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2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Die ägyptische Göttin Isis - Tochter von Himmel und Erde
07.02.2025 · 23 Min.
Wir kennen die Göttin Isis als Göttin des Lebens und des Todes aus der Ägyptischen Mythologie. Isis kann heute als Verkörperung einer Sehnsucht nach der ursprünglichen Muttergottheit verstanden werden, die über die Jahrtausende einem überwiegend männlichen Gottesbild weichen musste. Von Andreas Hauber (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Andreas Hauber Regie: Martin Trauner Es sprachen: Silke von Walkhoff, Hemma Michel, Christoph Jablonka Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Martin Stadler, Ägyptologe, Würzburg Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Von der Müdigkeit - Wenn der Körper erschöpft ist
06.02.2025 · 23 Min.
Müdigkeit - ein Zustand des "Dazwischen", der inspiriert oder nervt. Für viele Menschen ist es unangenehm, müde zu sein, es kann zur Qual werden und einen davon abhalten, das Leben zu gestalten. Aber Müdigkeit eröffnet faszinierende Erfahrungen der Unschärfe. Von Kirsten Zesewitz ( BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Kirsten Zesewitz Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Bürkle, Thomas Birnstiel, Ruth Geiersberger Technik: Andreas Lucke Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Fabian Goppelsröder (Philosoph); Julia Ingold (Literaturwissenschaftlerin); Malin Miksch (Medizinerin); Jens Haferkamp (Mediziner) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Schnarchen - Von Lärm, Luftmangel und Lösungen JETZT ANHÖREN Krankheitsfaktor Stress - Auf den Spuren eines Phänomens JETZT ANHÖREN Literaturtipp: Iwan Gontscharow: Oblomow (Verlag A. Deubner, Berlin, 1885, Übersetzung Gustav Keuchel); Fabian Goppelsröder: Aisthetik der Müdigkeit (Diaphanes, Zürich, 2018) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Maria Callas - Operndiva mit Kultstatus
05.02.2025 · 23 Min.
"Kult" und Mythos", nur wenige Künstler des 20. Jahrhunderts verkörpern diese Begriffe einer irrationalen Wirkmächtigkeit so eindringlich wie Maria Callas. Was machte sie, die bis heute wie kaum eine anderer Sängerin verehrt wird, zu solch einer Ausnahmeerscheinung? Von Markus Vanhoefer (BR 2008) Credits Autor dieser Folge: Markus Vanhoefer Regie: Markus Vanhoefer Es sprachen: Katja Schild, Andreas Neumann, Detlef Kügow, Sabine Kastius Redaktion: Petra Hermann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Claudio Monteverdi - Der Erfinder der Oper JETZT ANHÖREN Linktipp: Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Der globale Süden - Ein umstrittener Begriff
05.02.2025 · 24 Min.
Seit dem Ende des Kalten Kriegs wird der Begriff "Dritte Welt" in entwicklungspolitischen Gruppen, Medien und der Wissenschaft zunehmend durch "Globaler Süden" ersetzt. Was damit gemeint ist, bleibt oft unklar. Und die gemeinsamen Interessen ärmerer Länder sind oft auch nicht gegeben. Von Thomas Grasberger (BR 2023) Credits: Autor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Christian Baumann und Rahel Comtesse Technik: Matthias Plez Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Stefan Lüder, Historiker für Geschichte Südasiens und des Himalaya Nikolaus Werz, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Rostock Michael Korbmacher, Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Peripherie. Politik - Ökonomie - Kultur“ in Münster Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Das Immunsystem - Wächter unseres Körpers
04.02.2025 · 22 Min.
Schon einfache Organismen besitzen einen Abwehrmechanismus, um sich vor Veränderungen durch Krankheitserreger zu schützen. Das menschliche Immunsystem ist hochkomplex, es besteht aus vielfältigen mechanischen und biochemischen Schutzstrategien. Von Daniela Remus (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Julia Fischer, Johannes Hitzelberger Technik: Susanne Harasim Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Marylyn Addo (Professorin; Infektiologin, Universitätsklinikum Eppendorf, Hamburg); Thomas Kamradt (Professor; Immunologe, Universitätsklinikum Jena); Carsten Watzl (Professor; Molekularbiologe, Leibniz Institut an der TU Dortmund); Jürgen Wienands (Professor; Immunologe, Universität Göttingen) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Ulugh Beg - Ein Wissenschaftler auf dem Thron
04.02.2025 · 24 Min.
Der Timuridenfürst Ulugh Beg (1394-1449) übernahm den Thron in Samarkand, heute Usbekistan, von seinem Großvater. Doch statt wie dieser als gefürchteter Herrscher andere Reiche zu erobern, zog er die Wissenschaft vor: Als Astronom und Mathematiker leistete er in seinem Observatorium Erstaunliches - lange vor Erfindung des Teleskops. Von Julia Smilga Credits Autorin dieser Folge: Julia Smilga Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Susanne Schroeder, Thomas Loibl, Peter Weiß Technik: Moritz Herrmann Redaktion: Karin Becker Im Interview: Ikromeddin Siroshidinov, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums „Sternwarte“ in Samarkand, Usbekistan Benno van Dalen, Astronomie- und Mathematikhistoriker an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: 17. Juni 1941, Samarkand, Usbekische Republik. Sowjetische Wissenschaftler um den berühmten Anthropologen Michail Gerassimow öffnen im Mausoleum Gur Emir ein fünfhundert Jahre altes Grab. Sie wollen die Gebeine des berühmten Herrschers Amir Timur – in Europa bekannt als Tamerlan - und seines Enkels Ulugh Beg untersuchen. Das Ziel: anhand der Schädelreste das Aussehen der beiden zu rekonstruieren. Als Ulugh Begs Grab geöffnet wird, entdecken sie, dass der Schädel vom Rest des Skeletts abgetrennt liegt. Anthropologe Gerassimow schreibt in das Protokoll der Untersuchung: Musik hoch Zitat 1 Zitator : „Ulugh Begs Grab bestätigt die tragischen Umstände seines gewaltsamen Todes. An einem der Wirbel sind deutliche Spuren eines Hiebes mit einer scharfen Klinge sichtbar. Nur ein Schlag von enormer Kraft und Erfahrung konnte eine solche Wirkung haben. Er wurde von rechts nach links ausgeführt, das heißt, der Täter stand vor dem knienden Opfer...“ Musik 2: Dastan and Tamina escape - 49 Sek Sprecherin: Ulugh Beg starb am 3. November 1449 mit 56 Jahren in einem Dorf in der Nähe von Samarkand. Er hatte eine Schlacht gegen seinen eigenen Sohn Abd al-Latif verloren und war aus seiner Residenz in Samarkand vertrieben worden. Heimatlos und des Reiches beraubt hatte sich Ulugh Beg auf eine Pilgerreise nach Mekka begeben. Doch kam er nicht weit…Angeblich hatte Abd al-Latif den Befehl zur Ermordung des Vaters gegeben. Mit dem Leben von Ulugh Beg endete im Jahr 1449 auch die Blütezeit der islamischen Wissenschaft in Mittelasien. Atmo Stadt LS 102465 Sprecherin: Samarkand. Ehemalige Hauptstadt des grausamen Kriegers Amir Timur, Großvater Ulugh Begs. Zwischen 1370 und 1405 eroberte er weite Teile Zentralasiens. Sein riesiges Reich umfasste Gebiete der heutigen Staaten Iran, Armenien, Georgien, Syrien, Irak sowie Teile Nordindiens. Sein Enkel Ulugh Beg, der am 22. März 1394 in Soltanije im heutigen Iran geboren wurde, bekam nach dem Tod seines Großvaters im Jahr 1405 die prächtige Stadt Samarkand zusammen mit der Provinz Westturkestan als Herrschaftsgebiet übertrage. Ulugh Beg war damals erst 15 Jahre alt. Der junge Herrscher erwies sich als ein exzellenter Verwalter, beschäftigte sich aber auch mit Wissenschaft und Kunst. Das war damals für einen Herrscher außergewöhnlich, sagt Benno van Dalen. Der niederländische Astronomie- und Mathematikhistoriker forscht an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zur Geschichte der mittelalterlichen Astronomie in Europa und Asien. OT 01 van Dalen [0:14:17] : Ulug Berg war ja der Enkel von Tamerlan, und das war nicht gerade jemand, der bekannt ist für seine wissenschaftliche Aktivitäten, sondern eher für seine Eroberungen (..) Und die meisten Sultane und Prinzen, die haben sich eher beschäftigt mit diesen Konflikten statt mit Wissenschaft. Also Ulug Beg war da wirklich eine Ausnahme. Atmo Registan Sprecherin Der ehemalige Marktplatz Samarkands, mitten in der Altstadt: Gesäumt wird er von drei prächtigen, mit bunten Ornament-Kacheln und leuchtend blauen Kuppen verzierten Medresen. Eine Medrese oder arabisch „Madrassa“ ist eine Lehreinrichtung, eine Koranschule, in der nach islamischen Grundsätzen das Wissen der Zeit vermittelt wird. Eine der Medresen, die älteste auf dem Platz, ließ Ulugh Beg errichten, im Jahr 1417. OT 02 van Dalen 15:25 Wir wissen, dass er zum Beispiel den Koran auswendig kannte und zu jeder Zeit zitieren konnte. Aber das Interesse für Mathematik und Astronomie hatte er insbesondere dann entwickelt, und das hat dazu geführt, dass er in seinem Madrassa all diese berühmten Wissenschaftler, sehr fähigen Wissenschaftler gesammelt hat, und in der Sternwarte ein sehr ausführliches Beobachtungsprogramm hat durchführen lassen. Atmo Innenhof UlughBeg Medrese LS 102526+ LS 102527 Sprecherin Der quadratische Innenhof der Koranschule ist von zweistöckigen, mit bunten Mosaiken geschmückten Bauten umgeben, in denen einst vier Hörsäle und Wohnzellen für Studenten untergebracht waren. Mittelalterliche Quellen bezeugen, dass die Koranschule zweistöckig war, mit vier Kuppeln und vier Minaretten an den Ecken, jedes Zimmer war in zwei Wohneinheiten für zwei Studenten unterteilt. Hier hatten etwa hundert Studenten Unterricht. Heute sieht die restaurierte islamische Schule wohl fast genau so aus, wie zu Zeiten von Ulugh Beg. Nur: statt Studenten schlendern durch den Innenhof Touristen aus aller Welt. In den ehemaligen Studentenwohnzellen findet man zahlreiche Souvenirgeschäfte: Steinmetze, Schmiede und Holzschnitzer arbeiten und verkaufen dort, wo einst hitzige Diskussionen über mathematische Formeln geführt wurden. Musik 3: Heading to the Old Palace - 1.14 Min Zitat 2 Zitator „Wie hier in Samarkand Mathematik und Astronomie gelehrt werden, ist in ganz Persien ohne Beispiel. Es gibt allein 24 Meister, die Euklidische Geometrie studieren und den Himmel beobachten.“ Sprecherin schreibt der Mathematiker und Astronom Al Kaschi als Lehrer der Koranschule an seinen Vater, begeistert von den Forschungsmöglichkeiten in der Stadt an der Seidenstraße. Diese Briefe, die al-Kaschi ins etwa 2000 km entfernte Kaschan in Persien schickt, sind die wichtigsten historischen Quellen, die Einzelheiten über das Leben am Hof und in den Koranschulen von Ulugh Beg liefern. Mindestens ein Dutzend Medresen hat Ulugh Beg persönlich gestiftet. Zitat 3 Zitator „Ulugh Beg unterstützt zahlreiche Studenten mit Stipendien und ermutigt alle zum Lernen. Seine königliche Majestät hatte eine wohltätige Gabe in Höhe von dreißigtausend Dinar gestiftet, von denen zehntausend an Studenten vergeben werden sollten. Es wurden etwa zehntausend Studenten aufgelistet, die ständig lernen und lehren und für eine finanzielle Unterstützung in Frage kommen.“ Musik aus Sprecherin Heute sind in Usbekistan drei von Ulugh Beg errichtete Koranschulen erhalten: eine in Buchara, eine in Gischduwan und die wichtigste, in Samarkand. Sie war die Wirkungsstätte des persischen Mathematikers Al Kaschi. Aber auch Ulugh Beg war in der Koranschule oft anzutreffen- unangekündigt. Gerne mischte er sich laut al Kaschi in den Unterricht ein OTon 3 van Dalen [0:28:20) Er hat beschrieben, dass (...) er sehr häufig dabei war, als die Wissenschaftler und die Studenten ihre Probleme besprochen haben. Und dass er dann sehr kluge Bemerkungen gemacht hat. Dass er die Probleme, auch die schwierigen geometrische Probleme, wirklich gut verstanden hat. Sprecherin Geometrische und astronomische Probleme, mit denen sich Studierende und Professoren in der Koranschule von Ulugh Beg beschäftigten und für die sie Lösungen fanden, wurden in Europa erst Jahrhunderte später berechnet. Über elegante Lösungen etwa, die Al Kaschi in seinem 1424 verfassten Lehrbuch „Schlüssel für Arithmetik“ aufstellt, schreibt 1949 der deutsche Arabist und Mathematikhistoriker Paul Luckey: Musik 4: Erupting Light – 42 Sek Zitat 4 Zitator: „Wäre sein Lehrbrief über die Berechnung des Kreisumfanges seinen Zeitgenossen im Abendland bekannt geworden, so hätte sich dieses Abendland in der Folgezeit einige beschämende Leistungen und Erörterungen auf dem Gebiet der Kreisberechnung ersparen können. Hätte seine klare theoretische und praktische Einführung der Dezimalbrüche Verbreitung gefunden, so wäre es nicht nötig gewesen, dass anderthalb Jahrhunderte später Männer wie Vieta, Stevin und Bürgi ihren Verstand und ihre Arbeitskraft auf die Neuerfindung der Dezimalbrüche richteten.“ Sprecherin Viele der Berechnungen aus den Schulen Ulugh Begs wurden in der Astronomie angewendet. Aber auch Astrologen setzten auf sie: Die Herstellung von Zusammenhängen zwischen astronomischen Ereignissen und irdischem Geschehen spielte damals in der islamischen Welt eine große Rolle. Benno van Dalen: OTon 4 van Dalen [0:03:30.) Es gab Standardbücher zur Astrologie, die erklärt haben, wie die astrologischen Basistechniken funktionierten (..)und natürlich eine sehr wichtige Quelle waren die astronomischen Tafelwerke. Die hießen auf Arabisch Sidsch und da steht, womit man dann alle Berechnungen durchführen konnte. Und das wäre dann auch für die meisten Astrologen ihr wichtigstes Tool, damit sie die Berechnungen der Planeten durchführen konnten und damit eine Horoskope erstellen und aufgrund davon die Vorhersagen treffen, die die Kunden haben wollten. Musik 5: Journey through the desert – 1:01 Min Sprecherin: Im Jahr 1424 beschließt Ulugh Beg, seit knapp 20 Jahren an der Macht, in Samarkand ein großes Observatorium zu bauen. Über den Baubeginn berichtet der zeitgenössische Chronist Abd al-Razzaq Samarqandi: Zitat 5 Zitator „Der Ort wurde an einem Hügel an der Nordseite von Samarkand gewählt, wo berühmte Astrologen einen günstigen Tag für den Beginn der Bauarbeiten bestimmten. Es entstand ein solides und erhabenes Gebäude. Die Fundamente und Säulen waren so stark, dass sie bis zum Tag des Jüngsten Gerichts stehen würden. Die Wandmalereien, die in diesen prächtigen Räumen angebracht waren, zeigten die sieben Stockwerke der himmlischen Sphäre, die Klimazonen, die Berge, die Flüsse und die Wüsten. Und so wurde befohlen, die Bewegung der Sonne und der Planeten zu beobachten und zu registrieren“. OTon 05 Ikromeddin Siroshidinov russ Sprecher OV 4:29 das Observatorium wurde in nur vier Jahren erbaut. Die Sternwarte war 46 Meter hoch, so hoch wie ein modernes zehnstöckiges Gebäude. ATMO Straße Sprecherin: Ikromeddin Siroshidinov ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum „Sternwarte“, das heute neben der Ruine des sagenumwobenen Observatoriums steht. Beides befindet sich zwei Kilometer vom Stadtzentrum Samarkands entfernt, an einer heute vielbefahrenen Straße Richtung der usbekischen Hauptstadt Taschkent. (ATMO Stufen) Am Fuße der Treppe, die zum Observatoriums-Hügel hinaufführt, begegnet man Ulugh Beg persönlich – in Form eines Bronze-Denkmals. Ulugh Beg sitzt auf dem Thron in einem langen Brokatmantel, den Blick in die Weite gerichtet, in der rechten Hand eine Papierrolle – Symbol für die Wissenschaft. Mehrere Stufen führen hinauf zu den Überresten eines riesigen astronomischen Instruments. Dieses hat im Jahr 1908 der russische Archäologe Vaissily Vjatkin ausgegraben – und damit bewiesen, wo genau sich die Sternwarte von Ulugh Beg einst befand. OTon 06 Ikromeddin Siroshidinov russ Sprecher OV 00:36 Wir sind mittendrin in den Ruinen der Sternwarte. 4:40 Im Inneren befindet sich das wichtigste Instrument, der Sextant. Musik 6: Dark Waters (red) – 35 Sek Sprecherin Ein dunkler Tunnel, der in den Felsboden geschlagen nach unten führt. Eine Treppe in seiner Mitte ist seitwärts von zwei steinernen, mit glatten Marmorplatten verkleideten Mäuerchen begrenzt, die von oben wie breite Schienen aussehen und in einem Bogen weiter nach unten führen. Wir befinden uns innerhalb eines riesigen Messinstruments des Observatoriums. Siroshidinov nennt es einen „Sextanten“. OTon 07 Ikromeddin Siroshidinov russ Sprecher OV 6:53 Hier gibt es drei Treppen und zwei Schienen: auf der mittleren sind Ulugh Beg selbst und seine Professoren gegangen, an den Rändern haben ihre Studenten das Instrument gerollt, Reste von den Schienen sind erhalten geblieben. Auf dem rechten Teil des Bogens sind Grade aufgezeichnet, 72 Zentimeter entsprechen einem Grad (...) Es gab eine Fortsetzung der Schienen weitere 33 Meter nach oben, doch dieser Teil wurde zerstört, nur die 31 Meter des Unterteils sind übriggeblieben. Sprecherin: Insgesamt war das Messgerät also etwa 64 Meter lang. Allerdings: wie es genau aussah und funktionierte, darüber gibt es nur Hypothesen. Wahrscheinlich wurde das Licht, das durch das Ende des Tunnels ins Observatorium einfiel, auf einen scharf umrissenen Fleck fokussiert. Stieg die Sonne, wanderte dieser Lichtfleck über die Stufen. Wenn die Sonne nur ein einziges Grad höher oder tiefer stand, verschob sich der Lichtfleck um 72 Zentimeter, so Siroshidinov OTon 08 Ikromeddin Siroshidinov russ Sprecher OV 14:49 Tagsüber orientierten sie sich an dem Sonnenstrahl, um den Stand der Sonne zu bestimmen, so haben die Wissenschaftler einen Sonnenkalender erstellt (...) 15:14 Nachts beobachteten sie die Sterne und den Mond. Musik 7: Dark Waters (red) – siehe oben – 33 Sek Sprecherin: Dank der ungewöhnlichen Größe des Instruments konnten die Wissenschaftler um Ulugh Beg etwa 300 Jahre vor Erfindung des Teleskops bereits genaue Positionen der Sterne und Planeten am Himmel und die Entfernungen zwischen ihnen bestimmen - ausgedrückt in Grad, Minuten und Bogensekunden. Ein unglaubliche Leistung. Atmo Museum Sprecherin: Im Museum ist ein Modell des ganzen Observatoriums ausgestellt – so, wie es vermutet wird. Denn sicher überliefert ist nur, dass das Gebäude drei große Stockwerke umfasste, dass es im Grundriss rund und von innen reich geschmückt war. OTon 09 Ikromeddin Siroshidinov russ Sprecher OV 25:46 Hier sehen sie das Modell der Sternwarte. Das flache Dach diente als Beobachtungsplattform, auf der auch einige Instrumente aufgestellt waren. Grobe Berechnungen wurden auf dem Dach durchgeführt, genauere Berechnungen unten, im Keller, weil das große Instrument genauer ist. Musik 8: Hicaz Pesrev – 48 Sek Sprecherin Die Ergebnisse der hier gemachten mathematischen und astronomischen Arbeiten wurden in den „Ulugh Begh Sternentafeln“ unter dem Namen „Zidsch-i-Sultani“ zusammengefasst, übersetzt: „Tafelwerk des Sultans Ulugh Beg“. Außer Tabellen für die Berechnung der Positionen der Sonne und Planeten und anderer Himmelsphänomene, enthielt das Werk einen Sternenkatalog mit genauen Positionen von 1018 Sternen am Himmel. Dieses Tafelwerk blieb für lange Zeit das umfangreichste und genaueste in der islamischen Welt. Atmo Buch blättern Sprecherin Eine Faksimile–Ausgabe von Ulugh Begs Tafelwerk aus dem 15. Jahrhundert liegt auf dem Tisch des Münchener Astronomiehistorikers Benno van Dalen. Es ist ein dickes Manuskript in arabischer Schrift, das hauptsächlich aus Tabellen besteht. Die Buchstaben, erklärt der Wissenschaftler. stehen für Zahlen, die zur Berechnung der Sternenkoordinaten dienten. Die Wissenschaftler von Ulugh Beg haben knapp 900 der aufgeführten Sterne, die sie von Samarkand aus beobachten konnten, völlig neu bemessen. Seit Ptolemäus in der Antike hatte kein Astronom mehr eine solche fundamentale Messarbeit geleistet. OTon 11 van Dalen 35:18 Aso manche der Berechnungen, die waren so genau und so aufwendig, dass man annehmen muss, dass eine Gruppe von Wissenschaftler daran gearbeitet haben, vielleicht parallel gemacht haben, um die Ergebnisse gegeneinander zu überprüfen. Musik 9: tears – 1:05 Min Sprecherin Über 20 Jahre lang, bis zum seinem Tod 1449, hat Ulugh Beg mit seinen Hofastronomen Sonne, Mond und Sterne erforscht. Aber das war nicht sein einziger Beitrag zur Wissenschaft des Mittelalters. Er verfasste auch ein historisches Werk, das zu einer der wertvollsten Quellen über die von Dschingis Khan gegründete Dynastie wurde - die „Geschichte der Vier Ulus“. Außerdem soll er ein hervorragender Dichter gewesen sein Auch seine mathematischen Fähigkeiten scheinen faszinierend gewesen zu sein. So berichtet sein treuer Weggefährte, der Mathematiker und Astronom al Kaschi: Zitat 6 Zitator : Einmal waren wir mit Pferden unterwegs und unterhielten uns über ein astronomisches Ereignis. Im Kopf hat er Datum und Verlauf präzise berechnet. Als wir zurück am Observatorium waren, sollte ich es überprüfen. Es stimmte perfekt!“ Sprecherin Die insgesamt achtunddreißig Jahre von Ulugh Begs Herrschaft waren für sein Land Westturkestan eine friedliche Zeit. Im Unterschied zu seinem Großvater Tamerlan führte Ulugh Beg keine Eroberungskriege. Wenn er in die Schlacht zog, dann zu Verteidigungszwecken. Viel lieber hielt sich der Herrscher in seiner Koranschule oder im Observatorium auf. Doch 1447, nach dem Tod von Ulug Begs Vater Schahrukh in Herat, begann zwischen Ulugh Beg und seinem Sohn Abd al Latif ein erbitterter Kampf um die Macht, den Ulugh Beg 1449 verlor und dafür mit seinem Leben bezahlte. Musik 10: Raid on Alamut – siehe vorn – 36 Sek Sprecherin: Wie lange das Observatorium nach Ulugh Begs Ermordung in Betrieb war- darüber gehen die Meinungen auseinander. Fest steht: nach dem Tod des spendablen Herrschers verließen die Wissenschaftler und die Studenten nach und nach die Stadt Samarkand. EinLieblingsschüler Ulugh Begs, der wohl auchder letzte Direktor seiner Sternwarte war, ein Astronom Namens Ali al-Quschdschi, konnte jedoch eine Kopie der Sterntafeln ins Exil mitnehmen. OTon 13 van Dalen al Kuschchi ist nämlich in Istanbul aufgetaucht und mit ihm wahrscheinlich auch einige der Kollegen und vielleicht der Studenten. Wir sehen dann in Istanbul astronomische Aktivitäten und wissen, dass Al Kuchschi da noch bis nach 1470 gelebt und gearbeitet hat. Sprecherin Ali al-Quschdschi lehrte an der Medresse an der Hagia Sophia in Istanbul. Dort wurden auch die Tafeln aufbewahrt - bis europäische Wissenschaftler sie dort Jahrhunderte später entdeckt haben, erzählt Van Dalen OTon 14 Benno van Dalen 40:20 im siebzehnten, Jahrhundert, achtzehnten Jahrhundert gab es viele europäische Orientalisten, die Interesse hatten an der arabischen und persischen Kultur, die in die Türkei, in das Osmanische Reich gereist sind und die wichtigsten Handschriften mitgenommen habe nach Europa Da gibt es zwei englische Wissenschaftler, Thomas Hayde und John Greaves, die Handschriften mitgebracht haben. (..) Und dabei war auch ein Tafelwerk von Ulug Beg und Greaves hat dann Teile von diesem Tafelwerk ediert und veröffentlicht. Sprecherin: Im Unterschied zu astronomischen Arbeiten anderer islamischer Wissenschaftler, die bereits früher über das arabisch besetzte Spanien den Weg nach Europa fanden, wurde Ulugh Begs Wissen viel zu spät entdeckt, um es noch nutzbar zu machen. Als der Orientalist John Greaves 1643 Teile aus Ulugh Begs Sternentafeln ins Lateinische übersetzte und veröffentlichte, war dessen astronomisches Wissen veraltet. Seit 1610 benutzten europäische Astronomen das von Galileo Galilej erfundene Fernrohr mit Vergrößerungsglas und wussten, dass die Erde und die anderen Planeten sich um die Sonne drehen – und nicht die Erde im Zentrum des Universums steht, wie Ptolemäus und nach ihm auch Ulugh Beg einst glaubten. Das mindere jedoch nicht die Bedeutung seiner Samarkander Schule, so der Historiker Benno van Dalen. Deren Absolventen prägten noch Jahre später die Wissenschaft in der islamischen Welt stark mit - und dadurch auch die in Europa: OTon 15 Benno van Dalen 59:30 Und diese Rolle, dass Europa nicht auf sich steht, sondern eigentlich stark abhängig war von den Entwicklungen im islamischen Raum. - ich denke, dass das der wichtigste Punkt ist, weshalb wir immer noch mehr zu wissen brauchen über islamische Wissenschaften und deren Einfluss auf Europa. Musik 11: Dark Waters (red) – siehe vorn – 48 Sek Sprecherin Immerhin: seit 1961 trägt ein Mondkrater und seit 1983 ein Asteroid den Namen des großen Astronomen aus Samarkand. In seiner Heimat im heutigen Usbekistan gilt Ulugh Beg als großer Held und Märtyrer der Wissenschaft. Ihm wird ein Zitat zugeschrieben, das die Quintessenz seines Lebens als Herrscher und Wissenschaftler fasst: Zitat 7 Zitator: „Die Religionen zerstreuen sich wie Nebel, die Herrscherreiche zerstören sich von selbst, aber die Arbeiten des Gelehrten bleiben für alle Zeiten. Das Streben nach Wissen ist die Pflicht eines jeden!“
- Das Murmeltier - Mit Pfiff und dickem Pelz
02.02.2025 · 23 Min.
Ein Murmeltierjahr ist kurz und dauert oft nicht einmal sechs Monate. In dieser kurzen Zeit heißt es, Junge zur Welt bringen, säugen, entwöhnen und ihnen und sich selbst schnell zu einer Speckschicht verhelfen. Von Anja Mösing (BR 2016) Das Manuskript zur Sendung: https://br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/manuskriptradiowissen-4372.html
- Der Weltzukunftsrat - Das Morgen neu denken
31.01.2025 · 24 Min.
Weil die Politik an einer nachhaltigen Zukunftspolitik scheitert, ist die globale Zivilgesellschaft aktiv geworden: Der Weltzukunftsrat versammelt 50 Vordenker aus 40 Nationen, die global lokale Modelle für enkeltaugliche Politik suchen und als Modelle für die Welt zur Verfügung stellen. Von Geseko von Lüpke (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Geseko von Lüpke Regie: Martin Trauner Es sprachen: Julia Fischer, Andreas Neumann, Florian Schwarz, Karin Schumacher Technik: Michael Krogmann Redaktion: Bernahrd Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Hafsat Abiola (Demokratie-Aktivistin, Nigeria), Claus Eurich (Umwelt-Ethiker), Jakob v. Uexcüll (Philantrop, England), Otto Scharmer (Soziologie-Professor, USA), Helmy Abouleish (Alternativer Nobelpreisträger & Unternehmer, Ägypten), Wangari Maathai (Friedens-Nobelpreisträgerin, Kenia), Alexandra Wandel, (Geschäftsführerin des Weltzukunftsrats), Franz-Theo Gottwald (Vorstand Weltzukunftsrat), Luc Gnacadja (Ex-Umweltminister, Benin), Vandana Shiva (Alternative Nobelpreisträgerin & Aktivistin, Indien) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Tiefenzeit - Vergangenheit und Zukunft wiederentdecken JETZT ANHÖREN Verkehrspolitik der Zukunft - Effizienter und umweltschonender? JETZT ANHÖREN Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im Klimatest JETZT ANHÖREN Erdsystemforschung - Eine Medizin für die Erde JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast ZUM PODCAST Literaturtipps: Giradet, Herbert: A renewable World. A Report to the World Future Council, UIT Cambridge-Verlag 2009. Lüpke, Geseko v.: Die Alternative. Wege und Weltbilder des Alternativen Nobelpreises, München, Riemann-Verlag 2003. Uexküll, Jakob v. und Herbert Giradet: Die Zukunft gestalten – World Future Council: Aufgaben des Weltzukunftsrates, Kamphausen-Verlag 2005. Uexküll, Jakob v.: Zukunft gestalten: JETZT, Europäische Verlagsanstalt 2017. World Future Council (Hrsg.): Kinderrechte erleben. Unterwegs mit Jörg Pilawa, Europäische Verlagsanstalt 2017. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Pilgern - Unterwegs zu heiligen Orten
29.01.2025 · 23 Min.
Ob auf dem Jakobsweg, der indischen Kumbh Mela oder der muslimischen Haddsch: Pilgern liegt weltweit im Trend. Seit Jahrtausenden machen sich Menschen auf zu heiligen Orten, Flüssen, Bergen, Gurus. Warum eigentlich? Von Sylvia Schopf (BR 2015) Autorin dieser Folge: Sylvia Schopf Regie: Frank Halbach Es sprachen: Caroline Ebner, Rainer Buck, Thomas Loibl Technik: Max Meyke Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Wissenswertes zum Jakobsweg finden Sie bei der Deutschen St. Jakobus - Gesellschaft e.V.: EXTERNER LINK |https://deutsche-jakobus-gesellschaft.de/index.php?id=startseite
- Geschichte der Privatsphäre - Menschliches Grundbedürfnis oder Konstrukt?
28.01.2025 · 23 Min.
Wir bedauern heute den Verlust unserer Privatsphäre durch Digitalisierung und Internet. Aber geschichtlich gibt es das Konzept der Privatsphäre noch gar nicht so lange. Von Sabine Straßer (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Sabine Straßer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Axel Wostry Technik: Fabian Zweck Redaktion: Thomas Morawetz Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Diskretion - Respekt vor dem Privaten JETZT ANHÖREN Geheimnisse - Die Magie des Verborgenen JETZT ANHÖREN Privateigentum - Seit wann gibt es "meins" und "deins"? JETZT ANHÖREN Linktipp: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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28.01.2025 · 23 Min.
Diskretion - das klingt nach einer altmodischen Tugend, ist aber eine komplexe soziale Übung. Gefühl, Körper, Geld: Diskretion zieht eine Grenze um das, was wir als besonders privat empfinden. Von Beate Meierfrankenfeld (BR 2020) Autorin dieser Folge: Beate Meierfrankenfeld Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Irina Wanka Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Höflichkeit - Mehr als eine Zierde JETZT ANHÖREN Sein Gesicht wahren - Philosophische Gedanken JETZT ANHÖREN Geheimnisse - Die Magie des Verborgenen JETZT ANHÖREN Was ist Wahrheit? - Philosophische Annäherungen JETZT ANHÖREN Die Macht des Gerüchts - Flüsterpost und Nachrede JETZT ANHÖREN Interviewpartner/innen dieser Folge: Eva Schulte-Austum, Psychologin (Münster); Florian Opitz, Dokumentarfilmer (Köln) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Eisschmelze - Das große Rauschen
23.01.2025 · 23 Min.
Die Folgen des Klimawandels bedrohen das ewige Eis: Gletscher, Eisschilde, Meereis und Permafrostböden tauen auf. Infolgedessen wird es vermehrt zu Überflutungen, Lawinen, Erdrutschen und Steinschlägen kommen. Von Claudia Steiner (BR 2019) Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Axel Wostry Es sprachen: Julia Fischer, Berenike Beschle, Christian Schuler Technik: Daniela Röder Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Weitere hörenswerte Folgen von radioWissen zum Thema: Die Antarktis im Wandel - Die Klimakrise und ihre Folgen JETZT ANHÖREN Tipping Points in der Klimakrise - Es gibt kein zurück JETZT ANHÖREN Der Golfstrom - Kreislauf mit vielen Unbekannten JETZT ANHÖREN Korallen - das große Sterben JETZT ANHÖREN Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
- Country-Musik - Der Blues des weißen Mannes
21.01.2025 · 23 Min.
Es gibt wohl nur wenige Musikrichtungen, die so polarisieren wie Country-Music. Ihre Fans lieben sie als Inbegriff einer patriotisch-konservativen heilen Welt, Skeptiker betrachten sie als verlogene Cowboy-Romantik und reaktionären Farmer-Kitsch. Doch die Ursprünge der weißen Popularmusik liegen nicht in Nashvilles Tonstudios, sondern in der Wildnis der Appalachen. Von Markus Vanhoefer (BR 2022) Autorin dieser Folge: Markus Vanhoefer Regie: Frank Halbach Es sprachen: Stefan Wilkening, Peter Weiß Technik: Regine Elbers Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Literaturtipps: Kurt Wolff: “The Rough Guide to Country Music”. London 2000 Div. Autoren: “The Rough Guide World Music- Band 2”. London 2000 Thomas Jeiner: “Das neue Lexikon der Cpuntry-Music“. München 1992 Johnny Cash/ Patrick Carr: “Cash. The Autobiography”. San Francisco 1997 Colin Escott: “I Saw The Light”. London 2015 ( Biographie v. Hank Williams)
- Die halbe Erde unter Schutz - Rettungsmaßnahmen für Klima und Arten
20.01.2025 · 24 Min.
Umweltorganisationen gehen davon aus, dass nur große globale Schutzgebiete den Klimawandel und das Artensterben aufhalten können. 50 Prozent des Planeten müssten und könnten unter Schutz gestellt werden, es sei der günstigste und einfachste Weg. Von Marko Pauli (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Marko Pauli Regie: Irene Schuck Es sprachen: Irina Wanka, Andreas Neumann, Diana Gaul Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Eric Dinerstein, Biologe und Sachbuchautor; Bernie Krause, Natur- und Klangforscher; Günter Mitlacher, Leiter internationale Naturschutzpolitik beim WWF; Jana Ballenthien, Jana Ballenthien, Waldreferentin bei Robin Wood; Pierre Ibisch, Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung; Karin Neumann, Sprecherin Aktionsbündnis "Beltretter"; Ana Bugnot, Ökologin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Artenschutz und grüne Energie - Lösung für beides möglich? JETZT ANHÖREN Der Biologe Edward O. Wilson - Ein Leben für die Artenvielfalt JETZT ANHÖREN Podcasttipps: Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: ARD Audiothek | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG "Tierisch! – Entdeckungsreise in die wilde Welt der Tiere" - Der erste lustig-leichte, zoologischen Plauderpodcast mit bodenlos wissenschaftlicher Tiefe. Moderiert von Lydia Möcklinghoff und Dr. Frauke Fischer, zwei wildnisverrückten Abenteurerinnen und studierten Zoologinnen. Hier geht es zum Podcast: EXTERNER LINK | https://weltwach.de/tierisch/ Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Nach der Auswertung von 14.000 Studien zur klimatischen Entwicklung ist der Weltklimarat zu dem Schluss gekommen, dass das Ziel von nur 1,5 Grad Erwärmung wohl nicht erst 2040 überschritten wird, sondern bereits Anfang der 2030er. Dürren, Stürme, Starkregen - Wetterextreme werden sich häufen. Der Meeresspiegel wird ansteigen, bis zum Jahre 2100 im ungünstigen Fall auf bis zu zwei Meter. Zeitgleich findet ein großes Artensterben statt, seit 1970 sind global 68 Prozent der Wirbeltierbestände zurückgegangen. Musik 2 "Path leading to the high grass" - Album: Shenzhou - Komponist: Geir Jenssen - Touch TO 55 - Länge: 0'10 Sprecherin Noch ist es nicht zu spät für Artenvielfalt und Klima. Doch schnelleres und konsequenteres Handeln ist nötig. Atmo 02 Global Safety Net Sprecherin Das Global Safety Net ist eine Studie*, veröffentlicht im Fachblatt Science Advances, in der ein Wissenschaftlerteam ermittelt hat, in welchen Regionen auf der Welt Schutzzonen nötig wären, um das rasante Tempo, in dem Artensterben und Klimaerhitzung voranschreiten, zu verlangsamen. Große Schutzgebiete seien der logische, einfachste und finanziell günstigste Weg, um beides zu erreichen, sagt Eric Dinerstein [Aussprache: Dinnerstein (spitzes s)], US-amerikanischer Biologe und Hauptautor der Studie: O-Ton 01 Dinerstein What is the foundation ... we've done in the paper. Overvoice (männlich) "Zugrunde liegt, dass die Lösung des Problems des sechsten großen Artensterbens, des Verlusts der biologischen Vielfalt und die Lösung des Problems des Klimawandels voneinander abhängen. Man kann das eine nicht ohne das andere lösen. Wenn die Temperatur weiter steigt, verwandelt sich der Amazonas von einem Regenwald in eine Savanne. Wir verlieren dann nicht nur die dort lebenden Arten, sondern auch die Fähigkeit, eine riesige Menge an Kohlenstoff abzubauen. Es ist also eine doppelte Katastrophe. Deshalb ist es so wichtig, eine Lösung zu finden, die beide Probleme angeht, und genau das haben wir in diesem Papier getan." Sprecherin Die angedachten Schutzzonen im Global Safety Net, dem weltweiten Sicherheitsnetz, sind online auf einer Weltkarte zu sehen. Musik 3 "Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 0'40 Sprecherin Die erste Ebene, grün gezeichnet, lässt die bereits existierenden 15 Prozent Schutzzonen erscheinen. Hinzu kommen fünf weitere Ebenen: Gebiete für seltene Arten und solche mit hoher biologischer Vielfalt, Landschaften für große Säugetiere, derzeit noch intakte Wildnisgebiete und Gebiete zur Klimastabilisierung. Das Team um Eric Dinerstein hat zwei Jahre am Global Safety Net gearbeitet: O-Ton 02 Dinerstein And from there ... and so on. Overvoice (männlich) „Die verschiedenen Ebenen sind aus den wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnissen der verschiedenen Spezialisten für biologische Vielfalt auf der Welt entstanden: Wo gibt es gefährdete Vögel, Säugetiere, Reptilien, Amphibien und Pflanzen und so weiter.“ Sprecherin Eric Dinerstein war 25 Jahre lang leitender Wissenschaftler beim WWF und dort u.a. beteiligt an Naturschutzplänen in aller Welt. Für das Safety Net am wichtigsten, so Dinerstein, sei der Schutz der tropischen Regenwälder. Diese bedecken zwar nur noch rund sieben Prozent der Erdoberfläche, hier leben aber nach Schätzungen mehr als 30 Millionen Tier- und Pflanzenarten, und viele davon sind stark gefährdet. Damit dort, aber auch in abgelegenen Gegenden auf der Nordhalbkugel Schutzzonen entstehen können, sei das Engagement westlicher Länder nötig. O-Ton 03 Dinerstein By far the single most important investment ... So that's critical. Overvoice (männlich) "Die bei weitem wichtigste Einzelinvestition, die wir tätigen können, um eine lebendige Biosphäre für künftige Generationen zu sichern, ist die Investition in die Unterstützung indigener Völker, um das Land, das sie beanspruchen, besser zu schützen. Etwa 37 Prozent des Safety Nets wird von indigenen Gruppen bewohnt. Wir können helfen, indem wir diese indigenen Gemeinschaften besser finanzieren und mit ihnen zusammenzuarbeiten - wenn sie sich denn dafür entscheiden, Teil des Safety Nets zu sein, und das ist natürlich ihre Entscheidung. Sprecherin Menschenrechtler geben zu bedenken, dass neue Schutzgebiete bisher oft eingerichtet wurden, ohne dabei die Rechte der indigenen Bevölkerung zu beachten. Das soll hier anders sein, betont Dinerstein. Die Bevölkerung möglicher Schutzgebiete soll ansässig bleiben, ansonsten aber der Kontakt zwischen Menschen und Wildnis stark eingeschränkt werden. Das könnte auch das Aufkommen und die Verbreitung neuartiger Viren verhindern. O-Ton 04 Dinerstein Overvoice (männlich) Durch die Verringerung von Kontaktzonen retten wir nicht nur die Artenvielfalt dieser Wälder, erhalten den Kohlenstoff und schützen unser Klima, wir verringern auch die Wahrscheinlichkeit künftiger Pandemien.“ Atmo 03 Krause 01 - Tropischer Regenwald Sprecherin Was für einzigartige Lebensräume die tropischen Regenwälder sind, ist in den Aufnahmen des Bioakustikers Bernie Krause [Aussprache: Böhrni Krauss] zu erahnen. Krause spricht von "Biophonien" und meint das Zusammenspiel der einzelnen Tierstimmen - ein "Orchester der Tiere"**, in dem jede Tierart eine eigene akustische Nische besetze. Atmo Krause hoch Sprecherin In den tropischen Regenwäldern leben nicht einfach nur Tierarten, hier wird nicht einfach nur CO2 gespeichert, betont Bernie Krause, hier lebten auch unsere Vorfahren einst selbst und eng verbunden mit der Natur. Hier seien die Ursprünge der menschlichen Kultur zu finden. O-Ton 05 Krause Animals taught us to dance and sing ... language, spirituality, medicine from it. Overvoice (männlich) "Aus den Tierstimmen, die aus den Lebensräumen kamen, in denen wir einst lebten, haben wir die Rhythmen, die Melodien und die Anordnung der Klänge herausgehört und nachgeahmt. Wir haben diese natürlichen Gaben dann in unseren musikalischen Ausdruck integriert. Und daraus entwickelte sich nicht nur die Musik, sondern auch die Sprache. Musik 4 "Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 0'55 Sprecherin Die größten Schutzzonen im Global Safety Net würden weit im Norden der Erde entstehen, in abgelegenen Regionen in Nordasien und Kanada - Lebensraum für große Säugetiere wie Bären, Bisons, Pumas und Luchse. Zwischen den Schutzzonen sind Verbindungsstrecken geplant, mit denen es Wildtieren und Pflanzen ermöglicht werden soll, sich in andere Gebiete auszubreiten. Diese ohnehin notwendige Voraussetzung zum Überleben wird noch wichtiger werden, denn es ist davon auszugehen, dass sich die Bestände vieler Arten räumlich verschieben müssen, da sie aufgrund des Klimawandels zukünftig in ihrem bisherigen Biotop nicht mehr existieren können. Die Verbindung der Biotope spielt im Global Safety Net eine wichtige Rolle: O-Ton 06 Dinerstein How much land would it take ... traveling from A to B to C. Overvoice (männlich) "Wie viel Land würde man benötigen, um alle Schutzgebiete und alle intakten Gebiete der Erde miteinander zu verbinden? Wenn wir das mit 2,5 Kilometer breiten Korridoren tun würden, benötigten wir dafür nur etwa 2,7 Prozent der Erdfläche. Im Falle des Klimawandels können Arten so auch von einem Gebiet in ein anderes umziehen." Sprecherin In Deutschland ist die Verbindung der einzelnen Biotope seit 2002 im Naturschutzgesetz als Ziel verankert, die Bundesländer sollen dafür eigentlich zehn Prozent ihrer Flächen zur Verfügung stellen. Doch davon ist man weit entfernt. Musik 5 "Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 0'15 Sprecherin Sind alle fürs Safety Net angedachten Ebenen aktiviert, ergibt sich ein riesiges Netz von Schutzgebieten, Kohlenstoffsenken und Verbindungen dazwischen. O-Ton 07 Dinerstein We come up with ... intact habitats on Earth. Overvoice (männlich) „Wir kommen insgesamt auf etwa 46 Prozent der Erdoberfläche, die geschützt werden müssen. 15 Prozent sind bereits geschützt, weitere 31 Prozent müssen hinzukommen, und dann noch ein bisschen mehr für Korridore, die alle intakten Lebensräume auf der Erde miteinander verbinden.“ Musik 6 "Path leading to the high grass" - Album: Shenzhou - Komponist: Geir Jenssen - Touch TO 55 - Länge: 1'17 Sprecherin Die halbe Erde unter Schutz!? - Sehr schwierig das umzusetzen, meint Günter Mitlacher, Leiter Internationale Biodiversitätspolitik beim WWF Deutschland: O-Ton 08 Mitlacher 50 Prozent der Erdoberfläche unter Schutz zu stellen wäre eine riesige Anstrengung. Man muss auch fragen, ob sie zum Erfolg führen würde, weil der Druck ist ja dann noch größer auf den anderen 50 Prozent. Und ob die Verteilung von Land auf dieser Erde so sein wird, dass 50 Prozent quasi für Natur und nachhaltige Bewirtschaftung reserviert werden würde, das glaube ich hat wenig Attraktivität bei Politikern. Musik 7 "Path leading to the high grass" - Album: Shenzhou - Komponist: Geir Jenssen - Touch TO 55 - Länge: 1'17 Sprecherin Entscheidend sei, so Günter Mitlacher, wie in geschützten und ungeschützten Gebieten mit dem jeweiligen Boden umgegangen wird: O-Ton 09 Mitlacher Die Idee ist einfach, dass man Gebiete hat, die anders bewirtschaftet werden, die ökologischer bewirtschaftet werden, und wenn man da schon mal 50 Prozent schaffen würde, dann hätte man schon sehr viel erreicht. Sprecherin Um das rasante Tempo, in dem Klimawandel und Artensterben fortschreiten, abzubremsen, sei die weltweite Aufforstung ein Schlüssel. O-Ton 10 Mitlacher Das ist ein wichtiger Punkt, um kurzfristig und halt auch mittelfristig mit ökonomisch überschaubaren Kosten dem Klimawandel zu begegnen. Und wenn man Wiederaufforstungsprogramme macht in einer ökologischen Weise, dann profitieren natürlich halt auch die Wildartenbestände davon. Da gibt's dann die großen Synergien. Sprecherin Insgesamt, da sind sich Umweltverbände, aber mittlerweile auch viele Entscheidungsträger aus der Politik einig, sind neue große Schutzgebiete unumgänglich. O-Ton 11 von der Leyen 2021, I believe the world turns over new leaf for our planet. Sprecherin Ursula von der Leyen spricht beim Pariser Umweltgipfel One Planet Summit Anfang 2021 davon, dass ein neues Kapitel für den Planeten aufgeschlagen werde, denn 50 Staaten, darunter auch Deutschland, unterstützen das Ziel, 30 Prozent der Land- und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz zu stellen. Pläne für den Naturschutz gab und gibt es viele. In Deutschland haben sie meist gemein, dass das jeweilige Ziel weit in der Zukunft liegt und dann dennoch selten erreicht wird. Doch wie sieht praktizierter Naturschutz heute aus, z.B. im Wald, der etwa 32 Prozent der Landfläche Deutschlands ausmacht? Atmo 05 Wald Sprecherin Dem Wald in Deutschland geht es laut Waldzustandsbericht*** schlecht. Das hängt mit dem Klimawandel, aber womöglich auch mit zu intensiver Forstwirtschaft zusammen. 2007 hat die Bundesregierung das Ziel ausgerufen, bis 2020 fünf Prozent der Wälder ganz aus der Nutzung zu nehmen. Heute liegt der Anteil von solchen Naturwäldern bei 2,8 Prozent. Dabei könnten gerade diese einen besonderen Wert für den Arten- und Klimaschutz darstellen: Hier stehen vorwiegend Laubbäume heimischer Ökosysteme, die alt und groß werden dürfen; sie bilden geschlossene Kronendecken, die für ein kühlendes Waldinnenklima sorgen und den Boden vor Sonnenstrahlen und Austrocknung schützen. Wenn hier die Bäume sterben, bleibt das Totholz liegen, was diversen Tier- und Pflanzenarten zu existieren hilft. Jana Ballenthien, Waldreferentin bei Robin Wood kniet vor einem abgestorbenen Baumstumpf: O-Ton 12 Ballenthien Hier können wir das ganze Spektrum des Lebens sehen, wir werden hier unterschiedliche Käfer finden, wahrscheinlich auch seltene Arten, wir werden hier unterschiedliche Pilze finden und auch Mikroorganismen. Und gleichzeitig ist das Totholz auch ein wunderbarer Fundus an Nährstoffen für den kompletten Rest des Waldes, das vermodert jetzt hier so nach und nach über die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Sprecherin Im Waldboden herrscht eine riesige Vielfalt: Ein einziges Gramm enthält mehr als 50.000 verschiedene Bakterienarten und mehrere Hundert Meter an Pilzhyphen - von Pilzen ausgebildete Fäden. Regenwürmer und Insekten sind in dieser Welt die Riesen, und so klingt es, wenn sie sich durch den Boden arbeiten: Atmo 06 - Sounding Soil Sprecherin (über Atmo sprechend) Das Schweizer Öko-Akustik-Projekt Sounding Soil**** hat mit speziellen Mikrofonen das Leben im Boden aufgenommen. O-Ton 13 Ballenthien Dieser Humus, das ist ein Erbe, den uns diese Wälder schenken. Er ist unglaublich wichtig für uns. Dieser Humus speichert nämlich nicht nur Feuchtigkeit und Nährstoffe, sondern das ist auch unsere CO2-Senke, das ist unser Speicher. Das ist sozusagen ja ein Zersetzungsprozess, wenn es aber erstmal im Humus ist, dann ist das da auch über Jahrhunderte gebunden. Da kommt das nicht mehr raus. Sprecherin Etwa die Hälfte des von den Wäldern aufgenommenen Kohlendioxids steckt im Holz der Bäume, die andere Hälfte liegt darunter, im Boden. Eine Tatsache, die bei Berechnungen zur CO2-Speicherung im Wald häufig übersehen wird. Der in Deutschland eigentlich heimische Laubmischwald wurde vielerorts durch schnell wachsende Fichten ersetzt. Doch die neuen klimatischen Bedingungen setzen insbesondere Fichten-Monokulturen gerade ein Ende. Pierre Ibisch, Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, hat abgestorbene Fichtenhaine aufgesucht, um zu schauen, wie dort nun mit den Böden umgegangen und der zukünftige Wald geplant wird. O-Ton 14 Ibisch Der Waldboden wird fast flächig befahren, die Bäume werden teilweise sogar mit den Wurzeln entfernt. Das sind natürlich die denkbar schlechtesten Voraussetzungen, um hier einen neuen Wald zu starten. Ich mache mir große Sorgen tatsächlich, wie die Deutsche Forstwirtschaft umgeht, vor allem mit dem Fundament des Waldes der Zukunft, das ist nämlich der Boden. Sprecherin Neben den Ozeanen sind intakte Wälder entscheidend für die Bindung von CO2 und den Erhalt der Artenvielfalt. Doch egal wo man hinschaue, so Pierre Ibisch, überall auf der Welt werden Wälder immer stärker genutzt, anstatt sie zu schonen, dabei hätten sie ohnehin schon mit Bränden, Dürren und Stürmen zu kämpfen. Waldboden degradiert weltweit und wird unfruchtbar. Ein Grund dafür, dass der Amazonas-Regenwald mittlerweile von einer Kohlenstoffsenke zur –Kohlenstoff - Quelle geworden ist.***** O-Ton 15 Dinerstein We know ... those are our sinks. Overvoice (männlich) "Gut die Hälfte aller Emissionen wird vom Land und vom Meer absorbiert, rund 25 Prozent von den Pflanzen an Land und rund 25 Prozent von den Ozeanen. Wir müssen diese natürlichen Kohlenstoffsenken erhalten, wenn wir auch nur den Hauch einer Chance haben wollen, unter dem Schwellenwert von 1,5 Grad Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur zu bleiben. Musik 8 "Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 1'00 Sprecherin Die Ozeane haben eine entscheidende Bedeutung für die Zukunft der Erde, so Eric Dinerstein. Hier müssten endlich Schutzzonen geschaffen werden, die ihren Namen auch verdienen: O-Ton 16 Dinerstein One of the critical … recover the oceans. Overvoice (männlich) "Ein entscheidender Unterschied zwischen Meeres- und Landschutzgebieten besteht darin, dass Meeresschutzgebiete weiterhin vielfältig genutzt werden können, zum Beispiel durch Fischfang, während in Schutzgebieten an Land z.B. kein Holzeinschlag mehr möglich ist. Es wäre wichtig, strenge No-Take-Zonen einzurichten, in denen die Fischerei hundertprozentig ausgeschlossen ist. In solchen Gebieten können sich die Populationen erholen. Derzeit werden alle größeren Fische bis zum kommerziellen Aussterben befischt." Sprecherin Nur 2,7 Prozent der Weltmeere sind bislang streng geschützt. Viel zu wenig, sagen viele, um die Bestände gegen die radikalen Methoden der Fischerei zu verteidigen. Werden etwa Grundschleppnetze kilometerweit über den Meeresboden gezogen, sorgt das nicht nur für Unmengen an unerwünschtem Beifang, im Vorbeifahren wird auch der Lebensraum Meeresboden zerstört und zugleich viel CO2 freigesetzt. Größere echte Meeresschutzzonen kommen nicht nur der Artenvielfalt zugute, auch die Fischerei profitiert von sich erholenden Beständen - das zeigt eine im Fachjournal Nature publizierte Studie. ****** Auch in deutschen Gewässern darf in Meeresschutzzonen gefischt werden. Aber nicht nur das. Atmo 08 Fehmarn Sprecherin Ganz im Norden der Republik, kurz vor Dänemark, auf der Insel Fehmarn: O-Ton 17 Neumann Genau hier ist geplant, die Ostsee über 18 Kilometer auszubaggern, um dort Betonelemente zu versenken für eine Autobahn, maut-finanziert, und auch eine Güterbahntrasse. Sprecherin Karin Neumann kämpft seit Jahren mit dem Aktionsbündnis "Beltretter" gegen den Fehmarnbelttunnel, der quer durch ein Meeresschutzgebiet führt. Fassungslos sieht sie über die noch ruhige Ostsee. O-Ton 18 Neumann Und genau hier soll eben über Jahre die Ostsee ausgebaggert werden, der Meeresboden tief und breit, also bis zu 200 m breit und 16 tief, und das wird über Jahre hier die Ostsee eintrüben. Wir haben hier Robben, wir haben hier den seltenen Schweinswal, der hat hier seine Kinderstube. Und auch die Riffe, die gefunden wurden, sind ja nach wie vor genau da wo auch die Tunneleinfahrt hier an Land kommen soll. Sprecherin Achteinhalb Jahre Bauzeit, Millionen von Kubikmetern aufgebaggerter Meeresgrund, tonnenweise vorgefertigte Tunnelteile aus Beton. Man hätte auch einen die Umwelt schonenden Tunnel unter dem Meeresboden bauen können, doch dieser hätte mehr gekostet. Musik 9 "Path leading to the high grass" - Album: Shenzhou - Komponist: Geir Jenssen - Touch TO 55 - Länge: 1'00 Sprecherin Der Tunnel ist nur ein Beispiel für nicht praktizierten Meeresschutz. In die Ozeane wird auf der ganzen Welt kaum reguliert eingegriffen. Erstmals wurde nun in einer Studie******* die bauliche Substanz in den Meeren vermessen - Häfen, Aquakulturanlagen, Tiefseekabel und vieles mehr - und deren Einfluss auf die Ökosysteme. Geleitet wurde die Studie von der Ökologin Ana Bugnot [Aussprache: Anna Banott] von der Universität Sydney: O-Ton 20 Bugnot "So if you add ... around the shorelines." Overvoice (weiblich) "Wenn man den physischen Fußabdruck plus Umgebung zusammenzählt, kommt man auf zwei bis vier Millionen Quadratkilometer Meeresboden, die auf ganz verschiedene Art und Weise verändert oder beeinflusst wurden. Und fast alles davon, nämlich 99 Prozent, spielt sich rund um die Meeresküsten ab." Sprecherin An den Küsten ist die Biodiversität am größten. Durch Bauten werden die Meere also an ihrer empfindlichsten Stelle beeinflusst. Den meisten Raum nehmen mittlerweile Aquakulturanlagen ein, durch sie gelangen großflächig Chemikalien und Medikamente ins Wasser. Den größten Einfluss auf die marinen Ökosysteme üben aber laut der Studie die Häfen in aller Welt aus. O-Ton 21 Bugnot The biggest impact ... in the world. Overvoice (weiblich) „Das Verkehrsaufkommen dort und drum herum, die Arbeiten in den Häfen, der gewaltige und weithin hörbare Lärm von den Schiffen – all das wirkt sich auf einen großen Teil der Küstenökosysteme der Welt aus. Sprecherin Die Ozeane haben nicht nur mit Plastikmüll, Versauerung und Überfischung zu tun, sondern auch mit kaum regulierten baulichen Maßnahmen. O-Ton 22 Bugnot What we are trying to do ... airports. Overvoice (weiblich) "Wir fordern ein angemessenes Management dafür, wo und wie im Meer gebaut wird, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten. Die Raumplanung im Meer hat gerade erst begonnen." Musik 10 "Part 04" - Ausführender und Komponist: Stephan Micus - Album: Ocean Länge: 0'45 Sprecherin Eine Raumplanung, die die Bedürfnisse der Natur besser beachtet und große neue Schutzzonen - beides verlangt konsequentes gemeinsames Handeln der Nationen der Welt, kann man sich das überhaupt vorstellen? O-Ton 23 Dinerstein It requires ... will they inherit. Overvoice (männlich) "Es bedarf einer neuen Ära der globalen Verantwortung, wir müssen Politiker wählen, die eine umfassendere Weltanschauung haben als nur den Blick bis zur nächsten Wahl und was in den eigenen Hinterhöfen vor sich geht. Die auch an die folgenden Generationen denken und was für eine Welt diese erben sollen." Sprecherin Eric Dinerstein weist darauf hin, dass der Umgang mit der Corona-Pandemie doch beweise, was alles möglich ist, wenn nur alle an einem Strang ziehen. O-Ton 24 Dinerstein In the USA ... safety net in 10 years. Overvoice (männlich) "Allein in den USA werden Billionen Dollar für den Kampf gegen das Coronavirus und all seine Auswirkungen ausgegeben. Wenn wir nur einen Bruchteil davon für den Schutz der Natur und den Schutz unseres Klimas ausgeben, kann es uns gelingen, all diesen existenziellen Bedrohungen auf einmal zu begegnen. Einhundert bis Einhundertfünfzig Milliarden Dollar pro Jahr weltweit würden uns in zehn Jahren dieses Sicherheitsnetz geben."
- Gefühle wagen! Für mehr Berührbarkeit und Verletzlichkeit
17.01.2025 · 23 Min.
Gefühle gehören ins Private, m Job hingegen muss man sich einen dicken Panzer zulegen - so der Mythos. Gefühle wie Angst oder Ohnmacht gelten als unprofessionell. Doch der Preis dieser "Unberührbarkeit" ist hoch: Abstumpfung auch gegenüber den schönen Gefühlen. Von Karin Lamsfuß Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Andrea Dederichs, Psychologin Dr. Christoph Quarch, Philosoph Prof. Giovanni Maio, Medizinethiker Uni Freiburg Dirk Breitenbach, ehemaliger Polizist und Polizei-Poet Renate Langenbach, Anästhesistin und Palliativmedizinerin Hubert Liebertz, ehemaliger Schlachter Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Linktipps: www.polizei-poeten.de Literatur: Giovanni Maio: Ethik der Verletzlichkeit, Herder 2024 Ankündigung: Barbara Schmitz: Offenheit und Berührbarkeit: Neue Wege zu Verletzbarkeiten und Resilienz, erschein am 12.2.2025 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Dirk Breitenbach, liest vor (0‘11“): Mein Blick fällt auf die laut tickende Wanduhr. 4:30 Uhr. Wann bin ich gestern nach Hause gekommen? Halb zwölf? Oder war es doch erst heute Morgen? Heute kommt die sechste Schicht in Folge. Musik hochziehen O-Ton 2 Breitenbach, liest eigenen Text vor (0‘06“): Jetzt schnell umziehen und nach Hause. Ich möchte meiner Frau möglichst gut gelaunt entgegentreten. Was kann sie für meine Erlebnisse? Sprecherin: Dirk Breitenbach, ehemaliger Polizist. Und Mitglied der Polizei-Poeten: einem deutschlandweiten Netzwerk von Polizisten, die ihre belastenden Erfahrungen nicht verdrängen und abspalten, sondern aufschreiben und im Netz veröffentlichen. Und so ein anderes Bild von vermeintlich knallharten Profis erschaffen. O-Ton 3 Dirk Breitenbach, liest eigenen Text vor (0‘20“): Auf ihre Frage nach dem Tag antworte ich nur, dass viel zu tun war. Hätte ich Ihr alle Gefühle berichten sollen, die Angst etwas verkehrt zu machen? Die Angst davor sich die Verletzungen der anderen ansehen zu müssen, die Angst davor bei einer Einsatzfahrt, oder sonst wie selber verletzt zu werden? Die Angst der Hilflosigkeit oder der Aggressivität anderer nicht adäquat begegnen zu können. Klänge weg O-Ton 4 Dirk Breitenbach (0‘24“) Ich glaub, wir sind schon ziemlich stark. Nur die Art dessen, was auf uns einwirkt. Die Schrecklichkeit, die Intensität dessen, die Vielfalt, die Menge, das verlangt dann auch von einem starken Menschen auch tatsächlich das Allerletzte ab. Weil was wir in einer Woche oder einem Monat erleben, haben viele vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht an schrecklichen Dingen, selbst wenn wir nicht stark sind, sind wir immer noch stark. Sprecher: Es gibt so etwas wie ein gesellschaftlich akzeptiertes, ungeschriebenes Gesetz: Im Job und generell im öffentlichen Leben sind vor allem positive Gefühle akzeptiert wie Freude oder Stolz. Vielleicht auch noch Wut. Was zählt, ist ein starker Intellekt. Gepaart mit Tatendrang, Zielstrebigkeit, Entschlossenheit und Durchsetzungsfähigkeit. Eine funktionierende Hülle also. Alle unliebsamen Gefühle wie Angst, Verzweiflung, Verzagtheit, Scham werden ins Private verbannt. O-Ton 5 Andrea Dederichs (0‘19“): Warum tun wir so, als wären wir zu 90 Prozent am Tag bewusste, kognitive Wesen, und diese 10 Prozent Emotionen, mit denen wir nicht umgehen können oder wollen, die sperren wir entweder ein oder bagatellisieren sie, auf jeden Fall aber wollen wir sie kontrollieren. Sprecherin: Dr. Andrea Dederichs ist Psychologin, Emotionsforscherin und Professorin an der Polizeiakademie. Sie schult unter anderem Beamte des Sonder-Einsatz-Kommandos in emotionaler Kommunikation. Trainiert mit ihnen, eine angemessene Sprache für den Druck, den Stress und manchmal auch ihre Todesangst zu finden. O-Ton 6 Andrea Dederichs (0‘29“): Wir machen Folgendes: Wir sagen „Jetzt ist Professionalität, also Emotionen dürfen nicht rauskommen, und was machen wir dann mit diesem aufgestauten emotionalen Ballast? Den wir auch als Ballast wahrnehmen und nicht als etwas, das einfach zu uns gehört? Wir gehen damit in die Privatheit, und wenn’s richtig scheiße gelaufen ist in unserem vernunftbegabten, kognitiven Tag, dann wird’s auch richtig scheiße im Privaten, weil es sich da nämlich komplett entlädt an Ort und Stelle – wo es nicht hingehört! Sprecher: Fühlen ist in der Öffentlichkeit nicht besonders beliebt. Tränen fließen eher im geschützten, privaten Raum. Fühlen heißt auch immer: durchlässig zu sein. Nackt und ungeschützt. O-Ton 7 Dirk Breitenbach, unter Musik, liest eigenen Text vor (0‘14“): Ich weiß jetzt wieder, warum ich Unfälle hasse. Du weißt nie, welcher Schrecken auf Dich wartet. Ist es nur zerknülltes Blech, oder müssen wir Gliedmaßen suchen? Kurz überkommt mich Panik. Das habe ich immer, wenn ich damit rechnen muss, dass es gleich blutig oder sonst wie erschreckend wird. Musik kurz hoch O-Ton 8 Dirk Breitenbach, unter Musik, liest Text vor (0‘16“): Was hätte ich sagen sollen? „Jungs, es war nett mit Euch, aber ich habe gerade das Gefühl von Hilflosigkeit und kann außerdem nicht so gut Blut sehen. Ich würde jetzt gerne wieder fahren. Ich bitte euch, habt Mitleid mit mir?!“ PAUSE Ich schaue zum Notarzt. Unsere Blicke treffen sich. Wortlos schüttelt er seinen Kopf und wendet sich ab. O-Ton 9 Andrea Dederichs (0‘36“): Das ist natürlich ne ganz extreme Situation, auf die man Menschen auch nicht komplett vorbereiten kann. Selbst Leute, die professionell in solchen Berufen arbeiten, also Polizisten, Feuerwehrleute, Sanitäter… in so einem Moment passiert eigentlich etwas, was Schutz ist. Und Dinge, die wir in einem Moment vielleicht nicht verarbeiten können, wo vielleicht auch zu viele unterschiedliche Eindrücke aufeinanderprallen, und wir können es nicht mehr sortieren, da macht unsere Psyche so eine Art Cut und verschließt das. Sprecherin: Die Psychologin Andrea Dederichs sagt: emotional berührbar sind wir sowieso. Immer. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. O-Ton 10 Andrea Dederichs (0‘20“): Bei solchen Berufen würde ich mir wünschen, dass es jede Woche ein Forum gibt, unabhängig vom Anlass, dass Menschen darüber sprechen, was sie gerade für Schwierigkeiten haben im Job, aber was auch gut läuft. Also dass es wirklich ritualisiert wird, über die eigenen Emotionen im professionellen Kontext zu sprechen. Sprecher: Gemeint ist dabei jedoch nur die echte, authentische Emotion. Also sind nicht diejenigen, die auf Knopfdruck während der Konferenz in Tränen ausbrechen, weil sie gerade ihren Willen nicht durchsetzen konnten. Oder die mit ewigen Dramen versuchen, andere zu manipulieren. Musikakzent Sprecher: Die Frage nach der Berührbarkeit, dem Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit stellt sich in vielen Berufen. Sie taucht überall dort auf, wo Menschen mit dem Leid anderer konfrontiert sind: nicht nur bei Polizisten, Feuerwehrleuten und Rettungskräften, auch bei Profis, die in medizinischen, therapeutischen und sozialen Berufen arbeiten. Sprecherin: Der Philosoph Dr. Christoph Quarch hat an einer Fachhochschule für pädagogische Berufe das Fach Ethik unterrichtet: O-Ton 11 Christoph Quarch (0‘26“): Da gibt es eine Doktrin, die sagt: Du musst dich von jeder emotionalen Bildung zu deinen Klienten freihalten. In dem Bereich würde ich dem vehement widersprechen. Ich glaube, dass man als Pädagoge und auch als in sozialen Berufen tätiger Mensch seine Arbeit nicht machen kann, ohne ein hohes Maß an Empathie und Berührbarkeit und auch Mitgefühl zu kultivieren. Sprecher: Nur wer nichts fühlt, ist stark. Vermeintlich. Fühlen macht schwach, angreifbar, verwundbar. So empfinden es viele. O-Ton 12 Christoph Quarch (0‘37“): Generell würde ich sagen ist das Gefühl in der Arbeitswelt ein ganz entscheidender Faktor. Und nicht nur in sozialen Berufen und nicht nur in Pflegeberufen. Das Gleiche gilt für ne Bank und für ne Versicherung, und am Ende gilt’s wahrscheinlich auch sogar für die Justiz und von mir aus sogar für die Bundeswehr! Auf der anderen Seite würde ich eben doch sagen: Wenn man sich jetzt emotional völlig fallen lässt und sich ohne Rücksicht auf Verluste von seinen Emotionen auch davontragen lässt, ist es auch nicht professionell. Es geht darum, eine gute Kultur des Fühlens zu entwickeln. Und die wird leider Gottes an den Ausbildungsstätten in der Regel nicht vermittelt. Sprecher: Es ist eine schwierige Gratwanderung zwischen Fühlen einerseits und Verdrängen und Abgrenzen andererseits. Was mag die Richterin fühlen, wenn sie einen Menschen durch ihr Urteil hinter Gitter bringt - und vielleicht eine Familie auseinanderreißt? Der Chirurg, während er ein Bein amputiert. Mitgefühl? Schwer zu leben. Bestimmte Professionen, bestimmte Rollen verlangen ein hohes Maß an Abgrenzung. Folgenden O-Ton in Klänge einbetten: O-Ton 13 Renate Langenbach (0‘18“): Es gab Situationen, da musste man diesen kleinen Säugling mit nem winzigsten Tubus intubieren, man hatte ne kleine Maske und hatte überhaupt ne Riesenangst davor, diesem kleinen Etwas dann auch noch mal weh zu tun. Das war für mich das Stressigste und das Aufregendste und das Schwierigste in dieser Zeit der Anästhesie. Sprecherin: Dr. Renate Langenbach, Anästhesistin. O-Ton 14 Renate Langenbach (0‘17“): Ich durfte es im Nachhinein meinen Kollegen sagen, aber als ich dann in der Situation in der ich als Ärztin in der Anästhesie diejenige war, die die Verantwortung auch hatte, musste ich Kenntnis haben, musste ich Fertigkeiten haben und musste eine gewisse Souveränität haben. Sprecher: Ein Profi fühlt nicht, er funktioniert. Das ist oft das Dogma. Doch schlimmstenfalls wird der Profi dadurch vor allem eins: stumpf, leer und unlebendig. Sprecherin: Der Medizinethiker Prof. Giovanni Maio von der Uni Freiburg sagt: Ein Grund dafür liegt auch im falschen Verständnis der eigenen Verletzlichkeit. Wer verletzlich ist, der macht sich angreifbar, so der weitverbreitete Glaube: O-Ton 15 Giovanni Maio (0‘35“): Die Verletzlichkeit ist natürlich negativ konnotiert, aber wenn wir vertiefter drüber nachdenken, werden wir feststellen, dass wir diesen Modus der Verletzlichkeit brauchen, denn nur wenn wir verletzungsoffen sind, werden wir uns selbst auch entwickeln können. Nur dadurch, dass wir wissen: Wir sind verletzlich, können wir uns einfühlen in andere; wenn wir meinen, wir wären vollkommen unverletzlich im Sinne einer Unabhängigkeit, dann wähnen wir uns als selbstmächtige Herrscher über uns selbst. Sprecher: Natürlich erwarten wir von Helfern stets einen kühlen Kopf und kontrolliertes Eingreifen! Wer wünschte sich allen Ernstes unkontrollierte, gefühlsduselige Profis? Ein Polizist, der am Einsatzort weint? Oder einen Anwalt, der in Mitgefühl für seinen Mandanten versinkt? Eine Notärztin, die im Schockraum überflutet wird von ihren Gefühlen? Es kann durchaus sinnvoll sein, den Kopf ein und das Gefühl weitgehend auszuschalten – allerdings nur vorübergehend! O-Ton 16 Renate Langenbach: (0‘13“) Auf einem chirurgischen Visitenwagen stand geschrieben: „Bevor du in dieses Zimmer trittst, denke daran, dass die Wunde, die du eventuell öffnest, zu einem Menschen gehört, und konzentriere dich auch auf diesen Menschen!“ O-Ton 17 Giovanni Maio (0‘26“): Je mehr wir uns selbst als verletzliche Wesen empfinden, desto mehr erkennen wir auch das Kostbare, was zerrüttet werden könnte. Die Verletzlichkeit ist ja auch ein Appell. Wenn wir uns vergegenwärtigen: Die anderen sind verletzlich, so wie ich, ist es ein Appell, alles dafür zu tun, damit die anderen nicht verletzt werden. Wir teilen diese Verletzlichkeit, und insofern gehören wir Menschen alle zusammen, im Bewusstsein dieses Bandes, das uns letzten Endes alle zusammenführt. Musikzäsur Sprecherin: Natürlich gibt es Orte, wo Profis weich und gefühlvoll sein dürfen: Bei Supervisioren, Psychologinnen oder Seelsorgern. Für den Polizisten Dirk Breitenbach war das nie eine Option. O-Ton 18 Dirk Breitenbach (0‘40“): Es natürlich ein Schritt, zu sagen: „Hier, das war jetzt gerade zu viel für mich, das erfordert tatsächlich Mut und man muss auch das Gefühl haben, dass man in einem Kreis ist, der das auch akzeptiert und hinnimmt, wo man dann nicht nachher gemobbt wird und irgendwelche Ressentiments zu befürchten hat. In einem Klima, wo alle stark sind, ist es schwierig, selber zu sagen „jawohl, ich bin hilflos, ich brauche Hilfe!“ Weil ich fest überzeugt war, ich brauche das nicht. Auch die Kollegen, denen ich gesagt hab: „Nehmt das doch in Anspruch“, die haben gesagt „Ich brauch das nicht. Das ist Quatsch! So schlimm war das jetzt gar nicht. Da gibt’s viel schlimmere Sachen!“ Heute rückblickend würde ich sagen: Hätte ich doch mal besser das ein oder andere in Anspruch genommen, einfach damit es raus kann. Damit dieses Ventil mal geöffnet wird. O-Ton 19 Andrea Dederichs (0‘15“): Ich behaupte ja, dass allein die Tatsache, dass ich darüber sprechen kann und es so etwas gibt, jemand, der mich versteht und nicht sagt: „Sag mal, was bist du denn fürn Bulle? Willste Sozialarbeiter werden?“ führt dazu, dass man gestärkter in den Job geht, und dann schafft man das auch! Sprecher: Sprechen über Zweifel, über Grenzen, Überlastung, Versagensängste, über Albträume – also über all das, was Menschen in diesen Berufen so umtreibt. Das würde eine völlig neue Kultur in Einrichtungen, aber auch in Unternehmen erfordern. Weg von der Coolness, hin zur Menschlichkeit und Lebendigkeit. [[ O-Ton 20 Christoph Quarch (0‘30“): Wir zahlen letztlich den Preis der Lebendigkeit, wenn wir meinen, wir müssten uns von unseren Gefühlen fernhalten. Wir werden dann zu einer erkalteten, erfrorenen Gesellschaft, und das kann niemand wünschen. Mir scheint es so zu sein, dass wir Menschen dann am meisten bei uns selber sind, dass wir dann am lebendigsten sind, wenn wir fühlen. Und um fühlen zu können, müssen wir uns berührbar machen.]] Sprecher: Wünscht sich die Gesellschaft überhaupt berührbare Menschen? Würde die Wirtschaft noch reibungslos funktionieren, lebten die Menschen ihre Berührbarkeit offen aus? Würden nicht ganze Branchen zusammenbrechen, wenn die, die dort arbeiten, plötzlich ihre Zartheit und Verletzlichkeit wieder zulassen würden? O-Ton 21 Hubert Liebertz (0‘13“): Emotionslos. Das erste Mal emotionslos. „Hier hast du nen Schussapparat, dein erstes Tier!“ Man denkt nicht drüber nach. Man verschwendet keinen Gedanken an das Tier selber. Sprecherin: Hubert Liebertz hat erst eine Lehre als Metzger gemacht und dann sechs Jahre lang im Schlachthof gearbeitet. Tiere töten und zerlegen. Das war seine tägliche Arbeit. Das Tier, das vor ihm auf der Schlachtbank lag, hat er nicht als fühlendes Wesen wahrgenommen. O-Ton 22 Hubert Liebertz (0‘22“): Es war wie ein Stück Holz, es war nichts Lebendes. Es war einfach nur… ja… Job! Man hat auch nicht viel Rücksicht auf die Tiere genommen. Wenn man im Nachhinein zurücksieht, ist es schon ziemlich grausam. Man verändert sich in dem Sinne, dass man härter wird. Man wird zu sich selber härter, man wird zu seiner Familie härter, meine Mutter hat damals mal gesagt „Junge, zu verrohst!“ Sprecherin: Viele Grausamkeiten hat der Schlachter erlebt. O-Ton 23 Hubert Liebertz (0‘23“): Wenn Pferde geschlachtet werden, Schweine, Rinder, wenn Sie sehen, was die für ein Theater machen. Was meinen Sie, wie das Tier getrieben wird? Bullen wird vor die Hoden getreten, da wird die Rute, der Schwanz wird geknickt, denen wird auf die Beckenknochen mit dem Holzknüppel gehauen ... Und mir will dann irgendeiner sagen, dass die Tiere kein Empfinden haben – nee!! Sprecherin: Viele seiner Kollegen, so erzählt er heute, waren Alkoholiker. Ohne diese Eigen-Betäubung konnten sie den Job nicht durchstehen. O-Ton 24 Hubert Liebertz (0‘30“): Man stumpft so sehr ab, dass man das überhaupt gar nicht registriert, dass man da lebende Tiere hat. Man denkt da gar nicht drüber nach. Sie müssen sich vorstellen: Das ist Ihr Job, damit verdienen Sie ihr Geld. Zuerst macht es Ihnen was aus. Und wird das immer weniger, was Ihnen ausmacht. Und irgendwann ist das so wenn Sie im Stall 300 Schweine haben und die fangen auf einmal kollektiv das Schreien an – da werden Sie bekloppt bei! Da läuft es mir heute noch eiskalt den Rücken runter. Ewas Schlimmeres gibt es nicht. Das ist, als wenn kleine Kinder schreien. Sprecherin: Und dann kam der Tag, an dem sich beim scheinbar verrohten und gefühllosen Schlachter etwas zurückmeldete, das er ewig nicht gespürt hatte: Mitgefühl. Es tauchte aus dem Nichts auf. O-Ton 25 Hubert Liebertz (0‘18“): Wir waren Großvieh schlachten, nach dem Großvieh-Schlachten sind wir Kälber schlachten gegangen. Dann auf einmal Blöken, guck runter, setzt den Schussapparat an, ja, und dann flossen dann die Tränen, dem Kälbchen. Und dann war es vorbei. Dann konnt ich nicht mehr. Sprecherin: Rechts und links liefen zwei Tränen die Wangen des Kälbchens hinunter. O-Ton 26 Hubert Liebertz (0‘07“): Das war ein Knaller, war das. Was da in einem vorgeht, das kann man gar nicht beschreiben. Man denkt auf einmal, das ist nicht richtig! Da kann man nicht mehr! Sprecherin: Viele Tiere weinen vor dem Schlachten, sagt Hubert Liebertz. Er hatte es wohl immer übersehen. An dem Tag schaffte er es nicht mehr, wegzuschauen. Er legte seinen Schussapparat zur Seite, streifte die Schürze ab und ging zur Tür raus. Den Schlachthof betrat er nie mehr. Wegen eines weinendenden Kalbs. Sprecher: Nicht zu leugnen ist aber auch: Die Gesellschaft in der jetzigen Form profitiert von Menschen, die sich innerlich stumpf machen. Stumpf machen müssen. Die gezwungen sind, sich von ihren Gefühlen abzutrennen. Würden alle Schlachter ihre Berührbarkeit und Verletzlichkeit leben, blieben die Fleischtheken leer. Musikzäsur Sprecherin: Hubert Liebertz musste seinen Arbeitsplatz für immer verlassen, um wieder empfindsam zu werden. Aber wie sieht es in der übrigens Arbeitswelt aus? Ein Chirurg, der offen zweifelt. Ein Polizist, der zugibt, am liebsten vom Unfallort wegzurennen. Ein Sanitäter, den abgetrennte Gliedmaßen bis in den Schlaf verfolgen. Undenkbar? O-Ton 27 Quarch (0‘24“): Ich denke, es ist zu nem Großteil auch die hochgetaktete, ökonomisierte Arbeitswelt, es ist so gesehen das System, aber das System nährt sich wiederum von Individuen, die dieses Spiel mitspielen. [[ Und dass Menschen dieses Spiel mitspielen, hat sehr viel damit zu tun, dass es eben eine riesige Angst vor Verletzung gibt. Wir verzichten ja deswegen auf Gefühl, weil wir Angst haben, emotional verletzt zu werden. ]] O-Ton 28 Dederichs (0‘18“): Die Emotionen, die nehmen wir an uns als das Ungezügelte, das Spontane, auch das Innerste, aber vor allem das, wo wir antastbar sind. So nehmen wir Emotionen wahr. Wir nehmen sie nicht als Quelle der Kraft wahr und deswegen trauen wir ihnen auch wenig zu. Sprecher: Hinzu kommt: So lange Emotionalität als gefühlsduselig gilt, allein rationales Denken und Handeln als professionell, haben Menschen kaum den Mut, sich zu öffnen und sich verletzlich zu zeigen. Schließlich glauben die meisten: einen Profi haut so schnell nichts um! O-Ton 29 Giovanni Maio (0‘18“): Das Problem der Resilienz ist ja, dass suggeriert wird, als würde man alles im Griff haben können, sofern man alles gut managt. Aber wir dürfen eben nicht verkennen, dass wir ohne gute Erfahrungen mit anderen eben diese eigenen Ressourcen gar nicht mobilisieren können. O-Ton 30 Dederichs (0’22): Es ist die Angst vor der Überflutung, aber es ist vor allen Dingen die Angst, falsch wahrgenommen zu werden. Die Angst nen Fehler zu machen und die Angst, nicht wertgeschätzt zu werden, glaube ich, die macht aus uns so Lemminge. Dass wir sagen: Eh wir uns auf das Risiko einlassen, die eigene Persönlichkeit auszuspielen, gehen wir lieber in so ne Kollektivpersönlichkeit. Musikzäsur Sprecherin: Die Anästhesistin Renate Langenbach wollte Mitgefühl und Menschlichkeit leben. Im Krankenhausbetrieb, vor allem in der Notfallmedizin, sah sie dafür einfach keine Chance. Erst in der Palliativmedizin fand sie wieder zu ihrer Berührbarkeit und Verletzlichkeit als Ärztin. In sicherlich einer der schwierigsten medizinischen Disziplinen stand nämlich etwas Bedeutendes im Vordergrund: der Mensch. O-Ton 31 Langenbach (0‘30“): Ich musste einem Mann mitteilen, dass seine Knochenmetastasen nicht mehr bestrahlbar sind und dass er wahrscheinlich nicht mehr laufen kann. Und wir haben dann dagesessen, beide, er lag, ich saß, und wir wussten nichts zu sagen, und wir mussten beide weinen. Und der Patient hat dann in sein Nachttischchen gegriffen und hat mir sein Herrentaschentuch gereicht. Und hat gesagt „Frau Doktor, trocknen Sie Ihre Tränen.“ Und das ist für mich ein ganz wichtiges Erlebnis: Ja, ich darf weinen beim Patienten. Sprecherin: Berührbar bleiben und trotzdem professionell – das darf Renate Langenbach bei der Begleitung und Versorgung von Sterbenden. Dafür müsste sie komplett aus dem akuten Klinikbetrieb aussteigen, in dem sie vergeblich versuchte, diesen Spagat hinzukriegen. Nun darf sie gleichzeitig verletzlich und berührbar sein UND professionell. O-Ton 32 Giovanni Maio (0‘21“): Und deswegen müssen wir unsere Verletzlichkeit anerkennen und in ihr die Ressource sehen, durch die wir überhaupt zur Empathie befähigt werden, wenn Sie unverletzbar bleiben wollen, sein wollen, unverwundbar, dann werden Sie sich nie auf eine tiefe Beziehung einlassen. Musikzäsur Sprecherin: Polizist Dirk Breitenbach fand erst durch eine längere Krankheit zurück zu seinen Gefühlen. Irgendwann begann er zu schreiben. Über seine Einsätze, seinen Berufsalltag, sein Leben. O-Ton 33 Breitenbach (0‘23“): Also die Geschichten sind so aus mir rausgelaufen, dass ich mit dem Schreiben nicht nachgekommen bin. Worüber ich sehr erstaunt war, waren einfach diese vielen Gefühle, tatsächlich diese Wut, die dann erlebbar war. Tatsächlich dieser Schrecken, tatsächlich diese Ohnmacht, die ich erlebte, weil ich ja eigentlich dachte, dass die so tief vergraben habe, dass die kein Problem sind, und darüber war ich sehr überrascht, dass da so viele Emotionen noch in mir dringesteckt haben, die sich tatsächlich ihren Weg gesucht haben. Sprecherin: Seitdem gehört Dirk Breitenbach zu den Polizei-Poeten. Das sind Polizisten, die keine Lust mehr haben auf das unnahbare Macker-Image. Sie setzen sich in ihren erlebten Geschichten mit ihrer Hilflosigkeit auseinander, ihrer Angst und ihrer Ohnmacht. O-Ton 34 Dirk Breitenbach (0‘16“): Am Anfang war’s erschreckend für mich, weil ich damit nicht gerechnet habe. Ich dachte, das passiert nicht. Und dann war’s wahnsinnig wohltuend. Es war unheimlich befreiend, sich das selber einzugestehen und hat mir eigentlich gezeigt, dass ich noch ganz normal funktioniere und nicht abgestumpft bin.
- Das Gürteltier - Gepanzerter Sonderling und Superheld des Tierreichs
16.01.2025 · 24 Min.
Sie sind die X-Men unter den Tieren: Ihr Superheldenkostüm ist ein Panzer aus beweglichen Hornplatten. Dabei sind sie Säugetiere! Die einzigen auf der Welt mit einem Panzer. Und jede Gürteltierart hat ihre eigene Superfähigkeit. Von Katharina Hübel (BR 2021)
- Versklavt im Mittelmeer - Als Christen und Moslems sich jagten
16.01.2025 · 22 Min.
In der frühen Neuzeit gab es rund ums Mittelmeer viel Sklaverei. Christen und Moslems gleichermaßen kaperten Handels- und Pilgerschiffe und verkauften Menschen auf riesigen Sklavenmärkten in Europa und Nordafrika. Deren Berichte wurden ein beliebtes literarisches Genre. Von Brigitte Kramer (BR 2022) Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Benedikt Schregle, Gudrun Skupin Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Mario Klarer, Literaturwissenschaftler, Universität Innsbruck Juliane Schiel, Historikerin Universität Wien Teresa Peláez, Historikerin, Universität Valencia. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Ware Mensch - Der transatlantische Sklavenhandel HIER Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literaturtipp: Mario Klarer (Hg.): Verschleppt, Verkauft, Versklavt. Deutschsprachige Sklavenberichte aus Nordafrika (1550–1800), Böhlau Verlag Wien Köln Weimar, 2019 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Warum Verzicht so schwer fällt - Und warum weniger mehr sein kann
15.01.2025 · 22 Min.
Verzicht klingt nach Entsagung und Verlust. Wem die Überzeugung fehlt, dass sich Nein-Sagen lohnen kann, tut sich schwer. Deshalb finden Aufrufe zu nachhaltigeren, sparsamen Lebensstilen so wenig Resonanz. Von Justina Schreiber Credits Autorin dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Susi Weichselbaumer Es sprach: Katja Amberger Technik: Christiane Gerhäuser-Kamp Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Dr. Dr. Ingo Balderjahn, Betriebswirtschaftswissenschaftler + Konsumforscher, Angela Mauss-Hanke, Psychoanalytikerin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Meine Challenge Kann ich ohne Schlaf überleben? Wie überwinde ich meine Höhenangst? Und wie viel Nazi steckt in mir? Spannende Fragen, aber wer hat schon Lust, all das selbst auszuprobieren? – Kein Problem, denn Reporterin Daniela Schmidt stellt sich alle zwei Wochen einer neuen Herausforderung und nimmt euch mit, wenn Wissenschaft ihr Leben zum Abenteuer macht! Literatur: Ingo Balderjahn: Lust auf Verzicht, gekom Verlag 2024 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Nur eine Mahlzeit am Tag, und die darf kein Fleisch, keine Milchprodukte und keine Eier enthalten. Ganz schön karg! Doch die Mönche des Mittelalters kannten ihre Tricks, um die strengen Fastengebote vor Ostern zu umgehen. Sie ließen sich Fische, Biber, Truthähne und anderes Geflügel umso reichlicher schmecken. Mit der Begründung: laut Schöpfungsbericht hätte Gott die Fische und Vögel nicht am selben Tag erschaffen wie „die Tiere auf dem Lande“, die klassischen Bratenlieferanten Schwein oder Rind, die ja wohl mit dem Begriff „Fleisch“ gemeint waren. Man kann die listigen Klosterbrüder schon verstehen. Verzichten „zu müssen“ fällt dem Menschen einfach schwer, sagt der Konsumforscher Ingo Balderjahn. O-TON 01: (Balderjahn) „Der Mensch verzichtet nicht gerne. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 2002, das ist der Daniel Kahneman, der hat das sehr gut herausgearbeitet. Seine Theorie heißt „prospect Theory“, dass das Wesen des Menschen schon ist, dass der Mensch eine Verlustaversion hat. Das stellt sich in Studien sehr stark da. Also Verluste sollen vermieden werden, auf die Zukunft hingeschoben werden, Verluste schmerzen und führen zu emotionaler Betroffenheit.“ MUSIK Opposing forces M00537747 101 0.47 SPRECHERIN: Abzuspecken und etwas Wohlstand aufzugeben, wird logischerweise als Einschränkung empfunden. Man stellt sein Konsumverhalten deshalb auch nicht ständig in Frage. Schließlich trinken andere Leute ebenfalls Alkohol, obwohl er als ungesund gilt, oder machen Kreuzfahrten, obwohl man sie aus Umweltgründen vielleicht besser sein lassen sollte. So tickt der Mensch. Er vergleicht und hat insgeheim Angst, meint Ingo Balderjahn. Angst, etwas her- oder aufgeben zu müssen. Zu kurz zu kommen, drauf zu zahlen. O-TON 02: (Balderjahn) „Man möchte auf Deubel-komm-heraus den Wohlstand und den jetzigen Status, oftmals sind ja auch andere Dinge damit verbunden, Macht und Ansehen. Oder das Schlimmste ist ja, was Menschen sich vorstellen können, sozial abzusteigen. O-TON 02: (Balderjahn) Sie müssen, was weiß ich, ihren Ferrari da vor der Tür wieder verkaufen oder so was, das geht ganz emotional an die Substanz.“ SPRECHERIN: Auch wenn es „nur“ um materielle Dinge geht. Aber was heißt „nur“? Für die mittelalterlichen Mönche waren die strengen Fastengebote oft eine weitere Zumutung im harten Kampf ums Überleben, wenn Ernten ausfielen oder Krieg herrschte. Die Angst vor dem leeren Teller, die Angst vor dem Nichts hat schlicht biologische Ursachen. Nur so lässt sich der fast schon reflexhafte Widerstand erklären, etwa wenn einem von der Politik „jetzt auch noch“ die freie Fahrt auf Autobahnen genommen werden soll. Bloß nicht darben, bloß nicht verzichten müssen. Der Kampf gegen aufgezwungene Askese geht bereits mit der Geburt los, sagt die Psychoanalytikerin Angela (Anschela) Mauss-Hanke: MUSIK Unfolding feelings Z9356382 032 0.32 O-TON 03: (Mauss-Hanke) „Im Mutterleib geht ja alles von selber. Es gibt auch noch keine Bedürfnisse nach irgendetwas, weil das Atmen, das Essen ist einfach ein Ineinander, was von selber funktioniert. So, und dann flutschen wir da durch und kommen auf die Welt. Und warum finden wir es normal, dass jedes Baby schreit, wenn es auf die Welt kommt? Weil: es ist zum Schreien. Nix ist mehr von selber. MUSIK Frames of motion Z93582 002 0.37 O-TON 03: (Mauss-Hanke) Ne, es muss plötzlich aktiv atmen. Das Essen ist nicht immer von selber da, und von Anfang an ist eigentlich das Leben eine Übung im Verzicht darauf, dass Bedürfnisse sofort und unmittelbar befriedigt werden. Und das ist ein ganz langwieriger Lernprozess.“ SPRECHERIN: Erwachsen zu werden, bedeutet aus psychoanalytischer Sicht: das innere Lustprinzip, das alle Wünsche erfüllt haben will, und zwar flott, mit dem äußeren Realitätsprinzip in Einklang zu bringen. Denn die totale Bedürfnisbefriedigung ist auf Erden leider unmöglich. Man kann selbstverständlich trotzdem Größenfantasien und Anspruchsdenken pflegen - nach dem Motto: „Es muss für mich Kaffee aus dem Vollautomaten sein. Sonst ist die Laune im Eimer.“ Aber wir kommen als mehr oder weniger soziale Wesen nicht umhin, laufend ureigene Triebe, Wünsche und Ziele aufzuschieben, umzulenken oder zu ignorieren. Sonst gäbe es nur noch Hauen und Stechen und das Wehklagen wäre groß. Je nach Erziehung, Persönlichkeit und Einflüssen gelingt die notwendige Selbstregulation mal besser, mal schlechter. MUSIK Unfolding feelings Z9356382 032 0.18 O-TON 04: (Mauss-Hanke) „Gehen wir noch mal ganz zurück. Das Baby hat Hunger und schreit, das weiß noch nicht, ich werde nicht sterben, wenn ich jetzt eine Minute warte oder 5 Minuten. Das muss es wirklich durch Erfahrung lernen und je befriedigender oder je unproblematischer, unkomplizierter die Erfahrungen sind, desto leichter lässt sich das auch lernen. Je mehr ich mich darauf verlassen kann, naja, ich muss ein bisschen Geduld haben. Und dann kommt das schon. Dann kann ich auch besser Geduld haben. Wenn es aber unsicher ist, wenn ich nicht weiß: oh, kriege ich jetzt was, kriege ich nix. Wie lange muss ich warten? In so einer unsicheren Bindung, dann wird es auch schwer zu verzichten.“ (oben) MUSIK Sunnylands Z8034859 109 0.33 SPRECHERIN: Der amerikanische Psychologe Walter Mischel (Betonung auf der zweiten Silbe) führte von 1968 bis 74 an der Stanford University ein Experiment durch, das unter dem Namen Marshmallow-Test berühmt und seither vielfach (auch mit Tieren) wiederholt wurde. Vierjährige Kinder wurden damals vor die Wahl gestellt: sie könnten sofort ein Marshmallow essen. Wenn sie es jedoch schafften, eine Weile zu warten, bekämen sie ein weiteres süßes Schaumstück dazu. O-TON 05: The Marshmallow Test (youtube.com) bei 0:26 Kurz frei, dann drunter: MUSIK Sunnylands Z8034859 109 0.44 SPRECHERIN: Videoaufnahmen, die auch im Internet zu finden sind, zeigen, wie die Jungen und Mädchen mit sich ringen und zum Teil den Kampf um ihre Selbstbeherrschung verlieren. Über Jahre hinweg überprüfte Walter Mischel, wie sich die Kinder, die Standhaften und die Verführbaren, jeweils kognitiv und sozial weiterentwickelten. Sein Ergebnis: Kinder, die warten konnten beziehungsweise darauf vertrauten, dass sie die versprochene Belohnung erhalten werden, zeigten später auch beim Lernen oder in anderen Stresssituation mehr Frustrationstoleranz als die, die fast schon reflexhaft nach dem Marshmallow griffen. Das wirkt einleuchtend. Doch Wünsche aufzuschieben ist letztlich leichter als sie komplett aufzugeben. Was zum Beispiel beim Thema Umweltschutz eigentlich viel öfter angezeigt wäre, meint der Konsumforscher Ingo Balderjahn. Etwa ein konsequentes Nein zum neuesten Elektronikteil. Denn: O-TON 06: (Balderjahn) „Ob ich mir jetzt nun ein Smartphone kaufe oder in einer Woche, ist dem Klima höchstwahrscheinlich egal.“ SPRECHERIN: Aber wirklich ganz darauf verzichten ohne irgendeine Belohnung? Schwierig. Religionen vertrösten ihre Gläubigen ja gern auf ein Paradies im Jenseits, in das sie eintreten werden, wenn sie sich an alle Regeln halten. Aber nehmen wir einmal an, jemand entscheidet sich, aus Umweltgründen auf den Flug nach Thailand oder die Autofahrt in die Provence zu verzichten, und reist stattdessen mit der Bahn ans andere Ende Deutschlands. In überfüllten, verspäteten Zügen unterwegs zu sein, ist kein Vergnügen. Wie sieht hier – bitte schön - die Gratifikation aus? O-TON 07: (Balderjahn) „Das Gute, was man tun kann, um den Klimawandel zu verhindern, kommt ja auch später, in zehn, 20, 30 Jahren.“ SPRECHERIN: Aber wer weiß das schon so genau! Prognosen sind keine Versprechen. MUSIK Jolly Stroll Z8036179 120 0.44 SPRECHERIN: Der Begriff des Verzichts stammt aus der mittelalterlichen Rechtssprache. Wer einen Rechtsanspruch aufgab, übte Verzicht oder Verzeihung, wie man noch bis ins 18. Jahrhundert gleichbedeutend sagen konnte. Man entsagte oder verzichtete, um eine Schuld auszugleichen und die gegnerische Partei zufrieden zu stellen. Deshalb liegt bis heute das „Um zu“ so nahe. Man verzichtet auf Kohlehydrate oder Fett, um abzunehmen. Man spart Geld, um den Kindern etwas schenken zu können. Man verzichtet auf einen Seitensprung, um die Ehe nicht zu gefährden. Wenn sich nun aber kein einleuchtender Grund fürs Knapsen, keine „gefühlte“ Not-Wendigkeit finden lässt? Dann kauft man sich eben zweimal im Jahr neue Klamotten oder gönnt sich den One-Night-Stand. Verzicht braucht schon ein gewisses Maß an innerer Zustimmung, bestätigt die Psychologin Angela Mauss-Hanke. Sonst funktioniert der Deal nicht gut: O-TON 08: (Mauss-Hanke) „Wenn ich von außen gesagt bekomme: du, das wäre für uns alle besser, wenn du darauf verzichtet. Und ich denke darüber nach, also meine Vernunft, vielleicht auch sogar mein Einfühlungsvermögen sieht das dann ein, dass das besser wäre. Und ich bin dann vielleicht sogar ein sozialer Mensch, der es auch nicht unwichtig findet, dass es den anderen auch gut geht, dann fällt mir der Verzicht natürlich viel leichter, als wenn das Wichtigste ist, dass ich meine Wünsche, meine Triebe befriedigt kriege.“ MUSIK Frames of motion 2 Z9356382 002 0.42 O-TON 09: (Balderjahn) „Was braucht es für einen Verzicht? Verantwortung, Verantwortung übernehmen. Der Mensch muss sagen: okay, ich bin auch daran beteiligt, dass sich die Erde aufheizt, also nur mal gesagt: mit jedem Euro, den wir ausgeben, circa 150 Gramm Treibhausgase, also wir sind alle daran beteiligt. Und wenn der Einzelne für sich auch die Verantwortung sieht, ich bin verantwortlich dafür, dann kann sich daraus schon eine Bereitschaft ergeben, etwas auch zum Klimaschutz zu tun. Nur, in einer Studie der Europäischen Union, Eurobarometer heißt das, da sagen zwei Drittel der Europäer, sie fühlen sich für den Klimaschutz nicht verantwortlich, und diese zwei Drittel fallen mit dieser Haltung erstmal komplett raus. Die machen nichts.“ SPRECHERIN: Niemand hat gern ein schlechtes Gewissen. Auch wenn Menschen mittlerweile so etwas wie Flugscham empfinden können, geflogen wird trotzdem in gigantischem Ausmaß. Ein weiterer Feind des Verzichts ist nämlich die Bequemlichkeit. Verzicht zu üben, bedeutet, eine Komfortzone zu verlassen. Wer sein Gewicht reduzieren will, muss die Ernährung umstellen und auf die gewohnte abendliche Wurstplatte verzichten. Man muss sich aufraffen und dann vor allem dranbleiben. Der Wille ist gefragt. Und der Wille braucht gute Argumente. Sonst fällt er dem inneren Schweinehund zum Opfer. Selbstoptimierung kann ein starkes Motiv sein: ach ja, besser aussehen, gesünder sein! Dafür darbt man noch relativ gern. O-TON 10: (Mauss-Hanke) „Aber der Verzicht, sagen wir mal, auf Flugreisen eben zu verzichten, weil mir der Klimawandel bewusst ist, dass es eine viel schwierigere Forderung und das braucht schon wirklich viel Vernunft, viel abstraktes Einfühlungsvermögen in die nächste Generation. Und vor allen Dingen auch die Erkenntnis oder die Meinung kann man ja auch sagen, dass das was nutzen kann, wenn ich als Einzelner da etwas anders mache. Und das ist auch verständlich. Wenn ich in eine Millionenstadt komme, dann frage ich mich auch: warum soll ich hier irgendwie den Müll trennen und das dann trotzdem durchzuhalten, das braucht wirklich viel Vernunft, auch gedankliche Geduld vielleicht. Und da muss man dann eben sehen, wie kann man das für sich selber aufrechnen, dass man dann verzichtet.“ SPRECHERIN: Die Regale in unseren Supermärkten sind voll. Lieferdienste bringen Waren bis an die Haustür. Vom USB-Stick bis zum Plantschbecken, von der Pizza bis zum Modeschmuck – fast alles kann man heute ruckzuck im Internet bestellen. MUSIK All in one app Z8033488 114 1.15 SPRECHERIN Die Versuchungen sind groß. Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Immer noch. Außer es gibt Probleme mit den Lieferketten, und das Klopapier wird rationiert. Dann bricht Panik aus. Normalität bedeutet hierzulande, dass alles immer verfügbar ist, jetzt auch in Bio-Qualität. O-TON 11: (Balderjahn) „Es ist natürlich das, dass insbesondere von der Wirtschaft, von der Werbewirtschaft, vom Marketing Anreize gesetzt werden für bestimmte konsumintensive Verhaltensweisen. Und da sich kein Mensch von der Werbung wirklich entziehen kann, Werbung hat immer Wirkung. Wir brauchen nur einmal eine Marke zu sehen, und schon kriegen wir die aus dem Gehirn nicht mehr gelöscht. Also, da sind so Antreiber, Konsumantreiber. Und wir werden ja auch groß in einer Gesellschaft und leben in einer Gesellschaft, jetzt sage ich mal hier in Deutschland, die sehr, sehr konsumorientiert ist.“ SPRECHERIN: Anregende Reize aus unzähligen Kanälen triggern den suchtmäßigen Konsum. Der Staat versucht durchaus, mit Kampagnen, Gebühren und Werbeverboten gegenzusteuern. Im Grunde aber bleibt es jedem und jeder Einzelnen überlassen, dem kapitalistischen Prinzip des „Höher, weiter, schneller, mehr!“ die Stirn bieten. Aber nur 15 Prozent der Deutschen schaffen es, konsequent weniger Geld für ihren Konsum auszugeben, als sie könnten, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ingo Balderjahn. Von anderen Ländern gar nicht zu reden. O-TON 12: (Balderjahn) „Wir konsumieren tatsächlich viel zu viel. Wir ruinieren die Erde, da gibt es Zahlen. Wir verbrauchen die Fläche von 1,7 Erden, damit wir unsere Konsumbedürfnisse befriedigen können, aber diese Komma sieben, diese drei Viertel, die haben wir nicht. Das heißt, wir plündern, und wir heizen auch mit diesem maßlosen Konsum das Klima auf. Und das ist das Problem, wovor wir stehen.“ SPRECHERIN: Die große Frage lautet: Wie lässt sich der Mensch zum Verzichten und Sparen motivieren? Wie lässt sich der maßlose Konsum reduzieren? Darauf läuft es ja hinaus. Trotz neuer energieeffizienter Technologien und nachhaltigerer Produktionsweisen. Was zu viel ist, ist zu viel. Die apokalyptischen Bilder aus aller Welt sprechen eine deutliche Sprache: MUSIK Geiger involved Z8024281 104 0.42 SPRECHERIN Sturzfluten, Bergrutsche, schmelzende Gletscher, Wirbelstürme, brennende Wälder... O-TON 13: (Greta Thunberg W0507488 101) „We should panic!... out of our comfort zones!“ OT 13 kurz frei, dann drüber: SPRECHERIN: „We should panic!“ und „I want you to panic“, sagte die Fridays-for-Future-Aktivistin Greta Thunberg immer wieder in ihren Reden und erntete dafür Kritik. Panikmache bringt nämlich gar nichts, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Im Gegenteil. O-TON 14: (Balderjahn) „Man sollte nie, und das machen viele Umweltaktivisten falsch, nie den Horror an die Wand malen. Horror mögen Menschen nicht und sortieren das gleich aus. Damit setzen sie sich nicht auseinander. Deswegen funktionieren ja auch diese Horrorbilder auf diesen Zigarettenpackungen nicht mehr.“ SPRECHERIN: Man gewöhnt sich an den Schrecken. Oder steckt den Kopf in den Sand. Wird schon nicht so schlimm sein. Auch wenn das Meer so warm ist wie noch nie und die Korallenriffe sterben. Hauptsache Urlaub. Die moderne Lebensweise erschöpft auch die emotionalen Ressourcen. Jedem und jeder scheint hier alles immer offenzustehen: die persönliche Selbstverwirklichung, der Neuanfang mit 80, dieses haben, jenes machen oder werden zu können. Das kann stressen. MUSIK Sunnylands Quintett Z8034859 110 0.38 SPRECHERIN: Die Entwicklung liegt nahe: Zum Wellnesskurzurlaub gehört heute meist auch „digital detox“, der vorübergehende Verzicht auf digitale Medien und Endgeräte. Individuelle kleine Verzichtsübungen sind „in“, kleine Rettungs- oder Heilungsversuche, private Challenges, deren Verlauf gern in sozialen Netzwerken gepostet wird: Wie lange schaffe ich es, ohne Zucker, Weizen, Ablenkung, weiß nicht was, zu leben? Und ganz wichtig: wie fühle ich mich dabei? Eigentlich gar nicht so schlecht. Überraschenderweise. Studien, die Ingo Balderjahn an der Uni Potsdam durchgeführt hat, brachten ähnliche Ergebnisse: O-TON 15: (Balderjahn) „Wir haben Personen verglichen, die freiwillig verzichten und einen einfacheren Konsum und Lebensstil haben, mit anderen, die voll drauflos konsumieren. Und wir stellen fest: die, die freiwillig verzichten, die empfinden das nicht als Opfer oder als Verlust, sondern eher als Zugewinn an Unabhängigkeit und an Selbstbestimmung, Autonomie, also in der Tendenz sogar stellt sich heraus, dass Menschen, die einfacher leben, nicht alles auf den Kopf hauen, glücklicher sind als die anderen, die in diesem Konsumturbo stecken.“ SPRECHERIN: Das Gefühl von Selbstdisziplin und Selbstwirksamkeit, nicht so getrieben und abhängig zu sein, tut offenbar gut. 70 Prozent der Deutschen wären – laut einer Studie des Bonner Briq-Instituts - rein theoretisch sogar dazu bereit, grundsätzlich kürzer zu treten, ihre Altgeräte zum Recyceln zu bringen, Kleidung second hand zu kaufen, öfters das Fahrrad zu benutzen und so weiter. Doch rechnen sie paradoxerweise nicht damit, dass sich ihre Mitmenschen auch dazu bewegen ließen. Also wagen sie sich nicht aus der Deckung. Wenn aber alle mitmachen würden, dann wäre etwa der Verzicht auf Fleisch oder Flüge „normal“. Gruppendruck und soziale Kontrolle spielen eine Riesenrolle, bestätigt die Psychoanalytikerin Angela Mauss-Hanke. O-TON 16: (Mauss-Hanke) „In großen Gruppen ist das ja häufig so, in Sekten zum Beispiel, es gibt ne Ideologie: wir sollten das und das tun oder was weiß ich, vegan leben. Und dann hilft es natürlich sehr, wenn man dann eine Ideologie hat, an die sich alle halten. Das heißt, da gibt der Einzelne seinen Moralkodex ab an das, was in der Gruppe sozusagen „in“ ist, und hält sich dann daran. MUSIK All in one app Z8033488 114 0.55 O-TON 16: (Mauss-Hanke) Ne, da muss ich nicht mehr überlegen, finde ich das richtig oder falsch, sondern ich tue das einfach und der Gewinn, die Zustimmung durch die Gruppe, das ist schon nicht zu unterschätzen.“ SPRECHERIN: Alkoholfreie Getränke liegen heute voll im Trend. Aber autoritär von oben lässt sich ein generelles Bier- und Wein-Trink-Verbot in unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft kaum durchsetzen. Anders gesagt: der Zeitgeist müsste sich ändern, weg vom materiellen Denken hin zu einer besseren Moral und mehr sozialem Denken. Ohne Zwang. Der Konsumforscher Ingo Balderjahn hat 2024 ein Sachbuch mit dem Titel „Lust auf Verzicht“ veröffentlicht, um die wissenschaftlich belegten positiven Seiten der freiwilligen Beschränkung publik zu machen. Nach dem Motto: „Weniger ist tatsächlich mehr“. O-TON 17: (Balderjahn) „Da gibt es Parallelstudien, die von anderen Kolleginnen und Kollegen betrieben werden, die zeigen, dass je mehr Geld jemand hat, desto relativ weniger spendet er oder sie für gute Zwecke. Daraus ist es auch erkennbar: die Leute, die relativ wenig haben, spenden in Relation dazu zu dem, was sie haben, relativ viel und sind auch viel leichter bereit, etwas abzugeben mit anderen zu teilen.“ MUSIK Jolly stroll Z8036179 120 1.14 SPRECHERIN: Genug zum Leben zu haben, ist wichtig. Aber die Frage: brauche ich das wirklich? verneinen zu können, schafft offenbar Freiräume und reduziert Ohnmachtsgefühle. Warum nicht auch mal einen Probelauf starten, um einen klitzekleinen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten? Wenn irgendein Verzicht dann doch ein bisschen hart erscheint, kann man sich ja zum Trost die Bedingungen der menschlichen Existenz vor Augen halten. Verzicht zu üben, gehört nicht ohne Grund zum Standardprogramm aller Religionen. Wer sich bewusst auf wesentlich Erscheinendes konzentriert, lernt nämlich Abschied zu nehmen. Vielleicht auch von den Illusionen, die unsere Gesellschaft so gerne pflegt: O-TON 18: (Mauss-Hanke) „Das Leben ist immer ein Verzicht. Wir gehen auf den Tod zu, und wir müssen diese begrenzte Zeit irgendwie füllen. Wir werden niemals all das, was wir gerne tun würden, all das, was wir gerne hätten, erreichen, niemals. Wir kommen aus dem Verzichten nicht raus.“
- Geschichte des Skifahrens
14.01.2025 · 23 Min.
Historiker halten den Ski für eines der ältesten Sportgeräte der Menschheitsgeschichte. Wohl schon vor tausenden von Jahren benutzte man Bretter im Tiefschnee, allerdings zunächst zur Fortbewegung bei der Jagd. Das Skifahren als Sport und Freizeitvergnügen, wie wir es heute kennen, hat seinen Ursprung in Norwegen. Von Katrin Kellermann Credits Autorin dieser Folge: Katrin Kellermann Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling, Werner Härtl Technik: Peter Urban Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Obmann Mag. Martin Krickl vom Bezirksmuseum & FIS-Zdarsky-Skimuseum Lilienfeld Dr. Robert Groß, Umwelthistoriker von der Universität für Bodenkultur Wien (kurz BOKU) Markus Wasmeier, Doppelolympiasieger, Ex-Skirennfahrer und Gründer des Markus Wasmeier Freilichtmuseums in Schliersee Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Skitourismus - Der weiße Wahnsinn HIER Schnee - Faszinierende Flocken und ihre Geheimnisse HIER Eisschmelze - Das große Rauschen HIER Weiterführende Links und Buchtipps: https://www.wasmeier.de/ Museum Lilienfeld aktuell wegen Umbau und Modernisierung geschlossen. Wiedereröffnung im Jahr 2025. Ab dann erreichbar unter https://www.museum-lilienfeld.at/ Die Anfänge des alpinen Skirennsports: The Golden Age of Alpine Skiing, zweisprachig deutsch/englisch, 2010, Max D. Amstutz, AS Verlag Die Beschleunigung der Berge: Eine Umweltgeschichte des Wintertourismus in Vorarlberg/Österreich (1920-2010) von Robert Groß, Böhlau Köln, 2019 Das Skibuch: Alles über Alpinski, Snowboard & Langlauf, Skigebiete, Touren, Technik und vieles mehr in über 1000 Infografiken, Illustrationen und Karten, 2021 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Deutsch-tschechische Fernsehmärchen - Verzauberung ohne Grenzen
13.01.2025 · 23 Min.
"Pan Tau", "Luzie, der Schrecken der Straße", "Der fliegende Ferdinand" oder die allweihnachtlichen "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel": Was heute als Kult gilt unter den Märchenfilmen und Kinderserien, ist zu seiner Entstehungszeit in den 1970er Jahren ein Brückenschlag zwischen Ost und West. Von Susi Weichselbaumer (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Julia Fischer, Friedrich Schloffer, Katja Schild Technik: Susanne Herzig Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Gert K. Müntefering, ehemaliger WDR Kinderfilm-Chef, Berlin; Dr. Helena Srubar, Slavistin; Katharina Schöde, Kinderfilmautorin, Regisseurin, Produzentin, Berlin; Katharina Miebach, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Das Wintermärchen. Königswinter: HEEL.; Helena Srubar (Ambivalenzen des Polulären. Pan Tau und Co. zwischen Ost und West. Konstanz: UVK) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Literatur: Katharina Miebach - Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Das Wintermärchen. Königswinter: HEEL.; Helena Srubar - Ambivalenzen des Polulären. Pan Tau und Co. zwischen Ost und West. Konstanz: UVK Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Sanft fliegen die beiden Schimmel durch die weißverschneite Winterlandschaft. Auf dem einen Aschenbrödel im weißbauschigen Brautkleid, mit blitzendem Diadem in den wehenden braunen Haaren. Daneben reitet der Prinz im Prachtornat. Er greift ihre Hand, sie lächelt zu ihm hinüber. ERZÄHLER Er lächelt zu ihr herüber. ERZÄHLERIN Beide lächeln einander zu. ERZÄHLER Und lächeln. Und lächeln weiter. Und das jedes Weihnachten. Auf sämtlichen öffentlich-rechtlichen Sendern. ERZÄHLERIN Seit der Erstausstrahlung 1973 ist „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ abonniert aufs Adventsprogramm. In Deutschland und im Rest Europas. Generationen von Kindern haben im Fernsehen verfolgt, wie das arme schmutzige Mädchen Tag und Nacht im Gutshaus schuften muss für die böse Stiefmutter und die hinterlistige Stiefschwester. Bis sie schließlich in den Armen des Königssohns landet. ERZÄHLER Alle Weihnachten wieder… Aus jeder Zaubernuss purzelt ein neues Gewand. 1 ZU (Wally Drei Nüsse 0.00) Erst kriegt sie so einen schicken Jägeranzug, dann kriegt sie ein Kleid für den Ball und dann kriegt sie ein Kleid zum Heiraten. ZITATORIN „Die Wangen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht…“ 2 ZU (Wally Drei Nüsse 0.44) Ich finde so lustig, dass Aschenbrödel so ein kleines Rätsel stellt. Weil sie sagt zum Beispiel, die hat ja immer im Haus gearbeitet: Wer ist so schwarz wie ein Kaminkehrer, ist aber kein Kaminkehrer? ZITATORIN „Ein Hütchen mit Federn, die Armbrust über der Schulter, aber ein Jäger ist es nicht…“ 3 ZU (Wally Drei Nüsse 0.44) Alle, die den Film bis dahin geschaut haben, wissen, das war Aschenbrödel. ERZÄHLER Das weiß jeder, weil alle Jahre Weihnachten... ZITATORIN „Zum Dritten: Ein silbergewirktes Kleid mit Schleppe zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht, mein holder Herr.“ ERZÄHLERIN Es ist kein Wunder, dass das alle immer wieder sehen, sagt die Berliner Kinderfilmregisseurin und Autorin Katharina Schöde. Für sie sind die tschechischen Märchenfilme und Kinderserien der 1970er und frühen 1980er Jahre Marksteine der Filmgeschichte. Und Inspiration für ihre eigene Arbeit heute: 4 ZU (Schöde 0.13) Das Besondere daran ist, dass es so wahnsinnig phantasiereich ist und die Kinder so abgeholt hat, total auf Augenhöhe erzählt wurde und so eine bestimmte Magie hat, die nicht mit dem Zeigefinger daherkam, sondern Spaß gemacht hat. MUSIK Pan Tau (0.46) ERZÄHLERIN „Die kleine Meerjungfrau“, „Prinz und Abendstern“, „Der dritte Prinz“, „Der Salzprinz“, „Däumling“ – die tschechische Kinderfilmbranche boomt in jener Zeit. Und bringt Stars hervor wie Aschenbrödel-Darstellerin Libuse Safránková. ERZÄHLER Im Folgejahrzehnt und darüber hinaus Dauerprinzessin auf den Bildschirmen! ERZÄHLERIN Auch in den prominent besetzten Reihen für Kinder geht es magisch und märchenhaft zu: „Pan Tau“, „Der Fliegende Ferdinand“, „Luzie, der Schrecken der Straße– die Prager Filmstudios Barrandov produzieren damals einen Hit nach dem anderen. ERZÄHLER Immer nur stetig nach oben führt der tschechische Weg zum Erfolg nicht. Die politischen Umstände sind schwierig. Nach einer Phase der Öffnung scheitern 1968 die Reformbemühungen der Kommunistischen Partei KSC. Der Prager Frühling ist zu Ende. Die Tschechoslowakei nimmt politische Lockerungen wieder zurück. Presse- und künstlerische Freiheit werden beschnitten. Wer als oppositionell eingestuft wird, erhält Berufsverbot oder erlebt zumindest Einschränkungen. 5 ZU (Schöde 0.58) Es gibt Leute, die sagen, dass gerade diese Kinderserien oder Märchenserien aus Tschechien auch so ein Zufluchtsgenre waren, dass viele Regisseure, die damals nicht die Filme machen durften, die sie wollten, sich einfach da ausgetobt haben, und viele tolle Leute diese Filme gemacht haben und das merkt man glaube ich auch. ERZÄHLERIN Für etliche Regisseure, Drehbuchschreibende, Schauspielerinnen und Schauspieler, aber auch Kameraleute ist die Karriere nach dem Prager Frühling eigentlich jäh zu Ende. Doch eine Nische öffnet sich, besser: ein Mann schließt sie auf. MUSIK All clued up (0.38) ERZÄHLER Ota Hofmann, national gefeierter Kinder- und Jugendbuchautor, der in dieser Rolle sämtlichen politischen Umstürzen trotzt. Seit 1955 arbeitet der Prager als Dramaturg für Kinderfilme in den renommierten Filmstudios Barrandov. Dort wird er Leiter der Kinderfilm-Produktionsgruppe. Auf einem Filmfest Mitte der 60er Jahre lernt er den Kinderfilm-Verantwortlichen des Westdeutschen Rundfunks kennen, Gert Müntefering. Die beiden verstehen sich sofort, tauschen sich über mögliche Kooperationsprojekte aus. Die Telefone zwischen Köln und Prag stehen nicht mehr still. 6 ZU (MÜNTEFERING 28.00) In Prag 65 bis 68, da konnten die Geschichten sich entfalten, den Hintergrund muss man auch wissen, dass in dieser Zeit ein neues Gefühl in Prag war, das wirkte sich eben auch auf die Arbeit sachlich aus, bis die Russen kamen, die kamen 68, die Drehbücher waren fertig und ich hörte dann im Radio, dass die Truppen des Warschauer Paktes sich breitmachten. ERZÄHLERIN Drei Wochen bangt Müntefering in Köln um gemeinsam verabredete Drehpläne dies- und jenseits der Grenze. MUSIK All clued up Z8034434 107 (0.43) ERZÄHLER Plötzlich erhält er wieder ein Besuchsvisum. Die Zusammenarbeit zwischen Ost und West im Kinderfilm geht weiter und nimmt nach dem Prager Frühling richtig Fahrt auf. ERZÄHLERIN Offenbar gelingt es Ota Hofmann, die Zensur zu umschiffen. ERZÄHLER Vielleicht ist der Kinderfilm und -fernsehbereich auch politisch unverdächtig. Oder man freut sich über das internationale Renommee, das die Kinderproduktionen aus der Tschechoslowakei inzwischen gewinnen. ERZÄHLERIN Auch aus Qualitätsgründen erhält Ota Hofmann die Zusammenarbeit mit Kollegen aufrecht, die er gemäß politischer Weisung nicht mehr beschäftigen dürfte, erzählt die Slavistin Helena Srubar. 7 ZU (Srubar 0.34) Es war ein großes Glück, weil offenbar unter seiner Hand mit den Künstlern oder Filmemachern, die bis dahin beschäftigt waren, möglich war, dass da weitergearbeitet werden konnte. Und es ist dann praktiziert worden unter Ota Hofmann, dass man beispielsweise Drehbücher von verbotenen Autoren unter anderem Namen umgesetzt hat. Zum Beispiel die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ waren von Franticek Pavlicek geschrieben, und der durfte eben nicht mehr arbeiten. Und es wurde dann unter einem anderen Namen gemacht. ERZÄHLER Dieses – bald etablierte – Vorgehen täuscht die Zensurbehörde wohl nur bedingt. Trotzdem schreitet sie nicht ein. ERZÄHLERIN Solange ein anderer Name auf dem Skript steht – ERZÄHLER Schwierig wird es nur bei Darstellern, die eigentlich ganz verbannt sein sollten von den tschechoslowakischen Bildschirmen. ERZÄHLERIN Aber auch dafür findet sich eine Lösung. Denn die DDR und andere osteuropäische Nachbarländer zeigen großes Interesse daran, die aufwendig inszenierten Märchen- und Fantasyproduktionen anzukaufen. Oder als Co-Produktionen mitzufinanzieren. Und auch Westdeutschland, gerade der Westdeutsche und der Bayerische Rundfunk, mischen bald mit. 8 ZU (Srubar 2:33) Dadurch, dass durch die Co-Produktion Devisen ins Land, ins System gespült wurden und man natürlich auch ein Feigenblatt hatte zu zeigen eben hier die sozialistische tschechoslowakische Kultur liefert auf so hohem Niveau auf die westdeutschen Bildschirme, wurde da sicherlich dann doch durchaus manches toleriert, was man intern, also nur für den tschechoslowakischen Markt, möglicherweise nicht toleriert hätte. MUSIK Vincek und die drei Haselnüsse C1590140 110 (0.44) ERZÄHLER In dieser Gemengelage wird der tschechische Kinderfilm international. Der Tross an Filmschaffenden ist ab den späten 60er Jahren dauernd in Bewegung. Für die „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ wird eine Burg 30 Kilometer von Pilsen umgebaut. Aus der stolzen Anlage mit Wassergraben, mehreren Mauerringen und dicken Türmen entsteht der Gutshof der Stiefmutter mit Scheunen und Wirtschaftsgebäude. Die Kulissengestalter setzen ein zweiflügliges Tor in die Außenmauer ein. ERZÄHLERIN Durch das reiten später Aschenbrödel und der Prinz – ERZÄHLER Andauernd ein und aus und hin und her. ERZÄHLERIN Am Ende dann gemeinsam… ERZÄHLER Davor braucht es aber noch die Begegnung im Wald und auf dem Ball. ERZÄHLERIN Das Drehbuch sieht romantische Szenen im Frühling vor, warme erste Sonnenstrahlen, blühende Wiesen. Für Regisseur Václav Vorlíček muss die Geschichte in der Renaissance spielen. ERZÄHLER Zu üppig für das tschechoslowakische Budget. ERZÄHLERIN Ota Hofmann lässt seine Kontakte zur DEFA spielen. Die Filmgesellschaft der DDR steigt finanziell und personell mit ein, hat aber im Sommer keine Kapazitäten mehr. Aus Aschenbrödel muss ein Wintermärchen werden. Die ideale Fügung, wie sich später herausstellt, der perfekte Weihnachtsfilm. WDR-Kinderfilm-Chef Gert Müntefering sieht die ersten Szenen bei einem Besuch in Prag und kauft sofort an. 9 ZU (MÜNTEFERING 18.33) Entscheidend war dann, dass wir ein System finden mussten, um nicht nur Käufer zu sein. ERZÄHLER Erinnert sich Müntefering. Man wollte mitgestalten, ähnliche Projekte gemeinsam umsetzen. Wieder wird viel telefoniert… 10 ZU (MÜNTEFERING 18.33) Ich habe dann in Prag mit Vorlíček, der diese berühmten „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ gedreht hat und wunderbare Märchenfilme, den hab ich dazu gebracht und das tschechische Fernsehen dazu überredet, dass sie dann „Die Märchenbraut“ gedreht haben. Das war ein Auftrag des WDR, der zu einer Coproduktion mit dem tschechischen Fernsehen geführt hat, und das hat gut geklappt. MUSIK Märchenbraut (Rechte geklärt mit WDR, Musik: Luboš Fišer 1981; Dagmar Patrasová – Xenie A Arabela / Co Se Děje V Groteskách; Label: Panton – 8143 0180, Vinyl, 7", 45 RPM, Repress Czechoslovakia; WDR Archimedes 0118248, 17.07.1982, Die Märchenbraut, Folge 01 (1.00) ZITATORIN „Die Märchenbraut“, Serie 1979 bis 1981: Der Schauspieler und Märchenerzähler Karl Majer gerät zufällig an ein magisches Glöckchen, das den Zauberer Rumburak aus dem Märchenreich herbeiruft. Nun geht es hin und her zwischen echter und Märchenwelt. Figuren der Brüder Grimm tauchen auf, genauso Fantomas oder Tarzan. Liebe gibt es auch: Arabella, die jüngere Tochter des Königs, verguckt sich in Peter, den Sohn von Herrn Majer. Rumburak möchte sie für sich und entführt Arabella auf seine Burg. Peter sucht, findet und verliert sie andauernd wieder. Die beiden kommen nie dazu, sich zu küssen. Immer gerät was oder wer dazwischen. Erst in der allerletzten Szene der allerletzten Folge… ERZÄHLER Die Serie läuft in der Tschechoslowakei und in der BRD recht erfolgreich. Die Achse Barrandov in Prag – WDR in Köln wird in der Folgezeit besonders produktiv. Klassiker wie „Pan Tau“, der schweigsame Zauberer mit der schwarzen Melone, dessen Künste meistens wenig helfen und die Lage eher grotesk verschlimmern, entstehen bis 1978 zusammen. Oder 1980 „Luzie, der Schrecken der Straße“. ERZÄHLERIN Für die Berliner Kinderfilmregisseurin und Autorin Katharina Schöde ein absoluter Hingucker: 11 ZU (Schöde 6.30) „Luzie, Schrecken der Straße“ hat mich damals geprägt, sie war ein Mädchen, das waren ja damals noch nicht so viel in den Serien, sie war cool, hatte schon auch so ihre Probleme mit der Bande und wollte dazugehören, dann hatte sie diese lustigen Friedrich und Friedrich, die sie da begleitet haben. MUSIK Luzie, der Schrecken der Straße (Rechte geklärt mit WDR, Video-Überspielung WDR; Musik: Angelo Michajlov 1980) 12.10.1980: Luzie, der Schrecken der Straße, Folge 1: Luzie will nicht allein sein. WDR Archimedes 0113301 (1.25) ERZÄHLERIN Die frechen Knetmännchen Friedrich und Friedrich, die alle möglichen Farben und Formen annehmen können und zu jedem Zauberquatsch bereit sind. Sie unterstützen die sechsjährige Luzie im Sommer vor der Einschulung, in dem alle Freundinnen in Urlaub sind, und nur Luzie daheim in der Stadt bleiben muss. ERZÄHLER Luzies unbedingtes, aber hoffnungsloses Ziel: Sie will aufgenommen werden in die Bande des älteren Nachbarsjungen Oswald. Sechs ganze Folgen lang. ERZÄHLERIN Die bis heute regelmäßig wiederholt werden: 12 ZU (Luzie/ Wally 0:10) Als Erstes musste eigentlich der Kühlschrank repariert werden und der, der den Kühlschrank repariert hat, hat dann das Kabel aus Versehen durchgerissen und die Tapete kaputt gemacht und dann mussten immer mehr Helfer kommen, weil immer mehr kaputtgegangen ist. // Also da war die Luzie und auf einmal war in ihrem Wohnzimmer eine Schlittschuhbahn, da war alles voller Eis und dann sind sie mit den Freundinnen Schlittschuh gefahren. // Aber am Ende ist dann doch irgendwie alles gut gegangen. ERZÄHLER Auf reichlich magische Art und Weise gut gegangen. ERZÄHLERIN Dank Friedrich und Friedrich. ERZÄHLER Naja, eher trotz Friedrich und Friedrich. Deren fröhlich überbordende Magie ist selten wirklich zielführend… ERZÄHLERIN Aber auf jeden Fall gut gegangen, denn das macht viele der damaligen Kinderfilme und Serien aus der Tschechoslowakei aus. Die Kinder finden eine Lösung. Gerne mit zauberhaften Freunden. ERZÄHLER Nie mit kompetenten Eltern – ERZÄHLERIN Denn die gibt es nicht. 13 ZU (Luzie/ Wally 5:10) Die Mama, als erstes schimpft sie total und dann ist sie wieder total nett, und der Papa ist schon immer nett und ist manchmal auch so unsicher und einmal hat er auch zu der Mama von der Luzie gesagt, das ist nichts für Dich. Also ich finde die Eltern nicht so toll. MUSIK Die Tintenfische aus dem zweiten Stock (Rechte geklärt mit WDR, Video-Überspielung WDR; Musik: Angelo Michajlov 1986) WDR Archimedes 0186301; 19.8.1990; Folge 1: Der Fliegende Ferdinand (0.47) ERZÄHLERIN Für die jungen Hauptfiguren heißt das: Sie müssen selber ran. Zum Beispiel „Tintenfische im zweiten Stock“ in der gleichnamigen Serie im Zaum halten. Außerirdische unbemerkt durch den irdischen Alltag lotsen wie in „Die Besucher“. Da wird geflogen und verwandelt, hergezaubert und in Luft aufgelöst. 14 ZU (Schöde 2.00) Aus heutiger Sicht sieht das alles sehr nostalgisch und niedlich aus, aber für damalige Zeiten waren das unglaubliche Sachen, die da ausprobiert wurden. Mit Special Effects und Knete und Kameratechnik wurden da fantastische Sachen erzählt in Science Fiction und Fantasy-Filmen und Serien, die wegweisend waren. ERZÄHLER Schwärmt die Berliner Kinderfilmerin Schöde. 15 ZU (Schöde 2.50) Vom Technischen sind diese Barrandov-Studios in Prag immer schon toll gewesen und die hatten tolle Leute, die viel ausprobiert haben. ERZÄHLERIN Speziell auch in Produktionen für Kinder. Während die in der BRD in den 1960er, 70er, ja noch 80er Jahren vor allem didaktisch daherkommen und kaum Sendeplätze erhalten, darf sich der tschechoslowakische Kinderfilm thematisch und technisch austoben, erklärt die Slavistin Helena Srubar. 16 ZU (Srubar 3.04) Man muss sagen, dass im tschechoslowakischen Filmschaffen der Kinderfilm nicht eine Kategorie B war. Das galt genauso als künstlerisch anspruchsvoll, schon vor 68 wie hinterher. Das heißt es, es haben Kameraleute wie auch Schauspieler in allen Bereichen gespielt. Deshalb waren auch diese Produktion in der Tschechoslowakei so beliebt, weil die Schauspieler kannte man zum Teil aus dem Nationaltheater und aus den Erwachsenenfilmen. Also, es war nicht, dass man gesagt hat, für Kinder muss man irgendwie ein extra Repertoire haben, oder es sei eben künstlerisch weniger wertvollen. Es hatte den gleichen Anspruch. ERZÄHLERIN Anders als in Deutschland steht die Kategorie „Märchen“ im Film gleichauf mit Drama. ERZÄHLER Märchen haben in der tschechischen Kultur einen hohen Stellenwert, waren immer zuhause im Theater und in der Hochliteratur. Abstruses, Unerklärliches – ERZÄHLERIN Gruseliges – ERZÄHLER Zauberhaftes – ERZÄHLERIN Wunderbares – ERZÄHLER Ohne schweren didaktischen Überbau… 17 ZU (Srubar 9:44) Diese Freude daran, Autoritäten zu dekonstruieren und lächerlich zu machen, das zieht sich überall durch. Das gibt es auch ganz stark in der tschechischen Märchentradition, also in der literarischen Märchentradition. Im Film genauso, definitiv, das haben sie ja im Aschenbrödel auch, dass der König, quasi genauso ein kleiner Bub ist, von der Königin gerügt wird, wie sein eigener Sohn, dass er nicht tanzen kann, wenn er ihr auf die Füße getreten ist, und so weiter. MUSIK Sendung mit der Maus Z8034995 213 (0.23) ERZÄHLER Für den ehemaligen WDR-Kinderfilmchef Gert Müntefering das perfekte Programm. Im WDR hatte er die „Sendung mit der Maus“ mitentwickelt. Darin laufen ab 1971 Lach- und Sachgeschichten, die die echte Welt erklären. Mehr ist dem deutschen in erster Linie Bildungsfernsehen für Kinder noch nicht abzuringen. Allerdings: Den Kleinen Maulwurf kauft Müntefering als tschechoslowakischen fantastischen Import dazu, gleich nach einem Treffen mit dessen Zeichner und Erfinder, dem Trickfilmer Zdeněk Miler: MUSIK/ TV Der Kleine Maulwurf (Rechte mit WDR geklärt) Video-Überspielung WDR, WDR Archimedes 0706806, Geschichten vom Maulwurf – Der Angler (0.42) 18 ZU (MÜNTEFERING 44.00) Und nun ja, Maulwurf – wer nicht erkannte, dass das eine liebenswerte Figur mit Überlebensdauer ist, der sollte sich doch einwecken lassen.)) ZITATORIN Rotes Spitznäschen, runde schwarze Augen, drei Haare in die Luft – so tapst der Kleine Maulwurf vergnügt durch Wald und Wiesen. Mit seinen besten Freunden Hase, Igel und Maus erlebt er meist unaufgeregte Abenteuer, ein Picknick im Regen, einen Badeausflug an den See. Manchmal trifft er auf Menschen oder wird mit dem so ganz anderen Leben in der Stadt konfrontiert. Damit er überall auf der Welt verstanden wird, spricht der Kleine Maulwurf nicht. Sein glucksendes Lachen ist sein Markenzeichen. 19 ZU (MÜNTEFERING 44.00) Insofern habe ich 65 das gesehen, da habe ich gesagt, wir kaufen gleich die nächsten Filmoptionen, ich habe gesagt, der WDR kauft ihn und der Etat war ja da. Diese Figur entfaltete sich dann und ich habe auch längere Geschichten mit ihm gemacht. ERZÄHLERIN Herzige Geschichten – ERZÄHLER Traurige – ERZÄHLERIN Versöhnliche Geschichten über ein gutes Miteinander. ERZÄHLER Wie der Kleine Maulwurf bleiben viele Serienfiguren und Kindersujets aus der Tschechoslowakei weitgehend fantastisch-ideologielos. Ihre Macher sind oft Regimekritiker, die nach dem Prager Frühling ins Kindersegment ausweichen. Sozialistische Propaganda zu verbreiten, liegt ihnen fern. ERZÄHLERIN Was dagegen für das Publikum daheim, aber auch in den östlichen und westlichen Nachbarländern funktioniert, ist das grundsätzliche Ideal der Freundschaft, die mehr zählt als schnödes Geld. Manch ein Bösewicht in „Pan Tau“ fährt schon mal Mercedes und spricht mit englischem, französischen oder italienischen Akzent, übrigens nur im tschechischen Original. ERZÄHLER Trotzdem erzählen die wenigsten Serien und Filme den Kapitalismus als das Böse. MUSIK Der Fliegende Ferdinand (Rechte geklärt mit WDR, Musik: Karel Svoboda 1983: Návštěvníci / Létající Čestmír Composer: Karel Svoboda; Label: Supraphon 1985 Vinyl; Type TV Series/TV film; Der Fliegende Ferdinand Folge 1, Der Stein, WDR Archimedes 0127071 (0.46) ERZÄHLERIN Eher den einzelnen Kapitalisten, dem es um Geld und damit um persönliche Macht geht. Beispiel: ZITATORIN „Der fliegende Ferdinand“, Serie 1983/ 84: Der Junge Ferdinand wird von einem Meteoriten verschluckt und auf den Planeten der Blumen befördert wird. Von dort bringt er Zaubergewächse mit. Riecht er an der einen Blume, kann er fliegen. Schnuppert er an der anderen, wird er erwachsen und sieht aus wie sein Vater. Sein Lehrer will auch solche Blumen – um die Menschheit zu retten. Die Kinder unterstützen das. Der Friseur ums Eck jedoch stiehlt die Blumen, um sie ohne Rücksicht auf nichts und niemanden zu Geld zu machen. ERZÄHLER Es siegt die Gerechtigkeit, nicht der Egoist, der sich bereichern will. ERZÄHLERIN Ein Motiv, das Ost und West damals verband, sagt die Slavistin Helena Srubar. Wie überhaupt die tschechoslowakisch-deutschen Kinderserien und Filme der 1970 und 1980er Jahre zur Völkerverständigung beitrugen: 20 ZU (Srubar 14.17) Meine Eltern sind 1969 aus Prag emigriert, und ich bin zweisprachig mit Tschechisch groß geworden und zusätzlich zu der allgemeinen Faszination für diese Serien war das für mich total schön. Wenn im Fernsehen Prag gezeigt wurde oder meine Eltern kamen und sagten, das ist der Schauspieler so und so, das war irgendwie total schön. Wenn quasi von der anderen Seite vom Eisernen Vorhang also einen Gruß kam und auch plötzlich meine Freundinnen damit etwas anfangen konnten, weil über tschechische Kultur war zu dem Zeitpunkt eigentlich ansonsten nicht viel bekannt oder präsent. Und das hat mir natürlich sehr gut gefallen. MUSIK Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1.00) ERZÄHLER Heute gefallen diese Serien und Filme immer noch. ERZÄHLERIN Manche Tricktechnik mutet im Computerzeitalter vielleicht etwas nostalgisch und langsam an. ERZÄHLER Dafür besitzen die märchenhaften Geschichten nach wie vor Zauber. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ zum Beispiel. Wenn Aschenbrödel und der Prinz auf ihren Schimmeln Seite an Seite durch den Schnee reiten. Ihr weißbauschiges Brautkleid flattert im Wind. Sie halten sich reitend an den Händen und lächeln sich an. ERZÄHLERIN Weil sowas in echt nicht geht, mussten die Schauspieler beim Dreh auf dem Bauch eines Kameramanns sitzen. Der wurde auf einem Schlitten gezogen und filmte sie von unten. Nicht so romantisch. ERZÄHLER Aber im Film funktioniert es. Der wichtigste Weihnachtsfilm. ERZÄHLERIN Auf sämtlichen Sendern. ERZÄHLERIN/ ERZÄHLER Alle Jahre wieder.