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2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Der Misanthrop - Kulturgeschichte des Menschenfeinds
27.03.2024 · 21 Min.
Misanthropen werden vielfach kritisiert, doch sie schaffen durch Irritationen eine reflexionsfördernde Distanz zu etablierten Denkweisen. Von Rolf Cantzen (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Rolf Cantzen Regie: Irene schuck Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Andreas Neumann Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Dr. Ulrich Horstmann, emeritierter Professor für Anglistik, Schriftsteller, Essayist, Prof. Dr. Michael Pauen, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR 1: (boshaft) Timons Hass geweiht Sei künftighin der Mensch und alle Menschlichkeit. ERZÄHLERIN: Timon ist bei Shakespeare der Protagonist des Menschenhasses. O-TON 1: Prof. Dr. Ulrich Horstmann (flüsternd) „Pssst, jetzt lassen wir zusammen die Sau raus.“ ERZÄHLERIN: … zusammen mit Ulrich Horstmann. MUSIK AUS Er ist Professor für englische Literaturwissenschaft, Schriftsteller und Verfasser der philosophischen Streitschrift „Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht“. O-TON 3: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Menschenflüchtiges Denken lebt aus dem Pathos der Distanz. ERZÄHLERIN: Bei der Menschenflucht und beim Menschenhass geht es vor allem darum, Abstand zu gewinnen und Distanz herzustellen – zu den Menschen, unter denen man leidet, weil sie einem selbst oder anderen Menschen Schlimmes angetan haben oder auch, weil man ihre Nähe nicht mehr aushält. Dann kommen sie – böse, menschenfeindliche Gedanken: O-TON 3: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Ausflüge in das Nicht-Erlaubte, eigentlich Nicht-Tolerierbare, in die Randbezirke dessen, was uns durch den Kopf geht, in den abgeschlossenen, abgesperrten Hinterstübchen. … ERZÄHLERIN: Gelegentlicher Menschenhass könne Entlastung bieten, meint Ulrich Horstmann: O-TON 4: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Solche Ausflüge waren immer attraktiv, wenn nicht jemand daraus Handlungsanweisungen und Imperative ableitet. ERZÄHLERIN: Es geht also bei menschenflüchtigen oder menschenhassenden Ausflügen nicht darum, etwas zu tun, es geht darum, sich bestimmte Gedanken zu gestatten, vielleicht auch, damit wir es nicht tun: Ein gedankliches Korrektiv, das prophylaktisch wirkt. Obwohl – geben wir es ruhig zu – uns unliebsame Besucher oder Menschen im Allgemeinen schon gewaltig auf die Nerven gehen können: O-Ton 5: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Die Möglichkeit das eigentlich Unaussprechliche herauszulassen und einem Stellvertreter zuzuhören, der das artikuliert, was man selbst nicht sagen darf, das ist der Köder und den schlucken wir von Zeit zu Zeit alle liebend gern. ERZÄHLERIN: Stellvertreter können die Protagonisten in Büchern, im Theater, in Filmen sein. Ein Auslöser für menschenhasserische Impulse können auch Situationen sein, in denen wieder einmal von uns erwartet wird, menschenliebenden Appellen und Tugenden beizupflichten, wenn uns positive Menschenbilder beruhigen, wenn optimistische Philosophien und der Glaube an den Fortschritt uns beglücken sollen ... MUSIK: ZITATOR 2: (hier und im Folgenden ironisierend) Die Welt ist gut! ZITATOR 1: … und wenn unsere Welt noch nicht gut ist, wird sie es. MUSIK: O-Ton 6: Prof. Dr. Michael Pauen Wenn man sich das ein bisschen genauer anschaut, sieht man einerseits, dass die optimistischen Theorien einfach unter dem Eindruck bestimmter theologischer oder metaphysischer Vorannahmen stehen, also vor allem unter der Annahme, dass diese Welt von einem guten, verständigen, wohlmeinenden und allmächtigen Gott geschaffen worden ist. Das heißt, so ein Gott kann keine andere als eine gute Welt schaffen. Und wer das bestreitet, der vergeht sich an seinen fundamentalen religiösen und theologischen Annahmen. Und dann muss diese Welt eben gut sein. ERZÄHLERIN: … auch die Menschen sind gut, die auf dieser Welt herumlaufen. Klar, sie morden millionenfach, vergewaltigen, ruinieren die Natur, doch letztlich gilt: MUSIK: ZITATOR 2: Der Mensch ist gut! ZITATOR 1: … oder wird es. MUSIK aus O-Ton 7: Prof. Dr. Michael Pauen Sinnstiftende Theorien haben es an sich, dass sie negative einzelne Erfahrungen erklären können. ERZÄHLERIN: Michael Pauen ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität. In einem seiner Bücher zeigt er, wie es vielen Philosophen immer wieder gelingt, alles schön zu reden und dass eine philosophische Minderheit es schwer hat, ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen: O-Ton 8: Prof. Dr. Michael Pauen Das bedeutet, wenn dann dieser höhere Sinn letztlich darauf hinausläuft, dass wir in einer guten Welt oder möglicherweise der besten aller möglichen Welten leben, dass dieses Leid an Bedeutung verliert. MUSIK: ZITATOR 2: Alles ist gut, alle sind glücklich oder könnten es sein! MUSIK aus ERZÄHLERIN: Das wird zu einer philosophisch legitimierten Lebenslüge. Misanthropen – Menschenfeinde, Menschenhasser, Menschenverächter, es gibt verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten – Misanthropen spielen da nicht mit, weil sie mit Menschen nicht die besten Erfahrungen gemacht haben oder einen anderen Blick auf die Menschheit werfen: O-Ton 9: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Misanthropen sind natürlich Freaks, Misanthropen sind randständige Figuren, das sind Figuren, die diese Randständigkeit ausnutzen. ERZÄHLERIN: Sie leben auch oft am Rand, sind Einzelgänger, fügen sich nicht nahtlos ein in die Gesellschaft, obwohl auch sie die Gesellschaft brauchen – und sei es, um sich von ihr abzugrenzen. MUSIK: ERZÄHLERIN: („Timon“ immer deutsch aussprechen.) … Die Geschichte des Menschen- und Menschheitshassers Timon von Athen. ZITATOR 1: (boshaft) Timons Hass geweiht Sei künftighin der Mensch und alle Menschlichkeit. ERZÄHLERIN: Über die Jahrtausende hinweg blieb die Lebensgeschichte von Timon von Athen das Motiv für zahlreiche Theaterstücke und vor allem: die Diskussionsgrundlage, an der Philosophen ihre Gedanken zur Misanthropie entwickelten. Timon war zunächst reich, großzügig und freundlich, sammelte viele Menschen um sich, von denen er meinte, sie seien seine Freunde. Dann ging ihm das Geld aus. Er erwartet nun im Gegenzug von seinen Freunden Unterstützung, wird aber in Stich gelassen und hasst nun nicht nur die falschen Freunde, sondern die gesamte Menschheit. ZITATOR 1: Weg mit der Menschheit! ERZÄHLERIN: Auch als er zufällig wieder zu Geld kommt, ändert sich – in Shakespeares Bearbeitung des Stoffs – an seinem Menschenhass nichts: Er bleibt unversöhnt. O-TON 10: Prof. Dr. Ulrich Horstmann (flüsternd) Ihr könnt euch vorstellen, was in mir vorgeht. ZITATOR 1: (aggressiv, boshaft) Glatt lächelnde, verächtliche Schmarotzer, Höfliche Mörder, sanfte Wölfe, Kratzfüßige Sklaven, Dünste, Wetterfahnen! – Alle Krankheiten von Mensch und Vieh Solln euch mit Grind bedecken! ERZÄHLERIN: Shakespeare gestattet sich in seinem Stück „Timon von Athen“ nicht nur deftige Flüche, Timon treibt sein Menschenhass zu Vernichtungsphantasien. Alkibiades gibt er Geld, damit er Athen zerstört, der Hure Timandra, damit sie alle mit Syphilis ansteckt: ZITATOR 1: Mach alle krank, die ihre Lust dir lassen, Mach reif die Jugend für die Hungerkur der Seuche. ERZÄHLERIN: Kurzum: Shakespeare lässt in seinem Protagonisten Timon – umgangssprachlich formuliert – die Sau raus. Er gestattet sich menschenfeindliches Denken. ZITATOR 1: Alles glatte Schurkerei. Drum seid gemieden, Feste, Gelage, menschliches Gewimmel! Timon verabscheut sein Ebenbild, sich selbst! Weg mit der Menschheit! MUSIK aus O-TON 11: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Wenn ich die Menschheit hasse, muss ich natürlich als Element dieser kollektiven Größe eigentlich auch mich selbst hassen, darf mich selbst nicht ausnehmen. So ist Timon gestrickt. Das macht er. ERZÄHLERIN: Von seinem extremen Menschenhass kann sich Timon nicht selbst ausnehmen: Er hasst sich selbst und bringt sich wahrscheinlich – bei Shakespeare ist das nicht eindeutig – selbst um. O-TON 12: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Der Wille, bei seinen Mitmenschen, wie wahrscheinlich auch bei sich selbst tabula rasa zu machen. MUSIK: ZITATOR 1: … eine Jauchegrube Sei dann euer aller Grab! Musik aus ERZÄHLERIN: Der Philosoph Platon – die Tragödien antiker Autoren vor Augen ¬– analysiert die Geschichte von Timon eher vorsichtig: ZITATOR 2: (Zitat gekürzt) Menschenfeindschaft entsteht, wenn man einem zu sehr vertraut und einem Menschen für durchaus wahr, gesund und zuverlässig gehalten hat, bald darauf aber denselben als schlecht und unzuverlässig findet, und dann wieder einen; und wenn einem das öfter begegnet und bei solchen, die man für die vertrautesten und besten Freunde hält, so hasst man dann endlich alle, und glaubt, dass an niemandem irgendetwas Gesundes ist. ERZÄHLERIN: Menschenfeindschaft wegen mehrfacher Enttäuschung! Platon diskutiert, ob das nicht auch an dem Enttäuschten selbst liegt: Vielleicht ist er zu naiv bei der Wahl vermeintlicher Freunde. Einem vernünftigen Menschen passiert das wahrscheinlich nicht und er verallgemeinert auch nicht vorschnell schlechte Einzelerfahrungen. Bei Platon ist die Misanthropie nicht der bösen Menschheit anzulasten, sondern dem beschränkten oder verwirrten Misanthropen. Das heißt: MUSIK ZITATOR 2: (unbeschwert) Im Wesentlichen sind Welt und Mensch in Ordnung! ZITATOR 1: … mit Vernunft und Moral wird alles gut. MUSIK aus ERZÄHLERIN: Der römische Philosoph Cicero pathologisiert die Misanthropie zu einer Art psychischem Defekt: ZITATOR 1: Misanthropie ist eine Krankheit der Seele, die aus einer gewissen Furcht vor denjenigen entsteht, die sie fliehen und hassen. ERZÄHLERIN: Cicero sieht in der Misanthropie einen psychischen Defekt. Das heißt: Nur Anormale, die ihr seelisches Gleichgewicht verloren haben, hassen die Menschen. Mit einer solchen Definition erübrigt es sich, ernsthaft über Menschenhass zu diskutieren. Menschenhass oder Menschenfeindlichkeit ist dann kein ernsthaftes philosophisches Problem, sondern – heute würde man sagen – ein psychopathologisches. O-Ton 13: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Das bedeutet eigentlich, dass ich den Misanthropen zurückverfrachte in die Zwangsjacke des Normalen, des Sozial-Akzeptablen, dessen, der seine Zunge im Zaum hält und sich so benimmt, dass er bei seinen Mitmenschen keinen Anstoß erregt. MUSIK: ZITATOR 2: (insistierend) Der Mensch ist gut. ERZÄHLERIN: … und man muss ihn lieben: Immer! Schließlich ist er ein Geschöpf Gottes! MUSIK aus ZITATOR 1: Nächstenliebe! Du sollst deinen Nächsten lieben! ERZÄHLERIN: … hassen tut ihn der Teufel. Und wer Menschen hasst, ist des Teufels. Im christlichen Mittelalter hatte man kein Verständnis für Misanthropie. MUSIK ERZÄHLERIN: In der Renaissance erinnerte sich Machiavelli an die Misanthropie-Diskussion der Antike. Er empfahl den Mächtigen, die Menschen nach Strich und Faden zu manipulieren: ZITATOR 2: Denn von den Menschen lässt sich im Allgemeinen so viel sagen, dass sie undankbar, wankelmütig und heuchlerisch sind, voll Angst vor Gefahr, voll Gier nach Gewinn. ERZÄHLERIN: … und deshalb gibt es keinen Grund, den Menschen Respekt und Achtung entgegen zu bringen. Im Gegenteil: Ihre Boshaftigkeit und Dummheit rechtfertigen jede Unterdrückung: ZITATOR 2: Wenn der Fürst auch genötigt wäre, das Blut eines Untertanen zu vergießen, mag er es ruhig tun … MUSIK aus ERZÄHLERIN: In der Aufklärung ging die Menschenfreundlichkeit dann wieder so weit, dass man jede Misanthropie, Einzelgängerei und Eigenbrödlerei verbannte und oft die Menschenliebe zum alleinigen Maßstab machte. ZITATOR 1: Die praktische Menschenliebe ist aller Menschen Pflicht. ERZÄHLERIN: … „moralisierte“ Kant und hält den Menschenhass für teils hässlich, teils verächtlich. Auch andere Philosophen verdammten Menschen, die sich einen anderen – einen negativen – Blick auf den Menschen und seine Geschichte gestatteten. Der Mensch sollte sich positiv mit der Menschheit identifizieren, sich nicht negativ von ihr und der Welt abgrenzen. O-Ton 14: Prof. Dr. Michael Pauen Ich glaube, Hegel ist da das beste Beispiel. Also, die hegelsche Geschichtsphilosophie steht noch in der Tradition dieser optimistischen Aufklärungsphilosophie. Letztlich Hegels Vorstellung, dass Geschichtsphilosophie eine Art von Theodizee sein, also Rechtfertigung Gottes, und damit letztlich ein Nachweis, dass diese Welt gut ist, das ist für Hegel noch unbestritten. MUSIK ZITATOR 2: (unbeschwert) Die Welt ist gut … ZITATOR 1: … und der Mensch ist es auch, weil er sich immer weiter zum Guten entwickelt! MUSIK aus ERZÄHLERIN: Mord und Totschlag, das Leiden, das sich Menschen gegenseitig zufügen, sind unbedeutende Kollateralschäden. Damit muss die Menschheit leben. O-Ton 15: Prof. Dr. Michael Pauen Da ist offensichtlich eine Vernachlässigung der individuellen Perspektive zu Gunsten der Perspektive des Ganzen, aus der sich wieder angeblich alles zusammenfügt. Ob sich das tatsächlich zusammenfügt, ist dann gar keine Frage, weil das einfach vorausgesetzt wird. ERZÄHLERIN: Diese Vernachlässigung des individuellen Leids – überhaupt: die Vernachlässigung des individuellen Menschen und negativer Erfahrungen – führen, so der Philosophieprofessor Michael Pauen; dazu, dass einige Dichter und Denker aus der verordneten Menschenliebe ausbrechen. ZITATOR 2: Gerade so ging es mir … ERZÄHLERIN: … schreibt Friedrich Schiller an einen Freund. MUSIK Erzählerin: Er spürt wie die Menschenliebe umschlägt... ZITATOR 2: … alle Menschen werden Brüder … ERZÄHLERIN: Schiller spürt, wie die Menschenliebe umschlägt in Menschenhass: ZITATOR 2: Ich hatte die Welt mit der glühendsten Empfindung umfasst, und am Ende fand ich, dass ich einen kalten Eisklumpen in den Armen hatte. MUSIK aus ERZÄHLERIN: Der Mensch braucht den anderen Menschen, doch das ist kein Grund, die Menschheit nicht zu hassen. Man kann sogar einzelne Menschen lieben und das Kollektiv „Menschheit“ hassen: O-Ton 16: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Das erinnert mich an einen ganz großen Satiriker, den viele auch für einen Misanthropen halten nämlich an Jonathan Swift. Der hat in einem Brief folgendes gesagt: „I love John, Jill and Jack, but I hartley detest mankind.“ ZITATOR 1: Ich liebe John, Jill und Jack, aber zutiefst verabscheue ich die Menschheit. O-Ton 17: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Und das ist ein Satz, in dem sehr, sehr viel Wahrheit steckt, nicht nur über Swift, sondern über das Phänomen der Misanthropie. ERZÄHLERIN: Jonathan Swift – er lebte um 1700 – lässt seinen Protagonisten Gulliver nicht nur nach Liliput und in die Welt der Riesen reisen, sondern auch zu den edlen Pferden, die sich ekelhafte Menschen als Haustiere halten. Die phantasievollen Reisen des Gulliver erlauben Swift eine Distanz zu den Menschen, die ihr Wesen transparent macht: Sie sind lasterhaft, gierig, dumm und sie stinken. Die edlen Pferde nutzen ihre Häute, um Segel daraus zu fertigen. In einem anderen Text, dem „bescheidenen Vorschlag“, rät er zum Kannibalismus: ZITATOR 1: Ein Kind wird bei einem Essen für Freunde zwei Gänge ergeben und wenn die Familie allein speist, so wird das Vorder- oder Hinterviertel ausreichen. ERZÄHLERIN: Der gebürtige Ire Swift wird oft als ‚Menschenhasser‘ bezeichnet, wegen solcher Texte. Der historische Hintergrund macht klar, er ist entsetzt von dem, was Menschen anderen Menschen antun: Die reichen Landbesitzer wandelten in Irland aus Profitgier Ackerland in Schafsweiden um. Die Folge: Zehntausende von Bauern verhungerten. Swifts vermeintlich menschenhasserischer Ratschlag, doch einfach Kinder zu verspeisen, macht auf groteske Weise den Zynismus und die Unmenschlichkeit dieser Landbesitzer erkennbar. Die Verlogenheit ist, dass nicht die Verursacher des menschlichen Leid als Menschenhasser bezeichnet werden, sondern die, die darauf aufmerksam machen. MUSIK ZITATOR 2: (unbeschwert) Der Mensch ist gut … MUSIK aus ERZÄHLERIN: … wer das in Frage stellt, wer anders denkt, als es sich gehört, ist Menschenfeind, wie Swift oder etwa der Philosoph Philipp Mainländer: ZITATOR 1: Ich möchte alle windigen Motive zerstören, welche den Menschen abhalten können, die stille Nacht des Todes zu suchen. ERZÄHLERIN: Mainländer schrieb um 1870 seine „Philosophie der Erlösung“ ... O-Ton 18: Prof. Dr. Michael Pauen … da gibt es die Vorstellung, dass Erlösung noch darin bestehen kann, dass die Welt letztlich ihr Ende findet. Und damit eben das Leid ein Ende findet. ERZÄHLERIN: Mainländer will die Welt und die Menschen ausgelöscht sehen. Seine Überlegung: Leben ist Leiden, Gott ist gestorben und sein verrottender Leib ist die Schöpfung und deshalb sei es besser, mit all dem aufzuhören: ZITATOR 1: Alles, was ist, ist von Übel und auf das Übel hin bestellt: der Zweck des Weltganzen ist das Übel; die Ordnung und der Zustand, die Gesetze, der natürliche Gang des Universums sind durchaus von Übel. Gut ist nur, was nicht ist. ERZÄHLERIN: Mainländer sucht die Distanz nicht auf fiktiven Reisen, wie Swifts Gulliver, sondern in seiner Vorstellung, dass es ihn selbst, die Welt und die Menschheit nicht mehr gibt. Der Mensch als Krone der Schöpfung ist nur gut, wenn er nicht existiert. O-Ton 19: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Misanthropie ist eine Luftnummer. Was meine ich damit? Normalerweise geht es beim Lieben und Hassen um interpersonale Interaktion … ZITATOR 2: Ich hasse dich, du hasst mich … ERZÄHLERIN: … und das belastet die Kommunikation. Doch die Menschheit ist keine Person, mit der ich kommuniziere, sondern ein Abstraktum. Das heißt für Ulrich Horstmann: O-Ton 20: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Der Menschheit als Kollektivsubjekt ist es herzlich gleichgültig, ob sie geliebt wird oder gehasst wird. Insofern kämpft der Misanthrop mit Windmühlenflügeln. ERZÄHLERIN: Man tut der Menschheit also nicht weh, wenn man ihr skeptisch, feindlich oder mit Hass gegenübersteht, wenn man sie nicht mag: O-Ton 21: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Ich bin auch heilfroh, dass es mir – pathetisch vergönnt war – im späten 20. Jahrhundert und frühen 21. Jahrhundert zu leben mit dem furchtbaren 20. Jahrhundert im Rücken, das mich in seiner Grausamkeit nicht mehr erreicht hat – Gott sei Dank …! Das war im wortwörtlichen Sinne eine Offenbarung. ERZÄHLERIN: Die Grausamkeiten im 20. Jahrhundert – Kolonialismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, um nur die schlimmsten zu nennen – waren keine Taten von erklärten Menschenhassern. Die Menschheitsverbrecher hatten eherne Ziele. Sie ‚liebten‘ angeblich die Menschheit und gaben vor, ihr zu dienen und nur ihr Bestes zu wollen. ZITATOR 1: … weil sie der Menschheit dienten, darum schnitten sie den Menschen die Hälse ab. ERZÄHLERIN: … schrieb Max Stirner, ein provokanter Philosoph des 19. Jahrhunderts. Die Liebe zur Menschheit kann tödlich sein für den einzelnen Menschen. Misanthropie kann ein Korrektiv sein zur mörderischen Menschenliebe, indem sie Distanz schafft und irritiert. MUSIK Ulrich Horstmann fasst es so zusammen: O-Ton 22: Prof. Dr. Ulrich Horstmann Ich halte diese Widerspruchskomponente, dieses „Nein, es ist ganz anders“ für einen Hirnschrittmacher. ERZÄHLERIN: Die Misanthropie wäre dann so etwas wie eine philosophische Therapie. Und psychologisch betrachtet stellen sich Fragen: Wie sollen Menschen mit Sympathie füreinander in dieser Wirklichkeit leben, wenn sie sich nicht ab und zu misanthropische Anwandlungen gönnen? MUSIK aus
- Leuchttürme und Feuerschiffe - Rettende Wegweiser auf See
27.03.2024 · 23 Min.
Nacht und Nebel sind die größten Feinde der Seefahrer. Leuchttürme und Feuerschiffe waren lange Zeit rettende Lichter im Dunkel, die Schiffe vor Gefahren warnten und viele vor dem Untergang bewahrten. Von Christiane Neukirch (BR 2019) Autor/in dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Martin Trauner Es sprachen: Julia Fischer, Andreas Neumann, Jerzy May Technik: Clemens Kamp Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Mikrochips - Halbleiter als Global Player
26.03.2024 · 23 Min.
Mikrochips sind mittlerweile unentbehrlich: Sie stecken im Kühlschrank, im Auto oder der EC-Karte. Seit Intel 1971 den ersten integrierten Schaltkreis in Serie produzierte, hat die Technologie einen globalen Siegeszug angetreten. Doch das kostbare Gut sorgt immer wieder für Streit unter Wirtschaftsmächten. Von Lukas Grasberger (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Jerzy May, Julia Fischer Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Frank Dittmann, Kurator Hauptabteilung Technik, Deutsches Museum, München Genevieve Bell, Senior Fellow bei Intel und Professorin für Kybernetik, Australian National University, Canberra Klaus Behling, Journalist und Klaus Behling, Autor „Die DDR und der High-Tech-Schmuggel“, Potsdam Reinhard Buthmann, Autor „Kadersicherung im Kombinat VEB Carl Zeiss Jena: Die Staatssicherheit und das Scheitern des Mikroelektronikprogramms“ Jan-Peter Kleinhans, Halbleiter-Experte Stiftung Neue Verantwortung, Berlin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Geschichte des Mikroskops - Als die Welt vergrößert wurde Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Die junge Frau erschrickt, als sie aufwacht: Sie hat verschlafen! Der Wecker hat nicht geklingelt. Schnell ins Bad, Waschen und Zähneputzen, aber: Die elektrische Zahnbürste streikt. MUSIK HOCH Doch der Alptraum beginnt erst: Auch das Auto springt nicht an. Im Krankenhaus, wo die junge Frau arbeitet, kann sie nicht Bescheid geben: das Smartphone ist tot. In der Klinik würde ohnehin keiner abnehmen, es herrscht Ausnahmezustand. Fast das gesamte medizinische Personal ist auf der Intensivstation, wo es versucht, den Ausfall von lebenserhaltenden Maschinen zu kompensieren. MUSIK HOCH ERZÄHLERIN Dieses Szenario ist erfunden und ist noch nie eingetreten. Aber es zeigt: Versagten alle Mikrochips auf einmal ihren Dienst: Unser gesamtes Alltagsleben würde binnen Sekunden zusammenbrechen. ERZÄHLERIN Mikrochips sind heute in unserem Alltag allgegenwärtig: Millimetergroße, und dennoch mehrstöckige Gesamtkunstwerke, in dem viele Millionen Transistoren, Widerstände und Kondensatoren lautlos zusammenarbeiten – und die in der Dating-App genauso stecken wie in der komplexen Steuerung des Autoverkehrs. Klingt nach abgefahrener Raketenwissenschaft? Ja, das war die Chip-Technologie Anfangs im wahrsten Sinne des Wortes, sagt der Münchner Technik-Historiker Dr. Frank Dittmann. O-Ton 1 Dr. Frank Dittmann, Kurator Abteilung Starkstromtechnik, Energietechnik und Automatisierungstechnik, Deutsches Museum München „Denn da kommts ja vor allem drauf an, sehr klein zu bauen, und bei Raketen oder auch bei Flugzeugen die Masse zu minimieren. Das kann man mit solchen integrierten Bauelementen sehr gut. Und das ist so forschungsintensiv, bevor man überhaupt verstanden hat, was da passiert: Das konnte eigentlich nur das Militär bezahlen.“ ERZÄHLERIN Es war der Kalte Krieg - und vor allem der Wettlauf zwischen Ost und West ins All, der der Entwicklung der Chip-Technologie einen entscheidenden Schub gab. Musik CREATIVE IDEAS (B) 0‘40 ERZÄHLERIN Ein frühes Video der US-Raumfahrt-Organisation NASA: Männer in schwarz-weiß drücken klobige Tasten an einer riesenhaften Steuerungs-Konsole. Es sind Test-Ingenieure, die den Navigations-Rechner für das Apollo-Raumfahrzeug ausprobieren, das im Jahre 1969 auf dem Mond landen sollte. Der Computer im Inneren der heute monströs wirkenden Apparatur war der erste, der eine Technologie nutzen sollte, die noch in den Kinderschuhen steckte. Die aber bald – unter der landläufigen Bezeichnung „Mikrochip“ - maßgeblich den Weltenlauf mitbestimmen wird. Für die Mond-Mission des Jahres 1969 brauchte die NASA zur Berechnung der Flugbahn einen Rechner an Bord, der zuverlässig funktionierte – der gleichzeitig aber auch so klein und leicht wie möglich war. O-Ton 2 Dittmann „Wenn ich ne Rakete hochschicke, dann geht’s natürlich um Platz, und es geht auch um Gewicht, es geht auch um Energie, die man dort einsetzen muss.“ ERZÄHLERIN ...erklärt Frank Dittmann. Er ist Kurator der Abteilung für Starkstrom-, Energie- und Automatisierungstechnik am Deutschen Museum München. O-Ton 3 Dittmann „All das waren natürlich limitierende Faktoren. Also insofern musste man sich eine Technologie suchen, die dafür Lösungen bereithielt - und das ist eben die Halbleitertechnik.“ MUSIK: CANS AND COMPUTERS 0‘42 ERZÄHLERIN Die Neuerung bei dieser Technologie: Elektronische Schaltungen brachte man im Miniaturformat auf hauchdünnem Silizium auf. Silizium, das vor allem aus Quarzsand hergestellt wird, gilt als perfektes Trägermaterial. Denn Silizium ist ein so genannter Halbleiter, das heißt: Es ist - je nach Notwendigkeit – elektrisch leitfähig oder isolierend. Zwischen diesen beiden Zuständen kann nun gezielt geschaltet werden. So lassen sich Schaltkreise – quasi Rechner im Miniformat – komplex gestalten, wie dies früher nur mittels Röhren möglich war. ERZÄHLERIN Die Idee, Bauelemente auf einem Trägermedium zusammenzubringen, stamme bereits aus den 1930er-Jahren, betont Frank Dittmann. Doch diese Zusammenschaltung von Elektronen-Röhren, wie sie etwa bei Radiogeräten zum Einsatz kam, hatte ihre Tücken. Sie machte die Geräte immer größer, komplexer – und fehleranfälliger. Welches der vielen Teile war jetzt wieder kaputtgegangen? Oder hatte die weit verzweigte Verdrahtung irgendwo einen Wackler? O-Ton 4 Dittmann „Deswegen haben die angefangen, einen neuen Typ von integriertem Schaltkreis zu produzieren, oder – zu erst einmal – zu entwickeln. Nämlich den integrierten Mikroprozessor. (...) Nämlich Bauelemente zusammen zu einer Schaltung, und dann möglichst in ein Gehäuse zu bringen. Vorher war ja die Idee: man baut die speziellen Schaltungen so für das, was man braucht. Und wenn man was anderes braucht, muss halt ne spezielle Schaltung her. Und dort war die Idee: Ich baue einen kleinen Rechner – also Prozessor -, den ich programmieren kann. Damit er das tut, was ich will.“ ERZÄHLERIN Es war der Radio-Konstrukteur Jack Kilby, der 1958 einen Miniatur-Schaltkreis von der Größe eines halben Bierdeckels entwickelte. Statt der klobigen Röhren setzte der Elektroingenieur auf kleine, aber feine Transistoren: Bauteile, die als Ein- oder Ausschalter oder als Verstärker von Strom fungierten. Diese elektronischen Bauteile wurden nun auf einen Halbleiterkristall aufgebracht, die Transistoren und ihre Verdrahtung wurden quasi auf den Halbleiter-Träger aufgezeichnet. Je mehr man die Striche auf dem Chip verfeinerte, umso mehr ließen sich die Schaltkreise verkleinern. MUSIK: TESTING OUT 1‘02 Die Idee schien in der Luft zu liegen: denn nahezu gleichzeitig mit Kilby tüftelte auch sein Konkurrent Robert Noyce an dieser integrierten Schaltung. Noch war die Technologie zu teuer für den Massenmarkt: Doch das US-Militär investierte in derartige sogenannte integrierte Schaltkreise, um die Schnelligkeit von Waffensystemen und Rechnern zu steigern. Nur dank dieser Vorarbeit konnte die Landung auf dem Mond dann zum erste Meilenstein in der Geschichte des Mikrochips werden. MUSIK HOCH ERZÄHLERIN Die Serienfertigung von Mikrochips für den freien Markt begann 1971 die US-Firma Intel. Da die Bauteile immer winziger wurden, konnten auf den dünnen Halbleiterplättchen immer mehr Schaltkreise aufgebracht werden. Damit wandelten sich Computer fundamental, sagt die Anthropologin Genevieve Bell. Die australische Professorin hat lange Jahre als leitende Wissenschaftlerin für Intel gearbeitet. O-Ton 5 Genevieve Bell OV SPRECHERIN Voice Over „Ich konnte einmal mit der Person sprechen, die irgendwann in den 40er-Jahren den ersten australischen Computer gewartet hat. Er sagte mir: Immer wenn ich ihn ausgeschaltet habe, dann war das, als würde man ein lebendes Wesen töten. Rechner waren damals physisch sehr präsent: sie nahmen viel Raum ein, sie machten Lärm, und sie rochen. Das sollte sich in den folgenden Jahrzehnten ändern. Dank unserer Mikrochips wurden sie immer kleiner - und in den 70er-Jahren waren Computer recht unpersönliche Geräte geworden, die bald auf jedem Schreibtisch standen; die keine persönliche Wartung mehr brauchten - und die zunächst vor allem für buchhalterische Zwecke genutzt wurden.“ ERZÄHLERIN Der erste Intel-Mikrochip „4004“ war dann auch in einem Tischrechner verbaut, nützlich etwa für Buchhalter und Ingenieure. Schnell nahm das Ganze Fahrt auf: Nahezu jedes Jahr verdoppelte sich auf den Chips die Anzahl der Bauteile. Mit doppelt so vielen Schaltungen kann ein Mikrochip doppelt so schnell rechnen. Verdoppelt sich die Transistoren Zahl nun alle 12 bis 24 Monate – wie es der Intel-Gründer Gordon Moore vorhersagte, dann steigt die Leistungsfähigkeit schnell exponentiell. O-Ton 6 Bell OV Sprecherin Voice Over „Gordon Moore hat nicht nur die technischen Entwicklungssprünge des Mikrochips prognostiziert, nein: Er hat in seinem Aufsatz auch treffende Szenarios skizziert, was passieren würde, würden diese Mikrochips allgegenwärtig. Dann nämlich würden die Mikroprozessoren die Art und Weise verändern, wie wir miteinander kommunizieren. Wie wir arbeiten; wie wir einkaufen – ja: wie wir zusammenleben, in unseren Wohnungen, oder genereller, in Städten. Moore hat verstanden, dass eine auf den ersten Blick nur technische Innovation das Potenzial hatte, unser aller Leben von Grund auf zu verändern.“ MUSIK: MACHINE LIKE 0‘38 ERZÄHLERIN Der Mikrochip war Bell zufolge die Keimzelle der anhaltenden „digitalen Revolution“. Es reiche deshalb nicht, Mikrochips stetig in Punkto Materialien, Produktionsprozess, oder Leistungsfähigkeit zu verbessern, betont Genevieve Bell, die neben ihrer Professur noch als „Senior Fellow“ für Intel tätig ist. Forscher und Entwickler müssten immer auch aktuelle wie zukünftige Anwendungsmöglichkeiten mitdenken. Als Anthropologin spüre sie deswegen im Auftrag des Unternehmens der grundsätzlichen Frage nach: Was machen Mikrochips mit Menschen? O-Ton 7 Bell Sprecherin Voice Over In den letzten Wochen etwa habe ich mir von hier, meinem Büro in Canberra aus, digitalisierte Objekte der Weltausstellung im 19. Jahrhundert in London angesehen. Schließlich können wir uns dank leistungsfähiger Mikroprozessoren in unseren Rechnern nun nicht nur unterhalten, sondern uns sogar über Kamera sehen. ERZÄHLERIN ...erzählt Bell per Videokonferenz von Australien aus. O-Ton 8 Bell Sprecherin Voice Over „Und wenn Sie nun vorhergesagt haben, dass Sie mit ihrem Erscheinungsbild in der Videokonferenz unzufrieden sind, so zeigt das, dass diese Technologie nicht nur unsere gegenseitige Wahrnehmung - sondern auch das Bild von uns selbst verändert.“ ERZÄHLERIN Niemand bleibe von den Auswirkungen der neuen Technologie und der Erfindung des Mikrochips unberührt, sagt die australische Professorin. Dies gelte für Bewohner eines weit abgelegenen afrikanischen Dorfes, die nur dank Online-Überweisungen von Verwandten im reichen Europa überlebten - genauso wie für einen auf den ersten Blick von der Welt abgeschnittenen Farmer in den Weiten Australiens. O-Ton 9 Bell OV Sprecherin Voice Over „Der erzählte mir bei einer meiner Feldforschungen: „Wissen Sie, ich google jeden Tag!“. Darauf ich ich: „Moment mal, gerade haben Sie erzählt, sie hätten nicht einmal einen Computer?“ Es stellte sich dann heraus, dass dieser Farmer immer seine Tochter anruft, wenn er eine Frage hat – und die gibt diese dann für ihn in die Suchmaschine ein. Dieser Landwirt brauchte also nicht einmal einen Rechner, um mit der Welt vernetzt zu sein. Ein Beispiel, das zeigt: Die Mikroprozessor-Technologie beeinflusst das Leben jedes Individuums weltweit – auch wenn sich die Auswirkungen jeweils sehr unterschiedlich ausgestalten.“ MUSIK: MASCHINE LIKE 0‘17 ERZÄHLERIN Doch damit die Mikrochip-Technologie weitreichende Wirkungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft entfalten konnte, musste sie zuerst einmal den jahrzehntealten Nimbus einer sperrigen Spezialanwendung für Buchhalter oder Ingenieure ablegen. O-Ton 10 Bell Sprecherin Voice Over „Dazu kamen sie dann nach Hause: Als Personal – oder so genannte Home-Computer.“ ERZÄHLERIN Zu Beginn der 1980er-Jahre waren Home-Computer das neue Ding. Erstmals kam eine breite Bevölkerung mit Computern in Kontakt, der in einem grauen Gehäuse ruhenden „Commodore 64“ - zog auch in viele deutsche Haushalte ein. GERÄUSCH PAC MAN SOUND Doch der von außen bieder wirkende „Brotkasten“ hatte es in sich: Auf der Platine waren neben dem-Haupt-Prozessor auch ein Sound- und ein Videochip integriert. Dies machte ihn zum Renner für scheppernde und blinkende Computerspiele, die oft im Wohnzimmer über den Fernsehbildschirm flimmerten. GERÄUSCH TIPPEN Der digitale Fortschritt veränderte in den 80ern auch die Büroarbeit: Überall zogen Personal Computer – kurz PCs – ein. Schrittmacher dieser Geräte waren Chips, die immer kleiner und gleichzeitig leistungsfähiger wurden. Damit konnte mehr Speicher genutzt werden - was komplexere und bessere Programme ermöglichte. Doch nicht nur in den Büros – auch in der Produktion war der Siegeszug der Mikrochip-Technologie nicht aufzuhalten. Weltweit wurden Maschinen und Anlagen in großem Stil mit Mikrochips bestückt. O-Ton 11 Klaus Behling, Autor „Die DDR und der High-Tech-Schmuggel“ „Das ist ja nicht nur ein bisschen Rechentechnik gewesen, sondern das war eine grundlegende Umstellung in der Produktion.... ERZÄHLERIN ...die vor allem den Anlagen- und Maschinenbau betraf, sagt der Journalist und Autor Klaus Behling. O-Ton 12 Behling „Und diese Umstellung der Produktion hat natürlich zu Wertverschiebungen geführt. Diese Maschinenbau-Ergebnisse haben sich mit der Mikroelektronik so verändert, dass also letztlich die eigentliche Maschine nur noch 20 Prozent des Wertes ausmachte, manchmal sogar noch weniger, und die Steuerung 80 Prozent. MUSIK: NOT KNOWING 0‘29 ERZÄHLERIN Glänzende Geschäfts-Aussichten für die Halbleiter-Industrie, die solche Mikrochips für die Maschinen-Steuerung liefern konnte – und düstere Perspektiven für diejenigen, die nicht an diese Chips kamen, wie etwa Hersteller in der DDR. Seinerzeit weit vorn in Bau und Export etwa von Werkzeugmaschinen, drohten dem Staat nun massive Einbußen bei den lebensnotwendigen Devisen. O-Ton 13 Behling „Sie machte also diesen riesen Eisenklotz, und ein anderer setzte sein kleines Kästchen rein – und kassierte 80 Prozent des Preises für die Maschine. Und daraus ergab sich dann letzten Endes die Notwendigkeit, entsprechend zu reagieren.“ MUSIK: STRIP OF WORLD 0‘23 ERZÄHLERIN Es waren zum einen ein zu später Einstieg in die Halbleitertechnik, zum anderen das Abgeschnitten-Sein von Know-How und Material, die die DDR ins Hintertreffen und damit in Zugzwang brachten. Denn der Westen hatte gegen die sozialistischen Staaten des Ostblocks ein Wirtschaftsembargo verhängt, das auch Hochtechnologie umfasste. Den Mangel versuchte die DDR mit dem Schmuggel und dem Klau von Wissen wettzumachen – Wissen, was Chips sowie das Rohmaterial und Maschinen für deren Produktion anbelangt. Was unter das Embargo fiel, musste teuer illegal eingeführt werden – und entsprach oft nicht einmal dem modernsten Stand der Technik. Die DDR lieferte sich so ein hochruinöses Wettrennen mit dem Westen, das nicht zu gewinnen war. O-Ton 14 Buthmann „Diese ganze Mikroelektronik-Import-Geschichte der DDR – forciert Mitte der 80er-Jahre – führte eindeutig in eine krisenhafte Situation und verschärfte mit Sicherheit den Abstieg der Volkswirtschaft der DDR – und mithin auch des politischen Systems. „Der illegale Import von Hochtechnologiegütern hat mit Sicherheit die Existenzdauer der DDR verkürzt.“ ERZÄHLERIN ...so das Fazit von Reinhard Buthmann, der das Mikroelektronik-Programm der DDR erforscht hat. MUSIK: SIGNS OF RELAXATION 0‘48 Zeitgleich mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ kamen erste Zweifel am „Moore´schen Gesetz“, dieser Prognose eines exponentiell wachsenden Potenzials von Mikrochips auf, bis Mitte der 1990er-Jahre hatten dann die Ansprüche an Mikroprozessoren ihre tatsächliche Leistungsfähigkeit überstiegen. Neue Lösungen mussten her: Statt immer mehr Leistung in nur einen Prozessor zu stecken, teilte man die Aufgaben auf: Hauptprozessor, Arbeitsspeicher und Grafikeinheit werden nun auf einem Chip platziert - neben – oder sogar übereinander. Dieses „System On a Chip“ kam zunächst vor allem bei Smartphones zum Einsatz. O-Ton 15 Dittmann „Wir tragen heute einen Supercomputer von vor zwanzig Jahren in Hosentasche – und merken das gar nicht. Es ist enorm, wie da die Leistungsfähigkeit zugenommen hat“ ERZÄHLERIN Chips, die immer kleiner und leichter werden, ermöglichen eine neue Infrastruktur unserer Informationsgesellschaft: Das „Internet der Dinge“, sagt Genevieve Bell. O-Ton 16 Bell OV Sprecherin Voice Over „Gordon Moore hat bereits vorhergesehen, dass Mikroprozessoren an allen möglichen oder unmöglichen Orten zum Einsatz kommen würden – etwa in Autos, und dass diese Objekte mit anderen Gegenständen kommunizieren würden.“ ERZÄHLERIN Unterschiedliche Objekte – seien sie real oder virtuell – sind miteinander sowie mit dem Internet vernetzt und arbeiten im „Internet der Dinge“ zusammen. Hauchdünne Halbleiter-Chips können dabei nicht nur als Prozessoren Rechnen und Steuern. Sie sind auch als Speicher im Einsatz - und als Sensoren, die messen und Signale übermitteln. Im „Smart Home“ etwa weiß ein „intelligenter“ Kühlschrank, was fehlt – und sendet diese Botschaft ans Smartphone seines Besitzers, sobald dieser den Supermarkt betritt. Beim autonomen Fahren misst ein Sensor den Abstand zu einem vorausfahrenden Auto und meldet dies an einen Prozessor-Chip, der diese Information verarbeitet - und automatisch bremst. MUSIK: ENDLESS DATA (C) 0‘42 Eine segensreich scheinende Zukunftstechnologie – die sich aber schnell als Fluch erweisen kann: Fällt ein für die Sicherheit der Passagiere höchst relevantes Teil aus, ist das ganze System lahmgelegt. Die Omnipräsenz der Mikrochips hat mittlerweile Abhängigkeiten in großem Maßstab geschaffen. Mangelt es – wie während der Corona-Pandemie - gar ganz an Chips, so geraten Wirtschaftskreisläufe ins Stocken, weiß der Halbleiter-Experte Jan-Peter Kleinhans. Er arbeitet für den Berliner Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“. O-Ton 17 Jan-Peter Kleinhans, Halbleiter-Experte Stiftung Neue Verantwortung „Egal, ob das der Traktor ist zum Maisernten, oder das Beatmungsgerät in der Intensivstation, oder der Bankautomat, von dem ich mein Geld hole. All das ist ohne Halbleiter nicht denkbar.“ ERZÄHLERIN Die Chipkrise hat auch die deutsche Wirtschaft bis ins Mark getroffen: Den Bau von Maschinen und Anlagen, sowie die Autoindustrie. In vielen VW-Fabriken ruhte wochenlang die Produktion, weil Mikrochips fehlten. Maschinenbauer mussten trotz voller Auftragsbücher Kurzarbeit anmelden. Die Gründe für den weltweiten Mangel an Mikrochips sind komplex, haben aber viel mit der Pandemie zu tun. Wenn ein Autohersteller einen Chip braucht, bestellt er diesen häufig bei einem Zulieferer. Dieser wiederum kauft bei Halbleiter-Konzernen ein. Doch auch dieses Halbleiter-Unternehmen produziert oft nicht selbst - sondern hat die Herstellung häufig an einen Auftragsfertiger in Asien ausgelagert. Dazu kommt die Chip-Produktion an sich, die an die 1000 Schritte beinhaltet und bis zu drei Monate dauert. Fällt nun – wie bei asiatischen Herstellern geschehen - coronabedingt die Produktion aus, fehlt also plötzlich ein Glied in der Produktionskette, so geht schnell gar nichts mehr. MUSIK: MACHINE LIKE (C) 0‘40 Doch der Chip-Mangel bei deutschen Auto-Herstellern ist auch hausgemacht. Sie selbst stoppten mit der ersten COVID-Welle das Gros ihrer Bestellungen. Als die Nachfrage wieder anzog, fehlten diese Chips. Halbleiter-Hersteller wie Intel, TSMC oder die Münchner Infineon hatten nicht auf ihre Kunden aus der Autoindustrie gewartet – sondern ihre kleinen Bauteile nunmehr in Richtung IT- und Unterhaltungsindustrie weitergeleitet. Deren Verkäufe boomten, weil immer mehr Menschen immer mehr Streamingdienste und Video-Konferenzen nutzten. Der Mangel an Mikrochips in wichtigen Wirtschaftsbereichen schädigt das Wachstum auf kurze und mittlere Sicht, sagt Jan-Peter Kleinhans. O-Ton 18 Kleinhans „Es gibt ja verschiedene Hochrechnungen und Analysen, dass sich die Chipknappheit bereits schon heute auf das Bruttoinlandsprodukt in Europa und zum Beispiel auch in den USA auswirkt. Das ist aber eben in der Tat nur mittelfristig so.“ ERZÄHLERIN Lösungen seien bereits in Sicht, sagt der Halbleiter-Experte Kleinhans: Langfristige Verträge etwa könnten den Auftragsherstellern von Chips mehr Sicherheit geben – und damit Investitionen sowie die stockende Produktion wieder ankurbeln. MUSIK: ANOTHER DAY 0‘55 Halbleiter werden mehr denn je zu einer kostbaren Ware, sagt die australische Wissenschaftlerin Genevieve Bell. Und der Mikrochip zu einem Objekt, das die moderne Wirtschaftswelt im Innersten zusammenhält. O-Ton 19 Bell Sprecherin Voice Over Dank leistungsstarker Analyse-Software konnte man etwa in Rekordzeit die genetischen Marker des Corona-Virus bestimmen und die Impfstoff-Entwicklung voranbringen. Doch letztendlich hat uns dieses „Massenexperiment“ der Pandemie auch gelehrt zu unterscheiden zwischen Angelegenheiten, bei denen wir glücklich sind, wenn sie dank Chips digital funktionieren – und zwischen Dingen, die wir schmerzlich vermissen, wenn sie nicht physisch präsent sind.“
- Der Knoten - Vom Schnürsenkel zum Gottesbeweis
26.03.2024 · 23 Min.
Ob wir uns nun die Schuhe zubinden oder den Müllsack schließen, ob wir segeln oder klettern, nähen oder uns den Pulli umhängen: Knoten sind auch im digitalen Zeitalter allgegenwärtig. Von Julie Metzdorf Credits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Hemma Michel, Johannes Hitzelberger Technik: Laura Picerno Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Michael S. Karg, Buchautor und Knotenexperte Anna Heringer, Architektin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Dampfmaschine? Elektrizität? Das Rad? Können Sie alles vergessen. Der Knoten war es, der die Menschheit voranbrachte: Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel Dauer: 0´35´´ geknotete Stricke hielten die Axt am Stiel und die Speerspitze am Stock, Schlingen und Schlaufen halfen Lasten zu tragen und Fallen zu stellen, mit Knoten verband man Baumstämme zu Flößen und Hütten, spannte Sehnen an Ästen zu Bögen, knüpfte Netze und überhaupt: die Bezeichnung Steinzeit sollte man abschaffen. „Knotenzeit“ ist viel passender. 1 OT Michael S. Karg also man vermutet, dass der Mensch bereits vor zwei 250.000 bis vielleicht sogar 1 Million Jahre vor unserer Zeit schon begonnen hat, Dinge zu verknoten und den Knoten zu nutzen als Werkzeug. Und wenn man bedenkt, das Rad, das kam ja eigentlich vergleichsweise spät. Und insofern hatte der Knoten schon sehr viel geleistet, bevor das Rad überhaupt erst erfunden wurde. ERZÄHLERIN Michael Simon Karg ist Experte. Er hat ein Buch über die zentrale Bedeutung des Knotens für die Menschheit geschrieben: „Am Anfang war der Knoten“ heißt es. Michael Karg hat einmal Soziologie studiert, aber ein Knoten-Wissenschaftler ist er nicht. Denn eine Wissenschaft vom Knoten gibt es nicht: 2 OT Michael S. Karg Er ist nach wie vor unglaublich wichtig in der Alpinistik, in der Nautik, im Bühnenbau nimmt man ihn her, sogar in der Medizin auch in der Forensik spielt er eine Rolle, eine unglaubliche thematische Breite und gleichzeitig aber auch eine wahnsinnige zeitliche Tiefe. Und ich persönlich habe es mir nur so erklären können, dass es schlicht und einfach zu komplex ist für eine einzige Wissenschaft. Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel Dauer: 0´55´´ ERZÄHLER Wer über Knoten spricht, muss zunächst mal über das Seil sprechen. Über den Faden, die Schnur, das Tau, die Leine. Oder wie man solche „materialisierten Linien“ noch alles nennen kann. Genau genommen ist der Knoten nur ein bestimmter Zustand solch einer Linie. Der Knoten IST das Seil. Das Seil wiederum bleibt beim Verknoten gleich, es ändert sich nicht im Geringsten. Braucht man den Knoten nicht mehr, kann man ihn einfach wieder lösen und hält das Seil vom Anfang in den Händen. Sehr ressourcenschonend. Die Anzahl der Möglichkeiten, WIE man das Seil verknoten kann, geht dabei ins Unendliche. 3 OT Michael S. Karg Er beinhaltet eine irre Komplexität, wenn man bedenkt: aus einer einzigen Leine lassen sich Tausende verschiedene Knoten machen. ERZÄHLER Aber zurück zum Faden, der ist nämlich wichtig: Jeder Knoten kann nur so gut sein wie die Leine, mit der er geknüpft wurde. Musik Misjudgement Dauer: 0´23´´ Die frühen Menschen benutzen zunächst Leinen, so wie sie sie in der Natur vorfanden: Sehnen, Därme, Wurzeln, Lederriemen. Irgendwann entdeckten die Menschen das Verdrillungsprinzip, vor mehr als 40, vielleicht auch 50.000 Jahren, also in Alt- und Jungsteinzeit. Musik In the water Dauer: 0´37´´ ERZÄHLERIN Pflanzliche Materialien wie Flachs, Hanf oder Brennnesseln wurden in einem komplexen Prozess und unter Verwendung mehrerer Werkzeuge zu Garnen verarbeitet. Dazu mussten die Pflanzen erst einmal einige Wochen lang unter Wasser gären. Dann wurden sie getrocknet, gedroschen und gekämmt, Forscher fanden dazu Muschelschalen mit winzigen eingesägten Kerben an den Rändern, die wohl als Kämme gedient haben. Erst dann konnten die Fasern zu Garn und mehrere Garne zu einem Seil verdrillt werden. ERZÄHLER Aber woher weiß man das eigentlich? Pflanzenfasern aus der Altsteinzeit haben wohl kaum bis heute überdauert. 4 OT Michael S. Karg Es gibt höchstens Artefakte, wie zum Beispiel perforierte Steine oder auch Muscheln oder Perlen, wo man natürlich dann den Rückschluss ziehen kann, dass da einfach Fäden durchgezogen wurden. Es gibt aber auch Funde von verdrillten Fasern, die sind bereits 50.000 Jahre alt, aus einer Gegend, und man weiß, dass zu der Zeit nur Neandertaler dort lebten. Also selbst die Neandertaler haben das Verdrillungs-Prinzip für sich genutzt. ERZÄHLERIN Und der ganze Aufwand nur, um ein besseres Ausgangsmaterial für den Knoten zu bekommen. Die Verdrillung von Fasern zu Garnen und Seilen gilt als eine der bedeutendsten technologischen und kulturellen Errungenschaften der Menschheit – und der Knoten war wohl ihr Auslöser. Knoten waren extrem wichtig. Sie waren der Grundbaustein für eine unüberschaubare Menge an neuen Werkzeugen: Schlingen und Netze zum Sammeln und Jagen, Flechtwerk für Körbe, Gewebe für Segel und Kleidung. M Alter Ego Dauer: 0´53´´ ERZÄHLER Heute kennen die Menschen vor allem einen Knoten: den sogenannten Überhandknoten. Es ist der einfachste Knoten der Welt: Man nimmt eine Leine und legt mit einem Ende ein Auge, also eine Art Kreis. Dann sticht man mit dem losen Ende von unten durch den Kreis hindurch. Festzurren, fertig. Der Überhandkoten ist ein Stopperknoten. Jeder kennt und verwendet ihn, z.B. um damit einen Luftballon zu verschließen. ERZÄHLERIN Soll ein Knoten etwas zusammenhalten, wird er mit zwei Seilenden geknotet: Rechts über links, unten durchziehen, und dann noch einmal rechts unter links, fertig ist der ewig schöne Kreuzknoten. M Knoten knoten weg ERZÄHLER Sie merken schon: Knoten erklären ist eine echte Herausforderung! Zur Weitegabe von Wissen ist es aber wichtig. Eines der bedeutendsten Knotenbücher ist das „Ashley-Buch der Knoten“ von 1944. Es umfasst mehr als 7000 Zeichnungen, die annähernd 4000 verschiedene Knoten darstellen. Elf Jahre hat der Künstler und Seemann Clifford Ashley daran gearbeitet. Ein Buch über Knoten im Schaufenster eines Buchladens war es auch, das den Autor Michael Karg zum Knoten-Enthusiasten machte: 5 OT Faszination - Michael S. Karg Diese Gleichzeitigkeit von der Einfachheit einer Leine, was kann es einfacheres geben als eine Leine und dann diese irre Komplexität – und gleichzeitig aber auch diese existentielle Dualität: Leinen können töten, aber sie können eben auch Leben retten. ERZÄHLERIN Erst beim Schreiben seines Buchs über die Kulturgeschichte des Knotens fiel Michael Karg auf, dass seine Faszination vielleicht auch etwas mit einem einschneidenden Ereignis in seinem Leben zu tun haben könnte: 6 OT Rettung - Michael S. Karg 2005 bin ich mit fünf Freunden, wir hielten es für gute Idee, auf der Isar Boot zu fahren, und sind dann aber ziemlich schnell gekentert in der Wasserwalze. Und ja hatten da einfach überhaupt keine Möglichkeit, rauszukommen aus eigener Kraft. Und irgendwann kamen dann eben die Hubschrauber, und da hing dann eben auch das Seil herab, und das hat und dann alle unversehrt Gott sei Dank wieder herausgezogen. M Lights Dauer: 1´19´´ ERZÄHLER Doch Knoten dienen nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Symbol: Ausgehend von ihren Funktionen stehen Knoten heute vor allem für Verbundenheit, Vertrauen und Sicherheit. Das passt zur heute üblichen praktischen Anwendung von Knoten in Seefahrt, Alpinistik und Bühnentechnik. Im Sport begegnen uns Knoten zum Beispiel an der Saitenbespannung von Tennisschlägern, in der Musik an der Gitarre und selbst Chirurgen verschließen Nähte heute genau wie ihre Kollegen vor 2000 Jahren oft mit einem Kreuzknoten, hinzu kommen zum Beispiel Gleitknoten: Diese können am Fadenende gelegt und dann zur Nahtstelle hingeschoben werden. Angehende Chirurgen müssen sich während ihrer Ausbildung jedenfalls ernsthaft mit Knoten beschäftigen. ERZÄHLERIN Knoten haben einen abschließenden Charakter: Der Name Knut bedeutet im Skandinavischen Knoten. Man nannte denjenigen Sohn Knut, mit dem man die Familienplanung abzuschließen, also gewissermaßen zuzuknoten gedachte. Aber wie wir wissen: man kann Knoten auch wieder lösen, falls man es sich anders überlegt… 7 OT Michael S. Karg Und der Knoten war eigentlich auch in vielen Kulturen immer auch ein Symbol für Treue. Also man hat zum Beispiel in Skandinavien noch sehr lange an Knoten eine verwendet als Ehe-Symbol, also die Kirche hatte es eigentlich relativ lange es schwer gehabt, den Ring einzuführen, weil er einfach der Knoten so eine starke Bedeutung gehabt hat. M Boleras Sevillanas Dauer: 0´48´´ ERZÄHLER Aber nicht nur Menschen, auch Städte konnten treu sein. Die andalusische Metropole Sevilla hat den Knoten deshalb im Stadtwappen. Vom Kanaldeckel übers Leihfahrrad bis zur Werbung einer Bankfiliale: Das 8-förmige Knotensymbol findet sich überall in der Stadt, meist eingebettet in das Wort „nodo“, was nichts anderes heißt als Knoten. Zugleich umfasst „nodo“ aber auch den Anfang und Ende des Ausspruchs „No me ha dejado“ - sie hat mich nicht verlassen. Genau das soll König Alfonso der Weise gesagt haben, als die Stadt bzw. ihre Bewohner ihm im Kampf beigestanden haben. Das könnte sich kein Stadt-Marketing-Experte des 21. Jahrhundert besser ausdenken, und ob der König das nun wirklich so gesagt hat oder nicht: die identitätsstiftende Wirkung von Anekdote und Symbol sind unbestritten. ERZÄHLERIN Falls Sie jetzt direkt mit dem Knoten anfangen wollen: Kein Problem! Man braucht keinerlei Vorbildung. Eine schöne Leine, die gut in der Hand liegt und einfach mal drauflosgeknotet. Selbst Kinder können schon Knoten binden. Die international hochdotierte Architektin Anna Heringer aus Laufen an der Salzach ist für das Bauen mit Lehm bekannt. Aber auch Knoten benutzt sie in ihren Gebäuden gern. Ihre ersten hat sie bei den Pfadfindern gemacht: 8 OT Anna Heringer Für mich waren die Knoten ganz essenziell beim Bau meines ersten Gebäudes, bei der METI-Schule, das ist im Erdgeschoss ein Lehmbau, aber im Obergeschoss ist es ein Bambusbau. Und wenn man damals so die Literatur über Bambus angeschaut hat, dann waren das alles so Metallgelenke, die dann auch wieder teilweise ausgegossen waren mit Beton, die Zwischenräume usw. … Und dann hab ich mir gedacht, bei den Pfadfindern bauen wir das doch auch alles mit Knoten. ERZÄHLER Für ihre preisgekrönte METI-Schule in Bangladesch hat Anna Heringer Bambusstäbe zu tragenden Decken zusammengefügt. Die Knoten übernahmen hier nicht nur wichtige Funktionen, sie wurden auch ganz bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt. Stundenlang haben Anna Heringer und ihr Team mit den Bauarbeitern vorab geübt, schöne, gleichmäßige Knoten zu machen. 9 OT Anna Heringer Das war eben das Schöne, weil ich es als Jugendliche und Kind wirklich gelernt habe, auf Knoten zu vertrauen. Wir haben halt im Lager immer unsere Sisal-Seile und Schnüre dabeigehabt. Und mit denen haben wir immer von Bauern ein paar Fichten-Rundlinge gekriegt, haben damit alle möglichen Bauten gemacht, Türme, auf denen wir dann oben natürlich gestanden sind. Und dann habe ich gemerkt, wie viel das tragen kann. ERZÄHLERIN Selbstwirksamkeit lautet das Stichwort. Beim Knoten können Kinder wichtige Erfahrungen machen, sie spüren, wieviel Kraft in einem Knoten steckt und lernen früh, wie schön einfache Dinge sein können. 10 OT Anna Heringer Quasi mein allererstes Architekturstück war auch ein Knotenstück, und deswegen habe ich Vertrauen gehabt in Knoten. Im Team, dem Bangladesch Bauteam war auch mein Cousin Emmanuel Heringer dabei, und der ist auch Pfadfinder und Zimmerer und Korbflechter. Und diese Kombination war natürlich genial, und er hat dann wirklich diese, diese Knotentechnik, die wir aus der Jugend konnten, dann einfach dann noch mal verfeinert. Ich: Und haben sie während ihres Studiums der Architektur jemals etwas von Knoten gehört? Heringer: … M-M. Nee… G Seemöwen ERZÄHLER Heute bringen wir Knoten schnell mit Seefahrt und Segelsport in Verbindung. Mit Leinen und Knoten wurden einst Segel, Ruder oder Steuerrad befestigt, die Ladung fixiert oder das Schiff selbst am Kai verankert. Doch Knoten hatten auf einem Schiff von jeher nicht nur praktische Bedeutung. Sie dienten auch dem Zeitvertreib, Taue und Zeit waren ja ausgereichen vorhanden. So wurden Seemänner zu Meistern des dekorativen Knotens und verzierten allerlei kleine Dinge, Griffe an Kisten zum Beispiel oder das Steuerrad. Wer besonders kunstvolle Knoten knüpfen konnten, genoss in der Mannschaft hohes Ansehen. M Aimless 0´20´´ unter: ERZÄHLERIN Letztlich waren Knoten sogar eine Möglichkeit, Gefühle auszudrücken: Der Überlieferung nach übergaben Seemänner ihrer Liebsten bei der Abreise einen sogenannten Liebesknoten, eine Schnur mit zwei Knoten. Waren sie bei seiner Rückkehrt immer noch zusammengezogen, hieß das, dass die Liebste treu geblieben war. M Alter Ego Dauer: 0´33´´ ERZÄHLERIN Das Besondere an Knoten: Sie sind sowohl Werkzeug als auch Werkstoff. Der Knoten entsteht aus der Leine selbst. Wenn wir ihn nicht mehr brauchen, verschwindet er wieder und hinterlässt keinerlei Müll. Gerade noch Leben gerettet und schon in Luft aufgelöst, als hätte es ihn nie gegeben. Die Leine ist wiederverwendbar, und sofort bereit für einen nächsten Knoten. ERZÄHLER Ressourcenschonender geht’s nicht. Welch gute Dienste ein Knoten bei alldem leistet, beweist ein Blick auf den Hochleistungssport. Sportartikelhersteller geben jährlich Millionen von Euro für die Entwicklung neue High-Tech-Materialien aus, die Schuhe werden immer leichter und steifer, die Läufer immer schneller. Doch egal ob Fußballer oder Marathonläuferin: Am Ende schließen sie ihre High-Tech-Schuhe mit einer prähistorischen Verbindungstechnik und machen den guten alten Schnürsenkelknoten. Musik von Privat Intervox Nr. 71 african Wildlife Take 4 African Jungle percussion K: Matthais Ruckdäschel ERZÄHLERIN Aber Knoten sind nicht nur praktisch. Schon das Mittelalter kannte Knoten nicht nur als Hilfsmittel bei Jagd und Handwerk, sondern auch als Informationsträger: Müller zum Beispiel nutzten zum Verschließen der Mehlsäcke unterschiedliche Knoten, die über den Mahlgrad des Mehls Auskunft gaben. Die Ureinwohner Nordamerikas kannten ein auf Knoten basierendes Kalendersystem, 12 OT Michael S. Karg indem man also Leinen mit einer bestimmten Anzahl von Knoten knüpfte, wobei jeden Tag ein Knoten zu lösen war. So konnten sich unterschiedliche Stämme auch miteinander koordinieren, für einen zukünftigen Treffpunkt und Zeitpunkt. Dann weiß man zum Beispiel von den Maya, die haben das Rechen-Instrument verwendet… ERZÄHLER Die Maori wiederum nannten Knoten den „Ursprung des Wortes“. Tatsächlich berichten Knoten-Profis immer wieder, Knoten zu knüpfen sei wie eine Sprache mit einer eigenen Grammatik, bei der sich einzelne Teile immer wieder neu zusammensetzen lassen und aufeinander aufbauen. Die Beschäftigung mit Knoten dürfte das abstrakte Denken der frühen Menschen gut geschult und die Entwicklung von Sprache vorangetrieben haben. ERZÄHLERIN Gleichzeitig blieben Knoten den Menschen immer rätselhaft. Das spiegelt sich in ihrem symbolischen Gehalt: Knoten stehen für Ewigkeit und Unendlichkeit oder für die Welt an sich, also für Dinge, die sich der Mensch nicht recht vorstellen kann. Denn es gibt Knoten, die alle physikalische Logik aufzuheben scheinen und selbst geübte Knotenknüpfer immer wieder staunen lassen, wie sie eigentlich funktionieren. M Alter Ego Dauer: 0´45´´ Der Eiszapfenstek zum Beispiel hält wie von Zauberhand an einem glatten, spitz nach unten zulaufenden Gegenstand. Beeindruckend findet Michael Karg auch den Constrictor bzw. „Würge-Knoten“: 13 OT Würgeknoten - Michael S. Karg Man wirft da ein Seil eigentlich nur, sage jetzt mal dreimal um einen Gegenstand rum und zieht ihn zweimal unter sich selbst durch. Und der hat so eine unglaubliche Wirkung, man zieht an beiden Händen an und egal wie fest, er hält dann einfach, er hält sich selbst fest. Für Urvölker war diese zum Teil nicht mehr nachvollziehbare Funktion von Knoten, diese Wirkung, die er entfaltet, einfach ein Beleg für so eine gewisse göttliche Einwirkung in diese Knoten. ERZÄHLER Der Würgeknoten als Gottesbeweis… Im christlichen Kontext begegnen uns Knoten tatsächlich immer wieder, an Säulen oder in der Buchmalerei. Be der Ordenstracht der Franziskaner ist das Cingulum ein weißer Strick - die drei Knoten dieser Kordel stehen für Armut, Gehorsam und Keuschheit. 14 OT Symbolik- Michael S. Karg Gerade im christlich abendländischen Raum hat der Knoten eine sehr positive Bedeutung gehabt, Knotensäulen, und das hat sich aber dann innerhalb von ein paar Jahrhunderten gewandelt und der Knoten hat dann im Spätmittelalter eine ziemlich schlechte Konnotation erhalten. M Causic – slow motion Dauer: 0´53´´ ERZÄHLERIN Plötzlich waren Knoten ein Problem, mussten gelöst oder durchschlagen werden. Im 18. Jahrhundert etwa tauchen vermehrt Gemälde mit dem gordischen Knoten auf. Einer griechischen Sage nach war das ein Knoten am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios. Er verband die Deichsel des Wagens mit dem Zugjoch und soll aus dem besonders festen Bast der Kornelkirsche gefertigt gewesen sein. Ein Orakel hatte vorhergesagt, wer diesen Knoten löse, würde über Asien herrschen. Viele Tüftler versuchten sich an der Aufgabe und scheiterten. Alexander der Große soll den Knoten schließlich einfach mit seinem Schwert durchgeschlagen und damit seinen Siegeszug durch Asien eingeläutet haben. M Wooden structure Dauer: 0´30´´ ERZÄHLER Ein Schwert zum Durchschlagen wünscht man sich manchmal auch beim täglichen Kampf mit ungewollten Knoten: Kopfhörerkabel, Wäschestücke, Strickwolle und der Unterfaden an der Nähmaschine verknoten sich regelmäßig von ganz allein zu herausfordernden Knäueln. Es gibt auf Youtube sogar Tutorials, wie man seine Kopfhörer wickeln soll, damit sie nicht verknoten. ERZÄHLERIN Zu einigem Ruhm hat es eine barocke Darstellung der Jungfrau Maria als Knotenlöserin in einer Augsburger Kirche gebracht: M Facades aus: Melody for Saxophone Nr. 12 / Facades Dauer: 0´26´´ das Gemälde aus dem Jahr 1700 zeigt Maria auf einer Mondsichel, in den Händen hält sie ein langes weißes Band, das sie von vielen Knoten befreit. Mit ihrem Fuß tritt sie auf den Kopf einer verknoteten Schlange, Symbol für den Sündenfall. Die Schlange spiegelt das Band mit den Knoten, indem Maria die Knoten löst, macht sie gewissermaßen den Sündenfall rückgängig. 15 OT Michael S. Karg Und diese Madonna als Knotenlöserin ist in Südamerika sehr beliebt, weil der Papst Franziskus während seines Deutschland-Aufenthalts dieses Bild eben entdeckt hat und war dann so fasziniert davon, dass er das bei sich zu Hause dann eigentlich so ein bisschen auch promotet hat und das hat offenbar hohen Anklang gefunden. ERZÄHLER Eine der beeindruckendsten Knotendarstellungen kommt von Leonardo da Vinci. Er schuf die sogenannte Concatenation, ein hochkomplexes Ornament aus einer einzigen durchgehenden Linie, die sich in immer wieder neuen Knoten und Verschlingungen systematisch auf dunklem Untergrund windet und das ganze Blatt füllt. Musik Misjudgement Dauer: 0´50´´ ERZÄHLERIN Leonardo galt der Knoten in der Renaissance als Ideal-Objekt, in dem Schönheit und Nützlichkeit, abstraktes Denken und praktisches Handwerk, Wissenschaft und Dekor zusammenkommen. Ein komplexer Knoten stand sinnbildlich für die Rätsel der Natur – die es zu lösen galt wie einen Knoten. Das großflächige Ornament aus einem einzigen weißen Band zu bilden, entspricht der philosophischen Idee vom Sein an sich: aus dem Einen das Viele. Inspiration für seinen Knoten-Symbolik erhielt Leonardo vermutlich von seinem Landsmann Dante Alighieri, der hatte in seiner Göttlichen Komödie die komplexe Darstellung eines Knotengeflechts als Metapher für das Universum benutzt. M Alter Ego Dauer: 0´46´´ ERZÄHLER Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird viele Knoten finden. Und manches Mal wird er sie auch vermissen: unlösbare Kabelbinder aus Kunststoff ersetzen den guten alten Strick immer öfter. Ein anderes Beispiel ist der Kordelstopper an Jacken und Rucksäcken. Er soll verhindern, dass eine Kordel in den Tunnel hineingezogen wird. Abermillionen von diesen kleinen Plastikteilen sind in Umlauf und werden am Ende mit der abgetragenen Kleindung einfach weggeworfen. Dabei ist der Materialaufwand völlig überflüssig: Ein einfacher Knoten hätte es auch getan.
- Theophanu - Kaiserin im römisch-deutschen Reich
25.03.2024 · 22 Min.
Kaiserin Theophanu sorgt im weströmischen Reich der Ottonen für Stabilität und außenpolitische Erfolge. Die Frau aus Byzanz hat nicht nur politisches Geschick, sie bringt auch Kunst und Bildung nach Deutschland. Autorin: Ulrike Beck (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Frank Halbach Es sprachen: Stefan Wilkening, Irina Wanka Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ludger Körntgen (Professor; Dr.; Historiker; Professor für mittelalterliche Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz); Klaus Gereon Beuckers (Professor; Dr.; Kunsthistoriker; DIrektor am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität, Kiel) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 Erzähler Rom im Frühjahr 972. Es muss ein spannender Moment gewesen sein, als die Griechin Theophanu aus Byzanz in Rom eintrifft. Sie ist noch ein halbes Kind, vielleicht erst 12, vielleicht aber auch schon 16 Jahre alt. Ihr genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Hier soll sie nun Otto II. heiraten. Den künftigen Herrscher aus der Dynastie der sächsischen Ottonen, die das weströmische Reich regieren. Erzählerin Theophanu kennt ihren künftigen deutschen Gatten noch nicht. Sie weiß nur, dass er siebzehn Jahre alt ist und sein Vater sich in den Kopf gesetzt hat, dass er eine purpurgeborene Prinzessin aus Byzanz, aus dem Zentrum des oströmischen Reichs, zur Frau nehmen soll. Auf sie werden viele Aufgaben zukommen. Erzähler Denn ihr künftiger Schwiegervater, Otto der Große, verknüpft mit dieser Verbindung große Absichten, erklärt der Kunsthistoriker Klaus Gereon Beuckers: MUSIK ENDE 1.O-Ton ( Beuckers ab 2:50) Für die Ottonen war das eine Anerkennung ihrer inzwischen erlangten Stellung. Otto der Große hatte sozusagen in der Tradition Karls des Großen stehend und auch dezidiert darauf Bezug nehmend sich in Aachen krönen lassen. (…) Und wollte jetzt diese damit verbundene geopolitische Dimension durch eine Prinzessin aus Byzanz oder durch die Anerkennung aus Byzanz absichern und auch nach außen dokumentieren. 3:19 (…) Weil es zu der Zeit gerade in den 60er-, 70er-Jahren einige Probleme mit Süditalien gab, was formell zum Reich gehörte und wo die Byzantiner relativ große machtpolitische Interessen hatten und auch das wollte man befrieden und hat sich dementsprechend um diese Prinzessin gekümmert. Erzählerin Theophanu ist aber nicht die Tochter, sondern nur die Nichte des oströmischen Kaisers Johannes Tzimiskes. Es ist ein Affront, dass Byzanz sie schickt. Dennoch lässt Otto der Große die Hochzeit nicht platzen, sondern nimmt Theophanu als künftige Schwiegertochter in Ehren auf. 2. O-Ton ( Beuckers ab 4:00) Wir wissen, dass einige am Hof da etwas die Nase gerümpft haben. Man muss aber auch sehen, dass in Byzanz zu der Zeit keine ganz klare Herrscherstruktur da war, da war gerade eben ein Herrscher abgelöst worden. Und im Prinzip der neue Usurpator schickte jetzt seine Nichte, über eine Tochter in dem Maße hat er nicht verfügt. Die Anna, auf die die Ottonen spekuliert hatten, wurde nach Russland verheiratet. 4:25 Warum Otto der Große darauf eingegangen ist oder auch Otto II. Wir wissen es nicht. Aber sie sind mit viel Nachdruck drangegangen, haben das Beste aus der Situation gemacht und haben direkt Theophanu wie eine Prinzessin behandelt. Musik 2 Erzähler Am 14.April 972 ist es soweit. Otto II. und Theophanu werden in Rom vom Papst vermählt. Während der Zeremonie krönt Johannes XIII. die Braut auch zur Kaiserin. Die einen reichen Schatz mit in die Ehe bringt: Wertvolle byzantinische Elfenbeinschnitzereien, Textilien, Parfümflakons und Goldschmiedearbeiten. Mit der jungen Kaiserin zieht nicht nur der Glanz der byzantinischen Kultur in das sächsische Herrscherhaus ein, sondern auch Bildung und modische Raffinesse. Erzählerin Welches Kleid Theophanu bei ihrer Hochzeit trug, ist nicht überliefert, aber wie sie in etwa aussah, das lässt sich rekonstruieren. Auch, wenn kein einziges zeitgenössisches Porträt von ihr existiert: MUSIK ENDE 3.O-Ton (Beuckers ab 1:05) Wir können es über ein paar Dinge rückschließen. Ein Punkt ist beispielsweise, dass wir relativ genau wissen, wie ihre Enkeltochter, die Königin Richetza ausgesehen hat, weil ihre Gebeine untersucht worden sind in den Fünfzigerjahren, die im Kölner Dom ruhen heute. Und wir daher wissen, dass Richetza eine (1:40) schmale kleine dunkelhaarige Frau mit schmalem Gesicht gewesen ist.(…) Sodass wir auch davon ausgehen können, dass sie wahrscheinlich etwas von ihrer Großmutter widergespiegelt hat und weniger das Aussehen der Ottonen selber, die eher etwas gedrungener und rotblonde Leute gewesen sind, also eher einem anderen Typus entsprochen haben. MUSIK 3 Erzähler Nur ein Jahr nach der Hochzeit übernimmt Otto II. nach dem Tod seines Vaters die Alleinherrschaft über ein gigantisches Reich, das sich im Jahr 973 weit über Sachsen hinaus in die heutigen Beneluxländer, Elsaß und Lothringen, den nordöstlichen Teil der Schweiz, das Herzogtum Bayern mitsamt Österreich, Kärnten und Südtirol bis nach Italien hinein erstreckt. Erzählerin Das bedeutet für Theophanu, dass ihr Alltag von nun an vor allem durch Reisen bestimmt ist. Eine feste Residenz als Wohnsitz gibt es nicht. Stattdessen begleitet sie ihren Mann quer durch das Reich und von einer Kaiserpfalz zur anderen, um dort die Regierungsgeschäfte zu erledigen. Allein von Frühjahr bis Sommer 973 steht der Besuch der Pfalzen Quedlinburg, Memleben, Dornburg und Magdeburg auf dem Programm. Das ist strapaziös, aber notwendig, wie der Historiker Ludger Körntgen erklärt: MUSIK ENDE 4.O-Ton ( Körntgen ab 7:40) Man hat durchaus ohne Abschätzung insgesamt die Kaiser des Mittelalters (…) als Normaden auf dem Königsthron angesprochen, weil sie permanent durch das Reich sich bewegen, um ihre Herrschaft zur Geltung zu bringen. Die Herrschaft war sehr stark auf das persönliche Gegenüber angewiesen, auf die konkrete Kommunikation mit den anderen wichtigen Akteuren. (8:14) Und das konnte man eben nicht über lange Nachrichtenwege machen, das konnte man nur durch persönliche Präsenz machen. Deshalb ist eben Reisen von einem Ort zum anderen eigentlich ein prägendes Moment dieses Lebens. Erzähler Das Ehepaar scheint sich gut zu verstehen. Otto II. bezeichnet Theophanu in Urkunden auch als seine „vielgeliebte Gattin“, deren Rat er sehr zu schätzen weiß. Schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit bestimmt er sie zur „Mitkaiserin“, die die politischen Angelegenheiten entscheidend mitbestimmt. Allein durch ihre Funktion als Mittlerin zwischen Bittstellern und ihrem Mann, dem Kaiser. 5.O-Ton (Körntgen ab ca. 10:30) Wenn man den Kaiser mit einem Wunsch oder einem Anspruch konfrontieren wollte, war es manchmal sinnvoll, erst mal bei der Kaiserin vorzufühlen. Das war noch ein bisschen unverbindlicher. (… 10:55) Sie verbringt viel Zeit mit Beratungen, sie empfängt Personen, die sich an sie wenden. Sie setzt sich ein für manche Personen, bringt deren Anliegen dann auch in der Beratung des Kaisers und seiner Umgebung zur Sprache. Das sind ganz wichtige Momente ihres Lebens. MUSIK 1 Erzählerin Theophanu ist nicht die erste Kaiserin, die im ottonischen Herrscherhaus als Mittlerin auftritt. Doch sie ist es, die in dieser Rolle Beispielloses leistet. Ein Viertel aller Urkunden, die Otto II. unterschreibt, gehen auf ihre Anträge - also Interventionen - zurück. Erzähler Theophanu hat aber noch eine andere wichtige Aufgabe: sie muss Kinder kriegen. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit bringt sie ihre erste Tochter zur Welt: Sofia. 977 folgt Adelheid, ein Jahr später Mathilde. Der lang ersehnte Thronfolger Otto III. wird im Jahre 980 geboren. Erzählerin Für ihre Kinder mischt Theophanu das Erziehungsprogramm der Ottonen gründlich auf. Sie setzt durch, dass nicht nur Otto III. Griechisch und Latein lernt, sondern auch seine beiden Schwestern Sofia und Adelheid, die später Äbtissinnen werden. Erzähler Otto III. wird später als Kaiser aufgrund seiner außergewöhnlichen Bildung als „mirabilis mundi“ - als Staunen der Welt - bewundert. Wie sehr ihn seine Mutter dabei geprägt hat, erklärt Ludger Körntgen: MUSIK ENDE 6.O-Ton (Körntgen ab 28:05) Offensichtlich war er die ersten zwei drei Lebensjahre (…) sehr eng mit der Mutter zusammen. Aber das ist nur eine vorübergehende Phase. Wichtiger war, dass sie einen Einfluss auf die Auswahl seiner Erzieher gehabt hat. 28:24 Eine ganz wichtige Persönlichkeit in diesem Zusammenhang war der spätere Bischof Bernward von Hildesheim. Ein Geistlicher, (…) der später als einer der dominierenden kulturell wirksamen Persönlichkeiten, ein Mäzen in Baukunst und Buchkunst und so weiter hervorgetreten ist. (…29:13) Interessanterweise gibt es so etwas spielerisch gemeinte Verse, die Otto der Dritte an seinen Lehrer geschrieben hat. 29:20 Darin bittet er ihn, ihm zu helfen, dass er etwas von seiner sächsischen Derbheit verliert und dass seine griechische Feinheit etwas gestärkt wird. MUSIK 4 Erzählerin Mit Theophanu kehrt aber nicht nur die Kultur in das sächsische Herrscherhaus ein, sondern sie sorgt mit einer Gefolgschaft aus Künstlern, Architekten und Goldschmieden aus ihrer Heimat auch dafür, dass sich im ganzen Reich byzantinische Kunstgegenstände verbreiten. Erzähler Und das ist absolut gewollt. Denn Byzanz als Zentrum des oströmischen Reiches gilt als der Maßstab in puncto Kultur. Sich an ihr zu orientieren, gilt im 10.Jahrhundert als chic - auch im weströmischen Reich. Der Kunsthistoriker Klaus Gereon Beuckers: MUSIK ENDE 7.O-Ton: (Beuckers ab 6:45) Etwa in der Mitte des Jahrhunderts geht das los, dass wir sehen, wie stark letztendlich byzantinische Vorbilder (…) rezipiert werden. 6:54 Das ist in der Buchmalerei so, das ist in der Goldschmiedekunst so, ganz besonders in Textilgewerben, die ja sehr sehr teuer waren. Und das hat in der Zeit, als Theophanu dann kam, einen großen Schub noch einmal erlebt. Wir sehen, (7:24) dass seitdem sie 972 gekommen ist, dass wir (…) dann wirklich die ottonische Hochblüte erleben, die auch sehr stark mit byzantinischen Formen, mit antiken Formen einhergeht. (…8:22) beispielsweise die beiden Elfenbeine auf dem Einband des Evangeliars Ottos III. im Aachener Domschatz. MUSIK 5 Erzählerin Und es ist Theophanu, die einen ganz neuen Brauch aus ihrer byzantinischen Heimat in Deutschland einführt: Sie feiert mit ihren Kindern das Nikolausfest. Natürlich nicht so, wie wir es heute kennen. MUSIK ENDE 8.O-Ton (Beuckers ab 16:20) Nikolaus ist im byzantinischen Bereich ein sehr gängiger Heiliger gewesen. Wurde im Westen richtig bekannt, als man seinen Sarkophag aus der Türkei nach Bari, also nach Süditalien gebracht hat. In den 80er-Jahren des 11. Jahrhunderts, also hundert Jahre nach Theophanu. Da wurde er dann zu dem, was wir heute kennen. (…) In der (16:55) Zeit vor der Translation nach Bari gibt es nicht besonders viele Nikolaus Zentren. Aber die ersten, die wir greifen können, (…) sind im sehr engen persönlichen Umfeld von Theophanu entstanden, sodass man davon ausgehen kann - (…) dass sie im Prinzip eigentlich diejenige war, die diesen Kult innerhalb ihrer Familie zum mindesten eingeführt hat und verbreitet hat. MUSIK 5 Erzähler Allzu oft wird Theophanu mit ihren Kindern das Nikolausfest nicht gefeiert haben, denn an der Seite ihres Mannes ist sie schon ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes zunehmend in Italien unterwegs. Otto II. versucht als römisch-deutscher Kaiser, ganz Italien in seine Reichsherrschaft einzubeziehen. MUSIK ENDE Erzählerin Das führt allerdings zu Konflikten in Süditalien. Nach mehreren Angriffen der Sarazenen unter der Führung des Emirs Abu al-Quasim beginnt Otto II. im Herbst 981 seinen Feldzug. Theophanu begleitet ihn bis nach Kalabrien in die Stadt Rossano, nicht aber in die entscheidende Schlacht am Kap Colonna, die am 15.Juli 982 stattfindet. Erzähler Und für Otto II. mit einer verheerenden Niederlage endet. Ludger Körntgen: 9.O-Ton (Körntgen ab 14:48) Eigentlich weniger aufgrund militärischer Schwäche, sondern einfach aufgrund taktischer Unbeweglichkeit. 15:00 Man hatte sehr stark das gegnerische Heer zunächst einmal zur Auflösung der Schlachtordnungen gebracht. Der gegnerische Emir war gefangen und als dann alle dachten, die Schlacht ist gewonnen, kamen aus dem Hintergrund Reserven und konnten das ottonische Heer weitgehend aufreiben. Es ist eine große Anzahl von wichtigen Führungspersönlichkeiten des Reiches gefallenen. Der Kaiser konnte sich nur mit großer Mühe retten, und es hat eine Weile gedauert, bis man dann wieder einigermaßen zur politischen Tagesordnung übergehen konnte. Erzählerin Schon eineinhalb Jahre später stirbt Otto II. am 7.Dezember 983 in Italien. Er ist der einzige deutsche Herrscher, der in Rom beigesetzt wird. Erzähler Sein designierter Nachfolger ist sein Sohn, der bereits auf dem Hoftag von Verona zum König gewählt worden ist. Es gibt dabei allerdings ein kleines Problem: Otto III. ist erst drei Jahre alt und kann von daher unmöglich regieren. Stattdessen übernimmt seine Mutter Theophanu die Regentschaft für ihn. Erzählerin Doch bevor sie dieser neuen Aufgabe gerecht werden kann, muss sie sich gegen einen Verwandten aus Bayern durchsetzen: Heinrich den Zänker. Der, wie der Name schon sagt, dafür bekannt ist, seine Ziele rücksichtslos durchzusetzen. Um seinem Herrschaftsanspruch Nachdruck zu verleihen, entführt er kurzerhand das Kind. Doch damit kommt er nicht durch. Ludger Körntgen: 10.O-Ton: ( Körntgen 16:05) Theophanu hat gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Adelheid, die ja auch gekrönte Kaiserin war, gewissermaßen ihren Rang, ihre Autorität in die Waagschale werfen können, um ihrem Sohn die Krone zu retten gegen die Ansprüche des Verwandten Herzogs von Bayern. 16:39 Ein wichtiger Punkt ist auf jeden Fall gewesen, dass dieser Heinrich der Zänker (…17:24), dass er damit wirklich zu weit gegangen ist. Er hat sehr viele vergrätzt. (…) Von daher können wir sagen, dass (…) die große Mehrzahl der Entscheidungsträger, der politischen Akteure, der Grafen und der Herzöge, vor allen Dingen dann auch der Bischöfe, allen voran der Erzbischof Willigis von Mainz, der (…) eine wichtige Vertrauensperson für Otto II. und Theophanu war -, die wollten einfach diesem Anspruch des Bayern Herzogs einen Riegel vorschieben. MUSIK 6 Erzähler Nach diesem Intermezzo kann Theophanu nun die Regentschaft für ihren Sohn übernehmen. Heinrich der Zänker übergibt ihn ihr 984 höchstpersönlich auf dem Reichstag in Rohr. Als Regentin für ihren Sohn besteht Theophanus Aufgabe nun darin, den Status Quo der Reichsherrschaft zu festigen und den Kaiserthron für Otto III. zu sichern. Erzählerin Das ist keine leichte Aufgabe, die sie dennoch - in Allianz mit ihrer Schwiegermutter Adelheid - bravourös bewältigt. Sieben Jahre lang sorgt sie für Stabilität und außenpolitische Erfolge und wird zur mächtigsten Frau des Abendlandes. Erzähler Dank der innenpolitischen Stabilität hat Theophanu in ihrer Regierungszeit den nötigen Spielraum, sich um die vielen außenpolitischen Konflikte an den Grenzen des Reiches zu kümmern. Musikakzent: Fanfare Erzählerin Da sind zum einen die aufständischen Slawenstämme jenseits der Elbe, die sie durch Feldzüge und eine Allianz mit dem polnischen Herzog Miseko einzudämmen versucht. Im Jahr 986 scheint ihr Ziel erreicht, als die slawischen Fürsten Böhmens und Polens in friedlicher Absicht beim Hoftag in Quedlinburg erscheinen. Erzähler Und auch der Süden Italiens bedarf immer wieder ihrer Aufmerksamkeit. Ganz zu schweigen vom westlichen Nachbarn Frankreich. MUSIK ENDE Die Frage ist, wie Theophanu dort und anderswo versucht hat, Herrin der Lage zu bleiben und warum sie als besonders geschickte Politikerin gilt? Ludger Körntgen: 11.O-Ton (Körntgen ab 25:00) Politik bedeutet aus der Warte der Herrscher vor allen Dingen, dass man versuchen muss, Gunst zu erweisen, Frieden zu bewahren und zu schaffen. Die Ansprüche der vielen Akteure des Adels, aber auch der Kirchen, der Bischöfe und Äbte, die ständig an die Herrscher gerichtet werden, so klug auszutarieren, dass wenn man dem einen etwas bewilligt, nicht ein anderer vor den Kopf gestoßen wird. Und das ist eigentlich das, was politisches Agieren ausmacht, sodass wir mitunter auch sagen, die Herrscher reagieren eigentlich eher, als dass sie eigene Vorstellungen sehr konsequent umsetzen. Und was man dabei brauchte als politisches Geschick - ich würde das kommunikative Intelligenz nennen - das war die Möglichkeit (…) entsprechend dieser Erwartungen zu agieren. Ohne dabei auf der anderen Seite den eigenen Rang, den eigenen überlegenen Anspruch aufzugeben und aufs Spiel zu setzen. 26:28 Das auszutarieren, war nicht sehr einfach und das scheint Theophanu (…) dann eben doch auch sehr erfolgreich bewältigt zu haben. Erzählerin Theophanu verfügt also über kommunikative Intelligenz - und: kluge Berater. Allen voran vertraut sie dem Mainzer Erzbischof Willigis, dessen Rat sie schon geschätzt hat, als ihr Mann noch lebte. Beides macht sie zu ihrer Zeit unschlagbar. Erzähler Außerdem sieht sie - anders als ihre Schwiegermutter Adelheid - die Kirche als Diener des Staates. Ihre häufigen Besuche in Rom dienen vor allem dem Zweck, sich den Rückhalt des päpstlichen Organisationsapparats als politische Macht zu sichern. MUSIK 7 Erzählerin Dennoch regiert Theophanu im ottonischen Reich nicht mit dem Anspruch einer Kaiserin, sondern immer stellvertretend für ihren Sohn. Daher existieren keine Münzen mit ihrem Konterfei. Und sie signiert in der Regel auch nicht als Kaiserin. Erzähler Nur einmal lässt sie sich am 1.April 990 in Italien dazu hinreißen, sogar als Kaiser zu signieren. Die Ravennater Urkunde vom 1.April 990 ist unterschrieben mit den Worten: „Theophanius gratia divina imperator augustus“, was übersetzt bedeutet: „Theophanius, durch göttliche Gnade erhabener Kaiser“. Musikakzent Erzählerin Nur ein Jahr später stirbt die Kaiserin am 15.Juni 991 in der Pfalz Nimwegen. Es gab Gerüchte, dass sie vergiftet worden sein soll. Ob etwas daran sein könnte, lässt sich allerdings nicht nachvollziehen. Erzähler An Theophanus Stelle übernimmt nun Kaiserin Adelheid fünf Jahre lang die Regentschaft für ihren Enkel, bis Otto III. 996 in Rom von Papst Gregor V. zum Kaiser gekrönt wird. Erzählerin Wie sie es gewünscht hat, werden Theophanus Gebeine in Köln, einer ihrer Lieblingsstädte beigesetzt. Und zwar in der Kirche ihres Schutzheiligen, des Heiligen Pantaleon. Sie wurde schon zu ihren Lebzeiten als Autorität anerkannt, aber 30 Jahre nach ihrem Tod geradezu als Kultfigur verehrt. Nach dem Tod ihre Sohnes Otto III. und seines Nachfolger Heinrich II. setzt ein regelrechter Hype um Theophanu ein. Klaus Gereon Beuckers: MUSIK ENDE 12.O-Ton: (Beuckers ab 14:05) In St. Pantaleon wird quasi ein neuer Westbau errichtet, rund um das Grab von Theophanu. Was vorher wahrscheinlich im Südarm des Querarms gelegen hat. Also wirklich dezidiert dann Theophanu zum Mittelpunkt einer Kultur aufgewertet wird. Das tun vor allen Dingen ihre Enkel die Ezzonen ( 14:17), die aus der Ehe von Mathilde, der Tochter Theophanus mit Ezzo, dem Pfalzgrafen von Rhein sind - die einzige, die verheiratet war von den Kindern Theophanus, die sich sehr stark um das Erbe bemühen und damit auch ihre eigene Herkunft unterstreichen und sehr mächtig sind und auch sehr reich sind. MUSIK 1 Erzählerin Heute ist die Erinnerung an Theophanu in Köln immer noch präsent. Immer wieder pilgern Besucher zu ihrem Sarkophag und stellen Kerzen auf. Und auch in den Niederlanden, dem Ort, wo sie starb, erinnern Straßennamen an die ottonische Kaiserin, die einst als Mädchen aus Byzanz gekommen war und die als Mutter und Regentin für Bildung, den richtigen Tonfall und Stabilität im römisch-deutschen Reich sorgte. MUSIK ENDE
- Johann Sebastian Bach - Die Matthäus-Passion
25.03.2024 · 23 Min.
Theatralik und Drama, Wucht und Architektur, über drei Stunden Länge - die Matthäus-Passion ist nicht nur des großen Bach umfangreichstes Werk, sie verlangt auch dem heutigen Zuhörer noch einiges ab. Von Johannes Roßteuscher (BR 2016) Credits Autor dieser Folge: Johannes Roßteuscher Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Heinz Peter, Frank Manhold Technik: Jochen Fornell Redaktion: Petra Herrmann-Böck Im Interview: Enoch zu Guttenberg, Hansjörg Albrecht, Hartmut Schick, Beatrice Lackner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Urvogel Archaeopteryx - Beweisstück der Evolution?
21.03.2024 · 23 Min.
Der Archaeopteryx. Ein bayerischer Urvogel, der zu einer Zeit aus dem Solnhofener Plattenkalk bei Eichstätt geborgen wurde, als Charles Darwin auf der Suche nach dem letzten Beweis für seine Evolutionstheorie war. Von Katharina Hübel (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Ruth Geiersberger, Frank Manhold Technik: Michael Krogmann Redaktion: Iska Schreglmann Hier gibt es weitere spannende Folgen von radioWissen: Was bleibt von Darwin - Forschung zur Evolution heute JETZT ANHÖREN Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessen JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Urvogel Archaeopteryx: Dinosaurier oder Vogel?: Was wir bislang über Archaeopterys wissen Vor 150 Millionen Jahren lebte Archaeopteryx im Altmühltal. Der Urvogel beschäftigt die Forscher seit der Entdeckung der ersten Fossilien. War er mehr Dinosaurier oder Vogel? Konnte er fliegen? Neue Untersuchungen bringen alte Erkenntnisse ins Wanken. Jetzt anhören Literaturtipps: Probst, Ernst: Raubdinosaurier in Bayern. Von Archaeopteryx bis Sciurumimus. Oktober 2019. Wellnhofer, Peter: Archaeopteryx. Der Urvogel von Solnhofen. Verlag Dr. Friedrich Pfeil. 2008. Bollen, Ludger: Der Flug des Archaeopteryx. Auf der Suche nach dem Ursprung der Vögel. Mit einem Vorwort von Dr. Martina Kölbl-Ebert, Jura-Museum Eichstätt. Edition Goldschneck. 2008.
- Vulkane in Deutschland - schlafende Riesen
20.03.2024 · 22 Min.
Lavaströme, Glut- und Aschewolken - Vulkane können zerstörerische Kraft entfalten. In Europa befinden sich die meisten Vulkane in Island und Italien. Doch auch in Deutschland, besonders in der Eifel, beobachten Wissenschaftler Anzeichen aktiven Vulkanismus. Von Georg Gruber (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Georg Gruber Regie: Rainer Schaller Es sprach: Christian Jungwirth Technik: Daniela Röder Redaktion: Matthias Eggert Im Interview: Karen Strehlow (Dr.; GEOMAR Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung, Kiel) Ulrich Küppers (Dr.; LMU München, Department für Geo- und Umweltwissenschaften, Sektion für Mineralogie, Petrologie und Geochemie) Torsten Dahm (Professor; Deutsches Geoforschungszentrum GFZ, Helmholtz-Zentrum Potsdam, Sektionsleiter Erdbeben- und Vulkanphysik) Eleonora Rivalta (Dr.; Deutsches Geoforschungszentrum GFZ, Helmholtz-Zentrum Potsdam, Arbeitsgruppenleiterin Erdbeben-und Vulkanphysik) Roland Eichhorn (Dr.; Leiter des Geologischen Dienstes am Bayerischen Landesamt für Umwelt, Hof) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Authentisch leben - Die Kunst man selbst zu sein
20.03.2024 · 23 Min.
Ständig sind wir heute auf der Suche nach dem Authentischen: Essen, Kultur-Urlaub, Kunst. Und auch wir selbst sollen authentisch sein. Doch wie geht das? Und was, wenn das 'authentische Ich' ein mieser Charakter ist? Autor: Niklas Nau (BR 2018) Credits Autor dieser Folge: Niklas Nau Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Wolfgang Pregler, Hemma Michel Technik: Fabian Zweck Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Monika Betzler (Professorin; Lehrstuhlinhaberin für Praktische Philosophie und Ethik, LMU München); Stephanie Draschil (Sozialpsychologin) Linktipp: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST ARD Alpha Sein Leben ändern: Wie ihr einen Neuanfang wagt und meistert People Pleaser: Stoppt eure Harmoniesucht Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: COLLAGE VOX-POPS Authen ... warte ... das ist natürlich jetzt mies, ne ...A uthezizi ... nein ... Authen-tizität. Authentizität. Authetizi ... Autheziti ... Authentizität, Authentizi-tät, Authetizität. Authenzizi- kann ich nicht. Authentizität. Authentizität. Hamma's scho. ERZÄHLER A-U-T-H-E-N-T-I-Z-I-T-Ä-T. Den Begriff auszusprechen, ist schon schwer genug. Ihn auch noch wirklich zu leben, wirklich authentisch zu sein … – geht das überhaupt? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Authentisch sein – das ist heute schwer in Mode. Die Regale der Buchhändler und Lebenshilfeblogs im Internet laufen über mit Titeln wie: COLLAGE ZITATORIN / ZITATOR 'Authentizität: Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben' ZITATOR 'Sind Sie noch ganz echt?: Mut zur Authentizität' ZITATORIN 'Sich selbst finden und leben in 7 Schritten' ZITATOR 'Du willst echt sein? – 3 Tipps für mehr Authentizität' ZITATORIN 'Einzigartig!: Mit authentischer Positionierung und Branding zum Erfolg' ZITATOR 'Authentisch, präsent, charismatisch. Nutzen Sie das Potenzial Ihrer Ausstrahlung' ERZÄHLER Und nicht nur wir selbst, auch unsere Erfahrungen sollen heute möglichst authentisch sein. Beim Urlaub in Südafrika nur am Strand brutzeln und Löwen vom Safari-Jeep aus beobachten?: „Out“! „In“ ist heute, das „echte“ Südafrika und seine Menschen kennenzulernen: etwa mit einer Tour durch den einstmals als Drogenhöhle berüchtigten Ponte Tower in Johannesburg, inklusive Einblick in die Wohnungen und das „echte Leben“ der Bewohner. Die Tourismusindustrie tut alles dafür, damit sich der Tourist nicht als 'Tourist' fühlen muss. ERZÄHLERIN Oder beim Essen: Wenn wir ein unbekanntes kleines chinesisches Restaurant betreten und alle anderen Gäste Chinesen sind, beglückwünschen wir uns wahrscheinlich erst einmal selbst: Wir haben etwas Authentisches entdeckt! Falls es dann doch schlecht schmeckt, war es immerhin authentisch schlecht. Dass wiederum in der chinesischen Provinz Guangdong vor einigen Jahren das gesamte österreichische Dorf Hallstatt für 940 Millionen Dollar seitenverkehrt nachgebaut wurde, erscheint uns mindestens skurril. Österreichisches Weltkulturerbe im Reich der Mitte? Unauthentisch! Auf der Startseite von Hallstatts Internetauftritt steht (augenzwinkernd): ZITATOR (http://www.hallstatt.net/) Herzlich willkommen in Hallstatt. Millionenfach fotografiert – einmal kopiert – nie erreicht. ERZÄHLER Die Liste der Dinge, die bitte möglichst authentisch sein sollen, lässt sich fast beliebig lange weiterführen: Unser Chef oder unser Führungsstil, unsere Politiker, die Produkte die wir kaufen, die Musik, die wir hören: Der Drang, Authentisches zu erleben und authentisch zu leben, scheint so groß wie vielleicht noch nie: O-Ton 1 - Stephanie Draschil Ich habe das Gefühl, dass sich sehr viel vereinheitlicht hat, also sehr viel homogenisiert ist. Wenn Sie in der Welt herumreisen, haben Sie überall Starbucks, Sie haben überall McDonalds, Sie haben überall H&M, die Leute ziehen das Gleiche an, die trinken das gleiche, die beschäftigen sich mit ähnlichen Sachen. Wir sind sehr vernetzt geworden, es hat sich alles sehr homogenisiert. Und ich glaube, da ist ein Bedürfnis da, dass man wieder individueller wird, dass man wirklich auch sich die Frage stellt: Was will ich eigentlich, was ist mir eigentlich wichtig, wie will ich mich auch von anderen Menschen abgrenzen? ERZÄHLERIN Sagt die Sozialpsychologin Stephanie Draschil. Doch was genau ist diese Authentizität, nach der wir uns so sehnen? Das Wort „authentisch“ kommt vom griechischen authentikós und heißt so viel wie „echt“, „original“, „verbürgt“, „wahrhaftig“. ERZÄHLER Was ein authentisches Dokument ist, etwa ein authentischer Vertrag oder ein authentisches Testament, leuchtet uns sofort ein. Auch bei klassischen Kunstobjekten wie Gemälden ist das Identifizieren von Authentischem noch relativ einfach. Ein authentischer Rembrandt ist eben das Gegenteil von einer Fälschung und das Gegenteil von einer Kopie. Doch was genau meinen wir, wenn wir von „authentischer“ Kultur sprechen? Es ist ein Begriff, der schnell in eine gefährliche Nähe zu den Völkerschauen des Kolonialismus gerät, in denen „Wilde“ wie Zootiere zur Schau gestellt wurden: Zum Beispiel dann, wenn Touristen enttäuscht sind, dass das exotische Volk, zu dem ein Reiseveranstalter sie führt, nicht in der Zeit festgefroren ist, sondern durchaus eine hohe Smartphone- und Fernseherdichte aufweist. Und wie sollen wir erst über Authentizität entscheiden, wenn es um so etwas Komplexes wie den einzelnen Menschen geht? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Was macht eine Person authentisch? Monika Betzler ist Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU München. Sie empfiehlt eine Annäherung über den Alltag: O-Ton 2 - Prof. Monika Betzler, LMU München Da kann man sich mal überlegen, was meinen wir alltagssprachlich damit, und noch einfacher, was meinen wir mit dem Gegenteil von Authentizität, was sind denn inauthentische Wesen? Da hat wahrscheinlich jeder eine Vorstellung davon. Das sind Menschen, die irgendwas verbergen beispielsweise, die nicht in der Lage sind zu dem zu stehen oder das zu äußern, was sie wirklich denken und so weiter. Und das Gegenteil wäre dann etwas, was den Begriff der Authentizität charakterisiert. Und vielleicht ist auch die allgemeinste Definition, die, das eine Person authentisch ist in dem Maße, in dem sie zu dem steht, was ihr wichtig ist. Und dann müssen wir uns nähere Gedanken machen was heißt das jetzt genau, was heißt, zu sich stehen, und was heißt, dass einem etwas wichtig ist. ERZÄHLERIN Das Ideal der Authentizität ist dabei relativ neu. Zwar stand schon vor etwa 2.500 Jahren am Apollotempel in Delphi die Inschrift „Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst!“. Und auch der antike Philosoph Sokrates soll die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis immer wieder gelehrt haben. Und doch verstanden vormoderne Gesellschaften unter diesem „Erkenne dich Selbst!“ wohl etwas ganz anderes, als wir das heute tun. Denn Menschen sahen sich damals in den meisten Gesellschaften als Teil einer größeren, kosmischen Ordnung. Irgendwo zwischen Göttern oder Geistern, Tieren und Pflanzen hatte der Mensch seinen Platz. Sich selbst zu erkennen hieß, seinen Platz – und seine Aufgabe – innerhalb dieser kosmischen Ordnung zu begreifen. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Doch dann, im 18. Jahrhundert, ist auf einmal alles anders. Es ist das Zeitalter der Aufklärung und Säkularisierung, der wissenschaftlichen und industriellen Revolution und tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen wie der Französischen Revolution. Mit sich bringen diese Entwicklungen, was der Soziologe Max Weber als „Entzauberung der Welt“ beschrieben hat: die Erkenntnis, dass das Universum rational erklärbar ist, dass es keine verborgenen mythischen Mächte gibt. Das hat weitreichenden Folgen: O-Ton 3 - Prof. Monika Betzler Wir sind nicht notwendig Teil des Kosmos oder der Gesellschaft und sind nun in der Lage uns davon zu entfernen und uns nun dazu selbst reflexiv in ein Verhältnis zu bringen. Ja, das sieht man auch an solchen Dingen, wie dass so Begriffe wie Ehre plötzlich weniger eine Rolle spielen, und es gibt auch eine wunderbare Schrift von John Stuart Mill, das ist dann 19. Jahrhundert, über die Freiheit, der einen Lobgesang auf die Individualität singt. ERZÄHLER Die alte Idee von der kosmischen Ordnung, in der jeder Mensch einen festen Platz und feste Aufgaben hat, in der gut zu leben bedeutet, seinem gesellschaftlichen Stand und seinen Pflichten gerecht zu werden, ist passé. In der Moderne ist der Mensch ein freies, vernunftbegabtes Individuum. Doch die geistige und gesellschaftliche Freiheit, die der Mensch sich erkämpft hat, bringt eine große Frage mit sich: Wie soll er diese Freiheit nutzen? Was ist in diesem entzauberten Universum ein gutes, ein sinnvolles Leben? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau gilt als zentrale Figur bei der Schöpfung des modernen Authentizitätsbegriffs. Denn die Antwort, die er auf die Frage nach dem richtigen Leben hat, ist folgende: Der Schlüssel liegt in uns selbst. Der Mensch, glaubt Rousseau, ist von Natur aus gut und moralisch. Die Gesellschaft ist es, die uns verdirbt, vom rechten Weg abbringt, unmoralisch und unglücklich macht. Den Zauber, der die Welt verlassen hat, finden wir wieder – und zwar in uns selbst. Rousseau schreibt: ZITATOR Rousseau (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/emil-oder-ueber-die-erziehung-erster-band-3811/12) Bevor die Vorurtheile und die menschlichen Einrichtungen unsere natürlichen Neigungen verderbt haben, besteht das Glück der Kinder eben so wie das der Erwachsenen in dem unbeschränkten Genusse der Freiheit; Wer thut, was er will, ist glücklich, sobald er sich selbst genug ist; das wird stets bei dem Menschen der Fall sein, welcher im Naturzustande lebt. ERZÄHLERIN Obwohl Rousseau den Begriff Authentizität selbst nicht verwendet: Indem er der für ihn „künstlichen“ Gesellschaft die Idee des „Edlen Wilden“, der in uns schlummert, gegenüberstellt, gibt er den Startschuss für die Suche nach dem Authentischen. Viele der großen Philosphen der Moderne werden sich an ihr beteiligen: Hegel, Kierkegaard, Heidegger, Nietzsche, Sartre, Camus, Adorno, Fromm, Foucault, Taylor – ein echtes Who is Who der Philosophie. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Doch sehen sie sich dabei mit einem grundliegenden Problem konfrontiert: Authentizität, wie die meisten Philosophen sie von nun an verstehen, ist nichts, das sich anhand objektiver Kriterien beschreiben ließe, sondern zutiefst subjektiv. „Zehn Dinge, die dich zum authentischen Menschen machen?“ – Fehlanzeige! Und so lässt Nietzsche seinen Entwurf eines authentischen „Übermenschen“ – den Einsiedler Zarathustra, der beschließt, seine Weisheit mit den Menschen zu teilen – auch keine allgemeingültigen Regeln für ein authentisches Leben aufstellen, sondern erklären: ZITATOR Nietzsche (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3248/66) »Das – ist nun mein Weg, – wo ist der eure?« so antwortete ich Denen, welche mich »nach dem Wege« fragten. Den Weg nämlich – den giebt es nicht! ERZÄHLER Authentizität ist für viele Existenzphilosophen etwas, das jeder nur für sich selbst finden kann. Der dänische Philosoph Soren Kierkegaard identifiziert gerade die leidenschaftslose Rationalität als großes Übel der Moderne, und sieht Authentizität als Heilmittel und Gegenentwurf dazu. Authentizität bedeutet für ihn Pathos, also Leidenschaft, und Authentizität ist für ihn ein Projekt der Subjektivität und der Gefühle, nicht des Verstandes. Deshalb sollen authentische Helden oder Anti-Helden wie Nietzsches Zarathustra im Leser den Wunsch nach Authentizität wecken, Ironie soll das Inauthentische bloßstellen. ERZÄHLERIN Dabei sehen viele Philosophen Authentizität bald aber nicht bloß als etwas Statisches, sondern als fortwährendes Projekt: ständiges Ankämpfen gegen das Inauthentische, die ständige Neukreation des authentischen Ichs aus sich selbst heraus, ein ständiger Akt der Selbst-Schöpfung. Nietzsche schreibt: ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3245/7) „Wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein!“ ERZÄHLERIN Natürlich haben die Philosophen in vielen Punkten unterschiedliche Auffassungen zur Authentizität und zum besten Weg, diese zu erreichen. Von einem Verständnis von Authentizität als dem wahren Kern unseres Selbst, der nur freigelegt werden muss, ist etwa bei Nietzsche und Heidegger nicht mehr viel übrig. Nietzsche betont das spielerische Ausprobieren und fordert vom Menschen, „das zu werden, was man ist“. Authentisch zu werden bedeutet bei ihm also auch, Verantwortung für seine Taten und Charakterzüge zu übernehmen – gute wie schlechte, Stärken wie Schwächen – und sie zu einem kohärenten Bild zu vereinen. In „Die fröhliche Wissenschaft“ verlangt Nietzsche: ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-frohliche-wissenschaft-3245/7) Eins ist Noth. – Seinem Charakter "Stil geben" – eine grosse und seltene Kunst! Sie übt Der, welcher Alles übersieht, was seine Natur an Kräften und Schwächen bietet, und es dann einem künstlerischen Plane einfügt, bis ein jedes als Kunst und Vernunft erscheint und auch die Schwäche noch das Auge entzückt. ERZÄHLER Für einen der bekanntesten Existenzphilosophen, Martin Heidegger, ist hingegen das Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit zentral bei der Suche nach Authentizität. Denn sie ist es, die einem die Verantwortung für das eigene Leben vor Augen führt und aus den Ablenkungen des Alltäglichen in ein Leben führt, das wir uns zu eigen gemacht haben. ERZÄHLERIN Die Konfrontation mit dem unausweichlichen Tod als Augenblick der Wahrheit und Erkenntnis ist ein Mittel, das auch in Literatur und Film immer wieder gerne eingesetzt wird, um die Möglichkeiten von authentischem Leben auszuloten. Etwa in Leo Tolstois Erzählung vom Sterben des Gerichtsangestellten Iwan Iljitsch. Erst als Iljitsch mit Mitte vierzig überraschend todkrank wird und auf dem Sterbebett liegt, wird ihm klar, dass er sein Leben falsch und unauthentisch gelebt hat. Alle Annehmlichkeiten seines Lebens und seine gesellschaftliche Stellung sind für ihn auf einmal wertlos geworden, mehr noch, das Spielen seiner gesellschaftlichen Rolle hat ihn zu einer leeren Hülle gemacht. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Genau in diesem Punkt scheinen sich fast alle Verfechter der Authentizität einig zu sein: Authentisch leben heißt, gesellschaftliche Erwartungen, Rollenbilder und Ideologien kritisch zu hinterfragen und sich – falls nötig – von ihnen zu lösen. O-Ton 4 - Prof. Monika Betzler, LMU München Und da sind wir auch schon bei einem der ersten Probleme. Könnte der Wert der Authentizität in Konflikt geraten mit beispielsweise der Moral? Nämlich dann, wenn man sich ganz aufrichtig zu Werten bekennt, die aber unmoralisch sind!? ERZÄHLER In den USA zog mit Donald Trump Anfang 2017 ein Mann ins Weiße Haus ein, der auf einer Tonbandaufnahme damit prahlte, als Star könne er es sich erlauben, Frauen einfach zwischen die Beine zu fassen. Die Reaktionen auf das Öffentlichwerden dieser Aufnahme während des Wahlkampfs waren empört. Auf seiner Kampagnenseite veröffentlichte Trump daraufhin ein Statement: ZITATOR Statement D. Trump, Übersetzung Niklas Nau (https://web.archive.org/web/20161007210105/https://www.donaldjtrump.com/press-releases/statement-from-donald-j.-trump) Das war ein Umkleidekabinengespräch, ein Privatgespräch von vor vielen Jahren. Bill Clinton hat beim Golfen schon deutlich Schlimmeres zu mir gesagt. Es tut mir leid, falls sich jemand davon angegriffen gefühlt hat. ERZÄHLER Bei vielen Wählern schien diese Argumentation anzukommen, denn auf lange Sicht konnte der Vorfall Trump nicht schaden. „Locker Room Talk“ – so, wie echte Männer nunmal in der Umkleidekabine über Frauen reden. Authentisch … unmoralisch. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Das Ideal der Authentizität stellt die Gesellschaft vor ein Problem. Denn an Rousseaus „edlen Wilden“ – daran, dass der Mensch von Natur aus nur gut ist – glaubt heute fast niemand mehr. Verhaltensforschung und Psychologie haben uns klargemacht, dass der Mensch von sich aus zu Grausamkeit und Mordlust genauso fähig ist, wie zu Selbstlosigkeit und Güte. Wie soll die Gesellschaft also umgehen mit einem Ideal, das es Menschen möglich macht, mit dem Verweis auf die Authentizität auch unsere dunkelsten Impulse zu rechtfertigen? Wie umgehen mit dem authentischen Rassisten, dem authentischen Betrüger, dem authentischen Gewalttäter? O-Ton 5 - Prof. Monika Betzler, LMU München Ich denke, der Begriff der Authentizität und auch der der Autonomie, die haben ein großes Potenzial, die haben einen Wert, aber, und das zeigt sich auch in vielen Kritikern, die sich gegen diese Begriffe richten, mit denen kann man es natürlich auch übertreiben. Ich glaube, dass es ein sehr hohes Gut ist, dass wir sogenannte positive Freiheiten haben. Also sozusagen Dinge verfolgen können, die uns selber am Herzen liegen. Wir leben in einer Welt, in der es viele Länder gibt, die das als keine Errungenschaft sehen. Und ich glaube, das sollten wir schützen. Die Frage ist nur: Wo sind die Grenzen dieses Werts? Also was keiner behauptet: Der liberal ist und jedem möglichst viel Raum zugestehen möchte, sein eigenes Leben zu leben, ist nicht darauf verpflichtet, es dieser Person zuzugestehen es so weit zu treiben, dass sie andere Menschen beschränkt in ihrer Art und Weise gutes Leben zu leben. Da findet sich eine Grenze dieser Autonomie, wenn man so will. ERZÄHLER Die Sozialpsychologin Stephanie Draschil hat für ihre Doktorarbeit Menschen zu deren Wahrnehmung von Authentizität befragt und dabei herausgefunden, dass sich viele durchaus bewusst sind, dass Authentizität bei anderen Menschen auch ihre Schattenseiten haben kann: O-Ton 6 - Stephanie Draschil Was rausgekommen ist, war, dass dieses Authentische, so wie wir es in unserer individualistischen Kultur definieren, eben dass wir auch unabhängig von anderen sind, dass wir zu eigener Meinung stehen, nicht von Meinung anderer beeinflussen lassen, was wir ja ganz toll finden, was aber in anderen Kulturen gar nicht unter Authentizität fällt, also in kollektivistischen Kulturen, dass das auch dazu führen kann, dass jemand als sehr egoistisch wahrgenommen wird. (MUSIK als Überleitung) ERZÄHLERIN Die Psychologie leistet etwas, was manche philosophische Betrachtungen der Authentizität nicht tun - und auch gar nicht tun wollen. Sie begründet rational, warum authentisch sein – zumindest so, wie es Menschen im Alltag verstehen – überhaupt wertvoll ist: O-Ton 7 - Stephanie Draschil Wir stellen einfach fest: Leute, die sich selbst als authentisch einschätzen, also authentisch heißt in dem Sinne sie stehen zu sich selbst, sie haben das Gefühl, sie stehen zu sich selbst, sie haben das Gefühl, sie sind sich in unterschiedlichen Situationen selbst gegenüber treu, sie sagen was sie denken, sie sind nicht abhängig von der Meinung anderer, sie lassen sich nicht von anderen beeinflussen, dann geben diese Menschen auch an, dass sie eine höhere Lebenszufriedenheit haben, dass sie in ihrer Partnerschaft glücklicher sind, dass sie weniger negative Gedanken haben, mehr positive Gedanken, weniger depressive Symptome ... also, es sind lauter positive Sachen. ERZÄHLER Authentizität ist ein Wert, den wir nicht aufgeben wollen. Einige Philosophen werben dafür, Authentizität nicht nur als persönliche, sondern auch als soziale Tugend zu sehen. Für sie stehen Authentizität und Gesellschaft nicht in erster Linie im Konflikt. Ganz im Gegenteil – die beiden brauchen einander. Denn auch falls es tief in uns ein „Ich“ gibt, das nicht sozial konstruiert ist: Um dieses Selbst herauszuschälen, brauchen wir unsere Umwelt – die Gesellschaft. Diese Denker betonen, dass wir erst dadurch, dass wir uns im Dialog mit anderen ständig positionieren müssen, ein „Ich“ herausarbeiten oder kreieren können. ERZÄHLERIN Paradoxerweise ist es der gesellschaftliche Druck, sich als einigermaßen beständige Personen mit stabiler Persönlichkeit und Meinung zu präsentieren, der das Authentische Ich, das nicht von blindem Herdentrieb bestimmt ist, erst möglich macht. „Wir brauchen einander, um überhaupt jemand zu sein“, sagt der Philosoph Bernard Williams. Gleichzeitig ist gerade die demokratische, freie Gesellschaft, die uns die Suche nach Authentizität überhaupt erst möglich macht, darauf angewiesen, dass Menschen versuchen, Ihre eigenen Werte zu erkennen und zu vertreten – gerade auch dann, wenn sie von der vorherrschenden Meinung abweichen. Ohne Dialog und Diskussion funktioniert Demokratie nicht. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Und doch: Die Subjektivität von Werten, die das Ideal der Authentizität mit sich bringt, bedeutet: Der authentische Betrüger, der authentische Schläger werden für die Gesellschaft immer ein Problem bleiben: O-Ton 8 - Stephanie Draschil Ich denke, es ist wichtig, dass wir authentisch sind oder dass die Gesellschaft authentisch wird, aber dass eben Authentizität nicht als alleiniges Gut gesehen wird. Wir leben in einer Gesellschaft, und da ist eben auch diese soziale Verträglichkeit, dass wir gut miteinander auskommen auch wichtig. Also, es ist immer diese Frage, wie bringe ich denn meine Authentizität auch rüber!? Muss da wirklich der Choleriker sein, der sagt: ja ich bin halt so und ich kann nicht anders, oder ist da trotzdem irgendwie die Frage danach, wie sind wir eben im Umgang miteinander, gibt's da vielleicht eben dann doch diese gewissen Etiketten. Wo dann aber wieder die Frage ist, ist es dann noch authentisch, wenn man sich stark zurückhalten muss. Also ich denke das ist wirklich eine schwierige Frage und ein ganz großer Balanceakt. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Nicht nur darüber, wie weit das authentische Selbst und die Gesellschaft kompatibel sein können, wird weiter diskutiert. Die postmoderne Philosophie stellt heute infrage, ob es überhaupt so etwas wie ein zusammenhängendes Selbst gibt, das authentisch sein könnte. Und bekommt dabei Unterstützung von den Neurowissenschaften. Genau verstehen Hirnforscher zwar noch nicht, wie aus einer Fülle von Nervenimpulsen so etwas wie das Selbst entstehen kann. Klar scheint jedoch: Dieses Selbst, das uns so beständig und stabil vorkommt, ist nichts, was als eigenständiges Ding existiert, sondern ist eine von unserem Gehirn erzeugte andauernde Illusion. ERZÄHLERIN Und hier schließt sich der Kreis: Die Erkenntnis, dass das Selbst eine Illusion ist, wie vielleicht auch der freie Wille, dass das gesamte Universum als Kette von Reaktionen und Zusammenhängen erklärt werden kann, bedeutet nicht, dass wir uns keine Gedanken mehr über unser Leben machen müssen. Genau dies ist der Ausgangsimpuls, der überhaupt erst zum Ideal der Authentizität geführt hat, wie wir es heute kennen: Die Erkenntnis, dass es in einem rein rational erklärbaren Universum keine vorgegebenen Werte und keinen Sinn gibt, sondern dass der Mensch sich diese selbst schaffen muss. O-Ton 9 - Prof. Monika Betzler, LMU München Wie ich mich als Mensch, der sich heute und hier fragt, wie soll ich leben, verstehe, da finde ich nicht unbedingt Antworten bei der Neurowissenschaft. Wenn ich mich frage, wie fühlt sich Liebe an, und liebe ich diesen Mann, als Beispiel, hilft mir auch nicht die Neurowissenschaft, die vielleicht sagt: Liebe, das sind nur irgendwelche chemischen Prozesse im Hirn. Das ist sicherlich wahr, aber das ist nicht etwas, was uns in unserem normativen Verständnis, wer wir sein wollen, wie wir uns verstehen, hilft. ERZÄHLER Der Begriff Authentizität bleibt umkämpft und schwierig fassbar. Und doch wird unsere Suche nach Authentizität in absehbarer Zeit nicht aufhören. Denn obwohl wir die Welt und ihre Zusammenhänge immer besser verstehen und kontrollieren können: Einen Sinn geben müssen wir ihr und uns weiterhin selbst. Authentisch sein, das zumindest sagt uns die Philosophie eindeutig, ist dabei eine Lebensaufgabe. Und ob und wann wir wirklich authentisch sind, das können am Ende nur wir selbst entscheiden, oder, wie viele Philosophen es wohl ausdrücken würden: fühlen!
- Neugier - Antriebskraft des Lebens
19.03.2024 · 22 Min.
Ohne Neugier gibt es keine Entwicklung. Neugier beflügelt die Wissenschaft, Neugier auf das Zeitgeschehen macht den Menschen zum Subjekt der Geschichte. Von Brigitte Kohn (BR 2014) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Professor Andreas Speer; Köln Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZUSPIELUNG OBAMA-REDE: Our challenges may be new. The instruments with which we meet them may be new. But those values upon which our success depends - hard work and honesty, courage and fair play, tolerance and curiosity, loyalty and patriotism - these things are old. These things are true. DARÜBER: „Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, mögen neu sein. Unsere Mittel und Möglichkeiten, darauf zu reagieren, mögen neu sein. Aber die Werte, auf denen unser Erfolg beruht – harte Arbeit und Ehrenhaftigkeit, Mut und Fairness, Toleranz und Neugier, Treue und Vaterlandsliebe – diese Dinge sind alt. Diese Dinge sind wahr.“ ERZÄHLERIN: In seiner ersten Rede als 44. Präsident der Vereinigten Staaten erwähnt Barack Obama ausdrücklich die Neugier als zentralen Motor der amerikanischen Erfolgsgeschichte. Und er verbindet sie mit bestimmten Wertvorstellungen. Neugier hat eine individuelle und kulturelle Dynamik. Der Mensch muss seiner Neugier eine Richtung geben – und die ist nicht vorgegeben, für die muss er sich entscheiden. Ausschalten lässt sich die Neugier nicht. Sie gehört zur menschlichen Natur, sagt Andreas Speer, Professor für Philosophie an der Universität Köln. 1 O-TON PROF. ANDREAS SPEER: Ich denke, eines der wichtigsten Dinge ist, dass der Mensch, wie ja die Anthropologen sagen, ein ziemlich instinktentsichertes Lebewesen ist. Dass er nicht fest in einen Umweltzusammenhang eingebunden ist, sondern sich seine Welt selbst schaffen muss. Man muss explorieren, man muss sich orientieren, man muss die Eindrücke ordnen, und man muss gewissermaßen sein Leben selbst gestalten. ERZÄHLERIN: [Neugier findet man auch im Tierreich. Auch höher organisierte Tiere müssen ihre Umgebung untersuchen und erkunden, um zu lernen, wie sie beschaffen ist und wie man in ihr überlebt.] Aber die Menschen sind nicht nur neugierig auf die sichtbare Welt. Sie fragen nach Gott, nach der Wahrheit, nach Gut und Böse, nach Werten, Normen und Moral. Sie müssen ihrer Neugier eine Richtung geben; ihrem Wissen Sinn und Bedeutung. Menschen müssen ständig Neues aufnehmen und verarbeiten. [Ihr Gehirn entwickelt sich im Zusammenspiel mit der Umwelt, ohne Reize würde es verkümmern.] Sich zu entwickeln, ist eine Lust. Menschen sind von Natur aus neugierig auf die Welt, die sich ihnen zunächst durch die sinnliche Wahrnehmung erschließt. ZITATOR: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen. Denn abgesehen vom Nutzen werden diese um ihrer selbst willen geliebt, und von allen besonders die Sinneswahrnehmung, die durch die Augen zustande kommt.“ ERZÄHLERIN: … schreibt der Philosoph Aristoteles im antiken Griechenland. Augenlust spielt auch bei Kindern eine Rolle, aber die anderen Sinne auch. Schon Neugeborene betasten ihren Körper, besonders Gesicht und Mund, bald schon verfolgen sie Gegenstände mit den Augen. Babys und Kleinkinder ergreifen Objekte und nehmen sie in den Mund, sie beginnen die Dinge zu zerlegen und mit ihnen zu experimentieren, sie spielen und sind kreativ. Neugierig probieren sie Grenzen aus und stoßen auf Verbote, missachten sie, werden zurechtgewiesen, versuchen es bei nächster Gelegenheit wieder. Alles, was verboten ist, scheint die Neugier ganz besonders zu reizen. Das ist ein so zentrales Merkmal der menschlichen Natur, dass sich sogar der Schöpfungsmythos der Bibel damit befasst. Gott hat Adam und Eva bekanntlich verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen – aber ohne Erfolg. ZITATOR: „Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben; sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre, weil er klug machte; und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch, und er aß.“ [2 O-TON PROFESSOR SPEER: Sein wollen wie Gott, das heißt: die Versuchung, der wir ja auch heute unterliegen, alles wissen zu wollen und auch die Normen von Gut und Böse setzen zu wollen. Zu wissen, was gut und was böse ist. Dann die Frage, woher kommt das Böse in die Welt. Die Frage, woher das Böse in die Welt kommt, können Sie, denke ich, argumentativ, logisch-deduktiv nicht beantworten. Alle Kulturen haben solche Woher-kommt das Böse-Geschichten.] ERZÄHLERIN: Ein Mythos erklärt nicht, er erzählt. Die Schlange, das Prinzip der Verführung, ist einfach da, keiner weiß warum. Und Eva sollte ihre Neugier wohl zügeln, es gelingt ihr aber nicht. Der Mensch kann seiner Neugier nicht entgehen. Und deswegen sind die Pforten des Paradieses jetzt verschlossen. Stattdessen gibt es Menschengeschlecht und Menschengeschichte, Sexualität und Tod und all die Rätsel und Risiken der Existenz, die sich aus diesen Grunderfahrungen speisen. Es gibt die menschliche Kultur, die diese Rätsel zu entschlüsseln oder in Bildern und in Mythen zu verhandeln sucht. Und die selbst, wie Gott im Paradies, Verbote und Tabus errichtet. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Die Neigung zum Tabu wurzelt tief in der menschlichen Natur, sagen die Anthropologen. 3 O-TON PROFESSOR SPEER: Tabus liegen tiefer, als das was wir regeln, und sie sind elementar für den Zusammenhalt von Gesellschaften. Sie sind sozusagen das Set von Werten und normativen Regelungen, das nicht in Frage gestellt wird in einer Gesellschaft, das gewissermaßen eine Grenze definiert, die wir nicht überschreiten, ohne den Zusammenhang dieser Gemeinschaft und dieser Gesellschaft in Frage zu stellen. ERZÄHLERIN: Gesellschaften geben sich Spielregeln. Wer sich an sie hält, ist Teil der Gemeinschaft und lebt komfortabler. Trotzdem strebt die menschliche Neugier immer wieder darüber hinaus. Richtet sich auf das Dunkle, das Grausame, die Ausschweifung, den Überfluss. Die Neugier hält uns in Kontakt zu dem, was wir aus unserer gepflegten Normalität verdrängen. Im Märchen von Blaubart, entstanden im 17. Jahrhundert, gibt es eine verbotene Kammer, hinter der das geballte Grauen lauert. ZITATOR: „Die Versuchung war zu groß, sie konnte nicht widerstehen – und schon hielt sie das kleine Schlüsselchen in der Hand, und schon hatte sie, obwohl zitternd, die Türe geöffnet. Zuerst sah sie nichts, gar nichts, weil die Fenster geschlossen waren; nach einigen Minuten sah sie, dass der Boden mit geronnenem Blut bedeckt war, und dass sich darin mehrere an die Wand gehängte tote Frauen spiegelten. Es waren die Frauen, die Blaubart früher geheiratet und die er alle, eine nach der andern, abgeschlachtet hatte.“ ERZÄHLERIN: Blaubart ist ein gewaltiger Ritter und unermesslich reich. Er hat einen blauen Bart, und alle fürchten sich vor ihn. Seine Frau hat ihn geheiratet, weil sie neugierig ist auf ein Leben im Luxus, weil ihr ein Durchschnittsleben nicht genügt. Und vielleicht ist sie auch fasziniert von Blaubarts dunkler Erotik. Ihr Mann gibt ihr den Schlüssel zu einer geheimen Kammer und verbietet ihr bei Todesstrafe, sie zu öffnen. Sie tut es natürlich trotzdem und entdeckt sein Geheimnis: Blaubart lebt nicht, um zu lieben, sondern um zu töten. Er will jetzt auch seine letzte Frau umbringen, aber ihre Brüder eilen herbei, um Blaubart zu töten und die Schwester zu retten. Und dann wird das Leben besser als je zuvor. ZITATOR: „Blaubart hatte keine Anverwandten, und so fiel die ganze Erbschaft seiner Frau zu. Einen Teil ihres ungeheuren Vermögens [gab sie ihrer Schwester Anna und verheiratete sie mit einem trefflichen jungen Mann, der sie seit langem liebte. Einen anderen Teil] überließ sie ihren Brüdern, die als Soldaten das sehr wohl brauchen konnten, und den Rest brachte sie einem soliden Manne zu, an dessen Seite sie im Glücke die schweren Stunden ihrer kurzen Ehe mit Blaubart vergaß.“ ERZÄHLERIN: Neugier kann sich lohnen. Der Ausflug der Frau in das Reich des Bösen hat zur Folge, dass eine tödliche Gefahr beseitigt wird und neuer Reichtum auf die Gemeinschaft niederregnet. Neugier überschreitet, erfrischt, bereichert die Normalität, doch es ist immer ein Risiko dabei. In den Bereichen jenseits des Normalen ist es sehr gefährlich. Hätte die Frau ihre Brüder nicht gehabt, wäre sie gestorben. Echte Bindung zwischen Menschen bannt das Böse. Normalität bannt das Böse. Die Gesellschaft hat guten Grund, sie zu verteidigen. Und trotzdem muss sie Neues zulassen, wenn sie nicht erstarren will. Trotzdem darf sie die Neugier nicht ersticken, muss sie die Risiken eingehen, die mit ihr einhergehen. 4 O-TON PROFESSOR SPEER Bei allen Innovationsschüben, die Gesellschaften zu verkraften haben, die wurden auch als Infragestellungen von Bestehenden, von Geregeltem, von Konventionen angesehen. Das gilt übrigens für uns persönlich auch. Das ist eine ganz einfache Geschichte. Wenn ich irgendwo neu hinkomme: Manche Leute lieben das, und deswegen suchen sie ständig Neuigkeiten. Andere wiederum fürchten das Auflösen von Routinen. Das ist also ein Wechselspiel. ERZÄHLERIN: Riskant ist nicht nur die Neugier auf die dunklen Seiten der Existenz, riskant ist auch die Eroberung neuer Wissensgebiete. Auch der Wissensdurst hat etwas Ausschweifendes, und jede Gesellschaft hat Institutionen, die die Produktion und die Vermittlung des Wissens regeln und kanalisieren. Die Frage nach den Grenzen des Wissens stellt sich immer wieder. Neues Wissen stellt die Identität des Einzelnen ebenso in Frage wie die Identität der Gesellschaft. Doch die Dynamik der Neugier hält sich nicht an Grenzen. Sie ist ein Begehren, das tief im Menschen wurzelt, zum Kern des Lebensvollzugs gehört. Ohne Neues kann der Mensch nicht leben. 5 O-TON SPEER: Denkverbote haben nie sehr erfolgreich gewirkt, der Mensch bricht immer zu den Ufern auf, zu denen er aufbrechen möchte. Die Fragen, die einmal gestellt sind, lassen sich nicht wieder rückholen. Man muss im Nachhinein dann darüber nachdenken, wie man mit den Konsequenzen solcher Entdeckungen umgeht. ERZÄHLERIN: Oder vorher. Denkbar wäre auch, vorher zu fragen, ob der angestrebte Zuwachs an Wissen zu einem sinnvollen Ziel führt. Der Wissensdrang kann gute oder böse Ziele haben, und er kann auch Konsequenzen zeitigen, mit denen niemand gerechnet hat. Der Kirchenvater Thomas von Aquin schreibt im 13. Jahrhundert ... ZITATOR: „ … dass die Erkenntnis der Wahrheit an sich etwas Gutes ist. Dennoch wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass jemand die Erkenntnis der Wahrheit zum Bösen missbrauchen oder auch in ungeordneter Weise Wahrheitserkenntnis suchen kann. Es muss nämlich auch das Streben nach dem Guten der verbindlichen Ordnung unterworfen sein.“ ERZÄHLERIN: Wie die verbindliche Ordnung aussehen soll, das ist in einer säkularen Gesellschaft schwieriger zu verhandeln als als im Mittelalter. Thomas von Aquin lebt und lehrt unter dem Dach der Kirche, die die Leitlinien vorgibt – aber das heißt nicht, dass deswegen alles klar wäre. Auch das Mittelalter hat seit dem 12. Jahrhundert einen ungeheuren Zuwachs an Wissen zu bewältigen, und neu gegründete Universitäten machen den Klöstern als altehrwürdigen Produktionsstätten des Wissens Konkurrenz. Nicht umsonst entwickelt Thomas von Aquin eine Theologie, die Wissenschaft und Vernunft integriert. Die vielfältigen geistigen, religiösen und politischen Konflikte des ausgehenden Mittelalters spiegeln sich in Umberto Ecos Weltbestseller „Der Name der Rose“. Im Mittelpunkt steht eine italiensche Abtei, die sich heftig bemüht, den modernen Wissensdrang ihrer Zeit an sich abprallen zu lassen: ZITATOR: „Denn nicht alle Wahrheiten sind für alle Ohren bestimmt, nicht alle Lügen sind sofort als solche erkennbar für eine fromme Seele, und schließlich sollen die Mönche im Skriptorium eine genau definierte Arbeit tun, wozu sie bestimmte Bücher lesen müssen – die anderen gehen sie nichts an, und sie sollen nicht jedem Anflug von Neugier nachgeben, der sie plötzlich packen mag, sei es aus Schwäche des Geistes oder aus Hochmut oder aufgrund einer teuflischen Einflüsterung.“ ERZÄHLERIN: Die Abtei verfügt über eine Bibliothek mit unermesslichen Schätzen. Und der Zugang zu ihnen ist nur wenigen Eingeweihten gestattet. Das Verbot steigert die Begehrlichkeit der Mönche ins Unermessliche. Die Bibliothek scheint ihnen als „himmlisches Jerusalem und verborgenes Reich an der Grenze zwischen Terra incognita und heidnischer Unterwelt“; und sie riskieren ihr Leben, um dieses Reich zu betreten. ZITATOR: „Warum sollten sie nicht den Tod riskieren, um ein Verlangen ihres wissbegierigen Geistes zu stillen, warum nicht schließlich auch töten, um zu verhindern, dass jemand sich eines ihrer kostbaren Geheimnisse bemächtigte?“ ERZÄHLERIN: Tödliche Konsequenzen hat vor allem das Lesen eines bestimmten Buches. Es stammt von Aristoteles, und da steht etwas drin über das Lachen Gottes. Ein lachender Gott? Unvorstellbar für einen Christenmenschen. Worüber lacht Gott, dieser Gott der Heiden? Wer es wissen will, büßt seine Neugier mit dem Leben. Denn der Wächter der Bibliothek hat die Seiten des Buches vergiftet. Aristoteles, der antike Philosoph mit seiner ausgeprägten Neugier auf die Erfahrungswelt, auf Kunst und Wissenschaft, soll unter Verschluss bleiben und sein lachender Gott erst recht. Dabei wird Aristoteles seit dem hohen Mittelalter intensiv übersetzt und gelesen, und seine Philosophie prägt auch die neuen Universitäten. Nur, die Abtei hängt an der alten Welt. An einer Welt, die den Glauben höher schätzt als weltliches Wissen. 6 O-TON SPEER: Der Aristoteles war die Begegnung der damaligen Kultur mit einer paganen antiken Philosophie. Der Platonismus war ja über jahrhundertelang christianisiert worden. Und das war eine gigantische Herausforderung. Und da gab es auch Spannungen, da gab es auch Diskussionen, so wie es immer Diskussionen gibt, wenn etwas Neues kommt. ERZÄHLERIN: William von Baskerville, der ins Kloster kommt, um die Morde aufzuklären, ist ein Kind der neuen Zeit: wissbegierig und aufgeschlossen für die Wissenschaft, ein Aristoteliker par excellence. Umberto Eco zeichnet ein realistisches, vielfältiges Mittelalterbild, findet Professor Speer. Das Bild einer bewegten Epoche. 7 O-TON PROF. ANDREAS SPEER: Es ist eine ungeheuer dynamische Zeit, in der eben all das passiert, was wir als die Wurzeln der Moderne begreifen. Die Gründung der Universitäten, die Entdeckung der Wissenschaft. Das ist alles das sogenannte Mittelalter. [Das Mittelalter ist interkulturell. Eine Zeit, in der Kulturen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und nicht hegemonial aus der Perspektive der westlich-lateinischen Welt erzählt wird, wie Wissenschaft oder Wissen geht. Das muss man erst mal deutlich sagen.] Insofern ist das eine der übelsten Narrationen, die bis in unsere Alltagssprache hinein greift, wo man alles, was man für rückständig oder gewalttätig bezeichnet, als mittelalterlich bezeichnet. ERZÄHLERIN: Doch zu Beginn der Neuzeit verliert die Kirche immer mehr die Fähigkeit, Meinungsvielfalt zu integrieren. Reformation und Glaubenskriege zerstören die ursprüngliche Einheit. Die Erfindung des Buchdrucks macht das Wissen zugänglicher, immer mehr Menschen reden mit und reden kontrovers. Die Kirche verteidigt ihre Machtposition mit den Mitteln der Inquisition – vergeblich. 8 O-TON PROFESSOR SPEER: Die Summe des Wissens wird quantitativ immer größer. Allein schon die Quantität des Wissens, die Ausdifferenzierung des Wissens führt dazu, dass nicht mehr alles von einer Institution verwaltet und gedeutet werden kann. Und dass sich die Gesellschaften ausdifferenzieren. ERZÄHLERIN: Die Bereitschaft, Grenzen des Wissens zu akzeptieren, sinkt. [Goethe lässt seinen Magister Faust, eine Figur des 16. Jahrhunderts, einen Bund mit dem Teufel eingehen, um endlich alles, alles wissen zu können. ZITATOR MEPHISTOLES: Er ist sich seiner Torheit halb bewusst; Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne und von der Erde jede höchste Lust, Und alle Näh und alle Ferne Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“ ERZÄHLERIN: Faust wird am Ende erlöst, aber bis es so weit ist, geht er durch Abgründe. Die Gier nach Wissen kann teuflische Folgen haben.] Der Philosoph und Essayist Michel de Montaigne erhebt im 16. Jahrhundert, am Ende der Renaissance, seine warnende Stimme: ZITATORL „Gleichwie bei allem Essen öfters weiter nichts, als die Lust ist, und gleichwie nicht alles wohlschmeckende auch nahrhaft und gesund ist: eben so ist das, was unser Gemüth aus der Wissenschaft zieht, zwar allezeit sehr angenehm, aber nicht allezeit zur Nahrung bequem und heilsam.“ ERZÄHLERIN: Der Siegeszug der empirischen Wissenschaft im 17. Jahrhundert ist aber nicht aufzuhalten. Sie setzt auf neue Methoden: Beobachtung und Experiment. [Menschen fragen nach sich selbst nicht mehr hauptsächlich im Verhältnis zu Gott, sondern im Verhältnis zur Natur. Das Prinzip Zweifel ist stärker als der Glaube. Tiere werden massenhaft auf der Sezierbank fixiert und aufgeschnitten, damit man sieht, wie das Leben funktioniert.] Im 18. und 19. Jahrhundert dynamisiert sich im Zuge der Industrialisierung der Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik. Man setzt auf das Machbare und hofft darauf, dass es der Menschheit schon zum Wohl gereichen wird. Die Dichter warnen, [und sie erzählen Geschichten, die eine bemerkenswerte Lebendigkeit entwickeln – weil ihre Botschaft nicht veraltet. Mary Shelleys Frankenstein will den Tod überwinden und erweckt in seinen wissenschaftlichen Experimenten ein Monster zum Leben.] In Dr. Jekyll und Mr. Hyde, einer Novelle von Robert Louis Stevenson, erfindet Dr. Jekyll im Labor ein Pulver, das es ihm ermöglicht, sich in zwei Teile zu spalten: in einen guten und in einen bösen. Das abgespaltene Böse bekommt schnell die Oberhand. Sein schlechtes Gewissen treibt Dr. Jekyll in den Selbstmord .. ZITATOR: „… weil ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass das Schicksal und die Bürde des Lebens für immer auf den Schultern des Menschen lasten; wenn der Versuch gemacht wird, sie abzuschütteln, dann kehren sie nur mit neuem fürchterlichen Druck zu ihm zurück.“ ERZÄHLERIN: Menschen haben in der Geschichte immer nur eine begrenzte Fähigkeit an den Tag gelegt, mit den Ergebnissen ihres Wissensdrangs umzugehen. Die Frage nach den Grenzen des Wissens ist also nicht überflüssig geworden. Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zeugen davon, dass der säkulare Wissensdrang auch in den Abgrund führen kann. Die moderne Wissenschaft mit ihrer Hochschätzung von Objektivität und Unpersönlichkeit hat Massenvernichtungssysteme nicht nur nicht verhindert, sondern sogar ermöglicht. Der Atomphysiker Robert Oppenheimer, der die ersten Nuklearwaffen entwickelte, tat dies im Kampf gegen die Hitler-Barbarei, also in guter Absicht. Dennoch sagt er, erschüttert vom Massensterben in Hiroshima und Nagasaki, in einer Rede nach dem Krieg: ZITATOR: „In einem elementaren Sinn … haben die Physiker die Sünde kennengelernt, und dies ist eine Erkenntnis, die sie nicht verlieren können.“ ERZÄHLERIN: Heute sind es vor allem die Risiken der Genforschung, die die Gesellschaft beschäftigen. Sollte man von diesem Baum der Erkenntnis wirklich essen? Wissen wir genug über die langfristigen Auswirkungen manipulierter Gene und ihre Wechselwirkungen mit Umwelt, Verhalten und Evolution? Noch besteht eine gewisse Scheu vor so tiefgreifenden Eingriffen in die menschliche Natur, und der Gesetzgeber setzt Grenzen. 9 O-TON PROF. SPEER: Diese Grenzen sind in jeder Gesellschaft anders, wie wir wissen. Deutschland hat eine der schärfsten Grenzen. Andere Länder haben dort weitere Grenzen. Das sind Fragen, die von den übergeordneten gesellschaftlichen Instanzen geregelt werden. ERZÄHLERIN: Ist die Wissenschaft selbstkritischer geworden? Oder drückt die Abhängigkeit von Fördermitteln aus der Wirtschaft inzwischen viel zu viel Forschergeist in Richtung Verwertbarkeit und Profit? Lassen die Bildungssysteme genügend Spielraum für neugieriges Fragen und Suchen, das sich nicht nur auf einen sicheren Arbeitsplatz richtet? Was das betrifft, sieht Professor Speer die Talsohle bereits durchschritten. 10 O-TON SPEER: Wenn ich mir die letzten Jahre anschaue, neige ich eher zum Optimismus. Wir hatten ja um die Jahrtausendwende eine sehr starke Tendenz, sozusagen der Operationalisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Inklusive der Bildung. Aber davon schwimmen wir uns langsam wieder etwas frei. Das heißt, an den Universitäten gab es und gibt es einen schleichenden Widerstand dagegen, sich nur durch diese Brille betrachten zu lassen. [Die Studiengebühren, ganz klar ausgedacht weniger zur Finanzierung als zur Implementierung eines Modells von Servicenehmern und Servicegebern, die sind abgeschafft, die sind auch aus ideologischen Gründen abgeschafft, das finde ich ganz wunderbar.] Und es gibt, denke ich, genügend Freiräume an den Universitäten und im kulturellen Leben, wo sich Menschen nicht auf ein Kosten-Nutzen-Denken festlegen lassen. ERZÄHLERIN: Es reicht nicht zu funktionieren. Menschen brauchen Zeit, um Wissen zu ordnen, zu interpretieren, Wertvorstellungen zu entwickeln, sich geistiger Traditionen zu vergewissern und eigene Zukunftshoffnungen in Mitsprache und politisches Handeln umzusetzen. Kurz: um ihrer Neugier eine menschliche Richtung zu geben.
- Fridtjof Nansen - Polarforscher, Zoologe, Diplomat
18.03.2024 · 24 Min.
Fridtjof Nansen - ein Name, der unauslöschlich mit der Geschichte und den Heldentaten der Polarforschung verbunden ist. Dabei wird das dem rastlosen Leben des Norwegers nicht einmal ansatzweise gerecht. Autor: Sebastian Kirschner Credits Autor dieser Folge: Sebastian Kirschner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Rahel Comtesse, Réne Dumont, Carsten Fabian, Christian Schuler Technik: Christian Schimmöller Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Carl Emil Vogt (Norwegischer Historiker); Geir Klover (Direktor des Fram Museums, Oslo) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Fridtjof Nansen, Auf Schneeschuhen durch Grönland 1888-1889 (© Edition Erdmann 2016). Fridtjof Nansen, In Nacht und Eis. Die norwegische Polarexpedition 1893-1896 (© Edition Erdmann 2018) Marit Fosse & John Fox, Nansen. Explorer and Humanitarian (© Hamilton Books 2015). Liv Nansen-Hoyer, Mein Vater Fridtjof Nansen. Forscher und Menschenfreund (© Verlag F.A. Brockhaus 1957). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER/IN Als Fridtjof Nansen 1887 seine Pläne vorstellt, halten seine Kollegen ihn für verrückt. Die Idee des Norwegers klingt aberwitzig: Im Sommer des nächsten Jahres will er das eisige Grönland durchqueren. Niemand hat bisher diesen Weg geschafft. Keiner weiß, was die Insel im Inneren birgt – einer der letzten weißen Flecken der Landkarte. Ein solches Risiko, nur um zu beweisen, dass Grönland mit Eis bedeckt ist? ZITATOR 2 Sollte Nansens Plan in der gegenwärtigen Form in die Tat umgesetzt werden, […] stehen die Chancen zehn zu eins, dass er […] sein Leben und möglicherweise das anderer völlig sinnlos wegwirft. SPRECHER/IN urteilt damals die dänische Zeitschrift „Ny Jord“ über die Idee des Wissenschaftlers. Und das nicht ohne Grund, sagt Geir Klover [sprich Gaïr Klöwer]. Er ist Direktor des Nansen-Museums schlechthin: dem Fram Museum in Oslo, benannt nach dem späteren Forschungsschiff Nansens. 01_ZUSPIEL Geir Klover There's quite a few that have attempted to cross Greenland before Nansen. And all of them had tried from the inhabitant West Coasts. And probably Greenland was steeper and colder and more difficult than they thought. So there it was quite easy for them to turn back. So Nansen thought his idea to cross Greenland was to go to the east coast to Greenland where there was no population and his ship left. And the only way to survive is to cross over to the west side. 01_ Voice-Over Etliche hatten vor Nansen versucht, Grönland zu durchqueren. Sie alle waren von der bewohnten Westküste aus gestartet. Wahrscheinlich aber war Grönland steiler, kälter und unwirtlicher als erwartet. Mit den Siedlungen im Rücken konnten sie aber recht einfach umkehren. Nansens hatte die Idee, von der Ostküste Grönlands aus zu starten, wo es keine Bevölkerung gibt. Und der einzige Weg zu überleben ist der durchs Landesinnere zur Westseite. SPRECHER/IN Fridtjof Nansen ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Der junge Mann fällt auf, wenn er durch die Straßen geht. Er trägt sogenannte Dr. Jäger-Gesundheitswäsche: eine Art frühe Funktionskleidung, schlicht, leicht, bestehend aus festen Wollhosen mit einer kurzen Jacke, zugeknöpft auf der rechten Körperhälfte. Und: Anders als die meisten Männer der Zeit ist er nahezu glatt rasiert und ohne Kopfbedeckung unterwegs. ((ZITATORIN (Liv Nansen-Hoyer) Sein Unabhängigkeitsdrang suchte sich mancherlei Ausdruck. Er wollte nicht „modisch gekleidet“ herumlaufen. In langen, allzu weiten Jacken zu gehen, mit hohen Kragen und Riesenkrawatten, von den langen Mänteln ganz zu schweigen, die einem um die Beine schlenkerten und eine gute Figur völlig verdeckten, das alles schien ihm zu viel verlangt. SPRECHER/IN schreibt Nansens Tochter Liv später in Erinnerungen an ihren Vater. Nach einem Zoologiestudium an der Universität von Kristiania, dem späteren Oslo, arbeitet Nansen in Bergen als Kurator am Naturhistorischen Museum. Es ist der erste bezahlte Job nach einem Studium, das er vor allem aus einem Grund gewählt hat: um ein Leben in der freien Natur führen zu können. Nansen ist ein eigensinniger Herumtreiber.)) Noch als Student der Zoologie heuert er für ein fünfmonatiges Praktikum auf einem Robbenfänger an, um seine Abenteuerlust gegenüber den Eltern zu legitimieren – und findet so seine Bestimmung: ZITATOR 1 Das Eismeer ist etwas für sich, nichts anderem vergleichbar und vor allem nicht dem, was man sich gern darunter vorstellt. Flaches, treibendes Eis in wogenden Schollen, bald grünlichblaue See, dann Nebel und Sonnenschein, Sturm und Stille. Das ist es, was ich fand. SPRECHER/IN schreibt Nansen damals in sein Tagebuch. Als ihn der Drang zur Polarforschung packt, ist Nansen gerade dabei, sich erste wissenschaftliche Lorbeeren zu verdienen. Mit einer Doktorarbeit über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere wird er sich einen Namen machen – als Pionier in der noch jungen Disziplin der Neurologie. Es ist die Zeit der Theorien Einsteins, der Erfindung des Automobils – und die Zeit, in der die letzten unbekannten Flecken der Welt erschlossen werden... Nansens Abschlussprüfung für seine Dissertation liegt erst vier Tage zurück, als er am 2. Mai 1888 nach Grönland aufbricht. Und er konnte nur vermuten, was ihn und seine Mannschaft in den kommenden Monaten erwartet, sagt Geir Klover: 02_ZUSPIEL Geir Klover They were not prepared for an extreme physical exhaustion of it. So they didn't have dogs for instance to help them pull the sledges and so on. So quite early in the expedition they starved, were hungry all the time. There was no previous experience really in Norway for doing that type of expedition. So you had to use common sense. They barely made it you know almost starving. 02_ Voice-Over Sie waren nicht vorbereitet auf eine derart extreme Anstrengung. Sie hatten zum Beispiel keine Hunde, die ihnen die Schlitten zogen. Deshalb litten sie schon bald Hunger. In Norwegen gab es bis dahin keine wirklichen Erfahrungen mit derartigen Expeditionen. Man war auf gesunden Menschenverstand angewiesen. Beinahe verhungert haben sie es gerade so geschafft. SPRECHER/IN Dabei hat Nansen sich intensiv vorbereitet. In Expeditionsberichten hatte Nansen von den Strapazen seiner Vorgänger gelesen, Bilder gesehen, auf denen sich feine Herren mit Melonen auf dem Kopf und Gamaschen an den Füßen durch den Tiefschnee mühen. Der junge Forscher will planvoller vorgehen. Seine Mannschaft ist klein, aber wohl ausgesucht: ein Spezialistenteam von nur fünf Mann. Ein jeder zäh, ausdauernd und verlässlich. Nansen verwendet für seine Expedition eigens entworfenes Material, hat etwa spezielle Schlitten bauen lassen. Überhaupt ist für Nansen der Erfolg seines Vorhabens eine Frage der passenden technischen Ausrüstung: ZITATOR 1 Die Ausführung der ganzen Expedition war auf die Überlegenheit der Schneeschuhe über jedes andere auf Schneeflächen in Anwendung kommende Beförderungsmittel begründet. SPRECHER/IN Fast scheint es, als hätten schon seine Kindheit und Jugend Nansen auf diese Reise vorbereitet. Ihn prägt die ländliche Idylle seines Elternhauses nahe Kristiania. Der Sohn einer bürgerlichen Oberschichtfamilie liebt es zu fischen, zu jagen und tagelang durch die ausgedehnten Wälder zu streifen. Seine Mutter, eine geborene Baronesse Wedel-Jarlsberg, begeisterte den Jungen früh für Sport und die Natur, sagt der norwegische Historiker und Nansen-Biograf Carl Emil Vogt: 03_ZUSPIEL C.E. Vogt She loved nature, skiing etc. So I think that he had his very strong and independent character from his mother actually and his mother's family because his father was more of a pedantic correct Protestant, civil servant and lawyer. So I think the combination of the very protestantic ethos of the duty to do what you have to do etc. and the extremely independent and artistic and nature loving sentiments from his mother, I think that combination of them is very important actually. 03_ Voice-Over Sie liebte die Natur, das Skifahren usw. Ich denke, dass er seinen starken und unabhängigen Charakter von seiner Mutter und ihrer Familie hatte. Sein Vater war mehr ein pedantischer, korrekter Protestant, Beamter und Anwalt. Also einerseits das sehr protestantische Pflichtbewusstsein, das zu tun, was zu tun ist, und andererseits die äußerst unabhängigen, künstlerischen und naturverbundenen Gefühle seiner Mutter: Ich glaube, dass diese Kombination sehr wichtig war. SPRECHER/IN Eigenschaften, auf die es in der Eiswüste Grönlands ankommt. Nansen will sein Ziel unbedingt erreichen, sein Motto lautet: die Westküste oder der Tod. Nach einer abenteuerlichen Odyssee auf Eisschollen entlang der Küste beginnt der Aufstieg über das bis zu 3200 Meter hohe Inlandeis. Auf dem Plateau reist die Expedition nachts. Dann ist es kälter, die Skier und Schlitten gleiten besser. Geschlafen wird tagsüber – jeweils zu dritt in einem Schlafsack. Das spart Gepäck. Am 8. September 1888 notiert Nansen in sein Tagebuch: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Der Weg ist unglaublich beschwerlich, schlimmer denn je, obwohl er hart ist; dieser Schnee ist widerspenstig wie Sand. Wir arbeiten gegen den Wind und Schneetreiben an. – Und weiter am 9. September: Es wurde im Laufe des Tages schlimmer mit dem Schneefall, und der Weg wurde schlechter und schlechter SPRECHER/IN Hunger und entsetzlicher Durst plagen die Männer. Erst am 26. September erreichen sie die Westküste. 49 Tage Wanderung, 560 Kilometer und harte Entbehrungen liegen hinter ihnen. Zum ersten Mal ist der grönländische Eispanzer in Ost-West-Richtung bezwungen. Doch zurück nach Europa kommen sie vorerst nicht: Wegen des nahenden Winters fährt von Godthåb kein Schiff mehr ab. Einen Eilboten der Inuit kann Nansen noch beauftragen, mit dem Kajak 300 Kilometer nach Süden zu fahren, um dem letzten Transportschiff in Ivigtût [sprich Ivittuut] ihre Erfolgsnachricht mitzugeben. Bis zum nächsten Frühjahr müssen sie bei den Inuit überwintern – aus Sicht von Geir Klover der eigentliche Erfolg der Expedition: 04_ZUSPIEL Geir Klover So they had to spend the whole winter living with the Inuit in Greenland. And that kind of I think changed his mentality and also became more prepared for a future in exploring Polar Regions. It was the starkest initiation as a polar explorer. 04_ Voice-Over Sie mussten also den ganzen Winter mit den Inuit in Grönland leben. Ich glaube, das hat in gewisser Weise seine Mentalität verändert, es hat ihn auf eine Zukunft in der Polarforschung vorbereitet. Das hat ihn auf seinem Weg zum Polarforscher wohl am stärksten geprägt. SPRECHER/IN Die Nachricht von der Grönland-Querung läuft in der Zwischenzeit in großen Schlagzeilen um die Welt. Bei Nansens Rückkehr am 30. Mai 1889 empfängt ihn in Kristiania die jubelnde Menge. Tausende wollen Norwegens neuen Helden sehen. Dabei ist Fridtjof Nansen nicht nur der Held und soziale Mensch, als den ihn die meisten seiner Zeitgenossen und seine Nachwelt später gern stilisieren. In seinem Buch „Auf Schneeschuhen durch Grönland“, 2016 in der Edition Erdmann wieder aufgelegt, notiert er, was einer seiner Begleiter ihm vorwirft: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Hungern müssten sie und würden obendrein wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandiert, sie müssten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, schlimmer als Tiere - nein, das wäre nicht zum Aushalten. SPRECHER/IN Seine Mannschaft betrachtet ihn als selbstsüchtig, arrogant und launisch. Für Geir Klover nicht ohne Grund: 05_ZUSPIEL Geir Klover The welfare on the motivation of men was not really Nansens priority. Its priority was more of the science and survival. Nansen didn’t care very much with his men. Every time he was always right. Whatever debate, whatever dialogue – he was always right. And basically I think he felt superior to them. So he did not accept anyone else's input than his himself. 05_ Voice-Over Wie es mit der Motivation aussah, hatte für Nansens eigentlich keine Priorität. Vorrang hatten für ihn die Wissenschaft und das Überleben. Nansen interessierte sich kaum für seine Männer. Er hatte immer Recht. Egal welche Debatte, welches Gespräch – er hatte Recht. Grundsätzlich fühlte Nansen sich ihnen überlegen. Er akzeptierte keine andere Meinung als die eigene. SPRECHER/IN Eine Portion Eitelkeit gehörte zu Nansens Persönlichkeit, notiert auch seine Tochter Liv in ihren Erinnerungen. Angesichts der späteren Erfolge und des Jubels, der Nansen zurück in Norwegen überall entgegenschallte, muss es für ihn auch schwer gewesen sein, nicht an den eigenen Mythos zu glauben. Denn aus Sicht von Geir Klover war Nansen geradeheraus, ein Typ, der sich nur schwer verstellen konnte: 06_ZUSPIEL Geir Klover Those people have difficulty relating to the feet, to spend a year and a half away, surviving a winter, eating polar bears and shooting Walrus. And then coming back to safety, it was quite unheard of at that time. He was very elegant. He was good looking. Very good speaker. So he was kind of a poster boy in all different levels, both among the public and then among royalty and scientists and everything. 06_ Voice-Over Solche Menschen tun sich schwer, auf dem Boden zu bleiben: anderthalb Jahre weg zu sein, einen Winter zu überleben, indem man Eisbären isst und Walrosse jagt. Und wieder sicher zurückzukehren – das war etwas nicht Dagewesenes. Nansen war elegant, sah gut aus, konnte gut reden. Das machte ihn zu einer Art Aushängeschild in der Öffentlichkeit, aber auch am Hof, unter Wissenschaftlern und überhaupt. SPRECHER/IN Hochgewachsen, blond, gutaussehend, ein exzellenter Skifahrer und Redner. Mit seinen blauen Augen scheint Nansen immerzu in die unbekannte Ferne zu blicken – und dort zieht es ihn schon bald wieder hin. Knapp drei Monate nach seiner Rückkehr von Grönland heiratet der 27-Jährige die vier Jahre ältere Sängerin Eva Sars. Er nennt sie liebevoll »die beste weibliche Skifahrerin Norwegens«. Ausgerechnet Nansen, der sich lange als entschiedener Gegner der Ehe gezeigt hatte. Er liebt seine Frau, er baut ein Haus, hat fünf Kinder mit ihr – aber eigentlich ist er unfähig zu einem Zusammenleben. Der Polarforscher erweist sich als tyrannischer, launischer Ehemann und Vater – der erstmal nicht für die Familie, sondern seine Arbeit lebt. AKZENT SPRECHER/IN In Nansen reift bereits der Plan zu einer nächsten Expedition. Der Forscher ist sicher, den bis dahin unentdeckten Nordpol erreichen zu können – mithilfe der Eisdecke, die seiner Ansicht nach mit der Strömung nach Norden driftet. Dazu lässt Nansen eigens ein Schiff konstruieren, das dem Druck der Eismassen standhalten soll: die „Fram“. Mit ihr lässt Nansen sich und seine Mannschaft im Herbst 1893 im arktischen Packeis einfrieren. ATMO leichtes Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Montag, 9. Oktober. Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein betäubendes Getöse und das ganze Schiff erzitterte: Es war die erste Eispressung. Alle Mann stürzten an Deck, um zuzusehen. Die »Fram« verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte. Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, musste jedoch unter uns durchgehen und wir wurden langsam in die Höhe gehoben. Diese Pressungen wiederholten sich den ganzen Nachmittag und waren manchmal so stark, dass die »Fram« mehrere Fuß gehoben wurde; aber dann konnte das Eis sie nicht länger tragen und brach unter ihr entzwei. Es scheint hier ziemlich viel Bewegung im Eise zu sein. SPRECHER/IN schreibt Nansen darüber in seinem Buch „In Nacht und Eis“. Das Schiff driftet und wird von den Eismassen nicht zerquetscht. Trotzdem verläuft die Mission anders als geplant. Nach zwei Wintern im Eis zeichnet sich ab, die Fram würde den Pol verpassen. Nansen fasst einen waghalsigen Entschluss: ATMO leichtes Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Noch immer muss ich warten und die Drift beobachten; aber wenn sie die verkehrte Richtung einschlagen sollte, dann werde ich alle Brücken hinter mir abbrechen und alles auf einem Marsch nach Norden über das Eis wagen. Ich weiß nichts Besseres zu tun. Es wird gefährlich sein, eine Frage um Leben oder Tod; aber habe ich eine andere Wahl? SPRECHER/IN Mit Hjalmar Johansen, einem seiner Begleiter, verlässt Nansen im März 1895 die Fram. Auf Skiern und Hundeschlitten machen sie sich auf den Weg, den Pol zu erreichen. Zum Schiff werden die beiden nie zurückfinden. Doch auch sein Ziel, den Nordpol, muss Nansen knapp über dem 86. Breitengrad aufgeben. Zu beschwerlich ist der Weg: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Wir wissen weder, wo wir sind, noch wissen wir, wie das enden soll. Inzwischen schwinden unsere Vorräte und mit ihnen unsere Hunde. Werden wir Land erreichen, solange wir noch zu essen haben – ja, werden wir es überhaupt erreichen? Bald wird es unmöglich, gegen dieses Eis und den Schnee noch weiter anzukämpfen. SPRECHER/IN Dennoch schafft der Norweger wieder das damals nahezu Unmögliche: Nansen und seine gesamte 12-köpfige Mannschaft kehren nach drei Jahren unversehrt zurück. ((Zu Hause angekommen vermeldet Nansen: ZITATOR 1 Staatsminister Hagerup. Ich habe das Vergnügen, Ihnen und der norwegischen Regierung mitzuteilen, dass die Expedition ihren Plan ausgeführt, das unbekannte Polarmeer im Norden der Neusibirischen Inseln durchquert und das Gebiet nördlich von Franz-Joseph-Land bis 86°14’ n.Br. erforscht hat. Nördlich von 82° wurde kein Land gesehen. )) SPRECHER/IN Nansen und Johansen hatten sich zu Fuß und in Kajaks bis in den Süden von Franz-Joseph-Land durchgeschlagen. Mit einem Versorgungsschiff gelangten sie schließlich zurück Richtung Norwegen. Die Fram hatte derweil die Eisdrift fortgesetzt und nordwestlich von Spitzbergen wieder offenes Wasser erreicht. Im August 1896 kommt es im norwegischen Tromsø zum großen Wiedersehen. Auch wenn Nansen den Nordpol nicht erreicht, so beweist er seine Theorie zur Meeresströmung und kommt dem Pol so nahe wie niemand zuvor. Nansen ist zu diesem Zeitpunkt erst 35. Seine Erfolge machen ihn zu einem der angesehensten Männer des Landes. Gleichzeitig drängen sie den Forscher immer mehr in politische Ämter – auch weil er offensiv für die Unabhängigkeit Norwegens eintritt, sagt Carl Vogt: 08_ZUSPIEL C.E. Vogt Norway was in a union with Sweden. It was a loose and liberal union. We had only the king, the foreign policy in common but it became more and more clear during the century that Norway wanted its full independence. So these nationalist sentiments were stronger and stronger and Nansen became one of the most important national heroes in Norway. So I guess that was why Norwegian governments started to use him as some kind of an informal foreign minister so to speak. 08_ Voice-Over Norwegen existierte in einer Union mit Schweden. Zwar einer lockeren, liberalen Union – wir hatten nur den König, die Außenpolitik gemeinsam. Aber im Laufe des Jahrhunderts wurde immer deutlicher, dass Norwegen seine volle Unabhängigkeit wünschte. Diese nationalistische Empfindung wurde immer stärker, gleichzeitig wurde Nansen einer der wichtigsten Helden des Landes. Wohl deshalb hat die norwegische Regierung ihn sozusagen als informellen Außenminister eingesetzt. SPRECHER/IN Als solcher handelt Nansen ab 1906 in London die Souveränität seines Landes mit aus. Doch die große Wende in seinem Leben stand Fridtjof Nansen noch bevor: Im Jahr 1907 stirbt seine Frau Eva infolge einer schweren Lungenentzündung. Sechs Jahre später stirbt nach langer Krankheit auch sein jüngster Sohn Asmund. Für Carl Vogt ein Auslöser für Nansens nun folgenden radikalen Karrierewechsel: 09_ZUSPIEL C.E. Vogt He had lost a son in 1913 so this was some kind of a personal crisis for him. Then came the war and he really had become too old to do this Arctic or polar explorations anymore. 09_ Voice-Over Er hatte 1913 einen Sohn verloren. Das war für Nansen eine Art persönliche Krise. Dann kam der Krieg und er war einfach zu alt geworden für Polarexpeditionen. SPRECHER/IN Die Schrecken des Ersten Weltkriegs und eine drohende Hungersnot in Schweden veranlassen Nansen, sich für einen Platz Norwegens im neu geschaffenen Völkerbund einzusetzen. Dieser beauftragt Nansen im Frühjahr 1920, sich um den Austausch hunderttausender Kriegsgefangener zu kümmern. Auch wenn die Ausgangslage dafür denkbar schlecht war: Aus Sicht von Carl Vogt war Nansen der richtige Mann dafür: 10_ZUSPIEL C.E. Vogt One has to take into consideration the catastrophe the Great War was for all Europe. It has made a great impact on everybody not at least Nansen. He had another second chance so to speak as a diplomat already during the war. In negotiations in the United States for food provisions to Norway. So when he became high commissioner it was in a situation of total political chaos after the war. 10_ Voice-Over Man muss bedenken, was für eine Katastrophe der Krieg für ganz Europa war. Das hat jeden stark geprägt, nicht zuletzt Nansen. Schon während des Krieges hatte er sozusagen eine zweite Chance als Diplomat: In den USA verhandelte er die Nahrungsmittelversorgung für Norwegen. Und letztlich herrschte, als er Hochkommissar wurde, totales politisches Chaos nach dem Krieg. SPRECHER/IN In einer Rede vor dem Völkerbund sagt Nansen dazu: ZITATOR 1 Niemals zuvor in meinem Leben bin ich auf so gewaltiges Leid gestoßen, wie dem, zu dessen Linderung ich aufgefordert wurde. SPRECHER/IN Bis 1922 können etwa eine halbe Million Kriegsgefangene aus rund 30 Nationen dank Nansen nach Hause zurückkehren. Auch aufgrund eines speziellen, von Nansen erdachten Dokuments, dem später so genannten „Nansen-Pass“. Denn was vielen Flüchtlingen fehlt, ist eine Staatszugehörigkeit . Und das bringt massive Probleme mit sich: 11_ZUSPIEL C.E. Vogt You do not have citizens’ rights. That's the most basic. But you also have a lot of problems in your daily life. Without paper it is very hard to get a place to live. It is impossible to marry, to baptize your children for instance. And often impossible to have a work and pay taxes. You have a lot of bureaucratic problems in your life. So this is the reason why it became necessary to help these people have a legal status. 11_ Voice-Over Sie haben keinerlei Bürgerrechte. Das ist das Grundlegendste. Aber sie haben auch viele Probleme im Alltag. Ohne Papiere ist es sehr schwer, eine Wohnung zu finden. Sie können nicht heiraten oder ihre Kinder taufen. Und oft ist es unmöglich, normal zu arbeiten und Steuern zu zahlen. Sie haben viele bürokratische Probleme. Deshalb war es notwendig, diesen Menschen zu einem legalen Status zu verhelfen. SPRECHER/IN sagt Historiker Carl Vogt. Fridtjof Nansen hat seine erste Aufgabe für den Völkerbund kaum angetreten, als man ihn bittet, zusätzlich eine Hilfsaktion für Russland zu leiten. Krieg, Revolution, Bürgerkrieg und zuletzt anhaltende Trockenheit haben das Land ausgedörrt. Knapp 30 Millionen Menschen droht der Hungertod. Doch politisch traut der Sowjetregierung niemand, wieder steht Nansen, als Hoher Kommissar für Flüchtlingsfragen, am Rednerpult des Völkerbunds: ZITATOR 1 Die Nahrungsmittel liegen in Amerika, aber niemand findet sich, sie zu holen. Kann denn Europa ruhig dasitzen und nichts dafür tun, diese Nahrungsmittel herüberzubringen und die Völker auf der anderen Seite zu retten? SPRECHER/IN Aber der Völkerbund verweigert seine Hilfe, politische Interessen überwiegen. Für Nansen eine schwere Niederlage. Trotzdem kann er private Spender und einen Kredit Norwegens organisieren, um den Hungernden zu helfen. Nicht zuletzt für diesen Einsatz erhält Nansen 1922 den Friedensnobelpreis. AKZENT SPRECHER/IN Seinem Einsatz für Flüchtlinge bleibt Nansen weiter treu: Nach Ende des griechisch-türkischen Kriegs 1922 setzt er sich für griechische Flüchtlinge ein. Ab 1925 bemüht er sich darum, die in der Türkei verfolgten Armenier in der Sowjetunion anzusiedeln. Zu den ihm nachfolgenden Polarforschern – Robert Falcon Scott, Roald Amundsen, Ernest Shackleton – hat Nansen bis zuletzt ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits ist er ihr Mentor, sie alle suchen seinen Rat. Andererseits bleibt Nansen immer ihr Rivale. Er hatte selbst Überlegungen für eine Südpolexpedition angestellt. Und doch überlässt Nansen seinem Landsmann Amundsen für eine Polarexpedition „seine“ Fram. Als Amundsen bei einer Rettungsmission 1928 in der Arktis umkommt, ist Nansen tief betroffen. Die folgenden Zeilen einer Rede in Erinnerung an Amundsen sind Teil der wohl einzigen Originaltonaufnahme, die sich von Fridtjof Nansen erhalten hat. Sie könnten auch auf Nansen passen: 12_ZUSPIEL Nansen Aus der großen, weiten Stille wird aber sein Name im Glanz des Nordlichts durch die Jahrhunderte für die Jugend Norwegens leuchten. Es sind Männer mit Mut, mit Willen, mit Kraft wie seiner, die uns mit Glauben an das Geschlecht und mit Zuversicht in die Zukunft erfüllen. Die Welt ist noch jung, die solche Söhne erzieht. SPRECHER/IN In seinen Gedanken an Roald Amundsen verneigt sich Nansen vor dessen Leistungen. Für Historiker Carl Vogt liegen die wahren Leistungen bei Fridtjof Nansen selbst: 13_ZUSPIEL C.E. Vogt His most dangerous expedition was not the one to the North Pole. Of course he could have died there as well. But in 1921 he really went to the famine areas in Russia in the Volga valley and at least one or two of his travel companions died from typhoid fever they had caught on the train with Nansen. So he could easily have died from his engagement actually. So I mean it was really heroic. 13_ Voice-Over Seine gefährlichste Expedition war nicht die zum Nordpol. Natürlich hätte er dort auch sterben können. Aber 1921 ging Nansen wirklich in die Hungerregionen in Russland im Wolgatal. Und mindestens ein oder zwei seiner Reisebegleiter starben an Typhus, den sie sich im Zug mit Nansen geholt hatten. Er hätte also leicht durch sein Engagement sterben können. Das war wirklich heldenhaft. (Bitte den letzten Satz so betonen, dass es heißt „Das war wirklich heldenhaft“ (-und eben nicht seine gefährlichen Expeditionen…. ); danke! NR) SPRECHER/IN Am 13. Mai 1930 weilt Nansen auf dem Balkon seines Hauses in Lysaker. Im Liegestuhl genießt er den Frühling und den Besuch seiner Familie; mit einem Stapel Arbeit vor sich erholt Nansen sich gerade von einer langwierigen Venenentzündung. Seine Schwiegertochter Kari will ihm einen Tee bringen, als Nansen einem plötzlichen Herzinfarkt erliegt. Als Fridtjof Nansen mit 68 Jahren stirbt, hat er sie allesamt überlebt: Scott, Amundsen, Shackleton... Als Einziger endet er nicht auf einer Expedition. Und doch bleibt der Polarpionier, Diplomat und Friedensnobelpreisträger bis zuletzt unerfüllt und mürrisch, denkt, er habe sich nie im Leben zurechtgefunden.
- Pompeji - Konservierung, Tourismus und Raubgräber
18.03.2024 · 22 Min.
Die antike Stadt Pompeji gilt als eines der größten archäologischen Projekte der Welt. Im Jahr 79 nach Christus wurde sie durch den Ausbruch des Vesuvs verschüttet, seit 1748 wird sie ausgegraben. Die bereits von der Asche befreiten Gebäude müssen allerdings nicht nur erforscht, sondern auch ständig konserviert und bewacht werden ? das geht nur mit Nachhaltigkeit. Autor: Michael Stang Credits Autor dieser Folge: Michael Stang Regie: Martin Trauner Es sprachen: Frank Manhold, Maren Ulrich Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Silvia Bertesago, Archäologin, Archaeology Officer; Mattia Buondonno, Guide; Paolo Mighetto, Leiter Ausgrabungen & Konservierungen Insula Occidentalis; Valeria Moretti, Anthropologin, DNA- & stabile Isotopen-Projekte; Alessandro Russo, Archäologe, Ausgrabung Insula Occidentalis; Gabriel Zuchtriegel, Direktor, Archäologiepark Pompeji, Italien Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Enrico Caruso - Erster Superstar der Schallplatte
18.03.2024 · 22 Min.
Für Opernfans ist Caruso eine Jahrhundertstimme, eine Allzeitgröße des Belcanto. Seine Bedeutung geht jedoch weit über die klassische Musik hinaus. Denn der "Mythos Caruso" entsteht in Wechselwirkung mit dem Siegeszug der Schellackscheibe. Damit ist der italienische Tenor der erste Superstar der Medienwelt. Von Markus Vanhoefer (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Markus Vanhoefer Regie: Frank Halbach Es sprachen: Stefan Wilkening, Hemma Michel und Stefan Merki Technik: Susanne Harasim Redaktion: Susanne Poelchau Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Maria Callas - Operndiva mit Kultstatus JETZT ANHÖREN Claudio Monteverdi - Der Erfinder der Oper JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Pietro Gargano/ Gianni Cesarini: “Caruso. Eine Biographie”. München 1995; Joseph Horowitz: “Understanding Toscanini. A Social History of American Concert Life“. Los Angeles 1994; Dorothy Caruso: “Enrico Caruso. His Life and Death”. New York 1945 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Anna Pawlowa - Meistertänzerin des klassischen Balletts
18.03.2024 · 24 Min.
Sie war der beste sterbende Schwan aller Zeiten- Anna Pawlowa. Die legendäre Ballerina ging als erste Tänzerin auf Welttournee, sie begeisterte mit ihren Auftritten in den USA, Mexiko ,Indien, und Neu Seeland. Von Julia Smilga (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Julia Smilga Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Irina Wanka, Jerzy May, Michael Atzinger, Mona Vojacek Koper Technik: Roland Böhm Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Interviewpartner dieser Folge: Nikolay Tsiskaridze, Ballettänzer Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- München um 1900 - Arm und reich
17.03.2024 · 24 Min.
München 1900: Die Stadt boomt. Bierbarone, Beamte und Lebeleute bestimmen das Bild. Doch die meisten sind frisch zugezogen, viele müssen hart arbeiten, um zu essen und zu wohnen. Nur das Bier verbindet sie. (BR 2020) Autor: Michael Kubitza Credits Autor dieser Folge: Michael Kubitza Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Caroline Ebner, Stefan Wilkening, Jerzy May, Florian Schwarz, Katja Schild, Julia Cortis Technik: Susanne Herzig Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Schwalben - Flugakrobaten und Baumeister
15.03.2024 · 23 Min.
Schwalben gelten als Glücksbringer und Frühlingsboten. Sie gehören zu menschlichen Siedlungen seit Jahrtausenden. Die kleinen Vögel vollbringen erstaunliche Leistungen beim Fliegen und Nestbau. Von Christiane Seiler (BR 2019) Credits: Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Andreas Neumann, Johannes Hitzelberger Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Wussten Sie, dass der Lebensraum der Schwalben bei uns immer begrenzter wird? BR Wissen hat spannende Artikel zum Thema: Artenvielfalt | Ohne Misthaufen keine Fliegen, ohne Fliegen keine Schwalben ZUM ARTIKEL Bedrohte Schwalben | Rauchschwalben und Mehlschwalben werden immer seltenere Gäste ZUM ARTIKEL
- Wie Tiere sich verwandeln - Alles Natur
15.03.2024 · 29 Min.
Von der Kaulquappe zum Frosch, von der Raupe zum Schmetterling ? zahlreiche Tiere, vor allem Amphibien und Insekten durchlaufen auf ihrem Weg zum erwachsenen Tier oft erstaunliche Verwandlungen. Von Iska Schreglmann Credits Autorin dieser Folge: Iska Schreglmann Es sprachen: Iska Schreglmann im Gespräch mit Dr. Thassilo Franke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Thassilo Franke, Biologe von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hauskatze mit Nebenwirkungen - Alles Natur Tarnen und Täuschen - Alles Natur Neophyten, die eingeschleppten Pflanzen - Alles Natur Tiere im Winter – Alles Natur Flechten, Meister der Extreme - Alles Natur! Queere Tiere? Alles Natur! Linktipps: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton-Collage / Dr. Thassilo Franke: Bei der Plattfischlarve wandert ein Auge über den Scheitel auf die andere Seite des Kopfes…. Die Brunftschwielen verhindern, dass das Krötenmännchen bei der Paarung vom Weibchen abrutscht… Der Sackkrebs wächst wie ein Pilzgeflecht im Inneren seines Opfers! Sprecherin Alles Natur! Wie Tiere sich verwandeln MUSIK-Akzent Iska Schreglmann Ich stehe gerade mit dem Biologen Thassilo Franke an einem, ja kleinen Teich, würde ich sagen, sieht aus wie so eine riesengroße Pfütze, und zwar in einem ziemlich naturbelassenen Gebiet im Norden von München, genauer gesagt in der Nähe des Rangierbahnhofs, falls das jemand kennt. Warum sind wir hier? Weil hier, mitten in der Stadt und doch ziemlich versteckt, leben viele seltene Arten und jede Menge Tiere, die sich auf wundersame Weise verwandeln. Ich habe mich zu diesem Zweck heute auch etwas verwandelt, nämlich meine Gummistiefel angezogen, da es ziemlich nass ist, wie es ja auch sein soll, wenn es um Frösche und Kröten geht. Dr. Thassilo Franke Ja, genau. Ich habe auch meine Gummistiefel an – wie man hier an diesem Geschmatze wahrscheinlich auch bei Ihnen zu Hause gut vernehmen kann - und wir befinden uns in einem ganz wichtigen Amphibien- Schutzgebiet mitten in der Stadt. Und hier kommen viele verschiedene Amphibienarten vor, unter anderem auch eine der seltensten Arten, nämlich die Wechselkröte. Die Wechselkröte ist vom Aussterben bedroht und hat hier ihr bayernweit größtes Vorkommen. Iska Schreglmann Das ist ja erstaunlich, das bayernweit größte Vorkommen hier. Von der Wechselkröte habe ich Bilder gesehen. Sie ist wunderschön marmoriert. Vielleicht können Sie sie noch mal beschreiben? Dr. Thassilo Franke Naja also, wenn man an eine Kröte denkt, da haben die meisten von uns, die klassische Erdkröte im Sinn. Also ein braunes, warziges Tier mit schönen, bernsteinfarbenen Augen. Die Wechselkröte sieht ihr, was die Form betrifft, eigentlich sehr ähnlich. Aber sie hat eine ganz andere Zeichnung. Sie hat eine graue Grundfarbe mit schönen dunkelgrünen Flecken, schaut fast ein bisschen so tarnfarben aus, wie man es so von der Militärkleidung kennt. Iska Schreglmann Militärkleidung mal auf die schöne Art und Weise, um es gleich zu sagen. Aber würde man die Erdkröte jetzt hier schon finden können? Dr. Thassilo Franke Für die Wechselkröte ist es hier noch zu früh. Also die fängt eigentlich erst zu Ende April, Anfang Mai an. Was ist aber hier schon gibt, das sind Grasfrösche und Erdkröten. Und auch wenn man es tagsüber meistens nicht finden kann, weil die ihr Laichgeschäft meistens erst im Schutz der Dunkelheit eigentlich vollziehen, kann man ihre Hinterlassenschaften in Form von ihren Gelegen finden. Und da gibt es große Unterschiede. Und zwar der Grasfrosch, der legt seine Eier in Form von Laichballen ab. Und die Erdkröte, die hat eine ganz andere Leitstruktur. Die bildet Laichschnüre mit bis zu ungefähr drei bis 8000 Eiern, die sie praktisch um die Wasserpflanzen drumherum spinnt. Iska Schreglmann Und das heißt aber, wenn wir jetzt hier so weiter durchwaten - es ist allerdings ziemlich tief, und ich bleibe hier auch fast stecken mit meinen Gummistiefeln - dann könnten wir hier diese Laichschnüre schon finden, jetzt, Mitte März? Dr. Thassilo Franke Also, was die Laichschnüre von den Erdkröten betrifft, sind wir doch noch ein bisschen zu früh dran. Also, die sind jetzt schon auf dem Weg. Die sind jetzt schon dabei, aufzuwachen und sich auf den Weg Richtung Laichgewässer zu begeben. Was wir mit etwas Glück heute schon finden können, sind die bereits erwähnten Laichballen von den Grasfröschen. Iska Schreglmann Die Grasfrösche sind, so viel ich das weiß, ja die gängigsten Frösche also die sind nicht selten, oder? Sondern das sind die, die man ab und zu sieht…? Dr. Thassilo Franke Also, der Grasfrosch ist, wie fast alle Amphibienarten, ebenfalls rückläufig in seinem Bestand. Aber Sie haben schon recht. Also der Grasfrosch ist mit Abstand häufigste Froschlurch-Art. Iska Schreglmann Ja, und dann gehen wir doch mal auf die Suche, oder? Dr. Thassilo Franke Erstaunlich, wie tief das hier ist. Ja, also, es ist also hier alles voll mit Entengrütze, die so ein bisschen den Eindruck macht, als hätten wir es mit Laich zu tun. Vor allem, wenn da so kleinen Luftblasen sind… aber es schaut nicht so gut aus. Iska Schreglmann Na gut, sie können das sicher auch so beschreiben..? Dr. Thassilo Franke Ja, also ich bin mir sicher, wenn wir hier vielleicht in einer Woche noch mal herkommen, dann werden wir das ganze Sortiment eigentlich vorfinden. Aber Froschlaich - viele haben ihn ja auch schon mal gesehen. Das gilt im übrigen auch für den Krötenlaich. Da hat man immer die befruchtete Eizelle im Zentrum, die ist schwarz gefärbt, bei den meisten Arten auch ein Schutz gegen die Sonne, die Sonneneinstrahlung. Und das Ganze, die ganze Eizelle, die Zygote nennt man das ja dann, wenn sie befruchtet ist, ist umgeben von einer Gallert-Hülle, von einer sehr dicken, transparenten Gallert-Hülle. Und beim Grasfrosch ist es so, dass es dann einfach ungeordnete Klumpen sind, wo viele, viele hundert Eier einfach zusammengeballt sind. Und wenn man sich aber dann dieses Ei einmal genauer anschaut, unter der Lupe zum Beispiel, da kann man sehen, dass sich die mit der Zeit verändern, diese schwarzen Kugeln in ihrem inneren. Und da sind wir bei einem Prozess, den wir auch durchmachen. Wir Menschen, das ist die sogenannte Ontogenese, die Individualentwicklung. Iska Schreglmann …den wir im Mutterlieb durchmachen… Dr. Thassilo Franke Genau, also ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess, Verwandlungsprozess. Verwandlung ist ja das Thema unserer heutigen Sendung, die eigentlich schon zum Zeitpunkt der Befruchtung losgeht. Und weil halt diese Froschlurch-Eier so eine schöne, durchsichtige Hülle haben, sind die auch das Lehrbuchbeispiel, die vielen Lehrer, die jetzt vielleicht die Sendung anhören, die werden es wahrscheinlich auch noch aus ihrem Bio-Unterricht wissen… Iska Schreglmann Und die Schüler und Schülerinnen kennen das auch, klar. Ich denke mal, das findet doch in fast jedem Biologieunterricht statt. Dr. Thassilo Franke Dieser ganze Zauber der Verwandlung nimmt da seinen Anfang eigentlich - also in diesem transparenten Ei. Iska Schreglmann Ich möchte trotzdem noch mal einen Schritt zurück springen zur Paarung, bevor es überhaupt zu dem, was Sie Laichgeschäft nennen, kommen kann - weil bestimmte Kröten sich ja auch für die Paarung schon verwandeln offenbar… Dr. Thassilo Franke Ja, vor allem, was die Männchen betrifft. Und das kann man auch sehr schön erkennen. Und man kann sogar die Geschlechter, wenn man mal eine Kröte sieht um diese Jahreszeit, auch sofort daran unterscheiden. Weil nämlich die Männchen, an den Fingern der Hände ab Daumen gerechnet, praktisch, ersten drei Fingern, wachsen denen sogenannte Brunftschwielen aus der Haut. Solche Schwielen kennt man ja, wenn man hart gearbeitet hat. Da hat man dann so Hornhaut-Polster auf den Handflächen, die manchmal auch recht schmerzhaft sind. Und in die Richtung geht es auch das Ganze eigentlich, weil es sind Hornstrukturen. Und zwar sind die ganz rauh, wenn man die anfasst. Und die haben eine ganz besondere Funktion. Und zwar, Sie haben doch bestimmt schon mal gesehen, dass während der Laichzeit die Frösche so huckepack unterwegs sind. Unten das größere Weibchen, oben also praktisch als Reiter das kleinere Männchen. Und auf so einer glitschigen Kröte zu reiten, das ist also Rodeo in Reinstform, kann man sich ja vorstellen, wenn sie die Cowboys anschauen, Pferde sind ja nicht glitschig…. Iska Schreglmann Aber als Cowboy hat man ja auch Sattel und Zaumzeug. Aber da hat man ja gar nichts als Krötenmännchen- Dr. Thassilo Franke Und damit der Kröterich nicht von seinem Reittier fällt, hat er eben diese Brunftschwielen, und da kann er sich dann sehr gut an ihr festhalten… Iska Schreglmann Hört sich irgendwie dann schmerzhaft an für das arme Weibchen. Dr. Thassilo Franke Ja, die Weibchen müssen sowieso wahnsinnig viel durchmachen, weil nämlich es gibt immer sehr viel mehr Männchen als Weibchen. Und da ist ein fürchterliches Gerangel. Das heißt, da klammern sich dann oft mehrere Männchen mit ihren rauhen Brunftschwielen an dem armen Weibchen fest, was dann sogar dazu führen kann, dass die Weibchen bei dem Gerangel ertrinken. Iska Schreglmann Ach, du Schreck! Aber jetzt reden wir erst mal über das Gegenteil von Tod, nämlich über die Geburt der neuen kleinen... Und da sind wir dann ja beim Laich, aus dem bekanntlich die Larven schlüpfen, die zu Kaulquappen werden, haben wir vorhin schon gesagt, haben wir in der Schule wahrscheinlich allemal gelernt. Und diese Kaulquappen, die sind ja ein ziemlich gewitztes Zwischenstadium. Dr. Thassilo Franke J, sie sind wirklich ein gewitztes Zwischenstadium, weil sie erinnern ja erst an an kleine winzige Fischchen. Also sie haben auch ganz am Anfang, also, wenn sie frisch geschlüpft sind, auch noch äußere Kiemen, die man sehen kann. Und einen langgestreckten Körper und einen Schwanz, an dem sich allmählich sogar ein richtig deutlich zu sehender, Flossensaum entwickelt. Und das ist eigentlich der Zeitpunkt, wo die Larve, die Kaulquappe aus dem Ei ausschlüpft, also sie löst praktisch diese Gallertschicht auf, arbeitet sich dann aus dem Ei heraus und haftet sich dann mit einer Haftscheibe, dann die sie am Bauch hat, auf diesem leeren Ei an und auch in der Umgebung dann an den Wasserpflanzen und tut erst mal gar nichts. Sie kann auch gar nichts tun, weil sie noch überhaupt kein Maul hat, mit dem sie fressen könnte. Das bricht erst allmählich durch, und zwar synchron mit dem Durchbruch des Mauls bildet sich eine Hautfalte, die Kiemen einschließt. Das heißt, die Kiemen sind dann nach wenigen Tagen dann nicht mehr sichtbar, sondern die sind in eine Höhle eingeschlossen, die dann nur noch eine Atemöffnung offen lässt. Und da kommen wir eigentlich auch zu einem Punkt, der die Kaulquappen und die aus ihnen hervorgehenden Frösche so wahnsinnig erfolgreich macht. Also eigentlich ist die Kaulquappe ein ungeheures evolutives Erfolgsrezept. Sie müssen bedenken, von denen siebeneinhalbtausend Amphibienarten, die man ungefähr kennt, bis heute... Die Zahl wächst rasant an. Es werden immer wieder neue Arten beschrieben, auch bei uns in der Zoologischen Staatssammlung vom Frank Glaw, der sich mit Fröschen von Madagaskar beschäftigt - und von den siebeneinhalbtausend Amphibien sind über 7000 Frösche. Also Frösche gegenüber von Salamandern und u Blindwühlen sind die erfolgreichste Amphibiengruppe. Und das liegt an der Kaulquappe, weil die Kaulquappe hat nämlich in diesem dieser Arten -Kammer, die ich gerade beschrieben habe, da hat sie einen Filter Apparat ausgebildet und dieser Filter Apparat, dem kommt eine ganz wichtige Bedeutung zu. Weil nämlich die Kaulquappen haben ein ganz kleines Maul mit einem Hornschnabel, Horn-Zähnchen, mit denen sie die Oberfläche abraspeln können und alles, was sie dann praktisch einsaugen - sie haben auch so ein Saugmaul - wird an diesem Filter-Apparat gefiltert und die Nährstoffpartikel dann über eine Art schleimiges Fließband dann in den Schlund befördert. Und das macht Kaulquappen so wahnsinnig erfolgreich. Iska Schreglmann Spannend, aber die Kaulquappe bleibt ja nicht so, wie sie ist. Dr. Thassilo Franke Sie bleibt nicht so, wie sie ist. Sie bringen es auf den Punkt - wir wollen ja heute über Verwandlungen reden, die Kaulquappe, die verändert sich, und der erste Schritt ist eigentlich nur eine Größenzunahme. Das ist das Wachstum, die Wachstumsphase. Und die eigentliche Metamorphose beginnt eigentlich erst, wenn die Beine durchbrechen. Ja, man sieht auch am Anfang erst nur die Hinterbeine, und wenn, dann diese Vorderbeine aus dieser Peribrancialraum, nennt man das, hervorbrechen, dann verstopfen die das Atemloch, und es würde dazu führen, dass die Kaulquappe erstickt, weil sie nicht mehr atmen kann. Und das ist ein ganz kritischer Zeitpunkt. Das ist praktisch der Höhepunkt der Metamorphose. Da muss der kleine Frosch dieses Zwischenstadium zwischen Frosch und Kaulquappe zum atmen auch an die Oberfläche, weil nämlich die Lungen dann sich schon ausbilden und sie dann von Kiemen zu Lungenatmung übergehen. Und dann setzen gewaltige Veränderungen ein. Also, die Augen bekommen plötzlich Augenlider, die sie vorher nicht hatten, und der Verdauungstrakt der verkürzt sich. Das ist ja ein ganz langer Spiralarm bei der Kaulquappe. Der verkürzt sich um drei Viertel seiner Länge zu einem sehr stark differenzierten Magen-Darm-Trakt, der auch Säure bildet. Vorher hat er keine Säure gebildet, und das Maul, was eben nur so ein kleines Raspel -Mäulchen war, wird eben so eine Maulspalte, damit da auch eine Fliege oder eine Libelle mal reinpasst, wenn der Frosch größer geworden ist. Und das Tier verliert ungefähr 70 Prozent seiner Masse, die allerdings fast nur aus Wasser besteht und so peu a peu absorbiert dann der Frosch auch seinen Schwanz. Der Kaulquappen Schwanz wird nicht abgeworfen, wie das häufig geäußert wird, sondern der wird aufgelöst, eigentlich. Man nennt das resorbieren und das hat eine ganz besondere Bewandtnis. Weil nämlich während dieser Metamorphose kann ja der Frosch nichts fressen, weil ja praktisch der Magen-Darm-Trakt gerade umgebaut wird. Da kann er nicht gleichzeitig ihn mit Nahrung füllen. Das würde er nicht funktionieren. Und in dieser Fastenperiode ernährt er sich eigentlich von der Energie, die in seinem Schwanz gespeichert ist. Iska Schreglmann Faszinierend. Das ist wirklich ausgeklügelt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für diese Lebewesen auch irgendwie unglaublich anstrengend ist, sich derart umzuwandeln. Dabei wird ja auch jede Menge Energie verbraucht. Warum hat sich die Evolution denn das einfallen lassen? Ginge es nicht auch einfacher? Dr. Thassilo Franke Ja, es ist in der Tat anstrengend, und es ist auch so, dass viele diesen Metamorphose Prozess auch nicht überleben und irgendwann darin stecken bleiben, ertrinken oder was auch immer. Aber dieser Prozess ist einfach notwendig. Ich meine, im Endeffekt geht es ja darum, dass man ein komplett neuen Lebensraum erobert. Die Kaulquappe ist ähnlich wie die Fische ein Wassertier und der Frosch ist ein Landtier, und damit dieses Wassertier dann später auf dem Land zurechtkommt, muss es diese Verwandlung durchmachen. Das betrifft übrigens auch das Mikrobiom - also das, was wir auch haben - unseren Darm, also die Mikroorganismen, die uns bei der Verdauung helfen. Und da wurde festgestellt, dass Fische ein ganz anderes Mikrobiom haben, also ganz andere Bakterien und Mikroorganismen in ihrem Darm haben als Landtiere. Und da hat man dann sich überlegt, wie ist es denn bei den Fröschen, die als Kaulquappe Wassertiere sind und als Frösche Landtiere sind? Und tatsächlich hat sich gezeigt, dass das Mikrobiom der Kaulquappe jenem der Fische ähnelt und das Mikrobiom der Frösche ein typisches Landtier-Mikrobiom ist mit dem entsprechenden Sortiment von Mikroorganismen. Iska Schreglmann So, jetzt haben Sie ja gerade eben auch das Mikrobiom des Menschen erwähnt. Wie hängt es denn jetzt damit zusammen? Dr Thassilo Franke Also genau genommen sind wir Menschen ja eigentlich auch nichts anderes als Fische, die an Land gegangen sind. Also wenn wir unsere Evolutionsgeschichte rückwärts zurück verfolgen, dann kommen wir über Reptilien, die eben schon Eier hatten, die an Land komplett ihre Ontogenese durchlaufen, also gar kein Wasser mehr brauchen... wenn man dann weiter im Rückwärtsgang zurückfährt, dann kommen wir irgendwann zu Amphibien, die unsere Vorfahren waren. Und das heißt also, im Endeffekt wasserbewohnende Larven, die irgendwann an Land gehen und dann eine Metamorphose machen, um als Landlebewesen weiter zu machen. Die haben wir in unserer höchstpersönlichen Ahnenreihe. Man muss nur eben weit genug zurückgehen. Und wenn wir noch weiter zurückgehen, dann landen wir dann bei so bizarren Lebewesen wie den Lungenfischen. Und die Lungenfische sind, wenn man so will, die Vorfahren aller heute lebenden Landwirbeltiere. Iska Schreglmann Also auch unsere. Aber bleiben wir noch mal kurz bei den Fischen an sich, denn da gibt es ja auch ganz bizarre Beispiele von Verwandlungen. Dr. Thassilo Franke Ja, da gibt es sehr bizarre Beispiele. Und das verrückteste Beispiel, was mir dazu einfällt, ist die Verwandlung der Plattfische. Ich meine, Sie kennen ja auch Schollen, Schollenfilet, Heilbutt, Seezunge. Und wenn man die Tiere sieht, die schauen dann meistens recht lustig aus, die sind flach auf dem Boden, die schwimmen flach über den Meeresboden in so ondulierenden, wellenförmigen Bewegungen, sind bestens getarnt. Und wenn man ihren Kopf anschaut, dann fällt einem auf, dass da die zwei Augen obendrauf sitzen. Das schaut noch relativ normal aus, aber die Maulspalte, die ist schief. Also praktisch, die ist nicht so, wie man es erwarten würde, sondern die ist eben seitlich orientiert. Und wie es dazu kommt, das kann man sehr schön untersuchen oder beobachten. Wenn man nämlich die Entwicklungsgeschichte, die individuelle Entwicklungsgeschichte so eines Fisches mal genauer anschaut. Er schlüpft aus dem Ei, das Ei ist im Plankton und die erste kleine Scholl- Larve, die da ausschlüpft, schaut eigentlich aus wie jede andere Fischlarve. Also ein kleiner, länglicher Fisch, ein Auge auf der linken Kopfseite, eins auf der rechten Kopfseite. Und was dann geschieht, ist eine ganz seltsame Verwandlung, weil nämlich ein Auge plötzlich nicht da bleibt, wo es war, sondern es wandert praktisch über den Kopf, über den Scheitel auf die andere Kopfseite rüber. Und wenn das Auge dann praktisch auf der anderen Seite angekommen ist, dann ändert auch der Fisch sein Verhalten und auch den Ort, wo er sich aufhält. Dann geht er runter auf den Gewässer Grund und beginnt dann eigentlich sein normales Butt-, Schollen- oder Seezungenleben. MUSIK Iska Schreglmann Sie hören radioWissen, Alles Natur. Heute geht es um Lebewesen, die sich auf wundersame Art und Weise komplett verwandeln. Wir haben gerade schon verschiedene Beispiele gehört von dem Biologen Dr. Thassilo Franke, wir haben über verschiedene Wassertiere gesprochen und auch über Landlebewesen und die verschiedensten Metamorphosen. Aber auch die Luft spielt ja da eine Rolle. Dr Thassilo Franke Ja, also, es gibt ja auch Tiere, nämlich innerhalb der Insekten, die den Lebensraum Luft erobern und die aber auch aus einer vollkommen flugunfähigen, sehr primitiv wirkenden Larve hervorgehen. Und eines dieser Beispiele begegnet uns auch hier in diesen Teichen. Hier in dieser Ausgleichsfläche. Das sind die Köcherfliegen. Und Köcherfliegen heißen sie, weil sie einen Köcher bauen, in dem ihr weicher Hinterleib verborgen ist und auch gut geschützt ist. Und diese Köcherfliegen -Larven, die leben auf einem Gewässergrund, häuten sich einige Male und bilden dann ein Puppenstadium, eine Puppe, die im Inneren des Köchers ihre Verwandlung durchmacht. Und der Köcher wird dann auf beiden Seiten auch abgeschlossen, ist ist also eine kleine Kammer mehr oder weniger, und die Puppe treibt dann an die Wasseroberfläche und platzt auf. Und dann entsteigt auch dieser Puppenhülle ein komplett anderes Lebewesen, was nämlich schöne Flügel hat und die Luft erobert und sich dann dort auch fortpflanzt und Eier ablegt, die Eier wieder ins Wasser legt oder ins Wasser tropfen lässt und dann der ganze Kreislauf wieder von vorne losgeht. Und die Köcherfliegen sind die Schwestergruppe der Schmetterlinge. Iska Schreglmann An die muss man immer denken, wenn Sie das erzählen. Dr Thassilo Franke Genau. Also die Köcherfliegen und die Schmetterlinge, die gehen auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück. Die ähneln sich auch in vielen Aspekten. Und bei den Schmetterlingen kennt man das ja: Aus dem Ei schlüpft eine Raupe, die sich mehrmals häutet, die sich dann in eine Puppe verwandelt. In der Puppe. Wir werden dan praktisch alle Larven -Organe eingeschmolzen, Hystolyse nennt man das Ganze. Das wird richtig in einen Zellbrei verwandelt. Und nur ganz bestimmte Zell Cluste, die entwickeln sich dann weiter und bilden dann die Organe des neuen Insekts, wie zum Beispiel die Flügel oder den Saugrüssel. Weil nämlich das Insekt, was aus der Puppenhülle dann entsteigt, im Falle der Schmetterlinge sicher auch vollständig in der Nahrungsaufnahme unterscheidet, wohingegen die Raupe eben Blätter zerkaut mit Kauwerkzeugen, saugt der Schmetterling mit seinem strohhalmartigen Rüssel Blütennektar. Iska Schreglmann Und wo wir gerade über Schmetterlinge sprechen, möchte ich natürlich gerne auf unsere Alles Natur-Folge zum Thema Schmetterlinge hinweisen, die Sie in der ARD Audiothek finden oder überall dort, wo es Podcasts gibt. Aber es gibt ja noch viel mehr Insekten, die sich verwandeln. Dr Thassilo Franke Also die Gruppe, wo auch die Köcherfliegen und die Schmetterlinge reingehören, das sind die holometabolen Insekten und das ist die erfolgreichste Organismengruppe überhaupt auf unserem Planeten. Also mehr als die Hälfte aller mehrzellligen Tiere gehören da rein, und die machen alle diese Verwandlung durch. Das sind die Fliegen zum Beispiel oder die größte Gruppe überhaupt, das sind die Käfer, die machen auch so ein Puppenstadium durch. Und auch die Bienen, Wespen und Ameisen Iska Schreglmann Und zu Bienen und Westen gibt es im Übrigen auch alles Natur- Episoden. Und es gibt auch Verwandlungen, die auf Kosten anderer Tierarten stattfinden. Da gibt es ja ein besonders fieses Beispiel, sage ich mal. Dr Thassilo Franke Ja, es gibt ganz viele Parasiten-Arten, die auch ganz komische Metamorphose-Zyklen durchlaufen. Und das bizarrste Beispiel, was mir dazu einfällt, ist der Sackkrebs. Der Sackkrebs ist ein mit den Seepocken verwandtes Krebstier, was sein Leben wie die meisten anderen Krebse auch als kleine Nauplius Larve beginnt, die durchs Wasser rudert und keinerlei Nahrung aufnimmt und die sich dann irgendwann mal zu einer sogenannten Cypress Larve häutet. Und diese weibliche Cypress-Larve, die macht sich dann auf die Suche nach einer Strandkrabbe. Also, die schwimmt dort durch durchs Wasser. Die hat auch Schwimm-Beine, ganz bewusst und gezielt, spürt die eine Strandkrabbe auf und lässt sich auf der Strandkrabbe an einer ganz bestimmten Stelle des Panzers nieder. Und was dann passiert, ist ganz unglaublich. Also sie stößt praktisch ihre Schwimmbeine ab, sobald sie am Ziel angekommen ist, auch den ganzen Bewegungsapparat, der diese Beine bewegt. Der wird abgeworfen, sodass eigentlich nur noch der Panzer dieser Cypresslarve zu sehen ist. Und die ist aber mit einer Art Harpune in dieser Krebs -Schale also jetzt von der Strandkrabbe verankert und wirft dann zu guterletzt dann auch noch das Allerletzte, was sie noch ab zu werfen hat, nämlich ihren Panzer, ab. Und was dann übrig bleibt es eigentlich nur noch so ein Sack, und dieser Sack hängt dann außen an der Schale dran dieser Strandkrabbe. Und die Harpune bohrt sich weiter durch den Panzer durch, und während sich die Harpune dort durcharbeitet oder Bohrer, müsste man eigentlich sagen, löst sich der gesamte Inhalt dieses Sackes auf, ist eigentlich nur noch ein Zellbrei. Und wenn dann die Krabbenschale durchdrungen ist, dann wird dieser ganze Zellbrei einfach in die Krabbe reingespritzt, rein injiziert. Und die Zellen in diesem Sack, die lösen sich aus dem Verband. Das ist eigentlich ein Zellbrei, was dann da drin ist. Und wenn dann dieser Bohrer die Krebsschale durchbrochen hat, dann kontrahiert sich dieser ganze Sack und der Zellbrei wird in die Strandkrabbe hineingespritzt. Iska Schreglmann Oh Gott! Und dann? Was passiert mit der Strandkrabbe? Dr Thassilo Franke Wenn dann die Zellen im Inneren der Strandkrabbe angekommen sind, dann bildet sich wieder so ein Zellklumpen. Und von dem geht dann ein Fadengeflecht aus, was eher an das Fadengeflecht eines Pilzes erinnert, was die ganze Krabbe von innen durchwuchert und sich um den Darm herumspinnt, das heißt bis in die äußersten Gliedmaßenspitzen ist diese gesamte Strandkrabbe von diesem fremden Organismus regelrecht durchwuchert. Iska Schreglmann Das klingt ziemlich gemein, würde ich mal sagen. Dr Thassilo Franke Ja, das ist auch gemein. Und jetzt ist es ja so, dass dieses Faden- Geflecht, was den Sackkrebs eigentlich ausmacht im Inneren der Strandkrabbe, das ist ein Weibchen, und die muss sich ja auch wieder fortpflanzen. Und was dann passiert ist, sie hat wieder diesen gemeinen Trick, dass sie sich durch den Panzer ihres armen Wirts-Krebs durchbohren muss. Und sie bohrt sich genau an der Stelle durch, wo die weibliche Krabbe normalerweise ihr Gelege hat. Und was dann da hervortritt, ist ein Sack, was auch diesem Krebs seinen Namen gibt. Sackkrebs. Ein großer, richtig großer weißlich gelber Sack, in dessen Inneren dann wiederum die Eier dieses parasitischen Krebses sind... Iska Schreglmann Unglaublich trickreich. Dr Thassilo Franke Jetzt kann es sein, dass die die befallene Krabbe ein Männchen ist. Es ist aber diesem Sackkrebs vollkommen wurscht, der polt die einfach hormonell um. Und dann verhält sich dieses Krebs-Männchen wie ein Weibchen und behütet praktisch dann diesen Sack, den er für seine eigenen Eier hält. Er denkt ja, er wäre ein Weibchen und fächelt denen dann Wasser zu und schützt die die ganze Zeit. Und irgendwann tut sich dann in diesem Sack ein Loch auf, und durch dieses Loch schwimmt dann eine männliche Sackkrebs-Larve in diesen Sack hinein und befruchtet die darin befindlichen Eier und der Kreislauf ist geschlossen. Iska Schreglmann Unfassbar. Das könnte man sich eigentlich nicht ausdenken, was da in der Natur sich entwickelt hat. Dr Thassilo Franke Ich bin auch immer wieder überrascht. Wir müssen mal eine Sendung über Parasiten machen. Also da gibt es generell so tolle Geschichten zu erzählen... Iska Schreglmann Hört sich so an. Aber jetzt bleiben wir noch mal bei den Tieren, die sich verwandeln, beziehungsweise bei den Pflanzen. Denn es gibt ja auch unter den Pflanzen Verwandlungskünstler. Dr Thassilo Franke Bei den Pflanzen gibt es sogar ganz besondere Verwandlungskünstler. Ein schönes Beispiel, was mir dazu einfällt, das ist das neuseeländische Lanzenholz Lancewood, das ist eine Pflanze, die als Jungpflanze vollkommen anders aussieht als erwachsene Pflanze. Also ähnlich wie wir es bei den Tieren ujetzt auch besprochen haben. Und zwar, wenn die aus dem Samenkorn keimt, dann entsteht ein kleiner Schößling mit richtig dunkelbraun gefleckten Blättern, fast krötenhautartig gefleckten Blättern, die wunderbar getarnt ist. Man kann die also kaum ausmachen, die, verschmilzt regelrecht mit dem Waldboden. Und warum macht sie das? Natürlich, genau wie die Kröten auch, damit sie von ihren Feinden nicht gesehen wird. Und der Feind dieser Pflanze ist eine Tierart, die es heutzutage gar nicht mehr gibt. Das ist der neuseeländische Riesenvogel. Der Moa, war, bevor der Mensch die Insel erobert hat, eigentlich der größte Pflanzenfresser, und der hatte einen langen Hals. Bis zu drei Meter konnten die groß werden, und der hatte natürlich immer eine Vorliebe für weiches, schmackhaftes Laub. Und um sich dessen Blicken zu entziehen, hat eben dieser Schößling diese braunen Blätter. Jetzt geht es aber noch weiter. Das heißt, die Pflanze wächst und wächst, und ab einer gewissen Größe werden die Blätter immer härter, immer steifer, und sie haben am Rand dann richtig scharfe Dornen dran. Also so Rand-Stacheln an den Blättern und weisen nach unten, und es hat folgende Bewandtnis: Der Vogel hat ja einen langen Hals, und wenn er natürlich versucht, dann die Blätter zu fressen, dann rammt er sich permanent diese Stacheln und diese Dornen dort ins Gesicht und nimmt dann Abstand davon. Aber sobald dann dieser Schößling die drei Meter Halslänge überwachsen hat, dann ändert er komplett seine Gestalt, bildet ganz schönes, weiches saftiges Laub aus, grasgrün, überhaupt nicht mehr getarnt, weil dann ist ja die Schwelle überschritten, wo ihm der Moa was anhaben kann. Iska Schreglmann Wahnsinn, wie trickreich, was für eine schlaue Art, einem Feind zu entkommen. Und wenn ich so überlege, uns Menschen stehen da ja vergleichsweise wenig bis gar keine Tricks zur Verfügung. Verwandeln können wir uns nur im Roman bei Franz Kafka in einen Käfer. Dr Thassilo Fanke Genau so ist es, so ist es. Iska Schreglmann Vielen Dank an Sie, Herr Dr. Franke, für diese tollen Metamorphosen-Geschichten aus der Natur. Und ich würde vorschlagen, wir waten jetzt aus diesem etwas überschwemmten Naturparadies im Münchner Norden zurück auf trockenem Boden. Dr Thassilo Franke Ja, nächstes Wochenende wate ich genau hier wieder rein, weil ich natürlich wissen will, ob die Frösche bis dahin angefangen haben, ihren Laich hier abzulegen. Iska Schreglmann Na, dann viel Glück! Dr Thassilo Franke Danke, vielen Dank.
- Bitte berühren! - Warum Körperkontakt so wichtig ist
14.03.2024 · 23 Min.
Eine Umarmung, Streicheleinheit oder Massage: Das Bedürfnis nach körperlicher Nähe ist ein urmenschliches. In der Haut sitzen bestimmte Sensoren, die es ermöglichen, dass wir berühren und berührt werden. Von Katrin Kellermann Credits Autorin dieser Folge: Katrin Kellermann Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Caroline Ebner, Johannes Hitzelberger Technik: Lydia Schön-Krimmer Redaktion: Gerda Kuhn Im Interview: Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch, Er leitet die Abteilung für Kinderpsychosomatik am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München. Er forscht über die Entwicklung der menschlichen Bindung sowie über die Behandlung und Prävention von Bindungsstörungen; Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, Facharzt für Klinische Pharmakologie, emeritierter Professor der FU Berlin; Martin Grunwald, PD Dr. phil. habil. Dipl., Leiter des Haptik-Labors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung in Leipzig; Holger Carstens, staatl. gepr. Masseur u. med. Bademeister. Berührungstrainer; Eine Teilnehmerin der Kuschelparty Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Szene Kuschelabend „Wir gehen langsam durch den Raum, wir spüren unsere Füße. Und unsere Augen sind nur soweit geöffnet, dass wir uns im Raum orientieren können und wir schauen, dass wir ganz bei uns selber ankommen, in uns hineinspüren, und den Boden wahrnehmen… “ Nach 20 Sekunden mit Text beginnen. Atmo unterm Text stehen lassen! Sprecherin: Es ist ein Sommerabend in München: Ein Dutzend Männer und Frauen schreiten in Strümpfen und bequemer Kleidung durch einen hellen großen Raum. In einer Ecke auf dem Boden liegen Matratzen und Kissen bereit, für den Höhepunkt des Abends, den so genannten Kuschelhaufen. Zunächst sollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennenlernen und Hemmungen abbauen. Veranstalter Holger Carstens ist Masseur und heute der Berührungstrainer, er trägt weiße Kleidung und spricht mit sanfter Stimme: O-Ton 2 Carstens „Veranstaltung“ 00:20 „Es ist eine geführte Veranstaltung, das heißt, wir beginnen bei uns selber, dass wir uns selber wahrnehmen, dass wir mit uns selber tanzen, und dass wir ganz behutsam miteinander Kontakt aufnehmen, über die Augen, über Berührungen, dass wir uns die Hand reichen, oder die Schulter berühren, wer mag, kann sich umarmen. Also immer ganz frei: Jeder kann sich so verhalten, wie er das gerade möchte, wie ihm gerade zumute ist.“ MUSIK Marquis de Sade Sprecherin: Die Berührungen sollen ohne sexuelle Absicht und ohne Hintergedanken sein. Es gibt Regeln: Die Kuschelfans sind alle angezogen, intime Körperstellen sind tabu. Es geht um etwas Anderes, um Halten und Gehalten werden, um das Gefühl von Nähe und Geborgenheit, um Glück. Berührung befriedigt ein Grundbedürfnis - sie stillt den Hunger nach Nähe, so wie Lebensmittel den Hunger nach Nahrung stillen, sagt eine Teilnehmerin, die eine erfahrene Kuschelabendbesucherin ist: O-Ton 3 Teilnehmerin 00:32 „So habe ich gemerkt, dass mein Körper die Berührung braucht, ohne dass ich in eine Beziehung eingehen muss, und danach bin ich glücklich und zufrieden und ich brauch nicht auf die Suche gehen. Ich kann auch mit einer Frau im Arm sein, und ich fühle mich geborgen und gehalten, ich werde auch nicht schräg angeguckt, sondern es ist einfach schön!“. Sprecherin: Kuschelabende bieten einen geschützten Raum, wo Berührungshungrige Gleichgesinnte treffen. Ursprünglich aus den USA nach Europa gekommen, gibt es diese Veranstaltungen seit einigen Jahren auch in nahezu jeder deutschen Großstadt. Sie sind gut besucht und sprechen eine klare Sprache: Die Sehnsucht nach sanften, liebevollen Berührungen ist unendlich und wird bei vielen durch ihr Umfeld nicht befriedigt. MUSIK As little as light Sprecherin: Beim Münchner Kuschelabend folgt nach verschiedenen Lockerungsübungen wie Tanzen oder Sich-mit verbundenen-Augen-Anfassen der krönende Abschluss: Körper liegen nebeneinander, Hände streicheln über Arme, Rücken und Köpfe. Keiner weiß mehr so genau, zu wem welches Körperteil eigentlich gehört: O-Ton 4 Carstens 00:16 „Das Verrückte ist tatsächlich, dass es im Grunde genommen egal ist, mit wem man körperliche Berührung hat. Ich sehe uns da ein bisschen wie die Schäfchen in der Herde, und da ist es auch letztlich auch egal, welches Schäfchen links oder rechts von mir läuft, mit wem ich Berührung habe, ich fühl mich einfach sicher!“ Sprecherin: Nichts verbindet uns inniger als gegenseitiger Körperkontakt. Berührungen sind die elementarste Form der Kommunikation. Eine Umarmung kann viele Gefühle auslösen, beispielsweise spendet sie Trost und schenkt Geborgenheit. Sie wirkt unmittelbar und manchmal besser als viele Worte, bestätigt der Bindungsforscher und Psychiater Professor Karl Heinz Brisch: O-Ton 5 Karl Heinz Brisch 00:29 „Körperkontakt in zwischenmenschlichen Beziehungen hat natürlich die Funktion, uns zu beruhigen, wenn wir aufgeregt sind, wenn wir Angst haben, dann braucht jemand, der jetzt zu uns kommt, gar nicht viel zu sagen, der sieht, dass wir sehr traurig sind, dass wir Angst haben und er nimmt uns in den Arm. Und das funktioniert natürlich selbst dann, wenn wir Menschen gar nicht kennen. Also am elften September in New York, als diese Towers eingestürzt sind, da haben sich Menschen plötzlich in den Armen gelegen und sich geklammert und festgehalten, die kannten sich gar nicht.“ Sprecherin: Eine Umarmung, eine Hand auf dem Körper, Gehaltenwerden: Diese Berührungen vermitteln uns das Gefühl, nicht alleine zu sein! Ihre machtvolle und tröstende Botschaft funktioniert das gesamte Leben lang: Von den ersten Sekunden auf der Welt bis zum Sterbebett. Dabei kommt den allerersten Erfahrungen eine entscheidende Bedeutung zu: Denn die Sprache der Berührungen ist die erste, die ein Mensch lernt, und sie hinterlässt Spuren im Gehirn, die für immer bleiben. MUSIK All is loved O-Ton 6 Karl Heinz Brisch 00:45 „Normalerweise sind Eltern liebevoll zärtlich mit ihrem Baby im Körperkontakt unterwegs, das heißt, sie wickeln ihr Baby entsprechend vorsichtig, sie halten es entsprechend zärtlich und geschützt, sie machen vielleicht eine Babymassage mit ihm, und die Babys lieben es, sie entspannen sich dabei. Sie suchen diesen Körperkontakt! Babys, sobald sie können, halten sich an der Mutter fest, umarmen die Mutter und es ist sicherlich evolutionär so angelegt. Wenn man mal zu den Schimpansen geht, da haben die Schimpansenbabys die ersten zwei Jahre ganz viel Körperkontakt. Sie schlafen nachts in engem Körperkontakt mit der Mutter, was übrigens die allermeisten Babys rund um die Welt tun, nur in Deutschland gibt es so Vorstellungen, Babys sollten in einem eigenen Bett, in einem eigenen Schlafzimmer übernachten - das ist aber evolutionär sicherlich nicht so vorgesehen.“ Sprecherin: Professor Karl Heinz Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, forscht zum Thema, wie sichere Bindungen gelingen können. Denn ausgestattet mit dem so genannten Urvertrauen, sind Kinder besser gewappnet für Schwierigkeiten, die möglicherweise im Leben auf sie zukommen werden. MUSIK All is loved Sprecherin: Ein Baby ist zunächst vollkommen hilflos. Es ist darauf angewiesen, dass seine Signale richtig gedeutet und seine Bedürfnisse entsprechend gestillt werden. Auf sich alleine gestellt, könnte es nicht überleben. Und nichts versichert ihm die Anwesenheit einer Bezugsperson besser als der direkte Körperkontakt. MUSIK Crystal Memories Sprecher: Zudem werden beim Kuscheln, besonders natürlich auch beim Stillen, sowohl bei der Mutter als auch beim Baby Hormone ausgeschüttet, die im ganzen Körper wirken. Das Oxytocin beispielsweise, auch als Bindungs- oder Kuschelhormon bekannt, löst im Gehirn das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit aus. Außerdem stärkt es die Bindung zwischen Mutter und Kind, was es wiederum der Mutter erleichtert, die Bedürfnisse ihres Kindes richtig zu erkennen. Andere Hormone wiederum sind ein wichtiger Motor für Wachstums- und Entwicklungsprozesse, vor allem im Gehirn: O-Ton 7 Karl Heinz Brisch 00:42 „Das Baby wird mit ganz vielen Milliarden von Nervenzellen geboren, aber die sind ganz wenig miteinander im Kontakt und zwischen diesen Nervenzellen müssen jetzt Nervenverbindungen aufgebaut werden, und die wiederum werden nur aufgebaut, wenn das neuronale - das Gehirn-Wachstumshormon - ausgeschüttet wird, das heißt, sichere Bindung insgesamt, natürlich auch gefördert durch Körperkontakt, fördert damit nicht nur ein gutes sicheres emotionales Gefühl, sondern natürlich auch dann die Gehirnentwicklung. Und wenn die Gehirn-Vernetzung gut läuft, dann kann ein Baby seine vielleicht genetisch angelegten Potenzen, was es kognitiv, emotional, aber auch von seinen sonstigen Fähigkeiten entsprechend entwickeln, sonst würde das gar nicht gut funktionieren.“ Sprecherin: Das Gehirn eines Babys ist also zunächst unreif. Erst durch die entsprechenden Berührungen vernetzen sich die Nervenzellen. Das Gehirn passt sich an die Welt an, in die es hineinwächst. Deshalb prägen uns die Berührungserfahrungen der ersten Jahre ein Leben lang. Sprecher: Das Leben von Babys, die zu früh geboren werden, hängt an einem seidenen Faden. Angeschlossen an medizinische Geräte liegen die Winzlinge in Inkubatoren, wie Brutkästen in der Fachsprache heißen. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass gerade ihnen ein intensiver Körperkontakt gut tut. Dennoch ist die sogenannte Känguru-Methode, die auch als „Känguruhen“ bezeichnet wird, erst seit Ende der Siebziger Jahre populär, als sie von zwei kolumbianischen Kinderärzten aus der Not heraus entwickelt wurde. Der Name verweist auf das Tierreich, wo Kängurubabys nach der Geburt außerhalb des Mutterleibs reifen, und zwar im Beutel vor dem Bauch des Muttertiers. Sprecherin: In der Klinik der kolumbianischen Ärzte gab es keine Heizung und zu wenige Inkubatoren, weshalb man zunächst mehrere Frühgeborene zusammenlegte. Dadurch stieg aber die Infektionsgefahr und mehr Babys starben. MUSIK All is loved Daraufhin band man die zarten Frühchen mit einem Tuch vor den Oberkörper ihrer Mütter. Sie waren nun Haut zu Haut mit der Mutter in Kontakt. Tatsächlich überlebten mehr Babys und auch die Mütter profitierten, denn sie konnten ihr Kind besser kennenlernen und somit eine engere Bindung aufbauen. Sprecherin: Auch Babys, die pünktlich auf die Welt kommen, lässt man mittlerweile so schnell wie möglich auf die Haut der Mutter. Ist dies aus medizinischen Gründen nicht möglich, kann ein Säugling zwar die fehlende Nähe kompensieren, jedoch nur für eine bestimmte Zeitspanne. Kinder, die verwahrlost und ohne liebevolle Zuwendung aufwachsen müssen, erleiden irgendwann mit ziemlicher Sicherheit körperliche und seelische Schäden. Sprecher: Der feinfühlige Körperkontakt, die Erfahrung, dass Umwelt und Bezugsperson sich liebevoll verhalten, schützen dagegen ein Leben lang: MUSIK Crystal Memories O-Ton 8 Karl Heinz Brisch 00:38 „Wenn die Kinder größer werden, wird diese Erfahrung von emotionaler Sicherheit innerlich im Gehirn abgebildet, in einem Arbeitsmodell von Bindung. Und wenn dieses Arbeitsmodell sagt, wann immer ich in dieser Welt Angst habe, kommen Bindungspersonen und helfen mir. Jetzt reicht es, wenn die Kinder drei, vier, sechs, acht, zehn sind, aus, sich daran zu erinnern, wie es wäre, wenn die Bindungsperson jetzt käme, wenn ich Angst bekomme, und ich erinnere mich daran, wie es wäre, die würde mich jetzt tröstend in den Arm nehmen, und dann kann ich als Kind mich plötzlich selber beruhigen, kann angstvolle Situationen besser überstehen, als wenn ich diese Sicherheit nicht an Bord habe.“ Sprecherin: Babys und Kleinkinder haben normalerweise keine Scheu, ihr Bedürfnis nach Körperkontakt einzufordern. Sie klammern sich an die Mutter, klettern auf den Schoß ihrer Bezugsperson, wollen getragen werden oder kriechen zu ihren Eltern ins Bett. Bindungsforscher und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch sieht dennoch die Gefahr, dass körperliche Zuwendung im digitalen Zeitalter zu kurz kommt: O-Ton 9 Karl Heinz Brisch 00:25 „Wenn wir heute sehen, wie Mütter mit Babys unterwegs sind und dann während sie unterwegs sind noch sehr viel mit ihrem Smartphone im Kontakt sind und das Smartphone mehr streicheln und berühren als das Baby, dann ist es nicht verwunderlich, dass Babys schon ganz scharf sind auf dieses Smartphone und auch anfangen, das Smartphone zärtlich zu berühren und zu streicheln, weil sie dort offensichtlich einen Teil ihrer Sehnsucht nach Körperkontakt und Berührungen stillen!“ (bleibt mit der Stimme oben!) Sprecherin: Dabei ändern sich die Bedürfnisse der Kinder mit der Pubertät ohnehin: Zwar sehnen sie sich nach wie vor nach Körpernähe, suchen sie aber nicht mehr in erster Linie bei den Eltern, sondern bei Gleichaltrigen. Mit der ersten Liebe erfahren sie dann auch eine ganz neue Lust am Körperkontakt. MUSIK Assembling Sprecher: Verliebte können vom Körper des anderen erst einmal nicht genug kriegen. Allerdings berühren sich Partner oft weniger, je länger sie zusammen sind. In den USA gab es spannende Studien mit jungen Ehepaaren. Man teilte die Paare in zwei Gruppen: Die einen wurden vier Wochen lang immer wieder angehalten, sich gegenseitig zu berühren, die anderen nicht. In der Berührungsgruppe entdeckte man dann Erstaunliches: Die Laborwerte, die auf Stress hinweisen, waren reduziert, außerdem hatten die Testpersonen einen niedrigeren Blutdruck und eine erhöhte Konzentration des Bindungshormons Oxytocin im Speichel. Den Forschern zufolge kann eine Partnerschaft, in der sich die Partner gegenseitig berühren - kuscheln, streicheln oder sanft massieren – sogar das Immunsystem stärken und einen positiven Einfluss auf die seelische Gesundheit haben. MUSIK As little as light Sprecher: Wer die Kraft der menschlichen Berührungen verstehen will, muss einen Blick auf ein besonderes Sinnesorgan werfen – die Haut. Mit zwei Quadratmetern ist sie unser größtes, mit fünf Kilogramm unser schwerstes und evolutionsgeschichtlich auch unser ältestes Organ. Sprecherin: Die Haut ist das Organ des Tastsinns. In der Fachsprache hört man auch die Begriffe Tastsinnessystem oder somatosensorisches System. Eher umgangssprachlich reden wir schlicht von „Fühlen“, treffender sind die Bezeichnungen Berührungssinn oder Körpersinn. Ein schönes Bild, denn zusammen mit der Haut erfasst dieser Sinn ja auch unseren gesamten Körper. Der Tastsinn ist unser erster Sinn: MUSIK Crystal Memories Sprecherin: Bereits im Mutterbauch, in der achten Schwangerschaftswoche, reagiert ein Embryo auf Berührungen an der Stelle, die sich später einmal zum Mund ausbilden wird. Zu diesem Zeitpunkt ist der werdende Mensch nur etwa einen bis zwei Zentimeter groß, andere Sinnessysteme wie Hör- oder Gesichtssinn entwickeln sich erst später. Sprecher: Trotzdem haben Sinnesforscher dem Tastsinnessystem lange Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dr. Martin Grunwald ist einer der wenigen Experten, die ihre Forschungen darauf konzentrieren. Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gründete der habilitierte Psychologe das Leipziger Haptik-Forschungslabor. Sein Buch „Homo Hapticus“ ist ein preisgekrönter Bestseller. Wir könnten zwar die Augen schließen und uns die Ohren zuhalten, so betont der Autor, das Tastsinnessystem dagegen sei immer aktiv: O-Ton 10 Martin Grunwald 00:42 „Ohne das Tastsinnessystem könnten wir den Unterschied zwischen äußerer Umwelt und unserem eigenen Körper gar nicht feststellen. Das heißt, wir wüssten ohne das Tastsinnessystem nicht, dass wir eine körperliche Einheit darstellen, und wir könnten uns auch von der äußeren Umwelt nicht unterscheiden. Man könnte sogar so weit gehen, dass das Tastsinnessystem Voraussetzung für die menschliche Bewusstseinstätigkeit ist. Also die Tatsache, dass wir am Leben sind, ziehen wir aus den Informationen, die uns das Tastsinnessystem zur Verfügung stellt.“ MUSIK Cristallisation Sprecherin: Doch wie funktioniert nun die Wahrnehmung einer Berührung? Wie gelangt die Information, dass uns gerade jemand streichelt, von der Haut ins Gehirn? Sprecher: In der Haut sitzen Sensoren, so genannte Rezeptoren, die am ganzen Körper Druck, Dehnung, Vibrationen, Kälte, Wärme, Jucken oder Schmerzen registrieren. Die Rezeptoren haben ungewöhnliche Namen wie Vater-Pacini-Körperchen, Merkel-Rezeptoren oder Meissner-Körperchen und befinden sich millionenfach in der Haut. Sie registrieren jede noch so kleine Veränderung ihrer Umwelt und leiten sie an die Nervenfasern weiter. Sprecherin: Das sind die „Nachrichtenhotlines“ zum Gehirn, wo die ankommenden Signale in speziellen tastsensiblen Bereichen registriert und verarbeitet werden. Körperstellen, an denen sich viele Rezeptoren befinden, beispielsweise Lippen oder Genitalien, nehmen einen entsprechend großen Bereich ein. Sprecher: Eine Berührung ist - rein technisch gesehen - nichts anders als eine Verformung der Haut: O-Ton 11 Martin Grunwald 00:46 „Durch die Verformung der Körperhaut werden eine ganze Reihe von tastsensiblen Rezeptoren erregt und diese Erregungsmuster werden als kleine elektrische Impulse an das Gehirn weitergeleitet. Und das Gehirn produziert dann seinerseits verschiedene Neurotransmitter, wir erleben positive oder negative Emotionen. Und gleichzeitig wird durch die Ausschüttung der Hormone über die Blutbahn der gesamte Organismus verändert. Also die Herzfrequenz wird in der Regel langsamer, die Muskulatur entspannt sich, die Atmung wird flacher. Also Berührungsreize haben immer eine ganzkörperliche Reaktion zur Folge – in Form von Spannungs- oder Entspannungszuständen.“ MUSIK As little as light Srecher: Im Jahr 1999 machten schwedische Forscher eine spannende Entdeckung: Sie fanden eine bis dahin unbekannte Art von Rezeptoren und dazugehörige Nervenleitungen, die so genannten C-taktilen Fasern. Diese sind spezialisiert auf sanfte, rhythmische Berührungen, die mit einer Geschwindigkeit von etwa drei Zentimetern pro Sekunde ausgeführt werden. Ganz klar: Diese trockenen Daten sind der Steckbrief einer Streicheleinheit. MUSIK Assembling Sprecherin: Die Wissenschaftler hatten sozusagen die „Zärtlichkeitsleitung“ gefunden. Eine Nerven-Hotline, die ausschließlich für zärtlichen Input geschaffen ist. Die C-taktilen Fasern befinden sich an allen behaarten Körperstellen. Das heißt, es gibt sie beispielsweise nicht an den Fußsohlen oder an den Handinnenflächen. Vermutlich ist das der Grund, warum uns eine rhythmische Berührung an der Fußsohle eher kitzelt als wohltut. Da liebevolle und sanfte Berührungen für unsere Entwicklung und unser Wohlbefinden existentiell sind, erscheint es evolutionär gesehen logisch, dass es auch auf neuronaler Ebene entsprechende Strukturen gibt. Dennoch galt diese Entdeckung zunächst als Sensation: O-Ton 12 Müller-Oerlinghausen 00:27 „Man könnte sich ja vorstellen, Wohlgefühl entsteht dadurch, dass verschiedene Eindrücke – Druck, Temperatur, Streichen, und so weiter, Berührung eben, im Gehirn irgendwie zusammengesetzt werden, und dass daraus dann ein Wohlgefühl entsteht - quasi auf irgendeiner Ebene. Es ist aber anders, das Wohlgefühl als solches wird eben durch ein eigenes Nervenfasern-Netz quasi hergestellt.“ Sprecherin: Professor Bruno Müller-Oerlinghausen ist klinischer Psychopharmakologe und ein international anerkannter Experte für die Behandlung von Depressionen. An der psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin leitete er eine Forschungsgruppe und führte dabei körpertherapeutische Methoden ein. Eine spezielle Massagetechnik, die er zusammen mit einer Körpertherapeutin entwickelte und in einer Studie erforschte, zeigte überraschend positive Effekte: Seinen depressiven Patienten ging es deutlich besser. Die so genannten psychoaktiven Massagen zielen nicht in erster Linie auf die Muskeln oder das Bindegewebe ab, sondern auf die Haut. Denn die besitzt laut Bruno Müller-Oerlinghausen eine spezifische Intelligenz: O-Ton 13 Müller-Oerlinghausen 00:35 „Sie entwickelt sich ja in der embryonalen Entwicklung aus dem sogenannten Ektoderm, das ist das äußere von den drei verschiedenen Keimblättern, die es gibt, und das Gehirn entsteht als eine Einstülpung dieses Ektoderms, das heißt, schon in der Entwicklungsgeschichte haben wir eine ganz enge Verbindung zwischen Nervensystem und Haut. Und ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Punkt, der hier bei den Wirkungen von Massage auf die Seele eine Rolle spielt.“ Sprecherin: Einige Depressionsforscher gehen davon aus, dass bei depressiven Menschen die Wahrnehmung ihrer inneren Gefühlswelt und der Außenwelt nicht zusammenpasst. Man spricht von einer gestörten „Kohärenz“. Möglicherweise können Massagen auch deshalb positiv wirken, weil sie das Körpergefühl verbessern. Sprecher: Sicher ist: Berührungen beeinflussen unsere Stimmung, unser Denken und unsere Gefühlswelt auf eine faszinierende Art und Weise: O-Ton 13 Bruno Müller-Oerlinghausen 00:36 „Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass eine Massage vor der Operation dazu führen kann, dass die Patienten aus der Narkose besser aufwachen, dass sie weniger strampeln, weniger unruhig sind… Das ist ähnlich wie die Massage bei Schwangeren, wo wir auch Befunde haben, dass eine wiederholte Massage dazu führt, dass Schwangere bei der Entbindung weniger Schmerzen haben, weniger Schmerzmittel brauchen, und vor allem dass das Risiko geringer wird, dass sie nach der Entbindung depressiv werden. MUSIK As little as light Sprecherin: Berührungen spielen eine große Rolle für unser soziales Leben und unsere Beziehungen. Doch immer mehr Menschen leben in Singlehaushalten, und auch die Arbeitswelt reißt Familien auseinander. Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe ist bei Menschen in allen Altersstufen oft groß und ungestillt. Psychologe Martin Grunwald würde sich wünschen, dass es Veranstaltungen wie Kuschelabende in Zukunft auch auf Rezept gibt. Und auch Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch sieht gesellschaftlichen und politischen Handlungsbedarf: O-TON 14 Karl Heinz Brisch 00:26 „Wir haben genügend Altenpflegerinnen und Altenpfleger, die sagen, ich würde das gerne tun, manchmal einen alten Menschen dann tröstend in den Arm nehmen und ein bisschen die Hand halten und Zeit und ein Ohr haben, aber bei den heute ökonomisierten Abläufen, auch in der Altenpflege, genauso wie in der Kinderkrankenpflege oder dergleichen, bleibt dafür leider wenig Zeit und das braucht dringend eine Veränderung.
- Das Paradies - Auf der Suche nach dem Guten
13.03.2024 · 23 Min.
Sehnsuchtsort Paradies - Die Religionen beschreiben das Paradies als einen Ort, wo Überfluss und Reichtum herrschen und es keine Gewalt gibt. Das Paradies ist ein Gegenentwurf zum Leben im Hier und Jetzt. (BR 2020) Autor/in dieser Folge: Barbara Schneider Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Andreas Neumann Technik: Michael Krogmann Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Bernhard Lang, Theologe und Religionswissenschaftler Daria Pezzoli-Olgiati, Professorin für Religionswissenschaften Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Lilith – Adams erste Frau JETZT ANHÖREN Die Legende vom Sannikow-Land – Ein Paradies im Eis? JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator Die Menschen „lebten wie Götter und hatten das Herz ohne Kummer, ohne Plagen und Jammer. Sogar das klägliche Alter nahte nicht, sondern immer an Füßen und Händen sich gleichend, freuten sie sich am üppigen Mahl und kannten kein Unheil. Wie vom Schlaf überwältigt, starben sie; alles Erwünschte war ihnen eigen.“ (Hesiod) MUSIK kurz hoch Sprecherin Rund 700 Jahre vor Christus skizziert der Dichter Hesiod, der als Bauer in Griechenland gelebt hat, den Mythos einer vollkommenen, glücklichen Zeit. In seinem Lehrgedicht „Werke und Tage“ nennt er diese Zeit das ‚Goldene Zeitalter‘ und meint damit eine perfekte Urwelt, die er ganz zu Anfang der Menschheitsgeschichte verortet. Diesen idealen Urzustand gibt es nicht mehr. MUSIK 2: James Horner: „Betrayed“ Nach und nach hat sich die Welt vom Guten zum Schlechten gewandelt, auf das Goldene Zeitalter folgten weitere Zeitalter, in denen das Leben für die Menschen immer mühsamer wird und nach und nach Gewalt und Krieg in die Welt kommen. Nunmehr, so sieht es Hesiod, lebt der Mensch im ‚eisernen Zeitalter‘, wo Gewalt herrscht, Recht gebrochen wird, die Menschen körperlich schwer arbeiten müssen und der Alltag von Sorgen begleitet ist. Den Menschen bleibt nur die Hoffnung, dass irgendwann das Goldene Zeitalter zurückkehrt. Sprecher Der Mythos vom Goldenen Zeitalter, wie ihn Hesiod aufschrieb, findet weite Verbreitung in der Antike. Andere Schriftsteller greifen diese Vorstellung auf. Aber nicht nur in der antiken Mythologie gibt es die Idee einer vollkommenen, glücklichen, ja paradiesischen Zeit, sagt der katholische Theologe und Religionswissenschaftler Bernhard Lang: 1 OT Bernhard Lang Eigentlich findet man in sehr vielen Kulturen Vorstellungen von einer idealen Urzeit, von einem goldenen Zeitalter auf das dann ein langsamer Abfall folgt, der dann schließlich in der Gegenwart, im eisernen Zeitalter, endet, also in unserer relativ schlechten Zeit. Und man sehnt sich auf eine große Zeitenwende, die die ganze Geschichte wieder an den Anfang, in das Goldene Zeitalter zurückführt. Sprecher Die Weltliteratur kennt zahlreiche und unterschiedliche Geschichten von einer idealen Urzeit. Von Orten, an denen Frieden und Harmonie zwischen Gott beziehungsweise Göttern und den Menschen herrscht. Die wohl berühmteste Erzählung findet sich am Anfang der Bibel. MUSIK 3 Marcus H. Rosenmüller: „Amrita und... aus: Sommer in Orange“ + ATMOS Vogelgezwitscher, Löwe, Affe, Gewitter Sprecherin ‚Garten Eden‘ nennt die Bibel den Ort, den Gott geschaffen hat. Hier kümmert sich Gott um den Menschen. Er pflanzt Bäume an, von deren Früchten sich der Mensch ernährt. Eine Quelle bewässert das Paradies und sorgt dafür, dass in dem Garten alles wächst und gedeiht. Hier lebt der Mensch in einem Urzustand, in dem es keinen Tod gibt. Atmo Ende Sprecherin Der Religionswissenschaftler Bernhard Lang beschreibt das biblische Paradies als ‚Wildpark‘. Dabei verweist er auf die Herkunft des Wortes „Paradies“ aus dem Persischen. In der griechischen Übersetzung der biblischen Paradieserzählung wird dieses Wort zum ersten Mal gebraucht. ‚Paradies‘, sagt der Theologe, bezeichnet einen umfriedeten Park, einen Wildpark, wie man ihn in der Antike im persischen Raum fand. So verwendet es der griechische Schriftsteller Xenophon, der als Heerführer im Dienst des persischen Königs Kyros stand: 2 OT Bernhard Lang Paradies als Stichwort ist ein persisches Wort, von dort ins Griechische gekommen. Um das Jahr 400 vor Christus hat Xenophon einen solchen Wildpark kurz beschrieben. Er gehört dem König Kyros … dort gibt es große Bäume und vor allem wilde Tiere, die der Herrscher erlegt. Also eine Vorstellung, die mit dem Königtum zu tun hat und die besagt, der König bändigt die Natur. Dieser Wildpark ist gebändigte Wildnis und genau das haben wir in der biblischen Paradies-Erzählung als erste fast unsichtbare Grundlage. Das sehen Sie sehr leicht, wenn Sie bedenken, dass Adam, kaum ist er geschaffen, den Tieren vorgestellt wird oder die Tiere ihm und er Namen gibt.… Die ursprüngliche Gestalt der Paradieserzählung machte Adam zu einem Tierpfleger oder Aufseher eben dieses Jagdparks. Sprecher Dieser Park ist ein Ort, an dem der Mensch alles hat, was er zum Überleben braucht. Sprecherin Gleichzeitig ist der Urzustand als Wildpark allerdings nur eine Dimension dessen, wie die Bibel das Paradies beschreibt. Denn, sagt der Professor für Altes Testament und Religionswissenschaft, Bernhard Lang, die alte Paradieserzählung wurde durch einen Textzusatz erweitert und damit zu einer Erzählung über einen Liebesgarten umgearbeitet: 3 OT Bernhard Lang Den Ursprung eines Liebesgartens kennen wir nicht. Woher die Idee eigentlich kommt, wissen wir nicht. Aber der Liebesbaum in der Mitte des Paradieses ist bekannt: Baum der Erkenntnis, der Baum der Liebe, Baum des Liebesspiels. Und gedacht ist hier an eine Pflanze, die die Liebeslust des Paares befördert. Im Hohelied Salomons in der Bibel kommt auch das Wort Paradies, hebräisch Pardes, vor, also ein Fremdwort im Hebräischen. Und dort wird der Körper der Geliebten als ein Paradiesgarten geschildert: „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut ein verschlossener Born, ein versiegelter Quell an deinen Wasserrinnen, ein Granatapfel-Paradies mit köstlichen Früchten, Henna-Dolden samt Narden-Blüten, Narden, Krokus, Gewürze und Zimt“. Alle Weihrauchbäume, also alle Wohlgerüche des Orients sind hier in diesem Garten, der mit dem Leib der Geliebten gleichgesetzt wird, versammelt. Sprecher Über die Jahrhunderte hinweg hat diese Erzählung den Theologen Rätsel aufgegeben. Exegeten und Interpreten der Bibel stritten heftig darüber, ob Adam und Eva im Paradies miteinander geschlafen hatten. Sie entwarfen wilde Theorien davon, wie eine Fortpflanzung ohne Sexualität im Paradies möglich gewesen sein könnte. Für den Theologen Bernhard Lang ist klar: In der Erzählung verbietet Gott den Beischlaf. Dahinter steckt seiner Auffassung nach ein altes mythisches Gedankengut, nach dem die Götter das Geheimnis der Fortpflanzung für sich behalten wollen. MUSIK 4 Sergio Assad: “L'Alba” aus: Yesterday's Tomorrow M0052797101 (26 Sekunden) Sprecherin Adam und Eva ist es strikt verboten, von dem Baum der Erkenntnis zu essen. Dass sich das erste Menschenpaar nicht an dieses Verbot hält und sich vom Widersacher Gottes verführen lässt, hat Konsequenzen. Die Menschen entdecken die sexuelle Lust, gleichzeitig setzt die Übertretung des göttlichen Gesetzes, nicht von dem Baum zu essen, dem Aufenthalt im Paradies ein jähes Ende. Gott wirft das erste Menschenpaar aus dem Paradies. MUSIK 5 Philip Glass: I. In the summer house Sprecher Das Paradies, wie es die Bibel beschreibt, gibt es nicht mehr. Was bleibt ist die Erzählung von einem idealtypischen Ort. Der Garten Eden wird zum perfekten Ort, der im Gegensatz zur Lebenswelt der Menschen steht: Wo die Menschen hart arbeiten müssen, um sich und ihre Sippen zu ernähren. Wo Hungersnot und Dürre den Alltag bestimmen. Und wo sie mit Kriminalität und Gewalt konfrontiert sind. Das Paradies, wie es beispielsweise die Bibel beschreibt, ist ein perfekter Gegenentwurf zur realen Welt und zu den Erfahrungen des Alltags. Religionswissenschaftler haben für diese Vorstellungen den Begriff ‚Gegenwelten‘ geprägt: 4 OT Pezzoli-Olgiati Das sind Welten, die man nur durch religiöse Erzählungen oder religiöse Bilder kennenlernen kann, weil sie nicht zur Verfügung stehen für die menschliche Erfahrung. Und ich denke, die Paradiesvorstellungen gehören zu diesen Gegenwelten. Das sind so Entwürfe von Welten, die vermittelt werden, in Religionen durch verschiedene Medien. Sprecher Diese Gegenwelten haben eine Funktion. Sie wollen erklären, warum die Welt so ist, wie sie ist, sagt Daria Pezzoli-Olgiati, Professorin für Religionswissenschaften an der LMU München. So gesehen steckt hinter den Gegenweltsentwürfen ein je eigenes Welt-Erklärungsmodell - bei dem ein religiöses Weltbild zum Ausdruck kommt, in dem aber auch die jeweiligen religiösen Grunderfahrungen reflektiert werden: 5 OT Pezzoli-Olgiati Die Idee: früher war der Menschen in einer ganz anderen Situation, einer idyllischen Situation, im Paradies vor unsere Schöpfung fast. Und da mussten die Menschen gar nichts tun, einfach nur genießen und da sein. Aber aus dem Gründen, die wir meist kennen: Versuchung, Lust mehr zu wissen, Lust mehr zu können, verschwand dieser Zustand und die Menschen lebten dann so, wie wir es kennen. Also diese Mythologien tendieren dazu den Zustand zu erklären als eine Entwicklung einer irrealistischen und stabilen Zeit zu unserer Zeit, und ich denke, Paradies-Mythologien gehören auch dazu. Sie zeigen auf, dass das Leben, dass das Leben, das wir haben, eigentlich fragil, nicht ganz beherrschbar ist und versuchen, das zu kontrastieren mit Welten, die ganz stabil und wunderbar sind. Sprecher Die Welt, in der wir leben, ist fragil und verwundbar. Das ist, wenn man so will, eine menschliche Grunderfahrung mit der sich religiöse Weltbilder auseinandersetzen. Dabei entwerfen sie nicht nur Idealbilder davon, wie die Welt einmal gewesen sein könnte. Viele Kulturen kennen die Zukunftssehnsucht und Hoffnung auf ein Paradies als Ziel- und Endpunkt des Lebens. Sprecherin In der Mythologie spielt der perfekte Ort im Jenseits immer wieder eine Rolle. In der griechischen Mythologie stellt man sich das Paradies als einen Ort vor, der fernab von der empirisch erfahrbaren Alltagswelt liegt, sagt Bernhard Lang: 6 OT Bernhard Lang Das ist die Idee des Elysiums der altägyptischen und griechischen Mythologie, also ein idealer Ort ewigen Frühlings und Sommers, manchmal auch in die Unterwelt verlegt, so in der Aeneis des Vergils, manchmal als ferne Inseln aufgefasst, als Aufenthaltsort der Seligen auch der Toten. MUSIK 6 James Horner: „First Recognition“ (42 Sek.) Sprecherin Die Literaturgeschichte kennt zahlreiche Werke, die diese mythologischen Erzählungen aufgreifen. Wohl das bekannteste Beispiel ist der italienische Dichter Dante Alighieri. Er wählt im Mittelalter, um 1300 nach Christus, Vergils „Aeneis“ als Vorlage für seine „Göttliche Komödie“. In dem Epos durchwandert Dante als Ich-Erzähler zusammen mit seinem Jenseitsführer Vergil die Hölle, er erklimmt den Berg der Läuterung, wo er selbst Buße tun muss, ehe er endlich die Spitze des Berges und den Eingang zum irdischen Paradies erreicht. . 7 OT Bernhard Lang Wer dort anlangt, der betritt das irdische Paradies, das dem Elysium der griechischen Mythologie entspricht. Dort wird der Wanderer, das ist Dante selbst und sein Führer Vergil von der Freundin oder Geliebten Dantes empfangen. Hier kommt es also zu einer großen emotionalen Begegnung. Diese Idee des Wiedersehens im Jenseits in einer paradiesischen Landschaft kommt aus der antiken Welt und ist bis heute eben sehr weit verbreitet.
- Seelenwanderung in den Religionen - Reinkarnation und Wiedergeburt
13.03.2024 · 23 Min.
Leben wir mehr als einmal? Eine Frage, die Menschen immer schon beschäftigt. Antworten findet man vor allem im Hinduismus und Buddhismus, aber auch in anderen religiösen Vorstellungen. Was genau besagen die Konzepte von Seelenwanderung und Wiedergeburt und welche Konsequenzen können sie für das alltägliche Leben haben? (BR 2022) Autor/in dieser Folge: Sylvia Schopf Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Franziska Ball, Christian Jungwirth, Christian Schuler Technik: Daniela Röder Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Jens-Uwe Hartmann, Professor em. am Institut für Indologie und Tibetologie an der Ludwig-Maximilian-Universität, München Franz Winter, Religionswissenschaftler, Professor an der Karl-Franzens-Universität, Graz Josef-Franz-Thiel, Professor em. der Ethnologie, ehemaliger Direktor des Weltkulturenmuseums, Frankfurt Engin Iktir, Reinkarnationstherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie in Frankfurt/Main radioWissen hat noch weitere hörenswerte Folgen zum Thema: Der Buddhismus - Von Indien in die Welt JETZT ANHÖREN Diwali - Das hinduistische LIchterfest JETZT ANHÖREN Feuer in den Religionen - Erleuchtung, Reinigung, Wandel JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Ronald Zürner, Reinkarnation – Einführung in die Wissenschaft der Seelenwanderung, Govinda Verlag, Zürich 2005 Harald Wiesendanger, Wiedergeburt – Herausforderung für das westliche Denken, Fischer Verlag, Frankfurt /Main Jack Hawley (Hrsg.) Bhagavad Gita – Der Gesang Gottes, eine zeitgenössische Version für westliche Leser, Übersetzung, Peter Kobbe, Goldmann Verlag München Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO: Herzschlag + Atmung (auch dem Folgenden unterlegen) SPRECHERIN Der Mensch atmet. Das Herz schlägt. Kommt beides zum Stillstand, gilt der Mensch als tot. Und dann? ATMO (endet) ZITATOR Das war’s! Aus und vorbei. Mit dem Tod endet alles. SPRECHERIN So die Haltung von Atheisten, für die weder Gott noch Götter oder ein Leben nach dem Tod existiert. Doch gibt es wohl kaum eine Religion, die nicht davon ausgeht, dass es im Menschen eine Lebenskraft, ein Lebensprinzip gibt, das auch „Bewusstsein“, „Höheres Selbst“ oder „Seele“ genannt wird, das beim Tod den Körper verlässt und weiter existiert. Und wie sieht das aus? SPRECHER Sind Körper und Seele auch über den physischen Tod hinaus miteinander verbunden? Oder existieren sie unabhängig voneinander? Durchlebt jede Seele nur ein einziges Leben oder mehrere? MUSIK (m03, Sinfonie Nr.4 G-Dur, Gustav Mahler, 1:05) O-Ton 01 (0’15) Franz Winter Prinzipiell gilt fürs Christentum: Es gibt eine sehr enge Anbindung der Seele an den Körper, was sich vor allem darin spiegelt, dass man die beiden – Körper und Seele - nicht auseinanderdividieren kann; und gemeint ist durchaus, dass am Ende der Zeiten sozusagen Körper und Seele zusammengefügt wird. SPRECHERIN Erklärt der Grazer Religionswissenschaftler und Universitätsprofessor Franz Winter. Nach christlich-jüdischem Verständnis durchläuft also eine Seele in einem Körper ein Leben. Am letzten Tag der Welt, dem sogenannten „Tag des Jüngsten Gerichts“, an dem die Toten wieder auferstehen, vereint sich die Seele dann wieder mit dem einstigen Körper. „Eine Seele - ein Körper – ein Leben“ - dies ist das Konzept von Christentum, Judentum und auch dem Islam. – Aber, könnte es nicht auch anders sein? MUSIK hoch ZITATOR „Ist es denn ausgemacht, dass meine Seele nur einmal Mensch ist?“ 1) SPRECHER Fragt der Dichter, Dramatiker und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing und der französische Aufklärungsphilosoph Voltaire formuliert kurz und knapp: ZITATOR „Zweimal geboren zu werden ist nicht erstaunlicher als einmal.“ 2) MUSIK (Z8015897130, Lethargia more red, 1:00) SPRECHERIN Schon die Grabbeigaben vieler Kulturen, die den Toten ins Jenseits begleiten sollen, lassen vermuten, dass die Menschen bereits in früheren Zeiten an so etwas wie „Wiedergeburt“ glaubten. Eine Vorstellung, die möglicherweise aus der Beobachtung der Natur entstand, in der es ein beständiges Werden und Vergehen gibt: Sonne und Mond, die Jahreszeiten, die Pflanzen – alles kommt und geht. Wieder und immer wieder. Warum sollte das nicht auch für den Menschen gelten, der ja Teil dieses Kosmos’ ist? MUSIK hoch SPRECHERIN Viele sogenannte „Ur- oder Naturvölker“ gehen davon aus, dass man mehr als einmal lebt, erzählt Josef-Franz Thiel, Ethnologe, Religionswissenschaftler und ehemaliger Direktor des Weltkulturenmuseums in Frankfurt: O-TON 02 (0’33) JOSEF F. THIEL Die meisten Ethnien haben die Vorstellung von zwei Seelen. Davon gehen sie aus. Da ist zunächst die Lebensseele oder Körperseele wie man sie auch nennt. Wenn der Mensch stirbt, ist auch diese Seele mitgestorben. Die zweite Seele ist die Freiseele. Wenn der Mensch nachts träumt, geht sein Leben weiter, aber sie geht auf Wanderschaft. Und wenn er stirbt, stirbt sie nicht. Sie überlebt und wird dann in das Ahnenreich gehen. SPRECHERIN Von dort kann sie auch wiedergeboren werden und zwar als Nachkomme innerhalb ihrer einstigen Familie, dem Clan oder der Sippe. Deshalb versuchte man früher gleich nach der Geburt eines Kindes mittels magischer Praktiken herauszufinden, welcher Ahn in dem Neugeborenen wiederauflebt und entsprechend folgte die Namensgebung. SPRECHER Auch in der europäischen Tradition kennt man diesen Brauch. Kinder werden nach Großvater, Großmutter oder einem anderen Familienangehörigen benannt. Ein Hinweis oder eine Hoffnung, dass in den Enkeln etwas von den Vorfahren fortlebt. MUSIK (M0011691Z00, Sitar masters, 0:15) ZITATOR Wie ein Mensch alte Kleider ablegt und neue anzieht, so gibt die Seele alte und unbrauchbar gewordene Körper auf und nimmt neue physische Körper an. 3) SPRECHER Heißt es in der Bhagavad Gita, einer der zentralen Schriften des Hinduismus. Was es mit der Seele in dieser Religion auf sich hat, erklärt der Indologe Jens-Uwe Hartmann, emeritierter Professor der Ludwig-Maximilian-Universität in München: O-TON 03 (0’27) Im Hinduismus geht man davon aus, dass es eine dauerhafte Einheit gibt, die tatsächlich von einer Existenz in die nächste weiterwandert. Das indische Wort dafür ist Atman. Und das wird bei uns mit Seele übersetzt. Etwas, was uns ausmacht. Etwas Dauerhaftes, nicht Greifbares, das dem Menschen innewohnt und ihn begleitet. MUSIK (C1523050011, Harappa, 0:45) ZITATOR Für die Seele gibt es weder Geburt noch Tod. Sie ist immerwährend, ewig dieselbe, unwandelbar und wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird. Nach dem Tod verlässt sie den Körper; um in einem anderen wiedergeboren zu werden. 4). SPRECHERIN Heißt es in Bhagavad Gita.)) Im Hinduismus kann man also von einer Seelenwanderung sprechen. Denn eine Seele kommt immer wieder in neuen, anderen Körpern in die Welt. Im Buddhismus hingegen gibt es keine dauerhafte, unvergängliche Seele, erzählt der Indologe und Buddhismus-Spezialist Jens-Uwe Hartmann: O-TON 04 (0’34) JENS-UWE HARTMANN Das liegt daran, dass der Buddhismus von der Grundwahrheit ausgeht, dass alles vergänglich ist. Und von dieser Voraussetzung aus, kann es keine dauerhafte Seele geben, die von einer Existenz in die nächste wandern würde. Im Buddhismus nimmt man an, dass so ein Bewusstseinsimpuls von einer Existenz in die nächste weitergeht. Im Todesfall verlässt das Bewusstsein den Körper und dass die Summe der guten und schlechten Verhaltensweisen, gekoppelt an das Bewusstsein, weiterwandert. SPRECHERIN Und was unterscheidet nun die Vorstellung einer ewigen, unveränderlichen Seele vom buddhistischen Konzept des Bewusstseins? O TON 05 (0’17) JENS-UWE HARTMANN Das Bewusstsein ist ein Prozess, der sich ständig ändert. Das ist keine Sekunde lang gleich. Unser Bewusstsein ändert sich in einem Moment durch die ständig neuen Eindrücke, die wir erleben. Es ist wie ein Bankkonto, auf dem Soll und Haben verbucht wird und das man in die nächste Existenz mitnimmt. SPRECHERIN Und diese Eindrücke und Erfahrungen ebenso wie alle Handlungen, Gedanken und Gefühle, die jeder im Verlauf seines Lebens erfährt, haben Auswirkungen auf das aktuelle oder das nächste Leben. Und alles, was dem Menschen im jetzigen Leben widerfährt, hat seine Ursachen in vergangenem Tun - in dieser oder einer früheren Existenz. Das ist die Lehre vom Karma, einem zentralen Prinzip von Buddhismus und Hinduismus. SPRECHER Karma ist das kosmische Gesetz von Ursache und Wirkung. Was immer man tut, denkt und empfindet, hat Konsequenzen in der Zukunft nach dem Motto, das sich auch bei Paulus in der Bibel findet: ZITATOR „Was der Mensch sät, wird er ernten.“ 5) SPRECHER Oder populär ausgedrückt: „Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ SPRECHERIN Die Karmalehre ist elementar für das Konzept der Wiedergeburt. Denn das Karma – also alles Tun - bestimmt, in welchem Körper, welcher Familie, welchem Land, unter welchen Umständen die Seele bzw. das Bewusstsein wiedergeboren wird. Was das konkret bedeuten kann, erläutert der Indologe Jens-Uwe Hartmann: O-TON 06 (0’30) JENS-UWE HARTMANN Jemand, dem es in diesem Leben schlecht geht, der hat zu einem früheren Zeitpunkt versäumt, bessere ethisch-moralische Grundlagen zu leben, die sein jetziges Leben verbessert hätten. Und das wird als Ansporn genommen. Wenn du willst, dass es dir in der Zukunft bessergeht, musst du jetzt dafür Sorge tragen, dich so zu verhalten, dass du die Grundlagen dafür schaffst. Das ist im Grunde die Quintessenz der ethischen Vorstellungen in allen indischen Religionen. Die Verantwortung des Einzelnen ist zentral.