Sind Erdbebenkatastrophen vermeidbar? - Der Tag davor...
06.02.2024 · 22 Min.
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Viele Erdbebenkatastrophen würden weniger dramatisch ausfallen, wenn der Baubestand besser wäre. Wissenschaftler und Experten arbeiten an neuen Strategien für die gefährdeten Megacities der Welt. Autorin: Dagmar Röhrlich (BR 2016)
Credits
Autorin dieser Folge: Dagmar Röhrlich
Regie: Dagmar Röhrlich
Es sprachen: Dagmar Röhrlich, Lars Schmidtke
Technik: Lewlin Rektenwald
Redaktion: Sabine Straßer, Bernhard Kastner
Im Interview:
Tom Heaton (California Institute of Technology in Pasadena, CA);
Martin Voss (Freie Universität Berlin);
Jonathan Stewart (Universität von Kalifornien, Los Angeles, CA);
Lothar Stempniewski (Karlsruher Institut für Technologie KIT);
Hans Joachim Blass (Karlsruher Institut für Technologie, KIT);
Carmen Sandhaas (Karlsruher Institut für Technologie KIT);
Leonardo Seeber (Lamont-Doherty Earth Observatory in Palisades, NY);
Werner Trieselmann (Center for Disaster Management and Risk - Reduction Technology in Potsdam)
Linktipp:
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BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
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- Die Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz - Auf der Suche nach dem Ich
06.02.2024 · 24 Min.
Marie Luise Kaschnitz ist eine der bedeutendsten Dichterinnen der Nachkriegsjahre. Sie beschreibt die Trümmer des Zweiten Weltkrieges, beschäftigt sich immer wieder mit dem eigenen Ich, ist eng befreundet mit Ingeborg Bachmann und Theodor W. Adorno. Als sie 1974 stirbt, hinterlässt sie ein vielschichtiges Werk. Doch heute scheint sie fast vergessen. Autorin: Juliane Ziegler (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Juliane Ziegler Regie: Irene Schuck Es sprachen: Stefan Wilkening, Katja Bürkle Technik: Regina Staerke Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Brigitte Raitz, Germanistin und Kuratorin zweier Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz Literaturhinweise: Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke in 7 Bänden. Hrsg.: Christian Büttrich. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1981-1989. Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind und andere Erzählungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002. Kaschnitz, Marie Luise: Liebe beginnt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984. Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind. Prosa, Gedichte und Gespräche. Ausgewählt von Christian Büttrich. der Hörverlag, 2001. (CD) Raitz, Brigitte: „Ein Wörterbuch anlegen". Marie Luise Kaschnitz zum 100. Geburtstag. Marbacher Magazin 95/2001: Marbach am Neckar, 2001. von Gersdorff, Dagmar: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie. Frankfurt am Main und Leipzig: Suhrkamp, 1992. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN: KASCHNITZ/DAS DICKE KIND Wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum. Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frisst, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm. SPRECHER Dann geht das träge Raupen-Mädchen hinaus, zum zugefrorenen See, wo die ältere Schwester Pirouetten dreht. Anmutig und schön. Das dicke Kind jedoch bricht im Eis ein. Alles beobachtet von der Erzählerin - auf sie übt das Kind eine seltsame Anziehung aus. Dieser Text von 1952 gilt als eine der bekanntesten Kurzgeschichten von Marie Luise Kaschnitz. Die Ludwigsburger Germanistin Brigitte Raitz sagt: O-TON (1) RAITZ Das Besondere ist - dass Kaschnitz praktisch sich selbst als Kind und auch ihre damalige große Eifersucht auf die ältere Schwester Lonja thematisiert. Also es ist so’ne Verwandlung, also am Übergang vom Kind zum Jugendlichen. Und das hat sie öfters thematisiert. O-TON (2) Interview: Marie Luise Kaschnitz mit Horst Bienek, 1961, Hessischer Rundfunk Ja, das dicke Kind bin ich selbst. Die Schwester ist meine Schwester Lonja, der See ist der Jungfernsee bei Potsdam. Wir haben dort in der Nähe gewohnt. Wir sind viel Schlittschuh gelaufen und ich bin auch einmal eingebrochen, aber - wie das dicke Kind - nur einen Meter tief. Ich war auch ein braves, schläfriges, viel essendes Kind, aber eben eines mit vielen Ängsten und eines, das bei jeder Gelegenheit zu heulen anfing. SPRECHER … erklärt Marie Luise Kaschnitz in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk 1961. In vielen ihrer Texte verarbeitet sie selbst Erlebtes, die teils auch bitteren Erfahrungen aus der Kindheit. Immer wieder beschäftigt sich mit ihrem früheren Ich. Sie, die Schriftstellerin, sagt, sie könne gar nichts neu erfinden, sie sei eine ewige Autobiografin. Geboren wird Marie Luise Freiin von Holzing-Berstett am 31. Januar 1901 in Karlsruhe. Als sie ein Jahr alt ist, ziehen sie - die Eltern entstammen beide adeligen Familien - nach Potsdam, später nach Berlin, wo der Vater Flügeladjutant unter Wilhelm II. wird. Nach zwei Mädchen hatte die Mutter bei der Geburt von Marie Luise auf einen Jungen gehofft. Sie verbirgt ihre Enttäuschung nicht. Erst drei Jahre später kommt der ersehnte Sohn auf die Welt. O-TON (3) RAITZ Es war eine große Distanz zwischen den Kindern und den Eltern und sie hat darunter doch sehr gelitten und hat vor allem die Zuwendung der Mutter vermisst. SPRECHER … sagt Brigitte Raitz. Die Germanistin hat zwei Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz kuratiert. O-TON (4) RAITZ Sie hat aber auf die Dauer gesehen viel profitiert von diesem Elternhaus, denn beide Eltern waren musisch sehr interessiert. Die Mutter war sogar ausgebildete Sängerin und hat offensichtlich hervorragend Klavier gespielt, hat auch den Kindern ein Puppentheater eingerichtet und ist mit den Kindern ganz früh in Berlin in Konzerte, in Theateraufführungen, in die Oper gegangen. SPRECHER Marie Luise und ihre Geschwister wachsen behütet, streng erzogen und großbürgerlich auf. Gespielt wird mit der Tochter des Kaisers. Bis 1917 bleiben die Holzing-Berstetts in Berlin. Dann ziehen sie nach Bollschweil bei Freiburg. Dorthin wird Marie Luise Kaschnitz ihr gesamtes Leben über zurückkehren, der Ort wird immer wieder in ihrer Arbeit auftauchen. 1922 beginnt sie eine Lehre als Buchhändlerin in Weimar. Ihr Interesse an Kultur ist groß. Es zieht sie aber eher zum Bauhaus als ins Goethehaus, lieber Szene als Hochkultur. 1924 geht Marie Luise für ihre erste Stelle nach München. Hier lernt sie Guido (Aussprache: Gu-ido) Kaschnitz von Weinberg kennen, einen Archäologen aus Wien. Kurz darauf treffen sie sich in Rom wieder - sie arbeitet in einem Antiquariat, er am Deutschen Archäologischen Institut. Sie heiraten bald und bleiben in Rom. Von da an trägt Marie Luise die einst hüftlangen dunklen Haare kurz, Guido gefällt es so besser. Auf Fotografien blickt sie freundlich und interessiert, aber meist ernst in die Kamera. Die Augen groß, die Brauen markant. Später trägt sie oft Perlen um den Hals. 1928 kommt Tochter Iris Costanza (italienische Schreibweise, ohne vorderes „n“) auf die Welt. Für ihr Kind schreibt sie eines ihrer bekanntesten Gedichte, Am Strande: ZITATORIN Heute sah ich wieder dich am Strand Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb Mit dem Finger grubst du in den Sand Zeichen ein, von denen keines blieb. Ganz versunken warst du in dein Spiel Mit der ewigen Vergänglichkeit Welle kam und Stern und Kreis zerfiel Welle ging und du warst neu bereit. Lachend hast du dich zu mir gewandt Ahntest nicht den Schmerz, den ich erfuhr Denn die schönste Welle zog zum Strand Und sie löschte deiner Füße Spur. SPRECHER Schon als Jugendliche schreibt Kaschnitz kurze Texte, von nun an veröffentlicht sie Prosa und Gedichte, arbeitet an Romanen - aus der jungen Buchhändlerin wird eine Autorin. Rückblickend wird Marie Luise Kaschnitz diese Zeit in Rom als das Glück schlechthin bezeichnen. Das zeigt sich auch in ihrer Arbeit: Die Ewige Stadt und Italien sind immer wieder Gegenstand ihrer Texte. Einen weiteren Schwerpunkt legt sie auf menschliche Beziehungen und persönliche Konflikte - etwa schwierige Verhältnisse unter Geschwistern, Verrat oder Schuld. Die Natur und die Antike sind weitere Motive in ihren Erzählungen und Gedichten zu jener Zeit. Angeregt durch das Umfeld in Italien und den Beruf ihres Mannes interessiert sich Kaschnitz jetzt sehr für griechische und römische Mythologie. Sie geht mit Guido auf viele Studienreisen: nach Griechenland, Sizilien, Nordafrika. Doch die Rollen zwischen ihnen sind klar verteilt: O-TON (5) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich musste dafür sorgen, dass mein Mann möglichst gut arbeiten konnte und dass er und unser Kind möglichst glücklich waren. Trotzdem habe ich auch damals immer gearbeitet und meine eigene Gedanken- und Ideenwelt gehabt. Ich glaube, dass mein Mann eher froh darüber war. Eine Frau, die am Diwan sitzt und auf den Mann wartet, hätte ihn verrückt gemacht. SPRECHER Die Priorität liegt auf Familie und Haushalt, geschrieben wird nebenbei: O-TON (6) RAITZ Das hätte sie eher als ein Laster betrachtet und als völlig unwichtig, und sie hat auch viel, schreibt sie, heimlich geschrieben. Und wenn sie unterwegs war, ist sie ins Café und hat dort geschrieben, oder auf Zugreisen auf den Knien - also sie hat es sehr heruntergespielt. SPRECHER … so Brigitte Raitz. Die Ehe mit Guido bezeichnet Marie Luise Kaschnitz als harmonisch, liebevoll, eng. So eng, dass sie später von großen Schuldgefühlen ihrem Kind gegenüber berichtet, Tochter Iris sei als Dritte im Bunde zu kurz gekommen. Doch: Die große Leidenschaft Guidos für seinen Beruf, sein Ehrgeiz und Arbeitspensum führen zeitweise auch zu Missstimmung. Marie Luise kämpft mit Unsicherheiten. O-TON (7) RAITZ An ihn kann sie nicht heranreichen, an ihn, an seine Intelligenz, an sein Wissen, an seine Fähigkeiten auf wissenschaftlichem Gebiet. SPRECHER Kaschnitz arbeitet an einem Roman: Liebe beginnt erscheint 1933. Im Fokus steht ein junges Paar, das eine Reise nach Süditalien unternimmt. Die Parallelen zu den Eheleuten Kaschnitz sind klar zu erkennen. Feste Rollenmuster, Unterlegenheitsgefühle, Neid und letztlich der Umgang damit innerhalb ihrer Beziehung - das sind die Themen des Buchs. In der Öffentlichkeit wird der Roman jedoch kaum beachtet. Anfang der Dreißiger Jahre geht die Familie nach Deutschland, lebt in Bollschweil, Königsberg, Marburg. Durch die Arbeit als Archäologe gibt Guido stets den jeweiligen Wohnort vor, Marie Luise und Tochter Iris ziehen mit. Ihr Mann ist es aber auch, der sie immer wieder zum Schreiben animiert, an ihr Talent glaubt, erklärt Kaschnitz-Expertin Raitz: O-TON (8) RAITZ Dass sie überhaupt geschrieben hat und so weit gekommen ist, das hatte er eigentlich in Gang gesetzt, er hat sie sehr bestärkt und hat sie immer unterstützt, dass sie, wenn sie enttäuscht war oder so, dass sie net die Flügel hängen lässt. SPRECHER Doch Motivation und Bestätigung kommen dann auch von außen: 1934 gewinnt Marie Luise Kaschnitz einen Lyrik-Wettbewerb der renommierten Zeitschrift Die Dame. Vom Preisgeld kauft sie sich ihr erstes eigenes Auto, einen Opel. Anfang der Vierziger Jahre arbeitet Kaschnitz an einer Biographie des Malers Gustave Courbet und bezeichnet dieses Buch als einen Übergang zu einer neuen Epoche. Motive aus Natur und Antike verschwinden aus ihren Texten, sie beschäftigt sich jetzt stärker mit der Gegenwart. Die Gegenwart: das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg. Das gesellschaftliche Klima und die Bedrohung, die von den Nationalsozialisten ausgeht, nimmt Kaschnitz aufmerksam wahr. Im November 1938 notiert Kaschnitz in ihrem Tagebuch: ZITATORIN In Bollschweil. Tage der tiefsten Niedergeschlagenheit, Scham und Trauer. SPRECHER Die Kriegsjahre verbringt die Familie teils in Frankfurt am Main, teils im nahe gelegenen Kronberg. Neben Bollschweil und Rom wird Frankfurt der dritte Ort von zentraler Bedeutung in Kaschnitz’ Leben und Werk. Dort lebt die Familie ab 1941. Noch heute prangt am Hauseingang im Frankfurter Westend eine kleine Gedenktafel zu Ehren der prominenten Bewohnerin - bis zum Tod von Marie Luise Kaschnitz bleibt dies ihr Wohnsitz. Aber wie haben sie und Guido sich in jener Zeit positioniert? ZITATORIN Ja, danach fragen jetzt alle, nach dem Engagement, aber ich kann diese Frage in einem Sie befriedigenden Sinn kaum beantworten. In der Nazizeit war ich zwar ‚dagegen‘ und habe ein paar Unannehmlichkeiten gehabt, aber ich war doch viel zu feig, um wirklich etwas zu tun. Mich als ‚engagiert‘ zu bezeichnen wäre nichts als Angeberei. SPRECHER … äußert sich Marie Luise Kaschnitz 1971 in einer Befragung von Schüler*innen. Sie schreibt weiter, arbeitet an der Courbet-Biographie. Unauffällig, unverfänglich. Politische Aussagen macht sie keine. Dem Begriff der Inneren Emigration begegnet Marie Luise Kaschnitz jedoch kritisch, wie hier in dem 1973 erschienenen Text ihres Buches Orte: ZITATORIN Und worin soll sie denn bestanden haben, unsere sogenannte innere Emigration? Darin, dass wir ausländische Sender abhörten, zusammensaßen und auf die Regierung schalten, ab und zu einem Juden auf der Straße die Hand gaben, auch dann, wenn es jemand sah? Nicht heimlich im Keller Flugblätter gedruckt, nicht nachts verteilt, nicht widerständlerischen Bünden angehört, von denen man wusste, dass es sie gab, es so genau aber nicht wissen wollte. Lieber überleben, lieber noch da sein, weiterarbeiten, wenn erst der Spuk vorüber war. Wir sind keine Politiker, wir sind keine Helden, wir taten etwas Anderes. SPRECHER Guido geht seiner wissenschaftlichen Arbeit als Archäologe nach, soweit möglich, sie ihrem Beruf als Schriftstellerin: Marie Luise Kaschnitz fängt die Stimmungen nach dem Krieg in ihrer Lyrik ein, fasst ihr Entsetzen in Worte. Sie beschreibt Ruinen und Zerstörung, Wohnungsnot, Leid. Ihr Gedicht-Band Totentanz bringt ihr die Bezeichnung Trümmerdichterin ein. O-TON (9) RAITZ Berühmt wurde sie nach ’45 in der deutschen Literatur zunächst für diese großen Zyklen, die das unmittelbare Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit thematisieren: Rückkehr nach Frankfurt ist vielleicht das berühmteste. Oder dann Die große Wanderschaft, die großen Flüchtlingszüge, der Hunger, das Elend, auch das grausame Verhalten zum Teil. SPRECHER Nach dem Krieg arbeitet sie in der Redaktion der neuen Zeitschrift Die Wandlung mit, übernimmt das Literatur-Ressort und empfiehlt Dichter*innen wie Paul Celan oder Gabriele Wohmann. Kaschnitz ist Mitglied des PEN-Clubs, tauscht sich mit Autor*innen der Gruppe 47 aus, schreibt viel, Gedichte und Essays. Das Papier ist knapp, mit Guido streitet sie um jedes Blatt, berichtet sie einem Freund. Sie pflegt einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Theodor W. Adorno und seine Frau sind enge Freunde, sie wohnen in der Frankfurter Nachbarschaft. Und dann, 1952, geht es wieder nach Rom! Guido wird Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts. Insgesamt verbringt Marie Luise Kaschnitz über zehn Jahre ihres Lebens in Rom, als ihre Herzlandschaft bezeichnet sie die Stadt. Es sind wohl die Gegensätze, die Kaschnitz so faszinieren: hier die sichtbare Vergangenheit, dort die lärmende Metropole; Schwermut neben Vitalität, unfassbare Schönheit neben sozialer Armut. Briefe aus dieser Zeit zeigen, wie gut es ihr in Italien geht. Später blickt sie zurück: O-TON (10) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Rom hat mich gewiss auch künstlerisch beeinflusst. Man lernt dort Geschichte und lernt, sich gegen die Geschichte zu wehren. Ich glaube, dass man vor allem sehen lernt. Man hat viele Impulse durch Augenfreuden, und weil das Leben sich zum großen Teil draußen, nicht in den Häusern abspielt, erfährt man auch viel von den Menschen, viel mehr als hier. ((SPRECHER In Rom ist Kaschnitz Teil eines deutschsprachigen Autoren- und Intellektuellen-Kreises und genießt das Leben in Italien. Sie lernt Ingeborg Bachmann kennen, mit der sie zeitlebens eng befreundet bleibt. Daneben trifft sie sich mit Kollegen wie Gustav René Hocke, Hermann Kesten, später auch mit Max Frisch und Luise Rinser. Als sensibel wird sie beschrieben, mit einem Gespür für besondere Situationen und Stimmungen. Eine Menschenfischerin sei sie, so Kaschnitz über sich selbst.)) O-TON (11) RAITZ Sie war eine ungeheuer gute Beobachterin und Zuhörerin und sie hat vieles aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz vor allem in die Erzählungen übernommen. Und sie beschreibt sehr genau, psychologisch korrekt, sehr psychologisch oft. Aber nie irgendwie verschwommen oder verrätselt, sie hat einen sehr direkten Stil, wenn man das sagen kann. Sie lässt oft die Handelnden erzählen, aber sehr oft, sicher Dreiviertel davon sind in der Ich-Form. SPRECHER So auch die Kurzgeschichte Das dicke Kind, mit der Marie Luise Kaschnitz viel Aufmerksamkeit erlangt. Die Erzählerin, voller Abscheu diesem trägen Kind gegenüber, folgt ihm dennoch neugierig nach draußen: ZITATORIN Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. SPRECHER Dann, der Schreck: Das Kind bricht im Eis ein. Doch es gelingt ihm, sich selbst zu retten. Alles beobachtet von der Ich-Erzählerin: ZITATORIN Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich zusah, und jetzt hatte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wusste, ich brauche ihm nicht mehr zu helfen - ich hatte es erkannt . . . SPRECHER Denn die Erzählerin ist selbst das Kind. Marie Luise Kaschnitz hält sich einen Spiegel vor und verarbeitet ihre eigenen Erfahrungen aus der Kindheit. Dabei bewegt sich der Text zwischen Realität und Fiktion. 1961 bekennt sie: O-TON (12) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich halte die Geschichte Das dicke Kind für meine stärkste Erzählung, weil sie am kühnsten und am grausamsten ist. So grausam zu sein, konnte mir nur gelingen, weil das Objekt dieser Grausamkeit ich selber war. SPRECHER Hart und schonungslos gegenüber dem eigenen Ich, der eigenen Vergangenheit. Anderen Menschen hingegen begegnet sie aufgeschlossen und wohlwollend. Sie pflegt ihr großes Netzwerk von unterschiedlichen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. Immer wieder fördert sie junge Talente, etwa die Schriftstellerin Ingrid Bachér. 1952 wird ihr erstes Hörspiel gesendet, bis in die Siebziger Jahre folgen rund zwanzig weitere. Kaschnitz sagt, großes Vergnügen bereite ihr dabei die Arbeit am Dialog, der freie Umgang mit Ort und Zeit. Drei Jahre später, 1955, der Höhepunkt ihres Schaffens: Sie erhält den Georg-Büchner-Preis, viele weitere Auszeichnungen folgen. Spätestens jetzt hat Marie Luise Kaschnitz einen festen Platz in der literarischen Szene im Nachkriegsdeutschland. Dann ein großer Schicksalsschlag für sie: 1958 stirbt Guido. Zwei Jahre zuvor wurde bei ihm ein Hirntumor entdeckt, die Zeit bis zu seinem Tod ist zermürbend. ZITATORIN: KASCHNITZ/Dein Schweigen, meine Stimme Du entfernst dich so schnell Dein Schweigen Meine Stimme Dein Ruhen Mein Gehen Dein Allesvorüber Mein Immernochda SPRECHER Das Ende dieser glücklichen Beziehung stürzt sie in eine Krise, die auch in ihrem Werk als Zäsur zu erkennen ist. Viele Gedichte aus dieser Zeit haben den Tod, Trauer, Vergänglichkeit und Verlust zum Thema. Halt findet sie in der Familie, bei ihren Freunden, im Austausch mit Kolleg*innen. Langsam tastet sie sich ins Leben zurück. Ihr Interesse am Zeitgeschehen und an jüngster Geschichte wächst. Früher habe sie sich oft Guidos Meinung angeschlossen, berichtet Germanistin Brigitte Raitz: O-TON (13) RAITZ Sie hat sich erst nach seinem Tod politisch geäußert. Und dazu sagt sie: Der Liebe - das war so ihr Name für ihn - der Liebe hätte jetzt sicher den Kopf geschüttelt oder die Stirn gerunzelt. SPRECHER Zwischen Aufarbeitung der Nazi-Zeit, Wirtschaftswunder und Mauerbau taucht nun häufiger Gesellschaftskritik in ihren Texten auf. Sie hofft auf Veränderung und Aufbruch, wird politisch: O-TON (14) RAITZ Nicht nach außen, also sie tritt nicht mit Reden auf oder politischen Äußerungen wie vielleicht Walser oder Grass oder so Leute. Sie besucht zum Beispiel 1964 als eine der ganz wenigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen den Auschwitzprozess in Frankfurt und macht Notizen darüber. Und sie hat in Frankfurt (lacht) mit großer Sympathie den Häuserkampf der Studenten verfolgt. Ist wohl auch bei manchen Demonstrationen mitgelaufen und sie hat auch später immer vor ihrem Angst vor Atomschlag, vor der Umweltzerstörung gesprochen. SPRECHER Viele ihrer Texte sind zeitlos. Und doch sind die Romane und Essays, Kurzgeschichten und Gedichte jüngeren Leser*innen heute kaum noch bekannt. Gefragt, in welcher literarischen Form sie sich selbst am deutlichsten verwirklichen könne, antwortet Marie Luise Kaschnitz: O-TON (15) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich glaube, im Gedicht. Ich will aber noch mehr und anderes sagen, als sich im Gedicht ausdrücken lässt. Die Kritik hat mich die längste Zeit nur als Lyrikerin gesehen. Tatsächlich setze ich mich mit Vorliebe zwischen alle Stühle insofern, als man meine Gedichte episch, meine Prosa lyrisch und meine dramatischen Versuche sowohl episch wie lyrisch nennt. SPRECHER Im Herbst 1974 soll Marie Luise Kaschnitz die Frankfurter Buchmesse mit einem Vortrag eröffnen. Der Titel: Rettung durch Phantasie, ein Plädoyer für die Lyrik. Dazu kommt es nicht mehr. Sie stirbt nach einem Badeunfall am 10. Oktober in Rom ((- in ihren Notizheften noch viele unverarbeitete Ideen)).
- Die Erde - Ein Planet in ständiger Bewegung
06.02.2024 · 22 Min.
Dass die Erde ein bewegter Planet ist, hat sich noch nicht lange im Bewusstsein ihrer menschlichen Bewohner verankert. Dass sie um die Sonne kreist - das ist seit der früheren Neuzeit bekannt. Autorin: Christiane Neukirch (BR 2013) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Martin Trauner, Andreas Mangold Es sprachen: Sabine Kastius, Wolfgang Pregler Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Aufbau unserer Erde - Kruste, Mantel und Kern JETZT ANHÖREN Sonnen-Eruptionen - Wenn heiße Gase die Erde treffen JETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Isaac Newton - Genie, Gelehrter, Wissenschaftler
05.02.2024 · 22 Min.
Isaac Newton brachte mit seinen Erkenntnissen Mathematik wie Physik maßgeblich voran. Doch der englische Universalgelehrte war auch schwierig, er lag mit Freunden und Kollegen ständig im Streit. Autor: Lukas Grasberger (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Merki, Carsten Fabian Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Florian Freistetter, Physiker und Autor „Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand"; Thomas Udem, Prof., Max-Planck-Institut für Quantenoptik; Stefan Zieme, Wissenschaftshistoriker und Physiker, HU Berlin; Stefan Geier, Astronom, Grantecan, La Palma Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ZITATOR „Ich weiß nicht, wie ich der Welt erscheinen mag; aber mir selbst komme ich nur wie ein Bub vor, der am Strand spielt und sich damit vergnügt, ein noch glatteres Kieselsteinchen oder eine noch schönere Muschel als gewöhnlich zu finden - während das große Meer der Wahrheit gänzlich unerforscht vor mir liegt." SPRECHERIN Sätze, die so bescheiden wie weise klingen. Überliefert sind diese Sätze von Sir Isaac Newton, dem bereits wohlhabenden und anerkannten englischen Naturforscher und Philosophen, am Ende seines Lebens. Doch Isaac Newton, dieser strahlende Stern, Fixpunkt und Orientierung für Generationen nachgeborener Naturwissenschaftler, hatte auch eine dunkle Seite: Streitsucht, Egoismus und die Unfähigkeit, Kritik zu ertragen, standen Zeit seines Lebens seiner intellektuellen Brillanz entgegen. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN Der zwiespältige Charakter des 1643 geborenen Isaac Newton könnte in einer Kindheit begründet liegen, in der die unbeschwerten Momente am Strand wohl nicht die prägenden waren, mutmaßt der Physiker Florian Freistetter, der 2017 eine Biografie über Isaac Newton veröffentlicht hat. Musik aus O-Ton 1 Florian Freistetter, Autor „Newton: Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“ „...Man kann nur mit den biografischen Daten arbeiten, die´s gibt: Und da hat Newton tatsächlich eine schwierige Kindheit gehabt. Newton hat auch in seinen Tagebüchern geschrieben, wie schwer es für ihn war, mit seinem Stiefvater und seiner Mutter klarzukommen.“ Musik SPRECHERIN Er habe Mutter und Stiefvater Smith bedroht, sie samt ihrem Haus anzuzünden, notierte der junge Newton in seinem Tagebuch. Dieser Furor dürfte auch damit zu tun gehabt haben, dass seine Mutter und sein Stiefvater Isaac Newton zur Großmutter abgeschoben hatten. Ein traumatisches Erlebnis für das Kind sieht darin der US-Wissenschaftshistoriker Richard. S. Westfall. Wahrscheinlich sei es diese Abwesenheit an elterlicher Zuwendung gewesen, schreibt Westfall in seiner Newton-Biografie, welche ihn zu einer extrem neurotischen Persönlichkeit gemacht habe, die sich – zumindest in ihren mittleren Jahren – permanent am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegt habe. MUSIK SPRECHERIN Nach dem Tod des Stiefvaters kam der nunmehr zehnjährige Isaac zurück in sein Elternhaus im mittelenglischen Dorf Woolsthorpe. Die zweifache Witwe Newton – Isaacs Vater war bereits vor seiner Geburt gestorben – hoffte, der Sohn würde das familieneigene Bauerngut übernehmen. Doch längst hatte ein anderes Erbe das Interesse des Buben geweckt: Sein Stiefvater, ein Dorfpfarrer, hatte eine umfangreiche Hausbibliothek hinterlassen. Der kleine Isaac zog sich gerne in die Welt der Bücher zurück. Und während andere Kinder gemeinsam im Wald herumtobten, grübelte Isaac Newton über Konstruktionszeichnungen, entwarf eine Windmühle, die auch tatsächlich gebaut wurde, oder ließ - allein in seinem Zimmer – eine Maus eine Tretmühle antreiben. O-Ton 2 Freistetter „Man kann das schon so ein bisschen vergleichen auch mit diesem Klischee des sozial unfähigen Nerds, das ja heute immer noch in der Welt existiert“ SPRECHERIN ...sagt der Newton-Biograf Florian Freistetter. Als Naturwissenschaftler hält er wenig von allzu psychologisierenden Deutungen – zumal nach so langer Zeit. Vielmehr habe ein Zusammenspiel an äußeren Umständen und innerem Entdeckerdrang Isaac Newtons Lebensweg in eine bestimmte Richtung gelenkt. O-Ton 3 Freistetter „Diese große Neugier. Dass das dann noch durch die Isolation seines familiären Hintergunds vielleicht noch verstärkt wird. (…) Solche Charaktere, die vielleicht aus welchen Gründen auch immer ein bisschen Probleme haben mit der Gesellschaft, ein bisschen Probleme haben, sich anzupassen, die vielleicht eher allein sein wollen, ihr Ding machen: Die finden in der Wissenschaft, damals vermutlich, und heute immer noch, so ne Art geschützten Raum. Weil´s im Wissenschaftsbetrieb eben vor allem darauf ankommt, was man weiß.“ SPRECHERIN Der geschützte Raum, in dem Isaac Newton seine weitreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse ausbrüten konnte, sollte wiederum für mehrere Jahre ein Zimmer in seinem Elternhaus werden. Zwar durfte er – auf die Intervention eines Onkels hin – eine weiterführende Schule besuchen. Zwar absolvierte Newton die darauffolgenden drei Jahre ein Studium in Cambridge - doch bereits 1665 wurden Studenten wie angehende Akademiker in Zwangsurlaub geschickt. Die große Pest wütete - und der frisch gebackene Bachelor Newton kehrte in die ländliche Abgeschiedenheit seines Elternhauses zurück. Dort schloss er die Fensterläden, bohrte ein Loch hinein - und setzte ein Prisma so in den eindringenden Lichtstrahl, dass die Farben an der gegenüberliegenden Wand erschienen. MUSIK ZITATOR „Es war zuerst eine sehr angenehme Unterhaltung, die lebhaften und kräftigen Farben zu betrachten, die dadurch hervorgebracht wurden. Als ich sie aber nach einiger Zeit sorgfältiger beobachtete, erstaunte ich, dass ihre Form länglich war. Ich hätte erwartet, dass sie kreisförmig wäre Beim Nachmessen fand ich, dass dieses farbige Bild fünfmal länger war als breit. In mir erwachte das lebhafteste Verlangen, die Ursache dieses enormen Missverhältnisses zu entdecken.“ SPRECHERIN ...erinnert sich Isaac Newton ein paar Jahre später in seiner „Neuen Theorie über das Licht und die Farben“. Die Abhandlung enthält die Beweisführung, dass das weiße Licht – anders als bis dahin vermutet - aus einer Mischung von farbigem Licht besteht. Diese Erkenntnisse aus der Optik sollten später in Newtons gleichnamiges Hauptwerk zu diesem Thema einfließen. Besonders umstritten darin war die so genannte Teilchen-Theorie, erklärt der Münchner Physik-Professor Thomas Udem. O-Ton 4 Prof. Thomas Udem, Max-Planck-Institut für Quantenoptik „Newton war der Meinung, dass Licht aus Teilchen besteht. Er hat die „Korpuskeln“ genannt – und hat auch zum ersten Mal erklärt, dass weißes Licht zusammengesetzt ist aus farbigem Licht. (…) Und er hat sich das so erklärt, dass es verschieden große Korpuskeln gibt, die zu verschiedenen Farben gehören. Und das Gegenprogramm zu dieser Theorie sozusagen war die Wellentheorie. Also einige Leute haben geglaubt, dass Licht aus Wellen besteht – und nicht aus Teilchen, die durch die Gegend fliegen. Und das war quasi ein zwei, drei Jahrhunderte andauernder Disput“ SPRECHERIN Nicht hinreichend erklären konnte Isaac Newton mit seiner Teilchen-Theorie, dass sich zwei Lichtquellen unter bestimmten Bedingungen gegenseitig auslöschen - oder dass sich Licht in zwei Strahlen unterschiedlicher Polarisation aufspalten kann. Dies gelang erst dem englischen Augenarzt und Physiker Thomas Young. Aufgrund seiner Erkenntnisse setzte sich erst nach 1800 die Sichtweise durch, dass das Licht aus Wellen bestehe. O-Ton 5 Udem „Es hat dann noch sehr lange gedauert, bis sich die Wellentheorie über den Newton hinweggesetzt hat, und sehr stark etabliert hat. Der Grund war einfach Newtons unglaubliche Autorität.“ SPRECHERIN Welle – oder doch Teilchen? Endgültig entschieden scheint die Fragestellung, die Isaac Newton aufs Tapet der optischen Physik brachte, aber bis heute nicht. Thomas Udem: O-Ton 6 Udem „Ironischerweise muss man sagen, dass die Quantentheorie das wieder umgeworfen hat. Und die Quantentheorie beschreibt das Licht jetzt quasi als so ein Hybrid. Das ist quasi gleichzeitig ne Welle und ein Teilchen. Also man hat jetzt quasi einen Kompromiss gefunden...“ (lacht) SPRECHERIN Zu Kompromissen war Isaac Newton seinerzeit nicht bereit: Er ging seinem Erkenntnisdrang nach, koste es, was es wolle – auch um den Preis der eigenen Gesundheit, sagt der Buchautor Florian Freistetter. O-Ton 7 Freistetter Teil 1 „Jedes Mittel war Newton recht, um mehr über die Welt herauszufinden. Er war dabei rücksichtslos gegen andere – er war aber genauso rücksichtslos gegenüber sich selbst. Er hat eben auch vor Selbstversuchen nicht zurückgeschreckt: Eines der Dinge, die er herauszufinden wollte, war, wie das Auge funktioniert. Und Newton hat die Frage interessiert: Was passiert, wenn der Augapfel sich verformt? Wie ändert das den Sinneseindruck? Das wusste man nicht, Newton wollte das wissen – also hat er das einfach ausprobiert. MUSIK SPRECHERIN Mit einem Versuch, dessen Imitation man nicht empfehlen kann... Aber er zeigt beispielhaft, wie Newtons Erkenntnisdrang jegliche natürliche Vorsicht, Furcht und Panik überlagert. O-Ton 7 Freistetter Teil 2 Und zwar, indem er sich so ne dicke, stumpfe Nadel am Augapfel vorbei quasi ins Auge gestochen hat. Und dann von hinten mit dieser Nadel gegen seinen Augapfel gedrückt hat, um zu sehen, was passiert.“ ZITATOR „Es erschienen einige weiße, dunkle, farbige Kreise, die am deutlichsten waren, wenn ich mein Auge weiter mit der Haarnadelspitze rieb. Wenn ich hingegen Auge und Haarnadel stillhielt, aber weiter auf das Auge drückte, verblassten die Kreise und verschwanden oft, bis ich Auge oder Haarnadel wieder bewegte.“ MUSIK SPRECHERIN Trotz der Hartnäckigkeit dabei, Dinge experimentell zu erkunden, verlor sich Isaac Newton nie in Details, behielt stets den großen Zusammenhang im Blick. Hier ein theoretisches Problem – dort die praktische Lösung: Für Newton zwei Seiten derselben Medaille. So wurden zu seiner Zeit Teleskope zur Betrachtung von Sternen populär. Üblicherweise waren es Linsenteleskope, mit denen die Beobachter dabei gen Himmel blickten. Das Vergnügen dabei wurde indes getrübt durch störende, farbige Säume am Rande des Blickfelds. Diese Aberrationen traten auf, da die Linse die einzelnen Farben des Lichts unterschiedlich stark bricht. Ein Problem, das Isaac Newton wohl bekannt war, sagt der Physiker und Wissenschaftshistoriker Stefan Zieme. O-Ton 8 Stefan Zieme, Physiker und Wissenschaftshistoriker, HU Berlin „Das Newton-Teleskop trägt noch immer seinen Namen und ist ja von ihm 1668 bei der Royal Society vorgestellt worden. SPRECHERIN Das Prinzip des Newton-Teleskops ist so einfach wie bestechend: Das Licht wird durch zwei Spiegel durch den Tubus - die Röhre des Teleskops gelenkt. Teleskope, die das Licht nicht brechen, sondern mit Hilfe von Spiegeln reflektieren, sind heute weltweit im Einsatz, erklärt Stefan Geier, der als Astronom am Observatorium „Roque de los muchachos“ auf der Kanareninsel La Palma arbeitet. O-Ton 9 Stefan Geier, Astronom am Observatorium Roque de los muchachos“ „Am Ende vor dem Tubus ist eben der so genannte Hauptspiegel, der das Licht auffängt und reflektiert. Und weiter oben im Tubus sitzt dann der so genannte Sekundärspiegel drin, der das Licht dann aus dem Tubus rausreflektiert – und dort sitzt dann das Okular, wo man dann quasi durchschaut.“ SPRECHERIN Die großen Teleskope am Observatorium der Kanareninsel beruhen auf Weiterentwicklungen des von Newton genutzten Prinzips: Für den Physiker wie für den Astronomen Stefan Geier ist und bleibt Isaac Newton eine wichtige Referenz. O-Ton 10 Geier „Die ganze Himmelsmechanik - die Umläufe der Planeten im Sonnensystem – lässt sich sehr gut mit der Newtonschen Mechanik erklären. Auf der Erde haben wir die Anziehungskraft, die uns am Boden hält – und die ist wunderbar durch´s Newtonsche Gravitationsgesetz beschrieben. Auf der Erde funktioniert das wunderbar...die ganzen alltäglichen Dinge. Selbst die Statik von Gebäuden – das alles funktioniert nach den Gesetzen der Newtonschen Physik.“ O-Ton 11 Udem „F gleich M x A. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung...“ MUSIK SPRECHERIN ...fasst der Physikprofessor Thomas Udem das wohl bekannteste der drei Newtonschen Bewegungsgesetze in eine Formel. Grundlegende Gesetze zur Bewegung, die sowohl am Himmel, wie auch auf der Erde gültig sind: Damit bricht Newton mit der traditionellen, auf Aristoteles zurückgehenden Lehre. ATMO APFEL FÄLLT AUF WIESE O-Ton 12 Freistetter „Damals war´s durchaus noch normal, sich vorzustellen: Es gibt halt Kräfte, Physikgesetze, die auf der Erde wirken. Es gibt andere Gesetze, die im Himmel wirken. Und die haben erst einmal nix miteinander zu tun. Und was Newton gezeigt hat– und was wirklich seine große Leistung war, war zu zeigen, dass es wirklich so etwas wie universelle Gesetze gibt: Also ein Gesetz, eine Regel, eine Kraft, die überall gilt, die die gleichen Phänomene am Himmel wie auf der Erde beeinflusst. Das hat er aufgrund dieses Vergleichs: Also der Apfel, der von der Erde angezogen wird, Mond am Himmel – und allen Gedanken, die daraus gefolgt sind, abgeleitet.“ SPRECHERIN Da ist er endlich, der mythenumrankte Apfel - dessen Fall vom Baum Isaac Newton auf die Erdanziehungskraft gebracht haben soll. Newton selbst nährte diese Legende, indem er dem Autoren seiner Memoiren, William Stukeley, von der inspirierenden Kraft der Obstbäume im Garten erzählte. Dass Newton mit dem Apfel quasi der Erkenntnisblitz getroffen hat – diese populäre Variante der Geschichte hält Florian Freistetter für Unsinn: Auf seiner Professur für Mathematik, die Isaac Newton 1669 in Cambridge antrat, habe er seine Theorie zur Gravitation über Jahre hinweg entwickelt. Die Anekdote vom Apfel nährt außerdem das Bild vom genialischen Wissenschaftler, der alleine in seiner Kammer oder der Einsamkeit der Natur zu seinen Erkenntnissen gelangt. Auch das ist falsch, sagt der Wissenschaftshistoriker Stefan Zieme. Er beschäftigt sich an der Berliner Humboldt-Universität mit der Kultur- und Wissensgeschichte von Astronomie, Mathematik und Physik. Newton hatte gleichsam ein globales Informations-Netzwerk, erklärt Thomas Zieme. O-Ton 13 Stefan Zieme „Alle haben ne Abhängigkeit, und bewegen sich in nem Netz von Personen: Das sieht man auch an der „Principia“. Das Werk entsteht ja nicht aus der Luft. Newton beschreibt zum Beispiel, wie sich die Gezeiten überall auf der Welt verhalten. Wie ändern sich Pegelstände im Golf von Tomkin? Das ist irgendwo im südchinesischen Meer. Er kennt überall Leute. Er kennt Arthur Storer zum Beispiel, der in Amerika wahrscheinlich Baumwollplantagen besessen hat, und Arthur Storer schickt Newton astronomische Daten von der Beobachtung eines Kometen.(...) Die braucht er auch für seine Naturphilosophie, um Erklärungen für seinen mathematischen Kosmos zu finden. Das heißt, diese Daten können ihm nur zur Verfügung stehen, weil es eben auch ein expansorisches Verhalten des Britsh Empires gibt.“ MUSIK SPRECHERIN Um an Messwerte für die „Principia“ zu gelangen, an Daten, die sein Hauptwerk über die „Mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie“ untermauern, ging Isaac Newton absolut skrupellos vor. Seinem Kollegen Robert Hooke, der ihn in der Frage der Planetenbewegung erst auf die richtige Spur brachte, verweigerte Newton jede Anerkennung. Noch schlimmer erging es John Flamsteed – ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter Isaac Newtons in Sachen Mechanik. Der Hofastronom Flamsteed beobachtete im Gegensatz zum Theoretiker Newton ständig die Sterne, und führte darüber akribisch Buch. Ein wahrer Schatz an Daten, auf die Newton sofort und umfassend zugreifen wollte. O-Ton 14 Freistetter „Und Flamsteed wollte ihm die nicht direkt geben. Newton hat das aber nicht akzeptiert, der wollte die Daten sofort haben, und hat gesagt, frei übersetzt: Flamsteed, du hörst auf mit dem, was du jetzt machst du beobachtest für mich, du gibst mir meine Daten, und alles andere ist mir egal. (…) Newton hat sich, mit seinen Kontakten, die er zum Königshaus gehabt hat, zu einer Art Oberaufseher der Sternwarte ernennen lassen. Er hat dann Flamsteed unter Androhung der Verhaftung wegen Landesverrates gezwungen, seine Daten rauszugeben, hat Daten dann auch geklaut... Im Wesentlichen läufts darauf hinaus, dass Newton das Lebenswerk von Flamsteed, diesen Katalog, ruiniert hat.“ SPRECHERIN Bekannter als der Streit mit Flamsteed ist die Auseinandersetzung Isaac Newtons mit dem deutschen Mathematiker und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Diese sollte als „Prioritätsstreit“ in die Wissenschaftsgeschichte eingehen. MUSIK ZITATOR 1 Leibniz „Ich denke, es wäre ein lächerliches Schauspiel, wenn Gelehrte, die höhere Grundsätze vertreten als andere Menschen, sich wie Fischweiber gegenseitig beschimpften." SPRECHERIN ...schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahr 1700, der Nachstellungen durch Newton bereits überdrüssig. Wer hat nun die mathematische Methode der Infinitesimalrechnung wirklich erfunden? Eine Methode, mit der man zum Beispiel Flächeninhalte oder Volumeninhalte mathematisch exakt berechnen kann, auch wenn die Umrandung oder Oberfläche beliebig komplex ist. Ebenso kann man mit dieser Methode die Krümmung oder Neigung beliebig komplexer Oberflächen exakt berechnen. Für Isaac Newton war dieses Verfahren mehr als graue Theorie – es war sein wissenschaftliches Handwerkszeug. O-Ton 15 Udem „Für die Newtonsche Mechanik ist die Infinitesimalrechnung quasi maßgebend. Also ohne die kann man diese Theorien quasi gar nicht aufstellen. Das heißt, er musste quasi erst seine Mathematik erfinden, bevor er seine Theorien machen konnte.“ SPRECHERIN Mehrere Jahrzehnte tüftelte Isaac Newton an der Infinitesimalrechnung – seiner dritten großen Theorie neben derjenigen des Lichts und der Gravitationstheorie. Während sein Widersacher Leibniz die Überlegungen zum so genannten Calculus bereits im Jahr 1684 veröffentlichte, hielt Newton seine Erkenntnisse unter Verschluss. O-Ton 16 Freistetter „Erst später, als Newton dann schon sehr berühmt war, Präsident der Royal Society...also wirklich ein einflussreicher Mann war. Erst dann hat Newton diesen Priotitätsstreit wieder aufflammen lassen, hat Leibniz beschuldigt er hätte plagiiert, er hätte abgeschrieben...Selbst als Leibniz schon tot war, (...) hat Newton nochmal Veröffentlichungen geschrieben und nochmal quasi auf den toten Leibniz nachgetreten. Heute wissen wir: Newton war der Erste der das herausgefunden hat, aber Leibniz war der, der diese Mathematik wirklich auf eine Weise formuliert hat, die wirklich praktisch war. Also wenn wir heute Infinitesimalrechung betreiben, dann tun wir das so, wie Leibniz das damals entwickelt hat. Newtons Methode war nicht so leicht anwendbar, weil er sich keine Gedanken über die Öffentlichkeitsarbeit, über die Wirkung, über die Einsatzfähigkeit seiner Arbeit gemacht hat.“ SPRECHERIN Isaac Newton formulierte sogar absichtlich kompliziert, um sich nur mit echten Kennern der Materie auseinandersetzen zu müssen. Kritik, womöglich aus unberufenem Munde, fasste Newton als Beleidigung auf; Diskussionen mit Laien galten ihm als verschwendete Lebenszeit. Der Berliner Physiker Stefan Zieme konstatiert... O-Ton 17 Zieme „...dass Newton oftmals nicht daran interessiert war, minutiös alle seine Dinge zu erklären und sich in Debatten zu äußern, sondern eher diese Zeit für sich allein haben wollte. Vermutlich auch, um andere Interessen zu verfolgen: Um alchemische Experimente zu machen...“ MUSIK SPRECHERIN Naturforscher wie Newton gelangten zwar nach und nach an mehr Wissen, wie und warum sich Dinge bewegen. Woraus aber diese Dinge genau bestanden, lag für sie weitgehend im Dunkeln. Wie andere Wissenschaftler bediente sich auch Newton noch der Alchemie, um den „Stein der Weisen“ zu finden, der normales Metall in Gold verwandeln könnte. Vielleicht fühlte er sich deswegen 1695 bemüßigt, dem englischen Königshaus einen Rat zu übersenden, wie die Münzen des Empire fälschungssicher produziert werden können. Im Jahr darauf wurde Isaac Newton – wohl mit Hilfe von Beziehungen - zum Chef der Münzprägeanstalt ernannt. Doch statt sich auf diesem lukrativen Posten einen gemütlichen Lebensabend zu gönnen, peitschte er eine komplette Neuprägung der britischen Währung durch. Isaac Newton konnte auch in diesem Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte, nicht aus seiner Haut. Dies zeigte sich besonders bei seiner Jagd auf die berüchtigten Falschmünzer. O-Ton 18 Freistetter „Er hat da wirklich alles getan, er hat tagelang Leute verhört. Und am Ende sind die Leute zum Tode verurteilt worden. Natürlich haben viele dann auch Newton Petitionen geschrieben, Briefe geschrieben, ob man sie nicht vielleicht verschonen kann – was Newton aber komplett egal war. Jeden den er geschnappt hat: Die sind dann zum Tode verurteilt worden: Also auch da war er so rücksichtslos und hartnäckig, wie er in seiner wissenschaftlichen Arbeit war.“ MUSIK SPRECHERIN Von seinen Pflichten als Professor war Isaac Newton bereits 1701 zurückgetreten. Die wissenschaftliche Tätigkeit stellte er aber keineswegs ein: Newton wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 1727 als Präsident der Wissenschaftler-Vereinigung Royal Society. Das herrschaftliche Haus, das er in London bewohnte, beherbergte ein kleines Observatorium. Dort widmet sich der so unverträgliche wie tief religiöse Einzelgänger, der nie geheiratet hat, weiter seinen Studien – und wachte akribisch über sein wissenschaftliches Erbe. Newtons Vermächtnis für die Nachwelt ist umfangreich – und zum großen Teil immer noch für Forscher wie Praktiker relevant: Die Beschreibung der Schwerkraft, die neue Theorie des Lichts, die Entwicklung des Spiegelteleskops, wie wir es heute kennen: Der Wert von Isaac Newtons Werk für die Wissenschaft ist so unermesslich wie unbestritten.