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Kumari - Nepals kindliche Göttin auf Zeit

04.09.2025 · 21 Min.

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Über diese Folge

Kumaris gelten in Nepal als kindliche Göttinnen auf Zeit und sind für eine Vielzahl religiöser Rituale zuständig. Mit dem ersten Tropfen Blut, den sie vergießen, müssen die Mädchen in ihre Familien zurückkehren und versuchen, sich wieder in die Realitäten der nepalesischen Gesellschaft einzufinden. Autorin: Margarete Blümel (BR 2024)

Credits
Autorin dieser Folge: Margarete Blümel
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Katja Amberger, Hemma Michel, Peter Weiß
Technik: Wolfgang Lösch
Redaktion: Bernhard Kastner

Im Interview:
Scott Berry, Lehrer und Autor einer Kumari-Biografie;
Rashmila Shakya, Ex-Kumari;
Prof. Axel Michaels, Indologe und Religionswissenschaftler;
Prof. Horst Brinkhaus, Indologe 

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Literaturtipps:

- Berry, Scott: From Goddess to Mortal: The True Life Story of a Former Kumari. Vajra Publications, Kathmandu 2005. Einfühlsames Porträt der ehemaligen Kumari Rashmila Shakya, die ihre Erfahrungen als Kindgöttin schildert und in den religiösen Kontext ihres Heimatlandes Nepal einordnet.

- A Study of Living Goddess Kumārī: The Source of Cultural Tourism in Nepal by Him Lal Ghimir.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ERZÄHLERIN: 

Auf einem mit Brokat überzogenen Stuhl sitzt ein kleines, sehr ernst blickendes Mädchen, das die Aufgabe hat, sein Land zu beschützen. Bei der nun folgenden, Stunden währenden, Tempelzeremonie wird ein Büffel sein Leben lassen, Trommler werden ihre Klangkörper bearbeiten und Gläubige ihre Köpfe bis zum Boden vor der kindlichen Göttin verneigen. 

Musik hoch

ERZÄHLERIN: 

Das Mädchen ist stark geschminkt und in ein bis zu den Knöcheln reichendes Gewand gehüllt, das von Goldfäden durchwirkt ist. Manchmal ist diese Berufsbekleidung der Kumari, Nepals ”kindlicher Göttin”, auch tiefrot. Und: Die Kumari trägt einen mit Diamanten versehenen, in allen Farben schimmernden Kopfputz dazu.

Eines aber ist immer gleich: Die lebende Göttin hat zwar das Gesicht eines Kindes. Doch ihre Würde und Bestimmtheit, die sie an den Tag legt, lassen sie um Jahre älter erscheinen. 

Musik mit Atmo 1 Tempelzeremonie verbinden

O-TON 1: EX-KUMARI RASHMILA SHAKYA

At the age of four, I became a Kumari. At the age of twelve, I retired from the Kumari house.

VO-Sprecherin-weiblich:

Ich war vier, als ich zur Kumari erhoben wurde. Und zwölf, als ich wieder ins weltliche Leben zurückkehrte. 

ERZÄHLERIN:

Heute ist Rashmila Shakya 37 Jahre alt. Als sie das Kumari-Amt innehatte, war der König noch das Staatsoberhaupt Nepals. Damals kniete der königliche Regent vor der vierjährigen Rashmila nieder, um aus ihrer Hand den sogenannten ‚Tika‘ zu empfangen.

O-TON 2: RASHMILA SHAKYA 

It’s become used to for me, because every time the king came to get the bless ...I know that I used to give the Tika to the king. I feel proud. 

VO-SPRECHERIN-weiblich: 

Ich hatte mich schnell daran gewöhnt, meinen Aufgaben ruhig und besonnen nachzukommen. Auch dann, wenn ich dem König den Tika, das hinduistische Segenszeichen, auf die Stirn tupfte. Bis heute macht mich das immer noch ein wenig stolz. 

ATMO 1 Tempelzeremonie 

O-TON 3: PROF. HORST BRINKHAUS

Manchmal werden sie mit sechs Jahren erst geweiht oder eingeführt, manchmal auch schon mit zwei Jahren, das ist sehr unterschiedlich. Es ist ja an eine ganze Reihe von Kriterien geknüpft, wer Kumari sein kann. 

ERZÄHLERIN: 

… sagt der Indologe Professor Horst Brinkhaus. 

O-TON 4: PROF. HORST BRINKHAUS

Da werden Tests gemacht und einiges auf die Beine gestellt, um festzustellen, wen hat sich die Göttin Durga - oder Taleju, wie sie in Nepal genannt wird – ausgesucht als Inkarnation? Das gilt es ja herauszufinden. Man macht ja keine Kumari, das ist nicht Menschenwerk, sondern die Göttin ist sozusagen übergegangen in einen Mädchenkörper.

ERZÄHLERIN:

Es gibt mehrere Kumaris in Nepal. Die bedeutendste unter ihnen ist die in Kathmandu lebende ‚Royal Kumari‘.

 O-TON 5: PROF. HORST BRINKHAUS

Es wird selten über die weniger bekannten Kumaris berichtet. Berichtet wird fast immer nur über die Royal Kumari in Kathmandu und es gab auch einige Berichte über eine Bhaktapur-Kumari, die nämlich in Amerika war mit elf Jahren - als Kumari noch, wohlgemerkt, nicht erst danach.

MUSIK m03 (Holiya Mela, Traditional Nepal Folk Tunes, K:= Bharat Nepali, 0:34 Min)

ERZÄHLERIN:

Etwa zehnmal im Jahr verlässt die Royal Kumari den Palast, um religiösen Zeremonien beizuwohnen. Die inzwischen meist als ‚Kathmandu-Kumari‘ bezeichnete lebendige Göttin wird bei diesen Gelegenheiten stets in einer Sänfte befördert, da sie sonst Gefahr liefe, sich zu verunreinigen oder sich zu verletzen, sagt der Indologe und Religionswissenschaftler Professor Axel Michaels: 

O-TON 6: PROF. AXEL MICHAELS

Es ist schon etwas schwieriger für die Kathmandu-Kumari, weil die eine so herausragende Stellung hat. Sie gab ja früher dem König den Tika und hat ihn gewissermaßen dadurch legitimiert für ein Jahr. Aber in Bhaktapur etwa ist die Kumari ja ein ganz normales Mädchen, die auch nicht so eine isolierte Stellung hat wie die Kathmandu-Kumari, die ja in einem eigenen Haus wohnt und eigentlich nicht auf die Straße darf. Sie kann nur getragen werden. Die auch nicht mit anderen Kindern einfach so spielen kann. Das gilt aber eigentlich nur für die Kathmandu-Kumari. 

ERZÄHLERIN:

Aber selbst hier bestätigen Ausnahmen die Regel, weiß der Lehrer und Autor Scott Berry, der die Biografie der Kathmandu-Kumari Rashmila Shakya geschrieben hat: 

O-TON 7: SCOTT BERRY 

We had two daughters who were eight and six at the time...  And they got to be friends that way. 

VO-SPRECHER-männlich:

Unsere Mädchen waren acht und sechs Jahre alt, als wir nur ein paar Straßen weit entfernt vom Tempelpalast wohnten, in dem die Kumari ihre Wohnstatt hatte. Meine Töchter waren fasziniert davon, dass ganz in ihrer Nähe ein Mädchen lebte, das eine Göttin war. Und sie gingen jeden Tag zu ihrem Haus und saßen im Hof. Eines Tages stand sie oben auf der Treppe und rief: „Ich habe einen Ball. Wollt ihr spielen?“- „Ja“, sagten meine Töchter. Aber natürlich durften sie nicht nach oben gehen, schon allein, weil sie keine Hindus sind. Und sie durfte nicht nach unten kommen. Also blieb sie oben auf der Treppe, und meine Töchter standen unten und warfen den Ball hin und her. So wurden sie zu Freundinnen.

MUSIK m04 (Rato Bhale, Traditional Nepal Folk Tunes , K:= Krishna Gurung, 1:15 Min)

ERZÄHLERIN:

Diese Erinnerung hat die ehemalige Kathmandu-Kumari Rashmila Shakya in Scott Berrys „From Goddess to Mortal“ preisgegeben. Ebenso wie die Auswahlkriterien für die Kandidatinnen, die ihr noch heute leicht über die Lippen gehen: ein günstiges Horoskop, die körperliche Unversehrtheit der Kandidatinnen und die richtige Kaste.

O-TON 8: RASHMILA SHAKYA

Shakya caste, sacred Shakya. Yeah. And …  are taken out from the Kumari house in the festival in a year.

VO-SPRECHERIN-weiblich:

Wir müssen aus der Shakya-Kaste kommen. Und unser Horoskop muss klar zeigen, dass wir gute Eigenschaften aufweisen und unserem Land nützlich sein können. Wenn Astrologen und Priester das herausgefunden haben, kommt die Frau aus der Familie, die mit der Kumari unter einem Dach lebt und sie betreut. Sie schaut sich den Körper und das Gesicht des Mädchens genau an und untersucht alles nach Wunden oder Kratzern. Wenn auch dieser Test bestanden ist, zieht das Mädchen als lebendige Göttin in den oberen Trakt des Kumari-Hauses ein, den sie nur verlässt, wenn sie zu Zeremonien und religiösen Festen abgeholt wird. 

Atmo 2 Tempel Kathmandu

ERZÄHLERIN:

Die Kumaris stammen aus den Reihen der Newars, einer vor allem im Kathmandu–Tal beheimateten Volksgemeinschaft. Die Newars pflegen eine weltweit einzigartige Sonderform des Buddhismus, den nach ihnen benannten ‚Newar-Buddhismus‘. Die lebende Göttin wiederum wird seit Langem als Reinkarnation einer Hindu-Gottheit betrachtet: Durga, die sich in Nepal als ‚Taleju‘ manifestiert hat. Taleju soll vor einigen Jahrhunderten ins Kathmandu-Tal gekommen sein und sogleich zur Schutzgöttin der nepalesischen Königsfamilien und des Landes aufgestiegen sein. Schließlich aber nahm Durga/Taleju die Gestalt eines kleinen Newarmädchens an. So entstand ein göttliches Amt, das seitdem von einer wechselnden Schar auserwählter Kumaris versehen wird.

O-TON 9: PROF. HORST BRINKHAUS 

Die Kumari wird von Buddhisten wie auch von Hindus verehrt, übrigens nicht nur von Newars, sondern natürlich auch von den Nepalisprechern. 

Sie ist auch ein - wie der König ja auch in der Vergangenheit war - ein Integrationsfaktor. Nepal ist ein Vielvölkerstaat. Es gibt ungeheuer viele Sprachen in Nepal, ethnische Gruppen, von Tal zu Tal sozusagen häufig verschiedene Gruppen. Und irgendwo muss ja eine Klammer sein, die eine gemeinsame Identität begründet.


Atmo 2 Tempel Kathmandu

O-TON 10: SCOTT BERRY 

The main thing it does, it symbolizes the unity, or at least...And Kumari comes from a Newar caste.

VO-SPRECHER-männlich:

Das Kumari-System symbolisiert, wenn nicht die Einheit, so zumindest doch die nicht vorhandene Feindschaft zwischen den Buddhisten und Hindus in Nepal. Die Newars sind die ursprünglichen Bewohner von Kathmandu. Sie haben ihre eigene Sprache, ihre eigenen Bräuche. Und die Kumari stammt eben aus einer Newar-Kaste.

ERZÄHLERIN:

… betont Scott Berry. Der Lehrer und Verfasser der Lebensgeschichte Rashmila Shakyas, von „From Goddess to Mortal“, hat mit Frau und Kindern viele Jahre im Nachbarhaus von Rashmilas Eltern gelebt. So konnte Scott Berry nicht nur den Werdegang der Ex-Kumari, sondern auch die Bedeutung der Kumari-Tradition verfolgen.  

Atmo 2 Tempel Kathmandu

O-TON 11: SCOTT BERRY

The Newars actually share temples. They're divided between buddhists and hindus... she's a buddhist girl who becomes a hindu goddess.

VO-SPRECHER-männlich: 

In der Tat nutzen die Newars Tempel, die von Buddhisten und Hindus gleichermaßen aufgesucht werden. In einer dieser nepalesischen Kultstätten wird zum Beispiel eine Inkarnation Shivas von Hindus verehrt, während Buddhisten am selben Ort Lokeshwar anbeten, einen spirituell sehr fortgeschrittenen Bodhisattva. Und, zurück zur Kumari: Sie stellt ein wichtiges Symbol für all das dar, weil sie ein buddhistisches Mädchen ist, das zu einer hinduistischen Göttin wird.

Atmo 2 Tempel Kathmandu bitte in Kreuzblende mit Atmo 3 Durga Sloka verbinden

ERZÄHLERIN: 

Im Vielvölkerstaat Nepal werden Kultur und Politik seit jeher von der 

Religion mitbestimmt. Literatur, Kunst, Sitten und Gebräuche, alle Abläufe des täglichen Lebens, sind von den religiösen Überzeugungen der Nepalesen durchdrungen. Und umgekehrt: Die wechselvolle politische Geschichte des Kathmandu-Tals hat entscheidend auch die Religion beeinflusst und so eine ureigene Beziehung zwischen Buddhismus und Hinduismus im Lande bewirkt.

Atmo 3: Durga-Sloka

ERZÄHLERIN:

Im nur in Nepal praktizierten Newar-Buddhismus vereinen sich verschiedene Richtungen des Buddhismus: Die Newar streben zwar nach Erlösung, stellen aber ihre Suche nach dem Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten hintan, um anderen, bedürftigen Lebewesen zur Seite zu stehen. Zusätzlich betreiben sie magische Rituale, die ihnen auf ihrem spirituellen Weg weiterhelfen sollen. 

O-TON 12: PROF. HORST BRINKHAUS 

Wenn man sich Nepal mal jetzt als diesen Streifen von Ost nach West vorstellt – der Norden ist sehr stark buddhistisch geprägt, aber nicht newarbuddhistisch, sondern lamaistisch. Der Süden, insbesondere das Terai-Gebiet, der Teil, der zum Gangesflachland gehört, ist sehr stark hinduistisch geprägt. Da gibt es auch Muslime und wirkt ja sowieso ganz indisch, ganz nordindisch.

MUSIK m01 ((Morning Song, Byanchuli, Traditional Music Of Nepal, Interra Records, 1:24 Min)

ERZÄHLERIN:

In diesem Schmelztiegel der Religionen, in einem Land, dessen Könige als Wiedergeburt des Hindu-Gottes Vishnu galten, besteht inzwischen ein Parlamentarisches Mehrparteiensystem. 

Doch obwohl die Monarchie seit Mitte des Jahres 2008 der Vergangenheit angehört, und obschon die Maoisten im politischen Gefüge eine große Rolle spielen und Kritik an einigen Traditionen laut wird – religiöse Bräuche wie die der Verehrung der Kumari bestehen fort. Auch die Voraussetzungen für das Ausscheiden der „kommissarischen Göttinnen“ aus ihrem Amt sind nahezu unverändert geblieben. Um ausgeschlossen zu werden, genügen ein paar Tropfen Blut: Sobald die Kumari blutet, sei es im Zuge einer Verletzung oder durch Einsetzen ihrer Periode, muss die Kindgöttin das Zepter an ein anderes Mädchen abgeben. 

O-TON 13: PROF. AXEL MICHAELS

Der Jungfrauenkult ist natürlich auch in Indien immer wieder einmal da gewesen - also die Verehrung einer Jungfrau als Göttin.

ERZÄHLERIN: 

… sagt der Indologe und Religionswissenschaftler Professor Axel Michaels. Aber …. 

O-TON 14: PROF. AXEL MICHAELS

Aber es ist sehr spezifisch im Grunde genommen bei den Newars. Sowohl in Kathmandu wie auch in anderen Orten des Kathmandu Tals. Weil die daraus einen regelrechten Kult gemacht haben, mit eigenen Ritualen, mit eigenen Häusern und der Notwendigkeit, dass die Kumari bestimmte Rituale eröffnen muss oder dabei sein muss oder Leute segnen muss.

Atmo 4 Ritual

ERZÄHLERIN: 

Am Durbar Square, im Zentrum Kathmandus, steht ein blutüberströmter Omnibus. Dach, Fenster, Türen und die Front des alten Vehikels, dessen Reifen kurz davor sind, mit den Felgen eins zu werden, sind mit dem Blut einer soeben geschlachteten Ziege beschmiert. Die Sitze des Busses sind aufgerissen, die Fenster sind längst den Weg alles Irdischen gegangen. Im Fahrerraum prangt unter einem Wirrwarr von Girlanden eine Darstellung der Durga. Sie vollführt einen Kriegstanz, schwingt Lanzen und Schwerter in ihren vielen Armen. Ihr Gesicht ist zu einer Grimasse grausamen Triumphs erstarrt. Zu ihren Füßen liegt der Büffel-Dämon Mahisasura, den die große Göttin zertreten hat. Heute nimmt sie in Kathmandu ihr Festmahl. 

Atmo 4 Ritual

ERZÄHLERIN: 

Einmal im Jahr wird Durga-Puja, das große Opfer- und Erntefest, gefeiert. Busse, Lastwagen und Privatfahrzeuge werden mit frischem Tierblut geweiht, damit die Insassen in Zukunft nicht zu Schaden kommen mögen.

In Innenhöfen, Häusern, Gassen und in großen Festzelten sind für die Göttin Durga Altäre aufgebaut. Die Frauen haben besonderes Essen für den Anlass vorbereitet. Kinder werfen einander Luftballons zu und warten aufgeregt darauf, dass der Prozessionszug mit der Kumari, der lebendigen Vertreterin Durgas, endlich eintrifft. Dass die kindliche Göttin kommt, ihnen ein ernstes Lächeln schenkt und dem einen oder anderen vielleicht auch ein Segenszeichen auf die Stirn malt.

Atmo 4 Ritual

bitte kurz hoch, dann blenden 

O-TON 15: PROF. HORST BRINKHAUS

Die Royal Kumari hängt ja stark mit dem Königtum zusammen. Sie wurde ermittelt, unter anderem von dem Astrologen und dem Familienpriester des Königs und anderen hohen Beamten. Die sind natürlich mit der Abschaffung des Königtums nun auch entfallen. Und das heißt, die Kumari muss immer wieder auf neue Grundlagen gestellt werden, wie man sie herausfindet, wer für sie eigentlich sorgt, wer zuständig ist für diese Institution.

ERZÄHLERIN:

Inzwischen gewährt der Staat den kommissarischen Göttinnen zumindest eine kleine Rente – und eine Schulausbildung. 

O-TON 16: PROF. HORST BRINKHAUS

In der Vergangenheit war ja ein Problem, dass sie in keine Schule gehen konnte oder durfte, dass sie also nicht ausgebildet wurde. Immerhin ist man Kumari bis zum zwölften, dreizehnten Lebensjahr, je nachdem.

MUSIK m05 ( Yantra, Jens Buchert, 2:21Min)

O-TON 17: RASHMILA SHAKYA 

I have to struggle so much in the normal life. Mostly in the study...At the age of twelve I started my school career.

VO-SPRECHERIN-weiblich:

Ich hatte anfangs wirklich schwer zu kämpfen. Vor allem mit dem Lernen, weil es zu meiner Zeit keine formale Bildung für Kumaris gab. Erst im Alter von zwölf Jahren habe ich meine Schullaufbahn begonnen. 

ERZÄHLERIN:

Ihr Biograph Scott Berry erinnert sich noch sehr gut an das, was Rashmila damals durchgemacht hat. 

O-TON 18: SCOTT BERRY

Well, this is something that's changed considerably since Rashmila’s time...and they're able to go to their proper grade when they stop.

VO-SPRECHER-männlich:

Nun, das ist etwas, das sich seit Rashmilas Zeit stark verändert hat. Sie hatte große Schwierigkeiten, ins normale Leben zurückzukehren. Sie musste in die erste Klasse gehen, obwohl sie schon zwölf Jahre alt war. Einmal hat sie versucht, wegzulaufen und ins Kumari-Haus zurückzukehren, aber da stand sie dann natürlich vor verschlossenen Türen. Doch schließlich hat sie es geschafft. Ihre Familie hat Rashmila bedingungslos unterstützt. Und heute ist es so, dass vor allem ihretwegen Kumaris lernen und studieren. Sie haben Tutoren und werden darauf vorbereitet, die zu ihnen passende Klasse zu besuchen, wenn es soweit ist. 

ERZÄHLERIN:

Noch etwas kommt erschwerend hinzu, das über lange Zeit hinweg manchmal wie ein Fluch über den ins irdische Leben zurückkehrenden Mädchen lag: der alte Irrglaube, Kumaris fänden keinen Ehemann.

O-TON 19: RASHMILA SHAKYA 

This is only a misconcept about the Kumari. And this misconcept.. Before that the guy had little bit hesitate ad to marry the ex Kumari.

VO-SPRECHERIN-weiblich:

Diesem Aberglauben nach soll ein Mann, der eine ehemalige Kumari zur Frau nimmt, eines unnatürlichen und viel zu frühen Todes sterben. Die jüngere Generation hat sich da inzwischen bewegt und schenkt dem keinen Glauben mehr. Aber ich erinnere mich noch der Zeiten, als Männer einer Verbindung zu einer Ex-Kumari deshalb ziemlich zurückhaltend gegenüberstanden. 

O-TON 20: SCOTT BERRY

Traditionally, they're not supposed to get married. The husband's supposed to die... and they seem very happy together. 

VO-SPRECHER-männlich:

Traditionell ist es nicht vorgesehen, dass sie heiraten. Und, ja, angeblich soll der Mann sogar innerhalb des ersten Jahres der Ehe sterben. Aber das ist völlig falsch. In der Vergangenheit gab es mehrere Kumaris, die geheiratet haben - und auch Rashmila ist den Bund der Ehe eingegangen. Wir waren sogar auf ihrer Hochzeit. Inzwischen hat sie einen Sohn, und sie scheinen sehr glücklich miteinander zu sein.

ATMO 5 Kumari-Ritual

O-TON 21: RASHMILA SHAKYA  

Yeah, I have married before eight years. And I have one son and he is became a five years old.

VO-SPRECHERIN-weiblich:

Seit unserer Hochzeit sind acht Jahre vergangen. Und unser Sohn ist jetzt fünf Jahre alt.

Musik m01 ((Morning Song, Byanchuli, Traditional Music Of Nepal, Interra Records, 1:40 Min)

Erzählerin:

Über dreißig Jahre liegen zwischen den fundamentalen Ereignissen, die das Leben der Ex-Kumari nachhaltig beeinflusst haben. Rashmila Shakya erinnert sich noch sehr genau daran, wie das damals war: Als sie als vierjähriges, sehr ernst dreinschauendes Mädchen auf einen Thron stieg, um als kindliche Göttin ihren König und ihr Land zu beschützen. Und dann, acht Jahre später, als die Zeit gekommen war, das Kumari-Haus zu verlassen ….

O-TON 22: RASHMILA SHAKYA 

At the time? I became sad and happy. Also sad because that I have left the Kumari house and happy that I have returned to the own house and lived a normal life.

VO-SPRECHERIN-weiblich

Da war ich froh und bedrückt zugleich. Traurig, weil ich das Kumari-Haus hinter mir lassen musste. Und froh, weil ich nach Hause zurückkehren und ein normales Leben führen konnte. 

Erzählerin: 

Nichts von alldem möchte Rashmila missen. Wie viele andere Ex-Kumaris auch, mit denen sie gesprochen hat, ist da das nachhaltige Gefühl, ein Privileg genossen zu haben. Einen Lebensweg beschritten zu haben, der schwierig, steinig und ungemein erfüllend gewesen ist.

O-TON 23: RASHMILA SHAKYA  

I got two life in one born. One is normal life and one is God. Is life. 

VO-SPRECHERIN-weiblich:

Ich habe zwei Leben geführt. Das eine ist das normale, das irdische Leben und das andere ist mein Dasein mit Gott. 


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Und dann sind wir weiter die Karmelitengasse hoch und da war links das Gefängnis. Und da sind wir immer mit Ehrfurcht vorbei gegangen und haben Mitleid gehabt und Angst gehabt, was da für Räuber drin sind. Und am Rückweg da war dann ein Schuster, der immer so blöd geschaut hat, da haben wir immer an die Scheibe hingehauen, und da habe ich mal zu fest hingehauen, das war eine Katastrophe! Ja, da kann ich mich gut erinnern. Ja, freilich ja, ja, meine Eltern mussten das ersetzen, und: So ein freches Kind! MUSIK „Sophies Thema“; ZEIT: 00:31 ERZÄHLER Kleine Abenteuer erleben, Streiche spielen, auch einmal über die Stränge schlagen – das ist es, was auch Waltraud Fischer, geboren 1943 im Allgäu, von ihrem Schulweg in Erinnerung geblieben ist. Noch heute weiß sie, wie sie die Kinder beneidet hat, die in den Einödhöfen hoch oben auf dem Berg lebten – denn deren Schulweg war besonders lang. MUSIK ENDE 2. ZUSPIELUNG Waldtraud Fischer Und drum sind wir öfter mal mitgegangen mit denne, das war einfach toll. Freiheit! Du bist nicht so schnell heimgekommen. Im Winter sind sie mit dem Schlitten gekommen. Und man hat gestritten miteinander, und man hat auch die Buben geärgert. Das hat dazu gehört, und es war einfach schön. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:34 ERZÄHLER Den Schulweg umgibt ein Hauch von Freiheit, nicht nur in der Erinnerung der beiden älteren Damen. Er bietet von je her für viele Kinder und Jugendliche einen Freiraum zwischen den Anforderungen der Schule und den Anforderungen der Eltern, eine Nische, in der sie sich weitgehend ohne Erwachsene bewegen können – jedenfalls wenn sie es dürfen, sagt die Montessori-Pädagogin Saskia Haspel, Gründerin und Leiterin der österreichischen Montessori-Akademie in Wien: MUSIK ENDE 3. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Der Schulweg ist in mehrfacher Hinsicht etwas ganz Besonderes für Kinder. Einerseits kann er eine sehr gute Brücke darstellen zwischen dem Zuhause und umgekehrt. Das heißt, das Kind hat Zeit, Eindrücke zu verarbeiten, sich auch einzustellen darauf, was jetzt Neues kommt. Menschen brauchen ja Zeit für viele Übergänge aus einer Situation in die andere. Und das leistet der Schulweg schon einmal sehr, sehr gut, da Zeit zu geben. Das zweite, und für uns als Pädagoginnen vielleicht immer das Wichtigste ist, dass Kinder durch die selbständige Bewältigung des Schulwegs einfach eine ganz andere Möglichkeit haben, sich draußen in der Welt zu bewähren. 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Sie schaut nach links, sie schaut nach rechts, so wie sie das gelernt hat, wieder nach links, und da kommt ein Riesen SUV daher, und sie schaut dem Fahrer in die Augen, und der Fahrer wird langsam, und nur durch den Augenkontakt merkt dieses Mädchen, dass es einen riesengroßen Volvo abbremsen kann, wir nennen das Joint Attention, das sind die Begegnungsflächen, wo ich merke, ich brauche nicht immer eine Druckknopfampel oder Schülerlotsinnen und -lotsen. Ich kann selber, durch so etwas Bescheidenes wie den Augenkontakt, was eigentlich was Großartiges ist, in die Gesellschaft eingreifen und dort meinen Platz finden. ERZÄHLER Doch der Pädagogik-Professor Rudolf Egger beobachtet, dass Kindern die Möglichkeit, solche Erfahrungen zu machen, inzwischen oft genommen wird. Das habe mit der Motorisierung und mit der getakteten Arbeitswelt ihrer Eltern zu tun. 6. 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Betreuungs- und Freizeiteinrichtungen sowie TÜV-geprüfte Spielplätze und wohlgeordnete Parkanlagen sind an die Stelle von unbeaufsichtigten Hinterhöfen, Straßen, öffentlichen Plätzen, Fabrikgeländen und Wäldern getreten, in denen sich Kinder noch vor wenigen Jahrzehnten weitgehend nach ihrer eigenen Vorstellung bewegen konnten. Zeiten, in denen sie niemand unbeobachtet, sind rar geworden für die Kinder von heute. MUSIK ENDE Ein wichtiger Lernschritt auf dem Weg zum Erwachsenenalter ist aus Sicht der Pädagogen auch, dass Kinder mit anderen Kindern zusammen sein können, und zwar ohne die Aufsicht von Erwachsenen. Dass sie sich als Mitglied einer Gruppe fühlen und Verantwortung übernehmen, für sich selbst und für andere. Auch dafür eignet sich der Schulweg. ((Zugleich sei ihre Aufgabe, so Saskia Haspel, 9. ZUSPIELUNG Saskia Haspel dass sie aufmerksam bleiben, dass sie fokussiert sind auf den Straßenverkehr, dass sie genug Selbstsicherheit haben, nicht mitzumachen, wenn andere Kinder auf Ideen kommen, die vielleicht gefährlich sein könnten.)) ERZÄHLER Aber im gleichen Maße, wie der Schulweg ein wichtiger Schritt eines Kindes zu mehr Autonomie ist, ist er eine Herausforderung für die Eltern. Sie müssen eine Balance finden zwischen ihrem Sicherheitsbedürfnis und dem Selbständigkeitsdrang des Kindes. Die Eltern haben dabei die Verantwortung, dem Kind zu zeigen, wie es sicher zur Schule kommt, müssen es dann aber schrittweise in die Unabhängigkeit entlassen, findet die Montessori-Pädagogin Saskia Haspel: 10. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Also wichtig ist, wirklich aufs Kind zu schauen. Manche Kinder brauchen länger, manche Kinder sind unsicherer, die brauchen danach wirklich länger die Begleitung, und die müssen wir ihnen geben. Natürlich. Was wir nicht machen dürfen, ist aus falsch verstandener Fürsorge vielleicht oder aus eigener Bequemlichkeit, wenn man länger schlafen kann, wenn man das Kind mit dem Auto vor die Schule führt, ihm diesen Schulweg wegzunehmen. Das ist sehr, sehr schade und des verhindert die Entwicklung die Selbständigkeit in diesem Bereich. ERZÄHLER Beim Loslassen können Eltern auf das bauen, was sie ihrem Nachwuchs in den ersten sechs Lebensjahren mitgegeben haben, so Saskia Haspel. Normalerweise unternehmen Kinder in dieser Zeit auch schon kurze Wege alleine, besuchen vielleicht Freunde um die Ecke oder gehen auch schon einmal alleine zum Bäcker. Dadurch können das kindliche Selbstvertrauen und das Vertrauen der Eltern in die Kinder gleichermaßen wachsen. Wenn Kinder dagegen viel Zeit im Auto sitzen, anstatt selbst zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren, hat das sichtbare Folgen für ihre motorische Entwicklung, beobachtet Saskia Haspel im Schulalltag: Beim Treppensteigen gingen viele Schulanfänger noch jede einzelne Stufe mit zwei Füßen oder auch seitwärts. 11. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Und ja, da würden wir uns natürlich wünschen, dass sie mehr Gelegenheit gehabt hätten, sich zu bewegen, und jede Bewegung, die ein Mensch macht, ist gut, wenn sie strukturiert ist und somit natürlich auch ein Schulweg, der zu Fuß bewältigt wird oder ein Teil davon zu Fuß bewältigt werden kann, sehr hilfreich auch für die weitere Entwicklung. Von einer Gehsteigkante hinuntersteigen, braucht Bewegungskoordination, oder links und rechts zu schauen und dann loszugehen. Also man muss gut in seinem Körper zu Hause sein, ein gutes Körperbild haben, seinen Körper gut kennen, auch wissen, was kann ich mir denn zutrauen an Bewegung, und ein wirklich stabiles reifes Gleichgewichtssystem entwickelt zu haben, sind wesentliche Voraussetzungen dafür, unter anderem den Schulweg sicher bewältigen zu können. ERZÄHLER Die Eltern müssen sich zudem darauf verlassen können, dass sich ihr Nachwuchs an Regeln hält. Sie brauchen aber auch das Vertrauen in die Kinder und insbesondere in die Jugendlichen, dass sie auch dann zurechtkommen, wenn sie einmal vom vorgegebenen Pfad abweichen, meint Saskia Haspel: 12. ZUSPIELUNG Saskia Haspel 9.30 Menschen probieren neue Dinge aus, auch Kinder probieren neue Dinge aus. Und manchmal ist es doch ein bisschen gefährlich oder manchmal ist es keine besonders gute Idee. Aber auch das gehört dazu und auch daran wächst man. Wir hatten ja noch Samstagsschule, und ich ging an einer Kirche vorbei, und samstags wird häufig geheiratet. Ich hatte die Freiheit, ich hatte noch kein Handy, mir hat nicht nach 10 Minuten schon jemand nachtelefoniert: Wo bleibst du?, wenn ich mich ein bisschen verspätet hab, ich konnte dort Braut schauen, bei der Kirche stehen bleiben, wenn da gerade eine Hochzeit war. Niemand hat sich damals Sorgen gemacht, wenn ein Kind 10 Minuten später dran war. Oder wenn man einen Bus später gekommen ist. Also auch da wird Kindern sehr viel Freiheit genommen. Heutzutage diese Handy-Nabelschnur, dass sofort angerufen wird. Wo bleibst du denn? Was ist denn los? ERZÄHLER Saskia Haspel und Rudolf Egger erkennen einen Hang zur Überfürsorge bei heutigen Eltern – das spiegelt sich auch im Begriff Helikoptereltern. Daran, wie Kinder zur Schule kommen, lasse sich ablesen, wie sich die Gesellschaft und auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind in den vergangenen Jahrzehnten verändert hätten. Rudolf Egger: 13. ZUSPIELUNG Egger Kind ist natürlich Statussymbol Nummer eins, also für den Großteil der Eltern – hängt natürlich von der sozioökonomischen Situation ab – ist Kind Identifikationsmerkmal. Also Kinder werden immer wichtiger, Kinder sind ganz wesentliche Elemente der eigenen Lebensplanung, und auf der anderen Seite hat sich das auch eben durch die strukturelle Berufstätigkeit auch verändert, diese Beziehung, wo wir eben vieles organisieren müssen. Und man ist froh, wenn die Kinder hinten im Auto eben zugestöpselt sind. Weil da kann man sich selber konzentrieren, was man alles zu tun hat. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:16 ERZÄHLER Der Weg zur Schule unterscheidet sich nach der Beobachtung von Rudolf Egger deutlich vom Heimweg, vor allem, was die emotionale Verfassung der Schülerinnen und Schüler angeht: MUSIK ENDE 14. ZUSPIELUNG Egger Der Weg von der Schule nach Hause dauert in der Regel ungefähr acht bis zehn Minuten länger, weil sie langsamer gehen, nicht so zielbezogen gehen, vielleicht einmal einen Umweg auch noch machen und Möglichkeiten finden, quasi diesen Ballast der Schule auch abzulagern. Weil Schule ist - da darf man sich auch nichts vormachen - ist Druck auch schon für die ganz Kleinen. Schule ist soziales Miteinander, kognitives Lernen, Forderung, und mit dem muss auch umgehen lernen, das Fading-Out von der Schule - auch dafür ist der Schulweg ganz, ganz wichtig. MUSIK privat Take 016 „Interlude II”; Album: Prince of Persia: The Forgotten Sands; Label: Ubisoft 2010; Interpret: Tom Salta; Komponist: Tom Salta; ZEIT: 00:51 ERZÄHLER In den Weiten der Savanne im Süd-Westen Kenias: Wenn sich der 8-jährige Musega auf den Weg zur Schule macht – die einzige im Umkreis von 20 Kilometern -, hat er einen ständigen Begleiter: Die Angst vor wilden Tieren wie Hyänen, Löwen und Elefanten. Exotisch anmutende Schulwege wie der von Musega werden gerne in Dokumentationen gezeigt, beobachtet Malte Pfau von der Kindernothilfe, einem der größten christlichen Hilfswerke in Deutschland. Der gelernte Lehrer setzt sich seit Jahren auf der politischen Ebene für Kinderrechte ein. Sein Schwerpunkt-Thema: Das Recht auf Bildung und die Frage, wie man mehr Kindern eine Schulbildung ermöglichen kann. MUSIK ENDE 15. ZUSPIELUNG Malte Pfau Dass Kinder mit einer Seilbahn über Schluchten fahren oder mit einem Esel über Gebirgspässe gehen, das ist natürlich auch alles da, aber ich denke immer, das romantisiert das so ein bisschen, das stellt das so dar, als wären das Abenteuer auf dem Weg zur Schule. Und ich glaube, für 99,99 Prozent der Kinder gilt einfach nur, dass die Entfernung die Einschränkung, Gefahren diese Länge des Weges mit sich bringt. ERZÄHLER Malte Pfau war für die Kindernothilfe selbst viel in fernen Ländern unterwegs, unter anderem in Indien und mehreren afrikanischen Ländern und hat dort erfahren: Ein großes Hindernis für Kinder und ihr Recht auf Bildung ist die Distanz zur nächsten Schule. Insbesondere in ärmeren, weniger entwickelten Ländern ist der weite, oftmals beschwerliche Weg zur Schule ein großes Problem. 16. ZUSPIELUNG Malte Pfau Schulwege von einem bis zwei Stunden – also hin und zurück sind es dann eher drei bis vier – sind schon eher die Regel, aber das sind zumindest noch Schulwege, die ja bewältigt werden können. Die weiterführende Schule ist dann ja häufig eher in Oberzentren oder in Städten angesiedelt. Das heißt, wenn Kinder oder Jugendliche dann die Grundschule verlassen und auf eine weiterführende Schule gehen, bedeutet das häufig, dass das Kapitel Schule zu Ende ist, einfach weil gar nicht mehr erreichbar ist, oder aber dass Kinder schon sehr früh das Elternhaus verlassen, um dann in Städten bei Verwandten zu leben oder aber auch teilweise auch allein zu leben, um die weiterführende Schule wahrnehmen zu können. MUSIK „The game has changed”; ZEIT: 00:18 ERZÄHLER Auch in den Großstädten des globalen Südens machen sich unzählige Kinder jeden Tag auf den Weg zur Schule. Erschwert wird ihnen der Weg dort vor allem durch den Verkehr und die unzureichenden Öffentlichen Verkehrsmittel, sagt Malte Pfau. MUSIK ENDE 17. ZUSPIELUNG Malte Pfau Also wenn man sich jetzt solche Millionenstädte wie Addis Abeba anguckt oder Nairobi, Kapstadt, Johannesburg, das sind ja alles Städte, wo wir ja in den Townships oder Slums arbeiten, wo es zwar natürlich häufig auch Schulen gibt, aber auch da ist es ja so, dass Kinder innerhalb dieser Städte wahnsinnige Distanzen zurücklegen, die auch nicht vergleichbar sind mit Leben in der Großstadt bei uns, weil es halt einfach kein öffentliches Transportsystem gibt, was man so nutzen kann oder teilweise Schnellstraßen oder Hindernisse innerhalb einer Stadt darstellen, die bedeuten, dass man kilometerweit erst einmal gehen muss, um überhaupt einen Weg zu finden, um diese fast schon Flüsse ohne Brücken innerhalb der Städte überwinden zu können. ERZÄHLER Weltweit sterben täglich 500 Kinder bei Verkehrsunfällen, die meisten von ihnen vermutlich auf ihrem Schulweg. Das heißt, für junge Menschen auf der ganzen Welt ist der Straßenverkehr die Todesursache Nummer eins, noch vor Naturkatastrophen, Kriegen oder Seuchen. Dazu kommt insbesondere für Mädchen in vielen Ländern die Gefahr, auf ihrem Schulweg Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. 18. ZUSPIELUNG Malte Pfau Weil Raubüberfälle aber auch sexueller Missbrauch an der Tagesordnung ist, und das weiß ich auch aus dem südafrikanischen Kontext, dass da der Missbrauch von Mädchen massiv steigt, wenn die Ferienzeit vorbei ist, weil Schule und Schulweg für Mädchen einfach grundsätzlich sehr gefährlicher Ort ist, wo Übergriffe tagtäglich leider sind. ERZÄHLER Nicht wenige Eltern behalten ihre Kinder auch deshalb lieber zuhause, wo sie dann von jeglicher Schulbildung abgeschnitten sind. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:27 ERZÄHLER Aber trotz aller Gefahren, die auf dem Schulweg insbesondere in den Ländern des globalen Südens lauern: Für Kinder weltweit ist der Schulweg nicht nur ein Weg zu einer Bildungsstätte. Er ist auch ein wichtiger Schritt auf ihrem Weg ins selbständige Leben und bietet die Chance auf eine ganz eigene wertvolle Erfahrung. Davon ist Malte Pfau überzeugt. MUSIK ENDE 19. ZUSPIELUNG Malte Pfau Für viele Kinder ist das ja auch nur der einzige unbeobachtete Moment, den sie am Tag haben – die Schule ist wahnsinnig streng, das Elternhaus ist wahnsinnig streng. Im Elternhaus sind die auch voll eingebunden. Das ist ja nicht so, dass sie da irgendwie ihr eigenes Zimmer haben, sondern auch häufig ist das irgendeine Lehmhütte, wo man irgendwie zu acht in einem Raum wohnt. Das heißt, dieser Schulweg ist ja für die so der einzige Moment am Tag, wo sie vielleicht auch für sich mal mit anderen Kindern Quatsch machen können oder so ein bisschen, ja, Kind sein können. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:47 ERZÄHLER Kind sein, Quatsch machen, ein kleines Stückchen Freiheit genießen zwischen Schule und Elternhaus – das haben wohl die meisten Schulwege dieser Welt gemeinsam, auch wenn sie sonst sehr verschieden sind. Und auch die beiden älteren Damen Frieda Specker und Waldtraud Fischer sind sich einig: 20. ZUSPIELUNG Es war schön, es war lustig, ich möchte‘s nicht missen. Ein Kind braucht den Kontakt mit anderen Kindern, kann über Lehrer schimpfen und, ja, kann einfach sich ausdrücken lernen. Und das finde ich sehr wichtig.

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