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Die Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz - Auf der Suche nach dem Ich

06.02.2024 · 24 Min.

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Über diese Folge

Marie Luise Kaschnitz ist eine der bedeutendsten Dichterinnen der Nachkriegsjahre. Sie beschreibt die Trümmer des Zweiten Weltkrieges, beschäftigt sich immer wieder mit dem eigenen Ich, ist eng befreundet mit Ingeborg Bachmann und Theodor W. Adorno. Als sie 1974 stirbt, hinterlässt sie ein vielschichtiges Werk. Doch heute scheint sie fast vergessen. Autorin: Juliane Ziegler (BR 2022)

Credits
Autorin dieser Folge: Juliane Ziegler
Regie: Irene Schuck
Es sprachen: Stefan Wilkening, Katja Bürkle
Technik: Regina Staerke
Redaktion: Andrea Bräu

Im Interview:
Brigitte Raitz, Germanistin und Kuratorin zweier Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz

Literaturhinweise:

Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke in 7 Bänden. Hrsg.: Christian Büttrich. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1981-1989.

Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind und andere Erzählungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002.

Kaschnitz, Marie Luise: Liebe beginnt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984.

Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind. Prosa, Gedichte und Gespräche. Ausgewählt von Christian Büttrich. der Hörverlag, 2001. (CD)

Raitz, Brigitte: „Ein Wörterbuch anlegen". Marie Luise Kaschnitz zum 100. Geburtstag. Marbacher Magazin 95/2001: Marbach am Neckar, 2001.

von Gersdorff, Dagmar: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie. Frankfurt am Main und Leipzig: Suhrkamp, 1992.

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Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

ZITATORIN: KASCHNITZ/DAS DICKE KIND

Wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum. Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frisst, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm.

SPRECHER

Dann geht das träge Raupen-Mädchen hinaus, zum zugefrorenen See, wo die ältere Schwester Pirouetten dreht. Anmutig und schön. Das dicke Kind jedoch bricht im Eis ein. Alles beobachtet von der Erzählerin - auf sie übt das Kind eine seltsame Anziehung aus.

Dieser Text von 1952 gilt als eine der bekanntesten Kurzgeschichten von Marie Luise Kaschnitz. Die Ludwigsburger Germanistin Brigitte Raitz sagt:

O-TON (1) RAITZ

Das Besondere ist - dass Kaschnitz praktisch sich selbst als Kind und auch ihre damalige große Eifersucht auf die ältere Schwester Lonja thematisiert. Also es ist so’ne Verwandlung, also am Übergang vom Kind zum Jugendlichen. Und das hat sie öfters thematisiert.

O-TON (2) 

Interview: Marie Luise Kaschnitz mit Horst Bienek, 1961, Hessischer Rundfunk

Ja, das dicke Kind bin ich selbst. Die Schwester ist meine Schwester Lonja, der See ist der Jungfernsee bei Potsdam. Wir haben dort in der Nähe gewohnt. Wir sind viel Schlittschuh gelaufen und ich bin auch einmal eingebrochen, aber - wie das dicke Kind - nur einen Meter tief. Ich war auch ein braves, schläfriges, viel essendes Kind, aber eben eines mit vielen Ängsten und eines, das bei jeder Gelegenheit zu heulen anfing.

SPRECHER

… erklärt Marie Luise Kaschnitz in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk 1961. In vielen ihrer Texte verarbeitet sie selbst Erlebtes, die teils auch bitteren Erfahrungen aus der Kindheit. Immer wieder beschäftigt sich mit ihrem früheren Ich. Sie, die Schriftstellerin, sagt, sie könne gar nichts neu erfinden, sie sei eine ewige Autobiografin.

Geboren wird Marie Luise Freiin von Holzing-Berstett am 31. Januar 1901 in Karlsruhe. Als sie ein Jahr alt ist, ziehen sie - die Eltern entstammen beide adeligen Familien - nach Potsdam, später nach Berlin, wo der Vater Flügeladjutant unter Wilhelm II. wird. Nach zwei Mädchen hatte die Mutter bei der Geburt von Marie Luise auf einen Jungen gehofft. Sie verbirgt ihre Enttäuschung nicht. Erst drei Jahre später kommt der ersehnte Sohn auf die Welt.

O-TON (3) RAITZ

Es war eine große Distanz zwischen den Kindern und den Eltern und sie hat darunter doch sehr gelitten und hat vor allem die Zuwendung der Mutter vermisst. 

SPRECHER

… sagt Brigitte Raitz. Die Germanistin hat zwei Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz kuratiert.

O-TON (4) RAITZ

Sie hat aber auf die Dauer gesehen viel profitiert von diesem Elternhaus, denn beide Eltern waren musisch sehr interessiert. Die Mutter war sogar ausgebildete Sängerin und hat offensichtlich hervorragend Klavier gespielt, hat auch den Kindern ein Puppentheater eingerichtet und ist mit den Kindern ganz früh in Berlin in Konzerte, in Theateraufführungen, in die Oper gegangen.  

SPRECHER

Marie Luise und ihre Geschwister wachsen behütet, streng erzogen und großbürgerlich auf. Gespielt wird mit der Tochter des Kaisers.

Bis 1917 bleiben die Holzing-Berstetts in Berlin. Dann ziehen sie nach Bollschweil bei Freiburg. Dorthin wird Marie Luise Kaschnitz ihr gesamtes Leben über zurückkehren, der Ort wird immer wieder in ihrer Arbeit auftauchen. 1922 beginnt sie eine Lehre als Buchhändlerin in Weimar. Ihr Interesse an Kultur ist groß. Es zieht sie aber eher zum Bauhaus als ins Goethehaus, lieber Szene als Hochkultur. 

1924 geht Marie Luise für ihre erste Stelle nach München. Hier lernt sie Guido (Aussprache: Gu-ido) Kaschnitz von Weinberg kennen, einen Archäologen aus Wien. Kurz darauf treffen sie sich in Rom wieder - sie arbeitet in einem Antiquariat, er am Deutschen Archäologischen Institut. Sie heiraten bald und bleiben in Rom. Von da an trägt Marie Luise die einst hüftlangen dunklen Haare kurz, Guido gefällt es so besser. Auf Fotografien blickt sie freundlich und interessiert, aber meist ernst in die Kamera. Die Augen groß, die Brauen markant. Später trägt sie oft Perlen um den Hals.

1928 kommt Tochter Iris Costanza (italienische Schreibweise, ohne vorderes „n“) auf die Welt. Für ihr Kind schreibt sie eines ihrer bekanntesten Gedichte, Am Strande:

ZITATORIN

Heute sah ich wieder dich am Strand

Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb

Mit dem Finger grubst du in den Sand 

Zeichen ein, von denen keines blieb. 

Ganz versunken warst du in dein Spiel

Mit der ewigen Vergänglichkeit

Welle kam und Stern und Kreis zerfiel

Welle ging und du warst neu bereit. 

Lachend hast du dich zu mir gewandt

Ahntest nicht den Schmerz, den ich erfuhr 

Denn die schönste Welle zog zum Strand 

Und sie löschte deiner Füße Spur. 

SPRECHER

Schon als Jugendliche schreibt Kaschnitz kurze Texte, von nun an veröffentlicht sie Prosa und Gedichte, arbeitet an Romanen - aus der jungen Buchhändlerin wird eine Autorin. Rückblickend wird Marie Luise Kaschnitz diese Zeit in Rom als das Glück schlechthin bezeichnen. Das zeigt sich auch in ihrer Arbeit: Die Ewige Stadt und Italien sind immer wieder Gegenstand ihrer Texte. Einen weiteren Schwerpunkt legt sie auf menschliche Beziehungen und persönliche Konflikte - etwa schwierige Verhältnisse unter Geschwistern, Verrat oder Schuld.

Die Natur und die Antike sind weitere Motive in ihren Erzählungen und Gedichten zu jener Zeit. Angeregt durch das Umfeld in Italien und den Beruf ihres Mannes interessiert sich Kaschnitz jetzt sehr für griechische und römische Mythologie. Sie geht mit Guido auf viele Studienreisen: nach Griechenland, Sizilien, Nordafrika. Doch die Rollen zwischen ihnen sind klar verteilt:

O-TON (5) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961

Ich musste dafür sorgen, dass mein Mann möglichst gut arbeiten konnte und dass er und unser Kind möglichst glücklich waren. Trotzdem habe ich auch damals immer gearbeitet und meine eigene Gedanken- und Ideenwelt gehabt. Ich glaube, dass mein Mann eher froh darüber war. Eine Frau, die am Diwan sitzt und auf den Mann wartet, hätte ihn verrückt gemacht.

SPRECHER

Die Priorität liegt auf Familie und Haushalt, geschrieben wird nebenbei: 

O-TON (6) RAITZ

Das hätte sie eher als ein Laster betrachtet und als völlig unwichtig, und sie hat auch viel, schreibt sie, heimlich geschrieben. Und wenn sie unterwegs war, ist sie ins Café und hat dort geschrieben, oder auf Zugreisen auf den Knien - also sie hat es sehr heruntergespielt.

SPRECHER

… so Brigitte Raitz. 

Die Ehe mit Guido bezeichnet Marie Luise Kaschnitz als harmonisch, liebevoll, eng. So eng, dass sie später von großen Schuldgefühlen ihrem Kind gegenüber berichtet, Tochter Iris sei als Dritte im Bunde zu kurz gekommen. 

Doch: Die große Leidenschaft Guidos für seinen Beruf, sein Ehrgeiz und Arbeitspensum führen zeitweise auch zu Missstimmung. Marie Luise kämpft mit Unsicherheiten.

O-TON (7) RAITZ 

An ihn kann sie nicht heranreichen, an ihn, an seine Intelligenz, an sein Wissen, an seine Fähigkeiten auf wissenschaftlichem Gebiet.

SPRECHER

Kaschnitz arbeitet an einem Roman: Liebe beginnt erscheint 1933. Im Fokus steht ein junges Paar, das eine Reise nach Süditalien unternimmt. Die Parallelen zu den Eheleuten Kaschnitz sind klar zu erkennen. Feste Rollenmuster, Unterlegenheitsgefühle, Neid und letztlich der Umgang damit innerhalb ihrer Beziehung - das sind die Themen des Buchs. In der Öffentlichkeit wird der Roman jedoch kaum beachtet.

Anfang der Dreißiger Jahre geht die Familie nach Deutschland, lebt in Bollschweil, Königsberg, Marburg. Durch die Arbeit als Archäologe gibt Guido stets den jeweiligen Wohnort vor, Marie Luise und Tochter Iris ziehen mit. Ihr Mann ist es aber auch, der sie immer wieder zum Schreiben animiert, an ihr Talent glaubt, erklärt Kaschnitz-Expertin Raitz:

O-TON (8) RAITZ

Dass sie überhaupt geschrieben hat und so weit gekommen ist, das hatte er eigentlich in Gang gesetzt, er hat sie sehr bestärkt und hat sie immer unterstützt, dass sie, wenn sie enttäuscht war oder so, dass sie net die Flügel hängen lässt.

SPRECHER

Doch Motivation und Bestätigung kommen dann auch von außen: 1934 gewinnt Marie Luise Kaschnitz einen Lyrik-Wettbewerb der renommierten Zeitschrift Die Dame. Vom Preisgeld kauft sie sich ihr erstes eigenes Auto, einen Opel. 

Anfang der Vierziger Jahre arbeitet Kaschnitz an einer Biographie des Malers Gustave Courbet und bezeichnet dieses Buch als einen Übergang zu einer neuen Epoche. Motive aus Natur und Antike verschwinden aus ihren Texten, sie beschäftigt sich jetzt stärker mit der Gegenwart.

Die Gegenwart: das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg. Das gesellschaftliche Klima und die Bedrohung, die von den Nationalsozialisten ausgeht, nimmt Kaschnitz aufmerksam wahr. Im November 1938 notiert Kaschnitz in ihrem Tagebuch: 

ZITATORIN 

In Bollschweil. Tage der tiefsten Niedergeschlagenheit, Scham und Trauer.

SPRECHER

Die Kriegsjahre verbringt die Familie teils in Frankfurt am Main, teils im nahe gelegenen Kronberg. Neben Bollschweil und Rom wird Frankfurt der dritte Ort von zentraler Bedeutung in Kaschnitz’ Leben und Werk. Dort lebt die Familie ab 1941. Noch heute prangt am Hauseingang im Frankfurter Westend eine kleine Gedenktafel zu Ehren der prominenten Bewohnerin - bis zum Tod von Marie Luise Kaschnitz bleibt dies ihr Wohnsitz.

Aber wie haben sie und Guido sich in jener Zeit positioniert?

ZITATORIN 

Ja, danach fragen jetzt alle, nach dem Engagement, aber ich kann diese Frage in einem Sie befriedigenden Sinn kaum beantworten. In der Nazizeit war ich zwar ‚dagegen‘ und habe ein paar Unannehmlichkeiten gehabt, aber ich war doch viel zu feig, um wirklich etwas zu tun. Mich als ‚engagiert‘ zu bezeichnen wäre nichts als Angeberei. 

SPRECHER

… äußert sich Marie Luise Kaschnitz 1971 in einer Befragung von Schüler*innen.

Sie schreibt weiter, arbeitet an der Courbet-Biographie. Unauffällig, unverfänglich. Politische Aussagen macht sie keine. Dem Begriff der Inneren Emigration begegnet Marie Luise Kaschnitz jedoch kritisch, wie hier in dem 1973 erschienenen Text ihres Buches Orte: 

ZITATORIN

Und worin soll sie denn bestanden haben, unsere sogenannte innere Emigration? Darin, dass wir ausländische Sender abhörten, zusammensaßen und auf die Regierung schalten, ab und zu einem Juden auf der Straße die Hand gaben, auch dann, wenn es jemand sah? Nicht heimlich im Keller Flugblätter gedruckt, nicht nachts verteilt, nicht widerständlerischen Bünden angehört, von denen man wusste, dass es sie gab, es so genau aber nicht wissen wollte. Lieber überleben, lieber noch da sein, weiterarbeiten, wenn erst der Spuk vorüber war. Wir sind keine Politiker, wir sind keine Helden, wir taten etwas Anderes. 

SPRECHER

Guido geht seiner wissenschaftlichen Arbeit als Archäologe nach, soweit möglich, sie ihrem Beruf als Schriftstellerin: Marie Luise Kaschnitz fängt die Stimmungen nach dem Krieg in ihrer Lyrik ein, fasst ihr Entsetzen in Worte. Sie beschreibt Ruinen und Zerstörung, Wohnungsnot, Leid. Ihr Gedicht-Band Totentanz bringt ihr die Bezeichnung Trümmerdichterin ein.

O-TON (9) RAITZ

Berühmt wurde sie nach ’45 in der deutschen Literatur zunächst für diese großen Zyklen, die das unmittelbare Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit thematisieren: Rückkehr nach Frankfurt ist vielleicht das berühmteste. Oder dann Die große Wanderschaft, die großen Flüchtlingszüge, der Hunger, das Elend, auch das grausame Verhalten zum Teil.

SPRECHER

Nach dem Krieg arbeitet sie in der Redaktion der neuen Zeitschrift Die Wandlung mit, übernimmt das Literatur-Ressort und empfiehlt Dichter*innen wie Paul Celan oder Gabriele Wohmann. Kaschnitz ist Mitglied des PEN-Clubs, tauscht sich mit Autor*innen der Gruppe 47 aus, schreibt viel, Gedichte und Essays. Das Papier ist knapp, mit Guido streitet sie um jedes Blatt, berichtet sie einem Freund. Sie pflegt einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Theodor W. Adorno und seine Frau sind enge Freunde, sie wohnen in der Frankfurter Nachbarschaft.

Und dann, 1952, geht es wieder nach Rom! Guido wird Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts. Insgesamt verbringt Marie Luise Kaschnitz über zehn Jahre ihres Lebens in Rom, als ihre Herzlandschaft bezeichnet sie die Stadt. Es sind wohl die Gegensätze, die Kaschnitz so faszinieren: hier die sichtbare Vergangenheit, dort die lärmende Metropole; Schwermut neben Vitalität, unfassbare Schönheit neben sozialer Armut. Briefe aus dieser Zeit zeigen, wie gut es ihr in Italien geht. Später blickt sie zurück:

O-TON (10) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961

Rom hat mich gewiss auch künstlerisch beeinflusst. Man lernt dort Geschichte und lernt, sich gegen die Geschichte zu wehren. Ich glaube, dass man vor allem sehen lernt. Man hat viele Impulse durch Augenfreuden, und weil das Leben sich zum großen Teil draußen, nicht in den Häusern abspielt, erfährt man auch viel von den Menschen, viel mehr als hier.

((SPRECHER

In Rom ist Kaschnitz Teil eines deutschsprachigen Autoren- und Intellektuellen-Kreises und genießt das Leben in Italien. Sie lernt Ingeborg Bachmann kennen, mit der sie zeitlebens eng befreundet bleibt. Daneben trifft sie sich mit Kollegen wie Gustav René Hocke, Hermann Kesten, später auch mit Max Frisch und Luise Rinser. Als sensibel wird sie beschrieben, mit einem Gespür für besondere Situationen und Stimmungen. Eine Menschenfischerin sei sie, so Kaschnitz über sich selbst.))

O-TON (11) RAITZ

Sie war eine ungeheuer gute Beobachterin und Zuhörerin und sie hat vieles aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz vor allem in die Erzählungen übernommen. Und sie beschreibt sehr genau, psychologisch korrekt, sehr psychologisch oft. Aber nie irgendwie verschwommen oder verrätselt, sie hat einen sehr direkten Stil, wenn man das sagen kann. Sie lässt oft die Handelnden erzählen, aber sehr oft, sicher Dreiviertel davon sind in der Ich-Form.

SPRECHER

So auch die Kurzgeschichte Das dicke Kind, mit der Marie Luise Kaschnitz viel Aufmerksamkeit erlangt.

Die Erzählerin, voller Abscheu diesem trägen Kind gegenüber, folgt ihm dennoch neugierig nach draußen: 

ZITATORIN

Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren.

SPRECHER

Dann, der Schreck: Das Kind bricht im Eis ein. Doch es gelingt ihm, sich selbst zu retten. Alles beobachtet von der Ich-Erzählerin:

ZITATORIN

Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich zusah, und jetzt hatte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wusste, ich brauche ihm nicht mehr zu helfen - ich hatte es erkannt . . .

SPRECHER

Denn die Erzählerin ist selbst das Kind. Marie Luise Kaschnitz hält sich einen Spiegel vor und verarbeitet ihre eigenen Erfahrungen aus der Kindheit. Dabei bewegt sich der Text zwischen Realität und Fiktion. 1961 bekennt sie:

O-TON (12) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961

Ich halte die Geschichte Das dicke Kind für meine stärkste Erzählung, weil sie am kühnsten und am grausamsten ist. So grausam zu sein, konnte mir nur gelingen, weil das Objekt dieser Grausamkeit ich selber war.

SPRECHER

Hart und schonungslos gegenüber dem eigenen Ich, der eigenen Vergangenheit. 

Anderen Menschen hingegen begegnet sie aufgeschlossen und wohlwollend. Sie pflegt ihr großes Netzwerk von unterschiedlichen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. Immer wieder fördert sie junge Talente, etwa die Schriftstellerin Ingrid Bachér. 

1952 wird ihr erstes Hörspiel gesendet, bis in die Siebziger Jahre folgen rund zwanzig weitere. Kaschnitz sagt, großes Vergnügen bereite ihr dabei die Arbeit am Dialog, der freie Umgang mit Ort und Zeit.

Drei Jahre später, 1955, der Höhepunkt ihres Schaffens: Sie erhält den Georg-Büchner-Preis, viele weitere Auszeichnungen folgen. Spätestens jetzt hat Marie Luise Kaschnitz einen festen Platz in der literarischen Szene im Nachkriegsdeutschland.

Dann ein großer Schicksalsschlag für sie: 1958 stirbt Guido. Zwei Jahre zuvor wurde bei ihm ein Hirntumor entdeckt, die Zeit bis zu seinem Tod ist zermürbend. 

ZITATORIN: KASCHNITZ/Dein Schweigen, meine Stimme

Du entfernst dich so schnell

Dein Schweigen

Meine Stimme

Dein Ruhen

Mein Gehen

Dein Allesvorüber

Mein Immernochda

SPRECHER

Das Ende dieser glücklichen Beziehung stürzt sie in eine Krise, die auch in ihrem Werk als Zäsur zu erkennen ist. Viele Gedichte aus dieser Zeit haben den Tod, Trauer, Vergänglichkeit und Verlust zum Thema. Halt findet sie in der Familie, bei ihren Freunden, im Austausch mit Kolleg*innen. Langsam tastet sie sich ins Leben zurück. Ihr Interesse am Zeitgeschehen und an jüngster Geschichte wächst. Früher habe sie sich oft Guidos Meinung angeschlossen, berichtet Germanistin Brigitte Raitz:

O-TON (13) RAITZ

Sie hat sich erst nach seinem Tod politisch geäußert. Und dazu sagt sie: Der Liebe - das war so ihr Name für ihn - der Liebe hätte jetzt sicher den Kopf geschüttelt oder die Stirn gerunzelt.

SPRECHER

Zwischen Aufarbeitung der Nazi-Zeit, Wirtschaftswunder und Mauerbau taucht nun häufiger Gesellschaftskritik in ihren Texten auf. Sie hofft auf Veränderung und Aufbruch, wird politisch:

O-TON (14) RAITZ

Nicht nach außen, also sie tritt nicht mit Reden auf oder politischen Äußerungen wie vielleicht Walser oder Grass oder so Leute. Sie besucht zum Beispiel 1964 als eine der ganz wenigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen den Auschwitzprozess in Frankfurt und macht Notizen darüber. Und sie hat in Frankfurt (lacht) mit großer Sympathie den Häuserkampf der Studenten verfolgt. Ist wohl auch bei manchen Demonstrationen mitgelaufen und sie hat auch später immer vor ihrem Angst vor Atomschlag, vor der Umweltzerstörung gesprochen.

SPRECHER

Viele ihrer Texte sind zeitlos. Und doch sind die Romane und Essays, Kurzgeschichten und Gedichte jüngeren Leser*innen heute kaum noch bekannt. 

Gefragt, in welcher literarischen Form sie sich selbst am deutlichsten verwirklichen könne, antwortet Marie Luise Kaschnitz:

O-TON (15) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961

Ich glaube, im Gedicht. Ich will aber noch mehr und anderes sagen, als sich im Gedicht ausdrücken lässt. Die Kritik hat mich die längste Zeit nur als Lyrikerin gesehen. Tatsächlich setze ich mich mit Vorliebe zwischen alle Stühle insofern, als man meine Gedichte episch, meine Prosa lyrisch und meine dramatischen Versuche sowohl episch wie lyrisch nennt. 

SPRECHER

Im Herbst 1974 soll Marie Luise Kaschnitz die Frankfurter Buchmesse mit einem Vortrag eröffnen. Der Titel: Rettung durch Phantasie, ein Plädoyer für die Lyrik. Dazu kommt es nicht mehr. Sie stirbt nach einem Badeunfall am 10. Oktober in Rom ((- in ihren Notizheften noch viele unverarbeitete Ideen)).

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Leider kein Getreide geworden. Wir haben dann Zuckerrübenernte gewartet. Hat auch nicht geworden: wenn es nicht regnet, dann wird der net. Dann hab ich pleite gemacht.“ ERZÄHLERIN: Da beschließt er, nach Deutschland zu reisen. Musik aus 3. Zsp. / Ethem Kocer „Ja ohne zu denken! Ohne zu denken. Einfach kommen und arbeiten, etwas Geld machen, wieder zurückgehen.“ Musik: CD54790/006 ERZÄHLERIN: 400 Kilometer weiter östlich in der Türkei lebt zur gleichen Zeit Makbule Kurnaz in einem Bauernhaus mit Garten, zwei Kühen, Katzen, Hunden und Hühnern. Ihr Vater fährt jeden Morgen mit dem Motorrad in eine Zuckerfabrik und arbeitet dort als Aufseher. Musik aus 4. Zsp. / Makbule Kurnaz „Eine Diktatore. Wie Pascha. Wie Harem Pascha.. ERZÄHLERIN: Er hat nacheinander drei Frauen und fünf Kinder, das älteste ist ein Sohn, der einzige Junge in der Familie. 5. Zsp. / Makbule Kurnaz „Deswegen meine Vater wollte, der ist nach Deutschland zum Studieren gehen. Er ist Jahre 70 nach Deutschland gekommen, hat dort gearbeitet. Hat gleich deutsche Frau gefunden, Auto gekauft, ganz elegant angezogen, „aha„, hab ich mir gedacht, „Deutschland ist gut wie hier“. Lacht. ERZÄHLERIN: Als er so hübsche Fotos aus München schickt, ist Makbule 21 - und verliebt. 6. Zsp. / Makbule Kurnaz „Jemand wollte mit mir heiraten, Vater hat nicht erlaubt. Bei uns Anatolien solche Geschichte viele. Ich darf nicht in meine Herz wer ist, Vater hat entschieden, dass ich mit jemande unbedingt heiraten müssen. Ich wollte nicht, hat Vater gesagt, „ja, meine Tochter, du kannst auch gehen. Entweder heiraten oder Deutschland gehen“. Ich hab gesagt „dann gehe ich Deutschland. Bitte, bitte, bitte schick mich nach Deutschland“. Musik: C127867/13 ERZÄHLERIN: Geldnot, der Wunsch nach Qualifikation, das Streben nach Freiheit von strikten Familienoberhäuptern, vielleicht Abenteuerlust: Die persönlichen Gründe, weshalb sich seit den 60er Jahren weit über eine Millionen Menschen aus der Türkei auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, sind vielfältig. Alle hoffen auf ein besseres Leben. Kreuzblende zu: 6108376 7. Zsp. / Ethem Kocer „Vor uns von Italiener, Griechen, Spanier sind gekommen.“ ERZÄHLERIN: … um Berge abzuschürfen, Elektroschalter zu montieren oder Autos zusammenzuschrauben. Seit Mitte der 50er Jahre hatten deren Regierungen mit der Bundesrepublik sogenannte Anwerbeverträge geschlossen. Ein bewährtes Vorgehen, erklärt der Historiker Christoph Rass von der Universität Osnabrück. Musik aus 8. Zsp. / Christoph Rass „Die Anwerbeverträge sind als Institution entstanden schon nach dem I. 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Darauf ERZÄHLERIN: Anfang der 60er Jahre sitzt der türkische Schneider Ethem Kocer im Zug, erst nach Istanbul, dann quer durch Bulgarien, Jugoslawien und Österreich bis München. Im Sechserabteil, zwei Nächte und drei Tage lang. 13. Zsp. / Ethem Kocer „Natürlich! Sitzend schlafen. Der Zug ist angekommen. Gleis 11. 15. Zsp. / Ethem Kocer „Mich dann mein Freund abgeholt. Er war schon Deutschland, hier Jura studiert, und die wollten dann Export aufmachen.“ ERZÄHLERIN: Statt als Gastarbeiter nach der Anwerbevereinbarung ist Ethem Kocer mit eigenen Kontakten eingereist. 16. Zsp. / Ethem Kocer „Ich war so eilig, ich wollte da unbedingt hingehen! Als Tourist bin ich gekommen, als Tourist hab ich dann normal Pass bekommen. Mit 800 Mark durfte man ausreisen. Hab ich dann von Bank 800 Mark Devisen gekauft in der Türkei, als Tourist darfst du dann 3 Monate bleiben mit das Geld damals.“ ERZÄHLERIN: Aus dem Export-Geschäft des Freundes wird nichts. 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Und die MigrantInnen selbst erhalten vielfältige Hilfestellungen und vor allen Dingen verbriefte Bedingungen in den Arbeitsverträgen, dass ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeiter, die im Rahmen einer solchen Anwerbung auf den Arbeitsmarkt kommen, gleich behandelt werden wie inländische Arbeitnehmer.“ Musik aus ERZÄHLERIN: Makbule Kurnaz geht 1971 den offiziellen Weg. Sie bewirbt sich erst in der Hauptstadt ihrer Provinz, bekommt dann einen Termin im fernen Istanbul. Ihre erste große Reise. Der Vater und sie logieren bei Bekannten und im Hotel und besuchen immer wieder die Außenstelle des deutschen Arbeitsamtes. 19. Zsp. / Makbule Kurnaz „Eine Woche lang Untersuchung gemacht, von Kopf bis Fuß, alles, alles. Blut, Urin, alles. Viele Menschen, allererste mal war ich alleine, Vater war draußen, ich war drin, kontrollieren, eines immer hat mich gestört, dass ich ganz nackig müssen.“ 20. Zsp. / Christoph Rass „Grade diese Gesundheitsuntersuchungen, die auch sehr intime Bereiche berührt haben, die sind als ganz massive Eingriffe in die Intimsphäre der ArbeiterInnen empfunden worden vielfach, und das hat die Wahrnehmung und die Geschichte dieser Anwerbung sehr geprägt.“ ERZÄHLERIN: Augen, Gebiss, Geschlechtsorgane: Makbule Kurnaz wird durch und durch getestet - und für zu leicht befunden. 21. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hat gesagt, „gesundheitlich haben Sie Probleme„. - „Was denn?„ - „Blutarm. Wenig Blut im Körper, und Sie sind schlank wie 50„. Ich muss unbedingt 50 sein, ich war 48, ganz dünn, junge Mädchen.“ ERZÄHLERIN: Sie reisen wieder zurück in ihre Provinz - und der Vater sucht zwischen Istanbul, Ankara und dem Schwarzen Meer nach frischem Blut. 22. Zsp. / Makbule Kurnaz „In Samsun Blutspende gefunden, von eine Militär habe ich eine Blut bekommen. Mehr wie Pfund, Kilo hat gesagt, Vater hat das gezahlt, Blut gegeben, hat mit der Ernährung bisschen besser: Honig, Butter, Milchprodukte, Joghurt und so.“ ERZÄHLERIN: Ein Jahr vergeht. Makbule Kurnaz, die keinen Schulabschluss hat, macht einen Schneiderkurs: 23. Zsp. / Makbule Kurnaz „Nochmal nach Istanbul gefahren, „Oh, hat gesagt, ok, gesundheitlich ok, die Zeugnis hilft was, aber wir haben eine Angebot, dass Sie vielleicht mal, wenn Sie gescheit sind, nach eine elektrische Firma, egal, Grundig, Saba, irgendwo, Siemens braucht dringend mehr Leute, junge Frauen unter 25.„ Da hab ich Glück. Da hab ich gesagt „Vati, ich kann das machen“. In eine Zimmer, 20 Mädchen, wie Universität Prüfung, haben wir Prüfung gemacht. Irgendwelche Farbe, Linie, mit die Figuren, jetzt wie Kinder, Puzzle und so was, habe ich alles perfekt gemacht, null Fehler und geschafft. Ok, hab ich gleich von der Siemens die Einladung bekommen, in 2 Tage, hat er uns noch 10 Wörter gegeben: „ja, nein, ok, falsch, richtig“ - so was, die muss mer auswendig wissen, dann hat alles geklappt, hat gesagt „ok, Sie sind die Erste für Siemens, Mitarbeitervertrag wird 1 Jahre.“ MUSIK: Z9382937/010 ERZÄHLERIN: Wie viele angeworbene Türkinnen in den 70er Jahren kommt Makbule Kurnaz mit dem Flugzeug nach Deutschland. Eine freundliche Dolmetscherin und ein Bus stehen schon bereit, und im Bunker unter dem Münchner Hauptbahnhof, dem Ersten, was frisch Angeworbene nach ihrer Ankunft zu sehen bekommen, gibt es Brote, Wurst und Käse. 24. Zsp. / Makbule Kurnaz „Mit Vertrag ich bin garantiert, holte mich jemand, gibt immer mit Programm, geführt. Ok. Angekommen, dort abgeholt, mit Liste, so wie Tourist-Organisation.“ Musik aus ERZÄHLERIN: Sie kommt in ein Wohnheim direkt gegenüber vom Werkstor, teilt das Zimmer mit den Stockbetten und die Küche mit drei anderen Frauen. „Mädchen“, sagt sie. 25. Zsp. / Makbule Kurnaz „Mädchenwohnheim. Unter Kontrolle gekommen. Haben wir Vertrag, auch Heim-Vertrag, durften wir nicht irgendwann von Wohnheim weggehen, 4 Jahre alleine dort gewohnt. Bis 10 Uhr muss man zurückkommen. Pförtner sitzt da.“ ERZÄHLERIN: Mit der Arbeit kommt sie klar. Ihre Vorarbeiterin ist selbst Türkin. Der Bruder, der auch in München lebt, nimmt sie in die Disco mit und Weihnachten mit zum Urlaub ins Heimatdorf. Seine Verlobte – eine Deutsche - ist auch dabei. Das gefällt dem Vater nicht. Er verstößt seinen Sohn. MUSIKAKZENT: C54780/006 ERZÄHLERIN: Makbule Kurnaz fasst den Entschluss ihres Lebens: sie bleibt in Deutschland. 26. Zsp. / Makbule Kurnaz „Ich wollte nur ein Jahr, aber doch: Mein Bruder da, mir alles gefallen, ich bleibe. Dann hab ich Vertragverlängerung unbefristet bekommen. Von Siemens. Natürlich von der Kreisverwaltung wird auch verlängert, alles hab ich, längere Jahre bekommen. Dann bin ich geblieben. Voll zufrieden.“ Musik aus 27. Zsp. / Christoph Rass „Tatsächlich zeigen alle Beispiele, die wir kennen, dass Anwerbeprozesse nie rein temporär bleiben. Der größte Teil der ArbeitnehmerInnen, die während der Anwerbephase, also zwischen 1955 und 73, nach Deutschland gekommen sind, haben Deutschland wieder verlassen. Aber es sind eben auch etwa 4 Millionen ArbeitnehmerInnen und ihre Familien in Deutschland zurückgeblieben und haben sich für einen längerfristigen Verbleib, gar für die Niederlassung, für eine Einwanderung, entschlossen.“ ATMO (Nähen). Darauf ERZÄHLERIN: Auch Ethem Kocer, der türkische Schneider, kommt wieder - und bleibt. Er hat in Deutschland sofort seine Liebe gefunden. 28. Zsp. / Ethem Kocer „Sonntag bin ich gekommen, Montag hab ich dann mein deutsche Frau kennengelernt. Deutsche. Wir haben da Kaffee gemacht, Kaffee und Kuchen, dort habe ich sie kennengelernt.“ ERZÄHLERIN: Vier Monate nach seiner Rückkehr in die Türkei findet sein Münchner Freund eine Arbeit für ihn als Trambahnschienenputzer. Ethem Kocer erhält eine Aufenthaltsgenehmigung und setzt sich ein zweites Mal in den Zug nach Deutschland. 29. Zsp. / Ethem Kocer „So weitergegangen, also Freundschaft, und dann - 71 geheiratet wir sind dann.“ ERZÄHLERIN: Sie bauen sich ein Haus im Vorort Gröbenzell. Er gründet sein eigenes Schneider-Unternehmen. MUSIK: Z9382937/010 ERZÄHLERIN: Viele Arbeitskräfte aus der Türkei kommen und gehen. Manche arbeiten ein Jahr in Deutschland, um das Geld für ein Moped zusammenzubekommen und gehen dann zurück, kehren später aber wieder, etwa um auf ein neues Hausdach hinzuarbeiten, retour in die Türkei und so fort. Im Herbst 1973 ist es damit aus. Die Ölkrise macht den Westeuropäern Angst. Und rechtfertigt die Anwerbestopps, die die Regierungen der klassischen Zielländer für ausländische Arbeitskräfte erlassen: Frankreich, Schweiz, Großbritannien, Schweden, auch die Bundesrepublik. Die Folgen der Stopps sind unerwartet: Es kommen mehr Menschen. Musik aus 30. Zsp. / Christoph Rass „Als die Anwerbung ausgesetzt wird, da entscheiden sich ganz viele MigrantInnen, zunächst mal in Deutschland zu bleiben. Denn sie wissen: wenn sie jetzt das Land verlassen, ihre Arbeitsstellen aufgeben, dann können sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zurückkehren. Und dann beginnen sie, sehr massiv ihre Familie nachzuholen, und das ist dieser Peak in den Statistiken, der sich nach dem Anwerbestopp zeigt, das ist das Nachwandern der Familienangehörigen, der Kinder, nach Deutschland.“ MUSIK: CD54790/006 ERZÄHLERIN: Vier Jahre lebt Makbule Kurnaz im Mädchenwohnheim ihrer Firma. 1976 zieht sie in ihre eigene Wohnung. Sie könnte frei und unabhängig leben – doch … 31. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hat die Familie Angst bekommen, dass ich mit einem deutschen Mann heirate. Weil Bruder mit deutscher Frau, ich bin in Türkei gegangen, natürlich mit der Familie Entscheidung, jemanden kennengelernt, ich wollte nicht. Ja, nein. In diese Urlaub bin ich weggegangen. Nächste Urlaub wieder: derselbe Mann. Hab ich entschiede, dass ich doch mit ihm heirate. Alleine geht nicht.“ ERZÄHLERIN: Im folgenden Urlaub heiratet sie ihn und lädt ihn nach Deutschland ein: Familienzusammenführung. Zweieinhalb Jahre lang darf er nicht arbeiten. Weil gleich ein Kind kommt, kümmert er sich, und sie verdient das Geld. Musik aus 32. Zsp. / Makbule Kurnaz „Wir haben 2 Kind bekommen, natürlich... Aber war NICHT wie ich mir vorstellen, solche Familie. Leider.“ ERZÄHLERIN: Hauptgrund für das Scheitern der Ehe: das Leben im fremden Land. Ihr gefällt es, ihm nicht. 33. Zsp. / Makbule Kurnaz „Wollte nicht, vom 1. Tag hat gesagt „ich will Deutschland nicht, ich bleibe nicht, ich mage nicht“, habe ich gekämpft, mit Arbeit, mit Kinder, mit Mann, mit Leben, mit Haushalt.... Er ist wieder zurückgegangen.“ 34. Zsp. / Makbule Kurnaz) „Ich bleibe hier! Vom 1. Jahr habe ich entschieden, dass ich bis Lebenende da bleibe.“ ERZÄHLERIN: Die Klarheit und Eindeutigkeit dieser Entscheidung hat ihr geholfen, sich zu integrieren. 35. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hab ich mir gedacht, „ah, muss ich hier mich konzentrieren, muss ich alles machen, für mich Zukunft, mehr gute Sachen machen“. Ich konnte nicht viel Deutsch in 1 Jahre, ja, 73, dann Kurs hab ich gemacht 3 Monate, Sprachkurs.“ Atmo (Nähen) Darauf ERZÄHLERIN: Auch der Schneider Ethem Kocer bemüht sich um gesellschaftliche Anerkennung, sobald er sicher ist, dass er in Deutschland bleiben wird. r macht einen Schneiderkurs, denn wie bei vielen Zuwanderern wird sein türkisches Diplom nicht anerkannt. Er legt die Meisterprüfung ab. Er nimmt die deutsche Staatsbürgerschaft an. MUSIK: M0021386/003 ERZÄHLERIN: Ethem Kocer und Makbule Kurnaz kämpfen am Lebensabend, mit Spätfolgen ihrer Einwanderung. Die Erwerbsbiographie des Schneiders passt schlecht ins Schema der deutschen Sozialversicherung: Er kam erst mit über 30 nach Deutschland und war 17 Jahre lang selbständig, zahlte nur 10 Jahre als Angestellter in die Rentenkasse ein. 36. Zsp. / Ethem Kocer „Mein eigenen Rente 660 Euro. Kann man net leben. Witwengeld bekomme ich. Mit dem kann ich dann leben.“ ERZÄHLERIN: Der Einschnitt in Makbule Kurnaz’ Erwerbsbiographie ist, dass sie ihren Job kündigt, als ihr Mann in die Türkei geht. Musik aus 37. Zsp. / Makbule Kurnaz „Den Fehler hab ich gemacht, aber hab ich neue Beruf gelernt, in eine Geschäft Kasse gemacht, erstemal Schlecker, dann verbessert bissle bei Plus, dann Kaufhof eingestellt.“ ERZÄHLERIN: Viel verdient sie nicht und bringt davon auch noch ihre Kinder durch. Wegen des Stress’ an der Kasse geht sie in Frührente. Auch Ethem Kocer hat sich mit 63 die Hände beim Nähen verschlissen. Zugewanderte Türken bekommen mehr als doppelt so häufig wie alteingesessene Deutsche Erwerbsunfähigkeitsrente – sie haben meist die anstrengenden Jobs übernommen, die die anderen nicht wollten. Nun verbreitet sich Altersarmut. Dass arme Alte zurückkehren, widerspricht den ursprünglichen Hoffnungen, die Länder wie die Türkei in die Anwerbeverträge gesetzt hatten, nämlich Devisen, Qualifikation und Entlastung des Arbeitsmarktes. Wobei sich die Hoffnungen in gewissen Grenzen schon immer auch erfüllen, erklärt der Historiker Christoph Rass. 39. Zsp. / Christoph Rass „Gerade der Rückfluss von Devisen aus Lohnersparnissen ist für viele Länder ein wichtiger Aspekt in ihrer Handels- und vor allem Leistungsbilanz gewesen, die Qualifikation hat sich in geringerem Maß erfüllt, denn es zeigt bei den Rückwanderern, dass gerade die besonders gut Qualifizierten vielfach im Ausland verbleiben. Und natürlich die Entlastung des Arbeitsmarktes: das leidet unter einem Interessenkonflikt, denn die Abwanderungsländer wollen in der Regel die am schlechtesten Qualifizierten, die tendenziell arbeitslos sind, ins Ausland entsenden, während die Anwerbestaaten die am besten Qualifizierten für ihre Arbeitsmärkte haben wollen.“ ERZÄHLERIN: Anwerbeverträge gibt es bis heute, besonders außerhalb Europas. Aber auch in Deutschland sind sie wieder salonfähig, seit Ingenieure und Facharbeiter fehlen. 40. Zsp. / Christoph Rass „Die Verführung eines Anwerbevertrages ist immer, dass die Möglichkeit gegeben zu sein scheint, Arbeitskräfte temporär und bedarfsgerecht auf einen Arbeitsmarkt zu holen. Als Konjunkturpuffer. „Ich nehm’ mir jetzt aus dem Ausland Arbeitskräfte herein, und wenn wir sie nicht mehr brauchen, dann werden sie alle wieder verschwinden“, für einen großen Teil wird das immer so verlaufen, aber für einen kleineren Teil wird immer aus der temporären Präsenz immer der Wunsch nach Einwanderung, nach Niederlassung, und auch der Integration resultieren. Das muss man von Anfang an berücksichtigen. Und genau das hat die Bundesrepublik - wie manch anderes europäische Land im übrigen auch - nicht getan.“ MUSIK: M0021386/003 ERZÄHLERIN: Kleine Rente und kaputte Gesundheit hin, zerrüttete Familien und Witwerschaft her: Makbule Kurnaz und Ethem Kocer machen das Beste aus ihrem Leben. In einem städtischen Alten- und Service-Zentrum treffen sie Gleichgesinnte zum Deutschlernen, Malen und Tanzen, fahren mit der Nostalgiebahn nach Bayerischzell. 41. Zsp. / Ethem Kocer „So geht das Leben.“ lacht nett, aber kurz. Musik aus ATMO (Nähmaschine). Darauf ERZÄHLERIN: Seine Nähmaschine - Industrie-Nähmaschine! - hütet Ethem Kocer gut. 42. Zsp. / Ethem Kocer „Zuletzt hab ich geschneidert - ja, meine Bekannten Kleid gemacht z.B..... er geht im Flur ...die Kleider sind glaub ich hier.“... Rascheln: ERZÄHLERIN: Seide knistert, Pailletten funkeln. 43. Zsp. /Ethem Kocer „Ihre Sohn heiraten, deswegen haben wir dann da vorbereitet.“ ERZÄHLERIN: Das Kleid ist für Makbule Kurnaz. Im Alter haben die beiden zueinandergefunden. Die Fotos ihrer Kinder stehen auch auf seiner Kommode. 45. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hier geboren, hier aufgewachsen, gut studiert, älterer Sohn Computer-Fachmann, seine Frau Sekretärin, junge Sohn beim Amt Sicherheit, alles ok. Ihre Leben auch gut, jetzt junge Sohn will mit Deutsche - halbe deutsche, halbe türkische - Mädchen heiraten, wir sind voll glücklich. Hammer deutsche Kultur mehr wie türkische Kultur.“ MUSIK: M0021386/003

  • Sind Erdbebenkatastrophen vermeidbar? - Der Tag davor...

    06.02.2024 · 22 Min.

    Viele Erdbebenkatastrophen würden weniger dramatisch ausfallen, wenn der Baubestand besser wäre. Wissenschaftler und Experten arbeiten an neuen Strategien für die gefährdeten Megacities der Welt. Autorin: Dagmar Röhrlich (BR 2016) Credits Autorin dieser Folge: Dagmar Röhrlich Regie: Dagmar Röhrlich Es sprachen: Dagmar Röhrlich, Lars Schmidtke Technik: Lewlin Rektenwald Redaktion: Sabine Straßer, Bernhard Kastner Im Interview: Tom Heaton (California Institute of Technology in Pasadena, CA); Martin Voss (Freie Universität Berlin); Jonathan Stewart (Universität von Kalifornien, Los Angeles, CA); Lothar Stempniewski (Karlsruher Institut für Technologie KIT); Hans Joachim Blass (Karlsruher Institut für Technologie, KIT); Carmen Sandhaas (Karlsruher Institut für Technologie KIT); Leonardo Seeber (Lamont-Doherty Earth Observatory in Palisades, NY); Werner Trieselmann (Center for Disaster Management and Risk - Reduction Technology in Potsdam) Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  • Die Erde - Ein Planet in ständiger Bewegung

    06.02.2024 · 22 Min.

    Dass die Erde ein bewegter Planet ist, hat sich noch nicht lange im Bewusstsein ihrer menschlichen Bewohner verankert. Dass sie um die Sonne kreist - das ist seit der früheren Neuzeit bekannt. Autorin: Christiane Neukirch (BR 2013) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Martin Trauner, Andreas Mangold Es sprachen: Sabine Kastius, Wolfgang Pregler Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Aufbau unserer Erde - Kruste, Mantel und Kern JETZT ANHÖREN Sonnen-Eruptionen - Wenn heiße Gase die Erde treffen JETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

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