oft sie wollten und die gleichzeitig am geistigen Leben der Männer teilnahmen. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN 1910 mit 39 Jahren verlässt Franziska zu Reventlow München und geht mit ihrem Sohn nach Ascona am Lago Maggiore. SPRECHER Die Künstlerkolonie am Monte Verità. O-Ton 12 Egbringhoff (25:25) Der Monte Verità, man könnte ja auch fast sagen, dass es das Schwabing von Schwabing gewesen ist. Also eine Ansammlung von Menschen, die nach alternativen Lebensformen gesucht haben. Also Vegetarier fanden sich dort ein, nacktbadende Menschen, die ja auch wiederum letztendlich ein freies Leben führen wollten. Aber Franziska zu Reventlow ist eigentlich weniger aufgrund dieser anderen alternativen Lebensformen nach Ascona gereist. SPRECHER Sondern weil sie einen Tipp bekommen hat. Erich Mühsam empfahl seiner Freundin Fanny die Bekanntschaft mit dem baltischen Baron Alexander von Rechenburg-Linten, der in Ascona lebt. Dem droht die Enterbung durch den alten Vater, der von seinem Sohn einen angemessenen Lebenswandel erwartet. ERZÄHLERIN Heißt: Eine Ehefrau von edlem Geblüt. Franziska schließt 1911 eine Scheinehe. Und hat endlich ausgesorgt. SPRECHER Bis sie ihr Vermögen durch einen Bankenkrach 1914 wieder verliert. O-Ton 13 Egbringhoff (31:07) Und diese Geschichte nimmt sie auch auf, in einem ihrer anderen, sehr schönen Romane, der mir sehr gut gefällt: Der Geldkomplex. Da erzählt sie ihre eigenen Erfahrungen und kombiniert das mit den Theorien Sigmund Freuds über die Psychoanalyse. Denn die Protagonistinnen gehen in ein Sanatorium, auch aus Geldnot hat sie die Möglichkeit, dort einen Platz zu erhalten. Und sie sagt dann naja, also in der Psychoanalyse heißt es ja das alles Leid, nur durch die Verdrängung des Erotischen erfolge. ZITATORIN Dass ich in der Verdrängung der „Erotik“ Erhebliches geleistet habe, kann ich nun wirklich beim besten Willen nicht behaupten. ERZÄHLERIN Als ihr geliebter Sohn Rolf 1914 in den Ersten Weltkrieg eingezogen wird, kann Franziska nicht tatenlos zusehen. Mit ihrer kosmopolitischen Einstellung hat sie keinerlei Verständnis für die taumelnde nationalistische Kriegsbegeisterung. Sie verhilft Rolf zur Flucht über den Bodensee in die Schweiz - diese Fluchthilfe geht durch alle europäischen Zeitungen. SPRECHER Der Neffe des bekannten alldeutschen Kriegshetzers Graf Ernst Reventlow desertierte in abenteuerlicher Weise aus der Armee. ERZÄHLERIN Titelt zum Beispiel die „Westschweizer Presse“. In Deutschland braucht sich Franziska bis auf Weiteres nicht mehr blicken lassen. ZITATORIN (in stillen Triumph) Ich hatte dem Kaiser meinen Sohn weggenommen. MUSIK privat Track 014 „Das Gedicht“; Album: Oktoberfest 1900; Label: 2Lane Records; Interpret: Michael Klaukien; Komponist: Michael Klaukien; ZEIT: 00:44 SPRECHER Im Juni 1918 stürzt Fanny zu Reventlow mit dem Fahrrad. Während einer Notoperation stirbt sie im Alter von nur 47 Jahren an Herzversagen. ERZÄHLERIN Ihr damals als so unerhört abgestempeltes Leben, scheint heute wegweisend: als das einer Vorreiterin eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins. ZITATORIN Ich kann nicht brechen das ist eben das Schlimme. Ich zerbreche nie, bin der prädestinierte Phönix.
- Was Säugetiere so erfolgreich macht - Alles Natur
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Von den afrikanischen Savannen über die Wüsten Asiens bis zu den Meeren der Antarktis haben Säugetiere die verschiedensten Lebensräume erobert. Aber wie konnten sie sich so erfolgreich ausbreiten? Und was verrät das Leben unserer nächsten Verwandten im Tierreich über unseren eigenen Ursprung? Autorin: Alexandra Hostert (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Alexandra Hostert Regie: Martin Trauner Es sprachen: Stefan Wilkening, Ditte Ferrigan, Peter Weiß Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Interviewpartner/innen: Zainal Zahari; Veterinär, Malaysia; Steve Brusatte; Paläontologe, Edinburgh; John Payne; Zoologe, Malaysia; Jan Decher, Säugetierkundler, Bonn Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Amphibien und Reptilien - Glatt, glitschig und genial vielseitig JETZT ANHÖREN Beuteltiere - Ein Sonderweg der Evolution JETZT ANHÖREN Fische - Die unterschätzten Lebewesen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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- Nie mehr Kopfrechnen? - Rechenschieber, Taschenrechner & Co.
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Abakus, Rechenschieber, Taschenrechner: Schon lange nutzt der Mensch Hilfsmittel, um nicht alles im Kopf ausrechnen zu müssen. Solche Rechenhelfer hatte man früher aber nicht immer dabei. Heute greifen wir selbst für simple Aufgaben zur Smartphone-App. Wie wirkt sich das auf unsere Fähigkeiten aus? Von David Globig. 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Einen Stift dürfen sie nur benutzen, um die Ergebnisse aufzuschreiben – keine Zwischenschritte. Die Aufgaben sind anspruchsvoll: Ziehe die Kubikwurzel aus einer zwölfstelligen Zahl. Oder zerlege eine neunstellige Zahl in ihre Primfaktoren. Rechne aus, in welchen Monaten des Jahres 2078 der 18. auf einen Montag fällt. Natürlich braucht man so etwas nicht im Alltag. Doch auf nicht ganz so hohem Niveau ist Kopfrechnen auch im täglichen Leben nützlich, betont Daniel Timms [englische Aussprache]. 02 ZUSP Timms: "For most people the most practical thing... Voiceover: Für die meisten Menschen ist das Praktischste daran, dass sie etwa ihre Zeitplanung im Kopf machen können. Oder dass sie die Größenordnung von Zahlen verstehen. Wissen Sie zum Beispiel, was 1 Million geteilt durch vier ist? Viele Menschen wissen vielleicht noch, dass bei der Antwort 25 eine Rolle spielt. Aber ist die Antwort 25.000? Nein, es sind 250.000. Und das ist keine schwierige Kopfrechnung, aber viele Menschen haben schon lange nicht mehr auf diese Weise über Zahlen nachgedacht und finden etwa Berechnungen mit Geldbeträgen sehr schwierig. Das ist für mich einer der unterschätzten Aspekte des Kopfrechnens, die jeden betreffen - egal, ob man glaubt, gut in Mathematik zu sein oder nicht. ...think you are good at mathematics or not." SPRECHER: Matheaufgaben in den vier Grundrechenarten im Kopf zu lösen - eine Zahl plus eine andere Zahl, minus, mal oder geteilt durch: Das lernen bei uns alle Schülerinnen und Schüler schon in der Grundschule. Das Einmaleins z.B.: Irgendwann hat man dann die Lösung für 6 mal 7 einfach parat – und vielleicht sogar für 16 mal 17: ... 272. Das ist dann schon das große Einmaleins. Was beim Rechnen im Kopf passiert, das kann selbst bei einfachen Aufgaben ziemlich komplex sein: Die unterschiedlichsten Regionen des Gehirns sind daran beteiligt, erklärt Dr. Christina Artemenko. Sie arbeitet am Fachbereich Psychologie der Universität Tübingen und erforscht unter anderem, wie der Mensch Zahlen verarbeitet und wie er mit ihnen rechnet. 03 ZUSP Artemenko: "Beispielsweise in der Multiplikation lernen Kinder schon in der zweiten und dritten Klasse die Multiplikations-Fakten quasi auswendig: 3 mal 5 ist 15. Das sind Fakten, die bei uns im Gehirn abgespeichert sind und dann immer wieder abgerufen werden." SPRECHER: Mit bildgebenden Verfahren lässt sich zeigen: Die Bereiche, in denen solche bekannten Informationen abgespeichert sind, liegen im Gehirn an einer anderen Stelle, als die Areale, die man benötigt, um tatsächlich etwas spontan auszurechnen. 04 ZUSP Artemenko: "Wenn ich jetzt beispielsweise eine Aufgabe stelle wie 96 minus 25, da muss man Schritt für Schritt rechnen. Man muss die Zahlen in Zehner und Einer zerlegen, und da sind viele Rechenschritte nötig. Das sind Aufgaben, die ganz anders im Gehirn repräsentiert sind. Dafür brauchen wir Ressourcen im frontalen Kortex, also vorn im Gehirn, die so die Rechenschritte und Arbeitsgedächtnis-Prozesse und sowas wiedergeben." STIMME OBEN – BITTE ABNEHMEN! SPRECHER: ... wobei die im Langzeitgedächtnis abgespeicherten Fakten - wie das kleine Einmaleins - auch das sogenannte Arbeitsgedächtnis unterstützen. Es kommt ins Spiel, wenn Aufgaben den auswendig gelernten Zahlenbereich verlassen, ergänzt Hans-Christoph Nürk. Er ist Professor für Diagnostik und kognitive Neuropsychologie an der Universität Tübingen. 05 ZUSP Nürk: "Wir wissen, dass beim komplexen Rechnen, also wenn ich Ihnen jetzt die Rechenaufgabe gebe 17 mal 29, es Ihnen natürlich schon hilft, also, wenn Sie es im Kopf rechnen müssen, wenn Sie die einfachen Multiplikationszahlen parat haben. Weil wir wissen, dass bei komplexen Aufgaben das Arbeitsgedächtnis sehr belastet ist. Und wenn Sie das Arbeitsgedächtnis entlasten können, weil Sie bestimmte Fakten, einfache Fakten, kleines Einmaleins, einfach abrufen können, dann können Sie natürlich besser rechnen." SPRECHER: Zahlen merken wir uns einerseits als Wörter, wir können sie aber auch vor unserem inneren Auge sehen. Etwa tatsächlich als Ziffern. Manche von uns sehen Zahlen sogar wie auf einer Art Zahlenstrahl: kleinere Zahlen weiter links, größere weiter rechts. Oder die Zahlen sind auf eine bestimmte Weise im Raum verteilt. MUSIK SPRECHER: Klar ist: Kopfrechnen beherrscht man nicht einfach so – aber viele Experten halten es für wichtig, dass man es kann. 06 ZUSP Mittring: "Wenn Sie eine gute Kopfrechnen-Grundkompetenz haben, dann haben sie erst einmal viele Vorteile für den Alltag, dass Sie praktisch ihren Alltag geschickter auch einteilen können. Dass Sie ungefähr eine Vorstellung haben, wie lange dauert was. Sie würden auch im Supermarkt nicht zu viel bezahlen. SPRECHER: Weil man beim Einpacken in den Einkaufswagen im Kopf grob mitrechnen kann, meint Dr. Gert Mittring. Er ist Psychologe - und hat selbst mehrfach Weltrekorde im Kopfrechnen aufgestellt. In einer Zeit, in der Zahlen eine so große Rolle in unserem Leben spielen, hält er die Fähigkeit für notwendig, z.B. einen Geldbetrag im Kopf zu überschlagen und Größenordnungen abzuschätzen. Ähnlich sieht es Stefan Ufer. Er ist Professor für Didaktik der Mathematik und Informatik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für ihn ist außerdem entscheidend: Kopfrechnen schafft eine Grundlage, auf der weitere mathematische Fähigkeiten aufbauen können. Etwa dadurch, dass man beim Kopfrechnen mathematische Strukturen nutzt. 07 ZUSP Ufer: "Also wir rechnen 7 mal 8 in der zweiten Klasse. Da lernen die Kinder irgendwelche Kernaufgaben, die werden relativ schnell automatisiert, z.B. die Vielfachen von 2 und von 5. Also können sie rechnen: 7 mal 8 ist 2 mal 8 plus 5 mal 8. Das ist eine typische Strategie. Da hängt eine gewisse Struktur dahinter. Später lernen die Kinder: Ach, das ist eine ganz allgemeine Struktur, das heißt Distributivgesetz. Später wird gelernt: Ach, das heißt eigentlich auch Ausklammern. Das kann ich ganz allgemein nicht nur mit Zahlen, auch mit Termen machen. Später sieht es dann plötzlich aus wie die binomischen Formeln. Und wir sehen, diese Strukturen, die helfen uns, neue Konzepte zu erwerben." SPRECHER: Kopfrechnen fördert also das Verständnis für mathematische Strukturen. Und das kann es wiederum erleichtern, ganz anders an Rechenaufgaben heranzugehen. ((Wenn man z.B. 603 minus 598 rechnen will, ist das natürlich schrittweise möglich: 603 minus 8 ist 595, 595 minus 90 ist 505 und 505 minus 500 ist 5. 08 ZUSP Ufer: "Ich kann aber auch anders draufschauen, mit einem Verständnis über Strukturen und sagen: Na ja, 603 minus 598 kann ich mich doch auch fragen, wie weit ist es von der 598 bis 603? Ja, 2 bis zu 600. Noch 3 weitere sind 5. Geht natürlich viel leichter, und auch hier habe ich wieder eine Struktur genutzt: Die Addition hat was mit der Subtraktion zu tun. Und je häufiger ich diese Struktur nutze, umso besser kann ich sie natürlich auch in anderen Kontexten anwenden. Das ist eine Funktion von Kopfrechnen in der Schule, die vielleicht oft unterschätzt wird, die aber extrem wichtig ist für den weiteren Verständnis-Aufbau.")) SPRECHER: Und es kommt noch etwas hinzu: Kopfrechen-Fertigkeiten entwickeln sich nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit anderen Fähigkeiten. Hier gibt es Wechselwirkungen, die Christina Artemenko von der Universität Tübingen beschreibt. Zum Beispiel hat man mit einem guten Arbeitsgedächtnis Vorteile beim Kopfrechnen. Und kann damit wiederum sein Gedächtnis trainieren. 09 ZUSP Artemenko: "Je mehr man im Kopf rechnet, desto mehr lernt man ja auch, sich Sachen zu merken und so weiter, was Auswirkungen auf das Arbeitsgedächtnis haben sollte. Also, wenn das eine besser wird, wird auch das andere besser und umgekehrt. Also, diese Fähigkeiten hängen sehr stark zusammen." MUSIK, darüber: SPRECHER: Die Fähigkeit, im Kopf zu rechnen, kann uns den Alltag erleichtern; sie erlaubt es uns, ganz grundsätzliche mathematische Zusammenhänge zu begreifen; und wir trainieren durch Kopfrechnen unser Gedächtnis. Allerdings scheint es so, dass manche Menschen von diesem Training nicht viel halten: Sie nutzen ihr Smartphone, wenn sie mit Zahlen umgehen müssen. Dass es heute nicht mehr unbedingt normal ist, etwas kurzerhand im Kopf auszurechen, vielleicht sogar schon unbewusst mitzurechnen, wenn man Zahlen hört, diese Erfahrung hat auch Kopfrechen-Trainer Daniel Timms [englische Aussprache] gemacht. 10 ZUSP Timms: "I was in Mexico recently and I saw... Voiceover: Ich habe kürzlich in Mexiko gesehen, wie Leute sehr einfache Berechnungen in ihren Taschenrechner getippt haben. Dinge wie 40 plus 45, weil sie das in ihrem Kopf nicht schaffen konnten. Klar, wenn ich etwas sehr Schwieriges präzise und schnell berechnen muss, dann benutze ich auch einen Taschenrechner, weil ich die korrekte Antwort haben will. Aber bei Menschen, die nicht so viel Vertrauen in ihr Kopfrechnen haben, ist es so, dass sie selbst bei einfacheren Aufgaben mit einem Taschenrechner nachrechnen. Nur: Wenn sie ohnehin alles mit dem Taschenrechner nachprüfen, dann sehen sie keinen Sinn im Kopfrechnen - also lassen sie es ganz sein. ...so they just don't ever do mental maths." SPRECHER: Und das, glaubt Timms, passiere überall auf der Welt. Wissenschaftlich lässt es sich allerdings gar nicht so einfach belegen, ob die Fähigkeit zum Kopfrechnen zurückgeht oder nicht. Und noch schwieriger wird es bei der Frage, welchen Einfluss dabei möglicherweise Rechenhilfen wie das Smartphone haben. Zitatorin: These 1: GERÄUSCHEFFEKT Zitatorin: Frühere Generationen konnten tatsächlich besser kopfrechnen als heutige. SPRECHER: Unter anderem das erforscht Christina Artemenko. Sie lässt etwa Probandinnen und Probanden unterschiedlicher Altersgruppen im Kopf mit mehrstelligen Zahlen rechnen. 11 ZUSP Artemenko: "Das Interessante ist daran, dass sich selbst diese Rechenfähigkeiten bei Erwachsenen weiterentwickeln. Es verändert sich, wenn man sich anschaut, was beim Altern so passiert. Und da scheint das Rechnen eine große Ausnahme zu sein. Denn normalerweise ist es so, dass die kognitiven Fähigkeiten eher abgebaut werden im Alter. Man kann sich Sachen nicht mehr so gut merken usw. Nichtsdestotrotz: Diese Rechenprozesse scheinen auch ältere Erwachsene noch sehr gut hinzubekommen, sogar viel besser als jüngere Erwachsene." SPRECHER: Die spannende Frage ist nun: Liegt das daran, dass die ältere Generation der jüngeren einfach jahrelange Übung voraushat? Entwickeln jüngere Erwachsene diese Rechenfähigkeiten also im Laufe der Zeit noch? Oder liegt es daran, dass sie heute schneller zum Rechenhilfsmittel Smartphone greifen, und deshalb das Kopfrechnen schon im vergleichsweise jungen Alter wieder verlernen? Ein Problem ist dabei: Die entsprechenden Studien sind sogenannte Querschnittstudien, also jeweils einmalige Untersuchungen. Mit denen lässt sich der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung hier aber nicht eindeutig klären, betont Hans-Christoph Nürk. 12 ZUSP Nürk: "Um das kausal zu machen, bräuchte man eigentlich längsschnittliche Studien, also müsste die Leute ihr ganzes Leben lang beobachten und immer wieder ins Labor einbestellen und dann sich die Entwicklung angucken." STIMME LEICHT OBEN – BITTE ABNEHMEN! SPRECHER: ... Und um zu einem ganz eindeutigen Ergebnis zu kommen, was den Einfluss von ständig greifbaren Smartphones als Rechenhilfe angeht, müsste man dann auch noch dafür sorgen, dass die Hälfte der Testpersonen ohne diese Unterstützung aufwächst - ein Ding der Unmöglichkeit. Da man sich nicht schon vor vielen Jahren mit der Kopfrechen-Kompetenz der heute älteren Menschen beschäftigt hat, fehlen außerdem auch andere entscheidende Informationen. 13 ZUSP Nürk: "Weil es natürlich auch immer sein kann, dass es sogenannte Kohorten-Effekte gibt, sprich, dass die Probanden, die jetzt älter sind, vielleicht in der Schule schon als Kinder noch viel besser rechnen gelernt haben wie die heutigen Kinder." Zitatorin: These 2 ist also: GERÄUSCHEFFEKT Zitatorin: Früher wurde während der Schulzeit mehr Wert aufs Kopfrechnen gelegt als heute. SPRECHER: In diesem Fall wären Lehrpläne und Unterricht entscheidende Faktoren. Tatsächlich vermutet Christina Artemenko etwas Derartiges. Beispiel: Das Einmaleins. 14 ZUSP Artemenko: "Das ist etwas, was, glaube ich, in den höheren Generationen damals im Bildungssystem noch viel mehr forciert wurde. Und das sieht man auch heutzutage an den Effekten, dass sie bei diesem Faktenabruf tatsächlich noch viel besser sind als die heutigen Erwachsenen." SPRECHER: In der Schule das Einmaleins als Rechengrundlage auswendig zu lernen: Das scheint ein wesentlicher Punkt zu sein. Zitatorin: Somit lautet These 3: GERÄUSCHEFFEKT Zitatorin: Es ist gar nicht so entscheidend, ob wir später auch mal das Smartphone zum Rechnen benutzen oder nicht. SPRECHER: Man macht es sich jedenfalls zu einfach, wenn man ihm die Alleinschuld gibt, meint Stefan Ufer vom Mathematischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zumal "Rechenhelfer" immer schon unter Verdacht geraten sind, dem Kopfrechnen abträglich zu sein. 15 ZUSP Ufer: "Man hat diese Diskussion schon sehr lange. Also, es gab die Diskussion jetzt mit dem Smartphone. Es gab die Diskussion vorher mit Computeralgebra-Systemen, die eigentlich alle Aufgaben, die man in der Schule macht, alle Aufgabentypen automatisch lösen können. Also, da muss man eigentlich auch nicht mehr viel tun. Es gab die Diskussion schon beim Taschenrechner. Es gab wahrscheinlich die gleichen Diskussionen, ob man schriftliche Rechenverfahren behandeln soll. Immer dann, wenn man Methoden hat, mit denen man die Mathematik 'trivialisieren' kann, ja, dann kommt man in diese Diskussion." SPRECHER: Weil es jedes Mal die Befürchtung gibt: So ein Hilfsmittel könnte dafür sorgen, dass man nicht mehr über die mathematischen Zusammenhänge hinter einem Rechenvorgang nachdenkt. Und folglich seien neue Rechengeräte oder entsprechende Programme automatisch schädlich für die Kompetenz im Kopfrechnen. Ganz so simpel ist es nicht. Smartphones und Tabletcomputer lassen sich beispielsweise auch nutzen, um mathematische Zusammenhänge spielerisch zu vermitteln, etwa mit Hilfe von Lernsoftware. Und schon vor einigen Jahrhunderten wurde ein Rechenhelfer eingeführt, der es offenbar sogar einfacher macht, komplexe Aufgaben im Kopf zu lösen: der Abakus bzw. sein asiatisches Pendant, in Japan Soroban genannt. GERÄUSCH Abakus-Kugeln klacken, darüber: SPRECHER: Ein Soroban besteht aus einem Rahmen mit mehreren parallel angeordneten Stangen. Auf jeder dieser Stangen sitzen fünf oder mehr Kugeln bzw. Perlen, die auf und ab gleiten können. Jede Ziffer einer Zahl entspricht einer bestimmten Stellung der Kugeln auf einer Stange. Zum Rechnen verschiebt man nun diese Kugeln. Menschen, die gelernt haben, mit dem Soroban zu rechnen, sehen beim Kopfrechnen Zahlen anders vor sich, als Menschen, die mit arabischen Ziffern rechnen, erläutert Kopfrechen-Trainer Daniel Timms [englische Aussprache]. 16 ZUSP Timms: "If you think of the number 65... Voiceover: Bei der Zahl 65 sehe ich eine Sechs und eine Fünf in arabischen Ziffern. Aber Menschen, die mit dem Soroban rechnen, sehen die Zahl auch beim Kopfrechnen als eine bestimmte Anordnung von Perlen. Ein Vorteil ist, dass sie leichter mit den Zahlen umgehen können, ohne in Versuchung zu geraten, sie sich selbst zu sagen. Die Leute lernen, damit sehr, sehr schnell zu rechnen. ...to do this very, very quickly." SPRECHER: Was dann auch beim Kopfrechnen funktioniert. Und sie haben offenbar noch einen weiteren Vorteil dadurch, dass sie den Soroban nutzen: Mit den Rechenvorgängen sind Fingerbewegungen verknüpft, erklärt Christina Artemenko. Dass so etwas beim Rechnen hilft, weiß man nicht zuletzt aus Studien mit Kindern, die beim Zählen ihre Finger benutzen dürfen. 17 ZUSP Artemenko: "Wenn man dazu dann ins Gehirn schaut, dann kann man tatsächlich entdecken, dass dadurch verschiedene Repräsentationen von Zahlen aufgebaut werden. Beispielsweise wenn man die Finger benutzt, dann trainiert man eben nicht nur das Areal, was für die Zahlen verantwortlich ist, sondern eben auch sensomotorische Areale, die halt für die Fingerbewegungen verantwortlich sind." MUSIK SPRECHER: Zwei Dinge lassen sich zumindest sagen: Rechenhilfsmittel sind nicht grundsätzlich schlecht für die Kopfrechen-Kompetenz. Und: Selbst, wenn einem Taschenrechner und Smartphone später sämtliche Rechenarbeit abnehmen könnten, bleibt es wichtig, die fürs Kopfrechnen notwendigen Grundlagen zu vermitteln. Damit Schülerinnen und Schüler z.B. mathematische Strukturen verstehen können. MUSIK SPRECHER: Die Erfahrung zeigt aber: Im Alltag wird immer seltener "einfach mal so" etwas im Kopf ausgerechnet. Ob das tatsächlich daran liegt, dass man heute jederzeit zum Smartphone mit integriertem Taschenrechner greifen kann - das bleibt unklar. Letztlich spielt es aber auch keine entscheidende Rolle. Das Smartphone wird nicht wieder verschwinden. Um Kopfrechen-Kompetenz zu erhalten, muss man woanders ansetzen.Zum einen natürlich beim Unterricht. Der darf sich nicht auf reines Auswendiglernen beschränken. Er sollte die Kinder motivieren, ihre Fähigkeiten anzuwenden, meint Stefan Ufer. Nicht zuletzt, indem man sie verschiedene Kopfrechen-Strategien ausprobieren lässt. Strategien, die unterschiedlich fehleranfällig sind - und unterschiedlich schnell zum Ergebnis führen. Nur frustrieren sollt man die Kinder dabei nicht. 18 ZUSP Ufer: "Da steckt natürlich viel auch dahinter, wieviel traue ich mir zu? Wieviel Erfolgserfahrungen habe ich gemacht? Wie gut glaube ich, dass ich das kann? Und da kann der Unterricht natürlich auch Schülerinnen und Schülern ein bisschen mehr Sicherheit mitgeben, indem er eben auch Erfolgserlebnisse – gerade bei so einer flexiblen Strategienutzung – vermittelt, in dem Rahmen, wie die Kinder das halt jeweils individuell schaffen können." SPRECHER: Doch wahrscheinlich reicht es nicht, nur mehr Selbstvertrauen beim Kopfrechnen zu vermitteln, sondern, man muss auch Lust darauf machen. Womit wir wieder beim Wettbewerb in Bielefeld wären...: 19 ZUSP Atmo Timms, darüber: SPRECHER: ... und bei Trainer Daniel Timms [englische Aussprache], der umringt ist von jungen Menschen aus aller Welt, die sich in seinem Workshop auf die Aufgaben bei der Junioren-Kopfrechen-Weltmeisterschaft vorbereiten. Atmo Timms kurz hoch, darüber: SPRECHER: Solche Wettbewerbe sollen für Zahlen-Knobeleien begeistern, sollen Menschen zum Kopfrechnen ermutigen – möglichst auch im Alltag, erklärt Caroline Merkel. Sie ist die Organisatorin der Weltmeisterschaft. 20 ZUSP Merkel: "Hier geht es ja eher darum, auch wieder Kopfrechnen als Kulturgut sozusagen an Leute heranzubringen. Schülerinnen und Schüler, die sich hier bewerben, aus Deutschland oder eben auch aus anderen Ländern, bekommen ja hier nicht nur den Wettbewerb, an dem sie sich messen, sondern sie haben auch zwei Tage Workshops, in denen sie ihr Wissen, ihr Interesse aufbauen können. Ich habe schon die Hoffnung, dass wir hier wirklich noch mal viele junge Menschen begeistern können, sich mit Zahlen, mit dem Gefühl für Zahlen auch auseinanderzusetzen." SPRECHER: Das gleiche sollen Meisterschaften auf regionaler Ebene leisten. Über die ist – angeregt durch seine Mathelehrerin – auch Niklas Arndt aus Marl zur Junioren-Kopfrechen-WM gekommen. Er profitiert inzwischen jenseits solcher Wettbewerbe ebenfalls davon, immer mehr im Kopf rechnen zu können. 21 ZUSP Arndt: "Ich kann viel besser mittlerweile Zahlen schätzen. Zum Beispiel, wenn ich eine Aufgabe sehe, weiß ich, in welchem Bereich renkt sich das irgendwie ein. Das kommt alles mit der Übung. Ich finde, das hat auch irgendwas, wenn wir jetzt im Matheunterricht eine Aufgabe haben, alle holen ihren Taschenrechner raus, und ich habe es halt schon im Kopf ausgerechnet." MUSIK (bereits unter dem letzten Satz langsam eingeblendet), darüber: SPRECHER: Was Niklas Arndt dank seines Trainings kann, übersteigt bei weitem das, was die meisten von uns beim Kopfrechnen hinbekommen. Doch ganz egal, auf welchem Niveau man es beherrscht: Man muss diese Fähigkeit pflegen, sie immer wieder nutzen. Das betont auch ein anderer Workshop-Leiter bei der Junioren-Weltmeisterschaft: Willem Bouman [Baumann]. Sein Spitzname: "König der Primzahlen". 22 ZUSP Bouman: "Sie müssen trainieren. Denn: 'If you don't use it, you loose it'. Wenn man aufhört mit Rechnen, dann geht auch die Fähigkeit stark herunter. Also man soll, auf Deutsch gesagt, immer am Ball bleiben." SPRECHER: Und dafür ist Bouman [Baumann] das beste Beispiel: Mit über 80 nimmt er immer noch an der Kopfrechen-Weltmeisterschaft für Erwachsene teil. Und knobelt dann an dutzenden Aufgaben wie: Quadratwurzel aus 1147 mal 1517 mal 1271. Die Lösung ist übrigens 47027.