
Archivradio – Geschichte im Original
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- 02.06.202116 min
Der DDR-Strafprozess gegen Otto Fleischer Kurz nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 gehörte der Otto-Fleischer-Prozess zu den ersten und größten einer ganzen Reihe von Verfahren, in denen die DDR-Justiz mit besonderer Härte gegen vermeintliche Regimegegner vorging. Am vorletzten Prozesstag, dem 25. September 1953, vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der Deutschen Demokratischen Republik in Berlin dürfen sich die Angeklagten äußern. Staatsanwalt fordert lebenslänglich für Otto Fleischer Der Staatsanwalt hat sein Plädoyer gehalten und für den Hauptangeklagten Fleischer lebenslänglich gefordert. Unter dem Eindruck dieser von Politpathos triefenden Rede bricht der Hauptangeklagte fast zusammen. Kaum Worte findend, gesteht er schluchzend seine angebliche Schuld ein. Wegen der Emotionalität dieser Passage und mit Rücksicht auf Fleischers Kinder hören wir nur das Ende seiner sehr bewegten Rede, gefolgt von den Ausführungen der Mitangeklagten. Die Angeklagten zeigen sich einsichtig Die Angeklagten haben nach dem Plädoyer des Staatsanwalts (lebenslänglich für Fleischer) und vor der Verkündung des Urteils Gelegenheit, frei zu sprechen. Otto Fleischer bittet – wie die anderen Angeklagten auch – das Gericht, ihn in der Haft arbeiten zu lassen, "damit ich wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abtragen kann, die ich gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik begangen hab. Und ich bitte um die Gnade, mir im Zuchthaus Gelegenheit zu geben zu arbeiten, damit ich wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abtragen kann, die ich gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik begangen habe. Und ich bitte um die Gnade, mir doch die Möglichkeit zu geben, noch einmal mit meiner Familie zusammenzukommen, für die ich mein bisheriges Leben gelebt habe." Angeklagter Wilhelm Kappler: "Meine schädlichen und verbrecherischen Handlungen sowie meine Selbstbesinnung, zu der ich reichlich Gelegenheit hatte, haben in mir den unbeirrbaren Vorsatz und den festen Willen entstehen lassen, wiedergutzumachen, wo und wie es nur angängig ist. Ich bin von dem einen Wunsche nur beseelt, dass ich diese meine innere Wandlung durch praktische Tätigkeit und Bewährung unter Beweis stellen kann. Ich hoffe und bitte das hohe Gericht, dass ich trotz meines vorgeschrittenen Alters hierzu noch einmal Gelegenheit erhalte. Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers vollinhaltlich an und möchte nur noch persönlich meine Bitte hinzufügen, mich in meinen Handlungen in gerechter Wertung all der damit verknüpften Umstände milder beurteilen zu wollen." Angeklagter Hans Hertel: "Hohes Gericht. Zuerst möchte ich mich bei den Kumpels der Steinkohle, vor allem bei den Kumpels des Werks Deutschland und des Karl-Marx-Werkes für meine Verbrechen, die ich an ihnen und am Werk begangen habe, entschuldigen. Ich möchte mich entschuldigen für den Vertrauensbruch, den ich durch das Vertrauen, was sie in mich als sie mich als technischen Leiter eingesetzt haben, begangen habe. Ich habe in der langen Untersuchungshaft durch die während der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse mein Bewusstsein geändert. Ich habe in der Untersuchungshaft Gelegenheit gehabt, etwas über die Grundlagen des Sozialismus zu erfahren. Und dadurch ist mir erst in hohem Umfange bewusst geworden, in welchem Ausmaß ich geschädigt habe. Und es ist mir hierbei klar geworden, dass ich nicht nur an der Steinkohle und an der Volkswirtschaft, sondern auch an meiner Familie und an mir zum Verbrecher geworden bin. Ich bin mir vollkommen klar darüber, dass ich eine empfindliche Strafe verdient habe. Denn ich habe ja durch meine Handlungsweise die planmäßige Entwicklung unseres Volkswirtschaftsplanes gehemmt. Und auf der anderen Seite dadurch den Imperialismus unterstützt. Ich habe Strafe verdient und ich bitte das hohe Gericht hierdurch um Verzeihung. Ich bereue meine Verbrechen auf das tiefste. Und ich habe nur den einen Wunsch: Ich möchte wiedergutmachen. Ich möchte das hohe Gericht bitten zu befürworten, dass ich während der Strafzeit arbeiten darf. Ich möchte durch Arbeit beweisen, dass ich mein Bewusstsein geändert habe. Ich möchte mein verändertes Bewusstsein durch die Tat beweisen. Im übrigens schließe ich mich den Worten meines Rechtsanwaltes an." Es folgen die Plädoyers der Angeklagten Bank, Fankhänel, Kribus und Kuchheida. Georg Bank: "Ich bereue insbesondere meine Hetze gegen die Oder-Neiße-Grenze." Hat sich 1950 von Laby abgewandt, war aber zu feige, sich selbst anzuzeigen. Zum Verräter geworden gegenüber den Kumpels, weil er Kriegshetzern Material gab. Diese Verbrechen lassen sich nicht so einfach wieder gut machen. Möchte noch einmal die gute Behandlung erwähnen und den Untersuchungsbehörden dafür danken. Bruno Fankhähnel: "Ich bereue meine Tat auf das tiefste." Der Prozess soll andere warnen, solche Verbrechen zu begehen. Herbert Kribus: Möchte nicht den Anschein erwecken, mich hinter Fleischer zu verstecken. Bin meiner Schuld bewusst. Er erzählt, dass er 1951 auf einen Kongress nach Dresden ging, Dresden völlig zerstört vorfand. Es haben die Leute, die immer mit Kultur prahlen (er meint, ohne es zu sagen, die Briten und Amerikaner), diese wehrlose Stadt bombardiert. Damals wandte ich mich vom Westen ab. "RIAS-Hetze". Hatte Angst. Bin in der Haft anständig und korrekt behandelt worden. Es gab "Unterhaltungen" mit Untersuchungsrichtern und Sachbearbeitern. Bin körperlich noch rüstig und möchte gern in der Haft im Bergbau arbeiten, auch um meine Familie zu unterstützen. Conrad Kuchheida: "Bekenne mich schuldig und bedauere Verbrechen zutiefst." Möchte den anderen, die noch nicht zur DDR stehen, raten, umzudenken. Bandsignatur MfS HA IX Tb 2187 bei der Stasiunterlagenbehörde
- 02.06.202119 min
Wie es in den DDR-Prozessen der 1950er Jahre immer wieder vorkam, verteidigt der Verteidiger nicht seine Mandanten, sondern folgt im Wesentlichen der Anklage – allenfalls mit der Bitte, ein "gerechtes Urteil" zu fällen. Rechtsanwalt Zumpe mahnt mildernde Umstände an und begründet dies damit, dass die Oberschlesier, die seine Klienten beide sind, generell zum Kapitalismus neigten, also quasi von Geburt an vorbelastet seien. Kribus und Kuchheida sind schuldig im Sinne der Anklage. Beide Angeklagten haben sich auch für schuldig bekannt. Die von mir vertretenen Angeklagten entstammen kleinbürgerlichen, beziehungsweise bürgerlichen Kreisen. Beide erlebten ihre Ausbildung und ihre Berufstätigkeit in einer Zeit, in der die Krisen und die Schwankungen des Kapitalismus nicht auf sie unwirksam blieben, sie diese am eigenen Körper merkten. Während unsere Ordnung, die technischen Kader entsprechend der Fähigkeit der Menschen an die richtigen Stellen einsetzt, war es bei meinen Angeklagten so, dass sie zeitweilig hindurch arbeitslos waren, dass sie andere Zeiten hindurch nicht entsprechend ihres Berufes tätig sein konnten. Und dass sie darüberhinaus, als sie nun endlich in ihrem Beruf arbeiten konnten, eine untergeordnete Stellung einnahmen. Sie waren für den Kapitalismus Ausbeutungsobjekte, gehörten zeitwilig zur Armee der Arbeitslosen, beziehungsweise mussten Fremdberufe ergreifen. Der Umstand, Ausbeutungsobjekt zu sein, änderte sich für meine Angeklagten auch nicht dadurch, dass sie später in höherer Funktionen innerhalb des Kapitalismus tätig waren. Sie waren selbst als unmittelbare Handlanger des Kapitalismus selbst Ausgebeutete, wenn sie auch zur Ausbeutung anderer Menschen beitrugen. Quelle: Rechtsanwalt Zumpe im Otto-Fleischer-Prozess
- 02.06.202114 min
Biok stellt sich trotz Drängens durch das Gericht nicht gegen Fleischer, sondern berichtet sachlich. In keiner seiner Aussagen steckt eine Belastung der Angeklagten. Er wird nach kurzer Befragung wieder aus dem Saal entlassen. Biok befand sich damals aus unbekannten Gründen selbst in Haft.
- 02.06.202153 min
Zu hören ist vermutlich der zweite Teil des ersten Verhandlungstags, der Nachmittag des 21. September 1953. Es beginnt die Zermürbung des Hauptangeklagten. Staatsanwalt Ernst Melsheimer und Richter Walter Ziegler nehmen Fleischer, manchmal unisono gegen ihn ansprechend, in die Zange. Richter und Kläger ziehen an einem Strang Richter und Kläger zogen in diesem wie in den meisten DDR-Prozessen der 1950er Jahre an einem Strang und sie folgten dem Gedanken, dass Fleischer "ein U-Boot des Westens im Herzen der DDR-Energiewirtschaft" war. Tatsächlich wagte sich Fleischer weit vor, in dem er einem inzwischen zum Westspion gewordenen Schulfreund namens Clemens Laby detaillierte Informationen darüber lieferte, woran es dem DDR-Bergbau am meisten mangelte. Laby unterband dann genau die Lieferung dieser Ersatzteile. Fleischer saß nun zwischen allen Stühlen und nahm eine Verweigerungshaltung an, aus der ihm das Gericht schlimmste Verbrechen strickte: Sabotage und Kriegshetze.
- 02.06.202128 min
Ein im Ton des Generalstaatsanwalts Ernst Melsheimer scharfer Teil der Vernehmung des Angeklagten, vermutlich am 21. September 1953. Melsheimer legt dem Angeklagten, auch indem er ihn laufend unterbricht, Aussagen in den Mund, die er vermutlich ohne diesen Druck nicht abgegeben hätte. Otto Fleischer gibt seine kritische Einstellung zur DDR zu und erläutert Maßnahmen, den Bergbau zu schädigen. In diesem von der Staatssicherheit der DDR angefertigten Tonbandmitschnitt hören wir auch kurz den Verteidiger Fleischers. Verteidiger waren damals Handlanger des Gerichts.
Beginn der Vernehmung des Hauptangeklagten am 21. September 1953. Mit Oberrichter Walter Ziegler und, gelegentlich, Staatsanwalt Ernst Melsheimer. Das Tondokument wirft einen Blick auf den problematischen Wiederaufbau des Bergbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und auf zentrale Figuren in dieser Industrie in Ost- und Westdeutschland. Das Verfahren fand statt vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der Deutschen Demokratischen Republik, dem höchsten Gericht der DDR. 1953 gab es die DDR erst vier Jahre.
- 02.06.202137 min
Dieses Verfahren fand im September 1953 vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der Deutschen Demokratischen Republik statt, dem höchsten Gericht der DDR. 1953 gab es die DDR erst vier Jahre. Die Aufnahmen sind Teil der Tonaufnahmen der Stasi-Unterlagenbehörde Nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, nur drei Monate vor dem Prozess, griff die Staatspartei SED über ihren Geheimdienst, die Stasi, und die Gerichte hart gegen jeden durch, der sich nicht stromlinienförmig verhielt. Zur Höchststrafe verurteilt Otto Fleischer war 52 Jahre alt, einer der renommiertesten und erfahrensten Experten für den Steinkohleabbau, der wichtigsten Brennstoffquelle für Kraftwerke und Industrie damals. Man warf Fleischer und den weiteren Angeklagten vor, mit Bergbau-Funktionären im Ruhrgebiet, also im Westen, zusammengearbeitet zu haben, um Patente, Statistiken und andere Details zu verraten und die eigenen Bergwerke in und um Zwickau zu sabotieren. Fleischer bekam die höchste Strafe. Er wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Bislang unveröffentlicht Die vielen Tonbänder mit großen Teilen des Prozesses, insgesamt 30 Stunden, sind ein Fund im Audioarchiv der Stasi-Unterlagenbehörde BStU. Das Archivradio präsentierte sie erstmals ab Oktober 2013. Personen Richter Ziegler: Zeugen werden in den Saal gerufen, ihnen die Auftrittszeiten mitgeteilt. Zeugen verlassen den Saal. Sachverständige müssen immer im Saal sein. Fleischer, Otto Fritz, geboren am 30.1.1901 in Breslau, Professor der Bergkunde. Lehrstuhlinhaber. Kappler, Wilhelm, geboren am 27.2.1892, technischer Leiter im Martin Hoop Werk Zwickau. Hans Erich Hertel, geboren 1904, Diplombergingenieur, Direktor Deutschlandschacht Zwickau. Georg Robert Bank, geboren 1900, Dipl. Bergingenieur, VVB-Steinkohle Zwickau. Ludwig Kandler, geboren 1894, Bergtechniker, Grubeninspektor Karl Marx Werk Zwickau. Bruno Emil Fankhähnel, geboren 1901, Obersteiger, Bergtechniker, Karl Marx Werk Zwickau. Herbert Antonius Kribus, geboren 1905, Dipl. Bergingenieur, Planungsbüro. Konrad Arthur Kuchheida, Dipl. Bergingenieur, Konstruktionsbüro Kohle, Außenstelle Zwickau. Ziegler listet die Verteidiger auf: Rechtsanwalt Hückel für Fleischer, Kolberg für Kappler, Jeckel für Härtl, Ködel für Bank und Fankhähnel, Köhler für Kandler, Zumpe für Kriebus und Kuchheida. Stichworte Generalstaatsanwalt Melsheimer: Man war aufgebrochen, den deutschen Faschismus zu zerschlagen. DDR Werktätige, Fortschritt. Amerikanische Imperialisten mit dem Handlanger Westdeutschland. Adenauers Scheinsieg bei Bundestagswahl. Im Westen: Spione und Vaterlandsverräter gegen DDR. 17. Juni Putschversuch mit faschistischem Charakter. Steinkohle wesentlichste Energiequelle. Zwickau bedeutendstes Steinkohlevorkommen. Westdeutsche kapitalistische Grubenbesitzer untergruben das. Missstände häuften sich. Schweres Grubenunglück, 48 Bergarbeiter tot. Untersuchungen ergaben, Verbrechen waren begangen worden. Die Beschuldigten sind die umfangsreichste Schädlingsgruppe im Bergbau. Waren im Faschismus erfolgreich, DDR gab ihnen eine Chance, wurden zu Verrätern. 1947 von Deutscher Kohlenbergbauleitung (Vorläufer der Ruhrbehörde in Essen) gesteuert. Fleischer suchte 1948 Kohlenbergbauleitung auf. Hatte in Vernehmung zugegeben: Habe schon 1946 schädliche Maßnahmen unternommen, wollte flüchten. Der West-Mann Stefan: Bleiben Sie im Osten, versuchen Sie dort, die Steinkohleproduktion der DDR lahmzulegen. Sabbas und Wehrhahn waren ebenfalls dort, Laby (der Spion) 1949 nach Westberlin geflüchtet. Alle Angeklagten trafen sich zur Schwächung der DDR konspirativ. Anklageschrift zu Spionage. "Untersuchungsausschuss für freie Juristen" war Kontaktstelle für Fleischer im Westen. Dorthin übergab er auch Patente, von dort liefen sie weiter, auch an den amerikanische Harriman-Konzern. Organisierte Kriminalität. Vorsätzlich falscher Steinkohle-Abbau praktiziert, Brände und Katastrophen, Schuld an Unglücken, Martin-Hoop 4 in Zwickau. Wirtschaftsspionage. Beseitigung Oder-Neiße-Grenze konspirativ besprochen. Das sind Verbrechen nach Artikel 6, Kontrollratsdirektive Artikel 38 3 A. 3 und Befehl 160 SMAD. Richter Ziegler verliest den Eröffnungsbeschluss. Fleischer seit 22.12.1952 in Haft. Bandsignatur MfS HA IX Tb 2166.
- 14.05.202113 min
1951, 6 Jahre nach dem Krieg, werden noch immer viele Soldaten vermisst. Auch von etlichen Zivilpersonen fehlt noch immer jede Spur. Um nach diesen Personen zu fahnden, werden Suchdienste aufgebaut, zunächst dezentral in den verschiedenen Besatzungszonen, schließlich werden sie zentralisiert. Die Aufgabenverteilung schildert zunächst der folgende Bericht vom 20. März 1951. Für „alles was im Osten vermisst ist“, ist der der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in München zuständig. Für Zivilisten der Suchdienst der Caritas, ebenfalls in München. Rastatt ist zuständig für „alles, was im Westen vermisst ist“. Wobei mit „alles“ in diesem Fall Soldaten gemeint sind und der „Westen“ von Skandinavien über Frankreich bis Afrika reicht. Anschließend hören wir, wie der Suchdienst vorgeht und arbeitet. Darauf geht insbesondere der zweite Bericht von Reporter Reinhard Albrecht noch einmal näher ein. Er wird am 29. März 1951 gesendet. Zum 31.10.1951 wurde der Rastatter Suchdienst aufgelöst. Im Bild: Karteikarten vermisster und toter deutscher Soldaten in einem Karteikasten des Deutschen Suchdienstes München
- 13.05.202129 min
Konrad Zuse baute 1941 den ersten programmgesteuerten Computer der Welt: Z3. Schüler befragten Zuse 1984 zur Funktion, aber auch zur Ethik militärischer Anwendungen. Konrad Zuse baute zuerst "Z1" – einen mechanischen Rechner. Später, 1941, baute er mit "Z3" den ersten universellen Computer. "Z" stand für "Zuse". Schon während des Studiums, so Zuse, habe er begonnen, die Idee eines Computers zu verwirklichen. Der Pionier erklärt, wie sein erster Computer funktionierte und mit welchen Problemen Erfinder bei der Fehlerbeseitigung in ihren Erfindungen zu kämpfen hätten. Der ethischen Frage nach möglichen militärischen Anwendungen seines Rechners weicht Zuse aus. Es läge irgendwann nicht mehr in der Hand des Erfinders, auf die Verwendung seiner Erfindungen Einfluss zu nehmen. Zuse: "Amerikaner und Japaner waren schlicht cleverer." Warum er nicht zu den bekanntesten Erfindern der Welt gehört, erklärte er folgendermaßen: "Meistens ist es so, dass (…) erfinderisches Talent und kaufmännisches Talent und auch das Glück, was dazu gehört, nicht unbedingt zusammen kommen." Zum Rückstand Deutschlands in der Entwicklung von Computern meinte Zuse, die Amerikaner und Japaner seien schlicht cleverer gewesen. Sie hätten beispielsweise auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz weniger Hemmungen gehabt als er selbst. Auf die Frage, ob durch Computer die Visionen eines totalitären Überwachungsstaats wie in George Orwells Roman "1984" Realität werden könnten, meint Zuse, dass dies in Teilen der Welt schon Realität sei. Dies sei aber auch immer schon unabhängig von der Entwicklung von Computern möglich gewesen. Vielmehr müsse man sehen, "dass wir die technischen Mittel, die zur Verfügung stehen, positiv einsetzen. Und das ist Sache der Jugend", so Zuse. Süddeutscher Rundfunk. Erstsendedatum: 17.5.1984. Schüler eines Esslinger Gymnasiums befragen den Computerpionier Konrad Zuse.
- 08.05.202136 min
Unwürdige Zustände, beengte Verhältnisse, viele Schlafplätze in einem Raum, Schlägereien unter Flüchtlingen – das alles gab es schon in den 1950er-Jahren, als Hunderttausende aus der DDR in den Westen flohen und Millionen ihre Heimat in den ehemals deutschen Ostgebieten verlassen mussten. Im Südwesten kommen viele von ihnen in das Flüchtlingslager Rastatt. Es handelt sich um ein ehemaliges Lazarett aus der Zeit der Badischen Revolution im 19. Jahrhundert. In der NS-Zeit wurde das Lazarett zur einer Anstalt für psychisch kranke Menschen – im Volksmund "Irrenhaus" – umfunktioniert. Dann war es eine Kaserne. Nach dem Krieg diente es ab 1945 als Lager für Displaced Persons – also vor allem Zwangsarbeiter aus dem Osten, die sich nach Kriegsende in Deutschland aufhielten. Ab 1952 werden Flüchtlinge hier untergebracht. Obwohl es Durchgangslager heißt, bleiben manche über Jahre hier. Wie die drei Berichte aus den Jahren 1952, 1957 und 1959 zeigen, verschärft sich die Situation zunehmend. Die Reportage vom 14. Juli 1952 lässt vor allem die Bewohner zu Wort kommen. Spendenaufruf des SWF: "Flüchtlingsgroschen" Die nächste Reportage vom 15.2. 1957 kommt ebenfalls aus dem Lager in Rastatt. Inzwischen halten sich 400.000 Flüchtlinge in der Bundesrepublik auf. Angesichts der desolaten Verhältnisse im Lager verbindet der Südwestfunk den Bericht mit einem Spendenaufruf, einem „Flüchtlingsgroschen“. Am 28.6.1959 beginnt das von der UNO ausgerufene Weltflüchtlingsjahr. Der Südwestfunk nimmt dies zum Anlass, seinen Reporter Erich Bottlinger Anfang Juli erneut ins Flüchtlingslager nach Rastatt zu schicken. Und der beschränkt sich in dieser Reportage nicht darauf, die Situation der Flüchtlinge darzustellen, sondern diskutiert darüber auch mit dem Lagerleiter und dem Rastatter Pfarrer. Im Bild oben: Flüchtlinge in der Baracke 5 im Wohnlager Allach-Ost / München am 27.4.1949 Überfüllte Flüchtlingslager in Rastatt 1961 Landesauffanglager Rastatt 1961
- 07.05.20215 min
Kurz vor dem Mauerfall spricht der Schauspieler Jan Josef Liefers auf der Groß-Demonstrationen auf dem Berliner Alexanderplatz. Es ist die erste offiziell genehmigte Demonstration in der DDR, organisiert von Schauspielern und Mitarbeitern an Ost-Berliner Theatern.
- 02.05.20214 min
Das Kanzleramt in Berlin – die meisten kennen das Gebäude aus den Fernsehnachrichten, viele sind in Berlin aber auch schon daran vorbeigeschlendert. Am 2. Mai 2001 zog Gerhard Schröder dort ein, der erste Kanzler der Berliner Republik. Das Gebäude selbst war in seinen Ausmaßen aber eher geprägt von den Ideen seines Vorgängers Helmut Kohl. Im Bericht von der Eröffnung spiegeln sich die Vorstellungen des alten und des neuen Kanzlers.
- 30.04.20213 min
Der Trabant war das Auto der DDR. Trabant – heute klingt der Name fast schon befremdlich. Doch Trabant heißt "Begleiter" – das Pendant zum russischen Wort "Sputnik". Das war kein Zufall: 1957 schickten die Sowjets mit Sputnik 1 den ersten Satelliten ins All, 1958 rollte in Zwickau der erste Trabant vom Band. Jedes zweite Auto in der DDR war ein Trabi – bis 1991. Am 30. April 1991 endete die Produktion des kleinen zweitürigen Zweitakters. Ein großer Einschnitt für die Menschen in Zwickau.
Am 4. November 1957 berichtet der Südwestfunk von Laika, der ersten Hündin im All. Damals ist noch nicht klar, dass sie die Erde nicht mehr lebend wiedersehen wird. Die UdSSR haben einen weiteren Erfolg erzielt. Sie haben die ersten Machtproben im Weltraum gewonnen. Doch in Deutschland ist längst nicht jeder vom Weltraumfieber erfasst.
- 18.04.202117 min
1979 war es die Bundestagsfraktion, die entschied, dass der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß Kanzlerkandidat werden solle. Dem gingen wochenlange Querelen voraus. Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl stand damit selbst gar nicht zur Debatte. Da er seine schlechten Umfragewerte kannte, hatte er den niedersächsischen Ministerpräsidenten vorgeschlagen. Aber der passte der CSU genauso wenig wie Kohl. Streit zwischen den "Schwesterparteien" CDU und CSU Gleichzeitig stand eine Spaltung der Union im Raum, wegen der Differenzen zwischen CDU und CSU, zwischen Strauß und Kohl, drohte die CSU immer wieder mit einer Trennung und damit, als eigene Partei bundesweit anzutreten. Am 2. Juli 1979 entschieden die Vorstände der beiden Parteien, dass die Bundestagsfraktion geheim über den Kanzlerkandidaten abstimmen solle. Das hat sie in der folgenden Nacht dann auch getan – nach einer sechsstündigen heftigen Debatte. Franz Josef Strauß verliert 1980 gegen Helmut Schmidt Strauß tritt 1980 an und verliert die Wahl gegen Helmut Schmidt von der SPD. Für den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl ist das gut – als es zwei Jahre später zum Regierungswechsel kommt, stellt niemand mehr seinen Anspruch, Bundeskanzler zu werden, infrage.
- 03.03.202132 min
Zeugenaussagen im Strafprozess 1963 bis 1965 Die "Auschwitz-Tonbänder" sind der übrig gebliebene Teil der Tonbandmitschnitte vom 1. Auschwitz-Strafprozess 1963 bis 1965. Das Gericht hat Aufnahmen vor allem von Zeugenaussagen angefertigt, um später Unentschiedenheiten beim Erstellen des Gerichtsprotokolls auszuräumen. Denn die Zeugen waren Überlebende des Vernichtungsterrors und sprachen leise, manche in gebrochenem Deutsch. Warum ausgerechnet diese zwei Regalmeter an Bändern von einem fast 200 Tage dauernden Marathonprozess übrig blieben, kann auch der Experte für dieses Tonmaterial im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Johann Zilien, nicht erklären. Der Prozess begann am 20. Dezember 1963. Die Urteilsverkündung begann am 19. August 1965 und dauerte zwei Tage. 1960er geprägt von Verdrängung und Wirtschaftswunder Die Gerichtsverhandlungen fanden Mitte der 1960er-Jahre statt, in einer Zeit des Wirtschaftswunders und der Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Konnte der Prozess nur in einem SPD-regierten Bundesland, eben Hessen, stattfinden? Schließlich hatte der damals noch junge CDU-Abgeordnete und spätere Bundeskanzler Helmut Kohl eine Zeitlang die Auseinandersetzung über Auschwitz aus den Rheinland-Pfälzischen Schulbüchern verbannen lassen. Ein beträchtlicher Teil der bundesdeutschen Justiz war damals noch mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt. Generalstaatsanwalt Fritz Bauer rettete die Tondokumente In dem Interview spielt der Initiator des Auschwitz-Prozesses, der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, eine zentrale Rolle. Bauer hat die O-Töne gerettet, das Deutsche Rundfunkarchiv digitalisierte sie. Das Fritz Bauer Institut veröffentlichte die Dokumente im Internet. Die Originalbänder lagern gut gekühlt im Keller des Hauptstaatsarchivs. SWR2 Archivradio-Gespräch vom 20. März 2014 über die Tonbänder, den Prozess und das Thema Medizin.
- 21.02.20215 min
Bea Wyler bleibt als Rabbinerin in Deutschland nicht allein. Auch die in Düsseldorf aufgewachsene Feministin und Journalistin Elisa Klapheck lässt sich in den USA zur Rabbinerin ausbilden. Seit 2009 leitet sie in Frankfurt am Main den "Egalitären Minjan" der dortigen jüdischen Gemeinde. Der Minjan beschreibt die Mindestzahl von 10 Personen, die für einen regulären Gottesdienst nötig sind. Anders als in den orthodox-konservativen Gemeinden werden im Egalitären Minjan dabei nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen gezählt, und sie sind auch sonst im Gottesdienst gleichgestellt. Bevor Elisa Klapheck nach Frankfurt kam, war sie Rabbinerin in den Niederlanden und schrieb ein Buch darüber, wie sie als jemand, der sich in ihrer Jugend wenig für Religion und das Judentum interessiert, Rabbinerin wurde. In einem Telefoninterview am 8. November 2006 in der Sendung SWR1 Thema heute spricht sie über ihren Werdegang.
- 21.02.202112 min
Ignatz Bubis ragte unter den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland heraus. Doch kurz vor seinem Tod äußerte er sich sehr resigniert: Er habe weniger erreicht, als er sich vorgenommen hatte. Bubis starb am 13. August 1999. Zunächst ein Ausschnitt aus seinem letzten Interview, anschließend ein Gespräch mit dem Schriftsteller Ralph Giordano – eine Stunde, nachdem Bubis‘ Tod bekannt wurde.
- 20.02.20213 min
Bea Wyler tritt am 1. August 1995 ihr Amt in den jüdischen Gemeinden in Oldenburg und Braunschweig als Rabbinerin an. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hatte es in Deutschland keine Rabbinerin mehr gegeben. Entsprechend groß war das öffentliche Interesse bei ihrem Amtsantritt. Ihre Ausbildung machte Bea Wyler in London und New York. Sie war sich von Anfang an bewusst, dass sie von orthodoxen Juden in Deutschland nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden würde, wie sie der NDR-Reporterin Margrit Denert verriet. Auch der damalige Vorsitzende des Zentralrats fremdelt mit der neuen Situation.
- 20.02.20217 min
Am 1. August 1995 wurde Bea Wyler als Rabbinerin in die jüdischen Gemeinden in Oldenburg und Braunschweig berufen. Doch bereits vor ihrem Amtsantritt wurde Kritik daran laut, dass eine Frau die geistliche Führung der Gemeinden übernehmen sollte. Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, erklärte, er werde an keinem Gottesdienst teilnehmen, der von einer Frau geleitet wird. Im Interview mit SDR1-Moderator Volker Diepes erläutert er seine Haltung.















