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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

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  1. Die Geschichte der Eisenbahn in Deutschland - Vom Adler zum ICE

    20.07.2024 · 22 Min.

    Neun Minuten dauert die Jungfernfahrt der Lokomotive "Adler". Sie läutet 1835 auf den frisch verlegten Schienen zwischen Nürnberg und Fürth das Eisenbahnzeitalter ein. Seitdem hat sich viel getan in der Geschichte der Eisenbahn... Von Inga Pflug (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Inga Pflug Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Beate Himmelstoß, Friedrich Schloffer Technik: Robin Auld Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Rainer Mertens (Dr.; DB Museum Nürnberg, Leiter Ausstellungen, stv.Direktor) Stefan Ebenfeld (DB Museum Nürnberg, Leiter Sammlungen) Martin Cichon (TH Nürnberg) Georg Simon Ohm (Leiter Institut für Fahrzeugtechnik) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Münchner U-Bahn - Wegbereiterin einer Weltstadt JETZT ANHÖREN Das Automobil - Die ersten 50 Jahre JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  2. Martha und Marie - Teil 3

    19.07.2024 · 23 Min.

    Die eine steigt als First Lady zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Von Susi Weichselbaumer Credits Autorin und Regie dieser Folge: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Irina Wanka, Katja Amberger Technik: Josef Angloher Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Catherine Allgor, Präsidentin der Massachusetts Historical Society, Boston Michaela Lindinger, Kuratorin Wien Museum, Autorin „Marie Antoinette. Zwischen Aufklärung und Fake News“ (2023) Linktipp: Alles Geschichte – History von radioWissen Wir beleuchten die Zusammenhänge zwischen gestern und heute und erzählen einfach gute Geschichten. Ein History-Podcast von radioWissen. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  3. Auslaufmodell Zuhören? - Ein philosophischer Exkurs

    18.07.2024 · 23 Min.

    Jeder will reden - am liebsten von sich selbst. Der tiefe Drang zu senden und die gleichzeitige Weigerung zu empfangen scheint eine Zeitgeist-Krankheit zu sein. Dabei ist Zuhören die Seele des Gesprächs. Von Karin Lamsfuß (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Gudrun Skupin, Andreas Dirscherl Technik: Gerhard Wicho Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Gerd Achenbach, Philosoph; Dr. Lars Leeten, Philosoph, Uni Hildesheim; Annelie Bracke, Dipl. Psychologin, Leiterin der Telefonseelsorge; Günter Menne, Coach Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

  4. Martha und Marie - Teil 2

    18.07.2024 · 23 Min.

    Die eine steigt als First Lady zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Von Susi Weichselbaumer Credits Autorin und Regie dieser Folge: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Irina Wanka, Katja Amberger Technik: Josef Angloher Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Catherine Allgor, Präsidentin der Massachusetts Historical Society, Boston Michaela Lindinger, Kuratorin Wien Museum, Autorin „Marie Antoinette. Zwischen Aufklärung und Fake News“ (2023) Linktipp: Alles Geschichte – History von radioWissen Wir beleuchten die Zusammenhänge zwischen gestern und heute und erzählen einfach gute Geschichten. Ein History-Podcast von radioWissen. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  5. Martha und Marie - Teil 1

    17.07.2024 · 23 Min.

    Die eine steigt als First Lady zur Ikone auf. Die andere wird als Königin geköpft. Martha Washington und Marie Antoinette sind Frauen an der Spitze von Staaten in revolutionären Zeiten. Getroffen haben sie sich nie, aber ähnliche Erfahrungen gemacht auf der Suche nach ihrer Rolle. Von Susi Weichselbaumer Credits Autorin und Regie dieser Folge: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Irina Wanka, Katja Amberger Technik: Josef Angloher Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Catherine Allgor, Präsidentin der Massachusetts Historical Society, Boston Michaela Lindinger, Kuratorin Wien Museum, Autorin „Marie Antoinette. Zwischen Aufklärung und Fake News“ (2023) Linktipp: Alles Geschichte – History von radioWissen Wir beleuchten die Zusammenhänge zwischen gestern und heute und erzählen einfach gute Geschichten. Ein History-Podcast von radioWissen. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  6. Ruth Westheimer - Die Dame, die über Sex spricht

    15.07.2024 · 23 Min.

    Dr. Ruth war die erste, die in den USA öffentlich über Sex sprach - und dadurch zum Superstar wurde. Nun ist sie 87 und redet noch immer über Sex. Oft ist das witzig und interessant. Manches wirkt plötzlich erstaunlich altmodisch. Von Nathalie Stüben (BR 2016) CREDITS Autorin: Nathalie Stüben Sprecher: Hemma Michel, Andreas Neumann, Caroline Ebner, Carsten Fabian, Berenike Beschle Regie: Sabine Kienhöfer Technik: Regine Elbers Redaktion: Nicole Ruchlak

  7. Artemisia Gentileschi - Malerin des Barock

    15.07.2024 · 23 Min.

    Die Barockmalerin Artemisia Gentileschi ist eine der emanzipiertesten Frauen der europäischen Kunstgeschichte. Als junge Malerin sagt sie gegen ihren Vergewaltiger aus. Was damals einer gesellschaftlichen Selbstvernichtung gleichkommt, hindert sie nicht am Weg nach ganz oben. Als sie stirbt, ist sie ein Star. Von Karin Becker (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Karin Becker Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka Technik: Roland Böhm Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Literaturtipps: Neuste Forschungspositionen: Treves, Letizia: Artemisia. Ausstellungskatalog. National Gallery Company: London 2020; Über die Selbstproträts: Oy-Marra, Elisabeth: Maskierung einer Malerin. Die Selbstporträts der Artemisia Gentileschi. In: Maske, Maskerade und die Kunst der Verstellung vom Barock bis zur Moderne, hrsg. von Christiane Kruse [Wolffenbütteler Arbeitskreis für Barockforschung, Bd. 52], Harrassowitz Verlag: Wiesbaden 2014, S. 151-172. Einzig greifbare deutsche Übersetzung der Briefe und Prozessdokumente im Anhang: Stolzenwald, Susanna: Artemisia Gentileschi. Bindung und Befreiung in Leben und Werk einer Malerin. Belser: Stuttgart, Zürich 1991; Ein Kapitel über das Leben und Werk von Artemisia Gentileschi: Stephan-Chlustin, Anne: Die verschwiegenen Frauen. Desertina: Chur 2013.

  8. Die Disco - Ein Ort zwischen Kultur und Kommerz

    15.07.2024 · 22 Min.

    Die Diskothek, zunächst nur ein Ort, an dem Schallplatten aufbewahrt wurden, hat sich vor allem in der Nachkriegszeit vom einfachen Tanzlokal zum Tempel der Clubkultur entwickelt. Sie ist sowohl ein Ort des Kommerz, aber auch ein Freiraum der für die Kultur unersetzlich ist. Von Christian Schaaf (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Christian Schaaf Regie: Martin Trauner Es sprachen: Andreas Neumann, Katja Amberger Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Christina Mohr, Musikjournalistin, Frankfurt. Hans Nieswandt, DJ, Musikproduzent, Autor und ehemaliger künstlerischer Leiter am Institut für Pop-Musik der Folkwang Universität Bochum. Noch mehr Interesse an Wissenschaft und Musik? Dann empfehlen wir: Kosmos Musik Fördert Klavierspielen die Intelligenz? Warum ist Singen gut fürs Immunsystem? Und wie klang der Urknall? Auf diese und andere spannende Fragen antwortet der neue Wissens-Podcast "Kosmos Musik" mit der Astrophysikerin und angehenden Astronautin Suzanna Randall: BR PODCAST I KOSMOS MUSIK - DER WISSENS-PODCAST MIT SUZANNA RANDALL Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN

  9. Tomate, Paradeiser, Pomodoro - Auf Siegeszug durch Europa

    15.07.2024 · 23 Min.

    Paradeiser, Pomo d´oro, oder einfach nur Tomate: viele Namen gibt es für der Deutschen liebste Frucht, aber noch viel mehr Sorten. 10.000 sollen es sein, mit so herrlichen Namen wie Black Zebra, Schneewittchen oder Schlesische Himbeere. Auf Siegeszug durch die ganze Welt! Von Johannes Marchl Credits Autor dieser Folge: Johannes Marchl Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Schild, Stefan Merki Technik: Stefan oberle Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Yurdagül Zopf, Ernährungsmedizinerin an der Uni Erlangen Dr. Ulrike Lohwasser, Leibnitz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung Irina Zacharias, Tomatenzüchterin Mario Gamba, Sterne-Koch Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Was bringt nachhaltige Ernährung? Alles Natur JETZT ENTDECKEN Sollte jeder Mensch anders essen? Genbasierte Ernährung, Low Carb & Co. JETZT ENTDECKEN Abgrenzung durch Essen - Wie soziales Bewusstsein unsere Ernährung bestimmt. JETZT ENTDECKEN Linktipp: Gemüse und Obst: Woher kommen die beliebtesten Kulturpflanzen? ARDalpha JETZT ENTDECKEN Literatur: Brunhild Bross-Burkhardt, „Tomate Kultur. Mythos. Gesundheit. Rezepte. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: „Du treulose Tomate“ OT 1 Geräusch zerplatzende Tomate Sprecher: Hast du denn Tomaten auf den Augen? OT 2 Hupen und zerplatzte Tomate Sprecherin: Ihr seid mir ja so faule Tomaten… OT 3 zerplatzende Tomate Sprecher: Gewiss, sie hat nicht den besten Leumund, die Tomate. M El sospiro del moro (Länge: 0´42´´) unter: Und in Spanien gibt es sogar die Stadt Bunol, die das mit der „Tomaten aufs Auge“ recht wörtlich nimmt- und noch ganz andere Körperteile anpeilt: Bei der berühmten Tomatenschlacht La Tomatina bewirft Frau und vor allem Mann sich gegenseitig mit Tausenden Kilo überreifer Tomaten. Bäche aus Tomatensaft fließen durch die Straßen, die roten Früchte klatschen an Körper und Hauswände, kleben an Haut und Haaren. Seit im Jahr 2012 um die 50 Tausend Teilnehmende für ein tomatisiertes Chaos gesorgt hatten, ist die Teilnehmerzahl strikt beschränkt. Sprecherin: Doch zurück zu der Tomate, die wir nicht werfen, sondern essen. Und die immerhin der absolute weltweite Spitzenreiter in Sachen Frucht ist. Weltweit werden rund 185 Millionen Tonnen produziert. Und da sind wir in Spanien eigentlich schon am richtigen Ort. Denn es waren die spanischen Eroberer, zunächst wohl schon Christoph Columbus und dann gesichert der Spanier Cortéz, die Tomatenpflanzen mit von ihren Raubzügen brachten. M Crepusculo costeño (Länge: 0´33´´) Sprecher: …Aus Südamerika. Hier gibt es fast überall Tomaten: wilde Tomaten, aber auch Tomaten, die sich die indigenen Bewohner nutzbar gemacht hatten. In Kolumbien und Ecuador, in Peru und Chile, von den Küsten bis in die Anden sind sie gewachsen, sogar auf den Galapagos Inseln gab es Tomaten. Wobei die Ur-Tomate mit dem, was wir heute genießen, wenig zu tun hat: OT 4 Lohwasser „Also die ursprünglichen Formen sind natürlich Wildarten, die sehr kleine Früchte haben, die oft auch behaart sind, grün, einen bitteren Geschmack haben, ungenießbar sind.“ Sprecher: Sehen ungefähr so wie Stachelbeeren aus, erzählt Ulrike Lohwasser vom Leibnitz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung OT 5 „Aber es gibt eben auch aromatische Formen. Eine hat auch Alexander von Humboldt in Argentinien beschrieben, eine Wildtomate, die aromatisch ist und sehr gut schmeckt. Und die Ureinwohner Südamerikas haben zu irgendeinem Zeitpunkt, der sich nicht genau definieren lässt, festgestellt, dass man Tomaten essen kann, und haben angefangen, sie in Kultur zu nehmen.“ Sprecherin: Was ungefähr so vor sich geht: Man entdeckt etwas Interessantes, stellt fest: das kann man essen. Und wenn ich es weiter veredle, dann schmeckt es sogar recht gut. Und wenn es dann noch – wie die Tomate – gut anzubauen ist, kultiviert man weiter: Größere Früchte, gesündere Pflanzen, auf Feldern oder im heimischen Garten. OT 6 „Man weiß nicht genau, ob es in Peru oder in Mexiko erstmals in Kultur genommen wurde. Es gibt keine archäo-botanischen Funde dazu. Was man weiß, ist, dass die Mayas und später dann auch die Azteken sie in Mexiko angebaut haben. Das könnte bereits tausend vor Christus schon passiert sein, könnte aber auch später passiert sein, das weiß man nicht genau.“ Sprecher: Die Azteken nennen das von ihnen gezüchtete Gewächs „Xitomatl“ – (Aussprache: „Xi Tomatl“ gesprochen wie geschrieben und betont wie Tomate) Sprecherin: übersetzt: „Nabel des dicken Wassers“ Sprecher: – der Name, den auch die Spanier mit nach Europa bringen. M ARD-LABELMUSIK Basics (a) (Länge: 0´44´´) unter: Daher der Ursprung unseres Begriffs „Tomate“, von „Xi-tomatl“, der ja in Varianten in vielen anderen Ländern gebräuchlich ist. Sprecherin: Aber da gibt es ja auch noch den Namen „Paradeiser“, wie ihn unsere österreichischen Nachbarn nutzen, und in Italien heißt sie „Pomo d´oro“, Goldapfel. So getauft vom italienischen Botaniker Pietro Andrea Mattioli. Der hält sein anscheinend gelbes Ansichtsexemplar 1544 erstmals in einer schriftlichen Beschreibung fest – und tauft es eben „Pomo d´oro“ – hat ja bis heute in Italien seine Gültigkeit… M Capponi: 1. Satz: Largo aus: Sonata da camera Nr. 8 (Länge: 0´42´´) unter: Sprecher: Dass die Tomate schnell ihren Weg von Spanien nach Italien findet, kommt nicht von ungefähr. Es gibt im 16. Jahrhundert spanische Besitztümer in Italien, wie Neapel oder Sardinien. Und als dann der toskanische Großherzog Cosimo de Medici einen Korb voll von diesen seltsam schönen Früchten erhält, ist es um das Schattendasein der Tomate geschehen. Der Adel hat großes Interesse an diesem exotischen Gewächs aus der neuen Welt, allerdings nicht, um es sich als Speise einzuverleiben, sagt Ulrike Lohwasser vom Leibnitz-Institut OT 7 „Man hat also sehr schnell festgestellt, dass sie zu den Nachtschattengewächsen gehört, zu denen ja auch Tollkirsche zum Beispiel gehört und andere giftige Pflanzen. Also man wusste, sie ist giftig und hat sie deshalb nur als Zierpflanze kultiviert. Und speziell in Fürstengarten wurde sie als exotische Besonderheit, als exotische Zierpflanze angebaut. Die Früchte gibt es ja nicht nur in Rot und rund, sondern gibt es in Weiß, gibt es in Gelb, in Gestreift, in Paprika, v-förmig und in allen möglichen Farben und Formen. Und das sah ja nett aus, die Früchte, die Pflanzen selbst sind ja nicht so attraktiv.“ Sprecherin: Noch ein Wort zur Tomate als Nachtschattengewächs: Der springende Punkt ist: Nachtschattengewächse enthalten Solanin. Und Solanin ist giftig. Deshalb: Finger weg von Tollkirschen, aber auch zum Beispiel von Kartoffeln, wenn sie grün gefärbt sind. Bei den Tomaten ist das meiste Solanin in den Blättern und Stängeln. Wenn sie rot und reif sind, sind sie vollkommen ungefährlich. M Capponi: 1. Satz: Largo aus: Sonata da camera Nr. 8 (Länge: 0´23´´) unter: Sprecher: Aber wer will das schon im 16. Jahrhundert ausprobieren?! Und die Folge war, dass sie damals eben zunächst nur in den Gärten der begüterten Oberschicht als Rarität und zum Angeben angebaut werden. Das Solanin soll übrigens auch dafür verantwortlich sein, dass die Tomate als Aphrodisiakum angesehen wurde: OT 8 Lohwasser „Also, man hat geglaubt, dass die Frucht Auslöser von Liebeswahn ist, auch durch das Solanin, was enthalten ist. Deswegen hat man es Liebesapfel genannt, Pomme d´ amour, oder auch Love-Apple im Englischen. Auch das Wort Paradiesapfel geht in diese Richtung, und es gab eine Zeit, in der also Tomaten von jungen Mädchen nicht gegessen werden durften aufgrund dieses Liebeswahns, dieses Auslösers für Liebeswahn. Man hat Angst gehabt, dass die jungen Mädchen davon besessen werden.“ Sprecherin: Junge Männer durften sich übrigens sehr wohl der Gefahr des Liebeswahns aussetzen, sie durften Tomaten essen. Das Verbot galt nur für die weibliche Hälfte der Jugend… Sprecher: Nicht nur in Italien ist man vorsichtig mit den Tomaten. Dies „Kraut“ sei von einem… Sprecherin: „stercken stinckenden seer seltsamen stanck“ (Aussprache-Hinweis wird nachgeliefert) Sprecher: …notiert der Niederländer Rembert Dodoens um 1560 in seinem Cruyde Boeck. Der Franzose Jacques Daléchamps glaubt 1587, es sei gefährlich, die… Sprecherin: … „fremde Pflanze“… Sprecher: …zu nutzen. Und besonders in England und Nordeuropa hält sich über Jahrhunderte hartnäckig das Gerücht, dass die gehobene Gesellschaft, vor allem Aristokraten, nach dem Genuss von Tomaten gestorben seien. Schuld habe die giftige Tomate. Sprecherin: Ein Erklärungsversucht ist, dass höhere gesellschaftliche Kreise Teller und Schalen aus Hartzinn benutzten, ein sehr bleihaltiges Material. Das soll dann mit der Säure der Tomaten reagiert und die Esser vergiftet haben. Was arme Leute nicht betroffen hat, weil die von Holztellern aßen. OT 9 „Ob das Gerücht ist oder ob das stimmt, wage ich zu bezweifeln. Weil, da müsste man schon sehr viel essen, dass die Tomaten tatsächlich aus dem Zinn Blei herauslösen, aber vielleicht über die vielen Jahre, wenn man das regelmäßig macht, kann es ein Problem gewesen sein. Aber ob das wirklich stimmt, wage ich zu bezweifeln.“ Sprecherin: Meint Kulturpflanzenforscherin Ulrike Lohwasser. M Capponi: 1. Satz: Largo aus: Sonata da camera Nr. 8 (Länge: 0´44´´) unter: Sprecher: Fest steht jedenfalls, dass noch während der Renaissance entdeckt wird, dass die Tomate essbar ist. Wie?! Man weiß es nicht, vielleicht haben Gärtner oder Hausangestellte heimlich an den paradiesischen Früchten, die so herrlich rot leuchten und ungewöhnlich riechen, genascht. In einem italienischen Kochbuch von 1658 lässt sich jedenfalls schon ein Rezept mit Tomaten finden, ähnlich einem Ratatouille. Und seitdem ist die Tomate nicht mehr wegzudenken, vor allem nicht aus der italienischen Küche. Sprecherin: Und immer noch sind Neapel, ja ganz Italien untrennbar verbunden mit der fundamentalsten aller Pasta- und Pizzasaucen: Der Tomatensauce. Und deren Geheimnis kennt einer wie kein anderer: Mario Gamba, Sternekoch und Italiener. OT 11 Gamba „Bei Tomatensauce denke ich an den Sommer, weil Tomate ist par excellence der König des Sommers, ich denke an Sonne, an Wasser, an alle Elemente, die die Tomate braucht, um reif zu werden und süßlich zu werden, um eine Balance zwischen Frucht und Säure zu haben, im August mit der Sonne, um diese angemessene Süße zu erreichen, das ist der Sommer, ja. Tomaten ist eine Erinnerung an die Kindheit, wo ich die Tomate direkt von der Pflanze abgebissen habe, ohne dass mich meine Oma gesehen hat, in dem Moment war auch der Geruch der Blätter ein unglaublicher Reiz.“ Sprecher: Und jeder und jede in Italien hat natürlich ein eigenes Rezept. Und wirklich schmeckt jede Tomatensauce anders. Die Variante von Sternekoch Mario Gamba?! Der verrät erstmal eine Weisheit, die nicht nur, aber ganz besonders eben für die Tomatensauce gilt: OT12 Mario Gamba „Mit einer Tomatensauce darfst du nicht denken, dass du die in fünf Minuten fertig hast. Sprecherin: Zeit ist zentral. Und dann verrät der Sternekoch das Rezept, so wie er es von seiner Oma und seiner Mama gelernt hat M Torna a Sorrento (Länge: 0´46´´) OT 14 „Meine Mutter und meine Oma, die haben 20, 30, 40 Kilo Sugo aufgekocht und dann das Ragout für den Winter erhalten. Die haben um 9.00 Uhr angefangen und um 11.30 war sie fertig. Mit verschiedenen Kräutern, am meisten Basilikum und Petersilie und dann vorher den Sofrito – Zwiebel Karotten, Sellerie – und es gab einen unglaublichen Geruch im ganzen Haus. Mit ein bisschen Schweinebauch, und alles auf langsamer Flamme. Und wir haben keinen Zucker dazu getan, weil wenn du die Tomaten so lange kochst, dann sind die nicht mehr säuerlich, dann sind die süß. Das war nicht nur „eine“ Tomatensauce, sondern das war „die“ Tomatensauce.“ Sprecherin: Jetzt aber lassen wir die Tomate erstmal in Deutschland ankommen, hat auch lange genug gedauert. Erst um 1880 bauen die ersten Gärtner Tomaten an, verschiedene Tomaten-Samen können erworben werden. Um 1900 erscheint das „Tomatenbuch“ mit Rezepten, verfasst vom Königlichen Ökonomierat und Chefredakteur des „Praktischen Ratgebers im Obst- und Gemüsebau“, Johannes Böttner. Und dennoch: es geht weiter langsam voran, keiner könnte zu dieser Zeit von einem „Siegeszug der Tomate“ sprechen. Sprecher: Im Gegenteil: Bis zum ersten Weltkrieg ist die Tomate eher ein Fremdkörper auf dem Tisch in Deutschland, denn ein gewohntes Bild. 1914 taucht die Tomate erstmals in der deutschen Warenstatistik auf. Wenige tausend Tonnen werden eingeführt, eher Rarität als Massenware. Was sich erst lange nach dem 2. Weltkrieg fundamental ändert. Die Tomate wird zum gängigen Lebensmittel, kein Salat mehr ohne sie, keine Pizza, keine Bolognese ohne Tomate. Sprecherin: Was der Qualität der Tomate, ihrem Geschmack, aber nicht unbedingt guttut. Denn die Tomaten, die für den steigenden Bedarf gezüchtet werden, zeichnen sich über Jahrzehnte vor allem durch viel Wasser und wenig Aroma aus. Die Hollandtomate wird zum Synonym für Hochleistungstomaten, mit bis zu 80 Kilo Ertrag pro Pflanze - die zwar gut ausschauen, aber oft bestenfalls nichtssagend schmecken. Eine Tomate gezüchtet für den Supermarkt. ATMO Sprecher Irina Zacharias ist selbst Tomatenzüchterin. Nicht für die Tomaten-Industrie, sondern klein und fein ist ihr Tomatenpflanzen-Hof nahe Maxhütte-Haidhof in der Oberpfalz, auf dem sie jedes Jahr 300 unterschiedliche Sorten anbietet. Sprecherin Trotzdem zeigt Züchterin Zacharias Verständnis für die große Tomatenindustrie OT 15 Irina „Es ist auch kein Schimpfwort „Industrie“. Denn im großen Bereich würde man so nicht produzieren können. Die Leute mögen alte Sorten und traditionelle Sorten. Aber diese Sorten sind absolut nicht geeignet für lange Lagerfähigkeit, nicht für den Transport in einem Lastwagen, die kann man gerade mal für eine Schicht aufs Papier legen manchmal, weil sie nicht so hart sind, oder weil viele dünne Haut haben.“ Sprecher: Und dennoch ist Irina Zacharias einen ganz anderen Weg gegangen. Auch wenn immer noch der Preis für die meisten Menschen in Deutschland ausschlaggebend ist beim Tomatenkauf, danach das Aussehen kommt und dann erst – an dritter Stelle – der Geschmack. Auf ihrem Hof in der Oberpfalz zählt die Vielfalt, der Geschmack und nicht der Profit. Der Grund, warum sie angefangen hat zu züchten, ist einfach OT 16 „Weil hier Tomaten nach nichts schmeckten. Die schmeckten einfach nicht, ich war sehr überrascht. Ich bin hier seit 31 Jahren. Und seit genauso vielen Jahren sind mit mir Tomaten hier. Geschmack macht eine gute Sorte aus. Geschmack muss nicht immer eine Spitze sein. Zum Beispiel sind die besten Tomaten für Suppen und Saucen mehlige Tomaten. Und in frischem Zustand – zum Beispiel San Marzano – schmecken die gar nicht so würzig. Manchen Menschen mögen es, wenn die Tomaten sauer sind, manche wenn sie süß sind, und so weiter.“ M ARD-LABELMUSIK Basics (a) (Länge: 0´45´´) unter: Sprecherin: Und so bewahrt sie die Samen von 1500 Tomatensorten. Mit so klangvollen Namen wie „Feuerwerk“ Sprecher Alte russische Sorte, rot-gelb gestreifte zwiebelförmige würzige Fleischtomate. Oder „Gelbe Johannisbeere“ Sprecherin: Ertragreiche buschige kleine gelbe Wildtomate. Oder „Blondköpfchen“: Sprecher: Alte Deutsche Sorte. „Schneewittchen“ Sprecherin: Mit rosa Bäckchen. „Sosuletschka“ (Gesprochen wie geschrieben), „Justens Süße“, „Early Wonder“ (Aussprache englisch) Sprecher: „Lucky Tiger“, „Purple Dragon“, „Green Zebra“ (Aussprache englisch) Sprecherin: „Sweet Cream“ (englisch) Sprecher: „Smiley Worms“ (englisch) Sprecherin: Oder „Harzfeuer“: normale rote runde Tomate aus der ehemaligen DDR OT 17 „Wer kauft bei uns Pflanzen? Menschen, denen es das wert ist, sie in den Garten zu setzen. Die gewohnt sind zu verstehen, dass man für manche Sachen warten muss. Zum Beispiel, dass es im Januar keine frischen Tomaten gibt. Und die auf Vielfalt setzen. Dass man immer was hat, das ist, wenn man Vielfalt hat.“ Sprecher: Tomatenzüchterin Irina Zacharias stammt aus Russland. Dort hat ihr Vater ihr die Essentials mitgegeben, indem er ihr auf der Familien-Datscha bei Moskau alles über „seine“ Tomaten erzählt hat - während sie ihm helfen musste. Und was ist jetzt ihre Lieblingstomate? Sprecherin: Typische Journalistenfrage, sagt sie. Denn: Die „richtige“ Tomate gibt es für sie nicht. Weil jeder andere Vorlieben hat. Die Italiener lieben Ochsenherz oder San Marzano, die Deutschen eher süße Kirschtomaten, und Irina Zacharias selber? Sie mag Fleischtomaten! Aber nicht aus dem Supermarkt, von ihr selbst angebaut! OT 18 „Einmal sitzt bei mir eine Frau bei der Verkostung und weint. Ich frage, was denn los ist?! Sie sagt, sie ist gerade hierher gefahren und habe gesagt: „Hoffentlich keine Fleischtomaten, weil die mag ich nicht.“ Und jetzt geben sie gerade dies große Fleischtomate und die schmeckt so köstlich, ich bin richtig ergriffen.“ M ARD-Labelmusik Automated movement (Länge: 0´47´´) Sprecher: Geruch, Aroma, Konsistenz. Wichtig… Aber noch ein Faktor ist in den letzten Jahren immer weiter nach vorne gerückt: Tomaten sind extrem gesund. Schon die ersten Tomatenpflanzen wurden vom spanischen Arzt Nicolás Monardes Alfaro auf ihr medizinisches Potential untersucht. Und eingesetzt, um den Körper zu reinigen und Schwellungen zu lindern, mit ihrem Saft, aber auch mit Tomaten-Umschlägen. Man dachte sogar, man könne Tollwut oder Alpträume mit Tomaten behandeln. Da ist man heute mit der Forschung etwas weiter, bestätigt Ernährungsmedizinerin Professorin Yurdagül Zopf (gesprochen wie geschrieben, eher auf dem „u“ betont) von der Universität Erlangen OT 19 Zopf „Tomate ist unwahrscheinlich gesund, und wenn man sie richtig zubereitet, potenziert sich auch die Inhaltsstoffe in ihrer gesundheitlichen Wirkung. Und es ist eine Bombe an Pflanzenstoffen enthalten, die verschiedenen Organe positiv beeinflussen können.“ Sprecherin: Viele verschiedene Pflanzenstoffe also in der Tomate, auch ganz viel Vitamine, aber ein Stoff sticht besonders heraus: Lykopin. Und der große Gegner des Lykopins sind die sogenannten „Freien Radikalen“, die Entzündungen hervorrufen und damit Gewebe zerstören können – wenn da das Lykopin nicht wäre… OT 20 Zopf „Lykopine haben die wunderbare Eigenschaft, freie Radikale abzufangen und die Entzündung zu senken. Das hat einen positiven Effekt auf die Gefäßwände, das hat einen positiven Effekt auf entzündlich veränderte Hautveränderungen, und bedeutet einfach, dass wir keine Kalkablagerung in der Gefäßwand haben und man das Herzinfarktrisiko dadurch senken kann.“ Sprecher: Lykopin soll aber nicht nur das Infarktrisiko senken, sondern auch das Krebsrisiko, Knochenschwund verringern, Schlaganfälle verhindern. Und je reifer die Tomate, desto mehr Lykopin ist drin. Also am besten regionale, schon ausgereifte Tomaten essen, rät Ernährungsmedizinerin Yurdagül Zopf. Und der Clou ist: Man muss Tomaten nicht mal roh essen, wenn man das nicht mag: OT 21 „Je kleiner die zerhackten Würfel der Tomaten sind, desto mehr wird aus der Tomate der Zellstoff freigesetzt, durch die Zelle, die aufgebrochen wurde. Und am Allerbesten ist das Erhitzen, das potenziert sich in dem Sinne, dass das lange erhitzt wird, also klassisch: eine halbe bis eine Stunde kochen bedeutet dann auch mehr Lykopin-Freisetzung.“ Sprecher: Und wenn dann noch ein guter Spritzer Olivenöl mit dabei ist, dann ist die Aufnahmekapazität des Dünndarms in Sachen Lykopin zusätzlich verbessert. Gesünder geht kaum. OT 22 Zopf „Und was wir noch gar nicht angesprochen haben: dass eine gewisse Ballaststoffmenge in der Tomate enthalten ist, und dann auch noch die Darmflora durch die Ballaststoffe positiv beeinflusst wird. Also ein wunderbares Lebensmittel. Was ich manchmal höre ist, dass manche die Schale entfernen und nur geschälte Tomate konsumieren, das ist eine kleine Schande für so eine tolle Frucht, also wenn Tomate, dann im Ganzen essen.“ Sprecherin: Gesundheit und Geschmack in einem. Und das alles haben wir einem Nachtschattengewächs zu verdanken, das das Sonnenlicht liebt. Einer Frucht, die im Gegensatz zur Himbeere oder zur Erdbeere wirklich eine Beere ist. Denn: Himbeeren und Erdbeeren sind eigentlich sogenannte Sammelnussfrüchte, während die Tomate biologisch Mitglied der Beerenfamilie ist. Und eine wirklich wunderbare Wandlung mitgemacht hat: M Despertando de otro sueno (Länge: 0´45´´) unter: Von der Zierfrucht in den Renaissance-Gärten der Reichen hin zum Lebensmittel mit globaler Bedeutung – dem Allrounder Tomatensauce plus Ketchup und Pizza-Basis sei Dank. Von der verschrienen Wasserbombe holländischer Art hin zur Sehnsuchtsfrucht auf Balkon und im Schrebergarten. Eine Ikone unseres Wunsches, etwas selbst anzubauen, zu ziehen und zu ernten. Wunderbar rot leuchtend, duftend und gesund. Tomate eben.

  10. Der Hut des Zauberers - Von der Bronzezeit bis Gandalf

    12.07.2024 · 25 Min.

    Der Zauberer wie man ihn bei Harry Potter, als Gandalf oder Merlin kennt: mit langem Mantel, Zauberstab und vor allem mit hohem, spitzigen Hut. Wie schaffte es dieser charakteristische Hut - der Hut des Zauberers - über Generationen, Epochen und Kulturen hinweg bis ins Heute? Wofür steht er und welches ist sein Ursprung? Von Katharina Hübel (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka Technik: Robin Auld Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Matthias Wemhoff (Professor; Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin); Angelika Hofmann (Dr.; Leiterin der Sammlung Archäologie am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg); Naomi Lubrich (Dr.; Leiterin des Jüdischen Museums der Schweiz); Christine Fößmeier (Kunsthistorikerin) Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  11. Stechmücken - Das geheime Leben der sirrenden Sauger

    12.07.2024 · 23 Min.

    Stechmücken sind lästige Plagegeister und zählen, wie die Zecken, zu den Tieren, die gefährliche Krankheiten übertragen können. Aber wie leben sie? Welche Rolle spielen sie im Ökosystem? Darüber spricht die Autorin u.a. mit der Mückenforscherin Dr. Doreen Werner. Von Christiane Seiler Credits Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Burchard Dabinnus, Ruth Geiersberger Technik: Roland Böhm Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Doreen Werner, Entomologin, Zentrum für Agrarlandforschung; Dr. Helge Kampen, medizinischer Entomologe, Friedrich Löffler Institut; Mandy Schäfer, Biologin, Friedrich Löffler Institut; Nadja Pernat, Biologin, Zentrum für Agrarlandforschung Linktipp: Mückenatlas Deutschland: Fangt Mücken für das Bürgerforscher-Projekt! ARDalpha JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: AT1: Pernat: Jetzt kommt wieder der spannende Moment, (auf dem Friedhof, Klappern und Wassergluckern). Sprecher (auf AT1) Ein romantisch verwildertes Familiengrab auf dem Alten Zwölf Apostel Kirchhof mitten in Berlin; im Gebüsch neben dem Einfassungsmäuerchen des Grabes macht sich eine junge Frau mit Pferdeschwanz zu schaffen. Sie hebt einen schwarzen Plastikbecher, gießt den Inhalt in eine durchsichtige Plastikkanne um, untersucht den Inhalt. Ein Friedhofsgärtner kommt näher. Was macht sie da? OT1 Pernat: Mücken!, ja, ... Sprecher (auf ATMO IN OT2) Sie fängt Mücken, sagt die Biologin Nadja Pernat, und erklärt weiter: OT1 weiter Pernat und Friedhofsgärtner: Also das hier, das sind die Fallen für die Mücken, da legen die Mücken ihre Larven rein (Gärtner: ja). Und dann nehme ich die mit, ans Leibnitz Zentrum für Agrarlandschaftsforschung und da bestimme ich, was das für Arten sind. Mann: also nur, um praktisch Zuwanderer zu identifizieren, ja? Pernat: unter anderem. Aber auch um zu gucken, welche Arten gibt es eigentlich in Berlin, das hat seit Jahrzehnten keiner mehr gemacht. Sprecher Mücken in der Stadt - dass es sie gibt, davon weiß sicher jeder aus eigener leidvoller Erfahrung zu berichten. Was aber gefällt den Blutsaugern ausgerechnet an Friedhöfen? Eine Antwort hat Dr. Helge Kampen, medizinischer Entomologe, also Insektenforscher, am Friedrich Löffler Institut bei Greifswald: OT2 Kampen Wenn ich Mücke wäre, ich würde mir immer einen Friedhof aussuchen. Viele Friedhöfe sind hier sehr pflanzenreich, bebaumt, bebuscht. Da finden die Mücken schattige Plätze, um sich auszuruhen. Dadurch sind auf Friedhöfen auch häufig viele Vögel Eichhörnchen, kleinere Nager etc. Und natürlich die Menschen, die als Blutwirte dienen können und dann haben die Mücken eben durch die Blumenvasen, Vogeltränken etc. jede Menge Brutmöglichkeiten. Musik: hohe, sirrende Violinklänge oder elektronische Musik Sprecherin Die Stechmückenforschung erlebt in Deutschland seit einigen Jahren eine Renaissance, nicht zuletzt durch die invasiven, also zugewanderten Arten, von denen auch der Berliner Friedhofsgärtner bereits gehört hat. 2011 wurden in einer Falle an der A5 bei Weill am Rhein die ersten Weibchen der Asiatischen Buschmücke und der asiatischen Tigermücke gefunden. Die Buschmücke, die aus einer ähnlichen Klimazone stammt, hat sich seitdem bei uns breitflächig etabliert. Aber auch das Wissen über die heimischen Arten ist lückenhaft. Wo welche Arten in Deutschland in welcher Menge leben, welche Krankheiten durch diese Mücken übertragen werden könnten — das sind Fragen, an denen Entomologen forschen. Seit 2012 zählen sie dabei auf eine wachsende Schar von Amateurforschern. Der „Mückenatlas“ des bei Berlin gelegenen Zentrums für Agrarlandschaftsforschung, kurz ZALF genannt, ist eins der großen Citizen Science Projekte Deutschlands und dient der Kartierung der Stechmücken. Citizen Science, das ist Wissenschaft unter Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger, und der Mückenatlas gehört zu den erfolgreichsten dieser Projekte. Sprecher Auf der Internetseite www.mueckenatlas.com wird erklärt, in welchem Zustand und mit welchen Angaben zu Fundort und Finder die Mücken eingesendet werden sollen. Jede Einsendung wird beantwortet, bis Mitte 2018 waren es über 20.000. Welche Mücken sind dabei eigentlich gefragt? Dr. Doreen Werner, Biologin am ZALF und Initiatorin des Mückenatlas, erklärt, dass längst nicht alle Mücken stechen: OT3 Werner Wenn jemand mir die Frage stellt, was ist eine Mücke, dann geht natürlich die ganze Bandbreite auf. Wir haben in Deutschland 28 verschiedene Mückenfamilien, …. Die morphologischen Ausprägungen, also wie eine Mücke aussieht, können schon sehr vielgestaltig sein. Es gibt zB viele Menschen, die Trauermücken in ihrem Wohnumfeld haben, das sind die kleinen schwarzen Viecher, die aus den Blumentöpfen beispielsweise rauskommen. Oder jeder kennt vielleicht die Schnaken, die groß und behäbig im Frühjahr über die Wiesen fliegen, auch das sind Mücken. Zum anderen gibt es noch verschiedene andere Mückenfamilien, die zB in Abflussröhren leben oder im Komposthaufen sich entwickeln. Aber alle diese Mücken sind dadurch gekennzeichnet, dass sie Mundwerkzeuge haben, die nicht zur Aufnahme einer Blutmahlzeit befähigen. Und wir haben in Deutschland vier verschiedene Mücken-Familien, die das können, das sind zum einen natürlich die Stechmücken, die jeder kennt, zum anderen sind es aber auch die Kriebelmücken die Gnitzen und dann eine ganz kleine Gruppe innerhalb der Schmetterlingsmücken. Sprecherin Kriebelmücken und Gnitzen können ebenfalls sehr lästig sein, sogar gefährlich. Die Blauzungenkrankheit, eine tödliche Tierseuche, wird beispielsweise von bestimmten Gnitzenarten übertragen. Für den Mückenatlas sind aber nur die Stechmücken relevant: OT4 Werner Weil wir davon ausgehen, dass die meisten Menschen Stechmücken erkennen können, in ihrem Umfeld mit bloßem Auge erkennen können, und auch in der Lage sind, diese einzufangen. Bei den anderen drei blutsaugenden Familien ist es so, dass die eine sehr kleine Körpergröße haben, die sich so zwischen 2-4 mm bewegt. Und der Laie ist nicht wirklich in der Lage, diese Mückenfamilien von anderen Mückenfamilien oder sogar Fliegenfamilien zu unterscheiden und wir natürlich darauf angewiesen sind, nicht nur Beifang zu bekommen, sondern wirklich auch Material, was wir verwerten können … AT2: Schublade wird aufgezogen, Werner: Wir bauen eine deutschlandweite Referenzsammlung auf … Sprecher Im Wandschrank der Forschungsgruppe Mückenatlas liegen gut erhaltene Fundstücke nach Art sortiert in Insektensammelkästen, säuberlich genadelt und mit Schildchen zu Fundort und Finder versehen. Nur vollkommen intakte Exemplare finden Eingang in die Sammlung. Unter dem Mikroskop lässt sich erkennen, warum. Mückenflügel zum Beispiel sind mitnichten so glatt, wie es mit bloßem Auge betrachtet scheinen mag: OT5 Werner Da sind Härchen und Schuppen drauf, und die sind wichtig für uns. … Deshalb brauchen wir die nicht so totgeschlagen, man macht ja meistens so (klatscht) dann ist die Mücke zerstört, selbst wenn sie noch da ist, für uns ist sie unbrauchbar für die Bestimmung, also für die morphologische Bestimmung. Sprecher Deshalb sollte man die Mücken lebendig fangen, im Gefrierfach einfrieren und in einem Schächtelchen nach Müncheberg schicken. Woran erkennt man aber eine Stechmücke? Sprecherin Stechmücken haben einen Stechrüssel, mit dem sie die Haut ihres Opfers durchstechen können, um Blut zu saugen. Daran kann sie auch der Laie gut von ähnlich aussehenden Mückenarten wie etwa den weltweit in Massen vorkommenden Zuckmücken unterscheiden. Diese Zuckmücken haben keinen Stechrüssel und nehmen auch kein Blut zu sich. Musik: Elektronisches Sirren Sprecherin Mücken gehören, wie die Fliegen, in der Klasse der Insekten zur Ordnung der Zweiflügler. Von den knapp eine Million bis heute beschriebenen Insektenarten stellen die Zweiflügler rund 160.000. Ein Flügelpaar ist zu den sogenannten Schwingkölbchen umgebildet, die es der Mücke gestatten, die Flugrichtung zu halten oder sehr schnell zu ändern. Sprecher Stechmückenarten gibt es weltweit rund 3.500, in Deutschland kommen über 50 davon vor. Und wo leben diese Stechmücken - außer auf Friedhöfen natürlich? OT6 Werner Stechmücken sind typische Lebewesen, die verschiedene Lebensräume besiedeln, das heißt, für ihre Entwicklung brauchen sie den aquatischen Bereich, das Weibchen legt ihre Eier ab, entweder auf der Wasseroberfläche oder in der Nähe einer Wasseroberfläche. Und wenn die Eier mit dem Wasser in Berührung kommen und bei einer bestimmten Temperatur schlüpfen die Erstlarven. Die ernähren sich dann von Algendetritus, verschiedene Bestandteile, die sie eben in ihrem Medium finden, häuten sich drei Mal, das heißt wir durchlaufen vier Larvenstadien. Das sind Fressstadien, weil die Mücke natürlich auch wachsen muss. Sie muss Energie anhäufen, dann geht sie in das Puppenstadium über. In diesem Puppenstadium findet die komplette Metamorphose statt, das heißt, das Insekt wandelt sich um und aus dieser Puppe schlüpft dann letztendlich die flugfähige Mücke, die dann wieder in der Lage ist, sich durch die Kopulation, Befruchtung also fortzupflanzen, weiterzuentwickeln. AT3: Tür schlägt zu, Schritte im Gang Sprecher Das Friedrich Löffler Institut auf der Insel Riems bei Greifswald widmet sich seit 1910 der Erforschung von Tierseuchen und ihren Übertragungswegen. Und seit einigen Jahren auch Krankheiten, die von Mücken auf Menschen übertragen werden. In einem hermetisch von der Außenwelt abgeriegelten Labor werden hier Mücken zu Versuchszwecken gezüchtet: OT7 Mandy Schäfer Hier zB culex pipiens molestus, ein Biotyp unserer Hausmücke … Sprecher Erklärt Mandy Schäfer, die am FLI an Mückenarten, die als Krankheitsüberträger infrage kommen, forscht. Sie nimmt ein kleines, mit einer ziemlich trüben Brühe gefülltes Aquarium aus dem Regal. OT8 Schäfer Hier sieht man ja, es sind große und kleine Larven dabei, Autorin: Die Larven sind diese zappeligen Tierchen, die sich da an die Oberfläche hängen!? Schäfer: Genau, die hängen sich wieder an der Oberfläche, mit dem Hinterteil nach oben, da an dem Hinterteil ist ein Atemrohr, das sie an die Oberfläche anhaften und dadurch atmen … die atmen atmosphärischen Sauerstoff. Sprecher Leere Puppen schwimmen auf dem Wasser, einige geschlüpfte Mücken sitzen bereits am Beckenrand. OT9 Schäfer Man sieht so ein bisschen, die haben so ganz buschige Fühler. Genau, und das sind die Männchen. Die warten auf die Weibchen, um sie zu begatten. Musik: Elektronisches Sirren Sprecherin Betrachtet man eine Mücke unter dem Mikroskop, dann kann man Details genau erkennen: den langen Stechrüssel, der sich lanzettartig ineinanderschieben lässt, und die buschigen Fühler der Männchen. Einen Rüssel haben sowohl Männchen als auch Weibchen, aber nur die Weibchen gebrauchen ihn zum Stechen und Blutsaugen. Die Männchen leben strikt vegetarisch und ernähren sich von zuckerhaltigen Pflanzensäften. Sie leben auch viel kürzer, besteht doch ihr Lebenszweck einzig darin, ein Weibchen zu finden und zu begatten. Dr. Helge Kampen: OT10 Kampen Mückenweibchen werden nur einmal im Leben befruchtet, und zwar ziemlich am Anfang ihres Lebens, ziemlich bald nach dem Schlupf aus der Puppenhülle. Und die haben dann, wie übrigens viele Insektenarten, die haben dann Spermataschen, da bewahren sie das Sperma für den Rest ihres Lebens auf und befruchten dann die Eier daraus. Männchen und Weibchen müssen nicht oft aufeinandertreffen. Sprecher Warum aber dieser Blutdurst der Stechmückenweibchen? Haben sie einfach einen extravaganten Geschmack, oder gibt es noch einen anderen Grund dafür? Zur eigenen Ernährung brauchen sie das Blut nicht, führt Helge Kampen aus. Sie brauchen Proteine, also Eiweiß, damit sich die Eier entwickeln können. OT11 Kampen Die Mücken haben die Möglichkeit, Blut einzudicken, wenn sie saugen. Es gibt Mückenarten, da kann man beobachten, dass sie noch während des Blutsaugens am Hinterende, also an der Analöffnung, so ne Art Serum, eine Flüssigkeit abgeben, die ist viel heller als das Blut. Also das Blut, bzw. die Blutproteine, werden schon während der Blutaufnahme konzentriert in der Mücke und die werden dann in der Mücke umgebaut in die Eiproteine - und der Eiproduktion zugeführt. Musik: sirrende Elektroklänge Sprecherin Stechmücken stechen Tiere und Menschen. Es gibt Arten, die bei ihren Blutwirten nicht sehr wählerisch sind und andere, die nur bei sehr ausgesuchten Opfern Blut saugen. Es ist übrigens ein Irrglaube, dass Mücken besonders süßes Blut oder eine bestimmte Blutgruppe bevorzugen. Sie finden ihre Opfer durch das CO2 in der Atemluft und bestimmte Duftstoffe im Schweiß. Auch durch Licht werden sie nicht angelockt, sind doch die meisten Stechmücken dämmerungs- oder nachtaktiv. Sprecher Culex pipiens, die Hausmücke, kommt in zwei Biotypen vor. Der bereits erwähnten Culex pipiens molestus etwa schmeckt besonders das menschliche Blut, die eng verwandte culex pipiens pipiens saugt am liebsten bei Vögeln. Den Namen Hausmücke trägt das Insekt nicht umsonst. Und die Menschen sorgen oft selbst dafür, dass diese Mücken sich besonders gut vermehren können: OT12 Werner Das sind also Mücken, die sehr gerne künstliche Bruthabitate aufsuchen. Wie z.B. Regentonnen, Blumentöpfe, Vasen, Gießkannen, irgendwelche anderen Container, die sich vielleicht im Gartenbereich befinden oder … Überall kann sich Regenwasser sammeln, selbst in den kleinsten Coladosen oder in Papierkörben. Das heißt, die Mücken schlüpfen und ihnen wird ein gedeckter Tisch geboten, und der Weg von der Regentonne in den Schlafzimmerbereich oder Wohnbereich ist meistens nicht sehr weit. Sprecherin Weibchen dieser Art überwintern in Hauskellern und anderen warmen, unterirdischen Habitaten wie U-Bahn-Tunneln oder der Kanalisation und sie können das ganze Jahr über stechen, egal ob in Innenräumen oder im Freien. In der New Yorker Upper Westside kam es 2011 zu einer regelrechten Invasion dieser Stechmücken, die aus Kellern und der Kanalisation heraus in die Wohnungen fanden. In London ist dieselbe Mücke als U-Bahn Moskito berüchtigt. Sprecher Stechmücken sind lästig, ihre Stiche jucken und führen zu Hausschwellungen. Gefährlich werden sie, weil sie mit dem Stich Krankheitserreger übertragen können. Die Mücken fungieren als Vektoren, das heißt, sie beherbergen Erreger, die sie mit dem Blut eines Wirts aufnehmen und sie transportieren diese Erreger mit dem Speichel in den Blutkreislauf ihres Opfers. Speichel fließt reichlich beim Mückenstich: Er verdünnt das Blut und enthält eine leicht narkotisierende Substanz, damit der Blutwirt erst nach dem Stich etwas merkt und erst zuschlägt, wenn die Mücke sich bereits in Sicherheit gebracht hat. Sprecherin Krankheitserreger können Parasiten sein, etwa im Fall der Malaria, die durch die Anophelesmücke übertragen wird, aber auch verschiedene Viren, die gefährliche fiebrige Krankheiten auslösen wie das Gelbfieber, das Dengue Fieber oder das West-Nil-Fieber. Letzteres kann auch von der Hausmücke übertragen werden, braucht aber Vögel als Zwischenwirte. In einigen südosteuropäischen Ländern und in den USA kommt es seit den 90er Jahren regelmäßig zu Ausbrüchen des Westnil-Fiebers, das gelegentlich tödlich verläuft. Entscheidend dafür, ob eine Mücke ein Virus übertragen kann, ist die Umgebungstemperatur. Je wärmer und feuchter es in dem Habitat der Mücke ist, desto schneller vermehrt sich das Virus in der Mücke, ausgehend vom Verdauungstrakt. Erst wenn das Virus in den Speichel der Mücke gelangt ist, kann es auch übertragen werden. AT4 Riems: Nerviges Sirren der Tigermücke Sprecher Hier im Hochsicherheits-Labor des Friedrich Löffler Instituts auf der Insel Riems sirrt außer der Hausmücke eine weitere Mückenart in ihrem Käfig mit Gaze-Wänden: die Asiatische Tigermücke, aedes albopictus. Im Labor vermehrt sie sich hervorragend. Die Tigermücke breitet sich seit den 90er Jahren vor allem in Südeuropa aus. Dort kommt es seitdem gelegentlich zu Ausbrüchen des Dengue-Fiebers. Das geschieht, wenn ein infizierter Reiserückkehrer von einer Tigermücke gestochen wird, und diese mit einem weiteren Stich durch das im Mückenspeichel enthaltene Virus eine andere Person infiziert. Anders als die Hausmücke ist sie eine sogenannte Überflutungsmücke und stammt ursprünglich, wie der Name schon sagt, aus Asien. Dr. Helge Kampen: OT13 Kampen Der internationale Altreifenhandel, der spielt ne große Rolle! Also bei diesen invasiven Stechmückenarten handelt es sich um Arten, die sehr austrocknungsresistente Eier haben und die ihre Eier nicht, wie viele andere Mückenarten, direkt ins Wasser legen, damit die Larven schlüpfen können. Sondern die legen die Eier oberhalb der Wasseroberfläche ab, kleben sie an feuchte Strukturen, Pflanzen oder auch künstliche Untergründe, und die Larven schlüpfen erst dann aus den Eiern, wenn der Wasserspiegel gestiegen ist. Und wenn die Eier, die da irgendwo kleben, in Kontakt mit dem Wasser kommen. Und das kann passieren, wenn die Eier in Gebrauchtreifen kleben, da gibt es in Asien sehr viel Handel mit, internationalen Handel. Die werden üblicherweise erst mal gesammelt da, liegen auf einer Wiese rum, und dann regnet es da rein, da steht ein bisschen Wasser drin, und das ist dann für die Stechmücken interessant. Dann kleben sie ihre Eier da rein, dann werden die irgendwann verschifft nach Europa, Nordamerika, weltweit. Und dann liegen sie da wieder rum, im Freiland, und wenn es dann regnet und der Wasserspiegel steigt, dann schlüpfen die Larven und dann hat man ganz schnell ne Population von 'ner Art, die da nicht hingehört. Sprecher Seit einigen Jahren kommt das kleine Insekt zunehmend auch nach Süddeutschland. Aber den weiten Weg werden die Tigermücken ja wohl kaum aus eigener Kraft fliegend überwinden. Wie gelangen sie dann zu uns? OT14 Kampen Bei der asiatischen Tigermücke wissen wir, dass die regelmäßig aus Südeuropa eingeschleppt wird und zwar mit dem Fernverkehr, mit Autos, LKW, Zügen. Weil die Mücken, die Weibchen, sehr aggressiv sind, zum Teil auch tagaktiv, und die fliegen den Menschen ins Auto hinterher, weil sie stechen wollen. Und wenn wir Pech haben in Deutschland, dann werden die mit dem Auto über hunderte Kilometern aus Südeuropa nach Deutschland verschleppt und steigen da wieder aus … Sprecherin Zum Beispiel auf einem Rastplatz an der Autobahn. Seit dem ersten Tigermückenfund zeigt das Mückenmonitoring, dass die A5 tatsächlich ein Haupteinfallstor für diese invasive Mückenart nach Deutschland ist. In Süddeutschland, in der warmen Rheinaue, findet sie gute Lebensbedingungen vor, denn die Tigermücke ist wärmeliebend und kommt mit Frost im Winter nicht zurecht. Aber auch das kann sich ändern, wenn die Mücke sich an die kälteren Temperaturen anpasst und andererseits die Temperaturen in Deutschland durch den Klimawandel nach oben gehen. AT4 Riems: Sirrende Tigermücken Sprecher Die Zusendungen zum Mückenatlas zeigen, dass die Tigermücke inzwischen an mehreren Stellen in Deutschland stabile Populationen aufgebaut hat, in Jena sogar die nördlichste Population weltweit. Was kann man aber tun, um die Mücken wieder loszuwerden? Zum Beispiel in Jena? OT15 Kampen Wir finden immer wieder die Asiatische Tigermücke, aber die ist nicht auf einen Ort beschränkt, da finden wir mal in Nordjena zwei Exemplare, dann wieder in nem anderen Stadtteil eins. Ursprünglich waren sie auch auf dem Friedhof konzentriert, da haben wir einige Maßnahmen eingeleitet. Das Simpelste ist natürlich: Leer stehende Blumenvasen auf den Kopf stellen. Da kann man schon viele Brutmöglichkeiten eliminieren! Ja, aber die Mücken waren 2017 immer noch da, mal gucken, wie es sich weiterentwickelt. Sprecherin Leichter ist die Bekämpfung bei einer einheimischen Art, der Überschwemmungsmücke Aedes vexans. Die schon von Goethe gehasste „entsetzliche Rheinschnake“ macht Anwohnern der südlichen Rheinauen seit jeher das Leben schwer. In Mannheim hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage gegründet, die heute noch existiert. Diese Überschwemmungsmücken treten immer dann in Massen auf, wenn bei Wärme der Wasserpegel steigt und tausende Mückenlarven gleichzeitig schlüpfen. OT16 Kampen Was man heute macht, man bringt ein Eiweiß aus, das von bestimmten Bakterien produziert wird, das ist das sogenannte bacillus thuringiensis israelensis, das ist ein bakterielles Eiweiß, das die Mückenlarven mit der Nahrung aufnehmen und das deren Darm zerstört. Und dann sterben die Larven. Das kann man auftragen auf Eiskristalle, sodass die Eiskristalle im Wasser schwimmen und die Mückenlarven knabbern an den Eiskristallen an der Wasseroberfläche und nehmen dieses Eiweiß auf. Und deswegen, weil man das so ausbringen kann, kann man das per Hubschrauber großflächig verteilen. Musik: elektronisches Sirren Sprecherin Viele würden den Stechmücken keine Träne nachweinen, wenn es sie eines Tages nicht mehr geben würde. Andererseits beklagt man das Insektensterben und kann sicher keine Welt herbeiwünschen, in der nur uns genehme Insekten ein Recht auf Leben besitzen. Stechmücken erfüllen, wie alle anderen Arten auch, ihre Rolle im Ökosystem, nicht zuletzt als Futter für Schwalben und Frösche. OT17 Werner Wir haben aber so viele Tiergruppen, die auch schon räuberisch von Mückenlarven leben, oder auch von den fliegenden Mücken. Die würden auch nicht entsprechend zu Entwicklung kommen und dann würden wir gefühlt natürlich viel mehr Veränderung in der Umwelt wahrnehmen. Sprecher: Und wie hält sie es selbst mit dem Mückentöten? Masochistisch sei sie nicht, meint Dr. Doreen Werner vom Zentrum für Agrarlandforschung: OT18 Werner Natürlich schlage ich auch zu. Die Hemmschwelle ist natürlich sehr herabgesetzt. Es ist schon ein Unterschied, ob man einen Schmetterling tötet oder eine Stechmücke tötet! Natürlich rufen wir nicht mit Spaß und Freude zum Töten von Stechmücken auf, wenn wir darum bitten, dass man die Mücke, die man sowieso töten würde, eben für Forschungszwecke eingefangen und dann auf eine recht schonende Art und Weise abgetötet wird, die Mücke schläft nämlich mehr oder weniger ein. Das ist der gleiche Prozess, dem sie unterliegt, wenn sie in den Winterschlaf geht, wenn sie ihren Stoffwechsel herabfährt, … nichts anderes passiert im Gefrierfach. Sprecher So endet das Leben vieler sirrender Sauger im Schrank der Müncheberger Referenzsammlung. Hier ist noch reichlich Platz für weitere Sammelkästen.

  12. Schauspielschulen - Weinen auf Kommando!

    11.07.2024 · 23 Min.

    Performances, Chorgesänge, Kameras auf der Bühne: Das Theater der Gegenwart verändert sich ständig. Wie reagieren Schauspielschulen darauf? Was müssen die jungen Talente lernen? Trends von heute können bereits von gestern sein, bis die Studierenden ihren Abschluss haben. Eines hat sich aber nicht geändert: Schauspielschulen verlangen ihren Studierenden vieles ab. Von Anna Küch (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Anna Küch Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Emma Floßmann; Max Faatz; Annika Molke; Sebastian Berchtold; Barbara Gronau; Ramin Anaraki; Anne Knaak Eine besondere Empfehlung der Redaktion: Knallhart - Der ARD Thriller Podcast Düstere Psychothriller, abgründige Mindfucks und bizarre Bluttaten: Der Krimi-Podcast mit Triggerwarnung, für hartgesottene Binge Listener, Herzkasper-Junkies und Liebhaber des gepflegten Grusel-Kicks. Hard-boiled auch mal ohne Happyend - und garantiert nichts für schwache Nerven! JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  13. Emma Goldman - Anarchie, Freiheit und Frauenrechte

    11.07.2024 · 23 Min.

    Die radikale Aktivistin Emma Goldmann hat für Anarchie, Freiheit und Frauenrechte gekämpft. Sie gilt bis heute als Ikone, deren Konterfei sogar auf T-Shirts gedruckt wird. Von Ulrike Beck (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Anne-Isabelle Zils, Stefan Merki, Beate Himmelstoß Technik: Daniela Röder Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Frank Jacob, Historiker und Autor, Professor für Globalgeschichte des 19. und 20.Jahrhunderts an der Nord Universitet, Norwegen Antje Schrupp, promovierte Politologin und Publizistin, Frankfurt am Main Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  14. Ameisen - Staatenbildende Insekten der Superlative

    10.07.2024 · 22 Min.

    Die Verhaltensvielfalt im Reich der Ameisen ist einzigartig, kaum eine andere Insektenfamilie besiedelt so viele Lebensräume. Gärtnerei, Kriegsführung und Staatsgründung gehören zum Leben der faszinierenden Krabbeltiere. Von Christiane Seiler (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Martin Trauner Es sprachen: Rahel Comtesse, Thomas Birnstiel, Clemens Nicol Technik: Robin Auld Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Christina Grätz, Diplombiologin, Nagola Re, Jänschwalde; Susanne Foitzik, Professorin für Evolutionsbiologie, Universität Mainz; Shahin Tavangari, Reviertierpfleger, Zoo-Aquarium Berlin Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Ameisenbär - Minigehirn, wehender Schweif, klebrige Zunge JETZT ANHÖREN Schwarmintelligenz - Was kann das Kollektiv? JETZT ANHÖREN Monarchien im Tierreich - Königinnen ohne Zepter JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  15. Geschichte der Badeanstalten - Eine Kultur für sich

    10.07.2024 · 23 Min.

    Schon die alten Griechen und natürlich vor allem die Römer pflegten eine ausgefeilte Badekultur. Selbst im Mittelalter ließ man sich die Lust am öffentlichen Badehaus nicht nehmen. Die Reformation beendete das alles. Erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine neue Kultur der Badeanstalten. Von Martin Trauner (BR 2022) Credits: Autor und Regie dieser Folge: Martin Trauner Es sprachen: Rahel Comtesse und Carsten Fabian Technik: Daniela Röder Redaktion: Nicole Ruchlak Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Hier gibt es eine weitere informative/ hörenswerte Folge von radioWissen: Römische Thermen - Badekultur und Herrschaftsanspruch JETZT ANHÖREN Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literaturtipps: Brödner, Erika: Römische Thermen und antikes Badewesen, Darmstadt 2011 Kiby, Ulrika: Bäder und Badekultur in Orient und Okzident, Köln 1995 Stankiewitz, Karl: Badelust in München und Oberbayern, München 2017

  16. Griots in Westafrika - Musiker, Historiker und Ratgeber

    09.07.2024 · 21 Min.

    Sie sind und waren die Historiker der oralen Kultur in Westafrika, aber ihre Rolle geht weit darüber hinaus: Griots und Griottes sind Schlichter und Vermittler bei sozialen Konflikten und bemühen sich um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Angesichts von politischen Konflikten rufen viele von ihnen zu Frieden auf. Von Bettina Rühl (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Bettina Rühl Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Gabi Hinterstoisser, Clemens Nicol Technik: Susanne Harasim Redaktion: Susanne Poelchau Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. RadioWissen hat noch weitere spannende Folgen zum Thema: Warum Menschen erzählen - Geschichten und Sprachverwendung JETZT ANHÖREN Frieden - Persönliche Sehnsucht - Politische Utopie JETZT ANHÖREN Afrikas Ubuntu - Die Philosophie der Menschlichkeit JETZT ANHÖREN

  17. Die Erfindung von Währungen - Bancor, Terra, Globo

    05.07.2024 · 22 Min.

    Ideen für internationale Währungen gibt es immer wieder. Heute macht der Bitcoin Schlagzeilen. Historisch ist der Bancor das bekannteste Beispiel. Er sollte nach dem 2. Weltkrieg eingeführt werden, scheiterte aber am Widerstand der USA. Warum konnte sich bislang keine Weltwährung durchsetzen? Autorin: Maike Brzoska Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Peter Lersch Technik: Daniela Röder Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Tobias Heidland, Professor für VWL an der Universität Kiel und Leiter des Forschungszentrums „Internationale Entwicklung“ am Institut für Weltwirtschaft Philipp Degens, Sozialwissenschaftler an der Universität Hamburg. Stephan Schulmeister, österreichischer Wirtschaftsforscher und Publizist Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  18. Saß beim Schach - Der D-Day in der Literatur

    04.07.2024 · 23 Min.

    Am 6. Juni 1944 landen alliierte Truppen in der Normandie - das Schicksal von Nazi-Deutschland ist besiegelt! Etliche Schriftsteller, darunter Ernest Hemingway, Stefan Heym, Thomas Mann und Jean-Paul Sartre berichten über diesen folgenschweren Tag. Autor: Joachim Scholl Credits Autor dieser Folge: Joachim Scholl Regie: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Caroline Ebner, Stefan Merki Redaktion: Andra Bräu Quellenhinweise finden Sie im Manuskript Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Achtung, Achtung, hier ist die BBC London. Wir senden nun Mitteilungen in französischer Sprache: (kurze Pause) – „Les anglots longs de violons de l’automne / Blessent mon coeur d’une langue montone...“ / Atmo stehen lassen, darauf Sprecherin) SPRECHERIN „Les anglots longs de violons de l’automne / Blessent mon coeur d’une langue montone...“ – „Das lange Schluchzen herbstlicher Geigen / Die mein Herz mit langweilender Mattigkeit verwunden“ – an einem Dienstag, in der Nacht zum 2. Juni 1944 erklingt im britischen Rundfunk französische Poesie. Nur die ersten beiden Zeilen von „Chanson d’Automne“, aus dem Gedicht „Herbstlied“ von Paul Verlaine. Aber das genügt, die Empfänger reagieren wie elektrisiert. MUSIK ENDE Es ist eine literarisch verschlüsselte Botschaft an die Résistance, die Widerstands- bewegung im besetzten Frankreich. Jahrelang haben die Untergrundkämpfer auf diese Verse gewartet, die jetzt nur eines bedeuten: Innerhalb der nächsten 48 Stunden beginnt hier, auf dem Kontinent, der große Angriff – die Invasion! SPRECHER Noch einmal wird die Geduld der Résistance auf eine harte Probe gestellt. General Dwight D. Eisenhower, der amerikanische Oberbefehlshaber der alliierten Landungstruppen, hat den Invasionstermin auf den 4. Juni gelegt. Drei Millionen Soldaten sind an der südenglischen Küste zusammengezogen. Mehr als 5000 Schiffe drängeln sich in den Häfen am Kanal. 7000 Kampf- und über 2000 Transportflugzeuge stehen bereit. Doch dann schlägt das Wetter um, Sturm kommt auf. Die erste Welle an Schiffen, die bereits unterwegs ist, muss umkehren. Das Warten wird unerträglich. MUSIK „Verklärte Nacht, op 4.“; ZEIT: 00:47 ZITATOR In der ganzen Welt fragten sich die Menschen, wann es soweit sein würde, und nicht wenige beteten. Aber nirgends war die Spannung größer als ins London. Hier fühlte man das Drama, auf beinahe schmerzend körperliche Weise. Es war so nah, nur eine Stunde entfernt, bis zur Küste im Süden. MUSIK ENDE SPRECHERIN (auf Musik) Der kanadische Kriegs-Korrespondent Lionel Shapiro in seinem 1956 veröffentlichen Roman „The 6th of June“, „Der 6. Juni“: MUSIK „Verklärte Nacht, op 4.“; ZEIT: 00:23 ZITATOR Die Menschen gingen in die Pubs, um die endlosen Abende zu verkürzen. Hier war es am schlimmsten. Die Lokale waren voll und trotzdem tödlich still. Warum nur? Es ist diese verdammte Warterei, sagten die Leute zu sich, aber es war der Tod an den Stränden, an den sie in Wahrheit dachten. MUSIK ENDE O-Ton engl. BBC-Kriegsberichterstatter 0’57 / mit Voice over „The Canal troops are landing, they are landing all around me, as I speak, red and white parachutes fluttering down, in perfect formation…” SPRECHERIN Am 6. Juni ist „D-Day“, Decision Day, der Tag der Entscheidung. Ab 1.00 Uhr nachts landen 18.000 britische und amerikanische Fallschirmjäger im Hinterland der normanischen Küste zwischen Sainte-Mère-Église und Caen. Sie treffen auf einen völlig überraschten Gegner. Niemand bei der deutschen Heeresleitung hat den Angriff zu diesem Zeitpunkt erwartet. Auch nicht der Schriftsteller Ernst Jünger, der als Offizier im Generalstab von Paris stationiert ist. Zwei Tage nach der Landung schreibt er in seinem Tagebuch: ZITATOR Am gestrigen Tag bei General Speidel in La Roche-Guyon. Wir fuhren gegen Mitternacht zurück. Auf diese Weise verpassten wir um eine Stunde das Eintreffen der ersten Meldungen über die Landung. Sie wurde am Morgen bekannt und überraschte viele. Die ersten abgesprungenen Kräfte wurden nach Mitternacht festgestellt. Zahlreiche Flotten und mehrere tausend Flugzeuge traten bei den Operationen auf. Es handelt sich ohne Zweifel um den Beginn des großen Angriffs, der diesen Tag historisch machen wird. SPRECHERIN Und Adolf Hitler? Der „Führer“ weilt in Berchtesgaden und verschläft den Vormittag. Seit 5 Uhr 30 rollen die Angriffswellen gegen die Strände der Normandie, um 10 Uhr 15 traut man sich endlich, Hitler zu wecken. Im Morgenmantel empfängt er die Nachricht. Dann verstreichen entscheidende Stunden, der selbsternannte Oberbefehlshaber der Wehrmacht zögert, die bereitstehenden Panzer-Divisionen in Marsch zu setzen. MUSIK privat Take 005 “The Winter Soldier”; Album: Captain America The Winter Soldier (Original Motion Picture Soundtrack); Label: Hollywood Records – D0001911602; Interpret: Gavin Greenaway; Komponist: Henry Jackman; ZEIT: 00:35 Generalfeldmarschall Rommel, der Oberkommandierende der deutschen Truppen in Frankreich, fleht Hitler förmlich an. Am Nachmittag, viel zu spät, gibt er endlich den Befehl. Erst am späten Abend wird die Invasion in Deutschland bekanntgemacht. MUSIK hoch SPRECHER Als Ernst Jünger in der Nacht zum 6. Juni durch Paris fährt, hätte er zwei französischen Schriftstellern begegnen können: Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. MUSIK ENDE Sie kommen gerade von einer Party, es wurde getrunken, gesungen, gelacht, Albert Camus hatte wie wild getanzt. In ihrer Autobiographie schreibt Simone de Beauvoir: ZITATORIN Wir gingen mit Olga und Bost zur ersten Metro und begleiteten die beiden bis zum Montparnasse. Die Place de Rennes lag verlassen im fahlen Licht der Morgendämmerung. Plakate an der Bahnhofsmauer verkündeten, dass der Zugverkehr eingestellt sei. Was ging vor? Ich schlief fünf oder sechs Stunden. Als ich erwachte, drang die Stimme eines Radios durch mein Fenster. Sie sagte lang erwartete, unglaubliche Dinge, ich sprang aus dem Bett. Die anglo-amerikanischen Truppen hatten in der Normandie Fuß gefasst! Die Tage, die nun kamen, waren ein einziges Fest. Die Leute lachten einander zu, die Sonne strahlte – und wie fröhlich waren die Straßen. SPRECHER Jean-Paul Sartre zeigt weniger Enthusiasmus, er fühlt sich unschön abgelenkt. hat nur Sinn für sein neues Theaterstück „Huis Clos - bei Geschlossene Geellschaft“, das in diesen Tagen Premiere feiern soll. – Viele tausend Kilometer entfernt, im kalifornischen Exil, ist ein anderer Dramatiker von Weltgeltung ebenfalls ganz auf seine Arbeit konzentriert. Genau am Invasionstag vollendet Bertolt Brecht den „Kaukasischen Kreidekreis“. Dann geht er ins Kino. In seinem „Journal“ verzeichnet er diesen Eintrag: ZITATOR 6. Juni 1944. – Ich kam mit Homolka und Karin aus dem Film „Memphis Belle“ – der Flug einer Flying Fortress nach Wilhelmshaven – und saß schon wieder beim Schach, als Hanns Eisler telefonierte, die Invasion in Frankreich habe eingesetzt. Das Radio spie Nachrichten, ein Augenzeuge sprach schon von der Normandie aus. (( Barbara sagt, dass die Lehrerin für Social Science die Invasion nicht mit einem Wort berührt hätte, auch Steff hörte nahezu keine Äußerungen an der Universität. Winge berichtet, ein Mann hätte zu ihm gesagt: „Da regen sich nur die Fremden auf und die, die Verwandte drüben haben bei der Armee.“) ) SPRECHERIN In Brechts Nachbarschaft wird die Nachricht mit größerem Interesse aufgenommen. Der berühmteste Schriftsteller des deutschen Exils, Thomas Mann, feiert ausgerechnet am D-Day Geburtstag. Am Abend notiert er in sein Tagebuch: ZITATOR Pacific Palisades, Dienstag, den 6. Juni. – Mein 69. Geburtstag. Stand halb neun Uhr auf. Während Katja mir ihre Geschenke zeigte, rief Mrs. Meyer aus Washington an, von der ich, bevor ich die Zeitung gesehen, erfuhr, dass die Invasion Frankreichs bei Caen, Calais, Le Havre begonnen hat. Eigentümliches Zusammentreffen. Beim Frühstück die Zeitungsnachrichten. Die Meyer erklärte, befriedigende direkte Nachrichten aus dem Kriegsministerium zu haben. Spannung auf koordinierte Aktionen der Russen. Telephon mit den Franks. Man erwartet eine weitere Ansprache des Präsidenten. Regie: O-Ton / Amerik. Nachrichtensprecher (In OF: ab 12‘36) „Ladies and Gentlemen, the President of the United States…” SPRECHERIN Tags zuvor hat Franklin D. Roosevelt im Rundfunk den Einmarsch alliierter Truppen in Rom verkündet. Nun wendet sich der amerikanische Präsidente erneut an sein Volk: Regie: O-Ton / Roosevelt TC 12:36-13´42 My fellow Americans! Last night when I spoke to you about the fall of Rome I knew at that moment that troops of the United States and our allies were crossing the channel.” DARÜBER ZITATOR Liebe Mitbürger. Gestern Nacht, als ich zu Ihnen sprach, über den Fall von Rom, wusste ich in diesem Moment bereits, dass Truppen der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten den Kanal überquerten. Bis jetzt waren wir erfolgreich. Und so bitte ich Sie, in dieser kritischen Stunde, mit mir zu beten... SPRECHERIN Genau zu dieser Zeit arbeitet Thomas Mann an seinem Roman „Doktor Faustus – Die Geschichte des Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“. Serenus Zeitblom heißt der eher furchtsame, brave Chronist, und in die Rekapitulation der tragischen Biographie Leverkühns mischt der Erzähler aktuelle Beobachtungen und Reflexionen. Am 23. Mai 1943 setzt der Roman ein, an diesem Tag beginnt Thomas Mann mit der Niederschrift. Im Juni 1944 befindet er sich im 33. Kapitel. Und die sensationelle Nachricht aus der Wirklichkeit diktiert ihm die Fiktion. MUSIK „Verklärte Nacht, op 4.“; ZEIT: 00:48 ZITATOR Die Invasion Frankreichs, als Möglichkeit längst anerkannt, hat sich vollzogen – eine mit vollkommener Umsicht vorbereitete technisch-militärische Leistung ersten oder überhaupt neuen Ranges, und bald waren es der zu Strande gebrachten Truppen, Tanks, Geschütze und jederlei Bedarfe mehr, als wir wirder ins Meer zu werfen vermochten. Cherbourg hat nach heroischen Radiogrammen des Kommandierenden Generals an den Führer kapituliert, und seit Tagen schon tobt eine Schlacht, deren Streitgegenstand die normannische Stadt Caen ist. MUSIK ENDE Regie: O-Ton / Dt. Kriegsberichterstatten 0’15 (In OF: 21’08) „Hier hart an uns vorbei heulen die Granaten der englischen Artillerie, sie beschießt den Dorfrand hinter unserem Rücken, wo man anscheinend Fahrzeug- bewegungen erkannt hat. In der Talsohle vor uns sind die grauen Ruinen und zerfetzten Baumstümpfe eines total, bis auf das letzte Haus heruntergebrannten Dorfes zu sehen. . MUSIK „Hydra“; ZEIT: 02:03 SPRECHER Um 3.30 Uhr hat der Feuerschlag begonnen. Tausende von Schiffsgeschützen beschießen die deutschen Befestigungsanlagen. In der Luft ist die gesamte Bomberflotte im Einsatz. Noch warten die über 4000 Landungsboote im sicheren Schutz der Geleitschiffe. Die alliierte Führung hat den 30 Kilometer langen Küstenstreifen in fünf Landezonen eingeteilt. Im Abschnitt „Utah“ und „Omaha“ landen amerikanische Soldaten, und in einem Boot vor „Omaha Beach“ sitzt mitten unter den durchnässten und frierenden G.I.s der weltberühmte Romancier Ernest Hemingway. Als Kriegs-Korrespondent hat er schon zuvor von vielen Fronten berichtet. Die Invasion sollte die Krönung für den Boxer, Stierkampf-Liebhaber und notorischen Macho sein. Seinen Wunsch, gleich in der ersten Angriffs-Welle mitzufahren, lehnt das alliierte Presse-Ministerium entsetzt ab – den ersten Lande-Einheiten werden wenig Überlebens-Chancen eingeräumt. Man rechnet mit 10.000 Toten, eine Zahl, die sich als realistisch erweisen sollte. Hemingway darf in die siebte Welle! ZITATOR Wir näherten uns der Küste im Morgengrauen. Das Landungsboot war sechsundreißig Fuß lang und sah aus wie ein Sarg. Er nahm viel Wasser über, das in grünen Schauern auf die Stahlhelme der Soldaten prasselte, die Schulter an Schulter hockten, in der steifen, ungeschickten, ungemütlichen, einsamen Genossenschaft von Männern, die in die Schlacht gehen. Unter der Back des stählernen Boots lagen Kisten voll TNT, mit Gummischwimmwesten umwickelt, um in der Brandung zu schwimmen, und Bazookas in Haufen und Kisten voll Bazooka-Raketen, und alle diese Munitionspacken steckten in wasserdichten Plastikhüllen wie die College-Girls, wenn’s regnet. Voraus war die französische Küste zu sehen. MUSIK ENDE SPRECHERIN Der Reporter Hemingway war auf „Omaha Beach“ gelandet; im südlichsten Abschnitt „Utah“ liegt der einfache Gefreite Jerome D.Salinger im Sand. Der spätere Verfasser von „Der Fänger im Roggen“ wird nur ein einziges Mal in seinem Leben von diesem Tag erzählen, leicht angetrunken, auf einem Veteranentreffen, sonst hätte die Welt nie davon erfahren. SPRECHER Dort, wo die Einheit von Jerome D.Salinger gelandet ist, trifft sie auf den heftigsten Widerstand der Deutschen. Hier sind die Verteidigungsanlagen am besten ausgebaut. Minenfelder, Sperrhöcker, Stacheldraht und in den Sand getriebene Balken machen die Landung von Panzern und Fahrzeugen schier unmöglich. Diese Balken heißen im Jargon der deutschen Landser „Rommelspargel“. Sie liefern, bald 15 Jahre später, dem Schriftsteller Günter Grass den Anlass für ein satirisches Gedicht in seinem Roman „Die Blechtrommel“. Im Sommer 1944 ist der Held Oskar Matzerath Mitglied in einer Fronttheatertruppe. Man gastiert in Frankreich. Während eines Picknicks auf den Betonbunkern des „Atlantik-Walls“ wird spontan gedichtet. Künstlerin Kitty sagt die Verse auf: Regie: Blechtrommel-Wirbel MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 00:53 ZITATORIN Noch waffenstarrend, mit getarnten Zähnen Beton einstampfend, Rommelspargel Schon unterwegs ins Land Pantoffel, Wo jeden Sonntag Salzkartoffel Und freitags Fisch, auch Spiegeleier: Wir nähern uns dem Biedermeier (Trommelwirbel) ((Noch schlafen wir in Drahtverhauen Verbuddeln in Latrinen Minen Und träumen tags darauf von Gartenlauben, Von Kegelbrüdern, Turteltauben, Vom Kühlschrank, formschön Wasserspeier: Wir nähern uns dem Biedermeier! (Trommelwirbel) Muss mancher auch ins Gras noch beißen Muss manch ein Mutterherz noch reißen Trägt auch der Tod noch Fallschirmseide Knüpft er doch Rüschlein seinem Kleide Zupft Federn sich vom Pfau und Reiher Wir nähern uns dem Biedermeier! )) Blechtrommel-Wirbel SPRECHER Anderntags ist der Spaß vorbei, wird das Künstlervölkchen vom Angriff der Alliierten überrascht, Oskars Freundin Roswitha von einer Granate getötet. SPRECHERIN Tausende Kilometer entfernt, tief im Osten, empfängt ein weiterer späterer deutscher Literatur-Nobelpreisträger die Nachrichten aus der Normandie. Seit fünf Jahren, vom ersten Tag des Krieges an, marschiert der Infanterist Heinrich Böll durch den Schrecken. Er wird schwer verwundet und kommt nur knapp mit dem Leben davon. Die Landung der Alliierten lässt Böll hoffen. Sehnsüchtig schreibt er gleich am 7. Juni aus einem ungarischen Lazarett an seine Frau Annemarie: ZITATOR Gestern Abend erfuhren wir alle mit großer Erregung und Erwartung von der Invasion im Westen. Das ist ein unglaublich wichtiges Ereignis, diese Invasion, das kann wirklich zur Entscheidung des Krieges noch in diesem Jahr führen; wäre es nicht toll, wenn uns endlich einmal ein Zeichen vom Beginn des Endes leuchten würde, ach, dieser wahnsinnige, verbrecherische Krieg muss bald zu Ende gehen! Regie: O-Ton Winston Churchill (In OF: 33’41) “We tried again and again to prevent this war... ZITATOR „Immer wieder haben wir versucht, diesen Krieg zu verhindern“, hat der britische Premierminister Winston Churchill im November 1939 gesagt. Regie: O-Ton kurz hochziehen „...which should not have happened… ZITATOR 1 “Aber jetzt sind wir im Krieg, und wir warden Krieg führen, und wir warden ihn solange führen, bis die andere Seite genug davon hat. Regie: O-Ton kurz hochziehen „...until the other side has had enough of it.“ SPRECHERIN Am 11.Juni vereinigen sich die alliierten Brückenköpfe zu einer geschlossenen Front, die Invasion ist endgültig gelungen – mehr als eine halbe Million Soldaten und 90.000 Fahrzeuge stehen auf französischem Boden. Es wird nur noch zwei Monate dauern, bis die Streitmacht Paris erreicht. Am 25. August wird die Hauptstadt befreit. - Als passionierter und bekannter Schriftsteller wird Winston Churchill ebenfalls über die Invasion und den Siegeszug der Alliierten schreiben, in seinem Buch „Der Zweite Weltkrieg“ – noch vor Abschluss des sechsbändigen Werks erhält er dafür 1953 den Literatur-Nobelpreis. SPRECHER Im selben Jahr 1948, als der erste Band von Winston Churchills Kriegs-Memoiren erscheint, kommt in New York der Roman eines deutschen Schriftstellers auf den Markt: „The Crusaders“ – ein weitgespanntes 800-Seiten-Epos, das nach der Landung der Normandie einsetzt, die Befreiung Frankreichs beschreibt, die Schicksale von Amerikanern und Deutschen gleichermaßen schildert und bis zur Eroberung Deutschlands reicht. Der Verfasser heißt Stefan Heym! – SPRECHERIN Als Technical Sergeant hat er im Presse-Korps der 12. US-Armee die Invasion aus nächster Nähe erlebt, es ist für ihn auch die Wiederkehr nach Europa! – 1933, mit zwanzig Jahren, war der Sohn einer jüdischen Kaufmanns-Familie nach dem Reichtagsbrand aus Deutschland geflohen. In den USA wurde er zum Amerikaner und erfolgreichen Schriftsteller, 1943 meldete er sich freiwillig zum Militär. Im Einsatz in Frankreich arbeitet er für die Feindaufklärung, verfasst Flugblätter und Ansprachen, die über Lautsprecher die deutschen Soldaten zur Aufgabe bewegen sollen. Im Roman hat Stefan Heym eines dieser von ihm entworfenen Flugblätter eingebaut: ZITATOR ... wofür kämpft Ihr? Um einen verlorenen Krieg zu verlängern, einen Krieg, der Europa vernichtet, einen Krieg, der euch selbst vernichtet. Fünf Jahre lang habt ihr gekämpft. Milllionnen sind in Russland gefallen, und täglich nähern sich die Russen der deutschen Grenze. Die Front im Westen rollt donnernd vorwärts. Wenn ihr euch noch retten wollt, wenn ihr Deutschland noch retten wollt, gibt es nur einen Ausweg: SCHLUSS MACHEN! SPRECHERIN Stefan Heym wird nach dem Krieg zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der jungen DDR. „The Crusaders“ erscheint dort 1950 unter dem deutschen Titel „Kreuzfahrer von heute“, in Westdeutschland wird die Ausgabe später „Der bittere Lorbeer“ heißen. Für seine militärischen Dienste wird Stefan Heym von den USA mit dem Bronze Medal Star ausgezeichnet. – Und in seinem Flugblatt hat er die Wahrheit gesprochen: Am 22. Juni, zwei Wochen nach der Invasion, sind 200 Divisionen der Roten Armee zur Offensive im Osten angetreten, sie sind den Deutschen fünffach überlegen. Überall nun brechen die deutschen Fronten zusammen. Regie: Musik / unter Text SPRECHER Jetzt beginnt das Ende. Auch Serenus Zeitblom hat die Nachrichten gehört. In Kalifornien lässt Thomas Mann seinen ängstlichen Helden um Deutschland zittern: MUSIK „Verklärte Nacht, op 4.“; ZEIT: 01:12 ZITATOR Kein Halten mehr! Seele, denk‘ es nicht aus. Wage nicht, zu ermessen, was es heißen würde, wenn in unserem extremen, durchaus einmalig-furchtbar gelagerten Fall die Dämme brächen und es kein Halt mehr gäbe gegen den unermesslichen Hass, den wir unter den Völkern ringsum gegen uns zu entfachen gewusst haben. (...) Das Strafgericht – es komme! Nichts anderes bleibt mehr zu hoffen, zu wollen, zu wünschen. (...) Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei eurer armen Seele gnädig!

  19. Die Landung der Alliierten in der Normandie

    03.07.2024 · 23 Min.

    Gedenkveranstaltungen zum D-Day gehören für die Bewohner der Landungsstrände in der Normandie zum Jahresablauf. Staatsoberhäupter reisen an, Veteranen werden geehrt. In diesem Jahr zum 80. Mal. Sie feiern die Befreiung Frankreichs von deutschen Besatzern. Bei der Invasion der Alliierten wurden auch viele normannische Orte komplett zerstört. Ein Drittel aller getöteten französischen Zivilisten im 2. Weltkrieg kam während dieser knapp drei monatigen "Operation Overlord" ums Leben. Wie denken Franzosen heute über den D-Day? Ein Besuch im kleinen Ort Courseulle-sur-mer in der Normandie. Von Andrea Burtz Credits Autorin dieser Folge: Andrea Burtz Regie: Ron Schickler Es sprachen: Katja Bürkle, Ron Schickler, Andreas Neumann, Hemma Michel Technik: Robin Auld Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Romain LeChartier, Pensionswirt Samuel LeVasseur, Friedhofsgärtner Mathieu, Surfer Corinne Vervaeke, Fremdenführerin Philippe Vervaeke, Fremdenführer Eric Tabaud, Karussellbesitzer, Fotosammler Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN (flüsternd) TON 1 Ich habe immer dasselbe Gefühl, wenn ich das Alter dieser Soldaten lese. Ich bin jetzt 30, die meisten sind jünger als ich. Der Älteste, der hier begraben ist, war 34. Ich habe Mitgefühl, wenn ich mich in ihre Lage versetze, mir ihre Lebenswege vorstelle. Was wohl im Moment der Landung in ihren Köpfen vorgegangen ist, und als sie sich entschlossen haben, herzukommen. Sie hatten keine Wahl. Auf Friedhöfen herrscht immer diese Stimmung von Ruhe und Gelassenheit. Atmo Friedhof SPRECHERIN Es ist ein sonniger Morgen in Bény-sur-mer (benie sür mär). Romain (Romˈɛ̃ː) ist der einzige Besucher auf dem kanadischen Soldatenfriedhof. Er stammt aus dem Nachbarort Courseulles (kúrsöll)und betreibt dort eine kleine Pension. Sein Blick schweift über die einheitlichen Grabsteine der 2.049 jungen Kanadier, die in den ersten Wochen der Normandie-Invasion im Juni 1944 gefallen sind. Auf jeder weißen Stele sind unter einem Ahornblatt Name, Rang und Todesdatum eingraviert. Dazwischen blühen Narzissen, Iris und rote Tulpen. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN, TON 2 Es ist unvorstellbar. Jetzt sogar noch mehr. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass sowas heute nochmal passieren könnte. Dass Menschen sechstausend Kilometer auf einem Schiff oder in einem Flugzeug hinter sich bringen, um ein Land zu retten, das sie gar nicht kennen. Ich glaube, wenn man heute Leute zwischen 20 und 30 fragen würde, ob sie in der Lage wären, das zu tun, würden 99% „nein“ sagen. Es ist unvorstellbar, und das macht das Ganze noch stärker. ATMO Friedhof FREISTEHEND, SAMUEL LEVASSEUR, TON 3 Je suis jardinier. Ca fait 30 ans que je fais le travail pour le cimetière. SPRECHERIN Samuel Levasseur (samüäl lövassör) ist seit 30 Jahren der einzige Gärtner des Soldatenfriedhofs. Im Ort heißt es, es sei der schönste der Region. Denn Samuel sorgt dafür, dass er ganzjährig blüht. Im Juni, zum Jahrestag der Landung, setzt er Klatschmohn. Damit schmückten schon die Einheimischen im Frühsommer 1944 die Gräber. Dem Gärtner ist es wichtig, den Gefallenen jeden Tag aufs Neue seine Ehre zu erweisen. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG SAMUEL LEVASSEUR TON 4 (Samuel, ov) Am Ende bleiben nur ihre Gräber. Ich bepflanze sie, damit sie hübsch aussehen, und um ihnen zu huldigen. Ein wunderschöner Tribut, den ich zollen kann. In diesem Jahr ist es vielleicht das letzte Mal, dass wir den Gedenktag mit Veteranen begehen. Zum Glück konnten wir die Andenken dieser Männer bewahren, ich habe einige gesammelt. Sie sollen nicht vergessen werden. MUSIK Moonbow 01:00min SPRECHERIN Manche Angehörige hinterlassen Hochzeitsfotos, handgeschriebene Nachrichten und sogar Schmuck auf den Gräbern. Nach einer Weile entfernt Samuel Levasseur die verwitterten Gegenstände, damit der Gesamteindruck der Gedenkstätte nicht gestört wird. Aber er hebt all diese Dinge auf und beantwortet Besuchern Fragen. Die 30 Jahre Arbeit zwischen den Grabsteinen junger Soldaten haben ihn geprägt. SPRECHERIN OV ÜBERSETZUNG CORINNE VERVAEKE; TON 5 Er ist ein Poet! Seine Verse sind sehr bewegend, er schreibt wunderschöne, schlichte Gedichte, besonders über die Kanadier. Wenn er es mal wagt, seine Gedichte anderen vorzulesen –Samuel ist sehr schüchtern! – dann weinen alle. Sie sind so schön, dass alle in Tränen ausbrechen. SPRECHERIN Fremdenführerin Corinne Vervaeke (Corinn Fövaake) hat mit Besuchergruppen schon oft den Soldatenfriedhof Bény und seinen Gärtner besucht. Sie kennt seine Gedichte. SPRECHERIN OV ÜBERSETZUNG CORINNE VERVAEKE, TON 6 Sie sind sehr kurz, nur wenige Zeilen. Er erzählt zum Beispiel vom Soldaten, der seine Familie in der Ferne zurücklassen muss, der das Meer überquert, auf normannischem Sand fällt und schließlich für immer in der Erde der Normandie schläft, weit entfernt vom gelobten Land. SPRECHERIN An manchen Tagen kommen bis zu sechs Touristenbusse zum Soldatenfriedhof Bény,(Bénie) der auf einer Anhöhe liegt. Drei Kilometer Luftlinie vom Küstenabschnitt Juno Beach (engl. Aussprechen, beide Wörter) entfernt, wo die 3. Kanadische Division am 6. Juni 1944 landete. Vom Friedhof kann man in der Ferne das Meer sehen. Die winzigen bunten Punkte am Horizont sind Segel von Surfern wie Mathieu.(Matjö) Atmo WIND MEER SPRECHER 1 OV, ÜBERSETZUNG SURFER MATTHIEU TON 6 Je nach Windrichtung ist es ein besonders beliebter Spot für alle Windsurfer. Wenn wir auf dem Wasser sind, sehen wir das große Kreuz dort, das sorgt für eine besondere Atmosphäre. Wir können wirklich relativ weit sehen, vor allem das Lothringerkreuz. Es dient uns als Orientierungspunkt, denn bis dorthin müssen wir kommen… , ah der Wind ist heute stark….)) MUSIK GBE3A2123420 The Tide Of Fear 00:45min SPRECHERIN 18 Meter ragt das Lothringerkreuz am Strand von Courseulles in den Himmel. Es wurde 1990 zu Ehren des ehemaligen Generals und Staatspräsidenten Charles de Gaulle errichtet. Am 14. Juni 1944, gut eine Woche nach dem D-Day, war de Gaulle am Juno Beach in Courseulles an Land gegangen - vier Jahre nachdem er vor dem Vichy Regime und den nationalsozialistischen deutschen Besatzern nach London ins Exil geflohen war. Das Doppelkreuz erinnert an seine Rückkehr. Die Freien Französischen Streitkräfte hatten das Symbol aus dem Mittelalter übernommen - als Gegenstück zum Hakenkreuz der Nationalsozialisten. Fremdenführerin Corinne Vervaeke packt ihre Tasche für die große Familientour zum D-Day: Original Lebensmittelkarten, Helme und Pullover von US Soldaten, ein Feldtelefon. 60 Kilo Anschauungsmaterial aus der Zeit der Besatzung und Befreiung. Die Kinder dürfen alles anfassen und ausprobieren. SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE TON 7 Das kratzt und piekt, das Feldtelefon ist schwer. Die Kinder dürfen es auf dem Rücken tragen… Damals sind die Soldaten mit ihren großen Rucksäcken ins Wasser gesprungen, sie hatten wirklich Gewicht! All das werden die Kinder ihr Leben lang nicht vergessen. Dinge anzufassen, das spricht die Sinne an und bleibt im Gedächtnis. SPRECHERIN Corinne Vervaeke hat ihr Haar mit kleinen Kämmchen zurückgesteckt, so wie es in den 1940er Jahren Mode war. Auch ihr Rock, Bluse und Schuhe stammen aus der Zeit. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, hat die Sportlehrerin sich ihren großen Wunsch erfüllt, noch ein Geschichtsstudium anzuhängen. Seither macht sie Führungen in Courseulles. Corinne stammt aus der Region und kennt den Ort. Sie betont, dass es wichtig sei, zu unterscheiden: Zwischen den großen Festlichkeiten zum Jahrestag der Landung als Dank an die Veteranen. Und dem, was französischen Zivilisten damals während der Befreiung widerfahren ist. SPRECHERIN OV, ÜBERSETZUNG CORINNE TON 9 Das war sehr schwer für die normannische Bevölkerung. Viele Häuser waren zerstört und ein Teil der Zivilisten durch die Bomben der Alliierten ums Leben gekommen. Heute muss man das alles ein bisschen vergessen, ein bisschen glätten und sich daran erinnern, dass wir dadurch heute in Frieden leben können. Passiert ist es der Generation unserer Eltern. Für uns war die Befreiung dann ein großes Glück. Für uns ist eine Erinnerung - keine gelebte Realität! SPRECHERIN Corinnes Mann Philippe (Filiep), nach 37 Jahren in der Armee nun im Ruhestand, definiert den D-Day ganz klar: SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG PHILIPPE VERVAEKE TON 10 Für uns ist die Landung tatsächlich der erste Tag eines neuen Europa. Eines friedlichen Europa. Das ist nicht der 8. Mai. Der 8. Mai markiert das Ende des Krieges. Aber der entscheidende Faktor war für uns die Landung. Hier wurde klar, dass wir aufhören müssen, ständig Kriege zu führe, und dass wir Europa schaffen müssen. MUSIK Moonbow 00:30min SPRECHERIN Interesse an der eigenen Geschichte zu wecken und Völkerverständigung zu unterstützen, ist für Philippe Vervaeke unerlässlich. Heute macht sich der Rentner für Städtepartnerschaften stark und unterstützt seine Frau bei ihren Führungen am Juno Beach. Auch er passt seine Kleidung dabei an die 40er Jahre an. Der Hobbysammler kann aus seinem eigenen Fundus schöpfen: Er trägt Uniform und Schiffchen eines Kriegsberichterstatters bei US-Armee. SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE TON 11 (Reportagig) Da ist Philippe. Wir sind am Strandabschnitt der Kanadier, aber Philipp trägt keine kanadische Uniform… SPRECHER 2 OV Übersetzung Philippe: Also Kinder – wie bin ich gekleidet? … Es steht auf der Tasche wie bei einem Camembert aus der Normandie… Ich bin ein Journalist…)) SPRECHERIN Familien aus ganz Frankreich sind mit ihren Kindern gekommen, um beim Strandspaziergang zu erfahren, was sich hier im Jahr 1944 zugetragen hat. Wo genau der bekannte Panzer einen Bombenkrater füllte, damit nachkommende Fahrzeuge über ihn hinwegfahren konnten. Warum es wichtig war, all die kleinen Brücken über dem Flüsschen „Seulle“ zu schützen und wie klein die Provianttasche eines US Soldaten war. Nachdem die Kinder noch einen restaurierten Panzer bestaunt haben, geht es direkt aufs Dach eines Bunkers – auf den sogenannten „Atlantikwall“. SPRECHERIN OV CORINNE VERVAEKE, TON 12 Also – sieht das so aus wie eine Mauer? Stehen wir auf einer Mauer? – (Kinder im Chor, FREI STEHEN LASSEN) NON! – Tatsächlich nennt man es Atlantikwall, weil es als Schutz diente. Eigentlich besteht er aber aus vielen einzelnen Bunkern. 13.O-TON: Trompetenstoß, Fliegerlärm SPRECHERIN Philippe bläst zum Appell. Zufällig schießt am Himmel ein historischer Flieger über die Köpfe der erstaunten Besuchergruppe hinweg. Am Ende gibt es noch ein Quiz: Philippe zieht Soldatenhelme aus einer Tasche, die Kinder sollen das Land seiner Herkunft erraten. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG PHILIPPE TON 14 Ja, das ist einfach – ein deutscher! Es ist das einzige Objekt meiner Sammlung, das nicht historisch ist. Der deutsche Helm gehört zum Kostüm des Films „Saving Private Ryan“, es ist eine Filmrequisite. Denn heute sind deutsche Sammlerstücke sehr, sehr teuer. SPRECHERIN Nach der zweistündigen Tour sind die Kinder beeindruckt. Was ein Soldat beim Sprung ins Meer mit sich führte und wie klein seine Essensration war, werden sie nicht vergessen. ATMO STRAND/MEER SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG SURFER MATHIEU TON 15 Es gibt hier ja direkt das Museum – aber wir schauen uns das nicht ständig an. Wir leben in Courseulles, einem Ort, der für Wassersport wie geschaffen ist. Unter den heutigen Bedingungen ist es großartig! SPRECHERIN Surfer Mathieu rollt das Segel aus, um schnell raus aufs Meer zu kommen. Am Strand kennt man sich hier unter Wassersportlern. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG SURFER MATHIEU TON 16 Ganz ehrlich? Ich habe keine Zeit, um mir all das anzuschauen, was hier sich hier zugetragen hat. Ich bin zu sehr mit meiner Arbeit beschäftigt. Die Gedenkveranstaltungen sind immer besonders, wir erleben dann die Geschichte ein bisschen noch einmal. Für uns Einheimische ist es gar nicht so leicht, da einen Platz zu bekommen. Aber es zieht Touristen an– das ist gut für die Region! ATMO Meer SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 17 Hier am Strand gibt es auch eine Surfschule, die Leute haben hier Spaß, und ich gehe dort schwimmen. Ich denke nicht an die Landung, wenn ich meinen Hund ausführe. Manchmal vielleicht, aber nicht täglich. MUSIK Sad News Story 01:27min SPRECHERIN Pensionsbetreiber Romain liebt seine Heimat, die Normandie. Die satten Wiesen, die vielen Pferde, die blühenden Apfelbäume im Frühling und natürlich das Meer. Häufig wird er von seinen amerikanischen Gästen gefragt, ob er an dem Strand wirklich baden geht, an dem so viele Soldaten ihr Leben lassen mussten. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 18 Dann antworte ich, dass ich nicht daran denke. Das mag manchem verrückt erscheinen. (…) Ich sage den Leuten dann, wenn man an jedem Ort aufhört zu leben, an dem sich etwas Schlimmes ereignet hat, egal ob ein Krieg oder etwas anderes, dann könnte man nicht mehr leben. Besonders in der Normandie. Wir haben viele solcher Orte. SPRECHERIN Seit drei Jahren betreibt der 30jährige die kleine Pension in seiner Heimat Courseulles. Ein 4000 Seelen Ort, der im Sommer von Badegästen lebt und im restlichen Jahr von Geschichtstouristen. Das Haus aus dem 18. Jahrhundert hat Romain im Bewusstsein renoviert, künftig Gastgeber für Menschen aus aller Welt zu sein, die an der Normandie vor allem die berühmte Landung interessiert - weniger ihre Landschaft. Kanadier, Engländer, Amerikaner. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 19 Natürlich kommen auch Franzosen. Für viele ist es so eine Art „Pilgerreise“, als müsse jeder Franzose einmal in seinem Leben die Landungsstrände besucht haben. Viele Eltern waren schon als Kinder hier. Egal, ob es 10, 20, 30, 40 Jahre her ist – sie sagen: „Ja, ich war mit meinen Eltern hier, ich erinnere mich!“ Der Vorteil hier ist, dass sich nicht viel verändert hat. Was vor 40 Jahren hier war, ist es auch heute noch. SPRECHERIN Touristen wollen Gräber entfernter Verwandte besuchen oder ganz speziellen Fragen nachgehen. Romain hat durch seine Gäste viel Neues über die Region erfahren, obwohl er hier aufgewachsen ist. Schon als Kind hat er all die Erinnerungsstätten und Museen mit der Familie oder Schulklasse besucht; viele Anekdoten gehört, die hier von Generation zu Generation weitergetragen werden. Die meisten Zeitzeugen sind mittlerweile verstorben. MUSIK Hidden Story Pulse 01:11min SPRECHERIN Romains Großvater beschrieb oft den unvorstellbaren Lärm der Detonationen in der Nacht des 6. Juni 1944, den er noch in Flers (flär) hören konnte. Einem Ort, der im Landesinneren 70 Kilometer von der Küste entfernt liegt. Oft erinnerte er daran, wie quälend lang die Befreiung war - der D-Day war nur der Anfang. SPRECHER 1 OV ÜBERSETZUNG ROMAIN TON 20 Caen (kɑ̃) ist im August befreit worden. Die Alliierten sind aber schon Anfang Juni gelandet. Das muss man sich mal vorstellen: Sie haben Monate gebraucht, um diese 20 Kilometer vorzudringen. Es gab unerbittliche Kämpfe, dabei wurde Caen zu 90% zerstört, 3000 Zivilisten kamen ums Leben. Die Großmutter einer Freundin erzählte immer, dass sie während der Befreiung Caens durch die Alliierten fast alle Schulkameraden verloren hatte. SPRECHERIN Im Herbst 1944 saßen noch drei Kinder in der Klasse. Ein Bild, das sich bei Romain eingebrannt hat, obwohl er es nie gesehen hat. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC, TON 21 Das Foto da wurde am 14. Juni 1944 aufgenommen, eine Woche nach der Landung. Das ist de Gaulle, dort wo das Rathaus ist … MUSIK Moonbow 00:52min SPRECHERIN Eric Tabaud (Eriq Taboh) ist stolz auf seine Sammlung. Über 10.000 Fotos hat der 63jährige Hobbyhistoriker bereits von Courseulles gesammelt und digitalisiert. Die Interessantesten präsentiert er auf seiner Internetseite. Das Museum, das sich mit der langen Geschichte Courseulles beschäftigt hat, ist seit ein paar Jahren geschlossen. Für Eric Tabaud ein Grund mehr, die Erinnerung an das kleine Industriestädtchen mit seinen Fotos lebendig zu halten. Eric ist im Ort bekannt. Seit über 100 Jahren betreibt seine Familie das historische Kinderkarussell am Strand. Großeltern, die jetzt mit ihren Enkeln kommen, sind früher selbst auf den Pferdchen und Zebras geritten. Eric sitzt oft an der Kasse. ATMO: kurzes, unübersetztes Gespräch indirekt als Atmo aufgenommen TON 22 SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 23 Es kommen viele Omas aus Courseulles zu meinem Karussell, die mich von klein auf kennen. Ich frage sie, ob sie alte Fotos haben und dann bringen sie welche mit. Sehr alte Fotos und so kann ich Ereignisse rekonstruieren… Das da sind Deutsche, die man am D-Day schon mittags festgenommen hat… Als die Deutschen damals Courseulles besetzt haben, haben sie alle Fotoapparate der Leute konfisziert. Sie wollten verhindern, dass sie den Alliierten Fotos der Befestigungsanlage zuspielen. Ein paar wenige haben ihre Apparate aber behalten und bei der Befreiung gleich wieder rausgeholt, um Fotos zu machen… MUSIK Hidden Story Pulse 00:50min SPRECHERIN Fotos von gefangenen deutschen Soldaten, von riesigen Krankenhaus-Schiffen, die Verletzte auf Bahren versorgen. Von Bunkeranlagen. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 24 All die Fotos haben mir Leute vorbeigebracht… Das sind deutsche Offiziere im Jahr 42, während der Besatzung. Aus der Zeit habe ich nur wenige Fotos, aber es gibt welche. Da – sie überwachen den Strand… Und das sind die ersten Gräber, die Kanadier ausgehoben haben. SPRECHERIN Wie viele Menschen in Courseulles haben auch Erics Schwiegereltern nach der Invasion in einem der Bunker am Strand gewohnt, weil ihr Haus zerstört war. Familie Tabaud hat den Krieg überlebt. Ihr erstes Karussell jedoch nicht. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 25 Als 1939 der Krieg ausbrach, wurde mein Großvater einberufen und das Karussell geschlossen. Mein Vater war damals 9, meine Tante 10. Die Familie besaß Land in der Nähe von Caen, züchtete Schafe und verbrachte die Winter auf den Feldern. Die Alten dachten, dieser Krieg würde niemals enden und das Karussell zu nichts mehr nütze sein. Da es kein Holz zum Heizen gab, haben sie begonnen, es zu verheizen. Nach dem Krieg haben wir dann ein neues Fahrgeschäft aus Blech bauen lassen. SPRECHERIN Als Eric Tabaud 1996 den Betrieb von seinen Eltern übernommen hat, hat er das Fahrgeschäft nach historischer Vorlage nachbauen lassen. Einhörner, Pferdchen und Boote, die noch heute hier ihre Runden drehen, sind aber nicht mehr als aus Holz, sondern aus Harz. Handgemalte Engelchen strahlen von der Decke. Die musikalische Untermalung erinnert an die Anfangstage des Traditionsbetriebs. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 26 Wir spielen hier Jahrmarktorgelmusik. In Deutschland und Holland gibt es davon besonders viel. Eines Tages, als ich einen deutschen Marsch gespielt habe, haben mir das Leute vorgeworfen, weil es doch Deutsche waren, die Krieg gegen uns geführt haben. Da habe ich gesagt: „Wir können doch nicht mit allen Menschen im Krieg bleiben, mit denen wir es irgendwann mal waren! Sonst sprechen wir irgendwann mit niemandem mehr.“ Am 6. Juni hänge ich hier am Karussell alle Flaggen auf, auch die deutsche. SPRECHERIN Krieg sei immer schlimm, und man müsse sich stets um Frieden bemühen. Damit die Grauen eines Kriegs niemals vergessen werden, müsse man an sie erinnern. SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 27 Ich organisiere in jedem Jahr einen „Erinnerungsweg“ am Juno Beach. Als die Alliierten am 6. Juni gelandet sind, starben 359 kanadische Soldaten am Strand. Sie wurden schnell in Bény begraben. Mohn war die einzige Blume, die es damals gab. Also schmückte man die Gräber damit. MUSIK Moonbow 00:50min SPRECHER 2 OV ÜBERSETZUNG ERIC TON 27 Heute male ich an Strandabschnitten 359 riesige Mohnblumen von vier bis zu zehn Metern in den Sand und lade die Menschen ein, sie zu schmücken. Mit Kieseln, Algen, Blumen - allem, was sie am Strand finden. Ich schreibe zu jeder Blume den Namen des Soldaten, sein Alter und bitte die Leute, ein Foto von ihrer Strandblume zu machen. Dann sollen sie im Internet recherchieren, ob sie noch Verwandte des Toten finden können. Sie sollen ihnen dann ein Foto ihrer Mohnblume schicken um zu zeigen, dass wir die Menschen nicht vergessen, die gekommen sind, um uns zu befreien.

  20. Schmetterlinge - Die mit den Füßen schmecken

    02.07.2024 · 22 Min.

    Das Leben eines Schmetterlings beginnt als Ei. Aus dem Ei schlüpft eine Raupe. Manche fliegen bevorzugt bei Tag, andere lieber nachts, einige sind bunt, andere einfarbig - Schmetterlinge gibt es in vielen verschiedenen Farben und Formen. Weltweit gibt es 180.000 Arten - viele sind inzwischen bedroht. Von Claudia Steiner (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Susi Weichselbaumer Es sprach: Katja Schild Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Hier gibt es weitere spannende Folgen zur Welt der Insekten und Tiere: Tiere in der Pubertät - Abenteuerlustig, impulsiv, risikofreudig JETZT ANHÖREN Ameisen - Staatenbildende Insekten der Superlative JETZT ANHÖREN Hornissen - Die Falken unter den Wespen JETZT ANHÖREN Für Schmetterlingskundler empfehlen wir außerdem die Plattform Lepiforum e.V.: EXTERNER LINK | LEPIFORUM e.V. Unsere Empfehlung für Naturinteressierte: Wilde Winkel. Bayerns Natur-Podcast „Wilde Winkel“ nimmt Dich mit auf Entdeckungstour in Bayerns wertvollste Natur. Jeden Monat geht’s in einen anderen wilden Winkel Bayerns zwischen den Alpen und der Rhön, dem Nördlinger Ries und dem Fichtelgebirge. EXTERNER LINK | SPOTIFY.COM | WILDE WINKEL. Literatur: Der Kosmos Schmetterlingsführer: Schmetterlinge, Raupen und Futterpflanzen: Schmetterlinge, Raupen und Nahrungspflanzen, Heiko Bellmann und Rainer Ulrich, 2016