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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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  1. Zum Weltkatzentag: Die Wildkatze - Rückkehr der Unzähmbaren

    07.08.2025 · 23 Min.

    Die Wildkatze kehrt zurück in unsere Wälder. Damit sie und andere Tiere dauerhaft überleben können, müssten die Wälder vernetzt werden. Doch wie soll das gehen, in einem Land, das wie kaum ein zweites durch Straßen zerschnitten ist? Autor: Marko Pauli (BR 2018) Credits Autor dieser Folge: Marko Pauli Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Laura Maire, Stefan Merki Technik: Helge Schwarz Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Andrea Krug (BUND, Projektkoordinatorin "Rettungsnetz Wildkatze"); Antje Oldenburg (Dr.; BUND, ehrenamtliche Mitarbeiterin); Till Hopf (NABU, Team Naturschutz und Landnutzung); Pierre Ibisch (Professor; für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung, Eberswalde); Gerd Jülke (Revierleiter, Revierförsterei Ahlden) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  2. Placeboeffekt - Wie wirksam er wirklich ist

    07.08.2025 · 23 Min.

    Placebos sind Scheinbehandlungen und Pillen ohne Wirkstoff. Trotzdem helfen sie in vielen Fällen - sogar dann, wenn Patientinnen und Patienten wissen, dass sie ein Medikament ohne Inhalt schlucken. Forschende rätseln noch, warum wir uns von Placebos überlisten lassen. Von Veronika Bräse (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Veronika Bräse Regie: Martin Trauner Es sprach: Katja Amberger Technik: Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Prof. Dr. med. Ulrike Bingel, Professur für Klinische Neurowissenschaften, Leiterin Zentrum für universitäre Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Essen Prof. Dr. med. Dominik Irnich, Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz und Tagesklinik am Campus Innenstadt der LMU München Dr. Marcel Wilhelm, klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Frag dich fit mit Doc Esser und Anne Schneider - WDR 2 Doc Esser beantwortet jeden Freitag Eure Gesundheitsfragen. Zusammen mit Anneg gibt er Tipps für ein besseres und gesünderes Leben JETZT ENTDECKEN Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Linktipps: Ulrike Bingel: Erwartungen beeinflussen den Behandlungserfolg HIER NDR-Info: Die Macht der Erwartung - Placebo- und Nocebo Effekte HIER WDR: Die Akte Placebo - viel stärker als man denkt? HIER Wissen Weekly: Placebo-Effekt: Ist er wirklich nur Einbildung? HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  3. Hiroshima und Nagasaki - Atombomben auf Großstädte

    06.08.2025 · 24 Min.

    1945 warfen die USA Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab. Die Begründung damals: So wurde Japan zur Kapitulation gezwungen und der Zweite Weltkrieg verkürzt. Heute gibt es Zweifel an diesen Annahmen. Von Linus Lüring (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Linus Lüring Regie: Irene Schuck Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Jerzy May Technik: Peter Preuß Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Gerhard Krebs (Dr.; Historiker und Japanologe) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik 1 "Overtones, Pt. 1" - Komponist: Martin Todsharow Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) Länge: 0'52 Sprecher Anfang August 1939 - Albert Einstein ist in großer Sorge. Er schreibt einen Brief an den damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Sprecherin Neue wissenschaftliche Untersuchungen würden darauf hindeuten, schreibt Einstein, dass es schon bald möglich sein könnte, eine nukleare Kettenreaktion in einer großen Masse von Uran auszulösen. Das würde gewaltige Energiemengen freisetzen. Und dann kommt der Schlüsselsatz: Zitator „Dieses Phänomen könnte auch zum Bau von Bomben führen.“ Sprecher Und Einstein warnt, dass jemand bereits dabei sein könnte, diese neue, ungeheuer gefährliche Bombe zu bauen: Die Nationalsozialisten. Er empfiehlt den USA, selbst eine solche Bombe zu bauen – eine Atombombe. Sprecherin Die US-Führung ist jetzt alarmiert, erklärt Gerhard Krebs. Der Historiker hat intensiv zur Endphase des Zweiten Weltkriegs geforscht und unter anderem in Berlin und Tokio gearbeitet. Zusp 1 Krebs Man fürchtete, dass die Deutschen den Amerikanern zuvorkommen und die Atombombe zuerst einsetzen. Deswegen brauchte man ein Gegengewicht. Und Abschreckungswaffe. Dass die schließlich gegen Japan eingesetzt wurde, lag daran, dass sie zu spät fertig wurde für Deutschland Musik 2 "End of War" - Album: The Imitation Game (Original Motion Picture Soundtrack) K: Alexandre Desplat - Länge: 0'33 Sprecher Im August 1945, fast auf den Tag genau sechs Jahre nach Einsteins Brief, werden die USA die weltweit erste Atombombe abwerfen - über der japanischen Stadt Hiroshima, drei Tage später eine weitere über Nagasaki. Der Einsatz der Atombomben ist bis heute umstritten. Waren die Bomben und das Leid, das sie verursachten, gerechtfertigt? Wurde der Zweite Weltkrieg damit tatsächlich schneller beendet? Musik 3 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 0'40 Sprecherin Im Sommer 1939 aber herrscht in den USA noch große Einigkeit: Man möchte den Nationalsozialisten unbedingt zuvorkommen und die Atombombe zuerst entwickeln. Die Eile ist verständlich. Dem Deutschen Otto Hahn ist kurz zuvor in Berlin die erste Kernspaltung gelungen. Deutsche Wissenschaftler gelten als führend auf dem Gebiet der Kernphysik. Sprecher Präsident Roosevelt befiehlt umgehend den Ausbau der US-amerikanischen Atomforschung. Musik 4 "These Walls" K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 1'03 Sprecher 1942 startet dann ein gigantisches Forschungsprogramm: Das sogenannte Manhattan-Projekt. In der Wüste New Mexicos entsteht ein streng geheimes Labor: Los Alamos. Hier arbeiten Tausende hochqualifizierte Physiker und Techniker. Albert Einstein gehört übrigens nicht dazu. Er gilt politisch als nicht zuverlässig genug. Im Wettlauf um die Atombombe mit den Nazis spielt Geld jetzt keine Rolle. Insgesamt werden in das Manhattan-Projekt damals zwei Milliarden Dollar investiert. Umgerechnet auf die heutige Kaufkraft wären das schätzungsweise über 20 Milliarden Dollar. Sprecherin Der Zweite Weltkrieg ist voll entbrannt. Die USA unterstützen zwar ihren Hauptverbündeten Großbritannien massiv, bleiben offiziell aber neutral. Das ändert sich im Dezember 1941. Japan greift überraschend Pearl Harbor an, den Hauptstützpunkt der US-Pazifikflotte auf Hawaii. Dutzende Schiffe werden zerstört. Weit über 2000 Menschen sterben. Nur einen Tag später erklären die USA Japan den Krieg. Sprecher Die amerikanische Öffentlichkeit war mehrheitlich lange dagegen, dass sich die USA am Zweiten Weltkrieg beteiligen. Pearl Harbor ändert die Stimmung. Viele US-Bürger drängen jetzt immer stärker auf eine harte Bestrafung der Japaner Sprecherin Die US-Wissenschaftler machen unterdessen gewaltige Fortschritte. 1942 gelingt die erste von Menschen eingeleitete nukleare Kettenreaktion. Diese könnte riesige Energiemengen produzieren – ein Meilenstein auf dem Weg zur Atombombe. Sprecher Von solchen Erfolgen sind die Forscher im Deutschen Reich zur gleichen Zeit weit entfernt. Deshalb werden andere Prioritäten in der Waffenentwicklung gesetzt. Ganz eingestellt wird die Forschung an der Atombombe zwar nie, aber der von den USA angenommene Wettlauf mit dem NS-Regime – er ist schon früh keiner mehr. Das wird endgültig klar, als Anfang 1945 die größten Teile Deutschlands besetzt sind - die Entwicklung der Atombombe wird in den USA trotzdem mit großem Einsatz fortgesetzt. Sprecherin Mitten in der entscheidenden Schlussphase des Kriegs, am 12. April 1945, stirbt völlig unerwartet Präsident Roosevelt. Der Mann, der den Bau der Atombombe befohlen und maßgeblich vorangetrieben hat. Neuer Präsident der Vereinigten Staaten wird Harry S. Truman, der bisherige Vize-Präsident. Und jetzt zeigt sich, wie geheim die Entwicklung der Atombombe tatsächlich ist: Sprecher Truman wird erst nach seiner Amtseinführung in das Projekt eingeweiht. Dazu kommt: Truman gilt auf der Bühne der Weltpolitik als völlig unerfahren. Viel Zeit zur Einarbeitung hat er nicht. Jetzt - gegen Ende des Zweiten Weltkriegs muss er täglich wichtige Entscheidungen treffen – darunter auch den weiteren Umgang mit der Atombombe. Zwar kapituliert das Deutsche Reich am 8. Mai und der Krieg in Europa ist beendet. Aber Präsident Truman warnt: Zusp 2 Truman Rede Our victory is but half-won. The West is free, but the East is still in bondage to the treacherous tyranny of the Japanese. When the last Japanese division has surrendered unconditionally, then only will our fighting job be done. Zitator Overvoice Truman Unser Sieg ist nur halb gewonnen. Der Westen ist frei, aber der Osten ist immer noch der verräterischen Tyrannei der Japaner ausgeliefert. Erst wenn die letzte japanische Einheit bedingungslos kapituliert hat, dann ist unsere kämpferische Aufgabe erledigt. Sprecherin Im Frühjahr 1945 haben die USA fast uneingeschränkte Lufthoheit über den japanischen Inseln. Die US-Luftwaffe fliegt jetzt immer verheerendere Bombenangriffe. Aber trotz der immer hoffnungsloseren Lage ist Japan weit davon entfernt sich zu ergeben. Noch immer kontrolliert es unter anderem die koreanische Halbinsel und die Mandschurei, ein großes Gebiet im Nordosten Chinas. Noch immer verkündet die japanische Führung aggressive Durchhalte-Parolen. Musik 5 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 1'36 Sprecher In den USA ist Präsident Truman inzwischen informiert worden, dass die erste Atombombe schon in wenigen Wochen fertig ist. Eine Frage wird jetzt immer drängender: Ob und wie sollte eine Atombombe eingesetzt werden? Ursprünglich waren ja nur deutsche Städte als Abwurfziele vorgesehen. Jetzt gerät Japan in den Fokus. Wissenschaftler um den Physiker James Franck versuchen in dieser Zeit, Truman davon zu überzeugen, die Bombe nicht gegen Japan einzusetzen. Im sogenannten Franck-Report warnen sie vor einem Wettrüsten und schlagen stattdessen eine Demonstration der Atombombe vor der Weltöffentlichkeit über unbewohntem Gebiet vor. Sprecherin Solche Vorschläge werden im sogenannten Interim Committee beraten. Politiker, Militärvertreter und andere Experten besprechen unterschiedliche Strategien zum Umgang mit der Atombombe. Die überraschend eindeutige Empfehlung lautet schließlich: Die Bombe soll so schnell wie möglich und ohne Vorwarnung über japanischen Städten abgeworfen werden. Sprecher Der persönliche Berater von Präsident Truman und spätere US-Außenminister, James Byrnes, spielt bei dieser Empfehlung eine entscheidende Rolle. Er hat vor allem die Bevölkerung in den USA im Blick. Eine Mehrheit fordert nach dem Angriff auf Pearl Harbor maximale Härte gegenüber Japan. Byrnes hat großen Einfluss auf den unerfahrenen Truman, erklärt Gerhard Krebs. Zusp 3 Krebs Eigentlich war die Mehrheit der Politiker und Militärs dafür, die Waffe nicht gegen Japan einzusetzen ohne Vorwarnung und möglichst nur gegen militärische Ziele. Der Scharfmacher war dann Byrnes. Mit Byrnes kippte die Stimmung. Weil der das Ohr von Truman erhielt. Wer das Ohr des Präsidenten hat, der entscheidet. Musik 6 "These Walls" K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'16 Sprecherin Im Juli 1945 überschlagen sich dann die Ereignisse. In den Laboren von Los Alamos ist es gelungen, die erste Atombombe der Welt fertigzustellen und für eine Testzündung vorzubereiten. Musik 7 "Head Tag" - K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'41 Sprecherin Am 16. Juli explodiert sie am frühen Morgen in der Wüste von New Mexico. Auf einen gleißend hellen Blitz folgt ein orange-gelber Feuerball, der in Sekunden in den Himmel steigt. Zum ersten Mal entsteht der typische Atompilz. Noch in über 100 Kilometern Entfernung ist die Druckwelle zu spüren. Die Wissenschaftler sind völlig überrascht. Die Explosion ist dreimal so stark wie berechnet. Es ist tatsächlich die verheerende Bombe eines neuen Typs, die Einstein vorhergesagt hatte. Sprecher Währenddessen reist US-Präsident Truman nach Potsdam. Nach dem Ende des Kriegs in Europa wollen die Alliierten hier beraten, wie es weitergehen soll. Auch der britische Premierminister Winston Churchill und Josef Stalin, der sowjetische Regierungschef, kommen zur sogenannten Potsdamer Konferenz. Als Truman die Nachricht vom erfolgreichen Atombombentest erhält, ist er euphorisiert. Nicht eingeweihte Beobachter in Potsdam registrieren überrascht, wie selbstbewusst Truman plötzlich auftritt. Stalin kann er allerdings kaum beeindrucken. Durch einen Spion in Los Alamos ist er bestens über die Fortschritte der Amerikaner informiert. Musik 8 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 0'38 Sprecherin Der 24. Juli ist dann ein entscheidender Tag: Truman berät sich mit seinen engsten Vertrauten, darunter auch Hardliner James Byrnes. Und dann ordnet er von Potsdam aus an: Über Japan sollen Anfang August Atombomben abgeworfen werden. Im Einsatzbefehl werden auch gleich vier mögliche Ziele genannt. Darunter die Städte Hiroshima und Nagasaki. Beide Städte haben Militärbasen oder Rüstungsindustrie. Vor allem aber wurden sie bislang nur wenig zerstört, ideal, um die Wirkung der neuen Bombe zu testen. Sprecher Wenige Tage nach diesem Befehl wird die sogenannte Potsdamer Erklärung veröffentlicht. Unterzeichnet ist sie von den USA, nicht aber von der Sowjetunion. Diese befindet sich offiziell nicht mit Japan im Krieg und gilt als neutral. Die Erklärung soll eine letzte Warnung an Japan sein. Am Ende heißt es: Zitator Wir rufen die Regierung Japans auf, nunmehr die bedingungslose Kapitulation aller bewaffneten Kräfte Japans zu erklären und angemessene und adäquate Garantien ihres guten Willens in dieser Aktion zu zeigen. Die Alternative für Japan ist seine prompte und vollständige Zerstörung. Sprecherin Dass damit auch der Einsatz von Atomwaffen gemeint ist, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Sprecher Niemand rechnet damit, dass Japan jetzt kapitulieren würde. Und tatsächlich erklärt der japanische Premierminister in einer Pressekonferenz, dass seine Regierung die Potsdamer Erklärung „ignorieren“ werde. Diese eindeutige Haltung der japanischen Regierung bedeutet in den Augen der USA: Die Atombomben werden abgeworfen. Der erste Atomsprengkörper ist da bereits auf einem Schiff unterwegs zu US-Stützpunkten im Südpazifik. Sprecherin Diese öffentlich verkündete Absage Japans passt allerdings nicht zu dem, was hinter den Kulissen in der japanischen Führung diskutiert wird. Hier gibt es sehr wohl kritische Stimmen. Weil die Lage hoffnungslos ist, wollen sie ein schnelles Kriegsende erreichen. Der japanische Botschafter in Moskau sendet seit einiger Zeit vorsichtige Signale an die sowjetische Führung. Die Idee: Die offiziell neutrale Sowjetunion soll zwischen den Kriegsparteien vermitteln. Die japanische Elite hofft dabei noch einen akzeptablen Frieden zu erreichen und die geforderte bedingungslose Kapitulation zu verhindern. Denn eine zentrale Bedingung haben die Japaner, erklärt der Historiker und Japanologe Gerhard Krebs: Sie wollen um jeden Preis das Kaisertum erhalten. Zusp 4 Krebs Japan betrachtete sich als einmalige Staatsform in der Welt und der Kaiser war ja immerhin göttlicher Abkunft. Ohne Kaiser konnten sich die Japaner einen Weiterbestand ihrer Nation einfach nicht vorstellen. Sprecher Für Kaiser Hirohito sind die Japaner bereit, den schon so gut wie verlorenen Krieg fortzusetzen, auch wenn das den Untergang bedeutet. Sprecherin Die Reaktionen aus Moskau auf die japanischen Botschaften waren allerdings sehr verhalten. Die Sowjetunion hatte längst beschlossen, Japan in Kürze selbst den Krieg zu erklären. Die Sowjets wollten sich die von Japan besetzten Gebiete sichern. Musik 9 "With Suspicion" - Album: Gone Girl (Soundtrack from the Motion Picture) K und Ausführende: Atticus Ross & Trent Reznor Länge: 0'47 Sprecher Dann kommt der 6. August 1945: Vom US-Luftwaffenstützpunkt Tinian, mitten im Südpazifik, startet um kurz nach Mitternacht ein B29-Bomber: Sein Ziel ist Hiroshima, etwa 2500 Kilometer weit weg. An Bord ist nur eine einzige Bombe. Es ist die Atombombe mit dem Codenamen „Little Boy“, kleiner Junge. Etwa drei Meter lang, vier Tonnen schwer. Sprecherin Um 8.15 Uhr kommt Hiroshima in Sicht. In einer Höhe von 10000 Metern klinkt die Besatzung die Bombe aus und dreht ab. Musik 10 "Head Tag" - K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'18 Sprecherin Sekunden später explodiert die Atombombe über dem Stadtzentrum. Ein gleißend heller Blitz zuckt durch den Morgenhimmel. Im Kern der Explosion ist es mehrere Millionen Grad heiß. Am Boden herrschen immer noch an die 3000 Grad. Gebäude und Bäume verglühen. Musik 11 "Morbid Beauty" - K: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - 0'53 Sprecher Die folgende Druck- und Hitzewelle zerstört die Innenstadt Hiroshimas fast komplett. Die Explosionskraft der Bombe entspricht etwa der von 11-13 Tausend Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT. Eine genaue Zählung der Toten ist unmöglich. An die 70-80 Tausend Einwohner Hiroshimas sterben sofort. Von vielen bleibt nichts zurück. Die Körper verdampfen in der Explosions-Hitze. An den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung werden in den Jahren danach noch weitere zehntausende Menschen sterben. Darunter sind zwar auch Soldaten, die übergroße Mehrheit sind Zivilisten. Sprecherin Dieses Leid ist für US-Präsident Truman weit weg. In einer Ansprache stellt er das Geschehen anders dar. Zusp 5 Truman Rede The world will note that the first atomic bomb was dropped on Hiroshima, a military base. That was because we wished in this first attack to avoid, insofar as possible, the killing of civilians. But that attack is only a warning of things to come Zitator Overvoice Truman Die Welt muss zur Kenntnis nehmen, dass die erste Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde. Eine Militärbasis. Wir haben in diesem ersten Angriff versucht, soweit wie möglich zu vermeiden, dass Zivilisten sterben. Aber dieser Angriff ist nur eine Warnung vor dem was kommen kann Sprecher Eine offizielle Reaktion aus Japan auf den ersten Atombombenabwurf gibt es dagegen nicht. Musik 12 "With Suspicion" - Album: Gone Girl (Soundtrack from the Motion Picture) K und Ausführende: Atticus Ross & Trent Reznor Länge: 0'34 Sprecherin Schon drei Tage später, am Morgen des 9.8.1945 hebt wieder ein B29-Flugzeug in Richtung Japan ab. An Bord ist eine weitere Atombombe, Deckname „Fat Man“, „Dicker Mann“. Das Ziel ist eigentlich eine Stadt im Norden der japanischen Insel Kyushu. Da sie wegen einer dichten Wolkendecke nicht auszumachen ist, entscheidet sich die Crew das Ersatzziel anzufliegen: Nagasaki. Musik 13 "Head Tag" - K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'11 Sprecherin Um 11.02 Uhr explodiert „Fat Man“ über der Stadt. Sprecher Die Bombe ist anders gebaut als die Hiroshima-Bombe. Die Explosionskraft von „Fat Man“ ist fast eineinhalbmal so stark. Musik 14 "Morbid Beauty" - K: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - 0'59 Sprecher Die Ausbreitung der typischen Schockwelle wird allerdings durch Hügel am Stadtrand abgebremst. Dennoch sterben auch in Nagasaki mindestens 20.000 Menschen, nach anderen Schätzungen sogar 70 bis 80.000 Menschen sofort und Tausende in der Zeit danach an den Spätfolgen, etwa durch die radioaktive Strahlung. Auch hier sind die meisten Opfer Zivilisten. Das eigentliche Ziel, eine Rüstungsfabrik, hat die Bombe verfehlt. Sprecherin Einen Tag später dann die Wende: Zwar sind immer noch Teile der japanischen Führung vehement dafür, den Krieg fortzusetzen. Aber nach einem Machtwort von Kaiser Hirohito erklärt Japan, dass man nun bereit wäre zu kapitulieren. Zusp 6 Rede Kaiser Sprecher Am 15. August hören viele Japaner zum ersten Mal die Stimme des Kaisers. In einer Radioansprache verkündet er das Ende des Krieges. Der Feind habe begonnen, eine neue, ungeheuer grausame Bombe einzusetzen, deren Zerstörungskraft unermesslich sei und unschuldige Leben fordere, sagt er. Sprecherin Der Zweite Weltkrieg ist vorbei und eine kontroverse Debatte beginnt, die bis heute geführt wird. Waren die Abwürfe der Atombomben gerechtfertigt? Sprecher Dank der Atombombe kapitulierte Japan und der Zweite Weltkrieg ging deutlich früher zu Ende. So ist es in vielen Lexika bis heute zu lesen. Und davon sind nach wie vor viele Historiker und auch große Teile der US-amerikanischen Öffentlichkeit überzeugt. Die USA hätten keine andere Möglichkeit gehabt, als die beiden zerstörerischen Bomben einzusetzen, um den Krieg zu beenden. Manche gehen noch weiter und erklären, dass die Atombomben auch Leben gerettet hätten: Denn ohne die Bomben wäre eine Invasion auf den japanischen Inseln nötig gewesen und die hätte zehntausende US-Soldaten möglicherweise das Leben gekostet. Sprecherin Nicht nur in den USA, auch in Japan haben bis heute manche ein großes Interesse daran, dass diese Version weiterverbreitet wird. Auch der Kaiser hatte ja betont, dass die Bomben der entscheidende Grund für die Aufgabe Japans waren. Die Logik dahinter: Japan hat zwar in Ostasien einen aggressiven Angriffskrieg begonnen – dank der Atombomben konnte man sich jetzt aber auch zum Opfer einer heimtückischen Waffe erklären. Die massiven Kriegsverbrechen, für die Japan verantwortlich ist, versuchen manche dahinter zu verstecken. Sprecher Aber waren die Atombomben wirklich kriegsentscheidend? Sprecherin Dafür ist die Zeit zwischen den Atombombenabwürfen besonders interessant: Da versucht Japan nochmal in Moskau vorzufühlen. Man hofft immer noch auf eine Vermittlung eines möglichst annehmbaren Friedens durch die Sowjets. Aber stattdessen erklärt die Sowjetunion am 8. August 1945 Japan den Krieg. Sowjetische Soldaten greifen wenige Stunden später japanische Truppen in China an. Vergleicht man die sowjetische Kriegserklärung mit den Atombombenabwürfen, dann steht für Historiker Gerhard Krebs fest: Zusp 7 Krebs Der Kriegseintritt der Sowjetunion war sicher der größere Schock. Sprecher Andere Historiker sehen das inzwischen ähnlich. Sie sind überzeugt: Die Atombomben hatten zwar eine bis dahin ungekannte Zerstörungskraft. Gleichzeitig war ihre Wirkung vergleichbar mit dem, was Japan in den Monaten zuvor schon viele Male erlebt hatte, nämlich verheerende amerikanische Flächenbombardements mit tausenden Sprengkörpern. Über die Folgeschäden durch radioaktive Strahlung war damals noch wenig bekannt. Außerdem ging Japan davon aus, dass die USA nur wenige einsatzbereite Atombomben haben würden. Sprecherin Der Kriegseintritt der Sowjetunion trifft Japan dagegen doppelt. Zum einen muss Japan nun an einer weiteren Front kämpfen und es befürchtet, dass der Kommunismus sich immer mehr ausbreiten könnte. Zum anderen ist jetzt klar: Alle Hoffnungen der Japaner waren umsonst - die Sowjets würden nicht dabei helfen einen Frieden zu vermitteln. Japan ist endgültig allein. Sprecher Auch wegen solcher Erkenntnisse wächst in den Jahren nach 1945 die Kritik an den USA. Hätten die USA die Folgen des sowjetischen Kriegseintritts nicht besser mit einkalkulieren können? Mussten die Bomben fallen, schon allein, um die gewaltigen Milliarden-Investitionen zu rechtfertigen? Hätten die USA früher kompromissbereiter sein sollen gegenüber Japan? Nach Kriegsende durfte der Kaiser nämlich, wie von Japan gefordert, tatsächlich im Amt bleiben. Eine Hoffnung der USA war, dass die japanische Gesellschaft so kooperativer sein würde in der Nachkriegszeit. Sprecherin Dazu kommen Überlegungen, dass die Atombomben möglicherweise auch abgeworfen wurden, weil der Kalte Krieg sich schon ankündigte. Auch das spielte wohl eine Rolle, glaubt Gerhard Krebs: Zusp 8 Krebs Sicher wollte Truman auch die Sowjetunion beeindrucken. Er hatte schon Bauchschmerzen, wegen der Ausbreitung der Sowjets in Osteuropa, besonders in Polen. Und es sollte sicher auch als Warnschuss für die Sowjetunion dienen. (Hart ausblenden) Sprecher Und für manche Wissenschaftler steht fest – die USA hätten die Friedensinitiative der Japaner über Moskau ernster nehmen sollen. Dann wäre ein Frieden schnell möglich gewesen. Allerdings könnte diese Position etwas zu optimistisch sein. Zu unklar waren die japanischen Positionen, zu laut die offizielle Propaganda, die den Krieg unerbittlich fortsetzen wollte. Mit Blick auf die Atombombe steht für Gerhard Krebs aber insgesamt fest: Zusp 9 Krebs Man hätte es anders lösen sollen. Man hätte nicht ohne Vorwarnung die Bomben abwerfen sollen und vor allem nicht die zweite so schnell. Musik 15: "End of War" - Album: The Imitation Game (Original Motion Picture Soundtrack) K: Alexandre Desplat - Länge: 0'39 Sprecherin Auch viele Beteiligte bereuten später die Art und Weise, wie mit den Atombomben umgegangen wurde. Und Albert Einstein vertraut einige Jahre später einem Bekannten an, wie sehr er es bedauert, dass er einen entscheidenden Anstoß für die Entwicklung der Atombomben gab. Zitator „Ich beging einen großen Fehler meines Lebens, als ich den Brief an Präsident Roosevelt unterschrieb, in dem ich die Herstellung der Atombombe empfahl.“

  4. Antibiotika - Medizin-Revolution mit Nebenwirkungen

    06.08.2025 · 23 Min.

    Wir leben im Zeitalter des Antibiotikums. Krankheiten wie Tuberkulose sind heilbar, auch entzündete Wunden können uns kaum etwas anhaben. Doch Resistenzen werden immer häufiger. (BR 2019)

  5. Uruk und wie alles begann - Die Anfänge der Moderne in der Vorgeschichte

    06.08.2025 · 24 Min.

    Eine antike City der Superlative: Uruk. Die Stadt war die erste Stadt der Welt - eine Megapolis mit bis zu 50 000 Menschen. Sie entstand im 5. Jt. v.Chr. im Süden des heutigen Irak. Von Christine Hamel (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Christine Hamel Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Christian Baumann, Friedrich Schloffer, Katja Amberger Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Nicole Ruchlak Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: In Mesopotamien, im heutigen Irak, entstand vor rund 5.200 Jahren die erste Schrift. Die Keilschrift war kompliziert und dennoch sehr weit verbreitet. Lesen und Schreiben war der Oberschicht vorbehalten. Die Erfindung der Schrift - Vom Bild zum Symbol JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  6. Die Bavaria - Symbol und Wahrzeichen Bayerns

    05.08.2025 · 23 Min.

    Sie ist weibliche Symbolgestalt und weltliche Schutzherrin des Freistaats: Die Bavaria. Als Statue, auf Gemälden, in Wappen oder über Hauseingängen begegnet sie uns. Doch ihre berühmteste Darstellung ist die fast 20 Meter hohe Statue, die vor der Ruhmeshalle über die Theresienwiese wacht. Von Frank Halbach (BR 2024) Credits Autor und Regisseur dieser Folge: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Thomas Birnstiel, Peter Weiß, Peter Veit Technik: Daniela Röder Redaktion: Andrea Bräu, Karin Becker Im Interview: Dr. Thorsten Marr, Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Ludwig Schwanthaler - Gestalter der Münchner Bavaria JETZT ENTDECKEN Das Münchner Oktoberfest - Brotzeit, Bier und Belustigung JETZT ENTDECKEN Regent im Rebenland - König Ludwig I und die Pfalz JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Bayerische Schlösserverwaltung: Ruhmeshalle und Bavaria. Bearbeitet von Manfred F. Fischer und Sabine Heym. München 2009. [Amtlicher Führer der Bayerischen Schlösserverwaltung, der einen umfassenden Überblick bietet] Frank Otten: Die Bavaria. In: Hans-Ernst Mittig, Volker Plagemann: Denkmäler im 19. Jahrhundert. München 1972 [kunsthistorische Einordung in die Geschichte der Denkmäler des 19.Jahrhunderts]. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR 1 Ich hab‘ viel des Schönen gesehen - so Schönes noch nie! SPRECHER Das hat König Ludwig I. von Bayern über sie gesagt: SPRECHERIN Die einst vielleicht mächtigste Frau des Freistaats: imposant, monumental, majestätisch. SPRECHER Auf einem steinernen Sockel thront sie. 48 Stufen führen zu ihr empor. Da steht sie - würdevoll: Achtzehneinhalb Meter hoch. SPRECHERIN (genießerisch) Von dort blickt sie frei über die Theresienwiese weit hinüber bis zum Wetterturm des Deutschen Museums und zur mächtigen Maximilianskirche im Glockenbachviertel. SPRECHER Kolossale 1.560 Zentner ist sie schwer. SPRECHERIN Aus dem Erz türkischer Kanonen gegossen. SPRECHER Die Bavaria: Weltliche Patronin Bayerns, das Gesicht Münchens und personifizierte Allegorie für den Freistaat. MUSIK ENDE O-Ton 1 Marr (33:50) Im Grunde ist die Bavaria und die Theresienwiese mit dem Oktoberfest die Verkörperung Bayerns. SPRECHER Sagt Konservator und Museumsreferent Dr. Thorsten Marr von der Bayerischen Schlösserverwaltung, der uns im Schloss Nymphenburg empfängt. O-Ton 2 Marr (13:09) Die Bavaria steht ja als gewaltige Kolossalstatue zwischen den beiden Flügeln der Ruhmeshalle. Und sie ist gewissermaßen der Augenpunkt für Besucher, die auf das Denkmal zu gehen. Und insofern ist auch die Statue ikonografisch auf Fernwirkung ausgerichtet. MUSIK „Festlicher Marsch“; ZEIT: 00:30 SPRECHERIN Sie trägt ein Bärenfell über ihrem schlichten Gewand. In ihrer Rechten hält sie etwas Eichenlaub und ein umwickeltes Schwert, das in der Scheide ruht. Mit der Linken hebt sie einen Ruhmeskranz aus Eichenlaub hoch über ihr Haupt. Zu ihrer Rechten sitzt kraftvoll und stark ein Löwe. MUSIK ENDE SPRECHER Warum steht sie da? Ausgerechnet da? Was soll der Lorbeer… – pardon Eichenkranz? Und wer hat das Standbild dieser bayerischen Amazone dort aufstellen lassen? Und wieso? ZITATOR 1 Möchten alle Deutschen, welchen Stammes sie auch seien, immer fühlen, dass sie ein gemeinsames Vaterland haben, ein Vaterland auf das sie stolz sein können, und jeder trage bei, soviel er vermag, zu dessen Verherrlichung. SPRECHERIN Meinte König Ludwig I. 1842 bei der Einweihung der Walhalla nahe Regensburg. Die Idee für diesen und weitere Gedächtnisorte keimte in Ludwig seit dem als schmachvoll empfundenen Siegeszug der napoleonischen Armeen. Über der Jugendzeit des Königs lagen die Schatten der Machtansprüche Napoleons auf der einen und Österreichs auf der anderen Seite. SPRECHER Sein Haus, das der Wittelsbacher, drohte zum Spielball der beiden Großmächte zu werden. Bayern wurde mehrfach Kriegsschauplatz mit allen dazugehörigen fatalen Folgen für das Land. SPRECHERIN Erst mit der Niederlage Napoleons bei der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 begann in Bayern eine Periode des Friedens. Für Ludwig I. Zeit, Zeichen zu setzen: von künstlerischer und zugleich politischer Einheit. MUSIK Bayernhymne. Bearbeitet für Streicher; ZEIT: 00:25 ZITATOR 1 Ein Baiern aller Stämme, eine größere deutsche Nation. SPRECHER Ein Motiv, das Ludwig zu einer ganzen Reihe von Bauprojekten für Nationaldenkmäler inspirierte. Darunter die Bavaria und die Ruhmeshalle, die der König 1834 in Auftrag gab. Thorsten Marr: MUSIK ENDE O-Ton 3 Marr (01:19) Ludwig I. als König, als bayerischer König, hatte den Auftrag gegeben und zunächst einmal einen Wettbewerb ausgelobt. Und Ende des Wettbewerbs bekam dann Leo von Klenze den Auftrag, die Ruhmeshalle mit der Bavaria, und zwar beides zusammen, zu errichten. Die Bavaria war nie als einzelnes Monument gedacht, sondern hat sich aus dem Wettbewerb entwickelt. Und Klenze hatte in seinem Wettbewerb einer Ruhmeshalle zusätzlich die Bavaria als übergeordnete Instanz derer, die in der Halle geehrt werden, gewählt. Und als Ort wurde ja die Theresienwiese ausgedacht oder ausgewählt. Und das hängt zweifellos mit dem patriotischen Hintergrund, sage ich jetzt mal etwas vollmundig, der Theresienwiese zusammen. SPRECHERIN Nach der Niederlage der verbündeten französischen und bayerischen Truppen in der Schlacht von Höchstädt im Jahr 1704 hatten die Habsburger das bayerische Oberland und die Residenzstadt München besetzt und außerdem die Steuern drastisch erhöht. SPRECHER Es kam bald zu ersten Aufständen, die schließlich 1705 in der Sendlinger Mordweihnacht und einem bayerischen Volksaufstand gipfelten, der gnadenlos niedergeschlagen wurde. ZITATOR 2 Lieber bayerisch stea'm als kaiserlich verdea'm. SPRECHERIN Hundert Jahre später galt der Aufstand als patriotische Tat zum Wohle des Hauses Wittelsbach und zur Wiedereinsetzung des Kurfürsten und zur Rettung der Souveränität des Kurfürstentums. SPRECHER Die Sendlinger Anhöhe am Rande der Theresienwiese war somit ein symbolträchtiger und wohl überlegter Ort für ein Nationaldenkmal. MUSIK Instrumentaleinleitung zu "Bayerischer Schützenmarsch"; ZEIT: 01:00 SPRECHERIN Und nutzte zudem die Popularität der Festwiese, auf der seit der Hochzeit von Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese im Jahr 1810 alljährlich ein Volksfest stattfand. ZITATOR 2 Der anwesenden Königsfamilie huldigten damals Kinder in bayerischen Volkstrachten mit Gedichten, Blumen und Früchten des Landes. Zu Ehren der Braut war die Festwiese „Theresens-Wiese“ getauft worden. SPRECHER Hier, auf der Sendlinger Anhöhe entstand die U-förmige Säulenhalle, die das Gelände nach hinten abschließt. Und zwischen den beiden Flügeln steht sie: die Bavaria. Wie die Ruhmeshalle blickt sie auf die Theresienwiese, von der eine Treppenanlage hinauf zur Bavaria gebaut wurde, von der aus man wieder über Stufen weiter zur Ruhmeshalle gelangt. SPRECHERIN Eine gestalterische Verknüpfung. MUSIK ENDE O-Ton 4 Marr (11:44) Also insofern ist auch ein geschicktes Miteinander und eine geschickte Wechselwirkung zwischen Statue einerseits und Ruhmeshalle geschaffen. Und das immer ausgerichtet auf den Besucher, der von der Theresienwiese aus kommt. Aber es war immer schon ausgerichtet auf die Besucher, die dann bei einem Fest auf der Wiese waren und das heißt mindestens einmal im Jahr mit dem Oktoberfest Blick hatten auf das Ensemble, auf das Denkmal. SPRECHERIN Die Bavaria selbst hatte in den ersten Entwürfen eine ganz andere Gestalt. SPRECHER König Ludwig I. vergötterte alles Griechische. ZITATOR 1 Ich will nicht eher ruhen, bis München aussieht wie Athen! SPRECHERIN Ein Isar-Athen! Wenig verwunderlich also, dass sich Leo von Klenzes ursprüngliche Bavaria, deren erster Entwurf bereits 1824 erstellt wurde, stark an griechischen Vorbildern ausrichtete. SPRECHER Die Bavaria des Erstentwurfes war eine griechische Amazone, im Chiton, - einer Art Tunika, mit Sandalen und einer mit bayerischen Rauten geschmückten Aegis, einem Brustpanzer mit Medusenhaupt. Dazu ein kleiner Löwe, eher ein zahmes Kätzchen zu ihren Füßen. Ungewöhnlich auch die viergesichtige Herme, also ein Pfeiler mit aufgesetztem Kopf, an den sie sich lehnt, und dessen vier Gesichter die Kunst und Wissenschaft, sowie die Staats- und Kriegsführung symbolisieren sollten. SPRECHERIN Nach der Beauftragung durch den König geriet die Bavaria in einem weiteren Entwurf gar zur "Athena Promachos" – der Schutzgöttin Athens mit Helm, Schild und Speer: Eine klassisch griechische Bavaria. SPRECHER Doch das Neue an Klenzes Entwurf: Indem er Motive verschiedener Herkunft mischt, erschafft er einen neuen Typ der bildlichen Darstellung für die Personifikation Bayerns. SPRECHERIN Und die Bavaria entwickelte sich weiter. Thorsten Marr: O-Ton 5 Marr (16:17) Und während des Planungs- und Konzeptionszeitraums wurde allmählich aus der griechischen Figur einer Siegesgöttin die germanische Siegesgöttin Bavaria in diesem Fall umgewandelt. SPRECHER Ein Wandel, der auf den Einfluss des Bildhauers Ludwig Schwanthaler zurückzuführen ist, den Ludwig I. zusammen mit den Erzgießern Johann Baptist Stiglmaier und Ferdinand von Miller hinzugezogen hatte. SPRECHERIN Mit der Antike hatte Schwanthaler nicht so viel am Hut. Er war Anhänger der romantischen Bewegung und gehörte mehreren Münchner Mittelalter-Zirkeln an, die für das „Vaterländische“ brannten. Fremdes, auch aus der Antike, war da wenig gelitten. Schwanthalers Vision und Klenzes klassizistisches Vorhaben widersprachen sich also. SPRECHER Aber ganz offensichtlich war genau das die Strategie des Königs: Ludwig I. ließ konträre Kunstauffassungen in dasselbe patriotische Projekt einfließen. ZITATOR 1 Ein Denkmal, das die zerstrittenen Lager unter dem Dach einer Nation eint. SPRECHERIN Diese Synthese der klassizistischen und der romantisch-gotischen Stilrichtung nennt man heute: ZITATOR 2 Romantischen Klassizismus SPRECHER Oder: ZITATOR 2 Ludovizianischen Stil. MUSIK „Bayerische Königs-Hymne“; ZEIT: 00:50 SPRECHERIN Die Bavaria wird eine Germania. Mit Bärenfell über dem bodenlangen Kleid und Eichenkranz im langen Haar. Und auch die strengen Gesichtszüge werden mädchenhafter. SPRECHER Dazu der Löwe als Symbol Bayerns, der zugleich als Zeichen der Kraft und Stärke seit jeher auf Herrscherportraits zu sehen ist. Das Schwert: ein allgemeines Symbol für Macht und Wehrhaftigkeit. SPRECHERIN Am wichtigsten aber: der Eichenkranz, den die Bavaria in der linken Hand hält. Im Verständnis der Zeitgenossen bezog sich der Eichenkranz speziell auf die bürgerlichen Tugenden. Dieser Kranz ist die Ehrengabe für all jene, deren Büsten im Inneren der Ruhmeshalle aufgestellt sind. MUSIK ENDE O-Ton 6 Marr (05:04) Man ehrt mit Büsten in der Ruhmeshalle diejenigen, die sich für Bayern verdient gemacht haben oder aber Bürger Bayerns sind. Also das Kurfürstentum zunächst oder des Königreichs. Und damit die Deutung der Ruhmeshalle mit der Bavaria in keinem Fall falsche Bahn läuft, sondern die Deutungshoheit beim König bleibt, hat der König im Grunde eine Inschrift auch in der Bavaria an der Tür hinterlassen. Und die ist für jeden Eintretenden gut sichtbar und gut lesbar: MUSIK Bayernhymne. Bearbeitet für Streicher; ZEIT: 00:25 ZITATOR 2 Als Anerkennung Bayerischen Verdienstes und Ruhmes ward diese Halle errichtet von Ludwig I. König von Bayern. Ihr Erfinder und Erbauer war Leo von Klenze. Begonnen den 15. Oktober 1843, vollendet, den 15. Oktober 1853. MUSIK ENDE SPRECHERIN Bildliche Darstellungen einer Frau, die Bayern symbolisiert, gibt es freilich schon lange Zeit vor der Entstehung der Ruhmeshalle und der Geburt der kolossalen germanischen Bavaria davor. MUSIK „Ave Maria“; ZEIT:01:55 SPRECHER Die Tellus Bavarica. Eine schon seit Jahrhunderten gebräuchliche Allegorie der „bayerischen Erde“. SPRECHERIN Der archetypischen Mutter Erde, der griechischen Gaia, entspricht in der römischen Mythologie die Gottheit Tellus. Von ihr leitet sich die Tellus Bavarica, die bayerische Mutter Erde ab. SPRECHER Sie ziert Wappen, Gemälde und Reliefs über Hauseingängen. Die Kuppel des zentralen „Dianatempels“ im Münchner Hofgarten zierte ursprünglich eine bronzene Statue der römischen Jagdgöttin Diana. Sie 1623 wurde sie zur Bavaria umgestaltet: Ihr Helm wurde zum Kurfürstenhut und der Ährenkranz in ihrer Hand durch einen Reichsapfel ergänzt. SPRECHERIN Im Kloster Fürstenzell bei Passau platzierte der österreichische Freskenmaler Bartolomeo Altomonte eine Bavaria im Zentrum des Deckenfreskos im Fürstensaal: Als Königin, die von einem Engel gekrönt wird, umgeben von Allegorien der Kirche, des Handels, der Landwirtschaft und der Künste. SPRECHER Ein Gemälde der Münchner Historienmalerin Marianne Kürzinger zeigt eine zarte mädchenhafte Bavaria in weiß-blauem Gewand, die sich an eine große, wehrhafte Amazonenkriegerin schmiegt: „Gallia schützt Bavaria.“ So der Titel. Das Bild stellt die Allianz von Bayern und Frankreich in jener Zeit dar. ZITATOR 2 Ich werde Bayern nicht nehmen, ich werde es verschlingen. SPRECHERIN Hat der Habsburger Kaiser Franz gedroht. Es gäbe eine Reihe weiterer Beispiele – doch in der öffentlichen Wahrnehmung wird die Bavaria heutzutage fast ausschließlich mit der monumentalen Statue auf der Theresienwiese identifiziert. MUSIK ENDE SPRECHER Und deren Vollendung war auch nach von Ihrer Majestät abgesegneten Entwürfen eine schwere Geburt. SPRECHERIN Eine Bronzefigur mit der enormen Größe von 18,52 Metern bedarf ausgefeilter Technik. Schon die Ausgestaltung der Figur durch Ludwig Schwanthaler dauerte ihre Zeit. Ebenso war der Aufwand in der Königlichen Erzgießerei an der Nymphenburger Straße enorm: O-Ton 7 Marr (21:42 Also dafür mussten dann zu Beginn der Vierzigerjahre zusätzliche Gebäude errichtet werden. Ein Gußhaus und schließlich sogar eine Holzhütte, in der die Bavaria im Format eins zu eins errichtet wurde. Das heißt, man brauchte keine flache Holzhütte, sondern brauchte einen Holzturm, der mindestens 18 Meter noch was hoch ist und darüber einen Dach noch hat. Und in diesem Holzhaus oder im Holzturm hat dann Schwanthaler 1840 folgende Jahre seine Gipsfigur geschaffen. Die Gipsfigur wurde dann wiederum 1843 in Einzelteile zerlegt, zwölf Einzelteile. Und von diesen Einzelteilen wurden dann Gussmodelle, also Modelle, von denen dann der Guss, der Bronzeguss gemacht werden konnte, gemacht. Und dann ergibt sich dann schon dass 1844 mit dem Gießen begonnen wurde und bis 1850 waren die Einzelteile gegossen und auch die Oberflächen bearbeitet. SPRECHERIN An den Ort der Herstellung erinnern heute noch die Münchner Erzgießereistraße sowie die parallele Sandstraße, an der die für den Guss notwendige Sandgrube lag. SPRECHER Parallel dazu lief der Bau der Ruhmeshalle. SPRECHERIN Wie alle Nationaldenkmäler wurden Bavaria und Ruhmeshalle aus der Privatschatulle des Königs finanziert. Als Ludwig 1848 unter Druck nach der „Affäre Lola Montez“ zu Gunsten seines Sohnes Maximilian abdankte, versprach Maximilian zwar, das Projekt zu vollenden. Er plante dafür aber lediglich ein Budget von 9000 Gulden pro Jahr ein. SPRECHER Viel zu wenig. Erst als der abgedankte König die Finanzierung wieder aus seiner Privatschatulle übernahm, konnte die Bavaria fertiggestellt werden. SPRECHERIN Zum Oktoberfest des Jahres 1850 – es wäre Ludwigs 25. Regierungsjahr gewesen - wurde die Bavaria am 9. Oktober feierlich enthüllt. MUSIK „Vorspiel zum 3. Akt aus Lohengrin“; ZEIT: 01:15 ZITATOR 1 Nero und ich sind die einzigen, die so Großes gemacht haben. SPRECHER Notierte sich der Monarch im Ruhestand. Das Fest geriet zur Huldigungsfeier für den abgedankten König – und für das, was er aus München gemacht hatte, der Stadt… ZITATOR 1 …die Teutschland so zur Ehre gereichen soll, dass keiner Teutschland kennt, wenn er nicht München gesehen hat. SPRECHERIN Selbstredend würdigten ihn die Künstler, die Ludwig so sehr gefördert und durch seine rege Bautätigkeit mit Aufträgen versorgt hatte, besonders: ZITATOR 2 Dank und Preis der Gegenwart, der Nachwelt, – Bavarias eh’rne Eichenkrone gebührt vor Allen König Ludwig dem Kunstbeschützer! SPRECHER Rief der für die Münchner Künstlerschaft sprechende Festredner Tischlein. SPRECHERIN Die Ruhmeshalle freilich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt. Darauf musste das Isar-Athen noch drei Jahre warten. Dabei ist sie mit der Bavaria nicht nur baulich, sondern auch gedanklich eng verbunden. MUSIK ENDE O-Ton Marr 8 (05:05) Man ehrt mit Büsten in der Ruhmeshalle diejenigen, die sich für Bayern verdient gemacht haben oder aber Bürger Bayerns sind, also des Kurfürstentums zunächst oder des Königreichs. (…) 06:25 Und sie werden zusammengefasst durch die gewaltige Figur, diese kolossale Statue der Bavaria. Sie ist gewissermaßen die Symbolfigur aller, die hier in der Ruhmeshalle versammelt sind. Insofern ist dann auch die Bedeutung der Bavaria immer auf die Personen bezogen, die in der Ruhmeshalle auch ausgestellt sind oder als Büsten wiedergegeben sind. SPRECHER Vorbildliche Bayern – so der Erziehungsgedanke Ludwigs I. -, die anspornen sollen, ihnen nachzueifern. Ein Leistungsprinzip visualisiert im Rahmen eines Denkmals. SPRECHERIN Büsten bayerischer, fast ausschließlich männlicher Vorbilder unter Obhut einer überlebensgroßen weiblichen Figur – diese Konstellation hat dazu geführt, dass die Bavaria als Mutterfigur wahrgenommen wurde. O-Ton 10 Kinseher W0304201 101 Griaß eich, I bin’s eier Mama! SPRECHERIN Also solche inkarnierte sich Mama Bavaria im Jahr 2010 in der Kabarettistin Luise Kinseher, die denen, die Bayern als Vorbilder lenken sollten, auf dem Nockherberg gehörig die Leviten las. O-Ton 11 Kinseher W0304201 101 Ich bin die Bavaria, und da bin i dahoam. O-Ton 12 Kinseher W0364024 101 Mei, Kinder! Wenn I eich so oschau, frag ich mich: Hob I als Mutter versagt? Ihr seid verwöhnt und verhätschelt, egoistisch und eingebildet. SPRECHER Bis 2018 hielt Kinseher als Bavaria, als erste Frau überhaupt, die Salvatorrede. MUSIK 7 Bayernlied. Bearbeitet für Streichquartett; ZEIT: 00:15 SPRECHERIN Wann, wo und in wem die Bavaria wohl in Zukunft inkarniert? MUSIK ENDE O-Ton 12 Marr (35:42) Was so ein bisschen in Vergessenheit geraten ist, ist, dass das Denkmal noch ein lebendes Denkmal ist. Es ist kein abgeschlossenes. Es werden noch heute Persönlichkeiten geehrt, die zum Wohle Bayerns gewirkt haben. Und der letzte, der die letzte Büste, die aufgestellt worden ist. Es ist gerade 15 Jahre her, so um den Dreh, das ist der Komponist Carl Orff also. Es ist kein Denkmal, was mit Ludwig I. dann in sich auch inhaltlich abgeschlossen und beendet ist, sondern es werden weit darüber hinaus Büsten aufgenommen, um diesen Gedanken Ruhmeshalle weiter auch mit Leben zu erfüllen. Und da sind eben auch seit den Jahren nach 45 auch Frauen dazugekommen, was in den Jahren davor eben nicht war. SPRECHERIN Die Schriftstellerin Lena Christ, die Schauspielerin Clara Ziegler, die Forschungsreisende Therese von Bayern und die Mathematikerin Emmy Noether. MUSIK 7 Bayernlied. Bearbeitet für Streichquartett; ZEIT: 01:10 Diese vier Frauen haben den Anfang gemacht. Doch wichtige weibliche Persönlichkeiten der bayerischen Geschichte gibt es noch viele mehr, die an die Seite des großen Sinnbilds Bavaria treten könnten, das Ludwig I. aufstellen und feierlich einweihen ließ. ZITATOR 2 Nachdem sämtliche Festwagen zu beiden Seiten der Tribüne im Halbkreis aufgestellt waren, fiel bei klarstem Herbsthimmel unter den Salven der Landwehr-Artillerie und den betäubenden Zurufen der zahllosen Menge die 70 Fuß hohe Bretterwand krachend nieder, und das erhabenste Bildnis glänzte zum ersten Mal vor den entzückten Blicken im lachendsten Herbstsonnenschein. Nie bisher hatte das Volk in solcher Menge den hohen Wert der Kunstschöpfung des Königs gefühlt oder gar anerkannt. König Ludwig aber sprach, auf's tiefste ergriffen, die denkwürdigen Worte: „Ich bin vierundsechzig Jahre alt, hab' viel des Schönen gesehen, so Schönes noch nie, hab' viel Freuden erlebt, doch solche Freude noch nie!“

  7. Schuldgefühle - Wenn Selbstvorwürfe zur Qual werden

    04.08.2025 · 23 Min.

    Schuldgefühle drücken nieder. Sie können Selbstwertgefühl und Verhalten stark beeinflussen. Nach dem Motto: Buße tun hilft vielleicht. Doch oft lohnt der Blick auf zu Grunde liegende Ängste und Konflikte mehr. Autorin: Justina Schreiber (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger, Andreas Neumann Technik: Helge Schwarz Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: - Heidi Spanl, Psychoanalytikerin, und Helga Kernstock-Redl, Psychotherapeutin Psychologie: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Es war ein Fehler. Man hat etwas verkehrt gemacht. Etwas Wichtiges versäumt. Wie furchtbar. Wie konnte man nur! SPRECHER: Schuldgefühle drücken nieder. Es sind schwere Gefühle. SPRECHERIN: Der Übel größtes ist die Schuld! SPRECHER: Sagt ein Sprichwort. SPRECHERIN: Man grübelt und zermürbt sich. Vielleicht hängen die Schultern. Der Blick ist gesenkt, die Stimmung im Keller. SPRECHER: Gute Laune ist etwas anderes. Nicht ohne Grund zählen Schuldgefühle zu den negativ bewerteten Gefühlen, sagt die Wiener Psychotherapeutin Helga Kernstock-Redl. O-TON 01: (Kernstock-Redl) „Schuldgefühle sind belastend, quälend werden sie beschrieben. Sie lösen auch Angst aus, einerseits die Angst vor Strafe, wer Schuld hat, wird vielleicht bestraft.“ SPRECHERIN: Alle Schuld rächt sich auf Erden. O-TON 02: (Kernstock-Redl) „Aber auch Angst vor dem Gefühl selbst, weil es eben so ein unangenehmes Gefühl ist.“ SPRECHERIN: Jeder Mensch kennt es. Weltweit in allen Kulturen kommen Schuldgefühle vor. Dass sich auch Tiere, vor allem Primaten, schuldig fühlen können, wird vermutet, lässt sich aber nicht so leicht belegen. SPRECHER: Schuldgefühle werden schnell mit Scham oder Angst verwechselt. Unter Wissenschaftlern gelten sie als schwer zu fassende, komplexe Emotionen. O-TON 03: (Kernstock-Redl) „Hirnscans zeigen, dass viele Hirnareale da beteiligt sind, vor allem das Denken, also die Hirnareale, wo es um Gedanken geht, um Soziales geht, die sind auch sehr stark aktiv bei Schuldgefühlen.“ MUSIK 2 "Massage" - Komponist: Daniel Pemberton - Album: The Haunted Airman (Soundtrack) Länge: 0'44 O-TON 04: (Heidi Spanl) „Erst einmal finde ich es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Schuldgefühle nichts direkt mit Schuld zu tun haben. Also, man hat sich keine Schuld aufgeladen, nur weil man ein Schuldgefühl hat, die existieren sozusagen unabhängig davon.“ SPRECHER: Ihre Entstehung belegt es, erklärt die Psychoanalytikerin Heidi Spanl. Kinder kommen ohne eigene Schuld, also „unschuldig“ zur Welt. (Auch wenn die Lehre von der Erbsünde etwas anderes behauptet.) SPRECHERIN: Trotzdem verfügen Neugeborene offenkundig über die Fähigkeit, Schuldgefühle zu entwickeln. Der Lernprozess beginnt mit der Geburt. O-TON 05: (Heidi Spanl) „Man kann sich das ganz schwer nur vorstellen. Aber dass Erwachsene den Kindern schon, den Neugeborenen ein Stück Schuldgefühle auch vermitteln für bestimmte Dinge, die sie tun, dass sie besonders laut brüllen, wenn sie Hunger haben und nicht sofort gestillt oder gefüttert werden.“ SPRECHER: Ein „Nein“ folgt dann vielleicht als Reaktion. Oder ein Stirnrunzel, ein Zögern, ein Genervtsein. SPRECHERIN: Säuglinge nehmen die Forderungen ihrer Umgebung wahr. Abhängig wie sie sind, passen sie sich immer auch den Bedingungen an. Empathisch zu sein, erweist sich als nützlich. Auch in späteren Jahren. O-TON 06: (Heidi Spanl) „Also, man möchte eigentlich auch den Eltern, den Pflegepersonen gefallen, damit man nicht ausgestoßen wird, damit man geliebt wird, damit man Anerkennung bekommt. Das brauchen wir einfach.“ SPRECHER: Ohne Zuwendung, ohne positives Feedback kann der Mensch, das soziale Wesen, nicht überleben. Es gilt, die Spielregeln möglichst schnell und gut zu verinnerlichen, um zu wissen, was „man“ tut und was „man“ nicht tut. MUSIK 3 "Massage" - Komponist: Daniel Pemberton - Album: The Haunted Airman (Soundtrack) Länge: 0'39 O-TON 07: (Heidi Spanl) „Man muss ja erst mal ein Gewissen entwickeln. Man kommt mit seinen Wünschen, also mit seiner triebhaften Ausstattung, mit den Instinkten auf die Welt, aber man hat noch keine Psyche und auch kein Gewissen: was ist gut, was ist böse?“ SPRECHERIN: Das ist die zentrale Frage. SPRECHER: Das biologische Programm lässt den Menschen nach egoistischer Wunsch- oder Triebbefriedigung streben. Das Gewissen, das sich dann im Laufe der Erziehung über positive und negative Verstärkungen Schicht für Schicht herausbildet, wirkt wie eine Art Korrektiv. SPRECHERIN: Sigmund Freud nannte diese innere Instanz „Über-Ich“. Es versucht, das „Ich“, das mehr oder weniger bewusst agierende Ego des Individuums zu dirigieren. Die Psychoanalytikerin Heidi Spanl erklärt: O-TON 08: (Heidi Spanl) „Das Über-Ich ist die Instanz, die alle Normen, alle Verbote aufnimmt, natürlich wieder vermittelt durch die Eltern auch, aber auch durch die Gesellschaft, durch die Sozialisation.“ SPRECHERIN: Wer gewissen Normen und Erwartungen entspricht, wird belohnt. Auch durch das eigene gute Gewissen. Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. MUSIK 4 "End Credits" - Album: Shame - K und A: Harry Escott SPRECHER: Ganz anders das schlechte Gewissen, das sich in Schuldgefühlen äußert. Sie können für schlaflose Nächte sorgen. SPRECHERIN: Je nachdem wie rigide das Über-Ich ist beziehungsweise wie versagend die Erziehung war: Wer es wagt, eine verinnerlichte Regel zu brechen und einer an sich verbotenen Lust zu frönen, handelt sich „zur Strafe“ mal heftigere, mal schwächere Unlustgefühle ein. Im Brav sein, im Verzicht liegt also ein emotionaler Gewinn. Denn das Gewissen schweigt. SPRECHER: Das ist der Sinn und Zweck der Fähigkeit, Schuldgefühle zu empfinden: O-TON 09: (Kernstock-Redl) „Der Sinn liegt im Vermeiden.“ SPRECHER: Die Psychotherapeutin Helga Kernstock-Redl hat einen Ratgeber zum Thema verfasst. Sie nennt den psychischen Mechanismus einen „Kunstgriff der Natur“: Bringen Schuldgefühle die Menschen doch dazu, allgemein erwünschte, (in Anführungszeichen) „richtige“ Verhaltensweisen anzunehmen. O-TON 10: (Kernstock-Redl) „Wir haben so eine breite Straße von Verhaltensweisen, die für uns in Ordnung sind, und die gehen wir. Da folgen wir unseren inneren Regeln und spüren natürlich keine Schuldgefühle, wenn wir sie nicht brechen. Wenn wir aber diese vorgegebene Bahn verlassen, dann merken wir an diesem unangenehmen Gefühl: upps, ich bin quasi vom Weg abgekommen.“ MUSIK 5 "La marche de Henri IV (Henri IV)" - Musique de l'air de Paris - Album: Airs militaires anciens / Marches refrains batteries de la garde impériale / Fanfares royales et impériales - K: Robert Fayeulle & Robert Goutte Länge: 0'52 SPRECHERIN: Schuldgefühle erleichtern Eltern, Erziehern und staatlichen oder kirchlichen Institutionen die Arbeit. Sie sind Werkzeuge der Moral. SPRECHER: Weg geht es vom „Bösen“, hin zum Guten. Weg vom Körper, hin zum Geistigen. Weg vom Schmutz, hin zur reinen Weste. Hin zu Lob und Schulterklopfen. Die Tendenz zum Sich-Verbiegen gehört zum Programm. Wobei Schuldgefühle in einer Diktatur ganz andere Formen annehmen können als in einer Demokratie. SPRECHERIN: Helga Kernstock-Redl verweist als Beispiel auf die Kriegsgeneration, die Generation der Groß- und Urgroßeltern: O-TON 11: (Kernstock-Redl) „Da war die Regel: nur ja niemanden etwas schuldig bleiben! Das heißt, die konnten gar kein Geschenk annehmen, ohne es doppelt und dreifach zurückzuzahlen und hatten immer so dieses Gefühl, eben ein Schuldgefühl zu haben, ist das Schlimmste überhaupt. Viele kennen dann gar keine Dankbarkeit mehr.“ SPRECHER: Was eigentlich schade ist. O-TON 12: (Kernstock-Redl) „Wenn ich aber das innere Gesetz hab, ich darf nichts annehmen ohne es doppelt und dreifach zurückzuzahlen, entgeht mir dieses Gefühl der Dankbarkeit, weil es sofort überlagert wird von einem Schuldgefühl.“ SPRECHER: Es hält den Menschen auf Trab. Nur nicht lockerlassen. Geben ist seliger denn Nehmen! MUSIK 6 - "La marche de Henri IV (Henri IV)" - Musique de l'air de Paris - Album: Airs militaires anciens / Marches refrains batteries de la garde impériale / Fanfares royales et impériales - K: Robert Fayeulle & Robert Goutte Länge: SPRECHERIN: Je nachdem, welchen Prämissen eine Gesellschaft, eine Gruppe, eine Familie folgt: Schuldgefühle dienen der Dressur, dem Zurechtstutzen des Menschen, indem sie seine biologischen Anlagen, seine Faulheit, sein Begehren, kulturell überformen, also gewissermaßen veredeln. In Anführungszeichen „primitive“ Triebe oder egoistische Wünsche werden zu Gunsten sozial verträglicherer Verhaltensweisen unterdrückt. SPRECHER: Emotionale Energien werden kanalisiert. Die Psychoanalyse nennt den Vorgang „sublimieren“, erklärt Heidi Spanl. O-TON 13: (Heidi Spanl) „Durch die Schuldgefühle gelingt es dem menschlichen Individuum, das Triebhafte zu sublimieren, das heißt eben, anders zu nutzen als jetzt nur in einer triebhaften Wunschbefriedigung, und aber auch zu transformieren, also das Triebhafte in uns kann über Schuldgefühle sublimiert und transformiert werden.“ SPRECHER: Du sollst lieber beten statt morden. Arbeiten statt trinken. Lesen statt liederlich sein. So trägt das schlechte Gewissen des Einzelnen zum Gemeinwohl des größeren Ganzen bei. Es hat beileibe nicht das private Glück im Auge. SPRECHERIN: Nein! Schuldgefühle etablieren die Pflichterfüllung als wichtiges Gebot. Sie liefern den Kitt menschlicher Gemeinschaften: O-TON 14: (Kernstock-Redl) „Sie halten Gemeinschaften aufrecht, weil sie Konflikte vermeiden helfen, weil sie so einen moralischen Überbau gewährleisten, weil wir einander vorhersagbar werden dadurch, weil ich ungefähr weiß oder hoffen darf, dass sich die anderen in meiner Gemeinschaft an dieselben Regeln halten wie ich.“ MUSIK 7 "Litany of Bananas" - K: Harry Escott - Album: River (Original Television Soundtrack) SPRECHER: Doch schon Sigmund Freud warnte vor dem „Unbehagen in der Kultur“. Die Decke der Zivilisation ist dünn. Darunter brodelt es. Verlangen die Schuldgefühle dem Menschen unterm Strich vielleicht zu viel an Selbstbeherrschung und Triebverzicht ab? SPRECHERIN: Hinzu kommt: die verinnerlichten Regeln können jeglicher Vernunft und Logik entbehren. Jedes Individuum verfügt ja über sein ganz persönliches Schuldgefühl, also über ein ganz persönliches Sammelsurium innerer Richtlinien, die sich auf unterschiedliche Weise manifestiert haben. O-TON 15: (Kernstock-Redl) „Diese sind anerzogen, beobachtet, eingeredet, sind eigene Schlussfolgerungen, wir erschaffen unsere Regeln auch ganz selber, also da sind auch eigene Schlussfolgerungen dahinter.“ SPRECHER: Schuldgefühle stellen den Sinn der Regeln, deren Einhaltung sie steuern, nicht in Frage. Vielmehr sorgen sie dafür, dass sich auch problematische oder gar schädliche Überzeugungen verfestigen. Zum Beispiel: O-TON 16: (Heidi Spanl) „Wenn Kinder nicht erwünscht sind, also keine Wunschkinder sind und immer das Gefühl haben, irgendwie eine Schuld zu tragen, dass sie überhaupt da sind oder wenn ein Geschwisterkind gestorben ist, dass sie dieses Kind ersetzen sollen und merken, sie schaffen das nicht.“ (REISST ETWAS AB) MUSIK 8 "Litany of Bananas" - K: Harry Escott - Album: River (Original Television Soundtrack) SPRECHER: So sehr sie sich auch bemühen: das Schuldgefühl bleibt. Denn die innere Regel, die die Bezugspersonen - wie auch immer - vermittelt haben, lautet: SPRECHERIN: Du bist nicht richtig, so wie du bist. Ein anderes Kind glaubt vielleicht: du bist nur richtig, wenn du dich still und unauffällig verhältst. SPRECHER: Oder jemand hat die Regel verinnerlicht, dass man alle Versprechen halten muss: O-TON 17: (Kernstock-Redl) „Das ist schon ein Gesetz, das extrem ist. Da werde ich relativ oft in meinem Leben Schuldgefühle haben. Wenn der Durchschnitt meiner Umgebung denkt: na, ich halte Versprechen, wenn es irgendwie geht, aber wenn nicht, macht es auch nichts. Die werden mir dann sagen: ja, was tust du dir an? Es ist halt manchmal so, man kann Versprechen nicht einhalten, Dinge ändern sich, das heißt, die können dann vielleicht gar nicht nachvollziehen, dass ich ein Schuldgefühl hab.“ SPRECHERIN: „Schuld“ und „Soll“ oder „Sollen“ haben dieselben sprachlichen Wurzeln. Es geht um Defizite, die ausgeglichen werden „sollten“. Wie auch immer. MUSIK 9 "Litany of Bananas" - K: Harry Escott - Album: River (Original Television Soundtrack) SPRECHER: Es ist gehupft wie gesprungen: Ob man sie nun brav vermeidet oder im Nachhinein das Zwicken ertragen muss - vor Schuldgefühlen gibt es kein Entkommen. SPRECHERIN: Nur gewissenlose Menschen kennen sie nicht. SPRECHER: Bestenfalls werden Schuldgefühle von freundlicheren Emotionen in Schach gehalten oder durch so etwas wie Gelassenheit abgemildert. SPRECHERIN: Aber es bleibt ein ständiges Ringen um psychische Stabilität. Vor allem bei Menschen, die die Moral hochhalten, kann schnell eine Katerstimmung überhandnehmen. SPRECHER: Oder das schlechte Gewissen breitet sich immer wieder aus, weil nahestehende Personen dazu neigen, ihr Befremden zu äußern - nach dem Prinzip: Wie konntest du nur? Das geht ja wohl gar nicht. O-TON 19: (Kernstock-Redl bei 23 Min) „Wir alle kennen so Menschen, die durch die Welt gehen und Vorwürfe ausstrahlen oder anderen ständig Vorwürfe machen, also ein Schuldgefühl suggerieren. Und das kann man sich dann schon auch mal einreden lassen. Und man entwickelt dann ein Schuldgefühl, obwohl man außerhalb der Beziehung, wenn man quasi sich wieder ein bissel wachgerüttelt hat, sich denkt: ich bin ja überhaupt nicht schuldig, warum lasse ich mir ein Schuldgefühl einreden?“ SPRECHER: Vielleicht weil man weiß, dass der Mensch schuldig werden kann, ohne es zu wollen. Wie schnell verstößt man gegen ungeschriebene Gesetze und Konventionen. Also lieber den Kopf einziehen. MUSIK 10 "End Credits" - Shame - K und A: Harry Escott SPRECHER: Wenn Schuldgefühle ausufern, wenn sie sich ständig vorwurfsvoll zu Wort melden. Wenn sie überlaut werden, dann geht die Lebensfreude verloren. SPRECHERIN: Dann zeigt das innere (oder auch ausgesprochene) Meckern, Mahnen und Hadern, dass die psychische Verfassung massiv aus dem Gleichgewicht geraten ist. Etwa, weil eine seelische Erkrankung vorliegt, ein Burnout oder eine Depression vielleicht. O-TON 21: (Kernstock-Redl) „Eine Untergruppe von depressiven Menschen leidet vorrangig unter Grübelzwängen und die drehen sich sehr oft um Schuld oder um Versagen, die eigene Schlechtigkeit.“ SPRECHER: Als wäre der eigene Zeigefinger immer erhoben: Der Ton war zu schrill, der sprachliche Ausdruck unangemessen, das Verhalten schlichtweg falsch. Und überhaupt kriegt man wohl nichts mehr auf die Reihe. wenn Schuldgefühle zu quälenden inneren Gesprächen werden, leidet das Selbstwertgefühl extrem. Als würde man nur noch durch die Gegend schleichen. SPRECHERIN: Oder ist es nicht eher umgekehrt: Dass ein schwaches Selbstwertgefühl drückenden Schuldgefühlen Tür und Tor öffnet? SPRECHERIN: Kann sein, sagt Helga Kernstock-Redl. Wer von übertriebenen Schuldgefühlen beherrscht wird, gleicht schlichtweg einem bankrotten Schuldner. O-TON 22: (Kernstock-Redl) „Ein innerer Faktor, der Schuld begrenzt, sind Rechte. Wenn ich ein Recht habe, etwas zu bekommen, dann entsteht keine Rückzahlungsverpflichtung. Das heißt, ich bin nichts schuldig. Wenn Menschen für sich gar keine Rechte haben, das heißt, wenn jemandem innere Rechte fehlen, das, was man Selbstwert nennt auch, dann ist er hochgradig anfällig, enorme Schuldgefühle zu entwickeln, weil er eben keine Gegenkraft hat.“ SPRECHERIN: Deshalb neigen extrem abhängige Personen zu vermehrten Schuldgefühlen. Etwa Menschen, die in tyrannischen Beziehungen leben und ihren eigenen Willen unterdrücken. SPRECHER: Schuldgefühle machen erpressbar. Da ist die Angst vor Liebesverlust, da ist der niederschmetternde Eindruck, nichts wert zu sein. Da ist das Kreisen um die eigenen Fehler und Versäumnisse. SPRECHERIN: Weitaus produktiver wäre es jedoch, sich die Frage zu stellen: O-TON 23: (Kernstock-Redl) „Wann leide ich so sehr, dass ich den Eindruck hab, ich kann mein Leben gar nicht mehr genießen. Und spätestens dann ist es wichtig, sich das Gefühl selber mal anzuschauen und dagegen vorzugehen, es zu überprüfen: ist es real?“ SPRECHER: Also: Hat man wirklich so viel Schuld auf sich geladen, dass die anhaltenden Schuldgefühle gerechtfertigt wären? SPRECHERIN: Selbst wenn jemand seinen Mann verlassen hat oder Insolvenz anmelden musste… SPRECHER: Die Psychotherapeutin Helga Kernstock-Redl empfiehlt, nach den inneren Regeln hinter den Schuldgefühlen zu suchen, also erst einmal überhaupt zu erkennen, was die wahre Ursache ist. Als da wäre etwa das Verbot, Nein sagen oder auf das persönliche Wohlbefinden achten zu dürfen.

  8. Der Fisch im Menschen - Unser evolutionäres Erbe

    04.08.2025 · 23 Min.

    Der Mensch ist ein Tier unter Tieren, Ergebnis einer Milliarde Jahre dauernden Evolution. Spuren dieser Geschichte des Lebens sind in unserem Körper zu finden: Im Aufbau unseres Skeletts, in der Struktur unserer Organe, im Aufbau unserer Zellen. Evolutionär sind wir eigentlich Fische, die an Land gegangen sind und mit ihren früheren Flossen heute die Welt gestalten. Autor: Geseko von Lüpke (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Geseko von Lüpke Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Birnstiel, Susanne Schroeder, Johannes Hitzelberger Technik: Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Thassilo Franke (Biologe an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns), Neil Shubin (Paläontologie-Professor an der University of Chicago), Joachim Haug (Prof. f. Zoomorphologe am GeoBioCenter der Universität München), Reiner Schoch (Professor f. Paläontologie an der Universität Hohenheim), Walter Salzburger (Professor f. Evolutionsbiologe an der Uni Basel), Axel Meyer (Prof. f. Evolutionsbiologie Universität Konstanz) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Urvogel Archaeopteryx - Beweisstück der Evolution? JETZT ENTDECKEN Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessen JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Harrison, Keith: Du bist (eigentlich) ein Fisch. Die erstaunliche Abstammungsgeschichte des Menschen, Spektum Akademischer Verlag 2007 Shubin, Neil: Der Fisch in uns. Eine Reise durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers, Fischer-Verlag 2010 Filmtipps: ‚Your inner fish‘ Website Your Inner Fish | PBS, Watch Your Inner Fish (pbs.org) ‚Der Fisch in uns‘ Der Fisch in uns Dokumentation in 3 Teilen Episodenguide – fernsehserien.de Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Was sehen Sie, wenn sie morgens ins Badezimmer kommen und aus verschlafenen Augen einen ersten Blick in den Spiegel wagen? Ringe unter den halbgeöffneten Augen? Eine zerknautschte Frisur, die wachsenden Geheimratsecken, das leidige Doppelkinn oder – in Ganzkörper-Sicht – zu viel Fett irgendwo? SPRECHERIN Thassilo Franke, Münchner Biologe an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, hat morgens einen ganz anderen Blick. Und nicht, weil er gerade mit Taucherbrille und Schnorchel in seiner Badewanne unterwegs war. Sondern weil er evolutions-wissenschaftlich sich selbst in Augenschein nimmt: 1. ZUSPIELUNG Wort 13:49) Eigentlich, wenn Sie sich in den Spiegel schauen, dann sehen Sie den Fisch überall. Man sieht den Fisch in der Haut, man sieht den Fisch in den Haaren, man sieht den Fisch in den Ohren, in der Nase, in den Augen, in den Zähnen, in den Extremitäten. Überall haben wir Merkmale, wo wir Vorläuferstrukturen auch an unseren schuppigen, kiementragenden Vorfahren im Wasser nachweisen können. (0:56) Wir sind eigentlich Fische, die sich auf ihren Bauchflossen durchs Leben bewegen, die zu Beinen umgewandelt wurden und die mit ihren Brustflossen, die unsere Hände darstellen, die fantastischen Sachen machen können. Ich meine, mit unseren fünf Flossenstrahlen pro Brustflosse können wir Sonaten auf dem Klavier spielen. ZUSPIELUNG Musik 1 Klaviersonate von J.S. Bach, (schon drunter, kurz frei, unter Text) SPRECHER Moment mal! Klavierspielende Fische? Wesen mit Flossen, Kiemen, Gräten, Schuppen? (Musik weg) SPRECHERIN Genau diese! Wer mit dem Wissen der Evolutionsforschung und der Paläontologie auf den Menschen schaut, schaut quasi in ihn hinein, sieht Schichten von Geschichte in der Haut und darunter. Kann sehen, wie dieses Wunderwerk Mensch sich über die Jahrmillionen herausformte. Sieht Vorfahren, die zwar noch nicht am Flügel saßen (Musik wieder lauter), aber schon die Gliedmaßen besaßen, die ein paar Millionen Jahre später Bach-Kantaten zum Klingen bringen. Neil Shubin, Paläontologie-Professor an der University of Chicago und Autor des Buches ‚Der Fisch in uns‘ spricht im gleichnamigen Dokumentarfilm ganz ohne mystische Nebel von den ‚Geistern der Vergangenheit‘: OVERVOICE_SPRECHER: 2. ZUSPIELUNG Wort 1:00:14) When I look at my fellow humans, I see ghosts of animals past … Wenn ich auf meine Artgenossen schaue, sehe ich die Geister der vergangenen Tiere. Flüchtige Momente einer epischen Geschichte, die in uns allen verborgen ist (…) Wie unsere Hände zugreifen, mag uns noch an unsere Ahnen unter den Primaten erinnern. Aber schon wie unser Gehör sich formte, datiert zurück auf eine Spitzmaus. Und je weiter wir zurückgehen, desto fremdartiger wird es: (1:1:44) Richtig abenteuerlich wird es, wenn wir nach den längst verschwundenen Verwandten suchen, jenen Fischen, die vor Hunderten von Millionen Jahren aus dem Wasser an Land krochen. Ob es der Nacken oder unsere Lunge ist, unsere Extremitäten oder Hände – wir verdanken diesen mutigen Pionieren eine ganze Menge. Wenn Sie also wirklich verstehen wollen, wieso sie so gebaut sind, wie sie sind, wird es Zeit ihrem inneren Fisch zu begegnen.… time to meet your inner fish. SPRECHER Neil Shubin weiß, wovon er spricht. Er wurde weltberühmt, weil er nach 15 Jahren Steineklopfen 2008 ebenjenes Fossil aus dem Gestein der arktischen Küsten Westkanadas herausarbeitete, dass als bislang fehlende Verbindung, als sogenanntes ‚missing link‘ zwischen Wasser- und Landwesen gilt: Tiktaalik, ein Wesen zwischen Fisch und Amphibie, das aber schon Oberarmknochen, Elle, Speiche und Fingerknochen entwickelt hatte, wie sie als Grundmuster in jedem Mensch der Gegenwart zu finden sind. SPRECHERIN Und tatsächlich: Wer den Stammbaum aller Wirbeltiere zurückverfolgt, trifft irgendwann vor einer halben Milliarde Jahre auf einen gemeinsamen Vorfahren, aus dem sich Knorpelfische wie der Hai und Knochenfische wie zum Beispiel der Barsch entwickelten. Und letztere – die Knochenfische – wurden zu den Abenteurern der Evolution. Denn aus ihnen wiederum entwickelten sich Fleischflosser, wie die Lungenfische, die sich in den seichten Gewässern der Urmeere tummelten und neue Sinne und Formen entwickelten, erklärt Prof. Joachim Haug, Zoomorphologe am GeoBioCenter der Universität München … 3. ZUSPIELUNG Wort 13:18) Wir sind hochspezialisierte Fische. Und viele von den Merkmalen, auf die wir als Landwirbeltiere so stolz sind, die können wir relativ weit zurück verfolgen in der Evolution. (13:25) Wir haben eine Lunge, viele Fische haben eine Schwimmblase. (14:11) Das heißt, Lunge geht ganz weit zurück in der Evolution. Zum Beispiel ein Kiefer mit Zähnen ist ein Merkmal, das ja ganz früh eine Rolle spielt. (15:06) Einer unserer wichtigsten Sinnesorgane ist der Tastsinn. Der Tastsinn geht zurück auf die Seitenlinienorgane von vielen Fischen. (15:25) Genauso natürlich Linsenaugen, Wahrnehmung von Licht, das geht auch alles zurück auf diese Tiere, das ist da bereits evolviert mit dem komplexen Nervensystem, das dahinter steht, die Muskulatur, die Augen bewegen können. (15:56) Alles in Bezug auf Fische. SPRECHER Es liegt nahe und ist doch so fremd. Wer eine Forelle ausnimmt, findet in ihr Herz, Niere, Leber, Galle, Gehirn, Augen – ein Grundbauplan, der sich historisch in Wirbeltieren aller Art fortsetzte. Doch der ‚innere Fisch‘ findet sich auch im Blutkreislauf, im Salzgehalt unseres Körpers, der dem der Meere entspricht. Und wer im Restaurant mühsam das Fleisch von den Gräten trennt, mag sich angesichts der pieksigen Knöchelchen erinnert fühlen an die Rippen, welche die eigene Lunge schützen. SPRECHERIN Doch der detaillierte Blick auf den Fisch im Mensch ist eine Reise in die Tiefen der Zeit, ins ‚Erdaltertum‘ – das Paläozoikum, das Kambrium vor 540 Millionen Jahren. Zurück in eine Zeit, in der sich explosionsartig die Lebensformen fast aller Tierstämme entwickeln sollten. Eben aufgrund von kreativen zufälligen Erfindungen der Evolution, die sich in den Tiefen der Meere in winzigen Schritten Leben für Leben entwickelten. Aber ohne einen Plan, wozu das einmal gut sein sollte: Für Wesen, die aus dem Wasser klettern sollten, Millionen Formen annahmen, Säugetiere wurden, ja, Bewusstsein entwickelten! Neil Shubin beschreibt, wie er auf der Suche nach dem ersten Landgänger, dem Tiktaalik, in der kanadischen Arktis staunend durch die Schichtungen der Zeit reiste. OVERVOICE-SPRECHER: 4. ZUSPIELUNG Wort (1:23:15) It’s hard to believe when you look out across this frozen terrain Wenn man auf diesem kargen gefrorenen Land steht, ist es schwer vorstellbar, dass hier einst eine warm-wässrige Welt war, in der das Leben schwamm. Es ist eine riesiger Spalt zwischen dieser Urvergangenheit und der Gegenwart. Aber die Steine hier berichten uns von einer Zeit vor 375 Millionen Jahren von einer riesigen Auenlandschaft voller Flüsse, die auf- und abschwollen, Sümpfe und Ströme aller Größen formten …. and streams of all different sizes. SPRECHER In solcher Ur-Szenerie haben sich wohl urtümliche knochige Lungenfische auf der Flucht vor gefräßigen Raubfischen in die flachen Uferregionen gerettet, wo nach und nach aus Schwimm-Flossen unförmige Gliedmaßen wurden, aus Fischen letztlich Amphibien. Neil Shubins Fund, den er nach der Sprache der Inuits ‚Tiktaalik‘ taufte, konnte sich schon mit seinen Flossen abstützen, den Kopf aus dem Wasser strecken und links und rechts in die Welt seiner Nachfahren schauen. OVERVOICE-SPRECHER: 5. ZUSPIELUNG Wort (1:50:02) Here was an animal, Darwin had predicted …. Hier fanden wir das Tier, das Darwin vorausgesagt hatte, ein anatomischer Zwitter. Es hatte mit Schuppen, Flossen und Kiemen Züge eines Fisches, aber auch eine Lunge. Und zu unserem Erstaunen auch einen Nacken, den frühesten, der je gefunden wurde. Der Trumpf aber fand sich in der Flosse: Da war das erste Grundmuster von einem Knochen, zwei Knochen, vielen Knochen, dass wir auch in unseren heutigen Armen finden. Da gab es sogar eine Art Handgelenk, erste Hinweise auf das was mal eine menschliche Hand werden würde. Immer wenn wir eine Hand schütteln oder den Kopf drehen, können wir uns eigentlich bei Tiktaalik und seinen Cousins des Devons bedanken, die sich an das Leben dieser urtümliche Flüsse anpassten …adapting to life in these ancient streams. SPRECHER Diese rund einen Meter lange Wesen mit krokodilartigem Schädel sollten dann vor 375 Millionen Jahren zum gemeinsamen Vorfahren aller Landwirbeltiere werden, die man als Vierfüßler in der Biologie ‚Tetrapoden‘ nennt. Sie eroberten ein fast unbegrenztes Habitat, in das ihnen kein Raubfisch folgen konnten und füllten nach und nach alle ökologischen Nischen an Land, wo es bislang nur Algen, Moose, Pilze gab, kleine Wirbellose, winzige Insekten und andere Gliederfüßler. SPRECHERIN Doch als der Landgang einmal vollzogen war, bildeten sich aus diesen Pionieren rasant und in Schüben neue Äste am Baum der Evolution: Alle Amphibien, alle Reptilien, alle Vögel, alle Plazenta- und Säugetiere. Millionenfach – von der Schildkröte bis zum Dino, vom Salamander bis zum Adler, von der Spitzmaus bis zum Primaten. Bis zu uns, die wir – wie der Biologe Thassilo Franke – heute staunend vorm Spiegel das Ergebnis dieser Zeitreise in sich selbst sehen können: 6. ZUSPIELUNG Wort 50:00) Wenn man jetzt vom evolutionsbiologischen Standpunkt das Ganze betrachtet, gibt es ja keinen intelligenten Schöpfer, der hinter all dem steht. Sondern die treibende Kraft war natürliche Selektion, genetische Drift, die eigentlich ungerichtet abläuft. (12:26) Der Weg des geringsten Widerstands in der Evolution besteht eigentlich darin, Strukturen, die bereits vorhanden sind, umzustrukturieren und einer neuen Nutzung zuzuweisen. (52:57) Und wir Menschen sind nicht mehr als einfach die Spitze eines Zweiges unter Tausenden und Millionen und Abermillionen von Zweigen, die an diesem Baum entstanden sind. Nur durch das, was unsere geistigen Fähigkeiten eigentlich uns erlauben zu tun, unterscheiden wir uns im Handeln von den vielen anderen Lebewesen. Aber was unseren Bauplan betrifft, sind wir eigentlich nichts Besonderes. SPRECHER Fische halt, ebenso wie jedes Reptil, jeder Vogel, jeder Säuger. Alles besondere, hochspezialisierte Fische. Keine gerade Linie der Entwicklung, eher ein fraktales Baum-Muster mit vielen Möglichkeiten und Richtungen. Ein Mosaik aus Lebenslinien, dass mit erfolgreichen Bausteinen immer wieder neue Körper baut, neue Sinne, neue Fähigkeiten. (Musik wieder rein) Wo nicht nur aus Flossen klavierspielende Finger wurden, sondern aus Kiemen weitere Wunder wuchsen, welche diese Worte sprechen und Ihre Ohren hören lässt, erklärt Reiner Schoch. Professor für Paläontologie an der Universität Hohenheim. 7. ZUSPIELUNG Wort 12:14) Die Tatsache, dass ich zu Ihnen sprechen kann, hängt damit zusammen, dass mein Vorfahr einen Kiemenkorb hatte und ein Teil dieses Kiemenkorbes wurde, umgebaut zu dem Hyalknorpel, mit dem ich sprechen kann. Und die Tatsache, dass die Zuhörer mich hören können, liegt ebenso an diesem Kiemenkorb, denn ein anderer Teil dieses Kiemenkorbes wurde zu einem Gehörknöchelchen umgebaut. Das ging nicht mit einem Schritt, sondern, wie vorhin bereits erwähnt, über viele kleine Einzelschritte, bei denen jeder so ein bisschen in eine neue Richtung geführt hat. (22:05) Das heißt, wir sind ein Teil der Fische. Zusammen mit den Haien und den Knochenfischen bilden wir eine Teilgruppe der Fische. Und natürlich zusammen mit den Stachelhäutern, also zum Beispiel den Seeigeln oder zusammen mit der Stubenfliege bilden wir die Tiere. SPRECHER Die innere Stubenfliege? Auch das! Ihr Körper ist genetisch genau wie unserer in Kopf, Rumpf und Extremitäten gegliedert – uralte ‚Hox-Gene‘ geben diesen Aufbau seit Urzeiten von Wesen zu Wesen weiter. Und der innere Hai? ZUSPIELUNG Musik 3 (Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht…) SPRECHERIN Bei der Moritat von Mecky Messer aus der Dreigroschenoper aber irrte Texter Bertolt Brecht vor rund 100 Jahren. Zwar können Menschen sich wie Raubfische verhalten! Aber Haie tragen ihre Zähne nicht nur im Gesicht, sondern – das wissen wir heute – als winzige schuppige Hautzähnchen am ganzen Körper: Von wo sie dann auch in den menschlichen Mund gewandert sind. Noch einmal der Evolutionsbiologe und Haiforscher Rainer Schoch 8. ZUSPIELUNG Wort 19:30) Wir haben Zähne gemeinsam nicht nur mit Knochenfischen, sondern auch mit Haien. Und die heutigen Haie zeigen uns auch, wo die Zähne eigentlich herkommen. Denn der gesamte Körper des Haies ist überzogen mit kleinen Schüppchen, sogenannten Plakoidschuppen. Und die haben einen Aufbau, der völlig gleich ist mit dem der Zähne. Es ist also möglich, dass die Zähne erst entstanden aus solchen vergrößerten Schuppen, die am Mundrand gewachsen waren und die einfach zum Beißen umfunktioniert wurden. (20:45) Was aber auf jeden Fall klar ist, Schuppen und Zähne sind, wie wir sagen, homologe Strukturen. D.h., die sind verwandt miteinander. (21:03) Die Schuppe des Knochenfischs und mein Zahn z.B. haben einen gemeinsamen Vorfahren. SPRECHERIN Lächeln Sie sich mal im Spiegel an und ehren die 500 Millionen Jahre alten Haifischzähne im eigenen Gebiss! SPRECHER Denn natürlich endet die Verwandtschaft im Baum des Lebens nicht bei den Primaten, den Tetrapoden, den Fischen, sondern geht immer weiter zu den Wurzeln zurück. Bis man irgendwann zu einem hypothetischen Organismus kommt, der den Namen ‚LUCA‘ trägt, die Abkürzung für den ‚Last Universal Common Ancestor‘, dem Vorfahr aller Lebewesen, erklärt Prof. Walter Salzburger, österreichischer Evolutionsbiologe an der Universität Basel. 9. ZUSPIELUNG Wort 21:39) Genauso wie wir den Fisch in uns tragen, tragen wir auch den Wurm in uns oder den Einzeller in uns. An und für sich tragen wir alles in uns seit dem Ursprung des Lebens. (22:11) Und wenn wir nur weit genug zurückgehen, dann haben Pflanzen, Pilze, Bakterien und wir, als Menschen, Primaten, als Wirbeltiere, gehen wir alle auf diesen Ursprung des Lebens zurück. Und grundlegende Prozesse in unserem Körper, grundlegende zelluläre Prozesse und damit auch die genetischen Bauplan dafür, den teilen wir beispielsweise mit allen Tieren und somit auch mit allen Würmern oder sogar noch weiter zurück, mit allen Vielzellern, also mit den Pflanzen und den Pilzen. (22:54) Wo wir uns in diesem verschachtelten System sehen wollen, das ist eine willkürliche Einteilung, aber widerspiegelt ja eigentlich nur die Evolution des Lebens auf unserem Planeten. SPRECHER Und von dort, jenem Urknall des Lebens, führt letztlich die genetische Leiter der DNA aufwärts durch die Zeitalter des Lebens, Abermillionen von Lebensspannen mit unendlich vielen Experimenten und Erfahrungen, die letztlich alle in den Genen kodiert sind – wie eine komplette Aufzeichnung der Evolutionsgeschichte. SPRECHERIN Sie findet sich bis heute in jeder Befruchtung aus männlichem Samen und weiblicher Eizelle zu einem neuen Schriftsatz zusammen. Und dann durchläuft der immer wieder einmalige Organismus tatsächlich im Mutterleib im Zeitraffer große Teile der evolutionären Reise noch einmal. Weil sich wie im Baukasten eins aus dem anderen bilden muss, erklärt Evolutionsbiologe Axel Meyer aus Konstanz 10. ZUSPIELUNG Wort 21:40) Also wenn sich beim menschlichen Embryo eine Hand oder ein Bein entwickelt, dann kommt erst so eine Art Flosse, so eine Art Paddel. (23:10) Zum Beispiel haben auch wir ursprünglich als frühe Embryos Kiemenspalten, die ja auch Fische haben. (24:15) Und das ist ein altes Muster in der Evolution, der Aufbau des Körpers in Segmenten, der eben schon in Fischen und in allen Wirbeltieren ganz früh als Embryo sichtbar ist. Ganz früh in der Embryonalentwicklung sind die Gemeinsamkeiten viel größer. Zu späteren Stadien in der Entwicklung kommen die Unterschiede, die sich dann eben zeigen in einer Entwicklung eines Pferdefußes oder eines Flügels einer Fledermaus im Vergleich zu einer Hand eines Primaten. Man kann diese Schritte nicht auslassen oder überspringen. (((29:00) Das sind hinkende Metaphern des Bauplans, wie die Gene miteinander agieren. Da ist eher die Musik der Veränderung drin. Es geht weniger darum, dass grundsätzlich andere Wege beschritten werden, sondern eher darum, dass sich die Melodie der Musik irgendwo klein wenig ändert - nicht viel mehr.)) SPRECHERIN Kaum zu glauben: Jeder von uns war in den ersten Tagen seiner Existenz erst eine Art Urzelle, eine Art Kaulquappe, ein Fisch, ein Tetrapode, ein noch undifferenziertes Säugetier, bevor wir zum menschlichen Embryo wurden – eine auf Wochen verdichtete Zeitreise durch eine Milliarde Jahre Evolution. SPRECHER Man hat die Evolution einen ‚faulen Kopierer‘ genannt, einen Zufalls-Architekten, aber auch mit einen spielenden Bastler oder alte Rezepte variierenden Koch verglichen, Bäume und Mosaike als Metaphern für die wundersame Entwicklung des Lebens bemüht. Heute zeigt sich die evolutionäre Reise eher als ein fraktales Netzwerk der Anpassung, ohne eindeutige Richtung, ohne Ziel, ohne Hierarchien, sagt Prof. Joachim Haug vom GeoBioCenter der Ludwig-Maximilians-Universität München 11. ZUSPIELUNG Wort 25:00) Dieses ewige Weiter und Höher, das ist nicht überall der Fall. (((25:50) Wir sehen das gerne so, weil wir aus unserer Perspektive auf die Evolution runtergucken. (25:21) Vor 100 Millionen Jahren hatten wir auch schon Tiere, die so hoch entwickelt waren wie heute. (28:38) Da gibt es nicht ‚Wir sind höher als die!‘, sondern es gibt immer diese Dinge, die nebeneinanderstehen. Es gibt ja keine Überhöhung in irgendeiner Form. )) (48:53) Der Mensch stammt nicht vom Affen ab. Der Mensch ist ein Affe. (49:05) Der Mensch ist ein Fisch. Es gibt keine Möglichkeit, uns da rauszunehmen. (((28:56) Bei strikter Anwendung des philosophischen Hintergrundes gibt es keine Hierarchisierung in dieser Form. Wir sind Teil des Ganzen, wir stehen da nicht raus (49:10))) Das heißt, wir sind plötzlich mit all dem verbunden in unserem körperlichen Sein. Wir sind Teil dieses Ganzen. (49:27) Es entthront einen ein Stück weit. ((Also das ist glaube ich wirklich die Konsequenz, die man ziehen muss.)) Der Mensch als Art ist nicht besonders hervorgehoben in diesem System. ((Wenn wir uns den Impact anschauen würden, könnte man sogar so weit gehen, wenn der Mensch aus dem System rausfallen würde, wäre das für das System wahrscheinlich eher besser, als dass es schädlich wäre. (49:55) Es sieht zumindest so aus, als ob das alles auch ohne uns gut weitergehen könnte.)) SPRECHER Es geht weiter. Alles ist möglich, sagt die Evolutionsforschung. Und wie es weitergeht, bestimmt der geniale Zufallsgenerator der Evolution. Ob mit oder ohne Menschen, daran sind wir selbst beteiligt. SPRECHERIN Und manches spricht dafür, dass der Homo sapiens dafür begreifen müsste, dass er einerseits Teil einer wunderbaren großen ästhetischen Ganzheit ist. Und andererseits nicht mehr als ein einfacher Knochenfisch. Thassilo Franke von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns zuckt mit den Schultern, schaut aus dem Fenster - und sagt: 12. ZUSPIELUNG Wort 51:08) Ich muss zugeben, ich sehe da laufende Fische. Ich finde das aber auch nicht erniedrigend, weil ich finde das eigentlich großartig, dass wir nichts anderes sind als landbewohnende Fleischflosser. Je mehr man eigentlich solche Bilder im Kopf hat, desto ehrfürchtiger wird man eigentlich, weil man sieht, was alles im Laufe der Jahrmillionen sich für unglaublich faszinierende Anpassungsstrategien entwickelt haben. Wie zum Beispiel Fische, die an Land leben, den aufrechten Gang beherrschen, die mit ihren Brustflossen Dinge fabrizieren wie eine Mona Lisa, wie ein Quantencomputer, wie eine fantastische Sonate auf dem Klavier spielen können. Das finde ich einfach faszinierend.

  9. Bauen mit Atombomben - Zivile Projekte während des Kalten Krieges

    02.08.2025 · 24 Min.

    Atombomben zünden im eigenen Land? Ganze Bergketten pulverisieren für eine Autobahn? Oder gleich einen Durchbruch vom Atlantik zum Pazifischen Ozean mit einigen Nuklearexplosionen graben und dafür Millionen Menschen umsiedeln? Klingt absurd. Und doch gab es in der Zeit des Kalten Krieges in der Sowjetunion und den USA ernstzunehmende Überlegungen dazu. Autor: Markus Mähner (BR 2025) Credits Autor: dieser Folge: Markus Mähner Es sprachen: Burchard Dabinnus, Hemma Michel, Friedrich Schloffer; Peter Veit Technik: Robin Auld Redaktion: Thomas Morawetz Geschichte: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen | JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Ein Werbefilm der Amerikanischen Atomenergiebehörde, der AEC… AEC 2: "The 100kT Nuclear Explosion excavated more than 6 Million cubic Yards of Earth in a Matter of Seconds. SPRECHER Er beschreibt begeistert, wie in nur wenigen Sekunden gut viereinhalb Millionen Kubikmeter Erde weggesprengt wurden. AEC 2: The result was a crater more than 12000 Feet in Diameter, the length of 4 Football-Fields and 325 Feet Deep - the height of a 32-storey Building. Created in less time than it takes to describe it." SPRECHER Ein Krater blieb, der so tief war wie ein 32-stöckiges Hochhaus! Wie war das zu schaffen? – Die AEC schwärmt in dem Film von den Folgen eines Kernwaffentests im Testgelände Nevada vom 6. Juli 1962, dem sogenannten Project Sedan. Und diese hocheffiziente Sprengung war angeblich ohne gravierende Nebenwirkungen zu haben. Denn: 95 Prozent der freigesetzten Radioaktivität verblieben im Krater, hieß es. Die restlichen 5 Prozent seien gleich daneben niedergegangen, so die AEC. MUSIK m01 Manhattan Project, Oppenheimer OST, Ludwig Göransson SPRECHERIN Die Wirklichkeit jedoch sah ein wenig anders aus: Tatsächlich war der radioaktive Niederschlag ungefähr fünfmal so hoch wie erwartet. Ein Wissenschaftler mit Studenten von der Universität Utah war zufällig genau an diesem Tag mit Geigerzählern unterwegs. Auch wenn sie über 600 Kilometer von der Sprengung entfernt waren, so war die radioaktive Belastung doch so hoch, dass sie unverzüglich in die Universität zurückkehrten. Noch Monate später wurde – wenn auch nur geringer - radioaktiver Fallout bis in die Nähe von Chicago nachgewiesen. Über 2000 Kilometer entfernt! Heute geht man davon aus, dass durch Sedan etwa 7 Prozent der Bevölkerung der USA, also ungefähr 13 Millionen Menschen radioaktiv belastet wurden. SPRECHER Sedan war nur einer von vielen Kernwaffentests, die die USA im Namen der „friedlichen“ Erforschung dieser unglaublichen Kraft durchführten. Das sogenannte „Plowshare“-Programm sollte zeigen, dass man damit Häfen, Kanäle, Straßen oder Speicherseen bauen könnte. AEC 1: This is the peaceful potential of nuclear explosives that the US is developing for all mankind in a program it calls PLOWSHARE." - Musik SPRECHER „Friedliche Nukleare Sprengungen für den Nutzen der ganzen Menschheit“. Nichts weniger versprach der Werbefilm der AEC. Kaufman 21 (Über Musik von AEC 1) Well, I was fascinated by it because I happened to come across it while working on a different project, and I thought: This cannot be true! But it was! It's it's another example of the idea that science has all the answers, when sometimes science doesn't. VO: Ich bin zufällig darüber gestolpert und dachte mir: Das kann nicht wahr sein! Aber es war Wirklichkeit! Ein weiteres Beispiel für die Vorstellung, die Wissenschaft hätte Antworten auf alle Fragen. Aber so ist es einfach nicht! SPRECHERIN Scott Kaufmann, Historiker an der Francis Marion Universität in South Carolina, hat sich ausführlich mit dem Projekt Plowshare beschäftigt und letztlich ein ganzes Buch darüber geschrieben. Darin setzt er sich unter anderem mit seiner eigenen Verwunderung auseinander. Seiner Verwunderung darüber, wie Menschen in den 1950er und 1960er Jahren der Idee verfallen konnten, Kernwaffen im eigenen Land einzusetzen, lediglich, um Gräben – wenn auch recht große – zu graben. Eine Verwunderung, die er heute wohl mit den meisten Menschen teilt. SPRECHER In den Nachkriegsjahren war das anders. Damals galt die Kernenergie als verheißungsvolle Energiequelle für ein paradiesisches Zeitalter: Kaufman 19 [...] We have to keep in mind that there was and I think still is enormous faith in science. [...] And if we look back at the 1950s, which is when Plowshare began, there was this idea that everybody would have their own private plane, that they would fly around. That we [...] would get to the moon by the end of the century and even have bases on the moon. This faith in science and what it could do for us, what it could achieve. And that's a part of Project Ploughshare: This faith in science. You tie into that Dwight Eisenhower's idea that he gave 1953 called „Atoms For Peace“: VO: Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt einen starken Glauben an die Kraft der Wissenschaft. Besonders in den 1950er Jahren, als das Projekt Plowshare anfing. Man dachte: Jeder würde bald seinen Privatjet haben, man würde Mondbasen bauen. Dieser ungebremste Glaube an die Fähigkeiten der Wissenschaft spiegelt sich auch in Dwight D. Eisenhowers berühmter Rede vor den Vereinten Nationen wider, der „Atoms for Peace“-Rede von 1953: Eisenhower: "It is not enough to take this weapon out of the Hands of the soldiers. It must be put in the Hands of those who have the Know-how to strip its military casing and adapt it to the Acts of Peace. The United States knows that if the fearful trend of atomic military build-up can be reversed, this greatest of destructive forces can be developed into a great boon, for the benefit of all mankind. ZITATOR „Wir müssen diese Waffe nicht nur dem Militär wegnehmen, wir müssen ihre zerstörerische Kraft in die Hände derer legen, die sie so weiterentwickeln können, damit sie ein Segen für die gesamte Menschheit wird,…“ Kaufmann 19b [...] So you have that in mind. And add to that the idea that this would be cheaper. It would be faster. You put it all together and you end up with this idea: yes, we can control the atom! Yes, we can make the atom do our bidding! And by doing that, we can use the atom to lead us down the path of progress, the path of modernity and do it far faster and far cheaper than by using conventional means! VO: Und wenn man zu diesen Gedanken auch noch die Vorstellung hinzufügt, es würde alles viel billiger und schneller machbar sein, dann kommt man schnell zu dem Schluss: Ja, wir können die Kraft des Atoms kontrollieren und ihm befehlen was es für uns zu tun hat! MUSIK m12 SPRECHERIN Der Glaube an die Kontrollierbarkeit einer nuklearen Kettenreaktion spiegelt sich nicht nur in Werbefilmen wie „Unser Freund, das Atom“ von Walt Disney aus dem Jahr 1956 wider: SPRECHER 1957 nehmen die USA das erste Kernkraftwerk in Betrieb. Ein Jahr später stellt Ford Pläne für das Nucleon vor, ein mit Atomkraft betriebenes Auto. Gleichzeitig läuft die Nautilus, das erste US-Atom-U-Boot, vom Stapel. MUSIK m05 (Los Alamos, Oppenheimer OST, Ludwig Göransson) SPRECHERIN Dass das Atom nicht immer nur unser Freund ist, zeigt wiederum ein Vorfall im März 1958: Ein US-Kampfjet verliert versehentlich eine Atombombe über einer kleinen Farm in South Carolina. Zwar war die Bombe nicht mit spaltbarem Material versehen; der Auslöser explodierte dennoch und hinterließ dort, wo sich einmal die Farm befand, ein 10 Meter tiefes und 25 Meter breites Loch – und einen Zweifel an den Glauben der Beherrschbarkeit des Atoms: Denn was wäre passiert, wenn die verlorene „Atombombe“ tatsächlich spaltbares Material an Bord gehabt hätte? SPRECHER Als der ein wenig aus dem Ruder gelaufene Kernwaffentest „Projekt Sedan“ im Juli 1962 stattfindet, ist das Projekt Plowshare schon viele Jahre alt und bereits in der Krise. Einen Monat später, im August, wird das erste Vorhaben des Plowshare-Programms offiziell als beendet erklärt: das Projekt Chariot, dessen Anfänge schon fast zehn Jahre zurückreichen. Scott Kaufman: Kaufman 1 What they wanted to do was to build a port using nuclear explosives. And the idea was that the port would be located near coal and oil reserves, so that way the people could use the port to ship out the coal and oil. VO: Sie wollten einen Hafen mit Hilfe von Kernwaffen bauen. Ganz in der Nähe von Kohle- und Ölvorkommen, die dann verschifft werden sollten. MUSIK m01 (Manhattan Project, Oppenheimer OST, Ludwig Göransson) SPRECHERIN Damit wollte man zeigen, welche Möglichkeiten solche Bomben für friedliche Projekte hatten. Dennoch war man sich der Gefahr der radioaktiven Strahlung wohl bewusst. Es musste also in einem wenig besiedeltem Gebiet stattfinden. Arthur Larson, stellvertretender Arbeitsminister in der Regierung Eisenhowers, hatte damals die Idee: ZITATOR „Warum nicht einen einigermaßen abgelegenen Ort – wie zum Beispiel Alaska – finden, der einen Hafen braucht, und die ganze Arbeit mit einer einzigen Explosion erledigen?“ SPRECHERIN Frei nach dem Motto des damaligen US-Verteidigungsministers „Far more bang for the buck!“ - „Mehr Wums für Piepen!" SPRECHER Edward Teller, der „Vater der Wasserstoffbombe“ und glühendster Befürworter des Plowshare-Programms ist begeistert! Und sogleich ist auch ein Ort gefunden: Cape Thompson an der Westküste Alaskas. Einziges Problem: Die Nähe zu Russland. Kaufman 5b If you can't guarantee which way the wind is going to be blowing that day - what if the wind not blows from the west, but blows from the east: You're then going to have radioactivity falling over the Soviet Union, which is not that far away, and the Soviets are not going to be happy about that. VO: Was ist, wenn der Wind an dem Tag nicht aus Westen, sondern aus Osten weht? Dann wird Radioaktivität über der Sowjetunion niedergehen. Die ist nicht weit entfernt. Und die Sowjets werden darüber nicht erfreut sein. SPRECHERIN Dass in dem Gebiet auch eine indigene Bevölkerung wohnt, scheint erst einmal niemanden zu stören. Besonders nicht Edward Teller, der Zweifel darüber, ob diese weiter jagen und fischen könnten, ein für allemal aus dem Weg räumt: MUSIK m08 (Ground Zero, Oppenheimer OST, Ludwig Göransson) ZITATOR „Wir interessieren uns nicht dafür, den Eskimo als Jäger zu erhalten. Wir wollen ihm die Gelegenheit verschaffen, in einer Kohlenmine zu arbeiten.“ SPRECHERIN Um die Bevölkerung in der 30 Meilen von Cape Thompson entfernten Stadt Point Hope zu beschwichtigen, reist im August 1958 Gary Higgins dorthin, leitender Wissenschaftler des Plowshare-Programms. Er versichert den Bewohnern, die freigesetzte Radioaktivität sei ungefährlich. Es könnten lediglich einige Scheiben in ihren Häusern kaputt gehen. Und ja, die müssten sie ohnehin für so ungefähr ein Jahr verlassen – nur um sicher zu gehen. Falls irgendetwas schieflaufen würde - was eigentlich unvorstellbar sei – dürften sie selber entscheiden, ob sie zurückkehrten oder nicht. SPRECHER Doch Higgins spricht lediglich mit den aus den USA zugezogenen Bürgern, nicht mit den Ureinwohnern, den Inupiat – die von der AEC stark unterschätzt werden: Nicht nur schreiben sie Briefe mit Bitte um Aufklärung an die Atomenergiebehörde, sie unterrichten auch andere Indigene aus ganz Alaska, was die US-Regierung mit ihrem Land vorhat. Daraus entsteht die erste landesweite Zeitung für Indigene. Kaufman 4 You had indigenous people, Eskimos, living in the area who said: We're very well aware of what happened to Hiroshima. We're very well aware of other accidents that have taken place with nuclear explosives, such as one near Bikini Atoll that ended up killing a Japanese sailor and injuring others because of the fallout. And they said: we have no evidence that you can do this safely. And there is no way that we are going to support this if you can't do this safely. And the opposition of those individuals in Alaska expanded to include scientists, politicians and others throughout the country. It became nationally known what the Atomic Energy Commission wanted to do and generated intense opposition. VO: Die Indigenen aus der Gegend sagten: Wir wissen genau, was in Hiroshima passiert ist. Wir kennen auch andere Unfälle mit nuklearen Sprengstoffen, wie zum Beispiel dem nahe des Bikini-Atolls, bei dem ein japanischer Matrose starb und andere durch den radioaktiven Niederschlag verseucht wurden. Es gibt keine Belege dafür, dass dies hier nicht passiert. Und solang dies der Fall ist, werden wir das auf keinen Fall unterstützen. Und der Widerstand dieser Indigenen in Alaska wurde landesweit bekannt und löste heftigen Widerstand in den ganzen Vereinigten Staaten aus. SPRECHERIN Das Problem war also größer als gedacht. Da half es auch nicht, dass die AEC bereits im Jahr 1959 – Alaska war soeben 49. Bundesstaat der USA geworden - Wissenschaftler in das Gebiet sandte, um Umweltverträglichkeitsuntersuchungen anzustellen. Kaufman 5 The Atomic Energy Commission, the AEC, did hire scientists, local scientists, who conducted what were called bioenvironmental surveys to try to learn more about the geology, the geography, the plants, the animals, the people living in the area. And what they were discovering was if you test something like this, if you conduct this experiment it increasingly became clear you're going to have an enormous amount of fallout that is going to cause radioactive that can have enormous amount of fallout that's going to affect the plants on which the reindeer eat - the reindeer which the locals eat. It's going to get in their systems. It is going to cause immense harm to the local ecology, is going to cause immense harm to the human population. And this would be an absolute disaster. VO: Man wollte mehr über die Geologie, Geographie, Pflanzen, Tiere und Menschen in der Region erfahren. Dabei wurde immer deutlicher: Wenn man solche Tests durchführt, kommt es zu enormen Mengen radioaktiven Niederschlags, der von den Pflanzen aufgenommen wird. Und die werden von den Rentieren gegessen. Und die Rentiere werden von der lokalen Bevölkerung gegessen. Es wird also sowohl der lokalen Ökologie als auch der Bevölkerung enormen Schaden zufügen. Das wäre eine absolute Katastrophe. SPRECHER Denn die nukleare Sprengkraft, um die es hier ging, war um einiges höher als man das bisher kannte. Kaufman 2 It started out around 500 kilotons and they reduced it to about 260 kilotons. So they kept changing the amount, but we're still talking about a huge amount of explosives. Just to give you an idea what I'm talking, what I'm explaining here: The bomb that was used in Hiroshima, Japan, that killed 100,000 people was 17 kilotons, so 17,000 tons of TNT. At Chariot we're talking about at a minimum. 260 to 280 kilotons, so many times more powerful than what was used on Japan. VO: Sie begannen mit einer Sprengkraft von etwa 500 Kilotonnen. Die wurde später auf etwa 260 Kilotonnen reduziert. Es handelt sich aber dennoch um eine riesige Menge Sprengstoff: Die Bombe, die in Hiroshima eingesetzt wurde und 100.000 Menschen tötete, hatte 17 Kilotonnen, also 17.000 Tonnen TNT. Bei Chariot sprechen wir von mindestens 260 bis 280 Kilotonnen, also um ein Vielfaches stärker als die Atombombe von Hiroshima.

  10. Klara von Assisi - Von der Adeligen zur Asketin

    01.08.2025 · 24 Min.

    Die heilige Klara von Assisi, reiche Bürgerstochter, trifft eine radikale Entscheidung: für ein Leben in einer Frauengemeinschaft in absoluter Armut. Lange galt sie nur als Gefährtin des heiligen Franziskus, heute erfährt die Heilige eine Neubewertung durch die feministische Theologie: Als erste Frau der Kirchengeschichte entwirft sie eine eigenständige Ordensregel. Von Steffi Illinger (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Steffi Illinger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Thomas Birnstiel, Peter Veit Technik: Andreas Lucke Redaktion: Karin Becker, Andrea Bräu Im Interview: Martina Kreidler-Kos, katholische Theologin, Bistum Osnabrück Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Hildegard von Bingen - Kämpferin, Komponistin, Universalgelehrte JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Weird Animals Die Welt ist im Dauerstress. Das Einzige, was hilft: Raus in die Natur – wo die kuriosesten Tiere wohnen. Bei Weird Animals widmen sich die Hosts Robinga Schnögelrögel und Tereza Hossa den schrägen, spannenden und lustigen Seiten der Tierwelt. Eine Liebeserklärung an Axolotl, Kalikokrebs und viele andere. Vor allem aber ist Weird Animals ein Comedy-Wissenspodcast. Jede Woche stellt ein Host dem anderen ein Tier vor und erklärt, was es weird macht. Dabei nehmen sie auch stets das große Ganze in den Blick – Biodiversität, Artensterben, Klimawandel und die Zukunft von Mensch und Tier. Jeden Dienstag gibt es eine neue Folge. JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Martin Kreidler-Kos, Ancilla Röttger, Nikolaus Kuster: Klara von Assisi. Freundin der Stille – Schwester der Stadt. 2015 Martina Kreidler-Kos: Lebensmutig. Klara von Assisi und ihre Gefährtinnen. 2015 Sabine Pemsel-Maier: Genderperspektiven – neue Blicke auf Klara von Assisi. 2018 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  11. Bergsturz - Bedrohte Berge

    01.08.2025 · 23 Min.

    Bergstürze gehören zur Natur der Alpen genauso wie ihre Auffaltung. Aber sie bedrohen Menschen und Infrastruktur. Geologen versuchen deshalb die Zerfallsprozesse mit Einsatz von viel Technik vorherzusehen. Von Georg Bayerle (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Georg Bayerle Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Irina Wanka, Andreas Discherl Technik: Peter Preuß Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

  12. Bergsteigerinnen - Unbekannte Heldinnen

    31.07.2025 · 22 Min.

    Der frühe Alpinismus war reine Männersache. Aber willensstarke Pionierinnen zeigten, dass Frauen auf dem Weg nach ganz oben mithalten können. Im Bergsport spiegelt sich beispielhaft ein Kapitel weiblicher Emanzipationsgeschichte. (BR 2019) Autor/in dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Katja Amberger, Julia Cortis, Christopher Mann Technik: Christian Schimmöller Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Wollen Sie noch mehr über Bergsteigerinnen hören? Dann empfehlen wir: Pionierinnen in Fels und Eis - Frauen im Alpinismus. Von Königin Marie von Bayern bis zu den Munich Mountain Girls: Ein Expeditionsbericht, der von beschwerlichen und beglückenden Touren der Bergsteigerinnen erzählt. Eine kleine Geschichte des Alpinismus aus Frauenperspektive von Justina Schreiber. BAYERN 2 | BAYERISCHES FEUILLETON | FRAUEN IM ALPINISMUS Und natürlich den Bayern 2-Podcast: Bergfreundinnen Anna, Toni und Kaddi lieben Berge. Ständig zieht es die drei hinaus und hinauf – und wenn sie nicht am Berg sind, reden sie darüber. Die Bergfreundinnen sprechen sich Mut zu, halten einander und schöpfen am Gipfel neue Kraft – für die nächste Tour und fürs ganze Leben. Sie hören zu und diskutieren Fragen wie: Wie kriegt man mehr Selbstvertrauen am Berg? Wie schaffe ich es nachhaltig Bergzusteigen? Und wie ist das eigentlich mit der Menstruation, wenn ich unterwegs bin? Es sind also eher die großen Themen des Lebens, die im Bergfreundinnen-Podcast behandelt werden. BR PODCAST | BAYERN 2 | BERGFREUNDINNEN Auch im BR Fernsehen sind die Bergfreundinnen zu sehen – in der vierteiligen Dokuserie Alpenüberquerung: BR MEDIATHEK | BERGFREUNDINNEN - ALPENÜBERQUERUNG Folge 1 von 4

  13. Earl Hamner, Erfinder der Waltons - Sehnsucht nach dem Landleben

    31.07.2025 · 23 Min.

    Gute Nacht, John-Boy - dieser Satz aus "Die Waltons" ist weltbekannt. Autor Earl Hamner hat mit der Familienserie Fernsehgeschichte geschrieben. Aber auch viele andere Filme, Reihen, Romane Hamners haben das Publikum begeistert auf ihre sehr herzliche, oft humorvolle Hamner-Art. Autorin: Susi Weichselbaumer (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Berenike Beschle, Herbert Schäfer, Clemens Nicol, Friedrich Schloffer, Rahel Comtesse Technik: Christiane Gerheuser-Kamp Redaktion: Andrea Bräu Literaturtipps: Earl Hamner und Ralph Giffin: Goodnight John-Boy – feinfühlige Einführung zur Serie „Die Waltons“ mit Biografischem zu Hamner und zur Entstehungsgeschichte sowie Episodenguide James E. Person JR., Earl Hamner. From Walton´s Mountain to tomorrow – detailreiche und umfassende Biografie zu Hamner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Graduation 1 Erzählerin Stolz, glücklich, nervös - die Absolventinnen und Absolventen in den schwarzen Roben drängen in die Sporthalle, die bestuhlt ist für diesen Anlass. Sie suchen ihre Plätze in den ersten Reihen vor der Bühne. Omas, Opas, Mamas, Papas, Geschwister, Freunde verteilen sich dahinter. Erzähler Es dauert, bis alle sitzen. 1 ZU Burke 0.21 We brought him… Ov m1 Wir hatten ihn 2004 zu uns auf den Campus eingeladen und ihm einen Preis verliehen für außerordentliche Verdienste um Film und Fernsehen. Erzählerin Erinnert sich Kevin Burke. Er ist Leiter des Studiengangs Medienproduktion an der Universität Cincinnati in Ohio. 2 ZU Burke 0.21 +45.26 And in 2008… Ov m 1 2008 kam er wieder – um einen Ehrendoktortitel anzunehmen. Und er hat die Abschiedsrede gehalten auf der Feier des Abschlussjahrgangs. Tausende bekamen da ihr Zeugnis. Wir haben insgesamt 45.000 Studierende hier jedes Jahr. Und er gab ihnen Weisheiten mit für ihren weiteren Lebensweg. ATMO Graduation 2 Erzähler Earl Hamner. Erzählerin Der freundliche Mann mit dem dunklen welligen Haar und der quadratischen Hornbrille. Erzähler Der renommierte Schriftsteller, erfolgreiche Drehbuchautor – Erzählerin Der selbst Student war an der Universität Cincinnati, Diplom 1948, im damals ganz neuen Kurs „Publizistik“. ATMO ENDE/ MUSIK Thema Waltons CD 924520 041 0.58 Min. Erzähler Der Serien und Filme gemacht hat für die Fernsehewigkeit. Erzählerin Die Mediathek- und Streamingdienstewigkeit. Erzähler Die ewige Ewigkeit. MUSIK hoch und weiter Erzählerin Die Kamera schwenkt über die bewaldeten Gipfel Virginias. Die Sonne scheint. Mama Walton tritt lächelnd aus der Tür des weiß gestrichenen Farmhauses und wischt sich die Hände an der Schürze ab. (Stelle in der Musik: Autohupe) Erzähler Papa Walton fährt mit dem klapprigen Ford Pick Up auf den Hof. Erzählerin Die sieben Kinder laufen fröhlich durch den Vorspann. Erzähler Opa Walton kuschelt Oma Walton. Erzählerin Die wehrt ihn ab. Erzähler Ach was. Erzählerin Der Autor der Serie „Die Waltons“, Earl Hamner, erzählt zu Beginn jeder Episode, um was es diesmal geht. Die kurze Zusammenfassung aus dem Off wird Standard, 9 Jahre und 9 Staffeln lang. Erzähler 221 Folgen, ab 1972, zunächst zu sehen im US-amerikanischen Sendernetzwerk CBS. 50 Millionen Menschen schalten jeden Donnerstagabend ein. 5 ZU Hamner (2.30) The audience made… OVm2 Das Publikum hat uns an die Spitze der Einschaltquoten katapultiert. Das war die beste Antwort auf all die Kritiker, die im Vorfeld meinten: Wen in aller Welt interessiert der Alltag einer Familie in den hinteren Wäldern Virginias während der Wirtschaftskrise? Erzähler Freut sich Hamner in einem Interview später. Da haben ihn „Die Waltons“ bereits weltberühmt gemacht. Angesiedelt im ländlichen Amerika der 1930er Jahren, in der Zeit der Großen Depression, erleben die Familienmitglieder kleine Abenteuer. ATMO Schyler 1/ MUSIK The Waltons CD947590 211 0.34 Min. Erzählerin „Die Waltons“ spielen in etwa da, wo Earl Hamner herkommt. Aus dem überschaubaren Schyler, Nelson County, weit draußen in der waldigen Hügellandschaft des südlichen Virginia. Ein paar Farmhäuser, eine Baptistenkirche, eine Seifenfabrik. Hier wird Earl Hamner Junior am 10. Juli 1923 geboren. Als ältestes von acht Kindern. Der Vater ist Maschinist in der Fabrik, die Mutter kümmert sich um den Haushalt. ATMO Schyler 2 Erzähler Heute ist Schyler Sehnsuchtsort vieler Walton-Fans. Mehrmals im Jahr gibt es in dem 300-Einwohner-Örtchen Festivals, zu denen nach wie vor auch die Stars aus der Serie kommen, Autogramme verteilen und Fragen beantworten. Bed and Breakfast-Adressen werben mit Mama Waltons berühmtem Apfelsaucenkuchen zum Frühstück. 6 ZU Mary Clark (Hesse) I was born and raised here.. OVw1 Ich bin hier geboren und aufgewachsen und als die Waltons starteten, waren wir so stolz! Erzähler Sagt Mary Clark. Sie betreibt ehrenamtlich das Waltons Mountain Museum in Schyler. ATMO Museum Erzählerin Die Gäste schlendern durch Nachbauten der Wohnräume im Farmhaus der Waltons, drehen am alten Röhrenradio aus dem Waltons Vorspann und blättern durch Autogrammkarten der Darsteller - 8 ZU Joe (Hesse) It brings back… OVw2 Es bringt Erinnerungen aus der Serie zurück, gute Gefühle. Die Familie, die Verbundenheit, wie sie zusammenhalten. OVw1 Die enge Familie, ich wünschte das wäre heute noch so. MUSIK Dueling Banjos Z8008909 116 0.37 Min. Erzählerin Diesen Wunsch hat das Publikum wohl bereits in den turbulenten 1970er Jahren, als die Serie anläuft: Zurück in die 30er, als da bei aller Finanzkrise gefühlt wenigstens noch Geborgenheit und Miteinander herrschten, ein stabiles Wertesystem existierte. Erzähler Mitten hinein in die landesweiten Proteste gegen den Vietnamkrieg erzählt Hamner vom Scheunentanzabend in Waltons Mountain, der ersten Liebe, dem ersten Kuss. Während die Watergate-Affäre über die USA hinaus Schlagzeilen macht, verpasst Hamner den Eltern Walton bei ihrer nachgeholten Hochzeitsreise eine romantische Reifenpanne. Erzählerin Mit dieser Art von Nostalgie begeistert Hamner nicht nur viele Menschen in den USA. 1975 bringt das ZDF die Waltons nach Deutschland. Die Zuschauerzahlen sind so gut, dass mehrere Privatsender die Serie sofort komplett wiederholen. 9 ZU Kevin Burke 14.00 He was very much into familiy programming OVm1 Familienprogramme waren absolut sein Ding. Filme, die Eltern mit ihren Kindern schauen, Geschichten über Leute, mit denen die Menschen mitfühlen können, also nicht irgendwelche Verbrecher oder Superhelden. Erzählerin Erklärt der Professor für Medienproduktion an der Universität Cincinnati und selbst bekannter Dokumentarfilmer, Kevin Burke. 10 ZU Kevin Burke 14.00 Creating programming for television that OVm1 Er wollte Fernsehsendungen machen, die Bedeutung haben, von Herzen kommen und die eine Verbindung herstellen zu universeller Wahrheit. Ich habe hier mal ein Zitat, das hat Hamner gesagt, als er bei uns auf dem Campus die Abschlussrede für den Jahrgang 2008 gehalten hat. Ohne Mut, Ehre, Leidenschaft, Mitleid, Liebe und Opferbereitschaft würden wir nichts wissen von Liebe, sondern nur von Verlust. Wir können unsere Zuschauer bereichern und uns selber bereichern, indem wir das Gute sehen in dieser wunderbaren Erfahrung, die wir Leben nennen. MUSIK Sauboy Song A C1616900 114 0.52 Min. Erzähler Dass er schreiben und bereichern will, weiß Hamner früh. Als Schüler in Schyler verfasst er kleine Gedichte, die schon mal die Lokalzeitung herausbringt. Erzählerin In Kurzgeschichten skizziert er den Alltag der Großfamilie daheim auf der Farm mit ein paar Hühnern, Schweinen und der Kuh „Chance“ – Erzähler „Chance“ erhält denn auch in den Waltons eine durchgehende Rolle. Erzählerin Überhaupt ist vieles ähnlich. Das Motto lautet: Arm, aber glücklich – und wird sich durch Texte Hamners genauso ziehen wie durch Teile seines Lebens. Während der Wirtschaftskrise verliert sein Vater den Job, man muss umziehen in eine Nachbarstadt, in der es wenigstens schlecht bezahlte Arbeit in einer Chemiefabrik gibt. Dank eines Stipendiums kann Earl Hamner die private Universität Richmond besuchen. Erzähler Der zweite Weltkrieg kommt dazwischen. 1943 wird er als Soldat eingezogen. Die Army schickt ihn für zwei Jahre zum Einsatz nach Frankreich. Erzählerin Hamner schreibt auch dort in jeder freien Minute, am liebsten Kurzgeschichten. Die schickt er per Post an Zeitschriften daheim in den USA. Sämtliche Verlage lehnen ab: Erzähler Passt nicht thematisch. Ungelesen zurück, da Schriftsteller unbekannt. Abgelehnt, weil Autor ohne Agentur. MUSIK Wooden Meatballs B C1617750 113 0.35 Min. Erzählerin Hamner ist hartnäckig. Nach dem Krieg studiert er fertig, unter anderem an der Universität Cincinnati in Ohio. Abschlussjahrgang 1948. Studienschwerpunkt: Schreiben fürs Radio. Erzähler WLW – die führende Radiostation in Cincinnati, zu hören im gesamten Osten der USA – engagiert den talentierten jungen Mann direkt von der Collegebank weg. Hörspiele, Kindersendungen, Dramenbearbeitungen – Hamner liegt das Texten fürs Sprechen. MUSIK/ ATMO ENDE Erzählerin Sein Traum ist aber ein anderer: 11 ZU Kevin Burke 6.32 He stayed there.. OVm1 Er blieb einige Jahre bei WLW. Dann kündigte er, weil er endlich genug Zeit haben wollte für ein Romanprojekt. Erzähler Ein großes Romanprojekt, wie es sich für einen richtigen Schriftsteller gehört. Erzählerin So stellt es sich Earl Hamner vor. MUSIK First sight of New York M0021345 000 0.37 Min. Erzähler Deswegen zieht er nach New York. Ins Zentrum von Kunst, Musik und Literatur. Wolkenkratzer im Lichtermeer, Dauerstau auf den Straßen und Gedränge auf den Gehsteigen. In der Stadt, die nie schläft und die den größtmöglichen Kontrast bietet zu Schyler in den einsamen bewaldeten Bergen Virginias – Erzählerin Entsteht 1953 schließlich „Fifty Roads of Town“. Ein Roman, in dem es um eine junge Frau geht – die in den Bergen Virginias lebt. Erzähler Ja. Aber inzwischen schreibt Hamner auch ganz Anderes. Das Fernsehen hat es ihm angetan. Er klappert in New York einen Produzenten nach dem anderen ab. Erzählerin Viele sagen ihm, nein, nur weil er Radiotexte könne… Fernsehen sei so ganz… Erzähler Anderes?!?! MUSIK Dueling Banjos Z8008909 116 0.25 Min. Erzähler Ein Mann gibt ihm eine Chance, Mark Smith, ein befreundeter Redakteur von „The United States Steel Hour“. Die TV-Show adaptiert Bühnenwerke der Weltliteratur, von Shakespeare über Oscar Wilde bis Tennessee Williams. Erzähler Hamner begeistert Redakteur Smith. Der Fuß ist in der Tür. Weitere Aufträge folgen. MUSIK ENDE Erzählerin Ende der 1950er Jahre ist die Goldene Zeit des Fernsehens in New York vorbei. Gameshows, Sitcoms, Musicals, Werbefilmproduktionen – wandern an die Ostküste. Im sonnigen Kalifornien sind die Drehbedingungen besser und billiger. Erzähler Hamner ist mittlerweile Familienvater. Kurzentschlossen packt er seine Frau Jane, Sohn Scott und Tochter Caroline ein, die beiden Cockerspaniels und die Landschildkröte - und zieht nach Hollywood. MUSIK Lazy summer M0017577Z00 0.44 Min. Erzählerin Diese Idee haben allerdings auch andere. Erzähler Viele. Erzählerin Hamner findet nirgendwo Anstellung. Schnell geht das Geld zur Neige. In der winzigen Wohnung ist kein Platz für einen Schreibtisch, also setzt er sich in eine Ecke der Garage. Dort arbeitet er an einem biografischen Roman, wann immer er gerade kein Vorstellungsgespräch hat bei einem Produzenten oder einer Filmfirma. Erzähler In einem brütend heißen kalifornischen Sommer entsteht in der Garage ohne Klimaanlage bei offenem Rolltor „Spencer´s Mountain“. Der deutsche Titel: „Sommer der Erwartung“. Eine Familiengeschichte, angesiedelt irgendwo in den kühl bewaldeten Bergen Virginias. 12 ZU Burke 10.00 It was about familiy and… OVm1 Es geht da um die Familie und ums Aufwachsen in einer vielleicht einfacheren Zeit, in einer Zeit, in der die Menschen in den Vereinigten Staaten, überhaupt auf der Welt, wenig Geld hatten und sie haben sich aufeinander verlassen, um durchzukommen. Erzählerin Erklärt der Professor für Medienproduktion an der Universität Cincinnati, Kevin Burke. MUSIK Americana M0007510 0.19 Min. Erzähler In „Spencer´s Mountain“ steht der Traum des Vaters gegen den des ältesten Sohnes. Der Junior will aufs College gehen. Der Vater möchte ein eigenes Haus bauen für die Mutter und die weiteren acht Geschwister, oben auf dem Berg, auf dem Land, das ihnen gehört. Erzählerin Am Ende verkauft der Vater Haus und Berg für die Zukunft seines Jungen. 13 ZU Burke 10.40 OVm1 Das ist einer der Gründe, warum Hamners Arbeit bei so einem breiten Publikum über alle Altersstufen hinweg derart gut ankam in den USA. Die Menschen konnten sich einfühlen, kannten das aus eigenen Erfahrungen. Erzählerin Der Roman kommt 1961 heraus und landet sofort auf der Bestseller-Liste der New York Times. Erzähler Die Rezensionen sind hymnisch. Erzählerin Präsident John F. Kennedy wählt das Buch aus als Gastgeschenk für andere Regierungschefs, weil es – so der Präsident – das beste amerikanische Leben präsentiere. MUSIK Grab your partner M0021336 000 0.37 Min. Erzähler Und Warner Brother´s machen den Film dazu. In buntem Technicolor. Pompös beworben in langen Trailern. Und in Starbesetzung. Erzählerin Henry Fonda. Erzähler Und Maureen O´Hara – Erzählerin Als Mama – Erzähler Und Papa von neun Kindern. Erzählerin Finanziell ist das endlich ein Durchbruch für Hamner. Allerdings beteiligt ihn die Warner nicht am Drehbuch, das schreiben andere. MUSIK ENDE Erzähler Hamner ist das alles zu groß und zu bunt und zu effektheischend. Also mischt er sich ein. Dass Hamner für seine Figuren und Konzepte kämpft, imponiert den Studiobossen. Seine Art zu schreiben, kommt beim Publikum an. Aufträge flattern ins Haus. Drehbücher für Fernsehserien, Kurzgeschichten für Sammelbände, Romanideen – die Palette an Themen ist breit. Und bisweilen überraschend. MUSIK The twilight Zone Z8038688 221 0.53 Min Erzählerin Ein früherer Kollege beim Radio in Cincinnati, Rod Serling, ist mittlerweile Produzent und Gastgeber der legendären „Twilight Zone“. Unwahrscheinliche Geschichten, unbekannte Dimensionen – in 25 Minuten pro Folge entspinnen sich unglaubliche Begebenheiten. Gruselig, psychologisch doppelbödig, mitunter makaber. Hamner liegt dieses Fernsehformat mit Fokus auf grotesken zwischenmenschlichen Details. Erzähler Er erzählt von einer verliebten jungen Frau, die sich einer alten Hexe in den Bergwäldern anvertraut. Doch obsessive Liebe und obskure Kräuterkunde führten noch nie zum Guten. Erzählerin In einer anderen Folge lässt Hamner ein junges Paar in Pappkulissen aufwachen. Es stellt sich erst langsam heraus: Sie wurden von der Erde entführt und dienen jetzt dem Kind eines Außerirdischen als Spielzeuge im Puppenhaus. MUSIK Bergpanorama Alphorn C1482290008 m 0.50 Min. Erzählerin 1968 fragt eine Produktion an, ob Hamner das Skript ausdenken möchte für die deutsch-US-amerikanische Produktion „Heidi kehrt heim“. In der Hauptrolle als Alm-Öhi Maximilian Schell. Erzähler Statt die Berge Virginias durchstreift Hamner jetzt die Schweizer Alpen nahe St. Moritz. Er ist gerne am Drehort dabei, feilt mit den Darstellern bis kurz vor Kamera an den Dialogen. Die Romanvorlage von Johanna Spyri dichtet er um, mehr Drama, aber auch mehr Liebe. Aus der strengen Gouvernante Fräulein Rottenmeier wird diesmal eine reizende neue Mama Sesemann für Klara. Erzählerin Anspruchsvolle Unterhaltung im Stil deutscher Heimatfilme, loben die hiesigen Filmkritiken. MUSIK ENDE Erzähler In den USA gerät die Erstausstrahlung am 17. November 1968 zum Desaster. Aus rechtlichen Gründen muss der Sender NBC den Film Punkt 19 Uhr starten und beendet deshalb die Übertragung des Footballspiels Oakland Raiders gegen New York Jets eine Minute vor Schluss. Dass die Raiders die verloren geglaubte Partie in dieser letzten Minute doch noch drehen konnten – verpassen die Fans. Wegen des Alm-Öhi. Erzählerin Heute ist „Heidi-Gate“ Fernsehgeschichte. Die Verfilmung längst auch in den USA ein Klassiker. 15 ZU Kevin Burke (16.19) I am not a big… OVm1 Ganz ehrlich bin ich jetzt kein großer Waltons-Fan, aber er hat einen Pilotfilm geschrieben für die Serie. „The Homecoming“, eine Weihnachtsgeschichte, 1971, und der wurde nominiert für drei Emmys und Hamner selbst wurde nominiert für herausragende Leistungen im Bereich Drehbuch. Erzählerin Erinnert sich Kevin Burke. Tatsächlich plant Hamner „The Homecoming“ zunächst als Romanfortsetzung von „Spencer´s Mountain“. MUSIK Dancing snow flakes Z80347 68 137 0.25 Min. Erzählerin Darin sind die Kinder etwas älter geworden. Es ist Weihnachtsabend und man wartet im festlich geschmückten Farmhaus darauf, dass der Vater endlich zurück kommt von der Arbeit in der Fabrik in der Nachbarstadt. Doch draußen tobt ein gewaltiger Schneesturm. Vom Vater fehlt jede Spur. Der älteste Sohn zieht los, sucht ihn in der Poolhalle, beim Krämer, klappert die Nachbarn ab. Vergeblich. MUSIK Snow scene M0017516 000 0.20 Min. Erzähler Schließlich steht der Vater vor der Tür mit einem Sack voller Geschenke. Er hatte den Bus verpasst und musste im Sturm nach Hause trampen. Erzählerin Die Firma CBS kauft das Buch an. Erzähler Der Pilotfilm übertrifft sämtliche Erwartungen. Earl Hamner bekommt sein erstes ganz eigenes Projekt. 16 ZU Hamner 1.17 OVm2 Wegen des Erfolgs von „The Homecoming“ erhielt ich den Auftrag von CBS eine Serie daraus zu entwickeln, daraus und aus dem Roman davor, „Spencer´s Mountain“. Der großartige Will Geer war der erste Schauspieler, den wir gecastet hatten als Opa Walton. Und als wir sie alle zusammen hatten, wussten wir, dass wir da eine wunderbare Gruppe hatten, jede und jeder passte einzigartig in seine Rolle. MUSIK The Waltons CD 924520 041 1.01 Min. Erzählerin Ralph Waite, der zig andere Jobs gemacht hatte, bevor er zur Schauspielerei kam und dessen Privatleben eben den Bach runtergeht, wird Papa John Walton. Später sagt er: Die Rolle habe ihm gezeigt, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen und ein guter Vater zu sein. Erzähler Theaterschauspielerin Michael Learned, mitten in der Scheidung, alleinerziehend mit drei Jungs, braucht eine Zusage schon wegen des Geldes. Sie kommt komplett verkatert zum Casting – und kriegt den Part der Mama, Olivia Walton. Damit habe ein neues Leben begonnen, erzählt sie in Interviews bis heute. Erzählerin John und Olivia werden ein Traumpaar vor der Kamera. Erzähler Hinter der Kamera auch. Erzählerin Sie verzichten auf eine Liebesbeziehung in echt. Erzähler Die Ehe der Waltons ist ihnen zu wichtig. Dass sie die sehr ernst nehmen, zeigt sich auch in Gesprächen mit dem Autor Earl Hamner. Erzählerin Michael Learned mag ihn sehr, beschwert sich aber oft: Sie möchte mehr als Olivia erleben dürfen, als nur Kaffee kochen und die Küche auf Waltons Mountain fegen. Erzähler Also lässt Hamner Mama Walton schwere Krankheiten durchleben, einen Verehrer finden, den sie nicht erhöht, zum Geburtstag darf sie sogar abheben per Postflugzeug. Erzählerin Hamner ist durchaus selbstkritisch. Oma Esther Walton alias Ellen Corby macht es ihm auch nicht leicht. 17 ZU Hamner (2.09) Ellen was dure and unfriendlly... OVm2 Ellen hat das manchmal so hart, fast unfreundlich gespielt. Da habe ich ihr gesagt, ich möchte mehr von meiner eigenen Großmutter in der Rolle sehen, sie war die süßeste Person. Ellen schnitt mir das Wort ab: Junger Mann! Ich gebe der Großmutter ein paar Ecken und Kanten. Sie haben so viele nette Menschen in dieser zuckersüßen Show, das Publikum wird sterben an Diabetes. Ich habe sie daraufhin nie wieder kritisiert. Erzählerin Am 14. September 1972 läuft die erste Folge der Waltons. Bis 1981 werden es 221 sein. Dazu kommen sechs später produzierte Fernsehfilme, die die Geschichte der Familie jeweils ein Stückchen weiterdrehen. Das Ende jeder Episode wird zum geflügelten Wort. 19 ZU Trailer Ende: Good night, John Boy! Erzähler 1972 und 1973 wird Hamner für seine Waltons wieder für den Emmy nominiert. Erzählerin Er ist eine Hausnummer in Hollywood. Erzähler Eine sichere Bank. MUSIK Falcon Crest (Theme) Z8091424 217 0.52 Min. Erzählerin Als 1981 die Serie „Falcon Crest“ ins US-amerikanische Fernsehen kommt, weiß man – Erzähler Wo Earl Hamner draufsteht – Erzählerin Sind sicher wieder über 200 Folgen drin. Gemeinsam mit „Dallas“, dem „Denver Clan“ und „Unter der Sonne Kaliforniens“ wird „Falcon Crest“ in den 1980er Jahren eine der erfolgreichsten Soaps weltweit. Weingutbesitzerin Angela Channing ist die unumstrittene Clanchefin und despotische Herrscherin von Falcon Crest. Ihr soll einmal das ganze Tal gehören. Also schmiedet sie finstere Intrigen gegen die anderen Weinbauern in der Umgebung. Doch auch in der eigenen Familie gibt es Konkurrenz. Erzähler Neffe Chase und Richard, der Sohn ihres verstorbenen Ex-Ehemanns, wollen an Angelas Erbe. Und das möglichst schnell. Erzählerin Ohne Erfolg. MUSIK ENDE Erzähler Über sein Erbe macht sich auch Earl Hamner immer wieder Gedanken. Im März 2016 stirbt er im Alter von 92 Jahren in Los Angeles. Sein Sohn wird wie er Drehbuchautor. Viele andere Filmemacherinnen und Filmemacher folgen Hamners Vorbild. 20 ZU Kevin Burke (42.50) His work had an impact on me.. OVm1 Seine Arbeit hatte Einfluss auf mich. Und als ich ihm das gesagt habe, hat er sich gefreut. Erzähler Erinnert sich der Professor für Medienproduktion und renommierte Dokumentarfilmer Kevin Burke an ein Treffen mit Earl Hamner. Gleich im Anschluss an die Abschlussfeier an der Universität Cincinnati 2008. Als ehemaliger Student war Hamner dort Ehrengast und Redner. 21 ZU Kevin Burke (42.50) I think he really .. OVm1 Ich glaube, er hat unser Buffet genossen und gerne mit den Studierenden gesprochen. Die mochten ihn alle und ich denke, das gefiel ihm. Er wollte ihnen erklären, was er weiß übers Geschichtenerzählen und welche Art von Geschichten man wie erzählen kann. Und dass man von seinen eigenen Erfahrungen zehrt, um Geschichten zu erzählen. MUSIK The Waltons CD947590 211 0.17 Min. Erzählerin So wie er selber seine Erfahrungen eingebracht hat in seine bekannteste Geschichte bis heute. Erzähler Die Waltons. Erzählerin Earl Hamner – Erzähler Alias John Boy Walton. 22 ZU Good night, Mary Ellen. Good night, Mama. Good night, John Boy. Good night, everybody. ENDE

  14. Pierre Bourdieu - Denker der feinen Unterschiede

    30.07.2025 · 22 Min.

    Italiener oder Imbiss. Puccini oder Punkrock. Die Herkunft prägt den Geschmack ein Leben lang. Davon ist der Franzose Pierre Bourdieu überzeugt. Wer ist der Mann, der die Soziologie als Kampfsport bezeichnet? Autorin: Maike Brzoska (BR 2020) Autor/in dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Merki, Andreas Dirscherl Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Eine Abendgesellschaft irgendwo in Frankreich. Zahlreiche Gäste sind geladen. Sie nehmen Platz an einem großen Tisch. Gleich wird das Essen serviert. Schon an wenigen Details kann man erkennen, wer hier diniert. SPRECHER Sitzen die Paare nebeneinander? Dann gehören die Gastgeber vermutlich der unteren Schicht oder dem Kleinbürgertum an. Sitzen die Paare getrennt voneinander, gehören sie zur Oberschicht, zur Bourgeoisie. SPRECHERIN Auch die Speiseordnung kann die soziale Herkunft verraten. MUSIK 2 SPRECHER Suppe, Kartoffeln, Fleisch – bei Angehörigen ärmerer Schichten kommen die vollen Töpfe und Pfannen mit auf den Tisch. Aufgetragen wird reichlich und mit großen Schöpfkellen. Die Reihenfolge der Speisen ist zwanglos, Zwänge gibt es im Alltag schließlich schon genug. Deshalb räumt die Frau zwischendurch auch ein paar Teller beiseite und holt schon mal die Torte, während andere noch essen. MUSIK 3 SPRECHERIN Bei den Wohlhabenden hingegen hält man sich zurück. Erst wenn ein Gang vollständig abgeräumt ist – inklusive Salzstreuer –, wird das Dessert aufgetragen. Gegessen wird erst, wenn alle einen Nachtisch haben. Sich nicht zurück zu halten, wäre respektlos gegenüber den Gastgebern. SPRECHER Und wer sich immer noch nicht sicher ist, wer hier feiert, sollte auf Speisen und Getränke selbst achten. SPRECHERIN Gemüse, Fisch, Wasser, Wein – auf den Tisch der Oberschicht kommen leichte und exquisite Speisen. Schlank ist schließlich schick. SPRECHER Bei ärmeren Leuten hingegen gibt es kalorienreiches Essen: Fettes Fleisch, salzige Beilagen, Bier, Limo, Schnaps. Gefragt ist hier, was satt macht. Ab Montag wird wieder schwer geschuftet. SPRECHERIN Zurückhaltende Askese hier, zwanglose Völlerei dort. Diese Analyse der Tischsitten stammt von dem Soziologen Pierre Bourdieu. Sein 1979 in Frankreich erschienenes Buch La distinction, zu deutsch: Die feinen Unterschiede, machte ihn über Nacht berühmt, auch außerhalb der wissenschaftlichen Welt. Bourdieu zeigt darin, wie kulturelle Praktiken, ästhetische und kulinarische Vorlieben sich je nach sozialer Herkunft unterscheiden. MUSIK 4 SPRECHER Wobei die Tischsitten nur ein kleines Detail sind aus der Fülle des empirischen Materials, das er über Jahre hinweg gesammelt hat. Stunden habe er damit zugebracht, Gesprächen zuzuhören, schreibt Bourdieu in seinem Buch Ein soziologischer Selbstversuch. SPRECHERIN Gelauscht hat er in Cafés, beim Boule, beim Fußball, auf Postämtern. Aber auch bei Abendgesellschaften, Cocktailpartys und auf Konzerten. Manchmal habe er unter einem Vorwand ein Gespräch angefangen, nur um mehr über Herkunft und Beruf seines Gegenübers zu erfahren. 01 O-TON (Schultheis) Das ist das Besondere bei ihm, seine gesamte Theorie ist empirisch gewonnen. SPRECHER Der Soziologe Franz Schultheis. Er ist Professor an der Universität St. Gallen und hat viele Jahre mit Bourdieu zusammengearbeitet. SPRECHERIN Bourdieus Beobachtungen stammen aus den 1960er und -70er Jahren. Deshalb ist die Analyse des Festessens auch mit Vorsicht zu genießen. Denn ob es bei französischen Abendgesellschaften auch heute noch so zugeht, oder ob die Unterschiede inzwischen mehr Klischee als Realität sind – Bourdieu wäre wohl der erste, der eine neuerliche Analyse anmahnen würde. SPRECHER Aber ganz allgemein lässt sich seine These in Die feinen Unterschiede so zusammenfassen: SPRECHERIN Was ich esse, wie ich mich kleide, welche Musik ich höre, wie ich wohne, was ich schön finde – all das zeigt, welcher sozialen Gruppe ich angehöre. Bourdieu nennt das den Habitus eines Menschen. Er verbindet ihn mit Anderen, die einen ähnlichen Bildungsgrad und eine ähnliche soziale Herkunft haben. SPRECHER Gleichzeitig ist das, was in einer sozialen Gruppe als guter oder schlechter Geschmack gilt, nicht für alle Zeiten festgelegt. Was en vogue ist, resultiert aus Klassenkonflikten, die immer wieder neu ausgetragen werden. Es ist ein ständiger Kampf, ein ständiges „Spiel“, wie Bourdieu es nennt, um Anerkennung und Macht. SPRECHERIN Soziale Hierarchien sind Bourdieus Lebensthema. Wie unterscheiden sich die Schichten voneinander? Was trägt das Bildungswesen zu diesen Unterschieden bei? Warum geben manche Intellektuelle den Ton an? Wie kommt es zur männlichen Herrschaft? Das sind einige der Themen seiner Feldforschung. SPRECHER Und immer schwingt in seinen Analysen auch eine gewisse Kritik mit an den herrschenden Gruppen, den Eliten. MUSIK 5 SPRECHERIN Geboren ist Pierre-Félix Bourdieu 1930 in einem kleinen Dorf am Fuße der Pyrenäen. Sein Vater Albert war erst Kleinbauer und später Postbeamter. Seine Mutter Noémie war ebenfalls bäuerlicher Herkunft. SPRECHER Vor allem sein Vater habe ihn geprägt, schreibt Bourdieu. Albert war Mitglied einer Gewerkschaft und habe weit links gewählt, was in der konservativ-ländlichen Welt immer wieder zu Problemen führte. Er habe seinen Vater nie glücklicher erlebt, als in Momenten, in denen er Bedürftigen helfen konnte. Anweisungen, Witwenrenten, Schuldverschreibungen – in blindem Vertrauen überließen die Leute dem Postbeamten Albert ihre wichtigsten Angelegenheiten, der immer verantwortungsvoll damit umging. Diese Haltung seines Vaters habe ihn früh gelehrt, die sogenannten „kleinen Leuten“ zu achten, so Bourdieu rückblickend. SPRECHERIN Nach der Grundschule kommt er ins Internat nach Pau, um dort aufs Gymnasium zu gehen. Später besucht er noch ein Gymnasium in Paris. Damals etwas Besonderes für einen Jungen aus der Provinz. 03 O-TON (Schultheis) Gleichzeitig hat er aber auch die Schattenseiten kennen gelernt als Außenseiter in diesen Gymnasien, wo er war. Die Anderen waren bürgerlicher Herkunft und er kam eher aus der Unterschicht, und dadurch hat er ein ambivalentes Verhältnis entwickelt. MUSIK 6 SPRECHER Raufereien, Fausthiebe, Hoffnungslosigkeit – die Jahre im Internat in Pau seien fürchterlich gewesen, schreibt Bourdieu. Als Musterschüler sei er immer schnell Zielscheibe von Aggressionen gewesen. Um nicht vollends ausgeschlossen zu werden, habe er angefangen, mit den anderen Jungs Rugby zu spielen. Es seien diese permanenten Auseinandersetzungen gewesen, die ihn dazu gebracht haben, die soziale Welt als andauernden Kampf zu betrachten. Aber trotz dieser negativen Erfahrungen an der höheren Schule war er dem Bildungssystem insgesamt gegenüber wohlgesonnen. 04 O-TON (Schultheis) Er wurde von diesem Bildungssystem quasi entdeckt und über verschiedene Stufen bis an eine Eliteuniversität befördert. Und dadurch hatte er eigentlich gegenüber diesem Bildungssystem immer auch eine sehr positive Einstellung. Es hat ihn errettet, aus dieser Marginalität. MUSIK 7 SPRECHERIN Von der französischen Provinz nach Paris. Als Sohn einfacher Leute auf die besten Gymnasien des Landes. Bourdieu ist ein Außenseiter in mehrfacher Hinsicht. Aber erst später habe er die Besonderheiten seines eigenen Habitus erkannt, schreibt er. Tonfall, Stimme, Gesichtsausdruck – als Junge vom Land habe er sich in vielem von den hochgeborenen Parisern mit ihrer kühlen Selbstsicherheit unterschieden. Vielleicht sei er deshalb so oft als aufmüpfig wahrgenommen worden. SPRECHER Ab 1951 studiert Bourdieu Philosophie an der Pariser École Normale Supérieure, der Kaderschmiede der französischen Intellektuellen, die auch berühmte Denker wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault und Émil Durkheim besucht haben. Anfangs ist er beeindruckt von der akademischen Welt mit ihren Diskursen und illustren Zirkeln. Seine Dissertation will er – wie damals üblich für einen Philosophie-Studenten – über ein abstraktes Thema schreiben. Aber es kommt anders. MUSIK 8 SPRECHERIN In Algerien brechen zu dieser Zeit bewaffnete Konflikte aus. Das nordafrikanische Land stand damals unter französischer Kolonialherrschaft und kämpfte für seine Unabhängigkeit. Das französische Militär schlägt die Aufstände blutig nieder. Bourdieu, obwohl erklärter Gegner des Krieges, muss ab 1955 seinen Wehrdienst dort leisten. 05 O-TON (Schultheis) In Algerien trifft er auf eine Situation, die ihn wachrüttelt, wo er sagt; Ich kann unter diesen Bedingungen, diesem Kolonialkrieg, dem Elend, was er da zu sehen bekam, nicht einfach weiter Philosophie betreiben. Ich muss mich dieser Lage annehmen, kritisch annehmen. Und er schreibt ein Buch Sociologie d Algerie, Soziologie Algeriens, und mit diesem Buch, so sagte er, wollte ich daheim den Franzosen überhaupt mal deutlich machen, was Algerien bedeutet. Denn in Frankreich kennt man Algerien gar nicht. Ich will auch vermitteln, dass auch die Algerier eine eigene Kultur haben, was eigentlich von den Kolonialherren immer verneint wird

  15. Geschichte der Sklaverei - Wenn der Mensch zum Werkzeug wird

    30.07.2025 · 22 Min.

    Seit wann gibt es die Sklaverei? Auf jeden Fall, seit es Gesetzestexte gibt, von der Frühgeschichte bis in die Neuzeit. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sie weltweit verboten wurde. Autor: Johannes Munzinger

  16. Wilhelm Reich - Soziologe, Sexualforscher, Psychoanalytiker

    29.07.2025 · 23 Min.

    Für die 68er-Bewegung hatte das Werk Wilhelm Reichs Kultstatus. Der Wiener Psychoanalytiker hielt nämlich die sexuelle Befreiung für politisch notwendig. Später, im amerikanischen Exil, forschte er dann zu einer universellen Lebensenergie namens Orgon. Er war ein höchst umstrittener, radikaler Denker. Autorin: Justina Schreiber (BR 2022) Autor/in dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle und Andreas Neumann Technik: Regina Staerke Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Hier gibt es eine weitere spannende Folge von radioWissen: Freuds Psychoanalyse - Die relativierte Revolution JETZT ANHÖREN Literaturtipps Fallend, Karl und Nitzschke, Bernd (Hrsg), Der „Fall“ Wilhelm Reich, Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997 Laska, Bernd A., Wilhelm Reich in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, rororo Bildmonographien, Rowohlt Taschenbuchverlag Reinbek bei Hamburg, 1981 Majewska, Magda, Lust und Limit. Der postmoderne Roman und die sexuelle Befreiungsbewegung in den USA, transcript Verlag, Bielefeld 2019 Mitchell, Juliet, Psychoanalyse und Feminismus, Freud, Reich, Laing und die Frauenbewegung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1985

  17. Margaret Stonborough-Wittgenstein - Mit Geld und Moral

    28.07.2025 · 23 Min.

    Anfang des 20. Jahrhunderts war sie eine der reichsten Frauen Wiens. Klug, kunstbeflissen und voll karitativen Engagements lebte die Schwester des Philosophen Ludwig Wittgenstein ein außergewöhnliches Leben. Autorin: Julie Metzdorf (BR 2021) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

  18. Seenotrettung - Einsatz in höchster Gefahr

    27.07.2025 · 23 Min.

    Seit Beginn der Seefahrt ist das Meer eine Brücke zwischen Kontinenten - doch ohne festen Boden, ein gefährlicher Ort. Wer einmal den Naturgewalten ausgesetzt war, weiß: Gut, dass es Seenotretter gibt. Von Christiane Neukirch (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Benedikt Schregle Technik: Peter Preuß Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Gero Klemke (Marinezeichner, 1987 - 2002 Seenotretter bei der DGzRS); Hanno Renner (Vormann auf dem Seenotkreuzer "Anneliese Kramer" Cuxhaven); Torsten Brumshagen (Rettungsmann auf dem Seenotkreuzer "Anneliese Kramer" Cuxhaven) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Mythos Titanic - Ein unsinkbares Drama JETZT ANHÖREN Hochseefischerei - Geschichte einer Industrie zu See JETZT ANHÖREN Ferdinand Magellan - Die erste Weltumsegelung JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  19. Autarkie - Krisenfest durch Unabhängigkeit?

    25.07.2025 · 19 Min.

    Autark werden, sich unabhängig machen: Dies klingt gerade in krisenhaften Zeiten nach einem erstrebenswerten Ziel. Doch der Weg zur Autarkie ist steinig, das Konzept birgt Fallstricke - und kann dem Einzelnen wie größeren Gemeinwesen beträchtliche Nachteile bringen. Autor: Lukas Grasberger (BR 2023) Credits Autor/in dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Markus Hörmann, Eigentümer eines energieautarken Hauses und Solar-Unternehmer, Zusmarshausen; Oliver Weber, Philosoph und Autor, promoviert zur Ideengeschichte des politischen Eigentumsbegriffs im frühen Liberalismus, Regensburg; Maik Fielitz, wissenschaftlicher Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, Jena; Thieß Petersen, Volkswirtschaftler, Senior Adviser Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Singuläre Gesellschaft - Der Wert des Besonderen JETZT ANHÖREN John Rawls - Vordenker einer gerechten Gesellschaft JETZT ANHÖREN Geschichte der Finanzkriege - Wenn Geld zur Waffe wird JETZT ANHÖREN Wir empfehlen außerdem diese spannende Folge von ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN: RAUS AUS DER KRISE! Keynes' folgenreicher Plan für die Wirtschaft JETZT ANHÖREN Linktipps: Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzähler 29. Juni 1934, Freitagnachmittag. Früher als geplant treffen die schwarzen Mercedes-Benz-Limousinen am Rheinhotel in Bad Godesberg ein. Der Reichskanzler Adolf Hitler hat seine Inspektionsreise durch Westdeutschland vorzeitig abgebrochen, um sich mit ranghohen Parteifunktionären zu treffen. Propagandaminister Goebbels wird per Flugzeug aus Berlin eingeflogen. Ebenso Sepp Dietrich, der Kommandeur der SS-Leibstandarte. Über den Rheinauen steht der Sommer, aber die Idylle ist trügerisch. Denn an jenem Freitag werden auf der Godesberger Hotelterrasse mörderische Pläne geschmiedet. Musik hoch Erzählerin Hitler teilt seinen Vertrauten mit, dass er am Tag darauf gegen seinen alten Mitstreiter, den SA-Chef Ernst Röhm vorgehen wird. Und zwar „mit Blut“. Röhm und „seine Rebellen“ sollen zu spüren bekommen, „dass Auflehnung den Kopf kostet“. Erzähler Seit Tagen machen Gerüchte über einen anstehenden Putsch die Runde. Nun scheint sich die Lage zuzuspitzen. Noch in der Nacht, unmittelbar nach der Godesberger Besprechung, fliegt Hitler nach München, um weitere „Maßnahmen“ zu ergreifen. Erzählerin „Maßnahmen“, die nichts anderes bedeuten als blutige Schläge gegen politische Gegner. Musik hoch und aus Von „Staatsnotwehr“ wird später die propagandistische Rede sein. Und von einem „Röhm-Putsch“, gegen den sich der „Führer“ zur Wehr setzen musste. Dieser Putsch-Begriff hält sich seither hartnäckig, sagt der Münchner Zeithistoriker und Geschichtsprofessor Peter Longerich. Seltsamerweise, denn... ZSP 1 Long Begriff 0,32 Alle sind sich darüber einig, dass es nie einen Röhm-Putsch oder einen Versuch eines Röhm-Putsches gegeben hat. Auch die Nazis haben ja keine Belege dafür vorlegen können und trotzdem hat sich das gehalten, wird dann in Anführungszeichen gesetzt. Oder man spricht dann etwas verschämt von der Röhm-Affäre, was ja auch ein bisschen merkwürdig ist. Es ist einfach doch ein Massenmord gewesen, ein Massenmord, dem insgesamt 90 Personen zum Opfer gefallen sind. Befohlen durch den Diktator, durch den Chef, ausgeführt durch die SS mit Unterstützung der Wehrmacht und der Gestapo natürlich. Und so sollte man die Dinge auch beim Namen nennen. Erzähler „Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934“. So heißt Peter Longerichs 2024 erschienenes Buch, das ein Schlüsselereignis in der Geschichte des Dritten Reiches behandelt. Denn mit dem blutigen Rundumschlag, der einer ganze Reihe von verschiedenen Gegnern galt, hat Hitler die Weichen für seine Alleinherrschaft gestellt. Musik 2: Biegler auf der Wache – 1:16 Min Erzählerin Im Hintergrund des politischen Massenmords steht eine schwere Krise des NS-Regimes. Gerade mal 17 Monate ist die sogenannte Machtergreifung her, in weiten Teilen der Bevölkerung aber herrschen bereits Ernüchterung und Unmut über das Regime. Selbst im nationalsozialistischen Block, der etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist die anfängliche Euphorie verflogen. Die wirtschaftlichen Probleme lassen sich auf Dauer nicht hinter Paraden, Heil-Gebrüll und Fähnchen-Schwingerei verstecken Erzähler Zwar sinkt die Arbeitslosigkeit, aber oft nur dank statistischer Tricks, während die Löhne der Arbeiter weiter auf dem Krisenstand von 1932 verharren. Auch der Mittelstand leidet unter der geringen Kaufkraft. Händler, Handwerker und Ladenbesitzer sind von der Hitler-Regierung enttäuscht, viele Bauern sauer über Reglementierungen. In bürgerlichen Kreisen ist man entsetzt über die Abschaffung von Meinungs- und Pressefreiheit. Und auch in den zwei großen christlichen Kirchen macht sich erhebliche Unruhe breit. Musik 3: Typewriter – 13 Sek Zitator „Nicht nur notorische „Meckerer und Miesmacher“, sondern „gerade die treuesten Nationalsozialisten sehen der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung sorgenvoll entgegen“. Erzählerin Heißt es zum Beispiel in einem Bericht der Staatspolizei Kassel Anfang Juni 34. Für Hitler ist dieser Vertrauensverlust höchst beunruhigend, sagt Historiker Longerich. ZSP 2 Long Gefahr 0,18 Und das war natürlich auch einer der Gründe, hier – wie man das so nennt –, ein Exempel zu statuieren, um dafür zu sorgen, dass sich diese Unzufriedenheit nicht irgendwie öffentlich vernehmbar machte. Und dass diese ganze Diktatur sich dann vielleicht innerlich allmählich aufgelöst hätte. Das war wohl die Gefahr, die man an der Spitze gesehen hat. Erzähler Denn Mitte 1934 gibt es durchaus noch mehrere Machtzentren. In Hitlers Koalitions-Regierung stellt die NSDAP anfangs nur den Reichskanzler und zwei Minister, gewinnt aber bald weitere Posten hinzu. Als parteiloser Vizekanzler fungiert jedoch der ultrakonservative Katholik Franz von Papen. Diese konservative Rechte hat Hitler 1933 an die Macht verholfen. In der irrigen Annahme, ihn kontrollieren und „in die Ecke drücken zu können.“ Erzählerin Und auf der eher linken, antikapitalistischen Seite der NSDAP scharrt der revolutionäre Flügel der Partei mit den Stiefeln: die Sturmabteilung, kurz SA. Musik 4: Erstes Schachspiel auf dem Schiff – 1:20 Min Ihr prominentester Mann ist der Weltkriegs-Kompaniechef und ehemalige Freikorps-Offizier Ernst Röhm, eine Landsknecht-Natur mit mit einem derben, von Kampf und Krieg vernarbten Gesicht. Erzähler Der Münchner Eisenbahner-Sohn Röhm, ein verdienter alter Kämpfer der Partei und eine Schlüsselfigur im Hitler-Ludendorff-Putsch 1923, ist ein Duz-Freund Hitlers, verfolgt aber immer wieder Pläne, die von dessen Konzeption stark abweichen. Röhm will seine mächtige SA der Partei-Kontrolle entziehen. Im Dezember 1933 wird er jedoch von Hitler mit einem Ministerposten ohne Geschäftsbereich abgespeist. Erzählerin Röhm will aber mehr und spricht von einer zweiten Revolution. Nicht die Spießbürger, Karrieristen und Parteibürokraten sollen das Sagen haben, sondern seine politischen „Soldaten“. Schließlich findet er, waren es ja doch die paramilitärischen Kräfte der SA, die die Gegner grün und blau und tot schlugen und Hitler an die Macht brachten. ZSP 3 Long SA 0,33 Also eine äußerst gewalttätige Truppe, die auch nach der sogenannten Machtergreifung 33 die Machtdurchsetzung der NSDAP natürlich besorgt hat mit den wilden Konzentrationslagern. Als Hilfspolizei, als immer bereitstehende, gewalttätige Truppe, die auch auf lokaler Ebene die Ziele der Nationalsozialisten durchsetzt. Und diese SA wollte natürlich belohnt werden, nachdem nun die Machtergreifung gelungen war. Im Wesentlichen ging es eigentlich darum, diese alten SA Haudegen irgendwie unterzubringen auf Versorgungsposten. Musik 5: Erstes Schachspiel auf dem Schiff – siehe oben – 1:01 Min Erzähler Röhms Plan, die SA zum Milizheer umzugestalten und mit der Landesverteidigung zu betrauen, scheitert. Denn Hitler setzt bei der Wiederaufrüstung Deutschlands auf die alte Reichswehr. Die SA benötigt er nicht mehr. Was aber tun mit diesem anschwellenden Heer von Braunhemden? ZSP 4 Long Riesenhaufen 0,23 Also die SA bestand 1933 hauptsächlich aus arbeitslosen jungen Männern. Sie ist dann ja sehr stark angewachsen, weil nun einmal hat man die Wehrverbände, die übrigen Wehrverbände aufgesogen. Und dann haben sich auch viele Männer der SA angeschlossen, weil sie hofften, damit schneller Arbeit zu bekommen. Also das war ein sehr schnell anwachsender Riesenhaufen von 400 000 Mann etwa 1933 auf schließlich mehr als vier Millionen. Erzählerin Röhms Forderung nach mehr Teilhabe der SA an der Macht, lehnt Hitler kategorisch ab. Schon im Juli 1933 hat er die Nationalsozialistische Revolution für beendet erklärt. Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Musik aus Erzähler Genau das versuchen nun die nationalkonservativen Kräfte in der Regierungskoalition für sich zu nutzen. Ihre zentrale Figur ist Franz von Papen, ein weit rechts stehender Katholik, der einst der Zentrumspartei angehörte und nun parteiloser Vizekanzler unter Hitler ist. ZSP 5 Long Papen 0,27 Und in seiner Vizekanzlei fand sich nun eine Gruppe von Rechtsintellektuellen, möchte ich das Mal nennen, zusammen, die die Vormachtstellung der NSDAP wieder zurückfahren wollten und im Grunde genommen darauf zielten, eine Rechtsdiktatur zu etablieren, ohne oder mit wenig Nationalsozialismus. Und der Papen war im Grunde die Galionsfigur. Der Papen hatte nicht vor, einen ernsthaften Konflikt, also einen Machtkampf mit Hitler zu führen, aber er wurde von dieser Gruppe praktisch nach vorne geschoben. Erzählerin Als Papen am 17. Juni 1934 eine Rede an der Universität Marburg hält, scheint er das Manuskript vorher nicht richtig gelesen zu haben. Es ist ihm offenbar von seinen Mitarbeitern untergeschoben worden. Autor dieses NS-kritischen Textes ist Papens Mitarbeiter Edgar Jung. Der 40-jährige Publizist wird anschließend sofort verhaftet, die Verbreitung des Textes gestoppt. Aber einige Exemplare der Marburger Rede geraten doch unters Volk und machen vor allem in bürgerlichen Kreisen schnell die Runde, sagt Historiker Longerich. ZSP 6 Long Marburger Rede 0,24 Das war so eine Art Manifest. Also es war schon eine recht massive Beschwerdeschrift über diese Willkürherrschaft der Nationalsozialisten. Und vor allen Dingen, was natürlich im bürgerlichen Lager störte, war die Zerstörung des Rechtsstaates. Also man war natürlich auch antidemokratisch eingestellt, man wollte eine autoritäre Herrschaftsform, aber es sollten doch die Grundlagen des Rechtsstaates bewahrt werden. Das war immer so die große Sorge im bürgerlichen Lager. Erzähler Im Frühsommer 1934 setzen die konservativen Kräfte um Papen ihre Hoffnung auf den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Der schwer kranke 86-jährige hätte Hitler theoretisch wieder absetzen oder zumindest erheblich beschränken können. ZSP 7 Long Hindenburg 0,21 Es stellte sich später aber heraus, dass Hindenburg überhaupt kein Interesse an solchen Plänen hatte. Er war einfach sehr zufrieden, dass er mit dem Hitler jemanden gefunden hatte, wie er meinte, der nun sozusagen das alles wieder in Ordnung bringen würde, die nationale Krise Deutschlands, die Wirtschaftskrise, die politische Krise. Musik 6: About something – 59 Sek Erzählerin In der zweiten Juni-Hälfte 1934 kursierten Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch der SA. Ob sie von der SS oder der Gestapo geschürt wurden, sei schwer zu sagen, meint Peter Longerich. Überhaupt stellt sich dem Historiker ein Überlieferungsproblem. Denn niemand hat damals Akten angelegt. Was wir wissen, stammt meist aus Nachkriegserzählungen oder Gerichtsprozessen, die in den 1950er Jahren geführt worden sind. Anekdoten, Rechtfertigungen und Lügen erschweren oft die historische Bewertung. Erzähler Klar ist allerdings, dass Hitler im Juni 1934 beschließt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu (er)schlagen: die revolutionäre SA von Röhm und die ultrakonservativen Kreise um Papen. ZSP 8 Long Entscheidung 0,21 Man kann in etwa sagen, dass er so eine Woche etwa vor dem 30. Juni entschlossen war, etwas zu unternehmen, aber es war noch nicht ganz klar, was. Musik 7: The organ grinder – 55 Sek Erzählerin Die Entscheidung, mit Gewalt vorzugehen, trifft Hitler auf seiner Reise durch Westdeutschland. Am 28. Juni nutzt er die Hochzeitsfeier des Gauleiters in Essen, um seine Pläne mit Hermann Göring und dem loyalen SA-Gruppenführer Victor Lutze zu besprechen. An jenem Donnerstag gibt Hitler telefonisch die Anweisung, dass alle wichtigen SA-Leute am Samstag zu einer Führerbesprechung im oberbayerischen Bad Wiessee erscheinen sollen. Dort macht Ernst Röhm gerade Urlaub. Erzähler Ob Hitler wirklich an einen bevorstehenden Putsch glaubt? Ob er sich in einen Wutrausch gegen die vermeintlichen Verräter hineinsteigert? Oder ob es eiskaltes Machtkalkül ist, das ihn zuschlagen lässt? Das sei nicht zu beantworten und eigentlich auch zweitrangig, meint der Historiker Peter Longerich. ATMO Propellerflugzeug / Musik aus Erzählerin Fest steht: Nach der Freitags-Besprechung auf der Godesberger Rheinterrasse fliegt Hitler noch in der Nacht zurück nach München. Frühmorgens wird ihm auf dem Flugplatz Oberwiesenfeld mitgeteilt, dass größere SA-Haufen randalierend durch die Stadt gezogen seien. War das der Beginn eines Putsches? Erzähler Hitler wartet nicht länger auf Verstärkung. Am 30. Juni 1934 fährt er zusammen mit Goebbels, Viktor Lutze, Otto Dietrich und einem kleinen SS- und Kripo-Kommando ins 60 Kilometer südlich von München gelegene Bad Wiessee. Am Ufer des Tegernsees hat sich Ernst Röhm in der Pension Hanselbauer einquartiert. Auch die anderen SA-Leute nächtigen hier. Als Hitler kurz vor sieben Uhr früh eintrifft, schlafen die Herren noch. Erzählerin Was dann geschieht, wird von der Goebbels-Propaganda dramatisch aufgebauscht und später oft unkritisch nacherzählt. Hitler sei mit der Hundepeitsche in der Hand in die Pension gestürmt und habe Röhm förmlich aus seinem Bett herausgerissen.

  20. Der sogenannte Röhm-Putsch - Hitlers Mordserie im Sommer 1934

    24.07.2025 · 23 Min.

    Obwohl es nie einen Putsch gegeben hat, hält sich der Begriff bis heute hartnäckig. In Wirklichkeit war der sogenannte Röhm-Putsch ein Massenmord, dem insgesamt 90 politische Gegner Hitlers zum Opfer gefallen sind. Befohlen hat ihn der Diktator selbst, der damit die Weichen für seine Alleinherrschaft gestellt hat. Von Thomas Grasberger (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Burchard Dabinnus, Irina Wanke, Friedrich Schloffer Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Peter Longerich, Professor, Royal Holloway and Bedford New College Universität London; Direktor Research Centre for the Holocaust and Twentieth-Century History. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Linktipps: Der Hitlerputsch - Anfang vom Ende der Demokratie Von Astrid Freyeisen München, 9. November 1923. Vor der Münchner Feldherrnhalle scheitert Adolf Hitlers Putschversuch kläglich. Doch die Folgen sollten sich als drastisch erweisen - für Deutschland und für die Welt. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzähler 29. Juni 1934, Freitagnachmittag. Früher als geplant treffen die schwarzen Mercedes-Benz-Limousinen am Rheinhotel in Bad Godesberg ein. Der Reichskanzler Adolf Hitler hat seine Inspektionsreise durch Westdeutschland vorzeitig abgebrochen, um sich mit ranghohen Parteifunktionären zu treffen. Propagandaminister Goebbels wird per Flugzeug aus Berlin eingeflogen. Ebenso Sepp Dietrich, der Kommandeur der SS-Leibstandarte. Über den Rheinauen steht der Sommer, aber die Idylle ist trügerisch. Denn an jenem Freitag werden auf der Godesberger Hotelterrasse mörderische Pläne geschmiedet. Musik hoch Erzählerin Hitler teilt seinen Vertrauten mit, dass er am Tag darauf gegen seinen alten Mitstreiter, den SA-Chef Ernst Röhm vorgehen wird. Und zwar „mit Blut“. Röhm und „seine Rebellen“ sollen zu spüren bekommen, „dass Auflehnung den Kopf kostet“. Erzähler Seit Tagen machen Gerüchte über einen anstehenden Putsch die Runde. Nun scheint sich die Lage zuzuspitzen. Noch in der Nacht, unmittelbar nach der Godesberger Besprechung, fliegt Hitler nach München, um weitere „Maßnahmen“ zu ergreifen. Erzählerin „Maßnahmen“, die nichts anderes bedeuten als blutige Schläge gegen politische Gegner. Musik hoch und aus Von „Staatsnotwehr“ wird später die propagandistische Rede sein. Und von einem „Röhm-Putsch“, gegen den sich der „Führer“ zur Wehr setzen musste. Dieser Putsch-Begriff hält sich seither hartnäckig, sagt der Münchner Zeithistoriker und Geschichtsprofessor Peter Longerich. Seltsamerweise, denn... ZSP 1 Long Begriff 0,32 Alle sind sich darüber einig, dass es nie einen Röhm-Putsch oder einen Versuch eines Röhm-Putsches gegeben hat. Auch die Nazis haben ja keine Belege dafür vorlegen können und trotzdem hat sich das gehalten, wird dann in Anführungszeichen gesetzt. Oder man spricht dann etwas verschämt von der Röhm-Affäre, was ja auch ein bisschen merkwürdig ist. Es ist einfach doch ein Massenmord gewesen, ein Massenmord, dem insgesamt 90 Personen zum Opfer gefallen sind. Befohlen durch den Diktator, durch den Chef, ausgeführt durch die SS mit Unterstützung der Wehrmacht und der Gestapo natürlich. Und so sollte man die Dinge auch beim Namen nennen. Erzähler „Hitler, Röhm und die Morde vom 30. Juni 1934“. So heißt Peter Longerichs 2024 erschienenes Buch, das ein Schlüsselereignis in der Geschichte des Dritten Reiches behandelt. Denn mit dem blutigen Rundumschlag, der einer ganze Reihe von verschiedenen Gegnern galt, hat Hitler die Weichen für seine Alleinherrschaft gestellt. Musik 2: Biegler auf der Wache – 1:16 Min Erzählerin Im Hintergrund des politischen Massenmords steht eine schwere Krise des NS-Regimes. Gerade mal 17 Monate ist die sogenannte Machtergreifung her, in weiten Teilen der Bevölkerung aber herrschen bereits Ernüchterung und Unmut über das Regime. Selbst im nationalsozialistischen Block, der etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist die anfängliche Euphorie verflogen. Die wirtschaftlichen Probleme lassen sich auf Dauer nicht hinter Paraden, Heil-Gebrüll und Fähnchen-Schwingerei verstecken. Erzähler Zwar sinkt die Arbeitslosigkeit, aber oft nur dank statistischer Tricks, während die Löhne der Arbeiter weiter auf dem Krisenstand von 1932 verharren. Auch der Mittelstand leidet unter der geringen Kaufkraft. Händler, Handwerker und Ladenbesitzer sind von der Hitler-Regierung enttäuscht, viele Bauern sauer über Reglementierungen. In bürgerlichen Kreisen ist man entsetzt über die Abschaffung von Meinungs- und Pressefreiheit. Und auch in den zwei großen christlichen Kirchen macht sich erhebliche Unruhe breit. Musik 3: Typewriter - 13 Sek Zitator „Nicht nur notorische „Meckerer und Miesmacher“, sondern „gerade die treuesten Nationalsozialisten sehen der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung sorgenvoll entgegen“. Erzählerin Heißt es zum Beispiel in einem Bericht der Staatspolizei Kassel Anfang Juni 34. Für Hitler ist dieser Vertrauensverlust höchst beunruhigend, sagt Historiker Longerich. ZSP 2 Long Gefahr 0,18 Und das war natürlich auch einer der Gründe, hier – wie man das so nennt –, ein Exempel zu statuieren, um dafür zu sorgen, dass sich diese Unzufriedenheit nicht irgendwie öffentlich vernehmbar machte. Und dass diese ganze Diktatur sich dann vielleicht innerlich allmählich aufgelöst hätte. Das war wohl die Gefahr, die man an der Spitze gesehen hat. Erzähler Denn Mitte 1934 gibt es durchaus noch mehrere Machtzentren. In Hitlers Koalitions-Regierung stellt die NSDAP anfangs nur den Reichskanzler und zwei Minister, gewinnt aber bald weitere Posten hinzu. Als parteiloser Vizekanzler fungiert jedoch der ultrakonservative Katholik Franz von Papen. Diese konservative Rechte hat Hitler 1933 an die Macht verholfen. In der irrigen Annahme, ihn kontrollieren und „in die Ecke drücken zu können.“ Erzählerin Und auf der eher linken, antikapitalistischen Seite der NSDAP scharrt der revolutionäre Flügel der Partei mit den Stiefeln: die Sturmabteilung, kurz SA. Musik 4: Erstes Schachspiel auf dem Schiff– 1:20 Min Ihr prominentester Mann ist der Weltkriegs-Kompaniechef und ehemalige Freikorps-Offizier Ernst Röhm, eine Landsknecht-Natur mit mit einem derben, von Kampf und Krieg vernarbten Gesicht. Erzähler Der Münchner Eisenbahner-Sohn Röhm, ein verdienter alter Kämpfer der Partei und eine Schlüsselfigur im Hitler-Ludendorff-Putsch 1923, ist ein Duz-Freund Hitlers, verfolgt aber immer wieder Pläne, die von dessen Konzeption stark abweichen. Röhm will seine mächtige SA der Partei-Kontrolle entziehen. Im Dezember 1933 wird er jedoch von Hitler mit einem Ministerposten ohne Geschäftsbereich abgespeist. Erzählerin Röhm will aber mehr und spricht von einer zweiten Revolution. Nicht die Spießbürger, Karrieristen und Parteibürokraten sollen das Sagen haben, sondern seine politischen „Soldaten“. Schließlich findet er, waren es ja doch die paramilitärischen Kräfte der SA, die die Gegner grün und blau und tot schlugen und Hitler an die Macht brachten. ZSP 3 Long SA 0,33 Also eine äußerst gewalttätige Truppe, die auch nach der sogenannten Machtergreifung 33 die Machtdurchsetzung der NSDAP natürlich besorgt hat mit den wilden Konzentrationslagern. Als Hilfspolizei, als immer bereitstehende, gewalttätige Truppe, die auch auf lokaler Ebene die Ziele der Nationalsozialisten durchsetzt. Und diese SA wollte natürlich belohnt werden, nachdem nun die Machtergreifung gelungen war. Im Wesentlichen ging es eigentlich darum, diese alten SA Haudegen irgendwie unterzubringen auf Versorgungsposten. Musik 5: Erstes Schachspiel auf dem Schiff – siehe oben – 1:01 Min Erzähler Röhms Plan, die SA zum Milizheer umzugestalten und mit der Landesverteidigung zu betrauen, scheitert. Denn Hitler setzt bei der Wiederaufrüstung Deutschlands auf die alte Reichswehr. Die SA benötigt er nicht mehr. Was aber tun mit diesem anschwellenden Heer von Braunhemden? ZSP 4 Long Riesenhaufen 0,23 Also die SA bestand 1933 hauptsächlich aus arbeitslosen jungen Männern. Sie ist dann ja sehr stark angewachsen, weil nun einmal hat man die Wehrverbände, die übrigen Wehrverbände aufgesogen. Und dann haben sich auch viele Männer der SA angeschlossen, weil sie hofften, damit schneller Arbeit zu bekommen. Also das war ein sehr schnell anwachsender Riesenhaufen von 400 000 Mann etwa 1933 auf schließlich mehr als vier Millionen. Erzählerin Röhms Forderung nach mehr Teilhabe der SA an der Macht, lehnt Hitler kategorisch ab. Schon im Juli 1933 hat er die Nationalsozialistische Revolution für beendet erklärt. Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Musik aus Erzähler Genau das versuchen nun die nationalkonservativen Kräfte in der Regierungskoalition für sich zu nutzen. Ihre zentrale Figur ist Franz von Papen, ein weit rechts stehender Katholik, der einst der Zentrumspartei angehörte und nun parteiloser Vizekanzler unter Hitler ist. ZSP 5 Long Papen 0,27 Und in seiner Vizekanzlei fand sich nun eine Gruppe von Rechtsintellektuellen, möchte ich das Mal nennen, zusammen, die die Vormachtstellung der NSDAP wieder zurückfahren wollten und im Grunde genommen darauf zielten, eine Rechtsdiktatur zu etablieren, ohne oder mit wenig Nationalsozialismus. Und der Papen war im Grunde die Galionsfigur. Der Papen hatte nicht vor, einen ernsthaften Konflikt, also einen Machtkampf mit Hitler zu führen, aber er wurde von dieser Gruppe praktisch nach vorne geschoben. Erzählerin Als Papen am 17. Juni 1934 eine Rede an der Universität Marburg hält, scheint er das Manuskript vorher nicht richtig gelesen zu haben. Es ist ihm offenbar von seinen Mitarbeitern untergeschoben worden. Autor dieses NS-kritischen Textes ist Papens Mitarbeiter Edgar Jung. Der 40-jährige Publizist wird anschließend sofort verhaftet, die Verbreitung des Textes gestoppt. Aber einige Exemplare der Marburger Rede geraten doch unters Volk und machen vor allem in bürgerlichen Kreisen schnell die Runde, sagt Historiker Longerich. ZSP 6 Long Marburger Rede 0,24 Das war so eine Art Manifest. Also es war schon eine recht massive Beschwerdeschrift über diese Willkürherrschaft der Nationalsozialisten. Und vor allen Dingen, was natürlich im bürgerlichen Lager störte, war die Zerstörung des Rechtsstaates. Also man war natürlich auch antidemokratisch eingestellt, man wollte eine autoritäre Herrschaftsform, aber es sollten doch die Grundlagen des Rechtsstaates bewahrt werden. Das war immer so die große Sorge im bürgerlichen Lager. Erzähler Im Frühsommer 1934 setzen die konservativen Kräfte um Papen ihre Hoffnung auf den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Der schwer kranke 86-jährige hätte Hitler theoretisch wieder absetzen oder zumindest erheblich beschränken können. ZSP 7 Long Hindenburg 0,21 Es stellte sich später aber heraus, dass Hindenburg überhaupt kein Interesse an solchen Plänen hatte. Er war einfach sehr zufrieden, dass er mit dem Hitler jemanden gefunden hatte, wie er meinte, der nun sozusagen das alles wieder in Ordnung bringen würde, die nationale Krise Deutschlands, die Wirtschaftskrise, die politische Krise. Musik 6: About something – 59 Sek Erzählerin In der zweiten Juni-Hälfte 1934 kursierten Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch der SA. Ob sie von der SS oder der Gestapo geschürt wurden, sei schwer zu sagen, meint Peter Longerich. Überhaupt stellt sich dem Historiker ein Überlieferungsproblem. Denn niemand hat damals Akten angelegt. Was wir wissen, stammt meist aus Nachkriegserzählungen oder Gerichtsprozessen, die in den 1950er Jahren geführt worden sind. Anekdoten, Rechtfertigungen und Lügen erschweren oft die historische Bewertung. Erzähler Klar ist allerdings, dass Hitler im Juni 1934 beschließt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu (er)schlagen: die revolutionäre SA von Röhm und die ultrakonservativen Kreise um Papen. ZSP 8 Long Entscheidung 0,21 Man kann in etwa sagen, dass er so eine Woche etwa vor dem 30. Juni entschlossen war, etwas zu unternehmen, aber es war noch nicht ganz klar, was. Musik 7: The organ grinder – 55 Sek Erzählerin Die Entscheidung, mit Gewalt vorzugehen, trifft Hitler auf seiner Reise durch Westdeutschland. Am 28. Juni nutzt er die Hochzeitsfeier des Gauleiters in Essen, um seine Pläne mit Hermann Göring und dem loyalen SA-Gruppenführer Victor Lutze zu besprechen. An jenem Donnerstag gibt Hitler telefonisch die Anweisung, dass alle wichtigen SA-Leute am Samstag zu einer Führerbesprechung im oberbayerischen Bad Wiessee erscheinen sollen. Dort macht Ernst Röhm gerade Urlaub. Erzähler Ob Hitler wirklich an einen bevorstehenden Putsch glaubt? Ob er sich in einen Wutrausch gegen die vermeintlichen Verräter hineinsteigert? Oder ob es eiskaltes Machtkalkül ist, das ihn zuschlagen lässt? Das sei nicht zu beantworten und eigentlich auch zweitrangig, meint der Historiker Peter Longerich. ATMO Propellerflugzeug / Musik aus Erzählerin Fest steht: Nach der Freitags-Besprechung auf der Godesberger Rheinterrasse fliegt Hitler noch in der Nacht zurück nach München. Frühmorgens wird ihm auf dem Flugplatz Oberwiesenfeld mitgeteilt, dass größere SA-Haufen randalierend durch die Stadt gezogen seien. War das der Beginn eines Putsches? Erzähler Hitler wartet nicht länger auf Verstärkung. Am 30. Juni 1934 fährt er zusammen mit Goebbels, Viktor Lutze, Otto Dietrich und einem kleinen SS- und Kripo-Kommando ins 60 Kilometer südlich von München gelegene Bad Wiessee. Am Ufer des Tegernsees hat sich Ernst Röhm in der Pension Hanselbauer einquartiert. Auch die anderen SA-Leute nächtigen hier. Als Hitler kurz vor sieben Uhr früh eintrifft, schlafen die Herren noch. Erzählerin Was dann geschieht, wird von der Goebbels-Propaganda dramatisch aufgebauscht und später oft unkritisch nacherzählt. Hitler sei mit der Hundepeitsche in der Hand in die Pension gestürmt und habe Röhm förmlich aus seinem Bett herausgerissen. ZSP 9 Long Hanselbauer 0,33 Es gibt ja nun Zeugenaussagen aus den 50er Jahren, und es scheint so gewesen zu sein, dass das eigentlich sehr viel ruhiger abging. Also der Hitler hat nach einer dieser Aussagen an der Tür geklopft von dem Röhm, hat dann gesagt, er möchte mal rauskommen. Der Röhm hat noch einen Kaffee getrunken in der Pension Hanselbauer. Es scheint eher nicht so dramatisch abgelaufen zu sein. Dann ist da immer diese Geschichte, dass man den Heines dann mit einem jungen Geliebten im Bett vorgefunden hätte. Das sind alles Dinge, die eigentlich erst durch die Nationalsozialisten aufgebauscht worden sind, um eben einen Skandal aus dieser ganzen SA-Führung zu machen. Erzähler Dass Röhm und einige SA-Führer wie Edmund Heines homosexuell sind, war längst kein Geheimnis mehr und auch kein Aufreger. Aber jetzt ließ es sich propagandistisch gut ausschlachten. Nach dem Motto: Der Führer höchstpersönlich habe diesen moralischen Sumpf nun trockengelegt! Musik 8: Search party – 1:26 Min Erzählerin Röhm und die anderen SA-Führer werden nach München ins Gefängnis Stadelheim gebracht. Eigenhändig schreibt Hitler eine Liste der Hinzurichtenden. „Sepp“ Dietrich, Chef der SS-Leibstandarte, lässt noch am selben Tag sechs SA-Führer durch seine Truppe erschießen. Erzähler Bei seinem alten Duz-Freund Röhm zögert Hitler zunächst. Aber schon am Tag darauf lässt er dem SA-Chef eine Pistole in die Zelle legen. Als Röhm sich weigert, Selbstmord zu begehen, wird er in seiner Zelle am 1. Juli 1934 auf Befehl Hitlers vom Kommandanten des Konzentrationslagers Dachau, dem SS-Obergruppenführer Theodor Eicke erschossen. Erzählerin Auch andernorts läuft die Mordmaschinerie an. In Berlin werden ebenfalls am 30. Juni 27 Personen getötet, darunter neun, die nichts mit der SA zu tun haben, aber politisch missliebig sind. Prominentestes Opfer ist Kurt von Schleicher, Hitlers Vorgänger als Reichskanzler. Auch Schleichers Frau und sein engster Vertrauter Generalmajor Ferdinand von Bredow werden erschossen. Ebenso Gregor Strasser, Hitlers früherer Widersacher vom antikapitalistischen Flügel der NSDAP. Erzähler Die meisten Morde, sagt Peter Longerich, sind von Anfang an von Hitler selbst gewollt gewesen. Nur einige erst im Nachhinein autorisiert worden. Ausgeführt werden sie von Angehörigen der Geheimen Staatspolizei und des Sicherheitsdienstes SD. Aber auch die allgemeine SS und die Leibstandarte sind beteiligt. Erzählerin Neben München und Berlin ist Schlesien der dritte regionale Schwerpunkt der Mordserie. Mit Breslau im Zentrum gilt es als eine SA-Hochburg, gegen die besonders hart vorgegangen wird. Doch auch anderswo gibt es Tote. Von den reichsweit 90 Opfern sind 50 SA-Führer. Die meisten Namen stehen von Anfang an auf Listen der SS. Es kommt aber auch zu spontanen, improvisierten Tötungen. ZSP 10 Long Mafiamethoden 0,38 Bei den anderen Morden ist es so, dass die eigentlich so nach Mafia-Art zum großen Teil begangen wurden. Also die Opfer wurden in ihren Wohnungen ermordet oder sie wurden verschleppt, auf der Straße erschossen, die Leichen wurden liegengelassen. Und das begann in Berlin ja schon am 30. Juni. Also, das heißt, das beginnt schon, bevor man eigentlich gegen diese sogenannten SA-Revoluzzer vorgeht. Erzähler Während sich das Regime lange in Schweigen hüllt und offiziell nie mehr als ein Dutzend Opfer zugibt, gehen in der Bevölkerung bald Gerüchte um, es könnten Hunderte gewesen sein. In der Neuen Zürcher Zeitung, die auch in Deutschland zu lesen ist, stehen immer wieder Namen von Opfern. Edgar Jung zum Beispiel, der Papen-Mitarbeiter und Verfasser der Marburger Rede, der bereits seit zwei Wochen inhaftiert war. Oder Gustav von Kahr, der ehemalige bayerische Ministerpräsident, von dem sich Hitler beim Putschversuch 1923 verraten fühlte. ZSP 11 Long Terrorherrschaft 0,25 Das hat natürlich große Unsicherheit und große Unruhe in die Bevölkerung getragen. Es lag sozusagen auch in den ersten Tagen danach so ein lähmender Schrecken über dem Land, und das war natürlich auch durchaus wohl von den Nationalsozialisten beabsichtigt. Das ist eben das, was man als Terrorherrschaft bezeichnet. Musik 9: The horror of war – 1:23 Min Erzählerin Erst am 13. Juli rechtfertigt Hitler in einer Reichstagsrede ausführlich die sogenannte Niederschlagung des angeblichen „Röhm-Putsches“. Es sind wortreiche Lügen von der „Staatsnotwehr“! Dabei war den meisten längst klar: Der blutige Rundumschlag richtete sich gegen verschiedenste Gruppen. Erzähler Nicht zuletzt gegen die Rechtskonservativen aus dem Kreis um Papen. Dessen Pressechef Herbert von Bose ist in seinem Büro erschossen worden. Ebenso Erich Klausener, Leiter der katholischen Laienbewegung im Bistum Berlin. Auch der katholische Publizist Fritz Gerlich, einer der schärfsten Kritiker der Nazis, wird am 1. Juli 1934 im KZ Dachau ermordet. Erzählerin Franz von Papen zieht daraus übrigens keine Konsequenzen. Obwohl zwei seiner engsten Mitarbeiter ermordet wurden, bricht der Vizekanzler nicht mit Hitler. Papen wird später Gesandter in Wien. Erzähler Ein anderer konservativer Katholik, der längst die Seiten gewechselt hat, ist der Staatsrechtler Carl Schmitt. Als „Kronjurist des Dritten Reiches“, wie ihn Gegner spöttisch nennen, rechtfertigt er am 1. August 1934 Hitlers Mordserie in einem Artikel in der Deutschen Juristen-Zeitung: Musik 10: Typewriter – siehe oben – 13 Sek Zitator: „Der Führer schützt das Recht“ vor „dem schlimmsten Missbrauch“, wenn er „im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht“ schaffe. Musik aus Erzählerin Die konservativen Eliten Deutschlands sind Mitte 1934 weder bereit noch in der Lage, sich dem Diktator zu widersetzen. Und auch die SA ist geschwächt. Sie wird entwaffnet und von 4,5 Millionen auf 1,6 Millionen SA-Leute zurechtgestutzt. Erhalten geblieben ist zwar das erhebliche Gewaltpotenzial der SA, das sich insbesondere in „Aktionen“ gegen Juden zeigte. Aber als revolutionärer sogenannter „linker“ Flügel der NSDAP war sie nun endgültig entmachtet, sagt Peter Longerich. ZSP 12 Long wesentliches Ergebnis 0,30 Wenn man diese Stimmungsberichte aus dem Jahre 34 liest, dann sieht man, dass es im bürgerlichen Lager doch noch ziemliche Befürchtungen gab, dass sich in der NSDAP ein linker Kurs durchsetzen könnte, also ein antikapitalistischer Kurs. Und dass man dort Einbußen erleiden würde, und das ist natürlich jetzt nach dem 30. Juni vorbei. Also man hat zwar jetzt eine terroristische Diktatur, aber man ist sich doch ziemlich sicher, dass sie nicht versuchen wird, sozusagen an die Eigentumsverhältnisse massiv heranzugehen. Ich glaube, das ist ein ganz wesentliches Ergebnis dieses Tages gewesen. Erzähler Gestärkt geht die Reichswehr aus den blutigen Ereignissen hervor. Vor allem aber profitiert die andere paramilitärische Nazi-Truppe von den Morden: Heinrich Himmlers Schutzstaffel, kurz SS. ZSP 13 Long SS 0,18 Der große Gewinner war natürlich die SS, die ja nun auch die Gestapo kontrollierte, aber vor allen Dingen auch die SS als Organisation jetzt aus dem Unterstellungsverhältnis unter den SA-Chef rausgelöst wurde, eigenständig wurde und in verschiedene Richtungen dann expandieren konnte. Also es war der Machtzuwachs Himmlers. Musik 11: The organ grinder – siehe oben – 1:08 Minuten Erzählerin Und natürlich Hitlers. Denn vor allem verändern die Mordaktionen den Charakter seiner Diktatur. Alle Nebenzentren der Macht sind nun beseitigt. Abweichende Meinungen in wichtigen Fragen gibt es keine mehr. Und Terror wird zum festen Bestandteil der Herrschaftspraxis. Hitlers Weg zur Alleinherrschaft ist frei. Er muss ihn nur noch gehen. Erzähler Als wenige Wochen später Paul von Hindenburg stirbt, übernimmt der Reichskanzler Hitler auch noch das Amt des Reichpräsidenten und den Oberbefehl über die Reichswehr. In einem nachträglichen Plebiszit spricht sich das Volk im August 1934 mit „überwältigender Mehrheit", wie es hieß, für die unumschränkte Macht des jetzt sogenannten „Führers und Reichskanzlers“ aus.