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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

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  1. Trauer - Mut zum ganz eigenen Weg

    19.11.2023 · 23 Min.

    Trauer ist eine Emotion, der alle in ihrem Leben früher oder später begegnen. Umso erstaunlicher ist, dass in der westlichen Welt der Umgang mit Trauer und Trauernden so schwerfällt. Phasenmodelle der Trauer, wie das von Kübler-Ross gelten heute als überholt. Stattdessen gehen Psychotherapeut:innen von ganz individuellen Trauerverläufen aus. (BR 2021) Autorin: Yvonne Maier Credits Autor/in dieser Folge: Yvonne Maier Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Johannes Hitzelberger, Julia Fischer Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Susanne Poelchau Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Megan Devine, Psychotherapeutin, Buchautorin; Patrick O‘Malley, Psychotherapeut, Buchautor; Robert Neimeyer, Professor für Klinische Psychotherapie, Universität von Memphis, Tennessee, USA; Sigrid Weigel, Kulturwissenschaftlerin, ehem. Leiterin Zentrum für Literatur und Kulturforschung in Berlin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Farewell - Goodbye - Von kleinen und großen Abschieden JETZT ANHÖREN Was uns tröstet - Kraft in der Krise JETZT ANHÖREN Wird schon! Die Kraft der Zuversicht JETZT ANHÖREN Hoffnung - Die Stille Kraft JETZT ANHÖREN Der Tod und wir - Rebellion gegen die Endlichkeit JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Megan Devine: Es ist okay, wenn du traurig bist. Warum Trauer ein wichtiges Gefühl ist und wie wir lernen, weiterzumachen, mvgverlag. Patrick O'Malley: Getting Grief Right. Finding Your Story of Love in the Sorrow of Loss (englischsprachig), Sounds True Inc. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  2. Tierprodukte in der Medizin - Heilmittel oder Aberglaube?

    15.11.2023 · 23 Min.

    Tigerknochen, das Horn des Nashorns oder Seepferdchen: In vielen asiatischen Ländern werden ihnen eine heiligende Wirkung nachgesagt. Inzwischen sind viele dieser Tiere vom Aussterben bedroht. (BR 2019) Autorin: Claudia Steiner Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Jerzy May, Clemens Nicol, Benedikt Schregle Technik: Peter Preuß Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Michael Huber (Heilpraktiker und Schulleiter des Instituts für Aus- und Weiterbildung in Chinesischer Medizin, München); Rainer Nögel (Münchner Mediziner und Präsident der Internationalen Gesellschaft für Chinesische Medizin) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  3. Leistungsgesellschaft - Falle der Moderne?

    15.11.2023 · 22 Min.

    Leistung! Überall wird Leistung gefordert. Wer viel leistet, der verdient auch viel - diese Rechnung gilt als fair. Aber stimmt das überhaupt? Und seit wann gibt es überhaupt das Konzept der Leistung? (BR 2017) Autorin: Nicole Ruchlak Credits Autor/in dieser Folge: Daniela Remus Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Bürkle, Beate Himmelstoß, Florian Schwarz Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Prof. Dr. Sabine Reh, Bildungsforscherin, Humboldt Universität Berlin; PD Dr. Heiko Stoff, Historiker, Universität Hannover; PD Dr. Nina Verheyen, Historikerin, Universität Köln Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Ein Lob der Faulheit - Warum es nicht nur um Arbeit geht JETZT ANHÖREN Seit wann wir für die Arbeit brennen - Geschichte der Arbeitsfreude JETZT ANHÖREN Flexibel im Beruf - Ungezwungen überarbeitet? JETZT ANHÖREN Entfremdung - Philosophie der Zerrissenheit JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. WIE WIR TICKEN - EUER PSYCHOLOGIE-PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  4. Nutztierställe im Wandel - Eine Frage der Haltung

    15.11.2023 · 23 Min.

    Ställe für Nutztiere haben sich in den letzten 100 Jahren stark verändert. Früher waren sie einfach und selbst gebaut, heute sind Ställe ausgefeilte High-Tech-Anlagen. Was erzählt uns der Stall über das Verhältnis von Mensch und Tier? (BR 2022) Autorin: Silke Wolfrum Credits Autor/in dieser Folge: Silke Wolfrum Regie: Silke Wolfrum Es sprachen: Christian Baumann, Beate Himmelstoß Technik: Wnfried Messmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Veronika Settele, Universität Bremen, Autorin von „Revolution im Stall“ und „Geschichte der Fleischarbeit“; Prof. Dr. Wilhelm Pflanz, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Tiere als Therapeuten - Wenn Tiere Seelen heilen JETZT ANHÖREN Das Tierschutzgesetz - Leitfaden zum Wohl der Tiere? JETZT ANHÖREN Macht euch die Tiere untertan? - Von der Domestikation zur Massenproduktion JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Veronike Settele (2022): Deutsche Fleischarbeit. Geschichte der Massentierhaltung von den Anfngen bis heute. C.H. Beck. Veronike Settele (2020): Revolution im Stall. Landwirtschaftliche Tierhaltung in Deutschland 1945 – 1990. Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN: Vertikalfutterverteiler mit Volumendosierung Ovulationssynchronisation mit terminorientierter Besamung Mechanisierung der Stalldungwirtschaft K (gespr. Kay) per H SPRECHER: Wer Tiere im Stall hielt, musste sich in den letzten 70 Jahren jede Menge Technik- und Management-Kenntnisse aneignen. Die guten alten Zeiten, als der Bauer oder die Bäuerin noch liebevoll eine überschaubare heterogene Tierherde individuell betreuten, sind längst vorbei. Aber: Gab es sie überhaupt jemals? War früher wirklich alles besser? O-TON 1 Wilhelm Pflanz Also in der Stallhaltung geht es den Tieren heute sicher besser als früher. Im Sommer war das gut, vor allem, weil die Tiere auch fast alle Auslauf und Weidezugang hatten. Wenn Sie in der Wintersituation die Ställe anschauen: Die hatten manchmal keine Lüftung. Das waren kleine Tropfsteinhöhlen, weil so ein Tier auch Feuchtigkeit entwickelt, also über Wasserdampf und so weiter. Und das heißt, es war oftmals Anbindehaltung. Also da sind wir heute sicherlich weiter. O-TON 2 Veronika Settele Gleichzeitig waren die Umgangsformen, ja, also ich würde einfach nicht sagen für die Tiere früher besser. Also ich wehre mich gegen jede Form von Agrarromantik. Dazu habe ich jetzt in den Quellen wenig gefunden, was dazu Anlass gäbe. Also das Leben war karg, die Tierhaltung war anstrengend, sie war schmutzig und sie hatte nicht so das beste Standing. Es war kein attraktiver Beruf, als Knecht in einem Kuhstall Kühe zu melken. SPRECHER: Prof. Dr. Wilhelm Pflanz von der Hochschule für Landwirtschaft Weihenstephan-Triesdorf und die Historikerin Dr. Veronika Settele von der Uni Bremen sind sich einig: Weder für Mensch noch Tier war das Leben im Stall früher ein Zuckerschlecken. Wobei mit „früher“ die Zeit bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gemeint ist, denn dann erst vollzieht sich in den ost- wie westdeutschen Ställen das, was Veronika Settele in ihrer preisgekrönten Dissertation „Revolution im Stall“ nennt. O-TON 3 Veronika Settele Und auch ist es dann nicht so zu imaginieren, dass alle Ställe gleich wurden zwischen 1950 und 90, aber dass doch im Wesentlichen eine starke Angleichung stattfand, wohingegen eben Ställe, also einfach Räume, in denen Tiere gehalten waren, sich sehr stark unterschieden, bevor industrialisierte oder rationelle Arbeitstechniken eingeführt worden waren. MUSIK Decesive Minds (LC-05908; EAN/GTIN: 5055312813263) 0’18 SPRECHER: In den Wirtschaftskrisen und Weltkriegen der vergangenen Jahrzehnte hatten die Menschen so viel Mangel erfahren, dass der Landwirtschaft einmütig das klare Ziel gesetzt wurde: Schluss mit der Not. Her mit dem Fleisch. Denn Fleisch gehört zum guten Leben! O-TON 4 Wilhelm Pflanz Das war gesellschaftlicher Konsens. Und deshalb hat sich die Landwirtschaft hier auch so entwickelt. Also es war ja nicht irgendwie von den Landwirten selber, sondern es hat die Politik, das hat die Wissenschaft, also meine Zunft, das haben wir gemeinsam entwickelt. SPRECHER: Ideen zur Produktivitätssteigerung gab es schon längst, sie wurden nur von den Landwirten kaum angenommen. Das änderte sich jetzt. Denn: Es fehlte an Arbeitskräften. Eimer schleppen, Ställe ausmisten, Karren schieben, das alles ist harte Handarbeit und Stallgeruch war keineswegs attraktiv. Also wanderten viele Arbeitskräfte in die Industrie ab, in der höhere Löhne, bessere Arbeitszeiten und Perspektiven winkten. O-TON 5 Veronika Settele Und diese Gemengelage führte nun in ein agrarpolitisches Programm, das versuchte, daraus das Beste zu machen, also den Bau von Ställen anzuregen, in denen mit wenig menschlicher Arbeitskraft viel Fleisch erzeugt werden konnte. MUSIK Elliptyk News (LC-10483) 0’15 SPRECHER: Eine bahnbrechende technische Innovation und enorme Arbeitserleichterung war hier die Melkmaschine, die zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts erfunden worden war, sich aber erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts flächendeckend durchsetzte. O-TON 6 Veronika Settele Während der Marketingkampagnen zur Einführung der Melkmaschine gab es die Messzahl. Die gibt es immer noch, aber sozusagen da ist sie aufgekommen so Kühe pro Stunde also K/h und mit dieser Kennzahl wurde versucht, Rinderhalter zum Kauf einer Melkmaschine zu überzeugen. SPRECHER: Per Hand konnten 6 – 8 Tiere pro Stunde gemolken werden, mit der Melkmaschine wurden daraus 50 bis 75 Kühe. Wichtig war jetzt, mit der Maschine umgehen zu können. Das war alles andere als leicht. Immer wieder durchkreuzten Euter-Entzündungen die Pläne der Produktivität. Die Zitzen der Kühe passten nicht zur Maschine. Das führte einerseits dazu, dass man die Maschinen verbesserte, andererseits glich man die Kühe den technischen Notwendigkeiten an: Durch gezielte Züchtung wurden sie melkmaschinentauglich. Ein Prozess, der sich in der Tierhaltung stets wiederholen sollte: Neue Techniken verursachen neue Probleme. Man reagiert mit wieder neuer Technik, inklusive Zucht und Gentechnik. Dem zu Grunde liegt ein enormer Fortschrittsglaube. MUSIK Elliptyk News (LC-10483) 0’15 Hielt man früher Rinder auch als Zugtiere und Düngelieferanten, wurden sie jetzt ausschließlich Produzenten von Milch und Fleisch. Ihr Kot wurde dabei mit Aufkommen des Kunstdüngers zum Problem. O-TON 7 Veronika Settele Weil eben die Aufstallung der Tiere zunehmend einstreulos wurde. Also es war kein Mist mehr, der mit Stroh vermengt war, sondern eben eine reine konzentrierte Version der Exkremente. Und heute haben wir ein Gülleproblem. Wohin mit der Gülle? Die Nitratbelastung steigt, die Eutrophierung der Gewässer ist nicht mehr beherrscht, durch eben die Konzentration vieler Tiere auf wenig Raum. SPRECHER: Bisher kostete das Entmisten der Ställe extrem viel Zeit, Kraft und Personal. Das änderte sich mit der Einführung des Spaltenbodens. Seitdem erledigen diese Arbeit die Tiere selbst, indem sie ihre Exkremente einfach nach unten treten. Dort werden diese dann über Rohre zu einer Dung-Sammelstelle transportiert. Voraussetzung dafür: Kein Stroh mehr im Stall, damit die Exkremente fließen. „Nichts tragen, was fließen kann!“, lautete ein Motto von damals. O-TON 8 Veronika Settele In der Rinderhaltung haben wir auch so einhergehend mit dem Spaltenboden die Anbindehaltung, also die gab es auch schon davor, sozusagen wurde jetzt nur der Bewegungsradius nochmal eingeschränkt, damit sichergestellt ist, dass die Tiere über den Spalten abkoten und urinieren, damit sozusagen die Entmistung tatsächlich möglichst rationalisiert werden konnte und man nicht doch mit Schaufel oder Besen unter der Kuh ausmisten musste. SPRECHER: Auch in der Schweinehaltung wurde der Spaltenboden Standard. Man erhoffte sich dadurch auch mehr Platz für noch mehr Tiere. Denn bisher brauchte es einen eigenen Mist-Platz für Schweine. Von Natur aus koten Schweine auf einem Extra-Platz, also nicht da, wo sie liegen. Dieser Mist-Platz fiel nun weg. Ihren so genannten Abortinstinkt konnten die Tiere nicht mehr ausleben. Ihr Bewegungsradius wurde immer geringer. 1975 betrug er für ein Schwein unter 35kg 0,45 Quadratmeter. MUSIK Genetic curiosity (LC-92557) 0’58 Die hohe Konzentration von Schweinen auf geringem Raum brachte jede Menge neuer Probleme. Die Luft wurde so schlecht, dass Schweine erstickten. Also wurden Lüftungssysteme entwickelt, die das verhinderten. Die Enge im Raum führte zu „Stress“. Die Schweine begannen sich gegenseitig aufzufressen, vor allem bissen sie die Schwänze ihrer Artgenossen ab. Die Lösung war nicht mehr Platz für die Tiere, sondern das Abtrennen der Schwänze im Ferkelalter mit einem heißen Messer. Parallel züchtete man stressresistentere Schweine. Ausschlaggebende Kriterien bei allen Lösungsansätzen waren nicht das Tierwohl, sondern Rentabilität und Produktivität, wie Veronika Settele in ihrem Buch „Deutsche Fleischarbeit. Geschichte der Massentierhaltung von den Anfängen bis heute“ immer wieder klar darstellt. O-TON 9 Veronika Settele Weil sich der Gesundheitsbegriff in der Tierhaltung mit ihrer Industrialisierung veränderte und zwar insofern, als dass gesundheitliche Probleme, die die Produktivität nicht beeinträchtigten, zunehmend hingenommen wurden und aber gesundheitliche Probleme, die die Produktivität beeinträchtigten, sehr stark in den Fokus der Tiermedizin rückte, die generell zu einer kontinuierlichen Begleiterin der Tierhaltung wurde. SPRECHER: Eine weitere Neuheit im Schweine-Stall: Die Kastenhaltung. Das Problem: Nach der Geburt erdrücken manche Muttersauen beim Hinlegen einige ihrer Ferkel durch ihr bloßes Gewicht. Die Lösung: Die Sau wird in einen Kasten bzw. eine Gitterbox gesperrt, die dies verhindert. Die Ferkel können gefahrlos an den Zitzen saugen, die Aufzuchtszahlen steigen. Die Sau kann sich dabei kaum bewegen und das mehr als die Hälfte ihres Lebens, da Sauen zwei bis dreimal im Jahr Ferkel werfen. O-TON 10 Veronika Settele Das kann man klar sagen, dass die Intensivierung der Tierhaltung einherging mit einer Verkleinerung des Bewegungsradius der Tiere. Beispiele dafür sind natürlich allen voran die Geflügel-Käfighaltung, also das ist stärkste Verknappung des Bewegungsradius. Es waren Käfige im Einsatz, in denen sich die Tiere nicht einmal mehr richtig umdrehen konnten. SPRECHER: Auch Ferkel hielt man übrigens – inspiriert von der Hühnerhaltung - eine Zeit lang in übereinander gestapelten und beheizten Käfigen. Der Raum wurde so optimal genutzt, die Ställe gab es von der Stange. O-TON 11 Veronika Settele Das ist auch eine Neuigkeit. Ställe wurden lange Zeit in nachbarschaftlicher Selbsthilfe gebaut, also das Baumaterial wurde organisiert. Und dann wurde aber in Eigenarbeit ein Stall erweitert oder umgebaut. Jetzt gibt es zunehmend vorgefertigte Lösungen und auch nur die versprechen auch die Rationalisierungsvorteile, und das heißt Ställe werden zunehmend nach dem Prinzip wie sozusagen eine Fabrik gebaut. Es gibt eine Halle, und in dieser Halle sind dann vorgefertigte Einrichtungen für die einzelnen Produktionsschritte. SPRECHER: Aufbau und Gliederung der Räume veränderten sich auch, weil eine zunehmende Spezialisierung der Tierhaltung aufkam. Abferkel-, Aufzucht-, und Mastställe wurden voneinander getrennt. Während ein Landwirt also früher Kühe, Schweine und Hühner besaß, gab es jetzt welche, die nur Ferkel hielten. O-TON 12 Veronika Settele Wobei der wichtigere Trend vermutlich ist, dass die Arbeit am Einzeltier weniger wurde oder zum Erliegen kam und das hinging zu einer Bewirtschaftung der Herde. Also sozusagen es ging weniger um die Bewirtschaftung einzelner Tiere, sondern es ging darum, die Gesamtproduktivität einer Tiergruppe im Blick zu behalten und die möglichst gewinnträchtig zu umsorgen. MUSIK Calculated momentum (LC-07573; EAN/GTIN: 4020771220021) 0’17 SPRECHER: Um Hühner in großen Mengen auf wenig Platz halten zu können, musste erst vitaminisiertes Futter Standard werden. Dieses Futter war die Voraussetzung, Hühner das ganze Jahr rund um die Uhr in Ställen zu sperren. O-TON 13 Veronika Settele Solange Hühner rumlaufen mussten und sich aus dem Boden ihre Nährstoffe zusammen picken mussten, begrenzten sie die Größe ihrer Haltung, weil sie sich ungefähr nicht weiter als 40 Meter von ihrem Stall wegbewegten. Und weil eine gewisse Quadratmeterzahl für eben einen ausreichenden Nährstoffbedarf des Huhnes notwendig war. SPRECHER: Waren Hühner-Herden früher auf 200-300 Tiere begrenzt, konnte und kann man sie jetzt zu zig Tausenden halten. Licht- und Temperatur-Anlagen gaukelten den Tieren permanenten Frühling vor und sorgten somit für eine kontinuierlich hohe Eierproduktion. In neben- und übereinander gestapelten Drahtkäfigen stand ein Huhn auf einer Fläche, die kleiner als ein DINA4-Blatt war. Aus der unbedeutenden Hühnerhaltung als Zubrot der Bauersfrau war ein gewinnbringender eigener Unternehmenszweig geworden. MUSIK Calculated momentum (LC-07573; EAN/GTIN: 4020771220021) 0’22 Gerade an der Hühnerhaltung sieht man, wie tradiertes Wissen über den Umgang mit Tieren ersetzt wurde durch eine reine Kosten-Nutzen-Kalkulation. Um neue teure Ställe zu bauen und technisch hochzurüsten, brauchten die Landwirte erstmal Geld. Auch das veränderte die Landwirtschaft. O-TON 14 Veronika Settele In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hielt der Kredit Einzug in die Tierhaltung. Und das veränderte natürlich die Konzeption des Unternehmens generell, also weil Kredite, die dann bedient werden wollen, einen Kostendruck auf die Produktion legen. Und das hat sich als wirksamster Anreiz in der Geschichte erwiesen, die Tierhalter zur Rentabilitätssteigerung zu bewegen. SPRECHER: Mit der Vergrößerung der Ställe ging auch ein Ortswechsel einher. Im Dorf war für sie kein Platz mehr, also errichtete man Ställe auf der grünen Wiese. Damit wurden lebende Nutztiere für einen Großteil der Bevölkerung unsichtbar. Tote Tiere waren dafür umso präsenter: 1950 konsumierte ein Bürger der Bundesrepublik 37kg Fleisch, 1990 waren es dreimal so viel, 100,2 Kilo MUSIK Creative percussion (LC-07573; EAN/GTIN: 4020771207756) 0’28 Ein Grund, Mensch und Tier gründlich zu trennen, bestand auch darin, Seuchen im Stall zu vermeiden. Krankheiten konnten schließlich das ganze System zum Einsturz bringen. Der Entzug natürlicher Lebensbedingungen und das Leben auf engstem Raum machen Tiere empfindlich. Die Lösung war auch hier wieder erst einmal: Chemie und Technik. Ein rigides Hygieneregime wurde etabliert. O-TON 15 Veronika Settele Das wurde Anfang der 70er-Jahre ausgetüftelt und dann eingeführt, weil Seuchengefahr im Massenstall die größte Bedrohung der Wirtschaftlichkeit wurde. Und durch Infektionsschutzverordnungen und Infektionsschutzgesetze war es beispielsweise dann betriebsfremden Menschen tatsächlich auch verboten, ohne Voranmeldung und ohne Hygieneprozeduren die Ställe überhaupt zu betreten. SPRECHER: Wer einen Schweinestall von innen sehen wollte, musste nun z.B. ab einer bestimmten Viehbestands-Größe desinifizierbare Schuhe und Schutzkleidung anziehen. Es wurden mit Natronlauge gefüllte Durchfahrbecken gebaut, mittels derer auch die Räder der Fahrzeuge desinfiziert werden konnten. O-TON 16 Veronika Settele Also es war nicht so, dass das jetzt eine rund um negative Entwicklung war, die wir betrauern sollten, sondern erst mal ist es auch Produkt gesellschaftlicher Wünsche und Vorstellungen, dass es da zu einer räumlichen Trennung kam, weil gerade Schweinehaltungen zunehmend auch deshalb verschwanden, weil mit jedem Stallneubau innerhalb eines Dorfes eine Bürgerinitiative einherging, die sich gegen den Geruch und gegen den Schweinegestank aus der Massenhaltung sozusagen in Stellung brachte. SPRECHER: Räumliche Trennung, gefüllte Kühlschränke, günstige Preise – das alles führte dazu, dass Fragen um das Tierwohl lange Zeit in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle spielten. Nur die Hühnerhaltung, Stichwort Hühner-KZ, geriet bereits in den 70ern in die Kritik. Rinder und Schweine kamen erst ab den 90ern in den Blick. MUSIK Genetic curiosity (LC-92557) 0’44 SPRECHER: Der gesellschaftliche Konsens ist heute ein anderer. Laut einer Umfrage von 2017 möchten drei Viertel der Bevölkerung strengere Gesetze, die eine „artgerechte“ Haltung gewährleisten. Es gibt inzwischen zahlreiche Gesetze und Verordnungen, die für mehr Tierwohl sorgen sollen. So ist die Hühner-Käfighaltung heute verboten. 2020 wurde die Kastenhaltung von Schweinen mit einer Übergangszeit von 15 Jahren auf wenige Tage verkürzt. Wilhelm Pflanz von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf sieht die Entwicklungen positiv. O-TON 18 Wilhelm Pflanz In der Hühnerhaltung haben wir sicherlich den größten Umbruch erlebt die letzten 20 Jahren. Das heißt, wir haben hier eine sehr starke Entwicklung zur Bodenhaltung hin und auch zur Bodenhaltung in Kombination mit Freilandhaltung. Und wir sehen das ja heute auch, wenn Sie übers Land fahren, die schönen Hühnermobile. SPRECHER: Ein Hühnermobil ändert im Schnitt alle 14 Tage seinen Platz, in manchen leben 200 Legehennen, in anderen 1500. Nachts werden sie im Stall eingeschlossen, um sie z.B. vor Füchsen zu schützen, tagsüber haben sie Auslauf. O-TON 19 Wilhelm Pflanz Wir haben aber ein voll funktionsfähiges Innenleben in diesem Stall, das heißt da ist eine Fütterungsanlage drin, ein Legenest, Entmistungs- Bereich, Kaltscharr-Raum, also alles Dinge, die wir sonst immer baulich fest im Stall haben, haben wir hier mobil. Und auch viele konventionelle Betriebe haben sich für so ein Hühnermobil entschieden, weil sie damit unmittelbar auch Zugang haben zu ihren Verbrauchern in unmittelbarer Nähe, das ist ja heute ein großer Trend neben der Ökologisierung der Landwirtschaft eben auch die Regionalisierung SPRECHER: Während die Veränderungen in der Geflügel-Haltung v.a. durch Druck von außen kamen, waren es bei der Rinderhaltung eher die Landwirte selbst, die für mehr Tierwohl sorgten. Unter anderem aus einem naheliegenden Grund. O-TON 20 Wilhelm Pflanz Gerade im Milchbereich ist es nach wie vor eine Win-win-Situation: Mehr Tierwohl im Kuhstall, wir haben eine höhere Tiergesundheit und die Kühe danken es auch oft mit sehr guten Leistungen. Da gab es ganz wenig gesetzlichen Druck, da gibt es natürlich auch Vorgaben im Rinderbereich, aber hier hat sich die landwirtschaftliche Praxis wirklich viele Lorbeeren verdient. SPRECHER: So gibt es heute Laufställe mit Melkrobotern, die der Kuh ermöglichen gemolken zu werden, wann sie es will. Ist der Druck im Euter zu groß, geht sie hin. O-TON 21 Wilhelm Pflanz Die Kuh ist somit völlig frei in ihrer Tagesgestaltung, auch das Futtermaterial wird ständig vorgelegt über sogenannte stationäre Grundfutter-Vorlage-Systeme. Gleichzeitig gibt es im Milchvieh-Bereich auch sehr viele Innovationen im Bereich des Position Livestock Farming. Das heißt, wir können heute über Digitalisierung auch den Gesundheitszustand der Tiere überwachen. Die Milchkühe haben zum Beispiel Halsbänder. Damit können wir das Laufverhalten über diese Halsbänder detektieren und können zum Beispiel sehen, wenn die Kuh in die Brunst kommt und solche Dinge oder auch das Wieder-Kauverhalten. MUSIK Spheres of live (LC-89310) 0’13 SPRECHER: Nach wie vor werden also Lösungen v.a. über neue Techniken gesucht. Auch in der Schweinehaltung gibt es heute mehr Ställe, in denen die Tiere Auslauf haben oder zumindest Kontakt mit Außentemperaturen. O-TON 22 Wilhelm Pflanz Gleichzeitig haben wir auch einen großen Trend hin zu mehr Beschäftigungsmaterial, mehr Raufutter in die Ställe zu bekommen, damit die Tiere einfach sich auch mehr betätigen können, auch Futter suchen können. Hierzu bedarf es natürlich auch Technik. SPRECHER: Zum Raufutter, also rohfaserreichem Futter, passt nicht mehr die herkömmliche Entmistungsanlage, die nur mit flüssigen Exkrementen nicht verstopft. Ebenso braucht es andere Fütterungsanlagen, denn bisher wurde homogeneres Kraft-Futter über Rohrleitungen in den Stall transportiert. Insgesamt hat sich in der Schweinhaltung aber am wenigsten getan, denn: es rechnet sich nicht… O-TON 23 Wilhelm Pflanz Also die Tierwohl-Entwicklung ist eine sehr positive Entwicklung. Gleichzeitig müssen wir aber schauen, dass die Landwirte, die Familienbetriebe natürlich es auch schaffen, dann ihre Ställe auch so umzurüsten und es auch ökonomisch schaffen. Also das ist eigentlich hier die Herausforderung. Und da tut man sich etwas schwerer, weil das Schwein vielleicht nicht sofort dieses Mehr an Tierwohl auch in höhere Leistungen umsetzt. Natürlich, es ist dann auch gesünder. Aber das Schwein ist eben auch schon ein relativ gut leistendes Tier. SPRECHER: Wollen die Landwirte weiterhin ökonomisch sein, müssen sie bei Einhaltung der neuen Tierwohl-Regelungen bzw. Wünsche entweder ihren Bestand vergrößern oder sie müssen mehr Geld verlangen. Sie sind aber vom Markt abhängig. Die Lösung sieht Wilhelm Pflanz in weniger Fleisch-Verzehr und dem Sichtbar-Machen ihrer Haltungsformen in Form von Labels. O-TON 24 Wilhelm Pflanz Das ist eigentlich der richtige Weg: Weniger Tiere mit höheren Standards und gleichzeitig diese Standards sichtbar gemacht. MUSIK Spheres of live (LC-89310) 0’22 SPRECHER: Alle genannten Trends gelten für die konventionelle wie ökologische Landwirtschaft, die hier eine Vorreiter-Rolle spielt. Mehr Platz, mehr frische Luft, mehr Abwechslung im Stall – das alles ist v.a. in der ökologischen Landwirtschaft gewährleistet. O-TON 25 Wilhelm Pflanz: Das heißt, ökologische Betriebe müssen eigentlich zwingend über einen Auslauf respektive Weide verfügen, oftmals eben im Rinder-Bereich. Gleichzeitig haben wir im Innenbereich der Stallungen immer einen hohen Anteil an Festfläche, mindestens 50 Prozent. Und diese Festfläche muss auch eingestreut sein mit einer satten Stroheinstreu, es dürfen maximal 50 Prozent Spaltenböden im Stall sein. Dann muss eben auch die Öko-Tierhaltung über Raufutter verfügen. Das heißt Raufutter zur Beschäftigung, aber auch zur Futteraufnahme. MUSIK Calculated momentum (LC-07573; EAN/GTIN: 4020771220021) 1’10 SPRECHER: Der Anteil der ökologischen Tierhaltung in Deutschland beträgt 10%, bei der Schweinehaltung nur 1%. Vegetarier, Veganer und Flexitarier nehmen zu, aber die Deutschen essen immer noch 20kg mehr Fleisch pro Person und Jahr als der globale Durchschnittsmensch. Vor allem aber: in anderen Ländern des globalen Nordens wird der Hunger nach Fleisch immer größer, allen voran in China: O-TON 26Veronika Settele Da passieren die krassesten Sachen. Also da werden Schweine-Hochhäuser gebaut, die jährlich 2,1 Millionen Schweine in einem Betrieb produzieren können, die eben in Hochhäusern mit Aufzügen und Entmistungs-Robotern gehalten werden.

  5. Bäuerinnen - Emanzipationsgeschichte auf dem Hof

    15.11.2023 · 22 Min.

    Das Leben der Bäuerin hat sich in den letzten 100 Jahren rasant verändert. Viele Bäuerinnen mussten ihre Höfe aufgegeben, andere haben sich behauptet. Es ist die Geschichte einer Emanzipation, nicht nur als Frau, sondern auch als Bäuerin innerhalb unserer Gesellschaft. (BR 2022) Autorin: Julia Zantl Credits Autor/in dieser Folge: Julia Zantl Regie: Martin Trauner Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Michael Hafner, Beate Himmelstoß Technik: Roland Böhm Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Sabine Schindler (Kreisbäuerin Schwandorf); Carola Wimschneider (Tochter von Anna Wimschneider); Simone Helmle (Dr.; promovierte und habilitierte Soziologin); Barbara Steinberger (Landwirtin) Linktipps: Eine sehenswerte Dokumentation über den Beruf Bäuerin finden Sie in der ARD Mediathek (Online bis 01.03.2024): Beruf Bäuerin - 100 Jahre FrauenGeschichte BR Fernsehen | Bayern erleben JETZT ANSEHEN Hier gibt es eine weitere spannende Folge von radioWissen: Anna Wimschneider - Naturalismus auf Niederbayerisch JETZT ANHÖREN Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER: (Traktorgeräusch…) Barbara Steinberger fährt mit einem GPS betriebenen Traktor Düngemittel aus. Was auf der Straße noch Zukunftsmusik ist, ist in modernen Agrarbetrieben gelebte Realität. Barbara muss nicht mehr lenken. Der Boardcomputer berechnet, wann der Traktor auf dem Feld wendet, um in den richtigen Abständen zu düngen. Eine riesige Arbeitserleichterung, denn Barbara kultiviert auf diesem Feld so genannte Sonderkulturen wie Margeriten zur Samenvermehrung. Daher gibt es keine Fahrrinnen, nach denen sie sich ohne GPS einfach orientieren könnte. 1 BABI STEINBERGER: (Traktorgeräusch…) bei unseren Sonderkulturen bauen wir keine Fahrgassen. Und deswegen ist es für uns eine extreme Erleichterung, weil wir eben die Spuren anlegen und mit einem Düngestreuer oder mit der Spritze ist es halt für uns so viel einfacher, weil wir von Haus aus wissen, wo müssen wir jetzad mit einer Arbeitsbreite von 24 Meter fahrn? Weil früher haben wir das Ganze dann manuell ausgesteckt mit flexible Stecker, damit wir halt wissen, wo mir fahrn und das sparen wir uns so! ERZÄHLER: Barbara hat Landwirtschaft studiert und wird in den nächsten Jahren den elterlichen Betrieb im niederbayerischen Leibelfing übernehmen. Außerdem arbeitet sie in Teilzeit als Produktmanagerin in einem großen Landtechnikunternehmen. Und als Lebenspartner hat sie sich keinen Landwirt, sondern einen Steuerberater ausgesucht. Entscheidungsmöglichkeiten, von denen eine Bäuerin vor 100 Jahren nur hätte träumen können. Eine Bauerstochter wurde entweder Magd oder Bäuerin durch Heirat. Kaum eine entkam diesem Schicksal. Barbara hingegen hat sich bewusst und nach reiflicher Überlegung für den Beruf entschieden. Als „Bäuerin“ würde sie sich allerdings nicht bezeichnen. 2 BABI STEINBERGER: I dad mi als Landwirtin bezeichnen. Unter Bäuerin versteh ich wirklich eher wie es damals war, also z.B. meine Oma, die würde ich als Bäuerin bezeichnen und Landwirtin find I unterstreicht eher des Moderne. Also I dad mi ned als Bäuerin bezeichnen. ERZÄHLER: Barbara Steinberger ist mit ihrer Meinung nicht allein. Nur jede zweite Landfrau in Bayern, die in einer Studie 2019 befragt wurde, würde sich selbst als „Bäuerin“ bezeichnen. „Bäuerin“ ruft bei vielen teils negative Assoziationen hervor wie: „altbacken“, „kein Beruf“ oder „aussterbend“. 86% der Befragten nehmen das Ansehen der Bäuerin im Vergleich zu anderen Berufen als niedrig wahr. Und fast alle schmerzt es, dass das Image ihres Berufs so schlecht sei. Ein Blick ins Agrarlexikon verrät folgendes über den Begriff Bauer bzw. Bäuerin: ZITATOR: Traditionelle Bezeichnung für Landwirte/Landwirtinnen. Sie wird heute weiterhin benutzt, weil sie in der Bevölkerung fest verankert ist. Sie erinnert auch an den früheren Stand der Bauern. ERZÄHLER: Das Berufsbild „Bäuerin“ hat sich in den letzten 100 Jahren stark gewandelt. Harte körperliche Arbeit, hohe Kindersterblichkeitsrate und Kampf gegen Hunger waren keine Seltenheit. Vor allem in Bayern, wo es schon immer viele kleine Höfe gab, waren die Bauern oft Selbstversorger und kamen gerade so über die Runden. Eine der bekanntesten Bäuerinnen erblickte 1919 im Landkreis Rottal-Inn das Licht der Welt: Anna Traunsbuger. Als Anna Wimschneider wurde sie später berühmt. Ihre Lebenserinnerung „Herbstmilch“, welche sie in den 1980er Jahren aufschrieb, ist das vielleicht authentischste und persönlichste Zeugnis einer Bäuerin ihrer Zeit und wurde zu einem ungeahnten Erfolg. Die gleichnamige Verfilmung von Joseph Vilsmaier heizte den Rummel an. Monate lang blieb „Herbstmilch“ auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste. Ihre Erzählung beginnt mit dem traumatischen Erlebnis ihrer Kindheit. MUSIK: „Wintersonnwende“ – CD80466#002 – (0:36) ZITATORIN, aus Herbstmilch, S.7: Wir warteten. Dann zogen wir die Stiege hinauf in die obere Stube. Es begegneten uns zwei Männer in weißen Kitteln. Zwei Nachbarinnen standen da, und der Vater und alle weinten. Die Mutter lag im Bett, sie hatte den Mund offen und ihre Brust hob und senkte sich in einem Röcheln. Im Bettstadl lag ein kleines Kind und schrie, was nur rausging. Wir Kinder durften zur Mutter ans Bett gehen und jedes einen Finger ihrer Hand nehmen. ERZÄHLER: Anna war gerade einmal acht Jahre alt, als ihre Mutter im Kindsbett starb. Sie war das vierte von neun Kindern und die älteste Tochter und musste von nun ab die Hausarbeit übernehmen: Einheizen, Kochen, Wäsche mit der Hand waschen und sich um ihre kleineren Geschwister kümmern. Wenn alle im Bett waren, flickte Anna die durchlöcherte Wäsche der Großfamilie, bevor sie selbst Schlafen gehen durfte. Oft fielen ihr schon vorher die Augen zu. Morgens stand Anna um 5 Uhr auf, macht Frühstück für den Vater und die älteren Brüder, melkte die Kühe und versorgte schließlich die kleinen Geschwister, bevor Sie selbst in die Schule gehen konnte. MUSIK: „Wintersonnwende“ – CD80466#002 – (0:24) ZITATORIN, aus Herbstmilch, S. 23 „So kam ich immer zu spät. Der Lehrer hatte viel Verständnis, aber der Pfarrer nie. Der schimpfte mich jeden Tag, weil ich nicht zur Schulmesse kam. Er sagte, ich müsse eben früher aufstehen, meine Brüder kämen ja auch.“ ERZÄHLER: Anna ging nur fünfeinhalb Jahre in die Schule und wurde dann wegen der Notlage am Hof befreit. Annas älteste Tochter, Carola Wimschneider, erinnert sich noch gut daran, dass ihre Mutter gern länger in die Schule gegangen wäre und einen Beruf erlernt hätte. 3 CAROLA WIMSCHNEIDER: (09:51) Sie wollte immer Krankenschwester werden. Der Wunsch hat sich für Sie nie erfüllt. Ja. Inoffiziell muss man sagen, weil sie hat ja dann die alten Leute in Schwarzenstein am Hof, den Onkel Albert, Tante Linie und Onkel Otto. Die hatte sie dann über Jahre hin zur Pflege, und da hat sie den Beruf ausreichend ausüben können. Ja, aber eben dieses offizielle Krankenschwester-lernen, das hat sich für sie nicht erfüllt. MUSIK: „Knechtl“ – C141555#013 – (0:07) 4 SIMONE HELMLE0:09:40: Frauen hatten in dieser Zeit eigentlich kaum Chance auf Bildung. Sie haben oft ein bisschen lesen gelernt, ein bisschen rechnen gelernt. Wenn sie nicht Mägde geblieben sind, sondern verheiratet wurden, muss man, glaube ich, fast noch sagen, dann sind sie sozusagen: war Kinder bekommen, den Hof sichern, aber auch für die Arbeitskräfte sorgen, den Haushalt zusammenhalten und in der Sozialgemeinschaft funktionieren. ERZÄHLER: Dr. Simone Helmle ist habilitierte Sozialwissenschaftlerin und hat Gartenbau studiert. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte der Bäuerin in Bayern beschäftigt – auch aus soziologischer Perspektive. 5 SIMONE HELMLE0:09:40: So als Einzelperson, so wie wir Frauen uns heute sehen und das ist ja auch das, was Anna Wimschneider sehr eindrücklich schildert, kamen Frauen damals eigentlich nicht vor. Das galt aber für alle Menschen auf dem Hof. Also dieses „ich“, was wir heute kennen, was uns ja auch antreibt, was wir ständig reflektieren, über was wir unsere Persönlichkeitsreife oder -Entwicklung auch definieren, das gab es in bäuerlichen Familien, vor 100, 120 oder 50 Jahren so eigentlich nicht. Das war eine Sozialgemeinschaft. ERZÄHLER: Eine Sozialgemeinschaft, die das eigene Überleben sicherte, aber aus der es auch kaum ein Entkommen gab. Für Anna war klar, um den Hof des Vaters zu verlassen, muss sie einen heiratswilligen Mann finden. Und sie hatte Glück, mit 18 Jahren traf sie ihren Albert. Doch schon wenige Wochen nach der Hochzeit 1939 wurde er in den 2. Weltkrieg eingezogen. Und so fand sich Anna auf dem Hof ihres Mannes wieder mit vier alten Leuten, darunter einer Schwiegermutter, der sie nicht gut genug war. Im Sommer ging ihr Alltag noch früher los. MUSIK: „Wintersonnwende“ – CD80466#002 – (0:36) ZITATORIN aus Herbstmilch, S. 91: „Um zwei Uhr morgens mußte ich aufstehen, um zusammen mit der Magd mit der Sense Gras zum Heuen zu mähen. Um sechs Uhr war die Stallarbeit dran, dann das Futtereinbringen für das Vieh, im Haus alles herrichten und wieder hinaus auf die Wiese. Ich musste nur laufen. Die Schwiegermutter stand unter der Tür und sagte, lauf Dirndl, warum bist du Bäuerin geworden? Sie aber tat nichts.“ ERZÄHLER: Anna war während des Krieges einer enormen Doppelbelastung ausgesetzt wie viele andere Bäuerinnen. Die Männer waren an der Front und kamen nur selten zum sogenannten Fronturlaub nach Hause. So mussten die Frauen sich um den Haushalt und gleichzeitig um die harte Feld- und Stallarbeit kümmern. Als Anna auch noch schwanger war, erkämpfte sie sich einen sogenannten „Betriebshelfer“ bei der Kreisbauernschaft, der von nun ab mitarbeitet. 1944 waren fast die Hälfte aller Beschäftigten in der Landwirtschaft Zwangsarbeiter. 6 SIMONE HELMLE0:09:40: In der Nazizeit, nicht ganz einfach letztendlich darüber zu reden, aber in der Propaganda ist die Frau, insbesondere die Bäuerinnen, aber auch die Frauen im ländlichen Raum sehr stark überhöht worden. Also man hat es eben so propagiert, dass diese Frauen gesünder, stabiler, belastbar sind. Und das war in der jüngeren Geschichte das erste Mal, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit eine sehr starke Aufmerksamkeit bekommen haben, also wirklich ambivalent zu betrachten. Teil der Propaganda, aber eben auch Teil der Aufmerksamkeit. ERZÄHLER: In der Nachkriegszeit hat Deutschland vor allem ein Anliegen: die Ernährungssicherheit der Gesellschaft zu gewährleisten und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Bäuerinnen leisten dazu einen beträchtlichen Teil. 7 SIMONE HELMLE: Ich war jetzt selbst wirklich noch einmal erstaunt zu sehen, dass eben in den 50er Jahren dreifach so viele Frauen in der Landwirtschaft gearbeitet haben wie Männer. Das geht eben auf die Berufstätigkeiten, die Zuerwerbe der Männer zurück. Und dass die Frauen eben insbesondere in den kleineren Höfen wie so eine Art Subsistenz-Landwirtschaft gemacht haben. ERZÄHLER: Dr. Simone Helmle hat vor allem ab der Nachkriegszeit die Bäuerinnen-Studien und die Landwirtschaftlichen Wochenblätter durchforstet. In den 50er Jahren war vor allem die Überlastung der Bäuerinnen und die Landflucht ihrer Töchter ein großes Thema. Dr. Helmle fasst es in ihrem Buch „Bäuerinnen, Versorgerinnen, Botschafterinnen“ so zusammen : ZITATOR, S. 86: „Bäuerin darfst Du mir einmal nicht werden! Sei der Ratschlag, welchen die Bäuerinnen ihren Töchtern mitgäben. Als wichtigste Ursache der Abwanderung der weiblichen Dorfbewohner wurde die überarbeitete Mutter und ihre „ständige Übermüdung und Freudlosigkeit“ angesehen. ERZÄHLER: Das waren auch die großen Themen, denen sich die 1948 gegründete Landfrauengruppe im Bauernverband annahm. In den 50er und 60er Jahren gründeten die Landfrauen die Bäuerinnenschule, das Erholungsheim in Oberammergau und den Bäuerlichen Hilfsdienst. Doch die Abwanderung vieler junger Frauen in städtische Regionen konnten sie nicht abwenden. Auch Anna Wimschneider riet ihren Töchtern einen anderen Beruf zu erlernen. Carola erinnerte sich noch gut daran, wie sie ihrer Mutter mitteilte, wofür sie sich entschieden hatte. 8 CAROLA WIMSCHNEIDER 10:30: Wie ich ihr das erzählt hab, da saß sie im Stall bei einer Kuh. Und da hab i gsagt: Mutti, I lern Krankenschwester und dann hat sie auf der Stelle den Kopf an die Kuh hingelegt und hat angefangen zu weinen. Des hat sie soo gfreit. MUSIK: „Knechtl“ – C141555#013 – (0:07) ERZÄHLER: Währenddessen vollzog sich ein rasanter Strukturwandel in Bayern - nach dem Motto „Wachsen oder Weichen“. Dank des technischen Fortschritts konnten die Bauern nun immer mehr Nahrungsmittel produzieren, mussten auf der anderen Seite jedoch in teure Technik investieren. Summen, die nicht alle stemmen konnten oder wollten. So nahm die Zahl der Betriebe kontinuierlich ab. Während es 1950 in Deutschland noch ca. 2 Millionen Bauernhöfe gab, waren davon 1970 fast nur 1 Millionen übrig. Auch die Wimschneiders fällten schließlich die Entscheidung aufzuhören: 1971 verpachteten sie ihre Grundstücke und gaben auf. Ihr Buch „Herbstmilch“ endete Anna Wimschneider mit den Worten: MUSIK: „Wintersonnwende“ – CD80466#002 – (0:14) ZITATORIN: „Wenn ich noch einmal zur Welt käme, eine Bäuerin würde ich nicht mehr werden.“ ERZÄHLER: Doch die 70er Jahre waren auch eine Zeit des Umschwungs. In München tobten die Studentenrevolten. Die Landwirtschaft stand wegen schädlicher Einträge in Boden, Gewässer und Luft in der Kritik und die Umweltbewegung erstarkte. Auch in der Landfrauengruppe tat sich was: Sie erstrittet sich endgültig das Wahlrecht für alle Ortsbäuerinnen. Eine Landfrau erinnerte sich in einem Brief an Dr. Simone Helmle: ZITATOR: (aus „Bäuerinnen, Versorgerinnen, Botschafterinnen“, S. 46): „Einer von den Kollegen, der hat gesagt, „aber liebe gnädige Frau, die Männer wissen doch besser, welche Ortsbäuerin zum Ortsobmann passt und das ist doch bis jetzt gut gegangen.(…) da hab ich mich zu Wort gemeldet und gesagt: „ich verstehe gar nicht, was sie überhaupt für eine Meinung von Frauen haben. Die Frauen sind doch jetzt selbst fähig und können doch selber wählen.“ 9 SIMONE HELMLE (2_00:42): Frauenbewegung, Studentenproteste, eigentlich eine Gesellschaft in Aufruhr und während dieser Zeit läuft eine Debatte, ob die Frauen im Bayerischen Bauernverband in der Lage seien, ihre Vertreterinnen als Ortsbäuerinnen und Kreisbäuerinnen selbst zu wählen. Und das war eine Ungleichzeitigkeit, die man sich größer erst einmal kaum vorstellen kann. Die Frauen haben es durchgesetzt, das erscheint uns aus heutiger Sicht total skurril, ((aber vielleicht steht sie auch wirklich für die Lebensentwürfe, die unterschiedlicher kaum hätten sein können zwischen Frauen die in der Frauenbewegung engagiert waren und den Lebensrealitäten von Frauen, auf Höfen in den 60er Jahren.)) 10 CAROLA WIMSCHNEIDER Die Achtundsechziger Zeit hat bei uns noch keine Rolle gespielt. Aber im Grunde waren immer diese Bäuerinnen die graue Eminenz, die hinten gesteuert haben, die bestimmt haben was wird gekauft? Wie wird der Hof weitergeführt? Was wird als nächstes angeschafft. Die waren nicht Heimchen am Herd, die sich alles gefallen lassen. Sie haben zwar nicht die politische Anerkennung gehabt, aber sie waren in ihrer Rolle durchaus dominant und auch sehr selbstbewusst. MUSIK: „Stork‘s Walk“ - C158779#108 – (1:03) ERZÄHLER: Viele Bäuerinnen, das zeigt die Geschichte, sind einen alternativen Weg zu „Wachsen oder Weichen“ gegangen. So ruhten die Einnahmen der Höfe bereits vor 100 Jahren meist auf mehreren Standbeinen. Wenn möglich hatte man, um Risiko zu streuen, „von jedem etwas“: ein paar Schweine, ein paar Hühner, ein paar Kühe und vielfältigen Anbau. Als die Betriebe immer mehr zu Spezialisierung gezwungen wurden, schauten sie sich nach weiteren Einnahmequellen um. So vermieteten schon in den 60er Jahren viele Bäuerinnen Fremdenzimmer – in denen zuvor Flüchtlinge untergebracht waren. Bereits 1969 stellte die Landfrauengruppe in mühsamer Recherche ein erstes Adressverzeichnis der Höfe zusammen, welche „Urlaub auf dem Bauernhof“ anboten. Durch den direkten Kontakt mit den Sommerfrischlern entdeckten die Landfrauen in den 70er Jahren auch die Direktvermarktung der Erzeugnisse wieder für sich, welche die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren verboten hatten. 11 SIMONE HELMLE Das Standbein der Direktvermarktung, das war ja früher also was ganz, ganz klassisches. Andere Vermarktungswege gab es sehr lange Zeit überhaupt nicht. Aber das ist sozusagen in den 70er-Jahren wieder entdeckt worden. Im Ökolandbau total stark, heute mit den Grünen Kisten mit den Abo-Services. viele Höfen, auch konventionellen Höfe haben Automaten, wo Eier, Butter, vakuumiertes Fleisch, Käse, Milch - solche Produkte eben gezogen werden. Heute haben diese ganzen Selbst-Erntefelder Blumen, Erdbeeren eine relativ große Bedeutung. Und hier bei dieser Diversifizierung da waren oft die Frauen die treibenden Kräfte. ERZÄHLER: Und die Landfrauen brachten immer öfter eigene Berufe mit in die Betriebe und setzten damit so Impulse. Heute haben 60 % der Landfrauen einen außerlandwirtschaftlichen Beruf – von der Gärtnerin bis zur Sozialpädagogin. Viele bringen ihr Wissen in den Betrieb ein oder arbeiten nebenbei: 12. OTON: SIMONE HELMLE: „Heute würde ich sagen, es ist eigentlich nicht die Frage wachsen oder weichen, sondern es ist die Frage des unternehmerischen Geschicks. Und wie gestalte ich den Hof so, dass er zu den Menschen, die den Hof machen, mit den Bedingungen, die der Hof hat - das ist der Naturraum, aber es ist auch das Umfeld, die Nachbarschaften, Kooperationsmöglichkeiten, so dass es zu den Menschen passt, die den Hof machen. ERZÄHLER Laut statistischem Landesamt geben zwar weiterhin viele Höfe auf, doch die Anzahl der Betriebe, die auf ökologischen Landbau umsteigen, nehmen zu. Wer heute eine Landwirtschaft übernehmen will, der braucht eine Zukunftsvision, eine Menge Wissen, Kreativität und Leidenschaft für seinen Beruf. 13 SABINE SCHINDLER1 [0:00:36] : Da fehlt das „-ung“ in der Überschrift also ich glaube, das hängt unmittelbar zusammen. Das ma Bäuerin… des ist nicht, ein Beruf, den ma ausübt, des ist a Lebensmodell. ERZÄHLER: Ein Lebensmodell, in das Sabine Schindler, die sich heute gerne Bäuerin nennt, selbst erst noch hineinwachsen musste. Seit 2007 lebt sie auf dem Hof ihres Mannes in Nittenau im Landkreis Schwandorf. Eigentlich ist sie Sozialpädagogin und stammt auch nicht von einem Bauernhof. Doch wie das Schicksal es wollte, verliebte sie sich Hals über Kopf in einen Landwirt. 14 SABINE SCHINDLER [0:14:07] : Eine Bäuerin zu werden. Ich sag's ganz knallhart. Das war die Vorstellung, nur noch zu Hause sein, genau dieses Klischee „Hausmütterchen“. Und das konnte ich mir 0,0 vorstellen. Ich habe dem Martin zu der Zeit immer gesagt, solltest du mal diesen Nebenerwerbs-Bauernhof vergrößern wollen oder irgendwie einen Stall bauen, dann haue ich ab, und das war zwischen uns ganz klar ausgesprochen. ((Und irgendwann kam er aber dann mit der Idee und mit der Vorstellung, er kann aber nicht leben ohne Bauernhof und er muss Landwirt werden, weil er in seinem anderen Beruf nicht glücklich sein wird. Und dann hat Gott sei Dank, kam jemand vom Landwirtschaftsamt, die uns damals begleitet haben auch mit dem Stallbau beraten haben und der hatte dann die zündende Idee mit dieser Erlebnisbäuerin und ob das nicht als Zusatzqualifikation jetzt als Sozialpädagogin im besonderen eine gute Idee wäre, dass ich das als Nische sozusagen, als meinen Bereich hier auf dem Hof ausüben könnte und der Herr Wagner hat tatsächlich uns damals gerettet als Paar. )) ERZÄHLER: Die Zusatzqualifikation zur Erlebnisbäuerin war der Startschuss für Sabines eigene berufliche Laufbahn. Über zehn Jahre führte sie Besucher aller Altersklassen über den Hof und erklärte woher die Lebensmittel kommen, wie die Tiere leben und wie sie arbeitet. Offiziell nennt sich das „Verbraucheraufklärung“ – ab den 90er Jahren ein großes Thema der Landfrauen. MUSIK: „Stork‘s Walk“ - C158779#108 – (1:45) ERZÄHLER: So fand etwa 1998 fand auch der erste Kindertag auf bayerischen Bauernhöfen statt, schon damals ein unerwarteter Erfolg: 60 000 Kinder besuchten über 1000 Betriebe. Projekte wie „Landfrauen machen Schule“ folgten. 15 SABINE SCHINDLER: Wir waren ganz gut frequentiert und dadurch ist der Hof wieder lebendig geworden, es hat sich was bewegt und da hat‘s gewuselt. Und das hat uns allen, glaube ich, sehr gut getan. ERZÄHLER: Mittlerweile ist Sabine Schindler Kreisbäuerin von Schwandorf. Mit diesem Ehrenamt will sie sich für die Landfrauen, aber auch für die Gesellschaft im Allgemeinen einsetzen. Und damit ist sie nicht allein. Laut einer Studie von 2019 sind fast zwei Drittel der Landfrauen trotz hoher Arbeitsbelastung ehrenamtlich aktiv. Bäuerinnen - das sind heute Hofmanagerinnen, Landwirtinnen, Sozialpädagoginnen, Bürofachangestellte und vieles mehr. Der Beruf „Bäuerin“, das ist ein Lebensmodell mit vielen Facetten, das die Landfrauen bis heute vor große Herausforderungen stellt - gleichberechtigt mit Zukunftsvision und Leidenschaft für ihren Beruf.

  6. Scham - Ein sozialer Basisaffekt

    14.11.2023 · 21 Min.

    Scham geht ganz besonders tief - wir schämen uns 'bis auf die Knochen' oder möchten am liebsten 'im Erdboden versinken'. Doch: Schamgrenzen haben uns als soziale Lebewesen auch enorm erfolgreich gemacht. (BR 2020) Autorin: Prisca Straub Credits: Autor/in dieser Folge: Prisca Straub Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Julia Fischer Technik: Robin Auld Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Daniel Tyradellis (Philosoph); Dr. Jens Tiedemann (Psychoanalytiker, Psychotherapeut und Buchautor) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Selbstwert - Mut zur Schwäche JETZT ANHÖREN Hurra, falsch! - Aus Fehlern lernen JETZT ANHÖREN Der Pygmalion-Effekt - Meinungen und ihre Wirkung JETZT ANHÖREN Versprecher - Wenn Peinliches zum Vorschwein kommt JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. WIE WIR TICKEN - EUER PSYCHOLOGIE-PODCAST

  7. Inzest - Tabu und Mythos

    14.11.2023 · 25 Min.

    Das Inzesttabu ist ein in Mythen, Dichtung, Musik und Film immer wieder kehrendes Motiv. Sigmund Freud entwickelte seine Psychoanalyse vor allem anhand literarischer Texte. Aus der Tragödie "Ödipus" des antiken Dichters Sophokles leite er den menschlichen für die Entstehung von Kultur ausschlaggebenden Trieb ab. Autor: Frank Halbach Credits Autor/in dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Wilkening, Sven Hussock Technik: Andreas Lucke Redaktion: Susanne Poelchau Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Dr. Gesa Dane, Literaturwissenschaftlerin mit einem Forschungsschwerpunkt auf Rechts- und Kulturgeschichte Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Pionierinnen der Psychoanalyse - Von wegen Penisneid JETZT ANHÖREN Sophokles - Dichter im Dienst des Dionysos JETZT ANHÖREN Die Sphinx - Halb Löwe, halb Mensch JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Salman Rushdie: Shalimar der Narr Eine Liebe in Kaschmir, ein Attentat in Los Angeles: Rushdies opulentes Epos verbindet persönliches Drama mit globalen Machtkämpfen nach 9/11. Gert Heidenreich liest den neunten Roman des Friedenspreisträgers 2023 in 7 Folgen. ZUM PODCAST Literaturtipps: Dagmar von Hoff: Familiengeheimnisse: Inzest in Literatur und Film der Gegenwart (Literatur - Kultur - Geschlecht: Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte. (Ehem. Große Reihe), Band 28. Sigmund Freud: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. In: Ders.: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Bd. 9. Hg. v. Anna Freud u. a. Imago, London 1940.- 8. Aufl. S. Fischer, Frankfurt am Main 1986. Klaus Thraede: Blutschande (Inzest). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Supplementband 2, Lieferung 9. Hiersemann, Stuttgart 2002. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  8. Radio Caroline - Der vorbildliche Piratensender

    13.11.2023 · 22 Min.

    1964 bekam das Radio eine neue Stimme: Radio Caroline. Allen Widerständen zum Trotz verbreitete der erste Privatsender Englands die Musik einer jungen Generation weit über die Landesgrenzen hinaus. (BR 2018) Autorin: Christiane Neukirch Credits Autor/in dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger, Rainer Buck, Thomas Albus, Friedrich Schloffer Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz, Petra Hermann-Boeck Im Interview: Ronan O'Rahilly (Gründer Radio Caroline); Peter Philips (Programmleiter Radio Caroline); Kevin Turner (Stellvertretender Programmleiter Radio Caroline, Moderator (DJ)); Johnny Lewis (Moderator Radio Caroline (DJ)); Michael Attrill (Hörer) Linktipp: Das Jubiläum im BR 100 Jahre Radio in Deutschland Unter dem Motto "100 Jahre Radio - Hört. Nie. Auf." feiert der Bayerische Rundfunk mit allen anderen ARD-Sendern und dem Deutschlandradio den 100. Geburtstag des Radios in Deutschland! Nicht nur im Radio selbst, sondern auch auf allen anderen Ausspielwegen: in der ARD Audiothek, in der ARD Mediathek, auf ARD Kultur, im Ersten und in den Dritten Fernsehprogrammen: MEHR INFOS GIBT ES HIER Diese hörenswerte Folgen von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Das frühe Radio - Zwischen Aufklärung und Propaganda JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  9. Steinalte Pilze - Zeugen der ältesten Ökosysteme

    09.11.2023 · 24 Min.

    Pilze sind im wahrsten Sinne des Wortes steinalt. Schon vor 400 Millionen Jahren gab es eine große Vielfalt. Bio-Paläontologen untersuchen fossile Pilze und rekonstruieren, wie frühe Ökosysteme funktioniert haben. Das Fazit: Ohne Pilze hätten sich die heutige Flora und Fauna nicht entwickelt. Autorin: Katharina Hübel Credits Autor/in dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Caroline Ebner Technik: Regine Elbers Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Prof. Michael Krings, Paläobotaniker an der Ludwig-Maximilians-Universität München; Prof. Liane G. Benning, Biogeochemikerin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Urvogel Archaeopteryx - Beweisstück der Evolution? JETZT ANHÖREN Die Promis der Urzeit - Leben und Sterben der Dinosaurier JETZT ANHÖREN Fossilien, die stummen Zeitzeugen - Alles Natur! JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Michael Krings: „Fossil Fungi“ (2015): Ein wissenschaftliches Grundlagenbuch, das eine Einführung in die Paläo-Mykologie ist und gleichzeitig einen Überblick über die Forschung gibt. Nur auf Englisch erhältlich. Michael Krings: „Angriff und Abwehr vor 410 Millionen Jahren. Die Pilzpartner der Rhynie Chert Landpflanzen und ihre Parasiten“. Frei verfügbarer populärwissenschaftlicher Aufsatz von 2022: https://www.researchgate.net/publication/361092383_Angriff_und_Abwehr_vor_410_Millionen_Jahren_Die_Pilzpartner_der_Rhynie_Chert_Landpflanzen_und_ihre_Parasiten#fullTextFileContent Liane Benning: „Molecular identification of fungi microfossils in a Neoproterozoic shale rock“; Link zur Originalstudie: EXTERNER LINK | https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aax7599 Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. WIE WIR TICKEN - EUER PSYCHOLOGIE-PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  10. Fossilien, die stummen Zeitzeugen - Alles Natur!

    09.11.2023 · 22 Min.

    Fossilien erlauben Forschern Einblicke in längst vergangene Zeiten. Mit modernster Technik geben die vorhandenen Knochen heute sogar Auskunft über das Fell, die Haut oder die Farbe längst ausgestorbener Tiere. (BR 2019) Autor: Joachim Budde Credits Autor/in dieser Folge: Joachim Budde Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Jerzy May Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Kai Jäger (Paläontologe, Bonn); Jasmina Wiemann (Paläontologin an der Yale University in Newhaven, Connecticut) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessen JETZT ANHÖREN Urvogel Archaeopteryx - Beweisstück der Evolution? JETZT ANHÖREN Linktipp: Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  11. Die Reichspogromnacht - Der verordnete Volkszorn

    09.11.2023 · 23 Min.

    In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennen im deutschen Reich die Synagogen. Was die NS-Propaganda als spontanen Ausbruch des "Volkszorns" darstellt, ist ein von Staat und Partei gelenkter Pogrom. (BR 2013) Autor: Klaus Uhrig Credits Autor/in dieser Folge: Klaus Uhrig Regie: Irene Schuck Es sprachen: Andreas Neumann, Hemma Michel, Stefan Wilkening Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: Paula sucht Paula Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche. Paula sucht Paula | Folge 1/3 | Alles Geschichte - History von radioWissen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  12. Max Frisch - Der Kampf ums Ich

    07.11.2023 · 22 Min.

    Fast sein gesamtes Werk ist eine Annäherung an sich selbst, aber trotz dieser literarischen Egozentrik hat der Schweizer Autor Max Frisch ein internationales Publikum begeistert. Wie kaum ein zweiter deutschsprachiger Autor der Nachkriegszeit hat Frisch über sich geschrieben und die Welt gemeint, oder wie sein Landsmann Friedrich Dürrenmatt es wendete: Frisch nahm seinen Fall für die Welt. (BR 2019) Autor: Thomas Morawetz Credits Autor/in dieser Folge: Thomas Morawetz Regie: Martin Trauner, Frank Halbach Es sprachen: Beate Himmelstoß, Christoph Jablonka, Michael Gempart Technik: Cordula Wanschura Redaktion: Petra Hermann-Boeck Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  13. Ingeborg Bachmann - Die traurige Dichterin

    07.11.2023 · 23 Min.

    Ingeborg Bachmann, nach der ein bedeutender Literaturpreis benannt ist, liebte die Musik und die Philosophie, war die Intellektuelle par excellence, glänzte im Kreis der Gruppe 47. Nur glücklich war die überaus Talentierte selten. (BR 2018) Autorin: Gabriele Knetsch Credits Autor/in dieser Folge: Gabriele Knetsch Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Bürkle, Christian Baumann, Beate Himmelstoß Technik: Monika Gsänger Redaktion: Petra Hermann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Dr. Kai Sina, Universität Göttingen Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  14. Der Zweite Opiumkrieg - Chinas unvergessene Demütigung durch Europa

    06.11.2023 · 24 Min.

    Wie schon der erste diente auch der zweite Opiumkrieg dazu, das große chinesische Reich gewaltsam für westliche Warenströme zu öffnen. Mit Kanonenbooten und Opium, mit Soldaten, Missionaren und "Ungleichen Verträgen" stürzten fremde Mächte, allen voran Europäer, das China des 19. Jahrhunderts in eine tiefe Krise. Autor: Thomas Grasberger Credits Autor/in dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Jerzy May Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Thomas Heberer, Seniorprofessor Chinese Politics & Society am Institute of East Asian Studies an der Universität Duisburg-Essen Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Kaiserinwitwe Cixi - Von der Konkubine zur Herrscherin Chinas JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. WIE WIR TICKEN - EUER PSYCHOLOGIE-PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  15. Der Krimkrieg - Der allererste Weltkrieg

    06.11.2023 · 22 Min.

    Im Krimkrieg kämpften 1853-56 Russland, England und Frankreich um das Erbe des Osmanischen Reichs. Mit Schützengräben, Stellungskrieg und dem modernen Sanitätswesen scheint der Krieg den Ersten Weltkrieg vorwegzunehmen. (BR 2014) Autor: Klaus Uhrig Credits Autor/in dieser Folge: Klaus Uhrig Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Beate Himmelstoß, Thomas Loibl, Peter Weiß Technik: Miriam Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Florence Nightingale - Begründerin der modernen Krankenpflege JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  16. Heinrich Barth - Der vergessene Afrika-Forscher

    06.11.2023 · 23 Min.

    Er trank sein eigenes Blut, um in der Sahara nicht zu verdursten. Heinrich Barths Expedition nach Afrika gilt heute als Pionierleistung der Afrikaforschung. (BR 2017) Autor: Linus Lüring Credits Autor/in dieser Folge: Linus Lüring Regie: Dorit Kreissl Es sprachen: Rahel Comtesse, Rainer Buck, Jerzy May Technik: Miriam Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher Vor 24 Stunden hatte Heinrich Barth zum letzten Mal etwas getrunken. Jetzt steigt die Sonne erbarmungslos immer höher. An Schatten ist nicht zu denken, die wenigen Bäume sind verdorrt. Der junge Deutsche ist allein unterwegs und weiß, dass er bald verdursten wird. In seiner Verzweiflung schneidet er sich in den Arm und trinkt sein eigenes Blut, um den Durst zu stillen. Dann fällt er in Ohnmacht. In der sengenden Hitze dämmert Barth dahin. Doch am Abend weckt ihn plötzlich der Schrei eines Kamels. Zitator Der klangreichste Ton, den ich je im Leben gehört! Ich erhob mich etwas vom Boden und sah einen Targi in einiger Entfernung langsam nach allen Seiten umherspähend, vor mir vorbeireiten. Ich öffnete meine trockenen Lippen, mit meiner geschwächten Stimme „Wasser, Wasser“ rufend. Sprecher Die Rettung für Heinrich Barth kommt in letzter Minute. Beinahe wäre sein Traum – das nördliche Afrika zu erforschen – schon hier im kargen Idinen-Gebirge am Rand der Sahara zu Ende gewesen. Jetzt aber lernt Barth aus dieser Erfahrung. Er teilt seine Kräfte künftig besser ein und riskiert nie wieder bei Alleingängen sein Leben. Das ist die Basis für eine beeindruckende Pionierleistung, die aber jahrzehntelang völlig in Vergessenheit geraten wird. Sprecherin Einige Wochen vorher, im März 1850, hat sich Heinrich Barth in Tripolis mit einer Expedition im Auftrag der britischen Regierung auf den Weg in Richtung Süden gemacht. Neben dem damals 29-jährigen Barth sind noch der deutsche Geologe Adolf Overweg und der Leiter der Expedition dabei, der britische Missionar James Richardson. Begleitet werden sie von einheimischen Führern und dutzenden Kamelen. Zuerst wollen sie die Sahara durchqueren und dann weiter in Richtung Tschadsee vorstoßen. Ihr Auftrag: Sie sollen das nördliche Afrika erforschen und dabei Absatzmärkte für britische Waren erschließen. Vor den Männern liegt ein Gebiet, das zur damaligen Zeit in Europa größtenteils noch unbekannt ist. Es gibt wenig verlässliche Informationen, stattdessen Gerüchte über angriffslustige Nomadenvölker, wilde Tiere und Dürren. Wie gefährlich die Expedition ist, das werden die Europäer schnell spüren. Barth wird der einzige der drei sein, der die Forschungsreise überlebt. Sprecher Nachdem sich Barth von seinem lebensgefährlichen Alleingang erholt hat, zieht die Karawane weiter in Richtung Air-Gebirge. Die wasserlose Region ist sagenumwoben, noch nie waren Europäer bis hierher vorgedrungen. Sprecherin Schon nach wenigen Tagen gerät die Expedition in einen Hinterhalt. Dutzende Tuareg, bewaffnet mit Schwertern und Speeren, überfallen die Karawane. Sie haben es auf die mit unzähligen Kisten und Gepäckstücken beladenen Kamele abgesehen. Die Expedition verliert etwa ein Viertel der Lebensmittelvorräte und andere Güter. Während Expeditionsleiter Richardson schon mit dem sicheren Tod rechnet, tritt Heinrich Barth den Nomaden entschlossener entgegen. Schließlich kommen die drei Christen nach zähen Verhandlungen mit dem Leben davon. Sprecher Immer wieder wird Heinrich Barth bei der weiteren Reise bedrohliche Situationen erleben. Dennoch begegnet er den Einheimischen mit großem Respekt. Stets sucht er den Kontakt mit Ihnen und schließt viele Freundschaften. Dies ermöglicht ihm tiefe Einblicke in die Kulturen Nordafrikas. Dass Barth in Afrika so gewinnend auftritt, war keineswegs zu erwarten gewesen. In Deutschland galt Heinrich Barth als Einzelgänger, ja sogar als beziehungsunfähig. Sprecherin Im Februar 1821 wurde er als Sohn einer Kaufmanns-Familie in Hamburg geboren. Seine Eltern achteten auf Fleiß und eiserne Disziplin, Merkmale, die Barths Persönlichkeit prägten. Ein Mitschüler beschrieb ihn zwar als kränklich und schwach, fügte aber bewundernd hinzu, dass er im Winter in Eiswasser schwamm, um seinen Körper zu stärken. Bald soll Barth dann eine stattlichere Statur gehabt haben, trotzdem fanden ihn viele ziemlich merkwürdig, wie ein Klassenkamerad festhielt. Zitator Namentlich hieß es von ihm, dass er sich privat und ohne alle Anleitung mit dem Arabischen beschäftige, was uns gedankenlosen Schuljungen denn freilich als der Gipfel aller Verrücktheit erschien. Sprecherin Auch später im Studium hatte er wenig Kontakt zu anderen, stattdessen war er getrieben vom Wissensdrang, also studierte er in Berlin nicht nur Geschichte, sondern gleich auch noch Geografie, Jura und Germanistik. Nach der Promotion brach er zu einer Reise ums südliche Mittelmeer auf. Dass er unterwegs angeschossen und ausgeraubt wurde, warf ihn nur kurz aus der Bahn. Zu fasziniert war er von den antiken Stätten und den unterschiedlichen Kulturen denen er in Tunesien oder Syrien begegnete. Sprecher Obwohl ständig von Hunger und Geldsorgen geplagt, notierte er doch alle möglichen Details zu Namen, Entfernungen und Begegnungen. Daraus verfasste er später seine Habilitationsschrift in Geographie. Trotz dieser enormen Leistung erfüllte sich sein großer Wunsch nicht – eine eigene Professur. Er schafft es nicht, andere mit seinen enormen Kenntnissen zu begeistern. Seine Vorlesungen sind schlecht besucht. Entmutigt zieht Barth sich zurück und blickt einer unsicheren Zukunft entgegen. Sein Schwager charakterisiert ihn so: Zitator Sein Selbstgefühl erlaubt ihm nicht, sich zur rechten Zeit zu beugen. Er ist ein kühner und ausdauernder, aber kein gewandter Schwimmer auf dem Strome des Lebens. Sprecherin Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für eine Expedition in unbekannte Gebiete, bei der es auf Diplomatie und Offenheit ankommen wird. Trotzdem: Für Barth kam die Einladung zur Teilnahme gerade recht. Die Briten wollten von seiner akribischen Arbeitsweise profitieren. Und dem ehrgeizigen Wissenschaftler wurde zugesichert, dass er - wenn er mit herausragenden Ergebnissen nach Europa zurückkehrt - eine passende Professur bekommt. Darauf verließ sich Barth. Hochmotiviert brach er auf nach Afrika. Während der Expedition wird er ein anderer Mensch werden. Sprecher Im Januar 1851, knapp neun Monate nach dem Aufbruch, haben die Männer um Heinrich Barth bereits dreieinhalbtausend Kilometer zurückgelegt. Langsam lassen sie die Sahara hinter sich und sehen jetzt die ersten Kornfelder im Norden des heutigen Nigeria. Sprecherin Für Barth kommt die Karawane zu langsam voran, außerdem nerven ihn die ständigen finanziellen Sorgen, denn der Geldnachschub aus England ist schon seit längerem ausgeblieben. Allein wäre er nicht nur schneller und günstiger, sondern auch unauffälliger und damit sicherer unterwegs, hofft er. Expeditionsleiter Richardson stimmt schließlich zu, dass die drei Europäer sich trennen. Für die umfangreichen Forschungsarbeiten Barths und auch des anderen Wissenschaftlers Adolf Overweg hat er ohnehin immer weniger Verständnis. Die Männer vereinbaren, sich drei Monate später im 700 Kilometer entfernten Kukawa wiederzutreffen, der Hauptstadt des mächtigen Bornu-Reiches am Tschad-See. Sprecher Heinrich Barth zieht mit neuer Energie und nur wenigen Begleitern weiter. Dass er nun seinen Weg selbst bestimmen und ungehindert die Gegenden, die vor ihm liegen, erforschen kann, macht ihn glücklich. Wie besessen versucht er jedes Detail festzuhalten. Seine breite Bildung in Archäologie, Geographie und Linguistik ist dabei ein Schlüssel für bemerkenswerte Erkenntnisse. Sprecherin Schon kurz nach der Abreise hatte der deutsche Forscher im heutigen Libyen einige jahrtausendealte Felsbilder entdeckt. Weil er dort, mitten in der Wüste, Zeichnungen von Elefanten und Flusspferden sah, begriff er als erster überhaupt, dass die Region einen gewaltigen Klimawandel erlebt hat. Solche Erkenntnisse notiert er akribisch. Seine Schriften gibt er dann von Zeit zu Zeit Karawanen in Richtung Norden mit. Barths Briefe sind monatelang unterwegs, bis sie in Europa eintreffen. Sprecher Im März 1851, kurz vor Kukawa, dem vereinbarten Treffpunkt der drei Europäer, reiten Boten Heinrich Barth entgegen. Die Nachricht, die sie überbringen dämpft seinen Optimismus empfindlich. Expeditionsleiter Richardson ist vor wenigen Tagen an Entkräftung gestorben. Auf einmal muss sich Barth die Frage stellen, wie es mit der Expedition weitergeht. Er schreibt deshalb an die britische Regierung in London mit der Bitte um Anweisungen. Dabei steht er vor einem weiteren Problem: Der Deutsche weiß nicht, wie der mächtige Scheich von Bornu ihn in Kukawa empfangen wird. Weil Adolf Overweg noch nicht eingetroffen ist, muss er allein, ärmlich gekleidet und nach Richardsons Tod auch ohne offiziellen Auftrag in die Stadt einreiten. Sprecherin Unsicher reitet Heinrich Barth auf die in der Sonne schimmernden, weißen Lehmmauern der Stadt zu. Doch er wird erst vom Wesir, dem wichtigsten Minister des Scheichs und später von Scheich Omar selbst wohlwollend begrüßt und dann zu einem üppigen Abendessen eingeladen. Und obwohl er fast keine Gastgeschenke mitbringt, wird Barth sogar ein geräumiger Lehmziegelbau zugewiesen. Sprecher Schon nach wenigen Tagen ist es ihm gelungen, das Vertrauen des Scheichs zu gewinnen. Er wird mit Unterbrechungen insgesamt über ein Jahr in Kukawa verbringen. Sprecherin Es scheint paradox. In Europa ist Heinrich Barth noch der zurückgezogene, abweisende Einzelgänger. In Afrika tritt er dagegen völlig anders auf, erklärt Professor Klaus Schneider, Präsident der Heinrich-Barth-Gesellschaft: ZUSP Schneider 1 Er hatte anscheinend ein ganz großes Geschick oder große Ausstrahlung diesen Menschen gegenüber. Er hatte überall, wo er war, und das sagt er in einem ganz berühmten Satz, überall wo ich gewesen bin, habe ich Freunde hinterlassen. Und das hat er auch ganz früh zu einer Methode gemacht und er sagte, man muss mit diesen Menschen persönlich in Kontakt geraten, und sie müssen sich um dich kümmern. Sonst wird das nicht gut gehen. Sprecherin Barth profitiert dabei auch von seinem außerordentlichen Sprachtalent. Innerhalb weniger Wochen schafft er es oft die Sprachen der Regionen, durch die er gerade reist, zu lernen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Dolmetscher braucht er so gut wie nie. Und noch etwas hilft ihm. Er hat keine Berührungsängste mit dem Islam, der in Nordafrika dominierenden Religion. Im Gegenteil, während in Europa im 19. Jahrhunderts der Antiislamismus weit verbreitet ist, faszinieren ihn die islamischen Einflüsse auf Wissenschaft und Kunst. In vielen Gegenden kleidet er sich sogar wie ein Muslim und reist unter dem Pseudonym „Abd el Karim“, übersetzt: „der Diener des Höchsten“. Ein gewaltiger Unterschied zu anderen Afrika-Forschern vor ihm, wie etwa Mungo Park. Sie bevorzugten bewusst europäische Kleidung um sich als Höherstehende abzugrenzen. Sprecher Mitte des Jahres 1852 ist Kukawa, die Hauptstadt des Bornu-Reiches, für Heinrich Barth seine „afrikanische Heimat“ geworden, wie er selbst sagt. Von hier aus unternimmt er monatelange Exkursionen ins Umland, begleitet von Adolf Overweg, der mit einigen Wochen Verspätung doch noch angekommen ist. Dabei bereisen sie Gebiete, die in Europa nicht mal dem Namen nach bekannt sind. Dann, nach über einem Jahr, kommt endlich ein Brief aus London. Für Barth wird das einer der „glücklichsten Tage seines Lebens“, wie er sagt: denn die britische Regierung bestimmt ihn zum neuen Leiter der Expedition. Mit diesem offiziellen Auftrag kann er schließlich den Handelsvertrag für Großbritannien mit dem Scheich abschließen – eines der Hauptziele der Expedition ist damit erreicht. Außerdem bekommt Barth lang ersehnte finanzielle Unterstützung. Nun kann er die weitere Route der Expedition selbst bestimmen. Und da fasst Heinrich Barth einen Ort ins Auge, der in Europa damals einen mythischen Ruf hatte – Timbuktu. Sprecherin Unvorstellbar reich soll die Wüstenstadt sein. Es heißt sogar, dass die Häuser mit Gold überzogen seien. Allerdings sind das eben nur Erzählungen. Wohl erst zwei Europäer haben Timbuktu bisher erreicht. Ihre jahrzehntealten Berichte sind ent-weder nicht überliefert oder werden angezweifelt. Barth möchte herausfinden, wie es in der Stadt wirklich aussieht. Er weiß, dass die Reise etwa ein Jahr dauern wird: von Kukawa nach Timbuktu sind es mehr als 2000 Kilometer. Trotzdem ist der deutsche Wissenschaftler voller Tatendrang. Aber kurz vor dem geplanten Aufbruch dann ein Rückschlag: Adolf Overweg stirbt an Malaria. Barth ist tief erschüttert, denn Overweg war für ihn zu einem wichtigen Freund geworden. Den-noch bleibt er bei seinem Ziel - er will Timbuktu unbedingt erreichen. Im November 1852 bricht er mit acht Begleitern sowie einigen Pferden und Kamelen auf. Sprecher Auf dem Weg nach Westen, in Richtung Timbuktu erlebt Barth, wie er später schreibt, „ununterbrochene Kriegsführung und Gewalttätigkeit“. Immer wieder müssen er und seine Begleiter deshalb große Umwege machen. Einmal reiten sie 30 Stunden ohne wirkliche Rast, in der ständigen Angst entdeckt zu werden. Dabei spürt Heinrich Barth die Überanstrengung immer deutlicher. Seit knapp drei Jahren ist er jetzt schon unterwegs. Rheuma, Fieber oder Skorpionstiche quälen ihn immer wieder. Dazu kommt die einseitige Ernährung: Auf dem Weg nach Timbuktu zum Beispiel gibt es monatelang fast nur Hirsebrei. Trotzdem treibt ihn eiserne Disziplin vorwärts, mit teilweise bizarren Folgen: Zitator Bald begann ich die Qual der Übermüdung zu fühlen. Um nicht im schläfrigen Zustande vom Kamele zu fallen, war ich genöthigt, einen großen Teil der Nacht mich zu Fuße hinzuschleppen, was nicht eben angenehm war. Sprecher Dass Barth es dabei schafft, seine Forschungsarbeiten nicht zu vernachlässigen, wirkt fast übermenschlich. Doch genau das bringt ihn jetzt in zusätzliche Schwierigkeiten. Weil er ständig Gebäude oder Landschaften zeichnet und sogar lange Vokabellisten für verschiedenste Sprachen anlegt, ist er vielen Afrikanern suspekt. In die Zeit fallen auch Berichte, dass französische Truppen beginnen, den Nordwesten Afrikas zu erobern. Für viele Einheimische steht deshalb fest: Barth muss ein Spion sein, der eine Invasion vorbereitet. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Sprecherin Während viele Europäer Afrika zur damaligen Zeit als Kontinent ohne Geschichte sehen und Afrikaner für primitive Wilde halten, fehlen bei Heinrich Barth solche rassistischen Bemerkungen. Er ist überzeugt, dass den afrikanischen Gesellschaften eine große Gefahr droht. Professor Klaus Schneider: Zusp. Schneider 2 Also ich glaube der Kolonialismus, der sich anbahnte, der war für Barth schon gefühlt. Er war sicher, dass die Europäer Afrika überrennen würden. Und er sagt dann ja auch an manchen Stellen, er hätte davon geträumt, dass er an der Spitze eines panafrikanischen Heeres gegen die europäischen Kolonialmächte angehen würde. Und damit war er der einzige überhaupt zu der Zeit, der sich in irgendeiner Art und Weise wirklich artikuliert auf die Seite der Afrikaner gestellt hat. Sprecherin Ein Europäer an der Seite Afrikas – Heinrich Barth wird noch spüren, dass er sich mit dieser Einstellung nicht nur Freunde macht. Sprecher Endlich. Im September 1853 hat es Heinrich Barth trotz aller Widrigkeiten geschafft. In der Ferne taucht vor ihm die Stadt seiner Sehnsucht auf -Timbuktu. Doch der Anblick ist für den mittlerweile 32-jährigen eine Enttäuschung. Zitator Ihre dunklen, schmutzigen Tonmassen waren kaum vom Sande und umher aufgehäuften Schutt zu unterscheiden. Denn der Himmel war dick überzogen und mit Sand erfüllt. Sprecher Für Barth wird Timbuktu trotzdem eine der wichtigsten Stationen. Denn hier freundet er sich mit Scheich Al-Bakkai an, einem der berühmtesten Koran-gelehrten Westafrikas. Der mächtige Mann beschützt Barth als feindliche Herrscher herausbekommen, dass der Fremde Christ ist. Außerdem führen die beiden Männer lange Gespräche über die Gemeinsamkeiten von Islam und Christentum. Und Al-Bakkai gewährt ihm Einblicke in bedeutende historische Dokumente. So kann Barth die Geschichte der westafrikanischen Reiche erstmals umfassend nachvollziehen. Dabei bleibt seine Lage lebensgefährlich, mehrmals muss der Forscher Timbuktu verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. In dieser Zeit reißt auch der Kontakt nach Europa völlig ab. In der Heimat kursiert bereits die Nachricht, dass Heinrich Barth ums Leben gekommen sei, und zahlreiche Nachrufe werden verfasst. Sprecherin Nach sechs Monaten in Timbuktu macht sich Heinrich Barth Anfang 1854 auf den Rückweg nach Europa. Im August 1855 erreicht Barth völlig erschöpft wieder Tripolis. Hinter ihm liegen über 15.000 Kilometer in fünfeinhalb Jahren. Als Heinrich Barth sich dann nur wenige Tage später auf die Weiterreise nach London macht, ist er sich sicher, dass das, was er zu berichten hat, in Europa für Furore sorgen und ihn in Wissenschaftskreisen weit bringen würde. Sprecher Doch angekommen in London erfährt er, dass England und Frankreich ihre Interessensgebiete in Nordafrika inzwischen abgesteckt haben. Die Gebiete, in denen Heinrich Barth Handelsverträge für England abgeschlossen hat, liegen jetzt im französischen Einflussbereich. Die zähen Verhandlungen Barths waren umsonst. Schwer enttäuscht schreibt er seinen Reisebericht. Bereits zwei Jahre später erscheint das Werk auf Deutsch und Englisch. Auf 3.500 Seiten erklärt Heinrich Barth in fünf Bänden geografische und sprachliche Details, schildert politische und wirtschaftliche Beziehungen und beschreibt Personen, die er getroffen hat. Doch anders als die Bücher früherer Afrikareisender wird das Werk ein Ladenhüter. Es ist zu detailliert, zu wenig spannend geschrieben. Der nächste Rückschlag für Barth. Wehmütig denkt er an seine Reisejahre zurück: Zitator Wie sehne ich mich nach einem freien Nachtlager in der Wüste. Wo ohne Ehrgeiz, ohne Sorge um die tausend Kleinigkeiten, die hier den Menschen quälen, ich mich im Hochgenuss der Freiheit nach Beendigung des Tagesmarsches auf meine Matte zu strecken pflegte. Sprecher Aber statt nach Nordafrika, kehrt Barth nun nach Deutschland zurück und wird wieder enttäuscht. Die versprochene Professur bekommt er nicht, stattdessen spürt er breite Ablehnung. Viele nehmen ihm übel, dass er im Auftrag der Briten unterwegs war. Und dass er dazu den Kolonialismus deutlich kritisiert und den Islam bewundert, passt so gar nicht zum damaligen Zeitgeist. Professor Klaus Schneider: ZUSP: Schneider 4 Er hatte keine Möglichkeit in diese Wissenschaftskreise zu gelangen, von denen er sich dann die weitere Karriere versprochen hat. Das ist für ihn, glaube ich, auch ein Grund gewesen, zu resignieren und vielleicht auch durch diese Umstände depressiv zu werden und in Kombination mit einigen Krankheiten, die er aus Afrika mitgebracht hatte, dass er daran auch verstarb. Sprecher Mit nur 44 Jahren stirbt Heinrich Barth zurückgezogen im November 1865 in Berlin. Lange gerät er dann in Vergessenheit. Erst 100 Jahre später wird sein Werk wiederentdeckt und die Bedeutung seiner Arbeit gewürdigt. Gerade weil er vorurteilsfrei den direkten Kontakt suchte, erkannte er als einer der ersten Forscher die reiche Vergangenheit Afrikas und wies nach, dass die These vom Kontinent ohne eigene Geschichte nicht haltbar ist. Doch das passte nicht in eine Zeit, die gerade die Kolonialisierung Afrikas vorbereitete.

  17. Tiere in der Pubertät - Abenteuerlustig, impulsiv, risikofreudig

    02.11.2023 · 22 Min.

    Abenteuerlustig, impulsiv, risikofreudig - die Pubertät ist auch für viele Tiere eine aufregende Zeit. Die Veränderungen, die tierische Teenager durchlaufen, sind zum Teil ähnlich wie beim Menschen. (BR 2020) Autorin: Claudia Steiner Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Heiko Ruprecht, Katja Schild Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Norbert Sachser (Professor für Zoologie, Institut für Verhaltensbiologie an der Universität Münster) Dag Encke (Tiergartendirektor in Nürnberg) Barbara Natterson-Horrowitz (Gastprofessorin für menschliche Evolutionsbiologie in Harvard, Professorin für Medizin und Kardiologie an der Universität of California in Los Angeles) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wie Tiere schlafen - Alles Natur JETZT ANHÖREN Psychische Erkrankungen bei Tieren - Wenn Stress Tiere krank macht JETZT ANHÖREN Tiere verstehen? - Zwischen Deutung und Forschung JETZT ANHÖREN Tierisch bewusst - Denken und empfinden Tiere? JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  18. Mutterliebe im Tierreich? Alles Natur

    02.11.2023 · 24 Min.

    Liebevolle Tiermütter sind beliebte Motive in den Medien, dabei zählt im Tierreich nur, die eigenen Gene weiterzugeben. Die Strategien, wie das gelingt, führen zu verschiedenen Formen der Elternschaft. Aufopfernde Spinnen und liebevolle Elefanten lassen den Homo sapiens fragen: gibt es doch Mutterliebe bei Tieren? Autorin: Fiona Rachel Fischer Credits Autor/in dieser Folge: Fiona Rachel Fischer Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Hemma Michel, Johannes Hitzelberger Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Dr. Thomas Breuer, Projektleiter WWF für Zentral- und Westafrika Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Queere Tiere? Alles Natur! JETZT ANHÖREN Tiere in der Pubertät - abenteuerlustig, impulsiv, risikofreudig JETZT ANHÖREN Tierische Paar(ungs)geschichten JETZT ANHÖREN Literaturtipp: Volker Arzt: Kumpel & Komplizen. Warum die Natur auf Partnerschaft setzt. München 2019. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  19. Der Tod und wir - Rebellion gegen die Endlichkeit

    01.11.2023 · 23 Min.

    Wie gehen wir mit unserer Sterblichkeit um? Wie hängen Lebenskunst und Wissen um die eigene Endlichkeit zusammen? Welche Rolle spielt der Trost der Religion? Antworten aus der Psychoanalyse und der Philosophie. (BR 2018) Autorin: Inka Kübel Credits Autor/in dieser Folge: Inka Kübel Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Hemma Michel, Carsten Fabian Technik: Regina Staerke Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wie der Tod in die Welt kam - Mythen und die große Menschheitsfrage JETZT ANHÖREN Totenkult und Religion - Bestattungsrituale in den Weltreligionen JETZT ANHÖREN Vorstellungen vom Danach - Weiterleben, Wiedergeburt oder Rückkehr? JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  20. Die Lust am Gruseln - Echte Gänsehautgefühle

    31.10.2023 · 21 Min.

    Eine Hexe, ein Monster, der Tod: Das Grauen gehört zum menschlichen Leben wie die Versuche, die Dämonen der Angst zu bekämpfen - etwa durch magische Rituale oder Gebete. Gruseln will gelernt sein. (BR 2015) Autorin: Justina Schreiber Credits Autor/in dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Frank Halbach Es sprachen: Laura Maire, Christian Baumann, Carsten Fabian Technik: Roland Böhm Redaktion: Susanne Poelchau Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Halloween - "Keltischer Kult" oder Grusel-Event? JETZT ANHÖREN "Jetzt schlägt's aber dreizehn!" - Die Geschichte des Aberglaubens JETZT ANHÖREN Angst vor der Dunkelheit - Was die Finsternis unheimlich macht JETZT ANHÖREN Der Teufel hat viele Namen - Der Mythos vom Bösen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN