1000 Antworten

SWR
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21.10.2026
Beschreibung
Woher stammt die "Quarantäne"? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de Viele Episoden dieses Podcasts stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Ihr könnt diese Episoden unter Angabe der Quelle und der Lizenz unverändert in Eurem eigenen Digitalangebot dauerhaft veröffentlichen. Die Episoden dürfen dabei nicht verändert oder kommerziell genutzt werden. Die Lizenz lautet CC BY-NC-ND 4.0.

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Episoden
  1. Schwedische Ausbilder in der preußischen Armee Der Dreißigjährige Krieg lief für die Protestanten einige Zeit nicht besonders gut. Da griff der Schwedenkönig mit seinen Leuten ein, was für die Protestanten sehr positiv war. Nach dem Krieg wurden dann verdiente schwedische Soldaten als Ausbilder vor allem in den preußischen Armeen eingestellt. Diese Leute nannte man respektvoll "alte Schweden". So konnte man auch zu einem "echten" Mann von Schrot und Korn einfach als Lob sagen: "Alter Schwede!". Weil das nicht so häufig vorkam, konnte sich diese Wendung auch als Ausdruck der Überraschung ausbilden. Streichemacher unter Dorpats Studenten Unterstützt wurde die Entwicklung darüber hinaus, dass man in der Studentensprache Dorpats [Anmerkung der Redaktion: estnische Universitätsstadt, heutiger Name: Tartu], aber auch anderer Gegenden im Norden, zu lustigen Studenten, die zu Scherzen aufgelegt waren: "Du bist ein alter Suitier". Das kommt vom französischen "suite" für "Streich" und bedeutet so viel wie "Streichemacher". Und aus dem Niederdeutschen wissen wir, dass es vom "Swietje" zum "Swiet" oder zum Schweden nicht mehr weit ist. Wahrscheinlich haben sich diese beiden Versionen gegenseitig beeinflusst, bis es zu unserem Lob- oder Überraschungsausdruck kommen konnte – "Alter Schwede!"

  2. 10.12.2025
    3 min

    Die "Chaostheorie" ist, anders als man meinen könnte, keine Theorie vom Chaos. Theorie und Chaos sind im Grunde ein Widerspruch in sich. Chaos ist ein Zustand, der keinen erkennbaren Regeln folgt, in dem sich kein Muster erkennen lässt. Könnte man diesen Zustand mit einer Theorie beschreiben oder gar berechnen, wäre es kein Chaos mehr. Deshalb ist das totale Chaos für die "Chaosforschung" eigentlich uninteressant – sie interessiert sich vielmehr für die Ordnung im vermeintlichen Chaos oder für den Übergang von Ordnung zu Chaos. Beispiel tropfender Wasserhahn Ein Beispiel ist der tropfende Wasserhahn: Wenn er tropft, dann tropft er meist im Takt; zwischen zwei Tropfen vergeht immer gleich viel Zeit. Wir können nun den Wasserhahn immer ein kleines Stückchen aufdrehen. Dann wird der Abstand zwischen zwei Tropfen schneller, wobei manchmal, wenn man genau hinguckt, die Tropfen dabei gelegentlich auch aus dem Takt geraten. Wenn man noch weiter aufdreht, geht das Tropfen in einen geordneten Wasserstrahl über – mit geordnet meine ich, dass der Strahl eine klar erkennbare Form hat. Von außen betrachtet wirkt er glasig-transparent. Wenn man weiter aufdreht, wird er plötzlich turbulent und unberechenbar. Manchmal wechselt der Wasserstrahl aber auch zwischen mehreren Zuständen hin und her. Zum Beispiel, dass in unregelmäßigen Abständen plötzlich noch ein Seitenspritzer rauskommt, der dann eine Sekunde später wieder verschwindet. Das heißt, auch wenn der Wasserstrahl scheinbar ungeordnet-chaotisch ist, gibt es stabile Zwischenzustände, zwischen denen er hin- und herwechselt. Genau für solche Phänomene interessiert sich die Chaosforschung: Wann und wie gehen Prozesse von einem geordneten in einen ungeordneten Zustand über? Und mithilfe der Mathematik versucht man dann, immer wiederkehrende Muster im Chaos zu erkennen und zu beschreiben. Beispiel Wetter Wir wissen, das Wetter lässt sich nicht länger als drei Tage voraussagen, weil sich da so viele Faktoren gegenseitig beeinflussen, dass das Wetter als ein chaotisches System angesehen werden kann. Aber wir wissen auch, dass es in jeder Region bestimmte typische stabile Wetterlagen gibt, die immer wiederkommen. Das kann man mathematisch beschreiben; dann findet man eben doch eine Ordnung im Chaos. Ein wichtiges Merkmal chaotischer Prozesse ist, dass kleine Veränderungen in den Ausgangsbedingungen zu völlig unterschiedlichen Endbedingungen führen können. Ist das dieser berühmte Schmetterlingseffekt? Von der Idee her ja. In der ursprünglichen Formulierung war es ein Schmetterling in Brasilien, der einen Wirbelsturm in Texas auslöst. Man muss nur klar sehen, dass das immer nur eine Metapher, ein Bild war, um einen Gedanken zu veranschaulichen. Begriff "Chaostheorie" in der Wissenschaft eher unüblich Es wäre aber völlig falsch zu sagen: "Die Chaosforschung besagt, dass ein Schmetterling das Wetter auf der anderen Seite der Erde beeinflussen kann." Das war immer nur eine Metapher und nicht etwa die Kernbotschaft der Chaostheorie. Die gibt es so auch gar nicht – der Begriff Chaostheorie ist in der Wissenschaft eher unüblich. Denn es gibt nicht die eine Theorie, sondern es handelt sich bei der Chaosforschung eher um ein Sammelsurium verschiedener mathematischer Werkzeuge. Sie ist aber kein großartiges welterklärendes Theoriegebäude wie die Relativitäts- oder die Evolutionstheorie.

  3. 09.12.2025
    4 min

    Spontan würde man als Tierfreund sagen: Na, selbstverständlich fühlen Fische Schmerzen! Aber die Frage ist berechtigt: Woher wissen wir das eigentlich? Fische können nicht schreien – man hört sie also nicht. Und wenn man es ganz philosophisch betrachtet, muss man letztlich sagen: Die Frage, ob Fische oder sonstige Lebewesen Schmerzen empfinden, wird sich nie mit hundertprozentiger Sicherheit beantworten lassen, einfach weil es prinzipiell unmöglich ist, objektiv zu messen, was ein anderes Lebewesen empfindet. Fische besitzen Nozizeptoren Aber dieses philosophische Dilemma hilft hier nicht weiter. Man kann jedoch pragmatisch an die Sache herangehen. Und das haben britische Wissenschaftler getan. Sie gingen von folgender Überlegung aus: Wir Menschen sind schmerzempfindlich und wir haben auch bestimmte Nervenzellen, die zum Beispiel in der Haut schmerzhafte Reize empfangen und ans Gehirn weiterleiten. Das sind sogenannte Nozizeptoren. Die Wissenschaftler*innen schauten also, ob Fische auch solche Nozizeptoren haben. Dabei stellten sie fest, dass Fische diese Nervenzellen tatsächlich besitzen – also Nerven, die dann – und nur dann – aktiv sind, wenn sie schmerzhaften Reizen ausgesetzt sind. Das ist schon mal ein erster Hinweis. Wie Menschen auf Schmerz reagieren Jetzt könnte man natürlich skeptisch sein und sagen: Das sagt noch gar nichts. Denn man könnte sich ja vorstellen, dass die Reize zwar ans Gehirn geleitet und dort verarbeitet werden, dass das aber völlig unbewusst erfolgt und der Fisch trotzdem nichts dabei empfindet. Deswegen beobachtet man als nächstes das Verhalten. Wir Menschen haben zwei Arten, auf Schmerzen zu reagieren: Unmittelbare Reaktion auf Schmerz beim Menschen: Wir kommen mit der Hand auf die heiße Herdplatte und ziehen sie sofort weg. Das Entscheidende hier: Dieser Wegzieh-Reflex tritt bereits ein, bevor wir den Schmerz bewusst wahrnehmen. Das heißt, in dem Moment, in dem wir die Hand wegziehen, fühlen wir streng genommen noch keine Schmerzen im Sinne einer bewussten Empfindung. Das tritt erst hinterher ein. Dann folgt die zweite Art von Schmerzverhalten, wenn wir zum Beispiel die schmerzende Hand mit der anderen festhalten. Oder wenn wir lange Kopfweh haben, vergeht uns der Appetit. Wie verhalten sich Fische, wenn sie typischen Reizen ausgesetzt sind, die wir als schmerzhaft empfinden würden? Reagieren sie nur reflexartig oder ändert sich das gesamte Verhalten? Und auch das haben Wissenschaftler getestet, indem sie den Fischen gezielt Schmerzen zugefügt haben. Fische zeigen komplexes Schmerzverhalten Sie haben zum Beispiel die Wassertemperatur erhöht oder ihnen unter Narkose eine Substanz in die Lippe injiziert, die ähnlich wirkt, wie wenn wir uns an einer Brennnessel verbrennen. Es waren also wohl keine unerträglichen Schmerzen, aber schon unangenehm. Und entsprechend haben die Fische reagiert. Sie haben sich von einer Seite auf die andere gedreht. Sie haben sich im Kies gewälzt, sie haben ihr Maul an der Wand des Fischtanks gerieben und ihnen ist offenbar auch der Appetit vergangen, denn sie haben vorübergehend aufgehört zu fressen. Die Fische haben Schmerzrezeptoren, sie zeigen ein typisches komplexes Schmerzverhalten – also liegt die Vermutung nahe, dass sie auch Schmerzen empfinden. Und die Wissenschaftler erweisen sich am Ende dann doch nicht als Sadisten, denn ihre Schlussfolgerung lautet: Wenn Fische Schmerzen empfinden, dann muss das Konsequenzen haben. Tierleid durch Angelhaken und Treibnetze Angeln mit Angelhaken ist höchstwahrscheinlich sehr schmerzvoll, sagen sie. Das gleiche gilt, wenn Fische in Treibnetzen in einem langwierigen Prozess verenden. Die Forderung aus diesen Forschungen ist daher ein Verbot solcher Methoden, da der Fischfang in der heutigen Form vielen schmerzempfindenden Wesen tatsächlich viele Schmerzen zufügt.l

  4. Mitteldeutschland: historischer Begriff ist älter als das geteilte Deutschland Historisch geht der Begriff "Mitteldeutschland" weiter zurück als bis zur Teilung Deutschlands. Vor der deutschen Teilung war nämlich mit "Mitteldeutschland" weniger die Mitte zwischen Ost und West, sondern vielmehr die Mitte zwischen Nord und Süd gemeint. Ursprünglich war "mitteldeutsch" bis ins 19. Jahrhundert hinein vor allem die Bezeichnung für einen Sprachraum – zwischen den bayerisch-schwäbisch-alemannischen Dialekten im Süden und den niederdeutschen Dialekten im Norden. Dieses mitteldeutsche Gebiet zog sich von der belgisch-luxemburgischen Grenze bis nach Sachsen, also einmal quer durch Deutschland. Ehemals Gebiet zwischen Norden und Süden, nicht Westen und Osten Entsprechend hat man Anfang des 19. Jahrhunderts als Mitteldeutschland all die kleinen Fürsten- und Herzogtümer zwischen Preußen im Norden und Bayern, Württemberg und Baden im Süden bezeichnet. Mitteldeutschland war also ein breiter Streifen zwischen Nord- und Süddeutschland. Erst später hat sich der Begriff dann ungefähr auf den Raum konzentriert, den heute die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bilden – in denen sah man sprachlich-kulturell eine natürliche Einheit. In der Weimarer Republik gab es Überlegungen, diesen Raum zu einer Verwaltungseinheit "Mitteldeutschland" zusammenzufassen. Daraus ist aber – auch bedingt durch die Machtübernahme der Nazis – nichts geworden. Dann kam der Zweite Weltkrieg und danach wurde der Begriff "Mitteldeutschland" erst zu dem umgemünzt, was viele noch im Kopf haben: nämlich das Wort, das Leute verwendeten, die nicht „DDR“ sagen wollten. Aber das war eben nicht die ursprüngliche Bedeutung. Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Mitteldeutsche Zeitung Mit der Wiedervereinigung 1990 kam es zu einer Rückbesinnung auf die ursprüngliche Bedeutung von Mitteldeutschland im Sinne jener Region zwischen Harz und Erzgebirge. Es wurde der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) gegründet, so wie auch die Mitteldeutsche Zeitung. Der Begriff taucht in vielen weiteren Verbindungen auf. Das hat aber nichts zu tun mit "Wir denken noch in den Grenzen von 1937", sondern ist einfach eine historische Bezeichnung für diesen Kulturraum – wenn er auch zu der kleinen sprachlichen Paradoxie führt, dass "Mitteldeutschland" heute die südliche Hälfte von "Ostdeutschland" ist.

  5. Wir Psychologen haben dazu eine klare Auffassung: Es ist eine "Verunreinigung" des Intelligenzbegriffs, wenn man ihn mit allen möglichen anderen Kompetenzen kombiniert. Man kann natürlich auch sagen, es gibt eine Partyintelligenz oder eine Kochintelligenz oder was auch immer. Das ist nicht verboten, aber es bringt auch nichts. Sozialverhalten hat viele Facetten Es gibt ganz klare Unterschiede in der emotionalen Regulation. Manche Menschen haben sich, einfach ausgedrückt, besser im Griff als andere. Manche werden von ihrem Emotionen überrannt und verhalten sich anders, als sie eigentlich wollen. Das ist im Prinzip nicht gut. Psychologen können versuchen, diese Schwachstellen zu messen, aber es gelingt nicht ansatzweise so gut wie bei der kognitiven Intelligenz. Die Tests, die dazu entwickelt wurden, sind nicht so zuverlässig. Ich würde daher auf dieser Grundlage keine Einstellung vornehmen. Soziale Intelligenz nicht zuverlässig messbar Und so sieht es auch mit der sogenannten sozialen Intelligenz aus. Die gibt es auch nicht in dem Sinn, dass man sie zuverlässig messen könnte. Natürlich unterscheiden sich Menschen darin, wie sie auf andere zugehen. Aber das Sozialverhalten ist sehr vielfältig. Manche Menschen sind erst ein bisschen distanzlos. Da ist die Frage, ob das jetzt wirklich soziale Intelligenz ist. Andere sind zunächst sehr zurückhaltend, können dann aber sehr gut auf auf Emotionen anderer eingehen. Begriff der emotionalen Intelligenz kommt aus den USA Die Vielfalt an Möglichkeiten, Sozialverhalten zu zeigen, ist so groß, dass sie sich nicht wirklich messen lässt. Und das Gleiche gilt für emotionale Intelligenz. Die Begriffe wurden in Amerika eingeführt und haben sich dann über die ganze Welt ausgebreitet, weil man es in Amerika vielleicht ein bisschen mit der Intelligenzmessung übertrieben hatte. Das ist in Europa nicht der Fall gewesen. Dort hätte man häufiger mal Entscheidungen auf der Grundlage von Intelligenztests treffen sollen. In Amerika wurde einem das manchmal wie ein Stempel aufgedrückt und es wurde manchmal auch sehr diskriminierend gehandhabt. Denn man hat bei Menschen, die in einem sehr ungünstigen sozialen Umfeld aufgewachsen sind, die kaum in die Schule gegangen sind, die Intelligenz gemessen, was man ja eigentlich nicht darf, und hat sie dann als dumm abgestempelt. Das ist sehr häufig passiert. Als Gegenreaktion hat man dann überlegt, ob die kognitive Intelligenz vielleicht gar nicht so wichtig ist. Aber das war keine gute Reaktion. Man hätte sehr viel mehr betonen müssen, dass man nur bei Menschen, die die Möglichkeit hatten, sich zu entwickeln, die kognitive, also die geistige Intelligenz, messen kann.

  6. Dass Kaffee oder Schwarztee dem Körper Wasser entzieht, hat man mal geglaubt. Das ist aber längst überholt. Der Mensch soll ja täglich möglichst anderthalb bis zwei Liter Wasser pro Tag trinken, bei Hitze entsprechend mehr. Kaffee wirkt harntreibend, aber Wasser bleibt Wasser Früher sagte man: Kaffee darf man da nicht mitrechnen – oder muss ihn wieder "abziehen", weil er den Körper entwässere. Diese Idee kam auf, weil sowohl Kaffee als auch Tee harntreibend wirken. Das ist zwar richtig, ändert aber nichts daran, dass das Wasser im Kaffee immer noch Wasser ist – und vom Körper auch so behandelt wird. Wir gehen nach zwei Tassen vielleicht bald aufs Klo – aber der Körper gleicht das intern wieder aus; wir brauchen deshalb in der Summe nicht mehr Flüssigkeit zu uns zu nehmen. Kaffee ist kein Durstlöscher Natürlich sollte man Kaffee nicht unbedingt als Durstlöscher verwenden. Das hat aber nichts mit dem Wasserhaushalt zu tun, sondern vor allem mit seinen sonstigen Wirkungen auf Herz und Kreislauf. Koffeinfreier Kaffee ist da natürlich schonender. Er hat auch nicht die harntreibende Wirkung wie normaler Kaffee. Aber allein für den Wasserhaushalt des Körpers ist es unerheblich, ob Sie normalen Kaffee trinken oder entkoffeinierten. Das Gleiche gilt übrigens auch für Tee.

  7. Ohne ihn geht es nicht im Advent. Ohne ihn gäbe es keine Weihnachtsgeschichte: Joseph. Wer hätte schließlich Maria vor Schande bewahrt? Wer hätte sonst seinen Mann an der Krippe gestanden, obwohl es nicht ums eigene Kind ging? Wer hätte klug geträumt, dass nur eine rasche "Flucht nach Ägypten" das Jesulein vor "dem bethlehemitischen Kindermord" schützen könnte? Übrigens auch zwei redensartliche Wendungen im Weihnachtsumfeld. Wenn der Mann die Frau nicht "berührt" Und doch wurde Joseph gar nicht so selten stiefmütterlich oder spöttisch behandelt oder in Redewendungen auf seine seltsame Rolle reduziert. Am bekanntesten ist: "Eine Josephsehe führen". Man sagt von mittelalterlichen Herrschern wie Kaiser Heinrich II., er habe mit seiner Kaiserin Kunigunde so etwas gemacht, indem er eben nichts mit ihr "machte", sie nicht berührte. Hohn und Spott für mehr oder weniger ahnungslose Väter Hatte ein Ehepaar kein Kind, musste es sich ebenfalls den Spruch von der Josephsehe gefallen lassen. Hielt man den Mann für schuld, dann spottete man auch: "Der spielt den heiligen Joseph". In der Umgangssprache entstand um 1920 auch eine ähnliche Redewendung "den Joseph spielen" oder "den ahnungslosen Joseph spielen", wenn man jemandem unterstellte nur so zu tun – wie der wirklich ahnungslose Verlobte Mariens. Heiliger Joseph: pragmatisch, menschlich, klug Im ländlichen Raum freilich war und ist der brave und gottesfürchtige Handwerker außerordentlich beliebt, weil er pragmatisch, menschlich und klug zugleich handelte: ein Heiliger zum Anfassen.

  8. Ohrring als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Handwerkszunft "Schlitzohr" – das ist die Bezeichnung für einen durchtriebenen Menschen, für einen listigen bis hinterlistigen Gesellen. Und wenn ich Geselle sage, dann sind wir schon gleich im richtigen Milieu, denn die Bezeichnung wird auf die Handwerkszünfte zurückgeführt. Ring ausreißen als Strafe und sichtbares Zeichen für Unehrenhaftigkeit? Früher trugen die Handwerker als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu einer Zunft oft einen goldenen Ohrring. Es wird berichtet, dass dieser Ohrring auch so etwas wie eine Geldanlage für knappe Zeiten bzw. für besondere Ausgaben war. Wenn dieser Handwerker aber etwas Schlimmes anstellte, wurde ihm der Ring aus dem Ohr gerissen – sozusagen zur Strafe und als Zeichen dafür, dass er aus der Zunft ausgeschlossen worden ist. Und so lief er fortan als Schlitzohr durch die Welt. Sprachwissenschaftler bemängeln fehlende Belege Das ist die gängigste Deutung dieses Begriffs. Dies könnte man noch weiterführen und damit den Ausdruck "gerissen" erklären"; der könnte den gleichen Ursprung haben. Es gibt aber auch Sprachwissenschaftler, die an diese Erklärung mit dem Ring nicht glauben. Sie sagen, dass es keine Belege für diese Strafe des Ring-aus-dem-Ohr-Reißens gibt. Man weiß, dass Betrügern schon mal das Ohr abgeschnitten wurde, aber das ist ja etwas anderes. Das Ergebnis wäre ja kein Schlitzohr, sondern ein "Kein-Ohr". Alternative Erklärung: Anspielung auf den Teufel Im Etymologischen Wörterbuch von Pfeifer habe ich zumindest noch eine alternative Erklärung gefunden. Demnach könnte die Bezeichnung "Schlitzohr" eine Anspielung auf den Teufel sein, der in manchen frühen Vorstellungen nicht nur geschlitzte Füße hatte, sondern eben auch geschlitzte Ohren.

  9. 04.12.2025
    2 min

    Judentum missioniert nicht Das Judentum ist nicht darauf aus, Menschen, die nicht gebürtige Juden sind. irgendwie zu überzeugen, jüdisch zu werden. Aber wenn das jemand aus eigener Initiative möchte, beispielsweise wenn jemand einen jüdischen Partner hat und bereit ist, jüdisch zu werden, damit die Familie später eins ist, dann sagen die Juden: Das ist okay. Kind einer jüdischen Mutter ist von Geburt an jüdisch Allerdings kann der Übertritt natürlich nur auf der religiösen Schiene vollzogen werden, denn die Mutter kann ich dann ja nicht mehr auswechseln. Der Sohn oder die Tochter einer jüdischen Mutter ist automatisch per Geburt Jude oder Jüdin. Das ist unabhängig davon, ob diese Person in ihrem späteren Leben eine sehr gläubige Person ist oder nicht. Diese Person ist jüdisch. Man kann also nur auf der religiösen Ebene zum Judentum übertreten, aber das ist ein langer Prozess. Man muss sehr viel lernen. Eine Frau muss vorweisen, dass sie eine koschere Küche führen kann. Wenn es ein Mann ist, muss er zeigen, dass er im Gottesdienst mitkommt. Es sind viele Erfordernisse, die im engeren, religiösen Sinne und vielleicht auch im juristischen Sinne relevant sind. Tauchbad und Beschneidung Wenn der Kandidat oder die Kandidatin die entsprechende Prüfung vor einem Gericht von drei Rabbinern abgelegt hat, bekommt der Kandidat oder die Kandidatin den Zettel mit dem Stempel. Wenn es eine weibliche Kandidatin ist, geht sie einmal ins Tauchbad. Wenn es ein männlicher Kandidat ist, wird außerdem noch eine medizinische Beschneidung vollzogen. Ab dem Zeitpunkt, wo er oder sie die ganze Prozedur überstanden hat, sind beide zu hundert Prozent akzeptiert als Mitglieder der jüdischen Gemeinde und als Juden.

  10. Unterschiedliche Methoden je nach Metall Zunächst schaut man sich das Objekt und die Technologien an, mit denen das Objekt bearbeitet wurde. Das gibt einen ersten guten Hinweis darauf, wann das Objekt entstanden ist. Wenn das nicht ausreicht und man z.B. für eine Echtheitsprüfung wissen möchte, ob etwas wirklich alt oder kürzlich erst gefälscht wurde, gibt es verschiedene Prüfmöglichkeiten. Die unterscheiden sich jedoch von Metall zu Metall. C14-Methode bei kohlenstoffreichem Eisen Wenn Sie z.B. ein kohlenstoffreiches Eisen haben, letztlich Stahl, können Sie die C14-Methode anwenden und damit den Kohlenstoff datieren. Denn das radioaktive Isotop C14 zerfällt regelmäßig; und wenn man feststellt, wie viel davon noch da ist, kann man berechnen, wann der Stahl geschmiedet wurde. Himmelsscheibe von Nebra: Fälschung oder echt? – Gold gibt Aufschluss! Bei Gold gibt es ebenfalls Möglichkeiten zur Datierung; denken wir z.B. an die Himmelsscheibe von Nebra. Da stellte sich die Frage, ob das Objekt wirklich alt oder möglicherweise doch eine Fälschung ist. Diese Feststellung gelang Mithilfe der Auflagen aus Gold. Gold-Patina: Analyse unterm Elektronenmikroskop Gold ist zwar ein Edelmetall, das sich eigentlich nicht verändert. Aber wenn es im Boden liegt, bildet sich über einen sehr langen Zeitraum hinweg eine ganz spezielle Patina. Diese Patina lässt sich chemisch analysieren und ihren Aufbau kann man im Elektronenmikroskop betrachten. So kann man feststellen, ob sie echt oder gefälscht ist. Denn wenn sie echt ist, gibt ihre Dicke bzw. die Menge, die sich gebildet hat, einen sehr guten Aufschluss darüber, wie alt das Objekt ist bzw. zumindest darüber, wie lange es im Boden gelegen hat.

  11. Muster der Papillarleisten sind genetisch angelegt Ganz klar: nein – die Fingerabdrücke von eineiigen Zwillingen sind nicht identisch! Die Handlinien und auch die Fingerabdrücke sind zwar oft ähnlich, aber nie identisch. Man hat bisher noch keine Zwillinge gefunden, die tatsächlich identische Fingerabdrücke hatten. Die Linien heißen in der Fachsprache Papillarleisten. Im vierten Embryonalmonat sind sie voll ausgebildet und bleiben unverändert erhalten bis zum Tod. Umwelteinflüsse im Mutterleib Dieses Muster ist zwar genetisch angelegt, aber offenbar spielen auch Umwelteinflüsse im Mutterleib eine Rolle. Welche das genau sind, weiß man nicht, da kann man nur spekulieren: Ernährung, Temperatur, Stress – was auch immer. Allerdings sind ja die Zwillinge im Mutterleib der gleichen Umwelt ausgesetzt – insofern müsste man sich natürlich fragen: Warum entwickelt es sich beim einen Zwilling so, beim anderen anders? Man weiß es nicht. Aber es gibt ja auch bei eineiigen Zwillingen immer kleine Unterschiede – nicht nur bei den Fingerabdrücken, sondern z. B. auch im Gesicht oder bei Muttermalen – und die Handlinien und Fingerabdrücke gehören eben auch zu diesen Unterschieden. Erbgut eineiiger Zwillinge ist identisch In der Kriminalistik spielen die Fingerabdrücke eineiiger Zwillinge eine wichtige Rolle: Nehmen wir an, es passiert ein Einbruch oder ein anderes Verbrechen, und ein Zwilling gerät unter Verdacht. Dann stellt sich ja die Frage, ob es nun der eine oder der andere Zwilling war. Mit der DNA-Analyse, die es heute gibt, kann man das nicht unterscheiden, weil das Erbgut beider Zwillinge identisch ist. Aber: Die Fingerabdrücke unterscheiden sich; das ist auch von den Gerichten anerkannt. Die Fingerabdrücke helfen also ganz eindeutig, den einen Täter z.B. von seinem Zwillingsbruder zu unterscheiden.

  12. Theoretisch: Rotation verlangsamt sich, wenn mehr Wasser am Äquator ist Ja es gibt einen, wenn auch kleinen Effekt: Denn wenn Eispanzer und Gletscher schmelzen, wird Masse auf der Erde umverteilt; das wirkt sich auf die Rotation aus. Das ist derselbe Effekt, den Eiskunstläufer nutzen: Wenn sie sich schneller drehen möchten, ziehen sie ihre Arme an den Körper. Dadurch holen "Masse" von außen näher an die Körperachse, und das führt zu einer Beschleunigung der Eigenrotation. Übertragen wir das nun auf die Eismassen der Erde – etwa das Eis der Antarktis. Das liegt nahe am Südpol, also nahe an der Erdachse. Wenn es schmilzt, wird es zu Wasser. Dieses Wasser bleibt aber nicht am Südpol, sondern es verteilt sich über die gesamten Weltmeere. Der Meeresspiegel steigt. Dabei gelangt zumindest ein Teil des Wassers in die Nähe des Äquators. Am Äquator ist das Wasser aber, verglichen mit der Antarktis, relativ weit weg von der Erdachse. Deshalb würde das Gleiche passieren, wie wenn eine Eiskunstläuferin ihre Arme ausstreckt: Die Rotation – in dem Fall der Erde – würde sich etwas verlangsamen. Landhebung durch Eisschmelze Dies wird durch einen zweiten Effekt noch verstärkt: Wenn große Gletscher abschmelzen werden auch die darunter liegenden Kontinente von der schweren Eisdecke entlastet. Dann passiert dasselbe wie bei einem Boot, wenn Leute aussteigen oder Fracht abgeladen wird: Es hebt sich – und genauso heben sich die Kontinente, wenn das Eis auf ihnen schmilzt. In Schottland oder Skandinavien kann man das gut beobachten. Skandinavien lag während der Eiszeit unter mächtigen Gletschern. Dieses Eis ist vor 10.000 Jahren abgeschmolzen, und in der Folge hebt sich Skandinavien noch heute um etwa 1 cm pro Jahr. In hundert Jahren liegen also manche Abschnitte der norwegischen Küste einen Meter höher als heute. Auch eine solche Landhebung führt nun dazu, dass sich Masse – in dem Fall: Landmasse – ein kleines Stückchen vom Erdmittelpunkt bzw. von der Erdachse entfernt. Das passiert heute schon und wird sich verstärken, wenn auf der Antarktis oder Grönland das Eis schmilzt. Also auch dadurch würde sich – wieder durch den Eisläufereffekt – die Erdrotation verlangsamen. Schmelzende Gletscher: Auswirkungen auf Erdoration sind kaum messbar Man kann den Effekt ausrechnen. Allerdings stellt sich dabei heraus, dass die Eismassen im Verhältnis zur Gesamtmasse der Erde so klein sind, dass die Auswirkungen auf die Rotation kaum messbar sind. Verlangsamung der Erdrotation durch Eisschmelze spielt so gut wie keine Rolle Nach Auskunft von Maik Thomas vom Geoforschungszentrum in Potsdam ist die theoretische "klimabedingte" Verlangsamung der Erdrotation so klein, dass wir nicht einmal eine zusätzliche Schaltsekunde einführen müssten, um sie auszugleichen. Gezeitenkräfte sind sehr viel stärker und einflussreicher Hinzu kommt: Die Erde dreht sich ohnehin mit der Zeit immer langsamer – völlig unabhängig vom Eis. Das liegt vor allem an den Gezeitenkräften, also daran, dass die Masse des Mondes zweimal am Tag Flut und Ebbe auslöst. Dadurch haben wir auf der Erdoberfläche täglich ein großes "Geschwabbel". Das bremst ebenfalls die Rotation, und zwar stärker als all die Effekte, die durch das Schmelzen des Eises entstehen. Diese Verlangsamung ist tatsächlich nachweisbar – aber es ist schwer, in dieser gezeiten-bedingten Verlangsamung die klimabedingte Verlangsamung heraus zu rechnen.

  13. Zu diesem Thema findet man immer wieder falsche Erklärungen: Der Adventskranz habe etwas mit dem Lebensrad zu tun und sei ein uraltes Symbol. Das ist nicht richtig. Der Adventskranz ist, gemessen an anderen Bräuchen, ganz jung; und man kennt sogar seinen Erfinder. Der erste Adventskranz hing in einem Hamburger Heim für Jugendliche Es handelt sich um den evangelischen Pastor Johann Hinrich Wichern, der sehr stark in der christlichen Soziallehre verankert war und sich – typisch für das 19. Jahrhundert – besonders für Kinder engagierte, die in benachteiligten sozialen Verhältnissen lebten. Wichern hängte Mitte des 19. Jahrhunderts den allerersten Adventskranz im "Rauhen Haus" in Hamburg auf – einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Dieser Kranz hatte zunächst noch 24 Kerzen, für jeden Dezembertag eine. Später hat Wichern dieses System dann vereinfacht und auf die vier Sonntage reduziert. Adventskranz hat klare pädagogische Funktion: Zeit sichtbar machen Die Visualisierung von "Zeit" ist für Kinder besonders wichtig, denn die können sich unter "vier Wochen" nichts vorstellen. Man muss Kindern vor Weihnachten sagen: Du musst noch so und so oft schlafen, dann kommt das Christkind. – Wenn sie das an Kerzen abzählen können, ist die Zeit bis Weihnachten für sie viel besser erkennbar. Auch der Adventskalender war eine evangelische Erfindung Zum Adventskranz gehört darüber hinaus noch eine zweite Visualisierung der Zeit, die übrigens ebenfalls eine evangelische Erfindung ist: der Adventskalender. Der evangelische Pastorensohn Gerhard Lang entwickelte kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert den ersten Adventskalender. Anfangs waren das noch Bilder zum Aufkleben, später erfand er selbst bereits die Türchenform, wie wir sie heute noch kennen. All das dient dazu, die Zeit bis Weihnachten sichtbar zu machen, den Advent, die "Ankunft", zu visualisieren.

  14. Marienverehrung war weit verbreitet Wir wissen aus der Bibel leider nichts über Marias mögliche Marotten, aber wir wissen immerhin, dass die Gottesmutter und die Marotte zusammengehören. Die heilige Jungfrau war gerade wegen der zu Herzen gehenden Weihnachtsgeschichte überaus volkstümlich. Die Gefahr, als unverheiratete Schwangere in Schande zu geraten, und die Last einer Geburt unter einfachsten Umständen – das rührte vor allem Frauen an. Viele "Kosenamen" für Marienstatuen: Mariole, Marion, Marotte, Marionette Deshalb wurde Maria nicht nur in Kirchen und Kapellen verehrt, sondern in Millionen von Häusern, Höfen und Hüttchen. Dort stellte man kleine Marienstatuen aus Holz auf, um private Andachten abzuhalten, erst recht im Advent. Diese Figürchen nannte man liebevoll mit verkleinernden Marien-Kosenamen wie "Mariole", "Marion", "Marotte" und "Marionette". Von den Heiligenstatuen übertrug man die Ausdrücke "Marionette" und "Marotte" auf Handpuppen oder Drahtpuppen, weil es schon im späten Mittelalter geistliche Puppenspiele gab. Naheliegend, dass man bald alle beweglichen Kinderpuppen und vor allem diejenigen an Drähten, wie sie in der "Augsburger Puppenkiste" auftreten, "Marionetten" nannte. Narrenzepter wurde ebenfalls als "Marotte" bezeichnet Doch weshalb bezeichnet "Marotte" einen Spleen? "Marotte" bezeichnete auch den Herrscherstab der Narren. Der war eine Art komisches Zepter mit einem Narrenkopf am oberen Ende und ähnelte insofern einer Puppe. Deshalb sagte man ab dem 17. Jahrhundert in Frankreich: "Er hat eine ganz schöne Marotte." Damit meinte man, er habe kuriose Ideen, seltsame Verhaltensweisen und Vorlieben, die er wie das Narrenzepter mit sich herumtrage und die ihn sogar selbst zum Narren machten. Von Frankreich aus übernahmen wir im 18. Jahrhundert den Ausdruck, der heute gar nicht mehr an Maria erinnert und eher nachsichtig und freundlich klingt.

  15. Delfine haben ein Blasloch Ja, wenn man den Begriff "Nase" etwas weiter fasst: Delfine. Man spricht bei Delfinen nicht von einer Nase, sondern von einem Blasloch, das sie oben am Kopf haben. Das Blasloch hat die gleiche Funktion wie bei Menschen die Nase: Es dient zur Atmung, und es hat sich aus der Nase von Landsäugetieren entwickelt. Delfine und andere Wale sind evolutionär Säugetiere, die wieder ins Wasser gegangen sind. Ihre Vorfahren hatten Nasen im Gesicht – allerdings ist diese Nase im Laufe der Evolution und der Anpassung an das Leben im Wasser nach hinten bzw. oben gewandert. Speziell bei den Zahnwalen – zu denen auch die Delfine gehören – sind dabei die ursprünglich zwei Nasenlöcher zu einem Blasloch zusammengewachsen. Viele Fische haben vier Nasenlöcher Im Gegensatz dazu haben viele Fische sogar vier "Nasenlöcher" – allerdings ist die Fischnase etwas völlig anderes: Sie dient zwar dem Geruchssinn – also der Wahrnehmung chemischer Stoffe im Wasser. Aber Fische atmen nicht durch ihre Nase. Bei Walen ist es genau umgekehrt: Sie atmen zwar durch ihre Blaslöcher, aber im Wasser ist das Loch geschlossen, sodass sie damit nichts riechen können. Fast alle anderen Tiere hat die Evolution mit zwei Nasenlöchern ausgestattet. So wie wir auch zwei Ohren und zwei Augen haben. Warum ist das so? Weil zwei Augen uns eine Tiefenwahrnehmung ermöglichen – wir sehen die Welt dreidimensional. Die beiden Ohren rechts und links haben eine ähnliche Funktion – sie erlauben ein räumliches Hören. Auf diese Weise können wir Schallquellen relativ zuverlässig orten – wir wissen meist sofort, woher ein Geräusch kommt, sprich, wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten müssen. Ostamerikanischer Maulwurf riecht "stereo" Anders ist es beim Riechen. Wir riechen die Welt nicht wirklich "stereo". Wozu also zwei Nasenlöcher? Offenbar, weil wir es mal konnten, unser Geruchssinn aber verkümmert ist. Denn zumindest bei einigen Tieren ist nachgewiesen, dass sie tatsächlich stereo riechen. Dazu gehört der ostamerikanische Maulwurf. Maulwürfe sind bekanntlich blind. Dafür ist ihre Nase umso besser. Vor einigen Jahren haben Forscher gezeigt, dass diese Tiere ihre Beute wie beispielsweise Regenwürmer nur dann effektiv finden, wenn beide Nasenlöcher offen sind. Sobald eins zu ist, verlieren sie die geruchliche Orientierung. Ähnlich, wenn auch etwas schwächer ausgeprägt, wurde das bei Wanderratten nachgewiesen.

  16. Friedrich II. und seine Götterstatuen im Berliner Tiergarten "Bis in die Puppen" ist eine ganz lustige Berliner Redensart. König Friedrich II. hat, als er inthronisiert wurde, am Großen Stern im Tiergarten Götterstatuen aufstellen lassen. Die Berliner waren ein bisschen respektlos und sagten, dass seien die Puppen des Königs. Der spielt sozusagen mit diesen Puppen und lässt sie dort aufstellen. Die Berliner unternahmen gerne von der Stadtmitte aus einen Spaziergang "bis in die Puppen". Das waren so zwei, drei Kilometer, also schon eine ganz schöne Strecke. Deshalb hat sich das zunächst als Redensart herausgebildet für eine lange Strecke, eine große Entfernung. Aus "lange Strecke" wird "langer Zeitraum" Nun gibt es recht häufig die Entwicklung, dass ein langer Zeitraum auf eine lange Wegstrecke oder umgekehrt eine lange Wegstrecke auf einen langen Zeitraum übertragen wird – und das war hier eben auch so. So sagte man in Berlin irgendwann "bis in die Puppen" wenn man meinte "etwas sehr lange tun".

  17. Brautkrone sollte makellos sein Ursprünglich geht es hier um den Brautkranz. Der Brautkranz ist ja oft mit schönen Steinen oder Perlen geziert. Da galt es als besonders übles Zeichen, wenn ein Stein aus dieser Brautkrone herausfiel. Da hat sich in deutschen Landen, vor allem in Thüringen und Sachsen, auch ein Spruch herausgebildet: "Da wird dir nicht gleich eine Perle aus der Krone fallen." Das heißt also: "Stell dich nicht so an, das wird jetzt sicher nicht so schlimm." Adelskrone: Auf die Zahl der Zacken kommt es an Das hat sich dann verbunden mit den Kronen, die es tatsächlich gab. Man weiß ja, dass eine Königskrone mehr Zacken hat als eine Grafenkrone. Hat man also einen Zacken weniger oder zwei, dann ist man auch im Rang niederer. Diese beiden Wendungen haben sich verbunden. Und so konnte man dann sagen: "Da wird dir schon kein Zacken aus der Krone fallen."

  18. Eine knifflige Frage. Einerseits läuft man beim Rennen in ziemlich viele Tropfen hinein, andererseits ist man beim langsameren Gehen insgesamt länger im Regen. Was macht also unterm Strich mehr aus? Gehen wir mal davon aus, dass es gleichmäßig regnet, dass also der Regen nicht stärker oder schwächer wird – dann ist es auf jeden Fall besser, wenn man rennt. Warum? Aus folgender Überlegung: Wir gehen ja davon aus, dass es gleichmäßig regnet. Das heißt, zu jedem Zeitpunkt befindet sich eine bestimmte Menge an Tropfen in der Luft. Je langsamer man geht, desto mehr Tropfen bekommt man ab Jetzt stellen wir uns vor, wir könnten die Szene, wie beim Film, einfrieren. Das heißt, wir halten die Zeit an, alles steht still und alle Regentropfen bleiben in der Luft stehen. Ich könnte dann die Tropfen zählen, die auf der gesamten Strecke, die mein Körper zurücklegen muss, in der Luft sind. Nehmen wir an, das sind 10.000 Tropfen, die vor mir in der Luft sind, dann muss ich durch diese 10.000 Tropfen durch, und zwar völlig unabhängig davon, ob ich gehe oder renne. Wenn ich langsam gehe, sind es natürlich andere Tropfen, die mich nass machen, aber in der Summe sind es über die Strecke gesehen immer diese 10.000 Tropfen, die mich von vorne treffen. Von daher also kein Unterschied, ob ich gehe oder renne. Aber es kommen ja noch die Tropfen hinzu, die mich von oben treffen. Wenn ich nun aber schnell renne, brauche ich natürlich weniger Zeit. Und in dieser kurzen Zeit fallen weniger Tropfen auf meinen Kopf als wenn ich langsam gehe. Insofern lautet die Antwort: Je langsamer ich gehe, desto mehr Tropfen bekomme ich ab. Mit Schirm besser nicht rennen Wenn ich einen Schirm habe, ist es umgekehrt – da ist es natürlich besser, ich gehe langsam. Denn wenn ich langsam genug gehe, werde ich ja überhaupt nicht nass; dann prasselt der Regen entweder auf den Schirm oder aber die Tropfen fallen in einem genügend großen Abstand vor mir auf den Boden. Wenn ich dagegen mit einem Schirm renne, dann werde ich ab einer bestimmten Geschwindigkeit nass – denn dann sind einige der Tropfen noch in der Luft, wenn ich in sie hineinrenne. Wenn ich mit Schirm renne, laufe ich also doch Gefahr, etwas nass zu werden, während ich, wenn ich langsam gehe, komplett trocken bleiben kann.

  19. Via Appia – längste gerade Straße in Europa Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die Via Appia in Italien, auf deren Verlauf heute die italienische Fernverkehrsstraße SS7 von Rom nach Brindisi führt. Der erste Abschnitt von Rom nach Terracina ist typisch römisch schnurgerade, und das über 62 km – das ist die längste gerade Straße in Europa. Natürlich fahren die Autos heute nicht mehr auf der alten Pflasterung, sondern die alte Via Appia ist über weite Teile asphaltiert. Und dort, wo sie noch im Originalzustand ist, verläuft die moderne Fernstraße etwas versetzt davon. Spuren alter Römerstraßen auch in Trier, Mainz und Frankfurt Auch in Deutschland hat das römische Straßensystem seine Spuren hinterlassen, sowohl innerhalb der Städte als auch im Fernverkehr. In den Städten sind die Spuren oft stärker. Denn wenn in einer Stadt ein Netz von Straßen besteht, werden auch die Gebäude entlang dieser Straßen gebaut; dadurch bleibt ein solches System lange bestehen. Denn das Straßennetz zu ändern hieße ja in der Regel, ganze Häuserzeilen abzureißen; das macht niemand gerne. In Trier z.B. gibt es ein grobes Raster von Straßen – Saarstraße, Kaiserstraße, Feldstraße oder die Paulinstraße im Norden, die auf die Porta Nigra zuführt – das sind Überbleibsel aus dem alten römischen Straßennetz. In Mainz folgt vor allem die B40 einer alten Römerstraße; das gilt etwa im Süden, wo die B40 auf die Autobahn A63 mündet. Auch die Theodor-Heuss-Brücke, die nach Mainz-Kastel führt, steht an einer Stelle, wo schon zu römischen Zeiten eine Brücke stand. Wenn man von Mainz nach Frankfurt über die A66 fährt, fährt man ebenfalls über weite Abschnitte auf der alten Römerstraße. Verlängert man auf der Landkarte den letzten gerade Abschnitt der A66 mit einem Lineal, dann sieht man, wie sich diese Straße in der heutigen Frankfurter Heerstraße fortsetzt und schließlich in einer Siedlung endet, die noch heute "Römerstadt" heißt. Optimal Streckenführung schon bei den Römern Diese Straße zwischen Mainz und Frankfurt zeigt darüber hinaus, dass auch außerhalb von Siedlungen Fernstraßen gelegentlich entlang alter Römerstraßen verlaufen, und zwar logischerweise vor allem dann, wenn die Fernstraßen zwei alte römische Städte verbinden. Das muss nicht deshalb sein, weil die modernen Straßenbauer sich die alten Römer zum Vorbild nehmen, sondern einfach, weil die Römer ihre Straßen bereits sehr gut geplant haben. Denn wenn es darum geht, zwei Städte A und B zu verbinden, gibt es meist eine optimale Streckenführung – das ist heute nicht viel anders als bei den Römern. Insofern ist der Verlauf oft ähnlich. Nur dass die Römer manchmal in den Bergen auch steilere Anstiege in Kauf nahmen, während beim Bau von Autostraßen die Steigungen begrenzt sind. Deshalb machen moderne Straßen manchmal kleine Umwege, schlängeln sich an Stellen, wo die Römerstraßen direkter und geradliniger verlaufen.

  20. 21.11.2025
    4 min

    Pragmatische Definition: Zeit ist, was Uhren messen Physikalisch gesehen ist Zeit das, was Uhren messen. Das mag unbefriedigend klingen, aber diese Definition entspricht nicht nur unserem Alltagsverständnis, sondern auch Einsteins Relativitätstheorie. Einstein hat gesagt, Zeit ist relativ. Damit meinte er, dass Uhren, die sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit durch den Raum bewegen, unterschiedlich schnell ticken. Das hat man auch nachgewiesen: Wenn man eine hochpräzise Uhr in einem Flugzeug einmal um die Erde fliegen lässt, dann geht diese Uhr langsamer, als wenn sie an Ort und Stelle geblieben wäre. Sie geht nicht deshalb langsamer, weil sie im Flugzeug durch irgendetwas gebremst worden wäre, sondern weil die Zeit in schnell bewegten Körpern wirklich langsamer vergeht – relativ zu einem statischen Beobachtungspunkt. Zeit ist in diesem Sinn also wirklich das, was Uhren messen. Auch die Maßeinheit der Zeit, die Sekunde, ist nur auf diese Weise definiert. Die "Uhr" ist in diesem Fall allerdings ein Cäsium-Atom: Ein Cäsium-Atom "schwingt" rund 9 Milliarden Mal in der Sekunde und deshalb sagt die Physik einfach: Das ca. 9,192 Milliarden-Fache dieser Schwingungsdauer definieren wir als "Sekunde". Wie kann man das tiefere Wesen der Zeit beschreiben? Die Frage ist: Muss man sich die Zeit als etwas vorstellen, was immer kontinuierlich "fließt"? Die Physik weiß heute: Zum einen ist die Zeit – ähnlich wie der Raum – nichts, was unabhängig von allem einfach da wäre. Wir stellen uns die Zeit oft wie ein Raster zwischen Vergangenheit und Zukunft vor, das "da ist", und dann "passiert" darin irgendetwas. Auch da hat Einstein gezeigt, dass das nicht so ist. Sowohl Raum als auch Zeit werden durch die Materie und die Energie im Weltall erst aufgespannt. Zum mutmaßlichen Beginn des Universums, beim sogenannten Urknall, versagen diese physikalischen Gesetze und es ist völlig unklar, ob es überhaupt eine Zeit vor dem Urknall gab oder ob die Zeit als solche erst mit dem Urknall angefangen hat zu existieren. Die Frage "Was war vorher?" ergäbe dann auch keinen Sinn mehr, denn wenn es keine Zeit gibt, gibt es auch kein "vorher" und "nachher". Ein weiteres Phänomen der Zeit ist, dass sie möglicherweise im Kleinen "gequantelt" ist. Das heißt, bildhaft gesprochen, verrinnt die Zeit nicht gleichmäßig, sondern sie tropft in winzig kleinen Zeitportiönchen, die viel kürzer sind, als wir das wahrnehmen können. Unterschied zum Raum: Man kann sich in der Zeit nicht rückwärts bewegen Ein weiteres Merkmal ist der sogenannte Zeitpfeil. Die Zeit kennt in unserem Empfinden nur eine Richtung. Die Zeit können wir nicht anhalten, nicht zurückdrehen, sie fließt von der Vergangenheit in die Zukunft und trennt Ursache und Wirkung. Die Vergangenheit ist das, was geschehen ist und sich nicht mehr ändern lässt, die Zukunft ist offen. Das ist erstaunlich, weil in der klassischen Physik – auch bei Einstein – die Zeit keine Richtung hat. Die Bewegungsgesetze gelten vorwärts wie rückwärts. Wenn ich eine Billardkugel filme, wie sie auf dem Billardtisch rollt, könnte ich den Film auch rückwärts laufen lassen, ohne dass es auffallen würde. Anders ist es, wenn ich eine Glasscheibe filme, die zerbricht – hier sehe ich sofort, wenn der Film rückwärts läuft: Die Scherben setzen sich wieder zur Scheibe zusammen. Das liegt an der sogenannten Entropie: Ereignisse entwickeln sich so, dass die Welt insgesamt tendenziell unordentlicher wird. Und wenn sie doch irgendwo ordentlicher wird – etwa, wenn wir den Abwasch machen – dann geht das nur, weil wir anderswo – in dem Fall im Abwasser – Unordnung schaffen. Diese Zunahme der Unordnung ist es, die physikalisch der Zeit eine Richtung gibt. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Energie des Universums muss am Anfang extrem "geordnet" gewesen sein – sonst gäbe es nicht die Möglichkeit, immer ungeordneter zu werden. Wenn man das aber zu Ende denkt, ist es vorstellbar, dass das Universum in vielen Milliarden Jahren irgendwann einen maximal ungeordneten Zustand annimmt. Das wäre dann eine Art Strahlenbrei. In diesem maximal ungeordneten Zustand würde sich der Zeitpfeil sozusagen auflösen, das Universum wäre so monoton, dass sich zumindest im Kleinen die Vergangenheit nicht mehr von der Zukunft unterscheidet; es gibt keine Ursachen und keine Wirkung.