Als das Tier zum Freund wurde - Geschichte des Haustieres
07.03.2024 · 23 Min.
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Im Laufe der Zeit und unter dem Einfluss gesellschaftlicher Veränderung gewinnt das Haustier für den Menschen große emotionale Bedeutung bis hin zum ebenbürtigen Familienmitglied. Autorin: Silke Wolfrum (BR 2019)
Credits
Autorin dieser Folge: Silke Wolfrum
Regie: Rainer Schaller
Es sprachen: Christian Baumann, Hemma Michel, Carsten Fabian
Technik: Roladn Böhm
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Clemens Wischermann (Professor; Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Konstanz);
Rüdiger Korbel (Professor; Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische, LMU München);
Ernst Günther (Dr.; Autor des Buches "Wenn ich ein Vöglein wär" und Ehrenpräsident der Gesellschaft für arterhaltende Vogelzucht)
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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
MUSIK
O-TON 1 Clemens Wischermann
Natürlich ist es auch so, dass die Beziehungen zwischen Mensch und Tier nicht herrschaftsfrei sind. Es gibt ne Ausnahme, mit so einer Ausnahme lebe ich auch zusammen, nämlich Katzen, die eine Katzenklappe haben, mit der sie rausgehen können oder nicht. Das ist sozusagen so das Ideal der freiheitsliebenden Tiervorstellung. Die Katze kommt und geht und wenn sie geht, sagt man zu ihr, ‚komm bitte wieder!‘
O-TON 2 Ernst Günther
Ich habe zum Beispiel in einer größeren Voliere einen Schwarm Zebrafinken fliegen. Wenn Sie diese Vögel in einem Schwarm fliegen haben, dann zeigen sie ein völlig anderes Verhältnis als wenn sie ein Paar in einem Käfig halten. Oder ich vergesellschafte Vögel verschiedener Arten miteinander, sie kommen ja auch in der Natur miteinander vor. Da erlebt man Verhaltensweisen, die man nicht gewusst hat bis dahin. Die Vogelhaltung wie auch die Tierhaltung in den zoologischen Gärten hat zur Kenntnis der Lebensweise der Tiere in erheblichem Maße beigetragen.
O-TON 3 Rüdiger Korbel
Auch wenn hier bei uns in der Klinik ein Schwerpunkt die Vogelhaltung darstellt, bin ich - ich traue es mich kaum zu sagen - aber ich bin ein Katzenmensch und habe hier eine sehr große emotionale Bindung zu Katzen. Wenn ich ein Haustier halten könnte, dann würde ich mir eine Katze zulegen.
MUSIK endet
SPRECHERIN:
Mit ihrer Vorliebe für Katzen liegen sie voll im Trend. Clemens Wischermann, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Konstanz und Professor Rüdiger Korbel, Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Denn die Katze ist momentan mit Abstand das beliebteste Haustier der Deutschen, während Vögel deutlich an Attraktivität verlieren und wohl schon bald auf der Beliebtheitsskala von Reptilien und Kleinsäugern überholt werden. Warum ist das so? Werfen wir zunächst einen Blick zurück zu den Anfängen der Haustierhaltung:
SPRECHER:
Wobei mit Haustier hier diejenigen Tiere gemeint sind, die eng mit dem Menschen zusammenleben - ohne ihm vorrangig von wirtschaftlichem Nutzen zu sein. Wir haben also auf der einen Seite die Nutztiere, wie etwa Schweine, Rinder oder Hühner und auf der anderen die Haustiere oder besser noch Heimtiere, wie etwa Hunde, Katzen, Vögel, Fische, Reptilien und Kleinsäuger.
SPRECHERIN:
Die Ursprünge beider Mensch-Tier-Lebensformen liegen zigtausende Jahre zurück und gehen mit der Sesshaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit einher:
O-TON 4 Ernst Günther
Jetzt plötzlich schafften Menschen sich Tiere an, weil sie nicht mehr jagen konnten, weil sie nicht mehr wanderten. Und sie mussten jetzt zusehen, dass sie die Tiere beschützen, die sie früher nur gejagt hatten. Sie mussten zusehen, dass ihre Tiere sich fortpflanzen, worum sie sich früher überhaupt nicht zu kümmern brauchten. Und es entstand aus der Jagdbeute ein notwendiger Partner und auf dieser Grundlage entstanden die Freiräume, wo Menschen dann auch sich eines Tieres annehmen konnten, weil sie plötzlich ein Mitempfinden entwickelten zu diesem Tier. Und das hat getragen, bis in unsere Zeit.
SPRECHERIN:
Dr. Ernst Günther, Ehrenpräsident der „Gesellschaft für arterhaltende Vogelzucht“, hat sich für sein Buch „Wenn ich ein Vöglein wär“ mit der Geschichte der Vogelhaltung beschäftigt.
Ihre Anfänge liegen etwa 1.000 v. Chr. im indischen Raum. Viel früher wird der Hund domestiziert. Er wird vor rund 15.000 Jahren zum Begleiter des Menschen und gilt als das älteste Haustier überhaupt.
In Israel gibt es dazu einen spektakulären Fund: Eine vor 12.000 Jahren beerdigte Frau hält einen Hundewelpen eng an sich gedrückt in den Armen, genau so, wie eine Mutter ihr Kind umarmt.
SPRECHER:
War dieser Hund bereits ein Familienmitglied? Eine stark emotionale Beziehung zu Tieren gibt es wohl zu allen Zeiten, dennoch ist eine solche Bindung lange einer privilegierten Schicht vorbehalten und stellt wohl eher die Ausnahme dar, so Clemens Wischermann:
O-TON 5 Clemens Wischermann
Es gibt dann Tiere, die nur sozialen Status demonstrieren sollen, wenn sie an höfische Gesellschaften in Europa zurückdenken, die hatten Menagieren, die hielten exotische Tiere, die sammelten Tierpräparate. Da demonstrierten Tiere Macht, Kraft, politischen Einfluss oder sie können auch Wissen demonstrieren, indem man große Sammlungen anlegte und daran zeigen konnte, wie viel man über die Welt und ihre Lebensformen und ihre Entwicklungen wusste.
Aber im engeren Sinne, das, was ich mit Familienmitgliedern meine, das ist was, was im 19. Jahrhundert einsetzt und sich bis in die Gegenwart entwickelt - und in der Gegenwart zum Massenphänomen wird.
SPRECHERIN:
Es dauert also eine ganze Weile, bis Tiere zum Freund, Kumpan oder eben Familienmitglied werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das Städtewachstum, das im 18. Jahrhundert einsetzt und mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts stark zunimmt:
O-TON 6 Clemens Wischermann
In den Großstädten verliert sich allmählich die Verbindung zum ländlichen Leben, das ja auf eine ganze andere Art auch ein enges Zusammenleben mit Nutztieren war und in den Städten, in den bürgerlichen Schichten v.a. findet man dann allmählich Tiere. Es gibt die Vögel und Hunde, Hunde werden ganz wichtig. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die moderne Hundezucht und das ist eigentlich die wichtigste Spezies, die nah an die Familie herankommt.
MUSIK m02
SPRECHERIN:
Lange Zeit halten sich höchstens Adlige einen Hund. Für den Rest der Gesellschaft stellen sie eher eine Gefahr dar. Sind herumstreunende Hunderudel doch potentielle Überträger von lebensbedrohlichen Seuchenkrankheiten wie Pest, Lepra oder Pocken. Doch mit der modernen Medizin und der Bekämpfung dieser Krankheiten werden Hunde auch für das Bürgertum interessant.
SPRECHER:
Der Brite Charles Cruft arbeitet Ende des 19. Jahrhunderts für einen Hundekuchenhersteller. Er hat die Idee, durch Hunde- oder später auch Katzen-Schauen die Tiere aufzuwerten, damit ihre Besitzer dann auch mehr Wert auf Futter und Equipment legen. Eine Überlegung, die mehr als aufgeht.
Schon bald ist es in, Rasse-Hunde oder Rasse-Katzen zu halten und zu züchten, mit ihnen über den Laufsteg zu schreiten und Preise zu gewinnen. Die Tiere verhelfen dem Bürger zu Ansehen, sie bieten ihm Aufstiegsmöglichkeiten in der Gesellschaft. Sie sind Statussymbole. Das hierarchische Denken der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Tierhaltung wieder: Das „Herrchen“ herrscht über das Tier und bestimmt wie, wann und mit wem es sich fortzupflanzen hat.
SPRECHERIN:
Doch nicht nur Hunde werden in dieser Zeit gezüchtet, sondern auch Vögel. Die Vogelzucht gibt es zwar schon seit dem 16. Jahrhundert in Europa, doch erst im 19. Jahrhundert wird sie zu einem Massenphänomen, so der Vogelexperte Ernst Günther:
O-TON 7 Ernst Günther
Dann begann im 19. Jahrhundert das Auftreten von Mutationen, von farblichen Veränderungen, von neuen Rassen, die es von Natur gar nicht gibt. Und die waren dann Gegenstand der Vogelzüchtervereine, die die massenhaft gezüchtet haben. Der Altvater der Vogelzucht, Karl Ruß, hat gesagt: Vogelzüchtervereine sind so gut wie die Ausstellungen, die sie machen. Die Vogelzüchter haben sich zusammengetan um erstens ihre Vögel zu tauschen und gegenseitig zu verkaufen, weil sie damit auch die Preisgeschichte im Griff hatten. Und zweitens um sich gesellschaftlich darzustellen in Gestalt von Ausstellungen, die gleichzeitig auch der Werbefaktor dafür waren, dass mehr Leute sich diesem Hobby zuwenden.
SPRECHER:
In Europa wurden und werden fast ausschließlich fremdländische, exotische Vögel gehalten und gezüchtet. Besonders beliebt sind Vögel, die sprechen oder besonders schön singen können, wie viele Papageienarten oder der Kanarienvogel. Mit den neuen Reisemöglichkeiten des 19. Jahrhunderts können immer mehr Menschen sich so einen Exoten nach Hause kommen lassen:
O-TON 8 Ernst Günther
Die Weltreisen der Segelschiffe brachten aus allen Ländern, die sie neu kennenlernten, unter anderem auch lebende Tiere mit, weil die sich wahnsinnig gut absetzen ließen. Und wir hatten dann schon Mitte des 19. Jahrhunderts Hunderttausende von Vögeln, die als Importe ins Land kamen. Und dann entstand natürlich ein Markt und die Preise gingen auch zurück und dann konnte auch der kleine Mann sich die Vögel leisten.
MUSIK m03
SPRECHERIN:
Ähnliches gilt für Fische, mit dem Unterschied, dass die Meereswelt bis ins 18. Jahrhundert hinein als ein unheimlicher Ort voller monsterhafter Wesen gilt, vor denen man sich eher gruselt.
Doch im 19. Jahrhundert beginnen Forscher und Wissenschaftler sich für Meerespflanzen und -Tiere zu interessieren und sammeln diese an der Küste.
SPRECHER:
Lange Zeit waren Goldfische und andere robuste Süßwasserfische die einzigen im Haus gehaltenen Fische. Für die Haltung von Meerestieren fehlte schlicht und einfach das Wissen und die dafür nötige Technik. Dies ändert sich nun. Maßgeblich trägt dazu der Engländer Philip Henry Gosse bei. 1854 erscheint sein Buch „Das Aquarium – die Enthüllung der Tiefseewunder“ - das Wort ‚Aquarium‘ stammt übrigens von ihm – und erregt großes Interesse. Im gleichen Jahr wird auch in Deutschland über diesen neuen Apparat unter dem Titel „Der Ocean auf dem Tische“ geschrieben. Das Aquarium sei, so heißt es …
ZITATOR:
… gefüllt mit Leben aus der Tiefe des Meeres, das man nun darin in seinem ganzen, tiefen geheimnisvollen Reichthume auf dem Tische studieren kann, im Schlafrock und Pantoffeln.
SPRECHERIN:
Das unheimliche und unüberschaubare Meer wird nun in eine manierliche und geordnete Form gebracht und dient dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, aber durchaus auch der Unterhaltung. Ein Aquarium zu besitzen – egal, ob Salzwasser- oder ein Süßwasseraquarium – gehört zum guten Ton. Es wertet das Wohnzimmer auf und demonstriert, dass sich sein Eigentümer auf der Höhe der Zeit befindet. Zahlreiche Vereine der Aquaristen entstehen. Während man zunächst vor allem Wasserpflanzen und wirbellose Tiere wie Schnecken und Muscheln hält, werden bald Fische immer beliebter. Je farbenprächtiger, desto besser. Das haben sie mit den Vögeln gemein.
MUSIK m04
SPRECHERIN:
Doch der Boom um die Haustiere hat natürlich auch seine Kehrseite. Hunde und Katzen werden nach bestimmten Schönheitsidealen gezüchtet. Eine Entwicklung, an deren Ende Tiere entstehen, wie wir sie heute gut kennen: Der Mops mit Glubschaugen und extrem platter Nase, die unter der Reizung ihrer Hornhaut leidet und permanent nach Luft ringt oder Katzen ohne Fell, die sich nicht mehr vor der Sonne schützen können. Im 19. Jahrhundert setzt auch ein rücksichtsloser Raubbau an der Natur ein, da viele exotische Tiere wie Papageien oder Zierfische Wildfänge sind.
O-TON 9 Ernst Günther
Die Menschheit, speziell die Europäer mit ihrem hohen Lebensstandard, haben in einer Weise auf Naturbestände zugegriffen, das war unerträglich. Und unerträglich war auch zu sehen, wie viele Vögel dabei zugrunde gegangen sind.
SPRECHER:
Ähnliches gilt für die Küsten- und Unterwasserwelt. 1907 zieht Edmund Gosse, der Sohn von Philip Henry Gosse, ein deprimierendes Fazit über eine Entwicklung, die sein Vater - ohne die Folgen zu ahnen oder zu wollen, mit ausgelöst hat:
MUSIK m05
ZITATOR:
Diese Felsenbecken, gesäumt von Korallenalgen, angefüllt mit stillem Wasser, das fast so klar war wie die Luft selbst, reich bestückt mit schönen, sensiblen Lebensformen – es gibt sie nicht mehr, alle sind sie profaniert und geleert und entwürdigt worden. Eine Armee von Sammlern ist über sie hergefallen und hat sie bis auf den letzten Winkel geplündert.
MUSIK
SPRECHERIN:
So ist es nicht verwunderlich, dass schon im 19. Jahrhundert die ersten Tierschutzvereine entstehen. Doch ursprünglich geht es ihnen noch mehr um das Wohl des Menschen als um das Tierwohl:
O-TON 10 Clemens Wischermann
Da gibt es erste Gesetze, die verbieten etwa das Prügeln von Tieren in der Öffentlichkeit, weil man Angst davor hatte, dass diese Grausamkeit gegenüber den Tieren sich in Grausamkeit gegen Menschen verwandeln wird. Da ging es nicht so sehr um die einzelnen Tiere, sondern um Menschen.
SPRECHER:
Doch mit der Zeit rückt immer mehr das Wohl des Tieres in den Vordergrund und der Einfluss der Tierschützer nimmt zu.
Seit 2005 ist der Import von Wildvögeln in die Europäische Union verboten. Auch die Art und Weise, wie man zum Beispiel Vögel hält, hat sich stark verändert, erläutert Rüdiger Korbel:
O-TON 11 Rüdiger Korbel
Beispielsweise weiß man auch heute, dass die Vogelkäfige nicht rund sein dürfen. Da muss man sich auch vor Augen führen, dass der Vogel in einem runden Käfig überhaupt keinen Rückzugsraum hatte, womöglich auch noch von allen Seiten betrachtet werden konnte und dann permanent unter Stress stand.
SPRECHER:
Von Tierschützern stark kritisiert ist auch die auch die Einzelhaltung von Vögeln. Eine Haltungsform, die - so ist sich Ernst Günther sicher - Jahrhunderte lang DIE Haltungsform überhaupt war:
O-TON 12 Ernst Günther
Wenn vor tausend Jahren die Vogelhaltung entstanden ist, dann hat doch niemand Volieren gebaut. Aber vorstellen könnte ich mir eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht, die in ihren Gemächern ein Körbchen stehen hat mit einem Halsbandsittich. Und dem sie süße Feigen füttert und der sie dafür beplappert. Es hat anteilig an der Vogelhaltung eine unterschiedliche Rolle gespielt und ich bin überzeugt am Anfang war es ausschließlich diese Haltung.
SPRECHERIN:
Tiere hinter Gittern? Das – so sind sich viele Tierfreunde einig – ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß und die Diskussionen darüber, wie eine artgerechte Tierhaltung aussehen könnte, sind zahlreich und oft hitzig. Fakt ist, dass die Vogelhaltung aus der Mode gekommen ist und die Vogelzuchtvereine an Mitgliedern verlieren.
Das liegt, so Clemens Wischermann, auch an veränderten Wertvorstellungen, wie man sie am Beispiel der Hunde- und Katzenhaltung sehen kann.
O-TON 13 Clemens Wischermann
Es gibt so um die 7 Millionen Hunde in der Bundesrepublik und 12 Millionen Katzen und das Interessante daran ist, dass es eigentlich immer mehr Hunde gab und weniger Katzen und dieses Zahlenverhältnis hat sich in den letzten 20 Jahren umgekehrt. Hunde stehen für eine hierarchische Gesellschaft mit Abstufungen, Hunde stehen für Treue, Zugehörigkeit und Katzen haben den Ruf, dass sie freiheitsliebend sind und sich nicht sehr disziplinieren lassen, da stehen diese beiden Tiere auch für unterschiedliche Wertigkeiten, für unterschiedliche gesellschaftliche Werte.
SPRECHERIN:
Mag sein, dass der eine oder andere lieber ein Tier hält, das sich frei bewegen kann. Ernst Günther führt für die Abnahme der Vogelhaltung jedoch einen anderen Grund ins Feld.
O-TON 14 Ernst Günther
Vögel sind diejenigen Heimtiere, die die stärkste Bindung des Menschen erfordern. Es gibt nur unter ganz ausgesuchten Bedingungen die Möglichkeit, einen Vogel nicht jeden Tag betreuen zu müssen. Wenn Sie heute eine Schlange oder ein paar Eidechsen oder ein Aquarium haben, dann können Sie ohne weiteres mal drei Tage wegfahren. Bei einem Vogel geht das nicht, ein Vogel muss jeden Tag frisches Wasser bekommen und jeden Tag frisches Futter bekommen.
Hunde kann man mitnehmen. Wo Leute überall Hunde mitnehmen heutzutage! Ich warte darauf, dass ich demnächst in der Oper neben einem Hund sitze und einen Vogel habe ich dort noch nicht gesehen.
SPRECHER:
Rüdiger Korbel, der Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Zierfische in München, bestätigt diese Einschätzung. Auch wenn es durchaus auch sehr enge Beziehungen zwischen Mensch und Reptil gebe, würden in der Summe Reptilienbesitzer doch weniger Zeit in ihr Tier investieren als Besitzer anderer Tierarten. Während z.B. Hundebesitzer oft alles tun und viel Geld aufbringen, um ihren kranken Hund zu heilen, kaufen sich Reptilienbesitzer eher einfach ein neues Tier, bevor sie ihr Reptil kostenaufwendig behandeln lassen.
O-TON 15 Rüdiger Korbel
Das hat sicher etwas damit zu tun, dass in vielen Fällen - kann man auch nicht pauschalisieren - Patientenbesitzer und Patientenbeziehung alleine schon von der Lebensäußerungen und von den Verhaltensweisen bei einem Reptil, wo die Distanz mit Sicherheit größer ist als beispielsweise bei einem Vogel, der menschliche Lautäußerungen nachmacht und wo es dann bei einem Kleinsäuger, ein Kaninchen beispielsweise, noch sehr viel ausgeprägter ist, das Kindchen Schema, was hier ausgelöst wird und hier die Bereitschaft ist, dass man hier höhere Aufwendungen unternimmt um die Gesundheit des Tieres zu erhalten.
SPRECHERIN:
Je mehr Kommunikation und Nähe mit dem Tier möglich ist, desto leichter wird es zum Familienmitglied. Das ist keine schöne Metapher, sondern ganz real: Haustiere haben Namen, bekommen ausgewähltes Essen, viele schlafen im Bett ihres Besitzers, sie werden mit feinster Ausrüstung versehen und erhalten neben dem Impfpass eine exzellente Gesundheitsversorgung. Rüdiger Korbel beschreibt das so:
O-TON 16 Rüdiger Korbel
Radiologische Untersuchung, Röntgenbilder natürlich, Ultraschalluntersuchung, Computertomographie, Kernspintomographie, also alles was in der Humanmedizin eingesetzt wird, wird auch bei der Tierversorgung grundsätzlich und auch im Heimtierbereich eingesetzt. Die Kosten, die damit verbunden sind, sind teilweise ganz erheblich.
SPRECHER:
Und genauso wie es heute möglich ist, über ein künstliches Gelenk für sein Haustier nachzudenken, genauso selbstverständlich ist es, um sein Haustier zu trauern, wie um einen Menschen. Denn die Gefühle für ein Tier sind eben oft die gleichen.
O-TON 17 Rüdiger Korbel
Wenn ein Tier stirbt oder schwerkrank zu uns in der Klinik vorgestellt wird, dann sind das teilweise wirklich dramatische Situationen, die hier gegeben sind und die dann Situationen erfordern, wo es nicht um die tierärztliche Behandlung mehr geht, sondern einfach um die Patientenbesitzer-Betreuung.
Es gibt sogar einzelne Firmen, die hier anbieten eine Bestattung von Tieren nach ihrem Tod und was häufig dann als Bitte an uns herangetragen wird, dass dann Tiere ausgestopft werden, damit sie über ihren Tod hinaus noch physisch zumindest da sind.
SPRECHER:
Wie sehr Menschen an ihren Haustieren hängen und was sie alles für sie zu tun bereit sind, wirkt oft kurios. Manch einer bringt seine Schildkröte ins Wellness-Center, um ihr eine Entspannungsmassage zu gönnen oder lässt den Hund mittels Laufbänder oder Aqua-Aerobic trainieren, ganz zu schweigen von all den Behandlungen, die so manches Tier im Beauty-Bereich erwarten. Tierbesitzer skypen mit ihren Liebsten, wenn sie getrennt sind oder schreiben ihnen Postkarten. Für den einen ersetzt das Tier ein Kind für den anderen vielleicht den Ehemann oder die Ehefrau? Fakt ist, dass Tiere in vielen Haushalten zum Lebensmittelpunkt werden.
SPRECHER:
Die Gründe dafür sind vielfältig. Während Tiere im 19. Jahrhundert noch dazu dienen, in der Leistungsgesellschaft mithalten zu können, sollen sie heute eher helfen, ihr zu entfliehen.
Tiere dienen der Entlastung, halten körperlich fit, bieten unproblematische Nähe ein Tier gibt keine Widerworte! oder fungieren als Kontaktvermittler. Wer einen Hund spazieren führt, bleibt selten allein.
SPRECHERIN:
Und während man früher noch stolz den Rassehund vorzeigte, ist es heute angesagt einen Mischling aus dem Tierheim zu holen. Das fühlt sich für viele inzwischen besser an.
MUSIK m03
SPRECHER:
Es ist wissenschaftlich mehrfach bewiesen, dass Tiere uns Menschen guttun. Wie sehr das auch anders herum der Fall ist, ist eine Frage, die heute eingehend diskutiert wird. Natürlich auch im Zusammenhang mit der Massentierhaltung, die im krassem Gegensatz zur Heimtierhaltung steht. Vielleicht kann das enge und liebevolle Miteinander mit Haustieren, wie es heute üblich ist, ja Auslöser sein für eine Entwicklung, an deren Ende man auch dem Tier und SEINEN Bedürfnissen möglichst gerecht wird. Ein Umdenken in diese Richtung gibt es auf alle Fälle längst und zeigt gerade im Bereich der Vogelhaltung erste Früchte. Noch einmal Ernst Günther:
O-TON 19 Ernst Günther
In den 60er und 70er Jahren hat der Vogelhandel jeden Vogel in der Welt gefangen, den der Vogelhalter haben und bezahlen wollte. Und das ist einfach nicht schön. Das ändert sich im Moment gerade grundlegend. Es gibt eine Gruppe von Vogelzüchtern, die sich vollkommen von diesen Traditionen trennen und jetzt dazu übergehen Vögel zu halten und zu vermehren im Dienste der Arterhaltung, sich also direkt den zoologischen Einrichtungen als Partner zugesellen und Vögel so halten und pflegen, dass sie, wie man so schön sagt, als genetische Reserve für eventuell untergehende Arten in der Welt gelten können.
MUSIK m03 endet
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ERZÄHLERIN Luchino will sofort heiraten, die Eltern Visconti – sonst in allem verstritten - wollen das - gemeinschaftlich überzeugt – nicht. Irmas Eltern sind auch dagegen. Herzzerreißende Briefe gehen hin und her, Pläne werden geschmiedet und verworfen – ZITATOR Visconti „Ich sehe Dein liebes, trauriges Gesichtchen wieder, als ich vom Bahnhof in Kitzbühl abreiste. Ich denke an Dich. Ich glaube an Dich und Du musst an mich glauben. Ciao, Dein Luchi.“ ERZÄHLER Der Widerstand der Familien ist zu stark. ERZÄHLERIN Oder die Liebenden sind zu schwach, um einfach bei Nacht und Nebel miteinander durchzubrennen. ERZÄHLER Visconti ist zu sehr Kind seiner Klasse. Man wirft nicht Status und Vermögen hin und flieht in der Dämmerung. ERZÄHLERIN Man verliebt sich aus Sicht seiner Klasse auch nicht in Männer. Dennoch passiert es. Zwei Jahre nach Irma trifft Visconti beruflich auf den erfolgreichen deutschen Modefotografen Horst P. Horst. ZITATOR Visconti „Ich umarme Dich herzlich, mein lieber Horst. Halte mich nicht für verrückt. Ich sehne mich sehr nach Dir. Ciao ciao Luchino.“ ERZÄHLER Offen homosexuell lebt Visconti nicht. Horst fasziniert ihn, reizt ihn, stößt ihn ab. ERZÄHLERIN Eine toxische Verbindung, wie später mit vielen anderen Männern. Generell sind Verbindungen mit Visconti kompliziert. Überbordende Gefühle der Verehrung, Freundschaft, Eifersucht. Alles ist Drama. Immer. Am besten versteht er sich mit Menschen, die genauso sind wie er. Zum Beispiel mit der Designerin Coco Chanel. ERZÄHLER So intensiv Beziehungen mit Visconti sind, so produktiv sind sie auch. Alles ist Netzwerk. Coco Chanel vermittelt ihn als Regieassistent an den renommierten Filmkünstler Jean Renoir, sein großes Idol. Visconti ist fortan oft in Paris, reist viel, nach dem Tod seiner Mutter zieht er von Mailand um nach Rom. Nur um dann wieder nach Paris zu fahren: Renoir braucht ihn für die Dreharbeiten zu „Tosca“. In Frankreich wie daheim in Italien dringt er weiter vor in die höchsten Filmkreise. Er schließt sich einer Gruppe antifaschistischer Intellektueller um die römische Kinozeitschrift „Cinema“ an. ERZÄHLERIN Man diskutiert Filmstoffe, entwickelt kommunistische Ideen – für die Leinwand und für eine gesellschaftliche Neuordnung. 1941 stirbt sein Vater. Luchino erbt das Haus der Visconti in der Via Salaria in Rom und ein Vermögen. Großzügig unterstützt er Freunde im Widerstand gegen den Faschismus. Die Via Salaria wird zum Unterschlupf für Verfolgte. ERZÄHLER Von dieser Wirklichkeit will Visconti erzählen, politische und soziale Abgründe aufzeigen, authentische Filme drehen wie Lehrmeister Jean Renoir, der den poetischen Realismus begründet hat. ERZÄHLERIN Problem bloß: Renoir kommt aus einem freien Land, seine Stoffe sind kritisch, seine Herangehensweise ist unverstellt. So zu arbeiten ist in Italien längst nicht mehr möglich. Die staatliche Zensur greift bereits in die Drehbücher ein und verhindert Werke schon im Planungszustand. ERZÄHLER Visconti stößt nur auf Ablehnung. Ob eigene Plots oder Adaptionen von Shakespeare, Miller, Proust - konsequent verweigert die Filmbehörde eine Genehmigung. ERZÄHLERIN Visconti ist dem Regime suspekt, er gilt als adeliger Kommunist. ERZÄHLER Hartnäckig tritt er dennoch für jedes neue Projekt mit Feuereifer ein. Etwa für „Ossessione... Bessenheit“… Heute ist dieser Film fixer Bestandteil der Einführung in die Filmgeschichte für ihre Studierenden, erzählt die Professorin an der HFF München, Michael Krützen. ZU Krützen 0.14 Sie treffen zum ersten Mal auf Visconti, wenn wir über den Neorealismus sprechen, das ist so eine Strömung im italienischen Kino am Ende des Zweiten Weltkriegs, wo man sich plötzlich dafür interessiert hat, so ganz realistische Filme zu machen. Und da ist der Visconti mit seinem Film „Besessenheit, Ossessionen“ 1941 so ein wirkliches Erweckungserlebnis für viele Studierende und da sehen die sowas zum ersten Mal. MUSIK ERZÄHLER Auch für Visconti ist ein derartiger Stoff neu. Renoir hatte ihm den jüngst erschienenen Roman von James Cain empfohlen: „The postman always rings twice“. In diesem Krimi verliebt sich die Ehefrau des Eigentümers eines entlegenen Gasthofs in einen Landstreicher. Sie bringt den Geliebten dazu, ihren Gatten zu töten. Man fingiert einen Autounfall. Visconti versetzt die Handlung nach Italien. ZU Krützen 0.55 Ossessione, Besessenheit, das fängt erstmal an wie so eine super spannende Krimi-Erotik-Geschichte, der Hauptdarsteller mit entblößter Brust, die Hauptdarstellerin wackelt so mit dem Fuß und lockt ihn gewisser Maßen. Am Anfang ist es halt diese Kerngeschichte, eine Frau verführt einen Mann ihren Ehemann umzubringen, doch der Film ändert sich dann und wenn man als Studierende, Studierender nicht vorbereitet ist, dass so nach ungefähr einer Stunde das Ding ungeheuer langsam wird und die so zu zweit ich sag mal durch eine Landschaft stromern, ist man erstmal schockiert. Das heißt, man muss schon etwas Erfahrung haben, um mit VIsconti umgehen zu können, zumindest mit diesem frühen Visconti der Ossessione, dann aber sorgt das durchaus für Begeisterung. ERZÄHLER Wider Erwarten hat die Filmzensur kaum Einwände gegen „Ossessione“. ERZÄHLERIN Der Faschismus verliert überall an Boden, die Regeln werden dehnbar. Für die Hauptrollen, den Landstreicher Gino und die untreue Ehefrau Giovanna, gewinnt Visconti Massimo Grotto und die weit jüngere, zauberhaft schöne Clara Calamai. Visconti will sie ungeschminkt und unfrisiert, realistisch bis an die Grenze zur Hässlichkeit. Erschöpft soll sie hinterm Tresen des Gasthauses stehen. Er demütigt und beschimpft sie, wie er überhaupt sein Ensemble bis auf wenige Ausnahmen hart anpackt. Niemand soll den Text vorher auswendig lernen, erarbeitet wird Wort für Wort zusammen mit ihm. ZITATOR Visconti „Mich interessieren allein Extremsituationen und die Augenblicke, in denen eine außerordentliche Spannung die Wahrheit aus den Menschen hervorlockt. Ich liebe es, die Figuren einer Geschichte sowie ihren Inhalt hart und aggressiv anzugehen“. ERZÄHLERIN Visconti verlangt über die Maßen viel. ERZÄHLER Und bekommt Großartiges. Clara Calamai erinnert sich: ZITATORIN „Wir haben diese Szene – ich weiß nicht wie oft wiederholt – Schließlich verlor Luchino die Geduld. Auf dem Tisch stand ein großes Tablett mit Gläsern. Er nahm eines nach dem anderen und schmetterte es zu Boden, direkt mir vor die Füße, so dass mir die Glassplitter ins Gesicht sprangen. Ich selbst war wie versteinert, es kam mir nicht mal in den Sinn zu protestieren, war ich doch unsterblich in Luchino verliebt.“ ERZÄHLER Wie Calamai wird es vielen ergehen. Sie lassen sich auf den italienischen Cineasten ein, weil er sie ganz fordert. ZITATORIN „So war Luchino, er veränderte die Menschen.“ ERZÄHLER Das gilt für Schauspieler wie Kameraleute, Dekorateurinnen, Beleuchter, Schneiderinnen, Maskenbildner - Visconti ist in jedem Filmgewerk versiert und erzwingt Perfektion in sämtlichen Einzelheiten. MUSIK ERZÄHLER Seine authentische Nähe ist neu im europäischen Kino, schonungslos und ohne Poesie. Als Vater des sogenannten „Neorealismus“ schreibt er Geschichte. ERZÄHLERIN Die einen empfinden „Ossessione“ als Beleidigung am ganzen Volk, andere feiern die Wahrhaftigkeit. Der Film gilt bald als Symbol der antifaschistischen Rebellion. ERZÄHLER Visconti genießt den Beifall, aber auch, dass sich die Kritiker an ihm reiben. Noch realeren Realismus möchte er erschaffen. In entlegenen Dörfern lässt er arme Fischer zu einem vorgegebenen Plot improvisieren. Daraus entsteht eines seiner Meisterwerke, „Die Erde bebt“. ZU Krützen 3.03 „La Terre trema“, „Die Erde bebt“, das ist nun wirklich Neorealismus von blankster Sorte, ein Film, der vor Ort gedreht ist, mit Laiendarstellern im Dialekt, und da wachen dann auch unsere Dokumentarfilmstudenten auf, die haben den noch nie gesehen, also ein Film, der unter den Leuten selber gedreht ist. ERZÄHLER Erzählt die Professorin für Filmgeschichte, Michaela Krützen. Fortan stellt Visconti die Kamera mitten hinein ins echte Leben.1943 rettet er entflohene englische und amerikanische Gefangene vor den deutschen Besatzern, in seiner Villa in Mailand versteckt er Widerständler und Kommunisten. Schließlich wird er von der politischen Polizei gefasst und gefoltert. Als seine damaligen Peiniger nach dem Krieg vor Gericht gestellt werden, filmt Visconti mit. Jeden Augenblick von der Anklagebank bis zur Hinrichtung. ERZÄHLERIN Nach einiger Zeit wird Visconti die Realität zu eng und zu eindimensional. ERZÄHLER Vielleicht stattet er schlichtweg zu gerne aus, möchte die Details wieder stärker dominieren, mit exzellenten Schauspielern Nuancen herausziselieren, Pointen selber definieren, nicht bloß Alltag abfilmen und arrangieren. Mitte der 1940er Jahre konzentriert er sich verstärkt auf seine zweite große Passion: Die Bühne. MUSIK ZITATOR Visconti „Das Theater ist eine Tribüne, von der aus man auch Dinge sagen kann, die dazu angetan sind zu brüskieren“. ERZÄHLERIN Ob mit seiner eigenen Truppe, der „Compagnia Italiana di Prosa“, oder als Gastregisseur: Visconti liefert eine Skandalinszenierung nach der anderen. Zu brutal, zu freizügig, sein Menschenbild zu negativ. Für „Die schrecklichen Eltern“, „Adam“ oder „Die Tabakstraße“ hagelt es Aufführungsverbote, ob in Venedig, Rom oder Mailand. Gleichzeitig gibt es frenetischen Beifall. Die Zuschauer schimpfen und jubeln, buhen und rufen unablässig „Dacapo“. Oft entbrennt eine wütende Schlägerei im Parkett. ERZÄHLER Luchino, der „rote Adelige“ polarisiert. Diese Rolle des gehassten und verehrten Provokateurs gefällt ihm. Die Jugend feiert ihn. Das ist genau das Publikum, das er sich wünscht. Keine versnobten Intellektuellen oder kunstverliebte, weil vom Leben gelangweilten Reiche und Schöne, sondern echte Menschen. ERZÄHLERIN Naja, die Schönen und Reichen mag er schon auch: Künstler, Autorinnen, Komponisten, Sängerinnen und Schauspieler. Letztere bewundert er besonders, sie sind sein Mittel zum Ausdruck. Als Gradmesser gelten ihm die Großen vergangener Tage: Die Duse, Sarah Bernhardt. Aktuell gilt: Je mehr Diva, desto begeisterter ist Visconti. Desto mehr reizt ihn die Zusammenarbeit und vielleicht - bei den Männern – sogar noch ein bisschen mehr. ERZÄHLER Mit seinen Begleitern zeigt er sich in der Öffentlichkeit, doch wird er sich nie als homosexuell outen. ERZÄHLERIN Etlichen wissen ohnehin darum. Visconti brennt leidenschaftlich für viele Herren, feste Beziehungen geht er nicht ein. ERZÄHLER Dafür liebt er zu gerne zu dramatisch und zu gerne solche, die ihm darin ähnlich sind. Sein großer Freundes- und Bekanntenkreis ist seine Ersatzfamilie. Die wichtigste Vertrauensperson bleibt lebenslang seine Schwester Umberta. ERZÄHLERIN Sie ist die einzige, die ihm sagen darf, dass literweise Kaffee und 80 bis 120 Zigaretten am Tag nicht gesundheitsfördernd sind. MUSIK ERZÄHLER Das weiß Visconti selber. Es geht nicht ohne. Er ist ein Workaholic, der für seine Arbeit brennt. Tag und Nacht. Solches Engagement fordert er selbstverständlich genauso von seinen Mitarbeitenden. In den 1950/60er Jahren sind das zahlreiche Weltstars. Auch talentierte Nachwuchsdarsteller werden unter seiner Führung zu Leinwandgrößen. Romy Schneider und Alain Delon baut er in seinen Filmen auf, Maria Callas formt er in opulenten Operninszenierungen zur Grande Dame der Scala. Dorthin lädt ihn endlich Arturo Toscanini ein. Visconti inszeniert für ihn Verdi, den „Don Carlos“ oder „Macbeth“. Für Theater in Italien, Deutschland, Frankreich und Großbritannien richtet er Strindberg, Miller oder Tschechow ein. Für Shakespeares „Wie es Euch gefällt“ heuert er Salvador Dalí als Bühnengestalter an. Maria Schell, Claudia Cardinale, Burt Lancaster... ERZÄHLERIN Jeder sagt bei Visconti zu. Lässt sich am Set anschreien, herabwürdigen, quälen. ERZÄHLER Wächst unter diesem immensen Druck über sich hinaus. ERZÄHLERIN Und bleibt im Geschäft. Inzwischen ist Visconti der Königsmacher im europäischen Film. Er befördert Karrieren und beendet Laufbahnen. Helfendes Netzwerken und zerstörendes Intrigieren. ERZÄHLER Macht und Verfall – im Leben wie auf der Leinwand, das sind jetzt seine Themen. In „Der Leopard“ kreisen alte und neue Gesellschaft im Totentanz umeinander. „Rocco und seine Brüder“ erzählt das Scheitern einer prekären Familie aus dem Süden, die in der Großstadt ihr Glück sucht und gnadenlos untergeht. „Bellissima“ rechnet mit der Scheinwelt des italienischen Hollywood, der Cinecittà ab. MUSIK ERZÄHLERIN Zum Kammerspiel schließlich verdichtet Visconti den Komplex Schönheit, Dekadenz und Tod 1973 in „Ludwig II“. Die intensiv recherchierte historische Figur zeigt er an Originalschauplätzen, Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof. Der Aufwand für Bauten, Technik und Komparserie ist gigantisch. ZITATOR Visconti „In Wahrheit sind die gegen mich gerichteten Vorwürfe angeblicher Verschwendungssucht, Vergeudung und willfährigen Hedonismus stets von Leuten ausgegangen, die es noch immer für Luxus halten, im Speisewagen eines Zuges zu essen.“ ERZÄHLERIN Original Tafelsilber, die Kerzen an den Lüstern mal wieder echt und beim Dreh dauernd auszutauschen... ERZÄHLER Visconti ist gesundheitlich angeschlagen, er merkt, dass ihm die Zeit davonläuft. Er erzwingt den perfekten Film. ERZÄHLERIN Herausforderung dabei: Visconti ist schwer in seinen Hauptdarsteller verliebt. Helmut Berger. Österreichischer Charme. Blond, groß, attraktiv - ZITATOR Visconti „Berger ist wie ein junges Fohlen. Nachwuchs. Er ist voller Phantasie und hat sehr gute Qualitäten. Aber er muss erst heranwachsen, auch ist er sehr launisch.“ ERZÄHLERIN Wie Visconti. MUSIK ERZÄHLER Wie der ist Berger aber auch bereit, den ganzen Weg Ludwigs II. zu gehen. Strahlend und aufgeregt am Tag der Krönung, fortan unsicher und schwankend und träumend. Cousine Sisi alias Romy Schneider verehrend, Männer liebend. Die Nacht für den Tag eintauschen, Richard Wagner folgen, weitere Schlösser entwerfen. Aufgedunsen. Apolitisch. Weggesperrt. ERZÄHLERIN Starnberger See. ERZÄHLER Der Bayerische Rundfunk berichtet über die Dreharbeiten 1972. Visconti schenke den Bayern ihren Film zu ihrem König… ZU Visconti schon mit VO Das ist der Kampf eines Mannes, der ein Ideal, feste Lebensvorstellungen hat und seine Konfrontation mit einer Realität, die ihn dazu bringt, noch radikaler zu werden, einen reinen Künstlerstaat zu schaffen. Meiner Meinung nach ist das eine sehr moderne Auffassung, doch dieser Traum zerbrach an den Gegebenheiten eines Europas, das sich im Umbruch befand. ERZÄHLERIN Allerdings wieder verreißt ihn die Kritik – mit drei Stunden zu lang, zu homosexuell, zu wenig nah am Mythos. ERZÄHLER Wieder feiern ihn die Fans. ERZÄHLERIN Wieder intervenieren Produzenten, Filmaufseher und Verleiher. ERZÄHLER Kürzen. Umschneiden. ERZÄHLERIN Visconti gibt nicht auf. Während der Aufnahmen zu „Ludwig II.“ erleidet er einen Schlaganfall und ist halbseitig gelähmt. Der Zustand nervt ihn. Er muss zurück in den Regiesessel, den Ludwig fertig machen, hat danach tausend weitere Ideen im Kopf. ERZÄHLER Am 17. März 1976 stirbt Visconti – sozusagen mitten in der Arbeit und Planung. Seine Schwester Umberta ist bei dem 69-Jährigen. ZITATORIN „Zum Schluss sah er mich an. Dann sagte er zu mir in unsere Mailänder Mundart: Es genügt, ich bin müde.“ MUSIK ERZÄHLER Nach einem atemlosen, schillernden Leben - ERZÄHLERIN Von dem unzählige einzigartige Filmmomente bleiben. ZU Krützen 6.35 Wer was Opulentes haben will, der soll sich den „Leoparden“ anschauen mit einem großen Kaltgetränk, die Füße hochlegen, es ist ein längerer Film, aber ich verspreche es ist Starkino zum Genießen. ENDE
- Bodenschätze in der Tiefsee - Das Schürfen von Rohstoffen
06.03.2024 · 23 Min.
Der weltweite Hunger nach Rohstoffen steigt. Tief im Meer liegen tonnenweise ungehobene Schätze - Forschende arbeiten daran, Rohstoffe aus der Tiefsee zu fördern. Von Thomas Kempe (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Thomas Kempe Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Anne-Isabelle Zils, Rahel Comtesse Technik: Helge Schwarz Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Antje Boetius (Professor; Meeresbiologin, Alfred Wegener Institut Bremerhaven); Matthias Haeckel (Dr.; Chemiker, Leibniz Institute of Marine Sciences Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR Kiel); Thomas Kuhn (Dr.; Geologe, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Hannover); Sven Petersen (Dr.; Geologe, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR Kiel); Carsten Rühlemann (Dr.; Geologe, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover) Linktipp: Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Vordenkerin eines entfesselten Kapitalismus - Ayn Rand
06.03.2024 · 23 Min.
Ayn Rand war eine Schriftstellerin und Philosophin, die von Russland in die USA floh. Dort entwickelte sie ihre Thesen eines radikalen, entfesselten Kapitalismus: Ein Staat müsse sich auf eine Minimalversion reduzieren lassen. Von Daniela Remus (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Axel Wostry Es sprachen: Thomas Albus, Diana Gaul, Johannes Hitzelberger Technik: Regina Staerke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Alexander Dietz, Wirtschaftsethiker, Hochschule Hannover; Dr. Christian Wildhagen, Politikwissenschaftler, Hamburg Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: 2007 stürzt die Welt in eine globale Finanzkrise. 2008 folgt der Zusammenbruch wichtiger US-Großbanken, mit Folgen weltweit. In Deutschland wünschen sich die Menschen, dass der Staat den Finanzsektor dauerhaft stärker kontrolliert. Auch in den USA interveniert die Regierung, aber viele US-Bürger halten diese Einmischung für grund¬verkehrt. Und davon profitieren auch die Erben der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand. Atmo 1 (Geldgeklingel in Kasse) Sprecher: Denn die Verkäufe ihres Hauptwerks mit dem Titel Atlas Shrugged, auf Deutsch Der Streik schnellen in diesen Jahren der Finanzkrise deutlich nach oben. Obwohl das Buch ohnehin schon zu den US-amerikanischen Bestsellern gehört. Darin beschreibt Ayn Rand den Zusammenbruch eines Staates, weil die kapitalistischen Unternehmer nicht länger bereit sind, die Früchte ihres Denkens und ihrer Arbeit mit dem trägen Teil der Gesellschaft zu teilen. Zitatorin: „Wir sind im Streik, wir, die Verstandesmenschen. Wir streiken gegen Selbstaufopferung. Wir streiken gegen den Glauben an unverdiente Belohnungen und unbelohnte Pflichten. Wir streiken gegen das Dogma, das Streben nach eigenem Glück sei böse.” (S. 1090) Musik (Tusch oder ähnlich als Trenner) Take 2 (O-Ton Dietz) L: 0, 13 Sie ist eine der wichtigsten Stichwortgeberinnen im 20. Jahrhundert für die Politik der USA, sie hat sich klar für einen Minimalstaat ausgesprochen, für ein marktwirtschaftliches System in einem radikalliberalen Sinne. Sprecherin: Alexander Dietz, Wirtschaftsethiker an der Hochschule Hannover. Take 3 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 10 Rationalität ist ein Ausgangspunkt, dann das Eigennutzstreben, auch die menschliche Selbstliebe, der Mensch handelt ausschließlich zu seinem eigenen Nutzen, es gibt keine altruistischen Motive. Sprecherin: Christian Wildhagen, Politikwissenschaftler, Hamburg. Musik (Tusch oder ähnlich als Trenner) Sprecherin: In den USA sind die Schriften von Ayn Rand Schullektüre und fester Bestandteil der Kultur. So gaben die Teilnehmer einer repräsentativen Studie auf die Frage, welches Buch sie am stärksten beeinflusst habe, an, neben der Bibel sei das Atlas Shrugged von Ayn Rand gewesen. Der Ökonom Alan Greenspan, fast zwei Jahrzehnte lang Vorsitzender der US-Notenbank, huldigt den libertären Ideen Rands bis heute genauso wie die Schauspielerin Angelina Jolie oder die Tea Party Bewegung. Ayn Rand und ihr Einfluss auf die amerikanische Kultur ist in Europa wenig bekannt. In den USA aber ist sie die Ikone des freien Marktes, die begeisternde Vordenkerin eines entfesselten Kapitalismus. Musik (russisch-jüdisch früh es 20.Jahrhundert) Sprecher: 1905 wird Ayn Rand als Alissa Sinonwjewna Rosenbaum geboren. Ihr Vater ist Apotheker, die Familie lebt in St. Petersburg ein bürgerliches und wohlhabendes Leben. Die Familie ist zwar jüdisch, der Glaube spielt aber im täglichen Leben keine große Rolle. Ayn Rand ist gerade 12 Jahre alt … Musik (die Internationale) hinterlegen Sprecher: … als Im Februar 1917 Arbeiteraufstände die russische Zarenherrschaft endgültig beenden. In der Folge enteignen die Bolschewiken auch Familie Rosenbaum, die verarmt auf die Krim flieht und erst Jahre später zurückkehrt nach St. Petersburg, das jetzt Petrograd heißt. 1921 beginnt Ayn Rand dort Geschichte und Philosophie zu studieren. Aber sie lehnt das kommunistische Regime ab, hofft gemeinsam mit ihrer Familie, dass die Monarchie treuen Kräfte vielleicht doch noch einmal den Umsturz rückgängig machen können. Als sie Ende 1925 ein befristetes Ausreisevisum erhält, um Verwandte in den USA zu besuchen, nimmt Ayn Rand das zum Anlass, Russland für immer zu verlassen. Atmo (Schiffshupen, Hafenatmo) darüber Sprecherin: Anfang 1926 ist sie vier Wochen mit dem Schiff unterwegs, dann erreicht sie Manhattan. Atmo (Schiffshupen, Hafenatmo) darüber ((Take 4 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 17 Dann fiel diese negative Erfahrung auf etwas ganz Positives in den USA, das freiheitliche Denken, die Ankunft in New York, das muss überwältigend gewesen sein da die Skyscraper zu sehen, aus Europa kommend, weil man diese Form der Gebäude gar nicht kannte, das hat sie glaube ich ganz stark geprägt und in etwas ganz anderes geworfen, eigentlich in das Gegenteil dessen, was sie erlebt hat. )) Sprecherin: Kaum angekommen in der Neuen Welt ändert die 21Jährige ihren Namen: Aus Alissa Rosenbaum wird Ayn Rand. Nach kurzem Aufenthalt bei ihren Verwandten geht sie zielstrebig in den Westen, nach Hollywood. Dort versucht sie sich in den 20er und 30er Jahren als Drehbuchautorin. Sie heiratet einen Schauspieler und schafft schließlich 1943 mit ihrem zweiten Roman den langersehnten Durchbruch: The Fountainhead, heißt das Buch. Zu deutsch: Der ewige Quell oder die Urquelle. Der Hamburger Politikwissenschaftler Christian Wildhagen, der wissenschaftlich zu Ayn Rand gearbeitet hat, erklärt den Aufbau des Romans: Take 5 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 30 Das gesamte Plot (…) ist schon sehr russisch angelegt, mit der Komplexität des Plots mit der Anzahl von Akteuren an Handlungen, die Handlungsstränge sind miteinander sehr verwoben. Das finden wir bei Dostojewski, bei Turgenjew oder Tolstoi (…) das ist schon sehr russisch. Dass dann durch diese Heldenfiguren, die sie kreiert, fast schon cineastisch anzulegen, das mag sich entwickelt haben durch die Zeit als Drehbuchautorin in Hollywood. Es entstehen ja bei jeder Lektüre Bilder, aber bei ihr in einer ganz anderen Form, weil man den Film quasi schon sieht. Sprecher: The Fountainhead wird trotz der russischen Komplexität des Stoffs in Hollywood verfilmt. Ayn Rand schreibt sogar das Drehbuch. 1949 kommt die Geschichte in die Kinos, der damalige Superstar Gary Cooper spielt die Hauptrolle. Musik (schnulzig 40er Jahre oder Titelmusik) hinterlegen unter Sprecher Sprecher: Hauptperson ist der talentierte Architekt Howard Roark, der sich weigert, Kompromisse zu machen, um an lukrative Aufträge zu kommen. Deshalb muss er die Uni ohne Abschluss verlassen, und in einem Steinbruch arbeiten, um zu überleben. Als er schließlich doch die Chance erhält, als Architekt ein Projekt zu planen und der Auftraggeber seine Pläne nicht umsetzt, sprengt Roark das Haus in die Luft. Im Gerichtsprozess beruft er sich auf seine schöpferische Kraft. Er wird freigesprochen. Howard Roark ist jetzt gesellschaftlich akzeptiert, wird ein gefeierter Stararchitekt und heiratet seine große Liebe. Musik (schnulzig 40er Jahre oder Titelmusik) Ende Sprecherin: Den Roman, so Christian Wildhagen, hat Ayn Rand Anfang der 40er Jahre nicht nur als Plädoyer für die Freiheit des Individuums geschrieben, sondern auch als Kritik an der US-amerikanischen Innenpolitik: Präsident Roosevelt hatte den New Deal beschlossen, mit starken Kontrollen für die Wirtschaft, was Ayn Rand als sozialistisch kategorisch ablehnte. Ihre Idee eines funktionierenden Wirtschaftssystems knüpft an die Ideen des Libertarismus des 18. und 19. Jahrhunderts an: Der Staat müsse sich auf ein Minimum wie äußere und innere Sicherheit beschränken. Politik und Wirtschaft gehörten getrennt. Höchstes Gut sei nicht die Gemeinschaft, sondern das einzelne Individuum. Dessen Freiheit dürfe nicht durch Wohlfahrtsansprüche der Gesellschaft begrenzt werden. Solidarität, staatliche Unterstützung für Arme, Alte und Schwache durch Steuererhebungen seien unzumutbare Eingriffe in die Freiheit der Individuen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem müsse sich frei entfalten können, ohne jegliche Intervention des Staates. Typisierte Personen wie die Hauptfigur Howard Roark im Roman The Fountainhead zeigen, worauf es Ayn Rand im Kern ankommt: Auf individuelle Autonomie, Selbstverwirklichung und Egoismus, erklärt der Wirtschaftsethiker Alexander Dietz von der Hochschule Hannover: Take 6 (O-Ton Dietz) L: 0, 20 Alle ihre Romanhelden sind groß, schön, stark, gesund und die anderen Menschen leben auf Kosten von denen letztendlich mit. Und man muss eben aufpassen, dass man den Starken nicht zu viele Kosten aufbürdet, sonst sind sie eben irgendwann nicht mehr so leistungsfähig und so hilfsbereit und dann ist es für alle schlechter. Sprecher: Das Personentableau in Rands Romanen ist zweigeeilt. Sie zeigt menschliche Stereotype: Einerseits gibt es die Helden, die wie der Architekt Howard Roark starke und selbstbewusste Individuen sind. Diese Personen bezeichnet Ayn Rand als Schöpfer, im amerikanischen Original creator. Die Gegenspieler dieser edlen Helden sind angepasste Jasager. Also Menschen, die keine eigenen Ideen haben, die sich bequem an das halten, was ihnen vorgegeben wird. Ayn Rand bezeichnet sie als Parasiten oder Trittbrettfahrer, im Original parasite oder second-hander. Diese Menschen haben den Altruismus zur Moral erhoben und beuten damit seit Jahrhunderten die starken und schöpferischen Menschen aus, so Rand: Take 7 (O-Ton Dietz) L. 0, 18 Sie weist jede Einschränkung individueller Freiheitsrechte zugunsten des Gemeinwohls zurück und sie fordert, dass der einzelne Mensch seine Identität und sein Selbstwertgefühl an seinem individuellen Verstand und seiner individuellen Leistung und nicht an der Zugehörigkeit zu irgendwelchen Kollektiven festmachen sollte. Sprecherin: Denn: Der Mensch sei nicht etwa ein soziales oder gar politisches Wesen, sondern ein Egoist, sagt Ayn Rand. Und das sei kein Makel, wie die meisten Menschen annehmen, sondern eine zutreffende und realistische Beschreibung. Die vorherrschende christlich geprägte Moralvorstellung von Nächstenliebe und Altruismus sei in Wirklichkeit zutiefst unmoralisch, weil beide gar nicht existierten. Die Norm, altruistisch zu sein, mitfühlend und hilfsbereit, sei ein moralischer Mythos, der in eine Sackgasse führe. Und im extremsten Fall in den Kommunismus bolsche¬wis¬ti¬scher Prägung. Deshalb gelte es, diesen Mythos mithilfe der Vernunft zu entlarven und zu überwinden. Wenn jeder an sich selbst denke und die eigenen Interessen verfolge, dann sei an alle gedacht, so Rand. Denn erstens entspreche der Altruismus nicht der menschlichen Natur und zweitens verhindere das altruistische Dogma, die eigene Individualität zu entfalten. Rands Anhänger behaupten deshalb bis heute: „Altruism is evil” – Altruismus ist böse! Take 8 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 28 Soziale Gedanken hat sie in gar keiner Form, (…) außer bei denen, die sie ablehnt. Sie hat eine ganz dualistische Figurenstruktur in ihren Romanen, die einfach zu erkennen ist. Da gibt es die Altruisten, die Kollektivisten, eigentlich man könnte auch sagen, die Kommunisten, also all das, was sie in Russland erfahren hat, das findet sich in jedem Werk. Und dann die Helden, die rationalen Egoisten, die Individualisten, die, wie sie die nennt, die „creators”, die anderen sind die „Secondhander”, die Trittbrettfahrer, die aus zweiter Hand leben, von den Schöpfern. Sprecher: Der Mensch ist nach Ayn Rand ein Egoist, so der Politikwissenschaftler Christian Wildhagen. Denn Eigennutz und das Verfolgen egoistischer Interessen seien durch und durch rational. Nur durch die menschliche Vernunft sei es möglich, Erfindungen, Erkenntnisse oder Dinge zu produzieren. Exemplarisch sagt das die Hauptfigur in ihrem Hauptwerk Atlas Shrugged: Zitator: „Ihr schreckt nicht vor der Selbsterniedrigung zurück, mit dem Begriff Mensch den Schwächling, den Narren, den Lumpen, den Lügner, den Versager, den Feigling und den Betrüger zu meinen, aber den Heros, den Denker, den Produzenten, den Erfinder, den Starken, den Zielbewussten, den Reinen aus der Menschheit auszuschließen – als wäre Fühlen menschlich, Denken aber nicht, als wäre Versagen menschlich, Erfolg aber nicht, als wäre Unredlichkeit menschlich, Tugendhaftigkeit aber nicht.“ (S. 1132) Sprecher: Jeder Mensch habe demnach die Möglichkeit, zwischen zwei Lebensformen zu wählen: Als Schöpfer unabhängig, frei und rational zu sein, oder als Parasit von den Ideen der anderen zu leben. Diejenigen, die sich nichts trauten, die nur das umsetzten, was andere von ihnen erwarten, die sogenannten Trittbrettfahrer, behinderten die egoistischen Individuen und nutzten sie sogar aus. Egoismus bedeutet in Rands Theorie also nicht das, was wir um¬gangs¬sprachlich heute darunter verstehen. Es geht um die Entfaltung der individuellen kognitiven Fähigkeiten, nicht darum, andere zu übervorteilen oder auszubooten, sagt Alexander Dietz, der eingehend zu ihrer Wirtschaftstheorie gearbeitet hat: Take 9 (O-Ton Dietz) L: 0, 16 Grundsätzlich spielt das Kognitive in ihrem Menschenbild eine ganz besonders große Rolle. Also man kann sagen, bei Rand haben wir eine einseitige Fokussierung auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Die Denkfähigkeit und die Angewiesenheit auf das Denken machen den Menschen aus für Rand. Sprecherin: Der Vernunftbegriff ist reduziert auf die technisch-rationale Seite der Vernunft, die Ayn Rand als ein Werkzeug ansieht, um konkrete Zwecke zu erreichen. In Rands Kosmos vor allem, um Produkte für den Markt und die Konsumenten herzustellen. ((Take 10 (O-Ton Dietz) L:0, 10 Vernunft bedeutet rationaler Egoismus und damit meint sie ein positives Verständnis von gesundem Eigennutz bzw. Eigeninteresse. )) Musik (als Trenner) Sprecherin: Mit dem Erscheinen des Romans Fountainhead steigt Ayn Rand zur herausragenden Stichwortgeberin der Marktradikalen und Libertären in den USA auf. Als Heldin dieser Kapitalismusverfechter ist sie ein gern gesehener Gast in Talk-Shows, hält Vorträge und Radioansprachen. Ein enger Kreis von Anhängern schart sich um die erfolgreiche Schriftstellerin, der sich ironischerweise das Kollektiv nennt. Regelmäßig treffen sich diese Rand-Adepten und hören ihrer Ikone zu, wie sie aus ihren Werken liest oder diskutieren politische Entwicklungen. Als Erken¬nungs¬zeichen dient diesem sektiererischen Kreis ein goldenes Dollarzeichen als Anstecknadel. Musik (Tusch oder ähnlich) Sprecher: Mit einem ihrer Anhänger, dem 25 Jahre jüngeren Nathaniel Branden geht Ayn Rand eine Liebesaffäre ein. Die jeweiligen Ehepartner wissen davon und akzeptieren die Beziehung. Branden gründet gemeinsam mit seiner Ehefrau ein Institut, um Rands Philosophie unter die Leute zu bringen. Als die gefeierte Schriftstellerin aber Ende der 1960er Jahre herausfindet, dass sie nicht die einzige Geliebte ist, verbannt sie den Liebhaber und zerschlägt das Institut. Fortan gelten Branden und seine Vertrauten als Abtrünnige. Der unversöhnliche Dualismus, der die Romane von Ayn Rand charakterisiert, gut und böse, richtig und falsch, Helden und Parasiten, ist auch ein fester Bestandteil ihres realen Lebens: Wer nicht zum engsten Kreis der Bewunderer gehört, der ist gegen sie und wird verachtet. Take 11 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 20 Mit dem Bruch von Nathaniel Branden war klar, es gibt eine andere Schule und daraus hat sich mehr entwickelt. Und der reine Kern, der sich heutzutage unter dem Ayn Rand Institute subsumiert und die auch die Schriften verwalten, die reine Lehre, also keine Interpretationen zulässt außer dem, was Ayn Rand kommuniziert hat, das ist von vornherein so angelegt und das widerspricht eigentlich komplett dem Denken. Sprecherin: Die Atlas Society von Branden und Co gegründet und das Ayn Rand Institute verbreiten bis heute die Lehren von Ayn Rand. Denn die akademischen Philosophen an den Universitäten haben ihre Theorie nie als Philosophie akzeptiert. Zu wenig systematisch, zu viele Argumentationslücken. Der Verbreitung von Rands Ideen schadet das aber nicht, ganz im Gegenteil. Umweht von dem Mythos der verkannten Wahrheit werben ihre Anhänger bis heute um den akademischen Nachwuchs, die politische und wirtschaftliche Elite und umgarnen millionenschwere Unternehmer. In Deutschland lädt das Ayn-Rand-Institute mit der Seite Entdecke Ayn Rand dazu ein, sich mit der Schriftstellerin und ihrer Philosophie des Objek¬tivismus auseinanderzusetzen. Take 12 (O-Ton aus Interview ARI) L. 0, 30 My philosophy objectivism holds that 1. reality exists as an objective absolute. Facts are Facts, independent of man´s feelings, hopes, wishes or fears . 2. Reason the faculty which identifies and integrates the material provided by man´s senses is man´s only means of perceiving reality, his only source of knowledge, his only guide to action and his basic means of survival. Sprecher: Fakten sind Fakten sagt Ayn Rand in dieser Aufnahme von 1962 und diese Erkenntnis sei das elementare Zentrum ihrer Philosophie. Deshalb sei der Name ‚Objektivismus‘ zutreffend. Vernunft ist das Werkzeug, um diese Fakten zu erkennen, aber auch die einzige Quelle um überhaupt zu Erkenntnissen zu gelangen; zu wissen, was getan werden muss und letztendlich der einzige Weg, um zu überleben. Musik (als Trenner) Sprecherin: 1957 veröffentlicht Ayn Rand ihren zweiten großen Roman. 14 Jahre lang hat sie an ihrem intellektuellen Vermächtnis gearbeitet, Atlas Shrugged gilt als ihr Hauptwerk. In den USA erreicht sie damit endgültig Kultstatus, monatelang steht das über 1.000 Seiten starke Buch auf den Bestseller-Listen. Take 13 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 30 Sie war so eine Art Popstar würde man heute sagen und was ihr Verdienst ist, die Philosophie, die schon da war in den USA, der Libertarismus hat ja eine alte Tradition (…) das hat sie so formatiert zusammen mit ihrem russischen Background und dem nihilistischen Moment in ihrer Philosophie, so formatiert, dass es in einem Roman verpackt allgemein zugänglich und gut verständlich ist, (…) diese Form der Literatur, den Roman zu wählen und nicht ein philosophisches Sachbuch zu schreiben, das hat den Erfolg ihres Denkens nach sich gezogen. Sprecherin: In Atlas Shrugged, auf Deutsch aktuell unter dem Titel Der Streik erschienen, fragt Ayn Rand, was passiert, wenn die rationalen Egoisten, also die unabhängigen Denker, die Unternehmer, Kapitalisten und Helden, streiken? Dann bräche das ganze System, auf dem die kapitalistischen freien Gesellschaften ruhen, zusammen: Zitator: „Wir sind die Ursache all der Werte, nach denen es euch gelüstet, wir, die wir den Prozess des Denkens vollziehen, das heißt Identitäten definieren und Kausalzusammenhänge entdecken. ((Wir haben euch gelehrt zu wissen, zu sprechen, zu produzieren, zu begehren und zu lieben.)) Ihr, die ihr die Vernunft fahren lasst – würden wir sie nicht erhalten, wärt ihr nicht in der Lage, eure Wünsche zu erfüllen oder auch nur zu verspüren.” S. 1119 Sprecher: Diese Worte schmettert die Hauptperson John Galt den Trittbrettfahrern entgegen. Er erklärt, warum die Kapitalisten genug davon haben, für die anderen aufzukommen. John Galt hat den Streik der Unternehmer ins Leben gerufen, weil er sich von der falschen Moral der Gesellschaft nicht länger knebeln lassen will. Wenn die Leistungsträger von der Gesellschaft gezwungen würden, nicht mehr Herr ihrer eigenen Ideen und Taten zu sein, und das alles unter dem Dogma des Altruismus, dann müssten sie sich verweigern. Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Altruismus seien Irrwege, erklärt John Galt als Sprachrohr Ayn Rands pathetisch. Take 14 (O-Ton Dietz) L: 0, 30 Gutes Leben bedeutet für Rand, man sollte nie für andere leben und das auch nie von anderen verlangen. Rand wollte mit ihrem Kampf für den Egoismus im Sinne von Eigeninteresse, den Gedanken zum Ausdruck bringen, dass es nicht verwerflich, sondern natürlich und wünschenswert ist, wenn jeder Mensch nach seinem Glück strebt. Das jeder Mensch ein Recht darauf hat, Nutznießer seiner Handlungen zu sein und nicht zum Nutzen anderer instrumentalisiert zu werden. ((Dass ein gesundes Verhältnis zu anderen Menschen ein gesundes Verhältnis zu sich selbst voraussetzt. Und dass der Wunsch nach Selbstaufopferung pathologische lebensfeindliche Züge aufweist.)) Sprecherin: Dass nicht alle Menschen in der Lage sind, ein vernunftgeleitetes unabhängiges Leben zu führen, hat Ayn Rand komplett ausgeblendet. In ihrer dualistischen Gegenüberstellung von Parasiten und Egoisten, von Trittbrettfahrern und Individualisten, hat sie unterschlagen, dass es Alte, Kranke und Kinder gibt, die darauf angewiesen sind, dass andere für sie da sind, die unterstützen, finanzieren und helfen. Musik (als Trenner) Sprecher: Zweifel an den eigenen Erkenntnissen scheint Ayn Rand keine gehabt zu haben. Zumindest sind keine überliefert. Sie erlebte sich als Star, der es geschafft hat, den amerikanischen Traum in Reinkultur zu leben. Von der russischen Immigrantin zur Millionärin und Vorzeige-Intellektuellen der radikalen Marktliberalen. Als Philosophin in einer Reihe mit den ganz großen der Geschichte, wie sie in einem Interview sagte: Take 15 (O-Ton Wildhagen) L. 0, 10 Drei Philosophen gibt es, auf die man sich berufen kann: Aristoteles, Thomas von Aquin, Ayn Rand, drei A´s! Sprecherin: ((Ayn Rand mischte sich mit ihren Anhängern auch in die amerikanische Politik ein. Ronald Reagan beispielsweise war ihr zu lasch, er vertrat nach ihrer Meinung keinen echten Kapitalismus. Gleichzeitig hat die Atheistin es aber auch ihren Anhängern, den konservativen Amerikanern, nicht nur leichtgemacht, sie zu verehren und zu bewundern: Denn sie verurteilte weder Abtreibungen noch Homosexualität.)) 1974 erkrankte die Kettenraucherin an Lungenkrebs. Und ließ sich, obwohl sie zeitlebens gegen den Wohlfahrtsstaat gewettert hatte, auf Kosten der staatlichen Krankenversicherung operieren. Allerdings anonym – unter falschem Namen. Sie lebte dadurch noch bis 1982. Ihre Anhänger schmückten den Sarg bei ihrer Beerdigung mit einem imposanten Blumengebinde in Form des Dollarzeichens. Und bis heute gilt sie den Neoliberalen in den USA als Ikone des freien Marktes und Hüterin der einzig wahren Freiheit.