Vordenkerin eines entfesselten Kapitalismus - Ayn Rand
06.03.2024 · 23 Min.
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Ayn Rand war eine Schriftstellerin und Philosophin, die von Russland in die USA floh. Dort entwickelte sie ihre Thesen eines radikalen, entfesselten Kapitalismus: Ein Staat müsse sich auf eine Minimalversion reduzieren lassen. Von Daniela Remus (BR 2019)
Credits
Autorin dieser Folge: Daniela Remus
Regie: Axel Wostry
Es sprachen: Thomas Albus, Diana Gaul, Johannes Hitzelberger
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Bernhard Kastner
Im Interview:
Prof. Alexander Dietz, Wirtschaftsethiker, Hochschule Hannover;
Dr. Christian Wildhagen, Politikwissenschaftler, Hamburg
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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:
Sprecherin:
2007 stürzt die Welt in eine globale Finanzkrise. 2008 folgt der Zusammenbruch wichtiger US-Großbanken, mit Folgen weltweit. In Deutschland wünschen sich die Menschen, dass der Staat den Finanzsektor dauerhaft stärker kontrolliert. Auch in den USA interveniert die Regierung, aber viele US-Bürger halten diese Einmischung für grund¬verkehrt. Und davon profitieren auch die Erben der russisch-amerikanischen Schriftstellerin Ayn Rand.
Atmo 1 (Geldgeklingel in Kasse)
Sprecher:
Denn die Verkäufe ihres Hauptwerks mit dem Titel Atlas Shrugged, auf Deutsch Der Streik schnellen in diesen Jahren der Finanzkrise deutlich nach oben. Obwohl das Buch ohnehin schon zu den US-amerikanischen Bestsellern gehört. Darin beschreibt Ayn Rand den Zusammenbruch eines Staates, weil die kapitalistischen Unternehmer nicht länger bereit sind, die Früchte ihres Denkens und ihrer Arbeit mit dem trägen Teil der Gesellschaft zu teilen.
Zitatorin:
„Wir sind im Streik, wir, die Verstandesmenschen. Wir streiken gegen Selbstaufopferung. Wir streiken gegen den Glauben an unverdiente Belohnungen und unbelohnte Pflichten. Wir streiken gegen das Dogma, das Streben nach eigenem Glück sei böse.” (S. 1090)
Musik (Tusch oder ähnlich als Trenner)
Take 2 (O-Ton Dietz) L: 0, 13
Sie ist eine der wichtigsten Stichwortgeberinnen im 20. Jahrhundert für die Politik der USA, sie hat sich klar für einen Minimalstaat ausgesprochen, für ein marktwirtschaftliches System in einem radikalliberalen Sinne.
Sprecherin:
Alexander Dietz, Wirtschaftsethiker an der Hochschule Hannover.
Take 3 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 10
Rationalität ist ein Ausgangspunkt, dann das Eigennutzstreben, auch die menschliche Selbstliebe, der Mensch handelt ausschließlich zu seinem eigenen Nutzen, es gibt keine altruistischen Motive.
Sprecherin:
Christian Wildhagen, Politikwissenschaftler, Hamburg.
Musik (Tusch oder ähnlich als Trenner)
Sprecherin:
In den USA sind die Schriften von Ayn Rand Schullektüre und fester Bestandteil der Kultur. So gaben die Teilnehmer einer repräsentativen Studie auf die Frage, welches Buch sie am stärksten beeinflusst habe, an, neben der Bibel sei das Atlas Shrugged von Ayn Rand gewesen. Der Ökonom Alan Greenspan, fast zwei Jahrzehnte lang Vorsitzender der US-Notenbank, huldigt den libertären Ideen Rands bis heute genauso wie die Schauspielerin Angelina Jolie oder die Tea Party Bewegung. Ayn Rand und ihr Einfluss auf die amerikanische Kultur ist in Europa wenig bekannt. In den USA aber ist sie die Ikone des freien Marktes, die begeisternde Vordenkerin eines entfesselten Kapitalismus.
Musik (russisch-jüdisch früh es 20.Jahrhundert)
Sprecher:
1905 wird Ayn Rand als Alissa Sinonwjewna Rosenbaum geboren. Ihr Vater ist Apotheker, die Familie lebt in St. Petersburg ein bürgerliches und wohlhabendes Leben. Die Familie ist zwar jüdisch, der Glaube spielt aber im täglichen Leben keine große Rolle. Ayn Rand ist gerade 12 Jahre alt …
Musik (die Internationale) hinterlegen
Sprecher:
… als Im Februar 1917 Arbeiteraufstände die russische Zarenherrschaft endgültig beenden. In der Folge enteignen die Bolschewiken auch Familie Rosenbaum, die verarmt auf die Krim flieht und erst Jahre später zurückkehrt nach St. Petersburg, das jetzt Petrograd heißt. 1921 beginnt Ayn Rand dort Geschichte und Philosophie zu studieren. Aber sie lehnt das kommunistische Regime ab, hofft gemeinsam mit ihrer Familie, dass die Monarchie treuen Kräfte vielleicht doch noch einmal den Umsturz rückgängig machen können. Als sie Ende 1925 ein befristetes Ausreisevisum erhält, um Verwandte in den USA zu besuchen, nimmt Ayn Rand das zum Anlass, Russland für immer zu verlassen.
Atmo (Schiffshupen, Hafenatmo) darüber
Sprecherin:
Anfang 1926 ist sie vier Wochen mit dem Schiff unterwegs, dann erreicht sie Manhattan.
Atmo (Schiffshupen, Hafenatmo) darüber
((Take 4 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 17
Dann fiel diese negative Erfahrung auf etwas ganz Positives in den USA, das freiheitliche Denken, die Ankunft in New York, das muss überwältigend gewesen sein da die Skyscraper zu sehen, aus Europa kommend, weil man diese Form der Gebäude gar nicht kannte, das hat sie glaube ich ganz stark geprägt und in etwas ganz anderes geworfen, eigentlich in das Gegenteil dessen, was sie erlebt hat. ))
Sprecherin:
Kaum angekommen in der Neuen Welt ändert die 21Jährige ihren Namen: Aus Alissa Rosenbaum wird Ayn Rand. Nach kurzem Aufenthalt bei ihren Verwandten geht sie zielstrebig in den Westen, nach Hollywood. Dort versucht sie sich in den 20er und 30er Jahren als Drehbuchautorin. Sie heiratet einen Schauspieler und schafft schließlich 1943 mit ihrem zweiten Roman den langersehnten Durchbruch: The Fountainhead, heißt das Buch. Zu deutsch: Der ewige Quell oder die Urquelle. Der Hamburger Politikwissenschaftler Christian Wildhagen, der wissenschaftlich zu Ayn Rand gearbeitet hat, erklärt den Aufbau des Romans:
Take 5 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 30
Das gesamte Plot (…) ist schon sehr russisch angelegt, mit der Komplexität des Plots mit der Anzahl von Akteuren an Handlungen, die Handlungsstränge sind miteinander sehr verwoben. Das finden wir bei Dostojewski, bei Turgenjew oder Tolstoi (…) das ist schon sehr russisch. Dass dann durch diese Heldenfiguren, die sie kreiert, fast schon cineastisch anzulegen, das mag sich entwickelt haben durch die Zeit als Drehbuchautorin in Hollywood. Es entstehen ja bei jeder Lektüre Bilder, aber bei ihr in einer ganz anderen Form, weil man den Film quasi schon sieht.
Sprecher:
The Fountainhead wird trotz der russischen Komplexität des Stoffs in Hollywood verfilmt. Ayn Rand schreibt sogar das Drehbuch. 1949 kommt die Geschichte in die Kinos, der damalige Superstar Gary Cooper spielt die Hauptrolle.
Musik (schnulzig 40er Jahre oder Titelmusik) hinterlegen unter Sprecher
Sprecher:
Hauptperson ist der talentierte Architekt Howard Roark, der sich weigert, Kompromisse zu machen, um an lukrative Aufträge zu kommen. Deshalb muss er die Uni ohne Abschluss verlassen, und in einem Steinbruch arbeiten, um zu überleben. Als er schließlich doch die Chance erhält, als Architekt ein Projekt zu planen und der Auftraggeber seine Pläne nicht umsetzt, sprengt Roark das Haus in die Luft. Im Gerichtsprozess beruft er sich auf seine schöpferische Kraft. Er wird freigesprochen. Howard Roark ist jetzt gesellschaftlich akzeptiert, wird ein gefeierter Stararchitekt und heiratet seine große Liebe.
Musik (schnulzig 40er Jahre oder Titelmusik) Ende
Sprecherin:
Den Roman, so Christian Wildhagen, hat Ayn Rand Anfang der 40er Jahre nicht nur als Plädoyer für die Freiheit des Individuums geschrieben, sondern auch als Kritik an der US-amerikanischen Innenpolitik: Präsident Roosevelt hatte den New Deal beschlossen, mit starken Kontrollen für die Wirtschaft, was Ayn Rand als sozialistisch kategorisch ablehnte. Ihre Idee eines funktionierenden Wirtschaftssystems knüpft an die Ideen des Libertarismus des 18. und 19. Jahrhunderts an: Der Staat müsse sich auf ein Minimum wie äußere und innere Sicherheit beschränken. Politik und Wirtschaft gehörten getrennt. Höchstes Gut sei nicht die Gemeinschaft, sondern das einzelne Individuum. Dessen Freiheit dürfe nicht durch Wohlfahrtsansprüche der Gesellschaft begrenzt werden. Solidarität, staatliche Unterstützung für Arme, Alte und Schwache durch Steuererhebungen seien unzumutbare Eingriffe in die Freiheit der Individuen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem müsse sich frei entfalten können, ohne jegliche Intervention des Staates. Typisierte Personen wie die Hauptfigur Howard Roark im Roman The Fountainhead zeigen, worauf es Ayn Rand im Kern ankommt: Auf individuelle Autonomie, Selbstverwirklichung und Egoismus, erklärt der Wirtschaftsethiker Alexander Dietz von der Hochschule Hannover:
Take 6 (O-Ton Dietz) L: 0, 20
Alle ihre Romanhelden sind groß, schön, stark, gesund und die anderen Menschen leben auf Kosten von denen letztendlich mit. Und man muss eben aufpassen, dass man den Starken nicht zu viele Kosten aufbürdet, sonst sind sie eben irgendwann nicht mehr so leistungsfähig und so hilfsbereit und dann ist es für alle schlechter.
Sprecher:
Das Personentableau in Rands Romanen ist zweigeeilt. Sie zeigt menschliche Stereotype: Einerseits gibt es die Helden, die wie der Architekt Howard Roark starke und selbstbewusste Individuen sind. Diese Personen bezeichnet Ayn Rand als Schöpfer, im amerikanischen Original creator. Die Gegenspieler dieser edlen Helden sind angepasste Jasager. Also Menschen, die keine eigenen Ideen haben, die sich bequem an das halten, was ihnen vorgegeben wird. Ayn Rand bezeichnet sie als Parasiten oder Trittbrettfahrer, im Original parasite oder second-hander. Diese Menschen haben den Altruismus zur Moral erhoben und beuten damit seit Jahrhunderten die starken und schöpferischen Menschen aus, so Rand:
Take 7 (O-Ton Dietz) L. 0, 18
Sie weist jede Einschränkung individueller Freiheitsrechte zugunsten des Gemeinwohls zurück und sie fordert, dass der einzelne Mensch seine Identität und sein Selbstwertgefühl an seinem individuellen Verstand und seiner individuellen Leistung und nicht an der Zugehörigkeit zu irgendwelchen Kollektiven festmachen sollte.
Sprecherin:
Denn: Der Mensch sei nicht etwa ein soziales oder gar politisches Wesen, sondern ein Egoist, sagt Ayn Rand. Und das sei kein Makel, wie die meisten Menschen annehmen, sondern eine zutreffende und realistische Beschreibung. Die vorherrschende christlich geprägte Moralvorstellung von Nächstenliebe und Altruismus sei in Wirklichkeit zutiefst unmoralisch, weil beide gar nicht existierten.
Die Norm, altruistisch zu sein, mitfühlend und hilfsbereit, sei ein moralischer Mythos, der in eine Sackgasse führe. Und im extremsten Fall in den Kommunismus bolsche¬wis¬ti¬scher Prägung. Deshalb gelte es, diesen Mythos mithilfe der Vernunft zu entlarven und zu überwinden. Wenn jeder an sich selbst denke und die eigenen Interessen verfolge, dann sei an alle gedacht, so Rand. Denn erstens entspreche der Altruismus nicht der menschlichen Natur und zweitens verhindere das altruistische Dogma, die eigene Individualität zu entfalten. Rands Anhänger behaupten deshalb bis heute: „Altruism is evil” – Altruismus ist böse!
Take 8 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 28
Soziale Gedanken hat sie in gar keiner Form, (…) außer bei denen, die sie ablehnt. Sie hat eine ganz dualistische Figurenstruktur in ihren Romanen, die einfach zu erkennen ist. Da gibt es die Altruisten, die Kollektivisten, eigentlich man könnte auch sagen, die Kommunisten, also all das, was sie in Russland erfahren hat, das findet sich in jedem Werk. Und dann die Helden, die rationalen Egoisten, die Individualisten, die, wie sie die nennt, die „creators”, die anderen sind die „Secondhander”, die Trittbrettfahrer, die aus zweiter Hand leben, von den Schöpfern.
Sprecher:
Der Mensch ist nach Ayn Rand ein Egoist, so der Politikwissenschaftler Christian Wildhagen. Denn Eigennutz und das Verfolgen egoistischer Interessen seien durch und durch rational. Nur durch die menschliche Vernunft sei es möglich, Erfindungen, Erkenntnisse oder Dinge zu produzieren. Exemplarisch sagt das die Hauptfigur in ihrem Hauptwerk Atlas Shrugged:
Zitator:
„Ihr schreckt nicht vor der Selbsterniedrigung zurück, mit dem Begriff Mensch den Schwächling, den Narren, den Lumpen, den Lügner, den Versager, den Feigling und den Betrüger zu meinen, aber den Heros, den Denker, den Produzenten, den Erfinder, den Starken, den Zielbewussten, den Reinen aus der Menschheit auszuschließen – als wäre Fühlen menschlich, Denken aber nicht, als wäre Versagen menschlich, Erfolg aber nicht, als wäre Unredlichkeit menschlich, Tugendhaftigkeit aber nicht.“ (S. 1132)
Sprecher:
Jeder Mensch habe demnach die Möglichkeit, zwischen zwei Lebensformen zu wählen: Als Schöpfer unabhängig, frei und rational zu sein, oder als Parasit von den Ideen der anderen zu leben. Diejenigen, die sich nichts trauten, die nur das umsetzten, was andere von ihnen erwarten, die sogenannten Trittbrettfahrer, behinderten die egoistischen Individuen und nutzten sie sogar aus. Egoismus bedeutet in Rands Theorie also nicht das, was wir um¬gangs¬sprachlich heute darunter verstehen. Es geht um die Entfaltung der individuellen kognitiven Fähigkeiten, nicht darum, andere zu übervorteilen oder auszubooten, sagt Alexander Dietz, der eingehend zu ihrer Wirtschaftstheorie gearbeitet hat:
Take 9 (O-Ton Dietz) L: 0, 16
Grundsätzlich spielt das Kognitive in ihrem Menschenbild eine ganz besonders große Rolle. Also man kann sagen, bei Rand haben wir eine einseitige Fokussierung auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Die Denkfähigkeit und die Angewiesenheit auf das Denken machen den Menschen aus für Rand.
Sprecherin:
Der Vernunftbegriff ist reduziert auf die technisch-rationale Seite der Vernunft, die Ayn Rand als ein Werkzeug ansieht, um konkrete Zwecke zu erreichen. In Rands Kosmos vor allem, um Produkte für den Markt und die Konsumenten herzustellen.
((Take 10 (O-Ton Dietz) L:0, 10
Vernunft bedeutet rationaler Egoismus und damit meint sie ein positives Verständnis von gesundem Eigennutz bzw. Eigeninteresse. ))
Musik (als Trenner)
Sprecherin:
Mit dem Erscheinen des Romans Fountainhead steigt Ayn Rand zur herausragenden Stichwortgeberin der Marktradikalen und Libertären in den USA auf. Als Heldin dieser Kapitalismusverfechter ist sie ein gern gesehener Gast in Talk-Shows, hält Vorträge und Radioansprachen. Ein enger Kreis von Anhängern schart sich um die erfolgreiche Schriftstellerin, der sich ironischerweise das Kollektiv nennt. Regelmäßig treffen sich diese Rand-Adepten und hören ihrer Ikone zu, wie sie aus ihren Werken liest oder diskutieren politische Entwicklungen. Als Erken¬nungs¬zeichen dient diesem sektiererischen Kreis ein goldenes Dollarzeichen als Anstecknadel.
Musik (Tusch oder ähnlich)
Sprecher:
Mit einem ihrer Anhänger, dem 25 Jahre jüngeren Nathaniel Branden geht Ayn Rand eine Liebesaffäre ein. Die jeweiligen Ehepartner wissen davon und akzeptieren die Beziehung. Branden gründet gemeinsam mit seiner Ehefrau ein Institut, um Rands Philosophie unter die Leute zu bringen. Als die gefeierte Schriftstellerin aber Ende der 1960er Jahre herausfindet, dass sie nicht die einzige Geliebte ist, verbannt sie den Liebhaber und zerschlägt das Institut. Fortan gelten Branden und seine Vertrauten als Abtrünnige. Der unversöhnliche Dualismus, der die Romane von Ayn Rand charakterisiert, gut und böse, richtig und falsch, Helden und Parasiten, ist auch ein fester Bestandteil ihres realen Lebens: Wer nicht zum engsten Kreis der Bewunderer gehört, der ist gegen sie und wird verachtet.
Take 11 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 20
Mit dem Bruch von Nathaniel Branden war klar, es gibt eine andere Schule und daraus hat sich mehr entwickelt. Und der reine Kern, der sich heutzutage unter dem Ayn Rand Institute subsumiert und die auch die Schriften verwalten, die reine Lehre, also keine Interpretationen zulässt außer dem, was Ayn Rand kommuniziert hat, das ist von vornherein so angelegt und das widerspricht eigentlich komplett dem Denken.
Sprecherin:
Die Atlas Society von Branden und Co gegründet und das Ayn Rand Institute verbreiten bis heute die Lehren von Ayn Rand. Denn die akademischen Philosophen an den Universitäten haben ihre Theorie nie als Philosophie akzeptiert. Zu wenig systematisch, zu viele Argumentationslücken. Der Verbreitung von Rands Ideen schadet das aber nicht, ganz im Gegenteil. Umweht von dem Mythos der verkannten Wahrheit werben ihre Anhänger bis heute um den akademischen Nachwuchs, die politische und wirtschaftliche Elite und umgarnen millionenschwere Unternehmer. In Deutschland lädt das Ayn-Rand-Institute mit der Seite Entdecke Ayn Rand dazu ein, sich mit der Schriftstellerin und ihrer Philosophie des Objek¬tivismus auseinanderzusetzen.
Take 12 (O-Ton aus Interview ARI) L. 0, 30
My philosophy objectivism holds that 1. reality exists as an objective absolute. Facts are Facts, independent of man´s feelings, hopes, wishes or fears .
2. Reason the faculty which identifies and integrates the material provided by man´s senses is man´s only means of perceiving reality, his only source of knowledge, his only guide to action and his basic means of survival.
Sprecher:
Fakten sind Fakten sagt Ayn Rand in dieser Aufnahme von 1962 und diese Erkenntnis sei das elementare Zentrum ihrer Philosophie. Deshalb sei der Name ‚Objektivismus‘ zutreffend. Vernunft ist das Werkzeug, um diese Fakten zu erkennen, aber auch die einzige Quelle um überhaupt zu Erkenntnissen zu gelangen; zu wissen, was getan werden muss und letztendlich der einzige Weg, um zu überleben.
Musik (als Trenner)
Sprecherin:
1957 veröffentlicht Ayn Rand ihren zweiten großen Roman. 14 Jahre lang hat sie an ihrem intellektuellen Vermächtnis gearbeitet, Atlas Shrugged gilt als ihr Hauptwerk. In den USA erreicht sie damit endgültig Kultstatus, monatelang steht das über 1.000 Seiten starke Buch auf den Bestseller-Listen.
Take 13 (O-Ton Wildhagen) L: 0, 30
Sie war so eine Art Popstar würde man heute sagen und was ihr Verdienst ist, die Philosophie, die schon da war in den USA, der Libertarismus hat ja eine alte Tradition (…) das hat sie so formatiert zusammen mit ihrem russischen Background und dem nihilistischen Moment in ihrer Philosophie, so formatiert, dass es in einem Roman verpackt allgemein zugänglich und gut verständlich ist, (…) diese Form der Literatur, den Roman zu wählen und nicht ein philosophisches Sachbuch zu schreiben, das hat den Erfolg ihres Denkens nach sich gezogen.
Sprecherin:
In Atlas Shrugged, auf Deutsch aktuell unter dem Titel Der Streik erschienen, fragt Ayn Rand, was passiert, wenn die rationalen Egoisten, also die unabhängigen Denker, die Unternehmer, Kapitalisten und Helden, streiken? Dann bräche das ganze System, auf dem die kapitalistischen freien Gesellschaften ruhen, zusammen:
Zitator:
„Wir sind die Ursache all der Werte, nach denen es euch gelüstet, wir, die wir den Prozess des Denkens vollziehen, das heißt Identitäten definieren und Kausalzusammenhänge entdecken. ((Wir haben euch gelehrt zu wissen, zu sprechen, zu produzieren, zu begehren und zu lieben.)) Ihr, die ihr die Vernunft fahren lasst – würden wir sie nicht erhalten, wärt ihr nicht in der Lage, eure Wünsche zu erfüllen oder auch nur zu verspüren.” S. 1119
Sprecher:
Diese Worte schmettert die Hauptperson John Galt den Trittbrettfahrern entgegen. Er erklärt, warum die Kapitalisten genug davon haben, für die anderen aufzukommen. John Galt hat den Streik der Unternehmer ins Leben gerufen, weil er sich von der falschen Moral der Gesellschaft nicht länger knebeln lassen will. Wenn die Leistungsträger von der Gesellschaft gezwungen würden, nicht mehr Herr ihrer eigenen Ideen und Taten zu sein, und das alles unter dem Dogma des Altruismus, dann müssten sie sich verweigern. Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Altruismus seien Irrwege, erklärt John Galt als Sprachrohr Ayn Rands pathetisch.
Take 14 (O-Ton Dietz) L: 0, 30
Gutes Leben bedeutet für Rand, man sollte nie für andere leben und das auch nie von anderen verlangen. Rand wollte mit ihrem Kampf für den Egoismus im Sinne von Eigeninteresse, den Gedanken zum Ausdruck bringen, dass es nicht verwerflich, sondern natürlich und wünschenswert ist, wenn jeder Mensch nach seinem Glück strebt. Das jeder Mensch ein Recht darauf hat, Nutznießer seiner Handlungen zu sein und nicht zum Nutzen anderer instrumentalisiert zu werden. ((Dass ein gesundes Verhältnis zu anderen Menschen ein gesundes Verhältnis zu sich selbst voraussetzt. Und dass der Wunsch nach Selbstaufopferung pathologische lebensfeindliche Züge aufweist.))
Sprecherin:
Dass nicht alle Menschen in der Lage sind, ein vernunftgeleitetes unabhängiges Leben zu führen, hat Ayn Rand komplett ausgeblendet. In ihrer dualistischen Gegenüberstellung von Parasiten und Egoisten, von Trittbrettfahrern und Individualisten, hat sie unterschlagen, dass es Alte, Kranke und Kinder gibt, die darauf angewiesen sind, dass andere für sie da sind, die unterstützen, finanzieren und helfen.
Musik (als Trenner)
Sprecher:
Zweifel an den eigenen Erkenntnissen scheint Ayn Rand keine gehabt zu haben. Zumindest sind keine überliefert. Sie erlebte sich als Star, der es geschafft hat, den amerikanischen Traum in Reinkultur zu leben. Von der russischen Immigrantin zur Millionärin und Vorzeige-Intellektuellen der radikalen Marktliberalen. Als Philosophin in einer Reihe mit den ganz großen der Geschichte, wie sie in einem Interview sagte:
Take 15 (O-Ton Wildhagen) L. 0, 10
Drei Philosophen gibt es, auf die man sich berufen kann: Aristoteles, Thomas von Aquin, Ayn Rand, drei A´s!
Sprecherin:
((Ayn Rand mischte sich mit ihren Anhängern auch in die amerikanische Politik ein. Ronald Reagan beispielsweise war ihr zu lasch, er vertrat nach ihrer Meinung keinen echten Kapitalismus. Gleichzeitig hat die Atheistin es aber auch ihren Anhängern, den konservativen Amerikanern, nicht nur leichtgemacht, sie zu verehren und zu bewundern: Denn sie verurteilte weder Abtreibungen noch Homosexualität.)) 1974 erkrankte die Kettenraucherin an Lungenkrebs. Und ließ sich, obwohl sie zeitlebens gegen den Wohlfahrtsstaat gewettert hatte, auf Kosten der staatlichen Krankenversicherung operieren. Allerdings anonym – unter falschem Namen. Sie lebte dadurch noch bis 1982. Ihre Anhänger schmückten den Sarg bei ihrer Beerdigung mit einem imposanten Blumengebinde in Form des Dollarzeichens. Und bis heute gilt sie den Neoliberalen in den USA als Ikone des freien Marktes und Hüterin der einzig wahren Freiheit.
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Auf dem Pullachhof wohnt der Schlittenhundsportler Jürgen Stolz mit seinen 18 Sibirian Huskies. Mit ihnen hat er schon viele Rennen bestritten, ist mehrfacher Europa- und Weltmeister. Jürgen Stolz liebt seinen Sport auch deswegen, weil die Hunde so begeistert mitmachen. MUSIK ENDE 1 O-TON JÜRGEN STOLZ BAND Band 11/0.56 Dem Sibirian Husky ist das voll angeboren. Also, ich hab jetzt noch keinen Hund gehabt, den ich zu irgend etwas hätte auffordern müssen. Wir haben das große Glück, wir haben einen wunderschönen Hof, wir können von Haus aus trainieren, und da sehen die jungen Hunde, wie das geht. Die sind die ersten zwei drei Mal recht schüchtern. Aber wenn du mit einem Hund gut umgehst, gut mit ihm redest, ihn jetzt nicht tadelst irgendwie, und ihm danach noch Leckerlis gibst und ihm sagst, hey, das hast du gut gemacht, dann wird der mit der Zeit so mutig, dass der sich freut. Die Hunde explodieren in der Früh. Die freuen sich, wenn die eingespannt werden. Das Geschirr an, die wissen, es geht los, das ist für den Hund das Allerallergrößte. Da kommt lange nichts danach. ERZÄHLERIN: Jürgen Stolz bietet auf seiner Homepage Workshops und Erlebnistage für alle an, die sich für seine Hunde und seinen Sport interessieren. Die Hunde freuen sich, wenn Besuch kommt, sie sind Menschen gegenüber aufgeschlossen, verspielt und verschmust. Diese Kombination aus Temperament, Kraft und Freundlichkeit fasziniert Jürgen Stolz schon seit 20 Jahren. 2 O-TON STOLZ BAND 11/2.40 Das Aussehen vom Hund. Er ist sehr wolfsähnlich. Er ist ein sehr stolzer Hund, der einen starken Willen hat. Die Art von ihm. Wie er mit einem schmust, wie er einen anschaut, er wird ja auch viel als Therapiehund eingesetzt. Das stolze, natürliche Wesen, es ist einfach nicht so ein untertäniger Hund. Geräusch HUSKY BELLT ERZÄHLERIN: Obwohl er so aussieht: Der Husky ist kein Wolf. Wäre er einer, wäre er zum Schlittenziehen ungeeignet. Dazu braucht es Eigenschaften, die durch Zuchtauswahl verstärkt werden: Zugkraft, Freude an der Arbeit, Freude am Fressen - Rennen verbraucht ja viel Energie -, ein verträgliches Wesen. Alle Schlittenhundrassen, Huskies, Samojeden, Malamutes und Grönlandhunde, stammen von den Arbeitshunden der arktischen Völker ab, die bis heute in Grönland, Nordkanada, Alaska und Sibirien leben. Schon vor 5.000 Jahren, als die Eskimos aus Sibirien nach Alaska einwanderten, waren Schlittenhunde dabei. Bis zur Erfindung von Motorschlitten und Flugzeug sicherte der Hund das Überleben des Menschen in den Regionen nördlich des Polarkreises; ohne Hund hätte der Mensch viele Gebiete überhaupt nicht besiedeln können. In den Geschichten der Eskimos hat die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund eine übernatürliche Dimension. MUSIK ZITATOR: "Zwei Männer gingen mit ihrer Hündin auf Eisbärenjagd. Hinter ihnen brach das Eis, und sie trieben lange auf dem Ozean. Beide wurden Ehemänner der Hündin. Die Hündin war trächtig, als das Eis abermals brach. Sie wurde von den Männern getrennt und geriet, den Wellen preisgegeben, in ein fernes Land. .... Bald auch brachte sie drei Junge zur Welt, zwei davon waren Welpen, das dritte aber war ein Menschenkind, ein Junge." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Auch wenn es sich etwas merkwürdig anhört: Ehen, also Vermischungen zwischen Mensch und Tier kommen in Eskimo-Legenden häufig vor. Die tierische Sphäre ist einfach omnipräsent in einer pflanzenarmen Gegend, in der man ohne Tiere nicht überleben kann. Kaum erwachsen, spannt der Menschenjunge Hundemutter und Hundebrüder vor einen Schlitten und fährt in das Land der Menschenfresser, die er im Handumdrehen unschädlich macht. Ein gutes Gespann ist eben zu allem fähig und durch nichts zu ersetzen. In der traditionalen Gesellschaft signalisierte es den hohen sozialen Status seines Besitzers, sagt die Ethnologin Veronica Grahammer. Sie ist auf arktische Völker spezialisiert und arbeitet im Münchner Völkerkundemuseum unter anderem im museumspädagogischen Bereich. 3 O-TON GRAHAMMER 5.06 Wenn ein Jäger ein Schlittenhundeteam hat, dann muss er die ja ernähren, er muss also nicht nur für seine Familie auf die Jagd gehen, sondern er muss natürlich auch die Hunde füttern. ERZÄHLERIN: In den Vitrinen des Völkerkundemuseums, das eine sehr große Arktis-Sammlung hat, finden sich auch zahlreiche Schlittenmodelle. 4 O-TON GRAHAMMER 49:00 Ein guter Schlitten wird aus Holz gebaut, aber Holz ist ein wertvolles Rohmaterial in der Arktis. Das ist nur als Treibholz in der Regel zu bekommen. Was alle Schlitten gemeinsam haben, ist, dass sie unglaublich gut gefedert sind und dass sie keine festen Verbindungen haben. ... Weil es ja immer unebenes Terrain ist. Oft sind da Eisblöcke oder Steine im Weg, da könnte der Schlitten brechen, das will man natürlich unbedingt vermeiden und versucht daher, nie was zu nageln, sondern alles wird mit Lederbändern verbunden. ERZÄHLERIN: Die Hunde laufen entweder im Tandem, jeweils zwei nebeneinander .. 5 O-TON GRAHAMMER 6.49 ... das ist mehr in Alaska der Fall, oder in Sibirien. In der Zentralarktis, in Kanada also oder in Grönland, werden sie fächerförmig angebunden. Das heißt, der stärkste Hund hat die längste Leine, die anderen laufen neben ihm. Es gibt immer einen Anführer unter den Schlittenhunden, die haben eine ganz klare Rangordnung, wer ist der Stärkste, der Anführer, der Leiter. MUSIK ERZÄHLERIN: Müheloses Gleiten in Hochgeschwindigkeit über verschneite Eisflächen, das kam im Alltag der Eskimos eher selten vor. Meistens war der Schlitten so schwer bepackt, dass die Menschen mit anschieben und den Hunden vorausgehen mussten, um in den endlosen Weiten ohne Spur und Straße die Richtung zu weisen. Zügel kennt so ein Schlittenhund nicht, er reagiert auf Zuruf - oder auch nicht. MUSIK Ende 6 O-TON GRAHAMMER 49:00. Und wenn der Schlitten schwer war und man hatte eine schwierige Stelle, dann musste man erst mal den ganzen Schlitten abladen, den Schlitten über die schwere Stelle drüberbringen und dann wieder aufladen, und wenn man Pech hatte, dann sind die Hunde losgelaufen, bevor man fertig war. ERZÄHLERIN: Durchgebrannte Hunde suchen, das ist kein Vergnügen bei 40 Grad minus, das ist lebensbedrohlich, vor allem wenn sie Teile des Haushalts mit sich schleifen. Eskimos waren vor der Zerstörung ihrer traditionalen Lebensweise zu großen Teilen Nomaden, da sie vom Jagen lebten und ihren Beutetieren folgen mussten. Schlitten dienten als Transportmittel nicht nur auf der Jagd, sondern auch auf Reisen. 7 O-TON GRAHAMMER 22.18 Reisen mit einem Schlittenteam kann man am besten im frühen Herbst, wenn das Meer anfängt, zu überfrieren. Dann ist es auf der Meeresoberfläche relativ glatt, und man hat eine gute Grundlage. Was ein bisschen schwierig ist, wenn noch kein Schnee draufliegt, weil das Meereseis bildet so scharfe Kristalle, und da können sich die Hundepfoten sozusagen verletzen. Das heißt, man wartet, bis eine Schneeschicht drauf ist, und dann kann man auf Reisen gehen. HUSKY jault ERZÄHLERIN: Die dichte Unterwolle ihres Fells schützt sie auch bei Minustemperaturen bis zu 40, 50 Grad Celsius vor dem Erfrieren. 9 O-TON GRAHAMMER 15.45 Bei all meinen Reisen nach Alaska hab ich das gesehen, die Hunde bleiben draußen, da kommt nicht einmal eine Pfote in irgendein Wohnzimmer. Das ist irgendwie nicht vorstellbar, das macht für die Eskimos keinen Sinn, dass sie das tun. Einzige Ausnahme ist die Hündin, die gerade geworfen hat, die kommen ins Haus. Und die Welpen, die werden auch sehr geschützt, die werden oft in der Kapuze getragen wie ein Baby, die Kinder schleppen sie natürlich rum, und oft ist es so, wenn der Welpe ein gewisses Alter hat, dass ein Kind diesen Welpen bekommt und ihm dann sofort ein Geschirrchen macht und ihn anspannt. Die Hunde lernen von klein auf, etwas zu ziehen, und sehen das natürlich auch, dass die anderen das machen. ERZÄHLERIN: Bei aller Liebe: Hunde, die nicht spuren, haben meist kein langes Leben. Heute nicht, da die Schlittenhunde in der Arktis hauptsächlich für touristische Zwecke und den populären Rennsport benötigt werden, und früher erst recht nicht. Starke Gespanne waren in der traditionalen Eskimo-Gesellschaft überlebensnotwendig und teuer im Unterhalt; Rücksicht auf schwächere Tiere war da nicht möglich. Ein guter Hund zeichnet sich dadurch aus, dass man ihn auch zum Jagen brauchen kann. Am Atemloch einer Robbe stehen, Witterung aufnehmen, herausfinden, ob die Robbe noch in der Nähe ist oder nicht; so etwas kann nur ein Hund. 10 O-TON GRAHAMMER 11. 49 Und was der Jäger dann tut, wenn er verstanden hat, das ist jetzt eines, das vor kurzem noch in Gebrauch war: Er bringt den Hund also zurück, der muss weit weg sein, und stellt sich vor dieses Atemloch und wartet. Und wenn die Nahrungssituation eng ist, dann auch mal 24 Stunden. Das muss er dann aushalten. MUSIK ERZÄHLERIN: Eskimos wissen, wie man in Eis und Schnee überlebt. Die europäischen Polarfahrer der frühen Neuzeit nicht. Die rechneten mit paradiesischen Zuständen, mit Fabelwesen und Reichtümern am Ende der Welt, fanden eine Eiswüste vor und waren zu hochmütig, um von den verachteten Ureinwohnern zu lernen. So manche Expedition in die Arktis begann mit hochgerüsteten Schiffen und nahm ein grausames Ende in Kannibalismus und Hungertod. MUSIK ENDE 11 O-TON LÜDECKE 4.20 Man sagt eigentlich, dass erst Ende des 19. Jahrhunderts Expeditionen aufgetreten sind, die bewusst von der dort lebenden Urbevölkerung gelernt haben zu überleben und zu reisen, allein damit sie auch weniger Ressourcen mitnehmen mussten, sie mussten auch lernen zu jagen, überhaupt essbare Tiere zu finden ... ERZÄHLERIN: ... sagt die Meteorologin Cornelia Lüdecke, Privatdozentin an der Universität Hamburg mit dem Schwerpunkt Geschichte der Polarforschung. Was die Polarfahrer am meisten faszinierte, waren die Eskimohunde, und bald hatten sie selber welche und stellten Eskimos in ihre Dienste, die mit ihnen umzugehen wussten. Viele Erfolge, die sich die Nordpolfahrer stolz an ihre Brust hefteten, sind eigentlich dem Sachverstand der Eskimos zu verdanken. Die Hunde hatten für alle Beteiligten nur Vorteile. 11 a O-TON LÜDECKE18:00 Wenn man Hunde dabei hat, hat man auch Freunde dabei. Ein Hund ist einfach immer ein netter Kamerad. Unterwegs bekommen sie Nachwuchs. Das ist ein psychologisches Moment, wenn man überwintert und dann auch seine Freude an den Hunden haben kann. Hunde können fantastisch gut in diesem Schnee laufen, sie haben natürlich auch den Vorteil, dass wenn ein Hund stirbt, wenn er getötet wird, kann er als Futter für die anderen Hunde verwendet werden. Wenn aus irgendeinem Grund die Nahrung für die Hunde ausfällt, können sie auch Hundefleisch essen. MUSIK ERZÄHLERIN: Am Südpol gab es keine Unterstützung durch Einheimische, denn die Antarktis ist menschenleer. Der Norweger Roald Amundsen gewann den Wettlauf zum Südpol, weil er Hunde dabei hatte, als Zugtiere und als Nahrungsreserve. Immer dann, wenn ein Vorratsschlitten leer geworden war und zurückgelassen werden konnte, wurden überzählige Hunde geschlachtet und verfüttert. Amundsen und sein Team erreichten den Südpol am 14. Dezember 1911; alle kamen wohlbehalten zurück. Sein Konkurrent, der Brite Robert Falcon Scott, setzte auf mandschurische Ponys und Motorschlitten, erreichte den Pol 35 Tage später und starb mit seinen Männern auf dem Rückweg einen qualvollen Tod. Alle Ponys waren zugrunde gegangen, die Motorschlitten längst kaputt, und die halb verhungerten Männer mussten ihre Schlitten bis zur völligen Entkräftung selber ziehen. Cornelia Lüdecke beschreibt die Hintergründe dieses dramatischen Wettlaufs in ihrer spannenden Amundsen-Biografie. MUSIK Ende 12 O-TON LÜDECKE 7:05 Amundsen hat ja nichts anderes gelernt als Polarforschung, und er wusste, wie extrem wichtig Hunde sind, denn nur mit Hunden konnte man sich gut auf Schnee vorwärtsbewegen, das hat er selbst auf der Durchquerung der Nordwestpassage mitgekriegt, weil er dort engen Kontakt mit Inuit hatte, sodass er sein Fortbewegungssystem ganz auf Hunde gebaut hat. Und sie entsprechend wie ein Hochleistungsmotor von Rennautos sehr gut gepflegt hat, gute Nahrung gegeben hat, dass sie stark sind und gut trainiert sind. Scott war ja ein Marineoffizier. Er hat das Bewusstsein für Hunde als Fortbewegungsmittel nicht gehabt, er hat es nicht gelernt, er ist ja von England aus in die Antarktis gefahren, ohne jegliche Polarerfahrung. ERZÄHLERIN: Es gab noch einen Grund, warum Scott sich gegen Hunde entschied: Der britische Tierschutz machte sich in der Zeit vor seiner Abfahrt gerade gegen die Verwendung von Hunden bei Tierversuchen stark. Scott wollte Hundeleid vermeiden, um sein Image nicht zu beschädigen. 12 a O-TON LÜDECKE 9:09 Genau zwischen seiner ersten und zweiten Expedition gab es riesige Revolten in London, weil bei einer Vivisektion ein Hund gestorben ist, dem man dann ein Denkmal gesetzt hat. Und dieses Denkmal musste dann auch abgebaut werden, weil die Proteste zu groß waren. Es war zu diesem Zeitpunkt politically völlig incorrect, Hunde gezielt zu töten. Und so konnte er ein System wie Amundsen nicht aufbauen, mit vielen Hunden starten und dann gezielt auch Hunde zu töten, um sie als Futter an die anderen Hunde weiterzugeben. Das konnte Scott überhaupt nicht machen. ERZÄHLERIN: Amundsen hatte diesen öffentlichen Druck nicht. Das Fleisch geschlachteter Hunde hielt sein Team stark und leistungsfähig, auch die Menschen, die sich gerne mal ein Stück Hundelende gönnten. Die Hunde waren da weniger wählerisch, schreibt Amundsen in seinem Buch "Die Eroberung des Südpols". MUSIK ZITATOR AMUNDSEN: "Das Einzige, was von so einer Hundemahlzeit übrig blieb, waren die Zähne des Opfers, und wenn die Hunde einen anstrengenden Tag hinter sich hatten, verschwanden auch diese." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Anstrengende Tage gab es viele. Die überlebenden Hunde waren nicht zu beneiden. Rückblickend gibt Amundsen zu, dass er ihnen viel zu viel zugemutet hat. MUSIK ENDE ZITATOR AMUNDSEN: ["Ich glaube auch sagen zu dürfen, dass ich meine Hunde unter normalen Verhältnissen herzlich lieb hatte, und dieses Gefühl war ganz gewiss gegenseitig. Aber die Verhältnisse hatten eben allmählich aufgehört, normal zu sein. Oder war ich selbst vielleicht nicht mehr normal? Ich habe später oft gedacht, es sei wirklich so gewesen.] Die tägliche Mühe und Arbeit und das Ziel, das ich nicht aufgeben wollte, hatten mich roh gemacht. Denn roh war ich, als ich diese fünf Skelette zwang, den allzu schwer beladenen Schlitten zu ziehen. Noch geht mir ein Stich durchs Herz, wenn ich an die Klagelaute denke, die Thor, ein feiner, glatthaariger Hund, während des Marsches ausstieß, was ein Hund sonst bei der Arbeit nie tut. Aber ich verstand seine Sprache nicht, wollte sie vielleicht nicht verstehen. Vorwärts wurde er getrieben - vorwärts, bis er umfiel. Als wir ihn zerlegten, fanden wir, dass seine Brust ein einziges großes Geschwür war." ERZÄHLERIN: Die Vorstellung vom begeistert dahinstürmenden Schlittenhund, der Seite an Seite mit dem Menschen seiner inneren Berufung folgen darf, ist ein Idealbild, das selten zutrifft. Wie alle Arbeitstiere mussten auch Schlittenhunde sich dem Ehrgeiz der Menschen unterwerfen und einen hohen Preis zahlen. An der Wende zum 20. Jahrhundert standen sie im Dienst der Goldsucher, die in der Zeit des Goldrausches nach Alaska und Kanada strömten. Jack London hat der Kraft und Ausdauer dieser Hunde, aber auch ihren Leiden, in seinen Romanen ein Denkmal gesetzt. Aus "Ruf der Wildnis": MUSIKAKZENT MUSIK ZITATOR LONDON: "Ihr Elend war so groß, dass sie die Schläge, die auf sie niederfielen, nicht mehr spürten. Der Schmerz kam ihnen nur mehr schwach und verschwommen zum Bewusstsein. Alles, was sie sahen und hörten, schien sehr weit weg von ihnen zu sein. Sie waren nur mehr ein Haufen Knochen, in denen ein schwacher Lebensfunke zuckte. Wenn sie angehalten wurden, dann fielen sie wie tot hin, bis die Hiebe sie auf kurze Zeit wieder auf die Beine brachten." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Einen gewaltigen Popularitätsschub erfuhren die Schlittenhunde im Jahre 1925, als im kleinen Ort Nome im Westen Alaskas die Diphterie ausgebrochen war. Das rettende Serum befand sich 1.000 Meilen entfernt in Anchorage. Straßen gab es nicht, in einem Flugzeug wäre das Benzin gefroren. Schlittenhunde waren die letzte Rettung für die Menschen von Nome. Das ganze Land, die ganze Welt verfolgte die Berichterstattung im Radio über den Verlauf des Rennens. Das Unternehmen gelang, trotz schlechten Wetters und widriger Umstände. Am 2. Februar 1925 kam die letzte Staffel mit Leithund Balto an der Spitze in Nome an. Balto ist bis heute ein amerikanischer Held, und im Central Park in New York erinnert ein Denkmal an ihn mit der Inschrift: HUNDEGEBELL & MUSIK ZITATOR: "Gewidmet dem unbeugsamen Geist der Schlittenhunde, der diese über rauhe Eisflächen, tückische Gewässer und durch arktische Schneestürme trug, um dem gepeinigten Nome im Winter 1925 durch ein Gegengift zu helfen. Ausdauer - Treue - Intelligenz." ERZÄHLERIN: Schlittenhundrennen sind bis heute der Nationalsport Alaskas. Wenn das Iditarod stattfindet, das über weite Strecken der Route des Serum-Rennens folgt, sitzt die Bevölkerung vor den Bildschirmen und fiebert mit. Das Iditarod gilt als das längste und härteste Schlittenhundrennen der Welt, über 1800 Kilometer durch kaum berührte Natur. Erfolgreiche Musher - das ist der Fachausdruck für Schlittenhundführer - sind Hochleistungssportler und Perfektionisten in der Betreuung ihrer Hunde, Akrobaten auf den Schlittenkufen, die während des Rennens nächtelang kein Auge schließen und, wenn‘s sein muss, stehend auf den Kufen schlafen. MUSIK ENDE Der Lohn der Mühe sind Ruhm und ein hohes Preisgeld, das einen Ehrgeiz beflügelt, der das Leistungsvermögen der Hunde oft genug überstrapaziert. MUSIK Jürgen Stolz, der bayerische Musher aus Penzing, betreibt den Sport als Hobby und hat nicht die Möglichkeit und auch nicht den Ehrgeiz, in diese Dimensionen vorzustoßen. MUSIK C1480480036 ENDE 13 O-TON STOLZ 11/9:09 Das ist halt ganz was anderes. Das ist halt dann ein Fulltime-Job. Die sind ja nur am Trainieren, die trainieren ja fast das ganze Jahr durch. Die sind im Sommer teilweise am Gletscher und fahren da Kreuzfahrtgäste und sind beim Lachsfischen, damit sie Geld verdienen. Das ist eine ganz andere Hausnummer. ERZÄHLERIN: In Europa ist das höchste der Gefühle der Alpentrail in Italien, der sich über 300 Kilometer erstreckt. Den hat Jürgen Stolz auch schon gewonnen. Aber es macht seiner Meinung nach Sinn, sich auf Sprintrennen zu konzentrieren. 14 O-TON STOLZ 9:40 Letztes Jahr sind wir den Alpentrail gefahren und waren danach auf einer Sprint-Europaschaft und haben da eins auf den Deckel bekommen, weil die Hunde einfach noch zu müde waren. Sie haben nicht gewusst, wie lange fährt der jetzt mit uns, fährt der wieder 60 Kilometer oder fährt der jetzt nur 18. Und da hat der Hund sich immer ein Päuschen im Hinterkopf gehalten und hat nicht hundert Prozent Vollgas gegeben, und da sind wir dann bloß sechster geworden. Das möchte ich wiedergutmachen. Meiner Meinung nach zählt man am meisten im Sprint, gerade auf Weltmeisterschaften. Da hat man den besten Namen, da ist die meiste Konkurrenz. ERZÄHLERIN: Wer den Schlittenhundsport aktiv betreiben will, braucht viel Zeit, Platz und Geld. So mancher hat sich da schon überschätzt. Die Hunde leiden, wenn sie zu wenig Bewegung und Zuwendung bekommen, sie leiden, wenn sie weiterverkauft werden. Bei Jürgen Stolz genießen alte Hunde ein behagliches Rentnerdasein auf dem großen, sicher umzäunten Grundstück, und die Aktiven freuen sich, wenn der langweilige Sommer endlich vorbei ist und die Rennsaison beginnt. 15 O-TON STOLZ 11. 43 Das ist das Größte für die Hunde, das ist unglaublich. Die flippen total aus, die Hunde. Die springen in die Seile, die springen einen Meter hoch, obwohl sie angebunden sind vorne und hinten, also am Schlitten schon. Das ist ihr Leben. HUNDEGEBELL ERZÄHLERIN: Ein liebevoll betreuter Wettkampfhund ist besser dran als ein unausgelasteter Familienhusky, der seinen Bewegungsdrang nicht ausleben kann. 16 O-TON STOLZ 13.29 Wenn du mit dem Hund nichts machst, ist der Sibirian Husky der voll falsche Hund. MUSIK ERZÄHLERIN: Bleibt nur zu hoffen, dass sich der organisierte Schlittenhundsport seiner Verantwortung gegenüber diesen liebenswerten Tieren bewusst bleiben. 17 O-TON STOLZ 10.34 Wir müssen uns alle denken, wir arbeiten ja nicht mit Motoren oder mit Maschinen, die man dann wegwerfen kann. Es sind Hunde, es sind Lebewesen. Es sind meine Freunde, ohne die ich nicht leben kann. MUSIK ENDE
- Otto Lilienthal - Die Eroberung der Luft
28.02.2024 · 22 Min.
Otto Lilienthal steht im Sommer 1891 auf einer Sanddüne nahe Potsdam mit einem selbstgebauten Hängegleiter, nimmt Anlauf - und gleitet 20 Meter durch die Luft, bevor er sicher landet. Ein Meilenstein in der Technikgeschichte. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2013) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Martin Umbach, Rahel Comtesse Redaktion: Brigitte Reimer Im Interview: Dr. Bernd Lukasch, Physiker; Leiter des Otto-Lilienthal-Museums; Mitautor der Lilienthal-Biographie „Erfinderleben“; Fritz Lilienthal (Sohn); Paul Beylich (Assistent); Ella Storbeck (Zuschauerin) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK: CD83313 009 (00‘25‘‘) ERZÄHLERIN: Sonntag, 9. August 1896. Eine Droschke ist unterwegs zu den Rhinower Bergen. Sie befördert einen Herrn mit blondem Vollbart und ein sonderbares, zusammenklappbares Gestell aus Weidenruten und Baumwollstoff. Damit will er gleich vom Berg springen, der bärtige Herr. Man kennt ihn hier gut, den Otto Lilienthal. Er kommt aus Berlin und ist fast jedes Wochenende hier. O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Ich weiß, er war ein sehr lebensfroher Mensch. Kerngesund. Er hätte ja auch seine Flugversuche gar nicht mit 48 Jahren noch machen können, wenn er nicht gesund und gewandt und ein guter Turner gewesen wäre.“ MUSIK: CD83313 009 (00‘55‘‘) ERZÄHLERIN: Fritz Lilienthal, Ottos Sohn, spricht in einer historischen Rundfunkaufnahme über den letzten Tag im Leben seines Vaters. Am Fuß des Gollenbergs wartet Paul Beylich, Lilienthals Assistent. Er hilft beim Aufklappen des so genannten "Normal-Segelapparats", ein oft erprobtes Fluggerät mit zwei leicht gewölbten Flügeln von 6 Meter 70 Spannweite und waagrechten und senkrechten Schwanzflossen zur Lagestabilisierung. Der Pilot schlüpft durch eine Aussparung im Zentrum des Geräts. Er ist nicht angeschnallt, die Unterarme liegen auf gepolsterten Verstrebungen, die in zwei Griffen für die Hände münden. Die Beine baumeln nach unten, durch Bewegungen nach links oder rechts kann Otto Lilienthal das Gerät in der Luft etwas ausbalancieren. Der erste Flug klappt wunderbar. Trotzdem hat Paul Beylich kein gutes Gefühl. Sagt er - Jahrzehnte später im Gespräch mit Reportern. O-TON PAUL BEYLICH: „Weil das nun so windböig war, da hatte ich ihm abgeraten. Aber er sagte zu mir: Beylich, wir machen einen Flug, und dann fahren wir nach Hause.“ ERZÄHLERIN: Am Fuße des Gollenbergs haben sich ein paar Zuschauer eingefunden, die gespannt zuschauen, wie Lillienthal zum zweiten Mal abspringt. Unter ihnen ist das Bauernmädchen Ella Storbeck. O-TON ELLA STORBECK: „Da sah ich denn, wie er eben hochging. Ob es nun durch eine Windböe kam oder was es nun, nun war, na, der Apparat überschlug sich und er stürzte nun senkrecht ins Tal." MUSIK: CD83313 007 (00‘20‘‘) ERZÄHLERIN: Lilienthal liegt mit gebrochener Wirbelsäule im Gras. Er schlägt die Augen auf und spürt seine Beine nicht mehr. Das wird schon wieder gut, glaubt er und scherzt mit dem herbeigeeilten Arzt. Doch als der Schwerverletzte am nächsten Tag in Berlin ankommt, ist er nicht mehr ansprechbar. Am Bahnhof wartet Agnes, Ottos Frau, Als sie ihren Mann sieht, wird sie ohnmächtig. Sie hat vier Kinder, Fritz ist gerade elf. O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Ich weiß, dass wir durch den Bruder meines Vaters erfahren haben, dass er abgestürzt wäre in Stölln, aus – glaube ich – 40 Metern Höhe. Er ist dann in die Bergmann‘sche Klinik gekommen, und meine Mutter ist dann hingefahren, aber wie sie hinkam, war er schon tot. // Seine letzten Worte sollen gewesen sein: // Opfer müssen gebracht werden." ERZÄHLERIN: Diese Worte, obwohl nicht sicher verbürgt, zieren Lilienthals Grabplatte auf dem Berliner Friedhof Lankwitz, sind Teil seiner Legende. War er wirklich der erste fliegende Mensch? Andere haben vor ihm Fluggeräte konstruiert und ausprobiert. Doch er ging als erster sehr systematisch vor, erzielte nachvollziehbarer Erfolge und hinterließ wissenschaftliche Versuchsreihen und Messergebnisse. Seine wichtigste Erkenntnis überhaupt, die Grundlage seines Erfolges, war ... O-TON DR. BERND LUKASCH: „... die Tragfläche, oder das Geheimnis der Tragfläche dem Weißstorch abgeschaut, wenn man’s mal so vergröbern will.“ ERZÄHLERIN: Der Physiker Dr. Bernd Lukasch ist Mitautor der Lilienthal-Biographie "Erfinderleben" und Leiter des Otto-Lilienthal-Museums in dessen Geburtsstadt Anklam. Das liegt in einer weiten Flusslandschaft, in der viele Störche leben. Störche faszinieren Lilienthal sein ganzes Leben lang. Vor allem ihre Fähigkeit, mit ausgebreiteten Flügeln scheinbar mühelos durch die Luft zu gleiten. Er erkennt als Erster, dass sie das nur deshalb können, weil ihre Flügel leicht gewölbt sind. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Die Wölbung, in der steckte so ein bisschen das Geheimnis. Ganz vernünftiger Weise haben die Physiker seiner Zeit gesagt, also ja, das fällt schon auf, diese Wölbung, aber wir müssen erst mal das Prinzip von der Fliegerei überhaupt verstehen, dann können wir uns mit den Feinheiten beschäftigen. Das ist eben ein so ein von der Natur recht gut gehütetes Geheimnis. Wir sind ja fast im Zeitalter von Atomphysik und Quantenphysik, wenn man so schaut, und da hat die Natur sich doch so lange so ein kleines Geheimnis, was ganz klassische Newton‘sche Mechanik ist, bewahrt. Und dass die gewölbte Fläche so eklatant andere Eigenschaften hat als eine Ebene, das war sicher für alle, die sich mit beschäftigt haben, eine Überraschung. Und der Otto Lilienthal hat das den Vögeln durchaus abgeschaut, hat aber dann die ersten tatsächlich verfügbaren Messwerte veröffentlicht.“ MUSIK: CD83313 026 (00‘55‘‘) ERZÄHLERIN: Otto Lilienthal, geboren 1848, begeistert sich von klein auf fürs Fliegen. Sein jüngerer Bruder Gustav auch. Die Mutter liest ihren Kindern Geschichten von mutigen Ballonfahrern vor. So ein Ballon funktioniert nach dem Prinzip "Leichter als Luft", weil er mit Gas oder Heißluft gefüllt ist, beides leichter als die normale Luft. Das zieht den Ballon nach oben. Der Ballon ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Im 19. bemüht man sich darum, sie lenkbar zu machen, mit mäßigem Erfolg allerdings. Otto und Gustav wollen richtig fliegen, selbst bestimmt und mit Körpereinsatz, nach dem Prinzip "Schwerer als Luft", wie die Vögel eben. Sie basteln sich künstliche Flügel aus Holz und laufen damit die Hügel rauf und runter. Klappt nicht? Macht nichts. Otto und Gustav halten fest zusammen und ermutigen sich gegenseitig. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Mein Bruder Gustav war und ist mein zweites Ich. Nicht nur, dass wir von früher Jugend an alle Freuden und alles Leid teilen, alle dummen Streiche und vernünftigen Ideen gemeinsam ausführten, nicht nur, dass wir in gleicher Weise des segensreichen Einflusses unserer vorzüglichen Mutter teilhaftig wurden; auch unsere weitere Selbsterziehung steuerte der gleichen Weltanschauung zu. Viele größere Unternehmungen wurden von uns gemeinsam betrieben.“ ERZÄHLERIN: Als der Vater starb, war Otto 13, Gustav 12, die Schwester Marie noch ein Kleinkind. Die drei hatten noch fünf weitere Geschwister, aber die leben nicht lange. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Nichts ist geeigneter, eine ernste Lebensauffassung zu wecken, als wenn man seine Geschwister kalt und bleich in weißen Gewändern und von Blumen umgeben im Kindersarge liegen sieht.“ ERZÄHLERIN. Vielleicht hat Ottos tiefe Sehnsucht, fliegen zu können, auch etwas mit seiner kindlichen Erfahrung des Todes zu tun. Und mit der Erinnerung an den Vater. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Er war ein ganz Umtriebiger, vielleicht das hatte er dem Otto vererbt, also an allem was um ihn herum passierte, sehr interessiert, vielleicht im falschen Beruf als Kaufmann, also er hat ja angeblich ein Mathematikbuch geschrieben, was nie veröffentlicht wurde, so zum Spaß, hat sich also um technische Neuerungen gekümmert zum Torfabbau in seiner Stadt, und hat sich dann engagiert in der Revolution, was ihn also den Großteil seiner Kundschaft gekostet hat ...“ ERZÄHLERIN: … und die Familie in Armut und Not stürzte. Mutter Caroline Lilienthal, eine ausgebildete Sängerin, intelligent, vielseitig interessiert und musisch begabt, tut nach dem Tod des Vaters alles für ihre Kinder. Sie lässt sie basteln und experimentieren, träumen und umherschweifen, so viel sie wollen. Sie trägt die Kosten, ohne zu murren. Sie ist stolz, als Otto nach der Schule nach Berlin geht. Dort gibt es die Gewerbeakademie, eine hochmoderne Ausbildungsstätte für Maschinenbau-Ingenieure, die im beginnenden Technik-Zeitalter dringend gebraucht werden. Die Anfänge sind hart, denn Otto hat kein Geld. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Ich mietete mir eine Schlafstelle, zusammen mit einem Droschken- und einem Rollkutscher. Der Droschkenkutscher fuhr nachts aus, so dass ich das Bett nur mit dem Rollkutscher zu teilen brauchte." MUSIK: CD83313 012 (00‘45‘‘) ERZÄHLERIN: Berlin um 1866, eine quirlige, überfüllte Großstadt, ein Moloch mit einem ständig wachsenden Industriegebiet. Es ist die große Zeit der Erfinder-Unternehmer, die mit Patenten auf neu entwickelte Geräte viel Geld verdienen. So ein Erfinder-Unternehmer will Otto Lilienthal auch werden. Er bekommt ein Stipendium und kann seinen Bruder Gustav zum Architekturstudium nach Berlin holen. Die beiden wohnen zusammen und konstruieren in ihrer Freizeit einen Flügelschlagapparat, dessen Flügel man in Bewegung setzen kann, indem man zwei Pedale betätigt. Fliegen kann man damit nicht. Deshalb beschließt Otto, das Problem des Flügelschlags erst mal ruhen zu lassen und sich mit dem Gleiten zu befassen. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Als Zwischenschritt. Also er hat gemerkt, dass das mit dem Flügelschlag sicher ne schwierige Sache ist. Und dann hat er sich gesagt: na ja, der erste Schritt ist das, was die Störche ja auch so schön können, die flattern ja auch nicht pausenlos, die halten ihre Flügel ganz still. Das ist der erste Schritt in der Erkenntnis zum Menschenflug. Aber dann war also seine Flugleistungen, die er dann 1893 so erreichte, die waren für ihn eigentlich der Abschluss dieses Gebiets, und dann hat er sich wieder dem Flügelschlag zugewandt. Also die meiste Zeit seiner Forschung hatte er sich eigentlich mit Flügelschlag beschäftigt, kann man sagen, ohne dass er dabei den Durchbruch erreicht hätte.“ ERZÄHLERIN: Gustav interessiert sich auch für die Entwicklung von Spielzeug und für Kunsthandwerk, für Architektur und sozialreformerische Lebens- und Wohnmodelle. Er geht seinen eigenen Weg. An den praktischen Flugübungen des Bruders in späteren Jahren ist er nicht beteiligt. Vom Berg springen, das ist ihm zu gefährlich. Aber in den frühen Phasen ist er immer dabei. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Gustav hat sich dann zurückgezogen, aber z. B. dieses berühmte Buch, das wir heute als Wiegenbuch der Flugzeuggeschichte bezeichnen, also "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst", das ist sicher ein von Otto geschriebenes Buch, aber es steht im Untertitel: Aufgrund zahlreicher von mir und meinem Bruder ausgeführter Versuche.“ ERZÄHLERIN: Nach dem Studium und Einsatz im Deutsch-Französischen Krieg sammelt Otto Lilienthal erste berufliche Erfahrungen als Angestellter, unter anderem im Bergbau bei Krakau. Sein Traum ist eine eigene Fabrik. Und eine eigene Familie. Otto hat sich verliebt. In Agnes, die Tochter eines Bergmanns. O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Er hat ja meine Mutter kennen gelernt auf einem Wohltätigkeitskonzert, wo sie Tenor und Sopran zusammen sangen.“ ERZÄHLERIN: Die Musik verbindet die beiden ein Leben lang und tröstet Agnes oft, wenn sie sich allein gelassen fühlt. Ständig stecken die Brüder zusammen und brüten über gemeinsamen Projekten. Nicht immer geht es ums Fliegen. Gustav hat die Idee, Spielsteine für Kinder zu entwickeln, die nicht aus Holz sind, sondern aus Stein und zum Bauen von Miniaturhäusern gut geeignet. Der Anker-Steinbaukasten wird sehr schön, es gibt ihn heute noch. Nur mit der Vermarktung, da haben die Brüder kein Glück, erinnert sich Ottos Sohn Fritz: O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Er war damals noch ein kleiner Angestellter anfangs bei einer Firma, wie er den erfunden hatte, und da fehlte ihm nur das Geld, Reklame zu machen, das hätte er selber auch gewusst, aber wenn Geld nicht ist, kann man das nicht machen. Richter hat sie ihm abgekauft, und der hat dann die großen Geschäfte gemacht." ERZÄHLERIN: Mehr Glück hat Otto Lilienthal mit der Erfindung des "gefahrlosen Dampfkessels aus Schlangenrohr-Elementen". Ursprünglich ist der Kessel dazu gedacht, einen Flügelschlagapparat in die Höhe zu treiben. Das funktioniert nicht, aber für normale Produktionsprozesse in mittelständischen Unternehmen ist die Maschine durchaus zu gebrauchen. Sie wird patentiert und geht in seiner eigenen, neu gegründeten Fabrik in der Köpenicker Straße 110 dauerhaft in Produktion. Er hat es geschafft. Die Arbeiter schätzen ihren immer freundlichen und fröhlichen Chef. Und sie staunen nicht schlecht, als eines Morgens ein Aushang am Schwarzen Brett eine unerhört hohe Gewinnbeteiligung verspricht. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Um das Interesse meiner Arbeiter an dem Geschäftsbetriebe zu heben und ihnen Gelegenheit zu bieten, ihr Einkommen durch eigenes Zuthun entsprechend ihren Leistungen zu vermehren, beabsichtige ich, unter Fortfall der Akkordarbeiten, Beibehaltung der jetzigen Lohnsätze und der bisherigen Fabrik-Ordnung eine Beteiligung derselben am Reingewissen des Geschäftes und zwar zunächst in Höhe von 25 Prozent desselben einzuführen.“ O-TON DR. BERND LUKASCH: „Angeblich soll es bis zu seinem Tod mit großem Erfolg funktioniert haben. Also diese – auch sein Fachpersonal – denn er hatte ja natürlich, Maschinenbau im boomenden Berlin, da große Konkurrenz, und das war natürlich also nicht nur als soziale Wohltat gedacht, sondern das war natürlich auch Unternehmenspolitik, also seine Facharbeiter an seine Firma zu binden und ihr Interesse an der Qualität seiner Erzeugnisse zu befördern. Das war sicher der Hintergrund. Aber es war natürlich auch ne klar eine soziale Maßnahme, in der er ja ganz vorne stand im Berlin der damaligen Zeit.“ ERZÄHLERIN: Otto Lilienthal engagiert sich auch fürs Theater: Er wird Teilhaber einer kleinen Bühne und sorgt dafür, dass der Eintritt nur zehn Pfennige kostet, damit sich auch Arbeiter das Vergnügen leisten können. Er schreibt eine sozialkritische Posse und schauspielert auch selbst. Anna, die Frau seines Bruders Gustav, ist nicht begeistert. ZITATORIN ANNA LILIENTHAL: „Wer betritt da im Kostüm des Herold die Bühne? Es war unser Otto selbst, der Mann der unbegrenzten Möglichkeiten! Aber hier, als Schauspieler, war er fast unmöglich. Selbst das anspruchslose Publikum lachte ihn aus; wir, seine Angehörigen, saßen wie auf Kohlen. Der einzige, den das Fiasko nicht störte, war er selbst. Frohgemut trat er nach der Vorstellung zu uns und beruhigte uns mit den Worten: ‚Ich werde von nun an öfters spielen, um mich zu üben.‘" MUSIK: CD83313 009 (00‘38‘‘) ERZÄHLERIN: Üben, das gilt auch für die Fliegerei, die Lilienthal Anfang der 1890er Jahre wieder intensiviert. Jetzt beginnt er mit aktiven Flugversuchen. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Was uns bei der Lösung der Flugfrage am meisten fördern kann, das sind zahlreiche und mit Verständnis und Geschick ausgeführte Versuche. Auf dem Papier allein kann überhaupt das Flugproblem nicht reifen. Strenge Wissenschaftlichkeit, gepaart mit hervorragender praktischer Erfahrung, kann allein uns Schritt für Schritt dem Ziele näher bringen." ERZÄHLERIN: Er übt in verschiedenen Gegenden in der Nähe Berlins und steigert seine Flugleistungen von 25 auf 80, schließlich sogar auf 250 Meter. Nicht weit von seinem Wohnhaus hat er sich einen eigenen Übungsberg errichten lassen. O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Ich weiß noch, wie wir immer rausgefahren sind zum so genannten Fliegeberg, den er hat aufschütten lassen. Das ist vielleicht drei bis vier Kilometer von Lichterfelde bei Berlin, wo wir wohnten. Da sind wir mit dem Rad rausgefahren, als Kinder mit ihm und haben da oft zugesehen, haben da gesessen und haben in der Sonne da beobachtet, wie er oben absprang und dann runter, den Berg runterflog.“ ERZÄHLERIN: Zwischen 1891 und 1896 entwirft Lilienthal 16 verschiedene Gleiter, Eindecker und Doppeldecker. Schon auf Zeitgenossen wirken sie rührend altmodisch, so ganz ohne Motor. Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung, die in puncto Fliegen alle Hoffnungen auf die Weiterentwicklung des Ballons setzt, glaubt er fest an das Fliegen nach dem Prinzip "Schwerer als Luft" und konzentriert sich dabei auf die Form der Flügel und aerodynamische Fragen. Die meisten seiner Zeitgenossen halten ihn für einen Spinner. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Er war ja sogar im doppelten Sinne Außenseiter. Also nicht nur, dass er immer noch mit Flügeln also die Vögel nachahmen wollte, obwohl die Wissenschaft längst also das künstliche Produkt Ballon erfunden hatte, sondern unter den wenigen, die sich mit Luftfahrt schwerer als Luft beschäftigten, war er noch mal der Außenseiter, weil er ja gesagt hat: Und das mit dem Motor machen wir später. Also die anderen haben natürlich die Dampfmaschine, dieses moderne Produkt der Technik, versucht an Flügel zu hängen und daraus das Flugzeug zu machen. Und dann kommt der Lilienthal, selbst Kleindampfmaschinenbauer, also genau aus der Richtung kommend, und der sagt dann: Na, das lassen wir erst mal weg, wir springen erst mal vom Berg.“ MUSIK: CD83313 009 (00‘27‘‘) ERZÄHLERIN: Doch zum Glück ist die Momentfotografie gerade erfunden worden. Fotografen pilgern gern zu Lilienthals Flugstätten und schießen spektakuläre Fotos vom fliegenden Menschen. Ihre Fotos gehen um die Welt und zeigen, dass seine Fluggeräte funktionieren. Das verschafft ihm Respekt und bringt ihn seinem Ziel näher, das Fliegen weltweit zu einem populären Sport zu machen. In seiner Fabrik werden Fluggeräte für interessierte Kunden in aller Welt hergestellt. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Man kann sagen, die Flugzeugproduktion, und da war er ja der Erste. Wenn man immer so über den Ersten die Superlative sucht, wenn man einen finden will für den Lilienthal, dann kann man sagen, die erste Serienproduktion eines Flugzeuges in der Geschichte. Wir kennen also neun Käufer, es gibt also ne Aussaget, zwölf Käufer gab es - also vielleicht zwölf Exemplare gebaut und in die Welt geschickt, also durchaus zwischen Moskau und Washington. Also im Hinterzimmer seiner Maschinenfabrik ist also das erste Mal in der Welt ein Flugzeug in Serie gebaut worden, Berlin ist die Stadt, aus der das Flugzeug kommt, und die Berliner wissen’s nicht.“ ERZÄHLERIN: Lilienthal liebt das Fliegen. Er schwärmt vom sanften Dahingleiten über weit ausgedehnte sonnige Bergabhänge. Fliegen wäre gut für alle Menschen, glaubt er. Es würde sie freier machen und menschlicher. MUSIK: CD83313 026 (00‘34‘‘) ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Der Fortschritt der Kultur ist in hohem Maße davon abhängig, ob es dem Menschen jemals gelingen wird, das Reich der Lüfte in eine allgemeine, viel benutzte Verkehrsstraße zu verwandeln. Die Grenzen der Völker würden dann ganz ihre Bedeutung verlieren, weil man sie bis in den Himmel nicht absperren kann. Man kann sich kaum vorstellen, dass Zölle und Kriege dann noch möglich sind. Der ungeheure Aufschwung, den der Verkehr der Völker untereinander nehmen wird, müsste schließlich die Sprachen zu einer Weltsprache mischen.“ O-TON Dr. BERND LUKASCH: „Der Welt umspannende Luftverkehr, den wir heute kennen, das war ne Sache von nicht mal einem halben Jahrhundert, dann war das verwirklicht. Und wie weit wir heute von dem ewigen Frieden gerade mit den Mitteln der Luftfahrt entfernt sind! Da gab es mehrere Revolutionen des Krieges, die gerade mti Hilfe der Luftfahrt stattgefunden haben.“ ERZÄHLERIN: Die Erfindung des Motorfluges geht nach seinem Tod dramatisch schnell. Das Militär investierte enorme Summen in die Entwicklung. Nicht einmal vier Jahrzehnte später sorgten Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg für flächendeckende Bombardements mit Tausenden von Toten. Ein Szenario, das sich Otto Lilienthal nicht vorstellen konnte. O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Was ihn umtrieb, war ja auch nicht der Gesellschaftsflug, wie er sagte, sondern der persönliche Kunstflug. Also das, was man mit dem Fahrrad macht, was ja auch eine Erfindung aus derselben Zeit ist, nicht, also jedermann kann sich Flügel anbinden und kann damit am Wochenende sich in die Luft begeben. Und ja und eine Armee macht sich eben lächerlich, wenn sie um die Verschiebung einer Grenze kämpft, wenn gleichzeitig jeder Mensch frei wie ein Vogel über die Grenze hinweg fliegen kann. So war seine Vorstellung.“ MUSIK: CD83313 009 (00‘37‘‘) ERZÄHLERIN: Noch einen Traum träumte Lilienthal sein Leben lang, dessen Verwirklichung lange Zeit als unmöglich galt: den Flügelschlag der Vögel technisch nachzuahmen. Erst auf der Hannover Messe 2011 wurde der Smartbird vorgestellt - ein Gerät, das wie eine Möwe aussieht und auch genauso fliegt. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Sensationell – also das Publikum erhob sich von den Plätzen. Also ein High-Tech-Erzeugnis, zwei Meter Spannweite, eine ganz große Möwe, die also in perfekter Steuerung in der Lage war, ferngesteuert also im Küstenwind, aber auch im Saal über die Köpfe des Publikums hinweg zu fliegen.“ ERZÄHLERIN: Es gibt also immer noch Überraschungen. Der alte Traum vom Fliegen ist noch nicht zu Ende geträumt…