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2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Literatur im Mittelalter - Zauberspruch und Minnesang
02.05.2024 · 23 Min.
Minnesang und Zaubersprüche, Vagantenlied und Spruchdichtung. Hohes Lied, Heldenepos und Fürstenlob. Welche Literaturformen erdichteten, zitierten, sangen und trugen Menschen im Mittelalter vor? Von Renate Kiesewetter (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Renate Kiesewetter Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Stefan Wilkening Technik: Andreas Lucke Redaktion: Andrea Bräu Interviewpartner/innen: Beate Kellner (Professorin; Dr.; Lehrstuhl für Mediävistik, LMU München); Alexander Rudolph (Dr.; Mediävist, LMU München) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Magie des Reims - Von Zaubersprüchen und Gedichten JETZT ANHÖREN Die Macht des Wortes - Segen, Fluch und Wortmagie JETZT ANHÖREN Gelehrte Frauen im Mittelalter - Autorinnen und Dichterinnen JETZT ANHÖREN Die Ständegesellschaft im Mittelalter - Beten, kämpfen, arbeiten JETZT ANHÖREN Medizin im Mittelalter - Der Garten der Gesundheit JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Arbeitszeit - Von der Stechuhr zum Coworking Space
01.05.2024 · 23 Min.
Mehr als ein Jahrhundert lang kämpften Gewerkschaften für geregelte Arbeitszeiten. Sie setzten den Acht-Stunden-Tag und die Fünf-Tage-Woche durch. Und heute? Sind alle flexibel. Und überarbeitet. Autorin: Maike Brzoska (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Ariane Payer, Johannes Hitzelberger, Peter Lersch, Anna Greiter Technik: Peter Preuß Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Michael Schneider, Professor an der Universität Bonn; Thomas Ertl, Professor an der Freien Universität Berlin; Birgit Blättel-Mink, Professorin an der Universität Frankfurt am Main Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik Weird instructions unter folgendem: 0´58´´ ZITATOR Berlin, den 15. November 1918. An den Vollzugsausschuss (..) SPRECHERIN Es ist nur eine Seite Papier, eng mit Schreibmaschine bedruckt. Aber es sollte das Leben von Millionen Menschen verändern. ZITATOR Die Verbände der Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben unter dem heutigen Tage vereinbart, dass das Höchstmass der täglichen regelmässigen Arbeitszeit für alle Betriebe auf 8 Stunden festgesetzt wird und Verdienstschmälerungen aus Anlass dieser Verkürzung der Arbeitszeit nicht stattfinden dürfen. SPRECHERIN Nur noch acht Stunden täglich arbeiten – und das bei vollem Lohnausgleich. ZITATOR Wir bitten den Vollzugsausschuss, diese Forderung bei den Friedensverhandlungen zu stellen und zu vertreten. Musik Weird instructions hoch und weg SPRECHERIN Angehängt an das kurze Schreiben ist das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen. Es ist benannt nach seinen beiden Verhandlungsführern: dem Unternehmer Hugo Stinnes und dem Gewerkschafter Carl Legien. Aus Nächstenliebe haben die Arbeitgeber dem Achtstundentag aber nicht zugestimmt. Vielmehr fürchteten sie sich vor revolutionären Umbrüchen. Denn am Ende des Ersten Weltkrieges schien alles möglich zu sein, sagt der Politikwissenschaftler Michael Schneider. Er ist Professor an der Universität Bonn. 01 O-TON (Schneider) Wenn in Deutschland von Räten die Rede war, von der Sozialisierungs-Forderung die Rede war, haben die Arbeitgeber befürchtet, das könnte womöglich ganz schlecht für sie ausgehen, für die deutsche Industrie, für die Eigentumsverhältnisse. SPRECHERIN Deshalb taten sie alles dafür, um den Besitzstand zu wahren und den Status Quo zu erhalten. Auch wenn sie dafür weitreichende Zugeständnisse machen mussten. 02 O-TON (Schneider) Beide haben unter dem Druck für sich rausgeholt, was für sie von zentraler Bedeutung gewesen ist: den Achtstundentag auf der einen Seite und die Sicherung der Eigentumsverhältnisse auf der anderen Seite. SPRECHERIN Es war eine große Errungenschaft für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Jahrzehntelang hatten sie dafür gekämpft. Nötig geworden war dieser Kampf, weil einige Jahrhunderte zuvor zwei Entwicklungen parallel stattfanden, welche die Art und Weise, wie Menschen arbeiten, grundlegend verändert hatten. Musik Laiser Pointer unter: 0´13´´ SPRECHER Von Uhren und Städten - Als Zeit zu Geld wurde. Musik Laiser Pointer weg SPRECHERIN In früheren Zeiten hatten sich die Menschen nach dem Stand der Sonne gerichtet, um die Tageszeit zu bestimmen. Um das Jahr 1300 kommen die ersten mechanischen Uhren auf, sagt der Historiker Thomas Ertl. Er ist Professor an der Freien Universität Berlin. 03 O-TON Ertl Und nun ist es zum ersten Mal möglich, die Zeit über den Tag hinweg - genau - zu messen. SPRECHERIN Damit lässt sich auch die Zeit, die jemand arbeitet, exakt bestimmen. Parallel dazu beginnt eine andere Entwicklung: Immer mehr Menschen ziehen in die Städte. 04 O-TON Ertl In der gleichen Zeit, seit dem hohen Mittelalter, befinden wir uns in einer wirtschaftlichen Expansionsphase. Es beginnt in Europa ein Prozess der Urbanisierung und der Diversifizierung im Arbeitsleben. Musik: Dogged Pathology unter: 1´02´´ SPRECHERIN Bis dahin hatten die Menschen das meiste, was zum Leben nötig war, in der Familie selbst hergestellt. Tagsüber ackerten sie auf dem Feld, abends erledigten sie noch Handarbeiten. Oft gab es Knechte und Mägde, die in der Familie mitarbeiteten und dafür Kost und Logis bekamen. In den Städten löst sich dieses traditionelle Gefüge langsam auf. Es entstehen Handwerksbetriebe. Die Aufträge kommen oft von den Städten selbst. Stadtmauern, Straßen, Abwasserkanäle – die Betriebe beschäftigen dafür bald Lehrlinge und Gesellen. Damit kommt eine neue Form der Arbeitsorganisation ins Spiel: die Lohnarbeit: So selbstverständlich uns das heute erscheint, so neu war sie damals. Ein Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin bekommt eine vereinbarte Summe Geld für eine festgelegte Anzahl von Stunden. Musik: Dogged Pathology weg 05 O-TON (Ertl) Als technische Unterstützung hängen Uhren an Türmen, an Rathäusern. Auf die Art und Weise wird die Tageszeit normiert und ist für alle erkennbar. SPRECHERIN Das, was im Mittelalter ganz allmählich beginnt, breitet sich mit Beginn der Industrialisierung immer weiter aus. Musik Laiser Pointer unter: 0´08´´ SPRECHER Von Fabriken und Maschinen - Arbeitskraft als Massenware. Musik Laiser Pointer weg SPRECHERIN In Bayern entstehen die ersten Fabriken ab den 1820er Jahren, zunächst in Nürnberg, wo mithilfe von Maschinen Textilien hergestellt werden. In Augsburg gründen sich bald Unternehmen, die Metall verarbeiten. 06 O-TON (Schneider) Die hohen Investitionen in die Fabriken, in die Maschinen drängten natürlich die, die in die Maschinen investiert hatten, also die Unternehmer, möglichst lange Maschinenlaufzeiten herzustellen. Und dies wiederum bedeutete, dass man mit dem Beginn der Industrialisierung eine deutliche Verlängerung der Arbeitszeit hatte. SPRECHERIN So auch in einer Papierfabrik in Heilbronn. Deren Besitzer schreiben in einem Brief, dass dort regulär 12 Stunden am Tag gearbeitet werden. Weiter heißt es: ZITATOR Die Arbeiter verdienen sich noch weiteren Lohn durch extra Stunden, d.h. durch die Zeit, die sie mehr als 12 Stunden arbeiten. In der Regel sind sie sehr verlangend nach diesem Extra-Verdienst. SPRECHERIN Kein Wunder, denn der Tageslohn eines Arbeiters reicht gerade mal für einen einzigen Laib Brot. Der einer Arbeiterin nur für einen halben. Deshalb schuften die Menschen Mitte des 19. Jahrhunderts 14 bis 16 Stunden am Tag – an sechs Tagen die Woche. Auch Kinderarbeit ist üblich. Hauptsache, die Maschinen sind ausgelastet. 07 O-TON (Schneider) Schon dieses Wort der Bedienung der Maschine deutet ja darauf hin, wo die Priorität des Arbeitsmanagements lag, nämlich beim Maschineneinsatz. Musik: Dogged Pathology unter: 0´34´´ SPRECHERIN Dennoch ziehen immer Menschen vom Land in die Städte, um in den Fabriken Arbeit zu suchen. Grund sind unter anderem mehrere Missernten Mitte des 19. Jahrhunderts und ein starkes Wachstum der Bevölkerung. Die Zahl der Arbeiterinnen und Arbeiter wächst, bald setzen die Fabrikbesitzer Stechuhren ein. Die heißen damals passenderweise „Arbeiterkontrollapparate“. In Meyers Großem Konversationslexikon von 1897 heißt es: ZITATOR 2 Um Arbeiter bezüglich des Anfangs und Endes, beziehungsweise der Dauer ihres Arbeitstages zu kontrollieren, sind Arbeiterkontrollapparate angegeben worden. SPRECHERIN Prekäre Arbeitsbedingungen, Hungersnöte, allgemeine politische Unzufriedenheit – das alles führt Ende der 1840er Jahre zu revolutionären Unruhen in Europa. Musik Laiser Pointer C1589890129 unter: 0´13´´ SPRECHER Kampf um den Achtstundentag. Musik Laiser Pointer weg SPRECHERIN Die Arbeiterinnen und Arbeiter beginnen, sich zu verbünden. Ihr Ziel ist, gemeinsam bessere Bedingungen auszuhandeln. 08 O-TON (Schneider) Die ersten Gewerkschaften sind 1848 im Umfeld der Revolution gegründet worden, das waren die Zigarrenarbeiter und die Buchdrucker. Die Verbände sind ganz schnell verboten worden in den 50er Jahren. Aber dann in den 1860er Jahren gab es einen Boom von Gewerkschaftsgründungen. SPRECHERIN Das waren anfangs noch sehr kleine, lokal tätige Arbeitervereine. 09 O-TON (Schneider) Aber sie fingen an, kollektiv die Arbeitszeit zu regeln. SPRECHERIN Mit Erfolg. Die Arbeitszeit wird in den folgenden Jahren kürzer. Insgesamt verbessert sich die Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter. Auch weil andere gesellschaftliche Gruppen ihre Forderungen mittragen. Viele Geistliche prangern die menschenunwürdigen Bedingungen an. Hinzu kommen gesellschaftskritische Ideen wie die von Karl Marx und Friedrich Engels, die nicht nur das theoretisches Fundament für den Kampf der Arbeiterschaft legen, sondern bald selbst an der Spitze der Bewegung stehen. Auf der Internationalen Arbeiterassoziation von 1864 – der Ersten Internationale – sagt Marx in der Eröffnungsrede: ZITATOR Nach einem dreißigjährigen Kampf, der mit bewundernswürdiger Ausdauer geführt ward, gelang es der englischen Arbeiterklasse (...) die Zehnstundenbill durchzusetzen. SPRECHERIN Vereinzelt setzen sich auch Industrielle für die Arbeiterschaft ein. In Schottland beispielsweise Robert Owen, Inhaber einer Baumwollspinnerei. Von ihm soll die Formel stammen: ZITATOR 2 Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung. SPRECHERIN Der Achtstundentag ist weltweit bald die zentrale Forderung der Gewerkschaften. Auf der Zweiten Internationale von 1889 beschließen Arbeitervertreter aus 20 Ländern gemeinsam dafür zu kämpfen. 10 O-TON Schneider Und um diese Forderung zu vertreten, hat man sich gedacht, man nimmt den 1. Mai als internationalen Kampftag für das Ziel des Achtstundentages. SPRECHERIN Im Kaiserreich können die Arbeitervertreter ihre Forderung nicht durchsetzen. Vor allem Reichskanzler Otto von Bismarck ist dagegen. Das macht er 1885 im Reichstag deutlich: ZITATOR Wer empfindet nicht das Bedürfnis zu helfen, wenn er den Arbeiter gegen den Schluss des Arbeitstages müde und ruhebedürftig nach Hause kommen sieht. Aber die Spitze unserer Industrie ist die Exportindustrie. Lassen Sie die Exportindustrie konkurrenzunfähig werden mit dem Auslande und unsere ganze Industrie wird darunter leiden. SPRECHERIN Erst nach Ende des Ersten Weltkrieges ist es soweit. Mit dem Stinnes-Legien-Abkommen wird der Achtstundentag ab Januar 1919 Realität für Millionen Menschen – an sechs Tagen in der Woche wohlgemerkt. Dennoch ist es eine große Errungenschaft. Die allerdings bald schon wieder passé ist. Musik Laiser Pointer unter: 0´09´´ SPRECHER Der Kampf der Systeme - Wem gehört Vati am Samstag? Musik Laiser Pointer weg SPRECHERIN 1923 beschließt die Reichsregierung auf Druck der Arbeitgeber eine neue Arbeitszeitverordnung. Ohne eine Erhöhung der Produktivität könne das Deutsche Reich die Reparationsforderungen nicht erfüllen, argumentieren insbesondere Vertreter aus Metallindustrie und Kohlebergbau. Die neue Verordnung sieht viele Ausnahmen vom Achtstundentag vor, was die Arbeitgeber auch gerne ausnutzen. M Simple but complex behavior unter: 0´33´´ Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, spielt der Achtstundentag bald keine Rolle mehr. Die Reichsregierung will das Land für den Krieg rüsten. Die Arbeiterinnen und Arbeiter müssen zusätzliche Schichten einlegen. 1938 erlässt dann die Regierung ein neues Gesetz, das die Arbeitszeit auf 10 Stunden täglich ausweitet. Und selbst dieses Gesetz kippt sie ein Jahr später. M Simple but complex behavior weg 12 O-TON (Schneider) Das ist dann mit Beginn des Zweiten Weltkrieges außer Kraft gesetzt worden, weil man davon ausging, natürlich bei den Kriegsanstrengungen muss mehr gearbeitet werden können. Musik: Dogged Pathology unter: 1´22´´ SPRECHERIN Es sind die Alliierten, die nach dem Zweiten Weltkrieg dafür sorgen, dass die Bevölkerung durchschnaufen kann. Der Alliierte Kontrollrat setzt den Achtstundentag und die 48-Stunden-Woche wieder in Kraft. Gleichzeitig führt der Wiederaufbau dazu, dass die Wirtschaft in den 1950er und 60er Jahren boomt. Die Produktivität und die Wachstumsraten sind hoch, was sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmerseite zugute kommt. Es gibt einiges zu verteilen. 13 O-TON Schneider War eine für gewerkschaftliche Arbeit überaus günstige Zeit. SPRECHERIN Wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch wegen des ständigen Vergleichs mit der DDR. Wo lebt es sich besser? Wer schafft bessere Bedingungen für die Menschen? Die soziale Marktwirtschaft will dem Arbeiter- und Bauernstaat in nichts nachstehen. Keiner der Staaten will den Ruf haben, seine Bürger zu schinden. Kein Wunder, dass sich in beiden deutschen Staaten die Arbeitszeit ähnlich entwickelt. In der DDR legt der Staat sie fest. Im Westen setzen die Gewerkschaften per Tarifvertrag immer mehr Forderungen durch. Bald kämpfen sie für die 40-Stunden-Woche. Besonders laut trommelt die IG Metall mit ihrem Slogan: Musik: Dogged Pathology weg ZITATOR (Kind wäre gut; vielleicht auch mit Megaphon-Akustik) Samstags gehört Vati mir! SPRECHERIN Ludwig Erhard, damals Wirtschaftsminister, hält allerdings ganz und gar nichts davon. ZITATOR Ein Volk, das auf breitester Grundlage den Wohlstand mehren und auch in Arbeitnehmerhand die Vermögensbildung fördern will. Ein Volk, das, um auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben, ständig hohe Investitionen vornehmen muss. Ein solches Volk sollte sich nicht Überlegungen nach Verkürzung der Arbeitszeit hingeben. SPRECHERIN Dennoch arbeiten bald immer mehr Menschen nur noch 40 Stunden pro Woche. Den Samstag können viele Väter nun also tatsächlich mit ihren Kindern verbringen. Montags bis freitags betreuen aber in der Regel die Mütter den Nachwuchs. Seit der Nachkriegszeit dominiert in Westdeutschland das sogenannte Ernährer-Modell, sagt die Industriesoziologin Birgit Blättel-Mink. Sie ist Professorin an der Universität Frankfurt am Main. 14 O-TON (Blättel-Mink) Dass also sozusagen der männliche Part der Familie für das Familieneinkommen verantwortlich ist und die Frau für die Reproduktionsarbeit zuhause. Wir haben dann aber beobachtet ab den 1960er Jahren, dass Frauen zunehmend teilzeitbeschäftigt sind, das heißt Zuverdienerinnen sind. SPRECHERIN Im Schnitt sind Frauen also weniger erwerbstätig als die Männer. Gender Time Gap nennt die Wissenschaft das. Viele arbeiten im rasch wachsenden Dienstleistungssektor, zu dem die Teilzeit-Modelle gut passen. Seit den 1970er Jahren gibt es beispielsweise die sogenannte Kapovaz. Die Abkürzung steht für Kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit. Das bedeutet: Arbeit auf Abruf. Ein Beispiel: 15 O-TON (Schneider) Die Kassiererin an der Supermarktkasse, die, wenn der Bedarf besteht, morgens von neun bis elf Uhr arbeitet, dann kann sie nach Hause gehen, weil wenig Kunden erwartet werden. Dann soll sie von sechzehn bis achtzehn Uhr noch mal arbeiten. SPRECHERIN Vergütet wird dabei nur die Zeit an der Kasse. Solche Regelungen empfinden viele Menschen als Zumutung. Aber sie bietet auch Chancen, was Gewerkschaften lange Zeit nicht erkannt haben, sagt der Politikwissenschaftler Schneider. 16 O-TON (Schneider) Mit einer Massenfreizeitgesellschaft, einer Massenkonsumgesellschaft, mit einer Neuverteilung – beginnenden Neuverteilung muss man ja in den 70ern sagen – von Hausarbeit, Familienpflichten und Arbeit änderte sich auch der Wunsch von vielen Arbeitnehmern in Richtung mehr Flexibilisierung des Arbeitszeiteinsatzes, um die unterschiedlichen Bedürfnisse in Übereinstimmung bringen zu können. SPRECHERIN Auf der einen Seite kämpfen Gewerkschaften nun also für die 35-Stunden-Woche, die sie zum Teil auch durchsetzen können. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr atypische Beschäftigungsverhältnisse mit flexiblen Regelungen. Aber selbst das neue Arbeitszeitgesetz von 1994 spiegelt diese Entwicklungen nicht wider. Es sieht weiterhin den Achtstundentag und die 48-Stunden-Woche vor. Eine Regelung, von der sich die Realität immer weiter entfernen wird. Musik Laiser Pointer unter: 0´14´´ SPRECHER Seit` an seit` im Coworking Space. Musik Laiser Pointer weg SPRECHERIN Die neuen Möglichkeiten der Kommunikation verändern das Leben der Menschen in vieler Hinsicht. Auch die Art, wie sie arbeiten. In der Industrieproduktion sind immer weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nötig. Handgriffe sind zunehmend automatisiert. Stichwort Industrie 4.0. 17 O-TON (Blättel-Mink) Es geht darum, durchgängig auch Wertschöpfungsketten sozusagen zu digitalisieren mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien einerseits und eben diesen neuen Formen von Robotik und künstlicher Intelligenz andererseits. SPRECHERIN Welche Auswirkungen das auf die Arbeitszeit hat, hängt dabei stark von der Branche ab. 18 O-TON (Blättel-Mink) In manchen Branchen beobachten wir, dass Debatten geführt werden um eine verringerte Arbeitszeit, sagen wir mal 32-Stunden-Woche, da geht es auch um Fragen von Work-Life-Balance, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir haben andererseits durch die Digitalisierung, durch die sogenannte Plattform-Ökonomie zunehmend Arbeitsverträge, die sehr wenig konkret sind. Musik: Dogged Pathology unter: 0´58´´ SPRECHERIN Zur Plattform-Ökonomie gehören Online-Marktplätze wie Ebay oder Amazon, aber auch Vergleichsportale und Sharing- oder Lieferdienste. Um die Plattform-Ökonomie am Laufen zu halten, braucht man jede Menge Programmiererinnen, die Webseiten optimieren. Außerdem Kuriere, die Pakete oder Essen ausliefern. Und auch Influencer, die ihren Followern Einblick in ihr Leben gewähren und nebenbei Werbung machen. Viele von ihnen arbeiten freiberuflich. Manche mieten einen Platz in einem sogenannten Coworking Space, das sind Gemeinschaftsbüro, die es vor allem in größeren Städten gibt. Wann sie dort arbeiten – und wie lange – ist ihnen überlassen. Das bietet gewisse Freiräume, bringt zum Teil aber auch neue prekäre Beschäftigungsverhältnisse hervor. Musik: Dogged Pathology weg 19 O-TON (Blättel-Mink) Denken Sie zum Beispiel an die E-Roller und die Solo-Selbständigen, die diese E-Roller in den Städten sammeln, aufladen müssen und wieder an bestimmte Stellen dann auch transportieren müssen. Sie tun das häufig auf eigene Kosten und werden dann sozusagen nach bestimmten Zielvereinbarungen bezahlt. SPRECHERIN Wie viel ein Fahrer, eine Fahrerin verdient, hängt davon ab, wie viel er oder sie schafft. Und das wiederum hängt ab vom Verkehr, vom Auto, vom eigenen Fahrstil und ob der Kunde zuhause ist. Der Auftragnehmer, die Auftragnehmerin ist für sich selbst verantwortlich. Jeder kämpft für sich allein. Wer nicht genug verdient, wer kein gutes Feedback bekommt, muss seine Art zu arbeiten optimieren. Sonst gehen die nächsten Aufträge an die Konkurrenz. Eine Absicherung gibt es nicht. Das ist die Schattenseite der selbstbestimmten Arbeit. 20 O-TON (Blättel-Mink) Die Selbstausbeutung nimmt in dem Maße zu, könnte man jetzt etwas provokant sagen, wie die Fremdausbeutung, also die direkte Kontrolle durch den Arbeitgeber, zurückgenommen wird. Musik: Dogged Pathology unter: 0´51´´ SPRECHERIN Andererseits ist es nun auch möglich, seine Zeit stärker selbst zu gestalten. Die Kurierfahrerin holt mittags die Kinder von der Schule ab. Der Programmierer stellt zwischendurch die Waschmaschine an. Und die Influencerin probiert für sich Kochrezepte, die sie vielleicht auch ihren Followern vorstellen wird. Arbeit und Privates verschwimmen zunehmend. Die Corona-Pandemie hat dieser Art zu arbeiten einen weiteren Schub gegeben. Zuhause Mails beantworten und gleichzeitig die Kinder zum Lernen animieren. Oder Gemüse schnibbeln und nebenbei telefonisch Termine abstimmen. Wie viele Stunden man für was gebraucht hat, lässt sich am Ende des Tages gar nicht mehr genau sagen. Musik: Dogged Pathology weg 21 O-TON (Ertl) Ein Stück weit gehen jene Standardarbeitsverhältnisse, die nen großen Teil des 20. Jahrhunderts ausgefüllt haben, zu Ende und weichen einer Flexibilisierung, die in manchen Bereichen durchaus erinnert an die Verhältnisse vor 1800. SPRECHERIN Nur dass wir heute nicht mehr von „Heimarbeit“ sprechen, sondern im Home Office sind. Musik Laiser Pointer unter: 0´13´´ SPRECHER Die Zukunft. Musik Laiser Pointer weg Musik Weird instructions unter folgendem: 0´29´´ SPRECHERIN Wie könnte es weitergehen? Machen wir künftig keinen Unterschied mehr zwischen Erwerbs- und Hausarbeit? Oder grenzen wir die Arbeitszeit wieder stärker ab – vielleicht nicht per Stechuhr, sondern mithilfe einer Smartwatch, die uns signalisiert, dass jetzt Zeit für vier Stunden Erholung ist. Oder auch für sechs oder acht Stunden. Viele Wissenschaftler in früheren Jahrhunderten sind davon ausgegangen, dass wir in Zukunft sehr viel weniger arbeiten. 23 O-TON (Ertl) In der Mitte des 19. Jahrhunderts betrug die durchschnittliche Arbeitswoche 60 Stunden, heute beträgt sie durchschnittlich 30 Stunden. Ob sich aber in diese Richtung weiter entwickelt und hinführt zu einer Arbeitswoche von 15 Stunden, das kann wohl derzeit niemand prognostizieren. Musik Weird instructions unter folgendem: 0´27´´ SPRECHERIN Vielleicht spielt die konkrete Anzahl an Stunden aber auch immer weniger eine Rolle. Weil Arbeit und Privates sich kaum noch trennen lassen. Die Geschichte der Arbeitszeit wäre dann an ihr Ende gekommen oder müsste ein neues Kapitel aufschlagen. Musik Weird instructions weg
- Die Gewerkschaft - Lästig, aber nötig?
01.05.2024 · 24 Min.
Die Gewerkschaften haben sich in den letzten 150 Jahren zu wichtigen wirtschaftlichen und politischen Akteuren entwickelt. Doch Antworten auf die herausfordernde Transformation von Arbeit wie Gesellschaft scheinen sie schwer zu finden. Können sie den Wandel mitgestalten - und gleichzeitig selber zukunftsfähig werden? Autor: Lukas Grasberger Credits Autor: Lukas Grasberger Es sprachen: Katja Amberger und Technik: Adrian Talhammer Regie: Irene Schuck Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Frank Deppe, em. Politikwissenschaftler, Uni Marburg; Prof. Klaus Dörre, Arbeitsbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Uni Jena; Dr. Jürgen Schmidt, Gewerkschaftsforscher und Leiter des Karl-Marx-Hauses Trier; Carolin Denise Fulda, Ökonomin mit Schwerpunkt Lohn und Tarifpolitik am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Streik! Arbeitskampf für mehr Geld JETZT ANHÖREN Geschichte der Wirtschaftspolitik - Von Reinigungskrisen und Magischen Vierecken JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: Paula sucht Paula Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche. Paula sucht Paula | Folge 1/3 | Alles Geschichte - History von radioWissen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Streiks O-Ton 1 Frank Deppe, em Prof. für Politikwissenschaft, Uni Marburg „Das Jahr 2023 ist ein Jahr, in dem in Europa so viel gestreikt wurde wie seit den 70-er Jahren nicht mehr.“ Atmo Streiks nochmal hoch O-Ton 2 Deppe „Und wer streikt da? Das sind: Pflegepersonal, die, die arbeiten im Gesundheitssystem, Lehrer, Polizisten: Die ganzen Berufsgruppen, die da von England bis Portugal hinunter in Streik treten. (…) und sich zusammenschließen! Das ist untypisch. Auch Leute, die nie etwas mit Gewerkschaften zu tun hatten...“ Sprecherin …die nie etwas mit Gewerkschaften zu tun hatten, wie der Politikwissenschaftler Frank Deppe sagt. Ja, früher waren die Gewerkschafter die Fließbandarbeiter, ganz früher die Handwerker – jetzt, knapp 200 Jahre später organisieren sich Arbeitnehmer aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Und trotzdem trifft auf sie zu, was der Historiker Dr. Jürgen Schmidt für die Mitglieder der frühen Gewerkschaftsbewegung beschreibt. Damals, im 19. Jahrhundert, entstand die Gewerkschaft dort, wo Beschäftigte sich nicht nur selbst als politisches Subjekt, sondern auch in einer Gemeinschaft wahrnahmen. O-Ton 3 Dr. Jürgen Schmidt „...Man wollte als Arbeiter wahrgenommen werden, und dann eben auch verbunden mit Würde, Respekt und ner Arbeiter-Identität. (…) Und so das Wissen: Unsere körperliche Arbeit trägt zum Wohlstand - und auch zum Aufblühen von Wirtschaft, Handwerk und Industrie bei.“ Musik 2 "Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: Alexei Aigui - Länge: 0'10 Sprecherin Mitte des 19. Jahrhunderts organisierten sich die ersten Arbeiter. O-Ton 4 Schmidt „Es gab einerseits so soziale Bedingungen, könnte man das im weitesten Sinne bezeichnen, um sich zusammenzuschließen. Das waren eben überlange Arbeitszeiten von zwölf, 14 Stunden am Tag. Das waren schlechte Löhne. Es war aber eben auch diese Missachtung als Arbeiter, die Unterordnung unter den Arbeitgeber.“ Musik 3 "Diary" - Album: La marque des anges - Miserere (Bande originale du film) - Ausführender und Komponist: Max Richter - Länge: 0'28 Sprecherin Dazu kam ein historisches Momentum: Die Revolution des Jahres 1848. O-Ton 5 Schmidt „...und durch die Revolution ergaben sich eben Möglichkeiten der Teilhabe und Partizipation. Die neuen Freiheiten haben dann eben Arbeiter und Handwerker genutzt, um sich zusammenzuschließen.“ Sprecherin Den Boden für die „Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung“ – die Keimzelle der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung – hatten Handwerker bereitet. Vor allem Handwerksgesellen sahen ihre Arbeit durch den zunehmenden Einsatz neuer Maschinen wie Dampfmaschine oder mechanischen Webstuhl gefährdet, ihre handwerkliche Qualifikation entwertet. Gegen die industrielle Herstellung von Waren, gegen die neue Konkurrenz des Marktes und gegen die Gewerbefreiheit hatten Handwerks-Meister und -Gesellen anfangs noch gemeinsam aufbegehrt. Aber sie wurden immer mehr zu Kontrahenten, die Interessen entwickelten sich immer mehr in gegensätzliche Richtungen. Konnten sich die Gesellen früher ziemlich sicher sein, zum selbstständigen Handwerksmeister aufzusteigen, war das nun für die meisten unerreichbar geworden. Sie blieben abhängig beschäftigte Arbeitnehmer – im Gegensatz zu den Meistern, die Unternehmer und Arbeitgeber waren. Allerdings wussten sich die Handwerker-Gesellen zu organisieren: Jahrhunderte alte Erfahrungen aus den Zünften kamen ihnen dabei zu Gute. Sie waren die treibende Kraft bei einem Zusammenschluss der Beschäftigten, die in den neuen Industrie-Betrieben arbeiteten. Gemeinsam sollten sie nun eine neue Klasse des „Arbeiters“ bilden. Mit der so genannten „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung“ verschafften sie sich gemeinsam in großem Umfang Gehör. O-Ton 6 Schmidt „Die Arbeiter-Verbrüderung hatten eben den Anspruch, nicht mehr einzelne Berufe zu repräsentieren, sondern die Arbeiter an sich. Und das bedeutete eben auch eine Aufwertung des Arbeiterbegriffs.“ Musik 4 "Diary" - Album: La marque des anges - Miserere (Bande originale du film) - Ausführender und Komponist: Max Richter - Länge: 0'44 ZITATOR „Wir Arbeiter waren einem großen Teile der deutschen Bürgerklasse fremde, unbekannte Wesen....an welche man die dunklen Begriffe von Rohheit und Feigheit, Unbildung und Demut, Dummheit und wilder Zerstörung knüpfte; konnten wir erwarten, dass man uns in einer geschichtlichen Bewegung sah? Dass man uns als eine Klasse in der Gesellschaft betrachtete, die ihre eigene selbständige Entwicklung durchmacht?“ Sprecherin ...schrieb 1848 Stephan Born, der Gründer der Arbeiterverbrüderung. Und weiter: ZITATOR „Wir nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hände - und niemand soll sie uns wieder entreißen!“ Sprecherin Die Regierenden waren alles andere als angetan von dieser Selbstermächtigung und dem wachsenden Selbst-Bewusstsein der „neuen“ Arbeiter. Ab 1850 reagierten die Machthaber des deutschen Staatenbundes mit Repression. Die Arbeiterverbrüderung wurde verboten. Vor allem die Forderung der Arbeiter nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung galt als unbotmäßig. O-Ton 7 Schmidt „Sie forderten ja Demokratie, Republik, politische Teilhabe... und stattdessen wurden sie ausgegrenzt und sogar verfolgt. Und gerade so eine Situation schweißt natürlich zusammen - und markiert eine klare Trennungslinie zwischen denen und uns.“ Sprecherin Trotz – oder gerade wegen ihrer Verfolgung und Unterdrückung: die Arbeiter ließen sich nicht einschüchtern, sie schlossen sich 1863 zum „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ zusammen, der bald die Gründung einer „Partei der Arbeiter“ beschloss: die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Diese neue sozialdemokratische Partei wuchs und wuchs - Hand in Hand mit den Gewerkschaften ¬-, ungeachtet der Durchsuchungen und Verhaftungen, mit denen Kanzler Otto von Bismarck im neu gegründeten Kaiserreich die Arbeiterbewegung zu unterdrücken versuchte. Nach und nach erkannten Unternehmen die Gewerkschaften als Vertragspartner an: Erste Tarifverträge, also Vereinbarungen mit den Arbeitgebern auf bestimmte Löhne und Arbeitsbedingungen schlossen zunächst einige wenige Branchen - wie die Buchdrucker, Maler oder Maurer: Dann folgte der nächste Schritt und mit ihm ein Zuwachs an Macht: die Arbeitnehmerorganisationen gründeten einen Dachverband, die „Generalcommission der Gewerkschaften Deutschlands“. Erster Vorsitzender war Carl Legien – der entscheidende Weichen für die Entwicklung des deutschen Gewerkschaftswesens bis zum heutigen Tag stellen sollte: Musik 5 "Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: Alexei Aigui - Länge: 0'32 Sprecherin Er nutzte die Novemberrevolution 1918 für die Sache der Arbeiter. Unter der Drohung der Enteignung und Verstaatlichung von Industrie und Banken rang er dem Großindustriellen Hugo Stinnes die offizielle Anerkennung der Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiterschaft ab. Dies bedeutete die flächendeckende Ausbreitung und die allgemeine Verbindlichkeit von Tarifverträgen. Ein Zugeständnis mit Hintergedanken, sagt Frank Deppe. O-Ton 8 Deppe „Ziel war die Niederschlagung der Revolution. Das war sozusagen der Kern dieser Vereinbarung, der dann aber Zugeständnisse der Arbeitgeberseite an die Gewerkschaften beinhaltete.“ Sprecherin Dazu einigte man sich auf die Bildung von Arbeiterausschüssen – dem Vorläufer der heutigen Betriebsräte. Statt revolutionärer Konfrontation schrieb man also ein konstruktives Miteinander von Kapital und Arbeit im Betrieb fest. Mit dem Stinnes-Legien-Abkommen war der Grundstein für das deutsche Modell von Sozialpartnerschaft und Mitbestimmung gelegt. In den frühen Jahren der Bundesrepublik wurde diese Sozialpartnerschaft dann in Gesetzesform gegossen. O-Ton 9 Deppe „Betriebsräte und Unternehmen müssen zusammenarbeiten zum Wohle des Unternehmens.“ Sprecherin Die Gewerkschaften liefen jedoch Sturm gegen das Gesetz: Sozialpartnerschaft ja, aber nur, wenn die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gleichberechtigt vertreten sind. Dies war allerdings nicht vorgesehen. Und so kam es 1952 zum letzten legalen politischen Streik in der Bundesrepublik - und einer doppelten Niederlage für die Gewerkschaften: Denn weder der Ausstand der IG Druck und Papier, noch Massenkundgebungen der Gewerkschaften verhinderten, dass das Betriebsverfassungsgesetz zu ihrem Nachteil beschlossen wurde. Zum anderen verbot das Bundesarbeitsgericht 1954 Streiks aus politischen Gründen - sowie solche, die spontan abgehalten werden. Demnach dürfen bis heute... O-Ton 10 Deppe „...in der Bundesrepublik Deutschland nur Streiks durchgeführt werden (...), die sozial adäquat sind, also die sich auf soziale Belange des Betriebes richten oder der auch der Tarifpolitik richten, und die gleichzeitig nur von Gewerkschaften mit Arbeitgeberverbänden in der Auseinandersetzung geführt werden können.“ Sprecherin Und nicht vom Staat, der Regierung. Damit waren die Weichen für einen deutschen Sonderweg in der Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gestellt. Nicht die Fundamentalopposition gegen einen Kapitalismus, nicht die revolutionäre Umgestaltung eines als ausbeuterisch wahrgenommenen Systems prägte fortan die Arbeit der Gewerkschaften – sondern die Kooperation mit den Arbeitgebern: mit Regeln für Tarifverhandlungen und Streiks; mit Posten in Aufsichtsräten, in denen Arbeitnehmer nicht mehr direkt als Gewerkschafter, sondern indirekt als gewählte Betriebsrats-Vertreter neben den Managern ihrer Unternehmen Platz nahmen. Dennoch: Außerhalb der Konferenzräume und Besprechungszimmer von Unternehmen ließen sich viele Gewerkschafter ihr gesellschaftspolitisches Engagement nicht nehmen. Der linke Flügel verknüpfte die Forderung nach Mitbestimmung - O-Ton 11 Deppe „...mit einer Perspektive noch weitergehender gesellschaftlicher Veränderungen.“ Musik 6 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführende: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 1'29 Sprecherin Dieser Anspruch der Gewerkschaften auch gesellschaftspolitisch Einfluss zu nehmen, sagt Frank Deppe, blitzte in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder auf. Im Engagement gegen die atomare Wiederbewaffnung, später in der Friedensbewegung. Besonders aber in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen rund um das Jahr 1968: Die geplanten Notstandsgesetze berührten die ureigenen Interessen der Gewerkschaften – sahen sie doch anfangs auch Einschränkungen der Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit von Beschäftigten und Arbeitnehmervertretern vor. Eine Schutzklausel, die die Anwendung des Notstands bei Arbeitskämpfen ausschloss, brachte die Gewerkschaften schließlich dazu, die Gesetze doch mitzutragen. Intellektuelle und Studierende wandten sich daraufhin enttäuscht von den Gewerkschaften ab: Sie hatten in ihnen einen Bündnispartner für einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel oder gar einen Systemsturz gesehen. Die zunehmend radikalen Proteste gegen den Vietnamkrieg oder das Schah-Regime im Iran bestritten die 68er schließlich ohne Unterstützung der großen Gewerkschaften. Damit schienen die Gewerkschaften ihre Rolle im Gefüge der Bundesrepublik endgültig gefunden zu haben: Als selten widerständiges oder gar blockierendes Rädchen in einem – wie gut geölt laufenden – Kapitalismus funktionierten sie in Zeiten des Wirtschaftswunders – und bis weit darüber hinaus. Musik 7 "I" - Album: Equilirium - Ausführender: PRSZR - Komponist: Peter Votava - Länge: 0'43 Sprecherin Aber dann kamen die 1970er – die Ölkrise, Wirtschaftskrise und Inflation. Die Inflation schürte die Bereitschaft zu Arbeitskämpfen, mit denen die Gewerkschaften trotz massiver Kritik seitens der Wirtschaft Lohnerhöhungen von über zehn Prozent durchsetzen konnten. In dieser Zeit strömten Massen an neuen Mitgliedern in die Gewerkschaften. In den Augen von Klaus Dörre, der sich im wissenschaftlichen Beirat von Attac engagiert, ist Konfliktfähigkeit nicht nur eine Bedingung für die Durchsetzung der Interessen, sondern auch für eine sinnvolle Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmer. O-Ton 12 Klaus Dörre, Professor für Soziologie, Uni Jena Wenn Sie nicht das Schwert an der Wand haben, also eine große gewerkschaftliche Organisationsmacht mit Bereitschaft zum Konflikt, bekommen Sie keine Sozialpartnerschaft.“ Sprecherin Diese „große gewerkschaftliche Organisationsmacht“, von der Klaus Dörre spricht, schwindet seit Beginn der 90er-Jahre langsam, aber stetig. Auch der kurzfristige Mitgliederzuwachs aus den neuen Bundesländern nach der deutschen Einheit hat letztlich nichts daran geändert. Mitgliederverluste... O-Ton 13 Carolin Denise Fulda „...vor allem natürlich aufgrund des demografischen Wandels. Sprecherin ...sagt die Ökonomin Carolin Denise Fulda, Autorin der Studie „Gewerkschaften: Weniger Repräsentativität durch Strukturdefizite?“ O-Ton 13 Fulda Teil 2 „...das heißt, die Babyboomer-Generation geht in Rente. Es kommen aber nicht entsprechend viele junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach. Und noch dazu sind diese jüngeren Beschäftigten dann auch noch seltener in der Gewerkschaft organisiert.“ Sprecherin Doch warum lassen diese Beschäftigen Vertreter ihrer ureigenen Interessen lieber links liegen? Ein Grund liege wohl nicht bei der Gewerkschaft selbst – sondern am zunehmenden Individualismus in der Gesellschaft, glaubt Fulda. Sie ist Expertin für Lohn- und Tarifpolitik am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln. O-Ton 14 Fulda „...Also Gewerkschaften sind ja nicht die einzigen Organisationen, die Mitglieder verlieren. Das Gleiche trifft für Sportvereine zu, aber zum Beispiel auch für die Kirche. Und auf dem Arbeitsmarkt? Konkret bedeutet das, dass viele Beschäftigte sich einfach lieber selbst vertreten und ihr Gehalt und ihre Arbeitsbedingungen individuell mit ihrem Arbeitgeber verhandeln.“ Sprecherin Möglicherweise, sagt die Forscherin, habe das zunehmende Fremdeln von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit der Gewerkschaft auch mit einem Wandel der Arbeitswelt zu tun: Mit neuen Jobs in Büros, die weit weg sind von der klassischen „Malocher“-Arbeit in der industriellen Fertigung – einer traditionellen Domäne der Gewerkschaften. O-Ton 15 Fulda „Das könnte zum Beispiel daher kommen, dass Angestellte und Akademiker zum Beispiel sich einfach in einem ganz anderen Arbeitsumfeld bewegen als das traditionelle Gewerkschaftsmitglied, also eine Person mit Ausbildungsberuf, die in der Industrie arbeitet.“ Sprecherin Auch das Profil „älterer Arbeitnehmer“, „weiß“ und „männlich“ sei in den Gewerkschaften überrepräsentiert. Dagegen gebe es dort anteilsmäßig zu wenige Junge, zu wenige Frauen, zu wenige Akademiker. Nicht allein die Demographie – auch der Strukturwandel hat Klaus Dörre zufolge dazu beigetragen... O-Ton 16 Dörre „...dass die Branchen, wo die Gewerkschaften ihre Hochburgen hatten und auch die großem betrieblichen Strukturen, wo sie sie hatten, einfach von der Beschäftigung her geschrumpft sind, und die Beschäftigung expandiert in Bereichen, wo die Gewerkschaften traditionell schwach sind. Also nur, um ein Beispiel zu nennen: der ganze Bereich prekärer Beschäftigung, der ja im Zuge der Hartz-Reformen eine dramatische, kann man sagen, Expansion erlebt: Niedriglohnsektor, Leiharbeit, Zeitarbeit, ungewollte Teilzeitarbeit, und so weiter… Also ein Leiharbeiter wechselt im Durchschnitt alle drei Monate den Betrieb. Wie wollen Sie den organisieren?“ Sprecherin Die Gewerkschaften, meint Klaus Dörre, müssten auch dieses schwierige Terrain beackern – sie wären schlecht beraten, sich auf die eingespielte Arbeit in den gut organisierten, „alten“ Industriebetrieben zurückzuziehen. O-Ton 17 Dörre „Mit bloßem Besitzstandswahren wird man nicht weit kommen“ Sprecherin Zumal eine Stagnation oder ein weiterer Mitglieder-Rückgang die Legitimation der Gewerkschaften in Lohnverhandlungen mehr und mehr in Frage stellt. Die Gefahr, es sich im etablierten Miteinander der Mitbestimmung zu gemütlich zu machen – sie ist nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Frank Deppe in der strukturellen Ausrichtung der deutschen Gewerkschaften auf die Sozialpartnerschaft hin angelegt. Der Marburger Professor zeichnet das Negativbild, in dem die Gewerkschafter immer wieder mal eher „Genossen der Bosse“ sind, die sich mit Managern gemein machen – statt auf Augenhöhe mit „ihren“ Beschäftigten zu agieren. Wozu das führen kann, zeigt der VW-Skandal: O-Ton 18 Deppe „Dass das eine Deformation von Machtpositionen ist, die die Gewerkschaften dort in den Betrieben haben, bis heute! Es ist eine Deformation, wenn die Vertreter, wie bei VW, korrupt sind. Oder sie schaffen es nicht, sich den Zwängen zu entziehen, die ihnen angeboten werden. (…) Wenn Kollegen aus den Gewerkschaften erzählen, dass sie Aufsichtsratsmitglieder sind von großen Unternehmen...und wenn solche Sitzungen sind, dass am Ende der Sitzung gesagt wird: wir gehen jetzt in diese und diese Bar. Dann ist das die primitivste Variante, wie Sozialpartnerschaft dann auch kulturell ausgreift.“ Musik 8 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführende: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'38 Sprecherin Mit der 2005 aufgeflogenen VW-Affäre stellte sich auch eine alte Frage neu: Was macht das Wesen von Gewerkschaft eigentlich aus? Ist es genug, wenn sich Teilhabe für Arbeitnehmer darauf beschränkt, betrieblichen Anliegen an hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionäre zu delegieren? Müssen sie weniger als der Sozialpartnerschaft dienen, sondern sich mehr als soziale Bewegung organisieren? Der Jenaer Professor Klaus Dörre glaubt, dass manchen Gewerkschaften gar nichts anderes übrig bleibt, als gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen in den Blick zu nehmen. O-Ton 19 Dörre „Ganz sicher müssen die Gewerkschaften auch mit Blick auf die Gesellschaft aktiv werden. (…) Das eine Beispiel ist sicherlich der ökologische Gesellschaftskonflikt, allem voran der Klimawandel... Da ist es ja so, dass die Gewerkschaften gar nicht anders können als gewissermaßen die klassischen Kämpfe um Verteilungsgerechtigkeit, um Löhne, Arbeitsbedingungen zu verbinden mit der Transformation in Richtung nachhaltige Arbeitsweisen und Produktionssysteme. Sprecherin Besonders für die als „Autogewerkschaft“ geltende IG Metall oder die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie würde dies einen langen und schmerzhaften Prozess bedeuten und radikale Veränderungen. Musik 9 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführende: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'55 Sprecherin Ein fundamentaler Zielkonflikt, der besonders die Metall-Gewerkschaft vor eine Zerreißprobe stellt. Dem Ausstieg aus der Verbrennertechnologie widersetzt sich die IG Metall zwar nicht mehr. Aber Uneinigkeit herrscht in der Frage: Wie soll der Ausstieg erfolgen? Wie kann die Situation für Arbeitnehmer gut gestaltet und eine sichere Zukunft ermöglicht werden? Die Auseinandersetzungen um die so genannte Antriebswende, vom Verbrenner zum E-Motor, die Sorgen um Zehntausende zur Disposition stehende Arbeitsplätze, insgesamt die Umstellung auf eine CO2-arme oder -freie Produktion: das alles bedeute einen tiefgreifenden Wandel für Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt – und eine Zunahme von Unsicherheiten insgesamt. Auch wenn es in einzelnen Werken zunächst Beschäftigungsgarantien gibt. Klaus Dörre sieht hier die Gewerkschaften stark in der Pflicht. O-Ton 20 Dörre „Die Frage ist ja, was Gesellschaften leisten müssen, um ähnliche Sicherheitsgarantien geben zu können. Und das ist eine offene Frage, die die Gewerkschaften aber beeinflussen müssen.“ Sprecherin Dabei betrifft die umfassende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft auch die Gewerkschaften selbst. Frank Deppe erinnert sich an eine Begegnung, gemeinsam mit IG-Metall-Funktionären, in Stuttgart. O-Ton 21 Deppe „Und wir fuhren durch die Stadt, und fuhren offenbar an einer Kita vorbei, wo ein Transparent ist, und Menschen davorstanden. Und das waren die Pflegefrauen, die haben gestreikt dort. Und da sagt der Kollege von der Bezirksleitung der IG Metall: „Das ist doch gar kein richtiger Streik, was die machen! Die haben doch auch nur einen Organisationsgrad von unter 10 Prozent! Wenn wir beim Daimler sagen: ,Geht raus, Kollegen!´ - Dann stehen da 30.000 vor dem Werkstor! Sehen sie, das ist ein auch kultureller, riesiger Unterschied jetzt in den Gewerkschaften...und dass jetzt praktisch der Neuaufbau von Gewerkschaften in Rahmen von Verdi passiert...“ Sprecherin An mancher Stelle erschüttert die Transformation also Selbstgewissheiten organisierter Arbeitnehmer – anderswo schafft sie neues Selbstbewusstsein: Da ist die stolze IG Metall, die größte Gewerkschaft der Welt, die sich gezwungenermaßen auf die Umstellung der Produktion auf Elektromobilität einlässt: Werkschließungen, Produktionsverlagerung und Abbau von Arbeitsplätzen inklusive - Ausgang ungewiss. Da ist Verdi, deren Mitglieder nicht Jobverluste fürchten, sondern die – im Gegenteil - an einem Mangel an Personal und permanenter Überlastung leiden. Die die fehlende, auch finanzielle Wert-Schätzung der Care-Arbeit beklagen - und die sich um die Zukunft des Sozialwesens insgesamt sorgen. Schließlich ist da etwa die Eisenbahnergewerkschaft EVG, die den Schulterschluss mit Verdi und den jungen Klimaaktivisten von Fridays For Future übt: Die nicht nur höhere Löhne für ihre Mitglieder im Blick hat, sondern sich mit Klimastreiks für einen nachhaltigen Aus- und Umbau des Verkehrssystems einsetzt. Musik 10 "Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Ausführender und Komponist: Alexei Aigui - Länge: 0`29 Sprecherin Hat im 18. Jahrhundert die industriellen Revolution die Gewerkschaften erst hervorgebracht - so könnten sich die multiplen Krisen der heutigen Zeit für sie als Chance für eine Erneuerung entpuppen: Gelingt es den Arbeitnehmerorganisationen, an Herausforderungen zu wachsen und zu gestaltenden Kräften zu werden, die die ihren im Fortschritt mitnimmt: So könnten sie wieder zu einer authentischen „Arbeiter-Bewegung“ werden.
- Der Kreis - Ein Symbol mit magischer Kraft?
29.04.2024 · 22 Min.
Morgenkreis, Freundeskreis, Jahreskreis - der Kreis spielt in unserer Kultur eine besondere Rolle - und das schon seit Urzeiten. Menschen wählen den Kreis, um zu feiern, zu verhandeln, auch um Kämpfe auszutragen. Politische Abkommen werden häufig am berühmten "runden Tisch" verhandelt. Warum ist das eigentlich so? Von Constanze Alvarez Credits Autorin dieser Folge: Constanze Alvarez Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Christoph Jablonka, Rahel Comtesse, Christopher Mann Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Thomas Buchheim, Prof. der Philosophie an der Ludwig-Maximilian-Universität München; Prof. Johannes Müller, Archäologe, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Kiel; Prof. Michaela Schäuble, Kulturanthropologin, Institut für Sozialanthropologie, Bern; Hala Baalbaki, Montessori-Pädagogin, Schule „Aktion Sonnenschein“, München-Großhadern Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Wilhelm Heine - Vom Dresdner Revolutionär zum Konsul der USA
28.04.2024 · 23 Min.
Freigeist und Revolutionär, Maler und Fotograf, Geologe und Naturforscher, Reiseschriftsteller und Brigadegeneral im amerikanischen Bürgerkrieg - der rasante Lebenslauf des Dresdners Wilhelm Heine passt in keine Schublade. Von Leo Hoffmann (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Leo Hoffmann Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Wilkening Technik: Regina Staerke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Andrea Hirner, Verfasserin der Biographie „Wilhelm Heine – Ein weltreisender Maler zwischen Dresden und Japan“ Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literaturtipps: Andrea Hirner, Ein weltreisender Maler zwischen Dresden, Japan und Amerika, Edition Reintzsch, Radebeul 2009 Wilhelm Heine, Japan – Beiträge zur Kenntnis des Landes und seiner Bewohner, Hg. von Andrea Hirner und Bruno J. Richtsfeld, Dettelbach a.M. 2019
- Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im Klimatest
25.04.2024 · 23 Min.
Bayerns Forstleute müssen jetzt Wälder pflanzen, die dem wärmeren, trockeneren Klima in 100 Jahren gewachsen sind, und womöglich neuen Schädlingen. Deshalb wählen sie auch Arten wie Flaumeiche oder Japanlerche. Von Renate Ell (BR 2020) Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Frank Halbach Es sprachen: Rahel Comtesse, Peter Veit Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zu Folge gibt es HIER. Weitere hörenswerte Folgen von radioWissen: Wald im Wandel - Schädlinge und Klimafaktoren als Risiko JETZT ANHÖREN Die Deutschen und ihr Wald - Eine Beziehungsgeschichte JETZT ANHÖREN Bayerns Wälder - Von der Wildnis zum Forst JETZT ANHÖREN Die Deutschen und ihr Wald - Eine Beziehungsgeschichte JETZT ANHÖREN
- Die Postmoderne - Spiel mit der literarischen Tradition
25.04.2024 · 23 Min.
Podcast-Text (230 Anschläge)Was kann nach den genialen Innovationen der literarischen Moderne noch folgen? Die Postmoderne. Mit einer ganz eigenen Spielfreude mit literarischer Tradition, fantastischer Kreation und massenwirksamen Texten wie Patrick Süskinds "Das Parfum" oder Michael Endes "Die Unendliche Geschichte". Autorin: Katharina Hübel Credits Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Merki Technik: Susanne Herzig Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Prof. Hans Ulrich Gumbrecht, Stanford University, Dr. Uwe Wittstock Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Helden, Softies, neue Väter - Vom Wandel des Männlichkeitsideals
25.04.2024 · 22 Min.
Chauvis und Machos tun sich heute schwerer als früher. Das Männlichkeitsideal hat sich gewandelt - dank der Frauen- und Schwulenbewegung. Heute gibt es "neue", liebevolle Väter. Auch Männer dürfen Gefühle zeigen. Doch der heroische Typus des (gewalttätigen) Helden ist deshalb nicht ausgestorben. Von Justina Schreiber (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger Technik: Peter Preuß Redaktion: Bernhard Kastner Interviewpartner/innen: Thomas Viola Rieske (Dr.; Erziehungswissenschaftlicher Geschlechterforscher); Klaus Theweleit (Dr.; Kulturtheoretiker und Literaturwissenschaftler) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der neue Mann - Total „von der Rolle“? JETZT ANHÖREN Die Eltern im Kopf - Lebenslange Begleitung JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Das vollständige Manuskript gibt es HIER. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Der Nanga Parbat - Mythos, Ehrgeiz, Risiko
21.04.2024 · 20 Min.
Der Nanga Parbat im Westhimalaya gilt als einer der gefährlichsten Berge der Welt. Vom nationalsozialistischen Deutschland wurde er zum "Schicksalsberg" hochstilisiert, den es um jeden Preis zu bezwingen galt. Die Risikobereitschaft der Alpinisten kostete und kostet bis heute Vielen das Leben. Von Markus Mähner (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Christian Baumann Technik: Daniela Röder Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir empfehlen außerdem das spannende Hörspiel von Frank Halbach: „Namaste, Yeti! Oder: Die Jagd nach dem Schneemensch“ Maya begleitet ihre Mutter nach Nepal. In einem Himalayadorf hört sie, dass man hier angeblich den Yeti-Schneemenschen gesehen hat. Gopal, ein Kollege ihrer Mutter, erzählt ihr die fantastischen Abenteuer von Tashi: Das Mädchen kann mit Tieren sprechen und machte sich auf, den geheimnisvollen Yeti zu finden. | Hörspiel über ein Abenteuer in Nepal ab 6 Jahren | Eine Geschichte von Frank Halbach JETZT ANHÖREN Verpassen Sie keine Folge mehr und abonnieren Sie radioWissen im BR Podcastcenter. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
- Der Borkenkäfer - Der Schädling, der Trockenheit und Fichten liebt
19.04.2024 · 22 Min.
Borkenkäfer haben einen schlechten Ruf. Bei Massenvermehrung können sie Wälder zum Absterben bringen, mit Millionenschäden für die Waldbesitzer. Dabei sind sie eigentlich große Nützlinge, die sich mit der Fichte in Symbiose entwickelt haben. Doch industrielle Forstwirtschaft und der Klimawandel haben dieses Gleichgewicht gründlich durcheinander gebracht. Von Brigitte Kramer (BR 2023) Credits: Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Katja Amberger, Jerzy May, Marlen Reichert Technik: Andreas Lucke Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Totholz - Alte Bäume voller Leben JETZT ANHÖREN Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im Klimatest JETZT ANHÖREN Der Specht - Höhlenbohrer unter den Vögeln JETZT ANHÖREN Das Reh – Scheuer Waldbewohner im Kreuzfeuer JETZT ANHÖREN Bayerns Wälder - Von der Wildnis zum Forst JETZT ANHÖREN Der Fuchs - Leiser Nachtwandler JETZT ANHÖREN Interviewpartner/innen dieser Folge: Nadine Bräsicke, Forstwirtin, Julius Kühn-Institut (Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen), Braunschweig. Hannes Lemme, Biologe, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, Abteilung Waldschutz, Freising. Michael Held, pensionierter Förster und ehem. stellvertretender Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, Passau. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Wenn das blaue Band flattert - Frühling in der Literatur
18.04.2024 · 22 Min.
?Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte?? , schreibt Eduard Mörike im frühen 19. Jahrhundert. Hier umwirbt der Frühling alle Sinne des lyrischen Ich ? sehen, riechen hören - und versetzt es in ekstatische Vorfreude. Und auch Johann Wolfgang von Goethe schickt in seinem ?Osterspaziergang? den erschöpften Wissenschaftler Faust in die freie Natur. Von Astrid Mayerle Credits Autorin dieser Folge: Astrid Mayerle Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Annette Wunsch, Hemma Michel, Friedrich Schloffer Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Kerstin Preiwuß, Lyrikerin Prof. Dr Ulrich Kittstein, Literaturwissenschaftler Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitatorin Frühling lässt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. 1 Oton Kittstein Aus dem blauen Himmel wird eben etwas Bewegtes, etwas Dynamisches. Der Frühling lässt sein „Blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“ und auch die Düfte: es riechen nicht einfach irgendwelche frühen Blumen, sondern Düfte streifen das Land. Sie bewegen sich gewissermaßen durch die Landschaft. Sprecherin Der Literaturwissenschaftler Ulrich Kittstein spürt der Dynamik und der Atmosphäre eines der bekanntesten Frühlingsgedichte nach: Der Titel „Er ist´s“ von Eduard Mörike. MUSIK 2 ( Juan Maria Solare – Esto también pasará 0‘26) Zitatorin Frühling lässt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen. Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist´s! Dich hab ich vernommen! Sprecherin Typische Frühlingsmotive tauchen auf: die Natur erwacht und sendet Zeichen einer neuen unbeschwerten Zeit: Zuversicht, Lebensfreude. Das Gedicht erzählt, wie dieser Aufbruch von allen menschlichen Sinnen wahrgenommen wird: den Frühling kann man im wahrsten Wortsinn nicht nur sehen, sondern auch riechen und hören. In den insgesamt nur neun Zeilen inszeniert Eduard Mörike einen Sinnesrausch. 2 Oton Kittstein Seine Meisterschaft, die dem Gedicht dann auch seinen Rang und seine Bekanntheit verleiht, liegt offenkundig darin, wie er dieses Thema mit künstlerischen Mitteln gestaltet, also wie es ihm gelingt, mit den Mitteln der poetischen Sprache den Frühling hier für die Leserschaft zu einem ästhetischen Erlebnis zu machen. Sprecherin Dazu gehört, dass Eduard Mörike die Natur vermenschlicht. Blumen erscheinen wie schlafende Wesen kurz vor dem Erwachen, denn „Veilchen träumen schon“ und am Ende wird der Frühling sogar angesprochen wie ein Gegenüber: „Frühling, ja Du bists! Dich hab ich vernommen!“ 3 Oton Kittstein Auch der Aufbau des Gedichts ist sorgfältig kalkuliert. Der Frühling wird am Anfang schon benannt, als Personifikation, als Akteur und am Ende, auf dem Höhepunkt des Ganzen wird er unmittelbar angeredet und zwar mit einem mehrfachen wiederholten, sich verstärkenden Anruf, „Frühling, ja du bists! Dich hab ich vernommen!“. Wobei Mörike klugerweise nun nicht so weit geht, den Frühling als eine menschenähnliche Gestalt zu beschreiben. Er wird nur apostrophiert, er wird angesprochen oder angerufen von einem lyrischen Ich, das durch diese Frühlingsatmosphäre in den größten Enthusiasmus versetzt worden ist. MUSIK 3 ( Jerome Rebotier: César et Arthur 0‘55) Sprecherin Das Gedicht hat eine besondere Geschichte: Eduard Mörike war gerade mal 25 Jahre alt, als er es im Jahr 1829 verfasste. In dieser Zeit arbeitete er einerseits als Angestellter einer protestantischen Pfarrei, genauer, als Vikar. Andererseits versuchte er, sich eine Existenz als Schriftsteller aufzubauen. Parallel zu seinen Gedichten entstanden auch Prosawerke und ein bis zu seinem Tod fragmentarisch gebliebener Roman mit dem Titel „Maler Nolten“. - 1832 in einer ersten Fassung veröffentlicht. Eduard Mörike erzählt hier die Lebens- und Liebesgeschichte des Malers Theobald Nolten und seiner Verlobten. Interessant ist, dass in diesem Roman das bekannte Frühlingsgedicht „Er ist´s“ auftaucht. 4 Oton Kittstein Mörike hat sich da an eine Kunsttechnik angeschlossen, die von Goethe und den Romantikern herkommt. Die hatten schon gerne lyrische Texte in ihre Romane integriert, also Formen einer Gattungsmischung vorgenommen. Sprecherin Das heißt, Romanfiguren singen Lieder oder tragen Gedichte vor. Solche Gattungsmischungen haben immer einen dramaturgischen Sinn. Die in einen Roman eingefügten Verse deuten voraus, kündigen eine Wende an oder spielen mit gegensätzlichen Handlungselementen. So auch in „Maler Nolten“. Der Literaturwissenschaftler Ulrich Kittstein: 5 Oton Kittstein Der Titelheld Theobald Nolten, von dessen Kunst- und Liebesgeschichten hier erzählt wird, ist durch Intrigen ins Gefängnis geraten und auch noch erkrankt. Aber dann wendet sich sein Schicksal, wie es scheint, zum Besseren: er wird gesund, eine Wiedervereinigung mit seiner Jugendgeliebten zeichnet sich ab und in dieser hoffnungsvollen, auch durch den Frühling gekennzeichneten Umgebung, vernimmt er dann durch ein Fenster diese Verse, wie sie im Freien von einer weiblichen Stimme gesungen werden. MUSIK 4 ( Juan Maria Solare – Esto tambi´n pasará 0‘12) Zitatorin Frühling lässt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte… Sprecherin Das Gedicht bekommt an dieser Stelle im Roman eine richtungsweisende Funktion: Es steigert Theobald Noltens hoffnungsfrohe Stimmung und er erzählt, unmittelbar nachdem er den Gesang hörte, einem Freund davon: MUSIK 5 ( Jerome Rebotier: Arthur 0‘35) Zitator Soll ich dir gestehen, Alter, dass dies der glücklichste Tag meines Lebens ist, ja dass mir vorkommt, erst heut fang ich eigentlich zu leben an? Begreife mich aber. Nicht diese erquickende Sonne ist es allein, nicht dieser junge Hauch der Welt und nicht deine belebende Gegenwart. Sieh, das Gefühl, von dem ich rede, lag in der letzten Zeit beinahe reif in mir… MUSIK 6 ( Iva Zabkar: Frühstück / einbruch / Mord 0‘20) Sprecherin Allerdings baut Mörike diese hoffnungsvolle Stimmung nur auf, um die Erwartungen, die er damit weckt, umso schlimmer enttäuschen zu können. 6 Oton Kittstein Das heißt, die Frühlingsstimmung, die Hoffnungsstimmung, die freudige Atmosphäre bietet lediglich einen wohlkalkulierten Kontrast zu der abschließenden Katastrophe und das kann man in dem Roman ganz allgemein beobachten: Mörike baut immer wieder scheinbare Idyllen auf, um diese Idyllen dann als trügerisch zu entlarven und seine Figuren umso schlimmer ins Unglück zu stürzen. MUSIK 7 ( Martin Todsharow: All Of This 0‘44) Sprecherin Mörike setzt mit seinem in den Roman eingefügten Gedicht „Er ist´s“ auf eine Dramaturgie der Gegensätze. Daher schwingen im selben Gedicht – je nachdem, ob man es im Kontext der Romanhandlung oder nur allein, für sich genommen liest – völlig andere Zwischentöne mit: Im Roman taucht die Frühlingsstimmung nur als kurzer Schein, als Illusion auf. Dagegen: wenn man das Gedicht für sich genommen liest, erscheint es als ein ganz und gar heiteres, optimistisches und klangvolles Frühlingsgedicht. 7 Oton Preiwuß Das mochte ich schon als Kind nicht. Das ist ja das, was man im Unterricht auswendig gelernt hat, im Deutschunterricht. Sprecherin So die Lyrikerin Kerstin Preiwuß. 8 Oton Preiwuß weiter Und das ganze Gedicht ist eine Anrufung und eine Anrede und eine Übertreibung und gleichzeitig ist es statisch. „Frühling lässt sein Blaues Band wieder flattern durch die Lüfte.“ Der Frühling ist da, und er ist immer da, er ist unveränderlich und er ist überhaupt nicht fragwürdig. Es geschieht ihm auch nichts, es geschieht auch in ihm nichts in diesem Gedicht, und dann kommt diese Anrede auch noch, dieses heroische oder pathetische „Frühling ja du bist´s! Dich hab ich vernommen!“ Und dann kommt auch noch ein Harfenton. So jetzt hab ich genug geschimpft über dieses Gedicht. Sprecherin Die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Kerstin Preiwuß möchte dem Frühling in ihrer eigenen Dichtung neue Facetten hinzufügen. Ihr geht es darum, die Bedeutungsschichten dieser Jahreszeit zu erweitern. Sie experimentiert daher mit Gegenbildern und konfrontiert gängige Erwartungen mit überraschenden Eindrücken. Ihr 2016 erschienener Gedichtband „Gespür für Licht“ folgt dem Rhythmus der Jahreszeiten, beginnend mit dem Frühling. Die Lyrikerin stellt ihren eigenen Gedichten in diesem Band ein altes Volkslied voran: MUSIK 8 (Quadro Nuevo: Guter Mond, Du stehst so stille 0‘12) Zitatorin Es war eine Mutter Die hatte vier Kinder Den Frühling den Sommer Den Herbst und den Winter. Sprecherin Doch das Idyll, das dieses Volkslied beinhaltet, trügt. Was bereits das erste Gedicht in dem lyrischen Jahreszeitenzyklus andeutet: MUSIK 9 ( Martin Todsharow: Lost In The Light 0‘32) Zitatorin (nüchtern, skizzenhaft lesen) Selten so einen Frühling erlebt. Im April immer noch null Grad. Der Ostwind fegt vom Ural bis in die Mittelgebirge. Krähen brechen ihren Nestbau ab. Zugvögel treibt es zurück. Alles ist durchsichtig weil Laub fehlt. Das ist wie Leben unter dem Röntgengerät. 9 Oton Kittstein Auch dieses Gedicht rechnet sicherlich mit Lesern, die die traditionelle Bildlichkeit kennen, die an den Frühling in der Lyrik bestimmte Erwartungen knüpfen, die bestimmte Stimmungswerte, eine bestimmte Atmosphäre erwarten. Aber dieses Gedicht bricht eben ganz gezielt mit diesen Erwartungen. Es präsentiert den Frühling in einer ganz anderen, in einer unkonventionellen, in einer modernen Art und Weise. 10 Oton Preiwuß Ich benenne nur „im April immer noch null Grad“ und dann „fegt der Ostwind vom Ural bis zu den Mittelgebirgen“ und dann „brechen die Krähen ihren Nestbau ab“. Das sind einfach nur Beobachtungen // ohne in die dichterische Überhöhung zu kippen. Die Zugvögel treibt es zurück – das ist dem Vers nach zwar auch wieder nur eine Beschreibungsebene, aber in dieser Beschreibungsebene ist ein Widerspruch eingebaut. Warum treibt es Zugvögel zurück? Was geht dem voraus, sind die schon wieder da und müssen zurück? Welche Umkehrung der Tatsachen ist das eigentlich? Sprecherin Diese Fragen werden im Laufe des Lyrikbands „Gespür für Licht“ beantwortet. Denn alle Gedichte sind über die Abfolge der Jahreszeiten chronologisch und darüber hinaus auch erzählerisch miteinander verbunden. Der Nestbau steht anfangs für ein ungeborenes Kind, welches das lyrische Ich erwartet. Der Zyklus der Jahreszeiten und der kühle, unberechenbare Frühling deuten eine schwierige Schwangerschaft an. Ihr Ausgang erscheint ungewiss. In einem der späteren Frühlingsgedichte heißt es dann doch wieder hoffnungsvoll: MUSIK 10 ( Martin Todsharow: Little Voices 0‘23) Zitatorin 37 Die Windsbraut schläft in mir. Ein schaukelndes Embryo in jeder Ohrmuschel. Wie beruhigt mich dass sie sich bewegt. Ich bin gut aufgehoben egal was in mir tobt. Die Windsbraut hat sich in mein Ohr gelegt… 11 Oton Preiwuß 61 018-056 Für den Gedichtband war mir sehr früh klar, dass ich ein Kalendarium wollte. Ich wollte nicht nur, dass der Gedichtband aussieht wie ein Kalender, sondern ich wollte auch, dass er den Jahreszeiten folgt. Das hängt mit dem Thema zusammen: Da es um das Kinderbekommen oder auch Nichtbekommen geht und die Frage, wie das Leben in die Welt kommt und wie es vielleicht auch doch nicht in die Welt kommt und das hat sich für mich am besten gemäß einer zyklischen Ordnung entlang des Jahresverlaufs ergeben. Sprecherin Kerstin Preiwuß sieht im Frühling eine ganz besondere große Spannweite an Elementen, die für eine Übergangszeit stehen. Auch wagt sie einen Blick in künftige sprachliche Anverwandlungen und literarische Themen dieser Zeit: 12 Oton Preiwuß 63 505-633 Der Frühling geht meteorologisch vom ersten März bis Ende Mai, bis zur Zeit der Apfelblüte. // - Von den Frühblühern bis zur Zeit der Apfelblüte, wenn alles schon grün ist und das ganze Laub auch schon da ist. // Sie haben einen sehr langen Zeitraum und auch eine gewisse Unabwägbarkeit und verschiedene Schritte der Verwandlung und etwas Prozessuales. Ein Zustand, der sich erst ergibt. Wenn man an den Mai denkt, hat man den satten Frühling voller Blütenduft und warmer Luft im Kopf, aber auch hier denke ich mittlerweile: Vorsicht so, wie wir es gewohnt sind, die Jahreszeiten wahrzunehmen, muss es nicht bleiben, auch aufgrund der klimatischen Veränderungen. Es kann sein, dass der Frühling zukünftig, auch mit zu früh zu heiß bedichtet werden kann oder assoziiert werden kann. – Also als Wahrnehmung, die dann in den Sprachgebrauch übergeht oder so empfunden wird. MUSIK 11 ( Maxi Menot: Breeze Over Grasslands 0‘38) Sprecherin …dann könnte man Goethes „Osterspaziergang“ als ein historisches Dokument lesen aus einer Zeit, in welcher ein eher kühles Frühjahr auf einen sehr kalten Winter folgte: Zitator Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück; Der alte Winter in seiner Schwäche, Zog sich in raue Berge zurück. Von dorther sendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur;… 13 Oton Preiwuß Er geht nicht ins Pathos der Anrede, er übertreibt nicht, sondern es ist eher chronologisch beschreibend. Der Frühling taucht relativ früh auf und zwar in der zweiten Zeile schon als Wort. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick“. Das heißt, er wird benannt und ab dann kann er beschrieben werden, ohne dass ihm gleich etwas zugeschrieben werden muss, das entwickelt sich erst in der Chronologie dieses Gedichtes. Und die zweite Sache ist, - und das ist auch klassisch – er lässt den Frühling mit Ostern zusammenfallen. Das ist dann die religiöse Komponente und die Engführung an den Auferstehungsgedanken. Sprecherin So Kerstin Preiwuß. In vielen Bänden mit Naturlyrik taucht Goethes „Osterspaziergang“ als eigenständiges Gedicht auf. Ursprünglich stammt die fast vierzig Zeilen lange Passage aus Goethes Drama Faust I. und spiegelt die Gedanken der Hauptfigur während eines Spaziergangs am Ostersonntag wider. Der Wissenschaftler Dr. Faust hatte eben noch in seinem Studierzimmer über seinen Büchern gebrütet und mit der Fülle des ihm unermesslich scheinenden Wissens gerungen, hatte finstere Gedanken voller Selbst- und Weltzweifel. Doch auf seinem Spaziergang vertreibt der Wandel der Natur seinen Trübsinn. Die neue Jahreszeit, der Frühling entmachtet gleichsam den Winter und damit auch Fausts Trübsinn. Er wird hoffnungsvoll, beginnt die Welt und damit auch die Menschen neu zu sehen: MUSIK 12 ( Maxi Menot: Elektroniske drommer 0‘37) Zitator Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, Denn sie sind selber auferstanden, Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht. 14 Oton Kittstein Faust spricht ja über die Befreiung, die die Menschen erfahren, wenn sie am Ostertag in die freie Natur hinausgehen. Er spricht nicht direkt über sich selbst, aber in dem Kontext des Dramas kann man entnehmen, dass diese Erfahrungen für ihn gelten. Sprecherin Faust verlässt durch ein Tor die Stadt, blickt um sich. Einerseits von einem Hügel auf das Stadttor zurück und gleichzeitig in die ferne Landschaft. Dabei bemerkt er, dass die Natur zwar noch nicht blüht. Aber die Menschen mit ihren Kleidern für farbige Akzente in der Landschaft sorgen. MUSIK 13 ( Maxi Menot: Elektroniske drommer 0‘14) Zitator Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. 15 Oton Kittstein Es ist in der Tat ein Vergnügen von Stadtmenschen, was wir hier vor uns haben. Das sind keine Bauern, keine Jäger, keine Fischer, sondern das sind Menschen, die aus der Stadt hinausgehen ins Freie, in die Landschaft. Was Goethe hier zugrunde legt, ist auch wiederum ein ganz traditionelles literarisches Motiv – der Gegensatz von Stadt und Land. Sprecherin So der Literaturwissenschaftler Ulrich Kittstein. Er deutet im Osterspaziergang die Stadt als den Ort der Kultur, der Zivilisation. Gleichzeitig erscheint sie auch als Sphäre vielfältiger Zwänge und Einschränkungen, denen sich die Menschen unterwerfen müssen. Daraus rührt die Sehnsucht nach Natur, die Sehnsucht danach, die engen Häuser und Gassen zu verlassen und sich frei in der Landschaft zu bewegen. 16 Oton Kittstein Etwas zugespitzt gesagt: der erholsame Spaziergang in freier Natur ist eine Erfindung von Stadtmenschen. Von Menschen, die prinzipiell in ihrer Lebenswirklichkeit schon von der Natur getrennt sind und deswegen die Natur als Gegenwelt, als eine Welt der Freiheit und der freien Entfaltung erfahren. Deswegen auch die Analogie zur Auferstehung: „Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden aus niedriger Häuser dunklen Gemächern…aus der Straßen quetschender Enge…“ MUSIK 14 ( Ralf Wienrich: Nacht 0‘42) Sprecherin Eine besondere motivische Verbindung steckt in der Engführung von Frühling und Nacht. In verschiedenen Epochen spürten Autorinnen und Autoren ihr immer wieder nach: unter anderem der Romantiker Josef Eichendorff, aber auch die Expressionistin Else Lasker-Schüler. Im Jahr 1900 schickte sie in einem Brief ein Gedicht mit dem schlichten Titel „Frühling“ an einen Freund. Ein Jahr später veröffentlichte sie dieselben Verse in ihrem ersten Gedichtband. Die Verbindung von Frühling und Nacht taucht bereits in der ersten Strophe auf und deutet an, dass es sich um ein Liebesgedicht handelt. MUSIK 15 ( Maria Böhme: February Tale 0‘49) Zitatorin Wir wollen wie der Mondenschein Die stille Frühlingsnacht durchwachen, Wir wollen wie zwei Kinder sein. Du hüllst mich in dein Leben ein Und lehrst mich so wie du zu lachen. Sprecherin In dieser Frühlingsnacht begegnen sich zwei erwachsene Menschen, die sich wie Kinder fühlen: 17 Oton Kittstein Und die Frühlingsnacht gibt ihnen den Anlass dazu. Das heißt, das Naturerlebnis inspiriert gewissermaßen das Gefühl, sich in die eigene Kindheit zurückversetzt zu fühlen, in die Geborgenheit des Kindes, das noch von „Mutterlieb“ und „Vaterwort“ und „Frühlingsspielen“ umgeben gewesen ist. MUSIK 16 ( Maria Böhme: Tell Me Now (What You See) 0‘39) Zitatorin Ich sehnte mich nach Mutterlieb Und Vaterwort und Frühlingsspielen, Den Fluch, der mich durchs Leben trieb, Begann ich, da er bei mir blieb wie einen treuen Freund zu lieben… Sprecherin So der zweite Vers. Hier spricht das lyrische Ich von einem Fluch, der nicht weiter benannt oder beschrieben wird. Vermutlich steht er in Zusammenhang mit dem Verlassen der Kindheit. Gleichzeitig motiviert der Fluch die inneren Bilder und die hoffnungsvollen Wünsche des lyrischen Ichs. Ulrich Kittstein: 18 Oton Kittstein Die Nacht ist ja seit der Empfindsamkeit und der Romantik, die Zeit der Fantasie, der Einbildungskraft, der Vorstellungskraft, des Traums und das passt ja durchaus dazu, dass die Figuren, die da erscheinen, nicht mehr wirklich Kinder sind, sondern sich nur in ihrer Fantasie, in ihrer Einbildung noch einmal in die Kindheit zurückversetzen wollen. Sprecherin Jedenfalls so lange bis der Tag anbricht. MUSIK 17 ( Juan Maria Solare – Esto tambi´n pasará 0‘41) Sprecherin Autorinnen und Autoren haben über alle Epochen hinweg sehr unterschiedliche Aspekte des Frühlings bedichtet: die Verwandlung der Natur, die Hoffnung auf eine neue Zeit und neues Leben, das Gefühl des Aufbruchs und der Freiheit und nicht zuletzt eine gewisse Unberechenbarkeit dieser Jahreszeit. Durch alle Zeiten hinweg scheint aber auch etwas Verbindendes auf: dass dem Frühling eine eigene Kraft zugesprochen wird, die nach Vorn gerichtet ist und eine Verwandlung in Gang zu setzen vermag.
- Sprint zu den Olympischen Spielen - München wird moderner
17.04.2024 · 24 Min.
Was wäre München ohne die Wahrzeichen der Olympischen Spiele 1972? Die Zeit für die Gestaltung des Olympiaparks, den Bau des Stadions, des olympischen Dorfes und der ersten U-Bahn war knapp, ebenso wie das Geld. Das gesamte Setting war bemerkenswert modern, visionär, sogar geradezu avantgardistisch. Von Sandra Vogell (Br 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Sandra Vogell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Thomas Birnstiel Technik: Viktor Veress Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Wir empfehlen außerdem: DIE OLYMPIAPROTOKOLLE (Folge 1-4) auf Alles Geschichte: Bis heute sind noch viele Fragen zum Olympiaattentat am 5.9.1972 offen. Eva Deinert und Yvonne Maier durchforsten monatelang im Münchner Staatsarchiv zehntausende Akten, Einsatztagebücher, Berichte, Fotos, Briefe, Telegramme. Und stellen fest: Eine Spur haben die Behörden möglicherweise bis heute übersehen. DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 1: Die heiteren Spiele DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 2: Die Geiselnahme DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 3: Der Befreiungsversuch DIE OLYMPIA-PROTOKOLLE - Folge 4: Die unbekannte Frau in den Akten Auch ein weiterer Podcast von Bayern 2 befasst sich mit dem Attentat von 1972: In „Himmelfahrtskommando“ erzählt Patricia Schlosser die Geschichte ihres Vaters, der 1972 als Polizist beim Olympia-Attentat eingesetzt war und sich seitdem fragt, ob er Mitschuld am tödlichen Ausgang hat. BR PODCAST | Himmelfahrtskommando - Mein Vater und das Olympia-Attentat Literatur-Tipp: Hans-Jochen Vogel: „Die Amtskette. Meine 12 Münchner Jahre. Ein Erlebnisbericht.“ Süddeutscher Verlag, 1972. Gebraucht erhältlich.
- Weltmacht Dollar - Geschichte einer Währung
15.04.2024 · 23 Min.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der Dollar zur weltweiten Leitwährung auf. Für die US-Amerikaner ist das eine sehr komfortable Situation. So können sie etwa US-Boykotte de facto weltweit durchsetzen. Denn vom dollarbasierten Finanzsystem abgeschnitten zu sein, kann sich kaum ein Staat oder größeres Unternehmen leisten. Von Maike Brzoska Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Jennifer Güzel, Peter Lersch Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Kai Koddenbrock, Politikwissenschaftler Tobias Heidland, Ökonom und Professor am Institut für Weltwirtschaft Kiel Sandra Heep, Politikwissenschaftlerin und Professorin an der Hochschule Bremen Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Protokoll und Etikette - Anleitungen zum guten Auftritt
14.04.2024 · 22 Min.
Gutes Benehmen macht das Leben leichter, da sind sich viele einig. Anders ist das bei der Frage, was darunter zu verstehen ist. Im diplomatischen Protokoll aber ist die Etikette genau festgelegt. Für Staatsbesuche gibt es so genaue Vorschriften, in denen etwa geregelt ist, wer bei einem Bankett wo und neben wem sitzt. Autorin Carola Zinner (BR 2021) Credits: Autorin dieser Folge: Carola Zinner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Katja Bürkle, Friedrich Schloffer, Gudrun Skupin Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Völkermord in Ruanda - Und die Welt sieht zu
10.04.2024 · 22 Min.
Im April 1994 begann in Ruanda ein Massenmord: Hutu töteten in den folgenden Monaten bis zu 75 Prozent der ebenfalls in Ruanda lebenden Minderheit der Tutsi. Doch die UN-Soldaten greifen nicht ein. Von Klaus Uhrig (BR 2014)
- Die Wunderkammer - Als die Welt noch in ein Zimmer passte
09.04.2024 · 23 Min.
Wunderkammern sind Sammlungen aus dem 14. bis 17. Jahrhundert, in denen Adelige Staunenswertes und Wertvolles zusammentrugen. Mit Verbreitung der Naturwissenschaften verloren sie ihre Bedeutung, aber nicht ihren Zauber. Von Brigitte Kramer (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Christiane Klenz Es sprach: Thomas Loibl Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Veronika Sandbichler, Direktorin Schloss Ambras, Innsbruck Annette Schommers, Bayerisches Nationalmuseum, München Sabine Söll-Tauchert, Kunsthistorikerin, Historisches Museum, Basel Georg Laue, Sammler und Kunsthändler, München Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O TON 1 Veronika Sandbichler (ab 0'15 ca) Wir wissen, dass Automaten als Tafelaufsätze verwendet wurden, die scheinbar still und starr am Tisch standen aber dann durch das verborgene Uhrwerk zu einem bestimmten Zeitpunkt in Bewegung geraten sind. MUSIK 1 (C1178870008 Yann Tiersen: La valse des monstres 0’14) Drüber O TON 2 Annette Schommers Zum Beispiel eine Figurengruppe der Diana auf dem Hirsch, begleitet von Hunden. Diese Silbergruppe ist montiert auf einem Sockel, in dem sich ein Schlüsselloch befindet... ATMO 1 Figurenautomaten (Aufziehen, dann Rattern) Drüber O TON 3 Schommers (nach 0'24, abruptes Stehenbleiben) .. die Hunde konnten die Augen bewegen und der Gast, vor dem der Hirsch stehen blieb, der sollte aus dem Gefäß trinken. MUSIK 2 (C1178870008 Yann Tiersen: La valse des monstres 0’14) Drüber O TON 4 Sandbichler Derartige Unterhaltungen, wenn man's so bezeichnen will, waren auch im Zeitgeist der Renaissance verankert, also Trinkspiele … Man hat das Ganze auch als Kurzweil bezeichnet. ATMO 1 PFURZTRÖTE Drüber O TON 5 Schommers Das gab's dann halt eben nur im 16. Jahrhundert, diesen Spaß. ATMO 1 PFURZTRÖTE MUSIK 3 Ubert Naich: Canti di voi le ladi SPRECHER Mit Begeisterung und Sympathie sprechen die Kunsthistorikerinnen Annette Schommers und Veronika Sandbichler über höfisches Leben im 16. Jahrhundert, zu dem kleine, reich verzierte und ausgetüftelte Unterhaltungs-Mechanismen gehören. Deren Besitzer wollten ihre Gäste unterhalten, verzücken, überraschen, zum Staunen bringen – und ihre Freude am Schönen und Kostbaren teilen. ATMO 2 Gelächter/Musik/Gerede SPRECHER drüber Das gelang ihnen nicht nur mit Trinkspiel-Automaten. Adelige, Gelehrte und Handelsleute – alle, die es sich leisten konnten und mit dem Geist der Zeit gehen wollten –, trugen in der Renaissance und im Barock Raritäten, Preziositäten, Kuriositäten zusammen, aus Nah und Fern. Geordnet wurden die Sammlungen grob nach folgenden Kategorien: MUSIK 4 Yann Tiersen: Hent V Exotica: Dinge von weit her. Das konnten Eskimo-Schuhe genauso sein wie ausgestopfte Vögel – Hauptsache, sie waren außereuropäischer Herkunft. Naturalia: Pflanzen, Tiere und ihre Reste, Mineralien, Fossilien, Organisches wie Bezoar-Steine, das sind verhärtete Kugeln aus Unverdaulichem, die sich in Mägen von Wiederkäuern bilden. Sie galten als magisch, wurden als Mittel gegen Gift im Essen eingesetzt und sollten sogar gegen die Pest helfen. Artificialia: Das sind Werke von Künstlern und Kunsthandwerkern, in denen oft Naturprodukte aufwändig verarbeitet waren: Bernstein, Elfenbein, Korallen, Nashorn-Hörner, Muscheln, Steine und erstaunlicherweise auch Kokosnüsse galten als gestalterisch interessant. Sie wurden reich verziert und zu Bechern, Kelchen, Duftkugeln, Türschlössern, Schachspielen, Schatullen oder Figurengruppen umgestaltet und sollten zeigen, dass der Mensch die Natur übertreffen kann. MUSIK 5 Yann Tiersen: Comptine … Scientifica: Wissenschaftliche Geräte wie Astrolabien, Bergbau-Instrumente, Vermessungsgeräte, Uhren-Automaten, Stundengläser, anatomische Modelle ... Und Mirabilia: Schlicht Wunderwerke. Dazu gehörten abnormale „Launen der Natur“, wie man sie auf Gemälden von Haarmenschen oder einem armlosen Kalligraphen sehen konnte, der den Pinsel mit den Zehen greift. Oder auch anhand konservierter, missgebildeter Totgeburten. Auch außerordentlich kunstvolles oder komplexes Menschenwerk gehörte dazu: Es stand für fast göttliche Schöpfungskraft. Erlaubt und begehrt war alles, was die „Affekte anrühren“ und die „Kenntnis der Dinge“ fördern konnte. Und es wurde bei jeder Gelegenheit hergezeigt. Annette Schommers vom Bayerischen Nationalmuseum: O-TON 6 Schommers Damals war nicht das Kriterium für die Sammelwürdigkeit die rein materielle Kostbarkeit eines Objekts, also man hat einen Automaten, der über den Tisch fährt, genauso bewundernswert, sammelwürdig angesehen wie ein Gemälde oder eine Skulptur. SPRECHER Ausschlaggebend ist der Begriff „Wunder“ und wie er in der Renaissance und bis ins frühe 18. Jahrhundert hinein definiert wurde: O TON 7 Schommers Als Wunder galt, dass einfach ein Mensch sowas umsetzen kann zum Beispiel, also diese feinsten Miniaturschnitzereien auf einem Zwetschgenkern oder dass es einem Künstler gelingt, aus Elfenbein feinste Kugeln ineinander zu drechseln. Und man hat aber auch gleichzeitig einen Baumschwamm, der aussieht wie ein Brot, als Wunder angesehen. SPRECHER Gezeigt wurden die Schätze in so genannten Wunderkammern oder Kuriositätenkabinetten: Eigens eingerichtete Zimmer mit enormen Schränken, die Wände und Decken war dicht behängt mit Gemälden, ausgestopften Tieren oder Skeletten. MUSIK 6 Ensemble Trictilla: Fusi pavana piana Ihr Vorläufer war das private Arbeitszimmer, das Studiolo in italienischen Renaissance-Palästen. Es war anfangs karg eingerichtet, mit Schloss und Riegel ausgestattet, und diente dem Hausherrn als Rückzugsort. Hier konnte er lesen, Buch führen oder beten, es gab Schränkchen und Schatullen, Mauernischen zum Verwahren von Büchern und Schreibutensilien. Später kamen Geräte für Experimente dazu, bald auch Sammelgegenstände. Schließlich ähnelten die Studierzimmer begehbaren Möbeln, mit holzgetäfelten Wänden, Geheimfächern oder verborgene Türen. Wer sie besuchen durfte, hatte das Vertrauen des Gastgebers gewonnen. Ihre Bedeutung wuchs mit der Entdeckung und Erforschung der Welt ab Ende des 15.Jahrhunderts. Tiere, Pflanzen und Kunsthandwerk aus den Kolonien und von fernen Handelsplätzen übten größte Faszination auf die Daheimgebliebenen aus. Die Schätze wollten bewundert werden, am bequemsten und sichersten ging das im Kuriositätenkabinett: Es war angelegt wie eine begehbare, ja sinnlich erlebbare Enzyklopädie. Die ganze Welt sollte in so eine Wunderkammer passen – beziehungsweise in ihre Schränke. Veronika Sandbichler vom Schloss Ambras in Innsbruck: O 8 Sandbichler Diese Schränke waren unermesslich voll. Die waren vollgefüllt mit Objekten, die zum Teil ineinander gestapelt waren. Und die hat man dann einzeln herausgenommen, konnte sie angreifen, von allen Seiten begutachten, bewundern, bestaunen und da glaub ich gab es auch diese Momente wo einem der Atem gestockt ist. ATMO 2 Türschloss SPRECHER drüber Etwa 2000 Gegenstände sind in Innsbruck zu sehen. Allerdings sind sie heute in ausgeleuchteten Vitrinen ausgestellt – hinter Glas. Das sinnliche Erlebnis von früher muss man sich vorstellen ... ATMO 3 Singekugeln SPRECHER drüber … mit Singekugeln zum Beispiel: kleine vegoldete, leicht klingende Kugeln, die Veronika Sandbichler und ihre Kollegin Katharina Seidl vorsichtig in die Hand nehmen: O 9 Sandbichler_Seidl Singekugeln Boa. Die sind ganz schön schwer, ja im Prinzip nicht unähnlich den heutigen Qigongkugeln. Das ist Messing vergoldet, und in am unglaublich guten Zustand. Kaum irgendwelche Bereibungen. Ja, die sind schon toll. SPRECHER Gesammelt hat die Singekugeln und mehrere tausend weitere Objekte Erzherzog Ferdinand der Zweite, der ab 1546 Landesfürst von Tirol war und in Innsbruck wohnte: Der kunstliebende, gebildete Habsburger ließ das mittelalterliche Schloss zu einem Prunkschloss umbauen, seine Wunderkammer und diverse andere Sammlungen bekamen ein eigenes Gebäude, das Unterschloss. Veronika Sandbichler: O 10 Sandbichler Dieser Habsburger Fürst hat seine politische Karriere verwirkt, weil er sich in eine Patriziertochter verliebte. Das war Philippine Welser aus Augsburg. Diese Leidenschaft zu ihr muss wirklich sehr heftig gewesen sein, aber ebenso heftig war seine scheinbar unpolitische Leidenschaft für das Sammeln. MUSIK 7 Orlando di Lasso / Ensemble Trictilla: Qui sequitur SPRECHER Wunderkammern waren nicht nur ein Zeichen für den Rückzug ins Private. Sie waren auch ein effizientes und elegantes Mittel der Diplomatie, Soft Diplomacy sozusagen: Gemeinsam staunen, dabei verwandtschaftliche Bande pflegen und politische Beziehungen vertiefen. Wunderkammern waren zudem eine charmante Art der Selbstdarstellung, mit einem Schuss Protzerei. Eine volle Wunderkammer zeigte, dass ihr Besitzer gebildet, weltgewandt, gut vernetzt, wohlhabend und einzigartig war … genauso wie seine Sammlung. Eine von Erzherzog Ferdinands Schwächen galt den Korallen. Agenten mussten sie ihm aus dem Mittelmeer beschaffen und er beauftragte Künstler mit ihrer Gestaltung. Veronika Sandbichler: O 11 Sandbichler Interessant ist ja auch die Tatsache, dass die Koralle im 16. Jahrhundert als rätselhafte Repräsentantin des damals weitgehend unerforschten Meeres gegolten hat. Also Ferdinand wusste ja eigentlich nicht: Handelte es sich um eine Pflanze, ein Mineral oder ein Tier? SPRECHER Die Korallen sind in der Innsbrucker Provinz geblieben. Sie haben es nicht, wie viele andere Objekte Ferdinands, ins Kunsthistorische oder Naturhistorische Museum in die Hauptstadt Wien geschafft. Ein „deutliches Zeichen für das geringe Interesse, das man heute diesen Dingen entgegenbringt“, schrieb der Kunsthistoriker Julius Schlosser im Jahr 1908. MUSIK 8 (Ludwig van Beethoven / Stephan Schrader: Finale furioso 0’50) SPRECHER drüber Der Drang zu Klassifizierung und Einordnung, die Verbreitung wissenschaftlichen Denkens, die Abwertung magischen Denkens ab dem 19. Jahrhundert – das war das Ende der Wunderkammer. Wer glaubte überhaupt noch an Wunder? Wohl nur die Ungebildeten! Die Sammlungen entsprechen ja einem vor-wissenschaftlichen Weltverständnis. Es ging um Fülle und Herrlichkeit – nicht um Systematik. Für ihre Besitzer sollten sie den Ruhm des Hauses weitertragen, für deren Erben waren sie oft nur noch „unsystematische Sammelsurien“. Deswegen sind die meisten Wunderkammern heute nicht mehr vollständig. Sie wurden neu sortiert, das „Wichtigste“ wurde auf die gerade entstehenden, öffentlichen Museen verteilt. Der Rest – konnte weg. MUSIK 9 Romain Lateltin: à la source SPRECHER Heute dagegen sind Wunderkammern wieder sehr beliebt. Gerade wegen ihrer scheinbaren Unordnung, der Naivität, Verspieltheit und Freude, die sie ausstrahlen. In vielen europäischen Schlössern und Museen werden neu arrangierte Wunderkammern mit Original-Objekten gezeigt. Auch die Wittelsbacher waren emsige Sammler. Die Kunst- und Wunderkammern von Herzog Albrecht dem Fünften und seinem Sohn Wilhelm dem Fünften gehörten zu den bedeutendsten Europas. Annette Schommers vom Bayerischen Nationalmuseum: O TON 12 Schommers Das war, ja man kann schon fast sagen so'n Wetteifern, ich meine Albrecht der Fünfte war mit der Kaisertochter Anna verheiratet und es war auch wichtig, dass man im diplomatischen Dienst Geschenke hin und her geschickt hat … SPRECHER Albrecht, der Vater, begann ab 1565 als einer der Ersten, ein Kabinett anzulegen. Die Sammlung war im zweiten Stockwerk des Marstallgebäudes der Münchner Residenz untergebracht. Die des Sohnes Wilhelm in der Burg Trausnitz in Landshut. O TON 13 Schommers Das hatte natürlich zur Folge, dass da sehr viel Geld floss, was den Staatsfinanzen nicht sonderlich gutgetan hat. Albrecht der Fünfte der wurde schon sehr früh von seinen Räten ermahnt, er solle mal bitte seine Sammelleidenschaft zügeln, aber das ähm … das hat er wohl nicht so gehört oder hören wollen und Wilhelm der Fünfte hatte dasselbe Problem mit dem Geld. SPRECHER Später wurden die beiden Wunderkammern in München zusammengelegt: Mehr als 6.000 Objekte. Archivarisch sind sie komplett erfasst, dank des Ficklerschen Inventars von 1598. Man kann die Liste in der Münchner Staatsbibliothek als kommentierte Ausgabe einsehen. Annette Schommers: MUSIK 10 Jasmin Seidl: Glasperlen O TON 14 Schommers drüber Es gibt natürlich auch zahlreiche Mineralien von denen man glaubte, dass die Steine heilende Wirkung haben. MUSIK hoch O TON 15 Schommers drüber Fast jede Kunstkammer besaß eine von diesen Alraunen, also diese Wurzel aus dem Mittelmeergebiet, die so'n bisschen aussieht wie ein kleines Männlein oder Weiblein, zum Teil hat man die auch angekleidet. Besonders begehrt waren Alraunen, die unter einem Galgen wuchsen. MUSIK hoch O TON 16 Schommers drüber Ja, vielleicht kann man als ein Wahrzeichen der Kunstkammer das Krokodil nennen, das unter der Decke hängt. Sehr mächtige Tiere, die an Drachen erinnerten, also es waren auch furchterregende Wesen. Und man weiß aus den Quellen, dass tatsächliche lebende Tiere aus Äthiopien über Alexandrien als Geschenke nach Bayern gelangt sind, und speziell nach Landshut, denn dort hatte Wilhelm der Fünfte eine Menagerie exotischer Tiere angelegt, da gab's Strauße und Krokodile, Schildkröten und so weiter, aber Sie können sich vorstellen, also ein langes Leben war diesen Viechern nicht beschert. Das ein oder andere Krokodil landete im Kochtopf, in der Hofküche, aber natürlich auch in der Kunst- und Wunderkammer. MUSIK 10 Ende O TON 19 Schommers Das gewaltsame Ende der Kunst- und Wunderkammer fand im 30-jährigen Krieg statt. König Gustav Adolf von Schweden und seine protestantischen Truppen plünderten die Münchner Residenz und leider auch die Kunstkammer. Und so befinden sich manche der ursprünglich in München beheimateten Werke in schwedischen Sammlungen oder sie sind über die ganze Welt zerstreut. Und leider hat man das, was man nicht als wertvoll genug eingeschätzt hat, zerschlagen und zerstört. SPRECHER Wie auch in Innsbruck wurden die besten Stücke unter den Resten auf die neu entstandenen Münchner Spezialmuseen verteilt: Kunst in die Pinakothek, Exotica ins Museum Fünf Kontinente, Münzen in die Münzsammlung, Kunsthandwerk ins Bayerische Nationalmuseum … Seit dem Jahr 2004 ist in der Burg Trausnitz in Landshut wieder eine Wunderkammer zu sehen, mit 750 beispielhaften Objekten. MUSIK 11 ( Alessandro Scarlatti: (006) 2. Satz aus Cembalokonzert Nr. 6 Es-Dur 0’44) SPRECHER drüber Die bürgerlichen Sammlungen rissen keine Löcher in den Staatshaushalt und waren auch keine Mittel der Diplomatie. Auch wohlhabende Kaufleute und Gelehrte an Universitäten legten sich Wunderkammern zu. Sie dienten der eigenen Erbauung, dem Studium und Verständnis der Welt, und dem Austausch mit Gleichgesinnten. Sie waren reines Privatvergnügen, für den Rechtsgelehrten Basilius Amerbach zum Beispiel, der im 16. Jahrhundert in Basel lebte: O 20 Söll-Tauchert Er hat geheiratet und hat leider bei der Geburt des ersten Sohnes sowohl sein Kind als auch seine Frau verloren. Nach diesem schrecklichen Schicksal hat er sich immer mehr zurückgezogen im sein Haus in der Rheingasse in Kleinbasel und hat sich sehr stark auch neben seiner Tätigkeit an der Universität auf das Sammeln selbst fokussiert. SPRECHER Die Kunsthistorikerin Sabine Söll-Tauchert arbeitet im Historischen Museum Basel, das im Untergeschoss der Barfüßerkirche eine neu zusammengefügte Kunst- und Wunderkammer zeigt: 2000 Objekte aus dem 16., 17. und frühen 18. Jahrhundert. Ein Teil davon stammt aus dem so genannten Amerbach-Kabinett. O 21 Söll-Tauchert Beispielsweise interessierte er sich in besonderem Maße für den Entstehungsprozess von Kunstwerken. Da nicht nur die Zeichnungen, sondern er hat eben auch ganze Nachlässe von Goldschmieden aufgekauft. In den 1560er und 70er Jahren sind einige Goldschmiede an der Pest gestorben, da grassierte die Pest auch in Basel. Das sind wirklich tausende von Goldschmiedemodellen aus Blei, ursprünglich auch noch aus Brotteig, aus Wachs, die dann leider später nicht aufbewahrt wurden, im 18. Jahrhundert hat man sie aussortiert, weil sie als wertlos galten. SPRECHER Basel war in der Renaissance die Stadt der Humanisten und Buchdrucker, die viele Gelehrte anzog und über den Rheinhafen auch intensiven Handel betrieb. Der ideale Ort zum Sammeln. MUSIK 12 Domenico Scarlatti: Klaviersonate c-Moll, K99 SPRECHER drüber Auch die Kunst- und Raritätensammlung des Rechtsprofessors Remigius Faesch ist heute im Besitz der Stadt Basel. Faesch gehörte zur reichsten Familie der Stadt, war ledig und kinderlos und legte in mehr als 30 Jahren eine beeindruckende Kunst- und Raritätensammlung an, die er ab 1651 in seinem Haus am Petersplatz ausgewählten Besuchern zeigte. Zwei französische Besucher schilderten in einem Brief Ende des 17. Jahrhunderts folgendermaßen ihren Eindruck: O 22 Söll-Tauchert Gegenüber dem Zeughaus ist das Haus des Herrn Faesch, von dessen Kabinett man so viel hört! Wir sahen dieses Kabinett mehrere Male. Man sieht hier: Metallspiegel mit überwältigenden Verzierungen, Trompeten und Messer aus China, Mumien, Skelette und tausend Vögel, die man bisher noch nie gesehen hat und von denen man nicht einmal den Namen kennt. MUSIK 13 Jasmin Seidl: Melting SPRECHER drüber Die Fähigkeit zum Staunen haben wir, so hat das zumindest Sabine Söll-Tauchert erlebt, noch nicht verlernt: O 23 Söll-Tauchert Das ist wirklich auch so, wenn die Besucher eintreten in das Kabinett des Staunens bei uns, das hab ich jetzt wirklich schon mehrfach erlebt, dass sie so wie mit offenem Mund dastehen und staunen. SPRECHER Und das, obwohl für uns kaum mehr etwas exotisch ist und wir vom Überfluss der Dinge umgeben sind. Ein Kokosnuss-Becher, ein Nautilus-Pokal, eine präparierte Schildkröte, die mit Figürchen auf dem Rücken über den Tisch saust … ATMO 1 Figurenautomaten (Aufziehen, dann Rattern) SPRECHER … ist das nicht einfach nur alter Kitsch, Tand und Nippes? O 24 Laue Das hab ich eigentlich noch nie gehört: Ach, was willst'n mit dem alten Graffl. SPRECHER Sagt der Münchner Kunsthändler Georg Laue. ATMO 4 Tür Geschäft Laue In seiner Kunst- und Wunderkammer hängt das obligatorische ausgestopfte Krokodil an der Decke. Sie ist vollgestopft, wie eine historische Wunderkammer. ATMO 5 Gerede Laden Laue O 25 Laue Es handelt sich jetzt hier nicht um Alltagsgegenstände, die irgendwann abgenutzt oder abgelebt sind, die man als klassische Antiquitäten bezeichnen kann. Sondern es sind immer Dinge, die für sich was ganz Besonderes haben. Und wenn Sie davorstehen, spüren Sie sofort, dass es sich da um was Ungewöhnliches handelt. Es sind immer Sammelgegenstände gewesen. SPRECHER Die sind heute schwer zu kriegen und dementsprechend teuer. O 26 Laue Naja, wenn Sie jetzt so 'ne geschnittene Kokosnuss haben, die jetzt nicht gerade in Silber montiert ist und kostbar als Gefäß ist und nur als Kokosnuss alleine ist … sowas können Sie schon mal für'n paar hundert Euro finden. SPRECHER Nach oben sind die Grenzen offen. Denn: Die historischen Objekte sind im Gegensatz zu ihrem ursprünglichen Sinn und Zweck, die unendliche Fülle der Welt zu repräsentieren, heute natürlich nur noch begrenzt vorhanden. Die allermeisten sind in Museen. Und sie haben nur Sammlerwert, wenn, wie Laue das nennt, ihre Provenienz, ihre Herkunft, nachweisbar ist. Fälschungen gibt und gab es zuhauf: O 27 Laue Bernstein Na, es wurde eigentlich alles gefälscht, immer wieder. Da hab ich jetzt vor Kurzem ein dickes Buch gefunden, das war von 1724 und da drin waren Bernsteinstücke abgebildet, transparente, und da waren Fliegen drin. Und das waren Fälschungen. Das heißt, man hat schon im 18. Jahrhundert Bernstein-Inklusen gefälscht, weil die so kostbar waren. Das heißt man hat einfach nen Bernstein genommen, hat ihn aufgebohrt, hat nie Fliege reingesteckt und wieder zugemacht. MUSIK 14 Romain Lateltin: à la source SPRECHER Wer sich eine echte Wunderkammer nicht leisten konnte, der sammelte eben billige Fälschungen. Ach ja, warum denn nicht! Schließlich ist alles sammelwürdig, was den Sammler erfreut. Die Wohnzimmervitrine, der Setzkasten, der Sekretär, sie sind die armen, kleinbürgerlichen Schwestern der prunkvollen, atemberaubenden Wunderkammer von damals. Und in ihr war alles erlaubt – nur keine Langeweile.
- Der Igel - Stachliger Überlebenskünstler
05.04.2024 · 22 Min.
Igel sind wahre Überlebenskünstler. Lange vor der Entstehung der Menschheit durchwanderten sie bereits die Landschaft. Dank ihrer Anpassungsfähigkeit werden sie uns wohl auch in die Zukunft begleiten. (BR 2014) Autorin: Carola Zinner Credits Autorin dieser Folge: Carola Zinner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Axel Wostry, Burchard Dabinnus Technik: Michael Krogmann Redaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Herkunft der Bajuwaren - Neues zu einem alten Rätsel
04.04.2024 · 24 Min.
Die Forschung fragt heute nicht mehr nach der Herkunft der Bajuwaren, sondern richtet den Blick mehr auf den Raum, der planmäßig besiedelt wurde mit Menschen verschiedenster Herkunft, die später zu Bajuwaren wurden. Von Thomas Grasberger (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Ruth Geiersberger, Alexander Duda, Thomas Birnstiel, Kia Ahrndsen Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Irmtraut Heitmeier, Institut für Bayerische Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München, Historisches Lexikon Bayerns und freiberufliche Historikerin Michaela Harbeck, Anthropologin, Oberkonservatorin Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Herkunft der Bajuwaren: Die Fachfrau für das frühe Bayern, die Historikerin Irmtraud Heitmeier, ist auch Gesprächspartnerin in Gerald Hubers Podcast-Folge "Obacht Bayern": DIESE FOLGE ANHÖREN
- Mammut & Co - Die Megafauna der letzten Eiszeit
02.04.2024 · 23 Min.
Warum sind Mammuts, Säbelzahntiger und Wollnashorn ausgestorben? Waren es die Temperaturen oder war es der Mensch? Weltweit wird das Schicksal der damaligen Megafauna erforscht. Im tauenden Permafrostboden kommen nun neue Erkenntnisse zutage. Vielleicht können wir die Riesen bald zu neuem Leben erwecken. Von Brigitte Kramer (BR 2021) Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Frank Halbach Es sprachen: Ditte Ferrigan, Christian Baumann, Marlen Reichert Technik: Helge Schwaru Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Gärtnern als spirituelle Erfahrung - Vom Entstehen und Vergehen
01.04.2024 · 23 Min.
Manche Menschen begeben sich zur Sinnsuche in den Garten. Dort, so sagen sie, begegnen sie den ganz großen Themen des Lebens: Anfang und Neubeginn, Durchsetzung und Unterwerfung, Entstehen und Vergehen, Konkurrenz und Miteinander und nicht zuletzt dem ewigen Kreislauf des Lebens. (BR 2022) Autorin: Karin Lamsfuß Autor/in dieser Folge: Karin Lamfuß Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Bürkle, Peter Weiss Technik: Daniela Röder Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Mensch ohne Natur? - Der Mensch, das ökologische Wesen JETZT ANHÖREN Der Wald - Rückzugsort für Natur und Seele JETZT ANHÖREN Die Deutschen und ihr Wald - Eine Beziehungsgeschichte JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Gerhard Dane: Im Garten kannst du Gott begegnen, Don Bosco Verlag 2011 Blanka Stolz: Die Philosophie des Gärtnerns, Suhrkamp 2017