Archivradio – Geschichte im Original

SWR
1013
16.10.2026
Beschreibung
Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert von: Gábor Paál, Lukas Meyer-Blankenburg, Maximilian Schönherr und Christoph König. Ein Podcast von SWR, BR, HR, MDR und WDR. https://archivradio.de | Übersicht über alle Beiträge: http://x.swr.de/s/archivradiokatalog

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Episoden
  1. Um Mitternacht wird die Sektorengrenze abgeriegelt. Reporter berichten schon in den frühen Morgenstunden von den Bauarbeiten. Mit Betonpfählen und Stacheldraht beginnt der Bau der Berliner Mauer. Zu hören: Aufnahmen aus Ost und West. Gábor Paál im Gespräch mit Dr. Stefan Wolle, DDR-Museum Berlin (SWR 2021) Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/mauerbau Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: daswissen@swr.de Folgt uns auf Mastodon: https://ard.social/@DasWissen

  2. Am Tag nach Beginn des Mauerbaus begleitet das DDR-Fernsehen Walter Ulbricht, wie er sich in Ostberlin unters Volk mischt und mit Arbeitern und Soldaten spricht – vorbereitet durch eine überschwängliche Anmoderation.

  3. Zur DDR-Propaganda gehörte auch Musik. Einen Tag nach Abriegelung der Sektorengrenze in Berlin sendet Radio DDR am 14. August 1961 einige Lieder, die die Maßnahmen der Regierung als Befreiung und Säuberung Berlins glorifizieren. Den Anfang macht das Stück des Komponisten Walter Kubiczeck. Der Text stammt von Eberhard Fensch. Laut der Ansage im Radio wurden dieses und andere Stücke angeblich innerhalb weniger Stunden geschrieben. Im Lied ist von den „Kalten Kriegern am Rhein“ die Rede. Dies spielt auf einen Vorwurf an, der in der DDR immer zu hören war, dass es in Bonn Pläne gäbe, die DDR zu annektieren und schließlich die Grenzen von 1939 wieder herzustellen. Liedtext Unser schönes Berlin wird sauber sein, denn wir haben den kalten Kriegern am Rhein ihre Menschenfalle verriegelt und mit rotem Wachs versiegelt. Ja, ja der helle Berliner sagt prima, was reinigt so dufte das Klima? Es ziehen jetzt Ruhe und Frieden ein, und sauber, ja sauber wird unsre Hauptstadt sein. Und nun zieht das Agentengelichter dort in Schöneberg lange Gesichter. Und es jammern die Schwindelkursdrohnen, nun will das Geschäft nicht mehr lohnen. Ja, ja der helle Berliner sagt prima, das reinigt so dufte das Klima. Es ziehen jetzt Ruhe und Frieden ein, und sauber, ja sauber wird unsre Hauptstadt sein.

  4. Am 13. August 1961 beginnt in Berlin der Bau der Mauer – nachdem der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 noch behauptet hatte, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten. Protestkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus Am 16. August findet vor dem Schöneberger Rathaus eine große Protestkundgebung statt. Dort spricht auch der Regierende Bürgermeister Willy Brandt. Es ist eine seiner entschiedensten und emotionalsten Reden. Er macht deutlich: Es geht hier um weit mehr als nur um Berlin. Man dürfe sich das nicht bieten lassen. Brandt warnt vor weiterer Appeasement-Politik. Denn die Versuche, durch politische Kompromisse und wirtschaftliche Abkommen der DDR-Führung entgegenzukommen, seien offenbar gescheitert und hätten diese nur noch zu weiteren Repressionen ermutigt. Und wer jetzt noch aus dem Westen zur Leipziger Buchmesse reise, solle gleich drübenbleiben. Brandt-Rede ist "Rhetorisches Kunststück" Der Historiker Stefan Wolle hält die Rede für ein großes rhetorisches Kunststücke, sagte er in SWR2 Wissen: „Auf der einen Seite findet Willy Brandt in der Situation die richtigen Worte, um die Empörung der deutschen Bevölkerung in Ost und West auszudrücken. Gleichzeitig aber will er nicht Öl ins Feuer gießen.“ Aber ist die Botschaft der Rede nicht auch: Diplomatie und Entgegenkommen bringen nichts? Spricht hier nicht ein anderer Brandt als der Versöhnungspolitiker, als der er später bekannt wird? Aus Sicht von Wolle kein Widerspruch: „Die Forderungen, die er in seiner Rede im Konkreten stellt, sind ja relativ harmlos: Boykott der Leipziger Messe, Boykott von Sportveranstaltungen. Aber er fordert ja keine militärischen Maßnahmen. Viele haben damals gesagt: Jetzt müssten die Amerikaner ihre Panzer auffahren lassen oder die Mauer wegräumen und so weiter. Aber das fordert ja Willy Brandt überhaupt nicht.“ Weder die Bundesregierung noch die Alliierten wollen weitere Eskalation Brandt weiß, dass weder die Bundesregierung noch die Alliierten eine weitere Eskalation wollen. „Das war auch die Haltung von Konrad Adenauer übrigens: Wir sollten jetzt nicht versuchen, in irgendeiner Art und Weise die Situation zu verschärfen. Denn über diese ganzen Jahren, das wird heute in unseren friedlichen Zeiten manchmal vergessen, in der ganzen Zeit schwebt über allem die Drohung des Atomkriegs, der nuklearen Selbstvernichtung der Menschheit." Und weiter: „Brandt weiß zu diesem Zeitpunkt schon, dass die Mauer nur durch eine Politik der kleinen Schritte, wie es dann später genannt wurde, zu beseitigen ist. Und diese Politik war eben zukunftsfähig. Die hat nach 28 Jahren eben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass die Mauer friedlich verschwunden ist."

  5. Adenauer: Medien berichten zu einseitig Bundeskanzler Konrad Adenauer fühlt sich in seiner Regierungsarbeit durch die Medien beeinträchtigt. Die würden zu einseitig berichten, das müsse sich ändern, erklärt er auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe. Ein Jahr zuvor hatten sich die bestehenden Landesrundfunkanstalten zur ARD zusammengeschlossen. Adenauer spricht außerdem über die Gefahr totalitärer Parteien – und darüber, wie gut es sei, dass sich Protestanten und Katholiken in einer großen Partei – der Union - zusammengefunden hätten. Adenauer plant "Deutschland-Fernsehen" als Konkurenz zur ARD Um der ARD etwas entgegenzusetzen, plant Adenauer einige Jahre später die Gründung eines dem Bund unterstellten "Deutschland-Fernsehens."

  6. Elly Beinhorn (1907 - 2007) ist Deutschlands berühmteste Flug-Pionierin. Langstreckenflüge waren ihre Spezialität. 1929 macht sie ihren Pilotenschein. 1931 fliegt sie nach Afrika und über den Himalaya. Die Pannen und Notlandungen, die sie dabei erlebt, halten sie nicht davon ab, 1932, im Alter von 25 Jahren, im Alleinflug die Erde zu umrunden. In einem Interview im Jahr 1978 erzählt sie, wie sie zur Fliegerei kam.

  7. Slowenien und Kroatien wollen sich damit von der Herrschaft des serbischen Präsidenten Milosevic befreien, der in den Jahren zuvor die Provinzen immer mehr entmachtet und diktatorische Züge angenommen hat. Slowenien und Kroatien sind die beiden nördlichsten und wirtschaftlich stärksten Provinzen. Ihre Unabhängigkeit wollten sie eigentlich erst einen Tag später erklären, aber dann prescht zunächst Kroatien vor. Daraufhin schafft auch Slowenien noch am selben Abend Fakten. Dass Serbien die Unabhängigkeitserklärungen nicht einfach so akzeptieren würde, war klar, doch die Regierung in Belgrad ging kurz darauf massiv gegen die abtrünnigen Staaten vor – der Beginn der Jugoslawienkriege. Die Länder der Europäischen Gemeinschaft erkannten Slowenien und Kroatien noch nicht gleich als unabhängige Staaten an. Das passierte erst ein halbes Jahr später, vor allem auch der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher setzte sich dafür ein, als Versuche, durch Verhandlungen die Gewalt einzudämmen nicht geholfen haben.

  8. Horst-Gregorio Canellas überrascht mit Tonbandaufnahmen Bundesligaprofis werden heimlich dafür bezahlt, dass sie Spiele verlieren – ein solcher Skandal fliegt 1971 auf. Ein Vereinspräsident lässt die Bombe platzen: Horst-Gregorio Canellas von Kickers Offenbach. Er feiert am 6. Juni 1971 seinen 50. Geburtstag und lädt prominente Gäste ein: Nationaltrainer Helmut Schön, die Spitze des DFB und die wichtigsten Vertreter der Sportpresse. Canellas ist nicht so richtig nach Feiern zumute. Am Vortag waren die Offenbacher Kickers aus der Bundesliga abgestiegen. Doch er will sich nicht bemitleiden lassen und überrascht die Anwesenden mit Tonbandaufnahmen, die nach seiner Auffassung beweisen, dass Spielerbestechung in der Bundesliga gang und gäbe sei, gerade in den letzten Wochen des Abstiegskampfs. Am nächsten Tag ist das Thema in allen Zeitungen und für den Südwestfunk berichtet Fritz Heinrichs. Enthüllung bei einer privaten Feier Dass der Kölner Torwart Manfred Manglitz für Geld empfänglich ist, wusste Canellas von einem vorausgegangenen Fall. Gleichzeitig mit der Enthüllung des Skandals erklärt Canellas seinen Rücktritt als Präsident von Kickers Offenbach. Doch auch er muss sich Fragen gefallen lassen. Warum ist er so vorgegangen? Denn Spielerbestechung aufzudecken, indem man sie in eine Falle lockt, ist nicht gerade ein sauberes Vorgehen. Und warum enthüllt er den Skandal auf einer privaten Geburtsfeier, statt die verantwortlichen Vereine oder den DFB damit zu konfrontieren? Bevor der Süddeutsche Rundfunk Canellas mit diesen Fragen konfrontiert, spielt der Sender noch das zweite Tonband. Nach und nach kommt heraus, dass es mindestens seit April 1971 Geldzahlungen an Spieler verschiedener Vereine gegeben hat. Einen Monat später wird Torwart Manglitz vom 1. FC Köln fristlos entlassen. Nachdem Canellas bereits zurückgetreten war, wurde er nachträglich noch vom DFB-Sportgericht für alle Ämter gesperrt. Er widmete sich fortan wieder seinem Großhandelsbetrieb in Frankfurt. Sechs Jahre später war er übrigens unter den Passagieren der von Terroristen entführten Lufthansa-Maschine "Landshut".

  9. Walter Praedel – ehemaliger Wehrmachtssoldat Im Zentrum des Strafprozesses am 20. Dezember 1961 im Bezirksgericht Frankfurt/Oder stand eigentlich nicht die Brandstiftung, sondern etwas ganz anderes: Praedel hatte als Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an einem Erschießungskommando gegen sowjetische Zivilisten teilgenommen. Dafür war er von einem Sowjet-Gericht zu Zwangsarbeit verurteilt, 1955 jedoch begnadigt worden. Der Umstand, dass er dennoch einen Hass auf die Sowjetunion und die DDR entwickelte, führte für Richter Walter Ziegler zur Diversion, also der schweren Schädigung der DDR. Todesurteil nach einem Verhandlungstag Abgesegnet von der Justizministerin Hilde Benjamin und vom Minister für Staatssicherheit Erich Mielke erging nach einem Verhandlungstag das Todesurteil.

  10. Am 16. August 1961 hörte Praedel, wie viele DDR-Bürger, die Rede des Berliner Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt zum Mauerbau: „Wir wissen, welcher Hass, welche Bitterkeit, welche Verzweiflung heute und in diesen Tagen in ihren Herzen wohnt. Wir wissen, dass nur die Panzer sie zurückhalten, ihrer Empörung freien Lauf zu lassen!“ Ab da wollte Walter Praedel die DDR schädigen, und er suchte sich dafür einen Tag mit günstigem Wind und ohne Zeugen aus, den 12. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1961. Zwei Scheunen mit Heu brannten nieder, bevor die Feuerwehr anrückte und die beiden Viehställe vor dem Überschlagen der Flammen schützte. Praedels Alibi, er sei auf der Toilette gewesen, war schnell widerlegt. Er kam noch am selben Tag in U-Haft.

  11. Walter Praedel war ein einfacher Mann. Er arbeitete bei der Feuerwehr, als Wald- und Erntearbeiter und zuletzt als Ofenbauer beim VEB Schamottewerk in Bad Freienwalde/Oder. Seine Kollegen und Verwandten mochten ihn. Vor dem Bau der Berliner Mauer reiste er ab und zu aus dem Osten der DDR nach Westberlin, besuchte Verwandte und nahm einige Male an Treffen der Pommerschen Landsmannschaft teil, einer erzkonservativen Vereinigung, die die Grenzen von 1945 wieder herstellen wollte. Hier entstand sein Vorbehalt gegen die DDR. Weiter trug dazu bei, dass er regelmäßig spätnachmittags den Westberliner Rundfunksender RIAS hörte. Als das Stalldach seiner Schwägerin trotz mehrerer Versprechen von der LPG nicht repariert wurde, schlug Praedels Aversion in Hass um.

  12. Walter Praedel war 50 Jahre alt, als er im Oktober 1961 eine Scheune im Dorf seiner Schwägerin anzündete. Niemand kam ums Leben. Am 20. Dezember 1961 wurde ihm der Prozess gemacht. Im Januar 1962 starb er in Leipzig unter dem Fallbeil.

  13. Der Landarbeiter Walter Praedel hörte Willy Brandt im Radio und zündete am 7. Oktober 1961 – dem Jahrestag der DDR-Gründung – zwei Scheunen an. Niemand wurde verletzt. Der Strafprozess in Frankfurt/Oder im Dezember 1961 dauerte nur wenige Stunden und endete mit einem Todesurteil. Warum wurde Walter Praedel zum Tod verurteilt? Beklemmende Aufnahmen eines DDR-Strafprozesses. Von Maximilian Schönherr und Gábor Paál. | Manuskript zur Sendung: http://swr.li/prozess-praedel | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: daswissen@swr.de | Folgt uns auf Mastodon: https://ard.social/@DasWissen

  14. Als der Prozesstag kurz vor Mitternacht endet, ersuchen Elli Barczatis und Karl Laurenz um richterliche Gnade. Beide werden im Dezember 1955 mit dem Fallbeil hingerichtet. Gnadengesuche der Angeklagten Elli Barczatis wirkt sehr gefasst. Sie sagt, ihre Taten seien nicht zu verteidigen und bittet das Gericht um die Gnade, die Forderung der Staatsanwaltschaft in eine lange Gefängnisstrafe umzuwandeln. Sie habe viele Dinge erst in der U-Haft bzw. am heutigen Prozesstag erfahren. Das entschuldige jedoch nichts. Unter Tränen bittet sie um ein milderes Urteil, um sich während des Haft und danach zu bewähren. Die Anklage sei zutreffend. "Ich habe Staatsgeheimnisse weitergegeben" und "ich habe dadurch auch den Terror unterstützt, der in Westdeutschland gegen Friedenskämpfer vor sich geht." Sie bezeugt noch einmal ihre enge Freundschaft zum Mitangeklagten Laurenz. Karl Laurenz tritt vors Mikrofon. Er spricht von seinen chronischen Konflikten mit den Behörden der DDR und von seiner offenbar damit inkompatiblen "österreichischen Wesensart". Seine Michael-Kohlhaas-Natur lasse ihn stets gegen Ungerechtigkeit ankämpfen, und in der Ablehnung all seiner Bewerbungen sah er die größte persönliche Ungerechtigkeit, "eine sinnlose Vernichtung meiner Existenz". Er hielt die SED für eine Kampfpartei, die Kritik aushalten und mit Opposition rechnen müsse. Aber er bedachte dabei nicht, dass er durch die Opposition gegen die SED auch in Opposition gegen die DDR ging, was er nicht wollte. Laurenz' Schlussworte "Ich empfinde es als persönlich tragischen Konflikt, dass ich mir durch meine unentschuldbaren Verbrechen selbst den Stempel aufgedrückt habe, ein Feind des Staates zu sein, den ich als meine zweite Heimat trotz mancher bitterer Erfahrung doch lieben gelernt habe. Ich finde es auch deshalb als tragischen Konflikt, weil ich mich absolut frei weiß von einem Gefühl irgendeiner Feindschaft oder irgendeines Hasses, wie denn diese beiden Gefühlswerte in meiner religiös abgestimmten Gefühlsskala gar nicht vorhanden sind. Es ist mir nach ziemlich schwerem Kampf gelungen, den inneren Schweinehund, der seit `52 von mir Besitz ergriffen hatte, zu überwinden. Ich habe diese für mich immerhin wichtige Tatsache in einem Verschen festgehalten, das da lautet: Ich komme aus Nacht und Finsternis sie sollen mich nicht mehr begleiten Ein dunkler Vorhang plötzlich zerriss ich will dem Lichte entgegen schreiten Hoher Senat, auch von mir kann man noch irgendetwas für den Aufbau erreichen, natürlich im Rahmen des Strafvollzugs. Von dem toten Laurenz hat niemand etwas. Ich bitte Sie sehr, ich sage es ganz offen, Gnade vor Recht gehen, walten zu lassen." Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Damit endet der Mitschnitt. Die Urteilsverkündung und Urteilsbegründung sind nicht erhalten. Der Prozesstag endet kurz vor Mitternacht. Gnadengesuche werden von Grotewohl abgelehnt. Elli Barczatis und Karl Laurenz werden im Dezember 1955 mit dem Fallbeil hingerichtet.

  15. Der Beginn der Aufnahme — oder zumindest die Einleitung durch den Richter — fehlt. Staatsanwalt Wolfgang Lindner stellt fest, die Angeklagten hätten gegen Artikel 6 der Verfassung der DDR verstoßen, also "Boykotthetze" betrieben und fordert die Todesstrafe für beide. Elli Barczatis schreit vor Entsetzen. Der Richter legt eine Pause ein. Plädoyer Staatsanwalt Lindner: "Die Verbrechen, die die Angeklagten gemeinsam begangen haben, sind Verbrechen nach dem Artikel 6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Und in Ziffer 2 steht: Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organisationen, Mordhetze gegen demokratische Politiker, Bekundung von Glaubens-, Rassen-, Völkerhass, militaristischer Propaganda, sowie Kriegshetze und alle sonstigen Handlungen, die sich gegen die Gleichberechtigung richten, sind Verbrechen im Sinne des Strafgesetzbuches. Und wer wegen dieser Verbrechen bestraft wird, wird nach den Richtlinien des Strafgesetzbuches, wonach auf solche Verbrechen die höchste Strafe steht, verurteilt werden. Das wussten die Angeklagten im Voraus. Sie haben Boykotthetze betrieben. Sie haben Mitteilungen über Vorgänge in der Deutschen Demokratischen Republik an den Feind, an den Feind der Deutschen Demokratischen Republik, an die imperialistischen Kriegshetzer, an die Monopolkapitalisten, selbstverständlich an die von ihnen Beauftragten gelenkt, geleitet. […] Und mit diesen Feinden haben sie sich verbunden, haben ihnen die Möglichkeiten gegeben durch Lieferung von Informationen über Tatsachen der Deutschen Demokratischen Republik, die sie, die diese Organisationen — wie die Angeklagten beide wussten — nicht etwa dazu benutzten, um unsere Menschen über Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, die sie ihnen bereiteten, sondern um diese Schwierigkeiten zu vergrößern, eben: zu boykottieren. Und das, was sie noch getan haben, ist aber auch Kriegshetze, wenn man den Feind unterstützt in seinem Bestreben uns zu schaden, im kalten Kriege zu schaden und darüber hinaus den heißen Krieg anzufachen. Den beiden Angeklagten war bewusst, was für Bestrebungen von den Imperialisten aus den Vereinigten Staaten von Amerika ausging. Es war ihnen bewusst, wer zu diesen Monopolkapitalisten, zu diesen Imperialisten, zu diesen Kriegshetzern steht und hält in Westdeutschland. Und sie wussten, dass diese Organisationen nicht etwa Organisationen des Humanismus sind, sondern dass diese Organisationen, diese Kriegshetze, Rüstungsindustriellen, die ideologische Vorbereitung des heißen Krieges vorbereiten helfen, damit sie die ideologische Vorbereitung treffen können. Das wussten die Angeklagten beide ganz genau, sie lasen es in der Zeitung, sie waren informiert. Sie haben in innerbetrieblichen Schulungen, staatspolitischen Schulungen, haben sie darüber zur Genüge erfahren. Wer sich nicht überzeugen lassen will und wer bewusst und vorsätzlich zum Feind übergeht und sein Land und sein Volk verrät, der verdient keine andere Strafe als die aus dem Artikel 6 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik. Ich beantrage wegen erwiesener Verbrechen nach diesem Gesetz gegen den Angeklagten Laurenz, Karl, geboren am 11.9.1905, die Todesstrafe. Ich beantrage nach diesem Gesetz wegen erwiesener Verbrechen gegen die Angeklagte Barczatis, Elli Helene, geboren am 7.1.1912, die Todesstrafe. (Elli Barczatis weint) Den Angeklagten ist das Vermögen einzuziehen." Richter: "Vor den Ausführungen der Angeklagten und den Schlussworten tritt zunächst eine Pause von einer Viertelstunde ein."

  16. Karl Laurenz und seine Kontakte zu Clemens Laby und Elli Barczatis Karl Laurenz erzählt, wie man ihn wegen parteischädigenden Verhaltens aus der SED ausschloss. Nach einer Verhaftung fand er keine Arbeit. Der Richter erkundet das Verhältnis von Laurenz zur SED. Clemens Laby lernte er als vermeintlichen Vertreter westdeutscher Bergbaumaschinen kennen. Laurenz dementiert einige Aussagen aus seiner U-Haft als Fehler. Die Folterung in U-Haft kommt nicht zur Sprache. Auf Fragen des Richters sagt Laurenz aus, dass Elli Barczatis nur sehr widerwillig Auskunft über politische Dinge gegeben hätte. Karl Laurenz: Jugend in Brünn, Wehrmacht, Einsatz für DDR-Häftlinge Der Richter fordert Laurenz auf, seinen Lebenslauf zu erzählen. Laurenz spricht leise, mit böhmisch- österreichischem Akzent: "An meine Kindheit erinnere ich mich: Im Sommer keine Schuhe, im Winter kein Mantel. Und soweit es ging: Zeitungen austragen und Milch austragen. Aber ansonsten hatte ich immer satt zu essen und wurde gut gehalten. [...] Meine Mutter starb 1917, und ich bekam dann kurz darauf eine Stiefmutter, mit der ich mich nicht vertragen konnte, sodass ich es vorzog, im Sommer im Ruderverein zu schlafen und im Winter bei der Rettungsgesellschaft, bei der freiwilligen Feuerwehr." Er erzählt von der Zeit des Nationalsozialismus, als er schon als Jurist tätig war, von der aufstrebenden Sudetendeutschen Partei in Brünn, wo er herkommt. Der Richter weist ihn zurecht: Er müsse hier nicht politische Entwicklungen aufzeigen, sondern er solle bei seiner persönlichen Entwicklung bleiben. Laurenz besteht darauf, das gehöre zusammen. Hitler-Kritik – und kein NSDAP-Mitglied Die Nazis seien 1939 ins Sudetenland einmarschiert und er hätte wegen seiner primär tschechischen Ausbildung Schwierigkeiten bekommen; zudem hätte er für die Zeitung einmal einen Artikel geschrieben, in dem er Hitler als "Enfant terrible Europas" bezeichnete. Man zeigte Laurenz bei der Gestapo an. Er wandte sich an einen ehemaligen Schulkollegen, den Kreisleiter, um die Sache umzubiegen, indem er Laurenz einen Antrag auf Eintritt in die NSDAP gab. Das funktionierte, Laurenz zog seinen Antrag auf Parteimitgliedschaft wieder zurück. Länger als andere behielt er die tschechische Staatsbürgerschaft. Im Zweiten Weltkrieg wurde er Unteroffizier in der Wehrmacht. Die Amerikaner nahmen ihn im Mai 1945 fest, schickten ihn nach einer Woche nach Hause, vermutlich weil er kein NSDAP-Mitglied war. Ausschluss aus der SED und Gefängnis Laurenz kam nach Berlin, zunächst als Jurist zur Hauptabteilung Kohle, dann als Autor zum Berliner Rundfunk, dann zum Berliner Verlag. Weil man ihn bei einem Gespräch mit Mitarbeitern bespitzelte (durch die Wand; er wehrte sich angeblich dagegen, einen "Kollektivvertrag" anzuerkennen, der zuvor nicht mit der Belegschaft durchgesprochen war), schloss man ihn wegen parteischädigenden Verhaltens aus der SED aus. Er bekam eine Anstellung bei einer Anwaltskanzlei in Westberlin und schmuggelte Kassiber in die Untersuchungsgefängnisse in Ostberlin. Dabei wurde er verhaftet und zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Nach der Entlassung habe er 100 Bewerbungen geschrieben, die alle abgelehnt wurden. Verhältnis zum Sozialismus und Bekanntschaft mit Clemens Laby Der Richter geht auf ein Detail aus Laurenz‘ Verhörprotokoll in der U-Haft am 9. März 1955 ein. Er habe da gesagt, er habe 1945 beim Aufbau des Sozialismus teilnehmen wollen, indem er in die KPD eintrat. Laurenz besteht darauf, nie in die KPD aufgenommen worden zu sein und vermutet, seine späteren Schwierigkeiten mit der SED hingen damit zusammen. Clemens Laby lernte er bei Arbeiten über Sicherheitseinrichtungen im Bergbau kennen. Im Mai 1952 trifft er Laby, der bereits im Westen lebte, wieder, als der aus dem Haus der Ministerien kam. Die beiden ehemaligen Kollegen tranken einen Kaffee im Café Stadtgarten. Hauptgesprächsstoff war das Grubenunglück in Zwickau. Laby gab sich als Vertreter westdeutschen Bergbaumaschinen aus, weswegen er hier sei. Er bat Laurenz, in zu unterstützen, indem er bei Behörden vorsprach. Laurenz lehnte das ab. Laby sah, dass er kein Geld hatte und unterstütze Laurenz bei diesem und späteren Treffen mit kleinen Beträgen, etwa 5 Mark. Agent Karl Laurenz Die Übermittlung von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen ("aber nicht Militär") Nachrichten wurde mit monatlich 400 Mark abgegolten, ohne Ablieferzwang. Laurenz war skeptisch und fragte: "Was ist das für ein Nachrichtendienst? Ein deutscher oder ein amerikanischer?" [denn die CIA war damals in Berlin stark tätig.] "Das ist eine ausgesprochen deutsche Sache", antwortete Schubert. "Dass Laby Agent war, wusste ich seit 1952, nach dem ersten Treffen mit Schubert." Der Richter versucht, Laurenz klar zu machen, dass selbst seine vermeintlich harmlosen Berichte über Versorgungsengpässe die DDR schädigen konnten [weil der Westen dann exakt diese Waren und Ersatzteile nicht lieferte]. Laurenz erwidert, man müsse nur die DDR-Zeitung Neues Deutschland lesen, um zu sehen "was der DDR fehlt". Er verweist auch auf den RIAS, der offen die Stimmung in der DDR zeichne. Dazu Richter Ziegler: "Der RIAS ist auch eine Spionagestelle in Westberlin." Gegen Ende der Vernehmung zitiert der Richter mehrere während der U-Haft erstellte Protokolle. Laurenz dementiert einige Aussagen von damals. Zu anderen sagt er: "In der Vernehmungen habe ich Fehler gemacht." Implizit steckt darin die Kritik an der U-Haft, in der er psychisch, vor allem durch willkürliches Wecken und Verhöre, gefoltert wurde. In dem Prozess spricht er das nicht an. In anderen, öffentlichen Prozessen aus der Zeit bedanken sich die Angeklagten sogar für die angeblich korrekte Behandlung in der U-Haft; möglicherweise riet man ihnen zu dieser aus propagandistischen Gründen wertvollen Aussage, auch wenn sie nicht stimmte, um Strafmilderung zu erreichen. Ziegler fragt Laurenz abschließend nach seinen Motiven für die Spionage. Laurenz nennt nur eins: "Das Motiv ist nicht zu trennen von meiner Arbeitslosigkeit." Daraus habe sich eine "aus meiner Michael Kohlhaas-Natur entstandene Opposition gegen die Sozialistische Einheitspartei" ergeben. Barczatis: Spionin wider Willen? Staatsanwalt Lindner geht mit dem Angeklagten schärfer um als der Richter. Bei einem Disput über die "Gabelsberger Kurzschrift" etwa wirft er Laurenz vor: "Ihr Ausweichen finde ich lächerlich." Laurenz sagt, er habe keine Militärspionage betrieben. Lindner: "Ist also eine andere Spionage kein Verbrechen?" Laurenz sagt, er könne sich von keiner einzigen Meldung, die er an den Westen geliefert hätte, vorstellen, dass sie zu staatsgefährdenden Zwecken hätte eingesetzt werden können. Lindner: "Das ist wiedermal sehr demagogisch!" Denn: "Sie sind ein sehr gerissener Spion." Karl Laurenz und Elli Barczatis Der besitzende Richter Löwenthal fragt Laurenz noch einmal nach dem Verhältnis der Angeklagten, nach den Geschenken für sie, seit er so gut verdiente. Laurenz gibt zu bedenken: "Die Barczatis hat zur Zeit meiner absoluten Mittellosigkeit sehr oft im Café für mich bezahlt." Auf die Frage, wie gern sie Auskunft über politische Dinge gab, meint Laurenz: "Wenn sie mir etwas sagte, tat sie das ziemlich widerwillig, nicht mit einer Mitteilungsfreude, sondern hat mir irgendeinen Brocken hingeworfen." Elli Barczatis meldet sich weinend zu Wort: Was sie jetzt angehört hätte, sei alles für sie neu gewesen. Richter Ziegler unterbricht sie: Sie habe nach dem Plädoyer des Staatsanwalts noch Gelegenheit, sich grundsätzlich zu äußern.

  17. Barczatis besorgt Dokumente aus Ministerpräsident Grotewohls Büro Elli Barczatis berichtet, dass sie die Treffen von ihrem Freund Laurenz mit Clemens Laby bis zu ihrer Verhaftung für rein kollegial hält. Als Vertraute von Ministerpräsident Otto Grotewohl konnte Barczatis Dokumente aus seinem Büro an Laurenz weitergeben. Sie glaubte, ihm so bei seiner journalistischen Arbeit zu helfen. Richter Ziegler fragt, woher der DDR-kritische Einfluss gekommen sei? "Auch von Laurenz", sagt sie, und von westdeutschen Zeitungen. Damit endet die Vernehmung. Die unwissende Spionin? Elli Barczatis berichtet über ihre Kindheit, Jugend und die Karriere in der DDR. Sie betrachtet ihre Erziehung als "kleinbürgerlich" und "nicht proletarisch". 1949 lernt sie Karl Laurenz in der "Hauptabteilung Kohle näher kennen". Laurenz schied dort wenig später aus, erzählt sie, weil es "Unklarheiten in seiner Vergangenheit" gegeben haben soll. Welche, sei ihr nicht bekannt. Im Laufe des Prozesses klingt mehrmals an, dass Laurenz mit den Nationalsozialisten sympathisiert haben soll, es wird ihm aber an keiner Stelle nachgewiesen. Im Raum steht ebenfalls der Vorwurf, sich auf die KPD eingelassen zu haben; viele KPD-Anhänger fielen bei der später gegründeten SED in Ungnade. Ende 1952 trifft Barczatis auf dem Weg ins Kino im Westen scheinbar zufällig am U-Bahnhof Wittenbergplatz den früheren Kohle-Kollegen Clemens Laby. Laby gibt zu erkennen, dass er von Barczatis‘ Liebesbeziehung zu Laurenz weiß. Nach dem Kino treffen sich die drei auf eine Stunde in einer Weinstube. Clemens Laby ist der Westspion, der Laurenz anwirbt. Davon weiß Barczatis aber noch nichts. Kollegiale Zusammenkünfte oder konspirative Treffen? Die Treffen von Laurenz mit Laby hält sie für rein kollegial: Zwei ehemalige Kollegen sprechen, um über die gemeinsame Vergangenheit zu plaudern. Der Richter fragt, wie lange sie das glaubte? Barczatis antwortet: "Bis zu meiner Verhaftung." Der Richter fordert sie auf, ihre Beziehung zu Laurenz näher zu schildern. Das Paar traf sich meistens in "Restaurationen und Caféhäusern". Barczatis erzählte dabei auch deshalb von Dingen, die sie aus dem Ministerium wusste, weil sie ihrem "Freund Laurenz" – der Richter besteht darauf, dass sie sagt: "dem Angeklagten Laurenz" –, der angeblich journalistisch für Westzeitungen arbeitete, einen Gefallen tun wollte. Auf die Frage, ob sie sich nicht hätte denken können, dass hier etwas nicht stimmt, antwortet sie: "Ich habe es mir nicht klar gemacht." Der Richter: "Sie wollten es sich nicht klar machen!" Barczatis spricht von Angst. Sie hatte Angst, Laurenz immer mehr Informationen zu liefern. Dass sie es dennoch tat, hatte zwei Gründe: "Das mangelnde Vertrauen zur Politik der Regierung, zur Kraft der Arbeiterklasse." In ihrer nächsten persönlichen Umgebung seien viele Menschen unzufrieden mit der DDR gewesen. Der Richter wirft ein, Unzufriedenheit könnte ja auch dazu verwendet werden, sich aktiv zu betätigen. Barczatis sagt, sie habe sich "blenden lassen von der Konsumgüterindustrie in Westdeutschland". Auch die vielen Reisen ihrer Freundinnen im Westen hätten sie beeindruckt. Als zweiten Grund, als ihr "Hauptmotiv", nennt sie aber "die große Zuneigung zu meinem Freund und das Vertrauen" ihm gegenüber. Versorgungsenpässe: Dresden bekommt zu wenig Rosinen für den Stollen Sie sagt, es habe Streit gegeben, weil Laurenz Papiere aus Grotewohls Büro verlangte, sie ihm aber höchstens Informationen mündlich geben wollte. Sie erzählt von Versorgungsengpässen in der DDR, von denen sie in ihrer Arbeit erfuhr, von den vielen Briefen, die sie als Chefsekretärin beantworten musste, wo Bürger ihre Probleme und ihr Leid beschrieben. Selbst die Rosinenverteilung für den Weihnachtsstollen habe nicht funktioniert: Dresden habe so viel wie die anderen Regionen zugeteilt bekommen, obwohl die Stadt für den berühmten Dresdner Stollen besonders viele Rosinen gebraucht hätte. Auch über Besuche von Politikern bei Grotewohl und die Standgrößen bei der Leipziger Messe berichtete sie Laurenz. "Ich habe mir Sand in die Augen gestreut." Aus der DDR-Berichterstattung über den Zwickauer Prozess 1953 [gegen Otto Fleischer; dazu gibt es eine reichhaltige Dokumentation im Archivradio] hat sie erstmals erfahren, dass Laby Spion war. Sie lieferte Laurenz aber weiterhin Informationen, obwohl sie wusste, dass er sich mit Laby traf. DDR-Kritik und Einblicke durch westdeutsche Medien Der beisitzende Richter Heinrich Löwenthal fragt vertiefend nach Laby. Der Flug Laurenz‘ zu seinem Bruder sei von Laby finanziert gewesen, ob Barczatis das nicht gewusst hätte? Sie verneint. Sie dachte, Laurenz‘ Bruder hätte den Flug bezahlt. Staatsanwalt Lindner fragt, wie es sein könne, dass Barczatis aus der Presse von Labys Spionagetätigkeit erfahren habe und dennoch keinen Verdacht schöpfte? "Ich habe den Angaben unserer demokratischen Presse keinen Glauben geschenkt. Ich kannte Laby als meinen ehemaligen Kollegen, und ich habe ihm das einfach nicht zugetraut." Sie vermutete, das Gericht in Zwickau bzw. die DDR-Presse habe einiges auf Laby abgeschoben, der im Westen lebte und deswegen nicht greifbar war. DDR-kritische Haltung: westdeutsche Presse gelesen und RIAS gehört Richter Ziegler fragt, woher der DDR-kritische Einfluss gekommen sei? "Auch von Laurenz," sagt sie. Sie habe zudem westdeutsche Zeitungen und Zeitschriften gelesen, den amerikanischen deutschsprachigen Rundfunksender RIAS gehört. Das alles habe ihre kritische Haltung bestärkt. Damit endet die Vernehmung von Elli Barczatis. Im Bild oben: Otto Grotewohl am Schreibtisch, um 1952. Grotewohl war von 1949 bis 1964 Ministerpräsident der DDR

  18. Geheimprozess: Richter Ziegler schließt die Öffentlichkeit aus Am Morgen des 23. September 1955 eröffnet der zweithöchste Richter der DDR, Walter Ziegler, den Prozess. Ziegler stellt das Gericht und den Staatsanwalt vor und schließt die Öffentlichkeit aus. Damit wird das Verfahren zu einem Geheimprozess. Nur Stasi-Mitarbeiter, so Richter Ziegler, dürften bleiben. Er fragt die Angeklagten nach Name, Geburtsdatum, Stand und Wohnadresse. Beide Angeklagten haben auf Verteidiger verzichtet. Die eigentlich darauf folgende Verlesung der Anklage fehlt auf dem Mitschnitt. Aufnahmedatum: 23. September 1955 Quelle: Archiv für Stasi-Unterlagen der ehemaligen DDR (BStU)

  19. Kurz nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 gehörte der Otto-Fleischer-Prozess zu den ersten und größten einer ganzen Reihe von Verfahren, in denen die DDR-Justiz mit besonderer Härte gegen vermeintliche Regimegegner vorging. Darin wurde der SED-Politiker Otto Fleischer 1952 verhaftet und im Folgejahr nach einem einwöchigen Schauprozess verurteilt. Die Stasi hat das Verfahren auf Tonbändern mitgeschnitten, 30 Stunden sind erhalten. Ein erstaunliches Tondokument, unter anderem deswegen, weil wir hier hören, wie das oberste Gericht der DDR erstmals Akademiker aburteilt, hochrangige Männer aus der Energiewirtschaft. Diese Leute waren eigentlich für die junge DDR unverzichtbare Experten und noch kurz zuvor hatte die Staatspartei SED angemahnt, milde mit Intellektuellen umzugehen, die nicht hundertprozentige Sozialisten waren. Aber seit der Verhaftung war der 17. Juni 1953 passiert, ein mit Hilfe der Sowjets niedergeschlagener Arbeitsaufstand der DDR. Der Staat war höchst nervös und wollte mit diesem halböffentlichen Strafprozess Macht demonstrieren. Ein Gespräch zwischen Gábor Paál und Maximilian Schönherr mit zahlreichen Originalausschnitten.

  20. Kurz nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 gehörte der Otto-Fleischer-Prozess zu den ersten und größten einer ganzen Reihe von Verfahren, in denen die DDR-Justiz mit besonderer Härte gegen vermeintliche Regimegegner vorging. Urteilsverkündung am 26. September 1953 Die Aufnahme zeigt die Verkündung des Urteils am letzten Prozesstag und die ausführliche Urteilsbegründung vom 26. September 1953. Die Angeklagten sind zermürbt und flehen das Gericht an. Ich bitte um die Gnade, mir im Zuchthaus Gelegenheit zu geben, zu arbeiten. Damit ich wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abtragen kann, die ich gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik begangen habe. Quelle: Otto Fleischer im Otto-Fleischer-Prozess 1953 Otto Fleischer kam wenig später in ein Sondergefängnis, das sogenannte "Lager X", in dem er relativ komfortabel forschen konnte. Er arbeitete an einem Festkörperantrieb für Raketen, aber ohne Erfolg. Er wurde vorzeitig entlassen, bestritt in seinen privaten Memoiren die meisten Vorwürfe des Gerichts und starb kurz vor der Wende. Seine gerichtliche Rehabilitation erlebte er nicht mehr. Forschung in der Haft und Begnadigung Fleischer sollte in der Haft forschen und bekam dafür Mittel und Personal zugeteilt. Er arbeitete an Festkörperantrieben für Raketen – jedoch ohne vorzeigbare Ergebnisse. Nach acht Jahren wurde er begnadigt. Er starb im Wendejahr 1989 und wurde danach vollständig rehabilitiert. Urteilsbegründung mit Lehrstunde zur Geschichte des Sozialismus Richter Walter Ziegler verkündet das Urteil und begründet es. Er holt weit aus und erzählt von der Entstehung der DDR durch Überwindung des Hitlerfaschismus, der amerikanischen Imperialisten, des westdeutschen Monopolkapitals. Der Westen hat Tag X zur Vernichtung des Sozialismus angesetzt. Dabei sollte die Werktätige Intelligenz von großer Bedeutung sein. Offiziere des Kapitals konnten sich nicht von der Rolle der Ausbeuter lösen, um größte Profite aus der Arbeiterklasse herauszupressen. Ihre Verbrechen sind nicht typisch; schwerste Verbrechen an der DDR. Die Zeugen Jehovas hat die DDR als "Spionageorganisation" enttarnt. Ziegler unterstellt Fleischer "Zynismus". Er habe DDR-Funktionären wie Otto Grotewohl und dem ZK der SED in mehreren Schreiben seine Solidarität mit dem sozialistischen Gedanken beteuert – um sich zu tarnen. Angeblich Sabotagegruppe in Zwickau gegründet Ziegler unterstellt, Fleischer und Kappler hätten eine Sabotagegruppe in Zwickau gegründet. Man drosselte Kohleförderung, verhinderte Techniken zur besseren Wetterführung. An der Nordostfeld-Erschließung sei einiges unterlassen worden, um den Amerikanern, wenn sie die DDR überfallen würden, große Bodenschätze präsentieren zu können. Stattdessen habe man in sinnlose Dinge wie das Anlegen eines Kohlebunkers investiert, obwohl schon ein Bunker da war. Richter Ziegler: "Durch die Preisgabe der beabsichtigten Westeinkäufe war es dem amerikanischen Geheimdienst möglich, die für den sächsischen Steinkohlebergbau dringend benötigten Materialien auf ihre sogenannte "Vorbehaltsliste" zu setzen und damit eine Lieferung an die Deutsche Demokratische Republik zu verhindern." Fleischer habe Elektroloks abgelehnt. Der Angeklagte Kuchheida sei faschistischem Denken erlegen. Richter Ziegler: "Die Besonderheit dieses Prozesses besteht darin, dass alle Angeklagte, mit Ausnahme des Angeklagten Fankhähnel [...] zur technischen Intelligenz gehören. [...] Ihre langjährige, durch die ständige Zusammenarbeit hervorgerufene enge Verbindung zu den kapitalistischen Unternehmern hat sie zu verschworenen Feinden unserer demokratischen Entwicklung gemacht. [...] Trotz aller Vergünstigungen [...] haben sie [...] nur das eine Ziel verfolgt, den Bestand unseres Staates zu untergraben und durch ihre verbrecherische Tätigkeit zu beweisen, dass die Werktätigen nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft eine volkseigene Wirtschaft erfolgreich aufzubauen, ohne dafür die Hilfe kapitalistischer Unternehmer in Anspruch zu nehmen." Ziegler zu Fleischer: "Auch durch sein Schreiben an die SPD-Leitung in Hannover, in dem er sich gegen die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands und gegen die Aufstellung nationaler Streitkräfte aussprach, beging er Kriegshetze." Vorwurf der Kriegshetze Neben Kriegshetze (Artikel 6) ist Sabotage ein wichtiger Teil der Vergehen. Die Angeklagten waren "Offiziere des Kapitals." Gericht reduziert die für Fleischer vom Staatsanwalt geforderte Strafe Das Gericht reduziert die vom Staatsanwalt geforderte lebenslange Zuchthausstrafe für den Hauptangeklagten auf 15 Jahre, weil man davon ausgeht, dass Fleischer in der Haft "zu einem verantwortungsbewussten Handeln erzogen werden kann". Das Band endet mit Zieglers Bemerkung, dass das Urteil nunmehr rechtskräftig ist und "keiner Anfechtung durch ein Rechtsmittel" unterliegt. Bandsignatur MfS HA IX Tb 2188 bei der Stasiunterlagenbehörde BStU