1000 Antworten

SWR
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21.10.2026
Beschreibung
Woher stammt die "Quarantäne"? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de Viele Episoden dieses Podcasts stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Ihr könnt diese Episoden unter Angabe der Quelle und der Lizenz unverändert in Eurem eigenen Digitalangebot dauerhaft veröffentlichen. Die Episoden dürfen dabei nicht verändert oder kommerziell genutzt werden. Die Lizenz lautet CC BY-NC-ND 4.0.

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Episoden
  1. Könnte man, wenn man noch schneller wird, in die Vergangenheit reisen? Das ist eines dieser Missverständnisse, die leicht aufkommen, wenn man sich mit der Relativitätstheorie beschäftigt. Weil sie ja in der Tat sagt: Wie schnell die Zeit vergeht, hängt von der Geschwindigkeit ab. Diesen Satz darf man nicht falsch verstehen, denn eine der Kernaussagen der Relativitätstheorie ist: Ich selber merke überhaupt keinen Unterschied, ob ich nun an Ort und Stelle bleibe oder mich mit welcher Geschwindigkeit auch immer durch den Raum bewege. Wenn ich eine Uhr dabei habe, dann tickt für mich die Uhr immer gleich schnell. Aber diejenigen, die mich von außen beobachten, können im Prinzip einen Unterschied feststellen. Deshalb Relativitätstheorie: Wenn ich mich mit, sagen wir, halber Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall bewegen würde und du hättest ein so tolles Teleskop, dass du die ganze Zeit auf meine Uhr gucken könntest, die ich dabeihabe, dann tickt aus deiner Perspektive die Uhr viel langsamer. Wie viel macht das aus – bei halber Lichtgeschwindigkeit? Bei halber Lichtgeschwindigkeit noch nicht mal so viel, ungefähr 13 Prozent. Das heißt, wenn auf deiner Uhr eine Minute vergangen ist und du guckst dann auf meine Uhr, dann zeigt die erst 53 Sekunden an. Aber je mehr sich meine Geschwindigkeit der des Lichts annähern würde, desto extremer wird dieser Effekt. Das Kuriose ist jetzt aber, dass das Gleiche auch umgekehrt gilt, denn wenn ich mich relativ zu dir mit halber Lichtgeschwindigkeit bewege, dann bewegst du dich relativ zu mir ebenfalls mit halber Lichtgeschwindigkeit. Die Relativitätstheorie sagt: Es gibt keinen absoluten Bezugspunkt. Es macht also keinen Sinn zu sagen, ich bewege mich und du bleibst an Ort und Stelle. Entscheidend ist immer nur, wie wir uns relativ zueinander bewegen. Wenn ich also von meinem Hochgeschwindigkeitsraumschiff auf deine Uhr sehen könnte, würde es für mich ebenfalls so aussehen, als ginge die langsamer. Aber das ist ein Widerspruch: Wenn wir uns irgendwann wieder begegnen und unsere Uhren vergleichen, kann man feststellen, welche in Wirklichkeit schneller gelaufen ist. Ja, aber nur, weil irgendeiner zwischendurch nochmal seine Richtung ändern muss, damit wir uns begegnen. Wenn ich mit halber Lichtgeschwindigkeit ins All fliege und wieder zurückkomme, muss ich logischerweise irgendwo umdrehen, und da gelten dann andere Gesetze. Jede Richtungsänderung ist physikalisch eine Beschleunigung. Und ein Gesetz der Relativitätstheorie lautet eben auch: Für beschleunigte Körper geht die Zeit langsamer. Wenn ich im Vergleich zu dir mit halber Lichtgeschwindigkeit durchs All fliege und dann in einem großen Bogen zu dir zurückkomme, werde ich deshalb langsamer gealtert sein als du. Das berühmte Gedankenspiel, das als Zwillingsparadoxon bekannt ist Ein Zwilling fliegt mit annähernder Lichtgeschwindigkeit durchs All, der andere bleibt auf der Erde. Wenn der erste nach 60 Jahren wiederkommt, ist er kaum gealtert, sein Bruder dagegen ein alter Mann. Wenn man alle praktischen Schwierigkeiten wegdenkt – schon die Tatsache, dass ein Raumschiff nie so viel Treibstoff mitnehmen könnte, um sich auf knapp unter Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen – dann steht dieses sogenannte Zwillingsparadoxon völlig in Einklang mit der Relativitätstheorie. Der Hörer wollte noch wissen, was bei Über-Lichtgeschwindigkeit passiert. Würde deine Uhr dann im Verhältnis zu meiner rückwärts laufen – könntest du dann auf die Erde zurückkehren und wärst in der Vergangenheit? Und könnte dann meine eigene Geburt verhindern ...? Über diese Vorstellung haben schon viele nachgedacht, denn das wäre im Prinzip die Konsequenz. Aber genau da sagt die Relativitätstheorie: Stopp! Schneller als Lichtgeschwindigkeit geht einfach nicht. Nicht nur, weil dann solche Unsinnigkeiten herauskommen. Es geht auch mathematisch nicht, weil dann in den Formeln plötzlich die Wurzel aus einer negativen Zahl auftaucht. Und es geht physikalisch nicht, weil laut Einstein überhaupt nur masselose Teilchen Lichtgeschwindigkeit erreichen können, wie zum Beispiel Lichtteilchen. Würde man aber einen Körper auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, bräuchte man unendlich viel Energie. Das geht nicht; und darüber hinaus geht es logischerweise erst recht nicht.

  2. Sitzordnung in der Pariser Nationalversammlung Die Begriffe "links" und "rechts" in der Politik kommen ursprünglich aus der Zeit nach 1789, also der französischen Revolution. Damals wurde erstmals ein demokratisches Parlament eingeführt, die Pariser Nationalversammlung. Das war eine Zeit voller Unruhen. Das Volk hatte sich gegen die Herrschaft des Königs aufgelehnt und kämpfte für Gerechtigkeit. Das waren die großen Themen der Zeit, und im Wesentlichen gab es zwei Lager: Das eine saß links im Parlament, das andere rechts. Auf der linken Seite kämpfte man für eine Republik, in der alle Bürger gleiches Recht habe und mitbestimmen können. Die rechte Seite dagegen wollte den französischen König und seine Regierung stützen. Statt gleiches Recht für alle wollten sie die Gesellschaft weiterhin in Klassen teilen. Die Bürger sollten also je nach Reichtum oder Macht unterschiedliche Rechte und Freiheiten haben. Zwei politische Lager: Republikaner saßen links, Konservative rechts Wichtig ist hierbei auch, dass man dabei eben nicht von zwei verschiedenen Parteien gesprochen hat, so wie wir es heute kennen, sondern von zwei großen politischen Strömungen oder auch Lagern: das republikanische Lager und das konservative Lager. Und weil es einfach schneller ging, hat man diese dann nur noch nach ihrer Sitzordnung benannt: "die Linken" und "die Rechten". Interessant: politische Haltung wichtiger als soziale Stellung Interessanterweise hat die Sitzordnung so die gesellschaftlichen Unterschiede gebrochen. Egal, ob jemand reich oder mächtig war – wer links oder rechts saß, hatte nichts mit sozialer Stellung zu tun. Wichtig ist dabei nur der politische Austausch zwischen den beiden unterschiedlichen Meinungen gewesen. Frankfurter Nationalversammlung übernahm die Sitzordnung Im Laufe der Zeit hat sich die Sitzordnung dann immer wieder in Parlamenten durchgesetzt. Ähnlich war es 1848 in der Frankfurter Nationalversammlung in Deutschland: Die sozialistischen Parteien saßen links und die konservativen Parteien rechts. Heute sieht man die gleiche Sitzordnung auch im Bundestag. Politische Meinungen kann man also als ein Spektrum sehen, bei dem sich verschiedene Meinungen und Positionen von ganz rechts bis ganz links ziehen. Einteilung der Parteien in eindeutig links oder rechts heute kaum möglich Ganz so einfach ist die Einteilung der Parteien in politisch links oder rechts heute aber nicht mehr. Das liegt daran, dass sich die Parteien in ihren Inhalten oft verändern und in manchen Punkten sogar ähnlich werden. Vereinfacht gesagt, steht "links" in der Politik oft für soziale Gerechtigkeit und den Kampf für die Rechte aller Menschen. Bei "rechts" geht es oft eher um den Schutz der eigenen Nationen und ihrer Traditionen.

  3. 297 mm x 210 mm: Wer denkt sich so was aus? Wer ein DIN-A4-Blatt abmisst, erhält ziemlich krumme Zahlen. Es ist 297 mm lang und 210 mm breit – wer denkt sich so was aus? Warum genau diese Längen? Und warum genau dieses Seitenformat? Warum sind die Papierbögen nicht etwas breiter oder etwas länger? Für das Seitenverhältnis gibt es einen triftigen Grund: Wenn man ein DIN-A4-Blatt halbiert, entsteht ein DIN-A5-Blatt. Das hat genau die gleichen Proportionen. Wenn man DIN A5 noch mal teilt, dann haben die daraus entstehenden A6-Blätter wieder genau die gleichen Proportionen. Das ist praktisch, wenn man den gleichen Inhalt auf ein kleineres Blatt drucken will. So bleiben die Proportionen erhalten; es würde sonst nicht passen. Das funktioniert aber nur bei einem ganz bestimmten Seitenverhältnis. Nämlich dann, wenn sich Breite zu Länge verhalten wie 1 zu √2 – also ungefähr 1:1,41. Wenn die Seiten ein anderes Zahlenverhältnis haben, hat die halbierte Seite ein anderes Format. DIN A0: ein Quadratmeter Papier Aber wie kommt es zu den absoluten Zahlen? Warum ist nicht wenigstens eine der beiden Längen eine glatte Zahl? Man hätte ja sagen können, die Länge von DIN A4 ist genau 30 cm und nicht 297 mm. Auch das lässt sich leicht erklären: DIN A4 ist – das steckt ja schon im Namen – nicht der Ausgangspunkt, sondern DIN A4 ist wiederum die Hälfte von DIN A3. Darüber gibt es noch DIN A2, DIN A1 und DIN A0. Ein DIN-A0-Bogen ist 1189 mm lang und 841 mm breit – die Fläche eines Quadratmeters! Das Basisformat DIN A0 wurde also so definiert, dass man dafür einen Quadratmeter Papier benötigt. Und wenn man es halbiert, viertelt und achtelt, behält es immer die gleiche Proportion. Wilhelm Ostwald und das "Weltformat" für Druckerzeugnisse Eingeführt wurde es übrigens vom Chemienobelpreisträger Wilhelm Ostwald. In der Chemie hat der einen großen Namen, aber warum kümmert sich ein Chemiker um Papierformate? Wilhelm Ostwald war Mitbegründer eines Instituts, das sich 1911 zum Ziel gesetzt hat, das gesamte Wissen der Welt zu katalogisieren. Das heißt, einen weltweit einheitlichen Standard zu entwickeln, wie Bibliotheken zum Beispiel ihre Bestände katalogisieren. Gleichzeitig hat dieses Institut ein Weltformat für Druckerzeugnisse propagiert. Vor allem eben die Idee der einheitlichen Proportionen. 11 Jahre später, 1922, hat das Deutsche Institut für Normung das festgeschrieben. Viele andere Länder haben das dann übernommen.

  4. Butterbrot fällt in der Regel nicht zufällig Das erinnert an "Murphy’s Law"– dieses scheinbare Naturgesetz, auf das sich Berufspessimisten berufen: Alles, was schief gehen kann, geht auch schief, und es trifft immer der schlechtest mögliche Fall ein: An der Kasse im Supermarkt landet man grundsätzlich in der langsamsten Schlange. Und das Butter- oder Marmeladenbrot landet beim Herunterfallen immer mit der geschmierten Seite auf dem Boden. Aber ist das wirklich so oder bilden wir uns das nur ein? Bei der Kasse am Supermarkt muss man sagen, ist es Einbildung. Aber das mit dem herunterfallenden Brot stimmt tatsächlich. Das klingt merkwürdig, denn man könnte ja meinen, dass es wie beim Würfeln Zufall ist, wie es fällt. Tatsächlich ist es aber gar nicht so zufällig, denn die normalen Ausgangsbedingungen sind immer ähnlich. Fall von der Tischkante: standardisierte Sturzbedingungen Wir haben einen Esstisch mit einer typischen Höhe von 80 cm, an dem wir sitzen. Dazu ein handliches Butterbrot, das auf der Tisch- oder Tellerkante liegt und irgendwie über den Rand fällt. Unter diesen Standardbedingungen – Fallhöhe 80 cm, Breite des Brotes ca. 10 bis 15 cm – schafft das Brot beim Herunterfallen in der Regel tatsächlich eine halbe Drehung. Vorausgesetzt, wir geben ihm nicht noch zusätzlich eine Drehung mit. Deshalb landet es in der Mehrzahl der Fälle auf der geschmierten Seite. Sie können das übrigens ausprobieren. Vielleicht nicht mit einem Marmeladenbrot, dazu ist der Boden zu schade. Nehmen Sie lieber eine Münze und ein Buch. Legen Sie das Buch flach auf den Boden, die Münze obendrauf und schieben Sie sie langsam über den Rand. Je nachdem, wie dick das Buch ist, wird sie keine, eine oder zwei Umdrehungen machen, aber das immer wieder. Wenn Sie immer das gleiche Buch und die gleiche Münze nehmen, werden Sie fast immer das gleiche Ergebnis bekommen – und so ähnlich ist das auch mit dem Butterbrot.

  5. Schwer zu beweisen: Zusammenhang zwischen Wetter und Gesundheit Wetterfühligkeit – das sagt sich so leicht. Oft ist es jedoch schwer, Zusammenhänge zwischen Wetter und Gesundheit wirklich zu beweisen. Manche Leute schwören, dass sie bei Regen öfters Kopfschmerzen bekommen. Man kann nach möglichen Ursachen fahnden: Führt der niedrige Luftdruck zu irgendwelchen Verspannungen? Lässt ein plötzlicher Kälteeinbruch die Blutgefäße verengen? Oder beeinträchtigt die erhöhte Luftfeuchtigkeit die Atemwege? Das kann alles sein, vielleicht ist es aber auch viel banaler. Denn warum sprechen wir bei Dauerregen vom Mistwetter? – Weil wir Sonne lieber mögen. Sonne – das ist schönes Wetter, und schönes Wetter ist gut für die Gesundheit. – Eben weil es schön ist, alles ist entspannter, man geht eher mal raus. Das alles hilft vielleicht auch gegen Kopfschmerzen. Aber ist das schon Wetterfühligkeit? Sonnenlicht hat positiven Einfluss aufs Gemüt Der positive Einfluss von Sonnenlicht aufs Gemüt gehört zu den wenigen Faktoren, für die es wirklich starke Belege gibt. Sonnenlicht hemmt die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Deshalb macht es wach und beugt Depressionen vor. Ebenso offensichtlich ist, dass allzu große Hitze nicht guttut und längere Hitzeperioden gerade älteren Menschen zu schaffen macht – Notärzte wissen ein Lied davon zu singen. Und schließlich beeinflusst das Wetter im Frühjahr auch den Pollenflug – für manchen Allergiker kann ein kräftiger Regenschauer deshalb ein Segen sein. Aber damit erschöpfen sich auch schon die Zusammenhänge, die wirklich auf der Hand liegen. Nur statistische Zusammenhänge nachweisbar Wie schwierig die sogenannte Wetterfühligkeit zu beweisen ist, zeigt gerade das Thema Kopfschmerzen. In aufwändigen Untersuchungen fanden Forscher heraus: Ja, unter ganz bestimmten Umständen führt ein Wetterumschwung tatsächlich statistisch zu mehr Kopfschmerzen, aber eben gerade nicht bei einem Kälteeinbruch, sondern im Gegenteil: wenn die Temperaturen steigen. Ein Anstieg von 5 Grad Celsius innerhalb eines Tages erhöht das Kopfschmerzrisiko um etwa 8 Prozent. Wenn es noch wärmer wird, erhöht sich auch das Risiko entsprechend. Keinen Zusammenhang konnten die Wissenschaftler beim Faktor Luftverschmutzung feststellen. Schadstoffe in der Luft sind zwar generell eine Belastung für den Körper, erhöhen aber offenbar nicht das Kopfschmerz-Risiko. Und das sind, wie gesagt, alles nur rein statistische Zusammenhänge.

  6. Vogellunge besitzt Luftsäcke Die Lerche singt kontinuierlich, scheinbar ohne Luft zu holen. Das kann sie deshalb, weil sie völlig anders singt, als wir Menschen das tun. Vögel besitzen eine Lunge mit sogenannten Luftsäcken. Das sind sackartige Ausstülpungen, etwa wie Blasebalge, die zwischen größeren Muskelpaketen – beim Vogel zum Beispiel den Brustmuskeln – liegen, aber sich auch in hohle Knochen erstrecken können. Die Knochen von Vögeln sind ja hohl. Das heißt, die atmen völlig anders. Die Lunge dehnt sich nicht aus, sondern die Luft geht immer in die Blasebalge, diese Luftsäcke hinein. Die Vögel haben also zusätzlich zur Lunge Luftsäcke. Das heißt, sie können unabhängig voneinander atmen und singen. Sie können Luft durch die Nasenöffnungen in die Lunge saugen und gleichzeitig singen, indem sie die Luft aus den Luftsäcken rauslassen und durch ihren Stimmkopf pressen. Vielleicht kann man es sich vorstellen wie bei einem Dudelsackspieler, der ja auch immer den Ton aus dem Instrument rausbekommt, auch wenn er zwischendurch mal Luft holt. So ähnlich ist es bei den Vögeln. Die Frage ist: Wie kriegen die die Luft raus? Nicht, indem sie ausatmen, sondern indem sie praktisch pumpen. Die Muskelbewegungen beim Fliegen pumpen sozusagen die Luft raus, die dann den Ton erzeugt. Kleine Vögel können laut sein: Lautstärke hängt vom Druck ab Die Lautstärke hängt gar nicht so sehr von der Körpergröße ab, sondern vor allem von dem Druck, mit dem die Luft durch den Stimmkopf gepresst wird. Das ist wie beim Luftballon: Wenn der Luftballon prall gefüllt ist und man lässt ihn quietschen, dann ist das relativ laut, weil viel Druck dahinter ist. Die Vögel können diesen starken Druck aufbauen, weil sie ständig Luft nachholen können. Die Größe des Vogels hängt damit nicht zusammen; die Größe des Vogels bestimmt eher die Tonhöhe. Deswegen singen Vögel viel höher als wir. Aber die Lautstärke hängt allein von dem Druck ab, mit dem die Luft durch den Stimmkopf gepresst wird.

  7. Gehirn nimmt eigene Bewegungen und Berührungen vorweg Das liegt daran, dass unser Gehirn unsere Bewegungen und Berührungen vorwegnimmt. Wenn wir wissen, dass wir uns gleich an einer bestimmten Körperstelle berühren, dann stellt sich unser Gehirn darauf ein und dämpft die Empfindung. Deswegen sind wir dann unempfindlich gegenüber unserem eigenen Kitzeln. Diesen Effekt gibt es übrigens genauso bei Berührungen, die normalerweise Schmerz hervorrufen: Wenn wir uns selbst schlagen, tut es normalerweise auch nicht so weh, weil auch hier das Gehirn die Empfindung automatisch dämpft. Körper vermeidet unnötige Alarmsignale Der Grund ist offenbar, dass das Gehirn auf diese Weise vermeidet, dass wir unnötig auf Schmerz reagieren. Schmerz ist ja ein Alarmsignal. Wenn wir plötzlich Schmerz empfinden, reagieren wir unwillkürlich: Wir ziehen die Hand von der Herdplatte weg oder weichen dem Angreifer aus, der uns schlägt. Bei Berührungen, die wir uns selbst zuführen, kann das Gehirn aber im Normalfall davon ausgehen, dass diese Berührungen erwünscht sind und kein Anlass besteht, ihnen aus dem Weg zu gehen. Also will es seine Energie nicht damit verschwenden und dämpft deshalb vorneweg die Empfindung. Genauso ist es beim Kitzeln. Wenn wir uns selbst kitzeln, dämpft unser Gehirn einfach die sensorischen Empfindungen an dieser Stelle. Deswegen spüren wir da so gut wie nichts und es passiert so gut wie nichts. Ein Gegenbeispiel: Wenn Sie sich versehentlich mit dem Hammer schlagen, tut es sehr wohl weh, weil das Gehirn diese Berührung nicht vorwegnimmt. Vorsicht, wenn man andere schlägt! Übrigens: Wenn man jemanden schlägt, hat man selbst manchmal das Gefühl, dass das doch gar nicht so schlimm war. Dem anderen tut es aber sehr weh und er beschwert sich, dass er so fest geschlagen wird. Das ist genau das Gleiche: Unsere Gehirn weiß, dass unsere Hand gleich zuschlägt und dämpft bei uns selbst dann wiederum die Empfindungen – beim anderen jedoch nicht. Deswegen entsteht zum Beispiel der Streit zwischen Kindern nach dem Motto: "Du hast mich doch viel fester gehauen als ich dich!" Vor einigen Jahren konnte man diesen Effekt tatsächlich nachweisen; das findet im Gehirn so statt.

  8. Rassistische Klischees? Die Erklärung, die ich aus meiner Kindheit kenne und die mir damals sehr einleuchtete lautet: Die Farben sind bestimmten Kontinenten zugeordnet: Der schwarze Ring steht für Afrika, der rote Ring für Amerika, der gelbe für Asien, der grüne für Australien und der blaue Ring für Europa – angeblich, weil es in Europa so viele Menschen mit blauen Augen gibt. Später dachte ich: Das kann ja nicht sein, da hat mir jemand dummes Zeug erzählt. Denn wenn das wirklich die Erklärung wäre, hätte vermutlich längst eine breite Diskussion eingesetzt, ob die Farben noch zeitgemäß sind. Die Erklärung strotzt ja nur so von rassistischen Klischees: rote Indianer, gelbe Asiaten, schwarzes Afrika, blauäugige Europäer … Ringe-Idee von Pierre de Coubertin Dann habe ich aber heraus gefunden, dass die Farben tatsächlich bis 1951 im offiziellen Handbuch der Olympischen Spiele so erklärt wurden. Doch es ist völlig unklar, wie diese Farbenlehre da reingekommen ist. Denn als das Symbol der olympischen Ringe vor 100 Jahren erfunden wurde, war davon noch überhaupt keine Rede. Die Idee zu den Ringen hatte der Begründer der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin. Er sagte zwar, dass die Ringe für die 5 Kontinente stehen und hat auch die Farben der Ringe festgelegt – er hat aber die einzelnen Farben nicht bestimmten Kontinenten zugeordnet. Seine Idee war vielmehr eine ganz andere. 6 Olympia-Farben: mindestens einmal in jeder Nationalflagge enthalten Dazu muss man wissen, dass offiziell nicht nur die Farben der Ringe festgelegt sind, sondern auch die Hintergrund-"Farbe" Weiß. Das Motiv besteht somit nicht aus fünf, sondern aus sechs Farben. Und die Idee war damals, dass das Motiv der olympischen Ringe mindestens eine Farbe von jeder Nationalflagge der Welt enthält. Die deutsche Flagge etwa enthält die "Ringfarben" Schwarz und Rot, die brasilianische Flagge enthält Gelb, Grün und Blau. Jedes Land sollte sich in den Ringen sozusagen wiederfinden – das war die ursprüngliche Idee, und sie war offenbar völlig frei von rassistischen Schablonen. Wie und warum die Zuordnung von Farben zu Erdteilen ins Handbuch gekommen ist, ist bis heute unklar: Auf jeden Fall aber hat das Olympische Komitee diese merkwürdige Passage 1951 auch wieder aus dem Handbuch gestrichen.

  9. 11.02.2026
    3 min

    Man will es vielleicht nicht wahrhaben, aber ab dem 30. Lebensjahr beginnen wir zu schrumpfen, und zwar ausnahmslos wir alle, egal ob Mann oder Frau, krank oder gesund. Der Schrumpfungsprozess verläuft über Jahre hinweg, aber er zeigt sich auch im Tagesverlauf. Doch woran liegt das eigentlich? Bandscheiben brauchen Wasser, um elastisch zu bleiben Das Schrumpfen hängt mit unseren Bandscheiben zusammen. Sie liegen zwischen unseren Wirbeln und dämpfen alle Stöße ab, die unser Rücken am Tag aushalten muss. Sie sind quasi die optimale Federung, der biologische Stoßdämpfer. Damit die Bandscheiben elastisch bleiben und die Federung optimal funktioniert, müssen sie sich mit Wasser vollsaugen. Wenn wir uns tagsüber viel bewegen und die Wirbelsäule belasten, verlieren die Bandscheiben zunehmend an Flüssigkeit. Selbst wenn sie jeweils nur ca. 1 Millimeter an Dicke verlieren, kann es dadurch zu Größenverlusten von bis zu drei Zentimetern kommen, je nachdem wie stark man seinen Rücken belastet und wie groß man ist. Dieser Flüssigkeitsverlust ist aber kein Problem. Wenn wir uns abends hinlegen und den Rücken entlasten, füllen sich die Bandscheiben über Nacht wieder mit Wasser. Am Tag schrumpfen wir ein wenig, nachts wird das wieder repariert – und am nächsten Morgen stehen wir wieder mit unserer maximalen Größe auf. Das Schrumpfen beginnt schon mit 30 Jahren Im Alter nimmt allerdings der Flüssigkeitsgehalt unseres Körpers ab, wodurch die Bandscheiben an Elastizität verlieren und sich nicht mehr so gut mit Wasser füllen können. Dadurch werden sie allgemein dünner und der Mensch schrumpft. Auf diese Art verlieren wir ab dem 30 Lebensjahr alle 10 Jahre ca. 1 cm. Wer also mit 30 noch stolze 1,80 m misst, wird mit 70 Jahren nur noch 1,76 m groß sein. Verformungen der Wirbelsäule durch Osteoporose und schlechte Haltung Ein besonders starker Größenverlust kann aber auch auf Krankheiten wie Osteoporose hindeuten. Dieser Knochenschwund tritt verstärkt bei Frauen ab den Wechseljahren auf. Auch die Haltung kann einen Einfluss auf die Körpergröße haben. Sitzen wir zum Beispiel jahrelang gekrümmt vor unserem Rechner, kann das zu Verformungen der Wirbelsäule führen, auch das macht uns kleiner. Stoppen können wir das Schrumpfen zwar nicht, aber wir können vorbeugen, indem wir in unserem Alltag auf eine gesunde Sitzhaltung achten, uns ausreichend bewegen und gezieltes Training für den Rücken machen. Auch wenn wir im Alter sukzessive an Größe verlieren: Einige Körperteile schrumpfen nicht. Unsere Nase und unsere Ohren wachsen ein Leben lang weiter. Und wahrscheinlich ist das alles andere als ein Trost?!

  10. 10.02.2026
    2 min

    Bronze ist eine Legierung Nein. Bronze besitzt zwar eine wichtige Edelmetall-Eigenschaft: Sie ist sehr korrosionsbeständig, oxidiert also kaum. Aber als Edelmetalle gelten nur reine Metalle – Bronze dagegen ist eine Legierung. Sie besteht zu mindestens 60 Prozent aus Kupfer; das ist immerhin ein Halb-Edelmetall. Der Rest sind andere Nicht-Edelmetalle wie Zinn, Aluminium oder Blei. Damit ist die Bronze per Definition kein Edelmetall. Sie ist übrigens auch nicht annähernd so wertvoll wie Gold oder auch Silber. Zum Vergleich: Wäre eine Goldmedaille aus reinem Gold (was sie nicht ist), würde sie 80-mal mehr kosten als eine entsprechende Silbermedaille und 2400-mal so viel wie eine Bronzemedaille. Aber der Preis ist für den Begriff "edel" nicht das entscheidende Kriterium, sondern die chemischen Eigenschaften. Kupfer statt Bronze für den 3. Platz? "Echte" Edelmetalle sind: Silber, Gold, Rhodium, Ruthenium, Palladium, Osmium, Iridium, Platin. Auch Quecksilber wird meist dazu gezählt. Es steht im Periodensystem direkt neben dem Gold, ist aber schon reaktionsfreudiger und schon deshalb ein untypisches Edelmetall. Wenn man sich das Periodensystem der Elemente ansieht, wäre eigentlich eine "Kupfermedaille" als "dritter Platz" konsequenter, denn: Gold, Silber, Kupfer – diese drei Metalle stehen direkt übereinander. Kupfer ist aber bekanntlich relativ weich und biegsam – nicht das, was man von einer stabilen Medaille erwartet. Waffentaugliche Bronze Das ist auch der Grund, weshalb in der Frühgeschichte Bronze so bedeutsam wurde: Diese Legierung aus Kupfer und Zinn ist viel härter und somit waffentauglicher als das reine Kupfer, das man schon vorher kannte.

  11. Schlaffe Saiten, tiefe Töne Bei Streichinstrumente klingen die Saiten. Wenn es wärmer wird, werden die Saiten etwas schlaffer und verlieren die Anspannung, da sich das Material ausdehnt. Dadurch wird der Ton generell tiefer. Schwingende Luftsäule in der Flöte: höherer Ton bei Wärme Bei den Blasinstrumenten wie etwa der Flöte passiert das Gegenteil. Dort wird der Raum, also die Luftsäule im Instrument, zum Schwingen und somit zum Klingen gebracht. In warmer Luft breitet sich der Schall schneller aus als in kalter – dadurch wird der Ton höher. So kommt es zu dem Phänomen: Wenn ein Orchester aus dem Kalten ins Warme kommt, werden die Streicher tiefer, die Bläser höher – bis sich dann alles eingestimmt hat und die Bläser ihr Instrument warmgespielt haben. Dann kann man noch mal ordentlich stimmen – aber es braucht eine Weile, bis man sauber gestimmt ins Konzert geht.

  12. Streng genommen hängt auch noch Afrika am eurasischen Kontinent. Die beiden sind zwar durch den Suezkanal getrennt, aber der künstliche Kanal spaltet ja nicht die geologische Landmasse. Es gibt somit keine natürliche Grenze zwischen Afrika und Asien. Trotzdem ist die Landbrücke zur Sinai-Halbinsel sehr schmal, insofern ist es nicht abwegig, Afrika als eigenen Kontinent zu betrachten. Anders ist es mit Europa und Asien – das ist eine große Landmasse. Warum spricht man dann von zwei Erdteilen? Siegreiche Griechen grenzten sich von den "Barbaren" jenseits der Ägäis ab Die Unterscheidung begann vor etwa 2.500 Jahren und geht zurück auf das Weltbild der alten Griechen. Und nicht nur auf ihr Weltbild, sondern vor allem auf das Bild, das sie von sich selbst hatten. Die Griechen sahen sich als die Tüchtigen, die Gerechten, vor allem: die Demokraten. Es gab einen Verfassungsstaat und die demokratischen Strukturen der griechischen Polis. Doch dann erschütterte ein wichtiges Ereignis die griechische Gesellschaft: die Perserkriege zu Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus. Die Griechen waren zwar von ihrer Mannstärke her wesentlich schwächer, dennoch gelang es ihnen, die Perser zu besiegen – und zwar in den großen Schlachten von Marathon und Salamis. Für die griechischen Geschichtsschreiber war das ein Sieg der Griechen gegen die Barbaren. Da die Perser aus dem Osten über Anatolien kamen, war das für die Griechen der Anlass, in der Ägäis, also zwischen Griechenland und Anatolien, eine fundamentale Grenze zu ziehen und alles jenseits der Ägäis als den Erdteil der Barbaren zu betrachten. "Asien" geht vermutlich auf das assyrische Wort für "Osten" zurück Woher der Name Asien genau kommt, ist unklar, vermutlich stammt er aus dem assyrischen Wort für Osten, die Richtung des Sonnenaufgangs, also im Grunde das Pendant zum Wort Orient. Europa/Asien, Okzident und Orient – das hat alles in dieser Zeit seine Wurzeln. Der antike Historiker Herodot konstruierte daraus ein Weltbild mit drei Erdteilen: Europa, Asien und das, was er als Libyen bezeichnete, man heute aber Afrika nennt. Die Grenze zwischen Europa und Asien ließ sich aus Sicht der griechischen Geografen leicht festmachen: Sie verlief am Bosporus, also entlang der Verbindung zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer, durch das Schwarze Meer und schließlich vom Ostrand des Schwarzen Meers durch den Kaukasus hinüber zum Kaspischen Meer. Die Griechen gaben sich damit zufrieden. Herodot war auch überzeugt, dass Europa von allen drei Kontinenten der größte sei, womit er natürlich völlig daneben lag. Heutige Definition: Ural bildet Grenze zwischen Europa und Asien Die griechischen Geografen wusste schon, dass nördlich vom Schwarzem Meer, also ím heutigen Russland, Europa nahtlos in Asien übergeht, aber das störte sie nicht. Die Gegend war so weit weg, dass sie sich damit nicht näher befasst haben. Nach heutiger Definition gilt der Ural als die russische Grenze zwischen Europa und Asien. Doch diese Definition ist viel jünger. Der Ural war schlicht und einfach die Ostgrenze des russischen Reiches im 18. Jahrhundert. Die Grenze zwischen Europa und Asien wurde also erst nach und nach definiert. Nach den Perserkriegen vor 2.500 Jahren wurde sie am Bosporus gezogen, dann bald auch am Schwarzen und Kaspischen Meer. Der Ural dagegen wurde erst vor 200 Jahren zur Innerkontinentalgrenze. Elbrus oder Mont Blanc: höchster Berg Europas im Kaukasus statt in den Alpen? Im Kaukasus gibt es bis heute keinen eindeutigen Grenzverlauf zwischen Europa und Asien, auf den sich alle einigen könnten. Die Konsequenz: Es ist nicht klar, wo der höchste Berg Europas steht. Der Mont Blanc in den Alpen ist 4.809 m hoch. Der Elbrus im Kaukasus allerdings 5.642 m. Da man sich aber nicht einig ist, ob der Elbrus in Europa oder in Asien liegt, ist auch die Frage, wo der höchste Berg Europas liegt, nicht geklärt. Übrigens hat bereits Herodot vor 2.500 Jahren bezweifelt, ob diese willkürlich gezogenen Grenzen zwischen Europa und Asien wirklich sinnvoll sind. Für ihn waren es einfach Konventionen bzw. Definitionen, die man nicht überinterpretieren dürfe.

  13. Wasser und Vegetation sind attraktiv Experimentell kann man zeigen, dass Menschen sich vor allem von solchen Landschaften angezogen fühlen, die Wasser und Vegetation enthalten: Die Nähe zu Flüssen, Seen, aber auch zum Meer ist also hochattraktiv. Menschen verbringen gerne Zeit am Wasser. Das zeigt sich auch daran, dass an Seen oder am Meer die Grundstückspreise umso höher sind, je näher die Häuser am Wasser stehen. Das andere ist Vegetation. Die spielt auch da eine Rolle, wo wir gar nicht über Naturlandschaften reden, sondern z.B. über Städte. Wenn man Leuten Fotos aus Innenstädten zeigt, dann ist der wichtigste Faktor, ob ihnen der Ort gefällt, der Punkt: Gibt es Pflanzen oder nicht? Man kann spekulieren, dass diese Vorlieben Relikte aus der Evolution stammen: Schließlich waren unsere frühen umherziehenden Vorfahren gut beraten Orte zu suchen, an denen es Wasser gab und Vegetation, sodass sie zu Essen und zu Trinken hatten. Ideal: halboffene Parklandschaften Stellt sich die Frage: Welche Art von Vegetation? Denn zumindest in unseren Breiten wächst ja praktisch überall etwas, wo es keine Städte gibt. Vegetation allein sagt also noch relativ wenig. Soll es Wald sein? Oder lieber Wiese? In den 1980er-Jahren gab es dazu Untersuchungen. Die kamen zu dem Ergebnis, dass es die Mischung macht. Optimal sind also halboffene Parklandschaften, in denen es ein paar Bäume oder Wald gibt, aber daneben auch offene Flächen mit freier Sicht. Dass Parklandschaften so gestaltet werden – dass sie offene und geschlossene Elemente kombinieren – ist ein Beleg dafür, dass Menschen das mögen. Auch hierzu gibt es verschiedene Ideen, warum das so ist. Eine Theorie aus den 1980er-Jahren behauptete, der Mensch würde in diesen Parklandschaften seine Urheimat wiedererkennen, die ostafrikanische Savanne. Diese Hypothese kursierte als "Eden-Theorie" – Parklandschaften seien sozusagen die paradiesische Urlandschaft des Menschen. Beweisen lässt sie sich das allerdings nicht – und es spricht auch einiges dagegen: Der Mensch hat sich ja in den letzten hunderttausend Jahren über die Erde ausgebreitet und sich allen möglichen Natur­räumen angepasst, auch genetisch. Die Hautfarbe hat sich verändert, die Behaarung. Aber gleichzeitig sollen wir noch immer eine gene­tisch vererbte Vorliebe für Savannenlandschaften in uns tragen, nur weil unsere frühen Vorfahren da vor mehr als 100.000 Jahren gelebt haben? Das klingt unwahrscheinlich. Wichtig: Überblick und Rückzugsraum Man kann diese Vorliebe auch gut anders erklären. Genau diese Landschaften, die offene und geschlossene Elemente kombinieren, verbinden zwei Bedürfnisse: Nämlich das Bedürfnis, eine Übersicht zu haben, weiter zu gucken als nur bis zum nächsten Baum. Gleichzeitig aber auch einen Rückzugsraum zu haben, der ein Stück Geborgenheit vermittelt. Flächen, die nach allen Seiten offen sind, empfinden wir oft als wüst und leer. Umgekehrt ist es nicht so reizvoll, mitten im Wald zu stehen, wo es gar keinen offenen Blick gibt. Als schön da­gegen empfinden wir Gebirgsperspektiven mit weitem Blick ins Tal, aber verschlossener Perspektive zum Hang. Oder offene Flächen mit vereinzelten Baumgruppen, Oder einen Küstensaum, an dem man einen Blick aufs offene Meer hat, und zugleich das Fest­land, in Form von Dünen oder Klippen, im Rücken. Der US-amerikanische Geograph Yi Fu Tuan hat mal von einer Kombination aus Space und Place gesprochen. Space bezeichnet im englischen einen offenen Raum, Place dagegen ist eher ein "Ort mit geschlossenen Perspektiven". Und Yi Fu Tuan sagte: "Place is security, space is free­dom". Also: Die geschlossenen Perspektiven stehen für Sicherheit und den "eigenen Raum", die offenen Perspektiven stehen für Freiheit. Wasser, Vegetation und die Kombination aus Space und Place – das sind also Landschaftsmerkmale, die Menschen überall auf der Welt gefallen. Daneben kommt es natürlich auch darauf an, was wir mit einer Landschaft verbinden, welche Erinnerungen wir mit ihr verknüpfen. Das ist individuell unterschiedlich. Wüste und Antarktis: faszinierend, aber nicht alltagstauglich Außerdem muss man immer den Kontext sehen: Viele Menschen faszinieren zum Beispiel Wüsten oder die Antarktis. Oder das Hochgebirge. Aber diese Landschaften sind vor allem toll, um mal dort gewesen zu sein und zum Fotografieren. Richtig heimelig, um dort zu leben nett spazieren gehen sind sie dann aber doch nicht. Und es gibt Landschaften, die toll aussehen, wenn man von oben draufguckt, zum Beispiel aus dem Flugzeug. Aber nicht unbedingt, wenn man mitten drin ist.

  14. Unliebsame Überraschung Beides hängt miteinander zusammen. Es geht bei dem Blau um die Farbe der Täuschung und gleichzeitig um die Farbe der Weite. Beides hat mit der Lüge zu tun oder auch damit, dass man in dieser Weite Überraschungen erleben kann, die gar nicht so selten unliebsame Überraschungen sind. "Sein blaues Wunder erlebe" wäre eben so eine unliebsame Überraschung – das ist ja fast immer als Drohung verwendet worden. Mein Vater jedenfalls sagte das so: "Du wirst noch dein blaues Wunder erleben!" Und das ist eben damit verbunden – dass es in der Weite diese unliebsame Überraschung geben kann. Vielleicht ist der Himmel ja doch nicht blau? "Das Blaue vom Himmel herunterlügen" hat auch mit der Täuschung zu tun, mit dem Unfassbaren. Es gibt aber noch eine Variante, die mir ganz gut gefällt. Die geht dahin, dass jemand so gut lügen kann, dass er den Himmel, der ja unzweifelhaft blau ist, so erscheinen lassen kann als wäre er nicht mehr blau. Man sagte das von den Sophisten schon – sie könnten so gut reden, dass sie das Weiße schwarz und das Schwarze weiß reden könnten. Insofern bin ich zuversichtlich, dass das auch da hineingespielt hat. Und Sie kennen vielleicht das Diktum: "Lieber einen Freund als eine Pointe verlieren."

  15. Die Frage klingt einfach, und viele würden intuitiv sagen: Na klar! Man kann sich "abhärten", wie es so schön heißt. Wenn man häufig an die frische Luft gehe oder sich immer wieder mal Erregern aussetze, stärke das das Immunsystem. Doch so einfach ist es nicht, denn man muss zwei Sachen unterscheiden: Kontakt mit Erregern stärkt Immunabwehr Unstrittig ist, dass der Kontakt mit einem Erreger – wenn man ihn übersteht – die Immunabwehr gegen diesen speziellen Erreger stärkt. Wer eine Maserninfektion überlebt hat, ist in der Regel ein Leben lang gegen das Masernvirus immun. Und wenn man sich im Alltag einer Vielzahl schwacher Erreger aussetzt, die das Immunsystem immer ein bisschen herausfordern, aber nicht wirklich krank machen, dann entwickelt das Immunsystem gegen diese Erreger eine Abwehrroutine. Auch Impfungen beruhen auf diesem Prinzip. Sie stimulieren das Immunsystem, ohne es zu überfordern, nur eben immer gegen bestimmte Erreger. Immungedächtnis ist erregerspezifisch Aber schon die jährliche Grippeimpfung zeigt das Problem: Man muss sie jedes Jahr erneuern lassen, weil sich der Erreger verändert. Die Immunität, die mir die Impfung letztes Jahr verschafft hat, ist also nächstes Jahr schon wieder hinfällig, weil der Erreger sich bis dahin verändert und mein Immungedächtnis dann nicht mehr greift. Dieses Immungedächtnis ist also immer erregerspezifisch. Weder eine Masern-Infektion, noch eine Grippeschutzimpfung führt zu einer allgemeinen Stärkung meines Immunsystems. Beide schützen mich nur vor dem speziellen Erreger, dem ich ausgesetzt war. Der Mechanismus dahinter ist schon lange bekannt. Er funktioniert über die adaptiven – also anpassungsfähigen – Immunzellen: die sogenannten B-Zellen und T-Zellen. Diese Zellen passen sich der Oberfläche des speziellen Erregers an und wehren ihn ab. Die B-Zellen produzieren bei Kontakt mit einem Erreger die geeigneten Antikörper. Angeborene kurzlebige Immunzellen reagieren auf breites Erregerspektrum Die Frage ist nun: Gibt es neben dieser erregerspezifischen Abwehr auch so etwas wie einen allgemeinen "Trainingseffekt" der Immunabwehr? Was man bisher weiß: Irgendwelche Effekte dieser Art gibt es. Das bestätigt der Immunologe Andreas Wack vom Francis Crick Institute in London. Die ersten Hinweise habe es im Zusammenhang mit dem Tuberkulose-Impfstoff BCG gegeben. Es wurde schon vor Jahrzehnten gezeigt, dass Kinder, die mit diesem Impfstoff geimpft worden sind und damit nur spezifisch einen Schutz gegen Tuberkulose haben sollten, auch andere Infektionskrankheiten weniger bekommen haben. Und man versteht bisher noch nicht so richtig, wie das funktioniert. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Ein Erklärungsansatz ist: Es gibt neben den anpassungsfähigen und damit erregerspezifischen Immunzellen – also den B- und T-Zellen – auch angeborene Immunzellen, die nicht spezialisiert sind und auf ein breites Erregerspektrum reagieren. Die produzieren zum Beispiel Botenstoffe wie die Interleukine, die auf sehr unterschiedliche Erreger reagieren. Wenn eine solche Immunzelle einen Erreger abwehrt, werden in ihrem Erbgut, bildhaft gesprochen, bestimmte Schalter aktiviert: Die DNA wird also epigenetisch verändert und produziert deshalb mehr von diesen Interleukinen, so die Idee. Der Haken an dieser Vorstellung ist, dass diese angeborenen Immunzellen sehr kurzlebig sind. Sie erneuern sich alle ein bis Tage. Diese Art der verstärkten Immunabwehr kann deshalb nicht lange anhalten. Ein nachhaltiger Trainingseffekt lässt sich mit diesen Zellen also nicht erklären. Training des Immunsystems durch epigenetisch geprägte Zellen Wenn die Zelle zwei Tage später nicht mehr im Blut ist, ist das natürlich relativ hinfällig. Deshalb war der nächste Schritt zu sagen: Vielleicht ist diese Prägung nicht in den Zellen selbst, sondern in ihren Vorläuferzellen? All diese Zellen werden im Knochenmark gebildet, und die Annahme war und ist, dass es Prägungen schon im Knochenmark gibt, die dann dafür sorgen, dass alle neuen Zellen, die von diesen Vorläuferzellen erzeugt werden, diese epigenetische Prägung mitbringen und deshalb stärker reagieren. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Das ist der Mechanismus, der in der Wissenschaft tatsächlich als Training des Immunsystems bezeichnet wird. Studien aus den vergangenen Jahren konnten ihn auch belegen. Forschung untersucht die Rolle der Makrophagen Es gibt aber auch andere Erklärungsansätze. Andreas Wack etwa erforscht die Rolle von Makrophagen in der Lunge. Makrophagen sind körpereigene Zellen, die Bakterien vernichten können. Auch sie werden dem angeborenen Immunsystem zugerechnet. Diese Zellen sind nicht kurzlebig, sondern wenn sie einmal in der Lunge sind, sind sie relativ langlebig. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Wacks Experimente mit Mäusen ergaben Folgendes: Werden die Mäuse mit einem Grippevirus infiziert und machen die Grippe durch, haben sich die Makrophagen in der Lunge hinterher verändert. Anstelle der ursprünglichen, für Erreger harmlosen Makrophagen, finden sich Makrophagen, die von weißen Blutkörperchen aus dem Blut abstammen. Und diese neuen Zellen reagieren viel stärker auf Erreger aller Art als ihre Vorgänger. "Das führte dazu, dass für Monate nach der Grippeinfektion diese Mäuse eine hochreaktive Population von Makrophagen hatten, die besser geschützt hat gegen Pathogene, die nichts zu tun hatten mit dem ursprünglichen Grippevirus." So hatten die Mäuse einen Monat nach ihrer Grippe eine deutlich bessere Immunabwehr gegen Streptokokken. Und das sind wirklich zwei komplett verschiedene Erregertypen: Auslöser der Grippe sind Viren. Streptokokken dagegen sind Bakterien. Trotzdem hat die eine Infektion zu einer besseren Abwehr gegen die andere geführt. Das klingt merkwürdig, denn im Alltag passiert ja oft das Gegenteil: Man hat eine Virusinfektion – eine Erkältung – und dann setzt sich noch eine hartnäckige Bakterieninfektion obendrauf – sei es eine Nebenhöhlen- oder gar eine Lungenentzündung. Deshalb ist eine Grippe gerade für ältere Menschen oft so gefährlich. Wie kann dann aber in den Experimenten eine Grippeinfektion vor Bakterien schützen? Das hat damit zu tun, dass der Zeitraum, von dem wir hier sprechen, völlig verschieden ist. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Bei den Mäusen im Experiment kam die Bakterieninfektion nicht sofort dazu, im Gegenteil. Die Mäuse haben sich erst gründlich von der Grippeinfektion erholt. Dann aber ist die Situation eine ganz andere und ihr Immunsystem ging tatsächlich gestärkt daraus hervor – sowohl gegen andere Viren als auch gegen Bakterien. Die Erklärung hierfür waren in dem Fall die neu gebildeten Makrophagen in der Lunge. Erklärungen zum "Training des Immunssystems" sind wissenschaftlich komplex Es gibt mittlerweile noch eine ganze Menge mehr Vorschläge, wie dieses Training des Immunsystems funktionieren könnte. Und es wird sicher noch ein paar Jahre wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis da ein bisschen Klarheit in die Geschichte kommt, welche dieser Mechanismen wirklich relevant sind und welche nicht so sehr. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London Das zeigt: "Das Immunsystem trainieren" sagt sich leicht und klingt plausibel – doch zu erklären, was da genau passiert, ist wissenschaftlich eine harte Nuss. Und das Bild vom "Training" kann auch in die Irre führen. Denn das Wort ist in unserem Sprachgebrauch positiv besetzt, Training ist etwas Gutes. Das ist es aber in dem Fall nicht unbedingt. Wenn das Immunsystem dazu gebracht wird, stärker auf Erreger zu reagieren, kann das auch zu Überreaktionen führen. Angenommen, in der Lunge sind schon chronisch entzündliche Prozesse im Gang, dann kann eine Infektion und der dadurch ausgelöste "Trainingseffekt" solche chronischen Erkrankungen noch verschlimmern. Das kennt jeder Asthmatiker, dass virale Infektionen der Atemwege das Asthma ganz massiv verschlimmern können. Und wir gehen davon aus, dass es nicht nur die akute Antwort auf diese Infektion ist, sondern auch dieser Zufluss von hochreaktiven Zellen, die dann langfristig in der Lunge bleiben. Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London

  16. Keinerlei Belege für geheimnisvolle Erdstrahlen Die Behauptung ist das Geschäftsmodell von Wünschelrutengängern. Angeblich reagieren ihre Wünschelruten auf geheimnisvolle Erdstrahlen, die von Wasseradern ausgehen. Dafür gibt es aber keinerlei Belege. Und zwar auf allen Ebenen. Weder wurden die behaupteten Strahlen physikalisch nachgewiesen, noch gibt es einen wissenschaftlichen Erklärungsmechanismus, wie sie überhaupt zustande kommen sollen: Warum sollte fließendes Wasser eine Strahlung aussenden – noch dazu eine, die einerseits so stark ist, dass sie unseren Körper nachhaltig beeinträchtigen würde, andererseits aber von keinem noch so sensiblen Messgerät erfasst wird. Wasser bewegt sich fast überall flächenhaft – nicht in "Adern" oder "Gittern" Man kann spekulieren, dass es Phänomene gibt, die die Wissenschaft nicht messen kann. Doch die Wissenschaft kann eindeutig feststellen, wo im Boden Wasser fließt. Und Wasser bewegt sich nun mal in der Regel nicht in Form von "Adern" oder "Gittern" durch den Untergrund, sondern fast überall flächenhaft. Deshalb ist es auch kein Wunder, wenn Wünschelrutengänger im Untergrund Wasser finden – es ist nun mal da. Wenn Sie auf einer großen Wiese stehen und ein Loch graben, werden Sie früher oder später immer auf Wasser stoßen, das auch überall mehr oder weniger gleich tief fließt – das beschränkt sich nicht auf eine Linie. Es gibt keine Striche in der Landschaft, wo Wasser fließt und drum herum nicht. Geologische Ausnahmefälle in Karstgebieten Das kann mal in geologischen Ausnahmefällen vorkommen, etwa in Karstgebieten, wo es unterirdische Flüsse gibt, die in unterirdischen Höhlen und Hohlräumen fließen. Aber die existieren nur in Gebieten, wo der Untergrund aus Kalkstein besteht oder aufgrund von Verwerfungen extrem zerklüftet ist. Doch selbst an solchen Stellen fließt das Wasser recht tief unter der Erdoberfläche. Wenn es wirklich so wäre, dass von solchen Flüssen eine Gesundheitsgefahr ausgehen würde, müssten die Strahlen extrem intensiv sein. Dann müsste man gleich alle Tropfsteinhöhlen schließen, die von solchen Bächen durchflossen werden. Macht man aber nicht – eben weil niemand über solchen Flüssen irgendwelche besonderen Strahlen oder Felder gemessen hat. Wenn es sie wirklich gäbe, würden sie übrigens auch nicht nur senkrecht nach oben "strahlen", sondern radial in alle Richtungen – dann könnte man gleich weite Teile der Schwäbischen Alb evakuieren. Aber wie gesagt, solche Strahlen oder Felder wurden nie gemessen oder beobachtet.

  17. Griechen greifen im Trojanischen Krieg zu einer List Die Redensart geht zurück auf eine der berühmtesten Geschichten des Altertums, nämlich den Trojanischen Krieg und das Trojanische Pferd, Stichwort: Odysseus. Die Griechen kämpften damals gegen Troja und lange sieht es gar nicht gut für sie aus. 10 Jahre lang mühen sie sich ab und verschleißen ihre Krieger. Dann fällt ihnen ein: Wir sind ja nicht nur stark, sondern auch listig! Und so denkt sich einer von ihnen die Sache mit dem Pferd aus. Vielleicht war’s auch Odysseus selbst – da gehen die Zeugenberichte aber auseinander. Jedenfalls bauen sie das große Holzpferd, stellen es vor Troja am Strand ab und tun so, als machten sie sich mit einem lauten "Wir sind dann mal weg!" endgültig aus dem Staub. Sinon veräppelt die Troer Ein Grieche bleibt jedoch zurück, nämlich Sinon. Und als die Troer an den Strand kommen, verlangt das natürlich nach einer Erklärung: Was soll denn dieses komisches riesige Holztier? Daraufhin stellt sich Sinon hin und erzählt ihnen was vom Pferd. – Ja, die Redewendung kommt genau aus dieser Geschichte. Er erzählt ihnen also: Das ist ein Opfergeschenk für die Göttin Athene, damit die ihnen eine sichere Heimfahrt gewährt. Aber, fügt Sinon hinzu, aufpassen! Wer das Pferd zerstört, wird mit großem Unglück bestraft. – Aber warum ist das Pferd so groß, wollen die Troer wissen. – Ist doch klar, erklärt Sinon: Wer das Pferd besitzt, wird von Athene beschützt. Die Griechen hätten es deshalb so groß gebaut, damit es nicht durch die trojanischen Stadttore passe. – So, so, sagen die Troer. Das wollen wir doch mal sehen. – Und komisch: Es passt doch durch das Stadttor. Nicht mal Kassandras Warnung kann die Troer retten Die Troer sind jetzt so scharf auf dieses Pferd, dass sie alle Warnungen in den Wind schlagen. Selbst die Warnung von Prinzessin Kassandra. Die hat kein gutes Gefühl und ruft ihnen zu: Lasst es! Das Pferd stürzt uns ins Verderben! Quelle: Ruf der Kassandra Doch dieser Kassandraruf – ja, auch der stammt aus dieser Geschichte – verhallt ungehört. Troer lassen sich hereinlegen – das bedeutet Trojas Ende Und dann kommt es, wie es kommen muss: Nachts brechen die im Pferd versteckten Griechen aus und öffnen die Stadttore für ihre Kampfgenossen. Die sind heimlich zurückgekommen und dieser heimtückische Überraschungsangriff bedeutet schließlich das Ende von Troja. Die Geschichte hätte nicht funktioniert, wenn es nicht diesen einen Griechen, Sinon, gegeben hätte, der auf die Bewohner Trojas gewartet und ihnen etwas vom Pferd erzählt hat.

  18. Sonnenstand beobachten Gar nicht so einfach: Man stapft da durch die Antarktis, überall ist Eis, überall ist es kalt, es gibt keine Landkarten und ein GPS hatte der gute Mann auch noch nicht. Und dann gibt es nicht mal wie am Nordpol so etwas wie einen Polarstern. Einen deutlichen Stern, der ziemlich genau über dem Pol steht, gibt es am Südpol nicht. Das einzige, was man hat, ist die Sonne. Was kann man mit der Sonne anfangen? Bei uns in Mitteleuropa ist es relativ einfach: Man misst einfach mittags um 12 Uhr den Sonnenstand. Wenn man weiß, was für ein Tag ist, kann man in Tabellen nachschauen und zumindest schnell feststellen, auf welchem Breitengrad man sich befindet. Das war für Amundsen nicht so einfach, denn die Tabellen gab es zwar. Allerdings ist der Begriff "Uhrzeit" am Südpol ziemlich sinnlos, weil an den Polen alle Längengrade zusammenlaufen und damit auch alle Zeitzonen zusammenfallen. Das macht sich auch ganz praktisch bemerkbar: Die Sonne bleibt den ganzen Tag auf gleicher Höhe. Die Pole sind ja die Punkte, durch die die Erdachse geht. Und wenn sich die Erde um die Achse dreht, sind die Pole die einzigen Punkte, die an der gleichen Stelle bleiben. Sie drehen sich um sich selbst, aber sie verändern ihre Position gegenüber der Sonne nicht. Deshalb steht die Sonne während eines Tages die ganze Zeit weitgehend auf gleicher Höhe. Ein bisschen geht sie aber doch rauf oder runter, und zwar abhängig davon, ob es gerade Winter wird oder Sommer. Das ist wie bei uns: Bei Sommerbeginn steht die Sonne am höchsten, bei Winteranfang am niedrigsten. Das ist am Südpol auch so – nur eben mit dem Unterschied, dass bei uns die Tagesschwankungen dazu kommen, während es am Südpol, was den Sonnenstand betrifft, nur das Auf und Ab von Sommer und Winter gibt und sonst nichts. Das bedeutet: Im Winter ist die Sonne am Südpol ein halbes Jahr lang gar nicht zu sehen, weil sie gar nicht erst aufgeht. Roald Amundsen brauchte einen Sextanten Die Ausgangslage macht deutlich: Amundsen musste den Sonnenstand messen. Das macht man mit einem Sextanten. Das ist ein Gerät, mit dem man messen kann, in welchem Winkel die Sonne über dem Horizont steht. Das hat Amundsen immer wieder gemacht um festzustellen, wo die Sonne insgesamt am niedrigsten steht. Dorthin ist er gegangen, um an diesem Punkt noch mal festzustellen, dass sich dort die Sonne tatsächlich im Lauf eines Tages kaum bewegt bzw. nur unmerklich auf oder ab, aber eben nicht innerhalb eines Tages sowohl rauf als auch runter. Da hat er dann tatsächlich drei Tage gemessen, rund um die Uhr. Die Messergebnisse kann man heute übrigens noch nachlesen in Amundsens Reisebericht. Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, dann sieht es so aus, dass sich Amundsen zumindest in einem Radius von 2 Kilometern vom exakten Südpol aufgehalten hat. Bei seinen Teamkollegen Olav Bjaaland und Helmer Hansen kann man den Radius sogar auf 100 Meter um den Südpol eingrenzen. Das geht aber alles nur über den Sextanten.

  19. 31.01.2026
    4 min

    Das Milgram-Experiment räumte auf mit unseren klassischen Vorstellungen von Gut und Böse. Es hat gezeigt, dass selbst normale Menschen leicht ihre Hemmungen abstreifen, was die Anwendung von Gewalt betrifft. Dazu müssen sie noch nicht einmal angegriffen werden oder in einer außergewöhnlichen Zwangslage sein. Es genügt manchmal, wenn jemand freundlich, aber bestimmt den Ton angibt. Die Ergebnisse des Experiments erschienen 1963 in einer Studie unter dem Titel "Eine Verhaltensstudie über Gehorsam". Warum waren die Verbrechen des Nationalsozialismus möglich? "Der Anlass des Experiments waren die schrecklichen Vorkommnisse in Deutschland, wo viele Menschen im Nationalsozialismus unglückselige Verbrechen begangen haben. Man fragte sich: Hat das etwas zu tun mit der Persönlichkeit der Menschen? Sind die Deutschen viel schlechtere Menschen als andere Menschen? Oder hat es zum Teil auch mit der Situation zu tun?" ... erläutert die Mannheimer Sozialpsychologin Dagmar Stahlberg. 40 Versuchspersonen wurden von Stanley Milgram ausgewählt, normale Menschen. Ihnen wurde gesagt, es gehe um ein Lernexperiment. Und sie seien der Lehrer, der einer anderen Person – dem Schüler – etwas beibringen müsse. Es gehe um ein Gedächtnisexperiment mithilfe von Elektroschocks. Die Schüler sollten sich Wortpaare einprägen und dann wiedergeben. Wenn sie sie falsch wiedergeben, sollten sie mit Elektroschocks bestraft werden. Alles klar? Alright Teacher, will you take the test and be seated in front of the shock generator in the next room? Quelle: Milgram-Experiment (nachgestellte Szene) 60 Prozent der "Lehrer" verpassen Elektroschocks von bis zu 450 Volt Mit jeder falschen Antwort wurde die Stromspannung um 15 Volt erhöht. Das heißt, sie wurde fiktiv erhöht. In Wirklichkeit war der Schüler nämlich gar kein Schüler, sondern ein Schauspieler, der sich so verhielt, wie man es nun mal tut, wenn man Elektroschocks verpasst bekommt: Piep 75 Volt: kurzes Stöhnen. Piep 120 Volt: Schreien Piep 150 Volt: Bitte um Abbruch des Experiments. Die sogenannten Lehrer beginnen, unsicher zu werden. I’m not gonna hurt. I’m not gonna be responsible for this. Quelle: "Lehrer" im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene) Aber der Experimentator weist sie ruhig, jedoch bestimmt an, weiter zu machen. I’m responsible. Now, teacher, continue. Quelle: Experimentator im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene) Piep 200 Volt: Die "Schüler" schreien entsetzlich. Teacher, continue please, the experiment requires that you go on. Now go on, please. Quelle: Experimentator im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene) Und dann: Piep 300 Volt: Stille Dagmar Stahlberg: "Das überraschende Ergebnis der Studie war, dass über 60 Prozent der Teilnehmer an diesem Experiment bereit waren, bis zu 450 Volt zu gehen und zu diesem Zeitpunkt zum Teil annehmen mussten, dass die andere Person gar nicht mehr am Leben war oder zumindest ohnmächtig war. Und viele der Versuchspersonen sagten dann auch: "Ja, ich hätte mir vorstellen können, dass der wirklich ohnmächtig war oder sogar Schlimmeres."" Kaum Unterschiede zwischen Geschlechtern und Nationen Es gab bei den Versuchen keine wesentlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Das Experiment wurde später in anderen Kulturen wiederholt. Mit überall ähnlichem Ergebnis. Auch 1970 in München. Hier war die Zahl derer, die dem Versuchsleiter bis zuletzt gehorchten, sogar noch etwas größer. Dagmar Stahlberg: "Diese Experimente zeigen: Wir sind alle gefährdet. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass es immer auch Menschen gegeben hat, die nein gesagt haben. Die sich nicht haben anstecken lassen, die keinen Gehorsam gezeigt haben. Die Herausforderung ist zu sehen, wie man Menschen in den richtigen Situationen dazu bringen kann, nein zu sagen und ihnen das entsprechende Selbstbewusstsein und aber auch die Ideen mitzugeben." Variationen des Experiments Es gab Unterschiede im Versuchsaufbau: Wenn der sogenannte "Schüler" unsichtbar hinter einer Wand saß, war die Bereitschaft, bis zum Äußersten zu gehen größer, als wenn er im gleichen Raum war. Manchmal wurden auch zwei weitere angeblicher Co-Trainer hinzugezogen, die ab einem bestimmten Punkt Widerstand geleistet haben. Dies wiederum führte dazu, dass die Versuchsperson sich sehr viel stärker den Anweisungen des Versuchsleiters widersetzte. Nur noch 10 Prozent zogen dann die Qualen bis zu Ende durch. Widerstand wächst, wenn andere sich beteiligen Eine Erkenntnis, die heute genutzt wird, wenn es darum geht, Zivilcourage zu trainieren. Denn ob sexuelle Belästigung in der U-Bahn oder Übergriffe auf Ausländer – hier verhalten sich viele nicht anders als die Versuchspersonen bei Milgram. Dagmar Stahlberg: "Alle sagen: "Da würde ich sofort was tun!" Aber wenn Sie die Leute wirklich in die Situation bringen, haben Sie oft die Situation, dass keiner irgendwas tut." So lange, bis ein Erster kommt, der doch einschreitet. Dann wächst die Bereitschaft zum Widerstand. Auch das: wie bei Milgram. Die englischen Originaltöne stammen von einer US-amerikanischen Dokumentation zu Schulzwecken, in der das Experiment nachgestellt wurde.

  20. Goldener Schnitt lange Ideal in Kunst und Architektur Das wurde oft behauptet, aber das kann man so nicht sagen. Der Goldene Schnitt ist ein Zahlenverhältnis oder anders gesagt, eine Proportion, die eine Zeitlang als Ideal in der Architektur, aber auch in der Malerei galt. Diese Proportion gilt dann als golden, wenn sie eine ganz bestimmte Bedingung erfüllt. Dazu stellen wir uns eine Linie vor mit einem Anfangs- und einem Endpunkt. Diese Linie teilen wir in zwei Teile – nicht in der Mitte, sondern in einen längeren Abschnitt a und einen kürzeren Abschnitt b. Und zwar so, dass sich das Verhältnis von b zu a so verhält wie der längere Abschnitt a zur gesamten Linie: kurz zu lang gleich lang zu ganz. Es gibt nur eine Möglichkeit, das so zu teilen, nämlich wenn das Verhältnis 1:1,618 ist. In Wirklichkeit ist die Zahl unendlich lang, aber das ignorieren wir hier. Goldenes Rechteck Man kann das von einer Linie auch auf ein Rechteck übertragen: Bei einem Goldenen Rechteck haben Länge und Breite dieses Verhältnis. Um eine Vorstellung davon zu geben: Angenommen, wir haben eine quadratische Tafel Schokolade von vier Riegeln à vier Stückchen. Wir schneiden ungefähr zweieinhalb Riegel ab – ein kleines bisschen weniger – dann hat dieses Stück mit zweieinhalb Riegeln ungefähr das Format eines Goldenen Rechtecks. Und wenn ich dieses "Beinahe-zweieinhalb-Riegel"-Stück an eine intakte quadratische Schokolade dranhänge – dann hat das Gesamtgebilde wieder die gleiche Proportion. Diese Zahl 1,618… heißt auch ϕ – wie der griechische Buchstabe Phi. Mathematisch faszinierende Eigenschaften Warum wird um diese Zahl, den Goldenen Schnitt, so ein Hype gemacht? Das hat verschiedene Gründe: Die Zahl ist zwar krumm, aber sie hat faszinierend viele besondere mathematische Eigenschaften. Es geht mit Zahlenspielereien los. ϕ ist zum Beispiel die einzige Zahl, für die gilt: ϕ + 1 = ϕ² oder 1:ϕ = ϕ - 1. Und es gibt noch jede Menge mehr. Die Zahl ϕ kommt aber auch in Fünfecken oder im Pentagramm vor – also dem fünfzackigen Stern. Das Verhältnis von kurzen zu langen Linien entspricht hier ebenfalls dem Goldenen Schnitt. Man kann den Goldenen Schnitt sogar in natürlichen Formen finden, in Sonnenblumen oder manchen Kristallen. Und so gibt es noch viele weitere mathematischen Besonderheiten dieser Zahl. Spätes Mittelalter: "göttliche Proportionen" Im späten Mittelalter wurde der Goldene Schnitt zum ästhetischen Ideal erhoben; von der göttlichen Proportion war die Rede. Leonardo da Vinci hat da eine Rolle gespielt, aber auch andere. Auf jeden Fall wurde postuliert, dass Rechtecke, die dem Goldenen Schnitt entsprechen, dem menschlichen Auge besonders gefallen. In der Architektur war es vor allem Le Corbusier, der bei seinen Bauten dieses Zahlenverhältnis berücksichtigte. Allerdings war das reine Ideologie. Die Zahl hat zwar mathematisch faszinierende Eigenschaften – sie ist sozusagen mathematisch hochästhetisch. Aber das erschließt sich eben nur Leuten, die Spaß an Zahlen und Mathematik haben. Es gibt aber keinerlei Beleg, dass unser Auge beim Anblick golden geschnittener Rechtecke besonders entzückt wäre oder sie besser findet als andere. Gustav Theodor Fechner hielt Goldenen Schnitt für überschätzt Zu diesem Ergebnis kam übrigens schon der Vater der experimentellen Ästhetik, Gustav Theodor Fechner, im 19. Jahrhundert. Er hat das mit Versuchspersonen getestet und sein Ergebnis fasste er in den Worten zusammen, er könne "nicht umhin, den ästhetischen Wert des Goldenen Schnittes … überschätzt zu finden."