Wildnis als Kulturgut - Der Trend des Unberührten
03.03.2025 · 22 Min.
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Stets stand Wildnis im Gegensatz zu Kultur und Zivilisation: Kultur war dort, wo die Wildnis überwunden war. Das Wilde galt als chaotisch, gefährlich, bedrohlich. Heute hat Wildnis wieder Hochkonjunktur. Von Geseko von Lüpke (BR 2015)
Credits
Autor dieser Folge: Geseko von Lüpke
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Christian Baumann, Katja Amberger, Carsten Fabian
Technik: Andreas Lucke
Redaktion: Bernhard Kastner
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SPRECHER
Zivilisation!: Straßen, Telefonmasten und vorbeiflitzende Autos, Werbeplakate und Radiogeplärre, Handyklingeln, Hochhäuser, Leitplanken. Planung und Kontrolle. Berge von Daten, die sich aus Medien und Computern im Sekundentakt über uns ergießen, schlagende Bässe aus Lautsprecheranlagen, das Röhren tief fliegender Passagier-Jets, das Jaulen einer Polizeisirene. Überall Geräusche, Worte, Zeichen und Symbole.
ATMO 2: (brechende Wellen, Urwald-Geräusche, Wolfgeheul, Nacht im Wald)
Musik Michael Riessler – Episode 2
SPRECHERIN
Wildnis!: Geräusche von ewig rollenden Wellenbergen, Wind in den Bäumen, Klänge der Nacht im Wald, das archaische Bellen des Rehbocks, der Ruf des Käuzchens. Der Geist nimmt in tiefen Zügen ein Orchester von Eindrücken, von Kräften und Systemen wahr und in sich auf: Sterben und Wiedergeburt rundherum, ein Versprechen von Überraschung, vom Einbruch des Unerwartetem. Empfindungen, die sich den Worten entziehen und eher mit musikalischen Metaphern zu begreifen sind: unhörbare Orchester, in denen alles irgendwie 'richtig' klingt. Töne, die in unserer Psyche widerklingen.
Musik aus
SPRECHERIN
Wir stehen der Natur gegenüber. Und sind selbst aus Natur gemacht. Das Verhältnis des Menschen zur Wildnis ist zutiefst ambivalent, von Widersprüchen durchzogen. Voller Romantik und Heiligkeit einerseits, geprägt von Angst und Furcht andererseits, verwoben mit allen Phasen der menschlichen Kulturgeschichte:
Vom Jäger und Sammler, zum Ackerbauern und Hirten, Landnehmer und Kolonisatoren, bis zum modernen Menschen, der sehnsüchtig auf eine vergangene wilde Welt schaut und in den Ferien in die ‚letzten Paradiese‘ fliegt. Der inzwischen verstorbene Biologe, Ethiker und Philosoph Günther Altner hat diesen Zwiespalt so ausgedrückt:
ZUSPIELUNG Wort 1 (101)
Der Mensch lebt in, mit und gegen die Natur und er ist selber auch Natur. Im Wissen auf diese vielfältigen Züge gibt es natürlich verschiedene Verhältnisse, die gestaltet werden können. Es gibt die Möglichkeit eines möglichen Einklangs, eines möglichen Miteinanderlaufens von natürlicher Regenerativität und menschlichen Nutzungsinteressen. Es gibt die Einstellung der Naturvergessenheit, wo wir aus der Kurzfristigkeit menschlicher Nutzungsinteressen der Natur zu viel zumuten. Das wäre also gegenüber dem symbiontischen System gewissermaßen das ausbeuterische System. Und dazwischen liegen natürlich noch sehr verschiedene andere Varianten.
Musik Boscaglia
SPRECHER
Wildnis hat Hochkonjunktur. Während die letzten Grünflächen versiegelt werden und Google Earth die verborgendsten Landschaften auf den heimischen Bildschirm zaubert, ist ‚die Wildnis‘ längst zur Ware geworden. Treckingläden bieten hoch technisierte Ausrüstung an, Sachbücher thematisieren ‚Wolfsfrauen‘ und ‚wilde Männer‘, Romane erzählen Geschichten auf den Spuren von Robinson und Winnetou. Und auf die letzten scheinbar unberührten Flecken zwischen Nord- und Südpol hat für die ganz Mutigen ein Wettlauf der Touristikunternehmen eingesetzt: Zahllose Urlaubsprospekte bieten Wildnistrips und Abenteuerreisen ‚in die letzten Paradiese‘ an.
SPRECHERIN
Dabei gibt es diese ‚letzten Paradiese‘ eigentlich gar nicht mehr.
Musik aus
Nicht nur ist alles vermessen, sind alle Bodenschätze kartografiert, nahezu alle Kulturen, Pflanzen und Tiere entdeckt und benannt - das einstmals Unbekannte ist jedem verfügbar.
‚Wildnis‘ als das ‚Unberührte‘, ‚Ursprüngliche‘ ist auch nur noch in unseren Köpfen existent. Seit das Pflanzenschutzmittel DDT auch im pazifischen Tahiti Spuren hinterlassen hat und der Gummiabrieb unser Autoreifen, erfasst von Winden, wie ein feiner schwarzer Schnee über Grönland herabrieselt und in Folge mitverantwortlich dafür ist, dass der Eisschild schmilzt, ist die Zivilisation und ihre Hinterlassenschaft überall präsent. Ursprüngliche Wildnis gibt es nicht mehr, sagt Sabine Hofmeister, Professorin für Umweltplanung an der Universität Lüneburg. Sie spricht von der ‚Zweiten Wildnis‘:
ZUSPIELUNG Wort 2 IIB010)
Wir sind inzwischen soweit, dass wir das Klima verändert haben und damit quasi global Natur mitgestalten. Und wir haben Stoffe in die Natur entlassen, die auch an jedem Ort der Welt und in jedem Organismus wiederzufinden sind. Wir glauben, die Natur gebändigt und domestiziert zu haben und genau das Gegenteil passiert. In allem was wir tun, stellen wir zum einen das Produkt her, was wir herstellen wollen. Indem wir Zahnpasta produzieren, produzieren wir nicht nur Zahnpasta, sondern gleichzeitig Stoffe, die sich in Pinguinen einlagern. Oder wir verändern das Klima, indem wir Energie verbrauchen. Dieses Nebenprodukt wird zu etwas, was eben ganz ungebändigt uns wieder gegenübertritt. Aber jetzt nicht mehr als Wildnis der ersten Kategorie, sondern - ich habe es genannt – „die zweite Wildnis“, die Binnenwildnis, die längst drinnen ist, uns aber wie die erste erscheint. Und uns in Form von ökologischen Katastrophen gegenübertritt. Und diese Natur bildet eine Wildheit aus, die der ersten Kategorie in nichts nachsteht, die möglicherweise sogar an Schrecken sehr viel größer sein kann, weil sie eben so unverstanden ist.
Musik Bill Laswell – Into the Void
ATMO 3 (Donner, Starkregen, reißender Fluss)
SPRECHER
Es scheint tatsächlich so, als ob die moderne Zivilisation noch nicht verstanden hat, was sie tagtäglich erschafft. Als hätte sie vergessen, wie sie mit der Natur zusammenhängt. Als wären die kulturellen Schichten der Zivilisationsgeschichte noch nicht reflektiert. Als würde der Mensch, als angemaßter Beherrscher und Kontrolleur der wilden Natur, aus der er stammt, wie Goethes ‚Zauberlehrling‘, die Kräfte, die er rief, nicht wieder los.
Musik aus
Musik Argo‘s Voyage
SPRECHERIN
Um das Phänomen ‚Wildnis‘ zu verstehen und neu zu interpretieren, muss weit in die Kulturgeschichte zurückgegriffen werden. Vielleicht bis in die Anfänge des Menschseins, wo unsere Vorfahren in kleinen Lichtungen einer endlosen wilden Natur lebten, die sie mal als beschenkende, mal als grausam strenge Mutter verehrten. Wo sie mit der Wildnis um ihre Lebensgrundlage kämpften, die selbst ihre Lebensgrundlage war. Da war Natur nichts Besonderes und ‚Wildnis‘ als Kategorie, nicht vorhanden, weil sie überall war. Da war die Erde wie ein Mythos, wie eine größere Wahrheit, in der der Mensch lebte wie der Fötus in der Plazenta.
Musik aus
Der kanadische Medizinmann David Archie vom Stamm der Salish beschreibt die Sichtweise indigener Kulturen auf das ‚wilde Land‘:
ZUSPIELUNG Wort 3 (1/14:40)
Earth is our mother. If earth gives us, everything we need ….
ENGL. O-TON MIT OVERVOICE
Die Erde ist unsere Mutter. Und da sie uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen – Nahrung und Wasser und Luft und ein Zuhause – geht es in allem darum, die Mutter zu respektieren. Wenn wir in die Schwitzhütte gehen, schlüpfen wir zurück in den Bauch von Mutter Erde, um Verbindung mit ihr und dem Schöpfer aufzunehmen. Alles geschieht seit dem Anfang der Zeit in dieser Verbundenheit: Jagen, Fischen, Nahrung sammeln. Mutter Erde hält all das für uns bereit – und sorgt für unser Wohlergehen sowohl physisch wie auch spirituell! …. physically and spiritually.
Musik Loss
SPRECHER
Aufgabe der Kultur war es in den frühen menschlichen Gesellschaften also, mit Ritualen und Zeremonien die Verbundenheit mit dem größeren Ganzen zu pflegen und zu erneuern. Die Welt war wild und groß und unbeherrschbar und der Mensch ein Teil von ihr. Die Spaltung zwischen Mensch und Wildnis begann wohl mit den ersten festen Siedlungen vor 7.000 Jahren. Aus den ersten bäuerlichen Inseln in der primären Wildnis wurden über die Jahrtausende der Zivilisation feste Dörfer und Städte. Wildnis wurde nach und nach in Agrarland umgeformt, der Abschied von der ‚ersten Wildnis‘ begann vor 4.000 Jahren und zog sich bis ins Mittelalter.
Musik aus
Musik Weg wart für Laute solo
SPRECHERIN
Mit Burgen, Stadt- und Klostermauern grenzten sich menschliche Gemeinschaften von der zunehmend als Bedrohung empfundenen Wildnis ab. Hier wohnten die nichtsesshaften ‚wilden Menschen‘ der Märchen und Sagen, die Vogelfreien, deren Mut und Authentizität in Geschichten zwar besungen wurden, vor denen man sich aber schützen musste, wie vor der unberechenbaren Natur.
Musik aus
Musik Regina coelorum für Männerstimmen
Kontrolle durch Kolonisation lautete die Devise der sich ausbreitenden Zivilisation.
Die Kirche spielte dabei eine wichtige Rolle und schuf ein Modell der Landnahme und Zerstörung von Wildnis, dass später auch die Eroberung der III. Welt prägte, so der Religionswissenschaftler Michael v. Brück.
Musik aus
ZUSPIELUNG Wort 4 (3/12:12)
Die Benediktiner sind ja diejenigen, die das ‚ora et labora’ haben und die dann in ihrer reformierten Gestalt als Zisterzienser im gesamten Mittelalter nicht nur die Missionierung, sondern auch die Kultivierung Europas vorangetrieben haben. Also das, was dort Waldwildnis war, urbanisiert haben, bzw. zunächst mal gerodet haben, Felder bestellt haben und die ganzen Weiten Mitteleuropas Richtung Osten eigentlich urbar gemacht haben. Da ist ein Umbruch, da ist ein anderes Verhältnis zur Wildnis da, als wir es in der Frühzeit des Christentums hatten.
SPRECHER
In einem etwa 250 Jahre alten Lexikon der Frühaufklärung ist ‚Wildnis‘ als die Wohnstätte des Wildes definiert ...
ZITATOR
„Wohlanständige Sittsamkeit kann dort keine Wohnung aufschlagen“
SPRECHER
... Wildnis bezeichnet also das Amoralische, Gefahrvolle, Unbehauste, die Natur als Katastrophe, die es abzuwenden galt. Der bedrohlichen Wildnis stand die gefahrlose, heimische Kulturlandschaft gegenüber. Wildnis galt dem Klerus gar als sündig, als Wohnstätte des Teufels und wurde unter dem Schlagwort ‚opus contra naturam‘ dämonisiert – und weiter vernichtet. In der Aufklärung und beginnenden Industrialisierung entstehen anstelle der mitteleuropäischen Wälder kahle, gerodete Heidelandschaften. In der verwüsteten Landschaft wurden Parks und Gärten angelegt, Aufforstungsprogramme schufen die Grundlage für die heutigen Fichten und Kiefernwälder. Gezirkelte Gartenlandschaften unterstrichen den Anspruch absoluter Kontrolle.
SPRECHERIN
Das Bild, was ‚Wildnis‘ ist, veränderte sich über die Jahrhunderte also mehrfach. Aus einem Meer von Wildnis wurden kleine Inseln, die irgendwann zu Naturparks ernannt wurden. Aus einer tiefen Verbundenheit mit der unkontrollierbaren Welt verabschiedete sich die moderne Zivilisation: Die Spaltung zwischen Mensch und Natur, das Gefühl der Abtrennung vom Wilden wurde zur Basis der westlichen Kultur – die eben dort war, wo Wildnis überwunden, ausgegrenzt und erfolgreich besiegt worden war. Die Wildnis war das ‚Andere‘, das ‚Fremde‘, das ‚Triebhafte‘, das ‚Unfertige‘. Und das Ausgegrenzte sagt Rolf Haubl, Professor für Sozialpsychologie in Frankfurt …:
ZUSPIELUNG Wort 5 (IIA 086)
Dieses Ausgeschlossene oder Verdrängte erzeugt im Grunde genommen zwei gegenteilige Reaktionen: Die eine ist, es ausgeschlossen zu lassen und das Ausgeschlossene als bedrohlich zu empfinden. Aber gleichzeitig ist das, was ausgeschlossen ist, auch das, was fasziniert, was dazu führt, dass wir Sehnsüchte danach entwickeln, das Ausgeschlossene kennenzulernen. (II A 093) .... Dann denke ich, ist das Ausgeschlossene ein Stück weit die Auseinandersetzung mit der eigenen Natur, die sich widerspiegelt in der Art und Weise, wie wir mit äußerer Natur umgehen. Insofern wäre Auseinandersetzung mit dem Ausgeschlossenen, also der ‚inneren Wildnis‘ eine Voraussetzung dafür, mit der äußeren Wildnis mit größerer Akzeptanz umzugehen.
SPRECHER
Denn die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation hatte sich längst auch in den Bereich der psychischen Innenwelt des Menschen verlagert. Kultur bedeutete Affektkontrolle und Körperdisziplin. Sigmund Freud hat die innere Wildnis das „Es“ genannt und seine Kontrolle und Unterwerfung durch die Ordnungsmacht des ‚Ich‘ nicht zufällig mit Sinnbildern belegt, die aus dem Bereich der Flurbereinigung, Domestizierung, und Landnahme kommen.
ZITATOR
Es ist der dunkle unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit, den wir als Kessel brodelnder Erregungen erleben. Das ‚Es‘ ist ein Chaos, hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, kennt weder logisches Denken noch Moral. Es ist ein
sumpfiges, morastiges Gebiet, das erst durch die Ich-Entwicklung überhaupt urbar wird.“
SPRECHER
Der Philosoph und Zivilisationskritiker Norbert Elias bezeichnete den Menschen, der sich dann wider seiner Natur entwickelt, als ‚Homo Clausus‘: ein gegenüber der Umwelt abgeschlossener, in sich verschlossener Mensch, vorwiegend ein Mann, dem innere und äußere Natur gleichermaßen fremd geworden ist.
Dieses Menschenbild vermischte sich in der europäischen Kulturgeschichte mit Charles Darwins Evolutionstheorie einer natürlichen Welt, in der sich nur der Stärkste durchsetzt.
Musik John Zorn - Engano
SPRECHERIN
In der deutschen Geschichte des 20.Jahrhunderts floss dieses Denken in Hitlers Faschismus ein. Er glaubte an die „Herrschaft der grausamen Mutter Natur“ und strickte daraus eine Ideologie, in der die angeblich gnadenlosen Gesetze der Wildnis zum Vorbild für einen Kampf Aller gegen Alle wurden. Sieger in diesem Kampf war dann eine diktatorische Herrenrasse, die andere zu ‚Untermenschen‘ erklärte und mit scheinbar ‚natürlichen‘ Recht ihre Vernichtung anordnete. Mit dem Ende seines ‚1.000-jährigen Reiches‘ landete zwar der Faschismus auf dem Müllhaufen der Geschichte, nicht aber die Idee der gnadenlosen Wildnis, der Kontrolle über sie und die Idee der Beherrschung der Natur.
Musik aus
Musik Green Piece
SPRECHER
Eine veränderte Auseinandersetzung sollte erst in den 60er Jahren beginnen, als die junge Nachkriegsgeneration das alte Denken abschütteln wollte. Als die Lockerung der allgegenwärtigen Kontrolle zugunsten einer neuen Erlebnisfähigkeit einsetzte, bekam auch die ‚Wildnis‘ einen neuen Wert. Die globale Bedrohung durch die totale Naturbeherrschung führte zur weltweiten Ökologiebewegung und einer Neubewertung des ‚Wilden‘. Die Sehnsucht des naturfernen Menschen nach der elementaren Natur führte zu einer Wiederentdeckung der Urtümlichkeit der unzerstörten Wildheit als Grundlage des Menschseins. Die ‚unberührte Natur‘ wurde zum idealen Ort, zur heilen Utopie – in der menschlichen Psyche, wie in sozialen Bewegungen, sagt der Psychologe Rolf Haubl:
Musik aus
ZUSPIELUNG Wort 6 (IIA 210)
Ich glaube, ein Stück auch der Fitness-Bewegung, aber auch ein Stück der Wilderness-Bewegung ist die Rückkehr zum Körper um die Erfahrung zu machen,
dass in der Wildnis konkrete Handgriffe konkrete Folgen haben. Und ich dadurch eine Art neues Bewusstsein meiner eigenen Wirksamkeit erlebe. Und wenn man davon ausgeht, dass das Gefühl der eigenen Wirksamkeit eine ganz zentrale Grundlage für das Selbstwertgefühl ist, dann ist die Entwirklichung von Wirklichkeit auch etwas, was unser Selbstwertgefühl ankratzt. Und der Versuch, in Wildnis-Zusammenhängen die körperliche Kraft wieder als Ursache für Wirkungen zu spüren, ist etwas das darüber dann den Selbstwert wieder aufbaut.
SPRECHER
In den letzten 30 Jahren wurde ‚Wildnis‘ wieder gesellschaftsfähig. Abenteurer und Überlebenskünstler gelten als moderne Helden; die Tourismusindustrie lockt erfolgreich in die „letzten Paradiese“, eine ganze ‚Outdoor-Industrie‘ deckt die Bedürfnisse moderner Waldläufer, die Erlebnispädagogik preist den Wert der Wildnis für schulisches Lernen, soziale Therapien und Managementkurse nutzen die Wildnis für Persönlichkeitsentwicklung. Körpertherapien und moderne Psychologie entdecken die wilde Weisheit des Körpers als inneren Wert. Die Befreiung von naturfeindlichen zivilisatorischen Regeln wird zur sozialen Pflicht. Und sogar in Wissenschaft und Forschung bildet sich ein Weltbild aus, in der die Wildnis nicht länger als primitiver blutiger unmoralischer Ort des Kampfes ums Überleben gesehen wird, sondern als Modell für Selbstorganisation, Vernetzung, Kooperation und schöpferische Symbiose.
Musik Katedra Botaniki
SPRECHERIN
Besonders in der modernen Ökologie ist die sich selbst überlassene Wildnis zum Modell dafür geworden, wie komplexe Ökosysteme funktionieren.
Eben nicht nach den mechanistischen Gesetzen der klassischen Physik, wie man lange dachte, sondern eher nach den unberechenbaren Prozessen des Lebendigen, in denen alles ineinandergreift, sich alles gegenseitig beeinflusst, korrigiert, ausgleicht. Wer das übersieht, missversteht das Lebendige, untersucht es nach einer Ideologie des Toten und zerstört die Zusammenhänge, die er nicht versteht.
SPRECHER
Da ist Wildnis quasi zur Matrix eines kooperativen, systemischen und ökologischen Weltbildes geworden. Konsequenterweise muss die Wildnis aus dieser Sicht dann auch geschützt werden.
Dahinter verbirgt sich ein Bewusstseinswandel von kulturhistorischen Ausmaßen: Nachdem sich die menschliche Kultur über Jahrtausende über die Abgrenzung von der Wildnis definierte, wird das Wilde heute zum schützenswerten Kulturgut.
Statt den Menschen als einzigen Erschaffer und Bewahrer des „Guten, Reinen, Schönen" zu sehen und die Wildnis mit Chaos, Unordnung, Schrecken und Gewalt zu assoziieren, wird die Wildnis heute eher als ursprünglich, harmonisch, nachhaltig, vielfältig empfunden. Statt dem Menschen die Aufgabe zuzuschreiben, Gottes scheinbar unvollkommene Schöpfung erst noch zu veredeln, fordert die neue Würdigung der ungezähmten Natur eine neue Rolle des Menschen – die des wachen Beobachters und verantwortungsvollen Gärtners im Netzwerk des Lebens. Wildnis zu bewahren, ist in diesem Kontext ein kulturelles Ereignis, sagt Friedrich Sinner. Er war Direktor des Naturparks Bayerischer Wald:
ZUSPIELUNG Wort 9 (IIIA368)
Das ist eine von uns Menschen getroffene Entscheidung, die genauso Kultur beinhaltet wie die Entscheidung den Kölner Dom zu bauen, eine Sinfonie zu schreiben, ein fantastisches Gemälde zu malen, auszustellen, den Menschen zugänglich zu machen. Es ist eine kulturelle Tat, Nationalparke mit Wildnis zuzulassen.
SPRECHERIN
So ist – kurz vor ihrer endgültigen Zerstörung – die Wildnis neu entdeckt und als wertvolles Modell für Forschung und Erkenntnis verstanden worden. Das ändert nichts daran, dass der Mensch, der sich einst an die Wildnis anpassen musste, heute zum Herrn und Hüter über die verbliebenen wilden Gebiete geworden ist. Er – und nicht länger die Wildnis – ist zur prägenden Kraft des Planeten geworden.
SPRECHER
Der niederländische Nobelpreisträger Paul Crutzen hat das gegenwärtige irdische Zeitalter deshalb das ‚Anthropozän‘, das ‚menschlich gemachte Neue‘ genannt. Das kann bedrohlich klingen, wenn der Mensch die errungene Beherrschung über die Natur missbraucht, tut was er will und die neue große Verantwortung für die Schöpfung nicht begreift, warnt der Berliner Philosoph und Biologe Andreas Weber.
Er sieht die Wiederentdeckung der Wildnis als Chance und Auftrag, Natur und Kultur auf eine neue, gereifte und weise Art zusammenzubringen und das ‚Anthropozän‘ als Chance zu nutzen:
ZUSPIELUNG Wort 10 (4/4:22)
Die Wiederentdeckung von Wildnis kann ja nur heißen, dass wir 'Wildnis' in unseren menschlichen Dingen wiedererkennen und wiederfinden. Dass wir sehen: Es gibt etwas Wildes im Menschen. Und das wir dadurch die Grenze zwischen dem Menschen und dem Anderen niederreißen. Das wäre eine Aufgabe für das Anthropozän. (7:22) Nämlich zu verstehen, dass die Wildheit nicht das Zügellose und das Hemmungslose ist, sondern ein abgestimmtes Netz von Beziehungen.
Musik Katedra Botaniki
Das sehen wir in Ökosystemen. So funktionieren die: Alle müssen etwas geben und dafür kann das Ganze gedeihen. Und das ist für mich ein Modell von Kultur. (11:15) Dann ist es auch ein Modell von gelingenden Beziehungen. Und dann ist es sogar das Modell von Liebe. (8:42) Also man könnte sagen: In der menschlichen Kultur müsste das 'Wilde' unsere schöpferische Aufgabe werden. Nur so können wir eine nachhaltige Welt gestalten. Weil wir nur so im Einklang mit der 'wirklichen Welt' bleiben.
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Und Blätter fressen sie das ganze Jahr über. 04 ATMO Unterricht auf samisch SPRECHERIN In Kautokeino, ganz im Norden Norwegens, gibt es eine besondere Schule: die Schule für Rentierwirtschaft. Hier lernen Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren neben Mathematik und Englisch alles rund um ein Tier, das die Region prägt und perfekt an die arktischen Lebensbedingungen angepasst ist: das Rentier. Hier im Norden der skandinavischen Halbinsel leben die Rentiere halbwild. In großen Herden ziehen sie mit ihren Besitzern umher, die wie Mari Kare und Anders Inger meist der indigenen samischen Bevölkerung angehören. 05 O-TON SCHÜLER Anders Inger 759a OVERVOICE SCHÜLER Anders Inger (schon vorhanden) Man wächst mit den Rentieren auf. Du bist von Anfang an mit dabei, mit der Familie, die ganze Zeit, schon als kleines Baby. SPRECHERIN Im Sommer waren Mari Kare, Anders [Andasch] Inger und ihre Klassenkameradinnen in der Tundra und am Strand unterwegs, haben Pflanzen gesammelt und getrocknet. Jetzt geht es darum, sie zu sortieren und zu bestimmen. Lehrerin Inga Ellen Gaup [Gäüp] unterrichtet Rentier-Biologie, Unterrichtssprache ist Nordsamisch, die Sprache der Urbevölkerung hier in Nordskandinavien. 07 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 701 OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup Heute können wir nicht mehr davon ausgehen, dass die Jugendlichen schon in der Familie alles gelernt haben, was man über Rentierwirtschaft wissen muss. MUSIK „The return of the sun.”; ZEIT: 00:35 SPRECHERIN Die eleganten Tiere mit eindrucksvollem Geweih, kuschligem Fell in verschiedenen Grau- und Brauntönen und großen Rehaugen prägen durch ihre Beweidung die Kulturlandschaft der Finnmark. Seit vielen Jahrtausenden leben Menschen hier als Nomaden von und mit den Rentieren. MUSIK ENDE 08 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 724 OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup Das Rentier ist ein wichtiges Tier, das Menschen mit Essen und Kleidung versorgt und Gesellschaft leistet. Wir nutzen das Rentier auch als Zugtier. Dann kann man mit dem Rentierschlitten fahren, so wie der Weihnachtsmann. Solche Zugrentiere werden speziell gezähmt. SPRECHERIN Die Tiere sind perfekt an ein Leben in der Arktis und Subarktis angepasst – das macht sie auch für die Menschen hier so wertvoll. 09 O-TON Gabriela Wagner 807 (spricht deutsch, keine OV!) Das Gehirn ist darauf angelegt, das Allerbeste aus der Lichtinformation zu machen. Das Timing, die genaue zeitliche Verteilung, wann was passiert im Jahr, das steht im Zentrum von allem, was passiert. SPRECHERIN Gabriela Wagner ist Chronobiologin und arbeitet am Forschungsinstitut NIBIO in Tromsø [Trumsöh]. 10 O-TON Gabriela Wagner 814 Im Gehirn sitzt die biologische Uhr, die sagt: der Tag ist kürzer oder länger als gestern, jetzt müssen wir Fett anlegen, Winterfell wachsen lassen, bald das Geweih loswerden, mehr ruhen, bestimmte Pflanzen essen, viele Pilze, das Gehirn gibt Bescheid, was an den verschiedenen Körperstellen passieren muss. SPRECHERIN Gabriela Wagner forscht unter anderem zur inneren Uhr der Tiere, die mit der Mitternachtssonne im Sommer und der Polarnacht im Winter zurechtkommen muss und die körpereigenen Abläufe steuert. 11 O-TON Gabriela Wagner 816 In der Mitternachtssonne im Sommer und in der Dunkelheit im Winter sind die völlig arhythmisch. Die sind den ganzen Tag und die ganze Nacht aktiv, zumindest in ihrem Verhalten. Aber im Körper drin sind die ganzen physiologischen Vorgänge trotzdem an einem 24-Stunden-Zyklus orientiert. Und das können wir nicht. Da ist vielleicht ein großer Unterschied, dass die Rentiere Wiederkäuer sind. Eigentlich schaut es aus, als ob sie wach sind. Die Augen sind offen, sie können stehen, sie können liegen mit dem Kopf oben. Aber das Gehirn schläft in der Zeit. Und das können wir nicht. Wir können nicht im Büro sitzen und das Gehirn offline aufstellen. MUSIK ZE014880107 „Vårsøg“; ZEIT: 00:45 SPRECHERIN Doch es ist nicht nur das Gehirn, das bei den Rentieren bemerkenswert ist. Ihre Augen passen sich an den Wechsel von Mitternachtssonne und Polarnacht an: eine lichtreflektierende Schicht hinter der Netzhaut ist in der Lage, Struktur und Farbe zu verändern. Diese Umprogrammierung ermöglicht es den Tieren, im Winter auch bei Dunkelheit noch zu sehen, ohne im gleißenden Licht der Mitternachtssonne zu erblinden. Und dann ist da ja noch die Sache mit der Nase. MUSIK ENDE 12 O-TON Gabriela Wagner 809 Ein spannendes Ding ist die Nase. Rudolfs Nase, die berühmte. Die ist, innendrin zumindest, sehr, sehr rot. Die haben ein riesengroßes, kompliziertes Höhlensystem in der Nase drin. Das funktioniert ein bisschen wie eine Wärmepumpe in einem Haus. Wenn es sehr kalt ist, -20°C, wenn du ausatmest, dann weißt du die weiße Wolke, die da kommt, das ist die ganze Feuchtigkeit aus deinem Körper, die kondensiert in der Luft und weg ist. Wenn wir in sehr kaltem Wetter draußen sind, trocknen wir sehr schnell aus. Die Rentiere können in ihrer Nase die kalte Luft reinlassen, kühlen damit ihre Körperluft aus der Lunge ab. Und die Luft, die sie ausatmen, hat dann nur noch 2-3°. Die verlieren fast keine Feuchtigkeit. Und das, was sie einatmen, wird gleichzeitig aufgewärmt. Das ist eine fantastische Konstruktion. SPRECHERIN Auch das Fell ist besonders. Rentierhaare sind hohl, jedes Haar ist dadurch einzeln isoliert. Das garantiert, dass die Tiere nicht erfrieren, auch wenn das Thermometer deutlich unter -40° C rutscht. 13 O-TON Gabriela Wagner 811a Wenn du eine wärmesuchende Kamera aufstellst, die Rentiere wirst du fast nicht sehen. Die tauchen da nicht auf, weil die dermaßen gut isoliert sind. Man sieht eigentlich nur die Augen. Das Fell hat zwei Schichten: die untere Wolle und darüber die dickeren Schutzhaare. Das ist ein extrem guter Wasserschutz. SPRECHERIN Die Nahrung der Tiere: feinste Tundra-Kräuter und Gras, Flechten und Moose und ab und zu frischer, salziger Tang an den Fjorden. Das Herbarium, das die Schülerinnen in Kautokeino anlegen, macht deutlich, wie abwechslungsreich der Speisezettel der Tiere ist. 14 O-TON Gabriela Wagner 804 Rentiere brauchen eher zarte Pflanzen, die weniger Fasern haben. Es sind so ein bisschen Gourmets, die sich ganz genau aussuchen, was sie fressen. SPRECHERIN Die Tiere machen aus dieser Region eine riesige Kulturlandschaft und sorgen dafür, dass die weiten Heidelandschaften nicht verbuschen. Doch als großgewachsener Pflanzenfresser-Gourmet in einer Region zu überleben, in der der Boden rund sechs Monate im Jahr schneebedeckt ist – das fordert eine perfekte Anpassung an die Umwelt. 15 O-TON Gabriela Wagner 803 Die ganze Physiologie von den Rentieren handelt darum, Energie zu sparen und sich langsam zu bewegen, um das Allermeiste aus den Ressourcen zu machen, die sie zur Verfügung haben. Die müssen sie maximal ausnutzen: In erster Linie damit, indem man viel rumsteht und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. SPRECHERIN Selbst im arktischen Winter können die Tiere frisches Gras und Kräuter fressen: Sie benutzen ihre großen Klauen als Schneeschaufeln und graben sich durch den lockeren arktischen Schnee. Wenn die kräftigeren Rentier-Männchen mit ihren Hufen den Schnee weggescharrt haben, kommen die trächtigen Weibchen und jagen sie weg – sie brauchen das Futter dringender. Das funktioniert, weil die Männchen nach der Brunst im Herbst ihr Geweih verlieren, die Weibchen aber ihr Geweih bis nach der Geburt der Kälber im Frühling behalten – es garantiert Schutz und Status der Mütter. 17 ATMO Rentierherde SPRECHERIN Rund 200.000 Rentiere leben heute in der Finnmark, also im nördlichsten Landesteil Norwegens – nicht wild, sondern gut gehütet von ihren samischen Besitzern. 18 O-TON Gabriela Wagner 832 Niemand weiß so viel über Rentiere wie die Sami. Auch nicht wir Wissenschaftler. Und die haben auch dieses Gefühl, das holistische Verstehen. Die haben ein viel tieferes Verständnis dafür, wie ein Rentier funktioniert in Zeit und Raum. ATMO Gesang geht über in MUSIK ZE014880114 „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:37 SPRECHERIN Jedes Rentier, das in Nordnorwegen unterwegs ist, ist Teil einer privaten Herde, die oft aus mehreren hundert Tieren besteht. Die Tiere werden überwacht, vor Wölfen, Bären, Vielfraß und Adlern beschützt, markiert. Da sie sich in den Weidegebieten mit anderen Herden vermischen, müssen die Herden bei großen Rentierscheidungen im Herbst wieder aufwändig getrennt werden. Dazu werden große Rentierzäune gebaut. Eine dieser Herden gehört Henrik Gaup [Gäüp]. 19 O-TON Henrik Gaup 601 OVERVOICE Henrik Gaup Das ist keine Arbeit, kein Job, das ist ein Lebensstil. Das ist eine Identität. SPRECHERIN Henrik ist in zwei Welten zu Hause: als Rentierbesitzer in der Welt der samischen Ureinwohner, als Verwaltungsangestellter der Stadt Tromsø in der westlichen Welt. 20 O-TON Henrik Gaup 602 OVERVOICE Henrik Gaup Job, Arbeit – das ist der westliche Gedankengang. In der Rentierwirtschaft bist du ein Teil einer Symbiose von Natur, Bergen, Mensch, Tieren. Natürlich ist es Arbeit, aber nicht so, wie der moderne Westen Arbeit definiert. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:55 SPRECHERIN Wilde Rentierherden, die in anderen Regionen der Erde leben, sind regelmäßig mehrere tausend Kilometer pro Jahr unterwegs – soviel wie kein anderes Landsäugetier sonst. Hier in Norwegen sind die Wege nicht ganz so weit. Henrik hat seine Tiere zusammen mit den Herden seiner Brüder im Sommer in den Lyngenalpen nördlich von Tromsø. Den Winter verbringen die Tiere an der rund 400 Kilometer entfernten finnischen Grenze. Vier bis fünf Monate im Jahr sind die Rentiere mit Henriks Familie auf dem Weg zwischen den Weidegebieten. 22 ATMO Rentierherde im Wasser SPRECHERIN Manche Familien haben ihre angestammten Sommerweiden auf den vorgelagerten Inseln – die Tiere schwimmen dann durch Seen und Fjorde. Dabei wirkt ihr Fell wie eine Schwimmweste und verschafft Auftrieb. Die weit spreizbaren Hufe, die sie im Winter wie Schneeschuhe einsetzen, nutzen die Tiere beim Schwimmen dank einer Spannhaut wie Flossen. Mehrere Kilometer durchs Meer schwimmen ist für sie kein Problem. Die Besitzer ziehen mit ihnen und wohnen im Sommer an der Küste, im Winter in der inneren Finnmark. In der Rentierwirtschaft bestimmt nicht der Mensch, sondern die Tiere. Und die richten sich nach ihrer inneren Uhr, nach den klimatischen Bedingungen, die in jedem Jahr anders sein können. MUSIK ENDE 23 O-TON Henrik Gaup 605 OVERVOICE Henrik Gaup Da passiert die Kollision zwischen der westlichen Art zu denken, zu planen: Ja, Henrik, du musst ja planen. Den Plan kann ich schreiben, ein Dokument. Aber die Rentiere sind frei. Du kannst versuchen, sie zu kontrollieren, aber du musst dem Rentier folgen auf seiner Wanderung. SPRECHERIN Trotz Handy und GPS, Schnee Scooter und Quad, Hubschrauber und Drohnen haben sich in der Lebensweise der Menschen viele Abläufe seit Jahrhunderten erhalten, die eng mit dem Zug der Rentiere verbunden sind – von der in die Ohren der Tiere geschnittenen persönlichen Markierung bis hin zum saisonalen halbnomadischen Leben im Lavvu [Lahwú], dem traditionellen Zelt – oder im Wohnwagen. Auch die samische Sprache macht deutlich, wie sehr das Leben der Menschen hier von den Rentieren geprägt ist. ATMO Gesang 25 O-TON Rune Normann 903a OVERVOICE Rune Normann Gleich nach der Eiszeit, als das Eis hier geschmolzen ist und sich zurückgezogen hat, sind die Rentiere hinterher gezogen. Das bedeutet auch, dass die Menschen diesen Tieren gefolgt sind. SPRECHERIN Rune Normann [Rüne Nuhrman] ist Archäologe. Er hat sich auf steinzeitliche Felskunst spezialisiert und arbeitet im Museum in Alta. Die Felsritzungen von Alta, UNESCO-Welterbe, sind vor etwa 7.000 Jahren entstanden. Auf derzeit 120 bekannten Felsflächen sind rund 6.000 Figuren in den Stein geritzt. 26 O-TON Rune Normann 902-903b OVERVOICE Rune Normann Von diesen 6.000 Figuren sind 1.500 Rentiere. Das zeigt ja schon, dass das Rentier eine extrem wichtige Bedeutung für die Menschen hatte. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:26 SPRECHERIN Rentiere in unterschiedlichen Größen sind als Umrisse in den Felsen geschlagen, dazu Elche, Bären, Fische, Menschen – je nach Lichteinfall leicht zu erkennen, manchmal dauert es etwas länger, bis das Auge den Kontrast zwischen Felsen und Ritzung erkennt. Und bei manchen Feldern haben die Archäologen mit roter Farbe nachgeholfen. MUSIK ENDE 27 O-TON Rune Normann 904 OVERVOICE Rune Normann Links sehen wir eine Rentierherde und einen Mann mit Pfeil und Bogen. Der Köcher liegt neben ihm am Boden. Das bedeutet: Er hatte Zeit. Es ging nicht darum, auf Jagd zu gehen und zufällig auf ein Rentier zu treffen. Hier reden wir davon, zu einer bekannten Stätte zu gehen, wo du weißt: Hier kommt die Herde der wilden Rentiere vorbei. Ansitzjagd würden wir das heute nennen. SPRECHERIN Sie sind auch ein immerwährender Kalender aus der Steinzeit, eine Darstellung, wie sich die Rentiere im Laufe eines Jahres in der Landschaft bewegen. Risse und Unebenheiten wirken wie eine Landkarte mit Flüssen und Bergen; mittendrin: die Herden. Und dann gibt es eigenartige Ritzungen, mehrere Meter groß: eine Art Eisenbahnschienen, die in der Form vierblättriger Kleeblätter um eine Rentierherde herumführen. 29 O-TON Rune Normann 913 OVERVOICE Rune Normann Das ist ein 7.000 Jahre alter Rentierzaun. Man treibt die Tiere in diese Öffnung hier hinein, dann kann man das Ganze schließen. Die Herde beginnt im Kreis zu gehen. Das ist die natürliche Reaktion der Rentiere. Wenn sie mal im Kreis laufen, bleiben sie dabei. Und dann kannst du anfangen, einzelne Tiere von der Herde zu trennen. Die kommen in den anderen Bereich dieses Kleeblattes und fangen dort an, herumzugehen. Wenn du das viermal machst, dann hast du eine große Herde aufgeteilt in vier kleine Herden, die viel besser zu hantieren sind. SPRECHERIN Ganz ähnliche aufgebaute Zäune nutzen die Sami heute noch, wenn sie die Herden sammeln, Schlachttiere aussuchen oder die Kälber markieren. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:19 SPRECHERIN Ohne die Felskunst in Alta mit den rund 1.500 Rentieren wüssten wir nichts davon, wie die Menschen hier seit vielen tausend Jahren zusammen mit und von den Rentieren leben, wie die Tiere den Jahreslauf der Menschen bestimmen. MUSIK ENDE 31 O-TON Rune Normann 919b OVERVOICE Rune Normann Es wurde unter Archäologen spekuliert: haben sie damals schon versucht, auf Rentierwirtschaft mit zahmen Tieren umzustellen? Ist es ihnen in einem gewissen Grad sogar gelungen? Darüber können wir spekulieren. Auf jeden Fall wusste man sehr viel über das Verhalten der Rentiere, schon vor 7.000 Jahren und sicher noch länger. SPRECHERIN Rune Normann betont allerdings, dass die Menschen, die diese Felskunst geschaffen haben, keine direkten Vorfahren der Sami heute sind, trotz aller erkennbaren Parallelen. 32 O-TON Rune Normann 919a OVERVOICE Rune Normann Man muss hier oben von den Rentieren leben, wenn man ein Naturvolk ist. Aber das bedeutet nicht, dass es samisch ist oder norwegisch. Das bedeutet nur, dass die Menschen von der gleichen Natur gelebt haben. MUSIK „Vårsøg“; ZEIT: 00:18 SPRECHERIN Heute ist diese Natur und damit der jahrtausendealte Lebenskreis der Tiere in Gefahr. Der Klimawandel bringt große Veränderungen hier in der Arktis und Subarktis, beobachtet auch Gabriela Wagner. MUSIK ENDE 33 O-TON Gabriela Wagner 821 Das Wetter hat sich massiv verschoben. Wir haben viel nasseren und viel mehr Schnee. Das ist ungewöhnlich in der Arktis. Arktischer Schnee ist trocken und fast staubig. Und dafür sind die Rentiere eigentlich angepasst, diesen ganz trockenen leichten Schnee wegzugraben. Und das andere sind diese Rain-on-Snow-Events, heißt das in der Klimaforschung. Wir haben einen gefrorenen Boden oder Schnee, und dann regnet es rein und dann wird es wieder kalt und es friert. D.h., wir haben mehrere Eislagen in der Schneelage. Und das ist natürlich etwas, wo die Rentiere mit den Hornhufen nicht durchgraben können. D.h., dass die Rentiere, die eigentlich an den arktischen Winter angepasst sind, plötzlich im arktischen Winter verhungern. Und das ist jetzt das, was fast jedes Jahr passiert und in immer größerem Ausmaß. SPRECHERIN Die Besitzer müssen zufüttern, derzeit noch oft mit Pellets aus südamerikanischem Soja – das ist teuer und durchbricht den uralten Kreislauf in der empfindlichen arktischen Natur. Doch nicht nur der Klimawandel bedroht Rentiere und die traditionelle Rentierwirtschaft. Städtewachstum, der Ausbau der Infrastruktur und vor allem die Suche nach Bodenschätzen und die Errichtung von Windparks und Staudämmen, auch durch deutsche Energieunternehmen, zerstören Lebensraum und Weidegebiete, Stromleitungen werden zu unüberwindlichen Barrieren beim Zug der sensiblen Rentiere. 34 O-TON Gabriela Wagner 818 Rentiere können UV-Licht sehen. Das wissen wir erst seit ein paar Jahren. Es ist wahrscheinlich, dass die Stromleitungen für die Rentiere aussehen wie blitzende Lichter, die in der Landschaft hängen. Das andere ist: dort wo die Stromleitungen sind, wird die Vegetation runtergeschnitten. Die Rentiere sind gerade im Winter gewöhnt, dass sie durch den Wald gehen, wo sie geschützt sind. Allein die Tatsache, dass da keine Bäume sind, kann ein Hinderungsgrund sein. SPRECHERIN Wenn die Rentiere weniger werden, dann besteht auch die Gefahr, dass die Kulturlandschaft der Finnmark mit ihren weiten Heideflächen, die viel CO2 speichern können, verschwindet. Möglicherweise spielen die Rentiere auch für unser Klima eine wichtigere Rolle, als es zunächst scheint – doch derzeit gibt es dazu noch zu wenige Forschungsdaten. 35 ATMO 775 Klassenzimmer mit Protagonisten SPRECHERIN Auch wenn die Zukunft der Rentiere und der samischen Rentierwirtschaft derzeit nicht besonders rosig erscheint: Junge Menschen gibt es genug, die diese Traditionen weiterführen möchten – Karen Rita, Mari Kare und Nilsson an der Schule in Kautokeino gehören dazu. Nach der Schule chillen vor dem Bildschirm? Dafür ist nicht so viel Zeit. 36 O-TON SCHÜLERIN Mari Kare 771 OVERVOICE SCHÜLERIN Mari Kare (schon vorhanden) Heute fahre ich in das benachbarte Weidegebiet. Wir sind gerade fertig, die Kälber zu markieren. Und jetzt helfen wir mit und schauen auch, ob sich Tiere von uns in die andere Herde verlaufen haben. 38 O-TON SCHÜLERIN Karen Rita 772 OVERVOICE SCHÜLERIN Karen Rita (schon vorhanden) Ich zähme Kälber, weil ich Rentiere auch als Zugtiere haben möchte. Da werde ich heute Nachmittag hinfahren, sie füttern und mit ihnen unterwegs sein. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 01:02 SPRECHERIN Gabriela Wagner ist zuversichtlich, dass die Rentiere auch weiterhin ein Teil der großartigen Kulturlandschaft des Nordens bleiben und als Überlebenskünstler in der Arktis Touristen auf ihrer Reise ans Nordkap mitten auf der Straße im Weg stehen werden. 39 O-TON Gabriela Wagner 825 Bei all den Klimaänderungen und den Auswirkungen in der Wirtschaft, in der Landwirtschaft ist meine Hoffnung, dass die Rentiere sich über viele, viele tausend Jahre an sehr viele unterschiedliche Verhältnisse angepasst haben und das auch weiterhin tun werden. Darin liegt vielleicht auch unsere Hoffnung. Und wir müssen ihnen den Platz geben, den die Rentiere brauchen und den die Sami brauchen. MUSIK ENDE
- Eisschmelze - Verlorene Lebensräume für viele Tiere
27.02.2025 · 22 Min.
Der Klimawandel macht vielen Tieren in kalten Regionen schwer zu schaffen. Vielen Tieren in der Arktis oder in den Alpen schmilzt ihr Lebensraum unter den Pfoten beziehungsweise Flossen weg. Von Claudia Steiner (BR 2023) Credits: Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Thomas Birnstiel Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Walross - Dickhäutiger Koloss der Arktis JETZT ANHÖREN Kampf gegen Klimawandel - Warum tut sich der Mensch so schwer? JETZT ANHÖREN Klimawandel - Der Konfliktanheizer JETZT ANHÖREN Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Außerdem empfehlen wir einen lesenswerten Beitrag von ARDalpha: KLIMAWANDEL IN DEN ALPEN - Bergbewohner auf der Flucht nach oben JETZT LESEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.