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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

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  1. Nordpol und Südpol - Extreme Lebensräume

    03.12.2025 · 23 Min.

    Schier endlose Eiswüsten, Temperaturen von -40 Grad Celsius und darunter: Auf den ersten Blick erscheinen Nord- und Südpol wie Zwillinge. Doch Arktis und Antarktis sind nicht nur extreme Regionen, sondern auch extrem unterschiedlich. Credits: Autor: David Globig Redaktion: Nicole Ruchlak Regie: Sabine Kienhöfer Technik: Robin Auld Sprecher: Christian Baumann, Julia Fischer, Julia Cortis Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek. Das vollständige Manuskript gibt es hier. Wir freuen uns über eure Kommentare und Diskussionsbeiträge. Bitte beachtet unsere Netiquette und Tipps für Kommentare.

  2. Literatur der Inuit - Hart am Rand

    02.12.2025 · 23 Min.

    Einst wurden sie als "Eskimo" zur Schau gestellt, im Zoo, wie Tiere. Später wurde ihnen ihre Kultur des Jagens und Sammelns ausgetrieben. Heute treten die Inuit aus dem hohen Norden zunehmend selbstbewusst auf. Besonders spannend: ihre Literatur. Credits: Autorin: Bettina Weiz Redaktion: Susanne Poelchau Regie: Kirsten Böttcher Technik: Roland Böhm Sprecherinnen: Annette Wunsche, Beatrice Deer, Katja Bürkle Interviews mit: Beatrice Deer, Musikerin und Schriftstellerin, Montreal Hartmut Lutz, em. Prof. für Kanadastudien, Greifswald Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek. Das vollständige Manuskript gibt es hier. Wir freuen uns über eure Kommentare und Diskussionsbeiträge. Bitte beachtet unsere Netiquette und Tipps für Kommentare.

  3. Schlaue Schafe – Verkanntes Nutztier mit Zukunftschancen

    02.12.2025 · 23 Min.

    Schafsgesicht, wollig, lammfromm - Schafe sind aus unserer Kultur nicht wegzudenken. Aber sind sie wirklich einfältig und gefügig? Die Realität dieses unglaublich nützlichen Nutztieres ist aus dem Blick geraten. Zu Unrecht. Credits: Autorin: Christiane Seiler Redaktion: Bernhard Kastner Regie: Sabine Kienhöfer Technik: Daniela Röder Sprecherin: Hemma Michel Interviews mit: Knut Kucznik, Schäfer, Altlandsberg Ingolf Bollenbach, Schäfer, Köln Frieda Feld, Woll-Influencerin, Düsseldorf Radiowissen-Links: Ziegen - Weidetiere im Klimawandel Ziegen sind neugierige, intelligente Tiere mit einer engen Bindung an die Menschen, die sie versorgen. Wie funktionieren sie als Herde? Können sie Biotope schützen und damit einige Folgen des Klimawandels begrenzen? Im Naturschutz setzt man zunehmend auf wiederkäuende Weidetiere wie die Ziegen. Von Christiane Seiler (BR 2023) Du kluge Kuh - Das überraschende Sozialverhalten der Kühe "Dumme Kuh!" lautet eine gängige Beschimpfung. Doch die Nutztiere sind alles andere als dumm: Rinder sind sehr soziale Tiere. Sie bauen Freundschaften auf, haben starke Bindungen zu ihrem Nachwuchs und zeigen Gefühle. Autorin: Claudia Steiner (BR 2025) WirTier (4): Auf Kuh-Fühlung Steffi ist ein Bauernhofkind. Aufwachsen mit Kühen bedeutet für sie oft schmerzhafter Abschied, sie macht Schluss mit dem Landleben. Doch ein Versprechen lässt sie nicht los... WirTier-Host Julius wagt sich mit Steffi hinter den Weidezaun. Und zieht dafür doch lieber Stahlkappenschuhe an. Weiterführende Links: Die erwähnte Studie des Schafzuchtverbandes Baden-Württemberg zum Wolfsschutz und dem Einsatz von Herdenschutzhunden Die rote Liste einheimischer Nutztierrassen 2025 Podcast-Tipp: Langlebigkeit ist zum Trendbegriff geworden. Doch die Wissenschaft versteht etwas völlig anderes unter dem Begriff "Longevity": Den Forschenden geht es nicht um Faltenfreiheit, einen schönen Körper und feste Zähne, sondern darum die gesunde Lebenszeit zu verlängern. Wie realistisch ist das? Longevity - Quell der ewigen Jugend oder einfach nur gesund bleiben? Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek. Das vollständige Manuskript gibt es hier. Wir freuen uns über eure Kommentare und Diskussionsbeiträge. Bitte beachtet unsere Netiquette und Tipps für Kommentare.

  4. Vertrauen - Wie wir es entwickeln und gewinnen

    01.12.2025 · 20 Min.

    Vertrauen ist elementar! Ohne Vertrauen lebt keine Partnerschaft und keine Gesellschaft. Ohne Vertrauen in uns selbst, können wir keine Entscheidungen fällen. Wie aber lässt sich Vertrauen entwickeln und gewinnen? Autor/in dieser Folge: Anja Mösing Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel Technik: Robin Auld Redaktion: Susanne Poelchau Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

  5. Wanny Woldstad – Die erste Eisbärenjägerin

    01.12.2025 · 24 Min.

    Bärenpelzmantel und Polarfuchskragen, das war Wanny Woldstads Berufung - aber nicht als Konsumentin. Sie trotzte eisiger Kälte, monatelanger Polarnacht, Einsamkeit, Lebensgefahr durch Bären und wurde als erste Eisbärenjägerin auf Spitzbergen berühmt. Credits Autor dieser Folge: Andreas Pehl Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Xenia Tiling, Benjamin Stedler, Silke von Walkhoff, Peter Veit Technik: Moritz Herrmann Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Marit Anne Hauan (Polarmuseum Tromsø), Harald Dag Jølle (Polarforschungsinstitut Framsenteret Tromsø), Esther Sophia Sünderhauf (Von Parish Kostümbibliothek München) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Das Rentier - Überlebenskünstler in der Arktis HIER Der Vielfraß - Unerschrockener Marder des Nordens HIER Linktipps: Polargeschichte (norwegisch) HIER Polarmuseum Tromsø HIER Framsenteret – Zentrum für Polarforschung Tromsø HIER Englische Ausgabe von Wanny Woldstads Buch HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN „Bärenspuren“? fragte ich mit feierlichem Flüstern. „O ja“, antwortete er, „ganz sicher.“ [...] Ich war so aufgeregt, dass ich zitterte. [...] „Angst?“, fragte er. „Unsinn“, antwortete ich mit zusammengebissenen Zähnen. Sie klapperten, aber das sollte er nicht merken. 01 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 901a OV Marit Anne Wanny Woldstads Leben begann 1894 unter schwierigen Vorzeichen … SPRECHER Marit Anne Hauan, Direktorin des Polarmuseums in Tromsø. Für sie ist Wanny Woldstad eine Pionierin für eine neue Rolle der Frau. 02 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 901b-902a OV Marit Anne Die Mutter starb, Wanny wurde weggegeben, weil der Vater es nicht schaffte, die Kinder großzuziehen. Sie ging in Tromsø auf eine Hauswirtschaftsschule, hat früh geheiratet und mit ihrem Mann Othar zwei Söhne bekommen. Ihr Mann hat ihr beigebracht, wie man jagt, wie man schießt, sie hat an Schützenfesten teilgenommen, die um 1900 in Norwegen sehr populär waren. ATMO [Archiv] Ski knirschen im Schnee (Skitour), Eiswind ZITATORIN Der Schlitten schrammte über Schnee, Eis und Fels. Geräusche, die ich bisher nie bemerkt hatte, klangen wie die Posaunen des Jüngsten Gerichts. [...] Ich umklammerte das Gewehr, fünf Patronen im Magazin und eine im Lauf. Alles war bereit. Mein Herz hämmerte bis zum Hals. 03 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 901c-902b-903 OV Marit Anne Drei Jahre nach der Hochzeit wurde Wanny Witwe: Othar starb 1918 an der Spanischen Grippe. Sie heiratete den Bäcker Martin Woldstad. Und sie schlug beruflich neue Wege ein: Sie wurde die erste Taxifahrerin in Nordnorwegen. Sie war auch die erste, die im Fahrgastraum eine Heizung einbaute für ihre Gäste. Wanny hatte immer einen Drang nach vorne, nach etwas Neuem in ihrem Leben. ATMO [Archiv] Schritte im Schnee + Eiswind ZITATORIN Nach etwa einem Kilometer sah ich plötzlich, wie eine gelb-weiße Masse langsam hinter einem Felsen hervorglitt. [...] Das musste der Bär sein. Er kam ruhig auf mich zu. Mindestens eine Minute lang starrte ich ihn nur an. Dann riss ich mich endlich zusammen. [...] Ich war hinter dem Schlitten in die Knie gegangen und konnte das Gewehr auf dem Rucksack ablegen. Der Abstand musste 90 oder 100 Meter sein. 04 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 905-906 OV Marit Anne Als Taxifahrerin in Tromsø waren auch Pelzjäger ihre Gäste, die von Spitzbergen kamen. Wanny war fasziniert von deren Erzählungen. Ein Mann faszinierte sie besonders: Anders Sæterdal. Und der hat sie schließlich auf die Jagd eingeladen. Sie hat ihr Leben über den Haufen geworfen, gepackt, sich von ihren zwei fast erwachsenen Söhnen verabschiedet und ist mit in den Norden gereist. ATMO [Archiv] Eiswind + Schüsse ZITATORIN Als der Bär sich mir zuwandte, knallte es, einmal und noch einmal. Er erstarrte, der Kopf glitt zur Seite und er brach zusammen. Die Spannung fiel von mir ab. Ich hätte jubeln können vor Freude. Aber ich wollte mir keine Blöße geben und schwieg. Ich hatte meinen ersten Bären erlegt, unglaublich! 05 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 920 OV Marit Anne Wanny schrieb ein Buch über ihr Leben, das zu einem Bestseller wurde: „Die erste Frau als Pelzjäger auf Spitzbergen“. Sie wurde zu Vorträgen eingeladen, gab Interviews im Rundfunk und wurde sehr bekannt. ATMO [Archiv] Schnelle Schritte im Schnee + Eiswind ZITATORIN Etwa 20 Meter vom Bären entfernt fühle ich eine eiserne Klaue auf meine Schulter fallen, werde unsanft zurückgerissen und stehe Angesicht zu Angesicht dem keuchenden Sæterdal gegenüber, der mich wütend anfährt: „Hab ich dir nicht gesagt, dass man nicht direkt auf einen scheinbar toten Bären zulaufen darf? Weißt du, was es bedeutet, einen verwundeten Bären vor sich zu haben?“ Doch ich bin so glücklich und erregt, dass ich ihn anstrahle und lachend sage: „Der erste ist erlegt, Anders!“ 06 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Harald Dag 801a OV Harald Dag Auf Spitzbergen war es möglich, ein Leben als Pelzjäger zu führen: Man ging in die Wildnis, konnte Eisbären, Füchse, Rentiere oder Robben jagen. SPRECHER Harald Dag Jølle, Polarhistoriker am Forschungsinstitut Framsenteret in Tromsø. Für ihn waren die Pelzjäger auf Spitzbergen Menschen, denen Freiheit wichtiger war als Sicherheit. 07 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Harald Dag 801b OV Harald Dag Viele träumten davon, von der Pelztierjagd reich zu werden. Aber im Großen und Ganzen war es das Abenteuer, das die Leute dorthin gezogen hat. Die Freiheit, die Möglichkeit, sein eigener Herr zu sein. Ganz oft waren die Pelzjäger Menschen mit einem relativ bescheidenen Hintergrund, die zuvor als Industriearbeiter oder Bauern gelebt haben. Und dann bist du nach Spitzbergen gefahren – das war wie in die Prärie zu reisen: der Traum vom einsamen Leben in der Wildnis. MUSIK 2 Kari Bremnes – Ytterste Pol - ca. 50 Sek SPRECHER [Text über der ersten Strophe] ‚Ich kam in das magische Land, dort draußen am äußersten Pol, mit langer, undurchdringlicher Dunkelheit und gleißenden Hängen im Sonnenlicht.‘ Kari Bremnes, Sängerin. Für sie ist Wanny Woldstad eine Symbolfigur für die Frauen des Nordens. 08 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Harald Dag 814 OV Harald Dag Das waren spezielle Menschen. Die waren Könige in ihrem eigenen Reich beim Jagen. Und sie bekamen dadurch einen Status. Helge Ingstad, ein norwegischer Abenteurer, schrieb ein Buch: Pelzjägerleben. Das war in den 1930er Jahren ein Bestseller. Alle norwegischen Jungen haben es gelesen. Das schuf einen Mythos und weckte den Traum, Pelzjäger zu sein. ATMO [Archiv] Braten in der Pfanne, Feuer im Ofen ZITATORIN Wir nahmen das Fell und die Steaks mit auf den Schlitten, den Rest vergruben wir im Schnee, um es später abzuholen. [...] Am Abend des 12. Dezember gab es Bärenfleisch: saftiges Bärensteak mit braunen Zwiebeln. Es war spät in der Nacht, als ich endlich einschlief. Ich lag da und dachte über diesen ereignisreichen Tag nach und freute mich auf die vielen Dinge, die ich hier noch erleben sollte. 09 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Harald Dag 809a OV Harald Dag Diese Hütten sind sehr klein, oft ist es nur ein einziger Raum, in dem man schläft, isst und kocht. Dazu ein Gang, der verhindert, dass Eisbären direkt in die Hütte kommen. Ein Eisbär kann ohne Probleme eine Tür eindrücken. Deswegen gibt es oft einen engen Gang, der im 90°-Winkel zur Stube steht und in dem man Ausrüstung lagern kann. Diese Hütten waren aus Dingen gebaut, die man auf Spitzbergen fand, vor allem aus Treibholz oder Material von alten Hütten. ATMO [Archiv] Feuer im Ofen ZITATORIN Unsere Villa ist ein niedriges Häuschen, ca. acht Meter lang, drei Meter breit und gerade so hoch, dass ich meine 157 cm in voller Höhe aufrichten kann. Ein ausgewachsener Mann muss aufpassen, wenn ihm sein Schädel lieb ist. Das Haus ist in zwei etwa gleich große Räume unterteilt. Einer wird als Schlafzimmer, Esszimmer, Küche und Wohnzimmer verwendet. Bei schlechtem Wetter sägen und hacken wir dort Brennholz, tauen gefrorene Bären auf, häuten und pökeln sie. Auf der dem endlosen Meer zugewandten Seite ist ein großes Fenster [...] Der andere Raum hat zwei Schießluken. Da werden wir Bären beobachten und schießen, wenn sie nachts kommen. 10 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin MUSIK Wanny Woldstad singt solo ohne Klavier 11 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 931 OV Marit Anne Wanny dichtet, bringt andere dazu, ihre Texte zu vertonen. Im Radio erzählt sie über ihre Erlebnisse und singt … – was wäre sie wohl heute? Wäre sie Staatsministerin oder Forscherin? Hätte sie sich gegen Klimawandel und für mehr Nachhaltigkeit engagiert? Ich glaube, sie wäre eine sehr innovative Frau. ATMO [Archiv] Feuerstelle ZITATORIN Auch wenn wir hier ein Leben in der Wildnis führen, scheint es gesund und lehrreich für Körper und Seele zu sein. Es fördert sicherlich keine Schwächen. Man muss lernen, sich bestmöglich zu helfen und jeder Situation, auf See, an Land, bei Krankheit und in Gefahr gelassen zu begegnen. Angst ist ein unbekanntes Wort für die, die es hierhertreibt, wo die Einsamkeit die Schatten doppelt düster macht. 12 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 924 OV Marit Anne Sie musste sich selbst versorgen und beschrieb sich als eine selbstständige Frau. Sie hatte erlebt, wie der Mann gestorben ist, den sie sehr geliebt hat und von dem sie die beiden Söhne hatte. Und dann hat sie den Bäcker Woldstad erlebt, den sie verließ. Sie war von ihm noch nicht geschieden, als sie 1932 zusammen mit Sæterdal nach Spitzbergen auf die Jagd ging. Sie hatte eine klare Vorstellung: wenn du dir ein Leben aufbaust, das du gerne leben willst, dann musst du auf dich selber aufpassen. Sie musste ihr eigenes Leben in die Hand nehmen. 10 MUSIK Hoch: Wanny Woldstad singt solo ohne Klavier (gilt als Atmo, ca. 26 Sek) 13 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 923 OV Marit Anne Eine uneheliche Lebensgemeinschaft war gesetzlich verboten – hier in Norwegen bis 1972. Wenn eine Frau zusammen im Haus mit einem ledigen Mann wohnte, dann war sie Haushälterin oder Stubenmädchen. In der norwegischen Gesellschaft war es weder gesellschaftlich noch kirchlich und auch nicht rechtlich erlaubt, so zu leben. Aber auf Spitzbergen, 1.000 km vom Festland entfernt, musste man sich darüber keine Gedanken machen. Eine Lebensgemeinschaft ist ja auch an sich eine Möglichkeit, die Frau freier zu machen. Wanny und mit ihr die Frauen, die hier im Winter auf die Jagd gingen, haben mit ihrem Vorbild uns heute die Möglichkeit gegeben, freier zu leben. 14 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Harald Dag 806 OV Harald Dag Das Leben in einem solchen Winterlager war sehr beschränkt. Viel konnte man nicht mitnehmen. Die Jäger mussten die ganze Saison über selbst sammeln: Eier von den großen Vogelkolonien, Daunen von den Enten. Als Fortbewegungsmittel nutzten sie Hundeschlitten. Die Hunde brauchten Futter, also schossen sie Seehunde. Man musste das heranschaffen, was den Jäger selbst im Laufe der Saison am Leben erhielt, aber es sollte auch etwas übrigbleiben, wenn man nach der Jagdsaison zurückkam. Und das waren in erster Linie die Pelze. 15 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Esther Sophia Sünderhauf 700-701 Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte waren Pelze lebensnotwendig. Neben der Lebensnotwendigkeit war es immer auch ein Zeichen der Unterscheidung. Gerade Könige, Herrscher, haben Pelze getragen, und zwar von den Tieren, die als die gefährlichsten galten, Löwen, Leoparden, Tiger und eben dann auch der Eisbär. SPRECHER Esther Sophia Sünderhauf, Leiterin der Von Parish Kostümbibliothek in München. Für sie sind Pelzmoden eines der düstersten Kapitel in der Geschichte der Mode. 16 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Esther Sophia Sünderhauf 706 Im Fotostudio haben wir überall bis weit ins 20. Jahrhundert das Eisbärenfell oder kleine Eisbärjungen ausgestopft als Zierde. Und zwar vorzugsweise für die Kleinkindfotos. Das Baby auf dem Eisbärenfell, man sieht es allenthalben. Und wenn man sich vorstellt, dass so ziemlich jedes Fotostudio in Europa so ein Eisbärfell hatte, dann kann man hochrechnen, wie viele Eisbären da geschossen worden sind. 17 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Harald Dag 807 OV Harald Dag Die ersten Bärenjäger, die Ende des 19. Jahrhunderts kamen, die waren selbst draußen in der Wildnis und suchten nach Bären. Und irgendwann baute man sogenannte Selbstschussanlagen: Eine Kiste, in die man ein Gewehr einbaute mit Köder und Auslöser. Wenn der Bär den Köder holte, dann wurde er direkt in den Kopf geschossen. Das führte dazu, dass die Jagd sehr effektiv wurde und der Bestand der Bären stark zurückging. Trotzdem ging die Jagd weiter, bis das Jagdverbot 1973 kam. Bis dahin schoss man etwa 300 Eisbären im Jahr auf Spitzbergen. 18 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Esther Sophia Sünderhauf 705 Es musste der Winterpelz sein, weil der natürlich ein ganz dichtes Unterfell hatte, was auch weich war. Und deshalb wurde vorzugsweise im Winter gejagt. Und beim Eisbären beginnt das in der Zeit um 1795. Da war die ganz große Mode, diese riesigen Muffs zu tragen, Damen wie auch Männer. ATMO [Archiv] Schritte im Schnee + Eiswind ZITATORIN Es war ein hartes Stück Arbeit, den Bären in der Kälte und im Schnee zu häuten. Das Fleisch gefror, sobald wir das Fell und die Speckschicht abzogen. Das Schlimmste war, dass auch die Finger dazu tendierten, im gleichen Tempo wie das Bärenfleisch steif zu werden. Wir arbeiteten zielbewusst und ausdauernd mit dem Gedanken an all die Arbeit, die wir uns sparen würden, wenn wir ihn gleich hier häuteten. 19 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Esther Sophia Sünderhauf 704a Es explodiert so richtig in den 1890ger Jahren. Das ist die Phase des größten Luxusgebahrens. Da ist eine Generation, die in großem Stil schon das Erbe ihrer Eltern und Großeltern verbrauchen kann. Und die zeigt das. ATMO [Archiv] Feuer im Ofen ZITATORIN Ein paar Tage später hielt unser Hundeschlitten mit dem ersten riesigen Bärenkadaver vor der Tür. Es war die große Bärin von der Selbstschussanlage nördlich des Hauses. Mit großer Mühe bugsierten wir sie in den Flur und dann in unseren Wohnzimmer/Schlafzimmer-Salon. Es war eine schwierige Aufgabe, das riesige, gefrorene Tier hereinzubringen. Es dauerte gut und gerne zwei Tage, bis der Bär soweit aufgetaut war, dass wir mit dem Häuten beginnen konnten. 20 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Esther Sophia Sünderhauf 707 Eine interessante Abbildung ist hier aus einer Zeitschrift Pygmalion von 1912. Man sieht hier kleine Eisbärenjungen, die wurden ‚Kapbären‘ genannt. Und sie geben das Fell ab für Kinderkleidung. Man hat ja auch diesen weißen Pelz mit Reinheit assoziiert. Also für Kinderkleidung, Mäntel, Schuhe, Mützen, Handschuhe, aber auch kleine Muffe. ATMO [Archiv] Braten / Kochen / Töpfe ZITATORIN Das Filet war alles andere als zart, aber mit kräftigen Gewürzen und nach zwei Stunden Garzeit wurde es immerhin noch ein köstlicher Sandwichbelag. Wir variierten das Bärenfleisch endlos. Steak, sowohl traditionell als auch à la mode, Braten, Roulade, Frikadelle, Suppenfleisch, Fleischpastete. Mein Jungbärenfleischfrikassee – das genoss mein Partner sichtlich. Am liebsten aßen wir aber Suppe. 21 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Esther Sophia Sünderhauf 704b Wenn man sich die Zeitschriften der Zeit anschaut, man sieht jede Art von Pelz. Alles, was irgendwie geschossen werden konnte und Fell hatte, wurde verarbeitet. Natürlich vor allem die seidenweichen Fellqualitäten wie der Nerz oder der Zobel und dann vorzugsweise auch Polarfüchse in weißer oder blauer Fellqualität. MUSIK 3: Family reunion – siehe vorn – ca. 50 sek + ATMO [Archiv] Ski im Schnee + Eiswind ZITATORIN Endlich lag eine Falle flach auf dem Boden mit einem großen, weißen Fuchs darunter. Der halbe Körper und der Schwanz ragten heraus. Ich war völlig aus dem Häuschen, so froh, als ob wir gerade ein Vermögen gewonnen hatten. Ein besonders schöner Fuchs war das: schneeweiß bis zur Haut und mit einem feinen Fell. Als wir heimkamen, fühlte ich mich wie eine kleine Millionärin: ein Polarfuchs unter jedem Arm und einer über den Schultern, das war wie ein Sechser im Lotto. 22 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Esther Sophia Sünderhauf 715 Ich denke, dass der Mensch sich erst seit ganz geraumer Zeit ein Bewusstsein dafür schafft, was wir der Tierwelt überhaupt antun. Das ist eigentlich ein Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte. Ich glaube, in der Zeit von Wanny Woldstad war das überhaupt noch nicht präsent. Da ging es vor allem um Abenteuer und vielleicht auch um Geld. 23 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Harald Dag 802 OV Harald Dag Man konnte darauf hoffen, mit einer schwarzen Null rauszukommen. Manche verdienten ganz ordentlich, vor allem wegen der Felle, wenn man viele Eisbären hatte. Aber man wurde nicht wirklich reich. Es war vor allem das Abenteuer. ATMO [Archiv] Eiswind ZITATORIN Mein Begleiter hatte versprochen oder vielmehr gedroht: sobald er den ersten Fuchs vor meinen Augen gehäutet hätte, wäre ich gefälligst an der Reihe. Natürlich hatte ich große Lust, es auszuprobieren, aber ich betrachtete mit weiblicher Ehrfurcht die feinen, teuren Felle und war mir nicht ganz sicher, ob das Häuten eines Fuchses so einfach sein würde wie bei den Schafen und Kälbern zu Hause auf Sommarøy. Das war handfesteres Zeug als diese zarten, seidenweichen Dinger. 24 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Esther Sophia Sünderhauf 716 Man muss es einfach nüchtern betrachten. Aber wo ich wirklich moralisch werde, wenn ich sehe, welches Luxusgebaren die Frauen speziell in der Zeit gehabt haben. Exuberante Verwendung von Pelzen: hunderte Tiere für einen Mantel oder ein Cape. Oder auch, dass die Orang-Utans abgeschlachtet wurden, damit die Damen in Europa in diesen Mänteln herumlaufen konnten. ATMO [Archiv] Schritte im Schnee + Wind + Huskies ZITATORIN Am 28. Oktober hängten wir einen weiteren Weißfuchs zu seinen erlegten Artgenossen und begannen mit den Vorbereitungen für eine lange Reise zum östlichen Ende unseres Jagdgebiets. Dort wollten wir jetzt die Fallen aufstellen. Wir hatten hier die größte Hoffnung, Blaufuchs zu fangen. 25 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 941 OV Marit Anne Heute denken wir: das ist barbarisch, brutal, schlimm. Aber das sind die 1930er Jahre. Da haben wir das Tierwohl noch nicht erfunden. Wir haben nicht an nachhaltige Verwaltung oder erneuerbare Ressourcen gedacht. Wir sind in einer anderen Zeit. Und wir müssen verstehen, dass diese Pelzjäger in ihrer Zeit leben. Und wir müssen aus der Zeit heraus, in der sie gelebt haben. Respekt für sie haben. 26 MUSIK Wanny Woldstad Svalbardvise mit Klavier 27 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 926 OV Marit Anne Wanny hat auch zwei, drei Lieder gemacht über ihr Leben. Zwei dieser Lieder sind erhalten. MUSIK Hoch: Wanny Woldstad Svalbardvise mit Klavier ATMO [Archiv] Meeresbrandung ZITATORIN Die Reise zurück nach Norwegen war fast genauso aufregend wie die Hinfahrt [...]. Der Kapitän hatte versprochen, mir Bescheid zu geben, wann wir mit den ersten undeutlichen Umrissen der norwegischen Küste rechnen könnten. [...] Um drei Uhr wurde ich geweckt, eine halbe Stunde später stand ich auf dem Vordeck und untersuchte gespannt den Horizont durch das Fernglas. Ein dünner, undeutlicher Streifen weit draußen – konnte das Land sein? Es ist wohl keine Schande, zu gestehen: meine Augen wurden feucht. 28 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 932-921 OV Marit Anne Es gab weitere Frauen, die zeitgleich mit Wanny auf Spitzbergen waren. Alle wurden sie gewarnt, nach Norden zu reisen: Wer weiß, ob ihr jemals wieder zurückkommt. Die ersten Frauen waren dort schon um 1896 auf Pelztierjagd. Aber Wanny Woldstad ist heute die erste Frau, die wir wirklich in ihrer Rolle als Eisbärenjägerin kennen. Meine Theorie ist: sie war eine Vorreiterin für die neue Rolle der Frau. Sie war eine Vorreiterin für den Kampf um Gleichstellung und die feministische Politik, die kommen sollte. MUSIK 4: Family reunion – siehe vorn – 1:05 Min 26 MUSIK Wanny Woldstad Svalbardvise mit Klavier 30 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 925 OV Marit Anne Nach einigen Jahren verließ sie Sæterdal und wurde Gemeinde-Hausgehilfin. Wenn eine Frau krank war und der Mann zum Arbeiten musste, konnte eine Gemeindehausgehilfin ins Haus kommen und die Arbeit übernehmen. In einem Interview wurde Wanny gefragt, wie das wäre – Taxifahrerin, Pelzjägerin, Gemeinde-Hausgehilfin. Und sie antwortete, dass das ein vortrefflicher Job sei. Man könne Familien prägen, zu einem gelingenden Leben beitragen und der jungen Generation ein gutes Leben sichern. SPRECHER Am 26. Oktober 1959 wurde Wanny Woldstad beim Überqueren einer Straße von einem Lastwagen erfasst und starb. Sie wurde 65 Jahre alt. 31 Zsp. Wanny Woldstad–Die erste Eisbärenjägerin Marit Anne 930 OV Marit Anne Ich würde gerne mit ihr reden. Nicht über die Jagd, sondern darüber, was es bedeutet, in dieser Zeit Frau zu sein. Das war eine sehr heftige Zeit. Wir haben den Ersten Weltkrieg, da übernehmen die Frauen, weil die Männer im Krieg sind. Dann kommen die Männer heim und fordern ihre Position zurück. Dann kommt der Zweite Weltkrieg, da geschieht das Gleiche wieder. Und Wanny zieht ihre Sache durch, sie ist selbstständig und macht ihr Ding. ATMO [Archiv] kleine Wellen am Strand + Wind ZITATORIN Ein wenig Angst hatte ich wohl, als ich zum ersten Mal ins Land des Eises fuhr. Aber jetzt gab es nur noch Sicherheit und die ungeduldige Sehnsucht, loszufahren, über das endlose Meer zu segeln, den verlassenen Strand, die Berge und unser einsames kleines Haus, das mir so lieb geworden war, wiederzusehen.

  6. Das Böse – Konzept von gestern oder Triebfeder der Weltgeschichte

    28.11.2025 · 24 Min.

    Schon immer war der Mensch mit Verbrechen konfrontiert. Wo einst der Teufel am Werk war, setzt man heute auf rationale Erklärungen. Aber warum lässt sich das Böse nicht aus der Welt schaffen und wie viel Teufel steckt in uns allen? Credits: Autor: Dominik Kalus Redaktion: Bernhard Kastner Regie: Martin Trauner Technik: Simon Lobenhofer Sprecher: Thomas Birnstiel Zitatorin: Jenny Güzel Interviews mit: Jörg Noller, Philosoph Johannes Schwanke, Theologe Nahlah Saimeh, forensische Psychiaterin Thomas Elbert,Neuropsychologe Archivmaterial: Ausschnitt MDR-Sendung „Bilder des Jahrhunderts“ Weitere Podcasts zum Thema: Krieg oder Frieden - Ist der Mensch zur Gewalt verurteilt? Kriege und Gewalt begleiten die Menschheitsgeschichte. Liegt dem eine biologische Basis zugrunde? Sind destruktive Kräfte der Psyche stärker als konstruktive? Antworten der evolutionären Anthropologie und der Psychoanalyse geben tiefere Einblicke. Hannah Arendt - Die Banalität des Bösen: Was bringt Menschen dazu, Böses zu tun? Aus Sicht von Hannah Arendt braucht es dazu nicht mehr als kollektive Gedankenlosigkeit, jedenfalls in einem Staat, der das Böse zum Ziel erhoben hat. Nichts Anderes bedeutet die Banalität des Bösen. DER NÜRNBERGER PROZESS – Die Täter und ihr Psychologe: Gibt es eine Nazi-Psyche? Mit dieser Frage im Kopf kommt der US-Offizier und Psychologe Gustave M. Gilbert nach Nürnberg. Von November 1945 bis Oktober 1946 begleitet er die Angeklagten im Hauptkriegsverbrecherprozess. Er spricht mit ihnen in den Prozesspausen, beim Mittagessen, in ihren Zellen. Sein "Nürnberger Tagebuch" gibt Einblick in die Gedankenwelt der Täter. Literatur: Jörg Noller: „Theorien des Bösen“, Umfassende Einführung zum Begriff nicht nur aus der Philosophie, sondern auch aus Geschichte und Popkultur Reinhard Haller: „Das Böse. Die Psychologie der menschlichen Destruktivität“. Ein Gerichtspsychiater beschreibt reale Mordfälle und psychologische Hintergründe Nahla Saimeh: „Das liebe Böse. Warum wir gut sein wollen und nicht können“: Breite und kurzweilige Einführung zur Psychologie des Bösen, und warum es mehr mit uns zu tun hat als wir denken. Terry Eagleton: „Das Böse“, gewitzter und assoziativer Essay zum Begriff des Bösen in der Literatur. Weiterführender Link: Forensikerin Nahlah Saimeh: Sind extreme Gewalttaten krank? Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek. Das vollständige Manuskript gibt es hier. Wir freuen uns über eure Kommentare und Diskussionsbeiträge. Bitte beachtet unsere Netiquette und Tipps für Kommentare.

  7. Homo Ludens - Wieso spielen wir?

    28.11.2025 · 23 Min.

    Kinder spielen mit Bausteinen, Kuscheltieren, mit ihrer Fantasie. Auch Erwachsene spielen, auch wenn das manchmal "ernsthafter" aussieht als bei den Kleinen. Aber: Wieso spielen Menschen eigentlich? Credits: Autorin: Jonas Breitner Redaktion: Yvonne Maier Sprecherinnen: Laura Maire, Caroline Ebner Regie: Martin Trauner Technik: Andreas Lucke Weiterführende Links: 42: Verspielen wir unser Leben? https://www.arte.tv/de/videos/104841-010-A/verspielen-wir-unser-leben/ National Institute for Play https://nifplay.org/ Institut für Ludologie Berlin https://www.ludologie.de/ Play, Curiosity, and Cognition Junyi Chu, and Laura E. Schulz, Annual Review of Developmental Psychology, Volume 2, 2020 https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-devpsych-070120-014806 Adult play and the evolution of tolerant and cooperative societies, Elisabetta Palagi, Neuroscience & Biobehavioral Reviews, Volume 148, May 2023, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0149763423000933 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek. Das vollständige Manuskript gibt es hier. Wir freuen uns über eure Kommentare und Diskussionsbeiträge. Bitte beachtet unsere Netiquette und Tipps für Kommentare.

  8. Der Karpfen - Ein traditioneller Speisefisch mit Zukunftschancen

    27.11.2025 · 22 Min.

    Karpfen gelten als Fische der Zukunft - ihre Zucht ist nachhaltig und die Fische kommen auch mit wärmeren Temperaturen klar. Vor allem in Franken und in der Oberpfalz hat die Teichwirtschaft eine lange Tradition. Credits: Autorin: Claudia Steiner Redaktion: Bernhard Kastner Regie: Susi Weichselbaumer Sprecherin: Katja Amberger Zitator: Peter Weiß Interviews mit: Susanne Huber, Fischwirtschaftsmeisterin in St. Heinrich am Starnberger See Walter Jakob, Teichwirt aus Mühlhausen Dr. Martin Oberle, Institut für Fischerei in Höchstadt an der Aisch, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Arbeitsbereich Karpfenteichwirtschaft Weiterführende Links: Arte-Doku: Karpfen statt Lachs Werner Bätzing, Nutzungskonflikte zwischen Teichwirtschaft, Naturschutz und Freizeitinteressen im Aischgrund 1000 Jahre Karpfenteichwirtschaft in Bayern Infos zum BN-Projekt Karpfen pur Natur Infos der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft zur Karpfenteichwirtschaft Hörtipps: Fische in Bayern - Wie geht es ihnen? Fische - Die unterschätzten Lebewesen Der Aal - Ein Fisch voller Rätsel Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek. Das vollständige Manuskript gibt es hier.

  9. Frauenbewegung Ost und West - Längst nicht wiedervereinigt

    27.11.2025 · 23 Min.

    Im April 1990 trafen sich Frauen aus Ost und West zum ersten Ost-West-Frauenkongress. Auf diesem Treffen wurde deutlich, wie unterschiedlich die feministischen Standpunkte nach 40 Jahren Trennung waren. Auch heute wirkt das nach. Credits: Autorin: Eva Deinert Regie: Susi Weichselbaumer Sprecherinnen: Katja Bürkle, Katja Schild Redaktion: Katharina Hübel Gesprächspartnerinnen: Dr. Jessica Bock, Historikerin; ihre Promotion: „Frauenbewegung in Ostdeutschland. Aufbruch, Revolte und Transformation in Leipzig 1980–2000“, Mitteldeutscher Verlag, 2020. Ulrike Helwerth, ehemalige westdeutsche Journalistin Ihr Artikel über den Ost-West-Frauenkongress aus dem Archiv der taz: „Für uns steht jetzt alles auf dem Spiel“ Gislinde Schwarz, ehemalige ostdeutsche Journalistin; Interview mit Gislinde Schwarz und Ulrike Helwerth im Digitalen Deutschen Frauenarchiv. Podcast-Tipps: ARD Radiofeature: „Das Vergewaltiger-Netzwerk“ Der Bruch - Frauen zwischen Ost und jetzt Die Podcast-Reihe des RBB portraitiert fünf ostdeutsche Frauen und ihr Leben nach der Wiedervereinigung Diagnose: Unangepasst – Der Albtraum Tripperburg In dem Podcast-Mehrteiler des MRD geht es um Frauen, die in der DDR in so genannten „Tripperburgen“ eingesperrt wurden. Unter dem Vorwand, geschlechtskrank zu sein, wurden Frauen, die dem SED-Regime nicht passten, zwangseingewiesen in spezielle Einrichtungen, in denen sie misshandelt wurden. Die frühe DDR … Auferstanden aus Ruinen „Alles Geschichte – Der History-Podcasthttps://www.br.de/mediathek/podcast/alles-geschichte-history-von-radiowissen/die-fruehe-ddr-auferstanden-aus-ruinen/2001606“ setzt sich mit der Gründung der DDR auseinander. Weiterführende Links: Der Ost-West-Frauenkongress von 1990 im Digitalen Deutschen Frauenarchiv: Der MDR mit einer Dokumentation zum Thema Frauen in der DDR Die Bundeszentrale für politische Bildung informiert über Frauen in der DDR: Literatur: Ulrike Helwerth und Gislinde Schwarz: „Von Muttis und Emanzen: Feminismus in Ost- und Westdeutschland.“ Die Frau in der Gesellschaft, Fischer, 1995. Annette Schuhmann: „Wir sind anders! Wie die DDR Frauen bis heute prägt.“ Hoffmann und Campe, 2025. Franziska Hauser und Maren Wurster: „Ost*West*frau.“ Frankfurter Verlagsanstalt, 2025. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  10. Harmonie der Welt - Das schwingende Universum

    26.11.2025 · 24 Min.

    Bereits in der Antike war Astrophysik bzw. Astronomie und Musik eng miteinander verbunden und gipfelte in der Idee einer "Sphärenmusik". Warum fasziniert diese Vorstellung viele Menschen bis heute? Credits Autor dieser Folge: Martin Schramm Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Jerzy May, Christoph Jablonka Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Markus Nielbock, Max-Planck-Institut für Astronomie, Heidelberg; Pierre Leich, Wissenschaftshistoriker, Nürnberg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Giordano Bruno - Nichts unter der Sonne ist neu Am 17. Februar 1600 landet Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen, einer der unbequemsten und zugleich genialsten Denker der Renaissance. Wie konnte es soweit kommen? HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Der Blick nach oben - in den klaren Sternenhimmel - seit Jahrtausenden bringt er Menschen zum Grübeln: Majestätisch ziehen die Planeten ihre Bahnen zwischen den funkelnden Sternen. Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus - der Nachthimmel wird gleichsam zur „Bühne“ für die ewige Reise der Planeten durchs All. SPRECHERIN Eine „Reise“, die Fragen aufwirft: Folgt sie irgendwelchen Gesetzen? Ist sie Teil einer größeren „kosmischen Ordnung“? Ausdruck einer „universellen Harmonie“? Am Ende einer Harmonie, die man sogar hören kann? SPRECHER Die Vorstellung einer Art „Sphärenmusik“ begeistert Menschen seit Jahrhunderten. SPRECHERIN Andere wiederum halten sie für genauso originell, wie unsinnig. Denn was genau sollte da eigentlich „erklingen“? Eine Art „Sternen-Konzert?“ Eine „Ballade der Planeten“? SPRECHER Und was können Wissenschaftler heute mit dieser Vorstellung noch anfangen? MUSIK (Cosmos) ZITATOR Die Idee - oder: Das Schwingende Universum SPRECHER Die Vorstellung einer „Sphären-" oder „Himmelsharmonie“ taucht bereits in der Antike, in der Gedankenwelt der Pythagoreer auf. Die Grundidee: Die Planeten erzeugen durch ihre streng gleichförmigen Kreisbewegungen Töne - eine Art kosmischer Zusammenklang, eine Harmonie stellt sich ein. SPRECHERIN Eine Harmonie, die auf besonderen Zahlenverhältnissen gründet. Pythagoras macht damals nämlich einen wegweisenden Schritt: Er glaubt, dass man die schon lange vor ihm postulierte „Harmonie des Universums“ auch mathematisch erklären kann. SPRECHER Zufällig entdeckt er, dass die Höhe eines Tons von der Länge der Saite und deren Schwingungen abhängt. Dass sich Intervalle also durch Zahlenverhältnisse darstellen lassen. Durch ganz besondere Zahlenverhältnisse. SPRECHERIN Eindrücklich demonstrieren lässt sich das am sogenannten „Monochord“. Einem Apparat, bei dem eine einzige Saite über einen länglichen Resonanzkasten gespannt ist. SPRECHER Verändert man die Saitenlänge, stellen sich besondere Klänge ein, Klänge die wir als besonders „konsonant“ empfinden: Oktave (SOUND), Quinte (SOUND), Quart (SOUND), Terz (SOUND), Sext (SOUND) usw. SPRECHERIN Und diese besonderen „Zusammenklänge“, entsprechen besonderen „Proportionen“, den Verhältnissen einfacher, ganzer Zahlen: 1:1, 1:2, 2:3, 3:4 usw. SPRECHER Die faszinierende Erkenntnis: Musik folgt offenbar einfachen mathematischen Gesetzen. SPRECHERIN Und diese Vorstellung wird dann schnell auf den ganzen Kosmos bezogen. D.h. auf die damalige Vorstellung einer göttlich geschaffenen Welt, in deren Zentrum die Erde steht. Eine Erde, die von „kristallinen Kugelschalen“ umgeben ist, von kristallinen „Sphären“. - Der Wissenschaftshistoriker Pierre Leich: 01-O-TON Leich Sphären „Ja, man hat in der Antike die Vorstellung gehabt, dass es so eine Art kristalline Sphäre aus einem himmlischen Stoff gibt, die gewissermaßen als Träger der Bewegung der Gestirne fungieren. Denn dass die Gestirne sich zumindest scheinbar um die Erde drehen, das sieht man ja unmittelbar. Und die Vorstellung, dass die Bewegungen in irgendeiner Weise fixiert werden müsste, entspricht auch dem, was wir auf der Erde erwarten würden. Wenn wir eine Uhr bauen oder derartiges. Und die Planeten, die hat man sich dann entweder auf diesen kristallinen Sphären sozusagen draufgepappt irgendwie vorgestellt. oder auch zwischen den Sphären. Beide Varianten sind durchaus immer wieder vorgekommen.“ SPRECHER Kristalline Schalen, auf denen sich Planeten um den Nabel der Welt, die Erde bewegen - eine Vorstellung, die uns heute reichlich seltsam anmutet, die damals aber durchaus plausibel erscheint. Denn irgendetwas musste die Gestirne schließlich auf ihrer Bahn halten, dafür sorgen, dass sie nicht einfach weg drifteten. Dass unsichtbare Gravitationskräfte die Planeten leiten, sollte erst viel später ein gewisser Isaac Newton beschreiben. SPRECHERIN Damals völlig plausibel erschien den Menschen auch die Vorstellung, dass Planeten, bzw. die Sphären, „Töne“ erzeugen. Es entsprach der alltäglichen Beobachtung, dass Dinge, die schwingen, die sich bewegen, eben „klingen“. - Der Astrophysiker Markus Nielbock: 02-O-TON Nielbock Die göttliche Ordnung „Und je nachdem in welchem Abstand von der Erde und welcher Geschwindigkeit von der Erde sich diese Sphäre mit den Planeten und am Schluss dann den Fixsternen bewegt, gibt das unterschiedliche Abfolgen von Tönen, die man mit der Musik identifizieren kann. Das ist im Prinzip der Grundgedanke dieser Sphärenmusik. Man sieht hier sozusagen die Ordnung des Kosmos widergespiegelt in Tönen, in einer Art von Musik. Und der Grundtenor ist ja, das ist die gleiche Ordnung, die gleiche göttliche Ordnung, die alles wirklich bestimmt.“ SPRECHER Musik und Gestirne folgen den gleichen Gesetzen. Die Zahl wird zur „Klammer“, zum „ordnenden Faktor“, der Himmel und Musik verbindet. SPRECHERIN Bereits in der Antike wird diese Idee allerdings auch heftig diskutiert. Vor allem die berechtigte Frage: Wenn der Kosmos tatsächlich schwingt und tönt - warum hört man dann nichts davon auf der Erde? SPRECHER Die „Sphären-Harmoniker“ überboten sich durch alle möglichen Erklärungen: Von „Naja, wenn etwas ununterbrochen erklingt, dann nimmt man es eben irgendwann nicht mehr wahr, es wird zu einer Art Hintergrundrauschen“ - bis hin zur steilen These, dass eben nur Auserwählte wie Pythagoras selbst die Himmelsharmonie tatsächlich „hören“ könnten. SPRECHERIN Doch kritische Denker wie Aristoteles überzeugte das nicht. Er meldet Zweifel an, Zweifel an einer Sphärenharmonie, die man tatsächlich „hören“ könnte – und spart nicht mit Polemik: ZITATOR 1 Aristoteles – (Vom Himmel) „Die Behauptung es entstünde bei der Bewegung der Gestirne eine Musik, in dem die Töne zusammenstimmten, ist zwar fein und originell, aber keineswegs wahr….((Nicht nur ist es unsinnig, dass wir nichts hören, sondern auch, dass wir abgesehen von dieser Sinneswahrnehmung nichts merken sollten…)) es ist vielmehr wahrscheinlich, dass wir nichts hören, und die Körper keine gewaltsame Einwirkung erleiden, weil kein Ton vorhanden ist!“ SPRECHER Natürlich sind wir heute schlauer: In den Weiten des Weltalls ist es tatsächlich gespenstisch still. Es fehlt schlicht und einfach ein Medium wie beispielsweise Luft, das Schallwellen transportieren könnte. SPRECHERIN Stattdessen ist dort draußen vor allem eines: nichts. Ein nahezu perfektes Vakuum. Selbst wenn im All also etwas schwingt, explodiert oder kollidiert - wir können es nicht hören. SPRECHER Und vielleicht ist das auch ganz gut so. - Pierre Leich: 03-O-TON Leich Sonne “Im Falle der Sonne, denke ich, dürfen wir alle auch ganz froh sein, dass dem so ist. Denn wenn man sich vorstellen würde zwischen der Sonne und uns wäre ein Medium, was den Schall überträgt, dann wäre es ja hier auf der Erde so unglaublich laut, dass wir überhaupt nichts mehr hören könnten. ((Also hätte sich dann mit Sicherheit weder Gehör, noch Stimme entwickeln können. Also wir können sogar froh sein, dass uns da keine Geräusche erreichen.)) Aber es schwingt ja auch immer der Gedanke mit, dass es gar nicht um Geräusche im engeren Sinn geht, sondern tatsächlich nur um mathematische Proportionen.“ SPRECHER Ein genialer Mathematiker - zugleich einer der profiliertesten theoretischen Astronomen um 1600, sollte die Tradition dieser pythagoreischen Harmonievorstellungen wieder aufgreifen: Johannes Kepler. ((SPRECHERIN Dieser scharfsinnige Denker ist davon überzeugt, dass sich der uralte Glaube an ein musikalisch schwingendes Universum durchaus wissenschaftlich untermauern lässt - und zwar mit den physikalischen Gesetzen des 17. Jahrhunderts.)) MUSIK (Cosmos) ZITATOR Weltharmonik - oder: Die Vermessung des Himmels SPRECHER Von der Erde aus betrachtet, malen manche Planeten seltsame Linien an den Himmel, wundersame Schleifen. Vor allem der Mars scheint nicht ganz zu wissen, was er will, irrt gleichsam umher: kehrt plötzlich seine Richtung um, usw. SPRECHERIN Passt das zum „rationalen Plan“ eines Schöpfers? Lässt Gott die Planeten tatsächlich wie „verirrte Reisende“ am Himmel wandern? Das konnte nicht sein. SPRECHER Folgte man Kopernikus - und geht davon aus: nicht die Erde ist der Mittelpunkt des Kosmos, sondern die Sonne, um die die Planeten kreisen -, dann entwirren sich die Schleifen plötzlich. Plötzlich ergeben sie Sinn. SPRECHERIN Johannes Kepler prüft Kopernikus Theorie mithilfe komplizierter mathematischer Berechnungen - und anhand der besten Beobachtungsdaten, die es damals gibt: den Daten, die der dänische Astronom Tycho Brahe gesammelt hatte. SPRECHER Und doch ist es ein jahrelanger Kampf, bis Kepler sich endlich dazu durchringt, ein revolutionäres Ergebnis anzuerkennen: Die Planeten bewegen sich nicht in perfekten Kreisen, sondern in Ellipsen. Und zwar nicht um die Erde, sondern um die Sonne! SPRECHERIN Kepler muss also ausgerechnet jenen vollkommenen Kreis opfern, der für Astronomen bis dahin als „Garant für Perfektion“ galt. - Markus Nielbock: 04-O-TON Nielbock Traditionsbruch „Das war ja auch ein Teil dieser Vorstellung, dass das alles eine göttliche Ordnung hat. Und was ist göttlicher, was ist perfekter als ein perfekter Kreis? Und Kepler hat dann später gesehen: ja geht nicht mit dem Kreis, das ist völlig unmöglich, als er dann die Marsbahn sich angeguckt hat, machen wir doch eine Ellipse draus. Und das war dann schon ein ziemlich klarer Bruch zu einer Jahrtausend langen Tradition, was die Astronomie wirklich machte.“ SPRECHERIN Kepler korrigiert aber nicht nur die Vorstellung perfekter Kreisbahnen, er verabschiedet auch die Vorstellung, dass sich Planten völlig gleichförmig bewegen. Er stellt fest: Die Geschwindigkeit schwankt, die Planeten laufen in Sonnennähe schneller als in Sonnenferne. SPRECHER Den eigentlichen Volltreffer landet Kepler allerdings mit seinem sogenannten „dritten Gesetz“. Er entdeckt, dass es einen festen Zusammenhang gibt, zwischen den Abständen der Planeten zur Sonne und ihren Umlaufzeiten - also: Wie weit ein Planet von der Sonne entfernt ist, und wie schnell er sich dabei bewegt - das ist kein Zufall. Dahinter verbirgt sich eine nachprüfbare Gesetzmäßigkeit, ein Naturgesetz, eine Konstante, die man berechnen kann. SPRECHERIN Den Weg hin zu dieser Einsicht schildert Kepler im 5. Buch seiner „Weltharmonik“: ZITATOR 1 Kepler Weltharmonik „Am 8. März des Jahres 1618 ist diese Proportion in meinem Kopf aufgetaucht. Bei der Berechnung hatte ich aber zunächst keine glückliche Hand: Ich verwarf sie als falsch. Doch dann, am 15. Mai kam sie wieder - und triumphierte in einem neuen Anlauf über die Finsternis meines Geistes. Wobei sich zwischen meiner siebzehnjährigen Arbeit an den Tychonischen Beobachtungen und meiner gegenwärtigen Überlegung eine derart treffliche Übereinstimmung einstellte, dass ich zuerst glaubte, ich hätte geträumt - und das Gesuchte in den Beweisunterlagen vorausgesetzt.“ SPRECHER Doch Kepler hatte nicht geträumt. Er hat eine mathematisch nachprüfbare Gesetzmäßigkeit entdeckt. Die Formel lautet vereinfacht gesagt: „Die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Planeten verhalten sich zueinander wie die dritten Potenzen der Bahnradien.“ SPRECHERIN Klingt kompliziert. Doch die entscheidende Botschaft ist letztlich: Alle Planeten folgen einem gemeinsamen Gesetz. Folgen einer klassischen Proportion, wie sie auch jedem antiken Mathematiker gefallen hätte. SPRECHER Das Gesetz gilt allerdings nur, wenn man davon ausgeht, dass sich die Planeten um die Sonne, nicht um die Erde drehen. - Pierre Leich: 05-O-TON Leich „Und insoweit hat Kepler mit dem dritten Keplerschen Gesetz nicht nur dieses Prinzip der Harmonie in den Bewegungen der Planeten des Sonnensystems wiederentdeckt, sondern er hat uns auch das für seine Zeit mit Abstand beste Argument für den Heliozentrismus überhaupt geliefert.“ SPRECHERIN Und: Auf Hunderten von Seiten versucht Kepler schließlich auch detailreich ganz konkrete harmonische Verhältnisse zwischen den einzelnen Planeten nachzuweisen. Dass die Abstände und Geschwindigkeiten der Planeten dabei variieren, erweist sich aus Keplers Sicht nun sogar als weiser göttlicher Plan. Wenn die Abstände variieren, bedeutet das nämlich: Es gibt nicht den einen ewig gleichen Ton – es entstehen vielmehr unterschiedliche Töne - und damit Intervalle, also „Zusammenklänge“. SPRECHER Konkret: Kepler berechnet ein Verhältnis – und zwar das der Geschwindigkeit in Sonnennähe und der Geschwindigkeit in Sonnenferne, für jeden einzelnen Planeten. Dieses Verhältnis ist nichts anderes ein Intervall, das er so jedem der damals bekannten sechs Planeten jeweils zu ordnen kann: SPRECHER/SPRECHERIN (im Wechsel): Erde: 27:28 / Mars: 5:6 / Saturn: 9:10 / Jupiter: ebenfalls 9:10 / Venus: 80:81 / Merkur: 3:4 SPRECHERIN Diese Intervalle der einzelnen Planeten setzt er wiederum miteinander in Beziehung, berechnet wie die einzelnen Planeten zueinanderstehen – und entdeckt dort Tonintervalle, ganzzahlige Verhältnisse, beispielsweise: SPRECHER/SPRECHERIN (im Wechsel): Saturn - Jupiter: 1:3 / Jupiter - Saturn: 2:1 / Erde - Mars: 3:2 / Erde – Venus: 3:5 usw. SPRECHER Kepler ordnet einzelnen Planeten sogar bestimmte Tonleiterleitern zu. Doch wer jetzt fragt: „Kann man das bitte mal hören, dieses <Konzert der Sterne>?“ - der wird enttäuscht: Zu „hören“, bzw. akustisch zu messen auf der Erde, gibt es da auch aus Keplers Sicht eigentlich nichts. SPRECHERIN Keplers Projekt „Harmonie der Welt“ verfolgt ein viel größeres Ziel: Getragen von einer tiefen religiösen Überzeugung will er eine Art göttlichen „Weltplan“ aufdecken: verborgene Harmonien und Proportionen, die alles durchdringen. Sprich: Kepler glaubt, dass die Welt auch im kleinsten Schneekristall eine Ordnung widerspiegelt. SPRECHER Diese Ordnung im Großen und Kleinen zu entdecken, ist seine Mission. Er versucht also gleichsam Gottes Gedanken „nachzudenken“, seinen mathematischen Plan zu ergründen, wie er selbst schreibt: ZITATOR 1 Kepler (Weltharmonie) „Ich fühle mich von einer unaussprechlichen Verzückung ergriffen ob des göttlichen Schauspiels der himmlischen Harmonie. Denn wir sehen hier, wie Gott gleich einem menschlichen Baumeister, der Ordnung und Regel gemäß, an die Grundlegung der Welt herangetreten ist.“ MUSIK (Cosmos) ZITATOR Das Konzert der Sterne - oder: Alles Zufall? SPRECHERIN Was konnten spätere Astronomen nun mit der Idee einer „Sphärenmusik“ - eines harmonisch „schwingenden Universums“, ja einer „Harmonie der Welten“ anfangen? Konnten sie an diese Vorstellung irgendwie anknüpfen? SPRECHER Man nehme: die Zahlenfolge 0, 3, 6, 12, 24, 48, 96 usw., also eine Reihe in der nach der Zahl drei jede Zahl das Doppelte der vorangegangenen ist. Dann addiere man zu jeder Zahl eine 4. SPRECHERIN Voilà, und schon kann man die Entfernungen aller bekannten Planeten von der Sonne bestimmen. SPRECHER Die Idee: die Abstände der Planeten von der Sonne lassen sich mit einer einfachen mathematischen Formel näherungsweise allein aus der Nummer ihrer Reihenfolge herleiten. SPRECHERIN Klingt erstaunlich - und diese Zahlenreihe gibt es tatsächlich. Sie nennt sich „Titius-Bode-Reihe“, benannt nach den Astronomen „Johann Daniel Titius“ und „Johann Elert Bode“ – veröffentlicht 1772. SPRECHER Die Regel stimmt mit den tatsächlichen Verhältnissen in unserem Sonnensystem ganz gut überein. Doch es gibt auch Unstimmigkeiten: Abweichungen von bis zu 5 % und mehr - z.B. bei Mars und Saturn. Pierre Leich: 06-O-TON Leich Titus Bode Reihe „Man hat eine Zeit lang jetzt viele Exoplaneten gefunden. Da hat es natürlich auch Leute gegeben, die geguckt haben, ob man die Titius-Bode-Reihe bei diesen Planetensystemen auch feststellen kann. Dann gab es ein paar, dann war große Euphorie. Inzwischen hat man so viele, dass man auch wieder sagen muss, das war Zufall. Bei einigen passt das halt und bei den meisten aber nicht. Aber für den naturgesetzlichen Zusammenhang würde man schon fordern: entweder es gilt grundsätzlich immer, oder ist es halt Zufall.“ SPRECHERIN Auch die bereits von Kepler beschriebenen ganzzahligen harmonischen Verhältnisse der Bahnen und Sonnenumlaufzeiten von Planeten können Astronomen heute durchaus beobachten. SPRECHER Stern „HD 110067“ z.B. - von uns ca. 100 Lichtjahre entfernt - wird von sechs Planeten umkreist, deren Umlaufzeiten alle in ganzzahligen sogenannten „Resonanzverhältnissen“ stehen. SPRECHERIN Oder: Stern „TOI-178“ - rund 200 Lichtjahre von uns entfernt - auch er wird von sechs Planeten umkreist. Fünf davon bewegen sich in einem harmonischen Rhythmus. SPRECHER Und wir wissen heute auch, warum solche Effekte auftreten: Planeten oder andere Himmelskörper in einem System beeinflussen sich gegenseitig durch ihre Schwerkraft. SPRECHERIN Die Folge: Es stellen sich stabile harmonische Verhältnisse ein – zwischen den Umlaufzeiten der Planetenbahnen. Offenbar als das Ergebnis eines „Reifungsprozesses“: vom Chaos zur Ordnung. - Der Astrophysiker Markus Nielbock: O-TON Nielbock Reifungsprozess „Das hat was damit zu tun, wie sich so ein System, was anfänglich tatsächlich chaotisch ist, sich im Laufe der Zeit entwickelt. Und man geht heute davon aus, dass eben durch die gravitative Wechselwirkung in so einem Planetensystem sich irgendwann ein Gleichgewichtszustand einstellt, der eben durch diese ganzzahligen Verhältnisse widergespiegelt wird. Und mit der Zeit pendelte sich das so ein, dass aus dem chaotischen System ein mehr oder weniger geordnetes System sich bildet. Und das zeichnet gerade ich sage mal relativ alte Planetensysteme aus, dass wir diese Verhältnisse dort finden.“ SPRECHER Bei jungen Systemen aber eher nicht. Sprich: Harmonische Verhältnisse sind in vielen Planetensystemen eben ein möglicher Zustand, aber eben nicht der einzige. SPRECHERIN Und: wenn Astronomen wie im Fall von TOI-178 einen „harmonischen Volltreffer“ landen, dann gibt es auch dort dennoch nichts zu „hören“. SPRECHER Wer tatsächlich etwas hören will, muss damals wie heute nachhelfen. Die Europäische Südsternwarte, kurz „ESO“ macht das z.B. gerne mit künstlerischen Animationen: die rhythmische Bewegung der Planeten um den Zentralstern soll so nicht nur optisch, sondern auch klanglich erfahrbar werden: Jedem Planeten wird ein Ton zugewiesen, der dann erklingt, wenn ein Planet entweder eine volle oder eine halbe Umlaufbahn vollendet hat. SOUND TOI-178 https://www.eso.org/public/videos/eso2102b/ SPRECHERIN Komplexe Ordnung soll so akustisch erfahrbar werden – wird aber eher nicht zum „berauschenden Klangerlebnis.“ SPRECHER Löst man sich schließlich vom Gedanken, einer wirklich hörbaren Ordnung in unserer Welt - öffnet sich ein weites Feld: Unsere Welt ist durchdrungen von wiederkehrenden Formen, Mustern und Strukturen. SPRECHERIN Die existieren nicht zufällig, sondern folgen gleichsam „universellen Codes“. SPRECHER Z.B. der sogenannten Fibonacci-Zahlenfolge, bei der jede Zahl die Summe der beiden vorausgegangenen Zahlen ist und die eine Art „Wachstumsmuster“ in der Natur beschreibt: Blütenblätter, Äste und Samen – alles, was sich durchsetzt, wächst meist nach der Fibonacci-Folge. SPRECHERIN Prägend ist ebenso die unendliche Konstante Pi, auch als Kreiszahl bekannt. SPRECHER Auch fraktale Strukturen sind allgegenwärtig: Muster, die verkleinerte Kopien ihrer selbst zum Vorschein bringen, wenn man sie vergrößert. SPRECHERIN All das können Orientierungshilfen sein, um die Wunder der Natur zu erkennen - und Forschende versuchen genau diese Ordnung und die Gesetze dahinter zu verstehen. Denn ohne Gesetze wäre unsere Welt beliebig und zufällig, was sie offenkundig aber nicht ist. SPRECHER Doch all diese Beobachtungen, Formeln und Gesetze sind bislang eben nur „Bausteine“. Sie liefern keine allumfassende „Weltformel“, sind immer nur eine Annäherung. SPRECHERIN Und natürlich lauert auch immer die Gefahr, dass wir nur sehen, was wir sehen wollen. Bereits in Keplers „Weltharmonik“ wirkt manches doch erstaunlich konstruiert, fällt manche Proportion, weil sie nicht perfekt ist, eben unter den Tisch. SPRECHER Außerdem: Wer harmonische Beziehungen sucht, findet sie auch – irgendwo, irgendwann. Das hat u.a. der niederländische Astronom Cornelis de Jager eindrücklich auf die Schippe genommen: SPRECHERIN Er hat einfach nur vier Parameter seines holländischen Fahrrades vermessen: Pedalweg, Durchmesser des Vorderrads, der Lampe und der Klingel. SPRECHER Aus diesen sehr übersichtlichen vier Maßen hat er dann mit einfachen mathematischen Operationen erstaunliche physikalische Konstanten und astronomische Werte berechnet. SPRECHERIN Den Abstand zwischen Erde und Sonne z.B. mittels „Wurzel aus Pedalweg“ mal „Kubikwurzel Durchmesser der Klingel“ geteilt durch „Durchmesser der Lampe“. SPRECHER Und wer hätte das gedacht: Auch die Quotienten der Massen von Proton und Elektron, die Gravitationskonstante, die Feinstrukturkonstante und die Lichtgeschwindigkeit... SPRECHERIN ...all das steckt bereits drin - SPRECHER - in einem einfachen holländischen Fahrrad.

  11. Blitze - Extrem und zunehmend gefährlich

    26.11.2025 · 23 Min.

    Sie gehören zu den eindrucksvollsten und gefährlichsten Naturschauspielen - Blitze. Ihre Gesamtzahl nimmt durch die Klimaerwärmung weltweit zu. Warum ist das so und warum blitzt es in manchen Regionen weniger? Credits: Autorin: Roana Brogsitter Redaktion: Matthias Eggert Regie: Rainer Schaller Technik: Susanne Harasim Sprecher: Katja Amberger, Frank Manhold, Johannes Hitzelberger Interviews mit: Richard Fellner, CEO nowcast GmbH München Prof. Robert Holzworth, Direktor World Wide Lightning Location Network Prof. Colin Price, Universität Tel Aviv Georg Pistotnik, GeoSphere Austria Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Tornado, Twister, Windhose - Die Macht der Wirbelwinde: JETZT ANHÖREN Hitze, Hagel, Hochwasser - Städte wappnen sich für Extremwetter: JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  12. Der Norden - Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung

    26.11.2025 · 23 Min.

    Norden ist da, wo der Süden nicht ist. So einfach könnte es sein; doch was "der Norden" ist, hat sich die Menschheit im Laufe von Jahrtausenden zusammengereimt und -erfunden. So entstand mit viel Fantasie ein bunter Strauß von Klischees, die unserem Nord-Bild bis heute anhaften. Von Christiane Neukirch (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Christopher Mann, Sven Hussock Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literatur: Bernd Brunner: Die Erfindung des Nordens – Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung. Galiani Berlin 2019 Bernd Henningsen: Der Norden: Eine Erfindung – Das europäische Projekt einer regionalen Identität Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  13. Die Vampirfledermaus - Der soziale Blutsauger

    26.11.2025 · 25 Min.

    Sind Vampire nur Figuren der Legende? Tatsächlich leben in Südamerika drei Fledermausarten, die sich ausschließlich von Blut ernähren. Ihre Vorliebe bringt diesen Flattertieren - die übrigens gut zu Fuß sind - einige Schwierigkeiten. Von Christiane Seiler (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Kirsten Böttcher Es sprach: Kathrin von Steinburg Technik: Moritz Herrmann Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Simon Ripperger, Fledermausexperte, Landesamt für Umwelt in Bayern; Sebastian Stockmaier, Verhaltensbiologe in Knoxville, Tennessee; Remigiusz Kozinsky und Olga Polak, Neuer Zoo Poznan Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Warum Tiere kooperieren - Altruismus im Tierreich Hier entdecken Der Tanz der Vampiere - Dracula in der Musik Hier entdecken Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Carter Lab: Website des Verhaltensbiologen Gerald Carter von der Ohio State University. Mit regelmäßigen Updates zur Vampirfledermausforschung und diversen Videos mit spannenden Details aus dem Leben dieser Tiere. HIER Literatur: Uwe Schmidt, Vampirfledermäuse. Spektrum Akademischer Verlag; 1. Edition (7. Dezember 1995). Die Monographie, zuerst erschienen 1979, ist die einzige umfassende deutschsprachige Publikation über das Thema. Sebastian Stockmaier: Bat behavioral immune responses in social contexts: current knowledge and future directions. Artikel zu Fragestellungen über das Sozialverhalten erkrankter Vampirfledermäuse https://www.frontiersin.org/journals/immunology/articles/10.3389/fimmu.2023.1232556/full Simon Ripperger und Gerald Carter: Social foraging in vampire bats is predicted by long-term cooperative relationships. Artikel über die Tragfähigkeit von Freundschaften unter Vampirfledermäusen. https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3001366 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 OT Kozinsky / Polak You can see one of them here, on the left side, between the wooden trunk and the wall. (läuft weiter, als Atmo unter folgendem Text) Sprecherin Zwei Mitarbeiter des Neuen Zoos von Poznan zeigen mir eine Rarität: Die Vampirfledermäuse. 1996 bezogen die ersten Exemplare ihren Käfig im Nachttierhaus, eine Gabe des Zoologischen Instituts der Universität Bonn. Nirgendwo sonst in Europa werden Vampirfledermäuse noch im Zoo gehalten. Aber auch hier in Polen geht ihre Ära wohl zu Ende. 02 OT Kozinsky / Polak They are not endangered species. Our main task is breeding of endangered species. And we try to concentrate on this. We are not an entertainment place. We are more educational and breeding center… Polak: And today this cave is too small for bats. Kozinsky: We try to be better places for our inhabitants… Sprecherin (auf vorigen O-Ton) Die Vampirfledermäuse seien keine bedrohte Art, erklären Remigiusz Kozinsky, der im Zoo für die Bildungsarbeit zuständig ist, und Olga Polak, die Kuratorin des Nachttierhauses. Ihr Zoo sei nicht zum Entertainment da, sondern für Umweltbildung und die Zucht bedrohter Tierarten. Außerdem sei der Käfig mittlerweile zu klein, die Standards haben sich geändert. 03 OT Kozinsky / Polak Olga, close the door... ((läuft weiter als Atmo unter folgendem Text) Sprecherin Die beiden geleiten mich vorsichtig in den Lebensbereich der Vampirfledermäuse, der mit einer Glasscheibe zum Publikumsbereich abgetrennt ist. Innen brennt Licht, noch ist es Tag für die nachtaktiven Tiere. 04 OT Kozinsky / Polak Autorin: There is one … (ab hier als Atmo unter folgendem Text) Musik 2: Plus minus aus: Silver kobalt – 47 Sek Sprecherin An der hinteren Wand sehe ich einen nachgebildeten hohlen Baumstamm, darin zwei kleine dunkel behaarte Fledermäuse mit spitzen Ohren und runden aufgeworfenen Nasen kopfüber von der Decke hängen. Als wir uns nähern, verziehen sie sich weiter nach hinten, ins Dunkle. Auf dem Boden, in einer kleinen Edelstahlschüssel, steht ihre Mahlzeit bereit: Schweineblut. In dem Käfig leben vier männliche Exemplare der Art Desmodus rotundus, auf Deutsch: die Gemeine Vampirfledermaus. 05 OT Ripperger Ja, also es gibt ja die Fledermäuse mit über 1.400 Arten, aktuell weltweit, also eine sehr große und diverse Säugetiergruppe und von den Vampirfledermäusen gibt es tatsächlich nur drei Arten, die ausschließlich in Lateinamerika vorkommen. Sprecherin Sagt Dr. Simon Ripperger. Er ist als Biologe beim Landesamt für Umwelt in Bayern als Fledermausexperte tätig. 06 OT Ripperger Und der gemeine Vampir, das ist ja die häufigste Art von diesen dreien, deswegen wird er auch regelmäßig beforscht, weil, er ist einfach zu finden in der Wildnis. Man kann ihn einfach halten in Gefangenschaft und das macht ihn natürlich zu einem idealen Forschungsobjekt. Musik 3: Plus minus aus: Silver kobalt – siehe oben– 19 Sek Sprecherin Die Neugier der Wissenschaftler erregt diese Fledermausart vor allem aus drei Gründen: wegen ihrer einzigartigen Ernährungsweise, weil sie in Lateinamerika die Rinderbestände schädigt und weil sie ein hochkomplexes Sozialleben hat. 07 OT Kozinsky / Polak Remigius: I can see some poo ... (ab hier unter folgendem Text) Sprecherin In Poznan, unter dem Schlafplatz der Fledermäuse, ist eine schwarze Substanz zu erkennen. Die Ausscheidungen der Tiere, unverdauliche Überreste ihrer Blutmahlzeit. 08 OT Ripperger Ja, also der Kot von den Vampirfledermäusen, der ist fast teerartig, also sehr zäh, dickflüssig und schwarz und der Kot von anderen Fledermäusen ist ja eher krümelig und trocken im Normalfall. Sprecherin Simon Ripperger hat in Lateinamerika, vor allem in Panama, Ruhequartiere der Vampirfledermäuse besucht. 09 OT Ripperger Und sobald man nah an den Baum rankommt, riecht man sofort, dass es ein Vampirfledermausbaum ist. Weil der, also der Kot, der verströmt einen extremen Ammoniumgeruch. Und Ammonium ist wahnsinnig unangenehm, weil es eben giftig ist. Also das heißt, wenn wir in so einen Vampirbaum reingehen, man kann in diese Vampirbäume tatsächlich einfach reinlaufen in vielen Fällen, weil das einfach riesige, uralte Bäume sind, die komplett ausgefault sind, also so fast wie Höhlenbäume. Und da muss man dann natürlich einen Mundschutz tragen, also eine aktive Schutzmaske gegen Ammoniumdämpfe. 10 OT Kozinsky / Polak (Kinderstimmen) Kozinsky: There is one... (ab hier unter folgendem Text) Sprecherin Im Nachttierhaus von Poznan ist das Tageslicht erloschen, Besucher strömen hinein. Machen neben uns vor der dicken Glasscheibe zum Vampirfledermauskäfig Halt. In der schummrigen Beleuchtung nehme ich ein Tier wahr, das sich der Blutschüssel nähert, sich an den Rand hockt, mit seltsam angewinkelten Vorderbeinen. 11 OT Kozinsky / Polak (Kinderstimmen) He is licking… Autorin: now he looks around a little bit (Ab hier als Atmo unter folgendem Sprechertext) Sprecherin Das Tier beschnuppert den Inhalt, sieht sich um, schnuppert vielleicht dem Menschengeruch nach, den wir im Käfig hinterlassen haben. Dann stakst es am Rand der Schüssel entlang, auf Beinen, deren gefaltete Flughäute jetzt sichtbar sind. 12 OT Kozinsky / Polak His tongue is for licking the blood from the dish (Ab hier als Atmo unter folgendem Sprechertext) Sprecherin Kurz ist eine spitze Zunge zu sehen. Das Tierchen taucht sie in den Inhalt der Schüssel. Springt dann mit einem großen Satz aus dem Blickfeld. Musik 4: The brides - 1:09 Min Sprecherin Vampire, das weiß jedes Kind, sind Wesen, die Blut trinken. Geschichten von Vampiren und Untoten geistern seit Jahrhunderten durch die europäische Welt der Legenden und Mythen. Sprachwissenschaftler haben herausgefunden, dass das Wort ‚Vampir‘ in verschiedenen Varianten aus dem Slawischen stammt und seit dem ersten Jahrtausend nach Christus gebräuchlich ist. Geschichten von Untoten, die die Lebenden in verschiedenen Gestalten heimsuchen und sich an deren Blut laben, sind offenbar über die ganze Welt verbreitet. Als Eroberer und Forschungsreisende sich von Europa aus in immer entferntere Gegenden aufmachten, trat auch das Wort Vampir seine Weltreise an. In Asien, Afrika und Amerika trafen diese Abenteurer und Entdecker auf neue Mythen von mörderischen Fabelwesen. Schauergeschichten von blutsaugenden Fledermäusen machten die Runde: 13 OT Ripperger Es gibt schon aus der Frühzeit der Besiedelung durch die Europäer in Lateinamerika solche Berichte. Als die Conquistadores angelandet sind und mit ihren Soldaten und dem Vieh, den Pferden und den Kühen ankamen, dass Schwärme von Vampirfledermäusen über Mensch und Vieh hergefallen sind. Musik 5: Twelve Month - 1:25 Min Sprecherin Oft ging den Erzählern offenbar die Fantasie durch. Berichte über taubengroße Vampirfledermäuse stürzten Taxonomen, die neu entdeckte Tierarten beschreiben und benennen, in einige Verwirrung. So bezeichnete der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné Mitte des 18. Jahrhunderts den großen asiatischen Flughund als „Vespertilio Vampyrus“, weil dieser, so Linné, bei schlafenden Dienern und an den Kämmen der Hähne Blut sauge. Ein Irrtum, denn ausgerechnet dieser große Flugsäuger ernährt sich ausschließlich von Obst und Nektar. Auch „Vampyrum Spectrum“, die größte Fledermausart Lateinamerikas, trägt den Namen zu Unrecht. Diese fleischfressende Art ernährt sich von kleinen Nagetieren und Vögeln. Erst ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts setzte sich bei den Zoologen die Erkenntnis durch, dass es nur in Lateinamerika jene drei klein gewachsenen Fledermausarten gibt, die sich ausschließlich vom Blut der Säugetiere und Vögel ernähren. Und manchmal, wenn auch sehr selten, vom Blut der Menschen. Musik aus Sprecherin Vampirfledermäuse haben sich eine sehr spezielle ökologische Nische erobert und nehmen dafür einiges auf sich. Blut sättigt nicht nachhaltig, eine Fledermaus wird also schnell wieder hungrig, Fasten kann für sie tödlich sein. Überwintern, wie es die Insekten-fressenden Fledermäuse hierzulande tun, ist ebenfalls nicht möglich, weil mit der Blutmahlzeit keine Fettreserven gebildet werden können. Deshalb leben Vampirfledermäuse nur in ganzjährig warmen Gegenden. Manche Fähigkeiten anderer Fledermausarten, wie etwa eine ausgefeilte Ortung durch Ultraschalllaute und akrobatische Flugkünste, spielen für sie eine untergeordnete Rolle. Musik 6: 1864 – 23 Sek Sprecherin Und die Zähne? An Halloween und Karneval gehört ein falsches Gebiss mit langen spitzen Fangzähnen bekanntermaßen zur Vampir-Grundausstattung. Nur beißt die Fledermaus, anders als ein sexy Gruselfilm-Vampir, nicht mit den Eckzähnen, sondern mit den Schneidezähnen. Musik aus 14 OT Ripperger Die oberen vorderen Schneidezähne, die sind sehr stark modifiziert. Also die sind nach vorne gerichtet, fast sichelförmig und die Innenseite ist eben rasierklingenscharf. Und mit diesen beiden Zähnen können sie eben sehr effizient die Haut einritzen von Beutetieren. Und dann haben Sie natürlich auch eine ganze Reihe von weiteren Anpassungen an das Trinken von Blut. Also im Speichel sind Gerinnungshemmer für das Blut. Also das heißt, das Blut kann dann für längere Zeit aus der Wunde herausrinnen. Sie sind tatsächlich keine Blutsauger, wie man immer sagt, sondern sie lecken mit der Zunge das Blut auf. Auch auf der Zunge ist dann eine Hornplatte, mit der sie einerseits sehr effizient Haare von der Bissstelle entfernen können, andererseits wird diese Hornplatte vermutlich auch zum Schärfen der Zähne genutzt. Also es sind völlig verrückte Anpassungen für ein Säugetier. Sprecherin Bevor es aber ans Blutlecken geht, wohlgemerkt nicht ans Blutsaugen, muss das Tier die Beute finden. Auch dazu hat sich die Vampirfledermaus im Lauf der Evolution besondere Fähigkeiten zugelegt: 15 OT Ripperger Sie sind oft eben nicht im Flug unterwegs, wenn sie auf der Beute landen, sondern sie landen ein paar Meter neben der Beute und schleichen sich dann zu Fuß an. Man hat Versuche gemacht mit den Tieren, wie sie eben ihre Flügel und ihre Beine zum Laufen benutzen und hat sie auf kleine Laufbänder gesetzt. Und da hat man eben gesehen, dass die Tiere das Rennen wieder gelernt haben. Und so können die eben relativ zügig dann über den Boden sich der Beute annähern. Dann müssen sie natürlich auch einen guten Ort finden, an dem sie den Biss machen, an dem dann hoffentlich auch Blut austritt. Und dazu haben sie dann Wärmesensoren in der Schnauze, mit denen sie eben diese, ja, die Adern unter der Haut gut detektieren können. Sprecherin Vampirfledermäuse überfallen mit Vorliebe schlafende Beutetiere. Bis zu einer halben Stunde lang trinkt ein Tier an der selben Wunde und scheidet dabei immer wieder den wässrigen Anteil des Blutes aus, um Platz im Magen zu schaffen 16 OT Ripperger Und das ist wirklich verrückt, wenn man ein Tier fängt, das praktisch frisch vollgefressen ist. Die sehen wirklich aus, als wären sie schwanger. Und dann guckt man genauer hin und sieht: Nee, es ist doch ein Männchen. Und es ist einfach nur dieser prall gefüllte Bauch voll mit Blut. Und dieses Blut, die dunkle Farbe schimmert dann schwarz durch den Unterleib. Also es ist wirklich eine fantastische Erfahrung, so ein Tier in der Hand zu haben. Musik 7: The Moment I’m still awake - 31 Sek Sprecherin Vor der Kolonisierung Lateinamerikas waren Vampirfledermäuse vermutlich relativ selten. Sie konnten sich nur an Wildtieren und an domestizierten Lamas oder Meerschweinchen laben. Als die Eindringlinge aus Europa große Mengen an Rindern, Schweinen und Pferden mitbrachten, änderte sich das Nahrungsangebot für die gemeine Vampirfledermaus grundlegend. Die Tiere wurden zu Zivilisationsfolgern. 17 OT Ripperger Wenn man sich das vorstellt, heute diese Bäume, in denen die Fledermäuse ihr Quartier beziehen, an denen wir arbeiten, die stehen manchmal mitten auf der Viehweide. Die Fledermäuse fliegen aus diesem Baum raus und der Tisch ist bereits reich gedeckt. Sprecherin Die Population der gemeinen Vampirfledermaus wuchs derartig, dass sie schon bald von den Viehzüchtern als lästige Schädlinge empfunden wurde. Denn am liebsten bedienen sich die Fledertiere an den Rindern: 18 OT Stockmaier Kühe sind natürlich quasi so ein bisschen wie der McDonald's. Der ist einfach da, der geht nirgendwo hin. Sprecherin Sebastian Stockmaier. Er hat mit Simon Ripperger in Panama gearbeitet. Heute forscht der Verhaltensbiologe an der Universität von Knoxville in Tennessee. 19 OT Stockmaier Kühe, die bewegen sich nicht viel, die sind immer so auf ihrer Weide. Im Gegensatz zu jetzt Wildtieren, wo sie jetzt in den Dschungel müssten und sich einen Tapir suchen müssten. Sprecherin Wenn manchmal mehrere Fledermäuse nachts an derselben Wunde trinken, tropft das Blut, wegen der im Fledermausspeichel enthaltenen gerinnungshemmenden Substanzen, noch lange aus der Wunde. Aber das Problem mit den Fledermausbissen ist nicht der Blutverlust. Durch den Kontakt des Speichels mit dem Blut werden Krankheitserreger übertragen, vor allem das Tollwut-Virus. Dieser Zusammenhang wurde in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erkannt und führte in den sechziger Jahren zu großangelegten Fledermaus-Vernichtungsaktionen unter anderem in Brasilien und Venezuela. Tausende Höhlen wurden mit Dynamit in die Luft gesprengt, zigtausende Fledermausquartiere mit DDT und anderen Giften ausgerottet. Dem fielen natürlich nicht nur Vampirfledermäuse zum Opfer. Heute gibt es Tollwutimpfungen. Aber Farmer sind oftmals nicht zimperlich, wenn sie Vampirfledermäuse auf ihrem Land entdecken: 20 OT Stockmaier Was viel verwendet wird, ist „vampiricide“. Das ist ein Mix aus Rattengift und Vaseline und was dann gemacht wird: Die Vampirfledermäuse werden gefangen und dieses Gift wird denen auf das Fell geschmiert. Die Idee ist dann, dass sie zurückgehen zu ihren Artgenossen, in ihren Baum, ihren roost, und dass die anderen das dann quasi durch dieses Grooming, durch diese Fellpflege, dass das Gift dann quasi durch die Gruppe sich überträgt. ATMO Fledermäuse Sprecherin Die Methode mit dem Vampirizid nützt das besonders soziale Verhalten der Tiere aus. Vampirfledermäuse in ihrem Ruhequartier hängen nicht einfach schlafend und reglos von der Decke, vielmehr beschäftigen sie sich intensiv miteinander. Die Jungen üben fliegen, Männchen kämpfen, und sehr viel Zeit verbringen die Tiere, alte wie junge, mit gegenseitiger Fellpflege. Nicht nur eng verwandte Tiere kraulen und belecken einander. Simon Ripperger: 21 OT Ripperger An Forschung in Gefangenschaft konnte man eben zeigen, dass die Tiere so scheinbar Vertrauen aufbauen. Man muss natürlich auch mal darüber nachdenken, was das alles voraussetzt. Also die Tiere müssen sich erstmal individuell erkennen, dann müssen sie auch ihre, ja die soziale Vergangenheit irgendwie bewerten können. Also wenn die Tiere praktisch anfangen mit Fellpflege, müssen sie irgendwie bewerten, führt das jetzt irgendwohin oder ist das eine Sackgasse? Ja, und das ist natürlich wirklich eine tolle kognitive Leistung, solche sozialen Interaktionen zu bewerten und auch strategisch zu planen. Und man geht da immer so davon aus, der Mensch, die Krone der Schöpfung und unsere sozialen Bindunwwwgen, das ist was ganz Besonderes. Aber das, was hier die Vampirfledermäuse machen, geht tatsächlich in diese Richtung. Musik 9: Plus minus – siehe vorn – 44 Sek Sprecherin Es kann Wochen oder Monate dauern, bis Vampire eine tragfähige Beziehung aufbauen. Ist sie erst einmal gefestigt, gehen die befreundeten Vampirfledermäuse noch einen Schritt weiter. Sollte eine von ihnen kein Jagdglück gehabt haben und hungrig in das Quartier zurückgekehrt sein, teilt die Freundin die Mahlzeit mit ihr, würgt Blut aus dem Magen hoch und gibt es ab, verzichtet also auf einen Teil ihrer Nahrung, damit die andere satt wird. Vampirfledermausweibchen tun dies regelmäßig für ihre Jungen und in dieser mütterlichen Fürsorge hat das Verhalten wohl auch seinen Ursprung. Aber sie teilen erstaunlicherweise nicht nur mit Verwandten. 22 OT Ripperger Und das hat eben viele Biologinnen und Biologen über die Jahre verwirrt, wie das eben evolutionär stabil sein kann, sagt man dazu also: wie kann sich so ein Verhalten manifestieren, wenn es eigentlich einen Nachteil mit sich bringt? Aber wenn wir das als wechselseitiges Verhalten betrachten, dann macht das natürlich plötzlich Sinn. Es ist tatsächlich so: Futter zu erhalten wird am besten dadurch vorhergesagt, wem ich früher mal Futter gegeben habe. Und daraus sieht man direkt ja, wenn ich einer anderen Fledermaus in Not helfe und es ist dann sehr wahrscheinlich, dass ich was zurückbekommen, wenn ich selbst in Not bin, dann macht das Ganze Sinn. Also dann kann das eben auch stabil sein, weil man profitiert selbst eben auch von diesem Investment in der Zukunft. Sprecherin Simon Rippergers Kollege Sebastian Stockmaier interessiert sich für die Frage, ob und wie Vampirfledermäuse ihr soziales Verhalten ändern, wenn sie erkrankt sind. Erste Studien zeigen, dass kranke Fledermäuse sich Artgenossen gegenüber teils reservierter verhalten. 23 OT Stockmaier Wir haben uns das noch nicht wirklich angeschaut, ob dann Fledermäuse die krank sind und die deswegen nicht raus können und jagen können, ob die dann von anderen versorgt werden und von wem die versorgt werden, ob es dann wirklich verwandte Fledermäuse sind oder ob es auch die anderen Artgenossen sind. Ja, das wissen wir nicht. Das ist interessant. Und wir haben schon Experimente geplant in der Zukunft, um uns das anzuschauen. Sprecherin Viele Forschungen wurden überhaupt erst möglich durch eine neuartige Generation von Bewegungstrackern, Sensoren, die die Begegnungen unter einzelnen Tieren aufzeichnen, ähnlich der während der Pandemie ab dem Jahr 2020 gebräuchlichen Corona-App. An der Entwicklung dieser Sensoren war Simon Ripperger beteiligt. 24 OT Ripperger Also es sind kleine Sensoren, die kleben wir auf den Rücken von Tieren auf, in dem Fall eben von den Vampirfledermäusen. Und dann fangen diese Sensoren an, miteinander zu kommunizieren und wir wissen im Sekundentakt genau, welche Tiere verbringen wie viel Zeit miteinander, sind die im Körperkontakt, sind die nur im gleichen Quartier. Und das im 24-Stunden-Takt und über ein, zwei Wochen. Und das ist natürlich eine Datenqualität, die war bis dahin undenkbar. Sprecherin Bis dahin ließ sich das Verhalten der Vampirfledermäuse nur in Gefangenschaft detailliert beobachten. Die neuen Sensoren ermöglichen Antworten auf viel weitergehende Fragen. Etwa ob Freundschaften zwischen Fledermäusen, die in Gefangenschaft entstanden sind, auch in freier Wildbahn halten: 25 OT Ripperger Und nachdem wir diese Tiere freigelassen haben, in die Wildnis, konnten wir eben sehen, dass die Tiere, die sehr viel Zeit miteinander in Gefangenschaft verbracht haben und eben auch viel Zeit in Fellpflege investiert haben und gegenseitig Futter geteilt haben, dass die dann eben auch sehr viel Zeit in der Wildnis in engem Körperkontakt verbracht haben. Und das war eben ein starker Indikator dafür, dass diese sozialen Bindungen wirklich extrem stabil sind, selbst wenn sich das Umfeld der Fledermäuse komplett ändert. Und das war natürlich eine tolle Erkenntnis, weil ja, solche starken sozialen Bindungen kennt man tatsächlich nur von wenigen anderen Tierarten. Sprecherin Eine weitere Fragestellung hat das Team mit Hilfe der neuartigen Sensoren bereits erforscht: Ob nämlich Fledermäuse, die im Quartier enge Beziehungen pflegen, gemeinsam auf die Jagd gehen. Auch hier kam es zu überraschenden Erkenntnissen: 26 OT Ripperger Die verlassen das Quartier nicht zusammen, sondern einzeln, auch mit größeren Abständen, zehn, 20 Minuten oder auch länger. Und dann treffen sie sich aber wieder auf der Kuh. Und das war eben erstmal irritierend, weil die nächste Frage ist: Wie finden Sie sich denn wieder? Und da war dann eben interessant, dass wir Ruftypen aufgezeichnet haben. Also ich war dann wirklich Teil der Kuhherde und bin da mit einem Mikrofon und mit einer Videokamera mit den Kühen mitgelaufen und habe beobachtet, was die Tiere da machen. Und dort haben wir eben Ruftypen aufgezeichnet, die wir aus dem Quartier nicht kannten. Und das liegt eben nahe, dass das Signale sind für die Kooperationspartner, wo man eben zu finden ist. Und vielleicht auch ein Signal: Hier gibt es was zu fressen. Und das ist bisher nur Spekulation. Was die Funktion genau ist von diesen Rufen, das muss man in der Zukunft genau testen, wie sich die auswirken auf die sozialen Partner... Musik 10: Plus minus – siehe vorn – 52 Sek Sprecherin Fragen über Fragen. Wie werden kranke Fledermäuse im Quartier versorgt? Was teilen die Tiere einander mit ihren Rufen mit? Weitere Studien werden es zeigen. Eins ist sicher: Viele mögen Vampirfledermäuse gruselig finden oder für lästige Schädlinge halten. Aber in Sachen Fürsorge für andere sind sie vorbildlich. Das findet auch Remigius Kozinski vom Neuen Zoo in Poznan: 27 Poznan, Atmo Kinder, (darauf zügig O-Ton 28) 28 OT Kozinsky We should learn to do like them. Try to help each other. In all difficult situations in our life. Sprecherin Wir Menschen sollten uns ein Beispiel an den Vampirfledermäusen nehmen, meint er. Und in schwierigen Lebenslagen einander helfen.

  14. Palästina zwischen den Weltkriegen - Mandat für ein Pulverfass

    25.11.2025 · 23 Min.

    Während des Ersten Weltkriegs trafen im Nahen Osten gegensätzliche Interessen aufeinander: die kriegführenden europäischen Großmächte, das späte Osmanische Reich, arabische Bevölkerung und jüdische Zuwanderer - die Wurzeln des Nahostkonflikts. Credits Autor: Rainer Volk Regie: Frank Halbach Es sprachen: Thomas Birnstiel, Carsten Fabian, Katja Schild Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Ulrike Freitag, Prof. Peter Wien, Prof. Michael Brenner, Linktipps: BR24: Lost in Nahost - Der Podcast zum Krieg in Israel und Gaza Am 7. Oktober 2023 greifen Terroristen der Hamas Israel an - seitdem ist Krieg in Israel und Gaza. Was ist damals genau passiert - und warum eskaliert die Gewalt dort immer weiter? Dieser Podcast erklärt die Hintergründe - einmal mit Hilfe unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten – und indem wir mit Menschen aus Israel und den palästinensischen Gebieten sprechen, die eine sehr unterschiedliche Sicht auf den Konflikt haben. ZUM PODCAST Alles Geschichte (2024): HINTERGRÜNDE NAHOSTKONFLIKT – Palästinenser und die Nakba Seit Jahrzehnten ist der Nahost-Konflikt ungelöst. Die Hintergründe sind kompliziert. Verbunden mit der Gründung Israels 1948 wurden Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser vertrieben oder flohen. Die Vertreibung ist in der arabischen Welt unter dem Begriff Nakba ("Katastrophe") bekannt. Bis heute sind weltweit mehrere Millionen Menschen mit palästinensischen Wurzeln staatenlos. Auch für Palästinenser, die im Westjordanland leben, ist die Lage seit langem schwierig - und im Gazastreifen inzwischen verzweifelt. Ein Rückblick. JETZT ANHÖREN Alles Geschichte (2024): HINTERGRÜNDE NAHOSTKONFLIKT – Die Staatsgründung Israels Am 14.05.1948 endet das britische Mandat über Palästina. Noch am gleichen Nachmittag ruft David Ben Gurion den unabhängigen Staat Israel aus. Damit geht der Wunsch vieler Jüdinnen und Juden in Erfüllung, nach den letzten Jahrzehnten der Verfolgung und Ermordung zurückkehren zu können nach Zion, dem "Land der Väter". Der Weg von der Idee Theodor Herzls, in Palästina eine "Heimstätte" für das jüdische Volk zu schaffen, bis zum Staat Israel war lang. Von Beginn an war er von Konflikten und Interessenskollisionen bestimmt. JETZT ANHÖREN Und hier noch ein paar besondere Tipps für Geschichts-Interessierte: Im Podcast „TATORT GESCHICHTE“ sprechen die Historiker Niklas Fischer und Hannes Liebrandt über bekannte und weniger bekannte Verbrechen aus der Geschichte. True Crime – und was hat das eigentlich mit uns heute zu tun? DAS KALENDERBLATT erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum - skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Und noch viel mehr Geschichtsthemen, aber auch Features zu anderen Wissensbereichen wie Literatur und Musik, Philosophie, Ethik, Religionen, Psychologie, Wirtschaft, Gesellschaft, Forschung, Natur und Umwelt gibt es bei RADIOWISSEN. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Alles Geschichte finden Sie auch in der ARD Audiothek: JETZT ENTDECKEN

  15. 50 Jahre Psychiatrie-Enquete - Der Anfang vom Ende der "Irrenhäuser"

    25.11.2025 · 24 Min.

    Noch vor 50 Jahren herrschten in der westdeutschen Psychiatrie unmenschliche Zustände. Eine Enquetekommission zeigte im Auftrag des Bundestags Ende 1975 schwere Missstände auf. Die Kommission stieß Reformen an, die noch nicht abgeschlossen sind. Noch vor 50 Jahren herrschten in der westdeutschen Psychiatrie unmenschliche Zustände. Eine Enquetekommission zeigte im Auftrag des Bundestags Ende 1975 schwere Missstände auf. Die Kommission stieß Reformen an, die noch nicht abgeschlossen sind. Credits: Autor: Nikolaus Nützel Redaktion: Yvonne Maier Regie: Frank Halbach Technik: Frank Brunier Sprecher: Hemma Michel, Jerzy May Interviews mit: Lena, Psychiatrie-Erfahrene Prof. Michael von Cranach, ehemaliger ärztlicher Direktor Psychiatrie Kaufbeuren Prof. Cornelius Borck, Leiter Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Uni Lübeck Podcast-Empfehlung von Radiowissen: Der Wiener Narrenturm - Die erste "Irrenanstalt" der Welt Neben Hofburg, Oper und Burgtheater steht hier der sogenannte Narrenturm. Dieses eindrucksvolle Bauwerk ist ein kreisrunder, fünfge-schossiger Turm mit meterdicken Mauern. 1784 unter Kaiser Joseph II. erbaut, beherbergte es einst das weltweit erste psychiatrische Krankenhaus - lange bevor Sigmund Freud praktizierte: Der Wiener Narrenturm - Die erste "Irrenanstalt" der Welt Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek. Das vollständige Manuskript gibt es hier.

  16. Finsternis und Kreativität - Eine unterschätzte Perspektive

    24.11.2025 · 24 Min.

    Hell oder dunkel? Geben wir den kreativen Kräften, die sich im Finsteren entfalten, noch zu wenig Raum? Wissenschaftler untersuchen den Einfluss von Bürolicht auf die Kreativität und Manager nutzen abgedunkelte Räume, um Innovationen voran zu bringen. Credits Autor/in dieser Folge: Mechthild Müser Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tilling, Andreas Neumann Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Prof. Anna Steidle, Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg; Michael Krüger, Schriftsteller und ehemaliger Hanser-Verleger; Michael Lück, Unternehmensberater Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Angst vor der Dunkelheit - Was die Finsternis unheimlich macht JETZT ANHÖREN Künstliches Licht - Vom Feuerschein zur Leuchtdiode JETZT ANHÖREN Wie ideale Teams funktionieren - Gemeinsam ans Ziel JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Paul Bogard, Die Nacht. Reise in eine verschwindende Welt, aus dem Englischen von Yvonne Badal, Karl Blessing Verlag, 2014 . Quint Buchholz, Michael Krüger, Wer das Mondlicht fängt, Sanssouci Verlag, 2001. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  17. Tang - Bedrohter Regenwald der Meere

    24.11.2025 · 23 Min.

    Steine, darauf tausende Seeigel. Diese Unterwasserwüste war artenreicher Tangwald. Sein Verschwinden wird zum Problem, vor allem auch als großer CO2-Speicher. Höchste Zeit, eine kaum sichtbare und bedrohte Ressource zu schützen. Credits Autor: Andreas Pehl Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse und Julia Fischer Technik: Josef Angloher Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Andreas Altenburger, Marianne Frantzen, Jenny Haugland Dølvik, Markus Molis, Ida Søhol, Taucher (Anita, Delphin, Niklas, Juan) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Der Seeigel - Das runde Stachel-Wunder: JETZT ANHÖREN Die Seegurke oder Seewalze - Staubsauger der Meere: JETZT ANHÖREN Seesterne - Bizarre Schönheiten der Meere: JETZT ANHÖREN Forschungsprojekte zu Tang https://www.niva.no/prosjekter/seaweed-carbon-solutions-jip https://www.niva.no/prosjekter/new-products-from-cultivated-seaweed-for-blue-green-value-chains-gp-seaweed https://akvaplan.no/no/prosjekt/arkelp Homepage der Tangwächter/Tarevoktere: EXTERNER LINK Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  18. Das Bundesverfassungsgericht - Wächter des Grundgesetzes

    21.11.2025 · 26 Min.

    Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ist seit mehr als 70 Jahren Wächter des Grundgesetzes und stärkt Bürger- und Freiheitsrechte oder setzt staatlichen Eingriffen Schranken. Aber es gibt weltweit Versuche, unabhängige Gerichte zu schwächen. Credits Autor: Wolfram Schrag Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Hemma Michel und Clemens Nicol Technik: Dino Wunder Redaktion: Thomas Morawetz Archivmaterial: „Was wären wir ohne die roten Roben? 70 Jahre Bundesverfassungsgericht“ (Gigi Deppe (ARD-Rechtsreaktion) SWR 2022) Was ist da los am Bundesverfassungsgericht? (Klaus Hempel u.a.) (Radioreport Recht, SWR1, 28.11.23) Jahresrückblick 2023 – Die wichtigsten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts Klaus Hempel (ARD-Rechtsredaktion) (Radioreport Recht, SWR1, 9.01.2024 Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Das Bundesverfassungsgericht zum 70. Geburtstag (21.05.2022) JETZT ANSEHEN Der Mordparagraf 211 StGB - Ein Tatbestand im Wandel der Zeit (radioWissen / 14.03.2022) Eiskalte Killer, die auf ihr wehrloses Opfer einstechen oder Pistolenschüsse abfeuern. - So in etwa sehen meistens unsere Vorstellung von der schwersten Straftat im deutschen Strafrecht aus: dem Mord. Doch wann ist ein Mord eigentlich ein Mord? Die Antwort auf die Frage stammt bis heute aus dem Nationalsozialismus. Auch deswegen ist der Mord-Paragraf 211 StGB heute umstritten. Von Manuel Rauch (BR 2021) JETZT ANHÖREN Endlose Tage am Point Zero - Erzählungen aus dem Sudan Leben am „Point Zero“: Die Südsudanesin Stella Gaitano fesselt mit emphatischen, poetischen Erzählungen über Menschen am Nullpunkt, vor und hinter der Grenze des Sudan, wo Krieg regiert. Neun Stories gelesen von Simon Pearce und Xenia Tiling JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

  19. Wie rational sind meine Entscheidungen - Von Verstand und Bauchgefühl

    20.11.2025 · 23 Min.

    Bauchgefühl hin oder her. Manche Entscheidungen wollen wohlüberlegt sein, unter Abwägung aller Risiken und Chancen, auf das bestmögliche Ergebnis ausgerichtet. Kurz: rational. Warum unsere Emotionen uns dazwischenfunken - und das weniger irrational ist, als wir denken. Credits: Autorin: Marisa Gierlinger Redaktion: Nicole Ruchlak Regie: Frank Halbach Sprecherin: Ditte Ferrigan Sprecher: Christian Baumann Interview mit: Prof. Dr. Tilmann Betsch, Professor für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie, Universität Erfurt Literatur: Damasio, Antonio. "Descartes’ error: Emotion, rationality and the human brain." New York: Putnam 352 (1994). Gigerenzer, Gerd. Bauchentscheidungen: die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. C. Bertelsmann Verlag, 2015. Kahneman, Daniel. Schnelles denken, langsames Denken. Siedler Verlag, 2012. Pachur, T., & Spaar, M. (2015). Domain-specific preferences for intuition and deliberation in decision making. Journal of Applied Research in Memory and Cognition. doi:10.1016/j.jarmac.2015.07.006 Remmers, Carina, et al. "Go with your gut! The beneficial mood effects of intuitive decisions." Emotion (2024).https://psycnet.apa.org/doiLanding?doi=10.1037%2Femo0001385 Simon, Herbert A. "A behavioral model of rational choice." The quarterly journal of economics (1955): 99-118. Tversky, Amos, and Daniel Kahneman. "Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases: Biases in judgments reveal some heuristics of thinking under uncertainty." science 185.4157 (1974): 1124-1131. Unkelbach, F., Brütting, T., Schilling, N., & Wänke, M. (2025). Looking competent does not appeal to all voters equally: The role of social class and politicians’ facial appearance for voting likelihood. Personality and Social Psychology Bulletin, 51(1), 66–80. https://doi.org/10.1177/01461672231181465 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen. Den Text gibt es hier: Radiowissen-Manuskripte

  20. Die Sehnsucht nach dem intensiven Leben

    18.11.2025 · 22 Min.

    Gänsehautmomente reißen uns Menschen aus der Monotonie des Alltags. Alles scheint uns dann intensiv! Plötzlich sind unsere Sinne auf scharf gestellt. In solchen Momenten fühlen wir uns extrem lebendig! Von Anja Mösing Credits Autorin dieser Folge: Anja Mösing Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Stefan Wilkening, Susanne Schroeder Technik: Moritz Herrmann Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. med. Arndt Büssing, Professor für Lebensqualität,Spiritualität und Coping an der Universität Witten/Herdecke Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Hier und jetzt - im Fokus der Achtsamkeit HIER Literatur: Büssing, Arndt: Innehalten. Vom Einfluss ehrfürchtigen Staunens auf das Wohlbefinden. Pustet Verlag, Regensburg 2024. – Verblüffend und schlüssig erklären in diesem Buch ExpertInnen aus den Fachbereichen Medizin, Psychiatrie, Psychologie und Theologie was für einen hohen Stellenwert die Fähigkeit zu Staunen für unser Leben einnimmt. Mit einfachen Handlungsanweisungen für Selbstversuche. Garcia, Tristan: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017 – mitreißend geschriebener Essay des französischen Philosophen. Zeigt die Vielfältigkeit der weltumspannenden Sucht nach intensivem Leben auf, Garcia fordert eine Ethik der Intensität. Kast, Verena: Mehr Zeit für die Seele. Der Weg zur Lebendigkeit. Patmos Verlag, Ostfildern 2022 - die Schweizer Psychologin zeigt, wie wir aus einem Strudel von überfordernden Aktivitäten zu ausgewählten Aktionen kommen können und uns so wieder intensiver und lebendiger fühlen. Linktipps: Staunendes Innehalten - ein zweichwöchiges Interventionsmodul - die Informationen und Hintergründe dazu hier entdecken Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Im Freibad: Wimmelndes Leben, Sonne auf nackter Haut und der Duft von gechlortem Wasser in der Nase. Und dann: nach einigem Zögern das erste Mal vom Fünfmeterbrett ins Schwimmbecken springen! Was für ein intensiver Moment! ATMO Hubschrauber ERZÄHLER Die Berge: Mit dem Helikopter durch ein verschneites Gipfelpanorama fliegen, sich auf einem Gipfel mit unberührtem, glitzerndem Pulverschnee absetzen lassen. Und dann auf die Skier und: Einfach nur talwärts! Was für eine intensive Erfahrung! MUSIK 1 aus ZSP 1 Büssing Ich denke, jeder möchte gerne ein intensives Leben führen. Also ganz viele Augenblicke haben, die besonders sind. Die einen heraus holen aus dem Alltag, der ja oft genug als gewöhnlich und flach erscheint. ERZÄHLERIN Arndt Büssing ist Mediziner und Professor für Lebensqualität, Spiritualität und Coping an der Universität Witten/Herdecke. Büssing beschäftigt sich damit, wie das Wohlbefinden von Menschen positiv beeinflusst werden kann. ZSP 2 Büssing Und alles, was mit Erleben zu tun hat, das ist für mich total spannend. ERZÄHLERIN Viele Menschen empfinden ihren Alltag nicht als spannend. An sich geht es ihnen gut, aber ihr Leben plätschert so vor sich hin, sie fühlen sich in alltäglichen Routinen gefangen wie in einem Morast. Viele sehnen sich nach den Gänsehautmomenten ihrer Kindheit und Jugend zurück: nach intensivem Leben! MUSIK 2: Forever – 35 Sek ERZÄHLER „Das intensive Leben? Eine moderne Obsession!“ So urteilte der französische Philosoph Tristan Garcia in seinem gleichnamigen Essay aus dem Jahr 2017. Garcia beschreibt, wie heute einfach alles toll und großartig und intensiv sein soll. Wie wir permanent nach plötzlichen Erregungen suchen, nach starken Empfindungen: Ob es die Wandfarbe in der Wohnung ist oder der Orgasmus, die nächste Party oder der Energy-Drink, der Urlaub oder der neueste Krimi. Alles soll uns ein intensives Lebensgefühl garantieren und Schauer über den Rücken jagen. ERZÄHLERIN Klingt anstrengend! Und irgendwie auch falsch. Arndt Büssing versucht in seinen Forschungen aber, erst mal gar nicht zu definieren, was ein richtiges und was ein falsches intensives Leben ist: ZSP 3 Büssing Denn jeder Mensch empfindet natürlich anders, was für ihn intensiv ist. Und dann hat jeder seine eigenen Trigger und Auslöser, die für ihn wichtig sind. Also mich interessiert vielmehr das Erleben, die Reaktionen darauf, unabhängig von dem, was die Auslöser sind und ob jemand sagt: Das war für mich besonders intensiv oder nicht. Denn es gibt natürlich die großen Situationen, es gibt die kleinen Situationen, und alle haben ihre Bedeutung, und alle können zu etwas beitragen. ERZÄHLERIN Grundsätzlich könnte man sagen, intensive Erlebnisse tragen dazu bei, sich lebendig zu fühlen. Interessant ist: Vorhersagen, lassen sie sich nicht! Selbst beim teuer bezahlten Helikopter-Flug oder dem Sprung vom Fünfmeterbrett könnte auch nichts als ein flaues Gefühl im Magen oder Enttäuschung herauskommen. ERZÄHLER Wir wissen aber inzwischen gut, was im Körper abläuft, wenn wir einen freudigen Gänsehautmoment erleben, erklärt Mediziner Büssing. Es sind ganz archaische körperliche Abläufe, die schon unsere Ahnen kannten. Zum Beispiel bei der Begegnung mit einem Säbelzahntiger: MUSIK 3: ARD-Labelmusik Expedition - 1:03 Min ZSP 4 Büssing Ich versuche es mal einfach: Wir haben also ein limbisches System. Das ist mit der Verarbeitung dieser entsprechenden Emotionen beschäftigt, die also diese Erlebnis-Trigger auslösen: Freude und Aufregung zum Beispiel. Und dann wird das sympathische Nervensystem, also unser Alarmsystem, aktiviert. Dadurch wird Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt. Unser Herz schlägt schneller und wir atmen tiefer und schneller. Diese Stresshormone machen auch diese sogenannte Gänsehaut aus. MUSIK 3 kurz frei ZSP 5 Büssing So und jetzt haben wir diese Sympathikus Aktivität, und die führt dazu, dass wir alles intensiver wahrnehmen. Wir sind ja quasi im Fluchtmodus. MUSIK 3 kurz frei, weiter darüber: ERZÄHLERIN Alle Sinne sind jetzt auf scharf gestellt. Geschickt können wir flüchten: Vielleicht mit einem Seil auf einen Platz, den der Säbelzahntiger nicht erreichen kann. Und wir überleben die Begegnung! MUSIK 3 mit Akzent kurz frei und aus ZSP 6 Büssing Und nun kommt dann das Belohnungssystem ins Spiel! Wenn es also ein intensives, berührendes Erlebnis ist - das kann natürlich auch ein tolles Essen sein oder besondere Menschen, mit denen man gerade zusammensitzt - dann wird dieses Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Damit wird dann dieser Neurotransmitter Dopamin freigesetzt, was mit dem Gefühl von Vergnügen und Zufriedenheit einhergeht. Davon will man natürlich immer mehr haben, um dieses gute Empfinden noch aufrechterhalten zu können. Das kann ja kein dauernder Alarmzustand sein. Und dann kommt das parasympathische Nervensystem ins Spiel, das all diese Stressreaktionen wieder herunterreguliert, uns beruhigt und aus diesem Ausnahmezustand wieder zurückholt. ERZÄHLERIN Dieses System aus intensiver Aktion und rauschhaftem Glücksgefühl am Schluss war über Hundertausende von Jahren hinweg sehr förderlich fürs menschliche Überleben. Es hat unseren Mut befeuert. Wie wenige hätten sonst in archaischen Zeiten riskiert, sich beim Erlegen eines wilden Ebers eine Verletzung zu holen? Einen Knochenbruch oder tödliche Wunden? Die Tollkühnheit bei der Nahrungsbeschaffung wurde so von körpereigenen Glücksduschen belohnt. ERZÄHLER Und noch heute im Zeitalter von Pizza-Service und wohl temperierter Wohnung suchen viele Sensation-Seeker nach ähnlich starken Herausforderungen. ZSP 7 Büssing Ich denke, man fühlt sich dann lebendig und intensiv. Das ist sehr genau das, was erstrebt wird mit diesem Kick-Erlebnis. Es ist etwas Besonderes. Ich bin in einer herausfordernden Situation. Und die Gefahr wird dann manchmal auch zu dem Kick, der aber auch einen Nachteil hat: Es könnte ja auch schief gehen. MUSIK 4 „something just like this“ – 51 Sek ERZÄHLERIN Viele Teenager lieben Situationen dieser Art! Dabei ist es als Kind und als Jugendlicher, sogar noch als junger Erwachsener ohnehin leicht, aufregende Dinge zu tun und sich intensiv lebendig zu fühlen. So Vieles macht man in dieser Zeit zum ersten Mal: Zum ersten Mal Klassenfahrt, zum ersten Mal glücklich verliebt, zum ersten Mal guter Sex, zum ersten Mal Urlaub ohne die Eltern. ERZÄHLER Oft wirkt es allerdings, als würden gerade junge Leute gerne Dinge tun, die sehr leicht schief gehen können, sich bei Erfolg aber umwerfend intensiv anfühlen: Train-Surfing an S-Bahnen, Paragliding, oder tollkühne Sprünge beim Parcouring durch die Innenstadt. (Musik aus) ZSP 8 Büssing Ich glaube nicht, dass es auf die Teenager begrenzt ist. Bei denen fällt es vielleicht besonders auf. Aber auch die Midlife-Crisis, in meinem Alter, wenn ich Männer sehe, die ungewöhnliche Dinge machen! Wahrscheinlich ist das genau das Gleiche: Ich will etwas Besonderes in meinem Leben erleben können. Es muss etwas Herausragendes sein, weil es eben zu einer Routine geworden ist. Ehepartner, die sind automatisch da und deswegen ist es nichts Besonderes mehr und deswegen muss es woanders gesucht werden. Und dann ist eben dieses Aufregende der Nervenkitzel. Dann fühlt man sich lebendig! Musik 5: Lovers in Japan – siehe vorn – 30 Sek ERZÄHLER Der Klassiker: Fremdgehen! Sexuelle Abenteuer. Oder Extremsport: Marathonlaufen, Triathlon, Bodybuilding. Fern- bzw. Abenteuerreisen: Besteigung des Mount Everest, Alpencross mit dem Mountainbike, Tauchen am australischen Great Barriere Riff. Musik aus Aber was ist, wenn man irgendwann den fünften Marathon gelaufen ist. Die Affäre zur Nebenbeziehung wird oder man alle Kontinente unseres Planeten bereist hat? ZSP 9 Büssing Also, dieses intensivere Leben, das wird allgemein so verstanden, dass alles, was uns reizt und fasziniert, eigentlich eine immer intensivere Ausprägung braucht. Alles muss größer, schneller und stärker werden. Aber eine größere Herausforderung, größere Intensität der Emotionen und so weiter, das hat irgendwie auch seine Grenze. Das kann ja auf Dauer gar nicht gut gehen. Denn irgendwann sind natürlich auch die intensivsten Olympischen Spiele des Lebens vorbei. Man kommt gar nicht mehr hinterher. Und was bleibt dann? ERZÄHLERIN Genau hier wird es für Emotionspsychologen richtig interessant: Wie könnten wir es schaffen, unsere Sehnsucht nach dem intensiven Leben ein Leben lang zu stillen? ERZÄHLER Wieder Staunen zu lernen, wäre schon mal ein Anfang, meint Arndt Büssing. ZSP 10 Büssing Was Kindern sehr gut gelingt! Sie bleiben leichter irgendwo hängen und sind fasziniert von etwas. Was uns im Lauf des Lebens viel verloren gegangen ist. MUSIK 6: Grapefruit diet – 1:04 Min ERZÄHLERIN Zweijährige Kinder, die eine volle Stunde die Konstruktion eines Teebeutels bis in all seine Einzelteile erforschen. Dreijährige, die vor einer Ameisenstraße in die Hocke gehen und sie hingebungsvoll beobachten: Wir alle kennen diese Art des gebannten Staunens kleiner Kinder. ERZÄHLER Sollte uns ausgerechnet eine kindliche Fähigkeit aus dem alltäglichen Strudel unbefriedigender Ablenkungen und Routinen retten können? Uns wieder öfter Momente mit Gänsehaut bescheren? Arndt Büssing glaubt daran und nennt die notwendige Fähigkeit ehrfürchtiges Staunen, oder staunendes Innehalten. ERZÄHLERIN Im Englischen nennt man es „Awe“ – Ehrfurcht! Und seit ein paar Jahren publizieren Emotionsforscher zu diesem Phänomen. Nur ist das deutsche Wort Ehrfurcht heute etwas aus der Zeit gefallen und Ehrfurcht klingt merkwürdig: ZSP 11 Büssing Ja! Einige Leute fühlen sich dadurch irritiert, weil die Furcht steckt darin. Und da muss ich noch jemanden Ehre erweisen. Das wurde vielleicht früher einem König entgegengebracht, den man ja verehren musste und den man auch zu Recht fürchten musste. Deswegen war eher der Versuch zu sagen: Es heißt staunendes Innehalten, um Ehrfurcht einmal anders umschreiben zu können. In den alten Büchern war das Thema Ehrfurcht immer mit Religiosität assoziiert, aber es ist keine Grundvoraussetzung. Also auch alle anderen Menschen: nicht-religiöser, nicht-spiritueller Art sind empfindungsfähig, sind von etwas berührt und bewegt. Und es kann auch ihr Leben verändern! Musik 7: De Luca et Umbra - 47 Sek ERZÄHLERIN In der Bibel gibt es die berühmte Szene, in der sich Moses vor dem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch zunächst staunend und dann ehrfürchtig niederwirft, als Gott zu ihm daraus spricht. Das kann als klassische Ehrfurcht-Situation gelten: Als Mensch wird man klein vor so etwas Großem, auch demütig. ERZÄHLER Im alltäglichen Leben sehen Situationen, die uns ehrfürchtig staunen lassen, natürlich anders aus als in der Bibel. Arndt Büssing selbst ist eher zufällig auf die Wirkung dieser Empfindung gestoßen: ZSP 12 Büssing Im Zuge dieser Forschungsprojekte, die ich gemacht hatte, bin ich immer wieder darüber gestolpert, dass einzelne Personen gesagt haben, dass etwas sie „besonders bewegt“ hat. Das war das Motiv des ehrfürchtigen Staunens. Und das gelingt auch nicht-religiösen Menschen. Auch die sind in bestimmten Situationen von etwas Besonderem fasziniert. Halten vielleicht staunend in ihrem Tun inne. Sind ganz gefangen, von etwas berührt. Und Hartmut Rosa würde das vielleicht als Resonanz bezeichnen. Das ist auch ein ganz guter und auch passender Begriff. ERZÄHLER „Ein vibrierender Draht zwischen uns und der Welt“, so hat es der Soziologe Hartmut Rosa in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel formuliert. Er plädiert für eine neue Art von Kontakt, die wir pflegen sollten. Und zwar nicht nur untereinander, sondern überhaupt: mit der Welt um uns herum. Und das hat viel mit Lebendigkeit zu tun, sagt Arndt Büssing: ZSP 13 Büssing Ich trete mit etwas in Verbindung, lass mich berühren, und es hat einen Nachklang in mir. Wenn diese Empfindungen, dann groß und tief sind, dann wird vielleicht auch mein Leben anders. Ich werde vielleicht bewusster, schaue tiefer hin, werde achtsamer. ERZÄHLERIN Groß und tief sind für manche Frauen die Momente nach der Geburt ihres Kindes. Für andere sind es ihre einmaligen sportlichen Höchstleistungen, oder Momente von besonderer Kreativität, von inniger Liebe und Sex. Sie gehören zu den sogenannten „Peak Moments“: den Gipfelerfahrungen unseres Lebens. ERZÄHLER Die Bedeutung solcher Momente, in denen wir komplett im Hier und Jetzt sind, wo die Zeit still zu stehen scheint und wir quasi mit der Welt verschmelzen, hatte schon der US-amerikanische Sozialpsychologe Abraham Maslow Mitte der 1960er Jahre erkannt. Maslow ist Begründer der Positiven Psychologie. Seine Forschungen zu den Ursachen mentaler Gesundheit haben gezeigt, dass Gipfelerfahrungen unbedingt dazu gehören. Sie sind so intensiv, so erschütternd, dass sie eine große Strahlkraft auf unser ganzes Leben entwickeln. ZSP 14 Büssing Ja! Das, was mich bewegt, macht ja auch einen Eindruck. Das heißt, dieser Eindruck wird auch in meinen Erinnerungen gespeichert. Ich werde mich immer wieder mit Freude daran erinnern und vielleicht doch die Sehnsucht haben: Kann ich das nicht wieder haben? Dann sind wir wieder in dieser olympischen Disziplin: Ich möchte immer wieder solche besonderen Augenblicke haben! Was natürlich nicht funktioniert. Und das ist eben das Schöne! Wir nennen es vielleicht einen „wunderbaren Augenblick“. Und Wunder kann man nicht reproduzieren. Und sie sollen etwas Einmaliges sein, sonst würden sie ihren Wert verlieren. ERZÄHLERIN Auch Abraham Maslow glaubte, Gipfelmomente seien in jedem Leben vorhanden, aber eben etwas Seltenes. Immer wieder neue große Wunder erleben zu wollen, um sich lebendig und gut zu fühlen, das funktioniert nicht, da ist auch Arndt Büssing sicher. Was dagegen gut funktionieren kann: Das Besondere in eigenen Leben zu entdecken, indem man feiner in seiner Wahrnehmung wird. Musik 8: The Dress – 46 sek ZSP 15 Büssing Das können natürlich auch die kleinen Erlebnisse sein, die einen kurzfristig innehalten lassen, von denen man dann vielleicht ganz fasziniert ist und die einen Lächeln lassen. Auch das hat natürlich seine Bedeutung, und ist schön und gut. Es muss nicht immer dieses große Tiefe sein, das Fantastische! ERZÄHLER Jeder kennt das. Wenn wir an einem gewöhnlichen Tag zufällig jemandem auf der Straße begegnen und ein paar Worte wechseln, gehen wir danach anders weiter: Belebter! In ihrem Buch „Mehr Zeit für die Seele. Der Weg zur Lebendigkeit“ beschreibt die Schweizer Psychologin Verena Kast wie wichtig für uns sinnliche Eindrücke sind: Der Duft vom Kaffee, der Dampf über der Tasse Tee. Solche kleinen Dinge. Musik aus ERZÄHLERIN Ähnlich wie Hartmut Rosa plädiert Verena Kast dafür, sich immer wieder Zeit zu nehmen, um sich bewusst einzulassen auf unsere Umgebung, sei es zu Hause oder in der Natur. Viele Facetten von Freude und Verbindung zu Menschen und der Welt können wir dann erleben und so immer wieder neu bemerken, dass das Leben bereichernder und schöner ist, als erwartet. ERZÄHLER Um noch mehr über ehrfurchtsvolles Staunen herauszufinden, hat Professor Arndt Büssing eine weitere Studie begonnen: ZSP 16 Büssing Wir haben uns angeschaut: Was empfindet jemand? Wie empfindet jemand? Wie intensiv? Und wie häufig empfindet jemand so etwas wie dieses staunende Innehalten? Gefühle von Dankbarkeit, die sich dann anschließend einstellen können. Da haben wir uns unterschiedlichste Personengruppen angeschaut: Meditierende, Yogaübende, Ordensleute, Normalmenschen, Studierende, Patienten mit Schmerzerkrankungen. Unterschiedlichste Menschengruppen, auch Personen mit depressiven Erkrankungen. ERZÄHLERIN Im Ergebnis fiel auf, dass es sehr deutliche Unterschiede im Empfinden gibt: ZSP 17 Büssing Das ist jetzt nicht so, dass es Menschen gibt, die so etwas gar nicht empfinden würden. Aber es fällt eben deutlich dabei auf, dass diejenigen, die einen bewussten Lebensstil haben: also die Yoga-Übenden, die Ordensleute zum Beispiel, die auch eine religiöse oder spirituelle Praxis haben, die das also auch häufig einüben, so dass sie es leichter wahrnehmen, die haben viel höhere Scores gehabt als andere Personengruppen. ERZÄHLERIN Sie haben also deutlich besser abgeschnitten hinsichtlich Erlebnissen, die als intensiv empfunden wurden. Auf der Basis der zahlreich beantworteten Fragebögen und tiefergehenden Interviews hat Büssing inzwischen ein Programm entwickelt, dass er „Staunendes Innehalten“ nennt. Der positive Einfluss von kleinen Ritualen auf das Wohlbefinden soll möglichst vielen zugutekommen. ERZÄHLER Das ganze Programm ist kostenlos im Internet auf den Seiten der Universität Witten/Herdecke erhältlich. Für einen Zeitraum von zwei bis höchstens drei Wochen kann man mit Hilfe dieses Materials üben, wie Staunen und Innehalten im Alltag funktionieren. Und man kann dabei beobachten, wie sich der eigene Alltag dadurch verändert, wie das Lebensgefühl sich intensiviert. ZSP 18 Büssing Gut. Das kann also jeder so selbständig für sich gestalten, wie es zu seiner Lebenssituation passt. Dabei werden also für jeden Tag bestimmte, meditativ und anregende Texte bereitgestellt, die man dann mit in den Tag hineinnehmen kann. Werden auch weitere Vorschläge gemacht, die in einem Booklet zu finden sind, dass man sich kostenlos herunterladen kann. ERZÄHLERIN Auffällig ist, dass jeder Tag durch die Vorschläge in diesem mehrwöchigen Programm einen klaren Rhythmus bekommt: ATMO aus Archiv: Vogelgezwitscher morgens… ERZÄHLER Der Tag soll morgens mit einer kurzen Zeit der Stille begonnen werden, um sich zu sammeln und eine besondere Atmosphäre zu schaffen, seine natürliche Umwelt wahrnehmen. Und dann kommt etwas Zeit für einen speziellen kleinen Text zur Inspiration. An Tag eins handelt er von einer schönen Situation, in der man einmal Kaffee getrunken hat. Es folgt eine kleine Zeit der Meditation, egal ob im Gehen oder Sitzen. ATMOS Schritte auf Kies, Kreuzblende von Vogelgezwitscher in Grillenzirpen ERZÄHLERIN Für den Nachmittag wird immer ein kleiner Spaziergang empfohlen, von dem man etwas mitbringen soll, das einen berührt hat. Diese Gegenstände bekommen für die Zeit des Programms einen besonderen Platz in der Wohnung. Auch eine kurze Zeit für einen Tee oder Kaffee soll man sich einräumen und ihn bewusst genießen. ATMOS aus nach Wohnungstür zu ZSP 19 Büssing Besonders wichtig erscheint mir, dass auch ein Tagesrückblick am Abend erfolgt: Was mich bewegt hat, womit ich in Resonanz gegangen bin, besonders mit diesem anregenden Tages-Text. Das kann man dann noch in einem Tagebuch aufschreiben, in das man immer wieder hineinschauen kann, wenn man das Gefühl hat, nichts ist toll in meinem Leben! Man kann es wieder zu Rate ziehen und stellt fest: Doch! Mich hat etwas bewegt und berührt. Und es war eine Zeit, die kann ich vielleicht auch wiederholen: Indem ich mich daran erinnere, wie das noch mal ging. ERZÄHLERIN Schon beim Anschauen des Booklets, das liebevoll mit Fotos und Texten gestaltet ist, lässt sich ahnen: Ja, das könnte etwas bewirken! So anregend sind die täglichen Aufgaben. Aber lässt sich unser Gefühl, dass wir ein intensives Leben führen, durch das ehrfürchtige Staunen wirklich steigern? Hat nicht jeder sein eigenes, persönliches Limit? ZSP 20 Büssing Es ist immer schwierig. Man kann Personen finden, die haben, wenn man das jetzt quantifizieren wollte, schon sehr hohe Ehrfurchts-Scores. Da kann man vermutlich nicht mehr noch mehr steigern, weil sie schon sehr bewusst sind. Aber mit Personen, wo noch Platz nach oben ist, da kann man tatsächlich dieses Erleben auch weiter trainieren. ERZÄHLER Gerade Menschen mit depressiven Erkrankungen fällt es deutlich schwerer zu staunen oder die Lebendigkeit und Verbundenheit mit der Welt zu empfinden. Da wäre noch viel möglich, glaubt Büssing, vieles haben wir selbst in der Hand. Seine Überlegungen und Forschungsergebnisse hat er in seinem 2024 erschienenen Buch „Innehalten“ zusammengefasst. ATMOS Amselgezwitscher, Park, Schritte ERZÄHLERIN Wer also ein intensiveres Leben führen möchte, könnte schon heute beginnen: Ein kurzer bewusster Spaziergang wäre ein Anfang! Musik 9: Grapefruit diet – siehe vorn– 36 Sek ZSP 21 Büssing Und dann stellt man irgendwann fest, dass es eigentlich gar nicht so schwierig, mit offenen, aufmerksamen Augen durchs Leben zu gehen. In einer bestimmten Tradition nennt man das dann Achtsamkeit. Das kann man eigentlich nennen, wie man möchte. Es geht um eine Resonanzfähigkeit, Berührungsfähigkeit, dass ich all das in Anführungszeichen „Heilige“ in meinem Leben tatsächlich wieder wahrnehmen kann. Ich kann mich vielleicht noch mehr freuen über all das, was ich mich umgibt und noch besser wertschätzen. Denn eigentlich ist nichts von all dem, was uns umgibt und unser Leben ausmacht, selbstverständlich.