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RadiowissenBayerischer Rundfunk

Bodenschätze in der Tiefsee - Das Schürfen von Rohstoffen

06.03.2024 · 23 Min.

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Über diese Folge

Der weltweite Hunger nach Rohstoffen steigt. Tief im Meer liegen tonnenweise ungehobene Schätze - Forschende arbeiten daran, Rohstoffe aus der Tiefsee zu fördern. Von Thomas Kempe (BR 2020)

Credits
Autor dieser Folge: Thomas Kempe
Regie: Christiane Klenz
Es sprachen: Anne-Isabelle Zils, Rahel Comtesse
Technik: Helge Schwarz
Redaktion: Nicole Ruchlak

Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

Interviewpartner/innen:
Antje Boetius (Professor; Meeresbiologin, Alfred Wegener Institut Bremerhaven);
Matthias Haeckel (Dr.; Chemiker, Leibniz Institute of Marine Sciences Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR Kiel);
Thomas Kuhn (Dr.; Geologe, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Hannover);
Sven Petersen (Dr.; Geologe, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR Kiel);
Carsten Rühlemann (Dr.; Geologe, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover)

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  • Als das Tier zum Freund wurde - Geschichte des Haustieres

    07.03.2024 · 23 Min.

    Im Laufe der Zeit und unter dem Einfluss gesellschaftlicher Veränderung gewinnt das Haustier für den Menschen große emotionale Bedeutung bis hin zum ebenbürtigen Familienmitglied. Autorin: Silke Wolfrum (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Silke Wolfrum Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Christian Baumann, Hemma Michel, Carsten Fabian Technik: Roladn Böhm Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Clemens Wischermann (Professor; Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Konstanz); Rüdiger Korbel (Professor; Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische, LMU München); Ernst Günther (Dr.; Autor des Buches "Wenn ich ein Vöglein wär" und Ehrenpräsident der Gesellschaft für arterhaltende Vogelzucht) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Tiere in der Pubertät - abenteuerlustig, impulsiv, risikofreudig JETZT ANHÖREN Tierisch bewusst - Denken und empfinden Tiere? 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Wenn Sie diese Vögel in einem Schwarm fliegen haben, dann zeigen sie ein völlig anderes Verhältnis als wenn sie ein Paar in einem Käfig halten. Oder ich vergesellschafte Vögel verschiedener Arten miteinander, sie kommen ja auch in der Natur miteinander vor. Da erlebt man Verhaltensweisen, die man nicht gewusst hat bis dahin. Die Vogelhaltung wie auch die Tierhaltung in den zoologischen Gärten hat zur Kenntnis der Lebensweise der Tiere in erheblichem Maße beigetragen. O-TON 3 Rüdiger Korbel Auch wenn hier bei uns in der Klinik ein Schwerpunkt die Vogelhaltung darstellt, bin ich - ich traue es mich kaum zu sagen - aber ich bin ein Katzenmensch und habe hier eine sehr große emotionale Bindung zu Katzen. Wenn ich ein Haustier halten könnte, dann würde ich mir eine Katze zulegen. MUSIK endet SPRECHERIN: Mit ihrer Vorliebe für Katzen liegen sie voll im Trend. Clemens Wischermann, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Konstanz und Professor Rüdiger Korbel, Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Fische der Ludwig-Maximilians-Universität München. Denn die Katze ist momentan mit Abstand das beliebteste Haustier der Deutschen, während Vögel deutlich an Attraktivität verlieren und wohl schon bald auf der Beliebtheitsskala von Reptilien und Kleinsäugern überholt werden. Warum ist das so? Werfen wir zunächst einen Blick zurück zu den Anfängen der Haustierhaltung: SPRECHER: Wobei mit Haustier hier diejenigen Tiere gemeint sind, die eng mit dem Menschen zusammenleben - ohne ihm vorrangig von wirtschaftlichem Nutzen zu sein. Wir haben also auf der einen Seite die Nutztiere, wie etwa Schweine, Rinder oder Hühner und auf der anderen die Haustiere oder besser noch Heimtiere, wie etwa Hunde, Katzen, Vögel, Fische, Reptilien und Kleinsäuger. SPRECHERIN: Die Ursprünge beider Mensch-Tier-Lebensformen liegen zigtausende Jahre zurück und gehen mit der Sesshaftwerdung des Menschen in der Jungsteinzeit einher: O-TON 4 Ernst Günther Jetzt plötzlich schafften Menschen sich Tiere an, weil sie nicht mehr jagen konnten, weil sie nicht mehr wanderten. Und sie mussten jetzt zusehen, dass sie die Tiere beschützen, die sie früher nur gejagt hatten. Sie mussten zusehen, dass ihre Tiere sich fortpflanzen, worum sie sich früher überhaupt nicht zu kümmern brauchten. Und es entstand aus der Jagdbeute ein notwendiger Partner und auf dieser Grundlage entstanden die Freiräume, wo Menschen dann auch sich eines Tieres annehmen konnten, weil sie plötzlich ein Mitempfinden entwickelten zu diesem Tier. Und das hat getragen, bis in unsere Zeit. SPRECHERIN: Dr. Ernst Günther, Ehrenpräsident der „Gesellschaft für arterhaltende Vogelzucht“, hat sich für sein Buch „Wenn ich ein Vöglein wär“ mit der Geschichte der Vogelhaltung beschäftigt. Ihre Anfänge liegen etwa 1.000 v. Chr. im indischen Raum. Viel früher wird der Hund domestiziert. Er wird vor rund 15.000 Jahren zum Begleiter des Menschen und gilt als das älteste Haustier überhaupt. In Israel gibt es dazu einen spektakulären Fund: Eine vor 12.000 Jahren beerdigte Frau hält einen Hundewelpen eng an sich gedrückt in den Armen, genau so, wie eine Mutter ihr Kind umarmt. SPRECHER: War dieser Hund bereits ein Familienmitglied? Eine stark emotionale Beziehung zu Tieren gibt es wohl zu allen Zeiten, dennoch ist eine solche Bindung lange einer privilegierten Schicht vorbehalten und stellt wohl eher die Ausnahme dar, so Clemens Wischermann: O-TON 5 Clemens Wischermann Es gibt dann Tiere, die nur sozialen Status demonstrieren sollen, wenn sie an höfische Gesellschaften in Europa zurückdenken, die hatten Menagieren, die hielten exotische Tiere, die sammelten Tierpräparate. Da demonstrierten Tiere Macht, Kraft, politischen Einfluss oder sie können auch Wissen demonstrieren, indem man große Sammlungen anlegte und daran zeigen konnte, wie viel man über die Welt und ihre Lebensformen und ihre Entwicklungen wusste. Aber im engeren Sinne, das, was ich mit Familienmitgliedern meine, das ist was, was im 19. Jahrhundert einsetzt und sich bis in die Gegenwart entwickelt - und in der Gegenwart zum Massenphänomen wird. SPRECHERIN: Es dauert also eine ganze Weile, bis Tiere zum Freund, Kumpan oder eben Familienmitglied werden. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das Städtewachstum, das im 18. Jahrhundert einsetzt und mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts stark zunimmt: O-TON 6 Clemens Wischermann In den Großstädten verliert sich allmählich die Verbindung zum ländlichen Leben, das ja auf eine ganze andere Art auch ein enges Zusammenleben mit Nutztieren war und in den Städten, in den bürgerlichen Schichten v.a. findet man dann allmählich Tiere. Es gibt die Vögel und Hunde, Hunde werden ganz wichtig. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die moderne Hundezucht und das ist eigentlich die wichtigste Spezies, die nah an die Familie herankommt. MUSIK m02 SPRECHERIN: Lange Zeit halten sich höchstens Adlige einen Hund. Für den Rest der Gesellschaft stellen sie eher eine Gefahr dar. Sind herumstreunende Hunderudel doch potentielle Überträger von lebensbedrohlichen Seuchenkrankheiten wie Pest, Lepra oder Pocken. Doch mit der modernen Medizin und der Bekämpfung dieser Krankheiten werden Hunde auch für das Bürgertum interessant. SPRECHER: Der Brite Charles Cruft arbeitet Ende des 19. Jahrhunderts für einen Hundekuchenhersteller. Er hat die Idee, durch Hunde- oder später auch Katzen-Schauen die Tiere aufzuwerten, damit ihre Besitzer dann auch mehr Wert auf Futter und Equipment legen. Eine Überlegung, die mehr als aufgeht. Schon bald ist es in, Rasse-Hunde oder Rasse-Katzen zu halten und zu züchten, mit ihnen über den Laufsteg zu schreiten und Preise zu gewinnen. Die Tiere verhelfen dem Bürger zu Ansehen, sie bieten ihm Aufstiegsmöglichkeiten in der Gesellschaft. Sie sind Statussymbole. Das hierarchische Denken der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Tierhaltung wieder: Das „Herrchen“ herrscht über das Tier und bestimmt wie, wann und mit wem es sich fortzupflanzen hat. SPRECHERIN: Doch nicht nur Hunde werden in dieser Zeit gezüchtet, sondern auch Vögel. Die Vogelzucht gibt es zwar schon seit dem 16. Jahrhundert in Europa, doch erst im 19. Jahrhundert wird sie zu einem Massenphänomen, so der Vogelexperte Ernst Günther: O-TON 7 Ernst Günther Dann begann im 19. Jahrhundert das Auftreten von Mutationen, von farblichen Veränderungen, von neuen Rassen, die es von Natur gar nicht gibt. Und die waren dann Gegenstand der Vogelzüchtervereine, die die massenhaft gezüchtet haben. Der Altvater der Vogelzucht, Karl Ruß, hat gesagt: Vogelzüchtervereine sind so gut wie die Ausstellungen, die sie machen. Die Vogelzüchter haben sich zusammengetan um erstens ihre Vögel zu tauschen und gegenseitig zu verkaufen, weil sie damit auch die Preisgeschichte im Griff hatten. Und zweitens um sich gesellschaftlich darzustellen in Gestalt von Ausstellungen, die gleichzeitig auch der Werbefaktor dafür waren, dass mehr Leute sich diesem Hobby zuwenden. SPRECHER: In Europa wurden und werden fast ausschließlich fremdländische, exotische Vögel gehalten und gezüchtet. Besonders beliebt sind Vögel, die sprechen oder besonders schön singen können, wie viele Papageienarten oder der Kanarienvogel. Mit den neuen Reisemöglichkeiten des 19. Jahrhunderts können immer mehr Menschen sich so einen Exoten nach Hause kommen lassen: O-TON 8 Ernst Günther Die Weltreisen der Segelschiffe brachten aus allen Ländern, die sie neu kennenlernten, unter anderem auch lebende Tiere mit, weil die sich wahnsinnig gut absetzen ließen. Und wir hatten dann schon Mitte des 19. Jahrhunderts Hunderttausende von Vögeln, die als Importe ins Land kamen. Und dann entstand natürlich ein Markt und die Preise gingen auch zurück und dann konnte auch der kleine Mann sich die Vögel leisten. MUSIK m03 SPRECHERIN: Ähnliches gilt für Fische, mit dem Unterschied, dass die Meereswelt bis ins 18. Jahrhundert hinein als ein unheimlicher Ort voller monsterhafter Wesen gilt, vor denen man sich eher gruselt. Doch im 19. Jahrhundert beginnen Forscher und Wissenschaftler sich für Meerespflanzen und -Tiere zu interessieren und sammeln diese an der Küste. SPRECHER: Lange Zeit waren Goldfische und andere robuste Süßwasserfische die einzigen im Haus gehaltenen Fische. Für die Haltung von Meerestieren fehlte schlicht und einfach das Wissen und die dafür nötige Technik. Dies ändert sich nun. Maßgeblich trägt dazu der Engländer Philip Henry Gosse bei. 1854 erscheint sein Buch „Das Aquarium – die Enthüllung der Tiefseewunder“ - das Wort ‚Aquarium‘ stammt übrigens von ihm – und erregt großes Interesse. Im gleichen Jahr wird auch in Deutschland über diesen neuen Apparat unter dem Titel „Der Ocean auf dem Tische“ geschrieben. Das Aquarium sei, so heißt es … ZITATOR: … gefüllt mit Leben aus der Tiefe des Meeres, das man nun darin in seinem ganzen, tiefen geheimnisvollen Reichthume auf dem Tische studieren kann, im Schlafrock und Pantoffeln. SPRECHERIN: Das unheimliche und unüberschaubare Meer wird nun in eine manierliche und geordnete Form gebracht und dient dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, aber durchaus auch der Unterhaltung. Ein Aquarium zu besitzen – egal, ob Salzwasser- oder ein Süßwasseraquarium – gehört zum guten Ton. Es wertet das Wohnzimmer auf und demonstriert, dass sich sein Eigentümer auf der Höhe der Zeit befindet. Zahlreiche Vereine der Aquaristen entstehen. Während man zunächst vor allem Wasserpflanzen und wirbellose Tiere wie Schnecken und Muscheln hält, werden bald Fische immer beliebter. Je farbenprächtiger, desto besser. Das haben sie mit den Vögeln gemein. MUSIK m04 SPRECHERIN: Doch der Boom um die Haustiere hat natürlich auch seine Kehrseite. Hunde und Katzen werden nach bestimmten Schönheitsidealen gezüchtet. Eine Entwicklung, an deren Ende Tiere entstehen, wie wir sie heute gut kennen: Der Mops mit Glubschaugen und extrem platter Nase, die unter der Reizung ihrer Hornhaut leidet und permanent nach Luft ringt oder Katzen ohne Fell, die sich nicht mehr vor der Sonne schützen können. Im 19. Jahrhundert setzt auch ein rücksichtsloser Raubbau an der Natur ein, da viele exotische Tiere wie Papageien oder Zierfische Wildfänge sind. O-TON 9 Ernst Günther Die Menschheit, speziell die Europäer mit ihrem hohen Lebensstandard, haben in einer Weise auf Naturbestände zugegriffen, das war unerträglich. Und unerträglich war auch zu sehen, wie viele Vögel dabei zugrunde gegangen sind. SPRECHER: Ähnliches gilt für die Küsten- und Unterwasserwelt. 1907 zieht Edmund Gosse, der Sohn von Philip Henry Gosse, ein deprimierendes Fazit über eine Entwicklung, die sein Vater - ohne die Folgen zu ahnen oder zu wollen, mit ausgelöst hat: MUSIK m05 ZITATOR: Diese Felsenbecken, gesäumt von Korallenalgen, angefüllt mit stillem Wasser, das fast so klar war wie die Luft selbst, reich bestückt mit schönen, sensiblen Lebensformen – es gibt sie nicht mehr, alle sind sie profaniert und geleert und entwürdigt worden. Eine Armee von Sammlern ist über sie hergefallen und hat sie bis auf den letzten Winkel geplündert. MUSIK SPRECHERIN: So ist es nicht verwunderlich, dass schon im 19. Jahrhundert die ersten Tierschutzvereine entstehen. Doch ursprünglich geht es ihnen noch mehr um das Wohl des Menschen als um das Tierwohl: O-TON 10 Clemens Wischermann Da gibt es erste Gesetze, die verbieten etwa das Prügeln von Tieren in der Öffentlichkeit, weil man Angst davor hatte, dass diese Grausamkeit gegenüber den Tieren sich in Grausamkeit gegen Menschen verwandeln wird. Da ging es nicht so sehr um die einzelnen Tiere, sondern um Menschen. SPRECHER: Doch mit der Zeit rückt immer mehr das Wohl des Tieres in den Vordergrund und der Einfluss der Tierschützer nimmt zu. Seit 2005 ist der Import von Wildvögeln in die Europäische Union verboten. Auch die Art und Weise, wie man zum Beispiel Vögel hält, hat sich stark verändert, erläutert Rüdiger Korbel: O-TON 11 Rüdiger Korbel Beispielsweise weiß man auch heute, dass die Vogelkäfige nicht rund sein dürfen. Da muss man sich auch vor Augen führen, dass der Vogel in einem runden Käfig überhaupt keinen Rückzugsraum hatte, womöglich auch noch von allen Seiten betrachtet werden konnte und dann permanent unter Stress stand. SPRECHER: Von Tierschützern stark kritisiert ist auch die auch die Einzelhaltung von Vögeln. Eine Haltungsform, die - so ist sich Ernst Günther sicher - Jahrhunderte lang DIE Haltungsform überhaupt war: O-TON 12 Ernst Günther Wenn vor tausend Jahren die Vogelhaltung entstanden ist, dann hat doch niemand Volieren gebaut. Aber vorstellen könnte ich mir eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht, die in ihren Gemächern ein Körbchen stehen hat mit einem Halsbandsittich. Und dem sie süße Feigen füttert und der sie dafür beplappert. Es hat anteilig an der Vogelhaltung eine unterschiedliche Rolle gespielt und ich bin überzeugt am Anfang war es ausschließlich diese Haltung. SPRECHERIN: Tiere hinter Gittern? Das – so sind sich viele Tierfreunde einig – ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß und die Diskussionen darüber, wie eine artgerechte Tierhaltung aussehen könnte, sind zahlreich und oft hitzig. Fakt ist, dass die Vogelhaltung aus der Mode gekommen ist und die Vogelzuchtvereine an Mitgliedern verlieren. Das liegt, so Clemens Wischermann, auch an veränderten Wertvorstellungen, wie man sie am Beispiel der Hunde- und Katzenhaltung sehen kann. O-TON 13 Clemens Wischermann Es gibt so um die 7 Millionen Hunde in der Bundesrepublik und 12 Millionen Katzen und das Interessante daran ist, dass es eigentlich immer mehr Hunde gab und weniger Katzen und dieses Zahlenverhältnis hat sich in den letzten 20 Jahren umgekehrt. Hunde stehen für eine hierarchische Gesellschaft mit Abstufungen, Hunde stehen für Treue, Zugehörigkeit und Katzen haben den Ruf, dass sie freiheitsliebend sind und sich nicht sehr disziplinieren lassen, da stehen diese beiden Tiere auch für unterschiedliche Wertigkeiten, für unterschiedliche gesellschaftliche Werte. SPRECHERIN: Mag sein, dass der eine oder andere lieber ein Tier hält, das sich frei bewegen kann. Ernst Günther führt für die Abnahme der Vogelhaltung jedoch einen anderen Grund ins Feld. O-TON 14 Ernst Günther Vögel sind diejenigen Heimtiere, die die stärkste Bindung des Menschen erfordern. Es gibt nur unter ganz ausgesuchten Bedingungen die Möglichkeit, einen Vogel nicht jeden Tag betreuen zu müssen. Wenn Sie heute eine Schlange oder ein paar Eidechsen oder ein Aquarium haben, dann können Sie ohne weiteres mal drei Tage wegfahren. Bei einem Vogel geht das nicht, ein Vogel muss jeden Tag frisches Wasser bekommen und jeden Tag frisches Futter bekommen. Hunde kann man mitnehmen. Wo Leute überall Hunde mitnehmen heutzutage! Ich warte darauf, dass ich demnächst in der Oper neben einem Hund sitze und einen Vogel habe ich dort noch nicht gesehen. SPRECHER: Rüdiger Korbel, der Leiter der Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Zierfische in München, bestätigt diese Einschätzung. Auch wenn es durchaus auch sehr enge Beziehungen zwischen Mensch und Reptil gebe, würden in der Summe Reptilienbesitzer doch weniger Zeit in ihr Tier investieren als Besitzer anderer Tierarten. Während z.B. Hundebesitzer oft alles tun und viel Geld aufbringen, um ihren kranken Hund zu heilen, kaufen sich Reptilienbesitzer eher einfach ein neues Tier, bevor sie ihr Reptil kostenaufwendig behandeln lassen. O-TON 15 Rüdiger Korbel Das hat sicher etwas damit zu tun, dass in vielen Fällen - kann man auch nicht pauschalisieren - Patientenbesitzer und Patientenbeziehung alleine schon von der Lebensäußerungen und von den Verhaltensweisen bei einem Reptil, wo die Distanz mit Sicherheit größer ist als beispielsweise bei einem Vogel, der menschliche Lautäußerungen nachmacht und wo es dann bei einem Kleinsäuger, ein Kaninchen beispielsweise, noch sehr viel ausgeprägter ist, das Kindchen Schema, was hier ausgelöst wird und hier die Bereitschaft ist, dass man hier höhere Aufwendungen unternimmt um die Gesundheit des Tieres zu erhalten. SPRECHERIN: Je mehr Kommunikation und Nähe mit dem Tier möglich ist, desto leichter wird es zum Familienmitglied. Das ist keine schöne Metapher, sondern ganz real: Haustiere haben Namen, bekommen ausgewähltes Essen, viele schlafen im Bett ihres Besitzers, sie werden mit feinster Ausrüstung versehen und erhalten neben dem Impfpass eine exzellente Gesundheitsversorgung. Rüdiger Korbel beschreibt das so: O-TON 16 Rüdiger Korbel Radiologische Untersuchung, Röntgenbilder natürlich, Ultraschalluntersuchung, Computertomographie, Kernspintomographie, also alles was in der Humanmedizin eingesetzt wird, wird auch bei der Tierversorgung grundsätzlich und auch im Heimtierbereich eingesetzt. Die Kosten, die damit verbunden sind, sind teilweise ganz erheblich. SPRECHER: Und genauso wie es heute möglich ist, über ein künstliches Gelenk für sein Haustier nachzudenken, genauso selbstverständlich ist es, um sein Haustier zu trauern, wie um einen Menschen. Denn die Gefühle für ein Tier sind eben oft die gleichen. O-TON 17 Rüdiger Korbel Wenn ein Tier stirbt oder schwerkrank zu uns in der Klinik vorgestellt wird, dann sind das teilweise wirklich dramatische Situationen, die hier gegeben sind und die dann Situationen erfordern, wo es nicht um die tierärztliche Behandlung mehr geht, sondern einfach um die Patientenbesitzer-Betreuung. Es gibt sogar einzelne Firmen, die hier anbieten eine Bestattung von Tieren nach ihrem Tod und was häufig dann als Bitte an uns herangetragen wird, dass dann Tiere ausgestopft werden, damit sie über ihren Tod hinaus noch physisch zumindest da sind. SPRECHER: Wie sehr Menschen an ihren Haustieren hängen und was sie alles für sie zu tun bereit sind, wirkt oft kurios. Manch einer bringt seine Schildkröte ins Wellness-Center, um ihr eine Entspannungsmassage zu gönnen oder lässt den Hund mittels Laufbänder oder Aqua-Aerobic trainieren, ganz zu schweigen von all den Behandlungen, die so manches Tier im Beauty-Bereich erwarten. Tierbesitzer skypen mit ihren Liebsten, wenn sie getrennt sind oder schreiben ihnen Postkarten. Für den einen ersetzt das Tier ein Kind für den anderen vielleicht den Ehemann oder die Ehefrau? Fakt ist, dass Tiere in vielen Haushalten zum Lebensmittelpunkt werden. SPRECHER: Die Gründe dafür sind vielfältig. Während Tiere im 19. Jahrhundert noch dazu dienen, in der Leistungsgesellschaft mithalten zu können, sollen sie heute eher helfen, ihr zu entfliehen. Tiere dienen der Entlastung, halten körperlich fit, bieten unproblematische Nähe ein Tier gibt keine Widerworte! oder fungieren als Kontaktvermittler. Wer einen Hund spazieren führt, bleibt selten allein. SPRECHERIN: Und während man früher noch stolz den Rassehund vorzeigte, ist es heute angesagt einen Mischling aus dem Tierheim zu holen. Das fühlt sich für viele inzwischen besser an. MUSIK m03 SPRECHER: Es ist wissenschaftlich mehrfach bewiesen, dass Tiere uns Menschen guttun. Wie sehr das auch anders herum der Fall ist, ist eine Frage, die heute eingehend diskutiert wird. Natürlich auch im Zusammenhang mit der Massentierhaltung, die im krassem Gegensatz zur Heimtierhaltung steht. Vielleicht kann das enge und liebevolle Miteinander mit Haustieren, wie es heute üblich ist, ja Auslöser sein für eine Entwicklung, an deren Ende man auch dem Tier und SEINEN Bedürfnissen möglichst gerecht wird. Ein Umdenken in diese Richtung gibt es auf alle Fälle längst und zeigt gerade im Bereich der Vogelhaltung erste Früchte. Noch einmal Ernst Günther: O-TON 19 Ernst Günther In den 60er und 70er Jahren hat der Vogelhandel jeden Vogel in der Welt gefangen, den der Vogelhalter haben und bezahlen wollte. Und das ist einfach nicht schön. Das ändert sich im Moment gerade grundlegend. Es gibt eine Gruppe von Vogelzüchtern, die sich vollkommen von diesen Traditionen trennen und jetzt dazu übergehen Vögel zu halten und zu vermehren im Dienste der Arterhaltung, sich also direkt den zoologischen Einrichtungen als Partner zugesellen und Vögel so halten und pflegen, dass sie, wie man so schön sagt, als genetische Reserve für eventuell untergehende Arten in der Welt gelten können. MUSIK m03 endet

  • Vordenkerin eines entfesselten Kapitalismus - Ayn Rand

    06.03.2024 · 23 Min.

    Ayn Rand war eine Schriftstellerin und Philosophin, die von Russland in die USA floh. Dort entwickelte sie ihre Thesen eines radikalen, entfesselten Kapitalismus: Ein Staat müsse sich auf eine Minimalversion reduzieren lassen. Von Daniela Remus (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Axel Wostry Es sprachen: Thomas Albus, Diana Gaul, Johannes Hitzelberger Technik: Regina Staerke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Alexander Dietz, Wirtschaftsethiker, Hochschule Hannover; Dr. Christian Wildhagen, Politikwissenschaftler, Hamburg Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: 2007 stürzt die Welt in eine globale Finanzkrise. 2008 folgt der Zusammenbruch wichtiger US-Großbanken, mit Folgen weltweit. In Deutschland wünschen sich die Menschen, dass der Staat den Finanzsektor dauerhaft stärker kontrolliert. Auch in den USA interveniert die Regierung, aber viele US-Bürger halten diese Einmischung für grund¬verkehrt. Und davon profitieren auch die Erben der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand. Atmo 1 (Geldgeklingel in Kasse) Sprecher: Denn die Verkäufe ihres Hauptwerks mit dem Titel Atlas Shrugged, auf Deutsch Der Streik schnellen in diesen Jahren der Finanzkrise deutlich nach oben. Obwohl das Buch ohnehin schon zu den US-amerikanischen Bestsellern gehört. Darin beschreibt Ayn Rand den Zusammenbruch eines Staates, weil die kapitalistischen Unternehmer nicht länger bereit sind, die Früchte ihres Denkens und ihrer Arbeit mit dem trägen Teil der Gesellschaft zu teilen. Zitatorin: „Wir sind im Streik, wir, die Verstandesmenschen. Wir streiken gegen Selbstaufopferung. Wir streiken gegen den Glauben an unverdiente Belohnungen und unbelohnte Pflichten. Wir streiken gegen das Dogma, das Streben nach eigenem Glück sei böse.” (S. 1090) Musik (Tusch oder ähnlich als Trenner) Take 2 (O-Ton Dietz) L: 0, 13 Sie ist eine der wichtigsten Stichwortgeberinnen im 20. Jahrhundert für die Politik der USA, sie hat sich klar für einen Minimalstaat ausgesprochen, für ein marktwirtschaftliches System in einem radikalliberalen Sinne. Sprecherin: Alexander Dietz, Wirtschaftsethiker an der Hochschule Hannover. Take 3 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 10 Rationalität ist ein Ausgangspunkt, dann das Eigennutzstreben, auch die menschliche Selbstliebe, der Mensch handelt ausschließlich zu seinem eigenen Nutzen, es gibt keine altruistischen Motive. Sprecherin: Christian Wildhagen, Politikwissenschaftler, Hamburg. Musik (Tusch oder ähnlich als Trenner) Sprecherin: In den USA sind die Schriften von Ayn Rand Schullektüre und fester Bestandteil der Kultur. So gaben die Teilnehmer einer repräsentativen Studie auf die Frage, welches Buch sie am stärksten beeinflusst habe, an, neben der Bibel sei das Atlas Shrugged von Ayn Rand gewesen. Der Ökonom Alan Greenspan, fast zwei Jahrzehnte lang Vorsitzender der US-Notenbank, huldigt den libertären Ideen Rands bis heute genauso wie die Schauspielerin Angelina Jolie oder die Tea Party Bewegung. Ayn Rand und ihr Einfluss auf die amerikanische Kultur ist in Europa wenig bekannt. In den USA aber ist sie die Ikone des freien Marktes, die begeisternde Vordenkerin eines entfesselten Kapitalismus. Musik (russisch-jüdisch früh es 20.Jahrhundert) Sprecher: 1905 wird Ayn Rand als Alissa Sinonwjewna Rosenbaum geboren. Ihr Vater ist Apotheker, die Familie lebt in St. Petersburg ein bürgerliches und wohlhabendes Leben. Die Familie ist zwar jüdisch, der Glaube spielt aber im täglichen Leben keine große Rolle. Ayn Rand ist gerade 12 Jahre alt … Musik (die Internationale) hinterlegen Sprecher: … als Im Februar 1917 Arbeiteraufstände die russische Zarenherrschaft endgültig beenden. In der Folge enteignen die Bolschewiken auch Familie Rosenbaum, die verarmt auf die Krim flieht und erst Jahre später zurückkehrt nach St. Petersburg, das jetzt Petrograd heißt. 1921 beginnt Ayn Rand dort Geschichte und Philosophie zu studieren. Aber sie lehnt das kommunistische Regime ab, hofft gemeinsam mit ihrer Familie, dass die Monarchie treuen Kräfte vielleicht doch noch einmal den Umsturz rückgängig machen können. Als sie Ende 1925 ein befristetes Ausreisevisum erhält, um Verwandte in den USA zu besuchen, nimmt Ayn Rand das zum Anlass, Russland für immer zu verlassen. Atmo (Schiffshupen, Hafenatmo) darüber Sprecherin: Anfang 1926 ist sie vier Wochen mit dem Schiff unterwegs, dann erreicht sie Manhattan. Atmo (Schiffshupen, Hafenatmo) darüber ((Take 4 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 17 Dann fiel diese negative Erfahrung auf etwas ganz Positives in den USA, das freiheitliche Denken, die Ankunft in New York, das muss überwältigend gewesen sein da die Skyscraper zu sehen, aus Europa kommend, weil man diese Form der Gebäude gar nicht kannte, das hat sie glaube ich ganz stark geprägt und in etwas ganz anderes geworfen, eigentlich in das Gegenteil dessen, was sie erlebt hat. )) Sprecherin: Kaum angekommen in der Neuen Welt ändert die 21Jährige ihren Namen: Aus Alissa Rosenbaum wird Ayn Rand. Nach kurzem Aufenthalt bei ihren Verwandten geht sie zielstrebig in den Westen, nach Hollywood. Dort versucht sie sich in den 20er und 30er Jahren als Drehbuchautorin. Sie heiratet einen Schauspieler und schafft schließlich 1943 mit ihrem zweiten Roman den langersehnten Durchbruch: The Fountainhead, heißt das Buch. Zu deutsch: Der ewige Quell oder die Urquelle. Der Hamburger Politikwissenschaftler Christian Wildhagen, der wissenschaftlich zu Ayn Rand gearbeitet hat, erklärt den Aufbau des Romans: Take 5 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 30 Das gesamte Plot (…) ist schon sehr russisch angelegt, mit der Komplexität des Plots mit der Anzahl von Akteuren an Handlungen, die Handlungsstränge sind miteinander sehr verwoben. Das finden wir bei Dostojewski, bei Turgenjew oder Tolstoi (…) das ist schon sehr russisch. Dass dann durch diese Heldenfiguren, die sie kreiert, fast schon cineastisch anzulegen, das mag sich entwickelt haben durch die Zeit als Drehbuchautorin in Hollywood. Es entstehen ja bei jeder Lektüre Bilder, aber bei ihr in einer ganz anderen Form, weil man den Film quasi schon sieht. Sprecher: The Fountainhead wird trotz der russischen Komplexität des Stoffs in Hollywood verfilmt. Ayn Rand schreibt sogar das Drehbuch. 1949 kommt die Geschichte in die Kinos, der damalige Superstar Gary Cooper spielt die Hauptrolle. Musik (schnulzig 40er Jahre oder Titelmusik) hinterlegen unter Sprecher Sprecher: Hauptperson ist der talentierte Architekt Howard Roark, der sich weigert, Kompromisse zu machen, um an lukrative Aufträge zu kommen. Deshalb muss er die Uni ohne Abschluss verlassen, und in einem Steinbruch arbeiten, um zu überleben. Als er schließlich doch die Chance erhält, als Architekt ein Projekt zu planen und der Auftraggeber seine Pläne nicht umsetzt, sprengt Roark das Haus in die Luft. Im Gerichtsprozess beruft er sich auf seine schöpferische Kraft. Er wird freigesprochen. Howard Roark ist jetzt gesellschaftlich akzeptiert, wird ein gefeierter Stararchitekt und heiratet seine große Liebe. Musik (schnulzig 40er Jahre oder Titelmusik) Ende Sprecherin: Den Roman, so Christian Wildhagen, hat Ayn Rand Anfang der 40er Jahre nicht nur als Plädoyer für die Freiheit des Individuums geschrieben, sondern auch als Kritik an der US-amerikanischen Innenpolitik: Präsident Roosevelt hatte den New Deal beschlossen, mit starken Kontrollen für die Wirtschaft, was Ayn Rand als sozialistisch kategorisch ablehnte. Ihre Idee eines funktionierenden Wirtschaftssystems knüpft an die Ideen des Libertarismus des 18. und 19. Jahrhunderts an: Der Staat müsse sich auf ein Minimum wie äußere und innere Sicherheit beschränken. Politik und Wirtschaft gehörten getrennt. Höchstes Gut sei nicht die Gemeinschaft, sondern das einzelne Individuum. Dessen Freiheit dürfe nicht durch Wohlfahrtsansprüche der Gesellschaft begrenzt werden. Solidarität, staatliche Unterstützung für Arme, Alte und Schwache durch Steuererhebungen seien unzumutbare Eingriffe in die Freiheit der Individuen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem müsse sich frei entfalten können, ohne jegliche Intervention des Staates. Typisierte Personen wie die Hauptfigur Howard Roark im Roman The Fountainhead zeigen, worauf es Ayn Rand im Kern ankommt: Auf individuelle Autonomie, Selbstverwirklichung und Egoismus, erklärt der Wirtschaftsethiker Alexander Dietz von der Hochschule Hannover: Take 6 (O-Ton Dietz) L: 0, 20 Alle ihre Romanhelden sind groß, schön, stark, gesund und die anderen Menschen leben auf Kosten von denen letztendlich mit. Und man muss eben aufpassen, dass man den Starken nicht zu viele Kosten aufbürdet, sonst sind sie eben irgendwann nicht mehr so leistungsfähig und so hilfsbereit und dann ist es für alle schlechter. Sprecher: Das Personentableau in Rands Romanen ist zweigeeilt. Sie zeigt menschliche Stereotype: Einerseits gibt es die Helden, die wie der Architekt Howard Roark starke und selbstbewusste Individuen sind. Diese Personen bezeichnet Ayn Rand als Schöpfer, im amerikanischen Original creator. Die Gegenspieler dieser edlen Helden sind angepasste Jasager. Also Menschen, die keine eigenen Ideen haben, die sich bequem an das halten, was ihnen vorgegeben wird. Ayn Rand bezeichnet sie als Parasiten oder Trittbrettfahrer, im Original parasite oder second-hander. Diese Menschen haben den Altruismus zur Moral erhoben und beuten damit seit Jahrhunderten die starken und schöpferischen Menschen aus, so Rand: Take 7 (O-Ton Dietz) L. 0, 18 Sie weist jede Einschränkung individueller Freiheitsrechte zugunsten des Gemeinwohls zurück und sie fordert, dass der einzelne Mensch seine Identität und sein Selbstwertgefühl an seinem individuellen Verstand und seiner individuellen Leistung und nicht an der Zugehörigkeit zu irgendwelchen Kollektiven festmachen sollte. Sprecherin: Denn: Der Mensch sei nicht etwa ein soziales oder gar politisches Wesen, sondern ein Egoist, sagt Ayn Rand. Und das sei kein Makel, wie die meisten Menschen annehmen, sondern eine zutreffende und realistische Beschreibung. Die vorherrschende christlich geprägte Moralvorstellung von Nächstenliebe und Altruismus sei in Wirklichkeit zutiefst unmoralisch, weil beide gar nicht existierten. Die Norm, altruistisch zu sein, mitfühlend und hilfsbereit, sei ein moralischer Mythos, der in eine Sackgasse führe. Und im extremsten Fall in den Kommunismus bolsche¬wis¬ti¬scher Prägung. Deshalb gelte es, diesen Mythos mithilfe der Vernunft zu entlarven und zu überwinden. Wenn jeder an sich selbst denke und die eigenen Interessen verfolge, dann sei an alle gedacht, so Rand. Denn erstens entspreche der Altruismus nicht der menschlichen Natur und zweitens verhindere das altruistische Dogma, die eigene Individualität zu entfalten. Rands Anhänger behaupten deshalb bis heute: „Altruism is evil” – Altruismus ist böse! Take 8 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 28 Soziale Gedanken hat sie in gar keiner Form, (…) außer bei denen, die sie ablehnt. Sie hat eine ganz dualistische Figurenstruktur in ihren Romanen, die einfach zu erkennen ist. Da gibt es die Altruisten, die Kollektivisten, eigentlich man könnte auch sagen, die Kommunisten, also all das, was sie in Russland erfahren hat, das findet sich in jedem Werk. Und dann die Helden, die rationalen Egoisten, die Individualisten, die, wie sie die nennt, die „creators”, die anderen sind die „Secondhander”, die Trittbrettfahrer, die aus zweiter Hand leben, von den Schöpfern. Sprecher: Der Mensch ist nach Ayn Rand ein Egoist, so der Politikwissenschaftler Christian Wildhagen. Denn Eigennutz und das Verfolgen egoistischer Interessen seien durch und durch rational. Nur durch die menschliche Vernunft sei es möglich, Erfindungen, Erkenntnisse oder Dinge zu produzieren. Exemplarisch sagt das die Hauptfigur in ihrem Hauptwerk Atlas Shrugged: Zitator: „Ihr schreckt nicht vor der Selbsterniedrigung zurück, mit dem Begriff Mensch den Schwächling, den Narren, den Lumpen, den Lügner, den Versager, den Feigling und den Betrüger zu meinen, aber den Heros, den Denker, den Produzenten, den Erfinder, den Starken, den Zielbewussten, den Reinen aus der Menschheit auszuschließen – als wäre Fühlen menschlich, Denken aber nicht, als wäre Versagen menschlich, Erfolg aber nicht, als wäre Unredlichkeit menschlich, Tugendhaftigkeit aber nicht.“ (S. 1132) Sprecher: Jeder Mensch habe demnach die Möglichkeit, zwischen zwei Lebensformen zu wählen: Als Schöpfer unabhängig, frei und rational zu sein, oder als Parasit von den Ideen der anderen zu leben. Diejenigen, die sich nichts trauten, die nur das umsetzten, was andere von ihnen erwarten, die sogenannten Trittbrettfahrer, behinderten die egoistischen Individuen und nutzten sie sogar aus. Egoismus bedeutet in Rands Theorie also nicht das, was wir um¬gangs¬sprachlich heute darunter verstehen. Es geht um die Entfaltung der individuellen kognitiven Fähigkeiten, nicht darum, andere zu übervorteilen oder auszubooten, sagt Alexander Dietz, der eingehend zu ihrer Wirtschaftstheorie gearbeitet hat: Take 9 (O-Ton Dietz) L: 0, 16 Grundsätzlich spielt das Kognitive in ihrem Menschenbild eine ganz besonders große Rolle. Also man kann sagen, bei Rand haben wir eine einseitige Fokussierung auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Die Denkfähigkeit und die Angewiesenheit auf das Denken machen den Menschen aus für Rand. Sprecherin: Der Vernunftbegriff ist reduziert auf die technisch-rationale Seite der Vernunft, die Ayn Rand als ein Werkzeug ansieht, um konkrete Zwecke zu erreichen. In Rands Kosmos vor allem, um Produkte für den Markt und die Konsumenten herzustellen. ((Take 10 (O-Ton Dietz) L:0, 10 Vernunft bedeutet rationaler Egoismus und damit meint sie ein positives Verständnis von gesundem Eigennutz bzw. Eigeninteresse. )) Musik (als Trenner) Sprecherin: Mit dem Erscheinen des Romans Fountainhead steigt Ayn Rand zur herausragenden Stichwortgeberin der Marktradikalen und Libertären in den USA auf. Als Heldin dieser Kapitalismusverfechter ist sie ein gern gesehener Gast in Talk-Shows, hält Vorträge und Radioansprachen. Ein enger Kreis von Anhängern schart sich um die erfolgreiche Schriftstellerin, der sich ironischerweise das Kollektiv nennt. Regelmäßig treffen sich diese Rand-Adepten und hören ihrer Ikone zu, wie sie aus ihren Werken liest oder diskutieren politische Entwicklungen. Als Erken¬nungs¬zeichen dient diesem sektiererischen Kreis ein goldenes Dollarzeichen als Anstecknadel. Musik (Tusch oder ähnlich) Sprecher: Mit einem ihrer Anhänger, dem 25 Jahre jüngeren Nathaniel Branden geht Ayn Rand eine Liebesaffäre ein. Die jeweiligen Ehepartner wissen davon und akzeptieren die Beziehung. Branden gründet gemeinsam mit seiner Ehefrau ein Institut, um Rands Philosophie unter die Leute zu bringen. Als die gefeierte Schriftstellerin aber Ende der 1960er Jahre herausfindet, dass sie nicht die einzige Geliebte ist, verbannt sie den Liebhaber und zerschlägt das Institut. Fortan gelten Branden und seine Vertrauten als Abtrünnige. Der unversöhnliche Dualismus, der die Romane von Ayn Rand charakterisiert, gut und böse, richtig und falsch, Helden und Parasiten, ist auch ein fester Bestandteil ihres realen Lebens: Wer nicht zum engsten Kreis der Bewunderer gehört, der ist gegen sie und wird verachtet. Take 11 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 20 Mit dem Bruch von Nathaniel Branden war klar, es gibt eine andere Schule und daraus hat sich mehr entwickelt. Und der reine Kern, der sich heutzutage unter dem Ayn Rand Institute subsumiert und die auch die Schriften verwalten, die reine Lehre, also keine Interpretationen zulässt außer dem, was Ayn Rand kommuniziert hat, das ist von vornherein so angelegt und das widerspricht eigentlich komplett dem Denken. Sprecherin: Die Atlas Society von Branden und Co gegründet und das Ayn Rand Institute verbreiten bis heute die Lehren von Ayn Rand. Denn die akademischen Philosophen an den Universitäten haben ihre Theorie nie als Philosophie akzeptiert. Zu wenig systematisch, zu viele Argumentationslücken. Der Verbreitung von Rands Ideen schadet das aber nicht, ganz im Gegenteil. Umweht von dem Mythos der verkannten Wahrheit werben ihre Anhänger bis heute um den akademischen Nachwuchs, die politische und wirtschaftliche Elite und umgarnen millionenschwere Unternehmer. In Deutschland lädt das Ayn-Rand-Institute mit der Seite Entdecke Ayn Rand dazu ein, sich mit der Schriftstellerin und ihrer Philosophie des Objek¬tivismus auseinanderzusetzen. Take 12 (O-Ton aus Interview ARI) L. 0, 30 My philosophy objectivism holds that 1. reality exists as an objective absolute. Facts are Facts, independent of man´s feelings, hopes, wishes or fears . 2. Reason the faculty which identifies and integrates the material provided by man´s senses is man´s only means of perceiving reality, his only source of knowledge, his only guide to action and his basic means of survival. Sprecher: Fakten sind Fakten sagt Ayn Rand in dieser Aufnahme von 1962 und diese Erkenntnis sei das elementare Zentrum ihrer Philosophie. Deshalb sei der Name ‚Objektivismus‘ zutreffend. Vernunft ist das Werkzeug, um diese Fakten zu erkennen, aber auch die einzige Quelle um überhaupt zu Erkenntnissen zu gelangen; zu wissen, was getan werden muss und letztendlich der einzige Weg, um zu überleben. Musik (als Trenner) Sprecherin: 1957 veröffentlicht Ayn Rand ihren zweiten großen Roman. 14 Jahre lang hat sie an ihrem intellektuellen Vermächtnis gearbeitet, Atlas Shrugged gilt als ihr Hauptwerk. In den USA erreicht sie damit endgültig Kultstatus, monatelang steht das über 1.000 Seiten starke Buch auf den Bestseller-Listen. Take 13 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 30 Sie war so eine Art Popstar würde man heute sagen und was ihr Verdienst ist, die Philosophie, die schon da war in den USA, der Libertarismus hat ja eine alte Tradition (…) das hat sie so formatiert zusammen mit ihrem russischen Background und dem nihilistischen Moment in ihrer Philosophie, so formatiert, dass es in einem Roman verpackt allgemein zugänglich und gut verständlich ist, (…) diese Form der Literatur, den Roman zu wählen und nicht ein philosophisches Sachbuch zu schreiben, das hat den Erfolg ihres Denkens nach sich gezogen. Sprecherin: In Atlas Shrugged, auf Deutsch aktuell unter dem Titel Der Streik erschienen, fragt Ayn Rand, was passiert, wenn die rationalen Egoisten, also die unabhängigen Denker, die Unternehmer, Kapitalisten und Helden, streiken? Dann bräche das ganze System, auf dem die kapitalistischen freien Gesellschaften ruhen, zusammen: Zitator: „Wir sind die Ursache all der Werte, nach denen es euch gelüstet, wir, die wir den Prozess des Denkens vollziehen, das heißt Identitäten definieren und Kausalzusammenhänge entdecken. ((Wir haben euch gelehrt zu wissen, zu sprechen, zu produzieren, zu begehren und zu lieben.)) Ihr, die ihr die Vernunft fahren lasst – würden wir sie nicht erhalten, wärt ihr nicht in der Lage, eure Wünsche zu erfüllen oder auch nur zu verspüren.” S. 1119 Sprecher: Diese Worte schmettert die Hauptperson John Galt den Trittbrettfahrern entgegen. Er erklärt, warum die Kapitalisten genug davon haben, für die anderen aufzukommen. John Galt hat den Streik der Unternehmer ins Leben gerufen, weil er sich von der falschen Moral der Gesellschaft nicht länger knebeln lassen will. Wenn die Leistungsträger von der Gesellschaft gezwungen würden, nicht mehr Herr ihrer eigenen Ideen und Taten zu sein, und das alles unter dem Dogma des Altruismus, dann müssten sie sich verweigern. Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Altruismus seien Irrwege, erklärt John Galt als Sprachrohr Ayn Rands pathetisch. Take 14 (O-Ton Dietz) L: 0, 30 Gutes Leben bedeutet für Rand, man sollte nie für andere leben und das auch nie von anderen verlangen. Rand wollte mit ihrem Kampf für den Egoismus im Sinne von Eigeninteresse, den Gedanken zum Ausdruck bringen, dass es nicht verwerflich, sondern natürlich und wünschenswert ist, wenn jeder Mensch nach seinem Glück strebt. Das jeder Mensch ein Recht darauf hat, Nutznießer seiner Handlungen zu sein und nicht zum Nutzen anderer instrumentalisiert zu werden. ((Dass ein gesundes Verhältnis zu anderen Menschen ein gesundes Verhältnis zu sich selbst voraussetzt. Und dass der Wunsch nach Selbstaufopferung pathologische lebensfeindliche Züge aufweist.)) Sprecherin: Dass nicht alle Menschen in der Lage sind, ein vernunftgeleitetes unabhängiges Leben zu führen, hat Ayn Rand komplett ausgeblendet. In ihrer dualistischen Gegenüberstellung von Parasiten und Egoisten, von Trittbrettfahrern und Individualisten, hat sie unterschlagen, dass es Alte, Kranke und Kinder gibt, die darauf angewiesen sind, dass andere für sie da sind, die unterstützen, finanzieren und helfen. Musik (als Trenner) Sprecher: Zweifel an den eigenen Erkenntnissen scheint Ayn Rand keine gehabt zu haben. Zumindest sind keine überliefert. Sie erlebte sich als Star, der es geschafft hat, den amerikanischen Traum in Reinkultur zu leben. Von der russischen Immigrantin zur Millionärin und Vorzeige-Intellektuellen der radikalen Marktliberalen. Als Philosophin in einer Reihe mit den ganz großen der Geschichte, wie sie in einem Interview sagte: Take 15 (O-Ton Wildhagen) L. 0, 10 Drei Philosophen gibt es, auf die man sich berufen kann: Aristoteles, Thomas von Aquin, Ayn Rand, drei A´s! Sprecherin: ((Ayn Rand mischte sich mit ihren Anhängern auch in die amerikanische Politik ein. Ronald Reagan beispielsweise war ihr zu lasch, er vertrat nach ihrer Meinung keinen echten Kapitalismus. Gleichzeitig hat die Atheistin es aber auch ihren Anhängern, den konservativen Amerikanern, nicht nur leichtgemacht, sie zu verehren und zu bewundern: Denn sie verurteilte weder Abtreibungen noch Homosexualität.)) 1974 erkrankte die Kettenraucherin an Lungenkrebs. Und ließ sich, obwohl sie zeitlebens gegen den Wohlfahrtsstaat gewettert hatte, auf Kosten der staatlichen Krankenversicherung operieren. Allerdings anonym – unter falschem Namen. Sie lebte dadurch noch bis 1982. Ihre Anhänger schmückten den Sarg bei ihrer Beerdigung mit einem imposanten Blumengebinde in Form des Dollarzeichens. Und bis heute gilt sie den Neoliberalen in den USA als Ikone des freien Marktes und Hüterin der einzig wahren Freiheit.

  • Schlittenhunde - Abenteurer auf vier Pfoten

    29.02.2024 · 21 Min.

    Schlittenhunde sind robust und wahre Energiebündel. Diese Eigenschaft, die die Völker des hohen Nordens ihnen angezüchtet haben, macht sie zum unentbehrlichen Gefährten der Menschen in den arktischen Regionen. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2014) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Detlef Kügow Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Jürgen Stolz, Schlittenhundsportler; PD Dr. Cornelia Lüdecke, Expertin für die Geschichte der Polarforschung; Veronika Grahammer M.A., Ethnologin, Völkerkundemuseum München. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK & HUNDEGEBELL ERZÄHLERIN: Penzing bei Landsberg am Lech, bayerisches Voralpenland. Auf dem Pullachhof wohnt der Schlittenhundsportler Jürgen Stolz mit seinen 18 Sibirian Huskies. Mit ihnen hat er schon viele Rennen bestritten, ist mehrfacher Europa- und Weltmeister. Jürgen Stolz liebt seinen Sport auch deswegen, weil die Hunde so begeistert mitmachen. MUSIK ENDE 1 O-TON JÜRGEN STOLZ BAND Band 11/0.56 Dem Sibirian Husky ist das voll angeboren. Also, ich hab jetzt noch keinen Hund gehabt, den ich zu irgend etwas hätte auffordern müssen. Wir haben das große Glück, wir haben einen wunderschönen Hof, wir können von Haus aus trainieren, und da sehen die jungen Hunde, wie das geht. Die sind die ersten zwei drei Mal recht schüchtern. Aber wenn du mit einem Hund gut umgehst, gut mit ihm redest, ihn jetzt nicht tadelst irgendwie, und ihm danach noch Leckerlis gibst und ihm sagst, hey, das hast du gut gemacht, dann wird der mit der Zeit so mutig, dass der sich freut. Die Hunde explodieren in der Früh. Die freuen sich, wenn die eingespannt werden. Das Geschirr an, die wissen, es geht los, das ist für den Hund das Allerallergrößte. Da kommt lange nichts danach. ERZÄHLERIN: Jürgen Stolz bietet auf seiner Homepage Workshops und Erlebnistage für alle an, die sich für seine Hunde und seinen Sport interessieren. Die Hunde freuen sich, wenn Besuch kommt, sie sind Menschen gegenüber aufgeschlossen, verspielt und verschmust. Diese Kombination aus Temperament, Kraft und Freundlichkeit fasziniert Jürgen Stolz schon seit 20 Jahren. 2 O-TON STOLZ BAND 11/2.40 Das Aussehen vom Hund. Er ist sehr wolfsähnlich. Er ist ein sehr stolzer Hund, der einen starken Willen hat. Die Art von ihm. Wie er mit einem schmust, wie er einen anschaut, er wird ja auch viel als Therapiehund eingesetzt. Das stolze, natürliche Wesen, es ist einfach nicht so ein untertäniger Hund. Geräusch HUSKY BELLT ERZÄHLERIN: Obwohl er so aussieht: Der Husky ist kein Wolf. Wäre er einer, wäre er zum Schlittenziehen ungeeignet. Dazu braucht es Eigenschaften, die durch Zuchtauswahl verstärkt werden: Zugkraft, Freude an der Arbeit, Freude am Fressen - Rennen verbraucht ja viel Energie -, ein verträgliches Wesen. Alle Schlittenhundrassen, Huskies, Samojeden, Malamutes und Grönlandhunde, stammen von den Arbeitshunden der arktischen Völker ab, die bis heute in Grönland, Nordkanada, Alaska und Sibirien leben. Schon vor 5.000 Jahren, als die Eskimos aus Sibirien nach Alaska einwanderten, waren Schlittenhunde dabei. Bis zur Erfindung von Motorschlitten und Flugzeug sicherte der Hund das Überleben des Menschen in den Regionen nördlich des Polarkreises; ohne Hund hätte der Mensch viele Gebiete überhaupt nicht besiedeln können. In den Geschichten der Eskimos hat die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund eine übernatürliche Dimension. MUSIK ZITATOR: "Zwei Männer gingen mit ihrer Hündin auf Eisbärenjagd. Hinter ihnen brach das Eis, und sie trieben lange auf dem Ozean. Beide wurden Ehemänner der Hündin. Die Hündin war trächtig, als das Eis abermals brach. Sie wurde von den Männern getrennt und geriet, den Wellen preisgegeben, in ein fernes Land. .... Bald auch brachte sie drei Junge zur Welt, zwei davon waren Welpen, das dritte aber war ein Menschenkind, ein Junge." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Auch wenn es sich etwas merkwürdig anhört: Ehen, also Vermischungen zwischen Mensch und Tier kommen in Eskimo-Legenden häufig vor. Die tierische Sphäre ist einfach omnipräsent in einer pflanzenarmen Gegend, in der man ohne Tiere nicht überleben kann. Kaum erwachsen, spannt der Menschenjunge Hundemutter und Hundebrüder vor einen Schlitten und fährt in das Land der Menschenfresser, die er im Handumdrehen unschädlich macht. Ein gutes Gespann ist eben zu allem fähig und durch nichts zu ersetzen. In der traditionalen Gesellschaft signalisierte es den hohen sozialen Status seines Besitzers, sagt die Ethnologin Veronica Grahammer. Sie ist auf arktische Völker spezialisiert und arbeitet im Münchner Völkerkundemuseum unter anderem im museumspädagogischen Bereich. 3 O-TON GRAHAMMER 5.06 Wenn ein Jäger ein Schlittenhundeteam hat, dann muss er die ja ernähren, er muss also nicht nur für seine Familie auf die Jagd gehen, sondern er muss natürlich auch die Hunde füttern. ERZÄHLERIN: In den Vitrinen des Völkerkundemuseums, das eine sehr große Arktis-Sammlung hat, finden sich auch zahlreiche Schlittenmodelle. 4 O-TON GRAHAMMER 49:00 Ein guter Schlitten wird aus Holz gebaut, aber Holz ist ein wertvolles Rohmaterial in der Arktis. Das ist nur als Treibholz in der Regel zu bekommen. Was alle Schlitten gemeinsam haben, ist, dass sie unglaublich gut gefedert sind und dass sie keine festen Verbindungen haben. ... Weil es ja immer unebenes Terrain ist. Oft sind da Eisblöcke oder Steine im Weg, da könnte der Schlitten brechen, das will man natürlich unbedingt vermeiden und versucht daher, nie was zu nageln, sondern alles wird mit Lederbändern verbunden. ERZÄHLERIN: Die Hunde laufen entweder im Tandem, jeweils zwei nebeneinander .. 5 O-TON GRAHAMMER 6.49 ... das ist mehr in Alaska der Fall, oder in Sibirien. In der Zentralarktis, in Kanada also oder in Grönland, werden sie fächerförmig angebunden. Das heißt, der stärkste Hund hat die längste Leine, die anderen laufen neben ihm. Es gibt immer einen Anführer unter den Schlittenhunden, die haben eine ganz klare Rangordnung, wer ist der Stärkste, der Anführer, der Leiter. MUSIK ERZÄHLERIN: Müheloses Gleiten in Hochgeschwindigkeit über verschneite Eisflächen, das kam im Alltag der Eskimos eher selten vor. Meistens war der Schlitten so schwer bepackt, dass die Menschen mit anschieben und den Hunden vorausgehen mussten, um in den endlosen Weiten ohne Spur und Straße die Richtung zu weisen. Zügel kennt so ein Schlittenhund nicht, er reagiert auf Zuruf - oder auch nicht. MUSIK Ende 6 O-TON GRAHAMMER 49:00. Und wenn der Schlitten schwer war und man hatte eine schwierige Stelle, dann musste man erst mal den ganzen Schlitten abladen, den Schlitten über die schwere Stelle drüberbringen und dann wieder aufladen, und wenn man Pech hatte, dann sind die Hunde losgelaufen, bevor man fertig war. ERZÄHLERIN: Durchgebrannte Hunde suchen, das ist kein Vergnügen bei 40 Grad minus, das ist lebensbedrohlich, vor allem wenn sie Teile des Haushalts mit sich schleifen. Eskimos waren vor der Zerstörung ihrer traditionalen Lebensweise zu großen Teilen Nomaden, da sie vom Jagen lebten und ihren Beutetieren folgen mussten. Schlitten dienten als Transportmittel nicht nur auf der Jagd, sondern auch auf Reisen. 7 O-TON GRAHAMMER 22.18 Reisen mit einem Schlittenteam kann man am besten im frühen Herbst, wenn das Meer anfängt, zu überfrieren. Dann ist es auf der Meeresoberfläche relativ glatt, und man hat eine gute Grundlage. Was ein bisschen schwierig ist, wenn noch kein Schnee draufliegt, weil das Meereseis bildet so scharfe Kristalle, und da können sich die Hundepfoten sozusagen verletzen. Das heißt, man wartet, bis eine Schneeschicht drauf ist, und dann kann man auf Reisen gehen. HUSKY jault ERZÄHLERIN: Die dichte Unterwolle ihres Fells schützt sie auch bei Minustemperaturen bis zu 40, 50 Grad Celsius vor dem Erfrieren. 9 O-TON GRAHAMMER 15.45 Bei all meinen Reisen nach Alaska hab ich das gesehen, die Hunde bleiben draußen, da kommt nicht einmal eine Pfote in irgendein Wohnzimmer. Das ist irgendwie nicht vorstellbar, das macht für die Eskimos keinen Sinn, dass sie das tun. Einzige Ausnahme ist die Hündin, die gerade geworfen hat, die kommen ins Haus. Und die Welpen, die werden auch sehr geschützt, die werden oft in der Kapuze getragen wie ein Baby, die Kinder schleppen sie natürlich rum, und oft ist es so, wenn der Welpe ein gewisses Alter hat, dass ein Kind diesen Welpen bekommt und ihm dann sofort ein Geschirrchen macht und ihn anspannt. Die Hunde lernen von klein auf, etwas zu ziehen, und sehen das natürlich auch, dass die anderen das machen. ERZÄHLERIN: Bei aller Liebe: Hunde, die nicht spuren, haben meist kein langes Leben. Heute nicht, da die Schlittenhunde in der Arktis hauptsächlich für touristische Zwecke und den populären Rennsport benötigt werden, und früher erst recht nicht. Starke Gespanne waren in der traditionalen Eskimo-Gesellschaft überlebensnotwendig und teuer im Unterhalt; Rücksicht auf schwächere Tiere war da nicht möglich. Ein guter Hund zeichnet sich dadurch aus, dass man ihn auch zum Jagen brauchen kann. Am Atemloch einer Robbe stehen, Witterung aufnehmen, herausfinden, ob die Robbe noch in der Nähe ist oder nicht; so etwas kann nur ein Hund. 10 O-TON GRAHAMMER 11. 49 Und was der Jäger dann tut, wenn er verstanden hat, das ist jetzt eines, das vor kurzem noch in Gebrauch war: Er bringt den Hund also zurück, der muss weit weg sein, und stellt sich vor dieses Atemloch und wartet. Und wenn die Nahrungssituation eng ist, dann auch mal 24 Stunden. Das muss er dann aushalten. MUSIK ERZÄHLERIN: Eskimos wissen, wie man in Eis und Schnee überlebt. Die europäischen Polarfahrer der frühen Neuzeit nicht. Die rechneten mit paradiesischen Zuständen, mit Fabelwesen und Reichtümern am Ende der Welt, fanden eine Eiswüste vor und waren zu hochmütig, um von den verachteten Ureinwohnern zu lernen. So manche Expedition in die Arktis begann mit hochgerüsteten Schiffen und nahm ein grausames Ende in Kannibalismus und Hungertod. MUSIK ENDE 11 O-TON LÜDECKE 4.20 Man sagt eigentlich, dass erst Ende des 19. Jahrhunderts Expeditionen aufgetreten sind, die bewusst von der dort lebenden Urbevölkerung gelernt haben zu überleben und zu reisen, allein damit sie auch weniger Ressourcen mitnehmen mussten, sie mussten auch lernen zu jagen, überhaupt essbare Tiere zu finden ... ERZÄHLERIN: ... sagt die Meteorologin Cornelia Lüdecke, Privatdozentin an der Universität Hamburg mit dem Schwerpunkt Geschichte der Polarforschung. Was die Polarfahrer am meisten faszinierte, waren die Eskimohunde, und bald hatten sie selber welche und stellten Eskimos in ihre Dienste, die mit ihnen umzugehen wussten. Viele Erfolge, die sich die Nordpolfahrer stolz an ihre Brust hefteten, sind eigentlich dem Sachverstand der Eskimos zu verdanken. Die Hunde hatten für alle Beteiligten nur Vorteile. 11 a O-TON LÜDECKE18:00 Wenn man Hunde dabei hat, hat man auch Freunde dabei. Ein Hund ist einfach immer ein netter Kamerad. Unterwegs bekommen sie Nachwuchs. Das ist ein psychologisches Moment, wenn man überwintert und dann auch seine Freude an den Hunden haben kann. Hunde können fantastisch gut in diesem Schnee laufen, sie haben natürlich auch den Vorteil, dass wenn ein Hund stirbt, wenn er getötet wird, kann er als Futter für die anderen Hunde verwendet werden. Wenn aus irgendeinem Grund die Nahrung für die Hunde ausfällt, können sie auch Hundefleisch essen. MUSIK ERZÄHLERIN: Am Südpol gab es keine Unterstützung durch Einheimische, denn die Antarktis ist menschenleer. Der Norweger Roald Amundsen gewann den Wettlauf zum Südpol, weil er Hunde dabei hatte, als Zugtiere und als Nahrungsreserve. Immer dann, wenn ein Vorratsschlitten leer geworden war und zurückgelassen werden konnte, wurden überzählige Hunde geschlachtet und verfüttert. Amundsen und sein Team erreichten den Südpol am 14. Dezember 1911; alle kamen wohlbehalten zurück. Sein Konkurrent, der Brite Robert Falcon Scott, setzte auf mandschurische Ponys und Motorschlitten, erreichte den Pol 35 Tage später und starb mit seinen Männern auf dem Rückweg einen qualvollen Tod. Alle Ponys waren zugrunde gegangen, die Motorschlitten längst kaputt, und die halb verhungerten Männer mussten ihre Schlitten bis zur völligen Entkräftung selber ziehen. Cornelia Lüdecke beschreibt die Hintergründe dieses dramatischen Wettlaufs in ihrer spannenden Amundsen-Biografie. MUSIK Ende 12 O-TON LÜDECKE 7:05 Amundsen hat ja nichts anderes gelernt als Polarforschung, und er wusste, wie extrem wichtig Hunde sind, denn nur mit Hunden konnte man sich gut auf Schnee vorwärtsbewegen, das hat er selbst auf der Durchquerung der Nordwestpassage mitgekriegt, weil er dort engen Kontakt mit Inuit hatte, sodass er sein Fortbewegungssystem ganz auf Hunde gebaut hat. Und sie entsprechend wie ein Hochleistungsmotor von Rennautos sehr gut gepflegt hat, gute Nahrung gegeben hat, dass sie stark sind und gut trainiert sind. Scott war ja ein Marineoffizier. Er hat das Bewusstsein für Hunde als Fortbewegungsmittel nicht gehabt, er hat es nicht gelernt, er ist ja von England aus in die Antarktis gefahren, ohne jegliche Polarerfahrung. ERZÄHLERIN: Es gab noch einen Grund, warum Scott sich gegen Hunde entschied: Der britische Tierschutz machte sich in der Zeit vor seiner Abfahrt gerade gegen die Verwendung von Hunden bei Tierversuchen stark. Scott wollte Hundeleid vermeiden, um sein Image nicht zu beschädigen. 12 a O-TON LÜDECKE 9:09 Genau zwischen seiner ersten und zweiten Expedition gab es riesige Revolten in London, weil bei einer Vivisektion ein Hund gestorben ist, dem man dann ein Denkmal gesetzt hat. Und dieses Denkmal musste dann auch abgebaut werden, weil die Proteste zu groß waren. Es war zu diesem Zeitpunkt politically völlig incorrect, Hunde gezielt zu töten. Und so konnte er ein System wie Amundsen nicht aufbauen, mit vielen Hunden starten und dann gezielt auch Hunde zu töten, um sie als Futter an die anderen Hunde weiterzugeben. Das konnte Scott überhaupt nicht machen. ERZÄHLERIN: Amundsen hatte diesen öffentlichen Druck nicht. Das Fleisch geschlachteter Hunde hielt sein Team stark und leistungsfähig, auch die Menschen, die sich gerne mal ein Stück Hundelende gönnten. Die Hunde waren da weniger wählerisch, schreibt Amundsen in seinem Buch "Die Eroberung des Südpols". MUSIK ZITATOR AMUNDSEN: "Das Einzige, was von so einer Hundemahlzeit übrig blieb, waren die Zähne des Opfers, und wenn die Hunde einen anstrengenden Tag hinter sich hatten, verschwanden auch diese." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Anstrengende Tage gab es viele. Die überlebenden Hunde waren nicht zu beneiden. Rückblickend gibt Amundsen zu, dass er ihnen viel zu viel zugemutet hat. MUSIK ENDE ZITATOR AMUNDSEN: ["Ich glaube auch sagen zu dürfen, dass ich meine Hunde unter normalen Verhältnissen herzlich lieb hatte, und dieses Gefühl war ganz gewiss gegenseitig. Aber die Verhältnisse hatten eben allmählich aufgehört, normal zu sein. Oder war ich selbst vielleicht nicht mehr normal? Ich habe später oft gedacht, es sei wirklich so gewesen.] Die tägliche Mühe und Arbeit und das Ziel, das ich nicht aufgeben wollte, hatten mich roh gemacht. Denn roh war ich, als ich diese fünf Skelette zwang, den allzu schwer beladenen Schlitten zu ziehen. Noch geht mir ein Stich durchs Herz, wenn ich an die Klagelaute denke, die Thor, ein feiner, glatthaariger Hund, während des Marsches ausstieß, was ein Hund sonst bei der Arbeit nie tut. Aber ich verstand seine Sprache nicht, wollte sie vielleicht nicht verstehen. Vorwärts wurde er getrieben - vorwärts, bis er umfiel. Als wir ihn zerlegten, fanden wir, dass seine Brust ein einziges großes Geschwür war." ERZÄHLERIN: Die Vorstellung vom begeistert dahinstürmenden Schlittenhund, der Seite an Seite mit dem Menschen seiner inneren Berufung folgen darf, ist ein Idealbild, das selten zutrifft. Wie alle Arbeitstiere mussten auch Schlittenhunde sich dem Ehrgeiz der Menschen unterwerfen und einen hohen Preis zahlen. An der Wende zum 20. Jahrhundert standen sie im Dienst der Goldsucher, die in der Zeit des Goldrausches nach Alaska und Kanada strömten. Jack London hat der Kraft und Ausdauer dieser Hunde, aber auch ihren Leiden, in seinen Romanen ein Denkmal gesetzt. Aus "Ruf der Wildnis": MUSIKAKZENT MUSIK ZITATOR LONDON: "Ihr Elend war so groß, dass sie die Schläge, die auf sie niederfielen, nicht mehr spürten. Der Schmerz kam ihnen nur mehr schwach und verschwommen zum Bewusstsein. Alles, was sie sahen und hörten, schien sehr weit weg von ihnen zu sein. Sie waren nur mehr ein Haufen Knochen, in denen ein schwacher Lebensfunke zuckte. Wenn sie angehalten wurden, dann fielen sie wie tot hin, bis die Hiebe sie auf kurze Zeit wieder auf die Beine brachten." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Einen gewaltigen Popularitätsschub erfuhren die Schlittenhunde im Jahre 1925, als im kleinen Ort Nome im Westen Alaskas die Diphterie ausgebrochen war. Das rettende Serum befand sich 1.000 Meilen entfernt in Anchorage. Straßen gab es nicht, in einem Flugzeug wäre das Benzin gefroren. Schlittenhunde waren die letzte Rettung für die Menschen von Nome. Das ganze Land, die ganze Welt verfolgte die Berichterstattung im Radio über den Verlauf des Rennens. Das Unternehmen gelang, trotz schlechten Wetters und widriger Umstände. Am 2. Februar 1925 kam die letzte Staffel mit Leithund Balto an der Spitze in Nome an. Balto ist bis heute ein amerikanischer Held, und im Central Park in New York erinnert ein Denkmal an ihn mit der Inschrift: HUNDEGEBELL & MUSIK ZITATOR: "Gewidmet dem unbeugsamen Geist der Schlittenhunde, der diese über rauhe Eisflächen, tückische Gewässer und durch arktische Schneestürme trug, um dem gepeinigten Nome im Winter 1925 durch ein Gegengift zu helfen. Ausdauer - Treue - Intelligenz." ERZÄHLERIN: Schlittenhundrennen sind bis heute der Nationalsport Alaskas. Wenn das Iditarod stattfindet, das über weite Strecken der Route des Serum-Rennens folgt, sitzt die Bevölkerung vor den Bildschirmen und fiebert mit. Das Iditarod gilt als das längste und härteste Schlittenhundrennen der Welt, über 1800 Kilometer durch kaum berührte Natur. Erfolgreiche Musher - das ist der Fachausdruck für Schlittenhundführer - sind Hochleistungssportler und Perfektionisten in der Betreuung ihrer Hunde, Akrobaten auf den Schlittenkufen, die während des Rennens nächtelang kein Auge schließen und, wenn‘s sein muss, stehend auf den Kufen schlafen. MUSIK ENDE Der Lohn der Mühe sind Ruhm und ein hohes Preisgeld, das einen Ehrgeiz beflügelt, der das Leistungsvermögen der Hunde oft genug überstrapaziert. MUSIK Jürgen Stolz, der bayerische Musher aus Penzing, betreibt den Sport als Hobby und hat nicht die Möglichkeit und auch nicht den Ehrgeiz, in diese Dimensionen vorzustoßen. MUSIK C1480480036 ENDE 13 O-TON STOLZ 11/9:09 Das ist halt ganz was anderes. Das ist halt dann ein Fulltime-Job. Die sind ja nur am Trainieren, die trainieren ja fast das ganze Jahr durch. Die sind im Sommer teilweise am Gletscher und fahren da Kreuzfahrtgäste und sind beim Lachsfischen, damit sie Geld verdienen. Das ist eine ganz andere Hausnummer. ERZÄHLERIN: In Europa ist das höchste der Gefühle der Alpentrail in Italien, der sich über 300 Kilometer erstreckt. Den hat Jürgen Stolz auch schon gewonnen. Aber es macht seiner Meinung nach Sinn, sich auf Sprintrennen zu konzentrieren. 14 O-TON STOLZ 9:40 Letztes Jahr sind wir den Alpentrail gefahren und waren danach auf einer Sprint-Europaschaft und haben da eins auf den Deckel bekommen, weil die Hunde einfach noch zu müde waren. Sie haben nicht gewusst, wie lange fährt der jetzt mit uns, fährt der wieder 60 Kilometer oder fährt der jetzt nur 18. Und da hat der Hund sich immer ein Päuschen im Hinterkopf gehalten und hat nicht hundert Prozent Vollgas gegeben, und da sind wir dann bloß sechster geworden. Das möchte ich wiedergutmachen. Meiner Meinung nach zählt man am meisten im Sprint, gerade auf Weltmeisterschaften. Da hat man den besten Namen, da ist die meiste Konkurrenz. ERZÄHLERIN: Wer den Schlittenhundsport aktiv betreiben will, braucht viel Zeit, Platz und Geld. So mancher hat sich da schon überschätzt. Die Hunde leiden, wenn sie zu wenig Bewegung und Zuwendung bekommen, sie leiden, wenn sie weiterverkauft werden. Bei Jürgen Stolz genießen alte Hunde ein behagliches Rentnerdasein auf dem großen, sicher umzäunten Grundstück, und die Aktiven freuen sich, wenn der langweilige Sommer endlich vorbei ist und die Rennsaison beginnt. 15 O-TON STOLZ 11. 43 Das ist das Größte für die Hunde, das ist unglaublich. Die flippen total aus, die Hunde. Die springen in die Seile, die springen einen Meter hoch, obwohl sie angebunden sind vorne und hinten, also am Schlitten schon. Das ist ihr Leben. HUNDEGEBELL ERZÄHLERIN: Ein liebevoll betreuter Wettkampfhund ist besser dran als ein unausgelasteter Familienhusky, der seinen Bewegungsdrang nicht ausleben kann. 16 O-TON STOLZ 13.29 Wenn du mit dem Hund nichts machst, ist der Sibirian Husky der voll falsche Hund. MUSIK ERZÄHLERIN: Bleibt nur zu hoffen, dass sich der organisierte Schlittenhundsport seiner Verantwortung gegenüber diesen liebenswerten Tieren bewusst bleiben. 17 O-TON STOLZ 10.34 Wir müssen uns alle denken, wir arbeiten ja nicht mit Motoren oder mit Maschinen, die man dann wegwerfen kann. Es sind Hunde, es sind Lebewesen. Es sind meine Freunde, ohne die ich nicht leben kann. MUSIK ENDE

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