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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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  1. Die frühe Bundesrepublik - Die 50er Jahre

    26.08.2025 · 24 Min.

    Die 1950er sind nicht nur WM-Sieg, Wirtschaftswunder und biedere Heimatfilme. Die Jahre der Besinnung aufs private Familienglück sind gleichzeitig die Zeit, in der größere Demonstrationen stattgefunden haben als 1968. Die grundlegenden Fragen, wie wir zusammen leben wollen, müssen erst verhandelt werden. Und die Jugendliche werden aufmüpfig. Von Johannes Berthoud Credits Autor dieser Folge: Johannes Berthoud Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Amberger, Jennifer Güzel Technik: Andreas Caramelle Redaktion: Nicole Ruchlak Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Bodo Mrozek, „Jugend – Pop – Kultur. Eine transnationale Geschichte“ – beschreibt anschaulich und pointenreich den Aufstieg von Jugendkulturen Mitte des 20. Jahrhunderts, inklusive der Halbstarken in den 1950ern. Siegfried Gohr, „Ich suche nicht, ich finde“: Pablo Picasso - Leben und Werk“ – erhellende bebilderte Einführung in das Werk von Pablo Picasso – allerdings klammert Gohr das berühmteste Werk „Guernica“ aus. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN An einem Donnerstagabend im Juli 1956 verlassen einige Jugendliche im Berliner Arbeiterviertel Wedding die kleine, enge Wohnung ihrer Eltern. Sie ziehen ihre Lederjacke an, setzen sich aufs Moped und knattern Richtung Afrikanische Straße, zum Cafe Punkt. Die Jugendlichen gehören zur „Totenkopfbande“, einer Gruppe, die sich regelmäßig hier trifft, um Musik zu hören, zu tanzen, sich zu unterhalten. Die Anwohner vom Cafe Punkt haben sich schon häufiger über den Lärm der „Halbstarken“, wie sie sie nennen, und der Kleinkrafträder beschwert. Diesmal, am 12. Juli, rückt die Polizei an und will die Straße räumen. Neugierige kommen dazu. Die Mitglieder der Totenkopfbande denken nicht daran, wegzugehen und bleiben vor dem Lokal stehen. Ein Wasserwerfer von der Polizei biegt um die Ecke. Polizisten zücken ihre Knüppel. Atmo aufgebrachte Menschenmenge + Polizeisirene Musik 1 aus. Musik 2: Capri-Fischer – 14 Sek SPRECHERIN Jugendkrawalle passen nicht in das Klischee der 50er: Da kommt der Familienvater mit dem VW Käfer von der Arbeit. ZSP 02 Millionenste Käfer Nordhoff Unseren Volkswagen, so wie er heute ist, behalten wir noch sehr lange bei. SPRECHERIN Während ihr Ehemann in der Fabrik war, hat die Hausfrau die Wohnung geputzt und das Essen vorbereitet. Musik 3 Willy Schneider - Grün ist die Heide – 31 Sek) SPRECHERIN Am Samstag geht’s ins Kino: Es läuft „Grün ist die Heide“. ATmo Schallplatte, Musik reißt ab: SPRECHERIN All das gehört zwar zum ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik, aber eben nicht nur. ZSP 05 Biermann Buntheit vielseitiger im Grundsatz ist diese Demokratie in den 50er-Jahren und auch das Lebensgefühl viel vielseitiger, als uns aus der Rückschau das vor Augen steht. SPRECHERIN Der Historiker Harald Biermann - Präsident des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. ZSP 06 Biermann Proteste Nur ein Beispiel: Herr Kraushaar, ein Historiker aus Hamburg hat eine Demonstrations-Chronik der 50er-Jahre herausgegeben, wo alle großen Demonstrationen in Westdeutschland nachgezeichnet werden. Und da stellt sich heraus, dass die großen Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung , für die Demokratisierung, sozusagen der Institutionen, gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen, das, dass größere Demonstrationen waren als 1968. Musik 4: Der Staat gegen Fritz Bauer (Epilog) - 1:10 Min SPRECHERIN Kein Wunder, die Menschen müssen erst verhandeln, wie sie zusammenleben wollen: welche Normen und Regeln sollen für eine Gesellschaft gelten, welchen Stellenwert sollen demokratische Prinzipien haben. Auf die Frage, wer am meisten für Deutschland geleistet hat, landet Hitler in der frühen Bundesrepublik auf dem zweiten Platz, nach Bismarck. Die Alliierten stellen in den Jahren nach dem Krieg zwar NS-Verbrecher vor Gericht. Unter Kanzler Konrad Adenauer war dann aber erst mal Schluss mit der Entnazifizierung. Viele große und kleine Nationalsozialisten konnten in der Verwaltung des neuen Staates einfach weitermachen. Ein Beispiel ist Hans Globke. 1935 wurden die „Nürnberger Gesetze" erlassen. Sie begründen die Verfolgung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. An den Gesetzen war auch Globke beteiligt. Er verfasste als Jurist einen wichtigen Kommentar zu den Gesetzen. Unter Konrad Adenauer wird er trotzdem Chef des Bundeskanzleramts. ZSP 07 Biermann Allensbach Beste Zeit 33-39 Allensbach befragt immer wieder was sind die, was war die beste Zeit bisher im 20.Jahrhundert. Und da sagen ganz ganz viele Menschen und vor allem auch Männer. Ähm, die beste Zeit im zwanzigsten Jahrhundert waren 1933 bis 39, also sozusagen das Dritte Reich im Frieden. Und das ändert sich erst so Ende der 50er-Jahre, diese Einschätzung. SPRECHERIN Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten ist selbstverständlich. Der Idealtypus eines Mannes hat eine stramme Haltung und trägt Uniform. Und dann knattern da plötzlich ein paar Halbstarke in Lederjacke auf ihrem Moped durch die Stadt, hören „Dschungelmusik“, wie es heißt, und hängen auf der Straße herum – wie beim Cafe Punkt im Wedding. Der Kulturschock für viele Ältere muss unvorstellbar gewesen sein. ZSP 8 Mrozek Flammenwerfer Und bei allen Verstößen gegen diese auch ästhetischen Normen, die eigentlich noch in der NS-Zeit etabliert waren. Da war der Ruf nach Haare abschneiden, Konzentrationslager oder Flammenwerfer nicht weit. SPRECHERIN Bodo Mrozek ist Historiker am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und Autor des Buches „Jugend – Pop – Kultur. Eine transnationale Geschichte“. Die Jugendlichen, die so viel Anstoß erregen: sie kommen häufig aus der Arbeiterklasse und fallen auf, weil sie Jeans anhaben, manchmal Lederjacken und weil sie sich in Gruppen auf öffentlichen Plätzen treffen. Mitte der 1950er kommt es in vielen deutschen Großstädten zu Krawallen. ZSP 9 Mrozek Hannover Und es reichte da wenig aus, um zu provozieren. In Hannover gab es einen Fall, wo auf der Straße, äh, Jugendliche überhaupt nur getanzt haben. Ein Vater entdeckt seine Tochter bei diesen obszönen Tänzen und zerrt sie davon, teilte aber vorher auch noch Boxhiebe an die jungen Tänzer aus. Und die reagieren natürlich darauf. Daraus entwickelt sich so ein groß Krawall. Und da sieht man exemplarisch, dass jetzt eigentlich die Gewalt nicht immer von den Jugendlichen ausging, sondern oftmals von der erwachsenen Kommunalgesellschaft, die sich durch ungewohnte Kultur provozieren ließ. Musik 5: Der Postraub - 39 Sek SPRECHERIN Die „Halbstarken“ sind Thema in vielen Tageszeitungen - und im Radio. ZSP 10 Diskussion mit Halbstarken 1 (frei ab 0:10 bis 0:23min; Archivnummer / Take: DK101130 Z00; Diskussion mit Halbstarken) Seit Monaten häufen sich in der der Tagespresse fast aller großen Städte der Bundesrepublik die fetten Schlagzeilen über Verbrechen und Ausschreitungen Jugendlicher. Das heißt – Pfui! – Sei stad jetzt, was schreist denn jetzt scho, da hast ja danach nichts mehr drin in der Kehle. SPRECHERIN Der Münchner Stadtrat Mühlbauer spricht aber nicht nur über Halbstarke. Auch Jugendliche selbst kommen auf der Veranstaltung zu Wort, die der Bayerische Rundfunk am 21.09.1956 sendet. ZSP 11 Diskussion mit Halbstarken 2 (ab 0:08min; Archivnummer / Take: DK101130 Z00; Diskussion mit Halbstarken) Man kann die Vorfälle, die heute ab und zu vorkommen, einfach nicht der gesamten Jugend in die Schuhe schieben! SPRECHERIN Die Hysterie, die um die Jugendkriminalität entsteht, sagt vielleicht weniger über die Jugend aus als über die sich empörenden Bürger. ZSP 12 Mrozek Jugendkriminalität Man ging also auch in wissenschaftlichen Untersuchungen damals davon aus, wenn jetzt minderschwere Abweichung von der Norm geschehen, dass da eine ganze Generation von Kriminellen heranwächst, die dann auch als Erwachsene das Land dominieren. SPRECHERIN Dabei ist die Abweichung von der Norm, zumindest auf der popkulturellen Ebene, genau das, was auch in der großen Politik passiert. Kanzler Konrad Adenauers Regierung aus Union und FDP setzt die Westbindung durch. 1955 gründet die Bundesrepublik die Bundeswehr und tritt der NATO bei. ZSP 13 Adenauer NATO (Archivnummer: H0000850020) Ich sehe in dem Eintritt der Bundesrepublik in den Nordatlantikpakt, einen Ausdruck der Notwendigkeit, den engen Nationalismus zu überwinden, der in den Vergangenen Jahrhunderten vielen Unglücks war. SPRECHERIN Die Jugendlichen orientieren sich auch nach Westen und hören amerikanische Rock’n’Roller wie Bill Haley oder Elvis Presley und schauen Filme mit Marlon Brando. Musik 6: Elvis Presley - Don't be cruel (to a heart that's true) – 37 Sek SPRECHERIN Ganz nebenbei entsorgen sie schon mal ein preußisches Männerideal, das viele Deutsche noch länger hochhalten. Die Stars aus Amerika – und deren deutsche Nachahmer wie der Sänger Peter Kraus – begeistern durch Lässigkeit, nicht durch stramme Haltung. In der ganz frisch gegründeten Jugendzeitschrift Bravo steht neben einem Poster von Marlon Brando. SPRECHER 2 „Marlon ist ein so salopper Zivilist, daß er sich grundsätzlich in keiner Uniform wohlfühlt.“ Musik 7: Conny – Lippenstift am Jacket – 34 Sek SPRECHERIN Die Bravo schreibt natürlich auch über Schlagerstars, die die deutsche Hitparade dominieren. Fred Bertelmann, Peter Alexander, Margot Eskens, Freddy Quinn und Conny… Musik hoch… SPRECHERIN Die neue Lässigkeit und die Abkehr vom Soldatenideal passt auch zu den Protesten gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Viele lehnen Anfang des Jahrzehnts eine neue deutsche Armee ab – aus Kriegsangst, die auch durch die Geschehnisse im Fernen Osten bestärkt wird 1950 greift Nordkorea Südkorea an. Ähnlich wie DDR und BRD sind die beiden Länder aus einer sowjetischen und einer US-amerikanischen Besatzungszone hervorgegangen. Der Historiker Harald Biermann: ZSP 16 Biermann Kriegsangst Kriegsangst war eben real, weil sechs Jahre zuvor der größte Waffengang der Weltgeschichte zu Ende gegangen war. Also jeder konnte sich damals vorstellen, was es heißt, in Mitteleuropa einen Krieg zu haben. Und dieses koreanische Muster sozusagen drohte eben auch in Europa umgesetzt zu werden. SPRECHERIN Der überstandene Krieg prägt die Zeit – das heißt aber nicht, dass nun in der Bundesrepublik die deutsche Schuld zum öffentlichen Thema wird. Die meisten sehen sich selbst als Opfer des Krieges und als von Hitler und seiner Verbrecherclique Verführte. ZSP 17 Biermann Beschäftigung NS Es ist keine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, aber durchaus eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, obwohl natürlich gesagt werden muss, dass zum Beispiel die Vernichtung der europäischen Juden im Großen und Ganzen kein gesellschaftliches Thema ist. Musik 8: Der Staat gegen Fritz Bauer – siehe oben – 53 Sek SPRECHERIN Über den Holocaust wird nicht gesprochen. Die Wehrmacht gilt im Gegensatz zur SS als saubere Armee und wird gerade nach der Wiederbewaffnung 1955 in Kriegsromanreihen gefeiert. „Der Landser“ verkauft sich hunderttausendfach. Die Kriegsangst tritt da schon in den Hintergrund. 1953 ist der Koreakrieg zu Ende gegangen. 1955 erlangt die Bundesrepublik dann auch die Souveränitätsrechte von den Alliierten zurück. Und eine andere Nachricht rührt das ganze Land: Adenauer reist nach Moskau. In Sachen Wiedervereinigung erreicht er nichts, aber er bringt die Nachricht mit nach Hause, dass die letzten deutschen Kriegsgefangenen von den Sowjets entlassen werden. Die „Heimkehr der Zehntausend“. TON 18 Biermann Aufbruch Das war natürlich ein Aufbruch in eine neue Zeit, auch ein nachholen, also einerseits davongekommen, andererseits Aufbruch. Und dann, wenn die 50er-Jahre sich etwas weiterentwickeln, auch zunehmender Wohlstand der aber, und das muss man hier, glaube ich, noch einmal unterstreichen, hart erarbeitet werden musste. Musik 9: Wirtschaftswunder Archivnummer: ZZ223375220 – 19 Sek „Jetzt kommt das Wirtschaftswunder, jetzt kommt das Wirtschaftswunder“… SPRECHERIN Das Wirtschaftswachstum liegt im Durchschnitt bei 8 Prozent. Heute unvorstellbar. ZSP 20 Ludwig Erhard - Wirtschaftskommentar Zukunft Was hinter uns liegt, die Wiedererstarkung deutschen Lebens aus Trümmern und Verzweiflung mag uns wohl Trost und Hoffnung geben, dass in solchem Sinne Vergangenheit fruchtbar und lebendig bleibt, SPRECHERIN Wirtschaftsminister Ludwig Erhard mit seiner Zigarre ist die Ikone dieser Zeit. ZSP 20 Erhard weiter aber alles was den Menschen und ein ganzes Volk bewegt, gilt der Zukunft, hofft auf das morgen. SPRECHERIN Sechs Tage die Woche, 48 Stunden arbeiten viele Deutsche zu der Zeit. ZSP 21 Werbung für Coca Cola aus den 50ern: Archivnummer / Take: WR030570 Z00 – 4 Sek – Sendereichte frei Mach mal Pause, Coca-Cola! SPRECHERIN Die deutschen Männer vor allem sind erwerbstätig. Nachdem die Frauen in der Kriegszeit den Laden geschmissen haben, sollen sie sich wieder um den Haushalt und die Familie kümmern. Oder wenn, dann in Bereichen arbeiten, die den Frauen vorbehalten sind. ZSP 22 Werbung Uhu (WR031670113, Senderechte frei) Gisela, eine Sekretärin wie tausend andere -Ich nehme Uhu gegen Laufmaschen. Einfach toll! -Aah. Musik 10 – Ein guter Informant – 1:05 Min SPRECHERIN „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ – so steht es im Grundgesetz von 1949. Und das nur, weil Friederike Nadig, Elisabeth Selbert, Helene Wessel und Helene Weber dafür gekämpft haben. Neben 61 Männern waren sie die einzigen vier Frauen im Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz erarbeitet hat. Die Adenauer-Regierung tut dann aber wenig dafür, diesen Satz aus der Verfassung mit Leben zu füllen. ZSP 23 Adenauer Frauen [Archivnummer: DK30105] Wir Männer merken eigentlich immer erst, was unsere Frauen bedeuten, wenn sie fehlen. Dann fehlt es überall im Haus. SPRECHERIN Noch bis 1957 gilt folgender Paragraph im Bürgerlichen Gesetzbuch: SPRECHERIN 2 "Dem Mann steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung." SPRECHERIN Erst Ende der 50er erhalten Frauen bekommen mehr Rechte und die Arbeiter mehr Freizeit. Erste Branchen führen den freien Samstag ein. Die meisten Vatis werden am langen Wochenende trotzdem nicht die Kinder hüten – oder beim Zubereiten des Sonntagsessens helfen: ZSP 26 Biermann Schmorrbraten Lang gebraten, Schmorrbraten mit Leipziger Allerlei und frischen Kartoffeln. SPRECHERIN Der Präsident des Hauses der Geschichte Deutschlands Harald Biermann nennt ein typisches Essen für die Zeit. ZSP 27 Biermann Fresswelle Natürlich gab es diese Fresswelle, dass man eben nachholte, was in den Vierzigerjahren sagen wir jetzt mal nicht möglich war. Aber wenn man jetzt ökologisch korrekt ernährungstechnisch auf dem neuesten Stand wäre, muss man sagen, dass die Ernährung wahrscheinlich in den 50er Jahren besser war, weil man eben Braten nur sonntags aß also. Sonst gab es in den ganz vielen Fällen kein Fleisch. SPRECHERIN Die ersten Urlauber beginnen in den 50ern schon die lange beschwerliche Reise auf der alten Brenner-Passstraße nach Italien. Mitte des Jahrzehnts fährt aber erst ein Viertel aller Deutschen überhaupt auf Urlaubsreise. Das Ziel liegt fast immer in Deutschland. Und viele können von Reisen nur träumen. Gerade weil die Welt für viele noch so weit weg ist, gedeiht das Fernweh. Musik 11: Komm ein bisschen mit nach Italien – 15 Sek Komm ein bisschen mit nach Italien, komm ein bisschen mit ans blaue Meer. Und wir tun als ob das Leben eine schöne Reise wär… Musik 12: Tipitipitipso Länge: 30 Sek - SPRECHERIN Noch weiter weg als Italien – vollkommen unvorstellbar. Aber im Kino oder im Schlager: Da ist alles möglich Musik 13: Schwarzwaldmädel - 13 Sek SPRECHERIN Nicht nur im Schlager ist die Welt in Ordnung – auch im Heimatfilm. ZSP 32 Biermann Kino Der Heimatfilm hatte eine Entlastungsstrategie also gerade in den frühen 50er-Jahren. Wenn man, wenn man sagt, rund um mich herum war viel Vernichtung, war auch viel Ärger, war viel Anstrengung, dann entfloh man eben für anderthalb Stunden in ein Kino. ZSP 33 34 Biermann Grün ist die Heide also wenn sie an „Grün ist die Heide“ denken dann das war, glaube ich, der erfolgreichste Heimatfilm. Musik 14: „Geheimnis“ – 50 Sek SPRECHERIN In „Grün ist die Heide“ wird ein verbitterter Vertriebener zum Wilderer. Früher hatte Lüder Lüdersen ein herrschaftliches Anwesen und viel Wald. Nach der Flucht aus dem Osten mit seiner Tochter in die Lüneburger Heide muss er als Verwalter arbeiten – und wildert. Als ein Gendarm erschossen wird, fällt der Verdacht auf ihn. Dabei steckt ein wirklich gewissenloser Wilderer und Schurke hinter dem Mord. Auf ihn trifft er in der Heide. Es kommt zum Kampf, Lüdersen wird verwundet. Aber der Förster rettet ihm das Leben - und kommt endgültig mit dessen Tochter zusammen. ZSP 33 34 Biermann Grün ist die Heide weiter Da wird schon sehr genau darauf geachtet, das die Vertriebenen, die eben dort auch eine Rolle spielen, sozusagen dann in die Heimat integriert werden. Und das sind schon - also bei aller sage ich mal oberflächlichen Ästhetik, ganz interessante gesellschaftliche Entwicklungen, die dort abgebildet werden. Musik 15: Das Verhör der Gang – 20 Sek SPRECHERIN Aber auch um die jugendlichen Mopedfahrer drehen sich Filme. Einer heißt sogar „Die Halbstarken“. Die Hauptfigur Freddy stiftet seine Bande zum Überfall auf ein Postauto an. Am Ende geht alles furchtbar schief und er wird verhaftet. 1957 zählen die Kinos über 800 Millionen Besucher. Zum Vergleich: 2023 sind es unter 100 Millionen. Die Menschen suchen in den 50ern im Kino nicht nur Ablenkung. Es laufen auch Nachrichten: Die Wochenschauen. Da die Fernseher erst langsam in den Wohnzimmern ankommen, informieren die Menschen sich in den Kinos. Mit der Zeit haben sie immer mehr Geld für Musiktruhen, Schallplatten, Mopeds und Schmorbraten. Der Konsum zeigt vielleicht am besten, dass die 50er wie jedes Jahrzehnt einer willkürlichen Einordnung folgen. Denn die Unterschiede zwischen 1950 und 1959 sind gewaltig. Das Geld, das zum Ausgeben übrigbleibt, verdoppelt sich in dem Zeitraum. Vom Wirtschaftswunder-Chanson kennt jeder den Refrain, aber so fängt er an: Musik 16 Jetzt kommt das Wirtschaftswunder – 18 Sek Die Straßen haben Einsamkeitsgefühle und fährt ein Auto ist es sehr antik. SPRECHERIN Aber dann kommt das Wirtschaftswunder und 1955 läuft der Millionste Käfer vom Band. ZSP 36 Biermann Staus Anfang der 50er Jahre hatte fast niemand ein Auto, und Ende der 50er-Jahre gibt es in allen größeren Städten Staus. Musik 17: Goofin‘ around – siehe vorn – 17 Sek SPRECHERIN So langsam konnten sich die Bürger wieder was leisten. Nach Jahren des Darbens, haben alle freudig mitkonsumiert. Auch die aufmüpfigen Jugendlichen mit ihren Mopeds hätten gewollt. Die „Halbstarken.“ Die amerikanischen Stars machen ihnen ja vor, wie man lässig aussieht. SPRECHERIN Der Historiker Bodo Mrozek hat zu Jugendkulturen in der Mitte des 20. Jahrhunderts geforscht. Der Markt hat im Gegensatz zu den Eltern kein Problem mit den aufmüpfigen Jugendlichen- und bald gibt es alles, was deren Herz begehrt. ZSP 38 Mrozek Bravo Mode Diese Wirtschaftsgeschichte ist ja kaum zu verstehen, wenn man nicht die Attraktion popkultureller Images versteht, von der Schallplatte übers Abspielgerät zum übers Kleinkraftrad hin bis zum T-Shirt. Das sind ja eigentlich die Ansätze, die auf kultureller Ebene gesetzt werden und dann in Angebot und Nachfrage zu harter Wirtschaftsgeschichte umgemünzt worden sind. SPRECHERIN Am Ende der 50er stellen Meinungsforscher dann fest: Die ganze Aufregung, um eine kriminelle Generation, die da angeblich heranwächst, war umsonst. Die Jugendlichen teilen die Werte der Elterngeneration. ZSP 39 Mrozek Werte der Elterngeneration Sie wollten ein Eigenheim, einen sicheren Job und eine Familie gründen. SPRECHERIN Und doch haben die so genannten Halbstarken einen Anteil daran, wie wir heute leben. Sie haben damit begonnen, die Kultur in Deutschland umzukrempeln. ZSP 40 Mrozek Avantgarde Das war ja eigentlich genau die Westbindung, die die Bundesrepublik auch durch die Kulturpolitik, die starke Orientierung an Amerika allmählich vollzogen hat, um eben auch aus diesem deutschen Nationalismus. Und man muss ja auch sagen, aus dem Nationalsozialismus allmählich heraus zu kommen. Und so gesehen waren die Jugendlichen schon eine Avantgarde, die kulturelle Entwicklung vorweggenommen hat, die die Bundesrepublik später ganz offiziell vollzogen hat, auch wenn es zu keine expliziten politischen Forderungen gehabt, die von dieser Jugend jetzt lautstark erhoben worden wären. SPRECHERIN Die 50er Jahre in der Bundesrepublik waren ein Jahrzehnt des Aufbruchs. Viel lebendiger und aufregender als unser kollektives Gedächtnis häufig erinnert. Optimismus und steigender Wohlstand prägen das Lebensgefühl. Demokratische Werte finden immer mehr Resonanz, aber es wird noch dauern, bis es eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und der deutschen Schuld gibt. Die Vernichtung der europäischen Juden ist eine dröhnende Leerstelle, über die so gut wie keiner spricht. Musik 18: Der Staat gegen Fritz Bauer (Epilog) – siehe vorn – 41 Sek Trotz des Aufbruchs, die biedere und ordnungsliebende Anmutung der Zeit, von der sich die Halbstarken abgewendet haben, ist nicht im Nachhinein erfunden. Das zeigt auch ein letztes Klischee, das hier entlarvt werden soll. Musik 19 – Immer elegant – 36 Sek 50er Jahre Möbel aus dem 20. Jahrhundert sind im 21. Jahrhundert wieder gefragt. Der Nierentisch mit leicht schräg nach außen stehenden Beinen ist hip. ZSP 41 Biermann Nierentisch So sah aber keine Wohnung aus. Die Realität war immer allgemeiner gesprochen. Die Realität war Gelsenkirchener Barock. Also die Menschen vertrauten auf die Möbel, die sie haben retten können, aus den 20er oder 30er Jahren. Also Eiche rustikal Schrankwand und der röhrende Hirsch über dem über dem Sofa.

  2. WirTier (2): Eselsbrücken

    26.08.2025 · 68 Min.

    Anahid steht voll im Leben, als ein Trauma sie aus der Bahn wirft. Dann kommt Lollo, ihre Eselin, als rettende Brücke zurück zu den Menschen. Host Julius erlebt bei WirTier selbst, welch emotionale und soziale Wesen Esel sind. CREDITS: Gast: Anahid Klotz von der Eselsfarm Asinella Hosts und Reporter: Victoria Marciniak und Julius Bretzel Dramaturgie und Regie: Katharina Hübel Redaktion: Bernhard Kastner Technik: Stefan Oberle Musik: Dagmar Petrus und Stefan Oberle Distribution: Alexandra Klockau, Celine Frohnapfel, Katharina Hübel und Bernhard Kastner Idee und Konzeption: Bernhard Kastner und Katharina Hübel Wir Tier ist eine Produktion der Redaktion Grundbildung, Geschichte und Gesellschaft des Bayerischen Rundfunks 2025. Und wenn ihr uns schreiben wollt – zum Beispiel von euren Mensch-Tier-Begegnungen: wir-tier@br.de Wir freuen uns! Das Manuskript von WirTier (2): Eselsbrücken findet ihr HIER. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Tiere erleben Abenteuer. Sie reagieren unterschiedlich auf schwierige Situationen und finden eigene Lösungen. Ihre Lebenswege sind alle individuell. Genauso wie bei Menschen. Bisher haben sich solche Wildnis-Biografien immer im Verborgenen abgespielt. Aber jetzt interessieren sich immer mehr Biologen dafür – und bringen diese Lebensgeschichten mit großem Aufwand ans Licht. Einblick in die abenteuerlichen Lebensgeschichten von Wildtieren, gibt die Podcast-Reihe „Namenlose Helden – Biografien aus der Wildnis“. Vom Storch Hansi, der den Anschluss an den Vogelzug verpasst oder vom Überlebenskampf eines verwaisten Gebardenmädchens. Dank Hightech und Biologgern können Forscher diese Geschichten erzählen – zu hören sind sie in IQ – Wissenschaft und Forschung https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:4f22603952486b85/ LINKS: Wir haben noch einen Podcast-Tipp für euch: Wenn ihr mehr über die Begegnung zwischen Mensch und Tier hören oder sogar sehen wollt, schaut mal bei den Bergfreundinnen, dem Podcast für dein Leben mit den Bergen vorbei. Bergfreundin Toni Schlosser ist mit einer Wanderreitgruppe über die Alpen geritten. Um ihren Kindheitstraum zu verwirklichen, nimmt sie an einem Wanderreitkurs teil und wird dabei schnell mit ihren körperlichen und mentalen Grenzen konfrontiert. Sie gewinnt auch tiefgreifende Erkenntnisse über die Beziehung zwischen Mensch und Pferd. Dazu gibt es mehrere Podcast Folgen bei den Bergfreundinnen und eine Doku in der ARD Mediathek. Zur Doku „Freiheit im Sattel“ über Tonis Alpenritt geht es HIER. Mehr Infos zu Eseln … … findet ihr auf der Homepage von Eselsflüsterin Anahid Klotz, die ihr auch in unserer Folge gehört habt: https://www.asinella.de/ …außerdem bei Radiowissen: Der Esel - Die Entdeckung der Langsamkeit https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/der-esel-die-entdeckung-der-langsamkeit/bayern-2/78754260/ Und wenn ihr jetzt auch wie wir im ‚Eselsfieber‘ seid, ihr noch mehr über diese wunderbaren Tiere erfahren wollt, dann seid ihr bei dieser Folge Radiowissen über den Esel genau richtig. Ein Beitrag über die uralte Beziehung Mensch und Esel, über die Geschichte eines ganz besonderen Haustieres – das immer noch mit so vielen Vorurteilen zu kämpfen hat! Das Pferd in Kult und Religion - Herrschertier und Jenseitsführer https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/das-pferd-in-kult-und-religion-herrschertier-und-jenseitsfuehrer/bayern-2/10866207/ Ohne Esel und Pferd wären wir Menschen wohl nicht so weit gekommen. Beide trugen Lasten, zogen Wägen, waren bei Wanderzügen der Menschen aber auch bei Feldzügen lange unersetzlich. Klar, dass diesen Tieren – und dem Pferd im Besonderen – zahlreiche Kulte und mythische Erzählungen gewidmet wurden. Und einige davon hört ihr in diesem Beitrag. Multitalent Pferd - Freund, Lasttier und ‚Kriegsgerät‘ https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/multitalent-pferd-freund-lasttier-und-kriegsgeraet/bayern-2/78749824/ Noch vor gar nicht allzu langer Zeit waren Pferde unersetzliche Arbeitstiere, in der Landwirtschaft, im Transportwesen, im Krieg, im Einsatz bei der Post … Das hat sich mit der Industrialisierung grundlegend geändert und immer mehr entdeckte der Mensch das Pferd als Freund, als Begleiter für Sport und Freizeit, aber auch als Therapie-Pferde bereichern heute viele Pferde unseren Alltag. Zum Weiterhören: Mit Tieren sprechen - Ein Podcast über die besondere Verständigung von Mensch und Tier, von Natalie Putsche Folge 1, Gitti und der Vogel Für Dohle Gunna ist Gitti die Partnerin des Lebens und Gitti sagt über den Vogel: Gunna hat noch mehr Schalk und Leichtigkeit in mein Leben gebracht. https://1.ard.de/1-gitti-und-der-vogel Folge 2, Julie und die Rinder Julie ist 24 und lebt mit zwei Rinderherden. Über ihren Lieblingsochsen Noni sagt sie: Er hat mich geheilt. Durch ihn weiß ich erst, wer ich bin. https://1.ard.de/2-julie-und-die-rinder Ein Leben ohne Tier ist möglich, aber sinnlos. Dieser abgewandelte Loriot-Satz stimmt für alle, die Host Natalie für ihren Podcast trifft. Aber wie kann es sein, dass sich Mensch und Tier so gut verstehen, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen?

  3. Die Geschichte der Feuerwehr - Von Ledereimern und Tanklöschfahrzeugen

    25.08.2025 · 23 Min.

    Notruf 112 wählen, maximal 15 Minuten warten - dann ist sie da: die Feuerwehr. Das war nicht immer so: dass wir schnelle und effektive Hilfe in der Not bekommen, ist das Ergebnis einer ereignisreichen Entwicklungsgeschichte. (BR 2022) Credits: Autor/in dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Anne-Isabelle Zils und Stefan Wilkening Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Florian Hörhammer, Pressesprecher der Feuerwehr München Markus Zawadke, Kurator des Feuerwehrmuseums Bayern e.V. in Waldkraiburg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Feuerwehrmuseum Bayern e.V. in Waldkraiburg Das Museum – im oberbayerischen Waldkraiburg gelegen, ist ein Juwel, das einen Besuch mehr als lohnt: als größtes Feuerwehrmuseum Deutschlands – und ausschließlich von ehrenamtlichen Betreibern geführt – bietet es eine einzigartige und hervorragend kommentierte Sammlung an Fahrzeugen, Geräten, Uniformen, Feuermeldern, Modellen u.v.m. vom Beginn des deutschen Feuerwehrwesens bis heute: Mehr Infos unter: EXTERNER LINK | https://www.feuerwehrmuseum-bayern.de/ Literaturtipps: Prager, Hans-Georg: Florian 14: Achter Alarm! Das Buch der Feuerwehr. Verlag Mittler & Sohn, Herford 1980 (3. Auflage): Dieses Buch gibt bis heute den umfassendsten und zugleich nahbarsten Einblick in die Welt der Feuerwehr. Der Journalist Hans-Georg Prager arbeitete ein halbes Jahr lang als vollwertiges Mitglied der Hamburger Feuerwehr mit. Lottmann, Eckart: Berliner Feuerwehr. Auf der Drehleiter der Geschichte. Be.bra Verlag, Berlin, 1996 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN: Ein Löschzug der Feuerwehr unterwegs zum Einsatz. Jemand hat den Notruf 112 gewählt. Von jetzt kann man damit rechnen: in spätestens 12 Minuten ist Hilfe da. Das ist die Frist, in der die Feuerwehr hierzulande vor Ort sein muss. Damit das geschehen kann, stehen allein in Deutschland mehr als eine Million Feuerwehrleute bereit, Tag und Nacht. Sprecher Dabei ist der Name „Feuerwehr“ ein bisschen irreführend: denn sie leistet Hilfe nicht nur bei Bränden. Löschen ist nur ein Teil der vier Tätigkeiten, die das Motto des Deutschen Feuerwehrverbandes bilden. Das sind: Retten – Löschen – Bergen und Schützen. ERZÄHLERIN: Dazu gehört die Notfallrettung ebenso wie die technische Hilfeleistung. Doch das Feuer hat unsere Geschichte besonders stark geprägt – und damit auch die Notwendigkeit, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Daher soll es in dieser Sendung hauptsächlich darum gehen. ATMO: Feuer knistert SPRECHER: Feuer war lange Zeit zunächst eines: eine Naturgewalt, entfacht durch Blitz oder Funkenflug. Dass der Mensch das Element gezähmt und für seine Zwecke nutzbar gemacht hat, dürfte die Entwicklung unserer Spezies maßgeblich beeinflusst haben. Feuer half als Schutz vor wilden Tieren, machte Nahrung durch Erhitzen leichter verdaulich und ermöglichte schließlich auch die Herstellung diversester Gebrauchsgegenstände. MUSIK 2 (Imogen Heap: The Fire) ERZÄHLERIN: Doch es gab auch die Kehrseite: Feuer geriet leicht außer Kontrolle und konnte Zerstörung und Tod bedeuten. MUSIK 3 (Gothic Voices: O Ignis Spiritus) SPRECHER: Jahrtausende lang betrachtete man Brände als eine Strafe Gottes – und nahm sie als Schicksal hin. Im Mittelalter wurde von der Kanzel herunter oft sogar verboten, Feuer zu bekämpfen: denn das hieß ja, Gottes Strafe zurückzuweisen. MUSIK 4 (Conrad Steinmann: Nomos M) ERZÄHLERIN: In der Antike begannen vor allem die Griechen und die Römer, die Brandbekämpfung pragmatisch zu betrachten. Speziell im alten Rom war die Lage oft brenzlig: in der dicht bebauten Hauptstadt des Römischen Reiches herrschte durch den regen Zuzug Wohnungsnot. So wurden in Eile windige Mietskasernen aus Lehm und Stroh hochgezogen, deren Statik eine Katastrophe war. So oft gingen Gebäude in Flammen auf, dass der Senat beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Markus Zawadke, Kurator des Feuerwehrmuseums Bayern in Waldkraiburg, hat die Geschichte der Feuerwehr von Anbeginn im Blick. ZUSPIELER 1 (O Ton Zawadke) Griechen und die Römer waren uns ja schon um Tausende von Jahren voraus. Haben tatsächlich die Pumpe erfunden, haben tatsächlich den Schlauch erfunden und haben tatsächlich auch schon die Feuerwehr erfunden. Das gab es alles im römischen und im griechischen Reich und ist auch teilweise bis zur Perfektion schon entwickelt worden. Wir wissen alle, das Römischen Reich ist untergegangen, die Griechen damit übrigens auch. Und dann ist das alles in Vergessenheit geraten. Gerade in Deutschland, und in Deutschland herrschte einfach noch tiefstes Mittelalter, und da hat halt schlicht und einfach der Landmann wie der Bauer wie das Gesindel einfach nur den Eimer gekannt und die Eimerkette. ERZÄHLERIN: Und so sahen sich die im Mittelalter wieder wachsenden Siedlungen der Gefahr hilflos gegenüber. Die Zeit vom 12. bis 14. Jahrhundert gilt als Epoche der großen Stadtbrände. Unzählige Städte wurden durch Feuer komplett zerstört – manche davon nicht nur einmal. In den – eng an eng stehenden – Holzhäusern gab es keine Kamine: geheizt und gekocht wurde mit einem offenen Feuer; der Rauchabzug war ein Loch im Strohdach. Ein ungünstiger Funkenflug, und alles stand in Flammen. Selbst jene Hausbesitzer, die brav ihren Ledereimer mit Wasser bereithielten, konnten nur dann noch Schlimmeres verhindern, wenn sie schnell reagierten, gegen größere Brände konnte man selbst mit vereinten Eimern und Kräften kaum noch etwas ausrichten. ATMO: Sturmglocken, Feuer MUSIK 5 (Ennio Morricone: Overture) ERZÄHLERIN: Während immer noch viele Menschen die Katastrophen als gottgegeben hinnahmen, regte sich doch auch immer mehr der Wille zur Gegenwehr. Nach dem großen Brand von London im Jahr 1189 gab die Stadt eine Feuerschutzordnung heraus: jeder Hausbesitzer hatte von nun an ein Fass mit Wasser bereitzuhalten. Nachts patrouillierten Wächter durch die Straßen. Andere Städte zogen nach. In Hamburg hatten Türmer von oben ein Auge auf Brandherde. Doch trotz alledem wurde es in den folgenden Jahrhunderten nicht viel besser. ZUSPIELER 2 (O Zawadke) Das Problem war: eigentlich die Städte, wie sie sich entwickelt haben. Man hat Handel betrieben, die Städte sind reich geworden, teilweise natürlich durch den Handel, haben das durch eine entsprechende Bebauung auch gezeigt. Also Wohnungsnot, die gibt es nicht nur heute, sondern die war damals auch schon um 1500,1600,1700 in den Städten durchaus vorhanden. Das heißt, die wurden enger gebaut. Es wurden auf die ersten Stockwerke zweite Stockwerke, dritte Stockwerke gesetzt, die teilweise auch sehr chaotisch gebaut worden sind. Man denkt also nur mal an London, wo das erste Stockwerk dann schon in die Straße reingeragt hat und das zweite und dritte Stockwerk noch weiter, weil man dafür eben keine Steuern bezahlen musste. Man hat eben nur unten einmal die unten die Grundsteuer bezahlt und obenhin dann nicht mehr. Und dadurch sind die Straßen auch eng geworden, Und hier sind natürlich auch verheerende Brände passiert in allen Städten, es gibt keine in Anführungszeichen Großstadt der Welt, wo nicht verheerend schon mal irgendwas abgebrannt worden ist… ERZÄHLERIN: Und so versuchte man, diesem Problem mit Bauordnungen zu Leibe zu rücken. Darin wurde zum Beispiel geregelt, dass Dächer mit Schindeln statt mit Stroh zu decken waren, oder es wurden Mindestabstände zwischen Gebäuden vorgeschrieben. Durchaus mit Erfolg: Viele Dinge, die um 1500 festgelegt wurden, gelten auch heute noch, etwa in der Bayerischen Bauordnung. MUSIK 6 (Ennio Morricone: Overture) ERZÄHLERIN: Paradoxerweise brannten gerade die beiden europäischen Metropolen, die die fortschrittlichsten Brandschutzvorkehrungen besaßen, noch einmal nieder: London im Jahr 1666 und Hamburg knapp zwei Jahrhunderte später, 1842. Allzu sehr hatte man sich durch die Errungenschaften in Sicherheit gewiegt. SPRECHER: Traurig, aber wahr ist oft: dass erst nach großen Katastrophen ein Umdenken passiert. So war ein zentraler Wendepunkt für die Feuerwehrtechnik um den Großen Brand von London zu verzeichnen. MUSIK 7 (Ennio Morricone: L’inferno bianco) ATMO: Schmiedewerkstatt ERZÄHLERIN: Schon kurz zuvor, im Jahr 1650, gelang dem Nürnberger Zirkelschmied Hans Hautsch ein großer Wurf: er konstruierte eine Feuerspritze, die so massiv war, dass sie von drei Pferden gezogen werden musste. Achtundzwanzig Mann waren nötig, um sie mit vereinter Muskelkraft zu bedienen. Aber was sie vermochte, lohnte den Aufwand: Durch ein ausgeklügeltes technisches System konnte sie einen ununterbrochenen Löschwasserstrahl bis zu zwanzig Meter weit in die Flammen schleudern. ATMO: Wasserstrahl ins Feuer ERZÄHLERIN: Das war revolutionär. Die Menschen horchten auf. Waren Brände vielleicht doch etwas, das man bezwingen konnte? Ähnliches Aufsehen erregte schon bald darauf eine andere Erfindung; sie kam aus Holland von einem Vater und Sohn namens van der Heyde. Die beiden analysierten die Katastrophe von London und gingen der Frage nach, wie man einen Brand künftig frühzeitig in den Griff bekommen könnte. Ein zentrales Problem, folgerten sie, waren Brände in Räumen, auf Türmen und allgemein an Stellen, wo man mit den Feuerspritzen nicht hinkam. Und sie kamen auf eine geniale Lösung: sogenannte „Schlangenspritzen“ aus Leder, sprich: Feuerwehrschläuche. Mit deren Hilfe konnte man nun bis in die Häuser vordringen. Und dank zusätzlicher Verstärkerpumpen in den Kirchtürmen ließ sich das Wasser sogar bis zum Turmhelm hinauf befördern. MUSIK 8 (Ennio Morricone: Overture) SPRECHER: Dann, 1842, kam die Brandkatastrophe von Hamburg. Ein weiterer Wendepunkt der Feuerwehrgeschichte. Die Entwicklung der Löschgeräte schritt nun schon lange stetig voran; aber die Ohnmacht der Hamburger Brandabwehr zeigte, dass auch die Organisation stark verbesserungswürdig war. ERZÄHLERIN: Bis dahin hatte es in Deutschland nur Pflichtfeuerwehren gegeben: das heißt, Angehörige bestimmter Berufsgruppen wurden verpflichtet, Hilfe zu leisten, wenn es brannte. Doch das hieß nicht, dass es auch so war: manche kamen nicht rechtzeitig hin, andere nahmen lieber ein Bußgeld in Kauf, als sich aus dem Haus und in Gefahr zu begeben. Eine zündende Idee kam von einem Mann, der in vielfacher Weise die Geschichte der Feuerwehr prägen sollte: Carl Metz. Er plädierte für das Konzept einer Freiwilligenmannschaft – rekrutiert aus den damals aufkommenden Turnvereinen. Die Männer dort waren jung, kräftig und voller Tatendrang. So wurde in Durlach bei Karlsruhe im Jahr 1846 ein freiwilliges „Pompierkorps“ gegründet, bestehend aus 50 Mann. Für diese Truppe schuf Carl Metz dann auch erstmals die Bezeichnung „Feuerwehr“. MUSIK 9 (Keller Steff: Feierwehr ) SPRECHER Das Konzept der freiwilligen Helfer machte Schule. Auch in anderen Städten wurden ab jetzt Freiwillige Feuerwehren gegründet. [In München – heute Stadt mit einer der bestbestückten Feuerwehren Deutschlands – brauchte es dafür allerdings mehrere Anläufe, wie Markus Zawadke weiß: ZUSPIELER 3 (O Zawadke) München hatte drei Ansätze gemacht zur Feuerwehrgründung bis eine Freiwillige Feuerwehr endlich sich gründen konnte. Weil die die ersten zwei haben sie gleich einmal verboten. Der berühmteste existiert heute noch, der TSV 1860. Der hat tatsächlich 1860 als Turnermannschaft versucht, die erste Feuerwehr zu gründen. Also man kann eigentlich sogar tatsächlich sagen die Sechziger wären die erste Feuerwehr gewesen, wenn sie nicht gleich verboten worden wären. Wegen politischer Umtriebe.] ERZÄHLERIN: Der Große Brand von Hamburg brachte auch den Berliner Magistrat zum Nachdenken. Die Stadt, so befand er, braucht Feuerwachen mit Personal, das rund um die Uhr einsatzbereit ist. So wurde dort im Jahr 1851 die erste Berufsfeuerwehr gegründet. Das heißt: die Feuerwehrleute waren rund um die Uhr in Schichten eingeteilt; sie waren von der Stadt angestellt und bekamen ein festes Gehalt. SPRECHER: So ruht das Konzept der Nothilfe in etlichen europäischen Ländern seither auf zwei Säulen: den freiwilligen und den Berufsfeuerwehren – das sind die Länder Deutschland, Österreich, die Schweiz und Polen. In Deutschland gibt es heute die Vorschrift, dass jede größere Stadt – meist ab 100.000 Einwohnern – eine Berufsfeuerwehr haben muss. Dennoch stellen die freiwilligen bei weitem den größten Teil der Helferinnen und Helfer: auf 35.000 Berufsfeuerwehrleute kommen gut eine Million Ehrenamtliche. Damit die Feuerwehr ausrücken kann, muss sie natürlich erst einmal erfahren, dass und wo es brennt. ATMO: Reiter galoppiert ERZÄHLERIN: Die Städte bezahlten nun auch Feuerboten. Teilweise bis in die 1930er Jahre gab es solche Boten, die zu Pferde oder später auch per Fahrrad zur Feuerwache eilten und Bescheid gaben. Das dauerte natürlich oft viel zu lange. Wieder einmal war Berlin Vorreiter mit einer Neuerung: zusammen mit der Gründung der Berufsfeuerwehr konnte dort auch gleich eine neue Meldetechnik an den Start gehen: Feuermelder, die per Telegrafie funktionierten, anfangs noch per Morsealphabet. In der gesamten Stadt baute man ein Netz aus automatischen Meldern auf. Jeder, der ein Feuer bemerkte, konnte nun per Knopfdruck die Feuerwehr alarmieren – eine segensreiche Erfindung, die sich lange hielt: ZUSPIELER 5 (O Zawadke) Grad um von 1860, 70 bis weit, also sogar in den 1950er 60er 70er-Jahren noch waren also diese Feuermelder an allen Ecken und Enden gestanden, Druckknopfmelder, wo man so reindrücken konnte und dann die Feuerwehr alarmieren konnte. Es gab da eben Lochstreifen und dann hat man anhand der Lochstreifen genau feststellen können: Ah, das ist der Feuermelder sowieso in der Straße sowieso. Und dann ist da die Feuerwehr hingeschickt worden. ATMO: Sirene SPRECHER: Viele kennen die allgegenwärtigen Kästchen mit dem Druckknopf noch gut. Inzwischen hat das Handy die fest installierten Melder weitgehend überflüssig gemacht. ERZÄHLERIN: Um ein Feuer löschen zu können, muss man natürlich erstmal so schnell wie möglich zur Brandstelle gelangen. Schon zu Zeiten der Pferdefuhrwerke gab es dafür eine ausgeklügelte Strategie. Die Münchner Hauptfeuerwache, erbaut 1902, wurde noch für die Fuhrwerke konstruiert. Der Pressesprecher der Münchner Feuerwehr, Florian Hörhammer, erzählt: ZUSPIELER 6 (Hörhammer) Hier waren Ställe und dementsprechend auch dort genau dort, wo jetzt die hochmodernen Fahrzeuge stehen, standen zu dieser Zeit Kutschen. Bei einem Alarm haben sich also die Boxentüren automatisch geöffnet, Pferdeboxen-Türen, die Pferde waren annähernd zirkusreif, also sie haben sich dann vor der richtigen Kutsche eingefunden, und an der Decke hingen dann dementsprechend die sogenannten Klapp-Geschirre, die dann halt von einer Mannschaft geschlossen wurde(n), weil es musste erst eingespannt werden. ATMO: Fuhrwerk rückt aus, Glocken ERZÄHLERIN: Das ging alles schon sehr schnell – so schnell, dass es heute im Durchschnitt nur eine Minute länger dauert, bis die Fahrzeuge die Wache verlassen haben. Auf dem Land dagegen sah das schon anders aus. Da standen die Pferde nicht parat. Sie wurden von den Bauern oder Fuhrunternehmern gestellt. Und die hatten nicht unbedingt Interesse, ihre Arbeit von jetzt auf gleich liegen zu lassen, um die Pferde zum Einsatz zu schicken. Markus Zawadke vom Feuerwehrmuseum Bayern: ZUSPIELER 7 (O-Ton Zawadke) Das war natürlich das größte Problem in Zeiten, wo es noch mit der Pferdekutsche war; jetzt hatte man sich da verschiedene Systeme ausgedacht, dass die Bauern in der Regel oder die Fuhrunternehmer, dass die möglichst schnell ans Gerätehaus kommen und dann anspannen. Und jetzt hat man natürlich nicht sagen können: der erste kriegt das Geld, weil dann weiß der eine oder andere: hm, wenn i der zwoate bin, kriag i nix. Also in der Regel war es so: der erste hat Geld bekommen, der zweite hat noch ein Geld bekommen und auch vielleicht der dritte hat noch ein Geld bekommen. Aber halt immer in Abstufungen weniger, sodass die halt nicht leer ausgegangen sind, wenn sie halt nicht anspannen konnten, weil man halt damit verhindern wollte, dass der eine oder andere sagt: woaßt was, i bin so weit weg. Das hat kein Zopf, ich fahre da nicht hin. Also man hat ja schon auch bisschen einen gesunden Wettbewerb damit gefördert, dass es möglichst schnell geht.

  4. WirTier (1): Wespenschwärmerei

    25.08.2025 · 49 Min.

    Erik wird gerufen, um sie zu töten. Doch dann passiert dieser eine Moment, in dem der Schädlingsbekämpfer zum ersten Mal spürt, dass Wespen soziale Wesen sind. Bei WirTier erzählt Erik von seiner lebensverändernden Begegnung und stellt Host Vici vor eine Herausforderung, bei der es für die Wespen um alles geht. CREDITS: Gast: Erik Ahlborn, Wespenberater und Naturpädagoge Hosts und Reporter: Victoria Marciniak und Julius Bretzel Dramaturgie und Regie: Katharina Hübel Redaktion: Bernhard Kastner Technik: Stefan Oberle Musik: Dagmar Petrus Distribution: Alexandra Klockau, Celine Frohnapfel, Katharina Hübel und Bernhard Kastner Idee und Konzeption: Bernhard Kastner und Katharina Hübel Herzlichen Dank für die Unterstützung bei dieser Folge und der Formatentwicklung: Dennis Müller, Franziska Konitzer und Philipp Artelt Danke ans BR-Storyteam: Till Ottlitz und Florian Nöhbauer Danke ans BR-Qualitätsmanagement: Veronika Wagner und Alexander Loos Wir Tier ist eine Produktion der Redaktion Grundbildung, Geschichte und Gesellschaft des Bayerischen Rundfunks 2025. Und wenn ihr uns schreiben wollt - zum Beispiel von euren Mensch-Tier-Begegnungen: wir-tier@br.de Wir freuen uns! Das Manuskript von WirTier (1): Wespenschwärmerei findet ihr hier: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/manuskript-radiowissen-tier-mensch-beziehung-wespe-umwelt-insekten-nuetzlinge-garten-100.html LINKS: Wir haben noch einen Podcast-Tipp für euch: Wespen mögen manchmal nervig sein, sind aber wichtig für die Natur - um solche und andere spannende Fakten geht's im ARD-Garten-Podcast "Komm mit in den Garten". Dort nimmt Nadine Witt Euch mit auf eine Reise durchs Gartenjahr, spricht über Erfolge und lernt aus Misserfolgen. Dabei trifft sie Experten, die sie rund um Pflanzen, Beete aber zu auch tierischen Mitbewohnern im Garten beraten. Lust auf mehr Naturwissen, praktische Gartentipps und überraschende Aha-Momente? Dann hört rein in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt: https://1.ard.de/gartenpodcast Mehr Infos über Wespen ... ... und Tipps zum richtigen Umgang mit den Insekten findet ihr beim bayerischen Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz): www.lbv.de/wespen Sowie beim BUND: https://www.bund.net/themen/tiere-pflanzen/tiere/insekten/wespen/ Erik Ahlborn ist aktuell als Wespenberater leider nicht mehr aktiv. Außerdem bei ARD Alpha: Insektenstiche - So verhindert ihr Stiche von Wespe, Hummel und Biene Die wichtigste Regel: Fuchtelt nicht herum! Regel Nummer zwei: Entfernt Wespennester nicht selbst. Die Tiere stehen unter Artenschutz. https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/insekten/insektenstiche-so-vermeiden-sie-angriffe-von-wespe-hummel-biene-100.html Wie sehen Biene, Wespe, Hornisse, Hummel eigentlich von ganz nah aus? https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/insekten/insekten-stiche-bienen-wespen-hummeln-hornissen-stachel-100.html Wie gefährlich ist die "große Wespe", die Hornisse, eigentlich? Sie ist in etwa doppelt so groß wie ihre Verwandte, die Wespe. Aber keine Panik - größer bedeutet nicht aggressiver oder giftiger! https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/insekten/hornisse-stich-gift-wespe-insekten-100.html Und auch bei Radiowissen findet ihr viele spannende Tier- und Naturthemen: Hornissen - Die Falken unter den Wespen https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/hornissen-die-falken-unter-den-wespen/bayern-2/78751484/ Auch sie kommen in unserer ersten WirTier-Folge vor: die Hornissen. Sie sind die größten der bei uns heimischen Wespen und streng geschützt. Hornissen sind einerseits die 'großen Schwestern der Wespen‘ und zugleich auch deren großen Feinde, denn Hornissen sind äußerst erfolgreiche Insektenjäger. Sie vertilgen aber auch Stechmücken und Fliegen und andere sogenannte Schadinsekten. Die Wespe - Ungeliebtes Insekt mit großem Nutzfaktor https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/die-wespe-ungeliebtes-insekt-mit-grossem-nutzfaktor/bayern-2/78751134/ Die Wespen aus naturwissenschaftlich-biologischer Sicht: Hier findet ihr noch weitere interessante Fakten zum Leben der Wespen. Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sich https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/insektenvielfalt-auf-der-wiese-eine-welt-fuer-sich/bayern-2/10400889/ Eine natürliche Wiese bietet unzähligen Insektenarten Lebensraum. Ob in der Erde, an der Oberflächen oder in den Gräsern und Blüten: zahlreiche krabbelnde und fliegende Insekten halten das System Wiese am Laufen. Ein jedes Lebewesen erfüllt in diesem Netzwerk eine wichtige Funktion, ein eng miteinander verbundenes Lebenssystem, das wir erst langsam zu verstehen beginnen. Superorganismen im Tierreich - Alles Natur! https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/superorganismen-im-tierreich-alles-natur/bayern-2/94658124/ Insekten sind die wahren Superorganismen im Tierreich: Mit ihren unzähligen Individuen funktionieren diese hochdifferenzierten Systeme, weil jedes Tier seine feste Aufgabe im Insektenstaat hat. Interessanterweise können sich diese Aufgaben bei manchen Arten im Lauf des Lebens aber auch wieder ändern. Wie genau diese Superorganismen funktionieren, wie Aufgaben verteil werden und wie untereinander kommuniziert wird: das alles beginnt man erst langsam zu verstehen. CREDITS: Gast: Erik Ahlborn, Wespenberater und Naturpädagoge Hosts und Reporter: Victoria Marciniak und Julius Bretzel Dramaturgie und Regie: Katharina Hübel Redaktion: Bernhard Kastner Technik: Stefan Oberle Musik: Dagmar Petrus Distribution: Alexandra Klockau, Celine Frohnapfel, Katharina Hübel und Bernhard Kastner Idee und Konzeption: Bernhard Kastner und Katharina Hübel Herzlichen Dank für die Unterstützung bei dieser Folge und der Formatentwicklung: Dennis Müller, Franziska Konitzer und Philipp Artelt Danke ans BR-Storyteam: Till Ottlitz und Florian Nöhbauer Danke ans BR-Qualitätsmanagement: Veronika Wagner und Alexander Loos Wir Tier ist eine Produktion der Redaktion Grundbildung, Geschichte und Gesellschaft des Bayerischen Rundfunks 2025. Und wenn ihr uns schreiben wollt – zum Beispiel von euren Mensch-Tier-Begegnungen: wir-tier@br.de Wir freuen uns! Das Manuskript von WirTier (1): Wespenschwärmerei findet ihr HIER. LINKS: Wir haben noch einen Podcast-Tipp für euch: Wespen mögen manchmal nervig sein, sind aber wichtig für die Natur - um solche und andere spannende Fakten geht's im ARD-Garten-Podcast „Komm mit in den Garten“. Dort nimmt Nadine Witt Euch mit auf eine Reise durchs Gartenjahr, spricht über Erfolge und lernt aus Misserfolgen. Dabei trifft sie Experten, die sie rund um Pflanzen, Beete aber zu auch tierischen Mitbewohnern im Garten beraten. Lust auf mehr Naturwissen, praktische Gartentipps und überraschende Aha-Momente? Dann hört rein in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt: https://1.ard.de/gartenpodcast Mehr Infos über Wespen … … und Tipps zum richtigen Umgang mit den Insekten findet ihr beim bayerischen Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz): www.lbv.de/wespen Sowie beim BUND: https://www.bund.net/themen/tiere-pflanzen/tiere/insekten/wespen/ Erik Ahlborn ist aktuell als Wespenberater leider nicht mehr aktiv. Außerdem bei ARD Alpha: Insektenstiche - So verhindert ihr Stiche von Wespe, Hummel und Biene Die wichtigste Regel: Fuchtelt nicht herum! Regel Nummer zwei: Entfernt Wespennester nicht selbst. Die Tiere stehen unter Artenschutz. https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/insekten/insektenstiche-so-vermeiden-sie-angriffe-von-wespe-hummel-biene-100.html Wie sehen Biene, Wespe, Hornisse, Hummel eigentlich von ganz nah aus? https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/insekten/insekten-stiche-bienen-wespen-hummeln-hornissen-stachel-100.html Wie gefährlich ist die "große Wespe", die Hornisse, eigentlich? Sie ist in etwa doppelt so groß wie ihre Verwandte, die Wespe. Aber keine Panik – größer bedeutet nicht aggressiver oder giftiger! https://www.ardalpha.de/wissen/natur/tiere/insekten/hornisse-stich-gift-wespe-insekten-100.html Und auch bei Radiowissen findet ihr viele spannende Tier- und Naturthemen: Hornissen - Die Falken unter den Wespen https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/hornissen-die-falken-unter-den-wespen/bayern-2/78751484/ Auch sie kommen in unserer ersten WirTier-Folge vor: die Hornissen. Sie sind die größten der bei uns heimischen Wespen und streng geschützt. Hornissen sind einerseits die ‚großen Schwestern der Wespen‘ und zugleich auch deren großen Feinde, denn Hornissen sind äußerst erfolgreiche Insektenjäger. Sie vertilgen aber auch Stechmücken und Fliegen und andere sogenannte Schadinsekten. Die Wespe - Ungeliebtes Insekt mit großem Nutzfaktor https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/die-wespe-ungeliebtes-insekt-mit-grossem-nutzfaktor/bayern-2/78751134/ Die Wespen aus naturwissenschaftlich-biologischer Sicht: Hier findet ihr noch weitere interessante Fakten zum Leben der Wespen. Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sich https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/insektenvielfalt-auf-der-wiese-eine-welt-fuer-sich/bayern-2/10400889/ Eine natürliche Wiese bietet unzähligen Insektenarten Lebensraum. Ob in der Erde, an der Oberflächen oder in den Gräsern und Blüten: zahlreiche krabbelnde und fliegende Insekten halten das System Wiese am Laufen. Ein jedes Lebewesen erfüllt in diesem Netzwerk eine wichtige Funktion, ein eng miteinander verbundenes Lebenssystem, das wir erst langsam zu verstehen beginnen. Superorganismen im Tierreich - Alles Natur! https://www.ardaudiothek.de/episode/radiowissen/superorganismen-im-tierreich-alles-natur/bayern-2/94658124/ Insekten sind die wahren Superorganismen im Tierreich: Mit ihren unzähligen Individuen funktionieren diese hochdifferenzierten Systeme, weil jedes Tier seine feste Aufgabe im Insektenstaat hat. Interessanterweise können sich diese Aufgaben bei manchen Arten im Lauf des Lebens aber auch wieder ändern. Wie genau diese Superorganismen funktionieren, wie Aufgaben verteil werden und wie untereinander kommuniziert wird: das alles beginnt man erst langsam zu verstehen. Mehr über insektenfreundliche Gärten und viele weitere Tipps rund um Pflanzen, euren Garten oder Balkon findet ihr bei Querbeet. Jeden zweiten Montag um 19 Uhr im BR Fernsehen. Alle Folgen findet ihr hier: Querbeet - alle verfügbaren Videos - jetzt streamen! Zum Weiterhören: Mit Tieren sprechen - Ein Podcast über die besondere Verständigung von Mensch und Tier von Natalie Putsche "Prolog, Ich und der Schwan": Es beginnt mit Liebeskummer. Natalie will alleine sein, setzt sich immer wieder an einen Teich. Dort lebt ein Schwan und langsam freunden sich die beiden an. https://1.ard.de/ich-und-der-schwan Ein Leben ohne Tier ist möglich, aber sinnlos. Dieser abgewandelte Loriot-Satz stimmt für alle, die Host Natalie für ihren Podcast trifft. Aber wie kann es sein, dass sich Mensch und Tier so gut verstehen, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen?

  5. Staudämme - Mauern für das Wasser

    25.08.2025 · 22 Min.

    Wasser ist der Quell des Lebens - aber auch schier ungeahnter Kräfte. Talsperren mit ihren Wassermassen hinter hohen Staumauern und Staudämmen sind wichtiger Bestandteil unseres Wasserhaushalts. Sie können Überflutungen verhindern, die Mauern für das Wasser dürfen aber selbst nie brechen. Von Inga Pflug (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Inga Pflug Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Gabi Hinterstoisser, Christian Jungwirth Technik: Tim Höfer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Thomas Keller, Leiter Wasserwirtschaftsamt Ansbach; Helga Pfitzinger-Schiele, Wasserwirtschaftsamt Ansbach; Professor Dr. Dirk Carstensen, Wasserbauingenieur. Technische Hochschule Nürnberg; Georg Simon Ohm, Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft; Präsident des Deutschen Talsperrenkomitees; Dr. Martin Meiske, Experte für Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte am Deutschen Museum Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Brooklyn Bridge - Die unglaubliche Geschichte ihrer Entstehung JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Martin Meiske, „Die Geburt des Geoengineerings“ – Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Beherrschbarkeit der Natur und bauliche Großprojekte als Lernorte des Menschen Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Der Brombachsee im Fränkischen Seenland: Badestrände, Campingplätze und Freizeitanlagen, schattige Wälder, Bootsanlegestellen und Radwege locken hier Einheimische und Touristen an. Hier wird geangelt, dort gesurft oder mit dem Standup Paddle der See erkundet. Wasservögel ziehen hier ihre Bahnen, Wellen schwappen ans Ufer, 8,7 Millionen Quadratmeter Wasserfläche bietet allein der Große Brombachsee mit seinen gut fünf Kilometern Länge. Er ist damit fast so groß wie der bayerische Tegernsee … MUSIK Bioreactor, Science in motion, Backes, Daniel; Moslener, Peter, 0:33 Min) Sprecher: … doch dieses Natur-Idyll ist nicht natürlich. Das wird an der Brombachsee-Ostseite deutlich: Große Steine säumen hier die Wasserkante – und auffällig gerade steigt hier eine Böschung empor. Nur mit Gras bewachsen und oben so breit, dass Fahrzeuge den Weg auf der Kuppe entlangfahren können. Ganze 1,7 Kilometer erstreckt sich der hohe Wall von einer Uferseite zur anderen. Und beim Blick von oben auf die wasserabgewandte Seite hinunter wird klar: Dieser Wall bildet eine Wand und hindert die schier unvorstellbaren Wassermassen des Sees daran, sich ins darunterliegende Tal zu ergießen – es zu überfluten. Es ist der Hauptdamm des Brombachsees. 01 Pfitzinger-Schiele: Hier sieht man schön diese Mächtigkeit des Dammes und eben auch diese Abstufung im Prinzip: Oben ist er schmäler und er wird dann immer breiter. Und das ist im Prinzip das Gewicht, das dann diesen Damm auch hält. Sprecherin: Erklärt Bauingenieurin Helga Pfitzinger-Schiele. Sie arbeitet beim Wasserwirtschaftsamt Ansbach und erklärt: Der Staudamm muss nicht nur Wind und Wetter trotzen, sondern auch 144 Millionen Kubikmeter Wasser im See halten. Also 144 Millionen mal 1.000 Liter. Zum Vergleich: Ein Schwimmbecken von 50 mal 20 Metern und 2 Metern Tiefe fasst zwei Millionen Liter Wasser. Das wären 72000 Schwimmbecken. Sprecher: Entsprechend hoch ist der Staudruck des Wassers. Um das Wasser im Tal sicher zu stauen, sind für den Hauptdamm am Großen Brombachsee rund 3,5 Millionen Kubikmeter Erdreich nötig – das haben genaue Berechnungen ergeben. Sprecherin: Im Querschnitt sieht der Staudamm wie in Trapez aus. Also unten breit und oben schmal, bestehend aus mehreren Erd-Schichten. 02 Pfitzinger-Schiele: Der hat in der Mitte im Prinzip einen Dichtkern und an diesem Dichtkern angelagert ist dann das homogene Material, dichte Material, und außen drauf, also das letzte dann, um im Prinzip das Gewicht auch für den Damm herzustellen, ist dann der Stützkörper. Sprecherin: … beschreibt Helga Pfitzinger-Schiele. Lapidar gesprochen sorgt der Stützkörper also dafür, dass das Wasser den Damm nicht wegschiebt. Auf einer Schemazeichnung sieht es aus, als lehnten Erdmassen von beiden Seiten an einer senkrecht stehenden Mauer. Wobei: 03 Keine Mauer: Keine Mauer, sonders das ist auch Erdmaterial, aber hoch vergütet, also wirklich kaum durchlässig. Und das ist also dieser Dichtkern, so bezeichnen wir das, und außen ist dann im Prinzip noch vergütetes Material, Dichtmaterial und dann kommt der Stützkörper. Sprecherin: 36 Meter ist die künstliche Böschung hoch – unten 150 Meter breit. Und damit kein Wasser unter dem Damm hindurch laufen kann, ist auch der Sandstein unterhalb des Damms noch einmal abgedichtet: Ein bis zu 38 Meter tiefer Schlitz ist hier in den Untergrund gefräst und mit Beton verfüllt. So dass das Wasser, das der Staudamm quer zur Fließrichtung im Tal absperrt, insgesamt auf mehr als 70 Metern Höhe auf eine Barriere trifft. MUSIK (Drytech, Reduced and neutral - Music for film, Kreuzer, Anselm C.; Delmonte, Tony, 0:51) Sprecher: So oder so ähnlich sehen Staudämme an Talsperren weltweit aus. Sie halten den Wassermassen quasi durch ihr Eigengewicht und den flachen Böschungswinkel Stand. Je höher das Wasser eingestaut werden soll, desto breiter muss auch der Damm werden. 04 Carstensen: Also ich beschreibe es den Studierenden immer so: einen Meter nach oben, drei Meter nach rechts und die Schräge, die sich dadurch ergibt, so wäre der Damm dann jeweils geneigt. Sprecherin: … erklärt der Wasserbauingenieur Professor Dirk Carstensen die Faustformel. Er lehrt an der Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Außerdem ist er Präsident des Deutschen Talsperrenkomitees Sprecher: Die Faustformel bedeutet auch: Da geht es ganz schön in die Breite. Bei 50 Metern Höhe schon 150 Meter Breite – auf beiden Seiten des Trapez‘. Die Kronenbreite dazu gerechnet, steht so ein Damm dann rund 315 Meter breit in der Landschaft. Sprecherin: Der Platzbedarf ist also enorm und nicht überall lassen sich solche schieren Massen an Material beschaffen oder hinbewegen. Sprecher: Wo kein geschütteter Staudamm zum Einsatz kommen kann, setzen Wasserbauingenieure auf massive Staumauern, die danach klassifiziert werden, wie sie den Wassermassen standhalten. Eine gängige Bauweise sind sogenannte Gewichtsstaumauern, beschreibt der Wasserbauingenieur: 06 Carstensen: Die haben also eine relativ gerade Vorderfront und sie haben dann in der Regel eine Dreiecksform nach hinten. Was mit der eigentlichen Masse oder der Gewichtskraft zu begründen ist, dass das Ding gegen den Wasserdruck, der von der Wasserseite kommt, auch dort stehen bleibt und nicht weggeschoben werden kann. Das Wasser, wenn es in der Höhe da vor der Mauer steht, will es ja eigentlich die Mauer wegschieben. Und damit das nicht möglich ist, wird das Ding so gebaut. Es kippt dann nicht, das Ganze, durch diese Dreiecksform. Und es ist auch schwer genug, dass es stehenbleibt. Zusätzlich ist es natürlich an den Flanken und im Untergrund verankert. Sprecherin: Auch sogenannte Pfeiler-Staumauern tragen den Staudruck des Wassers dank ihres Eigengewichts in die Umgebung ab. Beide kommen in breiteren Tälern mit tragfähigem, felsigem Untergrund in der Talsohle in Betracht. Sprecher: Bogen-Staumauern dagegen nutzen statisch-wirksame Formen, um dem Wasserdruck Stand zu halten: Ähnlich wie die Gewölbe von Kirchendächern leiten sie die Kräfte in die Umgebung ab, also in die Hänge oder Gebirgsflanken. Die Bogen-Staumauer selbst wölbt sich dabei dem Wasser entgegen. Im Vergleich zu Staudämmen wirken Staumauern geradezu zu filigran. Sprecherin: Gemeinsam haben die unterschiedlichen Formen der Absperrbauwerke aber vor allem eins: jedes ist ein Unikat, angepasst an seinen individuellen Standort, betont Dirk Carstensen. 07 Carstensen: Man muss den Fluss angucken. Man muss das Tal angucken. Man muss eine vernünftige Basis haben für Stauraum und Größe des Bauobjektes. Die Standsicherheit ist eine ganz wichtige Frage; Nutzungen, die dann später damit verbunden sind. Und ich denke natürlich auch an viele ökologische Fragen. Aber ich will deswegen nicht sagen, dass wir keine Möglichkeiten hätten. Wir haben Möglichkeiten, um auch solche Objekte in Zukunft in Deutschland noch zu errichten. MUSIK (ARD-Labelmusik Celestial red, Filled with wonder. Music for film, Koerner, Michi; Watzinger, Sebastian, 0:34 Min) Sprecher: Die Gründe für den Bau von Talsperren sind vielfältig: Staubecken nehmen Wasser auf und speichern es – und aus den Staubecken kann das gespeicherte Wasser dann wieder kontrolliert abgegeben werden. Somit dienen Stauseen als Puffer und Zwischenspeicher bei Hochwasser – und bei Trockenheit können die Flusspegel unterhalb aus dem Reservoir gespeist werden. „Niedrigwassererhöhung“ ist hier der Fachbegriff. Sprecherin: Aber das ist nicht das einzige. Mittels Wasserkraft kann Strom erzeugt werden. Und das Oberflächenwasser kann zu Trinkwasser aufbereitet werden – wie etwa an den Trinkwassertalsperren Mauthaus in Oberfranken oder Frauenau in Niederbayern. Sprecher: Und noch etwas: Stauseen können dem Freizeitsport dienen, sind Erholungsgebiete, Tourismusmagnete und Wasserreservoir für Landwirtschaft und Industrie. Sprecherin: Die Landschaft zu formen und ihre Wasserführung zu verändern – ein früher Wunsch der Menschheit: 08 OT Meiske: Zu den ältesten bekannten Dammprojekten, wenn man so möchte, gehören jene, die so am Euphrat und Tigris, in Mesopotamien und im Mittleren Osten so um 3.000 bis 2.500 vor unserer Zeitrechnung entstanden. Aber auch für die Zeit des römischen Imperiums so gerade im ersten und zweiten Jahrhundert sind einige antike Staudämme überliefert, … Sprecherin: … sagt Dr. Martin Meiske, Experte für Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte am Deutschen Museum. 09 OT Meiske: Also vor allem in den Provinzen des Imperiums, die im heutigen Nordafrika, Vorderasien, aber eben auch auf der iberischen Halbinsel liegen. Das heißt, wir haben auch heute noch zumindest in Teilen erhaltene Dämme, die in Spanien zu finden sind. Und jetzt mal so, um einige Beispiele aus dieser antiken Kategorie zu nennen, es gibt den See von Homs in Syrien oder die Proserpina-Talsperre in Spanien, die sind noch erhalten, oder da gibt es zum Teil dann eben modernere Überbauten, die man sich anschauen kann. Sprecherin: Diese frühen Bauwerke – meist Stein- oder Erdschüttdämme – dienten wohl vor allem der Bewässerung und sollten vor der zerstörerischen Kraft des Wassers bei Überflutungen schützen. MUSIK (In carta, Neo String Quartet, Le procédé Rodesco / Letort, 0:18 Min) Sprecher: Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts dürfte es dagegen das Verlangen nach der energetischen Kraft des Wassers sein, die das Interesse an Talsperren intensiviert: 10 Meiske: Wir befinden uns in dieser Hochphase der Elektrifizierung: beleuchtete Städte, elektrische Antriebe, Transformation in Industrie und Mobilität. In der Zeit werden eben diese größeren Wasserturbinen auch entwickelt, und in Kombination mit entsprechenden Generatoren kann man dann größere Mengen an Strom produzieren. Und natürlich entwickeln sich diese Baumaterialien auch weiter. Ja, also, es werden in dieser Zeit im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts Unmengen an Beton genutzt und dessen Einsatz und Qualität entwickelt sich Anfang des 20. Jahrhunderts natürlich deutlich. Sprecher: 1924 wird im Süden Deutschlands das Walchensee-Kraftwerk fertiggestellt, das heute als Wiege der industriellen Stromerzeugung in Bayern gilt; in den 1950ern entsteht im Allgäu durch den Roßhaupten-Damm schließlich der Forggensee, der flächenmäßig größte Stausee Deutschlands. 11 Meiske: Es gibt einen ganz großen Antrieb in den 30er und 40er Jahren auf beiden Seiten des Atlantiks. Aber die Hochphase ist tatsächlich eher so in den Fünfziger und 70er-Jahren also, was man jetzt im gemeinhin so als die Zeit der großen Beschleunigung, des globalen Wirtschaftswachstums und der Ressourcenmobilisierung beschreibt. Und dafür ist eben Wasserkraft auch ein Teil davon. MUSIK (Checkless progress (b), Engineering science, Jebsen, Lars, 0:27 Min) Sprecherin: Das weltweite Talsperrenregister der Internationale Kommission für große Talsperren listet mehr als 59.000 große Talsperren. Als „groß“ gilt eine Talsperre dann, wenn es vom tiefsten Punkt der Gründung bis zur Krone des Damms mehr als 15 Meter sind. Oder auch, wenn mehr als drei Millionen Kubikmeter Wasser gestaut werden. Maßstäbe, die die mittlerweile gebauten oder geplanten Absperrbauten längst übertreffen: 300 Meter und mehr messen die höchsten Bauwerke auf der Liste der Internationalen Kommission. Sprecher: Damit sind sie zwar „nur“ so hoch wie etwa der Eiffelturm in Paris – doch die Absperrwerke stehen ja eben nicht frei in der Luft, sondern stemmen sich riesigen und somit gewichtigen Wasserreservoirs entgegen. Die Volumina der Speichervermögen sind so groß, dass sie nicht in Millionen, sondern in Milliarden Kubikmetern angegeben werden. Sprecherin: Und – auch das gehört zur Wahrheit über Talsperren: Die Bauwerke bringen nicht nur Licht, sondern auch Schatten in die Täler: 12 Meiske: Weil diese Eingriffe natürlich starke Nebeneffekte haben wie Erosion, Abfall von Grundwasser in den Regionen… Sprecherin: …sagt Technik- und Umwelthistoriker Martin Meiske – aber nicht nur das: 13 Meiske: Man schätzt so ungefähr, dass so 40 bis 80 Millionen Menschen inzwischen umgesiedelt werden mussten. Oft ist es auch so, dass die ländlichen Gemeinden, die dann da häufig ja betroffen sind, auch andere Formen der Landschaftsnutzung oder auch der Wassernutzung haben, die damit in Konflikt stehen, mit diesen Ausbauten. Sprecherin: … die dann aber den Wassermassen weichen müssen. 14 Meiske: Das sind ja oft ländliche Gemeinschaften, teils indigene Communities. Das sind dann ganz asymmetrische Machtkonflikte mit großen Unternehmen, mit Staaten, die sozusagen dann diesen Ausbau vorantreiben. Und da werden natürlich auch nicht zuletzt die Agrarflächen und Flussläufe, sondern auch so erinnerungskulturell bedeutende Stätten durchschnitten oder überflutet. Und das ist auch Teil des Konflikts. Sprecherin: Dazu kommen Auswirkungen auf das Ökosystem, wenn aus Feldern und Wiesen plötzlich Seen werden – oder Flussbetten nicht mehr trockenfallen. In aufgestauten Seen können sich Mückenlarven vermehren, die Krankheiten übertragen. Künstliche Dauerbewässerung kann zu einer Versalzung des Bodens führen, und ausbleibendes Wasser unterhalb von Talsperren hat nicht nur Auswirkungen auf die Fischpopulationen und deren Wanderrouten, sondern auch auf die Menschen am Unterlauf der Flüsse, die gegebenenfalls vom Fischfang leben. Sprecher: In den 1990er-Jahren drängen Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen daher darauf, die sogenannte “World Commission on Dams“ einzusetzen. Das Expertengremium spricht in seinem Abschlussbericht im Jahr 2000 von einem positiven Effekt von Staudämmen auf die Entwicklung vieler Länder – denen aber oft enorme soziale und ökologische Schäden gegenüberstünden. Sprecherin: In Bayern etwa fordern verschiedene Gemeinden einen Ausgleich für ihre Leistungen und die Nachteile, die für sie entstehen, weil sie Trinkwasser bereitstellen. Der Markt Nordhalben im Landkreis Kronach gehört zum Beispiel dazu: Auf seinem Gebiet liegt Bayerns erste Trinkwassertalsperre Mauthaus, auch Ködeltalsperre genannt. Sie versorgt 70 oberfränkische Kommunen mit Trinkwasser – die Lasten durch strenge Auflagen trage aber die wasserliefernde Kommune, so die Argumentation. Sprecher: Nicht zuletzt gehört zur Geschichte der Dämme außerdem auch die Geschichte der Damm-Katastrophen. Deren Liste ist lang. Martin Meiske nennt als Beispiel etwa die Katastrophe von Vajont, in den 1960er-Jahren in Italien: 15 Meiske: Durch den besonderen Druck, der auf das Tal entstanden war, gab es hier sozusagen Erdrutsche, die zu einer Flutwelle geführt haben, der schätzungsweise 2.000 Menschen zum Opfer gefallen ist. Der San Francis Damm in Kalifornien zum Beispiel 1928, wo über 400 Leute dann im Rahmen der Überflutung gestorben sind. Oder wir wissen natürlich auch aus aktuellen Konfliktsituationen, dass so ein Damm auch Ziel von kriegerischen Angriffen sein kann. Mann schafft natürlich, oder man konzentriert ein gewisses Risiko durch diesen Dammbau. ATMO Damm außen Sprecherin: Zurück am Großen Brombachsee im Fränkischen Seenland: Gespeist mit den Hochwassern der Altmühl ist der See seit dem Jahr 2000 vollständig eingestaut. Sprecher: Nur den wenigsten Wassersportlern, Wanderern und Radfahrern dürften die weißen Quader auffallen, die an der Böschung des Hauptdamms in regelmäßigen Abständen aus dem Gras ragen. Messpunkte für die Dammüberwachung, erklärt Thomas Keller vom zuständigen Wasserwirtschaftsamt: 16 Keller: Also wir haben über 4.000 Messpunkte, die untersucht werden. Wir untersuchen Damm-Verformungen, wir untersuchen Höhenlagen, wir untersuchen Wasserdrücke, also ein Potpourri oder ein Blumenstrauß an Sicherheitsmessungen. Und wenn Sie rein optisch – und auch das gehört dazu, regelmäßige Damm-Begehungen – eine feuchte Stelle erkennen würden, dann müssten sofort die Alarmanzeichen losgehen. Sprecherin: Auch überspült werden darf der Damm nie. Sogenannte Hochwasserentlastungsbauwerke schützen bei Stauanlagen daher vor einem unerwünschten oder unkontrollierten Anstieg des Wasserspiegels im Staubecken. Quasi wie der Überlauf bei einem Waschbecken – die kleine Öffnung oben am Rand, die das Wasser ableitet, bevor es über den Beckenrand schwappt und das Badezimmer überschwemmt– leiten diese Entlastungsbauwerke ein Zuviel an Wasser ab, bevor es durch ein Überlaufen Schaden anrichten würde. Sprecher: Kontrolliert wird aber nicht nur von außen: Etwas abseits, hinter einem Zaun, liegt der Zugang zum sogenannten Krafthaus. Zwei Durchströmturbinen und Generatoren erzeugen hier Strom aus dem Wasser, das aus dem See abgelassen wird. Quasi nebenbei, denn der eigentliche Zweck des Speichersees ist die Anhebung der Niedrigwasserführung in den Flüssen unterhalb. Zutritt haben hier nur Berechtigte. Denn von hier aus führt auch ein Tunnel in den Damm. ATMO Kraftwerk ATMO Schlüssel 18 Keller: Also, wir sind jetzt im Damm des großen Brombachsees. Wir laufen quasi jetzt in Richtung Wasserfläche, in das Dammbauwerk hinein und da hindurch und sind am Ende dieses Kontrollwegs dann rund 30 Meter unter Wasserstand. ATMO Damm innen Sprecherin: In regelmäßigen Abständen sind Druckanzeiger an den Betonwänden des Gangs angebracht. Farbige Markierungen am Boden und an den Seiten dienen als Orientierung für Messungen, jede Fuge ist bemaßt, so dass jede Veränderung bemerkt werden würde. In der Mitte des Damms angekommen, führt eine schmale Treppe ein Stück im Damm nach oben. Hier verläuft der Kontrollgang einmal durch die komplette Länge des Damms: 1,7 Kilometer. Neonröhren erhellen den Tunnel, der sich in der Ferne in einer ganz leichten Biegung verliert. Ein leises Plätschern erinnert daran, dass auf der anderen Seite der Betonwand ein riesiger See liegt. Ein Plätschern, das für Thomas Keller kein Grund zur Beunruhigung ist: ATMO Sickerwasser 19 Keller: Das ist jetzt eine Zusammenfassung von mehreren Blöcken, wo wir das anfallende Sickerwasser, was immer kommt, ein Erdbauwerk ist ja nie hundertprozentig dicht, anfällt. Und für uns ist eben wichtig: Wieviel ist es? Ist es im tolerierbaren Rahmen? Haben wir eine Veränderung? Gibt es eine Tendenz nach oben, ist es gleichbleibend – also das ist für uns, drum müssen wir es auch wiederkehrend immer wieder messen. Wird auch aufgezeichnet, dass die geringste Abweichung eventuell zu Maßnahmen führen würde. Sprecherin: Als letzter Ausweg aus einer Katastrophe bliebe die Notabsenkung. Dann würde dem Brombachsee quasi der Stöpsel gezogen und die Flüsse unterhalb müssten das Wasser ableiten. Entsprechend hohe Pegelstände wären die Folge. MUSIK m03 (C1589890109, Drytech, Reduced and neutral - Music for film, Kreuzer, Anselm C.; Delmonte, Tony, 0:31) Sprecher: Wasser ist der Quell des Lebens, wo es fehlt, geht nichts mehr: Industrie, Schifffahrt und Landwirtschaft hängen vom Wasser ab. Es erzeugt Energie und ist nicht zuletzt unser wichtigstes Lebensmittel. Gleichzeitig bedroht es uns bei Starkregenereignissen und Unwettern, klimawandel- und jahreszeitlich bedingt mit seiner schieren Kraft und Masse. Für Wasserwirtschaftler wie Dirk Carstensen vom Deutschen Talsperrenkomitee sind Stauanalgen deshalb elementare Werkzeuge – und zwar sowohl im Nutz- als auch im Schutzwasserbau. Auch wenn nicht immer alles gleichzeitig zu haben ist: 21 Carstensen: Wenn ich zum Beispiel Wasserkraft betreiben will, dann brauche ich viel Wasser, also hohe Wasserstände. Wenn ich aber andererseits Hochwasserschutz betreiben will, dann sollte ich vor dem Hochwasser möglichst viel Platz in meiner Talsperre haben, damit ich das Hochwasser aufnehmen kann. Da haben wir einen gewissen Widerspruch. Touristische Nutzung und Trinkwasser – ja, das sind zum Teil konkurrierende Zwecke. Die Betreiber versuchen dort, das entsprechend auszugleichen und möglichst viele Zwecke anzubieten. Aber es gibt durchaus ausschließende Faktoren, ausschließende Kriterien. MUSIK (Bioreactor, Science in motion, Backes, Daniel; Moslener, Peter, 0:43 Min) Sprecherin: So sind beispielsweise Trinkwassertalsperren zwar hervorragende Naherholungsgebiete – Wassersport sollte dort aber eben nicht betrieben werden. 22 Carstensen: Es werden immer mehr Menschen, immer mehr Menschen brauchen immer mehr Wasser. Und wir sehen ja selber, wie es ist, wenn wir aus dem Grundwasser ziehen und der Regen nicht hinterherkommt, dass wir dann auch Defizite kriegen können. Sprecher: … argumentiert Dirk Carstensen. Angesichts des Klimawandels wäre der Bau weiterer Stauanlagen für ihn eine logische Konsequenz. 23 Carstensen: Zum Trinken, zum Waschen, zum Duschen: 570 Millionen Kubikmeter Wasser, das sind ungefähr zehn Prozent der Wasserversorgung, werden im Moment aus Talsperren bestritten, in Deutschland. Das könnten und werden wahrscheinlich auch in Zukunft mehr werden. Und wir müssen uns darüber Gedanken machen, wie wir dieses Wasser bereitstellen wollen – und da bin ich nun mal auch in meiner Funktion beim deutschen Talsperrenkomitee mehr oder weniger verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass Talsperren eine ideale Möglichkeit dafür sind, Wasser zu sparen und verschiedene Zwecke damit zu betreiben. Sprecherin: Für andere „bodengebundene“ Zwecke wäre so ein geflutetes Tal dann allerdings verloren. Weshalb neben allen geologischen und wirtschaftlichen Faktoren gesellschaftlicher Konsens eine Grundvoraussetzung für den Bau neuer Staudämme, Staumauern und Talsperren sein muss.

  6. Frauen in der Bronzezeit - Die weibliche Macht?

    22.08.2025 · 20 Min.

    Vor ca. 4200 Jahren begann mit der Bronzezeit eine der spannendsten Epochen der europäischen Urgeschichte. Das neue Material eröffnete sensationelle Möglichkeiten bei der Geräte- und Waffenherstellung. Gleichzeitig entstanden zur Beschaffung des eher seltenen Zinns neue Handelswege. Was bedeutete das für die Frauen dieser Zeit? Autorin: Carola Zinner Credits Autor/in dieser Folge: Carola Zinner Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Irina Wanka, Peter Weiß Technik: Susanne Harasim Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Philipp W. Stockhammer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, Professor für prähistorische Archäologie an der LMU München; Rainer Linke und Siglinde Matysik vom Arbeitskreis für Vor- und Frühgeschichte im Heimatverein für den Landkreis Augsburg, Mitarbeiter des Archäologischen Museums Königsbrunn Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipp: Stockhammer, Philipp W. ORCID logo, Mittnik, Alissa, Massy, Ken and Knipper, Corina (2018): Mobilität - Die wissenden Frauen vom Lechtal. In: Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur, Vol. 2018, Nr. 4: S. 38-41 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK atmoartig, unterlegen. Anmutung „Vorgeschichte“ ZUSPIELUNG 1 (Stockhammer) Die Bronzezeit ist in meinen Augen eine der spannendsten Epochen der europäischen Urgeschichte. ZUSPIELUNG 2 (Linke) Die Bronze war wichtig, das war's A und O. ZUSPIELUNG 3 (Matysik) Und ich finde das fantastisch, dass man da das genau regional begrenzen kann, wo diese Leute hergekommen sind. ERZÄHLERIN Philipp Stockhammer, Siglinde Matysik und Rainer Linke haben auf verschiedene Art zum Wissen über die Bronzezeit beigetragen: Linke und Matysik sind Mitglieder eines regionalen Arbeitskreises, der bei Grabungen im südlichen Landkreis Augsburg prähistorische Überreste frei legte. Und Philipp Stockhammer, Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Professor für prähistorische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München konnte unter anderem anhand dieser Funde das Leben in jener Zeit neu beleuchten. ZUSPIELUNG 4 (Stockhammer) Wir können da ganz viele naturwissenschaftliche Verfahren einsetzen, das nimmt einem schier den Atem, aber zwingt uns jetzt halt auch als Archäologen und Archäologinnen, die Vergangenheit irgendwie auch wieder neu zu denken und wegzukommen von diesen alten, überkommenen Erzählungen. MUSIK geht über in ZUSPIELUNG 5 ATMO Museum ZUSPIELUNG 6 (Matysik) Die meisten Leute kommen auf die Grabung. Erste Frage habt ihr Gold gefunden? Dabei ist Gold gar nicht so wichtig. (Linke) Meistens, wenn wir die ausgraben, die Bronzefunde, dann sind die meistens blau, dann weiß man schon, da ist sehr viel Kupfer drin. ERZÄHLERIN Königsbrunn bei Augsburg: Im Untergeschoss des Rathauses präsentiert ein kleines archäologische Museum Funde aus der Region, darunter auch zahlreiche Stücke aus der Epoche zwischen 2200 bis 800 vor Christus – der mitteleuropäischen Bronzezeit. ZUSPIELUNG 7 ATMO ERZÄHLERIN Die beiden Ausstellungsmacher Siglinde Matysik und Rainer Linke stehen vor einer großen Vitrine. ZUSPIELUNG 8 (Matysik) Dieses Skelett ist wirklich original, und wir wollen anhand dessen die Bestattungssitten zeigen: das ist der Übergang von der Steinzeit zur Bronzezeit: die Männer wurden immer mit dem Kopf nach Norden beerdigt, die Frauen mit dem Kopf nach Süden, Blickrichtung Richtung Osten, also aufgehende Sonne. ERZÄHLERIN Lange ließ sich nicht einmal mit Sicherheit bestimmen, ob es sich bei menschlichen Skeletten um die Überreste eines Mannes oder einer Frau handelte. Hinweise gaben etwa die Lage und Größe der Verstorbenen, ihre Kleidung und Grabbeigaben wie Schmuck, Waffen oder Haushaltsgegenstände. Mittlerweile ist die Forschung deutlich weiter: DNA-Überreste geben heute zuverlässig Auskunft über das Geschlecht und über Verwandtschaftsbeziehungen. Und mithilfe der so genannten Strontium-Isotopenanalyse lässt sich sogar erkennen, in welcher Region die Menschen aufgewachsen sind. Denn die ganz spezifische chemische Zusammensetzung des jeweiligen Bodens, die über die Nahrung in den Körper gelangte, hat in den Zähnen eine Art Signatur hinterlassen. ZUSPIELUNG 9 (Stockhammer) Das heißt, ich kann, wenn sagen wir, eine Frau oder ein Mann in München bestattet ist, kann ich sehen, passen die Backenzähne zur Boden-Signatur zur Münchner Schotterebene. Wenn das nicht der Fall ist, kann ich sagen, die haben offensichtlich ihre Kindheit woanders verbracht. MUSIK ERZÄHLERIN Im Süden von Augsburg liegt, umrahmt von den Flüssen Lech und Wertach, die breite Schotterebene des Lechfeldes. Und, daran angrenzend, das „Hochfeld“: eine fruchtbare Lößterrasse, die bereits den Menschen der frühen Bronzezeit ideale Bedingungen für den Ackerbau bot. Ihre Höfe lagen am Rand des Hochfeldes lose aneinander gereiht wie Perlen an einer Schnur, mit genügend Abstand zum Fluss, um bei Hochwasser in Sicherheit zu sein, und doch nah genug, um die relativ karge Alltagskost - Getreidebrei, Beeren, Pilze, Milchprodukte, ohne großen Aufwand mit Fisch und Wild aufbessern zu können. (MUSIK hoch). Zu den Gehöften gehörte auch jeweils ein Gräberfeld für die Verstorbenen. Deren Überreste nun mithilfe bioarchäologischer Analysen genauer bestimmt werden können. ZUSPIELUNG 10 (Stockhammer) Wir hatten Glück, dass wir eine fantastische DNA-Erhaltung haben. Insgesamt haben wir 800 Jahre dort untersucht, so zwischen 2500 und 1700 vor Christus. ERZÄHLERIN EIN Ergebnis der Untersuchungen: Die einzelnen Höfe wurden über vier, fünf Generationen von ein- und derselben Familie bewohnt. Allerdings zieht sich die Verwandtschaft nur in männlicher Linie durch; es gibt Väter und Söhne, Brüder und Onkel. Die Mütter der Kinder jedoch stammen allesamt von auswärts; sie hatten hier keine Vorfahren. Und unter den hier geborenen Frauen wiederum findet sich keine einzige Bestattung, bei der die Verstorbene älter als 17 Jahre war. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Töchter in diesem Alter ihre Familien und die Heimat verlassen mussten - wohl in erster Linie, um anderswo einzuheiraten. MUSIK hoch Dieser Befund ist allerdings keineswegs außergewöhnlich; die Archäologie kann diese so genannten patrilinearen Heiratsmuster, die ja zumindest partiell noch heute in einigen Teilen der Welt existieren, für viele Epochen und Regionen nachweisen. Ein anderes Ergebnis der Untersuchungen aber ließ die Fachwelt aufhorchen. Es war die Entdeckung der „fremden Frau aus der Ferne“, die hier weder Vorfahren noch Nachkommen besaß. ZUSPIELUNG 11 (Stockhammer) Total spannend. Also wir haben da schon gesehen, okay, genetisch scheinen alle Mütter von außerhalb zu kommen und gleichzeitig sehen wir jetzt von den Isotopenanalysen, dass ein erheblicher Teil der Frauen offensichtlich von ganz weit herkommt, also über 400 Kilometer, ja? ERZÄHLERIN Besonders auffällig war, dass die Bestattungen dieser „Frauen aus der Fremde“ zu den reichsten in der Region gehörten. Und das, obwohl es keine leiblichen Kinder gab, die für ein angemessenes Begräbnis Sorge hätten tragen können. Was könnte für andere Gründe gegeben haben für die Hochachtung, die die Gesellschaft diesen Migrantinnen offenbar entgegenbrachte? Die Spurensuche führt in die ursprüngliche Heimat der Frauen, die Regionen um Halle, Leipzig und Prag. Und damit in die High-Tech-Zentren jener Epoche, die gekennzeichnet ist vom wachsenden Wissen um die Herstellung und Bearbeitung von Bronze - einer Legierung aus Kupfer und Zinn. ZUSPIELUNG 12 (Stockhammer) Das richtig coole an Bronze ist, wenn die frisch gegossen ist, ist sie so hart wie Stahl, glänzt wie Gold, und man kann es ja auch viel besser gießen als Kupfer. ERZÄHLERIN Allerdings kommt Zinn - im Gegensatz zu Kupfer – nur selten in Europa vor. Die wichtigsten Lagerstätten befinden sich in Südengland und im Erzgebirge. Um an das begehrte Metall zu gelangen, braucht es ein großräumiges Netz von Handelsbeziehungen. ZUSPIELUNG 13 (Stockhammer) Deshalb ist die Bronzezeit auch etwas, was Menschen über weite Distanzen ganz neu miteinander in Austausch gebracht hat, und letztlich, so kann man sagen, die erste globale Epoche der Menschheitsgeschichte in Eurasien zur Folge hatte. ERZÄHLERIN In der Forschung, sagt Philipp Stockhammer, herrschte früher auch ein relativ klares Bild davon, in welcher Form dieser Austausch stattfand. ZUSPIELUNG 14 (Stockhammer) Die Erzählung meiner Studienzeit war eben: Mobilität war vor allem der Mann mit der Waffe oder der Mann, der Handwerker, oder der Mann, der Händler, der quasi glücksbringend durch die Bronzezeit Europas zieht. MUSIK andere Färbung, Dänemark, Bronzezeit ERZÄHLERIN Am 24. Februar des Jahres 1921 machte der Bauer Peder Platz im dänischen Egtved einen eigenartigen Fund. Er war gerade dabei, die Reste eines kleinen Hügels beiseite zu räumen, als er in dessen Mitte auf einen ausgehölten Eichenstamm stieß, in dem Leiche einer jungen Frau lag, eingewickelt in ein Kuhfell. Peder Platz beriet sich zuerst einmal mit seinem Nachbarn, dann setzten sich die beiden hin und schrieben einen Brief an das Nationalmuseum von Kopenhagen. ZITATOR Ich vermute, dass es sich um ein altes Begräbnis handelt und dass dieses von Interesse für das Museum sein könnte. Ich habe deshalb die Arbeit eingestellt. ERZÄHLERIN Tatsächlich erwies sich der Fund als absolute Sensation: Beim „Mädchen von Egtved“ handelt es sich um eine der am besten erhaltenen Bestattungen aus der Bronzezeit. Die schafwollene Kleidung der bei ihrem Tod etwa 17jährigen - eine Bluse mit halblangen Ärmeln und ein knielanger Rock aus gedrehten Schnüren, ihre Haare – vorne und an den Seiten kurz geschnitten, hinten halblang, ihr Schmuck – Gürtelpatte, Armreifen und ein Ohrring aus Bronze – all das hatte die Jahrtausende ebenso gut überstanden wie die Dose aus Birkenrinde am Fußende des Sarges, in der sich Reste eines mit Honig gesüßten Biers aus Weizen und Beeren fanden. MUSIK hoch (spätestens bei der nächsten Zuspielung weg) Der mittlerweile mehr als 100 Jahre zurückliegenden Entdeckung von Peder Platz verdankt die Archäologie zahlreiche Erkenntnisse über das bronzezeitliche Leben. Dazu gehört nun, dank moderner Untersuchungsmethoden, auch der Nachweis, dass sich die junge Frau zu ihren Lebzeiten keineswegs immer nur in Dänemark aufgehalten hat. Sie war offenbar gleich mehrmals in Süddeutschland unterwegs gewesen, wo sie unter Umständen – ganz einig ist sich die Forschung in dieser Beziehung nicht - auch geboren wurde. Aus welchen Gründen aber mag sie sich auf die lange und wohl auch einigermaßen gefährliche Tour quer durchs Land begeben haben? In welchem Rahmen reiste sie? Und – was hatte sie dabei im Gepäck? Auf jeden Fall steht ganz abseits jener Fragen fest: die alte Vorstellung von Handel und kulturellen Austausch in der Bronzezeit – ein Mann zieht bewaffnet oder mit Waren im Gepäck durch die Lande und schlägt sich allein und auf eigene Faust von Ansiedlung zu Ansiedlung durch - ist, wenngleich nicht unbedingt falsch, so doch höchstens ein Teil des Gesamtbildes, zu dem die jungen Frau aus Dänemark ebenso gehört wie die Migrantinnen des Lechtals. ZUSPIELUNG 15 (Stockhammer) (Gut möglich, dass es ihn gab, diesen Händler. Weil: Der einzelne Krieger hat es schon irgendwie geschafft. Aber) jetzt habe ich Mädels mit 17 Jahren, die zu Fuß entweder aus der Gegend von Prag oder aus der Gegend von Leipzig nach Augsburg kommen, das ist schon ein Stück. Und was wir auch sehen können über die Zähne, dass immer auch wieder Jungs im Alter von sieben Jahren aus dem Lechtal weggeschickt wurden und dann als erwachsene Männer mit 17 wiedergekommen sind. Weil die Zähne bis zum siebten Lebensjahr sind lokal; vom siebten bis zum 17. Lebensjahr ist es dann die Gegend Halle, Leipzig, und dann sind sie aber wieder vor Ort bestattet, also die sind sozusagen ausgeschickt worden, um in der Ferne zu landen… Ich meine, schicken Sie heute mal einen Siebenjährigen quer durch Deutschland! ERZÄHLERIN Sollte so eine Reise auch nur ansatzweise Aussicht auf Erfolg haben, dann musste es auf jeden Fall Begleitpersonen geben, die es gewohnt waren, mit Schwierigkeiten umzugehen, von Überfällen durch Mensch oder Tier bis hin zu plötzlichen Krankheiten. Vorstellbar wäre es etwa, dass sich zu bestimmten Zeiten im Jahr Trecks im Stil von Karawanen auf den Weg zu zentral gelegenen Plätzen machten, wo man zusammenkam, um religiöse Feiern abzuhalten und sich bei der Gelegenheit auch für zukünftige Termine verabredete und untereinander Tausch betrieb, ob es nun um Waren oder Wissen ging, Saatgut, Vieh oder Mensch. ZUSPIELUNG 16 (Matysik) Ein Grab aus der Gemeinde Wehringen: das ist die Ausstattung von einem Frauengrab. ERZÄHLERIN Auch wenn das kleine Museum von Königsbrunn keinen Jahrhundert-Fund wie das „Mädchen von Egtved“ zu bieten hat, kam doch bei den Grabungen der Ehrenamtlichen Beachtliches zutage. Siglinde Matysik zeigt auf ein üppig mit Bronzeschmuck versehenes weibliches Skelett: Ein massiver Halsring und zahlreiche „Tutuli“ - kleine Pyramiden aus Bronzeblech, die einst einen mittlerweile längst zerfallenen Stoff schmückten. Dazu im Bereich der Brust Bronzeplatten und um die Waden lange Spiralen aus Bronze, dessen einstiger Goldton sich über die Jahrtausende im Schotterfeld in ein sanft schimmerndes Türkis-Grün verwandelt hat. ZUSPIELUNG 17 (Matysik) Das ist für mich immer so schwer nachvollziehbar, dass die auf den ganzen Reichtum verzichtet haben und haben das dann mit ins Grab weitergegeben. ERZÄHLERIN Die kostbare Bronze sollte offenbar der Verstorbenen auch im Jenseits das gute „Standing“ sichern, das sie im irdischen Leben besaß. Denn eine derart reiche Beerdigung bekamen nur Angehörige der Oberschicht. MUSIK ERZÄHLERIN Die Bronzezeit ist nicht nur die Epoche, in der das Know-How in Sachen Metallbearbeitung rapide wächst und Handel und damit auch Mobilität eine immer größere Rolle spielen; sie ist auch geprägt von großen sozialen Unterschieden. Die Bestattungen des Lechtals zeugen davon: neben den reich mit Waffen und Schmuck ausgestatteten Gräbern gibt es auch solche, die so gut wie keine Beigaben enthalten. Die Verstorbenen waren offenbar arm gewesen. Und sie besaßen, wie die Analysen ergaben, keinerlei Verwandtschaft im Lechtal. ZUSPIELUNG 18 (Stockhammer) Wir haben diese Gruppe interpretiert als vielleicht Bedienstete, Mägde, Knechte, ob die jetzt unfrei waren oder nicht, also Sklaven oder so, wissen wir alles nicht: sie haben in dem Gehöft gelebt, sie wurden auf dem Familienfriedhof bestattet, also sie sie waren schon Teil der Familie, aber sie hatten den ganzen niedrigen Status. ERZÄHLERIN Sprich, ihre Situation war ganz anders als die „fremden Frauen aus der Ferne – obwohl doch die Grundbedingungen – ursprünglich nicht hier beheimatet, keine Verwandten, keine Kinder - auf den ersten Blick ganz ähnlich wirken. Der Unterschied: die „fremden Frauen“ kamen aus Technologiezentren. Und brachten wohl aus ihrer Heimat etwas extrem Wertvolles mit, nämlich Wissen und Können – insbesondere, was die Herstellung von Bronze betraf. ZUSPIELUNG 19 (Stockhammer) Da ist nichts Körperliches, wo man sagt, das kann doch nur ein Mann, das braucht so besondere Kraft: Sie beobachten, wann hat das Metall die richtige Temperatur erreicht von der Färbung her, wie machen Sie die Gussform, welchen Ton wählen Sie für den Schmelztiegel aus? ERZÄHLERIN Ausgerüstet mit diesem Know-How, vielleicht auch mit Werkzeug oder Bronze im Gepäck trafen die „Frauen aus der Fremde“ also auf dem jeweiligen Gehöft ein, auf dem sie fortan leben sollten, in einer Art Wohngemeinschaft mit dem Bauern und, sofern sie noch am Leben waren, mit seinen Eltern, Brüdern und mit den Schwestern unter 17 Jahren. Dazu kamen noch die – eingeheiratete - Ehefrau des Bauern und die Kinder des Paares. An deren Pflege und Erziehung die „Frau aus der Fremde“ vermutlich maßgeblich beteiligt war. ZUSPIELUNG 20 (Stockhammer) Wenn mal eine Frau mit einem Kind bestattet ist, dann ist es nicht die biologische Mutter, sondern eine Frau von ganz weit her. Worauf das für mich hindeutet, ist, dass wir letztlich andere Formen von Mutterrollen haben als wir uns vorstellen: Jedes Kind hatte sozusagen seine biologische Mutter, die immer wieder schwanger geworden ist, und auf der anderen Seite eine soziale Mutter, die vermutlich halt dem Kind auch ganz viel Wissen mitgegeben hat. ERZÄHLERIN Angesichts der hohen Müttersterblichkeit, aber auch angesichts der Tatsache, dass die Frauen bei der Heirat fast noch Teenager waren, hatte eine solche „Aufteilung“ der Mutterrolle mit Sicherheit Vorteile. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag damals zwischen 20 und 30 Jahren – und jede Geburt stellte ein hohes Risiko dar. Eine „Ersatzmutter“, die zudem über größeres Wissen als der Durschnitt verfügte, konnte hier ein, wie Philipp Stockhammer es nennt, „Schlüssel zur Optimierung“ sein. ZUSPIELUNG 21 (Stockhammer) Einerseits der Reproduktion, und andererseits, um den Kindern maximales Wissen und Überlebensmöglichkeiten zu garantieren. Und es ist so spannend, weil es einfach zeigt, wie komplex das Zusammenleben in diesen Häusern war und weit es über das hinausgeht, wie wir uns immer dieses, ach, einfache Leben in der Urgeschichte vorstellen. MUSIK ERZÄHLERIN Dank bioarchäologischer Methoden lässt sich heute vieles beantworten, was früher unlösbar erschien. Doch jede Antwort bringt unzählige neue Fragen hervor. Was etwa mögen die „fremden Frauen“ wohl sonst noch mitgebracht haben aus ihrer Heimat: Neue Techniken der Textilherstellung? Der Essenszubereitung? Lieder? Ihre Sprache? Medizinische Kenntnisse? ((Und wie ist - ohne die Hilfe unseres modernen Wissens über Verhütung - jene durchgehende Kinderlosigkeit zustande gekommen, die ja offenbar für die hoch angesehenen „fremden Frauen“ ebenso galt wie für die Frauen der Unterschicht. ZUSPIELUNG 21 (Stockhammer) Ich glaube, dass es ganz strikte Regeln gegeben haben muss, wer mit wem Nachkommen zeugen durfte und wer nicht, und es hat offensichtlich funktioniert, weil wir keinen einzigen genetischen Beleg dafür haben, dass irgendwo mal ein Seitensprung oder ähnliches… das würden wir ja genetisch sehen. Und das ist schon sehr spannend und zeigt uns, wie strikt und klar dieses System funktioniert haben muss.)) ERZÄHLERIN Ein System, das – wiewohl es offenbar sehr gut funktionierte – dann nach rund 750 Jahren trotzdem relativ abrupt endet. Die frühbronzezeitlichen Gehöfte des Lechtals sterben nach und nach aus, während parallel dazu andere Menschen in die Region ziehen, die sich, oftmals nur ein paar hundert Meter entfernt, neue Häuser bauen und ihre Toten auf andere Art bestatten. Was mag da wohl dahinterstecken? Und – weitere Fragen: Was war eigentlich mit den armen Bewohnern der Höfe? Wo und wie kamen sie her? Waren sie gekauft oder gar gekidnappt worden? Oder kamen sie womöglich freiwillig, froh, einen Unterschlupf zu finden, der ihnen in der rauen Welt der Bronzezeit zumindest einigermaßen das Überleben sicherte? Fragen über Fragen - auf die es wohl kaum je Antworten geben wird. Denn jener Teil unserer Geschichte, aus dem nichts Schriftliches und nur einige wenige Bilder überliefert sind, bleibt verborgen wie hinter einem Vorhang, der nur kleine Einblicke auf das gewährt, was dahinter liegt. Alles andere bleibt reine Spekulation.

  7. ABBA Forever - Das Pop-Phänomen aus Schweden

    22.08.2025 · 23 Min.

    1974 gelang der schwedischen Pop-Band ABBA mit "Waterloo" ein erster Welthit. Das Quartett der anfänglich noch verheirateten Paare steht für gutgelaunte, international erfolgreiche Popsongs Made In Sweden. Von Markus Mayer (BR 2022) Credits Autor/in dieser Folge: Markus Mayer Regie: Es sprachen: Katja Amberger, Andreas Neumann, Katja Schild, Carsten Fabian Redaktion: ,Dr. Nicole Ruchlak Im Interview: Dietmar Schwenger - Journalist, München (Branchenblatt Musikwoche) Noch mehr Interesse an Wissenschaft und Musik? Dann empfehlen wir: Kosmos Musik Fördert Klavierspielen die Intelligenz? Warum ist Singen gut fürs Immunsystem? Und wie klang der Urknall? Auf diese und andere spannende Fragen antwortet der neue Wissens-Podcast "Kosmos Musik" mit der Astrophysikerin und angehenden Astronautin Suzanna Randall: BR PODCAST I KOSMOS MUSIK - DER WISSENS-PODCAST MIT SUZANNA RANDALL Literatur: Bandbiographien: Licht und Schatten – ABBA – die wahre Geschichte. Carl Magnus Palm. Bosworth Berlin London Wien. 2006. Die offiziöse, ‚amtliche‘ Bandbiographie des schwedischen Journalisten Carl Magnus Palme erzählt die Geschichte der Band aus der Sicht der Landsleute. ABBA – Thank You For The Music. Andrew Oldham, Tony Calder, Colin Irwin. Aus dem Englischen von Heike Steffen. Ullstein 2. Auflage 2000. Politisch höchst unkorrekte Bandbiographie voller Sottisen und schmutziger Witze, des öfteren schallend gelacht bei der Lektüre. Könnte heutzutage nicht mehr geschrieben bzw. veröffentlicht werden, ein zutiefst sexistisches Buch, das zeigt in welchen Kontexten, die Karriere des Schweden-Quartetts einst verhandelt wurde. ABBA – The Music Still Goes On – Die Story zu ihren Songs. Robert Scott. Deutsch von Karin Miedler und Ursula Pesch. Rockbuch Verlag. Schlüchtern 2005 Bildbiographie mit zahlreichen, teilweise ganzseitigen Farbfotos, klassisches „Fan“-Produkt i.e. ein Buch, das für Fans, wenngleich mit Bildern, die viel über die Professionalität der ABBA-Mitglieder verraten und informativen Kurztexten. ABBA – Ihre ganze Geschichte. Fréderic Tonnon & Marisa Grau. Schwarzkopf & Schwarzkopf. Berlin 2005 Lexikoneinträge in folgenden Kompendien: Von ABBA bis Zappa – Die Klassiker des Rock & Pop. Hg. v. Peter Kemper, Reclam 2015, darin Artikel über Abba von Uwe Schütte. S. 11 – 17. Spitzzüngiger Abriss eines kompetenten Autors, profunde Informationen und Einschätzungen. Rock und Pop von A bis Z. Von Julia Edenhofer. Bastei Lübbe. Bergisch Gladbach. 1993. S. 55 - 56. Nichtssagender Artikel. Das neue Rocklexikon. Band 1. Hg. von Barry Graves, Siegried Schmidt-Joos & Bernward Halbscheffel. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Hamburg 1998. S. 36 - 37. Cooler Abriss mit Zitaten aus angelsächsischer Presse eines ungenannten Autors. Rock Rough Guide. Hg. Von Jonathan Buckley und Mark Ellingham. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar. 1998. S. 1 – 2. Artikel von Jonathan Kennaugh. Pop-Splits Die besten Songs aller Zeiten und ihre Geschichte. Hg. von Frank Bruder. Illustriert von Tim Dinter. Aufbau Taschenbuch Verlag. Berlin 2004 Zu Schweden: Gebrauchsanweisung für Schweden. Antje Rávik Strubel. Piper Verlag München, sechste Auflage 2019. Darin: S. 154 - 174 / Kapitel Auffallen verboten! Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Sechster April 1974. Beim Eurovision Song Contest im englischen Seebad Brighton vertritt die Gruppe ABBA Schweden. Das Quartett war im Vorjahr bei der schwedischen Vorentscheidung ausgeschieden. ERZÄHLER Der Eurovision Song Contest, kurz ESC, ist eine Veranstaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Europas. Ziel ist es, europäische Kulturen darzustellen und zu fördern. ERZÄHLERIN Der Dirigent des Orchesters, das die Band begleitet, trägt einen Zweispitz und eine historische Uniform wie Napoleon Bonaparte. Denn der Song von ABBA heißt Waterloo, Schauplatz der größten Niederlage des Heerführers. ZUSPIELUNG ABBA: Waterloo / Z9464472 001 1‘31 ERZÄHLER Der Song von ABBA spielt auf die Redewendung ‚ein persönliches Waterloo erleben‘ an, also im eigenen Leben einen großen Misserfolg erleiden. Im Liedtext wird eine Liebesbeziehung mit Napoleons letzter Schlacht verglichen. ERZÄHLERIN ABBA haben die Startnummer acht: Agnetha trägt eine hautenge, blaue Satinhose, die blonden Haare werden bedeckt von einem neckischen Mützchen. Anni-Frid, die ihren rötlich-brünetten Haare eine Dauerwelle verpasst hat, ist mit einem schicken Rock in Maxi-Länge bekleidet. Björns Beine stecken in silberglänzenden Stiefeln mit Plateauabsätzen, der Korpus seiner silberfarbenen E-Gitarre ist wie eine Sternenexplosion gezackt. Der bärtige Benny, der hinter dem Klavier nur selten ins Bild kommt, wirkt verglichen mit den anderen fast unauffällig. Die Gesichter der Damen tragen Glitzer-Makeup, an allen Kostümen funkeln Silber-Kettchen - ABBA treten gemäß der Mode auf, die damals in der Pop-Arena angesagt ist. ERZÄHLER Glamrock, kurz für Glamour- oder Glitter Rock steht für den großen, theatralen Auftritt, für Schminke, Androgynität und Künstlichkeit. Entwickelt wurde er von Vordenkern wie David Bowie, Marc Bolan, Roxy Music und Gary Glitter. ERZÄHLERIN ABBA wirken zwar nicht wirklich androgyn, gewinnen aber den ESC mit Waterloo. Das ist bemerkenswert. Erstens, weil Schweden damit zum ersten Mal Siegerland wird. Zweitens, weil der Song tatsächlich ungewöhnlich peppig und eingängig ist. 2020 wird er zum beliebtesten ESC-Song aller Zeiten gewählt. Und Drittens, weil die schwedische Band mit einem Popsong auf Englisch, der Rock-Elemente enthält, angetreten ist. Meist singen ESC-Teilnehmer in den Landessprachen. So tragen Cindy & Bert, die Deutschland 1974 vertreten, das Lied „Die Sommermelodie“ vor. ERZÄHLER Was ABBA mit angelsächsischem Pop und Glam Rock verbindet, formuliert ein Kritiker der amerikanischen Musikzeitschrift Rolling Stone so: ZUSPIELUNG ABBA: Waterloo ZITATOR „Mit ihren prägnanten und temporeichen Pop-Nummern liegen ABBA viel näher beim eigentlichen Rock’n’Roll als viele dieser übersteigerten Gitarrenkanonen oder diese seelenguten Gruppierungen, die den verwirrten Massen kosmo-dynamische Erleuchtung bringen wollen.“ ZITATORIN ABBA Forever – Wie vier Schweden die Popwelt erobern ZUSPIELUNG ABBA: The Winner Takes It All ERZÄHLER ABBA haben es also geschafft, sie sind weltweit Nummer Eins. Eigentlich könnte dies das Ende dieser Gruppe sein, aber Björn und Benny, die Songwriter des Projekts, haben Blut geleckt. Beide sind Ende 20, relativ alt also für eine Popstar-Karriere. Sie bilden bereits seit Jahren ein hervorragendes Songschreiberteam. Und was einmal gelungen ist, lässt sich auch ein zweites Mal und öfter schaffen. ERZÄHLERIN Eine Pop-Band mit zwei Songschreibern und zwei Frauen, die den Ton angeben – das ist neu. Es passt in die Zeit von Women’s Liberation, Emanzipation und Partnerlook. ZUSPIELUNG ABBA: Super Trouper / ERZÄHLERIN Anni-Frid und Agnetha sind mehr als ein attraktives Aushängeschild, sie verfügen über Stimmen, die sich optimal ergänzen: Anni-Frid bildet mit ihrem vollen, runden Mezzosopran das Fundament, über den sich Agnethas Sopran in der Tonlage darüber mühelos in die Höhe schrauben kann. Beide haben wie auch Björn und Benny zahllose Auftritte absolviert, auch mit den Anforderungen von Fernseh- und Aufnahme-Studios sind sie vertraut. ERZÄHLER Der Müncher Musikjournalist Dietmar Schwenger ist ABBA-Fan seit Kindheitstagen ZUSPIELUNG DIETMAR Schwenger über kunstvolle Stimmführung Wenn man dann hört, wie die zwei Stimmen kunstvoll miteinander verwoben sind. Mal unisono, dann wieder im Terzabstand, miteinander gesungen haben. Ein großer Teil der ABBA-Magie liegt darin, wie die beiden Stimmen eingesetzt sind. ZUSPIELUNG ABBA: Take A Chance / Z8006513 208 21’’ ERZÄHLERIN Björn Ulvaeus, geboren 1945 in Göteborg, und Benny Andersson, 1946 in Stockholm zur Welt gekommen, haben sich über die Hep Stars kennen gelernt, eine schwedische Band, bei der Benny Orgel spielt. Die Hep Stars empfinden in den 60er Jahren angloamerikanische Songs nach. Bei einem Auftritt der Gruppe im Juni 1966 treffen sie sich zum ersten Mal. Als dann der Hep Stars-Gitarrist ausfällt, springt Björn, der in Folkbands Gitarre gespielt hat, ein. Sein Jurastudium hängt er an den Nagel. ERZÄHLER Weil Björn und Benny sich gut verstehen, bilden sie eine Arbeitsgemeinschaft, die für Polar Music tätig ist. Das ist eine Schallplatten-Firma mit Musikverlag, die der Geschäftsmann und Branchenkenner Stig Anderson führt. ERZÄHLERIN Eine der Künstlerinnen von Polar Music, für die Björn und Benny Songs schreiben, ist die Jazzsängerin Anni-Frid Lyngstad, geboren 1945 in Norwegen. Sie ist ein so genanntes “Tyskerbarn”, ein Deutschenkind. Ihre Mutter war erst 19, als sie auf die Welt kam. Anni-Frid ist das Kind einer Liebschaft zwischen einer Norwegerin und einem deutschen Besatzungssoldaten. Ihr Vater, heißt es, wäre in den letzten Kriegstagen gefallen. Weil ihre Mutter 1947 an einem Nierenversagen stirbt und Tyskerbarna mit Diffamierungen und Ausgrenzung zu rechnen haben, zieht Anni-Frids Großmutter mit ihr nach Schweden. Mit 14 verlässt sie die Schule und beginnt eine Schneiderlehre. Später gestaltet sie einige Bühnen-Kostume von ABBA. ZUSPIELUNG Anni-Frid Lyngstad - Peter Pan ERZÄHLER Die Jüngste im Bunde ist Agneta Fältskog, geboren 1950 in der Provinzhauptstadt Jonköping als Tochter eines Kaufhausgeschäftsführers. Sie geht mit 15 von der Schule ab und arbeitet als Telefonistin. Davor hat sie bereits in einem Mädchen-Vokaltrio gesungen. 1967 produziert sie mit einer Band ein Demoband mit Liedern, die sie selbst geschrieben hat. Es landet auf dem Schreibtisch einer Plattenfirma in Stockholm und führt dazu, dass Agnetha unter Vertrag genommen wird. ZSP Agnetha Fältskog: Wer schreibt heut noch Liebesbriefe ERZÄHLERIN 1968 nimmt die ehrgeizige Sängerin mehrere deutsche Schlager auf, die allerdings floppen. Bei einem Auftritt in Schweden lernt sie Björn Ulvaeus kenne, damals ein gefeierter Teeniestar. Als sich die beiden ein Jahr später bei der Aufzeichnung einer Fernsehsendung wiedersehen, kommt es zu einer Liaison, die von der Boulevardpresse aufgegriffen wird. Derweil veröffentlicht Agneta ihr Debutalbum mit selbstgeschriebenen Songs – ein Erfolg beim jungen Publikum.

  8. Das Land des grünen Glücks? Bhutan als ökologisches Modellprojekt

    20.08.2025 · 24 Min.

    Der kleine Himalaya-Staat Bhutan zwischen Indien und Tibet mausert sich in seiner Abgeschiedenheit vom Rest der Welt zu einem Muster-Land in Sachen Ökologie. Mehr als die Hälfte des Königsreichs stehen unter Naturschutz, flächendeckende Elektromobilität sind das Ziel der nächsten Jahre. Von Geseko von Lüpke (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Geseko von Lüpke Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Julia Fischer, Stefan Wilkening, Thomas Birnstiel, Jenny Güzel Technik: Marcus Huber Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Kurt Nübling (Unternehmer und Bhutan-Reisender); Kinley Dorji (bhutan. Journalist und Herausgeber), Lama Sonam Bumdhen (buddhistischer Mönch), Dhan Gurung (Professor für natürliche Ressourcen an der Universität von Bhutan), Dasho Bharat (Mitglied des Staatsrat von Bhutan), Ketsang Tshomo (Öko-Beraterin des Landwirtschafts-Ministeriums von Bhutan), Julia Kim (Programm-Direktorin am staatlichen ‚Glücks-Zentrum‘), Lyonpo Damcho Dorji (Außenminister Bhutans), Thsering Tobgay (Premierminister Bhutans) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Naturreligionen. Altes Wissen neu entdeckt. JETZT ENTDECKEN Das Volk der Kogi in Kolumbien. Die Hüter der Erde. JETZT ENTDECKEN Afrikas Ubuntu. Die Philosophie der Menschlichkeit. JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Gelephu Mindfullness City (ökologische Modellstadt nach den Plänen des dänischen Architekten Bjarke Ingels) HIER Gross National Happiness Center (Bhutan) HIER Literatur: Niestroy, Ingeborg, Armando García Schmidt, Andreas Esche: Bhutan: Ein Leitbild der Nachhaltigkeitspolitik. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Erfolgreiche Strategien für eine nachhaltige Zukunft, Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2013 Tschewang, Ugyen & Jane Gray Morrison: Bionomics in the Dragon Kingdom: Ecology, Economic and Ethics in Bhutan, Springer-Verlag 2018 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Bhutan! ‚Drug-yul‘ nennt es sich selbst – Land des Donnerdrachens! Das klingt wie ein Märchen-Land hinter den Bergen, zeitlos, weit ab von der geschäftigen Welt. Wie ein verheißungsvolles Geheimnis. Und so spricht man auch von dem Himalaja-Königreich: Glücklich angeblich, irgendwie erleuchtet, gesund, sauber, absolut nachhaltig. Eine moderne grüne Paradies-Version! Als wäre es ‚Shangri-La‘ – das legendäre harmonische Utopia Asiens! Mythos oder Realität? Musik 2: Dreams of… - 59 Sek SPRECHER Bhutan! Ein Zwergenland – nicht größer als die Schweiz – eingezwängt zwischen zwei Riesen – dem von China besetzten Tibet im Norden, und Indien im Süden. Ein paar Hunderttausend Bewohner in einem buddhistischen Königreich zwischen Meeresspiegel und 7.000 Meter hohen Bergen, während sich südlich und nördlich Milliarden Menschen tummeln und um Weltmachtstatus ringen. Bhutan hingegen: Bescheiden, still, ganz anders. Kurt Nübling aus dem Allgäu macht sich seit 1990 immer wieder auf den Weg nach Bhutan, um Kräuter und biologische Rohstoffe im Himalaja zu kaufen. Und erinnert sich noch deutlich daran, wie er vor 34 Jahren das erste Mal das Grenztor zwischen Indien und Bhutan durchschritt. 01 - ZUSPIELUNG Plötzlich war eine andere Welt. Wir waren wie verzaubert! Diese Verwurzelung, dass die Natur ein Teil von uns ist, mit dem wir verbunden sind, dass wir ein Teil von dem Ganzen sind. Und das ist in Bhutan noch. Sie sind extrem reich an Natur, an Biodiversität, einem wunderschönen Leben, was einem ins Herz geht, wenn man dort reist. ZUSPIELUNG Atmo 08 (Natur + Fluss, Elefant) SPRECHERIN Auch heute noch ist Bhutan ein Land der Gegensätze und des Staunens. Ein Land der Berge, Wälder und Flüsse. Ein Land, das grenzenlos sauberen Strom verschenkt. Ein wildes Land mit Tigern, Leoparden, Elefanten, Yaks, Wölfen, Pandas, Panzernashörnern, Kobras, Geiern. Einem ‚Hotspot‘ der Biodiversität, der Pflanzenvielfalt und Heilkräuter, weil auf engstem Raum alle Klimazonen der Welt nebeneinander liegen. Musik 3: Phurba's... aus: Sherpa - 1:13 Min SPRECHER Ein Land, in dem die Statistiken Kopf stehen: Während überall der Ausstoß des Klimagases CO2 zunimmt, ist Bhutan völlig klimaneutral, ja nimmt sogar mehr Kohlendioxid auf, als es ausstößt. Ein Land fast ohne Industrie und Umweltzerstörung, das zu einem Drittel aus Naturschutzgebieten besteht, Abholzung per Verfassung verbietet, grünen Strom aus Wasserkraft exportiert. Eigentlich ein Entwicklungsland, moralisch aber eine Großmacht: Während die ganze Welt um Wirtschaftswachstum ringt, winkt Bhutan lässig ab und stellt stattdessen Naturschutz und nicht weniger als das ‚Glück‘ in den Mittelpunkt des staatlichen Tuns. Statt gierig auf das Brutto-Sozial-Produkt zu schielen, spricht man hier gelassen von ‚Gross National Happiness‘ dem, ‚Brutto-National-Glück‘. Kinley Dorji (Kinnläi Dordschi), Begründer und Herausgeber der ersten nationalen Tageszeitung Bhutans erklärt die vier Säulen dieser ungewöhnlichen Politik. 02 - ZUSPIELUNG Wort 2 One of this pillars is 'Good Governance'. …. VO-männlich Eine der Säulen ist eine ‘gute Regierungsführung‘. Wir verstehen darunter, dass sie wirklich den Menschen dient, nicht den Herrschenden. Die anderen Prioritäten sind – neben der Erhaltung unserer einzigartigen Kultur – eine gesunde sozio-ökonomische Entwicklung, die absolut nachhaltig sein muss. Und dann besonders der Schutz der Natur. Angesichts des Klimawandels und der globalen Erwärmung dürfen wir nicht länger den Planeten und seine Schätze konsumieren. Stattdessen müssen wir die gegenseitige Abhängigkeit aller lebendigen Wesen, einschließlich der Pflanzen und Tiere, anerkennen, wenn wir den Planeten erhalten wollen … needs to be understood to preserve the planet. SPRECHER Ein politischer Ansatz, der in Zeiten der Klimakrise fast zu schön klingt, um wahr zu sein. Bhutan entwickelt sich damit zu einem ökologischen Modellprojekt. Es ringt zwar mit großen Herausforderungen, zeigt aber auch, dass Entwicklungsländer den reichen Industriestaaten voraus gehen können. Es ist eine Gradwanderung zwischen visionärer Moderne und uralten Traditionen, die hier probiert wird. Und das auf der Basis einer einzigartigen kulturellen Identität. ZUSPIELUNG Atmo 4 (Langhörner, Tempelfest Paro) SPRECHERIN Es ist wie ein Fenster in eine andere Welt, wenn man vor der gewaltigen Klosterburg von Paro im Westen des Landes steht. Der Ritual-Platz ist in Regenbogenfarben getränkt: Tausende von mit Mantras bedruckte Fähnchen in Gelb, Grün, Rot, Weiß, Blau wehen im steten Wind und tragen Gebete hinauf zu den Siebentausendern, die als Heimat der Götter – und Buddhas – gelten. Vor den weiß getünchten Lehmmauern des 400 Jahre alten Klosters mit kunstvoll geschnitzten Fenstern haben sich tausende Frauen, Männer und Kinder in festlicher und grell bunter Tracht zum ausgelassenen Tempelfest, einem ‚Tsetschu’ versammelt. ZUSPIELUNG Atmo 5 (Pudja in Chimi Lakhang, 20) darüber SPRECHER Alle Augen sind auf die maskierten Tänzer gerichtet, die mit Furcht einflößenden Masken und bunten Kostümen über den nackten Boden wirbeln, in gewagten Sprüngen und winzigen pantomimischen Gesten wortlos Geschichten erzählen von Dämonen, Göttern und Göttinnen, vor allem aber die mythische Gestalt des Heiligen Guru Rinpoche feiern, der den Buddhismus nach Bhutan brachte. Es ist diese Mischung aus uralter Naturverehrung, buddhistischer Spiritualität und nüchterner Anerkennung der globalen ökologischen Krise, welche die Grundlage bildet für ein radikales Alternativ-Modell, sagt der Mönch Lama Sonam Bumdhen: 03 - ZUSPIELUNG The essence of Buddhism is the sacred vision of everything, … VO-männlich Der Kern des Buddhismus ist die Heiligkeit von allem, was ist, ob Berge, Bäume oder unser eigener Körper. All das ist Ausdruck des Göttlichen. Für uns wohnen Gottheiten in eigentlich Allem: Sie durchdringen das ganze Universum, alle Planeten. Wir sehen Gottheiten im Wasser, im Feuer, in der Erde, im Raum, in der Luft. Sie sind nichts anderes als Ausdruck der absoluten Weisheit Buddhas. Wenn wir uns aber der Wahrheit stellen, sehen wir zugleich riesige Umweltschäden, die durch keinen anderen ausgelöst wurden als uns selbst. Wenn wir dieses riesige Chaos wirklich anerkennen, müssen wir es stoppen, die Menschen und die ganze Welt erziehen ….., we need to educate the world. Musik 4: New old land – 1:31 Min SPRECHER Das ist ein großer Anspruch für das kleine Land, das hoch und heilig auf dem Dach der Welt thront. Und tatsächlich hat sich Bhutan in den letzten 20 Jahren zu einem ernstzunehmenden Modell nachhaltiger Entwicklung gemausert. Bis in die 1960er war es ein völlig abgeschirmtes Land, ohne Straßen, Elektrik und Technik, versteckt in den Bergen, um zu überleben. Als es sich in den 80er und 90er Jahren vorsichtig öffnete, hatte es bereits aus den Fehlern zahlreicher anderer Entwicklungsländer gelernt, die in zu schneller Modernisierung ihre Identität verloren hatten, ihre Umwelt gefährdeten, und in Armut und Abhängigkeit geraten waren, während Korruption und Gewalt zugenommen hatten. SPRECHERIN Der weitsichtige König hatte daraufhin erkannt, dass die Entwicklung in die Moderne nicht um jeden Preis gesucht werden dürfe. Statt sich nur wirtschaftlich und quantitativ zu modernisieren, wollte er als höheres Ziel eine qualitative Entwicklung von Mensch, Kultur und allen Lebensformen – und führte das Brutto-National-Glück als Maßstab aller Politik ein. Damit sollten Fehlentwicklungen vermieden werden und Bhutan zugleich als einmaliges Modell stark und unverkennbar werden. Die kulturelle Identität wurde zur Garantie des Überlebens, erklärt der Journalist Kinley Dorji … 04 - ZUSPIELUNG Wort 4 We are a small country of half a million people between India and China, … VO-männlich Wir sind als kleines Land zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Nationen der Welt sehr verletzbar. Eine halbe Million Menschen können da schnell geschluckt werden. Ohne jemals eine Militärmacht oder eine Wirtschaftsmacht werden zu können, muss unsere Stärke in unserer Identität liegen. Wir müssen als ‘besonders’ wahrgenommen werden und unsere ganz eigenen Werte haben, um als unverzichtbar von der Welt gesehen werden, was uns hilft zu überleben. … and therefore helps us survive. ZUSPIELUNG Atmo 2 (Thimpu ) kurz frei & weg SPRECHER So wurde das Brutto-National-Glück nach Außen zum Sympathieträger und unverwechselbaren Markenzeichen, zugleich nach Innen zum Kultur- und Naturschützenden Staatziel. Es galt zu bewahren, was da war und ökologisch zu entwickeln, was möglich war. ZUSPIELUNG Atmo 8 (Natur) unter Sprecherin SPRECHERIN Aus einer traditionellen Agrar-Gesellschaft konnte Bhutan fast unmittelbar zum ökologischen Modell werden, mit folgenden Leitgedanken: die natürlichen Reichtümer der riesigen Artenvielfalt wertzuschätzen und unter strengen Schutz zu stellen! Die unbestiegenen Siebentausender für die Bergsteigerei zu sperren und den alten Göttern ihre Ruhe zu lassen! Mehr als ein Viertel der ohnehin kaum besiedelten Landesfläche zu strikten Naturschutzgebieten zu erklären! Jede Brandrodung zu verbieten. Und per Verfassung festzulegen, dass die Wälder erhalten bleiben, erzählt Dhan Gurung, Professor für natürliche Ressourcen an der Königlichen Universität von Bhutan: 05 - ZUSPIELUNG Wort 5 When it comes to environmental conservation Bhutan will do quite a pretty job …. VO-männlich Bei der Erhaltung der Umwelt macht unser Land einen guten Job. Zurzeit sind 72 Prozent des Land bewaldet. Und in unserer Verfassung steht, dass mindestens 60 Prozent der Landesfläche für immer von Wald bedeckt sein müssen. Die Erhaltung der Wälder schützt die enorme Biodiversität – und diese versorgt wiederum die traditionelle Medizin Bhutans mit reichen Ressourcen an Heilkräutern, Mineralien und tierischen Substanzen. Auch die Landwirtschaft ist abhängig von der Biodiversität der Wälder: Wir sammeln die Blätter und benutzen sie als Dünger. Und die Rinder grasen in den Wäldern. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit dem Schutz der Wälder für die hohe Qualität des Wassers und seiner Kreisläufe sorgen. Denn das ist unsere ökonomische Basis. Und wir schauen darauf, dass sie nachhaltig ist. It still can be sustainable. That's the area that we are looking at. USPIELUNG Atmo 9 (Wasserrauschen Bhutan A23/24) SPRECHER Tatsächlich lebt Bhutans Wirtschaft primär von der grünen Wasserkraft. Das extreme Gefälle von 7.000 Höhenmetern auf unter 100 Meter von Nord nach Süd, macht die ungezählten Flüsse zu Wasserkraft-Goldgruben. Bhutan nutzt bislang nur 6,2 Prozent dieses natürlichen Potentials, das auf unglaubliche 26.000 Megawatt jährlich geschätzt wird – so viel wie rund zwanzig Atomkraftwerke der Marke Grundremmingen. SPRECHERIN Sauberer Strom ist dann auch das primäre Exportgut Bhutans und versorgt die Industrie Nordindiens mit grüner Energie. Schon träumt man im Himalaja-Land davon, in wenigen Jahren keine Tanklaster mehr aus Indien zu brauchen, die Öl und Benzin über die Pässe bringen, sondern nur E-Autos zu nutzen und die gesamte Infrastruktur zu elektrifizieren, berichtet Dasho Bharat, der lange den Ausbau der Wasserkraft leitete und heute im dreiköpfigen Staatsrat den König berät. 06 - ZUSPIELUNG Wort We are blessed by nature. We have high altitude mountain areas. VO-männlich Wir sind mit Natur und den hohen Bergen gesegnet. Das ist ein Riesenvorteil. Wir können in Zukunft 95 Prozent der Energie exportieren. Bhutans Zukunft ist das Wasser. Es ist das finanzielle Potential für die Entwicklung des Landes. Heute exportieren wir 75 Prozent des Stroms, um Geld zu verdienen und verbrauchen das restliche Viertel selbst. Diese Wasserkraft ist sauber und grün und wir schwimmen auf ihr in eine gute Zukunft, weg von der schmutzigen kohlenstoff-basierten Wirtschaft. Aus diesem Potential wollen wir saubere, grüne und nachhaltige Technologien entwickeln. Vielleicht werden unsere Enkel genießen, was wir da heute machen – ob es dann die saubere Umwelt, die Produktion von ökologischen Nahrungsmitteln oder gesunde Medizin ist. Wir wollen wirklich den grünen Weg gehen. … We would like to go the green way. Musik 5: Dreams of… - siehe vorn – 32 Sek SPRECHER Bhutan könnte sogar bald das erste Land sein, in dem 100 Prozent Bio-Landbau betrieben wird. Gentechnik ist grundsätzlich verboten. Kleine Familienbetriebe bestimmen das grüne Bild der Landschaft, die zu 95 Prozent ökologisch bebaut wird. In Deutschland sind es mit gerade mal 9,5 Prozent, also zehnmal weniger. ZUSPIELUNG Atmo 10 (Gesamg beim Ernten) SPRECHERIN Da wird die scheinbare Rückständigkeit zum Vorteil. Auf den meisten Betrieben ist chemische Düngung nie angekommen und war den Landwirten immer suspekt. Sie waren deshalb nie anders als ökologisch. Was im globalen Norden als ‚Permakultur‘ und Agroforst zunehmend als Zukunftslösung propagiert wird, ist in Bhutan seit langem Standard, berichtet Ketsang Tshomo, Öko-Beraterin des Landwirtschafts-ministeriums: 07 - ZUSPIELUNG Wort 7 Our traditional farming is basically based on permaculture …. VO-weiblich Unsere traditionelle Landwirtschaft basiert auf den Prinzipien der Permakultur. Wenn man sich den Agroforst mit Tierhaltung, die Agrarkultur, den Gartenbau anschaut, dann ist eigentlich jede Farm hierzulande so ein integriertes Ökosystem. Hinzu kommt die tiefe spirituelle Verbundenheit mit dem Land, der Anspruch weder Tier noch Pflanzen irgendwie Schaden zuzufügen. Alles in allem sind das die perfekten Voraussetzungen für eine organische Landwirtschaft, die zum Lebensstil jeden Farmers und Konsumenten werden soll. Deshalb setzen wir, wo immer es möglich ist, auf biologische Landwirtschaft. Was wir allerdings importieren, stammt oft aus konventioneller Landwirtschaft. Aber wir brauchen es, um die Versorgungslücke zu schließen. that needs to be imported to close the gap. SPRECHER Auf dem Dach der Welt ist es ein Fluch der Globalisierung, dass schwer beladene 40-Tonner pestizid-belastete gen-manipulierte Nahrungsmittel aus der subventionierten indischen Landwirtschaft über die Himalaja-Pässe bringen und auf den Bauernmärkten Bhutans billig verscherbeln. Wer wenig Geld hat, versorgt sich auch im Land des grünen Glücks mit billigen belasteten Lebensmitteln. SPRECHERIN Dem Traum vom grünen Paradies ‚Shangri-La‘ steht also oft noch eine bittere Realität entgegen. Bhutans Idee des Glücks für Mensch und Natur mag ein idealer Maßstab für eine schönere Welt sein, sagt der Journalist und Regierungsberater Kinley Dorji. Solange die Außenwelt nicht mitmacht, bleibt es aber ein Traum: 08 - ZUSPIELUNG Wort 8 Bhutans reputation in the world is larger then life, so to speak …. VO-männlich Bhutans Ruf ist besser als die Realität. Aber die Menschen sind romantisch. Sie lieben die Idee einer kleinen, exotischen glücklichen Nation. Und wir müssen uns darüber klar sein: Wir haben all das noch nicht erreicht. Wir sind hier nicht pausenlos glücklich. Wir haben unsere Probleme, wir sind ein Entwicklungsland. Aber es ist wichtig, ein gutes Ziel zu haben! Wir brauchen auch hier eine starke Transformation. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass der Mensch das wichtigste Lebewesen ist. Im großen Bild ist er vielleicht sogar ziemlich unwichtig. Und wenn man diesen Respekt vor dem Leben hat, dann will man es automatisch erhalten. …. if you have this respect, you naturally preserve. Musik 6: The inner road – siehe vorn – 30 Sek SPRECHER Aber Bhutan kann sich nicht von den Krisen der Welt abschotten. Realität ist: Auch in Bhutan nehmen die Depressionen langsam zu, die Selbstmordraten steigen, Drogenkonsum und Gewalt ebenso. Internet und Fernsehen bringen westliche Konsumideale neuerdings in jedes Dorf und wecken schnell unerfüllbare Bedürfnisse. SPRECHERIN Doch die Regierung hält dagegen, setzt trotz Öffnung zur Welt auf den Erhalt der traditionellen Kultur, versucht hartnäckig die Quadratur des Kreises. Alle drei Jahre schwärmen in ihrem Auftrag tausende Studenten aus und stellen der Bevölkerung 208 Fragen nach ihrem subjektiven Glücksgefühl, um daraus die aktuelle Politik zu entwickeln, erzählt Julia Kim, Programm-Direktorin am staatlichen ‚Glücks-Zentrum‘: 09 - ZUSPIELUNG Wort 9 The GNH index measures these things and shapes policy …. Diese VO-weiblich Die ganze Welt redet schon lange über die Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung, den Klimawandel und die soziale Ungleichheit. Was Bhutan hier ergänzt, ist die Einsicht, dass die Lösungen erst aus einer Balance zwischen äußerem materiellen und innerem spirituellen Wohlergehen entstehen. Zugleich wissen wir, dass wir unsere Kultur nicht so rein erhalten können wie eine Juwelenkette, die wir im Schmuckkästchen verstecken. Kulturen verändern sich ständig, aber Werte können stark bleiben. Wir müssen diese traditionellen Werte, ihren Sinn und ihre Schönheit erhalten und mit einer modernen Technologie so kombinieren, dass die Umwelt so wenig wie möglich geschädigt wird. … that reduces the impact on the environment. SPRECHERIN Damit ist Bhutan fraglos zu einem kleinen einzigartigen Modell für den Rest der Welt geworden. Doch darauf kann es sich nicht ausruhen. Das gesegnete Land auf dem Dach der Welt schrammt seit Jahren an einer Identitätskrise entlang. Während die Landbevölkerung den alten Werten folgt, orientiert sich die städtische Jugend an den Vorgaben aus Hollywood und Bollywood, nutzt Tik-Tok und will ‚hip‘ sein, wie der Rest der Welt. ZUSPIELUNG Atmo 11b (Fernsehen Bhutan) kurz frei und weg SPRECHER Sie tragen Jeans und T-Shirt statt der traditionellen Tracht. Wollen Karriere machen und den Reichtum, den die sozialen Medien, Fernsehen und Internet vorgaukeln. Die Zutaten des inneren Glücks – Bescheidenheit, Genügsamkeit, Dankbarkeit – nehmen ab. Die Jugend wandert ab, nach Indien, Japan, in die USA, wo statt dem ‚grünen Glück‘ Rupien, Yen und Dollars leuchten. Lyonpo Damcho Dorji, der Außenminister Bhutans, beschreibt die riesige Herausforderung für die Zukunft: 10 - ZUSPIELUNG Wort 10 We are aware… VO-männlich Wir spüren den Druck der westlichen Welt, des Fernsehens und Internets. Zugleich wollen wir unsere eigene vitale Kultur leben und in der Jugend das Bewusstsein für die Einzigartigkeit Bhutans schärfen. Sodass sie sich in der modernen Technologie engagiert, aber im Hinterkopf präsent hat, dass wir ein souveränes Land sind, was dabei auf seine eigene Kultur und Tradition bauen muss. Wir müssen unsere Kultur so leben, dass sie den Veränderungen standhält. Sonst kann sie einfach ausgelöscht werden. … otherwise it can be simply wiped out. SPRECHER Dieser Schritt steht nun bevor. Bhutans Regierung versucht eine Glückspolitik 2.0! Der vierte König der Wangchuk-Dynastie hatte 2008 abgedankt, nachdem er seinem Reich die Verfassung mit dem Brutto-Nationalglück und ein demokratisches Regierungssystem beschert hatte. Sein zum 5. Drachenkönig gekrönter Sohn Jigme Khesar Wangchuk hat nun 2023 eine neue große Vision für das Bhutan der Zukunft vorgestellt, um alt und neu zu vereinen, die Abwanderung junger Menschen zu stoppen und das kleine Himalaja-Land zum internationalen Modell für die Balance zwischen Mensch und Natur zu machen. Musik 7: Warp seven – 58 sek SPRECHERIN Die flachen Ebenen im Süden des Landes an der Grenze zu Assam in Indien waren bislang faszinierende subtropische Naturschutzgebiete, durchzogen von Flüssen, belebt von unzähligen Arten, Korridore für wilde Elefanten, Leoparden und Tiger nach Süden. All das soll bleiben. (hier Musik:) Doch über das geschützte Paradies soll in den nächsten Jahrzehnten auf Brücken und Hügeln auf über 1.000 Quadratkilometern mit internationalen Investitionen eine futuristische Öko-Stadt der Zukunft entstehen. Nicht mit Hochhäusern aus Stahl und Beton, sondern aus Holz, mit nachhaltiger Architektur, autofreier Infrastruktur, grüner Energie. Einem Flughafen auf Stelzen, einem Zentrum digitaler Technik, KI und Programmierung, zugleich aber soll es eine Metropole von Spiritualität, Meditation und nachhaltigem Lebensstil bleiben. Bhutans Premier Thsering Tobgay stellte das Projekt bei einem Besuch in Indien im März 2023 vor: 11 -ZUSPIELUNG Wort 11 How would you immagine a city that is built on gross national happiness … VO-männlich Wie könnte eine Stadt des wirklichen Brutto-National-Glücks im 21. Jahrhundert aussehen. Visualisieren Sie diese erste kohlestoff-negative Stadt der Welt, die unser König ‚Galifu – Stadt der Achtsamkeit‘ genannt hat. Eine Stadt, wo Menschen miteinander und mit der Natur leben, wo Innovation und Wissen mit Nachhaltigkeit und Spiritualität harmonieren. Ein Geschenk an Bhutan, ein Geschenk für unsere Zukunft, ein Geschenk an die Welt … and a gift to the world. Musik 8: Siebenfache Anrufung des Guru Padma-sambhawa - 49 Sek SPRECHER Eine sehr große Vision, die Tradition und Zukunft, Natur und Mensch verbinden will. Faszinierend, unglaublich, ermutigend. Oder: Nur eine weitere Utopie vom Dach der Welt? ZUSPIELUNG Atmo 11 (Tempelhörner, Paro) SPRECHERIN Das kleine Land gibt nicht auf, an eine gute Zukunft zu glauben. Mit seiner Politik des Brutto-National-Glücks und als ‚grünes Modell‘ ist es für die Welt längst ein ‚Projekt der Hoffnung‘ geworden. Und nur die Zukunft wird zeigen, ob Bhutan, das Land des Donnerdrachens auf dem Dach der Welt, ein weiteres Mal ganz selbstverständlich und beharrlich ein schönes Märchen einfach wahr macht.

  9. Kartoffel - Die nahrhafte Knolle

    19.08.2025 · 22 Min.

    Die Kartoffel ist eines der wichtigsten Nahrungsmittel, sie wird seit langem kultiviert. Heute sind in Deutschland rund 200 Sorten zugelassen, sie enthalten viele Vitamine und essentielle Aminosäuren. (BR 2014) Lust bekommen auf Kartoffeln? Ein paar leckere Gerichte gibt es HIER auf BR.de Noch mehr köstliche Kartoffel-Gerichte gibt es außerdem in diesem Beitrag aus der Dokumentationsreihe "Unter unserem Himmel": ZUR BR MEDIATHEK

  10. Letzte Hilfe – Unterstützung am Lebensende

    18.08.2025 · 24 Min.

    Einen sterbenden Menschen auf seinem letzten Weg gut zu begleiten - viele wünschen sich das. Nur wenige trauen es sich zu. Vor allem, weil sie nicht wissen, was sie erwartet. Doch all das kann man lernen. Sinnvoll ist, sich mit dem schwierigen Thema schon in guten Zeiten zu beschäftigen. Denn ein friedlicher Abschied kann tröstlich sein: für die Sterbenden und die nahen Begleiter. Autorin: Karin Lamsfuß (BR 2025) Credits Autor/in dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Georg Bollig, Palliativmediziner und Erfinder der „Letzte Hilfe-Kurse“ Ulrike Lenhart, Palliativkrankenschwester, Kursleiterin „Letzte Hilfe-Kurse“ Anke Gerstein, Sterbeamme Monika Müller, Pädagogin, Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin Dr. Astrid Lueg, SAPV-Ärztin; Teilnehmende des „Letzte Hilfe-Kurses“ Psychologie: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzählerin: Ein sonniger Samstagmorgen. Draußen auf dem Rasen spielen Kinder, und drinnen im Saal geht es in den nächsten vier Stunden um den Tod. Im „Letzte Hilfe Kurs“, veranstaltet vom örtlichen Hospizverein. Diese Kurse gibt es in ganz Deutschland. Vermittelt wird darin, wie eine gute Begleitung in der letzten Lebensphase aussehen kann. In der Mitte des hellen Raums steht ein farbenfroher Blumenstrauß auf dem Boden. Drapiert in eine orangefarbene Samtdecke. Ein Stück Fröhlichkeit. Und ein Gegenpol zu dem schweren Thema dieses Vormittags. Atmo 2 Begrüßung Erzählerin: 16 Frauen und zwei Männer betreten zaghaft den Raum. Zwei Bestatter sind dabei und eine Ärztin. Die anderen sind privat betroffen. Manche kämpfen mit den Tränen, als sie ihre Situation schildern. 01 Zsp. Sterben Collage Vorstellungsrunde: Sonja: Ich bin betroffen, weil mein Mann unheilbar an Krebs erkrankt ist, es ist der Wunsch meines Mannes, es ist mein Wunsch, ihn zu begleiten, ich mach das, so lange ich kann… Caroline: Mein Name ist Caroline und meine Mutter ist schwer erkrankt, hat aber den Wunsch, zu Hause zu sterben, und deswegen würde ich gerne schauen, ob ich mir das zutraue. Inge: Mein Name ist Inge, ich hab nen sehr kranken Mann zuhause und versuche, hier ein bisschen Hilfe zu bekommen. Lenhart: Danke schön! Ganz unterschiedliche Motivationen, die Sie hierhergeführt haben, und: Ja, ich geh’s jetzt einfach mit Ihnen an! Musik: Foreboding fate Sprecher: Es ist kein schönes Thema. Und trotzdem verschont es niemanden. Irgendwann kommt der Tod ins Leben: sei es bei geliebten Menschen oder bei einem selbst. Das macht Angst. Je größer die Unsicherheit, desto mehr wächst die Angst. Zu viele Bilder sind präsent: von Schwerkranken, die hilflos und ohnmächtig an Schläuchen und Maschinen hängen. Alles über sich ergehen lassen. Die Schmerzen… und Atemnot haben. Doch all das muss nicht unbedingt sein. Die letzte Lebensphase kann durchaus selbstbestimmt gestaltet werden. Voraussetzung ist, eins der größten Tabus zu brechen. 02 Zsp. Sterben Anke Gerstein: Ich glaube, sterben ist einfacher für die Menschen, die sich damit schon befasst haben. Wenn das so ein Wabber-Ding ist oder ich lass mich überraschen, und ich bin dann auf einmal im Sterbeprozess und es überkommt mich alles, dann ist es schlimm. Erzählerin: Sagt die Sterbeamme Anke Gerstein (Aussprache: Gehr-stein). „Sterbeammen“ sehen sich als Pendant zu Hebammen. Sie begleiten nicht ins Leben, sondern aus dem Leben heraus. Anke Gerstein sieht sich als seelische und spirituelle Begleiterin für Sterbende und deren Angehörige auf dem letzten Lebensweg und in der Zeit der Trauer. 03 Zsp. Sterben Monika Müller: Wenn ich an alte Bilder denke, die ich als junges Mädchen hatte von dem so genannten „Badezimmersterben“, wo Menschen in ein Badezimmer geräumt wurden, als sie noch lebten und da ihrem Sterben entgegensahen. Also das sind Schreckensbilder, die im Kontext von Hospizarbeit und Palliativmedizin nicht mehr zutreffen. Erzählerin: Monika Müller, eine der Pionierinnen der Hospizarbeit in Deutschland. Sprecher: Ausgeliefert sein. Und ohnmächtig zuschauen. An Profis delegieren. Ohne selbst Entscheidungen zu treffen. Viele wollen das nicht mehr. Und so haben weltweit in den letzten zehn Jahren weltweit über 100.000 Menschen an den Letzte-Hilfe-Kursen teilgenommen. 04 Zsp. Sterben Georg Bollig: Die Zeit ist reif. Ich glaube, es ist einfach so, dass die Menschen in letzten Jahrzehnten verlernt haben, andern beim Sterben beizustehen. Erzählerin: Sagt Dr. Georg Bollig, Palliativmediziner und Gründer der „Letzte Hilfe-Kurse“. 05 Zsp. Sterben Georg Bollig: Mögliche Ursache ist vielleicht auch die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, weil man so viel Tod und Sterben gesehen hatte, dass das institutionalisiert worden ist, also in Pflegeheim nur noch stattfindet oder in Krankenhäusern. Und wenn die heutigen Menschen angucke, die Generation, die jetzt 40, 50 oder älter sind, und die haben noch nie nen toten Menschen gesehen und haben dann natürlich auch Berührungsängste und wissen auch nicht, wie verhalte ich mich im Sterben gegenüber? Musik: Secret proofs red Sprecher: Zuhause sterben. Das wünschen sich nach Umfragen neun von zehn Menschen. Doch tatsächlich verbringen 80 Prozent ihre letzten Stunden in Einrichtungen: Altenheim, Pflegeheim, Krankenhaus oder Hospiz. Das hat viele Gründe. Einer davon ist, dass das Wissen über Sterbephasen und Sterbephänomene zwar durchaus für jeden verfügbar ist, aber die meisten Menschen lieber einen großen Bogen um das Thema machen. Musikzäsur, Kreublende in Atmo 3 Letzte Hilfe Kurs Darüber Erzählerin: Der erste Baustein im Letzte-Hilfe-Kurs nennt sich „Sterben als Teil des Lebens“. Palliativkrankenschwester und Kursleiterin Ulrike Lenhart erklärt, dass Sterben selten ein plötzliches Ereignis ist, sondern meist ein Prozess mit vielen Vorboten. 06 Zsp. Sterben Ulrike Lenhart: Also das Interesse an vielen Dingen schwindet immer mehr, Essen und Trinken spielt keine Rolle mehr, das nimmt immer weiter ab, bis hin, dass jemand sagt „Ich will nicht mehr essen, ich will nicht mehr trinken. (geht weiter) Darüber Erzählerin: Nahrung und Flüssigkeit zu verweigern, erklärt die Kursleiterin, ist ein ganz normaler Bestandteil des Sterbeprozesses. Und kein Notfall! Trotzdem ist der Griff zum Telefon, zur 112, dabei fast schon ein Reflex der Angehörigen. Einmal in der Klinik ist schnell die Magensonde gelegt oder der Venenzugang zur Flüssigkeitszufuhr. Georg Bollig, der Erfinder der Kurse, arbeitet selbst in einem Krankenhaus und sieht diese Überversorgung sehr kritisch: 07 Zsp. Sterben Georg Bollig: Für uns Ärzte ist es so, dass wir ‚Leben retten‘ im Kopf haben, das ist für uns ne ganz wichtige Sache, und das macht’s manchen meiner Berufskollegen auch schwierig, Dinge sein zu lassen. Musik: Complex questions Erzählerin: Er wünscht sich, dass das Thema „Sterben und Tod“ in die Kliniken einzieht. Nicht als eine Katastrophe oder das Ergebnis ärztlichen Versagens, sondern als eine Selbstverständlichkeit. Musik hoch Erzählerin: Die ausgebildete Sterbeamme Anke Gerstein arbeitet seit vielen Jahren als Krankenschwester in einem Hospiz. Und stellt immer wieder fest: Auch wenn jeder Sterbeprozess anders ist, ähnelt sich vieles. Wie etwa die psychischen Reaktionen auf eine schwere Diagnose: 08 Zsp. Sterben Anke Gerstein Nicht wahrhaben wollen, hadern damit, verhandeln, wütend sein und dann annehmen. Und die Angehörigen machen parallel diese Phasen auch durch. Wichtig ist, dass die Angehörigen über diese Phasen Bescheid wissen, weil wenn die Sterbenden so wütend sind, dann sind die oft sehr ungerecht. Sprecher: Einem Sterbendem beizustehen, ist kein Spaziergang. Und trotzdem: Wissen über das, was kommt, was kommen kann, gibt ein kleines Stück mehr Sicherheit bei dieser höchst anspruchsvollen Lebensaufgabe. Erzählerin: Zu diesem Wissen gehört auch, so erklärt Monika Müller, Expertin für Hospizarbeit, dass es manchmal nicht wirklich etwas zu tun gibt. Oft heißt begleiten einfach nur: Still da sein und aushalten: 09 Zsp. Sterben Monika Müller Es gibt keinen verbalen Trost, Sie können alle Weisheitsbücher der Welt auswendig gelernt haben, es gibt nichts, was dem anderen die Trauer nimmt, den Schmerz nimmt, und vielleicht wäre es sogar ein Verbrechen, das zu wollen, weil, die Auseinandersetzung mit dem Leid gehört dazu. Erzählerin: Nicht nur die Psyche, auch der Körper durchläuft verschiedene Sterbephasen. Für diese Phänomene gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Sowohl biologische, als auch spirituelle. Musik: C1461890020 New values: Ein Ansatz ist – neben anderen – im tibetischen Totenbuch zu finden. Gemäß dieser buddhistischen Auffassung verlaufen die Sterbephasen analog zu den vier Elementen. Sprecher: Zunächst beginnt sich das Element Erde aufzulösen: Das Gehen fällt schwer, die Knochen werden brüchig. Im Element Wasser kann der Körper den Flüssigkeitshaushalt nicht mehr regulieren: Wasseransammlungen und Inkontinenz sind mögliche Folgen. Beim Element Feuer schafft der Körper es nicht mehr, die Temperatur zu regulieren: Fieber kann auftreten, aber auch kalte Arme oder Beine. Und das letzte Element ist die Luft: 10 Zsp. Sterben Anke Gerstein: Das ist dann die letzte Phase: dass derjenige Atempausen bekommt oder eben dieses finale Rasseln, was den Angehörigen so viel Angst macht. Man denkt: ‚Der leidet so, aber das ist für den Sterbenden nicht so schlimm wie für den Angehörigen, der daneben sitzt. Ich bin eigentlich dazu da, um den Angehörigen die Sicherheit zu geben, dass das alles normal ist. Dass das alles dazu gehört. Atmo 3 Letzte Hilfe Kurs: Darüber Erzählerin: All das ist normal und kein Grund, den Notarzt zu rufen. Das lernen auch die Teilnehmenden im „Letzte Hilfe-Kurs“. Nach der Kaffeepause erklärt Ulrike Lenhart, was im Körper eines sterbenden Menschen vor sich geht. 11 Zsp. Sterben Ulrike Lenhart: Im Körper reduziert sich im Sterbeprozess alles mehr auf Herz, Lunge, Hirn. Die Durchblutung ist im Sterbeprozess nicht mehr so intensiv… (geht weiter)

  11. Die Zecke - Kleiner Parasit mit großem Risiko

    18.08.2025 · 23 Min.

    Zecken sitzen auf Gräsern und warten auf einen Wirt. Warum? Die Parasiten brauchen Blut. Für Menschen ist der Stich an sich zwar nicht gefährlich, wohl aber die Krankheitserreger, die übertragen werden können. Von Claudia Steiner (BR 2020) Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Caroline Ebner, Shenja Lacher Technik: Robin Auld Redaktion: Bernhard Kastner BR Fernsehen hat einen weiteren spannenden Beitrag zum Thema: Von Jagd-Zecken, Tigermücken und Fledermäusen - Klimakrise befördert Ausbreitung neuer Erreger ZUM BEITRAG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  12. Wie die Körpergröße unsere Gesellschaft prägt

    18.08.2025 · 23 Min.

    Körpergröße ist eines unserer bestimmenden Merkmale. Was wir sehen, sind die Unterschiede: zu uns selbst, aber auch statistisch. Weil etwa größere Menschen erfolgreicher und gesünder sind. Biologisch bestimmen vor allem die Gene unsere Größe. Doch wie beeinflussen sich Größe und Gesellschaft? Von Sebastian Kirschner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Sebastian Kirschner Regie: Irene Schuck Es sprachen: Andreas Neumann, Friedrich Schloffer Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Eva Rosenstock, Archäologin (Universität Bonn); Prof. Dr. Michael Hermanussen, Kinder- und Jugendmediziner; Dr. Christiane Scheffler, Humanbiologin (Universität Potsdam); Dr. Gert Stulp, Soziologe (Universität Groningen, NL) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Warum sind wir nicht winzig klein? Arte 42 - die Antwort auf fast alles JETZT ENTDECKEN Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Literaturtipps: - Michael Hermanussen/ Christiane Scheffler, „Größenwahn – Zur Evolution biologischer Signale im sozialen Miteinander“ (Springer-Verlag, ab Oktober 2024): zeigt allgemeinverständlich, auf welche Weise sich Körpergröße auf unseren Alltag auswirkt, wie sie unser soziales, politisches und wirtschaftliches Leben beeinflusst; viele weiterführende Literaturhinweise - Barry Borgin, „Patterns of human growth“ (2020): Welche Faktoren beeinflussen das menschliche Wachstum und wie spielen sie zusammen? Barry Borgin erklärt es. - Frank Siegmund, „Die Körpergröße der Menschen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas und ein Vergleich ihrer anthropologischen Schätzmethoden“ (2010): eines der Standardwerke, wenn es um Körpergrößen jenseits der Neuzeit geht – und wo die Probleme liegen, sie zuverlässig zu ermitteln - John Komlos, „Körpergröße und Wohlstand“ in: Spektrum der Wissenschaft (9) 2005: prägnante und verständliche Sicht eines Wirtschaftshistorikers. Komlos gilt als einer DER Vertreter, dass sich an Körpergrößen ablesen lässt, wie gut es einer Gesellschaft geht - John Tyler-Bonner, „Why size matters“ (2006): Psychologie und Gesellschaft beiseite; wie anders sich die Physik für die Allergrößten (und Allerkleinsten) auswirkt Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Klein und ein Tyrann. Einer, der seine geringe Größe mit Macht kompensieren musste. Der den Spott über seine kurze Statur mit diktatorischer Härte und der Herrschaft über halb Europa ausgeglichen hat. So ist Napoleon Bonaparte zum Teil bis heute noch im kollektiven Gedächtnis verankert. Körpergröße, die eng mit dem Charakter verbunden scheint. Als sogenannter „Napoleon-Komplex“ hat es dafür zeitweise sogar einen psychologischen Fachbegriff gegeben. Wissenschaftlich ist der zwar überholt – aus der breiten Öffentlichkeit aber längst nicht verschwunden. Denn Körperhöhe bewegt uns, sie ist mehr als nur ein biologisches Maß. Jeder misst Größe eine Bedeutung bei: ZUSP_01 … dass kleine Männer zum Beispiel energiegeladen bis aggressiv durchsetzungsfähig sind, um irgendetwas zu kompensieren. Dass bei gleicher Qualifikation zweier beruflicher Bewerber auf eine Stelle gerne gerade bei Männern der größere genommen wird, weil Körperhöhe offensichtlich doch irgendwie positiv konnotiert ist. SPRECHER Dass Körpergröße unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht beeinflusst, scheint außer Frage zu stehen. Doch offenbar funktioniert das Ganze nicht nur in eine Richtung. Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Archäologen wie Eva Rosenstock spüren längst weiteren Faktoren von Körperhöhe nach und wie sich die auswirken. Könnte unsere Gesellschaft auch die Körpergröße beeinflussen? Und wenn ja: ZUSP_02 Woran liegt es? Steckt da auch Kultur drin? Und natürlich: Steckt da auch irgendwie Umwelt drin, im Sinne von Ernährungszustand? All diese Dinge sind noch relativ unerforscht. MUSIK 2 "Minamisoma" - Album: Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'30 SPRECHER Eines ist offensichtlich: Körpergröße bestimmt unser Leben. Große Menschen sind statistisch gesehen erfolgreicher als kleinere, Frauen sind im Schnitt kleiner als Männer. Und kleine Kinder wollen oft nur eines: endlich groß sein! Körpergröße ist für uns allgegenwärtig. Für den niederländischen Soziologen Gert Stulp ist auch völlig klar, warum das so ist: ZUSP_03 height is one of the first things that you notice. height is a very a distinguishing feature. and we cannot help not looking at height VOICEOVER-männlich Größe fällt uns sehr schnell auf. Sie ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Wir können gar nicht anders, als darauf zu achten. SPRECHER Mit zwei Metern Größe weiß Gert Stulp, wovon er spricht. Egal, was wir tun, wohin wir schauen – wir nehmen unsere Körpergröße wahr, physisch und psychisch: Etwa, wenn wir ins Auto steigen und erstmal den Sitz verstellen müssen. Oder wenn wir im Bus vielleicht kaum an die Haltestangen reichen. Wenn wir Treppen steigen, am Tisch sitzen oder im Bett liegen: Unsere Umgebung haben wir an Durchschnittswerte unserer Größe angepasst. Und mehr noch: Blicken wir auf unsere Mitmenschen, dann registrieren wir – bewusst oder unbewusst – als eines der ersten Dinge deren Statur. Wollen wir jemanden beschreiben, dann wohl kaum ohne dessen Größe. Nicht umsonst steht sie in jedem Pass. Dementsprechend messen wir ihr auch zwischenmenschlich beim ersten Eindruck so viel Bedeutung bei: ZUSP_04 If you only have three minutes to judge a person, you will judge a person on easy to measure characteristics. So those are height, weight, the face. But that is also because there are no real alternatives. VOICEOVER-männlich Wenn Sie nur drei Minuten Zeit haben, eine Person zu beurteilen, werden Sie auf einfache Merkmale schauen: Körpergröße, Gewicht, das Gesicht. Auch deswegen, weil es keine Alternativen gibt. SPRECHER Die Auswirkungen davon sind enorm. Musik 3: "Minamisoma" - Album: Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'36 Sprecher: Wer groß ist, hat es tendenziell besser in unserer Gesellschaft. Immer wieder belegen Studien: Größere Menschen haben tendenziell mehr Sex, finden leichter einen Job, sie verdienen im Schnitt mehr Geld. Selbst unsere Sprache transportiert, wie wichtig groß sein ist: Egal ob jemand einen hohen Status hat oder großes erreichen will – Größe zählt. Und nicht zuletzt leiden etliche, weil sie mit ihrer Statur nicht ins gängige Ideal passen, weiß Archäologin Eva Rosenstock: ZUSP_05 Zum Beispiel sollte der männliche Partner größer sein als die Partnerin, mindestens gleich groß. Wenn kleiner, wird es eher schwierig oder gilt als mutige Verpartnerung, dass man sich über Schönheitsideale und Vorstellungen hinwegsetzt. Also, das ist ein sehr, sehr starkes Attribut, was einem auch Rollen zuweist in unserer Gesellschaft. SPRECHER An unserer Körperhöhe führt also kein Weg vorbei. Sie hat erheblichen Einfluss auf unsere Gesellschaft, unser soziales Miteinander. So weit, so gut. Nun zeigen aber neuere Studien, das Ganze funktioniert wohl auch umgekehrt. Sprich: Unsere Kultur bestimmt maßgeblich, wie groß wir überhaupt werden. Wie kann das sein? Beißt sich die Katze damit nicht in den Schwanz? An dieser Stelle eine kurze Wiederholung für alle, die ihren Biologieunterricht nicht mehr so präsent haben: Musik 4 "Forest Of Fairytales" - Komponist und Ausführender: Lauschgold - Länge: 0'38 SPRECHER Die Natur gibt unserem körperlichen Wachstum bestimmte Grenzen vor. Physikalische, die den Bauplan unseres Körpers betreffen. Und physiologische, die die Funktionen und Abläufe in unserem Organismus anbelangen. Kurz gesagt: Wir können nicht etwa fünf Meter groß werden – unsere Knochen würden dabei brechen. Wir können auch nicht zehn Zentimeter klein werden – darauf sind etwa Atmung und Blutkreislauf nicht ausgelegt. Das alles ist in unserem Erbgut, unseren Genen festgelegt. Sie geben unsere Größe vor. Und trotzdem, so sagt Kinderarzt und Größenforscher Michael Hermanussen: ZUSP_07 Der Rahmen ist riesig. Wir können in einem Bereich von etwa 30 Zentimetern wanken. Alles, was wir zwischen 1,40 will ich mal sagen und 1,90 für Männer sehen – es ist im Rahmen unserer Genetik. Nur die Feinabstimmung, die erfolgt dann später. SPRECHER Soll heißen: Nach der Geburt und unabhängig von unseren Genen stellt sich heraus, wo wir innerhalb dieser Bandbreite als Erwachsene landen. Ausschlaggebend dafür ist – so die gängige Erklärung: ZUSP_08 If you will have a good environments when you are young, with many resources available, that will impact your growth. VOICEOVER-männlich Wenn Sie in jungen Jahren ein gutes Umfeld haben, mit vielen Ressourcen, dann wird das ihr Wachstum beeinflussen. Musik 5 "Forest Of Fairytales" - Komponist und Ausführender: Lauschgold - Länge: 0'30 SPRECHER Und irgendwie scheint das auch ganz gut zu passen: Denn die meiste Zeit in den letzten Jahrtausenden hat sich unsere Durchschnitts-Größe nur mäßig verändert. Erst in den vergangenen 150 Jahren sind wir sehr schnell deutlich größer geworden – weltweit im Schnitt um mehr als zehn Zentimeter. Fachleute wie Eva Rosenstock nennen das die ‚säkulare Akzeleration‘: ZUSP_09 Was hat sich verändert? Da sehen wir eben Fortschritte in ganz verschiedenen Bereichen. Wir sehen in der Landwirtschaft zum einen Kunstdünger mit höheren Erträgen, auch höherem Proteingehalt, den dann die Feldfrüchte haben, insbesondere die Getreide. Wir sehen eine Intensivierung, eine massive der Milchwirtschaft. Das geht wahrscheinlich Hand in Hand mit dem pasteurisieren können. Dann verbesserte Hygiene, weniger Wachstumsverzögerungen, die einfach entstehen, wenn der Mensch ständig gegen Krankheiten ankämpfen muss. SPRECHER Körpergröße ist demnach offenbar eng an unsere wirtschaftliche Entwicklung geknüpft. Kurz gesagt: ZUSP_10 Es ist ein Wohlstands-Indikator. SPRECHER Beispiel Niederlande, also dem Land, in dem gegenwärtig die Menschen weltweit am größten sind. Mit Frauen zuletzt 1,70 Metern und Männern 1,84 Metern, im Schnitt wohlgemerkt. Mitte des 19. Jahrhunderts war das noch anders. Damals maßen sie durchschnittlich knapp 20 Zentimeter weniger, sagt der Niederländer Gert Stulp: ZUSP_11 the first reason is that the Netherlands have a very good health care system and also very equal access to health care. And this is important because lets take as an example America. The top American healthcare system is probably better than what we get in the Netherlands. VOICEOVER-männlich Die Niederlande haben ein sehr gutes Gesundheitssystem und haben einen sehr gleichberechtigten Zugang dazu. Und das ist entscheidend. Beispiel USA: Deren bestes System ist wahrscheinlich besser als unseres hier. SPRECHER Aber nur wenige Menschen können sie sich leisten. Wirtschaftswissenschaftler argumentieren, dass US-Amerikaner aufgrund dieser Arm-Reich-Schere heute im Schnitt sechs Zentimeter kleiner sind als Niederländer. Dabei waren sie noch im 19. Jahrhundert die weltweit größten. Musik 6 "Stones Throw" - Album: Language Barrier - Komponist: Lusine Icl - Länge: 0'31 SPRECHER Doch ist unsere Körperhöhe dann tatsächlich eine Frage der Wirtschaftsleistung? Ein Zeichen also für unseren Fortschritt und stetig wachsenden Wohlstand? Oder ist sie vielleicht eher von der Kultur, der Gesellschaft abhängig? Weil die zum Beispiel darüber bestimmt, wer wie viel Zugang zu Ressourcen bekommt. Das hat sich unter anderem auch Archäologin Eva Rosenstock gefragt: ZUSP_12 Können wir das quasi als so ein Bruttoinlandsprodukt-Ersatz für die Vorgeschichte verwenden? Das war die ursprüngliche Idee. Und je weiter wir geforscht haben, wurde uns immer klarer, dass so ein eindeutiges Bild, wie das Wirtschaftshistoriker zeichnen können, das hat sich halt für die Vorgeschichte gar nicht so abgezeichnet. SPRECHER … sagt die Forscherin von der Universität Bonn – laut Pass übrigens 1,66 Meter groß. Doch zurück zum Thema. Was hat sie mit Kollegen aus Österreich und den USA genau untersucht? Die Genetiker und Altertumswissenschaftler haben Daten von über 1.500 Skeletten ausgewertet, allesamt zwischen 6.000 und 8.000 Jahren alt. Gefunden bei Grabungen in Mitteleuropa, auf dem Balkan und im Mittelmeerraum. Knapp 130 Proben stammen auch aus der Gegend des heutigen Sachsen-Anhalt. Sie gehören zu Menschen aus der Gruppe der sogenannten Linienbandkeramik: ZUSP_13 Die sind in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrtausends aus Südosteuropa nach Mitteleuropa zu uns gekommen und haben die bäuerliche Lebensweise, also Viehhaltung und Pflanzenbau, zu uns gebracht. SPRECHER Das besondere dieser Linienbandkeramiker: Sie besiedelten nahezu ausschließlich Gegenden mit fruchtbarem Lössboden. In dem erhalten sich Knochen meist sehr gut. Deshalb kann man mit ihnen auch gut ermitteln, wie groß die Menschen waren. ZUSP_14 So durch die Bank rum haben wir, dass Männer irgendwo um die 1,65 bis maximal 1,70 rangieren und Frauen doch deutlich drunter. 1,55, maximal 1,60. Auf jeden Fall deutlich kleiner als das, was wir heute so gewohnt sind. SPRECHER Gleichzeitig ergab sich anhand genetischer Proben aber: Die Menschen haben ihr vorgegebenes Wachstumspotenzial damals nicht ausgeschöpft – genetisch hätten sie größer sein können. Warum also waren die Männer und Frauen damals relativ klein? Zum Teil liegt das nach Ansicht der Wissenschaftler an der damaligen Umwelt und Lebensweise: Körperliche Schwerstarbeit beim Ackerbau, aufwendige und in reiner Handarbeit konstruierte Häuser – tagtäglich enorme Belastungen, die sich auch auf die Körpergröße ausgewirkt haben müssen. Allerdings reicht das nicht, um zu erklären, was Eva Rosenstock noch festgestellt hat – beim Vergleich von nördlichem Mitteleuropa und Mittelmeerraum: ZUSP_15 Was auffällig war: dass die mediterranen Männer und Frauen ein- und derselben Kulturzeit weniger starke Unterschiede aufweisen als die Bandkeramiker. SPRECHER Soll heißen: In der Gegend des heutigen Sachsen-Anhalt waren die Frauen deutlich kleiner als Männer, im Süden dagegen waren Frauen und Männer annähernd gleich groß. An Ernährung, Krankheiten oder Mangelzuständen kann das aber nicht gelegen haben, sagt die Archäologin. Das lässt sich aus den Analysen von in den Knochen eingelagertem Kohlenstoff und Stickstoff ableiten. Die zeigten keine auffälligen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. ZUSP_16 Sodass wir jetzt einfach den Schluss ziehen müssen: Da muss es irgendetwas geben, was kulturell getrieben auf die Körperhöhe einwirkt und werdende Männer begünstigt und werdende Frauen benachteiligt hat. SPRECHER Die plausibelste Erklärung für die Wissenschaftler ist, dass Frauen weiter im Norden offenbar mehr leisten mussten als Männer. ZUSP_17 Was wir wissen, ist, dass die Bandkeramiker ihre Frauen von woanders hergeholt haben. Und da kann man dann so sich Szenarien ausspinnen, wie ist das für so eine junge Frau, die verheiratet wird, den Ort wechselt? Das ist eine emotionale Belastung. Gab es schon so etwas wie Teenager-Schwangerschaften? Also eine Kombi aus früher Schwangerschaft, man wächst selber noch und muss aber auch schon arbeiten. MUSIK 7 "Stones Throw" - Album: Language Barrier - Komponist: Lusine Icl - Länge: 0'30 SPRECHER Belegen können die Forschenden um Eva Rosenstock diese Theorie derzeit noch nicht. Es mehren sich aber die Hinweise darauf, dass nicht nur Wohlstand und Umwelt, sondern auch der kulturelle Rahmen eine wichtige Rolle dabei spielt, wie groß wir werden. Und diese Hinweise kommen auch aus anderen Disziplinen. ZUSP_18 Früher fühlte ich mich eigentlich mittel bis eher klein. Und ich erinnere mich noch, als wir in der Schule so aufgereiht wurden im Sportunterricht, dass ich immer am unteren Ende war und wir immer hoffentlich nicht die letzten waren. SPRECHER … erzählt Christiane Scheffler. Sie ist Humanbiologin an der Universität Potsdam und Körpergröße ist eines ihrer großen Forschungsgebiete. Zusammen mit Kinder- und Jugendmediziner Michael Hermanussen spürt sie seit Jahrzehnten menschlichem Wachstum nach. Was groß zu sein für Menschen in unserer Gesellschaft bewirkt und bedeutet ist ihr daher vertraut: ZUSP_19 Aber es ist nicht klar gewesen, warum die groß sind. Man ging davon aus, dass sie große Eltern haben, es die Gene sind. Und man ging davon aus, dass die besser ernährt wurden. SPRECHER Und dass in der Folge unsere Körpergröße dafür sorgt, wie unsere Gesellschaft reagiert. Ob wir als attraktiv gelten, Erfolg, Ansehen, Einfluss bekommen oder eher nicht. Doch die Forschung von Michael Hermanussen und Christiane Scheffler zeigt: Genetik und Ernährung sind zwar Voraussetzungen, um groß werden zu können – aber sie sind nicht der Auslöser für das Wachstum: ZUSP_20 Was wir meinen ist, dass die Regulation der Körpergröße gesellschaftlich und sozial bedingt ist. Sicherlich haben Sie einen gewissen genetischen Rahmen, wie groß sie werden können. Der ist aber nicht so unterschiedlich in den einzelnen Bevölkerungen, wie wir vermuten könnten. Und wenn sie nicht ihr ganzes Leben lang extrem hungern, ist die Ernährung mehr oder weniger marginal, dass sie einen Einfluss auf die Körperhöhe hat. SPRECHER Soziale Interaktion mit unserer gesellschaftlichen Umwelt als Schlüssel zu unserer Körpergröße – dieses anfängliche Gedankenexperiment sorgte in der Fachwelt zuerst für Aufregung. Nach über 20 Jahren Forschung dazu und mit rund 80.000 untersuchten Individuen ist das mittlerweile anders: ZUSP_21 Unsere Idee, die setzt sich so langsam durch. Manche belächeln uns. Es kommt so langsam durch. SPRECHER Mit einem Sachbuch wollen sie ihre Erkenntnisse künftig auch einem breiteren Publikum zugänglich machen. MUSIK 8 "Minamisoma" - Album: Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'33 SPRECHER Die Kernaussage: Größe ist ein biologisches Signal. Und das müssen wir verstehen, damit wir unser menschliches Miteinander besser verstehen: ZUSP_22 Dass Körperhöhe ein Signal ist, sehen Sie an jeder Frau, die sich Hackenschuhe anzieht. Das sehen Sie an jedem König, der eine Krone aufsetzt. Immer ein Stückchen größer, immer ein Stückchen größer. SPRECHER Über dieses Signal kommunizieren wir und formen unsere sozialen Strukturen und Hierarchien. ZUSP_23 Sie können das signalisieren, indem Sie sprechen und sagen: Ich bin der Chef. Aber eine einfache Signalgebung ist die Körperhöhe als ein Signal, ich bin größer. Und weil ich größer bin, habe ich mehr zu sagen. SPRECHER Ein Muster, das aus Sicht der Wissenschaftler tief in uns verwurzelt ist. Ein Stück Evolution, das wir mit vielen anderen Tierarten teilen. ZUSP_24 Und dieses Muster ist auch an bestimmte hormonelle Signale gebunden. Wir wissen von Primaten-Untersuchungen, dass die Organismen, die diesen dominanten Status erreichen und auch größer als Signal haben, höhere Insulin like growth Faktoren haben, also IGF-Faktoren haben. Und in dem Moment, wo sie die Position verlassen, schrumpfen sie nicht, aber das IGF-Level geht runter. SPRECHER Die Wachstumshormone wirken nicht weiter. Anders ausgedrückt: Es ist die Hoffnung auf Dominanz, die zu größerer Körperhöhe führt. Und das passiert in der Kindheit und vor allem der Jugend, also der Zeit, in der wir noch wachsen. ZUSP_25 In dieser Zeit nehme ich schon sehr wohl wahr, wo potenziell meine zukünftige Position sein könnte. Wenn Sie in der unteren sozialen Schicht sind und Sie haben keine Chance auf soziale Mobilität, dann nehmen Sie natürlich auch als Jugendlicher wahr, dass Sie keine Chance auf soziale Mobilität haben und nischen sich da ein. ZUSP_26 Und wenn die jungen Leute merken, dass sie eine goldene Zukunft haben, dann wachsen sie besser. SPRECHER … sagt Michael Hermanussen. Übertragen auf die Gesellschaft würde das auch erklären, was wir zuvor als säkulare Akzeleration kennengelernt haben. Nur dass die Menschen nicht während einer Glanzzeit wachsen, sondern um und kurz nach einem Tiefpunkt: ZUSP_27 Wir sehen, dass Menschen in einem Land immer dann wachsen, wenn die soziale Ordnung zusammenbricht. Die Deutschen haben einen unglaublichen Wachstumsschub gegen Ende des Ersten Weltkriegs in der Mitte der 20er-Jahre. Dasselbe ist noch mal nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben einen massiven säkularen Trend nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Also zu einer Zeit, als es den Leuten wirklich ganz dreckig ging im Land. Aber die Jugendlichen das Gefühl hatten, jetzt geht's aber los. Jetzt kann man was machen. SPRECHER Mit Ökonomie und Ernährung habe das aber nichts zu tun, so Hermanussen. Gleiches zeigen Christiane Scheffler zufolge auch die Daten zu den Niederlanden: ZUSP_28 Die Holländer, wenn man ein bisschen die Geschichte sich anguckt, haben die zwar bis heute noch eine Monarchie. Aber sie haben eine konstitutionelle Monarchie. Dort war eine Demokratisierung, und dann fingen die Leute an zu wachsen. Musik 9 "Forest Of Fairytales" - Komponist und Ausführender: Lauschgold - Länge: 0'47 SPRECHER Tatsache ist, dass in Europa inzwischen immer mehr Menschen 1,90 Meter und größer werden. Immer mehr also die Grenze dessen erreichen, was unsere Biologie hergibt und damit gesund möglich ist. Doch das sei eine Ausnahmesituation, so Michael Hermanussen, denn: Historisch betrachtet war die Aussicht sozial aufzusteigen nie größer. Gleichzeitig hatten wir mit einer derart globalisierten Welt auch noch nie so viele, mit denen wir konkurrieren. Die spannende Frage ist nun: Was bedeutet das alles? Was sagt uns dann Körpergröße überhaupt? Körpergröße muss differenziert gesehen werden, findet Christiane Scheffler: ZUSP_31 Erstmal würde ich sagen, ist sie mit Sicherheit kein Indikator über den Wohlstand per se einer Gesellschaft. Zweitens ist sie kein Indikator für die individuelle Ernährungssituation. SPRECHER Und auch Soziologe Gert Stulp schränkt ein: ZUSP_32 All of that might lead you to conclude that height is very important in contemporary society. And maybe it is. But we also should not overstate this. VOICEOVER-männlich Unsere Gesellschaft lässt uns vielleicht glauben, Körpergröße sei sehr wichtig. Aber wir sollten sie auch nicht überbewerten. SPRECHER Alle Studien und Statistiken darüber, wie sich unsere Körpergröße gesellschaftlich auswirkt – Erfolg, Ansehen, Sexappeal – haben in seinen Augen einen gravierenden Haken: Sie geben nur Tendenzen wieder. Tendenzen, die sich durch beständiges Wiederholen ihrer Aussage verstärken können, wie selbst erfüllende Prophezeiungen. Tendenzen, über die wir aber im Zweifel erhaben sind, weil wir sie mit unserer freien Entscheidung selbst beeinflussen. Beispiel Schönheitsideal: Solange wir festhalten an der Idee, dass der Mann größer zu sein hat als seine Partnerin, solange stützen wir auch einen Trend dahin, glaubt Eva Rosenstock. ZUSP_34 Wir könnten uns trennen von dieser Idee, dass der Mann 10 Zentimeter größer sein muss als seine Partnerin. Dass man sich selber auf die Schliche kommt. SPRECHER Der mögliche Lösungsansatz klingt bestechend einfach: Sich bewusst zu machen, was es mit unserer Körpergröße auf sich hat oder eben auch nicht – und so aus dem Kreislauf auszubrechen. Diese Vorstellung macht Eva Rosenstock zumindest sehr neugierig: ZUSP_35 Dass jetzt seit etlichen Jahrzehnten Mädchen einen Wertschätzungsboom erleben, die Girls Days und all diese Sachen. Ich wäre echt neugierig zu sehen, ob das auf Gesellschaftsebene gesehen dann auch irgendwann in der Körpergröße Früchte trägt. Musik 10 "Minamisoma" - Album: Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'37 SPRECHER Abgesehen davon bleibt uns wohl auch nicht viel anderes übrig, als kraft unserer Vernunft den Größenwahn zu durchbrechen. So urteilen jedenfalls Michael Hermanussen und Christiane Scheffler. Unsere Körpergröße ist ein Signal, mit dem uns unsere Biologie ausgestattet hat. Ein evolutionäres Überbleibsel, wenn wir so wollen. Groß oder klein zu sein hat demnach an sich keine Bedeutung.

  13. Guanchen - Das rätselhafte Urvolk der Kanaren

    18.08.2025 · 22 Min.

    Fernab der einst bekannten Welten entwickelte sich um Christi Geburt auf den Kanaren eine rätselhafte Kultur. Die ersten Bewohner der Inseln im Atlantik scheinen weder über seetaugliche Boote noch über Kenntnisse der Schifffahrt verfügt zu haben. Wie aber waren sie dann auf die Inseln mitten im Meer gekommen? - Nur eines der vielen spannenden Rätsel rund um die Ur-Kanaren, die Guanchen. Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christian Baumann, Carsten Fabian, Katja Schild, Jennifer Güzel Technik: Matthieu Belohradsky Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Teresa Delgado, Archäologin und Konservatorin, Museo Canario, Las Palmas de Gran Canaria Prof. Harald Braem, Autor „Auf den Spuren der Ureinwohner: Ein archäologischer Reiseführer für die Kanaren Dr. Rosa Fregel, Genetikerin, Universidad de La Laguna, Teneriffa Dr. José Ignacio Sáenz, Direktor Museum Cueva Pintada, Gáldar, Gran Canaria Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Angkor - die rätselhafte Stadt Angkor ist die größte Tempelanlage der Welt. Doch wieso ist diese mittelalterliche Megacity der Khmer verlassen worden? Schuld daran waren auch Klimaveränderungen. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher Touristen schlendern über die Strandpromenade von Maspalomas auf Gran Canaria. Einige schlürfen Eis, andere lassen den Blick über den tiefblauen Atlantik streifen. Für die ovale Steinformation zu ihren Füßen, ein paar Meter strandwärts, scheinen sich die meist deutschen Urlauber kaum zu interessieren. Musik 2: ARD-Labelmusik Drifting beauty red – Z8021443108 – 29 Sek …Ganz anders die kanarische Archäologin Teresa Delgado. Für Forschende wie sie sind die Spuren derjenigen, die bereits ein paar Tausend Jahre vor den Touristen auf die Insel kamen, ein spannendes Rätsel - das sie nur nach und nach zu lösen lernen. O-Ton 1 Dr. Teresa Delgado, Konservatorin am Museo Canario, Las Palmas, span. Voice Over weiblich „Das sind Reste einer Siedlung, wie sie für die Ureinwohner der kanarischen Inseln typisch war. Damals boomte die Bevölkerung auf Gran Canaria, ihre Kultur blühte. Menschen, die seinerzeit in Berg-Höhlen lebten, zogen an die Küsten. Die Gesellschaft war im Aufbruch: Vormalige Viehzüchter entwickelten ihre Fähigkeiten im Ackerbau - und begannen auch den Ozean intensiv auszubeuten.“ Sprecher In den Ruinen von „Punta Mujeres“ fanden die Archäologen Hinterlassenschaften, die auf einen reichhaltigen Fischkonsum der ersten Bewohner Gran Canarias hindeuteten. Doch da war eine Sache, die die Forscher bald ins Grübeln bringen sollte... O-Ton 2 Delgado Voice Over weiblich „Bei dieser und anderen Ausgrabungen haben die Archäologen nie Gräten oder Köpfe von Hochsee-Fischen gefunden. Die ersten Bewohner der Inseln haben wohl nur an oder nahe der Küste gefischt. Darauf, dass sie das ohne Boote taten, weist eine besondere Ohrerkrankung hin, die man in Schädeln der Urkanarier gefunden hat. Diese hatten einen Tumor im Hörkanal, der bei häufigem Kontakt mit kaltem Wasser entsteht – etwa, wenn man am Ufer nach Meerestieren taucht. Auch hat man bei Ausgrabungen nie Überbleibsel von Schiffen entdeckt. In der Gesamtschau verleitet uns das zu dem Schluss, dass die frühen Bewohner der Inseln weder über Boote, noch über Fähigkeiten der Navigation verfügt haben dürften.“ Atmo Meeresrauschen + Musik 3: ARD Labelmusik Drifting beauty red – siehe oben – 19 Sek Sprecher Wie aber waren die ersten Siedler dann auf die kanarischen Inseln gekommen – und warum? Und: Falls sie doch eigene Boote hatten: Weshalb hatten sie sich überhaupt auf die lebensgefährliche Überfahrt übers offene Meer, in unbekannte Gefilde, begeben? Musik aus Sprecher Vieles zur Herkunft und Lebensweise der kanarischen Ureinwohner erscheint uns heute, gut 500 Jahre nach der endgültigen Einnahme der Inseln durch die Spanier, geheimnisvoll. Die iberischen Eroberer haben die Guanchen, Canarios, Majos und Majoreros, die Gomeros, Bimbaches und die Benahoaritas gnadenlos ausgerottet. Deren Kultur und Zivilisation versank im Dunkel der Geschichte. Musik 4: Weak Sunlight Grabungs-Funde haben nachgewiesen, dass das mediterrane Seefahrer-Volk der Phönizier bereits im zehnten Jahrhundert vor Christus einen Fuß auf die Insel Lanzarote setzte. Später kamen die Römer. Doch beide waren keine Siedler, betont die Archäologin Teresa Delgado: Es waren wenige Menschen, die dort saisonal Stützpunkte für den Handel, etwa mit Purpur, betrieben. Die Urkanarier, das erste Volk, das die Inseln im Atlantik dauerhaft besiedeln sollte, waren andere... O-Ton 3 Delgado Voice Over weiblich „Die erste nachhaltige Besiedlung der Inseln fand durch Berber-Völker aus dem Nordwesten Afrikas statt. Darauf deuten auch die jüngsten Untersuchungen von Spuren alten Erbguts hin.“ O-Ton 4 Dr. Rosa Fregel, Genforscherin, Universidad de La Laguna, Teneriffa, span. Voice Over weiblich „Nach unseren genetischen Analysen waren die ersten dauerhaften Bewohner der Kanaren Berber, die aus dem Norden Afrikas stammen.“ Sprecher ...bestätigt die Forscherin Rosa Fregel von der Universität von La Laguna auf Teneriffa. Die Biologin untersuchte mit ihrer Arbeitsgruppe das Erbgut von 48 Menschen, deren Überreste Archäologen an verschiedenen Orten der Inseln ausgegraben hatten. Die alten Erbgutspuren verraten, dass die Ur-Kanarier offenbar in zwei Wellen übers Wasser kamen: In Fregels Analysen zeigte das Erbgut der ersten Bewohner der östlichen Kanareninseln Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria einen größeren europäischen Einschlag - während bei den westlicher gelegenen der Anteil an nordafrikanischen Genen überwog. Und: Es war kein homogenes Berber-Volk, das da aus Nordafrika auf das Atlantik-Archipel gelangte. O-Ton 5 Fregel Voice Over weiblich „Es war bereits ein Völkergemisch. Das Erbgut der ersten kanarischen Siedler weist nordafrikanische und mediterrane Elemente auf – sowie aus Subsahara-Afrika. Vor der ersten Migration auf die Kanaren dürfte es größere Wanderungsbewegungen im und in den Norden Afrikas gegeben haben. Auch von Menschen, die südlich der Sahara aufbrachen, Richtung Norden.“ Sprecher Waren es Verwerfungen rund um die römische Einnahme von Nordafrika, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und in großer Zahl vertrieben, und diese zu einer Wanderung bis auf die kanarischen Inseln veranlassten? Nicht nur genetisch, auch ihrem Aussehen nach unterschieden sich die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, frühen Beschreibungen zufolge deutlich. Der Dominikaner-Pater Fray Alonso de Espinosa, der mit den spanischen Eroberern auf die Insel kam, schilderte die Urbevölkerung einerseits als „dunkel und braungebrannt“; andererseits fand der Priester und Geschichtsschreiber im Norden des Eilands „hellhäutige“ Menschen vor - darunter Frauen „mit blondem und schönem Haar“. Die Forschung der Biologin Rosa Fregel und ihrem Team bestätigt, dass es besonders unter den Ureinwohnern der großen Inseln Teneriffa und Gran Canaria eine große genetische Vielfalt gab. Musik 5: Weak sunlight – siehe vorne – 29 Sek Doch: Wer genau wann auf die Inseln kam – und vor allem warum: Diese Fragen lassen sich auch mit Erbgut-Analysen nicht zufriedenstellend beantworten. Für Teresa Delgado passen die Erkenntnisse ihrer Forscher-Kollegin Fregel zumindest zu zwei Theorien über die Ankunft der ersten Siedler auf den Kanaren. O-Ton 6 Delgado Voice Over weiblich „Die erste These geht davon aus, dass ein anderes Volk – wie die Römer – die ersten Inselbewohner herübergebracht, sie quasi auf den Inseln ausgesetzt hat: Als Gefangene oder Sklaven. Eine zweite These ist, dass sie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln gekommen sind. Demnach hätten die Ur-Kanarier die Kunst der Schifffahrt mit der Zeit einfach verlernt. “ Sprecher Es gibt Quellen, die Wissenschaftler an der These vom Inselvolk ohne jegliche Kenntnisse und Mittel zur Seefahrt zweifeln lassen. So erwähnt der italienische Geschichtsschreiber Leonardo Torriani nach der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert, Boote von Ureinwohnern, gefertigt aus dem Holz von Drachenbäumen. Der deutsche Kanaren-Forscher Harald Braem verweist in diesem Zusammenhang auf Zeugnisse, die die indigene Bevölkerung selbst hinterließ. O-Ton 7 Braem „Gran Canaria ist stark vertreten mit interessanten Darstellungen…. die Felsbilder natürlich, sogar von einem Schilfboot. Was jetzt wirklich interessant diskutiert wird, ist, dass diese Boote Schilfboote waren. Dieses Schilf ist quasi unsinkbar, weil es ja hohl ist innen. Und dass mit diesen Schilfbooten diese Expeditionen gemacht wurden.“ Sprecher Ob es diese Boote wirklich gab, und wie groß der Bewegungsradius damit gewesen sein mag – dies ist und bleibt eine weitere Unbekannte in der Geschichte der Urkanarier. In jedem Fall dürften die ersten Bewohner der Kanaren ihr Dasein über 1000 Jahre lang in Isolation gefristet haben - bis die Europäer die Inseln im späten Mittelalter wiederentdeckten. Selbst die benachbarten Inseln waren stets zum Greifen nah – und doch unerreichbar. Mangels Metallvorkommen stellten die Ur-Kanarier Werkzeuge und Waffen aus Stein und Knochen her. Und noch eine These wird durch DNA-Analysen von Rosa Fregel gestützt: dass sich Wirtschaft und Gesellschaft jeder einzelnen der Kanareninseln unabhängig voneinander entwickelten, Handel oder sonstiger Austausch fand nicht statt: Ton 8 Fregel Voice Over weiblich „insgesamt recht seltene Krankheiten, die auf El Hierro gehäuft auftraten, deuten auf eine starke Blutsverwandtschaft hin - und eine geringe genetische Vielfalt der Bewohner. Auf Gran Canaria dagegen hat sich eine große genetische Diversität erhalten. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass es auf dieser ungleich größeren Insel mehr Vieh und Getreide hab – und mehr Wasser, um auch eine größere Bevölkerung durch Krisenzeiten zu bringen.“ Atmo Plätschern Wasserquelle, darüber weiter mit Sprecher Wasser – das gibt und gab es auf der nordwestlichsten Kanareninsel La Palma im Überfluss. Noch heute füllen die unterirdischen Quellen zuverlässig die Trinkwasserreservoirs. Die Nähe zum Wasser: Sie war ein entscheidender Grund, warum gerade hier die einst wichtigste Siedlung der Ureinwohner entstand. O-Ton 9 Braem „Wir sind hier im barranco gomeros, im Westen von La Palma, und das ist eine besondere Zone, mit 35 Höhlen der Ureinwohner. (...) Hier in dem barranco werden, hochgerechnet, 200 bis 250 Menschen gelebt haben, Männer, Frauen Kinder.(…) Die Population der Einwohner hier, der Ureinwohner, wird ungefähr auf 10.000 geschätzt, zur Ankunft der Spanier, in zwölf Stämmen aufgeteilt.“ Atmo Schritte, Abstieg in den barranco Sprecher Über unwegsames Gelände geht es hinunter, zum Grund der Schlucht. Vor Ankunft der spanischen Eroberer, die Bäume und Sträucher in großer Zahl abholzten, dürfte der Barranco de Los Gomeros bewachsen und die Höhlensiedlung besser zugänglich gewesen sein. Heute prägen Sand, Fels und Geröll eine zerklüftete Landschaft, die schließlich ins Meer mündet. O-Ton 10 Braem „Grundnahrungsmittel war das Meer. Dann war ja hier die Anbaumöglichkeit hier am Bach gegeben… Oder natürlich die Ziegen, die meiste Grundlage beruhte auf Ziegen. Also sowohl die Felle, für Kleidung. Oder die Sehnen, die Hörner. Also man konnte von der Ziege das Fleisch, alles verwenden. Das war hier so eigentlich eine ganz gut ausgewogene Kost zwischen Früchten… Beerensammler, nä? Und Gofio gabs ja auch. Gofio, das war die geröstete Wurzel des Farnkrauts...und dann hat man ein Mehl, so n Hirte hatte nen Beutel mit Gofio dabei für unterwegs: Schnell mal ein kleines Brot backen, oder so.“ Sprecher In den Höhlen des Barranco de Los Gomeros fördern Archäologen noch immer zahlreiche Utensilien der Urkanarier zu Tage, weiß Harald Braem. Atmo Braem klettert in Höhle herum O-Ton 11 Braem „Die interessantesten Sachen sind natürlich immer im vorderen Bereich, wo die Feuerstelle war, und wo man die Abfälle ´rauswarf. Und da findet man am meisten.“ Musik 6: Automatique love Sprecher Kunstvolle, aus Knochen geschnitzte Nadeln, mit denen die Ureinwohner Kleidung aus dem Leder der Ziegen nähten, fanden sich in den Höhlen ebenso wie steinernes Werkzeug, mit denen sie Fleisch schnitten. Unmengen an Splittern tönerner Töpfe lassen erahnen, dass hier groß aufgekocht wurde: Die Benahoaritas, so der Name der ersten Siedler auf La Palma, lebten wohl in Verbünden von Großfamilien zusammen. Ein Grund, warum die kanarischen Ureinwohner nicht in einzelnen Höhlen wohnten – sondern sich in Höhlenkomplexen niederließen: Überall dort, wo ihnen die vulkanische Geographie der Inseln genügend Platz bot. O-Ton 12 Dr. José Ignacio Sáenz, Leiter der archäologischen Stätte Cueva Pintada, Gáldar, Gran Canaria, span., Voice Over männlich „Diese Orte bestehen teils aus natürlichen Höhlen, teils aus künstlichen Eintiefungen, die die Ureinwohner so in den Berg schlugen, dass sie einerseits unterirdische Wohnräume hatten, andererseits aber auch die Flächen der Terrassen nutzen konnten, die die Geografie der Hanglage für sie bereithielt. Später kamen auch freistehende, runde Steinhäuser dazu. Es entstanden nach und nach immer komplexere Siedlungen, wie etwa im Gáldar – wo sich mehr als 60 Häuser rund um die Cueva Pintada, die „bemalte Höhle“, gruppieren.“ Sprecher ...sagt José Ignacio Sáenz. Er leitet das Museum Cueva Pintada in Gáldar, im Nordwesten von Gran Canaria. Der heute knapp 25.000 Einwohner zählende Ort war einst Hauptstadt des Nordreiches der Altkanarier. An der Cueva Pintada von Gáldar zeigt sich, dass die kanarischen Ureinwohner Höhlen nicht nur für weltliche Zwecke nutzten (()) O-Ton 13 Sáenz Voice Over männlich „Die Cueva Pintada war keine normale Grabkammer. Bei den dort aufgebahrten Mumien dürfte es sich, ähnlich wie bei christlichen Heiligen-Reliquien, um bedeutende Persönlichkeiten gehandelt haben. Diese Bestattung, möglicherweise eines kanarischen Herrschers, dürfte die Höhle zu einem ,heiligen Ort’ aufgewertet haben.“ Musik 7: Dark Lake Sprecher Auch die „bemalte Höhle“ von Gáldar hält, wie José Ignacio Sánz einräumt, letztlich mehr Fragen als Antworten über das Leben und Sterben der kanarischen Ureinwohner bereit. Denn deren Kenntnisse der Mumifizierung wollen nicht recht zu einem ausgewanderten Berbervolk aus Nordafrika passen: Dies rief den französischen Forscher Jean-Paul Canamas auf den Plan: Der behauptete, verbannte oder verschleppte Ägypter seien einst gemeinsam mit den Berbern auf die Inseln gelangt, und hätten dort ihre Bestattungsbräuche eingeführt. Doch warum unterscheiden sich die Arten der Mumifizierung der alten Ägypter und der Altkanarier dann so deutlich? Wie erklärt sich, dass die Ägypter Verstorbene ausweideten, die Urkanarier ihren dagegen mitsamt aller Organe einbalsamierten – und die Leichen schließlich auch noch in Lederhäute einnähten? Musik aus. Auch der Sinn und Zweck der Zeichen und Formen an der Wand der Cueva Pintada von Gáldar bleibt bis heute im Dunkel der Vergangenheit verborgen. Markierten die Kreise und Dreiecke, die Archäologen in unterschiedlicher Ausprägung auf allen Kanareninseln entdecken, die Zugehörigkeit zu einem Volk, Stamm oder Familie? Dienten sie einst als eine Art Kalender – oder für religiösen Riten? Die Forscherin Teresa Delgado glaubt: In der vorzeitlichen Gesellschaft der Urkanarier waren handfeste landwirtschaftliche Zwecke und spirituelle Praxis kaum zu trennen. O-Ton 14 Delgado Voice Over weiblich „Diese Menschen mussten den Blick nach oben richten, die Sterne, das Wetter und die Jahreszeiten verfolgen: Sie sahen sich also im wahrsten Sinn des Wortes den Himmelsmächten ausgesetzt.“ Sprecher Ob sich die Geheimnisse der indigenen Bildersprache jemals vollständig lüften lassen? José Ignacio Sáenz hat daran Zweifel: Denn die ersten Bewohner der kanarischen Inseln hinterließen keinerlei schriftliche Dokumente, ihre Kultur wurde mündlich überliefert. Selbst von ihrer Sprache sind nur Bruchstücke bekannt – etwa die Ureinwohner-Bezeichnung Guanche - die sich aus den Worten „Guan“ für „Mensch“ und „Chinet“ für die Insel Teneriffa zusammensetzt. So bleibt Wissenschaftlern wie Sáenz nur, Scherben zusammenzufügen, auf dass sich ein stimmiges Bild von den ersten Kanariern ergebe; oder, im wahrsten Sinn des Wortes, die Zeichen an der Wand zu deuten: Felsgravuren etwa, oder die Malereien in der Cueva Pintada. Doch diese in ihrer tieferen Bedeutung zu entschlüsseln: Für José Ignacio Sáenz eine schwierige, wenn nicht unmögliche Aufgabe. O-Ton 15 Saénz Voice Over männlich „Als Archäologen kommen wir hier oft nicht weiter, weil wir mit den materiellen Zeugnissen einer Kultur arbeiten. Sobald es um die Welt des Denkens, des Glaubens, der Rituale und der Religion der Urkanarier geht, wird es für uns sehr schnell sehr kompliziert.“ Sprecher Der Autor Harald Braem taucht in seinen Büchern und Filmen tief ein in diese mythenumrankte Welt der kanarischen Ureinwohner. Literarisch - und mit experimentellen Expeditionen folgt er den Spuren der Urkanarier, auch in seiner Wahlheimat La Palma. Die Gesellschaft der dort lebenden Benahoaritas, das wird dabei deutlich, war eine hierarchische. Die Autorität der Adelsklasse leitete sich ab aus dem Monopol über Mythen und Riten, aber auch aus der Fähigkeit, den Himmelskalender zu deuten. Als Mittler zwischen den Menschen und den übernatürlichen Kräften, als eine Art Priester und Zeremonienmeister traten dabei die Faycanes oder Fayzagues auf dem heiligen Berg der Ureinwohner auf: Dem Idafe – auf dem man Tiere opferte, die Götter beschwor - und weissagte. O-Ton 16 Braem „Also, Tieropfer, insofern, als man die Ziege danach aufgegessen hat, mit der ganzen Familie (lacht)...das ist klar. Aber die Innereien, das wurde dann zum Idafe hochgebracht, und dann auf einem kleinen Opferplatz hingelegt für die Seelenvögel. Also Adler, Geier und Raben. Und dann hat man beobachtet, wie die Tiere sich verhalten haben. Und daraus dann geweissagt. Das ganze Ritual ging eigentlich immer um Himmel und Wasser. Dass es wieder regnet und das Wasser kommt. Da gabs ganz ausgeklügelte Rituale von Steinbohrungen bis zu Zicklein, die angebunden wurden. Und die haben dann so gejammert, dass dann die große Regengöttin Munaiba dann ein Erbarmen hatte. Und hat´s dann regnen lassen“ Musik 8: No man’s river Sprecher Für kultische Zwecke genutzt worden sein soll auch eine Reihe von Steinbauten, die ebenfalls nach Himmelskörpern ausgerichtet sind - und die bis heute Rätsel aufgeben: Stufenpyramiden, die sich auf der Hälfte der acht kanarischen Inseln finden. Um den Ursprung der imposanten Bauten aus dunklem Lavastein entstand in den 1990er-Jahren eine erbitterte Kontroverse, an der sich Wissenschaftler und geschichtsinteressierte Laien, aber auch kanarischen Nationalisten und Esoteriker beteiligten. Auch Harald Braem hat gemeinsam mit dem norwegischen Archäologen Thor Heyerdahl an der Pyramide von Güimar auf Teneriffa gegraben. Nach Heyerdahls abenteuerlich anmutender These bildeten die kanarischen Pyramiden sowohl zeitlich als auch geografisch eine Zwischenstation auf dem Weg von ägyptischen Sonnenanbetern zu den Maya in Mexiko. Demnach wäre ihre Bauzeit rund 1000 Jahre vor Christi anzusiedeln. Kanarische Wissenschaftler wie die Kuratorin des Museo Canario von Las Palmas, Teresa Delgado, reagieren auf solche Spekulationen zunehmend gereizt. O-Ton 17 Delgado Teil 1 Voice Over weiblich „Diese Pyramiden haben nichts mit der Welt der kanarischen Ureinwohner zu tun“ Sprecher ..erklärt Teresa Delgado, Kuratorin des Museo Canario in Las Palmas de Gran Canaria. O-Ton 17 Delgado Teil 2 Voice Over weiblich „Das sind Anhäufungen von Lesesteinen, die Bauern von ihren Feldern entfernt haben, die Stufen wurden dazu angelegt, um Früchte oder Getreide zu trocknen. Archäologen haben die Pyramiden nach Ausgrabungen eindeutig auf die Zeit nach der spanischen Eroberung datiert. Es ist schon wichtig, hier der wissenschaftlichen Evidenz zu folgen: Wir können nicht einfach Geschichten verbreiten, die nicht durch die Evidenz wissenschaftlicher Erkenntnis gedeckt sind.“ Sprecher Diese „archäologischen Erkenntnisse“, entgegnet der deutsche Professor Harald Braem, seien das Ergebnis lediglich einer Grabung - und ließen andere Funde und historische Quellen außer Acht. O-Ton 18 Braem „Tatsächlich beschreiben Chronisten wie Leonardo Torriani die Rituale auf solchen Pyramiden. Das gabs ja vor den Spaniern! Da wurden die Könige, die Menceys gekrönt, da wurden die Feste gefeiert an diesen Pyramiden…und wir haben zum Beispiel unter der einen Pyramide eine Höhle ausgegraben, da lagen Scherben, und zwar der Ureinwohner! (()) Also man wird nicht ernstgenommen. Oder, die Ureinwohner werden nicht ernstgenommen.“ Musik 9 Rein – siehe vorn – 48 Sek Sprecher Es mangle an Finanzmitteln und Motivation, behauptet Braem. Und es fehlten Forscherinnen und Forscher mit einem frischen Blick, um das archäologische Erbe der kanarischen Ureinwohner unvoreingenommen zu erkunden, ihre steinernen Zeugnisse zum Sprechen zu bringen. Und dennoch: Trotz aller Kritik ist Harald Braem zuversichtlich, dass die weit zurückliegende Zivilisation der Urkanarier nicht in Vergessenheit geraten wird. O-Ton 19 Braem „Die Kultur hier ist irgendwie in den Menschen drin, in der Landschaft: Die ist auf eine magische Weise so kraftvoll, dass sie einfach überlebt.“

  14. Endlich Pause - Der Sinn von Leerlauf

    15.08.2025 · 23 Min.

    Pause machen - ein zutiefst menschliches Grundbedürfnis, das in den letzten Jahrhunderten sehr unterschiedlich gehandhabt wurde. Autorin: Kirsten Zesewitz (BR 2019) Credits Autor/in dieser Folge: Kirsten Zesewitz Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling, Jerzy May Technik: Siglinde Hermann Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Prof. Ulrich Wengenroth, Technikhistoriker, TU München (emeritiert); Prof. Götz Bachmann, Ethnologe, Zentrum für Digitale Kulturen, Leuphana Universität Lüneburg Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Erfindung der Ferien - Geschichte einer wunderbaren Zeit JETZT ANHÖREN Ein Lob der Faulheit - Warum es nicht nur um Arbeit geht JETZT ANHÖREN Gelassenheit - Was ist das, wie geht das? JETZT ANHÖREN Mikroabenteuer - Kleine Abenteuer im Alltag JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  15. Friedrich von Gärtner - Der Baumeister von Ludwig I.

    14.08.2025 · 22 Min.

    Als Sohn des königlich-bayerischen Hofbauintendanten Andreas Gärtner sollte und wollte Friedrich in die Fußstapfen des Vaters treten. Wurde der Vater seinerzeit von Leo von Klenze aus seiner Stellung vertrieben, nahm Friedrich nun Rache und wollte seinerseits Leo von Klenze vom Hofe des Königs jagen. Autor: Martin Trauner (BR 2025) Credits Autor/in dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Redaktion: Thomas Morawetz Interviews mit: Prof. Winfried Nerdinger (Architekturhistoriker, ehem. Leiter des Architekturmuseum der TU München) Prof. Egon Johannes Greipl - ehemaliger (seit 30-11-2013) bayerischer Generalkonservator Geschichte: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Endlich, nach beinahe 16 Jahren Planungs- und Bauzeit ist es soweit. - Jetzt, 1843, ist sie fertiggestellt: Die königliche Hof- und Staatsbibliothek in München. ZITATOR (Architekturführer) Dieser in den großartigsten Verhältnissen angelegte Bau wurde im italienischen-mittelalterlichen Style ausgeführt. - ERZÄHLERIN - schreibt ein zeitgenössischer bautechnischer Führer - ZITATOR (Architekturführer) - In seinen ausgedehnten Räumlichkeiten umschließt das Gebäude die außerordentlich reiche, gegenwärtig 1.300.000 Bände zählende Staatsbibliothek. MUSIK 1. ZUSPIELUNG (Greipl) Da denkt man - riesengroß - da müssen alle Bücher der Welt hineinpassen - ERZÄHLERIN Sagt Egon Greipl, (ehemaliger) oberster Denkmalschützer in Bayern. - 2. ZUSPIELUNG (Greipl) - und dann geht man hinein und sieht, da ist eine Menge Platz verschenkt worden für eine Treppe und solche repräsentative Sachen. MUSIK ERZÄHLERIN Eine Prachttreppe, die seinerzeit nur der König benutzen durfte. An ihr hat man bis zuletzt gearbeitet. 54 Stufen muss die Majestät überwinden, um aus dem dunklen Eingangsbereich in das Licht, zu den Büchern, zur Wissenschaft zu gelangen. - Obwohl der König in den letzten Jahren meist ein schwieriger Auftraggeber gewesen ist, ständig an den Plänen etwas ändert oder ändern lässt, die Treppe findet selbst der Architekt so schlecht nicht: ZITATOR GÄRTNER Für die Haupttreppe stehe ich gut, das ist die pompöseste die wenigstens in Deutschland existiert. Diese gefällt mir selbst. MUSIK ERZÄHLERIN Und das ist der Baumeister des 152 Meter langen und 24 Meter hohen Monumentalbaus: Friedrich von Gärtner. Die Bibliothek: sein erster Auftrag für König Ludwig I. - Vor 16 Jahren, 1827, ließ Ludwig den gar nicht mehr so jungen Architekten gewähren: Gärtner soll nun endlich sein erstes Gebäude überhaupt bauen. Und dann gleich ein so großes. 3. ZUSPIELUNG (Nerdinger) Ein riesiger Bau. Und die besondere Pointe oder Gemeinheit könnte man auch sagen, liegt darin, dass er diesen Bau an der von Klenze geplanten Ludwigsstraße vorgesehen hat... ERZÄHLERIN - so Winfried Nerdinger, Architekturhistoriker aus München. - Die Ludwigsstraße, sie ist des Königs Lieblingskind, sie soll seine Prachtmeile werden... 4. ZUSPIELUNG (Nerdinger) Klenze hat ja diese Straße komplett geplant, das war "seine Straße", er hat den ganzen südlichen Teil bereits mit Neubauten bestückt und jetzt mitten hinein in seine Straße, der größte Bau überhaupt bis dahin, die Staatsbibliothek, da bekommt ausgerechnet sein Konkurrent den Auftrag. Und das war sicherlich für Klenze ein Schlag. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Friedrich Gärtner und Leo Klenze, zwei Baumeister in königlichen Diensten - ein Berufsleben lang lauern sie wie Skylla und Charybdis, die beiden Ungeheuer, an der Meerenge von Messina. Und, um im mythologischen Bild zu bleiben, kein königlicher Auftrag soll an ihnen ungeschoren vorbei kommen. 5. ZUSPIELUNG (Nerdinger) Die waren beide nicht von Pappe, um es mal salopp zu formulieren und haben mit allen Mitteln sich gegenseitig bekämpft und für ihre Karriere gekämpft. ERZÄHLERIN 26 Jahre ist er alt, da wird der junge begabte Nachwuchsarchitekt Friedrich Gärtner Ludwig vorgestellt. Und wer bringt ihn zum Kronprinzen? Der 7 Jahre ältere Klenze. Der, ein protestantischer Preuße, ist schon seit einem Jahr in Diensten des Königshofs. ZITATOR GÄRTNER Dass dieser zum Faktotum geworden ist, ersah ich schon längst, den Grad aber ersah ich da näher. 6. ZUSPIELUNG (Nerdinger) Als drittes muss man immer noch den König mit einbeziehen, genauer gesagt, den Kronprinzen, der beide letztlich wie Schachfiguren in seinem Spiel benutzt hat. ZITATOR GÄRTNER Ich sah nur zu deutlich, dass einem schlechten Schachspieler leicht eine Figur genommen und die andere dafür hingesetzt werden kann. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Über Gärtners Karriereleiter sind wir Sprosse um Sprosse relativ gut informiert. Denn mehr als 30 Jahre lang schreibt er Briefe, an Martin von Wagner. - 7. ZUSPIELUNG (Nerdinger) Nun: der Martin von Wagner war eigentlich der Kunsthändler des Kronprinzen in Rom. ERZÄHLERIN Martin von Wagner ist der Freund von Friedrichs Vater, dem Hofbauintendanten Andreas Gärtner. Und auch wenn die Mutter Bedenken gegenüber Wagner äußert, Friedrich beschwichtigt: ZITATOR GÄRTNER Deine Warnung, gute Muttern über Wagner ist recht gut, allein sei versichert, sie war nicht nötig. So kenne ich meine Leute noch. Wagner ist ein guter, ernsthaft rechtschaffener Mann, allein nie für einen Freund geschaffen. ERZÄHLERIN Friedrich Gärtner und Wagner werden trotzdem Freunde, gute Freunde. Netter Nebeneffekt für Gärtner: Wagner hat einen sehr guten Draht zum Kronprinzen. - Gärtner macht in seinen Briefen aus seinem Herzen keine Mördergrube. Winfried Nerdinger: 8. ZUSPIELUNG (Nerdinger) Ich glaube auch, dass man natürlich mit gewissen Abstrichen diesen Briefwechsel als ziemlich wichtige authentische Aussage nehmen kann, weil er sich da einem Freund geöffnet hat - Wir können da doch relativ tiefe Einblick in das Gefühlsleben Gärtners tun und in das Intrigenspiel bei Hofe. ERZÄHLERIN Über 100 Mal wird die Post von Gärtner die Zeiten überdauern, die Post von Wagner retour dagegen nicht. - Kennen gelernt haben sich die beiden in Rom. - ZITATOR GÄRTNER Rom ist nebenbei gesagt der herrlichste Ort, um einem als Mensch die besten Lebensregeln zu erteilen! MUSIK ERZÄHLERIN Im Oktober 1814 kommt Gärtner nach Rom. Nach seinem Architekturstudium in München bei Carl von Fischer, nach Lehrjahren in Paris, zieht der 22-Jährige in die deutsche Künstlerkolonie. "Quartiere degli Infedeli", "Viertel der Abtrünnigen", nennen es die Römer, wegen der vielen deutschen Protestanten. Der Katholik Gärtner kennt bald alle Trattorien und Weinstuben rund um seine Wohnung in der Via Sistina, nahe der spanischen Treppe. Jetzt will er wieder lernen, dieses Mal aber das Leben: MUSIK ZITATOR GÄRTNER Der Durst war groß, der Wein war gut und so wurde allgemeiner Jubel unter der Gesellschaft. Eine Gitarre, die uns begleitete, spielte bald ihren Saltarello, bald ihren Walzer... ERZÄHLERIN Martin von Wagner nimmt Friedrich in seine Obhut, im Auftrag von Andreas Gärtner, dessen Vater. Er zeigt ihm die mediterrane Lebensart, er bringt ihn in die Kreise der Rom-liebenden deutschen Künstler. Die feiern sich und "ihren" bayerischen Kronprinzen, den Kunstmäzen, am liebsten im Caffè Greco - keine zwei Minuten von der Wohnung Gärtners entfernt. Hier treffen sich auch die Mitglieder eines von Martin von Wagner initiierten Geheimbundes: "Nemesis" heißt er : MUSIK 9. ZUSPIELUNG (Nerdinger) Diese Künstler haben sich die Nemesianer genannt. - Die Nemesis als ihre Göttin, die dem einzelnen das Geschick zuweist, dem einen das Gute, dem anderen das schlechte. So etwas, was für Künstler ja ganz wichtig ist: Der eine steigt auf, der andere steigt ab... ERZÄHLERIN Nemesis gibt sich zunächst wankelmütige, was das Schicksal des jungen Friedrich betrifft. Der "Orlando furioso", wie ihn seine Freunde jetzt rufen, genießt zwar in Rom das süße Leben in vollen Zügen, ganz untätig ist er freilich nicht. Er zeichnet etliche antike Ruinen, fährt nach Pompeji und Sizilien, besteigt die Vulkane Italiens. Und er beteiligt sich - auf sanftes Drängen seines Vaters - am Wettbewerb zum Bau der Münchner Glyptothek. Mit Hilfe seines Vaters, der die Pläne ein wenig korrigiert und nachbessert, wird sein Entwurf vom Preisgericht als der für den Bau geeignetste befunden. Den Auftrag bekommt, allem zu Trotz, wie kann es anders sein, Leo Klenze. MUSIK ZITATOR GÄRTNER Thermometer 5 Grad Beaumont - Pluvianopolis am 12ten des 8. Regenmonats 1817 nach Christi Geburt - Parameter (wie gewöhnlich): Regen, Hagel, Wind. ERZÄHLERIN Gärtner ist nach fast drei Jahren Sommer, Sonne, Kaktus wieder in München. In Pluvianopolis, der Regenstadt. Er schreibt an Wagner nach Rom: ZITATOR GÄRTNER Der ewigen Nemesis zum Gruße! Ohne Nachrichten aus Rom bin ich ein geschlagener Mensch. Oh große Nemesis! Was habe ich verschuldet, dass du gerade jetzt mich ins Exil geschickt, wo ich dickes Bier um 12 Uhr saufen muss. MUSIK ERZÄHLERIN Nemesis meint es tatsächlich nicht gut mit ihm. Nicht nur dickes Bier und saurer Wein schlagen ihm auf den Magen: In München, im Exil, findet er keine adäquate Anstellung, obwohl sein Vater immer noch königlich bayerischer Hofbauintendant ist, also de facto der oberste Baumeister. Und er würde so gerne in dessen Fußstapfen treten. ZITATOR GÄRTNER Es ist traurig, wenn man mehrere Jahre sich bemüht, um etwas zu lernen und am Ende wieder dort hingestellt ist, von wo man ausgegangen. Seit meiner Zurückkunft sitze ich da und lege die Hände in den Schoß. ERZÄHLERIN 26 Jahre ist Gärtner mittlerweile. Er sehnt sich nach Rom. Hier im kalten Norden, in München: - "Ein Windloch". Die Mutter stirbt. Er fühlt sich dazu verpflichtet, die Familie finanziell zu unterstützen, lebt aber im Gegenteil vom Geld des Vaters. Und dann auch noch das: ZITATOR GÄRTNER Mit unverändertem Gemüte durchlas ich heute die Entlassung meines alten und würdigen Vaters von seinem treuen Dienste und dessen Erstattung durch Klenze mit einer vermehrten Besoldung von 3000 fl. 10. ZUSPIELUNG (Nerdinger) Aus den Briefen, die er an seinen Freund Martin von Wagner schrieb, kommt ganz klar heraus, dass diese Verdrängung seines Vaters als Hofbauintendanten für die Familie sehr belastend war und in der Familie dann ein Hass auf Klenze aufgebaut worden ist. ERZÄHLERIN: Wobei man hinzufügen muss, dass sein Vater bei seiner Entlassung bereits 74 Jahre alt ist. Und obwohl Klenze ihm noch am selben Tag einen Job verschafft -

  16. Allergietests - Warum das Immunsystem verrückt spielt

    14.08.2025 · 20 Min.

    Wer eine Allergie hat, sollte wissen, welcher Stoff die Beschwerden verursacht. Nur dann kann man diese Substanz meiden. Deshalb sind Allergietests nötig, die manchmal Detektivarbeit sind. Autor: Hellmuth Nordwig (BR 2025) Credits Autor/in dieser Folge: Hellmuth Nordwig Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Amberger, Patrick Zeilhofer Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: - Dr. Eva Oppel, Leiterin der Allergieambulanz der LMU München - Prof. Ulf Darsow - Niko Mirissas, Allergieambulanz der TU München; Patienten - Dr. Josef Kornwachs, Arzt, München - Dr. Michael Szardenings, Fraunhofer IZI, Leipzig Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1: ALLERGIEAMBULANZ, PATIENTEN SPRECHEN, HUSTEN darüber SPRECHER: In der Allergieambulanz der Universität München warten Dutzende Patienten. Wer sich zu ihnen setzt, blickt in gerötete Augen und geschwollene Gesichter, ist umgeben von vielstimmigem Husten und schniefenden Nasen. Vielen Menschen geht es richtig schlecht, sie können vor Heuschnupfen oder Asthma kaum atmen. Andere sind hier, weil ihr Körper auf ein Medikament oder ein Lebensmittel heftig reagiert hat, zum Beispiel mit Schwellungen oder Juckreiz. Wieder andere haben einen Haut¬ausschlag, bei dem die Ursache nicht klar ist. O-TON 1: PATIENT Wenn Sie meine Füße anschauen: Ich habe an den Füßen eine Art Ekzem. Und da wird jetzt getestet, dass man rausbekommt, woher das ist, damit man eine Diagnose bekommt, was es ist und dementsprechend auch behandeln kann. SPRECHERIN: Allergietests. Warum das Immunsystem verrückt spielt. Eine Sendung von Hellmuth Nordwig. O-TON 2: OPPEL Hier wird jetzt der Goldstandard der Allergiediagnostik durchgeführt, der sogenannte Pricktest. Es werden in einer Standardreihe die häufigsten Allergene, die in der Luft getragen werden, aufgetragen in einer Lösung. Das ist immer eine definierte Menge an Allergen. Und dann mit einer kleinen Lanzette in die oberste Hautschicht eingebracht. (25") SPRECHER: Dr. Eva Oppel leitet die Allergieambulanz. Gerade hat eine Assistenzärztin ein Tröpfchen Flüssigkeit auf den Unterarm des Patienten gegeben. Jetzt ritzt sie dort die Haut ein kleines bisschen ein. Ganz wenig, nur so als würde man sich aus Versehen mit dem Fingernagel kratzen. Das macht sie rund 20 Mal mit verschiedenen Testlösungen. Die enthalten Extrakte von sogenannten Allergenen: von Pollen, Hausstaub oder anderen Substanzen, die in der Luft herumschwirren. Manche Menschen reagieren allergisch darauf, und zwar so rasch: O-TON 3: OPPEL Dass Sie nach ca. 20 Minuten den Test ablesen können. Das ist also ein sehr schnelles Ergebnis, das wir haben. 21:37 Im Falle einer positiven Reaktion sehen Sie eine kleine Quaddel an der Stelle. Die entsteht, weil über Botenstoffe in der Haut - natürliche Botenstoffe wie das Histamin beispielsweise - dann solche klassischen Reaktionen auf der Haut auftreten. SPRECHER: Der Körper schüttet diese Botenstoffe aus, weil das Immunsystem Alarm schlägt. Eigentlich soll uns die Körperabwehr ja vor Krankheitserregern schützen. Sie registriert aber auch, wenn wir mit Stoffen aus der Umwelt in Kontakt kommen, etwa mit Staub oder Pollen. Bei einigen Menschen reagiert das Immunsystem dann besonders sensibel. Gegen die Umwelteinflüsse bildet es Abwehrmoleküle, die auch Antikörper heißen. Dafür sind bestimmte Gene verantwortlich, und die hat nicht jeder. Die Quaddeln beim Hauttest zeigen an, dass der Organismus Antikörper gegen das Allergen produziert, also gegen den getesteten Stoff aus der Umwelt. Quaddeln zu haben bedeutet aber noch nicht, dass die Person gegen die Substanz wirklich allergisch ist. O-TON 4: OPPEL Wenn Sie da etwas finden, dann nennt sich das Sensibilisierung. Sie können zum Beispiel Antikörper gegen die Katze haben, wenn der Patient aber sagt: Ich habe eine Katze zu Hause, ich niese nicht, wenn ich sie in die Hand nehme und streichle, und ich habe auch sonst keine Beschwerden, dann ist das eine stumme Sensibilisierung, die man dann aber nicht Allergie nennt. SPRECHER: Denn bei der müssen neben den Quaddeln passende Symptome dazu kommen. Deshalb halten Allergieexperten nichts davon, einfach so drauf los zu testen. Von Selbsttests, die man on¬line bestellen kann, raten sie dringend ab, auch wenn man auf einen Termin bei einem Spezialisten oft lange warten muss. Doch der kann auch einen anderen Typ von Allergie erkennen. Dabei treten die Beschwerden erst nach einigen Tagen auf, als Hautausschlag, der bei den Fachleuten Kontaktekzem heißt. Metalle, Latex oder Chemikalien sind typische Auslöser. Dafür gibt es einen anderen Hauttest, bei dem Allergene als Salbenzubereitungen auf den Rücken aufgetragen werden. Dort werden sie mit einem Pflaster fixiert und bleiben mehrere Tage auf der Haut. Das war auch bei einer Patientin so, die Eva Oppel jetzt untersucht. O-TON 5: OPPEL (Pflaster abreißen) Was man bei der Dame hier auch sieht, ist die Tätowierung. Wir haben immer mehr Patienten, die tätowiert sind, weil das heute sehr gewünscht wird und gemacht wird. Und da ist es tatsächlich so, dass man gerade auf die schwarze Tätowierungsfarbe ganz starke Kontaktallergien entwickeln kann und eigentlich jeder Patient, bevor er eine Tätowierung durchführen lässt, aufgeklärt werden müsste. SPRECHER: Doch bei der Patientin stellt sich etwas ganz anderes heraus. Tatsächlich ist die Haut in einem der Testfelder deutlich gerötet, auch kleine Bläschen sind zu sehen. Und zwar dort, wo Eva Oppel zwei Tage zuvor ein häufig verwendetes Desinfektionsmittel aufgetragen hatte. O-TON 6: OPPEL Die Dame bekommt dann einen Ausweis und sollte dann eben nachschauen in jedem Waschmittel, in jeder Körperlotion, ob der Stoff enthalten ist und sollte ihn dann auch meiden in Zukunft. 19:44 In der Mitte wird der Stoff eingetragen mit seiner Bezeichnung, und auf der rechten Seite sehen Sie dann, da steht: Diese Stoffe sind beispielsweise enthalten in ... , und dann kommt eine Auflistung, in welchen Materialien dieser Stoff vorkommen kann. MUSIKAKZENT SPRECHER: Manchmal werden diese Ergebnisse im Labor abgesichert, um ganz sicher zu gehen. Das ist nötig, wenn das Testresultat gravierende Folgen hat. Zum Beispiel, wenn jemand ein Zahnimplantat nicht verträgt oder das Metall in einem künstlichen Hüftgelenk. Solche Patienten müssen meist ein zweites Mal operiert werden und bekommen dann ein Implantat aus einem anderen Material. Zuvor muss aber ganz sicher feststehen, dass es sich um eine allergische Reaktion handelt. An der Allergieambulanz der Uni München testet Dr. Burkhard Summer direkt die Immunzellen von Patienten daraufhin, ob sie auf bestimmte Metalle reagieren. Aus dem Blut hat er die Zellen gewonnen und auf Testplatten verteilt. Die bewahrt er in einem Brutschrank bei 37 Grad Celsius auf. O-TON 7: SUMMER Das hier ist mal so ein Test. Man sieht hier kleine Punkte, die Zellen. Und hier sind verschiedene Metalle. Kobalt, Nickel und Chrom in verschiedenen Konzentrationen mit den Zellen in Kontakt. Die sind als Lösungen zugegeben. SPRECHER: Fünf Tage lang wartet der Arzt, ob sich die Immunzellen vermehren. Das tun sie nur, wenn der Patient allergisch auf das Metall reagiert. Und das ist nicht selten, beob¬achtet Burkhard Summer. O-TON 8: SUMMER Nickel-Kontaktallergie in der Allgemeinbevölkerung ist bei 15 Prozent ungefähr, Kobalt und Chrom eher bei 2, 3 Prozent. Wir sehen aber bei den Patienten, die zu uns kommen mit einem Verdacht auf so eine Metallallergie in Bezug auf ein Implantat, Nickelallergiker etwa 20 Prozent, und deutlich mehr Kobalt- und Chromallergiker. SPRECHER: Trotzdem werden Patienten nicht routinemäßig vor einer Operation getestet, ob sie die Metalle vertragen oder nicht. Klingt erstaunlich, hat aber einen einfachen Grund: Eine Kontaktallergie kann erst dann entstehen, wenn der Körper in Berührung mit dem Fremdstoff kommt. Vorher hätte der Zelltest im Labor ein negatives Ergebnis. O-TON 9: SUMMER Wir testen die Metalle vorher, wenn ein Patient schon mal den Verdacht hat. Also wenn ein Patient auf Modeschmuck reagiert und er weiß, er hat Probleme mit Metallen, dann werden die Metalle vorher getestet. Aber im Normalfall, wenn kein Verdacht besteht, wird nicht getestet.

  17. Grüner Salat: Wie kam es zu dem Hype?

    13.08.2025 · 24 Min.

    Salat soll gesund sein, gesünder als anderes Gemüse. Und auch beim Abnehmen soll das Essen von Salat helfen. Aber stimmt das auch? Über Jahrhunderte war das Essen von Salat der Not geschuldet: Ohne die grünen Blätter wären die Menschen nicht satt geworden. Das hat sich geändert, an Salat kommt heute kaum noch jemand vorbei. Zu Recht? Autorin: Daniela Remus (BR 2025) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Julia Fischer Technik: Heiko Hinrichs Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Matthias Fasshauer, Ernährungswissenschaftler, Universität Gießen Prof. Gunter Hirschfelder, Kulturwissenschaftler, Universität Regensburg Gabriele Kaufmann, Ökotropholin, Bundeszentrum für Ernährung, Bonn Prof. Christian Zoerb, Agragwissenschaftler, Universität Hohenheim Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Mit Ernährung Krankheiten in den Griff bekommen oder sogar heilen. Das geht! Und die NDR Ernährungs-Docs wissen, wie es geht. Wissenschaftsjournalistin Julia Demann spricht mit Dr. Silja Schäfer, Dr. Viola Andresen und Dr. Matthias Riedl über ihre spannendsten Fälle und erstaunlichsten Erfolge. "Essen als Medizin" lautet ihre Strategie, die Themen reichen von antientzündlicher Ernährung bis Zuckerersatz. Gemeinsame Mission: eine Ernährung, die schmeckt, die beim Gesundwerden und -bleiben hilft und die man leicht zubereiten kann. JETZT ENTDECKEN Weitere handverlesene Hörtipps der Redaktion: IQ - Wissenschaft und Forschung · Ist das noch Essen? - Hochverarbeitete Lebensmittel - So wirken sie auf den Körper · Podcast in der ARD Audiothek Radiowissen · Was bringt nachhaltige Ernährung? Alles Natur · Podcast in der ARD Audiothek Radiowissen · Rezepte des Überlebens (1) - Meine Familie und der Hungerwinter · Podcast in der ARD Audiothek Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Rucola, Feldsalat, Endivie, Radiccio oder Lollo Rosso: Blattsalat gibt es heute in vielen Variationen. Selbst in jedem Supermarkt, eine große Auswahl. MUSIK SPRECHERIN Und solche Salatblätter haben die Menschen, nach allem, was bisher bekannt ist, schon immer gegessen. Aber offenbar hatten diese mehrheitlich grünen Blätter in der Menschheitsgeschichte nicht immer ein so idealisiertes Image wie heutzutage. Lange galten sie eher als Hasenfutter, kalte Küche oder Arme-Leute-Essen. TAKE 1 (O-Ton Hirschfelder) Eigentlich sind wir schon immer Salatesser gewesen, wenn wir mit dem Wort mal beginnen, dann kommt das Wort Salat ja aus den romanischen Sprachen und bedeutet, etwas ist in irgendeiner Form eingesalzen, also wir haben schon eine markante Kulturtechnik, die können wir in den frühen Hochkulturen und v.a. in der klassischen Antike beobachten. Aber das Grundmuster ist ja, dass wir irgendein Grünfutter aus der Umgebung sammeln und niedrigschwellig zubereiten und essen. SPRECHERIN Erklärt Gunter Hirschfelder. Er ist Professor für kulturwissenschaftliche Ernährungsforschung und Agrarwissenschaft an der Universität Regensburg. „Irgendein Grünfutter aus der Umgebung sammeln”, diese saloppe Bemerkung des Kulturhistorikers passt auf den ersten Blick nicht so ganz zu der Bedeutung, die dem Salat heute von Ernährungswissenschaftlern und auch von selbsternannten Influencerinnen und Ernährungscoaches zugesprochen wird. MUSIK: Change your mind SPRECHERIN Ein Blick auf die verschiedenen SocialMedia-Plattformen und in die Regale mit Ratgeberliteratur zeigt: Heute soll Salat gesund und schlank machen, das Wohlbefinden und das Hautbild verbessern, unverzichtbar für die Fitness sein. Salat soll den Körper entgiften und die Vitalität steigern - und schön und schlank macht er angeblich auch noch! SPRECHERIN Und einiges davon trifft, auch wissenschaftlich betrachtet, tatsächlich auf die Blattmahlzeiten zu, erklärt Matthias Fasshauer, Professor für Ernährungswissenschaften an der Universität Gießen. TAKE 2 (O-Ton Fasshauer) Generell kann man sagen, dass Salate gesund sind, gehören zum Gemüse und wir haben exzellente Daten, dass Gemüsekonsum gut ist für den Menschen. Also wenn ich sehr viel Gemüse esse und dazu gehört eben auch der Salat, dass ich dann weniger Krankheitshäufigkeit habe gerade auch für metabolische Erkrankungen wie Typ II Diabetes mellitus, wie Fettstoffwechselstörung, wie auch Gewicht, ist eher günstig, wenn ich viel Salat esse. SPRECHERIN Ganz pauschal lässt sich also festhalten, dass es tatsächlich gesundheitsfördernd ist, diese Gemüsepflanzen zu essen, die wir unter dem Oberbegriff Salat zusammenfassen. Denn die Blattsalate enthalten viel von dem, was unser Körper braucht, um leistungsfähig und gesund zu bleiben. TAKE 3 (O-Ton Kaufmann) Weil, sie haben … viele gesunde Inhaltsstoffe, aber haben kaum Kalorien, weil sie so wasserhaltig sind, irgendwo muss das ja alles untergebracht sein das Gesunde. Und so können wir uns am Salat ganz getrost satt essen. Und da sind wir gleich bei einem wichtigen Inhaltsstoff, bei Ballaststoffen und die machen ja bekanntlich satt. SPRECHERIN Gabriele Kaufmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundeszentrum für Ernährung, einer Einrichtung, die zum Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin gehört. Die Sattmacher Ballaststoffe sind Pflanzenbestandteile, die im Darm nicht vollständig abgebaut werden können. Sie gehören zu den sogenannten Makronährstoffen. Makro, der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet groß, weit oder lang. Und diese Nährstoffe heißen so, weil unser Bedarf an ihnen groß ist. TAKE 4 (O-Ton Kaufmann) Wir haben Makronährstoffe, zu denen zählen die Proteine und Eiweiße, Fette, die Kohlenhydrate und Ballaststoffe haben wir auch. Und Ballaststoffe unterscheiden sich nochmal in verdauliche und unverdauliche und das ist neben den Proteinen, der Stoff, der satt macht. Musik: Micro science SPRECHERIN Auch wenn es schwer vorstellbar ist. Salatblätter enthalten Proteine, Eiweiße und Fette. Wenn auch in minimalen Mengen. Und in deutlich geringerer Konzentration als z.B Fleisch, Käse oder Fisch. Diese Makronährstoffe sind essentiell wichtig für uns: Ohne sie wären wir nicht nur schwach, müde und antriebsarm, sondern könnten letztendlich auch nicht überleben. Denn ohne diese Nährstoffe würde unser gesamter Organismus regelrecht verkümmern: Unser Gehirn wäre außerstande zu denken, die Muskeln könnten nicht arbeiten, Zellen würden sich nicht mehr erneuern und der ganze Stoffwechsel würde schließlich kollabieren. Genauso essentiell für den Körper sind allerdings auch die Mikronährstoffe. Auch wenn wir von denen weitaus geringere Mengen benötigen als von den Makronährstoffen. Deshalb der Name Mikro. Zu den Mikronährstoffen gehören beispielsweise Vitamine und Spurenelemente, sagt die Ökotrophologin Gabriele Kaufmann: TAKE 5 (O-Ton Kaufmann) In Salaten sind viele Vitamine und Mineralstoffe drin, die wir auch brauchen., weil der Körper sie zu einem Großteil gar nicht selber bilden kann, aber wir funktionieren ohne nicht! Dazu gehören vor allem auch in Salaten Co-Vitamin A, das Betacarotin, Vitamin C ist drin, B-Vitamine B1, B2, Folsäure, Folate sind drin. Musik: Microelements SPRECHERIN Vitamin C braucht unser Immunsystem, um schlagkräftig arbeiten zu können, also beispielsweise, um Krankheitserreger zu bekämpfen. Die B-Vitamine dagegen sind gut für die Nervenfunktionen und Folat ist entscheidend für den zellulären Stoffwechsel. Ein Mangel an Folat hemmt sogar die Zellteilung und das Zellwachstum. Und das bedeutet beispielsweise, dass die Blutbildung gestört ist. Folat kann wie die meisten anderen Vitamine und Spurenelemente heutzutage auch im Labor synthetisch hergestellt werden. Dann trägt es den Namen Folsäure. TAKE 6 (O-Ton Kaufmann) Und dann sind die Mineralstoffe noch da und dazu gehören dann auch Eisen, Kalzium, Magnesium und Salate haben auch sehr viel Kalium, was für unseren Wasserhaushalt und die Zellgesundheit ebenfalls sehr gesund ist. SPRECHERIN Mit all diesen Stoffen versorgen uns die grünen, gelben oder roten Salatblätter, wenn wir sie verspeisen, allerdings in unterschiedlicher Konzentration: Spinatsalat beispielsweise ist eine gute Eisenquelle, während Rucola besonders viel Calcium enthält. Andere Pflanzen, wie z.B. der Kopfsalat sind sehr wasserhaltig und eignen sich deswegen besonders gut zum Kaloriensparen. Allerdings gibt es Grenzen für das Lob auf den Salat als gesundes Lebensmittel: Wollten wir damit nämlich unseren täglichen Bedarf an Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen decken, dann würde das nicht klappen. So viel Salat, wie wir benötigten, um nicht nur satt, sondern auch optimal mit den lebenswichtigen Nährstoffen versorgt zu sein, könnten wir schon rein volumenmäßig gar nicht zu uns nehmen. Denn im Vergleich zu anderem Gemüse enthalten Salatblätter viel zu wenig Nahrhaftes, sagt Christian Zoerb, Professor für Agrarwissenschaft an der Universität Hohenheim. TAKE 7 (O-Ton Zoerb) Also da sind Kartoffeln besser oder anderes Gemüse, das ist da deutlich besser, das hat deutlich mehr wertgebende Inhaltsstoffe, das sind Blätter. Das ist immer so bei Blättern, Pflanzen speichern halt in Blättern nicht so viel wie in Samen oder in Wurzeln. Musik:Green aspects SPRECHERIN Biologisch betrachtet, sind Blätter längst nicht so nährstoffreich wie andere Pflanzenteile, gibt der Agrarwissenschaftler zu bedenken. Deshalb sei es zwar gesund, Salat zu essen, aber Salat als Vitaminbombe oder Superfood zu hypen, dazu taugten die bunten Blätter nicht. Doch sie haben einen anderen deutlichen Pluspunkt für die Gesundheit, sagt Ernährungswissenschaftler Matthias Fasshauer, sie sind nämlich sehr ballaststoffreich. TAKE 8 (O-Ton Fasshauer) Erstmal muss man sagen, Ballaststoffe sind für den Körper unverdauliche Stoffe, die man früher als Ballast angesehen hat, deshalb dieser Begriff, und heute weiß man, dass sie eine ganz wichtige Funktion haben im Organismus, die sind z.B. begünstigend dafür, dass die guten Darmbakterien gut wachsen können und schädliche Darmbakterien eher zurückgehalten werden im Wachstum, dass also das sogenannte Mikrobiom günstig sich verhält. Wir wissen auch, dass sie verdauungsfördernde Aspekte haben, das heißt also regelmäßige Stuhltätigkeit ermöglichen. SPRECHERIN Und Ballaststoffe tragen dadurch mit dazu bei, dass die Darmoberfläche gesund bleibt, Entzündungen und selbst tumorartige Veränderungen lassen sich dadurch verhindern. Aber Ballaststoff ist nicht gleich Ballaststoff. Die Forschenden unterscheiden lösliche von unlöslichen Ballaststoffen. Löslich bedeutet, sie lösen sich in Wasser auf, wie beispielsweise Zucker oder Salz. TAKE 9 (O-Ton Fasshauer) Die haben als gesundheitliche Vorteile dass sie die Verdauung verlangsamen auch die Fettspiegel senken, … und dann haben wir die unlöslichen Ballaststoffe das sind die, die sich nicht in Wasser lösen und weitgehend unverändert dann wieder ausgeschieden werden, die sind dann v.a. die, die Verstopfung vorbeugen, und auch zu einem erhöhten Stuhlvolumen führen und damit insgesamt dazu dienen, die Darmtätigkeit anzuregen. MUSIK: New ideas SPRECHERIN Salat enthält vor allem viele der unlöslichen Ballaststoffe, sie sitzen in den Zellwänden der Salatblätter. Wie wichtig diese löslichen und unlöslichen Ballaststoffe für unsere Gesundheit sind, war lange nicht bekannt. Auch wenn die ersten Wissenschaftler sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Darmflora beschäftigt haben, so richtig an Fahrt aufgenommen hat die Mikrobiomforschung erst vor ungefähr 15 bis 20 Jahren. Seither arbeiten Forschende daran, das Mikrobiom, also die Gemeinschaft der Milliarden von Bakterien, Pilzen und Viren in unserem Darm, zu verstehen. Mittlerweile ist zum Beispiel klar, dass das Mikrobiom sogar unser Immunsystem beeinflusst, vermutlich auch unsere Stimmung und unsere kognitiven Fähigkeiten. In Tierversuchen ließ sich z.B. zeigen, dass komplett keimfreie Mäuse nur ein stark unterentwickeltes Immunsystem haben. Noch haben die Forschenden vieles nicht verstanden, aber es ist mittlerweile in der Wissenschaft unbestritten, dass ein gesundes, ausbalanciertes Mikrobiom enorm wichtig ist für die Gesundheit. Aber Fakt ist auch, dass das Mikrobiom bei vielen Menschen in den westlichen Industrienationen gestört ist. Beispielsweise durch die Einnahme von Medikamenten, aber eben auch, weil sie zu wenig Ballaststoffe zu sich nehmen. Stattdessen essen viele Menschen tagein tagaus leicht Verdauliches wie Pizza, Nudeln oder einen Burger. MUSIK: Aphrodite’s temple SPRECHERIN Dabei ist das Wissen um die gesundheitsfördernde Wirkung von Salatblättern bereits seit der Antike bekannt. TAKE 10 (O-Ton Hirschfelder) Es gibt durchaus Quellenhinweise, dass man schon im alten Ägypten also vor 4-2000 Jahren bestimmte Formen von Salat kannte. Die Ägypter pflanzten eine wildwachsende Pflanze namens Lactuca an, das sind Dinge, die wir heute als Lattich bezeichnen. Der Lattich ist ursprünglich für seine beruhigenden Eigenschaften. Tatsächlich wird Salat schon in ägyptischen Hieroglyphen erwähnte und es gibt Hinweise, darauf, dass vor allem Heilpflanzen gegessen worden sind. SPRECHERIN Erzählt Gunter Hirschfelder. Aber nicht nur in der Hochkultur der Ägypter wurde Salat gegessen, auch bei den Römern und Griechen standen die damals noch ausschließlich grünen Blätter hoch im Kurs: TAKE 11 (O-Hirschfelder) In der griechischen und römischen Antike haben wir dann eine Weiterentwicklung des Salats, aber eher als krautige Beilage. Und der römische Historiker Plinius der Ältere berichtet dann von verschiedenen Sorten, die schon im 1. Jahrhundert nach Christus angebaut worden sind. Aber hier stehen eben auch die gesundheitsförderndne Dinge im Fokus. Die römische Geschichte, die römische Kultur, sind ja sehr erfolgsorientiert, und da essen und trinken wir vor allem Dinge, die eine Mehrheitsbevölkerung gesund und stark machen sollen und da spielen eben Salate eine besondere Rolle. Musik: Old civilizations SPRECHERIN Allerdings haben sich die Salatmahlzeiten deutlich davon unterschieden, wie wir heute in Mitteleuropa häufig Salat essen: Die Blätter wurden von den Römern mit Salz haltbar gemacht, eingemacht und fermentiert. Ein bisschen so, wie es auch heute noch in der osteuropäischen oder in der ostasiatischen Küche üblich ist. Mit dem Zusammenbruch des römischen Reichs geht damals auch viel Wissen aus der Antike verloren. Und zwar nicht nur die Fähigkeit, astronomische Berechnungen oder medizinische Operationen durchzuführen, sondern z.B. auch die Kenntnis der gesundheitsfördernden Wirkung von Salat. Zwar essen die armen Menschen in der Zeit des Mittelalters vermutlich auch Salatblätter, aber eher aus Not, gegen den Hunger, und nicht, weil sie damals gesundheitsbewusst sind. MUSIK: Romanesca u. Passamezzo SPRECHERIN Erst mit der frühen Neuzeit, also ungefähr ab dem 15. Jahrhundert, ändert sich das, sagt der Kulturwissenschaftler Gunter Hirschfelder: TAKE 12 (O-Ton Hirschfelder) Der Salat beginnt dann seine zweite Karriere sozusagen im Übergang zur Neuzeit. In der Renaissance des 15. und des 16. Jahrhunderts, als wir die großen Gartenanlagen der europäischen Fürstenhöfe haben, bei denen das Gärtnern zu einer Art Hobby, zu einer Art Schaufenster geworden sind. Wo man zeigen konnte, ich hab viel, ich kann viel und ich weiß viel! Ich habe eine bestimmte Nähe zur Natur. Und jetzt begannen europäische Gärten mehr Sorten von Salatpflanzen zu kultivieren und weiterzuentwickeln und die berühmtesten europäischen Gärten dieser Zeit förderten die Zucht von Salatarten. SPRECHERIN In dieser Zeit wird Salat modern. Er schafft es jetzt in unterschiedlichen Sorten auf die Eßtische der vornehmen Bevölkerung. Er wird sogar zu einem Nachweis der Kultiviertheit und etabliert sich damit als kalte Beilage zu den Hauptmahlzeiten. Und es gibt erste Berichte darüber, dass er mit Essig und Öl angemacht wurde, um ihn zu würzen. MUSIK: La Fürstenberg (17. Jahrhundert) SPRECHERIN Im 17 und 18. Jahrhundert boomt die Züchtung verschiedenster Salatsorten. Der Lattich, der als Urform aller Blattsalate gilt, und wohl ungefähr so aussah wie der heutige Romano-Salat ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Seit der Antike wurde er angebaut und gegessen. Im 17. und 18. Jahrhundert wird er gezüchtet und in Aussehen und Geschmack variiert. So entsteht zum Beispiel der Kopfsalat, aber auch Frisee, Eichblatt und auch der Romano-. Und Salat wird damals für die Ernährung der Bevölkerung immer wichtiger. Nicht nur, weil mehr Sorten verfügbar sind, oder weil Salatessen modern ist, sondern weil sich die Ernährungssituation großer Teile der Bevölkerung in dieser Zeit deutlich verschlechtert. TAKE 13 (O-Ton Hirschfelder) Weil wir in einer Zeit der klimatischen Ungunst sind, der Getreideanbau wurde schwieriger, der Fleischverbrauch ging seit dem späten 16. Jahrhundert stark zurück, Historiker sprechen von der Kleinen Eiszeit seit den 1560er Jahren, die über 200 Jahre andauern sollte. Der Lebensstandard sinkt und v.a. haben wir jetzt mehr Möglichkeiten robuste Salatsorten in den Gärten anzubauen …der Salat, was heute als gesunder Luxus gilt, hat also für die Alltagsbevölkerung eine Karriere sicherlich auch als Notspeisung begonnen. Musik: SPRECHERIN Heute ist es zwar angesagt, Salat zu essen, zumindest in der urbanen gesundheitsbewussten Bevölkerung, aber das ist doch tatsächlich eher ein gesunder Luxus als eine Notspeisung für diejenigen, die mit ihrem wenigen Geld haushalten müssen. Denn Salat ist im Verhältnis zu anderen Nahrungsmitteln nicht günstig und er sättigt auch schlechter als Pommes, Reis, Fleisch, Pizza oder Nudeln. Dass Salat trotzdem von unseren Speisekarten nicht wegzudenken ist, liegt an seinem Ruf als kalorienarme und gesunde Mahlzeit. Aber ob Salat tatsächlich kalorienarm und gesund ist, das hängt ganz entscheidend davon ab, wie wir ihn zubereiten.

  18. Heinrich II. – Das mühsame Leben eines reisenden Herrschers

    13.08.2025 · 23 Min.

    Das mittelalterliche Kaisertum war kein Zuckerschlecken. Ständig galt es für den Herrscher, die Macht zu festigen, und Kriege zu führen. Dafür war der letzte Kaiser aus dem Geschlecht der Ottonen, Heinrich II. (973-1024), mit seinem Hofstaat fast ständig zu Pferd auf schlechten Straßen unterwegs. Von Susanne Roßbach Credits Autorin dieser Folge: Susanne Roßbach Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Caroline Ebner, Christian Baumann Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Karin Schneider-Ferber, Historikerin und Buchautorin, Berlin Dr. Klaus van Eickels, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Linktipps: Das wahre Leben im ach so finsteren Mittelalter: Burgenromantik Ein Radiofeature von Susanne Roßbach über Mittelaltermythen HIER Gelebtes Mittelalter Eine BR Fernsehdoku von Reinhard Kungel über die anhaltende Begeisterung historischer Vereine, die mit Turnieren, Festen und Märkten mittelalterliches Leben nachempfinden wollen. HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  19. „Immer diese Jugend!?“ - Der ewige Generationenkonflikt

    12.08.2025 · 23 Min.

    Das Stereotyp der respektlosen Jugend ist so alt wie die Menschheit. Sie ist verdorben, faul, egoistisch, hat keine Moral und verstößt gegen die guten Sitten. Was steckt hinter den Klagen über Werte- und Moralverlust? Von Claudia Heissenberg (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Heissenberg Regie: Martin Trauner Es sprachen: Caroline Ebner, Frank Manhold Technik: Peter Preuß Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Klaus Hurrelmann (Dr.; Professor, Sozialwissenschaftler und Jugendforscher); Pauline Brünger (Fridays for Future-Aktivistin); Rolf Sistermann (Dr.; Philosophielehrer im Ruhestand); Janine Engel (Philosophielehrerin); Stefan Ochs (Fachleiter Philosophie am Seminar Leverkusen) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Bravo - Starschnitt, Sextipps und Fotostories JETZT ANHÖREN Woodstock - Der rebellische Sound der Utopie JETZT ANHÖREN Die Eltern im Kopf - Lebenslange Begleitung JETZT ANHÖREN Die Geschichte der Kindheit - Die Entdeckung eines Lebensalters JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  20. Die Zunge - Ein Meisterwerk der Evolution

    12.08.2025 · 24 Min.

    Beim Salamander ist die Zunge extra klebrig und kann greifen, die Giraffe kann sie in die Länge ziehen, die Schlange mit ihr in zwei Richtungen riechen - und der Schnecke wachsen auf der Zunge kleine Raspelzähne: ein Meisterwerk der Evolution und Inspirationsquelle für Technik und Robotik. Von Katharina Hübel Credits Autorin dieser Folge: Katharina Hübel-Gohr Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Sebastian Fischer Technik: Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Kurt Schwenk, Evolutionsbiologe University of Conneticut; Dr. Wencke Krings, Zentrum für Taxonomie und Morphologie am Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels in Hamburg; Dr. Ian Whishaw, Neurowissenschaftler an der University of Lethbridge Linktipps: Das wissenschaftliche Paper von Wencke Krings darüber, wie Landschnecken ihre Radula zum Fressen benutzen HIER Dazu passend ein Video, das Wencke Krings von einer fressenden Schnecke gedreht hat: Youtube Ein halbstündiges Audio-Interview der Uni Hamburg mit Wencke Krings darüber, wie das Wissen über Schneckenzungen in der Robotik helfen kann HIER Mehr über Krägtemessung von Schneckenzungen, die Wencke Krings im Labor gemacht hat und Fotoaufnahmen der Radula unterm Rasterelektronenmikroskop: Hier und HIER Einige Publikationen von Ian Whishaw von der Universität in Lethbridge zu Mäusen und Primaten, die greifen – und was da sonst noch so dran hängt aus neurobiologischer und evolutionärer Sicht: HIER und HIER und HIER Den Reptilienzungen hat Kurt Schwenk von der Universität in Conneticut sein Forscherleben verschrieben. Hier sein Buch: Schwenk, Kurt: Feeding: Form, Function and Evolution in Tetrapod Vertebrates. Academic Press, San Diego. 2000. Ein Artikel von Kurt Schwenk zum Züngeln der Schlangen (2022): ARTIKEL Eine Übersicht über seine vielfältige Forschung zu Reptilienzungen inklusive einiger Links und Aufnahmen: HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. OT 01 Overvoice Ian Whishaw Eigentlich eine lustige Geschichte. Ich trainierte gerade Mäuse darauf, nach Essen zu greifen. Mäuse sind wirklich gut darin. Dabei habe ich bemerkt, dass die Mäuse jedes Mal, wenn sie mit der Hand gezielt haben, ihre Zunge herausstreckten. Sprecherin Ian Whishaw, Forscher an der Universität von Lethbridge, ist Neurowissenschaftler und fragt sich bei seinem Laborversuch: Ist das Verhalten der Mäuse nur Zufall? Oder was ist da im Gehirn los? Braucht die Maus etwa die Zunge, um besser greifen zu können – oder weshalb gehen Zunge und Hand einher? Zeigen auch andere Lebewesen ein solches Verhalten? Er schaut sich Videos von Profisportlern an, die mit der Hand zielen. Wie Basketball-Legende Michael Jordan. OT 02 Overvoice Ian Whishaw Ich hab etliche Videoaufnahmen von ihm angeschaut. Immer wenn er auf den Korb zielte, um den Ball zu versenken, genau dann hat er die Zunge herausgestreckt. Und wenn er ihn versenkt hat, war die Zunge wieder zurück im Mund. Das war genau das Gleiche, was die Maus in meinem Experiment gemacht hat. Sprecherin Ian Whishaw analysiert professionelle Dartspieler. Auch bei ihnen derselbe Befund. OT 03 Overvoice Ian Whishaw Das scheint ein sehr übliches Verhalten zu sein – bei Mäusen und bei Menschen, wenn sie etwas erreichen wollen. Sprecherin Mit bildgebenden Verfahren und fluoreszierenden Proteinen kann Ian Whishaw Zellen im Gehirn sehen, wie sie miteinander vernetzt sind, welche aktiv sind, wenn die Maus nach etwas greifen will oder gerade die Zunge herausstreckt. Das, was er dabei sieht, lässt ihn nachdenken. Auch über den Menschen. Es wird ihn dazu bringen zu sagen: Die Zunge ist für den Menschen das Zentrum seines Seins. Eines komplexen Seins. Das allerdings vor vielen hunderten von Millionen Jahren noch nicht annähernd so in der Natur existiert hat. Einst sahen die Lebewesen auf dem Planeten Erde ganz anders aus. Manche Arten haben lange Zeit überdauert. Und ihre Zungen haben sich vielfältig entwickelt. MUSIK Sprecherin Schon seit rund 600 Millionen Jahren existieren Schnecken auf diesem Planeten. Sie haben so einiges an Evolution hinter sich. Schnecken gab es bereits lange, bevor überhaupt die ersten Amphibien an Land gekrochen sind. OT 05 Wencke Krings Schnecken haben ja leider wenig Liebhaber, es sei denn, es geht um die Meeresschnecken, die bunt sind und die alle cool finden. Es ist halt so das täglich Brot, dass die meisten Menschen Schnecken gar nicht so wahrnehmen. Sprecherin … und ihnen erst recht nicht in den Mund und auf die Zunge schauen. Schneckenforscherin Wencke Krings macht aber genau das. Sie arbeitet in Hamburg am Leibniz-Institut. Auch für Forscher war es lange nicht einfach, Schneckenzungen in Bewegung zu untersuchen. Zu verborgen liegen sie im Schlund. Radula ist der Fachbegriff – auch Raspel- oder Reibezunge genannt. Und auf dieser Zunge – das ist das Besondere: Sind viele kleine Zähnchen. OT 06 Wencke Krings Schneckenarten lassen sich in den meisten Fällen wirklich anhand von diesen Zähnen unterscheiden. Man kann eine Schneckenzunge unters Raster-Elektronenmikroskop legen. Man kann dann sich die Formenvielfalt anschauen und damit auch Artenbeschreibungen sehr gut machen, weil die sehr unterschiedlich sein können. Sprecherin Die Zunge selbst ist relativ kurz. Die Schnecke drückt sie aus dem Schlund wie eine kleine Vorwölbung. Sie ist genau genommen ein Stütz-Polster. OT 07 Wencke Krings Da können Knorpelstrukturen drin sein, um Kräfte abzufedern, um die Bewegung der Radula zu koordinieren. Es kann aber auch einfach Bindegewebe sein, was drunter liegt. Es kann auch eine muskulöse Radula sein, also ganz unterschiedlich. Sprecherin Wencke Krings lässt Schnecken auf Glasplatten Substrat ablecken und filmt sie dabei mit einer high-speed-Kamera. So kann sie dann ganz nah ran an den Schneckenschlund und den Tieren in Slowmotion auf die Radula schauen. Sie untersucht auch deren chemische Zusammensetzung. Radula-Zähne sind aus Chitin. Anders als Säugetier-Zähne, die aus Kollagen bestehen. Für Wencke Krings liegt es daher nahe zu vermuten, dass Schnecken ihre Zungen-Zähne auch anders einsetzen. OT 08 Wencke Krings Und jetzt wird das Ganze kompliziert, weil wir natürlich nicht durch die Nahrung durch filmen können, das heißt, wir müssen Umwege gehen, wenn wir das erforschen wollen. Das hört sich jetzt ein bisschen brutal an, aber die Tiere spüren davon natürlich nichts, weil in den Zähnen sind ja keine Nerven drin (…). Jetzt kann man die Tiere auf Schleifpapier fressen lassen, dabei werden natürlich die Zähne abgenutzt, danach guckt man an den Zähnen: Wo sind die Verschleißspuren. Welche Zähne haben überhaupt Kontakt mit dem Untergrund? Sprecherin Bei dem Versuch hat Wencke Krings festgestellt: Schnecken nutzen die Radula-Zähne tatsächlich nicht, um abzubeißen oder zu kauen. Sondern: Um die Zunge zu biegen. OT 09 Wencke Krings Das heißt, die Zähne bilden wie so kleine Gelenke und klappen die Radula auf oder halten sie in einer bestimmten Form aufgespannt. OT 09.2. Wencke Krings Da kommt natürlich hinzu, dass die Tiere ja keine Hände haben. Mit dem Fuß können die auch greifen, also im Zusammenspiel zwischen Fuß und Mund. Aber viele können die Radula wirklich falten. Und dann große Algen, Fetzen oder Blätter greifen und dann reinziehen. Sprecherin Die Zunge ist für viele Schnecken also ein Greifwerkzeug. Die Zähnchen auf ihr ersetzen die fehlenden Knochen und Gelenke, damit das funktioniert. Eine Inspirationsquelle für Ingenieure, die versuchen, das Prinzip für Roboter nachzubauen. Und auch die Materialwissenschaften interessieren sich für die Schneckenzungen. Denn diese haben weitere bemerkenswerte Eigenschaften. Beispielsweise bei Arten, die in Küstenregionen leben. OT 10 Wencke Krings … die grasen halt Algen von Steinen ab, das heißt, die leben halt in der Brandungszone und fressen die Algen direkt vom Stein. Sprecherin Dabei könnten die Schnecken ihre Zähne schnell abschaben. Das passiert aber nicht. Mit den abgehobelten Algen gelangen nämlich kleine Steinpartikel und damit auch Eisenoxide in die Schnecke, die sich in den Radula-Zähnen einlagern. Dadurch sind diese extrem hart. ((Wencke Krings hat für ihre Promotion Schnecken aus dem afrikanischen Tanganjikasee untersucht. Ein Mekka für rund 50 verschiedene Napfschnecken-Arten, kleine Küstenmuscheln mit häubchenförmiger Schale, die sich auf Steinen, die von Wasser umspült werden, festsaugen. OT 12 Wencke Krings Da haben zum Beispiel die ganzen Schnecken, die da leben, gar keine Eiseneinlagerungen, keine Sillikate. Trotzdem können die auf Steinen sitzen und die Algen abfressen, ohne hohen Verschleiß. Sprecherin Wie können diese Zungen den Steinen trotzen? OT 13 Wencke Krings Da haben wir kleine Kraftsensoren genommen und haben damit – natürlich bei toten Tieren – diese kleinen Zähne auf der Zunge belastet und geguckt, wie die Kräfte aushalten können. Wann brechen diese Zähne? Sprecherin Das Ergebnis: Die Zähne der Napfschnecken aus dem Tanganjikasee halten die gleichen Kräfte aus wie die Zähne der Tiere mit Eiseneinlagerungen. OT 14 Wencke Krings Das kann man damit erklären, dass sich diese Zähne von den Tieren im Tanganjikasee gegenseitig abstützen können. Die Zähne, die stehen ja so hintereinander auf der Zunge, wenn die jetzt belastet werden, dann können sie sich so biegen und nehmen Kontakt auf. Und genau deswegen, weil sie halt keine Eisenablagerungen haben, sind sie natürlich sehr flexibel. Sprecherin Die rund 50 unterschiedlichen Napfschneckenarten haben eine Vielzahl an Schneckenzungen hervorgebracht. Ein ganzes Bündel an Lösungsansätzen für das Problem: Überleben auf algenbewachsenen Steinen. OT 15 Wencke Krings Evolutionsbiologen, die an Schnecken interessiert sind, für die sind halt die Pallodomidae ein bisschen das, was die Darwinfinken für die anderen Evolutionsbiologen sind.)) Sprecherin Doch es gibt noch völlig andere Schneckenzungen. Für Schnecken, die nicht etwa Algen abweiden, sondern Fleischfresser sind. Sie brauchen eine völlig andere Zunge. OT 16 Wencke Krings Ein Extrembeispiel wäre Konus. Kegelschnecken, diese hochgiftigen Raubschnecken, die in den Tropen zu finden sind. Die haben nur einen einzigen Zahn, der aktiv genutzt wird. Der wird mit Gift gefüllt. Und dann wird er ausgeschossen aus der Zunge und trifft auf den Fisch. Da gibt es einen kleinen Rückholfaden, da ist so ein kleiner Zahn, der sieht aus wie eine Harpune und wird dann zurückgezogen. Der Zahn ist mit wirklich Dutzenden Toxinen beladen, die direkt wirken bei Wirbeltieren. Sprecherin Kegelschnecken zählen aufgrund dieser Harpunen-Zunge zu den gefährlichsten Tieren der Welt. ((Andere räuberische Schneckenarten wie die Wellhornschnecke, die auch in Deutschland an der Nord- und Ostsee vorkommt, hat besonders kräftige und gut klebende Zungen. Sie spucken ihren Speichel auf Muscheln. OT 17 Wencke Krings Und dann löst der Speichel genau die Schale der Muschel in dem Moment auf. Dann gehen sie mit ihrer Zunge in die Schale rein und holen das Fleisch raus.)) Sprecherin 80.000 Schneckenarten gibt es vermutlich weltweit. 80.000 verschiedene Zungen, 80.000 verschiedene Arten, in der Welt zu überleben. Eine funktionierende Zunge zu haben, bedeutet Zugriff zur Welt zu haben. Sie ist eine Brücke zwischen Innen und Außen. Ein sensibler Bereich. OT 19 Wencke Krings Das ist für mich gerade sehr, sehr spannend vor dem Hintergrund der Meeresversauerung. Das ist gerade das Herzensthema, an dem ich ganz stark arbeite. Sprecherin Je saurer das Meer, desto weicher die Zähne der Meeresschnecken. Irgendwann klappen die bisherigen Ernährungsstrategien der Muscheln nicht mehr. Und dann kippt ein ganzes Ökosystem, denn die Schnecken sind nach den Insekten die zweitgrößte Tiergruppe der Welt. Ihre Zungen könnten sprichwörtlich ein Zünglein an der Waage sein. MUSIK / TRENNER OT 20 Overvoice Kurt Schwenk Ich bin zu dem Forschungsfeld gekommen, weil ich nicht nur wissen wollte, wie das genau funktioniert, dass sich Tiere ernähren können, sondern auch: wie sich die Anatomie dazu und die Strategien der einzelnen Tiere entwickelt haben im Laufe der Evolution. Es ist nicht nur eine Zunge, es ist ein komplexes System, über das wir hier reden. Und wenn man auf Reptilien schaut, insbesondere auf Eidechsen und Schlangen, da kann man einen unfassbaren Variantenreichtum sehen. Ihre Zungen sind einfach total verrückt. Und als ich angefangen habe, sie zu erforschen, da hatte keiner eine Vorstellung davon, wie sie sie wirklich benutzen, geschweige denn, wie sich Reptilienzungen entwickelt haben im Verlauf der Evolution. Sprecherin Kurt Schwenk ist Evolutionsbiologe an der Universität von Conneticut. Er wäre eigentlich schon im Rentenalter, ist aber noch lange nicht fertig mit seinem lebenslangen Projekt: Reptilienzungen. Er hat viel zu Schlangen geforscht. Die züngeln. Mit gesplitteter Zunge. Sie brauchen diese aber nicht etwa zum Fressen. OT 20.2 Overvoice Kurt Schwenk Schlangen sammeln Duftmoleküle mit ihrer Zunge ein; wenn sie etwas mit der Zungenspitze berühren – aber vermutlich können sie auch Duftmoleküle aus der Luft fischen. Wir können das noch nicht beweisen, haben aber Daten, die das nahelegen. Sprecherin Die Schlangenzunge ist vorne aufgespalten. Und so wie Menschen mit zwei Ohren hören, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt, kann die Schlange wahrnehmen, aus welcher Richtung ein Duft kommt. Riechen können die Schlangen mit der Zunge jedoch nicht. Das passiert im Inneren des Mauls. OT 20.3. Overvoice Kurt Schwenk Die eingesammelten Duftmoleküle werden im Speichel auf der Zunge gebunden. Wenn die Zunge ins Maul zurückgezogen wird, zieht die Schlange den Speichel durch zwei kleine Löcher, die im Gaumen sind, hoch. Das ist wie eine zweite Nase. Wir verstehen momentan noch nicht, weshalb Schlangen zwei Geruchsorgane haben. Sprecherin Ein Forscherleben, ein Menschenleben reicht offensichtlich nicht aus, um Reptilienzungen bis ins letzte Detail zu verstehen. Das Organ ist komplex – und all die Prozesse, die damit verbunden sind. Kurt Schwenk interessiert vor allem eine Frage: OT 22 Overvoice Kurt Schwenk Wie konnte eine solche Vielfalt entstehen? Sprecherin Der erste Schritt zu einer Antwort ist für den Evolutionsbiologen, sich die Mechanismen bei den einzelnen Tieren genau anzuschauen. OT 23 Overvoice Kurt Schwenk Ich wollte mal eine Filmaufnahme von einer Eidechse machen, wie sie ein Insekt fängt mit ihrer Zunge. Da war ich frustriert, weil der kleine Mehlkäfer, mit dem ich die Eidechse füttern wollte, einfach immer aus dem Fokus der Kamera gekrochen ist. Dann habe ich den Mehlwurm mit einem klitzekleinen Tropfen Kleber fixiert, ich dachte, er würde sich schon lösen. Die Eidechse streckte also ihre Zunge Richtung Wurm aus, der Wurm blieb erwartungsgemäß an ihrer Zunge kleben, die Eidechse zog daraufhin die Zunge wieder in den Mund ein. Aber der Wurm blieb am Boden kleben, anders als ich es gedacht hatte. Da die Zunge der Eidechse extrem klebrig ist, hat sich der Wurm aber auch nicht von ihrer Zunge gelöst. Dann hat es die ganze Eidechse zum Wurm hin katapultiert, es hat sie durch die Luft hoch geschleudert. Es sah sehr lustig aus. Das hat mir gezeigt, dass die Zunge so sehr am Wurm geklebt hat, dass sie das Gewicht der Eidechse hochheben konnte – und das ist doch schon sehr erstaunlich. Das ist, wie wenn man seine Zunge zu einer anderen Person hinstreckt und man die dann mit seiner Zunge hochheben kann. Das ist, was die Eidechse im Prinzip macht. Das ist schon verrückt. Das war für mich ein Moment, in dem ich viel gelernt habe. Sprecherin Was macht die Zunge von Eidechsen so klebrig? Obwohl sie gleichzeitig nass ist? OT 24 Overvoice Kurt Schwenk Grundsätzlich basiert das auf einem physikalischen Prinzip, das heißt viskose Adhäsion, so eine Art Nass-Haftung. Wenn man mit seinem Finger etwas aufsammeln möchte und der Finger trocken ist, bleiben kleine Objekte eher schlecht kleben. Befeuchtet man ihn, dann klappt es. Feuchtigkeit schafft eine klebrige Oberfläche, das hat etwas mit der Oberflächenspannung von Flüssigkeit zu tun. Sprecherin Der Speichel von Eidechsen ist je nach chemischer Zusammensetzung zähflüssiger und damit klebriger. Zusätzlich haben Eidechsen auf ihrer Zunge kleine Härchen. OT 25 Overvoice Kurt Schwenk Wie kleine Fasern, die abstehen. Und jedes dieser kleinen Härchen hat eine kleine Spitze, die wie viele kleine nasse Finger sind und die Nasshaftung verstärken. Sprecherin Aus Eidechsenzungen haben sich im Verlauf der Evolution Chamäleonzungen entwickelt. Der Speichel vom Chamäleon ist ein Superkleber und 400-mal zäher als menschlicher Speichel. Die Zunge ist aus gummiartigen Fasern und ultralang: bis zu zweieinhalb Mal so lang wie sein Körper. Das Chamäleon kann seine Zunge spannen, wie ein Katapult aus dem Maul schießen lassen, sie flexibel an die Oberfläche des Opfers anpassen und blitzartig wieder einziehen. OT 26 Overvoice Kurt Schwenk Chamäleons können ihre Zungenspitze zu einer kleinen Tasche falten. Die Beute wird da reingezogen. Es sieht dann aus, als ob ein Criquetschläger aus dem Chamäleonmaul herausschaut. Sprecherin Auch das Chamäleon kann also aktiv die Form seiner Zunge verändern und mit ihr greifen. OT 27 Overvoice Kurt Schwenk Als Evolutionsbiologe ist es sehr vergnüglich, diese vielen verschiedenen Lösungen für ein und dasselbe Problem zu beobachten. Es ist sehr lehrreich, um zu sehen, wie Evolution funktioniert. (…) In erster Linie gibt es mir ein tieferes Verständnis davon, wie der Druck, sich an eine Umwelt anzupassen, diese faszinierende Vielfalt an Lebewesen und Strukturen hervorbringt, die so wundervoll und kreativ funktionieren. Sprecherin Das Problem, von dem Kurt Schwenk spricht: Vor rund 350 bis 400 Millionen Jahren haben sich die ersten Landwirbeltiere entwickelt. Der Gang an Land bedeutete ein Leben in einem neuen Element. Umgeben von Luft herrschten andere physikalische Gesetze als im Wasser. OT 28 Overvoice Kurt Schwenk Unsere Vorfahren waren Fische. Auch unter Fischen gibt es verschiedene Taktiken, um an Nahrung zu kommen. Aber im Prinzip nutzen sie Saugkraft. Sie sperren einfach ihr Maul auf, erweitern ihre Kehlen und stellen einen Sog her. Kleinere Lebewesen werden so in ihr Maul gesaugt. An der Luft funktioniert das nicht. Aber es gibt viele Hinweise darauf, dass Landwirbeltiere im Prinzip die gleichen Bewegungen und Skelettstrukturen mit ihren Zungen nutzen wie Fische, wenn sie einen Sog herstellen. Die Zunge ersetzt an Land die Rolle des Wassers, sie kreiert zum einen Bewegung, zum Beispiel von Nahrung Richtung Maul. Und die Zunge leistet noch etwas: Wenn die Beute im Wasser schwebt, muss der Fisch kein Gewicht stemmen. Aber an Land unterliegt die Beute der Schwerkraft. Wenn Du sie fangen willst, musst Du ihr Gewicht tragen. Sie wird nicht einfach in Dein Maul schweben. Das heißt, die muskuläre Zunge muss relativ früh in der Evolution entstanden sein, bevor sich das Leben an Land wirklich ausbreiten konnte. Sprecherin Die Zunge ist am Boden des Munds festgewachsen, verbunden mit einer Skelettstruktur, die noch auf unsere Fisch-Vorfahren hindeutet. OT 29 Overvoice Kurt Schwenk Die Muskulatur, die bei den Fischen da war, ist bei den Landlebewesen zu einer Zunge expandiert. Der ursprüngliche Muskelbogen der Fische ist aber noch als Relikt da. Beim Menschen liegt er hinter der Kehle; man kann ihn von außen nicht fühlen. (…) Dieser kleine Knochen aus der Fisch-Kehle hat ursprünglich einmal die Kiemen unterstützt. Und unterstützt jetzt die Zunge. Sprecherin Eine Zunge, die beim Menschen nicht einfach nur EIN Muskel ist. OT 30 Overvoice Kurt Schwenk Ich habe lange ins Mikroskop geschaut, um annährend zu verstehen, welche Muskelfasern da wie verlaufen. Sprecherin Die menschliche Zunge ist ein Zusammenspiel verschiedenartiger Muskelfasern: Innere, äußere, von innen nach außen, von außen nach innen, vertikal, quer, über Kreuz verlaufend, in alternierenden Bögen. Muskelfasern, die sich mischen und miteinander verwachsen sind. Mit dieser komplexen Struktur kann die menschliche Zunge auch komplexe Formen annehmen. OT 31 Overvoice Kurt Schwenk Das ist wichtig für die Sprache. Die Zunge nimmt komplizierte Formen an, wenn wir sprechen oder verschiedene Geräusche machen. Das ist eben nicht nur Resultat der Lippen, wie der Mund geformt ist oder was in der Kehle passiert. Auch die Zunge verändert die ganze Zeit ihre Form und bewegt sich dabei. Sprecherin Eine der komplexesten Aufgaben, die die Zunge übernehmen kann. Doch nicht nur die Zunge muss dazu in der Lage sein: vor allem auch das Gehirn. Neurowissenschaftler Ian Whishaw aus Lethbridge hat das erforscht. Unter anderem, in dem er zugeschaut hat, wie eine kleine Maus die Zunge rausstreckt, während sie greifen will – wie Michael Jordan beim Anpeilen des Basketballkorbs. OT 32 Overvoice Ian Whishaw Als die Tiere sich im Lauf der Evolution entwickelten und an Land kamen, entwickelten sie auch zwei verschiedene Strategien, um an Nahrung zu kommen: Die eine ist, die Zunge herauszustrecken und so Nahrung zu greifen. Die andere, nach der Nahrung mit der Hand zu greifen. Manche Tiere wie die Primaten habe beide Strategien vererbt. Das hat uns erlaubt, immer kompliziertere Bewegungen zu machen: sowohl mit der Hand – als auch mit der Zunge. OT 33 Overvoice Ian Whishaw Das gibt uns neue Einblicke, wie das Gehirn komplexe Bewegungen zustande bringt. Sprecherin Das Gehirn kombiniert beide Bereiche: Hand und Mund. Die Kombination von Gehirnbereichen macht Sprechen mit komplexen Zungenbewegungen überhaupt erst möglich, vermutet Ian Whishaw. OT 34 Overvoice Ian Whishaw Wenn Sie schon mal beobachtet haben, dass Menschen ihre Hände beim Reden benutzen, dann ist das ein Beispiel dafür, dass Zunge und Hände gemeinsam benutzt werden, um hörbare Sprache zu produzieren. OT 35 Overvoice Ian Whishaw Es geht um die Evolution von Fähigkeiten. Unser Gehirn ist vor allem dazu designed, etwas zu erreichen. Zunächst wollen wir etwas im Geist, dann haben wir gelernt, es mit unserer Zunge zu erreichen, und schließlich mit der Hand. (…) Das legt für mich nahe, dass die Zunge ein Teil des gedanklichen Prozesses ist. Wenn man durch bildgebende Verfahren in das menschliche Gehirn schaut, dann ist die Region, die die Zunge steuert, auch die, in der die Gedanken von dem Vorhaben ablaufen, das wir fassen, um eine Bewegung auszuführen – und zwar eine solche, die dazu dient, etwas zu erreichen. Sprecherin Ein Vorhaben fassen, einen Plan machen, Zungenbewegung und die Motorik der Hand – das passiert alles in ein und demselben Areal im Gehirn beim Menschen. Diese Erkenntnis bedeutet für Ian Whishaw: Die Zunge könnte einen Einfluss auf das Denken haben. OT 36 Overvoice Ian Whishaw Die Gehirngegend beim Menschen, die für die Zunge zuständig ist, ist vermutlich der fortgeschrittenste Bereich, wenn es um Vorausdenken, Planen und künftige Vorhaben geht. OT 37 Overvoice Ian Whishaw Wenn wir darüber nachdenken, wie wir ein Problem lösen können, zum Beispiel ein Kind bei einer schwierigen Mathe-Aufgabe, dann sieht man nicht nur, wie es mit der Hand auf dem Papier arbeitet, sondern auch allerhand Mundbewegungen. Auch die Zunge wird sich bewegen. Wir planen unsere Zukunft also vermutlich, indem wir unsere Zunge mit einbeziehen. Sprecherin Das bringt Ian Whishaw dazu zu sagen: Die Zunge ist für den Menschen das Zentrum seines Seins. MUSIK OT 04 Overvoice Ian Whishaw Es ist ein Zentrum des menschlichen Seins in der Hinsicht: wir tun ja nicht die ganze Zeit Dinge, wir handeln ja nicht immer. Manchmal und erstmal haben wir auch einfach ganz stark eine Absicht – so wie die Maus, die die Nahrung greifen möchte. Wir denken viel darüber nach, Dinge zu tun. Wir schmieden meist Pläne, bevor wir etwas machen. Sprecherin Die Zunge, das ist das Ergebnis seiner Forschung, hat damit ganz entschieden etwas zu tun, dass uns das gelingt. Denn komplexes Verhalten wie Denken ist vermutlich aus der Hirnleistung entstanden, die ursprünglich dazu da war, die Zunge zu koordinieren.