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Die Erde - Ein Planet in ständiger Bewegung

06.02.2024 · 22 Min.

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Über diese Folge

Dass die Erde ein bewegter Planet ist, hat sich noch nicht lange im Bewusstsein ihrer menschlichen Bewohner verankert. Dass sie um die Sonne kreist - das ist seit der früheren Neuzeit bekannt. Autorin: Christiane Neukirch (BR 2013)

Credits
Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch
Regie: Martin Trauner, Andreas Mangold
Es sprachen: Sabine Kastius, Wolfgang Pregler
Technik: Christiane Schmidbauer-Huber
Redaktion: Bernhard Kastner

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Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ZITATOR „Ich weiß nicht, wie ich der Welt erscheinen mag; aber mir selbst komme ich nur wie ein Bub vor, der am Strand spielt und sich damit vergnügt, ein noch glatteres Kieselsteinchen oder eine noch schönere Muschel als gewöhnlich zu finden - während das große Meer der Wahrheit gänzlich unerforscht vor mir liegt." SPRECHERIN Sätze, die so bescheiden wie weise klingen. Überliefert sind diese Sätze von Sir Isaac Newton, dem bereits wohlhabenden und anerkannten englischen Naturforscher und Philosophen, am Ende seines Lebens. Doch Isaac Newton, dieser strahlende Stern, Fixpunkt und Orientierung für Generationen nachgeborener Naturwissenschaftler, hatte auch eine dunkle Seite: Streitsucht, Egoismus und die Unfähigkeit, Kritik zu ertragen, standen Zeit seines Lebens seiner intellektuellen Brillanz entgegen. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN Der zwiespältige Charakter des 1643 geborenen Isaac Newton könnte in einer Kindheit begründet liegen, in der die unbeschwerten Momente am Strand wohl nicht die prägenden waren, mutmaßt der Physiker Florian Freistetter, der 2017 eine Biografie über Isaac Newton veröffentlicht hat. Musik aus O-Ton 1 Florian Freistetter, Autor „Newton: Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“ „...Man kann nur mit den biografischen Daten arbeiten, die´s gibt: Und da hat Newton tatsächlich eine schwierige Kindheit gehabt. Newton hat auch in seinen Tagebüchern geschrieben, wie schwer es für ihn war, mit seinem Stiefvater und seiner Mutter klarzukommen.“ Musik SPRECHERIN Er habe Mutter und Stiefvater Smith bedroht, sie samt ihrem Haus anzuzünden, notierte der junge Newton in seinem Tagebuch. Dieser Furor dürfte auch damit zu tun gehabt haben, dass seine Mutter und sein Stiefvater Isaac Newton zur Großmutter abgeschoben hatten. Ein traumatisches Erlebnis für das Kind sieht darin der US-Wissenschaftshistoriker Richard. S. Westfall. Wahrscheinlich sei es diese Abwesenheit an elterlicher Zuwendung gewesen, schreibt Westfall in seiner Newton-Biografie, welche ihn zu einer extrem neurotischen Persönlichkeit gemacht habe, die sich – zumindest in ihren mittleren Jahren – permanent am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegt habe. MUSIK SPRECHERIN Nach dem Tod des Stiefvaters kam der nunmehr zehnjährige Isaac zurück in sein Elternhaus im mittelenglischen Dorf Woolsthorpe. Die zweifache Witwe Newton – Isaacs Vater war bereits vor seiner Geburt gestorben – hoffte, der Sohn würde das familieneigene Bauerngut übernehmen. Doch längst hatte ein anderes Erbe das Interesse des Buben geweckt: Sein Stiefvater, ein Dorfpfarrer, hatte eine umfangreiche Hausbibliothek hinterlassen. Der kleine Isaac zog sich gerne in die Welt der Bücher zurück. Und während andere Kinder gemeinsam im Wald herumtobten, grübelte Isaac Newton über Konstruktionszeichnungen, entwarf eine Windmühle, die auch tatsächlich gebaut wurde, oder ließ - allein in seinem Zimmer – eine Maus eine Tretmühle antreiben. O-Ton 2 Freistetter „Man kann das schon so ein bisschen vergleichen auch mit diesem Klischee des sozial unfähigen Nerds, das ja heute immer noch in der Welt existiert“ SPRECHERIN ...sagt der Newton-Biograf Florian Freistetter. Als Naturwissenschaftler hält er wenig von allzu psychologisierenden Deutungen – zumal nach so langer Zeit. Vielmehr habe ein Zusammenspiel an äußeren Umständen und innerem Entdeckerdrang Isaac Newtons Lebensweg in eine bestimmte Richtung gelenkt. O-Ton 3 Freistetter „Diese große Neugier. Dass das dann noch durch die Isolation seines familiären Hintergunds vielleicht noch verstärkt wird. (…) Solche Charaktere, die vielleicht aus welchen Gründen auch immer ein bisschen Probleme haben mit der Gesellschaft, ein bisschen Probleme haben, sich anzupassen, die vielleicht eher allein sein wollen, ihr Ding machen: Die finden in der Wissenschaft, damals vermutlich, und heute immer noch, so ne Art geschützten Raum. Weil´s im Wissenschaftsbetrieb eben vor allem darauf ankommt, was man weiß.“ SPRECHERIN Der geschützte Raum, in dem Isaac Newton seine weitreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse ausbrüten konnte, sollte wiederum für mehrere Jahre ein Zimmer in seinem Elternhaus werden. Zwar durfte er – auf die Intervention eines Onkels hin – eine weiterführende Schule besuchen. Zwar absolvierte Newton die darauffolgenden drei Jahre ein Studium in Cambridge - doch bereits 1665 wurden Studenten wie angehende Akademiker in Zwangsurlaub geschickt. Die große Pest wütete - und der frisch gebackene Bachelor Newton kehrte in die ländliche Abgeschiedenheit seines Elternhauses zurück. Dort schloss er die Fensterläden, bohrte ein Loch hinein - und setzte ein Prisma so in den eindringenden Lichtstrahl, dass die Farben an der gegenüberliegenden Wand erschienen. MUSIK ZITATOR „Es war zuerst eine sehr angenehme Unterhaltung, die lebhaften und kräftigen Farben zu betrachten, die dadurch hervorgebracht wurden. Als ich sie aber nach einiger Zeit sorgfältiger beobachtete, erstaunte ich, dass ihre Form länglich war. Ich hätte erwartet, dass sie kreisförmig wäre Beim Nachmessen fand ich, dass dieses farbige Bild fünfmal länger war als breit. In mir erwachte das lebhafteste Verlangen, die Ursache dieses enormen Missverhältnisses zu entdecken.“ SPRECHERIN ...erinnert sich Isaac Newton ein paar Jahre später in seiner „Neuen Theorie über das Licht und die Farben“. Die Abhandlung enthält die Beweisführung, dass das weiße Licht – anders als bis dahin vermutet - aus einer Mischung von farbigem Licht besteht. Diese Erkenntnisse aus der Optik sollten später in Newtons gleichnamiges Hauptwerk zu diesem Thema einfließen. Besonders umstritten darin war die so genannte Teilchen-Theorie, erklärt der Münchner Physik-Professor Thomas Udem. O-Ton 4 Prof. Thomas Udem, Max-Planck-Institut für Quantenoptik „Newton war der Meinung, dass Licht aus Teilchen besteht. Er hat die „Korpuskeln“ genannt – und hat auch zum ersten Mal erklärt, dass weißes Licht zusammengesetzt ist aus farbigem Licht. (…) Und er hat sich das so erklärt, dass es verschieden große Korpuskeln gibt, die zu verschiedenen Farben gehören. Und das Gegenprogramm zu dieser Theorie sozusagen war die Wellentheorie. Also einige Leute haben geglaubt, dass Licht aus Wellen besteht – und nicht aus Teilchen, die durch die Gegend fliegen. Und das war quasi ein zwei, drei Jahrhunderte andauernder Disput“ SPRECHERIN Nicht hinreichend erklären konnte Isaac Newton mit seiner Teilchen-Theorie, dass sich zwei Lichtquellen unter bestimmten Bedingungen gegenseitig auslöschen - oder dass sich Licht in zwei Strahlen unterschiedlicher Polarisation aufspalten kann. Dies gelang erst dem englischen Augenarzt und Physiker Thomas Young. Aufgrund seiner Erkenntnisse setzte sich erst nach 1800 die Sichtweise durch, dass das Licht aus Wellen bestehe. O-Ton 5 Udem „Es hat dann noch sehr lange gedauert, bis sich die Wellentheorie über den Newton hinweggesetzt hat, und sehr stark etabliert hat. Der Grund war einfach Newtons unglaubliche Autorität.“ SPRECHERIN Welle – oder doch Teilchen? Endgültig entschieden scheint die Fragestellung, die Isaac Newton aufs Tapet der optischen Physik brachte, aber bis heute nicht. Thomas Udem: O-Ton 6 Udem „Ironischerweise muss man sagen, dass die Quantentheorie das wieder umgeworfen hat. Und die Quantentheorie beschreibt das Licht jetzt quasi als so ein Hybrid. Das ist quasi gleichzeitig ne Welle und ein Teilchen. Also man hat jetzt quasi einen Kompromiss gefunden...“ (lacht) SPRECHERIN Zu Kompromissen war Isaac Newton seinerzeit nicht bereit: Er ging seinem Erkenntnisdrang nach, koste es, was es wolle – auch um den Preis der eigenen Gesundheit, sagt der Buchautor Florian Freistetter. O-Ton 7 Freistetter Teil 1 „Jedes Mittel war Newton recht, um mehr über die Welt herauszufinden. Er war dabei rücksichtslos gegen andere – er war aber genauso rücksichtslos gegenüber sich selbst. Er hat eben auch vor Selbstversuchen nicht zurückgeschreckt: Eines der Dinge, die er herauszufinden wollte, war, wie das Auge funktioniert. Und Newton hat die Frage interessiert: Was passiert, wenn der Augapfel sich verformt? Wie ändert das den Sinneseindruck? Das wusste man nicht, Newton wollte das wissen – also hat er das einfach ausprobiert. MUSIK SPRECHERIN Mit einem Versuch, dessen Imitation man nicht empfehlen kann... Aber er zeigt beispielhaft, wie Newtons Erkenntnisdrang jegliche natürliche Vorsicht, Furcht und Panik überlagert. O-Ton 7 Freistetter Teil 2 Und zwar, indem er sich so ne dicke, stumpfe Nadel am Augapfel vorbei quasi ins Auge gestochen hat. Und dann von hinten mit dieser Nadel gegen seinen Augapfel gedrückt hat, um zu sehen, was passiert.“ ZITATOR „Es erschienen einige weiße, dunkle, farbige Kreise, die am deutlichsten waren, wenn ich mein Auge weiter mit der Haarnadelspitze rieb. Wenn ich hingegen Auge und Haarnadel stillhielt, aber weiter auf das Auge drückte, verblassten die Kreise und verschwanden oft, bis ich Auge oder Haarnadel wieder bewegte.“ MUSIK SPRECHERIN Trotz der Hartnäckigkeit dabei, Dinge experimentell zu erkunden, verlor sich Isaac Newton nie in Details, behielt stets den großen Zusammenhang im Blick. Hier ein theoretisches Problem – dort die praktische Lösung: Für Newton zwei Seiten derselben Medaille. So wurden zu seiner Zeit Teleskope zur Betrachtung von Sternen populär. Üblicherweise waren es Linsenteleskope, mit denen die Beobachter dabei gen Himmel blickten. Das Vergnügen dabei wurde indes getrübt durch störende, farbige Säume am Rande des Blickfelds. Diese Aberrationen traten auf, da die Linse die einzelnen Farben des Lichts unterschiedlich stark bricht. Ein Problem, das Isaac Newton wohl bekannt war, sagt der Physiker und Wissenschaftshistoriker Stefan Zieme. O-Ton 8 Stefan Zieme, Physiker und Wissenschaftshistoriker, HU Berlin „Das Newton-Teleskop trägt noch immer seinen Namen und ist ja von ihm 1668 bei der Royal Society vorgestellt worden. SPRECHERIN Das Prinzip des Newton-Teleskops ist so einfach wie bestechend: Das Licht wird durch zwei Spiegel durch den Tubus - die Röhre des Teleskops gelenkt. Teleskope, die das Licht nicht brechen, sondern mit Hilfe von Spiegeln reflektieren, sind heute weltweit im Einsatz, erklärt Stefan Geier, der als Astronom am Observatorium „Roque de los muchachos“ auf der Kanareninsel La Palma arbeitet. O-Ton 9 Stefan Geier, Astronom am Observatorium Roque de los muchachos“ „Am Ende vor dem Tubus ist eben der so genannte Hauptspiegel, der das Licht auffängt und reflektiert. Und weiter oben im Tubus sitzt dann der so genannte Sekundärspiegel drin, der das Licht dann aus dem Tubus rausreflektiert – und dort sitzt dann das Okular, wo man dann quasi durchschaut.“ SPRECHERIN Die großen Teleskope am Observatorium der Kanareninsel beruhen auf Weiterentwicklungen des von Newton genutzten Prinzips: Für den Physiker wie für den Astronomen Stefan Geier ist und bleibt Isaac Newton eine wichtige Referenz. O-Ton 10 Geier „Die ganze Himmelsmechanik - die Umläufe der Planeten im Sonnensystem – lässt sich sehr gut mit der Newtonschen Mechanik erklären. Auf der Erde haben wir die Anziehungskraft, die uns am Boden hält – und die ist wunderbar durch´s Newtonsche Gravitationsgesetz beschrieben. Auf der Erde funktioniert das wunderbar...die ganzen alltäglichen Dinge. Selbst die Statik von Gebäuden – das alles funktioniert nach den Gesetzen der Newtonschen Physik.“ O-Ton 11 Udem „F gleich M x A. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung...“ MUSIK SPRECHERIN ...fasst der Physikprofessor Thomas Udem das wohl bekannteste der drei Newtonschen Bewegungsgesetze in eine Formel. Grundlegende Gesetze zur Bewegung, die sowohl am Himmel, wie auch auf der Erde gültig sind: Damit bricht Newton mit der traditionellen, auf Aristoteles zurückgehenden Lehre. ATMO APFEL FÄLLT AUF WIESE O-Ton 12 Freistetter „Damals war´s durchaus noch normal, sich vorzustellen: Es gibt halt Kräfte, Physikgesetze, die auf der Erde wirken. Es gibt andere Gesetze, die im Himmel wirken. Und die haben erst einmal nix miteinander zu tun. Und was Newton gezeigt hat– und was wirklich seine große Leistung war, war zu zeigen, dass es wirklich so etwas wie universelle Gesetze gibt: Also ein Gesetz, eine Regel, eine Kraft, die überall gilt, die die gleichen Phänomene am Himmel wie auf der Erde beeinflusst. Das hat er aufgrund dieses Vergleichs: Also der Apfel, der von der Erde angezogen wird, Mond am Himmel – und allen Gedanken, die daraus gefolgt sind, abgeleitet.“ SPRECHERIN Da ist er endlich, der mythenumrankte Apfel - dessen Fall vom Baum Isaac Newton auf die Erdanziehungskraft gebracht haben soll. Newton selbst nährte diese Legende, indem er dem Autoren seiner Memoiren, William Stukeley, von der inspirierenden Kraft der Obstbäume im Garten erzählte. Dass Newton mit dem Apfel quasi der Erkenntnisblitz getroffen hat – diese populäre Variante der Geschichte hält Florian Freistetter für Unsinn: Auf seiner Professur für Mathematik, die Isaac Newton 1669 in Cambridge antrat, habe er seine Theorie zur Gravitation über Jahre hinweg entwickelt. Die Anekdote vom Apfel nährt außerdem das Bild vom genialischen Wissenschaftler, der alleine in seiner Kammer oder der Einsamkeit der Natur zu seinen Erkenntnissen gelangt. Auch das ist falsch, sagt der Wissenschaftshistoriker Stefan Zieme. Er beschäftigt sich an der Berliner Humboldt-Universität mit der Kultur- und Wissensgeschichte von Astronomie, Mathematik und Physik. Newton hatte gleichsam ein globales Informations-Netzwerk, erklärt Thomas Zieme. O-Ton 13 Stefan Zieme „Alle haben ne Abhängigkeit, und bewegen sich in nem Netz von Personen: Das sieht man auch an der „Principia“. Das Werk entsteht ja nicht aus der Luft. Newton beschreibt zum Beispiel, wie sich die Gezeiten überall auf der Welt verhalten. Wie ändern sich Pegelstände im Golf von Tomkin? Das ist irgendwo im südchinesischen Meer. Er kennt überall Leute. Er kennt Arthur Storer zum Beispiel, der in Amerika wahrscheinlich Baumwollplantagen besessen hat, und Arthur Storer schickt Newton astronomische Daten von der Beobachtung eines Kometen.(...) Die braucht er auch für seine Naturphilosophie, um Erklärungen für seinen mathematischen Kosmos zu finden. Das heißt, diese Daten können ihm nur zur Verfügung stehen, weil es eben auch ein expansorisches Verhalten des Britsh Empires gibt.“ MUSIK SPRECHERIN Um an Messwerte für die „Principia“ zu gelangen, an Daten, die sein Hauptwerk über die „Mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie“ untermauern, ging Isaac Newton absolut skrupellos vor. Seinem Kollegen Robert Hooke, der ihn in der Frage der Planetenbewegung erst auf die richtige Spur brachte, verweigerte Newton jede Anerkennung. Noch schlimmer erging es John Flamsteed – ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter Isaac Newtons in Sachen Mechanik. Der Hofastronom Flamsteed beobachtete im Gegensatz zum Theoretiker Newton ständig die Sterne, und führte darüber akribisch Buch. Ein wahrer Schatz an Daten, auf die Newton sofort und umfassend zugreifen wollte. O-Ton 14 Freistetter „Und Flamsteed wollte ihm die nicht direkt geben. Newton hat das aber nicht akzeptiert, der wollte die Daten sofort haben, und hat gesagt, frei übersetzt: Flamsteed, du hörst auf mit dem, was du jetzt machst du beobachtest für mich, du gibst mir meine Daten, und alles andere ist mir egal. (…) Newton hat sich, mit seinen Kontakten, die er zum Königshaus gehabt hat, zu einer Art Oberaufseher der Sternwarte ernennen lassen. Er hat dann Flamsteed unter Androhung der Verhaftung wegen Landesverrates gezwungen, seine Daten rauszugeben, hat Daten dann auch geklaut... Im Wesentlichen läufts darauf hinaus, dass Newton das Lebenswerk von Flamsteed, diesen Katalog, ruiniert hat.“ SPRECHERIN Bekannter als der Streit mit Flamsteed ist die Auseinandersetzung Isaac Newtons mit dem deutschen Mathematiker und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Diese sollte als „Prioritätsstreit“ in die Wissenschaftsgeschichte eingehen. MUSIK ZITATOR 1 Leibniz „Ich denke, es wäre ein lächerliches Schauspiel, wenn Gelehrte, die höhere Grundsätze vertreten als andere Menschen, sich wie Fischweiber gegenseitig beschimpften." SPRECHERIN ...schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahr 1700, der Nachstellungen durch Newton bereits überdrüssig. Wer hat nun die mathematische Methode der Infinitesimalrechnung wirklich erfunden? Eine Methode, mit der man zum Beispiel Flächeninhalte oder Volumeninhalte mathematisch exakt berechnen kann, auch wenn die Umrandung oder Oberfläche beliebig komplex ist. Ebenso kann man mit dieser Methode die Krümmung oder Neigung beliebig komplexer Oberflächen exakt berechnen. Für Isaac Newton war dieses Verfahren mehr als graue Theorie – es war sein wissenschaftliches Handwerkszeug. O-Ton 15 Udem „Für die Newtonsche Mechanik ist die Infinitesimalrechnung quasi maßgebend. Also ohne die kann man diese Theorien quasi gar nicht aufstellen. Das heißt, er musste quasi erst seine Mathematik erfinden, bevor er seine Theorien machen konnte.“ SPRECHERIN Mehrere Jahrzehnte tüftelte Isaac Newton an der Infinitesimalrechnung – seiner dritten großen Theorie neben derjenigen des Lichts und der Gravitationstheorie. Während sein Widersacher Leibniz die Überlegungen zum so genannten Calculus bereits im Jahr 1684 veröffentlichte, hielt Newton seine Erkenntnisse unter Verschluss. O-Ton 16 Freistetter „Erst später, als Newton dann schon sehr berühmt war, Präsident der Royal Society...also wirklich ein einflussreicher Mann war. Erst dann hat Newton diesen Priotitätsstreit wieder aufflammen lassen, hat Leibniz beschuldigt er hätte plagiiert, er hätte abgeschrieben...Selbst als Leibniz schon tot war, (...) hat Newton nochmal Veröffentlichungen geschrieben und nochmal quasi auf den toten Leibniz nachgetreten. Heute wissen wir: Newton war der Erste der das herausgefunden hat, aber Leibniz war der, der diese Mathematik wirklich auf eine Weise formuliert hat, die wirklich praktisch war. Also wenn wir heute Infinitesimalrechung betreiben, dann tun wir das so, wie Leibniz das damals entwickelt hat. Newtons Methode war nicht so leicht anwendbar, weil er sich keine Gedanken über die Öffentlichkeitsarbeit, über die Wirkung, über die Einsatzfähigkeit seiner Arbeit gemacht hat.“ SPRECHERIN Isaac Newton formulierte sogar absichtlich kompliziert, um sich nur mit echten Kennern der Materie auseinandersetzen zu müssen. Kritik, womöglich aus unberufenem Munde, fasste Newton als Beleidigung auf; Diskussionen mit Laien galten ihm als verschwendete Lebenszeit. Der Berliner Physiker Stefan Zieme konstatiert... O-Ton 17 Zieme „...dass Newton oftmals nicht daran interessiert war, minutiös alle seine Dinge zu erklären und sich in Debatten zu äußern, sondern eher diese Zeit für sich allein haben wollte. Vermutlich auch, um andere Interessen zu verfolgen: Um alchemische Experimente zu machen...“ MUSIK SPRECHERIN Naturforscher wie Newton gelangten zwar nach und nach an mehr Wissen, wie und warum sich Dinge bewegen. Woraus aber diese Dinge genau bestanden, lag für sie weitgehend im Dunkeln. Wie andere Wissenschaftler bediente sich auch Newton noch der Alchemie, um den „Stein der Weisen“ zu finden, der normales Metall in Gold verwandeln könnte. Vielleicht fühlte er sich deswegen 1695 bemüßigt, dem englischen Königshaus einen Rat zu übersenden, wie die Münzen des Empire fälschungssicher produziert werden können. Im Jahr darauf wurde Isaac Newton – wohl mit Hilfe von Beziehungen - zum Chef der Münzprägeanstalt ernannt. Doch statt sich auf diesem lukrativen Posten einen gemütlichen Lebensabend zu gönnen, peitschte er eine komplette Neuprägung der britischen Währung durch. Isaac Newton konnte auch in diesem Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte, nicht aus seiner Haut. Dies zeigte sich besonders bei seiner Jagd auf die berüchtigten Falschmünzer. O-Ton 18 Freistetter „Er hat da wirklich alles getan, er hat tagelang Leute verhört. Und am Ende sind die Leute zum Tode verurteilt worden. Natürlich haben viele dann auch Newton Petitionen geschrieben, Briefe geschrieben, ob man sie nicht vielleicht verschonen kann – was Newton aber komplett egal war. Jeden den er geschnappt hat: Die sind dann zum Tode verurteilt worden: Also auch da war er so rücksichtslos und hartnäckig, wie er in seiner wissenschaftlichen Arbeit war.“ MUSIK SPRECHERIN Von seinen Pflichten als Professor war Isaac Newton bereits 1701 zurückgetreten. Die wissenschaftliche Tätigkeit stellte er aber keineswegs ein: Newton wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 1727 als Präsident der Wissenschaftler-Vereinigung Royal Society. Das herrschaftliche Haus, das er in London bewohnte, beherbergte ein kleines Observatorium. Dort widmet sich der so unverträgliche wie tief religiöse Einzelgänger, der nie geheiratet hat, weiter seinen Studien – und wachte akribisch über sein wissenschaftliches Erbe. Newtons Vermächtnis für die Nachwelt ist umfangreich – und zum großen Teil immer noch für Forscher wie Praktiker relevant: Die Beschreibung der Schwerkraft, die neue Theorie des Lichts, die Entwicklung des Spiegelteleskops, wie wir es heute kennen: Der Wert von Isaac Newtons Werk für die Wissenschaft ist so unermesslich wie unbestritten.

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    01.02.2024 · 23 Min.

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Da möchte man nicht direkt dabeisein … lieber gemütlich von daheim aus zuhören, wie ein Mitarbeiter der amerikanischen Wolverine Foundation (sprich: Wulwerien) diesen wilden Burschen aufgenommen hat. Die Szene spielte sich in den tief verschneiten Cabinet-Mountains ab, einer Bergkette, die zu den Rocky Mountains gehört und zwischen Idaho und Montana im Norden der USA verläuft. ATMO 1 hoch SPRECHERIN Das ist richtige Wildnis. Die Kabinett-Berge gehören zu den so genannten Streetless Areas der USA: Gebiete ohne Straßen. BLENDE ATMO 1 / ATMO 2 Vielfraß knurrt, schnüffelt, tapst herum Und hier gibt es sie noch, neben Pumas, Grizzlybären und Wölfen: Die Vielfraße, Wolverines auf Englisch, Gulo gulo auf Lateinisch. ATMO 2 hoch SPRECHERIN Gebiete ohne Straßen bedeutet Gebiete ohne Menschen. Zu Gesicht bekommt man sie deshalb so gut wie nie, weder im Norden der USA, noch in Kanada, Russland oder Skandinavien, wo sie auch leben. Vielfraße sind Einzelgänger. Und sie sind bestens angepasst an die harte Wildnis des Nordens. ATMO 2 hoch etwas stehen lassen, dann BLENDE MUSIK 1 ruhig, etwas düster SPRECHERIN Vielfraße sind unglaublich kräftig und ausdauernd. Und sie sind geschickt und schlau. Sie sind etwa so groß wie Bärenjunge, mit denen sie aus der Ferne verwechselt werden können. Schaut man sich Fotos, Zeichnungen oder Videos aber genauer an, stellt man aber fest: Vielfraße haben nichts Niedliches an sich. Sie haben ein dichtes, langes, dunkles Fell, einen buschigen Schwanz, auffallend große Pfoten, einen kleinen, gedrungenen Kopf mit kleinen Ohren und Augen und stumpfer Schnauze. Sie haben starke Zähne und sehr starke Kiefer. Vom Kopf bis zum Hinterteil können sie einen Meter lang werden, dazu kommen dann nochmal rund 20 Zentimeter Schwanz dazu. Normalerweise wiegen sie um die 15 Kilo. BLENDE MUSIK 1 / ATMO 3 Vielfraß aufgeregt. SPRECHERIN Vielfraße gehören zu den marderartigen Tieren, sind also mit unseren Mardern verwandt, nur viel größer. Auch sie sind nervöse Schnüffler, bewegen sich schnell, werden aufgeregt, wenn ihre Nase etwas entdeckt hat. ATMO 3 etwas stehen lassen, dann BLENDE ATMO 4 Vielfraß frisst Karibu SPRECHERIN … zum Beispiel ein unter einer Lawine begrabenes Karibu – tiefgefroren. ATMO 4 hoch SPRECHERIN Vielfraße halten keinen Winterschlaf. Sie sind das ganze Jahr aktiv, ja sie bevorzugen sogar geschlossene Schneedecken, denn dank ihrer breiten Pfoten können sie sich darauf wie in Schneeschuhen fortbewegen, in einem galoppierenden, sehr leichtfüßig wirkenden Lauf. Sie sinken nicht ein! Und mit den kräftigen Pfoten können sie im tiefen Schnee nach Nahrung graben, denn ihre Spürnase verrät ihnen schon aus großer Distanz, wo ein Happen vergraben liegt – erfrorene Karibus oder Rentiere zum Bespiel. Die steinharten Kadaver zerlegen sie dann mit ihren überaus kräftigen Kiefern. BLENDE ATMO 4 hoch / MUSIK 1 SPRECHERIN Karibus und Rentiere sind mit den Hirschen verwandt und leben rund um den Polarkreis in halbwilder Haltung. Das heißt, die Herden bewegen sich frei, werden aber mehrmals im Jahr von ihren Besitzern eingefangen, um Schlachttiere auszusuchen oder um junge und kranke Tiere zu versorgen. SPRECHERIN … und hier tritt der Vielfraß, der auch lebende Tiere erlegen kann, in Konflikt mit den Menschen. Vielfraße bringen sich auf Ästen in Position und stürzen sich dann von oben auf vorbeiziehende Rentiere oder Karibus, die viel größer sind als sie. Oder sie töten die Huftiere nach ermüdenden Verfolgungsjagden über die verschneite, offene Tundra durch einen ATMO 4 kurz hoch gezielten-Biss-ins-Genick. MUSIK 1 SPRECHERIN Die meisten Menschen mögen die Vielfraße nicht. Jahrhundertelang haben sie sie gejagt, mit Fallen, Speeren oder Gewehren, weil sie Tiere fressen, an denen auch der Mensch Interesse hat. Und wegen ihres dichten, warmen Pelzes. MUSIK 1 SPRECHERIN Heute sind Vielfraße vom Aussterben bedroht und stehen deshalb unter Schutz. Der Konflikt mit dem Menschen scheint gelöst zu sein, zumindest in Schweden, wie Eva Andersson vom Tierpark Nordens Ark weiß: O-TON 1 Eva Andersson In Scandinavia, the wolverine its like a ... SPRECHERIN: OV-weiblich In Skandinavien hat der Vielfraß den Ruf eines zerstörerischen Teufels. Besonders das Samen-Volk, das Rentiere züchtet, will ihn nicht in seinem Lebensraum haben. Aber die schwedische Regierung zahlt den Leuten in ihren Dörfern Geld, damit sie die Fleischfresser in ihrer Gegend tolerieren. SPRECHERIN Andersson schätzt, dass es in Schweden und Norwegen noch rund tausend Vielfraße gibt, in Finnland leben rund 300 Tiere. Sie laufen in den nördlichen, unbewaldeten und gebirgigen Landesteilen über die Grenzen hinweg weit herum, auf der Suche nach Futter oder Geschlechtspartnern. O-TON 2 Eva Andersson Now, the have moved for the south ... SPRECHERIN: OV-weiblich Jetzt ziehen sie auch nach Süden, in die Wälder. Das ist gut für die Samen, dann gibt es keine Konflikte. Wahrscheinlich sind sie einfach nach Süden gezogen, weil wir sie gelassen haben. Und wohl auch wegen des Futters. Sie fressen ja auch Aas und folgen gerne Wolfsrudeln, von denen sie die Reste fressen. Vielfraße sind immer in Bewegung, sie laufen sehr viel. 30 Kilometer am Tag, das ist für sie ganz normal. SPRECHERIN Dementsprechend gedrungen und muskulös ist ihr Körper. Sie gehören neben Luchsen, Bären und Wölfen zu den vier großen Fleischfressern des Nordens. Gibt es in einem Landstrich Wölfe, überleben dort die Vielfraße leichter. Die beiden sind zwar nicht verwandt – obwohl der englische Name Wolverine, „kleiner Wolf“, darauf schließen ließe –, aber Vielfraße und Wölfe gehören immerhin beide zur Überfamilie der hundeartigen Raubtiere, im Gegensatz zu den Raubkatzen. Eva Andersson: O-TON 3 Eva Andersson I mean woolfs hunt in packs … SPRECHERIN: OV-weiblich Wölfe jagen im Rudel, so können sie viele Rentiere auf einmal erlegen. Vielfraße reißen nur eins, sie jagen allein. Aber sie treiben die Rentier- oder Schafherden auseinander. Und wenn sie dabei die Gelegenheit haben, mehrere Rentiere zum Beispiel zu erlegen, dann nehmen sie das Fleisch mit. Sie sind ja sehr aktive Tiere, das heißt, sie brauchen eine Menge Energie. Sie verstecken das Fleisch dann, für spätere Zeiten, man weiß ja nie, wann man wieder an Futter kommt. Im Winter sind sie gute Jäger, weil sie über den Schnee laufen können. Aber im Sommer ist es nicht so einfach. Sie verstecken das Fleisch dann, zerkleinern die Rentiere und vergraben die Teile im Schnee oder in der Erde. SPRECHERIN Vielfraße können in den Herden also auch großen Schaden anrichten. Bei den Samen, dem indigenen Volk Nordeuropas, das von der Rentierzucht lebt, sind deshalb viele Legenden um das „böse“ Tier entstanden, die heute alle Schweden kennen: O-TON 4 Eva Andersson In Sweden we call them … SPRECHERIN: OV-weiblich In Schweden heißt er Järv (sprich: Sherrew), das bedeutet furchtlos, oder mutig. Wir haben viele Vielfraß-Legenden. Eine besagt zum Beispiel, dass wenn eine Bärin vier Junge bekommt, dann ist das vierte ein Mörder-Bär. Damit ist der Vielfraß gemeint. SPRECHERIN Obwohl Vielfraße in Nordeuropa heimisch sind, ist ihr Image in Skandinavien bis heute eher von Legenden als von echten Erlebnissen mit den Tieren geprägt. O-TON 5 Eva Andersson Scandinavian people is normaly in the nature al lot ... SPRECHERIN: OV-weiblich Skandinavier verbringen eigentlich viel Zeit in der Natur, aber die Vielfraße meiden die Menschen. Um Skigebiete oder Gegenden, wo die Leute mit Schneemobilen unterwegs sein, machen sie einen großen Bogen. Das heißt, fast niemand hat sie je in echt gesehen, und auf Fotos wirken sie oft größer, als sie sind. Und weil sie so große Pfoten haben, denken viele, da war der Schneemann unterwegs (lacht). Ja, das ist auch eine Legende: Der Vielfraß ist vielleicht der Schneemann. SPRECHERIN Die Pfotenabdrücke lassen also auf eine falsche Körpergröße schließen. Die schwedische Biologin Eva Andersson ist im Zoo Nordens Ark für Vielfraße zuständig. Und sie leitet im Europäisches Erhaltungszuchtprogramm die Zucht der Vielfraße in Gefangenschaft. Genetische Vielfalt und Arterhalt stehen dabei im Vordergrund. 140 Vielfraße leben derzeit in europäischen Zoos. In Gefangenschaft können sie bis zu 20 Jahre alt werden, in der Wildnis sterben sie deutlich früher. Bei Besuchern sorgen sie immer wieder für Überraschungen: O-TON 6 Eva Andersson Some people think there are bear pups ... SPRECHERIN: OV-weiblich Manche halten sie für Bärenjunge, wenn sie sie zum ersten Mal in echt sehen. Sie können nicht fassen, wie klein sie sind. Die Pfleger gehen problemlos zu ihnen ins Gehege, viele halten sie ja für gefährlich und denken, sie können dich töten. Sie haben einen wirklich schlechten Ruf! Dabei sind sie normalerweise freundlich und überhaupt nicht aggressiv. Neugierig, ja, das sind sie. SPRECHERIN … und gelehrig, wie Eva Andersson weiß: O-TON 6a Eva Andersson A lot of zoos around Europe … SPRECHERIN: OV-weiblich Viele Zoos trainieren mit ihnen. Sie lernen, ihre Pfoten herzuzeigen, oder ihr Maul zu öffnen. Manche lassen sich sogar Spritzen geben, wenn sie geimpft werden müssen oder für Blutproben. MUSIK 3 stehen lassen / Neuer Aspekt SPRECHERIN Auch Lena und Mo sind neugierig und gelehrig. Das Vielfraß-Pärchen lebt im Münchner Tierpark Hellabrunn. Bislang ohne Nachwuchs. Die Fortpflanzung der Tiere ist ungewöhnlich, auch ein Zeichen der Anpassung an Extrembedingungen: Die Paarung ist im Hochsommer, das befruchtete Ei ruht dann wochenlang im Uterus, es entwickelt sich erst am Winteranfang. Ein bis drei kleine Vielfraße kommen dann im März oder April zur Welt, ihre ersten Lebensmonate fallen also mit der warmen Jahreszeit zusammen. Die Weibchen tragen nur alle zwei Jahre Junge aus und ziehen den Nachwuchs alleine auf. Die können deshalb recht lang bei der Mutter bleiben, ein bis eineinhalb Jahre. In Hellabrunn hat die Zucht leider noch nicht geklappt, obwohl sich Lena und Mo schon mehrmals gepaart haben. BLENDE MUSIK 3 / ATMO 5 Gehege Regen Heute steht ihnen der Sinn nach etwas Anderem. Es ist ja auch Winter – keine Paarungszeit. Am Vormittag sind sie besonders aktiv, wie Tierpfleger Thomas Kaindl erzählt. Es sind schöne Tiere. Imposant ist ihr langes, dichtes Fell. Und nein, Vielfraße sind nicht niedlich. Aber sie sind in ihrer Emsigkeit sehr sympathisch. Kein Vergleich zu den benachbarten Raubkatzen, die meistens nur irgendwo herumliegen und Energie sparen. ATMO 5 BLENDE MUSIK 3 / ATMO 5 Gehege Regen SPRECHERIN … der strömende Regen scheint sie null zu stören. Die Tropfen perlen einfach an ihrem dunkelbraunen Fell ab. ATMO 5 hoch O-TON 7 Thomas Kaindl Sie sind sehr gesellig untereinander, wir haben hier ein sehr harmonisches, ein sehr junges Pärchen auch, mit acht Jahren, was sehr viel miteinander macht. Die auch sehr viel miteinander spielen, wo‘s auch immer wieder Reibereien gibt, wie bei uns Menschen auch, sag i mal. Die den ganzen Tag auch immer wieder beschäftigt sind, Futter zu suchen. Die Nase ist stark in Beanspruchung den ganzen Tag, a di Pfoten, weil sie sehr viel mit den Pfoten machen, das heißt sie tasten ab, wie ist der Boden, buddeln sehr viel, des sieht ma auch hier, wenn man von außen schaut. Diese ganzen Löcher die hier sind, des ham alles die Vielfraße g‘macht. Des machen die wirklich in Nullkommanix. ATMO 5 hoch SPRECHERIN Wir stehen außen am Maschendraht, ganz nah dran. Das Mikrofon hat einen großen Windschutz aus langhaarigem Kunstfell. Einer der beiden Vielfraße kommt im Gehege heran und beäugt und beschnüffelt die Situation von der anderen Seite des Maschenzauns. Das haarige Mikro scheint er irgendwie interessant zu finden. O-TON 8 Thomas Kaindl Der ist natürlich jetzt neugierig, weil hier jemand steht und schaut, und i hab ja vorher s‘Gehege a saubergmacht, wir müssen auch die Kotstellen reinigen, weil die natürlich sehr viel Kot machen, weil sie an hohen Stoffwechsel haben, die sind sehr aktiv, das heißt, da kommen andere Gerüche rein und die schauen natürlich, was i g‘macht hab. Wir füttern sehr viele Knochen und die Knochenstücke bleiben über, und die verbuddeln se. Hin und wieder räumen wir halt wieder was raus und da schaut er halt, ob ma net alle g‘fundn ham, ob ma a paar vergessen ham, dann buddelt er‘s wieder aus, wenn er weiß, dass ich drin war und sucht wieder an neuen Platz. ATMO 5 hoch SPRECHERIN Haben Vielfraße also einen Ordnungssinn, oder wollen sie ihre Vorräte vielleicht vor Thomas Kaindl verstecken? O-TON 9 Thomas Kaindl Das liegt immer im Auge des Betrachters (lacht) …. ATMO 5 hoch SPRECHERIN Thomas Kaindl geht jeden Tag zu Lena und Mo ins Gehege, zum Saubermachen, zum Füttern und zur Unterhaltung. Denn für einen Vielfraß gibt es nichts Schlimmeres als sich zu langweilen. Kaindl lässt sich immer wieder was Neues einfallen: O-TON 10 Thomas Kaindl Mia ham verschiedenste Gerüche, Lebkuchen und Nelkengewürz da fahren alle Raubtiere sehr stark drauf ab, auch n Parfüm, wir haben mittlerweile ne halbe Parfümerie bei uns hinten, wo uns die Leut schenken, wo se nimmer brauchen, des verstreuen ma im Gehege, da reiben sie sich dran, da wird dann drüber markiert, oder ganz klassisch an Karton, wo dann a bissl a Futter mit drin ist, mia ham so Lochkugeln, wo‘s Futter rausfällt, mir hängen an den Bäumen mal was auf … ATMO 5 hoch SPRECHERIN Und jetzt muss Thomas Kaindl – er muss es ja wissen – die Frage nach dem Namen beantworten. Heißen Vielfraße so, weil sie viel fressen? O-TON 11 Thomas Kaindl Also der Name hat nix mit der Ernährung zu tun, das ist eine falsche Übersetzung. Des kommt aus dem Skandinavischen, Viel Frett, das heißt eigentlich Felsenkatze, man hat‘s mit Vielfraß übersetzt. Aber sie fressen schon relativ viel, also, die ham ein Körpergewicht, der große Mann, der Mo, wiegt so 16 Kilo und sie kriegen schon ein bis zwei Kilo. Wenn ma des umrechnet: Der Tiger wiegt 170 Kilo und bekommt am Tag so 7 bis 8 Kilo. Im Vergleich zum Körpergewicht fressen die dann deutlich mehr wie a große Katze. Aber jetzt kein Vielfraß in dem Sinn, dass sie bis zum Zerplatzen fressen. ATMO 5 hoch SPRECHERIN Vielfraße fressen also auch in Gefangenschaft nicht mehr, als sie brauchen. Ihren verfressenen Ruf haben sie wohl auch aus dem Nachschlagewerk „Brehms Tierleben“, erstmals erschienen in den 1860er Jahren. BLENDE ATMO 5 / ATMO 4 hoch Zum Vielfraß schreibt der Naturforscher und Zoologe Alfred Brehm Folgendes: ZITATOR drüber „Der Name Vielfraß wurde mir, als ich sie zum ersten Mal füttern sah, urplötzlich verständlich. Winselnd, heulend, knurrend, kläffend, zähnefletschend und sich gegenseitig mit Ohrfeigen und anderweitigen Freundschaftsbezeugungen bedenkend, rennen sie wie toll und unsinnig im Käfig umher, gierig nach dem Fleisch blickend. Der unstillbare Blutdurst der Marder scheint bei ihnen in Fressgier umgewandelt zu sein.“ ATMO 4 kurz hoch, dann BLENDE MUSIK 1 ((SPRECHERIN Es stimmt schon: Zurückhaltend hört sich das nicht an. Auch sein wissenschaftlicher Name Gulo gulo verweist auf das lateinische Gula, Genusssucht. Aber Fressgier, Blutdurst oder gar Völlerei sind nichts als menschliche Phantasien. Der Schweizer Naturforscher Conrad Gessner hat in seinem Werk Historia animalium Mitte des 16. Jahrhunderts auch zum Vielfraß einen Eintrag verfasst, in dem er berichtet, das Tier fresse sich erst voll, dann zwänge es sich zwischen eng nebeneinanderstehenden Bäumen durch, um den Darminhalt möglichst rasch wieder loszuwerden und um danach weiter zu fressen. Auch vor menschlichen Leichen mache der Gierschlund nicht Halt, heißt es.)) BLENDE MUSIK 1 / MUSIK 2 Neuer Aspekt SPRECHERIN Woher hat Brehm ((Gessner)) seine Erkenntnisse? Vielleicht hat er die Tiere beobachtet, als sie noch in Mitteleuropa gelebt haben? Wohl kaum. Denn der Vielfraß ist bei uns viel, viel früher verschwunden. Knochenfunde belegen, dass es einmal viele Vielfraße in Mitteleuropa gegeben hat, und zwar während der letzten Eiszeit, der Würm-Eiszeit. Reste von 188 Exemplaren wurden bis jetzt gefunden, in den Alpenländern und in Belgien, Spanien, Ungarn und Kroatien, in der Slowakei und in Slowenien. Sie zeigen, dass die Tiere damals etwa 15 Prozent größer waren als heute. Auch in Bayern gab es Vielfraße, ihre Reste wurden in der Zoolithenhöhle und der Moggaster Höhle bei Forchheim in Oberfranken entdeckt und in den Weinberghöhlen bei Rennertshofen im oberbayerischen Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Die meisten Vielfraß-Knochen stammen aus der Zeit um 18.000 vor Christus, andere vom Ende der Kälteperiode, um 14 bis 10.000 vor Christus. MUSIK 2 hoch Doch warum leben heute keine Vielfraße mehr in Mitteleuropa? Das Klima spielt wohl eine wichtige Rolle. Es war kalt damals in Mitteleuropa – genau richtig für den Vielfraß. Auch Rentiere lebten bei uns, und an die war der Vielfraß schon damals gebunden. Eine Theorie lautet, dass mit dem Rückzug der Beutetiere nach Nordeuropa am Ende der Eiszeit auch der Vielfraß verschwand. Er ist ihnen nachgewandert. MUSIK 2 hoch Eine andere Theorie vertritt die Wiener Paläontologin Doris Döppes: O-TON 12 Doris Döppes Die Interpretation geht jetzt in die Richtung, dass der Vielfraß rund um die Alpen, sag ich jetzt mal groß, Mitteleuropa, ausgestorben ist, nämlich, dass es verschiedene Unterarten waren und der heutige Vielfraß nicht aus den Alpen kam, sondern dass die dort ausgestorben sind, dieser Genpool, und die neue Einwanderung über Nordamerika beziehungsweise Asien kam. Die haben auch den gleichen Genpool. Also zirkumpolar ist der Vielfraß ein Genpool. SPRECHERIN Doris Döppes hat insgesamt acht Vielfraß-Skelette gefunden. Das erste sozusagen aus Versehen, während sie in der Salzofenhöhle in der Steiermark nach Resten von Höhlenbären suchte: O-TON 13 Doris Döppes Die liegt auf 2.500 Meter Seehöhe, aber es war nicht möglich an das Material der Höhlenbären dieser Höhle zu kommen, die Knochen waren verschollen. Aber es wurde ein fast vollständiges Vielfraßskelett gefunden. Das ist ein Schachtfund. Also das Tier dürfte in einen Schacht gefallen sein und dort verendet. Ein Unfall. Sicher angezogen von toten Tieren. Und er ist ja sehr neugierig. SPRECHERIN Döppes hat das Skelett genau untersucht und sich dann im Laufe der Jahre auf den Eiszeit-Vielfraß spezialisiert: O-TON 14 Doris Döppes Er wird auch oft übersehen, wenn man die Knochen durchsieht. Er hat aber sehr typische Merkmale an den Knochen. Manchmal hab ich neue Knochen gefunden, die zum Vielfraß gehören, manche waren aber auch falsch bestimmt. Er kann leicht verwechselt werden mit dem Wolf. SPRECHERIN: Oder mit dem Bären ... O-TON 14a Doris Döppes ... es sind ja beides Raubtiere, beide sind Allesfresser im Großen und Ganzen und dadurch sind sich die im Körperaufbau ähnlich. Und das Spannende war eben, dass in Unterkiefer auffallend war, zu den heute lebenden Vielfraßen, dass der letzte Molar, also der zweite Molar fehlte. SPRECHERIN: Er hatte einen Backenzahn weniger als seine heutigen Artgenossen. Ein Indiz dafür, warum die eiszeitlichen Vielfraße ausgestorben sind? Konnte er nicht so gut kauen, oder bestimmte Nahrung nicht gut kauen? O-Ton 15 Doris Döppes Für die pflanzliche Ernährung sind breite Zähne und mehr Zähne, sagen wir auch so, von Vorteil. Und der Vielfraß hat ein typisches Raubtiergebiss, also mit einer Brechstange wie man‘s vom Löwen vielleicht kennt, teilweise auch vom Hund, und auch von der Hyäne. Die Hyäne ist angepasst an Knochen-Zerbrechen und das ist auch beim Vielfraß sichtbar. Der Vielfraß hat eine sehr starke Beißkraft im hinteren Bereich. SPRECHERIN Auf die Frage, ob das Gebiss mit dem Aussterben zu tun hat, gibt es noch keine schlüssige Antwort. Wie auch bei vielen anderen Eiszeit-Säugetieren: O-TON 16 Doris Döppes Er gehört zur damaligen Fauna, zu dieser Kältefauna. Wie das Mammut, Wollnashorn, Höhlenlöwe, Höhlenbär, Rentier, Pferd. Ja, manche sind ausgestorben zu unterschiedlichen Zeiten, der Höhlenbär ist ausgestorben, der Höhlenlöwe, die Höhlenhyäne, das Mammut, Riesenhirsch ist ausgestorben. Manche sind noch da wie zum Beispiel der Wolf. Hirsch hat‘s damals gegeben und gibt‘s heute auch noch. Aber Moschusochse gibt‘s auch noch, das Pferd mehr oder weniger, das Rentier, der Vielfraß… SPRECHERIN Könnte er nicht wieder zurückkommen, so wie auch Wölfe oder Bären wieder in Mitteleuropa leben? O-Ton 17 Doris Döppes Also er braucht geschlossene Wälder und die sind in Europa einfach nicht vorhanden. Und wenn man sieht, was jetzt mit Luchs, Wolf etc. oder auch Rothirsch in Europa abgeht, macht‘s keinen Sinn und ist auch nicht zielführend. Eventuell wandert er von selber, so wie ein Wolf oder ein Bär oder ein Luchs. Aber der Fall ist überhaupt nicht gegeben. Also es gibt überhaupt keine Tendenzen, dass der Vielfraß hier südlich abwandert aus Skandinavien oder auch nicht vom Osten rein, von Russland. SPRECHERIN Vielleicht kommt er doch irgendwann zurück, wenn Europa mehr Wildnis zulässt und grüne Korridore heimischen Säugetieren mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen? Bis dahin können wir ihn leider nur im Tierpark erleben, den rauen Gesellen aus dem Norden.

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