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2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Selbstsabotage - Warum wir uns selbst so oft ausbooten
26.02.2025 · 23 Min.
Die Angst davor in der Prüfung zu versagen, ist so groß, dass man sich zig Termine in den Kalender packt und keine Zeit mehr zum Lernen hat. Ein typischer Fall von Selbstsabotage. Was steckt dahinter - und wie kann man aufhören, sein größtes eigenes Hindernis zu sein? Von Susi Weichselbaumer Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Berenike Beschle, Thomas Birnstiel, Marlen Reichert, Peter Weiß Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Malte Schwinger, Kinder und Jugendpsychologe Universität Marburg Dr. Ulrich Goldmann, Leitung Ausbildungsgang Psychotherapie (MUNIP) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Prokrastination - Wann Aufschieben schadet und wann es nützt JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN Am Abend vor der Klausur war die Geburtstagsparty meiner besten Freundin. ZITATOR Es war null Zeit, die Präsentation für die Führungskräfte vorzubereiten. Für auf den letzten Drücker lief es puh: Okay. ZITATORIN Dieser Fahrprüfer lässt Frauen grundsätzlich durchfallen. Auch wenn ich dem protzigen SUV nicht die Vorfahrt genommen hätte… MUSIK ENDE SPRECHER Die Klausur gerade mal knapp bestanden? SPRECHERIN Der Job Großraumbüro statt Chefetage? SPRECHER Die Fahrerlaubnis nicht erteilt? Der Pfad zum Erfolg ist gepflastert mit Hindernissen. MUSIK ZITATOR Das Schicksal arbeitet gegen mich. ZITATORIN Heute ist nicht mein Tag. ZITATOR Die ganze Woche ist nicht meine Woche – ZITATORIN Mein ganzes Leben ist nicht mein Leben. MUSIK ENDE SPRECHER Das Wetter, der öffentliche Nahverkehr, die grantige Nachbarin – SPRECHERIN Möglicherweise steht man sich aber auch selbst im Weg. Durch die Art und Weise wie man Dinge angeht oder versucht, bestimmte Situationen zu vermeiden. MUSIK SPRECHER Jedenfalls sicher gilt: Allein ist man als Sich-Selbst-Blockierender nicht. Die Ratgeberregale in den Buchhandlungen stehen voll mit Literatur zum Thema „Selbstsabotage“. In Social Media wird das Phänomen in diversen Facetten diskutiert. Das Internet bietet zig Fragebogen: ZITATOR Wann sabotierst Du Dich selbst? ZITATORIN Warum sabotierst Du Dich? ZITATOR Weswegen solltest Du das lassen? ZITATORIN Wie änderst Du Dich – und damit alles? MUSIK ENDE SPRECHER Das Problem ist bloß: Was in bunten Bänden und auf knalligen Lifestyle-Webseiten angeboten wird, fällt aus wissenschaftlicher Sicht größtenteils in die Kategorie „Küchenpsychologie“. Und: Der Begriff „Selbstsabotage“ für jedwedes, was man sich selbst so in die Bahn werfen oder als Ausrede anführen könnte? Wohl eher ein Modewort: 1 ZU Goldmann 0.00 Wenn ich jetzt an Sabotage denke, da denke ich an Gleise, an Züge, an jemand, der Kabel in Brand steckt. Es ist ein bewusster Akt. Sabotage ist auch in gewisser Weise, ein gewalttätiger Akt. SPRECHERIN Erklärt Dr. Ulrich Goldmann. Er leitet den Bereich Psychotherapie am MUNIP, dem Münchner Universitären Ausbildungsinstitut für Psychologische Psychotherapie. 2 ZU Goldmann 0.00 In der Psychologie wird mehr im Englischen der Begriff „Self-Handicapping“ hergenommen, also „Selbstbehinderung“ übersetzt. Das ist etwas milder. SPRECHERIN Selbstbehinderung gilt nicht als klinische Diagnose, Krankheit oder Persönlichkeitsstörung. Die Wissenschaft sammelt unter dem Begriff eine ganze Reihe an Verhaltensmustern. SPRECHER Verhaltensweisen, mit denen Menschen ihre Erfolgschancen bewusst oder unbewusst selbst vermindern. Generell. Oder lediglich in speziellen Zusammenhängen. Das Ziel dabei ist stets – und das klingt auf den ersten Blick paradox: Auf Biegen und Brechen den Selbstwert erhalten. SPRECHERIN Sich keine Blöße geben, das Gesicht wahren – anderen und sich selbst gegenüber. MUSIK SPRECHER Die Gründe dafür und Strategien dabei faszinieren Forscher wie Malte Schwinger. Er ist Professor für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg. Studien zum Thema Selbstbehinderung gibt es inzwischen vor allem im Segment „Lernen und Ausbildung“. 3 ZU Schwinger (0.09) Der Grundgedanke dahinter ist immer der, jemand hat Angst vor einer bestimmten Situation, einer bestimmten Bewertung. Das ist bei Studierenden, wo wir das viel untersuchen, häufig irgendeine Art Prüfung, eine Art Klausur. Und da ist die Sorge, dass das schiefgehen kann. Und wenn das schiefgeht, hat man Angst, dass das den Selbstwert bedrohen könnte, dass man sich danach als Person nicht gut fühlt als wertlos fühlt. MUSIK ENDE SPRECHERIN Die Lösung: SPRECHER Eine eventuelle negative Bewertung unbedingt ausschließen. SPRECHERIN Und zwar schon im Vorfeld. 4 ZU Schwinger (0.09) Wenn ich Angst habe, in der Klausur zu versagen, dann sollte ich mir irgendeine Ausrede zurechtlegen, die hinterher erklärt, warum ich nicht so gut war in der Klausur, das ist die Idee. MUSIK ZITATORIN Das Radl hatte auf dem Weg einen Platten. ZITATOR Im Prüfungsraum war es wahnsinnig stickig. ZITATORIN Der Hund hat meine Vorbereitungsunterlagen gefressen. MUSIK ENDE SPRECHER Spannend dabei: Erklärungen dafür, warum es mit einer besseren Note in der Klausur nicht geklappt hat, suchen Selbst-Handicapper eher selten im Außen. Solche Rechtfertigungen gibt es schon auch. Aber: In der Regel sucht man die Erklärung bei sich: Darum wir ich nicht so toll. Oder konnte nicht so toll sein. Halskratzen und leichter Husten – plötzlich fühlt man sich damit richtig krank. Genauso erklärt man es den Studienkollegen. Der wesentliche Punkt bei alldem: Trotz schwerer Grippe tritt man zur Prüfung an. SPRECHERIN Unter derlei Bedingungen muss man dann ja mehr als froh sein über ein gerade noch „bestanden“. MUSIK SPRECHERIN Es kann aber auch das ganz große Programm von „Ich-reite-mich-wo-richtig-rein“ sein, erzählt der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann aus dem Praxisalltag. 5 ZU Goldmann 2.44 Das sind so Situationen, die häufig genannt werden, wenn man zu spät ins Bett geht, viel Alkohol trinkt oder ausgeht und am nächsten Tag ausgesprochen müde ist, die Prüfung schreibt. Und wenn es dann schiefgeht, hat man eine fertige und stichhaltige Erklärung, warum es denn schiefgegangen ist und in der Psychologie, und da gibt es einige Experimente dazu, wird angenommen, dass das im Dienste dessen steht, dass es situativ, also auf die Situation bezogen, nicht geklappt hat, weil ich zu lange aus war. MUSIK ENDE SPRECHER Der Grund des Scheiterns ist so nicht ehrenrührig und kratzt am Selbstwert. Man ist nicht etwa zu wenig intelligent, fachlich nicht geeignet – Nein! Die Partyeinladung ging einfach vor. Ehrensache. Lange ausgemacht. Freundschaftsdienst. Man ist eben ein Hecht. SPRECHERIN Allerdings ein ziemlicher „Kurzfrist-Hecht“. 6 ZU Schwinger 2.06 Ja, das ist der Haken da dran, man bleibt tatsächlich eigentlich eher unzufrieden. SPRECHERIN Bilanziert der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. Für den Moment nach der Klausur nimmt so eine Ausflucht – da war diese Party - womöglich den Druck aus der akuten Situation. SPRECHER Auf lange Sicht ist nichts gewonnen in Sachen angeknackster Selbstwert. Denn: Das ist der wunde Punkt. Die verletzliche Stelle. 7 ZU Schwinger 2.06 Die Angst resultierte ja vorher schon aus einer Erwartung, dass man das nicht kann. Und die wird natürlich durch dieses Schauspiel, was man da abgezogen hat, nicht anders. Also man ist weiterhin der Meinung, dass man es nicht kann. Und es hat ja, auch wenn man eine Ausrede hatte, keinerlei gegenteiliger Beweis stattgefunden. Das heißt wenn die nächste Prüfung ansteht, geht eigentlich alles von vorne los. MUSIK SPRECHERIN Ein Kreislauf, der einen irgendwann gefangen nimmt und den man mitunter gar nicht als solchen begreift, erinnert sich Rita. Sie will anonym bleiben. Nach Coaching und Therapie ist Rita inzwischen überzeugt: 8 ZU Rita 8.40 Es ist sicher gut sich zu überlegen, will ich das oder nicht. Oder was will ich überhaupt? So. Das führt ja auch zu mehr Zufriedenheit. SPRECHER Jahrelang war für Rita klar: Im Beruf will sie sich keine Patzer leisten, sondern perfekt sein und auch so wahrgenommen werden von ihrem Kollegenkreis, dem Chef. SPRECHERIN Um mögliche Fehler im Vorfeld abzupuffern, überfrachtet sie sich mit Projekten. Springt überall ein. Hebt die Hand. Und ist im Team bald abonniert auf Zusatzaufgaben. Ein Verhalten, das Psychotherapeut Goldmann von einigen Klienten kennt. 9 ZU Goldmann 04:10 Jemand muss einen Vortrag halten und auf PowerPoint etwas machen. Und es gibt eine neue Version, und man hat noch nicht Zeit gehabt aufgrund der vielen, vielen anderen Aufgaben, die man hat, sich in die neue einzuarbeiten, weil noch diese Besprechung gestern war und man noch in dem Projekt XY engagiert ist. Das wären auch selbstwertdienliche Aussagen. SPRECHERIN Auf den ersten Blick positive selbstwertdienliche Aussagen: Man ist vielbeschäftigt, hält alle Bälle in der Luft, auch die der Kollegen, deren Aufgaben man netterweise mit wuppt. Allein holt man die Kohlen aus dem Feuer und macht das Beste daraus. Auch wenn das dann nicht perfekt ist: Unter den gegebenen Umständen ist man über sich selbst hinausgewachsen. Für alle. SPRECHER Aber halt auch ohne alle. MUSIK ENDE 10 ZU Goldmann 04:10 Wenn man sich überlegt, wie man sich dann präsentiert vor anderen, kann man sich auch vorstellen, auf die Dauer erzeugt das jetzt auch nicht unbedingt ein günstiges Bild von sich selbst. SPRECHERIN Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. MUSIK SPRECHERIN Ein häufiges Beispiel: Man legt die Latte erst hoch und bekommt anschließend Bammel, den Mund zu voll genommen zu haben. ZITATOR Klar promoviere ich. ZITATORIN Klappt die Stelle in Frankreich nicht, wechsle ich die Firma. ZITATOR Diese Frau wird mich heiraten. MUSIK ENDE 11 ZU Goldmann 5.52 Wenn ich so ein Ziel konkret gegenüber anderen kommuniziere, bin ich auch eine Art Selbstverpflichtung eingegangen. Dann kann ich ohne Gesichtsverlust oder ohne Erklärung nicht mehr hinter mein Vorhaben zurück. SPRECHERIN Irgendwann erkennt das auch Rita: Sie kommt – aus ihrer damaligen Perspektive – beruflich nicht vom Fleck. Trotz ihres Engagements an allen Ecken und Enden und obschon das Familie und Freunde von ihr zu erwarten scheinen. Im Team hat sie keinen Rückhalt, dabei reibt sich sich auf, um es den Kollegen und dem Chef recht zu machen, zuvorkommend und perfekt zu sein. SPRECHER Perfektion ist ihre Richtschnur. SPRECHERIN Elternhaus und Schule wünschten sich das Vorzeigekind. In späteren Beziehungen müht sich Rita, eine Musterpartnerin zu sein: Um jeden Preis perfekte Harmonie, totale Symbiose. Bloß: 12 ZU Rita 2:04 Auf längere Sicht sieht man auch, dass es sich nicht unbedingt auszahlt, also von wegen, dass man Respekt dadurch bekommt. SPRECHERIN Rita fängt an, genauer hinzuschauen: Was tut sie wann, um was damit zu erreichen? Und was ist tatsächlich das Resultat? MUSIK SPRECHERIN Für viele kann eine ehrliche Selbstbeobachtung ein guter erster Schritt sein weg von den gewohnten selbstbehindernden Verhaltensmustern, empfehlen Therapeuten. Eine Paradelösung dafür, sich von heute auf morgen mal endlich nicht mehr selbst im eigenen Lebensweg zu stehen, gibt es nicht. Manchmal genügen offene Gespräche im engen Familien- oder Freundeskreis: Warum komme ich nicht ans Ziel, was meint ihr? SPRECHER Oft braucht es professionelle Untersützung: Veränderungscoaching. Gesprächstherapie, bei der man aufschlüsselt: Woher kommt mein innerer Druck, die häufige Unzufriedenheit und das Gefühl der Selbstunwirksamkeit, des Ausgeliefertseins? SPRECHERIN Hierin liegt eine Crux. Denn: In gewisser Weise handelt man ja aktiv. Sucht und konstruiert Ausflüchte, Erklärungen. Dennoch bleibt da der Eindruck von: Ich muss noch mehr tun, mehr vorbeugen, weitere Vorkehrungen schaffen – falls es schlecht ausgehen sollte. SPRECHER Dabei gilt: Selbstschädigendes Verhalten kann durchaus auf einen Bereich im Leben beschränkt sein und zieht sich nicht durch wie ein roter Faden. Wer in Prüfungssituationen den eigenen Erfolg torpediert, macht das nicht unbedingt auch bei Rendezvous oder ersten Dates. Wer sich im Job immer auf Festanstellungen bewirbt, für die er nicht geeignet ist, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er viel lieber Freiheit lebt als Karriere zu machen – wie alle erwarten: Der weiß vielleicht beim Fußball sehr wohl, dass er linkes Mittelfeld spielen will und sonst nichts. MUSIK ENDE SPRECHERIN Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. SPRECHER Nach dem Motto: Schöner Scheitern. In der Sicht von außen auf mich, aber auch in der Innenperspektive. MUSIK SPRECHERIN Die Innenperspektive austricksen und zugleich nach außen positiv wirken – nicht wenige versuchen das über die Taktik: Sich nie festlegen. Spannende Zukunftspläne oder Beziehungsabsichten werden durchaus angedeutet. Doch konsequent bleibt man im Ungefähren. Anderen gegenüber und sich selbst. 13 ZU Goldmann 5.52 Wenn ich den Schluss fest fasse, dann kann ich auch scheitern. Wenn ich ihn nicht fasse, dann kann ich ja immer sozusagen mich drum herummogeln ein Scheitern einzugestehen. MUSIK ENDE SPRECHERIN Ein Scheitern weniger schmerzhaft machen. Den Gesichtsverlust weniger groß. Das sind oft genannte Gründe für Selbstbehinderung. Ein ebenfalls bekannter Faktor, der jedoch weit schwerer dingfest zu machen ist: Ambivalente Motivation. MUSIK SPRECHER Das heißt: Man möchte mehrere Dinge gleichzeitig erreichen, die sich aber gegenseitig ausschließen. Oder man meint, jenes eine zu wollen, weil man es seit jeher wollte. Oder weil einen andere an der Stelle, in der Rolle etc. sehen. Oder weil jede Logik diesen nächsten Schritt - nun ja - logisch macht. SPRECHERIN Innendrin würde eine leise Stimme etwas anderes sagen. Doch die umher sind lauter, überzeugender. SPRECHER Logischer. ZITATORIN Jetzt hat er so lange studiert! ZITATOR Im Freundeskreis sind inzwischen alle verheiratet. Man muss auch erwachsen werden! ZITATORIN Nach all den Jahren in der Firma gehört sie doch mal ins Management! MUSIK ENDE 14 ZU Goldmann 7.03 Führungsposition. Naja, das bringt Verschiedenes mit sich. Ich muss mehr arbeiten. Ich werde mehr Verantwortung haben. Ich werde auch nicht umhinkommen, unangenehme Gespräche zu führen, Leute vielleicht mal einzugrenzen, schlimmstenfalls vielleicht mal sogar disziplinarische Maßnahmen oder Ähnliches auszusprechen. Und es gibt Leute, die einfach Scheu davor haben. Und wenn das nicht bis ins Detail bewusst durchdacht ist, dann können das gegenteilige Motivationen sein, die so ein angebliches Ziel immer wieder ausbremsen, sodass die Ambivalenz, die unter der Oberfläche da ist, eigentlich von der Verwirklichung eines Zieles dann uns immer wieder abbringen kann. SPRECHER Eigene Ambivalenzen zu erkennen und zuzugeben – das kann ein schwieriger Prozess sein, weiß Psychotherapeut Ulrich Goldmann. Zunächst hilft eine persönliche Kosten-Nutzen-Aufstellung: Was gefällt mir an diesem Job, diesem Lebensziel, an dieser Beziehung? Was nicht? Was traue ich mir im Bezug darauf zu? Was weniger? SPRECHERIN Dafür muss man reichlich ehrlich mit sich sein. SPRECHER Und: Überhaupt bemerkt haben, dass man in so einer Ambivalenz feststeckt. MUSIK SPRECHERIN Rita stellt irgendwann fest: Die Angst davor, nicht perfekt zu sein oder nicht als perfekt wahrgenommen zu werden, reibt sie auf. Es tut ihr nicht gut, sich mit Arbeit zu überhäufen, ständig Zusatzprojekte anzunehmen, nur um zum Chef sagen zu können: „Es war drumherum noch derart viel anderes– 1000-prozentig ist es jetzt nicht geworden, aber unter den Umständen…“ SPRECHER Jedoch: Ihr fehlt die eigene Mitte, aus der sie für sich Selbstwert schöpfen könnte. Den sucht sie in der Bestätigung von außen. 15 ZU Schwinger (4.44) Natürlich sind Personen, die etwas unsicherer sind, etwas neurotischer sind, etwas geringeren Selbstwert haben gefährdeter, sich auch in ihrem Selbstwert bedroht zu fühlen. SPRECHER Bestätigt der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. 16 ZU Schwinger (4.44) Und da reichen schon Kleinigkeiten in der Umwelt, die dann so ein Verhalten auslösen. SPRECHERIN Rita erkennt: Sie ist oft so damit beschäftigt, vorzubeugen und abzupuffern, dass jemand sie oder sie selbst sich nicht als „perfekt“ empfinden könnte, dass sie gar nicht weiß, was dieses „perfekt“ im Grunde meint und wohin es führen soll. Für sie ganz persönlich. 17 ZU Rita (9.36) Was will ich? Mensch, alle wissen, was sie wollen. Aber wie finde ich denn raus, was ich will? Was sind meine Wünsche, meine Bedürfnisse, meine Ziele. Da habe ich gedacht, okay, wie möchte ich sein? SPRECHER Rita hilft es, regelmäßig Tagebuch zu schreiben. Was hat heute gut geklappt, was fühlte sich komisch an? Im Coaching nimmt sie sich wöchentlich neue Aufgaben vor: Ich traue mich „Nein“ zu sagen zu Zusatzaufgaben, konzentriere mich auf meine Arbeit. In diesem Rahmen werden für sie auch Fehler besprechbar. SPRECHERIN Und siehe da: Manches, was sie als Fehler fürchtet oder als „nicht perfekt“ wertet, beurteilen andere weit weniger drastisch. Das Coaching macht Perspektiven auf. SPRECHER Aber Achtung: Das klingt nach simpler Lösung für ein auf den ersten Blick vielleicht eh eher merkwürdig daherkommendes Selbstsabotage-Programm. So einfach ist es nicht. SPRECHERIN Meist steckt da ein zäher und auch schmerzhafter Kampf dahinter. Ein dauernd wieder neues Austarieren des eigenen Selbstwerts. Den man – und das ist die Herausforderung – nicht aus sich selbst schöpft. SPRECHER Sondern abhängig ist davon: Was schreiben andere mir zu? 18 ZU Schwinger (6.21) Personen mit geringem Selbstwert, geringem Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, wählen dann meistens auch Aufgaben, die entweder sehr einfach sind, wo sie nicht scheitern können, oder Aufgaben, die viel zu schwer sind. Dann haben sie wieder einen Grund, warum sie gescheitert sind. Und diese Aufgaben, die eigentlich uns im Leben weiterbringen, die immer so einen Ticken schwerer sind, als dass wir glauben, das schaffen zu können, die uns dann eben zu unseren besten Leistungen anspornen, diese Aufgaben wählen solche Personen nicht. SPRECHERIN Eine Entwicklung findet nicht statt. SPRECHER Man bleibt in der Selbstbehinderungsspirale stecken. Ein weiterer typischer Mechanismus dabei: Chronische Aufschieberitis. Stets alles auf den letzten Drücker. Was immer unter solchen Umständen noch geschafft wird, muss als Erfolg verbucht werden, weil: Zumindest besser als nichts. SPRECHERIN Der Fachbegriff für dieses ständige Hinausschieben ist Prokrastination. Und so Kavaliersdelikt-ig, wie es sich eben anhörte, ist das nicht unbedingt. Tatsächlich lassen solche Verhaltensweisen, sobald sie chronisch werden, Leben durchaus aus dem Ruder laufen. Das gilt für jegliche Art der Selbstbehinderung – wer sich über lange Zeit jeden Erfolg selbst verbaut, läuft etwa Gefahr in eine Depression zu geraten. 19 ZU Goldmann (13:23) Natürlich kommen zu uns auch Leute, die schon länger Probleme mit der Zielverwirklichung haben. Und wenn mir das über Jahre nicht gelingt und da gibt es auch ein bisschen Forschung dazu, dann kann auch so etwas wie eine depressive Entwicklung stattfinden, weil es ist ja schließlich wirklich auch eine ganz wichtige Variable: Selbstwirksamkeit nennen wir die, dass wir etwas vorhaben, das versuchen zu gestalten. Und wenn das gelingt, dann ist es für unsere Psyche gut. Und wenn das permanent misslingt, dann ist es für unsere Psyche riskant. Und das wäre ein Faktor, der zur Entstehung von Depressionen beiträgt. MUSIK SPRECHERIN Deshalb rät der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann dazu, vorsichtig zu sein, mit schnellen Urteilen und Ratschlägen mal eben aus der Hüfte: ZITATOR Sei Dir nicht im Weg! ZITATORIN Trau Dich einfach! ZITATOR Fang halt früher mit dem Lernen an! MUSIK ENDE SPRECHERIN Gewohnte und für sich wenigstens phasenweise als hilfreich empfundene Strategien wirft niemand so schnell über Bord. SPRECHER Vor allem dann nicht, wenn sie darauf abzielen, den Selbstwert positiv aufzuladen. 20 ZU Goldmann (19:11) Manche sind auch so cool, dass sie mit ganz wenig Lernen nicht nur Vierer abstauben, sondern bessere Noten. Das habe ich mehrmals in der Praxis gehabt, dass dies in der Schule gut ging. Dann geht jemand in das Studium. Aber es geht im Studium überhaupt nicht mehr rundum, weil die Anforderungen wesentlich höher sind, wenn man sich für eine Prüfungsphase mit fünf Prüfungen am Ende des Semesters wirklich strukturiert vorbereiten muss und planen muss. Das geht dann nicht mehr mit aus dem Ärmel schütteln. Und dann wird es manchmal wirklich ziemlich eng. SPRECHERIN Und frustrierend. Denn: Ausrede ist in dem neuen Umfeld nicht mehr. Ab da fordert das Leben ernsthafte Entscheidungen. SPRECHER Wobei das nicht bedeuten muss: Ab jetzt nur noch Selbstgeißelung, Selbstabrechnung, gnadenlose Analyse des eigenen Ichs. Der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger ist überzeugt: In Maßen betrieben darf man durchaus auch mal das Wetter, den Professor mit seinen unverständlichen Fragen, die Welt oder das Universum an sich dafür verantwortlich machen, dass es die Klausur verhagelt hat. In der Psychologie spricht man von Self Serving Bias, auf Deutsch: Selbstwertdienliche Verzerrung. 21 ZU Schwinger 07:29 Das kann man tun, dass man eben versucht, nicht überall selber sich verantwortlich für zu fühlen. Und eben wenn es nicht gut gelaufen ist, auch gerne mal anderen die Schuld zu geben. Das ist total in Ordnung. Man darf es halt nicht übertreiben und sollte ein bisschen realistisch bleiben. Aber ansonsten ist darin erst einmal nichts Schlimmes. SPRECHERIN Trotzdem: Rita hat für sich beschlossen, um rauszukommen aus der jahrelangen Selbstbehinderung, bleibt sie doppelt wachsam. Augen auf – bei sich und bei anderen. 22 ZU Rita (3.13) Seitdem ich das bei mir entdeckt habe, sehe ich einige, die das haben. Und manchmal geht dann der Schuss nach hinten los, weil es too much ist. Und (4.40) es kommt irgendwann der Moment, da merkt man, das tut einem nicht gut und man merkt, dass man seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht verfolgen kann. MUSIK SPRECHER Genau darum sollte es aber gehen: Eigene Wünsche erkennen. SPRECHERIN Sich ausprobieren, ohne die Sicherheitsausrede schon parat zu haben, um was immer passiert anderen und sich selbst ein positives Bild zu garantieren. SPRECHER Statt sich im Weg zu stehen, sich selbst zu behindert, auch mal aktiv den Kurs ändern, wenn der Pfad sich nicht mehr richtig anfühlt – SPRECHERIN Unterm Strich gilt schließlich: Nur wenn man alte Träume loslässt – SPRECHER Können neue wachsen.
- Philosophie der Schönheit - Was den Menschen "schön" macht
25.02.2025 · 23 Min.
Es sind nicht nur äußere Körpermerkmale, die Menschen schön machen, sondern auch Charakter und Sensibilität. Doch wie hängen Äußeres und Inneres zusammen? Und was macht schöne Menschen so anziehend? Zeigen sie eine 'schöne Seele‘? Die Antwort fällt in verschiedenen Kulturen und Zeiten unterschiedlich aus. Von Beate Meierfrankenfeld (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Beate Meierfrankenfeld Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Bürkle, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer Technik: Peter Preuß Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Lisa Katharin Schmalzried (PD Dr.; Universität Halle-Wittenberg / Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik); Lia Darjes (Fotografin, Berlin) Literaturtipps: Lia Darjes, „Tempora Morte. A Documentary Still-Life Study of Kaliningrad’s Informal Street Markets”, Hartmann Books 2019. Friedrich Nietzsche, „Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre“, Werke in sechs Bänden, herausgegeben von Karl Schlechta, Carl Hanser Verlag 1980. Friedrich Schiller, „Über Anmut und Würde“, in: „Über das Schöne und die Kunst. Schriften zur Ästhetik“, dtv/Carl Hanser Verlag 1975/1984, S. 44-93. Lisa Katharin Schmalzried, „Menschliche Schönheit“, mentis Verlag (Herbst 2021). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'40 ERZÄHLERIN: Tiefschwarzer Hintergrund, davor – den Blick fest auf den Betrachter gerichtet – eine Frau. Nicht mehr jung, in braungrüner Winterjacke wohl auf einem Hocker sitzend. Ein pinkfarbenes Tuch, im Nacken zusammengebunden, auf dem Kopf, eine Tasche im Schoß, auf der ihre Hände liegen. Hände, die Arbeit gewohnt sind. ERZÄHLER: „Bildnis einer Marktverkäuferin“, Fotografie von Lia Darjes. ERZÄHLERIN: Ein klares, kraftvolles, intensives, ein schönes Bild. Von einem Menschen, den man beim ersten Hinsehen – und nach den gewohnten Maßstäben – vielleicht nicht unbedingt ‚schön‘ nennen würde. ERZÄHLER: Das Porträt gehört zur Serie „Tempora Morte“, die Lia Darjes, Fotografin aus Berlin, zwischen 2014 und 2016 in Kaliningrad aufgenommen hat. Am Straßenrand entdeckte sie dort während einer Künstlerresidenz kleine improvisierte Marktstände, an denen Obst, Gemüse und Blumen aus privaten Gärten verkauft wurde. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit und mehrere Reisen, bis Darjes die Tische fotografieren durfte – und irgendwann auch die Menschen dahinter. O-TON 1, LIA DARJES, Projekt Kaliningrad: Das Misstrauen war da, dass ich das arme, verwahrloste Russland zeigen möchte, sozusagen diesen ganz westlichen, wohlhabenden Blick darauf werfen will, was Voyeuristisches. Und dann wurde es mit jeder Reise – also ich war insgesamt viermal dort in dem einen Jahr – wurde es mit jeder Reise leichter, weil ich immer Fotos mitgebracht habe und schon zeigen konnte: So möchte ich das fotografieren. Und mit jeder Reise wurde das leichter, dass sie verstanden haben, dass es eigentlich eher so eine Art kleine Huldigung ist. ERZÄHLER: Lia Darjes fotografierte die improvisierten Warentische wie barocke Stillleben: sattrote Früchte, helle Blüten, Fische auf Papier. Und die Verkäuferinnen und Verkäufer als herausgehobene Individuen in dunklem Umraum. Das erinnert an Porträts der Kunstgeschichte etwa in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. ERZÄHLERIN: An Bildformate also, die das, was sie zeigen, „schön“ zeigen. Aber was ist das eigentlich, Schönheit? Und zeichnet die Schönheit des Menschen etwas Anderes aus als die von Dingen? MUSIK 2 "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 0'32 ERZÄHLER: Schönheit liege, sagt ein Sprichwort, im Auge des Betrachters. Was erst einmal bedeuten kann, dass jeder nun einmal anderes schön finde. Richtig daran ist: Schönheit ist eine subjektive Erfahrung. Und das, obwohl Studien zeigen, dass bestimmte Merkmale für Schönheit im Sinne körperlicher Attraktivität immer wieder genannt werden – von unterschiedlichen Personen und sogar in unterschiedlichen Kulturen. O-TON 2, LISA SCHMALZRIED, körperliche Merkmale: Symmetrie scheint eine Rolle zu spielen, eine reine Haut scheint eine Rolle zu spielen, gewisse Körperproportionen sind entscheidend. ERZÄHLER: Erklärt die Philosophin Lisa Schmalzried vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik, die zur menschlichen Schönheit forscht. Bei Frauen gilt außerdem ein Gesicht nach dem Kindchenschema mit großen Augen durchschnittlich als schön, ebenso wie ein Taille-Hüft-Quotient von 0,7. ERZÄHLERIN: Doch auch wenn sich das so beziffern lässt – ein einfaches Rechenspiel mit Maßen und Proportionen ist Schönheit nicht. O-TON 3, LISA SCHMALZRIED, Schönheitskriterien: Was es nicht gibt, ist so ein Kriterienkatalog, den wir abarbeiten können. Also starre Schönheitsideale, Schönheitsregeln, wo ich sage, ich nehme jetzt irgendwie diese Maske, lege sie auf mein Gesicht und sehe meine Nase ist so und so viel Millimeter zu lang. Ich lasse sie korrigieren, dann bin ich schön. So funktioniert es nicht. Das heißt, es gibt gewisse Faktoren, also physische, körperliche Faktoren, die wir verändern können. Aber das gibt uns keine Garantie, dass wir tatsächlich schön werden. ERZÄHLERIN: Zu sagen, Schönheit sei nichts „Objektives“, bedeutet auch: Sie ist keine rein „objektiv“ gegebene Eigenschaft von etwas, so wie zum Beispiel Wasser eben die Eigenschaft hat, flüssig zu sein, oder ein Koffer fünfeinhalb Kilo wiegen kann. „Schön“ ist eher eine Beziehungsvokabel als ein einfaches Eigenschaftswort, und wer einen anderen Menschen „schön“ nennt, sagt damit ebenso viel über sich selbst. ERZÄHLER: Auch die Fotografin Lia Darjes antwortet auf die Frage, ob es ihr in der Arbeit mit Menschen um Schönheit gehe, sehr persönlich: O-TON 4, LIA DARJES, Gesichter, die etwas erzählen: Ich fühle mich hingezogen zu manchen Gesichtern oder zu manchen Gestalten. So ist es vielleicht eher, ein Impuls von: Den oder diejenige möchte ich gerne fotografieren, weil mich das fasziniert. Und ich glaube, es geht dann viel auch darum, dass man das Gefühl hat, Gesichter sprechen mich irgendwie an. Ich glaube, das klassische Schönheitsideal empfinde ich dann häufig vielleicht auch eher als langweilig. ERZÄHLER: Auch deshalb, weil dieses Ideal nicht selten simpel an Alter geknüpft wird – oder besser gesagt an Jugend. O-TON 5, LIA DARJES, Jugend und Alter: Und ich glaube, das ist für mich, wenn ich jetzt fotografiere, keine Kategorie. Also es ist für mich vollkommen unrelevant, ob jemand alt oder jung ist. Es geht da, glaube ich, eher darum, dass Gesichter irgendwie Geschichten erzählen. ERZÄHLER: Und vielleicht können das ältere Gesichter sogar besser als junge, blanke, glatte. ERZÄHLERIN: Jedenfalls aber ist die Suche nach menschlicher Schönheit eine komplexe Sehnsucht: im Sichtbaren, Sinnlichen dem auf die Spur zu kommen, was gerade nicht an der Oberfläche liegt – und ganz sicher nicht einfach zu vermessen ist. MUSIK 3: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'24 ZITATOR: „Die Schönheit ist […] als die Bürgerin zweier Welten anzusehen“ … ERZÄHLER: … schrieb Friedrich Schiller 1793 in seinem Aufsatz „Über Anmut und Würde“. ZITATOR: „Ein glückliches Verhältnis der Glieder, fließende Umrisse, ein lieblicher Teint, eine zarte Haut, ein feiner und freier Wuchs, eine wohlklingende Stimme usf. sind Vorzüge, die man bloß der Natur und dem Glück zu verdanken hat.“ ERZÄHLER: Die „Schönheit des Baus“ oder die „architektonische Schönheit des Menschen“ nennt Schiller das. Doch der Mensch ist eben nicht nur ein Naturwesen, sondern zugleich eine Person: ZITATOR: „Die Art seines Erscheinens ist abhängig von der Art seines Empfindens und Wollens, also von Zuständen, die er selbst in seiner Freiheit und nicht die Natur nach ihrer Notwendigkeit bestimmt.“ ERZÄHLERIN: Was in der „Erscheinung“ des Menschen schön ist, soll also nicht nur der Körper sein, sondern auch die „schöne Seele“. Wer sie besitzt, ist auf eine freie, selbstverständliche, mühelose Weise er selbst – und strahlt genau das auch körperlich aus. ERZÄHLER: Die „schöne Seele“ ist ein Motiv, das im 18. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte, kulturgeschichtlich jedoch bis in die Antike zurückreicht, so die Philosophin Lisa Schmalzried: O-TON 6, LISA SCHMALZRIED, schöne Seele Antike: Bei Platon, in den platonischen Dialogen ist es so: Die schöne Seele steht über der physischen Schönheit. Platon hat so eine Stufenleiter des Schönen, und es beginnt eben mit der Schönheit einzelner Körper und steigt dann auf bis zur schönen Seele, die sehr nahe bei ihm an der Idee des Schönen ist. Und was wir eben in der Antike verwurzelt sehen, ist der Gedanke, dass wir den Charakter einer Person, die geistigen Fähigkeiten einer Person als schön bezeichnen können. ERZÄHLERIN: Dabei wird diese Schönheit, was von heute aus betrachtet nicht unbedingt naheliegend erscheint, eng mit Tugendhaftigkeit verbunden: O-TON 7, LISA SCHMALZRIED, das Schöne und das Gute Antike: Obwohl es in der Antike die Unterscheidung zwischen dem Schönen und dem Guten gibt, verschwimmt diese Unterscheidung eben in Bezug auf die schöne Seele: Die gute, die tugendhafte Seele wird, grob gesprochen, zugleich auch zur schönen Seele. ERZÄHLER: Im 18. Jahrhundert dann ist die schöne Seele bei Jean-Jacques Rousseau die natürlich empfindende Seele, die sich nicht verstellt, von Konvention und Gesellschaft aber immer wieder zur Verstellung genötigt wird. Immanuel Kant beschreibt Schönheit als „Ausdruck des Sittlichen“, Goethe widmet ein ganzes Kapitel im „Wilhelm Meister“ unter dem Titel „Bekenntnisse einer schönen Seele“ der Selbst-Suche eine Frau zwischen Liebe, Intellekt und Spiritualität. ERZÄHLERIN: Auch in all diesen Beschreibungen schwingt etwas Moralisches mit: Die schöne Seele als empfindsam, feinfühlig, in sich ruhend. Nicht abhängig vom Blick der Leute oder den Launen der Mode. ERZÄHLER: „Wahre Schönheit kommt von innen“, noch so ein geflügeltes Wort. Aber ist das nicht eigentlich eine Umdefinition der Schönheit? Ein schaler Trost gegenüber den Ungerechtigkeiten, die die Lotterie der Gene dem Körper auferlegt? So jedenfalls sah es Friedrich Nietzsche, der in einer bösen Kritik über die Theoretiker der „schönen Seele“ festhielt: ZITATOR: „Sie verachteten den Leib: sie ließen ihn außer Rechnung: mehr noch, sie behandelten ihn wie einen Feind. Ihr Wahnwitz war, zu glauben, man könne eine ‚schöne Seele‘ in einer Mißgeburt von Kadaver herumtragen […], bis endlich ein bleiches, krankhaftes, idiotisch-schwärmerisches Wesen als Vollkommenheit, […] als höherer Mensch empfunden wurde.“ ERZÄHLERIN: Auf diesen Einwand ist zu antworten: Wenn man von „innerer Schönheit“ spricht, heißt das noch nicht, dass es auf das Äußere gar nicht ankäme. Sondern nur, dass das Äußere, unmittelbar Sichtbare eben nicht alles ist. Für Lisa Schmalzried macht gerade das menschliche Schönheit aus: O-TON 8, LISA SCHMALZRIED, das Expressive: Schönheit als ästhetische Eigenschaft hängt am Erscheinungsbild einer Person. Aber der zentrale Punkt ist zu sagen, dass das menschliche Erscheinungsbild nicht mit dem rein physischen Erscheinungsbild zusammenfällt, sondern wie eine andere Person uns auch rein sinnlich erscheint, hängt eben auch von expressiven Aspekten ab. Wir glauben in der Gestik, in der Mimik, teilweise vielleicht auch in den Mikro-Expressions, Hinweise auf den Charakter einer Person zu finden. Ich glaube, das können wir auch gar nicht ausblenden. Sobald wir eine Person als Person, als Menschen sehen, sind wir uns immer klar: Das Physische und das Expressive ist miteinander verschränkt, und dadurch spielt mehr in menschliche Schönheit rein als nur Körperlichkeit. ERZÄHLERIN: Das wäre dann auch ein Unterschied zwischen menschlicher Schönheit und der Schönheit von Dingen, für die diese Dopplung so nicht gilt. Oder allenfalls vermittelt: Wenn wir es etwa mit einem Kunstwerk zu tun haben, dann suchen wir darin vielleicht wieder nach dem Ausdruck menschlicher Erfahrung. ERZÄHLER: Schönheit als Individualität – das betont auch das Spiel mit kleinen Abweichungen von der Makellosigkeit: Schon im Rokoko klebte man sich künstliche Muttermale auf, die den Teint nur umso verführerischer strahlen lassen sollten. Und heute lächeln Models und Schauspielerinnen mit reizvollen Zahnlücken in die Kameras oder verzichten darauf, ihre zusammengewachsenen Augenbrauen zu korrigieren. Schönheit nicht als Perfektion, sondern als Persönlichkeit. MUSIK 4: "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'47 ERZÄHLERIN: Ein schwules Paar auf einem eleganten Bett vor einer fliederfarbenen Wand. Der eine Mann trägt Hemd und Hose, der andere einen orientalischen Seidenanzug, beide blicken selbstbewusst in die Kamera. Zwei Katzen sind mit im Bild: eine schwarze, aufrecht im Vordergrund auf dem Laken sitzend, dem Paar zugewandt, eine graue rechts an das Bein des einen Mannes geschmiegt. ERZÄHLER: „El-Farouk und sein Ehemann Troy, Toronto“, Fotografie von Lia Darjes. ERZÄHLERIN: Ein stilisiertes, ästhetisch fein abgestimmtes Bild aus der Serie „Being Queer. Feeling Muslim“. Lia Darjes fotografierte queere Musliminnen und Muslime weltweit, in ganz unterschiedlichen Posen und Kompositionen, zu Hause, in der Moschee, in Nahaufnahmen der Figur oder zusammen mit sprechenden Attributen. ERZÄHLER: Die alte Idee, im Körper drücke sich die Seele aus, ist in der Fotografie noch immer lebendig. Denn Fotos zeigen das Äußere – und wollen mehr als das Äußere zeigen. Wie nähert sich Lia Darjes der Aufgabe, Menschen ins Bild zu setzen, ihnen Raum zu geben für ihre Geschichte und Persönlichkeit? O-Ton 9, LIA DARJES, queere Muslime: Von Projekt zu Projekt gehe ich da unterschiedlich vor. Bei den queeren Muslimen war das eine ziemliche Herausforderung für mich, weil es da eigentlich nicht so eine visuelle Komponente gab, die sich durchzog, sondern weil es eher von der Diversität gelebt hat. Und dann musste ich mir überlegen: Okay, wie gehe ich damit um? Und hab mich dann eben auch für eine ganz diverse Bildsprache entschieden, wo ich wirklich an jedem Ort neu geguckt habe: Wie baue ich ein Bild auf? Das sind tatsächlich sehr konstruierte Porträts. Aber auch dort fühle ich mich der Dokumentarfotografie verhaftet in dem Sinne: Ich schlepp jetzt niemanden in einen Raum, wo er gar nicht hingehört oder ich gehe nicht mit jemanden in ein Studio, sondern ich gucke dann einfach, was vor Ort ist, und dann ist das eigentlich auch so ein Miteinander. ERZÄHLER: Einen Menschen zu zeigen, heißt immer, ihn zu inszenieren. Und Mittel und Möglichkeiten der Inszenierung haben längst nicht mehr nur Fotografinnen. Mit den neuen digitalen Medien führt jeder und jede Regie in einer alltäglichen Bilderpolitik der eigenen Person – und das vor den Augen der ganzen Welt. ERZÄHLERIN: Damit verändert sich auch unser Blick auf menschliche Schönheit. Philosophin Lisa Schmalzried: O-TON 10, LISA SCHMALZRIED, Bilder: Schönheit ist ein gesellschaftlich riesengroßes Thema. Das sieht man daran, dass schöne Menschen medial überrepräsentiert sind, das sehen wir an den sozialen Netzwerken. Gekoppelt daran die ganzen Filter, die uns dort zur Verfügung stehen, um uns selbst zu inszenieren und auch unser eigenes Aussehen zu verändern. MUSIK 5: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'02 ERZÄHLER: Farbfilter, Photoshop, digitale Übermalung und Retusche als Korrekturen der Wirklichkeit: Das muss man nicht kritisieren, weil es „unechte“ Bilder erzeugt – denn „echte“ Bilder gibt es vermutlich gar nicht. Und selbst wenn es sie gäbe: Warum sollten wir uns nicht so zeigen, wie wir gesehen werden möchten, wenn Schönheit doch mit Persönlichkeit und Selbstentwurf zu tun haben soll? ERZÄHLERIN: Das Problem ist weniger die Inszenierung selbst als die Art, wie sie in der inflationären Bildermasse des Digitalen funktioniert. Dass sie nämlich zu Standardisierung und Einheitlichkeit tendiert: zu Jugend, Glätte, dem offensiven Flirt mit der Kamera. Bildformate wie Selfies oder Menschen in Landschaften ähneln sich bis in die Details, Gesichtsausdrücke, Körperhaltungen, Gestik und Mimik werden wiederholt und nachgeahmt. O-TON 11, LISA SCHMALZRIED, Medien und Bilder: Durch diese Standardisierung, durch die Filter, durch die Art, wie man sich aufnimmt da wird der expressive Aspekt weggenommen, also die Individualität, die mit reinkommt, die wird zurückgenommen. Teilweise wirkt hier die Schönheit wenig menschlich und mehr maskenhaft. ERZÄHLER: Und Maskenhaftigkeit kann schon in sehr einfachen und sehr gängigen Bildkonventionen liegen, sagt Lia Darjes: O-TON 12, LIA DARJES, Lächeln: In der Popkultur oder auch einfach im Mainstream werden ja eigentlich nur noch lächelnde und freundliche Bilder akzeptiert. Und das ist etwas, was für mich als Fotografin – und ich weiß auch für ganz viele meiner Kolleginnen – keine Option ist. Dass nämlich irgendwie das Lächeln auch häufig so einen Zugang zu den Personen wie versperrt, also in der Fotografie natürlich, nicht in der Realität. Was für mich das ist, was Porträtfotografie ausmacht, dass man den Zugang zu Personen bekommt, die man nicht kennt, mit denen man nicht gemeinsam an einem Tisch sitzt. Und wenn Menschen lächeln, ist das irgendwie wie unterbrochen. ERZÄHLERIN: Eine interessante Beobachtung darüber, wie Bilder Individualität und Ausdruck einzufangen versuchen, das also, worauf es ankommt: Sie wollen keinen flüchtigen Moment erfassen, sondern – zugegeben, ein großes Wort – das Wesen eines Menschen. ERZÄHLER: Und die eigentlich unmögliche Kunst der Fotografie besteht darin, etwas von diesem Wesen genau in einem Moment einzufangen. Dazu muss Schönheit nichts Gefälliges oder Verbindliches haben. Sie muss nicht lächeln, sie kann kühl, vielleicht sogar verschlossen sein – und dennoch etwas preisgeben. ERZÄHLERIN: Diese Magie des Augenblicks hat auch eine dunkle Seite: Menschliche Schönheit ist vergänglich. Ihre Wahrnehmung durchzieht immer ein melancholisches „Noch“, das nicht weniger ist als eine Erinnerung an die Sterblichkeit – gegen die dann wieder die Intensität der Schönheit gefeiert werden will. MUSIK 6: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'01 ERZÄHLER: Wir inszenieren uns nicht nur auf Bildern, sondern auch im Leben. In den Dingen, mit denen wir uns umgeben, in Kleidung und Habitus, Sprache und Gestik. Und auch hier lässt sich die Natur korrigieren: Das Pendant zu Photoshop wäre dann das Skalpell der Schönheitschirurgie. ERZÄHLERIN: Dabei ist, wie für die Bilder auch, das Natürliche selbst oder das „Echte“ noch kein gutes Argument gegen jeden Eingriff. Ein paar Falten zu glätten, abstehende Ohren anzulegen oder Lider zu straffen – wer das prinzipiell verwerflich findet, der müsste eigentlich auch gegen Schminke und Make-Up sein. ERZÄHLER: Wie Friedrich Schiller, wenn er von der „Toiletten-Schönheit“ spricht … ZITATOR: … „die am Putztisch aus Karmin aus Karmin und Bleiweiß, falschen Locken […] und Walfischrippen hervorgeht“. ERZÄHLER: Eine Bemerkung allerdings aus der Zeit einer sehr „künstlichen“ Mode, die den Körper mit Korsetts und schwere Perücken traktierte. Vielleicht stellte Schiller auch deshalb für seine ein wenig schwärmerische Idee von Anmut fest, sie dürfe nie kalkuliert oder auch nur bewusst aussehen, um nicht zur „nachgeahmten“ oder „gelernten“ Anmut zu werden ... ZITATOR: … „die ich die theatralische und die Tanzmeistergrazie nennen möchte.“ ERZÄHLER: Man kann der Schönheit vielleicht nachhelfen, heißt das, sie aber nie erzwingen. „Jag sie, sie hört auf – Jag sie nicht, und sie verweilt“, schrieb die US-amerikanische Dichterin Emily Dickinson im 19. Jahrhundert in knappen Versen. ERZÄHLERIN: Und Dickinson hielt auch fest, es sei die Definition der Schönheit, sie nicht zu definieren. Musik 7: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'44 ERZÄHLER: Was es also ist, was den Menschen schön macht, lässt sich so leicht nicht sagen. Schönheit entzieht sich – und zieht unwiderstehlich an. Anders als Kunstwerke betrachtet man schöne Menschen seltener mit „interesselosem Wohlgefallen“. Sie sind attraktiv und begehrenswert, vielleicht sogar dann, wenn ihnen niemals nahezukommen ist: Idole und Stars werden auch für ihre ferne Schönheit verehrt. ERZÄHLERIN: Tatsächlich ist die Schönheit, so hat sich gezeigt, in sehr unterschiedlichen Hinsichten „Bürgerin zweier Welten“, wie Schiller es formuliert hat: Schönheit entfaltet sich zwischen Subjekt und Objekt, einem Blick und einer angesehenen Person. Sie gehört zum Körper, ist aber auch der sinnliche Ausdruck von etwas Nicht-Körperlichem, das man Charakter, Inneres oder Seele nennen kann. Sie folgt einem allgemeinen Ideal, findet aber erst in der unverwechselbaren Individualität zu sich selbst. Sie ist sichtbar – und bleibt ein großes Geheimnis. ERZÄHLER: Und sie ist verletzlich, die Schönheit des Menschen, so wie der Mensch verletzlich ist. MUSIK 8: "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'32 ERZÄHLERIN: Ein kleiner, sehr hellhäutiger Junge, eine Frau mit dunklen Haaren, ein mittelalter Mann: alle in Frontalporträts des Gesichts bis zur nackten Schulterpartie aufgenommen. ERZÄHLER: Fotoserie „Eo ipso“ von Lia Darjes, eine frühe Arbeit aus dem Studium. O-TON 13, LIA DARJES, Eo ipso: Meine Idee damals war, dass ich den Hintergrund der Hautfarbe anpasse. Und das ist dann tatsächlich in zwei Porträt-Sitzungen entstanden, nämlich immer in der ersten, wo ich mit Acrylfarbe den Hautton angemischt habe der Person, und im zweiten das Porträt gemacht habe und dadurch eigentlich so ein bisschen versucht habe, die Begrenzung der Person aufzuheben, wenn man so will: dass man ein ganz neutrales Bild schafft, wo eigentlich nichts mehr Außermenschliches stattfindet. MUSIK 9 "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0' 45 ERZÄHLERIN: Fotografien, die die Personen buchstäblich aller Attribute ihres Alltagslebens entkleiden – und dennoch als erstaunliche Steigerung der Subjektivität wirken. Pures, nacktes Menschsein. Keine erotische Attraktivität, zugleich aber eine seltsame Anziehungskraft und Nähe. Diese Bilder halten das, was menschliche Schönheit ausmacht, in fragender Schwebe – als blickte man wirklich in Gesichter und in Seelen hinein. ERZÄHLER: Ein verheißungsvolles, ein unerfüllbares Versprechen.
- Jakob Wassermann - Der fast vergessene „Weltstar des Romans“
25.02.2025 · 23 Min.
Mit Romanen wie "Caspar Hauser" oder "Der Fall Mauritius" schuf Jakob Wassermann internationale Bestseller. Der deutsche Erzähler jüdischer Herkunft war einer der populärsten Autoren seiner Zeit. Doch dann verbrannten die Nazis seine Bücher. Von Dirk Kruse (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Dirk Kruse Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Annette Wunsch, Heiko Ruprecht, Florian Schwarz, Jenny Güzel Technik: Fabian Zweck Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Professor Dr. Gunnar Och (Literaturwissenschaftler, Nürnberg); Dr. Alexander Mayer (ehemaliger Stadtheimatpfleger, Fürth); Dr. Dierk Rodewald (Literaturwissenschaftler, Berlin) Literaturtipps: Beatrix Müller-Kampel, „Jakob Wassermann. Eine biographische Collage“ – Der Grundstein für die noch zu schreibende große literaturwissenschaftliche Wassermann-Biographie mit vielen Zitaten aus Wassermanns Umfeld. Dierk Niefanger, Gunnar Och und Daniela F. Eisenstein, „Jakob Wassermann. Deutscher, Jude, Literat“ – reich bebilderte Sammlung mit Aufsätzen und Essays zu Leben und Werk Wassermanns. Jakob Wassermann, „Mein Weg als Deutscher und Jude“ – die noch erhältliche Ausgabe im Jüdischen Verlag hat ein kluges Nachwort von Marcel Reich-Ranicki. Wassermann maßgebliches autobiographisches Werk. Jakob Wassermann, „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ – dieser schöne Roman, der auch historische Quellen auswertet, die aber im Wassermann-Erzählton präsentiert werden, ist noch im Cadolzburger Ars Vivendi Verlag erhältlich mit einem erhellenden Nachwort von Gunnar och lieferbar. Jakob Wassermann, „Der Fall Maurizius“ – Wassermanns größter Erfolg von 1928. Die Geschichte eines Justizirrtums, die sich spannend wie ein Krimi liest. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wild Wild Web - Geschichten aus dem Internet Wild Wild Web erzählt Geschichten aus dem Internet. Mal Wissenschaft, mal Tech, mal Investigativ-Recherche und mal Tier-Doku. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator Jakob Wassermann ist der Romancier von Geblüt. Hätte es vor ihm den Roman nicht gegeben, er wäre der Mann gewesen, ihn zu erfinden… Sprecherin Diese Eloge veröffentlichte Heinrich Mann anlässlich des 60. Geburtstags von Jakob Wassermann am 10. März 1933 in der „Neuen Rundschau“. Zitator … Für seinesgleichen setzt das Leben sich in Bewegung, um wunderbare Verwicklungen hervorzubringen. Der Roman behauptet bei ihm seinen volkstümlichen Sinn, Spannung, Geheimnis, Enthüllung, großer Aufbau, die Befriedigung durch deutliche Handlungen… Sprecherin Auch die Freunde und Kollegen Thomas Mann, Stefan Zweig, Hermann Hesse und Alfred Döblin gratulierten dort feierlich. Zitator … - und in dem allen schlägt fortwährend ein Herz, wacht immer ein menschlich bemühter Geist und offenbart sich ein herrlicher Dichter. Sprecherin Nur zwei Monate später wurden die Bücher Jakob Wassermanns, und die der meisten Glückwünschenden, von den Nationalsozialisten auf öffentlichen Scheiterhaufen verbrannt. Doch während viele der damals verfemten und verfolgten Autoren heute immer noch gelesen werden, ist das Werk Jakob Wassermanns trotz einiger Wiederbelebungsversuche kaum noch präsent. Dabei war Wassermann im ausgehenden Kaiserreich und in der Weimarer Republik einer der meistgelesenen, deutschsprachigen Erzähler. Ein internationaler Bestsellerautor, der unterhaltsam schrieb, ohne ein Unterhaltungsschriftsteller zu sein. Mit dem Schlachtruf "Der neue Wassermann ist eingetroffen!" stürzten die Leser damals in die Buchhandlungen und schnappten sich den neusten Roman des fränkischen Autors gegenseitig aus den Händen, versicherte ein Rezensent 1931. Sein Freund Thomas Mann bezeichnete ihn sogar als „Weltstar des Romans“. Wer war dieser Autor, der sich in die Herzen seiner Leserinnen und Leser schrieb, und der heute nur noch wenigen etwas sagt? MUSIK 2 ( Fiona Brice: And You Know I Care 0‘55) Sprecherin Jakob Wassermann wird am 10. März 1873 in Fürth geboren. Zitator Wassermann Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hammergestampfes, der Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und Lieblosigkeit im väterlichen Haus. (Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude) Sprecherin Wassermann wächst in kleinbürgerlichen, ärmlichen Verhältnissen auf. Sein kühler Vater, ein jüdischer Kurzwarenhändler, hat geschäftlich Pech, so dass die Familie innerhalb Fürths mehrfach die Wohnung wechseln muss. Am längsten lebt der kleine Jakob in der Theaterstraße 17, in der jetzt der ehemalige Fürther Stadtheimatpfleger Alexander Mayer wohnt. Heute ein schmuckes Gründerzeithaus mit renovierter Sandsteinfassade. Damals steht es inmitten rußgeschwärzter Häuser im Herzen der fränkischen Industrie- und Handwerksstadt, so Mayer. O-Ton 1 Alexander Mayer Er hat über Fürth ja meistens sehr negativ geredet. Fürth war die „Stadt der tausend Schlöte“, so wie er es beschrieben hat. In jedem Hinterhof war ein Schlot. Hier war ein Gehämmer und Gestampfe und die Häuser waren schwarz. Das war für ihn nichts als sensiblen Jungen, vor allem auch, weil hier in der Wohnung seine Mutter mit 32 Jahren an Mittelohreiterung tragisch starb. Und er beschreibt auch den Leichenzug rüber zum jüdischen Friedhof, wie also die Goldschläger und Messingschläger vor die Tür treten und den Leichenzug begleitet haben mit Tränen in den Augen. Das beschreibt er in seinem Roman „Engelbert Rathgeber“ und in seiner ersten Novelle „Schläfst du Mutter?“. Sprecherin Der Tod der geliebten Mutter bedeutet für den Neunjährigen das Ende der behüteten Kindheit. Der Vater heiratet schnell wieder, doch Jakobs Stiefmutter benimmt sich ähnlich böse wie die im Märchen. Zitator Wassermann Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah die Brotlaibe mit Zeichen, so dass sie erkennen konnte, wenn einer von uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, dass das Vergehen schwer bestraft wurde. (Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude) Sprecherin Der phantasiebegabte Junge erzählt und schreibt gerne Geschichten. Doch statt ihn zu fördern, wird sein Talent mit Gewalt unterdrückt. O-Ton 2 Alexander Mayer Er ging ja um die Ecke in die Schule, in die Königliche Realschule, später Hardenberg-Gymnasium. Da hat er ja sein erstes literarisches Werk in einer Zeitung veröffentlicht. Dafür hat er aber gleich Karzer bekommen, weil das für einen Schüler ungehörig war. Und auch der Vater war, wie Wassermann schreibt, im ersten Moment stolz auf ihn und dann zuckt er und sagt das ist ungehörig. Und ab da gab es nur Ärger. Und er hat immer Angst gehabt, dass eine Stiefmutter ihm seine Manuskripte verbrennt. Angeblich hat er deshalb so klein geschrieben, damit er sie gut verstecken kann überall. MUSIK 3 (Fie Schouten: Press Release 0‘50) Sprecherin Mit 17 Jahren entflieht Jakob Wassermann seiner Heimatstadt Fürth, bricht eine Kaufmannslehre in Wien ab und träumt davon Schriftsteller zu werden. Er erlebt üblen Antisemitismus beim Militärdienst in Würzburg und vagabundiert, verstoßen von der Familie, in Hunger und Armut als Bohemien durch Süddeutschland, bis er schließlich Sekretär des Münchener Autors Ernst von Wolzogen wird. Dem legt er schließlich schüchtern das Manuskript eines Romans zur Begutachtung vor. Zitator Ein echter Dichter sprach daraus. Merken Sie sich den Namen: Jakob Wassermann! Er wird berühmt. Und ist er es, dann denken Sie daran, dass ich es Ihnen heute sagte. Sprecherin Ernst von Wolzogen fördert den Jungautor und stellt ihn seinem Verleger Albert Langen vor, wo 1896 Wassermanns erster, noch unbedeutender Roman „Melusine“ erscheint. Aber Wassermann hat Talent, so der Nürnberger Germanist Gunnar Och. O-Ton 3 Gunnar Och Er ist ein Erzähler von Geblüt. Das sagt auch Thomas Mann. Er ist tatsächlich einer, sagt Thomas Mann, der könnte auf dem Markt sitzen und die Leute würden ihm zuhören. Da liegt sein Talent. Er selber sagt ja, er hätte schon seinen Geschwistern die Ängste vertrieben. Da wäre das Scheherazade-Motiv. Er hat immer aufgehört und am nächsten Tag weitererzählt. Er ist schon einer, der gerne fabuliert. MUSIK 4 ( Gustav Mahler / Chimaera Trio: Ablösung im Sommer 1‘10) Sprecherin Wassermann veröffentlicht Novellen, Theaterstücke und mit „Die Juden von Zirndorf“ einen beeindruckenden zweiten Roman. Wegen einer unglücklichen Liebegeschichte verlässt er München und geht nach Wien. Dort stößt er in die Literatenkreise vor und befreundet sich eng mit Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Über die neuen Freunde lernt er Samuel Fischer, den berühmtesten und erfolgreichsten Verleger der damaligen Zeit kennen. Natürlich hat Wassermann ein fertiges Manuskript dabei, wie sich die Verlegergattin Hedwig Fischer erinnert. Zitatorin Der dunkle Jüngling, der aussah wie ein Savoyardenknabe, war ein Franke aus Fürth. Seine früh verstorbene Mutter muss eine besondere Schönheit gewesen sein, und sicher hatte Wassermann seine funkelnden schwarzen Augen und sein zigeunerhaftes Wesen von ihr. Das Buch gefiel uns so gut wie sein Autor, mein Mann nahm das Werk an, und das bedeutete bei ihm immer die Gesamtveröffentlichung des Verfassers. Jakob Wassermann wurde einer unserer erfolgreichsten Schriftsteller. Sprecherin Dieser erste Roman bei S. Fischer „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs“ erscheint 1901 und wird ein schöner Verkaufserfolg. Endlich geht es für den ewig klammen Autor auch finanziell bergauf, was mehr noch an der stattlichen Mitgift liegt, die Fabrikantentochter Julie Speyer mit in die Ehe bringt. Doch mit Geld umgehen können beide nicht. Sie leben über ihre Verhältnisse und werfen sich gegenseitig Verschwendung vor, so der Literaturwissenschaftler Dierk Rodewald, der seit Jahren an einer kommentierten Edition der Tagebücher Wassermanns arbeitet. O-Ton 4 Dierk Rodewald Wenn Wassermann wandern ging, was er sehr gerne tat, weil er dann die Romane, wie er immer wieder betonte, träumte, dann bemisst sie das Reisegeld. Und er muss dann Rechenschaft ablegen, dass er die teure Fahrkarte genommen hat. Nein, schreibt er, er habe die billige Fahrkarte genommen. Und dass er ganz karg lebt. Also sie hält ihn kurz. Sie ist der Finanzminister. Sprecherin Es ist keine einfache Ehe mit der fordernden und kontrollwütigen Julie. Doch ist sie nicht ohne Grund misstrauisch. Der sensible Autor mit dem melancholischen Blick wird von Leserinnen umschwärmt. O-Ton 5 Dierk Rodewald Er verliebte sich dauernd. Und die Frauen verliebten sich in ihn. Und die sind auch alle irgendwie in einem Roman vorgekommen. Er hatte ziemlich viele Beziehungen zu Frauen nebenher neben der Ehe. Dass hat seine Ehefrau Julie aber gefördert, damit er bei ihr bleibe. Sie hat damit sogar angegeben hin und wieder. Gegenüber Schnitzler hat sie mal gesagt: Und er hat jetzt sogar eine Gräfin. Sprecherin Doch nicht die Frauen, sondern das Schreiben hat für Wassermann höchste Priorität. Mit einem Bein im 19. Jahrhundert stehend, aber die literarische Moderne begierig aufsaugend, sucht er seinen Erzählton. Zitator Wassermann Kunst machen heißt: verzehrt werden. All mein Geschaffenes der letzten Jahre müsste verbrannt werden, - doch wer kann auf den Berg kommen, ohne von unten angefangen zu haben! Ich will erschüttert sein und Andere erschüttern! MUSIK 5 (Django Reinhardt Trio: I’ll See You In My Dreams 1‘15) Sprecherin Literarisch ambitionierte Romane wie „Der Moloch“ oder „Alexander in Babylon“ floppen beim Publikum und Wassermann sorgt sich nicht zu Unrecht um seine Finanzen. Doch dann findet er in seiner fränkischen Heimat den Stoff zu einem neuen Erfolgsroman. Er recherchiert über das wohl berühmteste Findelkind Europas und schreibt 1908 mit „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ einen echten Longseller. Spätestens mit dem Nürnberger Künstlerroman „Das Gänsemännchen“ von 1915 kommt die Wassermannsche Bestsellerproduktion dann so richtig in Fahrt. Dabei hilft ihm auch, dass er zu seiner eigenen großen Enttäuschung wehruntauglich ist. Die Jahre des Ersten Weltkriegs erlebt er nicht an der Front. Stattdessen publiziert Wassermann unermüdlich im Jahrestakt und schreibt einen gut verkauften Roman nach dem anderen: „Christian Wahnschaffe“, „Faber oder die verlorenen Jahre“, „Laudin und die Seinen“ bis hin zum größten seiner Erfolge „Der Fall Maurizius“ im Jahr 1928. Bücher, die auch heute noch zur Lektüre taugen, so Dierk Rodewald. O-Ton 6 Dierk Rodewald Weil er gut erzählen kann. Es ist so interessant, wenn ein Roman von Wassermann anfängt, dann fängt der mit etwas scheinbar ganz Nebensächlichem an, das aber direkt in die Mitte des Problems führt. Das ist technisch großartig gemacht. Und außerdem, das ist ja ein billiges Vergnügen von mir, sind die Sachen spannend. Und dann hat mich immer interessiert, dass er schriftstellerisch und stilistisch so wandelbar war. Der hat nicht einen eigenen Ton entwickelt. Er hat mit jedem neuen Buch eine neue Erzählform gefunden. Sprecherin Mit dem großen Erfolg kommt der Neid der Kollegen. Auch die Freunde sind nicht ganz frei davon. Selbst Thomas Mann schielte mitunter neidisch auf Wassermanns hohe Auflagen und witterte Konkurrenz, weiß der Germanist Gunnar Och. O-Ton 7 Gunnar Och Als der „Christian Wahnschaffe“ entstanden war, ist das ganz spannend in den Thomas Mann‘schen Tagebüchern nachzulesen. Thomas Mann arbeitet am Zauberberg und sieht dann den „Christian Wahnschaffe“ erscheinen und hat wirklich Angst, dass ihm jetzt das Wasser abgegraben wird. Das kommt einem völlig absurd vor, weil „Wahnschaffe“ kein guter Roman ist. Aber es sind verwandte Bestrebungen erkennbar. Und auf den ersten Seiten ist Thomas Mann ganz betroffen. Dann liest er weiter und steigert er sich rein: das taugt nichts. Am Schluss sagt er: was für ein Mist. Aber am Anfang ist die Angst groß, dass ihm da einer die Show stiehlt. MUSIK 6 (Fiona Brice: Retreat 1‘10) Sprecherin Die Literatenfreunde nehmen den sozialen Aufsteiger aus der bayerischen Provinz nicht immer ganz für voll. Man mokiert sich über seine fränkische Aussprache, die Seitensprünge und Ehekräche, das ständige Notizenmachen auf der Suche nach neuen Erzählstoffen, die ewigen Geldsorgen. Im Grunde genommen bleibt Wassermann ein Außenseiter. Auch unterschwelliger Antisemitismus spielt da womöglich eine Rolle. Wassermann hat sensible Antennen dafür. In seinem autobiographischen Essay „Mein Weg als Deutscher und Jude“, seinem heute vielleicht wichtigsten Buch, beschreibt er schon Anfang der 20er Jahre sehr hellsichtig den täglichen Judenhass und die Unmöglichkeit trotz aller Integrationsanstrengungen als Deutscher akzeptiert zu werden. Zitator Wassermann Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Sprecherin „Mein Weg als Deutscher und Jude“ ist ein ergreifendes Zeitdokument. Eine Anklage an die Gesellschaft und bekenntnishaft, weil der Autor sich selbst nicht schont. O-Ton 8 Gunnar Och Was ihn immer interessiert hat, ist die Psychologie des Antisemitismus, vor allem in der Rückwirkung auf Juden. Und dieses Thema schildert er an der eigenen Person. Wie es ihn etwa gekränkt hat als er in Würzburg beim Militär mit dem Antisemitismus der einfachen Leute in Kontakt gekommen ist. Oder im literarisch-kulturellen Bereich mit dem Antisemitismus der Literaturkritik konfrontiert wurde. Und dann hinterfragt er, was das für die eigene Psyche und Identität bedeutet. Und da fällt der schöne Ausdruck, das alles sind „Engramme des Leidens“. Dadurch ist buchstäblich etwas in den Körper eingeschrieben und er sieht da auch eine seelische Verkrüppelung. Zitator Wassermann Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören, Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage. Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu werfen. Sie sagen: was, er wagt es aufzumucken? Stopft ihm das Maul. Es ist vergeblich, unter ihnen zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie sagen: was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches. Es ist vergeblich für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist ein Jude. Sprecherin Thomas Mann findet diesen Klageschrei seines Freundes aus dem Jahr 1921 übersensibel und hypochondrisch und hält den Antisemitismus für ein schwaches Pflänzchen ohne tiefe Verwurzelung. Ein Irrtum, den er zwölf Jahre später, als die Nationalsozialisten die Macht ergreifen, beschämt eingesteht. „Mein Weg als Deutscher und Jude“ ist noch heute, hundert Jahre später, von einiger Aktualität. MUSIK 7 (Philip Glass: The Cockney Brothers 1‘10) Sprecherin Jakob Wassermann ist Ende der 20er Jahre auf dem Höhepunkt seines Ruhms, geht auf ausverkaufte Vortragsreisen nach Schweden, Holland und in die USA, doch innerlich fühlt er sich müde und verbraucht. Julie, von der er sich nach langen Jahren des zermürbenden Rosenkriegs endlich hat scheiden lassen, überzieht ihn auch danach mit überhöhten Geldforderungen und einer Flut von gerichtlichen Klagen. Sie akzeptiert Wassermanns zweite Ehe mit der Autorin Marta Karlweis nicht und verschleißt über 20 Rechtanwälte, die ihr Exmann ironischerweise auch noch zahlen muss. Trotz hoher Einkünfte bricht Wassermann unter der Last, die eigene Villa in Aussee und die seiner Exfrau Julie in Wien zu finanzieren, fast zusammen. Zitator Wassermann Marta will unser Leben auf eine schmalere Basis stellen. Aber wie? Leute entlassen, die dann brotlos werden? Sie spricht sogar vom Verkauf des Hauses. Unvorstellbarer Gedanke. Sprecherin Wassermann reibt sich auf vor lauter Schreibarbeit, um Geld ranzuschaffen. Seine Gesundheit ist zerrüttet, er hat Diabetes, ein Nieren- und ein Herzleiden und benötigt kostspielige Krankenhaus- und Kuraufenthalte. Dazu kommt die zunehmende Vereinsamung. Nacheinander sterben die Freunde, zuerst sein Lektor Moritz Heimann, dann Hugo von Hofmannsthal, schließlich Arthur Schnitzler. Und die politische Lage verdüstert sich zusehends. Der Aufstieg der Nationalsozialisten scheint unaufhaltsam. MUSIK 8 (Owen Devlin: Transcendence 1’00) Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wird, und Deutschland binnen Monaten in eine Diktatur verwandelt, wird es finster für den Autor. Doch sein Verleger beschwichtigt Wassermann, obwohl der Absatz seiner Bücher drastisch zurückgeht und eine Lesereise durch Deutschland abgesagt wird. Zitator Wassermann Deine Mahnung, ich soll Ruhe bewahren, kommt mir so vor, wie wenn Du jemand, dessen Haus in Brand steht, zurufen würdest, er solle sich zunächst ins Bett legen und abwarten. Du schreibst, Du teilst nicht meine Besorgnis, dass durch neue Gesetze und dergleichen eine Beeinträchtigung der Vertragserfüllung erfolgen könnte. Ich wiederum kann hierin Deinen Optimismus nicht teilen. Sprecherin Natürlich hat Wassermann recht. Als jüdischer Autor werden seine Bücher in Deutschland verboten, aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt und verbrannt. Ende November 1933 lässt S. Fischer seinen einstigen Bestsellerautor dann sang und klanglos fallen. Die Einkünfte versiegen, während gleichzeitig Exehefrau Julie die Wassermannsche Villa pfänden lassen will. Ausgelaugt und zutiefst deprimiert stirbt Jakob Wassermann in der Nacht zum 1. Januar 1934 an einem Herzanfall. MUSIK 9 (Ryuichi Sakamoto: disintegration 0’55) Zitator Wassermanns Tod ist ein Schreck und eine Trauer. Merkwürdigerweise ist das Erschreckende diesmal gerade, dass man es so deutlich kommen sah und so grausam voraussagte, er machte die letzten Male ja einen betrüblichen Eindruck. Schauerlich ist der sogenannte Lebensabend, den dieser Mann hatte, der sich mit seinem enormen Ehrgeiz sehr hoch heraufgearbeitet hatte, um schließlich wieder auf die gemeinste Art zu stürzen und wieder ganz arm zu sein – durch die Schuld einer verrückten Frau und eines verrückten Diktators. Sprecherin Das schreibt Klaus Mann dem Kollegen Hermann Kesten. Beide Schriftsteller waren da schon im Exil. Wenigstens das bleibt Jakob Wassermann durch seinen frühen Tod erspart. Den Mord an Millionen deutscher und europäischer Juden muss er nicht mehr erleben. Posthum erscheint 1934 noch der letzte große Roman „Joseph Kerkhovens dritte Existenz“ im Exilverlag Querido in Amsterdam, dann wird es still um Jakob Wassermann. O-Ton 10 Gunnar Och Es gab eine große Ungerechtigkeit nach 1945. Da sind viele andere allmählich wieder aufgetaucht, Feuchtwanger, Zweig, Werfel, Schnitzler und andere. Und das ist zunächst an Wassermann vorbeigegangen. Da hat wohl auch die Familie Anteil. Der Sohn hat die Rechte relativ billig an Buchclubs verramscht. Da gabs dann keine Kontinuität in der Veröffentlichung. Man hat auch nichts mehr aus dem Nachlass publiziert, was auch möglich gewesen wäre. Also, es ist kein Autor der ersten Reihe. Das muss man deutlich sagen. Aber ein sehr respektabler Autor der zweiten Reihe, der mit einzelnen Texten auf jeden Fall nochmal gelesen zu werden verdient. Sprecherin An die Qualität von Schnitzler, Hofmannsthal, Rilke oder Thomas Mann reicht Wassermann nicht heran. Dazu hat sich zu viel Staub auf seiner Prosa abgesetzt. Aber mit Feuchtwanger, Werfel, Zweig oder Heinrich Mann kann er es durchaus aufnehmen. Alle Bemühungen Wassermann ab den 70er Jahren wieder für ein Lesepublikum zugänglich zu machen sind bislang gescheitert. MUSIK 10 (Hannes Hugo: Tramonto 0‘50) Derzeit sind fast alle Bücher nur noch antiquarisch oder als Print-on-Demand in schlechten Druckfassungen erhältlich. Dabei lohnt sich eine Lektüre. „Caspar Hauser“, „Der Fall Maurizius“ und „Mein Weg als Deutscher und Jude“ sollte man unbedingt gelesen haben. Die Bedeutung Wassermanns, so Dierk Rodewald, liegt… O-Ton 11 Dierk Rodewald In der gekonnten Praktizierung der Lust, den Menschen etwas zu erzählen, was nicht ohne humanen Sinn ist. Er wollte schon, dass die Menschen etwas davon haben, wenn sie seine Romane lesen. Also dass es sie bereichert in irgendeiner Weise. Wobei er niemals wollte, dass man ihn als moralischen Autor betrachtet. Das ganz gewiss nicht.
- Urgetreide - Dinkel, Emmer, Einkorn
25.02.2025 · 24 Min.
Dinkel liegt schon länger im Trend, auch Emmer und Einkorn machen Karriere - alle drei sind nahe Verwandte des Weizens. "Urgetreide" sorgt für mehr Vielfalt auf dem Acker und auf dem Tisch. Von Renate Ell (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Christian Schuler Technik: Roland Böhm Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Dr. Friedrich Longin, Leiter der Arbeits¬gruppe Weizen, Landessaatzuchtanstalt, Universität Hohenheim, Stuttgart Susanne Geisenhofer, Bio-Landwirtin, Reichertshausen an der Ilm Andreas Karl, Backstubenleiter, Bäckerei Breitner, Pfaffenhofen an der Ilm Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Direktor des Insti¬tuts für Translationale Immunologie und Leiter der Ambulanz für Zöliakie, Dünndarmerkrankun¬gen und Autoimmunität, Universität Mainz Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die wundersame Welt der Gräser - Alles Natur! JETZT ENTDECKEN Wie Bayerns Mühlen mahlen - Das älteste Kraftwerk der Menschheit JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Blaue Couch - mit Rosina Ostler, Küchenchefin im Restaurant "Alois - Dallmayr Fine Dining " in München JETZT ENTDECKEN Linktipps: Prof. Friedrich Longin hat Backrezepte für Dinkel, Emmer und Einkorn veröffentlicht, kostenlos im Internet. Friedrich Longin, Charlotte Grill: "Mein Brot. Einfach. Gut." HIER Link zur Uni Hohenheim HIER Link zum Institut für Translationale Immunologie HIER Urgetreide in der Weihnachtsbäckerei HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Streik! Arbeitskampf für mehr Geld
24.02.2025 · 24 Min.
Der historisch erste Streik ereignete sich im alten Ägypten. Doch in welchen Epochen wurde am härtesten um Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gekämpft? In welchen Ländern wird besonders viel gestreikt? Und welche Streiks waren am erfolgreichsten? Klar ist: Streiks sind ein wichtiger Faktor des sozialen Fortschritts. Von Georg Gruber (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Georg Gruber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Inka Kübel, Andreas Neumann Technik: Tim Höfer Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Linktipps: Zu den Streikkosten von Lufthansa September 2022: tagesschau.de | BEITRAG JETZT LESEN Streikkosten gesamtwirtschaftlich pro Streiktag sind schwer zu errechnen: mdr.de | BEITRAG JETZT LESEN Literaturtipps: Michael Kittner, Arbeitskampf. Geschichte, Recht, Gegenwart, Verlag C.H.Beck, 2005 Umfangreiches Buch, eine Gesamtdarstellung über Arbeitskämpfe und Streikgeschehen, vom alten Ägypten bis zur Gegenwart. Streik. Realität und Mythos, herausgegeben im Auftrag des Deutschen Historischen Museums von Agnete von Specht, Argon Verlag, 1992. Nur noch antiquarisch, interessant wegen der Darstellung von Streiks und Arbeitskonflikte in Gemälden und Zeugnissen aus verschiedenen Jahrhunderten. Alexander Gallas, Exiting the Factory. Strikes and Class Formation Beyond the Industrial Sector, Bristol University Press 2024. Habilitationsschrift von Alexander Gallas über Streiks in postindustriellen Gesellschaften. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Judentum in NS-Deutschland - Entrechtet, deportiert, ermordet
24.02.2025 · 24 Min.
Es begann mit Diskriminierungen und endete in der Ermordung. Über Jahre hinweg betrieb das NS Regime die Ausgrenzung der jüdischen Deutschen, isolierte sie gesellschaftlich, vernichtete sie wirtschaftlich, deportierte sie dann während des Zweiten Weltkrieges in den besetzten Osten und ermordete sie dort. Credits Autorin dieser Folge: Renate Eichmeier Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Burchard Dabinnus Technik: Daniela Röder Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ernst Grube, Zeitzeuge Dr. Edith Raim, Historikerin, Privatdozentin, Universität Augsburg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Moses Mendelssohn - Der Vorreiter der jüdischen Aufklärung JETZT ENTDECKEN Kurt Landauer - Verehrt, verfolgt, vergessen JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literatur: Stadtarchiv München (Hsg): "…verzogen, unbekannt wohin" Die erste Deportation von Münchner Juden im November 1941. Zürich, 2000. Detaillierte Darstellung mit Fotos und Dokumenten Maximilian Strnad: Zwischenstation Judensiedlung. Verfolgung und Deportation der jüdischen Münchner 1941-45. München 1941 Akribisch recherchierter Überblick über das Barackenlager Milbertshofen: Bau, Nutzung, Ablauf der Deportationen Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt 2005. Umfassende Darstellung des Zusammenspiels zwischen Judenverfolgung und Bereicherung des NS Staates bzw. der nichtjüdischen Bevölkerung Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Allmächd! Geschichte des fränkischen Dialekts
21.02.2025 · 21 Min.
Was ist überhaupt ”das Fränkische"? Die Frage bewegt Linguisten und Gemüter in Ober-, Mittel- und Unterfranken. Denn was umgangssprachlich als "Fränkisch" bezeichnet wird, meint nur die ostfränkischen Dialekte - also alles, was im Norden Bayerns ”gefrängglt" wird. Doch das ist zu kurz gegriffen, wettern viele. Von Markus Mähner (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Rahel Comtesse und Andreas Neumann Technik: Andreas Lucke Redaktion: Nicole Ruchlak und Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER Weitere Linktipps: Der Sprechende Dialektatlas Bayerns: EXTERNER LINK | www.dialekte.schule.bayern.de Das Unterfränkische Dialektinstitut: EXTERNER LINK | unterfraenkisches-dialektinstitut-wue.de Fränkisches Wörterbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: EXTERNER LINK | wbf.badw.de Bayerns Dialekte Online: EXTERNER LINK | bdo.badw.de Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Homo Sovieticus – Utopie und Alltag
21.02.2025 · 23 Min.
Einen neuen sowjetischen Menschen wollte die junge UdSSR erschaffen, durch Wissenschaft, Bildung und - Umerziehung. Das Ergebnis ist jedoch umstritten: Kritiker sagen dem sogenannten Homo Sovieticus oft nach, politisch desinteressiert zu sein und nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen. Wer war der Homo Sovieticus - und gibt es ihn noch heute? Von Fiona Rachel Fischer Credits Autorin dieser Folge: Fiona Rachel Fischer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Sebastian Fischer Technik: Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Maja Soboleva, Professorin am Institut für Philosophie an der Philipps-Universität Marburg Klaus Gestwa, Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die Russische Welt aus Sicht des Kremls - Ruskij Mir JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literatur: Klaus Gestwa: „Der Sowjetmensch. Geschichte eines Kollektivsingulars“, in: Nackte Seelen. 68 (2018), S. 55-82. Ein informativer Artikel, der sowohl die Begriffsgeschichte des „Homo Sovieticus“ in historischen Kontext setzt, als auch den Begriff selbst kritisch beleuchtet. Maja Soboleva: “The Concept of the ‘New Soviet Man’ and Its Short History”, in: Canadian-American Slavic Studies 51 (2017), S. 64-85. Soboleva diskutiert hier das sowjetische Moralverständnis hinter dem Neuen Sowjetischen Menschen. Zitate aus Alexander Sinowjew: Homo sovieticus. Roman. Aus dem Russischen von G. von Halle. Zürich 1984. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Man nehme: einen starken Körper, Sportlichkeit …. dazu einige Schöpfer Loyalität … und jetzt noch eine gute Handvoll Bildung …. Ahh, und eine Prise Leidenschaft. Dann ist er fertig – SPRECHER: – der Neue Mensch. O-TON 1 – Klaus Gestwa Die Idee dass sich der Mensch neu erfinden kann, dass er sich selbst transformiert, ist ja in der Menschheitsgeschichte wiederholt vorgekommen. Und die Vision vom neuen Menschen gehört, glaube ich, ganz zentral zu den sozialen und politischen Obsessionen des zwanzigsten Jahrhunderts. SPRECHERIN: - sagt Klaus Gestwa, Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen. Spätestens seit der Verbreitung von Darwins Evolutionstheorie weiß man, dass sich der Mensch entwickelt und nicht gottgegeben ist. Also müsste man doch in diese Entwicklung eingreifen können. SPRECHER: Die junge Sowjetunion belässt es jedoch nicht nur beim Träumen; die kommunistische Partei macht sich ans Werk, einen Neuen Sozialistischen Menschen zu erschaffen. Denn damit das mit dem Kommunismus klappen kann, da ist man sich unter den Revolutionären sicher, braucht es im ehemaligen Zarenreich eigentlich eine ganz andere Art von Mensch. SPRECHERIN: Für eine Herrschaft des Proletariats, die nach der Marxschen Theorie der Revolution folgen soll, benötigt man erst einmal eine Arbeiterklasse. Die gibt es per Definition aber nur in einer Industriegesellschaft. Und das Zarenreich war keine. O-TON 2 – Klaus Gestwa Die neuen Moskauer Machthaber sahen sich natürlich auch vor die Herausforderung gestellt, dass sie einen Staat übernahmen, der im Wesentlichen bäuerlich geprägt gewesen ist, also im Januar 1917, stellten über 80 Prozent der Bevölkerung des Sowjetrusslands damals noch Bauern und Nomaden dar. Und dann ging es jetzt eben darum, auch eine soziale Machtbasis zu schaffen. Und diese soziale Machtbasis sollte ebenso durch die Formung eines neuen Menschen tatsächlich auch an Stabilität und auch an Festigkeit und Dauerhaftigkeit gewinnen. SPRECHER: Die Bewohner der Sowjetunion sollen eine schnelle Entwicklung durchlaufen und zu Menschen werden, die den Kommunismus errichten können. O-TON 3 – Klaus Gestwa: Und da gehört eben die Aufopferung für dieses sowjetische System ganz zentral dazu das Enthusiastische, das Kämpferische, was damit verbunden gewesen ist, auch immer wieder das Aufopferungsvolle. Dass man als Asket lebt, um eben seine ganze Kraft und seine ganze Energie einbringen zu können in diesen Aufbau des Sozialismus, der ja in den 20er und in den 30er-Jahren ganz oben auf der politischen Agenda stand. SPRECHERIN: Es geht also um einen Typus Mensch, den man bislang noch nicht in ausreichender Zahl und Ausprägung vorgefunden hatte. Es geht um die Utopie eines sozialen, moralischen und weltoffenen Menschtyps, die jetzt Wirklichkeit werden soll. SPRECHER: Lenin und anderen führenden Parteimitglieder wollen den Neuen Menschen so bald wie möglich und nötigenfalls auch künstlich erschaffen, um mit den Zielen der Revolution vorankommen. Die Methoden, mit denen sie diese gezielte Beeinflussung der Menschen, Social Engineering, betreiben, sind sowohl produktiv als auch repressiv. Ganz vorne bei den produktiven Maßnahmen stehen die Alphabetisierung der breiten Bevölkerungsmasse und enge Bildungswege für junge Menschen an neu eingerichteten Arbeiter- und Bauernfakultäten. O-TON 4 Klaus Gestwa Ende der 30er-Jahre gab es tatsächlich schon mehrere Millionen Industriearbeiter, die tatsächlich diesem neuen sowjetischen Regime eine feste soziale Basis gegeben haben und auch Hunderttausende von Spezialisten, die über diese stalinistischen Bildungsprogramme dann auch in Führungspositionen aufgestiegen sind. SPRECHERIN Auch die Kultur steht im Dienst der Erschaffung eines neuen Menschen. In Literatur, bildender Kunst und Theater stellt die neu erfundene Strömung des sozialistischen Realismus die Sowjetgesellschaft und ihre Bürger so dar, wie sie werden sollen. O-TON 5 – Maja Soboleva Und sozialistische Propaganda war omnipräsent. […] Auch die öffentlichen Organisationen einschließlich der Organisationen für die Jugend, das waren so jugendliche kommunistische Organisationen wie Pioniere, Komsomol, und so weiter gab es auch für kleine Kinder eine Organisation für Kinder von sieben bis zehn Jahre. Das waren die sogenannten Oktjabrjate, die Kinder des Oktobers, also ganz junge Leninisten. SPRECHER: Maja Soboleva, außerplanmäßige Professorin am Institut für Philosophie an der Philipps-Universität Marburg, ist in den späten Jahren der Sowjetunion aufgewachsen und forscht seit ca. 20 Jahren in Deutschland. SPRECHERIN: Der sozialistischen Umformung kann niemand entrinnen. Auch nicht die, die die Partei eigentlich aus der neuen Gesellschaft ausschließt. Denn während sich die Sowjetbürger mit sozialistischer Literatur bilden und Massensportfeste auf dem roten Platz feiern, werden diese Ausgestoßenen in Arbeitslagern „umerzogen“ – den Gulags. SPRECHER: „Perekovka“, „Umschmiedung“ nennt die Propaganda euphemistisch diesen Prozess, der aus ehemaligen Großbauern, „Kulaken“, Verbrechern oder ganzen unerwünschten Ethnien neue Menschen, also rechtschaffene sowjetische Bürgerinnen und Bürger machen soll. Neben Zwangsarbeit sollen Bildungsmaßnahmen und Kulturprogramm die Umerziehung abrunden. Die Häftlinge verfassen Berichte oder veranstalten Theaterstücke, nachdem sie stundenlang schwerste körperliche Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen verrichtet haben. SPRECHERIN: Ein Vorzeigeprojekt der Sowjetunion in den frühen 30er-Jahren ist der Bau des Belomor, ein 227 km langer Kanal von der baltischen zur weißen See, der tausende Todesopfer fordert und in nur 20 Monaten fertiggestellt wird. SPRECHER: Im Jahr 1933 reist eine Gruppe sowjetischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller unter der Leitung des Autors Maxim Gorkij in das Arbeitslager, um die Insassen zu befragen und über ihr Leben vor und in dem Lager zu schreiben. Der Sammelband, der sich in englischer Übersetzung auch an das Ausland richtet, schildert glühend die erstaunliche Umformung der Zwangsarbeiter zu guten Sozialisten: der Kulaken, Diebe und Prostituierten, die in der Arbeit und der Gemeinschaft einen neuen Sinn finden und zu Höchstleistungen beflügelt werden. Die literarische Gruppe zeichnet ein glänzendes Bild davon, was wir heute als ein System des Schreckens kennen. O-TON 6 – Klaus Gestwa Ich bezeichne des Gulag-System als den Hades der stalinistischen Industriezivilisation. Von 1928 bis 1956 mussten etwa 18 Millionen Menschen diesen Hades durchlaufen. Wir wissen anhand der Statistiken, dass vermutlich zwei Millionen Menschen ihre Zeit im Gulag nicht überlebt haben. Viele andere waren gesundheitlich und auch psychisch dauerhaft geschädigt durch ihre brutalen Lagererfahrungen. Und das ist etwas, was natürlich ganz massiv auf die weitere Sowjetgeschichte sich ausgewirkt hat. SPRECHERIN: Die Angst, als Klassenfeind gemeldet und in ein Arbeitslager deportiert zu werden, ist ebenso gegenwärtig wie es die Denunzianten sind. Denn die oberste Loyalität der Menschen soll nicht mehr den Freunden und Verwandten gehören, sondern dem sowjetischen Staat und – bald nach Lenins Tod – speziell Stalin, der sich als Übervater der UdSSR inszeniert. SPRECHER: Das berühmteste Beispiel ist wahrscheinlich das Leben des Pavlik Moroz, ein Bauernjunge, der im Jahr 1932 seinen Vater anzeigt, weil dieser Getreide vor den Behörden versteckt. Während der Vater also inhaftiert, und später, wie man heute weiß, bei einer Massenerschießung hingerichtet wird, erschlagen Pavliks Verwandte den Jungen für seine Denunziation. Dieses Schicksal macht ihn zu einer Art Märtyrer und zum Helden einiger Büchern und später auch Filme. Erst in den 80er Jahren wird im gelockerten politischen Diskurs offengelegt, wie sehr sich die Kinder der Sowjetunion von dieser Geschichte unter Druck gesetzt fühlen. SPRECHERIN: Doch haben all diese Maßnahmen den gewünschten Effekt und produzieren tatsächlich eine neue Art von Mensch? Das beschäftigt auch den Westen, der noch vor der Sowjetgesellschaft untersucht, wie der tatsächlich existierende Sowjetmensch nun tickt. 1958 analysiert der Osteuropaforscher Klaus Mehnert erstmals auf einer Reise die Einwohner der UdSSR und konstatiert in seinem Buch „Der Sowjetmensch“: SPRECHER: Die sowjetische Umerziehung der Menschen habe schon angesetzt, doch wenn man am glänzenden sowjetischen Lack kratzt, so Mehnert, stecke darunter immer noch der biedere Russe von früher. Also – die ganze sozialistische Umerziehung fruchtlos? SPRECHERIN: Eine Forschergruppe aus Harvard sieht das anders. Sie hat seit 1945 Migrantinnen und Migranten aus der UdSSR befragt und stellt fest, dass nicht einmal an denen, die die Sowjetunion aus politischer Überzeugung heraus verlassen haben, die ideologische Erziehung spurlos vorbeigegangen ist. O-Ton 7 Klaus Gestwa: Also da hatte man schon die Idee, dass aufgrund dieses propagandistischen Trommelfeuers, dieser Vereinnahmung in den sozialen Praktiken es für die Sowjetmenschen unheimlich schwierig gewesen war, sich dem zu entziehen. Also diese Formierung des Sowjetmenschen hatte tatsächlich eine gesellschaftliche Tiefenwirkung, die wir nicht unterschätzen sollten. SPRECHER: Das Jahr 1961: 22. Kongress der Kommunistischen Partei. Nikita Chruschtschow verkündet, dass die UdSSR erfolgreich einen neuen Menschen, den sowjetischen Menschen geschaffen habe. Dieser neue Mensch, in den 1930er Jahren ein mutiger und aufopfernder Revolutionär, ist nun der Erbauer des Kommunismus. Ist die Utopie also Wirklichkeit geworden? Die Sowjetunion beantwortet diese Frage mit „Ja“. O-TON 8 Maja Soboleva Und dann 1976 berichtete Breschnew auf dem fünfundzwanzigsten Parteitag, dass der sowjetische Mensch das wichtigste Ereignis oder Ergebnis der letzten 60 Jahre sei, also das heißt, das wurde per Dekret festgestellt. SPRECHERIN: Als sich die Versprechungen nicht erfüllen, dass bald der ersehnte Zustand des Kommunismus erreicht ist, tritt die Sowjetgesellschaft in den 70er Jahren in ihre konsumistische Phase ein: Politische Apathie wird mit steigendem Lebensstandard belohnt. O-TON 9 Klaus Gestwa: Es gab dann seit den 60er-Jahren die Massenmobilisierung, der private Pkw erlaubte Möglichkeiten, sein Umfeld zu erweitern. Es gab Urlaubsreisen, es gab Konsum, und damit wurde der neue Sowjetmensch nicht immer nur als Asket, als Arbeiter und als Enthusiast dargestellt, sondern eben auch als Konsument, als jemand, der sein Freizeitleben genießt und der sich aus den Zumutungen des sowjetischen Alltags immer wieder zurückzieht in sein eigenes Privatleben SPRECHER: Mit dieser neuen Lebensrealität wandelt sich das, was unter „Sowjetmensch“ verstanden wird. Aus dem glänzenden, moralisch überlegenen Sozialisten wird zunehmend ein politischer Mitläufer. SPRECHERIN: In den 80er Jahren beantworten einige sowjetische Schriftsteller die Frage nach der Existenz des Sowjetmenschen mit „Ja, leider“. Der Autor und Dissident Alexander Sinowjew macht den Begriff des „Homo Sovieticus“, und die Abkürzung „Homosos“, mit seinem gleichnamigen Roman populär. ZITATOR: „Mein Verhältnis zu diesem Wesen ist zwiespältig: ich liebe und hasse, achte und verachte es gleichzeitig, bin von ihm entzückt und entsetzt zugleich. Selbst ein Homosos, bin ich schonungs- und mitleidlos in seiner Darstellung. Richtet uns, denn ihr selbst werdet von uns gerichtet werden!“ SPRECHERIN: – so übersetzt G. von Halle Sinowjews Vorwort. Der Homo Sovieticus ist dem Roman nach ein Opportunist und Zyniker, der nach außen hin ideologiekonform und autoritätstreu ist, aber das System für seine egoistischen Bedürfnisse ausnutzt und sich ansonsten ins Private und ins Nichtstun zurückzieht. SPRECHER: Die Verniedlichungsform „Homosos“, die auch „Menschensauger“ bedeutet, zeigt, dass Sinowjew die Utopie eines neuen sozialistischen Menschen, der eine bessere Welt aufbauen sollte, als gescheitert erachtet. ZITATOR: „Der Homosos ist ein ziemlich widerliches Geschöpf. Das weiß ich von mir selbst. Als ich noch in der Sowjetunion lebte, träumte ich davon, in einem demokratischen Staat zu leben. Trittst in irgendeine Partei ein oder gründest eine eigene, gehst auf Demonstrationen, nimmst an Streiks teil, prangerst an! Kein Leben – eine Pracht! Nachdem ich einige Zeit im Westen gelebt hatte, änderte ich die Richtung meiner Träume um hundertachtzig Grad. Jetzt träumte ich davon, in einem gut funktionierenden Parteistaat zu leben, in dem linke Parteien verboten sind, Demonstrationen auseinandergetrieben und Streiks niedergeschlagen werden. Mit einem Wort, nieder mit der Demokratie! Warum ich davon träumte? Eben weil ich – ein Homosos bin.” O-TON 10 Maja Soboleva: Und würde ich sagen, dieser Definition liegt die Annahme zugrunde, dass sich das fehlerhafte soziale kanonisches System des realen Sozialismus in der mangelhaften Struktur des Charakters und der Mentalität des sowjetischen Menschen reproduzieren. […]Also wir haben so wir sehen, dass der Homo Sovieticus ein äußerlich ambivalenter Begriff ist, ja, je nach Blickwinkel und was denke ich, glaube beide Versionen diesen Menschentypus haben, existiert sowohl die positive Reaktionen als auch die negativer und ist ein gelungenes, würde ich sagen. Und die zweite ist ein misslungenes Ergebnis dieses Social Engineering. SPRECHER: In den späten 80er Jahren beginnt dieses politische System zu bröckeln. Es ist die Zeit von Glasnost und Perestroika, in der der starre Diskurs aufweicht und zunehmend Platz macht für politische Diskussionen und das Gefühl von Enttäuschung über die Entwicklung der Sowjetunion. SPRECHERIN: In der Sowjetunion spricht man nun von „Sowok“ eine weitere Verniedlichungsform von „Homo Sovieticus“, die aber im Russischen auch „Kehrschaufel“ heißt, also das, was es braucht, um Dreck aufzukehren. Die sowjetische Identität wird mit diesem Wortspiel buchstäblich zu etwas Schmutzigem. O-TON 11 Klaus Gestwa Es wird tatsächlich auf die Menschen selbst bezogen. Das hat auch etwas mit einem masochistischen Selbsterniedrigungsdiskurs zu tun, der in der Perestroika-Zeit tatsächlich auch als kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen sozialen Dasein eine Breitenwirkung entfaltet hat. SPRECHER: Diese Auseinandersetzung bringt beispielsweise das Levada-Zentrum hervor, das zu Meinungen und Eigenschaften in der UdSSR forscht. Auch diese Umfragen ergaben 1989, dass sich durch die sowjetische Bevölkerung bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen ziehen: O-TON 12 Klaus Gestwa: Und die beiden wichtigsten, die damals aufgefallen sind und die auch in die heutige Zeit hineinschwappen, die jetzt immer wieder große Aufmerksamkeit finden, das ist zum einmal die Staatszentriertheit, also eine paternalistische Haltung gegenüber dem Staat, dass der Staat doch bitte alle Probleme lösen soll für die Menschen. […] Und der zweite Punkt gilt vor allen Dingen für die russische Gesellschaft. Das ist der imperiale Komplex, dass sich die Meinung festgesetzt hat, dass Russland als Großmacht, als geachtete, respektierte Großmacht existieren müsse. SPRECHERIN: Als 1991 die Sowjetunion zerbricht, ist davon jedoch wenig zu spüren. Das Imperium wird mit Jubel verabschiedet, nachdem Millionen von Menschen auf die Straße gegangen sind. O-TON 13 Maja Soboleva: Viele dieser sowjetischen Intelligenzia, die in den Jahren der Sowjetunion entstand, ist irgendwann anti-sowjetisch geworden. Aus der historischen Perspektive erstreckt sich die Spannweite für den Begriff Homo sovieticus zwischen noch nicht und nicht mehr. Das heißt, man versuchte jahrzehntelang aus den nichtsowjetischen Menschen, die noch vor der Revolution gelebt haben, die sowjetischen zu formen und am Ende, am Ende dieser Umformung, stand dann irgendwie der anti-sowjetische Mensch. SPRECHER: Es scheint in diesem Moment der Geschichte, als hätten sich die Sowjetmenschen vom Imperialismus getrennt und wollten gar keine Supergroßmacht mehr sein. Es wirkt, als habe der Sowok in einer Zeit der Wirrungen, der zusammengebrochenen Staatsleistungen und ausbleibenden Löhnen gelernt, wieder aktiv und eigenständig zu werden. SPRECHERIN: Doch mehr als 30 Jahre später sprechen viele immer noch vom Homo Sovieticus, auch um die aktuelle politische Kultur in Putins Russland zu beschreiben. O-TON 14 Maja Soboleva: Dieses Phänomen sowjetischer Mensch hat immer noch politische Relevanz in der Hinsicht, dass die sowjetische Menschen noch nicht alle ausgestorben sind, das heißt es in einer Schicht der gegenwärtigen Gesellschaft in Russland die sowjetischen geprägt worden ist […] Diese passive Mehrheit, die so erzogen worden sind, dass sie keine Entscheidungen treffen dürfen oder können und die dazu glaube ich, zum großen Teil verantwortlich ist, was jetzt passiert, weil das sind eben die Leute, die nicht gewohnt sind, Entscheidungen zu treffen, denke ich. Das ist die sowjetische Erbschaft, die immer noch eine Auswirkung auf das politische Leben in Russland hat. SPRECHER: Wenn der Westen heute vom „Homo Sovieticus“ spricht, dann meint er primär die russische Bevölkerung. Doch in den ehemaligen Sowjetstaaten steht dieser Begriff auch für die Russifizierung, die in der UdSSR „sowjetisch“ ab den 30er Jahren mit „russisch“ gleichgesetzt hat. Im postsowjetischen Diskurs wird dieses aufgedrückte Erbe auch sehr kritisch gesehen. SPRECHERIN: Kann man aber mit diesem Begriff, in dem Autoritätshörigkeit und Imperialismus mitschwingen, wirklich das Russland der Putin-Herrschaft erklären? O-TON 15 Klaus Gestwa: Wir hier in Deutschland nehmen den Homo Sovieticus immer sehr schnell und sehr vorschnell. […] Also das ist ein Interpretationsangebot, was wir übernehmen, um uns aus dieser komplexen und sehr komplizierten Situation, so wie sie sich uns in Russland darstellt uns ein einfaches Bild zu machen. SPRECHER: Putins Propaganda macht sich verschiedene Bezüge zur Sowjetzeit zu Nutze. Schon in den Nullerjahren zielt sie auf den imperialen Komplex ab, den nach wie vor viele in der Bevölkerung verinnerlicht haben, und nährt und mobilisiert die Minderwertigkeitsgefühle in der russischen Gesellschaft. Mit der Digitalisierung und den sozialen Medien stehen heute für ideologische Beeinflussung ganz andere Mittel zur Verfügung als zu Zeiten der Sowjetunion. SPRECHERIN: Trotzdem ist es schwierig, diesen Begriff als Erklärungsschablone für die russische Gesellschaft zu nehmen, ohne ihn zu hinterfragen. Denn damit unterstellt man diesen Menschen auch unabänderliche Eigenschaften und dass sie sich gar nicht weiterentwickeln können. O-TON 16 Klaus Gestwa: Dann hat das natürlich etwas mit einer hoffnungslosen Diagnose zu tun, die letztlich, wenn man das kritisch sehen möchte, natürlich auch schon so eine rassistische Grundierung hat. Also die Russen waren immer so. Das baut natürlich auf überlieferten Stereotypen auf, die wir schon aus der Zeit des Kalten Krieges haben. SPRECHER: Und man schließt sich Putins Propaganda an, dass die russische Bevölkerung sich aufgrund ihrer sowjetischen Vergangenheit von dem Rest der Menschheit unterscheiden müsse und damit einen Sonderstatus habe. SPRECHERIN: Russland war und ist eine Gesellschaft, die aus einer Vielzahl an Ethnien und Kulturen besteht. Das kann man nur schwer mit einem solchen Sammelbegriff umschreiben. Aber würden sich Russen heute noch selbst so bezeichnen? Maja Sovoleva verwendet die Bezeichnung “Homo Sovieticus” dabei etwas anders: O-TON 17 Maja Soboleva Nicht jeder versteht sich selbst als ein Homo Sovieticus, ich schon. Ich denke manchmal ja, ich bin so ein sowjetischer Mensch in dem Sinne, dass ich also dass ich internationalistisch bin. Ich bin auch pazifistisch. Ich bin also feministisch. SPRECHER: Soboleva versteht sich als Sowjetmensch in dem Sinne, wie er in den 20er Jahren geschaffen werden sollte. Zwar wäre auch sie in der ausgehenden Sowjetunion noch ideologisch indoktriniert worden, aber sie habe auch gelernt, über ihr Sowjetischsein kritisch nachzudenken. O-TON 18 Maja Soboleva ((Und wenn man so selbst reflektiert, ja, dann muss man auch über die Begriffe nachdenken können, die man nicht selbst in sein Lexikon aufgenommen hat. Ja, und das ist natürlich der Begriff Homo Sovieticus.)) Einerseits ist es natürlich ein geschichtlicher Zufall, wo du geboren bist und welche Zeit und so weiter. Aber andererseits bist du immer noch frei, glaube ich, dich der geschichtlichen Situation gegenüber zu positionieren. SPRECHERIN: Die Frage ist nicht, ob der Begriff des Homo Sovieticus noch immer passt, sondern, zu welchem Zweck ihn wer verwendet. Als pauschale Erklärungsschablone – SPRECHER: als historische Analysekategorie, die sich auf Kontinuitäten richtet, SPRECHERIN: als kritische Selbstbezeichnung von ehemaligen Sowjetbürgerinnen und -bürgern, SPRECHER: als Fingerzeig für russische Beeinflussung damals wie heute SPRECHERIN: oder gar als mobilisierendes Propagandamittel für Putinanhänger.
- Henry Ford - Von Hitlers Held zum Idol der Welt
20.02.2025 · 24 Min.
Automagnat und Antisemit, US-Unternehmergenie und Nazi-Sympathisant, Wohltäter und Hitlers Vorbild: Henry Ford gilt als Mann mit zwei Gesichtern. Forschungen rücken das in ein neues Licht. Von Sebastian Kirschner (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Sebastian Kirschner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Rahel Comtesse, Carsten Fabian, Jerzy May, Andreas Dirscherl Technik: Robin Auld Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Stefan Link (Wirtschaftshistoriker, Dartmouth College, Hanover/USA) Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Zitierte Literatur: Henry Ford / Samuel Crowther, My life and work (1922) Samuel S. Marquis, Henry Ford: An interpretation (1923) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Vulkanausbruch - Und was kommt danach?
18.02.2025 · 23 Min.
Vulkanausbrüche auf La Palma (2021) und Heimaey (1973) zeigen, welch umgreifenden Folgen solche Naturkatastrophen auf die Bewohner und die Landschaft haben. Doch nicht alles ist katastrophal: Landgewinnung, geothermale Energie, Lava-Tourismus und neue fruchtbare Erde bringen auch Vorteile. Von Brigitte Kramer (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Andreas Neumann, Julia Fischer, Peter Lersch Technik: Winfried Messmer Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Juana Vegas (Geologin, Spanisches Institut für Geologie und Bergbau, Madrid); Azucuhae del Rosario Martín (Vorsitzender Bürgerverein, La Palma); Kristín Johannsdótir (Leiterin Vulkanmuseum Insel Heimaey, Island); Andreas Klügel (Geologe, Universität Bremen) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Vulkane in Deutschland – schlafende Riesen JETZT ANHÖREN Vulkanismus - Von Lava und Magma JETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Pottwale - Tauchmeister der Tiefsee
17.02.2025 · 23 Min.
Ob als soziale Gruppe oder Einzelgänger - Pottwale sind hochentwickelte Meeressäuger, lauter als jedes andere Tier im Ozean, sie tauchen schnell und tief, waren bei früheren Walfängern die kostbarste und beliebteste Spezies. Von Mechthild Müser (BR 2020)
- Weltweite Lieferketten - Wer verbindet, wer hält, wer bedroht
17.02.2025 · 22 Min.
Lieferketten halten die Welt zusammen und sind dabei anfällig für geopolitische Spannungen, Cyberkriminalität und Produktionsbedingungen. Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz und die europäische Lieferkettenrichtlinie sollen sie nun transparenter und widerstandsfähiger machen. Digitalisierung ist dabei sehr wichtig. Von Brigitte Kramer Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Anja Scheifinger Es sprach: Rahel Comtesse Technik: Klemens Kamp Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Lisandra Flach, Leiterin des ifo Zentrums für Außenwirtschaft und Professorin für Volkswirtschaftslehre an der LMU München Axel Schulte, Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler, Fraunhofer Institut in Dortmund Florian Sachs, Wirtschaftsmathematiker an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität in Köln Linktipps: Lieferengpassdatenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte HIER Deutsches Gesetz über die unternehmerische Sorgfaltspflichten zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten, kurz: Lieferkettengesetz HIER Europäische Lieferkettenrichtlinie HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Die Bewerbung - Betteln, Posen, Aufpolieren
14.02.2025 · 23 Min.
Was für eine Gratwanderung. Wer sich um eine Arbeitsstelle bewirbt, muss eigene Ansprüche formulieren und zugleich versuchen, mögliche Erwartungen des Gegenübers zu erfüllen. Außerdem gilt: bloß nicht bedürftig wirken! Das war vor 200 Jahren anders. Damals schrieben Jobsuchende noch richtiggehend Bettelbriefe. Von Justina Schreiber (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Florian Schwarz Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Timo Luks, Historiker, und Klaus-Dieter Böse, Karrierecoach Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Erben und Vererben - Was steckt hinter dem Streit ums Geld? JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Timo Luks, „In eigener Sache: Eine Kulturgeschichte der Bewerbung“ – gut geschriebenes, fachlich kompetentes Buch, das die Historie der Bewerbung vom Bittschreiben bis zur Selbstinszenierung an Hand schöner Beispiele darstellt. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Was macht uns aus? - Der feine Unterschied zwischen Mensch und Tier
12.02.2025 · 21 Min.
Was macht den Mensch zum Menschen? Während auch andere Tiere lernen, Werkzeuge gebrauchen, kommunizieren und kooperieren, scheint sich der menschliche Geist deutlich von dem der übrigen Tiere zu unterscheiden. Von Prisca Straub (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Prisca Straub Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann Technik: Robin Auld Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Julia Fischer, Verhaltens- und Primatenforscherin am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen; Prof. Thomas Suddendorf, Entwicklungspsychologe an der University of Queensland in Brisbane, Australien Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Im Grunde gut? - Das Menschenbild im Wandel JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Unsere körperliche Ausstattung ist recht dürftig. Der Mensch kann weder besonders gut hören, noch besonders scharf sehen. Außergewöhnlich schnell oder überdurchschnittlich kräftig ist er auch nicht. Trotzdem neigen wir dazu, uns für etwas Besseres zu halten. Oder doch zumindest für anders als alle anderen Tiere auf diesem Planeten. An unserer Kraft, unserer Schnelligkeit, unseren Sinneswahrnehmungen kann es nicht liegen - da sind viele Tiere dem Menschen haushoch überlegen. Was also hat die Spezies Mensch so erfolgreich gemacht? Wo genau liegt der entscheidende Unterschied? Atmo: 0‘37 SPRECHER Werfen wir also einen Blick auf unsere genetischen Grundlagen. Ein Erbgutvergleich mit den sogenannten Großen Menschenaffen enthüllt zunächst einmal Erstaunliches: Rund 99 Prozent unserer Gene teilen wir mit unseren nächsten lebenden Verwandten - mit Schimpanse und Bonobo. Eine beeindruckende Zahl. Aber wie aussagekräftig ist ein Vergleich der Gensequenzen, wenn es darum geht, der Kluft zwischen Mensch und Tier auf die Spur zu kommen? 1 ZSP Julia Fischer 1 Das ist immer die Frage: Was heißt das, wenn man viele ähnliche Gene hat oder eine große Überlappung im Genpool hat? Wir teilen auch 30 Prozent unserer Gene mit der Kartoffel! Viele von diesen Genen sind sogenannte 'Housekeeping-Gene', die gewissermaßen für physiologische Funktionen da sind. SPRECHER Julia Fischer ist Biologin, Verhaltens- und Primatenforscherin und Professorin für ‚Kognitive Ethologie‘ und Leiterin der gleichnamigen Forschungsgruppe am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Jahrelang hat sie das Verhalten von Affenpopulationen in freier Wildbahn beobachtet. - Die überwältigend große genetische Übereinstimmung zwischen Mensch und Menschenaffe ist wenig erstaunlich: Schließlich sind wir aus demselben Fleisch und Blut - unser Körperbau und unsere Körperfunktionen sind weitgehend deckungsgleich: 2 ZSP Thomas Suddendorf 1 Der Unterschied körperlich ist eigentlich gering. Da sind nur wenige Dinge: Wir haben längere Beine als Arme und laufen aufrecht. Wir haben eine Lederhaut in den Augen, die weiß ist, während die der anderen Primaten dunkel ist. Da kann man sehen beim Menschen, wo wir hinschauen. Frauen haben keine äußerlichen Anzeichen ihrer fruchtbaren Phasen und Menschen haben keinen Penisknochen. Das sind Unterschiede, aber nicht unbedingt Unterschiede, die sofort offensichtlich machen, was bei uns so besonders ist oder warum wir die Welt verändert haben - und andere Primaten immer noch in den Wäldern leben. SPRECHER Thomas Suddendorf ist Entwicklungspsychologe und Professor an der University of Queensland in Brisbane, Australien. Z8030896114 Factual operation (reduced 2) 0‘42 Sein Spezialgebiet: die Evolution des menschlichen Geistes. Wie konnte der Mensch dieses außergewöhnliche Tier werden, das so viele Dinge tut, die andere Tiere nicht tun? Was motiviert uns Fußball zu spielen, Geburtstagsfeste zu veranstalten, ein Konto zu eröffnen. Welche Merkmale erlauben uns, Weltraumteleskope zu bauen und über unsere eigene Existenz nachzudenken? Mehr als zehn Jahre hat Suddendorf systematisch Studienerkenntnisse gesammelt und 2013 in einem Standardwerk veröffentlicht. - Mit dem Titel: 'Der Unterschied. Was den Mensch zum Menschen macht'. 3 ZSP Thomas Suddendorf 1 (…) Ich denke, dass der Unterschied hauptsächlich darin zu finden ist, dass unser Geist sich entwickelt hat in einer Form, wie wir das bei anderen Tieren nicht sehen. SPRECHER Der menschliche Geist also. Macht er uns zu etwas Einzigartigem? Werfen wir zunächst einen Blick auf unser zentrales Steuerungsorgan, das Gehirn. 4 ZSP Thomas Suddendorf 2 Sicherlich spielt es eine Hauptrolle, weil das Gehirn die neurologische Basis für unseren Geist ist. Aber es ist nicht der Fall, dass wir das größte Gehirn haben. Die Gehirne von Säugetieren sind sehr ähnlich. Und doch haben wir mit unserem recht großen Gehirn - 1,2 bis 1,5 Kilogramm - nicht die größten Gehirne. Elefanten zum Beispiel haben Gehirne mit bis zu vier Kilogramm und Wale sogar bis zu neun Kilogramm. Z8025542102 Brain puzzle (b) 0‘32 SPRECHER Die absolute Gehirngröße ist also wenig aussagekräftig für geistige Leistungen. Sobald man jedoch die jeweilige Körpergröße in die Rechnung miteinbezieht, ändert sich das Bild: Die relative Gehirngröße des Menschen liegt nämlich deutlich über der Gehirngröße von Walen und Elefanten. Das menschliche Gehirn ist etwa siebenmal größer als es für ein durchschnittliches Säugetier seiner Größe zu erwarten wäre, erklärt Thomas Suddendorf: 5 ZSP Thomas Suddendorf 2 (…) Es stimmt wohl, dass, wenn man das Körpergewicht mit einbezieht, dann haben Menschen so zwei Prozent ihres Körpers Gehirn. Wale und Elefanten haben weniger als ein Prozent. Also sind wir da besser als die Wale, wenn Sie so möchten. Allerdings ist es nicht der Fall, dass alle Tiere weniger relative Gehirngröße haben. Einige Mäusearten haben bis zu zehn Prozent ihres Körpergewichts Gehirn. Also hat uns die Neurowissenschaft da bisher noch nicht ganz so weit gebracht. C1576660110 working brain 0‘32 SPRECHER Die Gehirngröße in unterschiedliche Relationen zu setzen - auch das führt schlussendlich nicht zu stichhaltigen Erkenntnissen über unsere geistigen Fähigkeiten. Wie sieht es mit weiteren Kriterien aus - Gehirnstruktur? Anzahl der neuronalen Verbindungen? Zelltypen? Beim systematischen Versuch, diese Zusammenhänge zu enträtseln, wirft die moderne Neurowissenschaft allerdings bisher mehr neue Fragen auf, als sie beantworten kann, erklärt Julia Fischer: 6 ZSP Julia Fischer 32 Die Größe des Gehirns ist wichtig, aber vor allem ist auch die Vernetzung des Gehirns wichtig. Welche Areale sind mit welchen verknüpft? Dann die Dichte der Neuronen? Da gibt es große Debatten. Was ist jetzt eigentlich wichtig? Ist das ganze Gehirn wichtig oder ist nur der Cortex wichtig? Da kann man trefflich drüber streiten und lange Debatten führen. Als Faustformel kann man schon sagen: Wenn das Gehirn relativ zur Körpergröße größer ist, dann sagt einem das was. Aber was das einem genau sagt, das muss man dann genauer angucken: Welche Areale des Gehirns sind eigentlich für was zuständig? Da wird es schon wieder nicht mehr so einfach, da wirklich klare Zusammenhänge herzustellen. SPRECHER Gehirngröße, Gehirnstruktur, Gehirnaktivität - nach jetzigem Stand können auch die Neurowissenschaften nicht endgültig klären, was genau den menschlichen Geist zu etwas Besonderem macht. Wie also kann man das Vorhandensein oder die Abwesenheit geistiger Fähigkeiten bei Tieren systematisch feststellen? Um mehr darüber zu erfahren, was genau den Unterschied ausmacht, bleibt vorerst nur ein indirekter Weg - die vergleichende Verhaltensforschung. C1576650106 Hard brain work 0‘32 SPRECHER Geist ist ein schillernder Begriff. - Wir können uns zum Beispiel Dinge vorstellen, die unseren Sinnen nicht direkt zugänglich sind. Wir haben eine Vorstellung von vergangenen Erlebnissen und können uns auch künftige Szenarien plastisch ausmalen. Wir sinnen über abstrakte Konzepte nach und stellen uns Fragen über unser eigenes Dasein. Atmo 0‘8 Was in einem Tier vorgeht, darüber können wir zunächst nur mutmaßen. Hat ein Affe beispielsweise eine Vorstellung davon, was es heißt, ein Affe zu sein? 7 ZSP Julia Fischer 6 An diese Frage kommen wir nicht gut ran. Das ist, würde ich sagen, außerhalb unserer Reichweite. Ich gehe davon aus, dass Affen nicht dasitzen und sagen: 'Ja, ich bin ja eher jemand, der introvertiert ist' (lacht). Oder: 'Ich bin jemand, der immer Schwierigkeiten hat!' Also, dass sie so über sich selbst räsonieren. Davon gehe ich nicht aus. Aber ich kann das nicht nachweisen. SPRECHER Die vergleichende Entwicklungspsychologie hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckende Reihe experimenteller Tests zur Erforschung von geistigen Fähigkeiten bei Tieren vorgelegt. Unter ihnen: der sogenannte Spiegeltest, den es inzwischen in vielen unterschiedlichen Varianten gibt. Zum Hintergrund: Ab einem gewissen Alter sind Kleinkinder in der Lage, ihr eigenes Abbild im Spiegel zu erkennen. Menschenkinder erwerben eine Vorstellung davon, wie sie aussehen - und zeigen sich im Test irritiert, wenn sich ihr Spiegelbild nicht mit ihren Erwartungen an das eigene Aussehen deckt. Wenn man ihnen zum Beispiel einen Farbklecks auf die Stirn setzt. Viele unterschiedliche Vergleichsstudien haben ergeben: Auch bestimmte Tiere sind dazu in der Lage. Die Primatenforscherin Julia Fischer: 8 ZSP Julia Fischer 8 Der Spiegeltest ist ja schon lange Gegenstand der Debatte. (…) Wir haben als Menschen dauernd mit Spiegeln zu tun. Wir lernen irgendwann zu verstehen, dass das, was wir da sehen, wir selbst sind. Und wenn man Affen genügend Gelegenheit gibt, in den Spiegel zu gucken, dann lernen die das auch. Man hatte das erst bei Großen Menschenaffen gesehen oder auch bei Delfinen. Und jetzt gibt es auch eine Studie mit Rhesusaffen. Man hat den Rhesusaffen einfach lange Spiegel in ihren Käfig gestellt und irgendwann haben die verstanden, dass das miteinander zusammenhängt - was sie fühlen und was sie sehen da drüben. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass man ein Selbstverständnis hat und sagt: 'Das bin ja ich!' Oder ein Konzept hat: 'Ich bin ein Affe!' Das kann man daraus so oder so gar nicht schließen. SPRECHER Ein reiner Lerneffekt - oder tatsächlich eine komplexe Geistesleistung, die auf einem tieferen Verständnis von grundsätzlichen Zusammenhängen beruht? Atmo 0‘17 Z8028916122 Path finder red. 0‘31 Ähnlich kompliziert ist die Frage, wie die Verwendung von Werkzeugen bei Tieren zu beurteilen ist. Schimpansen zum Beispiel knacken Nüsse mit Steinen oder angeln mit Stöckchen nach Termiten. Schaffen sich also Tiere - so wie Menschen - einen Werkzeugkasten an, mit dem sich künftig wieder auftretende, ähnliche Probleme lösen lassen? Und basteln sie vielleicht sogar eigens Werkzeuge für einen möglichen Gebrauch in der Zukunft? 9 ZSP Julia Fischer 28 Ja (lacht), das ist sehr schönes Bild mit dem Werkzeugkasten, das gefällt mir. Aber es gibt da keine Evidenz. Es gibt ein paar Berichte darüber, dass die Tiere zum Beispiel, wenn sie jetzt einen guten Stein gefunden haben zum Nüsse knacken, dass sie den aufheben. Aber es ist nicht so, dass man zum Beispiel kommunal irgendwie ein Lager hat, wo die ganze Gruppe sich bedienen kann. Oder: 'Wir haben hier die kleinen Steine für die kleinen Affen und die großen für die großen' oder so (lacht). Das gibt es auch nicht. SPRECHER Vielmehr fällt auf, dass die unbestreitbare Kreativität der Tiere beim Einsatz von Werkzeugen offenbar seit Jahrmillionen keine entscheidenden Technologiesprünge hervorgebracht hat. Erfinden Affen sozusagen das Rad jedes Mal wieder neu? Viele Experimente haben inzwischen gezeigt, zu welchen kognitiven Leistungen Tiere fähig sind - aber auch, wo ihre Grenzen liegen. Wie diese Befunde allerdings zu bewerten sind, das ist in der Wissenschaft nach wie vor umstritten. Es gibt beide Trends - einerseits die 'romantische Position', die das gemeinsame Erbe betont und mit verblüffenden Ergebnissen über tierische Leistungen aufwartet, die man eigentlich nur dem Menschen zugetraut hätte. Auf der anderen Seite: die sogenannten 'Spielverderber', die 'schlanke' Erklärungen bevorzugen. Zu ihnen gehört Julia Fischer: 10 ZSP Julia Fischer 9 Nein, ich bin da nicht so besonders romantisch veranlagt. Julia Fischer 2 Es gibt eine Debatte in der Wissenschaft, wie wir das am besten verstehen können, was die Gemeinsamkeiten sind und was die Unterschiede. (…) Und ich denke, dass es einerseits die Suche danach gibt: Was sehen wir in den Affen, was wir mit ihnen teilen, was uns was darüber sagt, was gewissermaßen ein altes Primaten-Erbe ist. Und die andere Frage ist dann aber: Was ist denn Mensch-spezifisch? Worin unterscheiden wir uns, was macht uns aus? Was definiert uns als Mensch? Z8030896104 Genetics 0‘16 SPRECHER Also wenden wir nochmals den Blick: Weg von den mitunter erstaunlichen Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier - hin zu den ganz offensichtlichen Unterschieden. Finden wir heraus, was Tiere nicht können: 82221060W01 Glass 1. Akt 0‘32 SPRECHER Menschen greifen auf Sprache zurück, um einander mitzuteilen, was in ihren Köpfen vor sich geht. Tiere tun das nicht. Die Fähigkeit zu sprechen ist eine der elementarsten menschlichen Eigenschaften. Unsere Sprachfähigkeit ist ein Alleinstellungsmerkmal. Womit natürlich keinesfalls behauptet werden soll, dass Tiere nicht kommunizieren. Atmo 0‘41 Im Gegenteil! Tiere haben extrem ausgefeilte Kommunikationsstrategien - Bienen tanzen, Wale singen, Chamäleons kommunizieren über Farbpigmente in ihrer Haut. Tiere haben eine bemerkenswerte Fülle an akustischen, chemischen und visuellen Strategien, mit denen sie in der Lage sind, Informationen auszutauschen. Aber ist das Sprache? Julia Fischer hat Kommunikation und Sozialverhalten von Primatenpopulationen im Freiland erforscht. Über was also tauschen sich Affen untereinander aus? 11 ZSP Julia Fischer 19 Es geht um Futter. Nicht alle Arten interessanterweise, aber viele haben Futterlaute, wenn sie etwas Leckeres zum Fressen gefunden haben. Dann gibt es Alarmrufe, wenn Gefahr droht. Das haben wirklich wahnsinnig viele Tiere, das scheint einen hohen Überlebenswert zu haben, dass das unabhängig voneinander in verschiedenen Tiergruppen evolviert ist. Und dann gibt es diese sozialen Laute, also Protestschreie oder Drohlaute oder den Ausdruck von einer positiven Stimmung. Und das war es dann meistens auch schon. Dann gibt es vielleicht noch Paarungslaute. Oder die Männchen, die ihre Kampfkraft anzeigen, also 'Display-Laute' machen, wo man dann sehen kann, dass die Männchen jetzt in besonders toller Form sind. Die haben besonders lange Rufe oder besonders laute Rufe (lacht) oder die hören sich irgendwie noch toller an als andere. Aber es gibt da keine Gespräche. Z8025542104 Statistic research 0‘35 SPRECHER Was am menschlichen Kommunikationssystem einzigartig ist: Wir verwenden ein enorm komplexes, anpassungsfähiges und grundsätzlich offenes Sprach-System. Sprache wird erworben und verläuft bei allen Menschenkindern nahezu gleich – Atmo 0‘10 sie beginnen zunächst mit Nachbrabblen. Atmo 0‘5 Tierische Kommunikationsstrategien hingegeben sind angeboren. Sie werden evolutionär weitergegeben und sind damit wenig flexibel - und nahezu ausschließlich funktional: 12 ZSP Julia Fischer 18 (…) Wenn ein Affe sich einem anderen annähert, (…) dann machen die oft bestimmte Laute vorher, Grunzlaute zum Beispiel bei Pavianen. Und diese Grunzlaute signalisieren gewissermaßen eine gutmütige Einstellung, eine wohlwollende Attitüde, sodass der andere weiß: 'Oh, ich muss nicht aus dem Weg gehen!' Selbst wenn ein hochrangiges Tier kommt, macht aber diese Laute, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass der mir etwas tun wird, sehr gering. Und dann kann ich sitzen bleiben. Und dann krault er mir vielleicht sogar das Fell. (…) Die teilen sich dann schon etwas mit, nämlich: 'Ich tu dir nichts!', aber es bezieht sich nicht auf eine Idee, oder es ist nichts, wo wir sagen können: 'Ich sage zu Dir, ich tu Dir nichts!' Oder: 'Du musst keine Angst haben!' Sie haben auch keine verschiedenen Möglichkeiten sich auszudrücken, sondern sie drücken ihre Stimmung aus. SPRECHER Tiere unterhalten sich also nicht, so wie Menschen das tun. Sie teilen zwar ihre Stimmungen mit, geben Alarm- und Futterlaute - aber teilen keine Gedanken miteinander. Reicht es, Informationen auszutauschen oder muss man Geschichten erzählen können? Soweit wir wissen, erzählen sich Tiere keine Geschichten. Ihnen fehlt das Bedürfnis, sich über das auszutauschen, was sie gerade erlebt haben. Sie unterhalten sich weder über die Vergangenheit, noch machen sie Pläne für die Zukunft. Menschen machen das ständig. Der Entwicklungspsychologe Thomas Suddendorf spricht in diesem Zusammenhang von der Fähigkeit zum 'Entwerfen verschachtelter Szenarien': 13 ZSP Thomas Suddendorf 3 (…) Das heißt, unsere Vorstellungskraft, mit der wir uns Situationen, die wir nicht direkt wahrnehmen, vor Augen führen können. Zum Beispiel die Vergangenheit oder die Perspektive eines anderen oder auch zukünftige Szenarien. Wir können uns natürlich vorstellen, was wir morgen machen werden, oder die nächste Woche. (…) Wir stellen uns verschiedene Szenarien vor und können Versionen davon vergleichen und evaluieren. Zum Beispiel im Sinne von: Wie wahrscheinlich ist, dass die Situation so stattfinden wird? Oder wie wünschenswert ist das? Und dann suchen wir uns einen Plan aus und nicht einen anderen. C1589890104 Forbidden business red. 0‘46 SPRECHER Wir machen detaillierte Pläne. Wir sammeln Informationen, von denen wir glauben, dass sie uns später nützlich sein könnten. Wir malen uns Konsequenzen aus, indem wir über das Hier und Jetzt hinausdenken. Wir lernen von der Erfahrung anderer. Wir schlussfolgern, was im Kopf unserer Mitmenschen vor sich geht, und können deren nächsten Schritte vorhersagen - und vieles, vieles mehr. Nach allem, was wir bisher wissen, sind solche komplexen geistigen Leistungen ausschließlich dem Menschen vorbehalten. Julia Fischer über ihre Freilandbeobachtungen von Affen: 14 ZSP Julia Fischer 9 (…) Wir untersuchen Affen ja in Afrika. Und die leben in toll komplexen Gruppen. Die haben sehr ausdifferenzierte Sozialbeziehungen, die haben Freundschaften, die finden sich zurecht, die kennen sich genau aus in ihrer Gegend. Die kennen sich alle individuell, also das ist schon sehr beeindruckend, wie außergewöhnlich, auch individuell unterschiedlich die einzelnen Affen sind. Was das für Persönlichkeiten sind. Und dann leben die ihr Leben und trotzdem sind denen abstrakte Probleme verschlossen. Das ist für die einfach nichts, womit sie zu tun haben in ihrer Welt. Und dafür gibt es dann vielleicht auch gar keine besondere Notwendigkeit. Die können sehr viel lösen. Einfach, indem sie beobachten und einfache Schlüsse ziehen. Und damit kommt man sehr weit. Und das finde ich eigentlich faszinierend, wie weit man kommt im Leben, ohne dass man ein Crack in Mathematik ist. SPRECHER Menschen dagegen haben Imaginationsfähigkeit - also die Möglichkeit 'verschachtelte Szenarien' zu entwerfen. Und sie verfügen darüber hinaus sogar noch über eine ganz besondere Motivation: das tiefe Bedürfnis nach geistiger Verbindung, den Wunsch, sich in die geistige Welt der Mitmenschen sozusagen 'einzuklinken'. Bereits Kleinkinder haben den unbändigen Drang, ihren Geist mit dem anderer zu verknüpfen: Ständig wollen sie uns etwas zeigen und geben keine Ruhe, bis wir uns auf sie einlassen. Der Entwicklungspsychologe Thomas Suddendorf: 15 ZSP Thomas Suddendorf 4 Davon sehen wir in der Tierwelt eigentlich nichts. Menschen tun das permanent: (…) Das Austauschen über unsere Erfahrung. Die beste Art und Weise zum Beispiel, den zukünftigen Urlaubsort auszusuchen, ist, jemand zu fragen, der schon mal da war. Oder sich eine Karriere auszusuchen. Die beste Informationsquelle ist, jemanden zu fragen, der diese Karriere gemacht hat. Und wir geben uns gegenseitig Ratschläge. Wir erzählen Geschichten, und dadurch lernen wir. Durch die Erfahrungen anderer über die Welt können wir die eigenen Vorhersagen verbessern und natürlich auch besser kooperieren. Wir können gemeinsame Ziele erstellen in einer Art und Weise, wie wir das in anderen Tierarten so nicht finden. C1595010105 sensitive thinking 0‘54 SPRECHER Wir haben ein unstillbares Bedürfnis, unser Wissen mit anderen zu teilen, uns mental auszutauschen. Und Menschen geben ihr Wissen über Generationen weiter. Dadurch verfügen wir über einen gewaltigen, immer weiter wachsenden Schatz an wertvollen Erfahrungen, die wir selbst gar nicht gemacht haben müssen. Wir können sogar Lösungen für Probleme finden, die noch gar nicht aufgetreten sind - und der nächsten Generationen nicht nur unsere Antworten, sondern sogar unsere offenen Fragen hinterlassen. Das gibt uns unendlich viele Möglichkeiten, die anderen Geschöpfen auf diesem Planeten verwehrt sind. Mit diesen Fähigkeiten hat der Mensch seine Welt verändert.
- Charles Robert Darwin
12.02.2025 · 29 Min.
Leben ist Veränderung - mit dieser Erkenntnis kehrte 1836 Charles Darwin von seiner Forschungsreise aus Amerika zurück nach England. Seine Theorie zur Entwicklung der Arten veränderte das damalige Weltbild. Von Fritz Dumanski (BR 2009)
- Wahrnehmung und Klischee - Die Entstehung von Vorurteilen
12.02.2025 · 21 Min.
Schon als Kind lernen wir, die Welt in Kategorien einzuteilen. Wer ist Freund, wer Feind? Evolutionär betrachtet waren Vorurteile vorteilhaft. Heute sind sie oft diskriminierend. Was können wir dagegen tun? Von Maike Brzoska (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Frank Halbach Es sprach: Katja Amberger Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Juliane Degner, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg Andreas Beelmann, Professor an der Universität Jena und Direktor des Zentrums Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Die deutschen Sinti und Roma - Die Geschichte einer Minderheit
11.02.2025 · 23 Min.
Ursprünglich stammen Sinti und Roma aus Indien, von dort aus wanderten sie über viele Jahrhunderte nach Westen. Auf deutschem Boden zunächst geduldet, erklärte man die "Fremden" bald zu Vogelfreien. Danach kam es immer wieder zu Tötungen und Vertreibungen. Von Maike Brzoska (BR 2022) Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Hier finden sie weitere wissenswerte Beiträge zum Thema: BR Themen | Sinti und Roma - Verfolgt, ermordet, ausgegrenzt JETZT LESEN BR Mediathek | ARD alpha | Geschichte der Sinti und Roma JETZT ANSEHEN BR | RESPEKT | Antiziganismus ZUR BEITRAGSSEITE Literaturtipps: Karola Fings: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit. C.H.Beck. 2019. Sehr guter geschichtlicher Überblick mit einem Schwerpunkt auf der Zeit des Nationalsozialismus. Verständlich und anschaulich geschrieben. Anja Reuss: Kontinuitäten der Stigmatisierung. Sinti und Roma in der deutschen Nachkriegszeit. Metropol Verlag. 2015. Die Autorin zeigt sehr umfassend, wie sich Vorurteile über die Minderheit gebildet und entwickelt haben und wie sie das Leben von Sinti und Roma beeinträchtigen. Oliver von Mengersen (Hrsg.): Sinti und Roma. Eine Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation. Bundeszentrale für politische Bildung. 2015. Gut lesbarer Sammelband, der sowohl einen geschichtlichen Abriss als auch die wichtigsten heutigen Themen – Sinti und Roma in den Medien, Schwerpunkte der Bürgerrechtsarbeit – umfasst.
- Die Arbeitslosen von Marienthal - Eine bahnbrechende Sozialstudie
10.02.2025 · 23 Min.
Revolution oder Resignation - wie reagiert der Mensch, die Gemeinschaft auf Arbeitslosigkeit? Eine Sozialstudie aus den 1930er Jahren sucht Antworten durch ungewöhnliche Methoden und verändert die Forschung bis heute. Von Marlen Fercher (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Marlen Fercher Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Amberger, Marlen Reichert, Julia Cortis, Frank Manhold, Katja Schild Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Reinhard Müller, Soziologe im Ruhestand, davor beim “Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich” an der Universität Graz Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literatur: Jahoda; Lazarsfeld; Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch. Frankfurt a.M., 2020. Müller, Reinhard: Marienthal. Das Dorf – Die Arbeitslosen – Die Studie. Innsbruck, 2008. Linktipps: auf der Homepage der Universität Graz finden Sie umfangreiches Material zur Studie Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Sozialer Wohnungsbau - Geschichte eines umstrittenen Konzepts
08.02.2025 · 22 Min.
Der soziale Wohnungsbau war wichtig für den Wiederaufbau in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Wohnungsnot groß war. Eine Erfolgsgeschichte, doch heute ist das Konzept umstritten. Von Georg Gruber (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Georg Gruber Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Michael Hafner Technik: Gerhard Wicho Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Architektin des sozialen Wohnens - Margarete Schütte-Lihotzky JETZT ANHÖREN Hans Döllgast - Architekt der Wiederherstellung JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Das Spenden - Warum wir Menschen teilen
07.02.2025 · 21 Min.
Im Jahre 2022 wurden in Deutschland etwa 5,67 Milliarden Euro privat gespendet. Jeder zweite Deutsche hat schon einmal Geld für einen guten Zweck verschenkt. Warum tun wir das? Warum geben Menschen etwas von ihrem Besitz ab? Setzt man sich mit den Ursachen und der Geschichte des Spendens auseinander, so lernt man viel darüber, wer wir eigentlich sind. Autor: Andreas Hauber (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Andreas Hauber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger Technik: Andreas Lucke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Pfarrer Hans Lindenberger, ehem. Direktor des Caritasverbandes i.d. Diözese München-Freising; Franca Parianen, Neurowissenschaftlerin, Berlin; Prof. Mario Gollwitzer, Psychologe, München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Barmherzigkeit - Wiederentdeckung einer Tugend JETZT ANHÖREN Sich verschwenden … - Der Zauber der Großzügigkeit JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Parianen, Franca, Teilen und Haben – Warum wir zusammenhalten müssen, aber nicht wollen, Dudenverlag, Berlin 2021. Schneider, Bernhard, Christliche Armenfürsorge- von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters, Verlag Herder, Freiburg-Basel-Wien, 2017. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Es ist wieder Weihnachtszeit. Die Zeit der Besinnlichkeit und Ruhe. Aber auch die Zeit der Nächstenliebe und der Großzügigkeit. An Weihnachten beschenken wir uns gegenseitig, sind aber auch eher bereit mit denen zu teilen, die weniger Glück haben - denen es schlechter geht. Nie wird so viel zu Spenden aufgerufen und auch gespendet, wie an Weihnachten. O-Ton 01 Lindenberger Es ist wirklich ein Phänomen, ich merks an meinem Briefkasten, fast täglich kommt ein Spendenaufruf von irgendeiner Organisation, die Bundesweit oder in Bayern tätig ist. Sprecherin Pfarrer Hans Lindenberger, langjähriger Direktor des Caritasverbandes der Erzdiözese München und Freising ... O-Ton 02 Lindenberger Woher kommt das auf Weihnachten hin? Weihnachten, so heißt es ja, ist das Fest der Liebe und da hoffen dann die Spendenempfänger, die zu den Spenden aufrufen und darum bitten, dass das Herz geöffnet ist, mehr geöffnet ist als im Trubel des ganzen Jahres über - deshalb die Aufrufe zum Spenden. Sprecherin Weihnachten - das Fest der Liebe, an dem der Geburt Jesu gedacht wird, dem Mann, der als Sohn Gottes Nächstenliebe vorgelebt und diese auch von seinen Anhängern verlangt hat. Auch wenn der Einfluss der Kirchen und des Christentums immer mehr zurückgeht, die Idee der Nächstenliebe scheint geblieben zu sein. O-Ton 03 Lindenberger Die Humanität, die menschliche Nächstenliebe. Das ist schon eine Prägung vom Christentum her, aus unserer Tradition heraus, in unsere Gesellschaft hinein. Des wäre ja eine Katastrophe, wenn Menschen, die sich nicht als Christen bezeichnen auch Abschied nehmen würden und müssten von der Humanität. Christsein ist immer auch human sein. Und daher mein ich, dass die Bereitschaft zum Geben zum Spenden in unserer Gesellschaft ganz hoch ausgeprägt ist. Auch wenn die Kirche schwächelt. Musik 2 "Part VII" - Komponist und Ausführender: Fred Frith - Album: Rivers and Tides - Länge: 1'17 Sprecherin Unsere Gesellschaft ist vom Christentum geprägt. Aber Werte wie Humanität und Nächstenliebe finden sich auch in anderen Religionen, in den Gedanken der Aufklärung und dezidiert antiklerikalen oder atheistischen Bewegungen wieder. Weihnachten als Fest der Liebe hat aber offenbar eine besondere Strahlkraft über die christliche Tradition hinaus. Als könnten sich alle darauf einigen sich besonders zu dieser Zeit auf die Nächstenliebe zu besinnen… Aber irgendwie ist das auch seltsam … Denn das würde ja überspitzt gesagt bedeuten, dass wir immer eine höhere Instanz, sei es einen Gott, eine Lehre oder eine Theorie bräuchten, um miteinander zu teilen. Als müssten wir zu jeder guten Tat aufgefordert werden, weil wir nicht bereit sind von selbst etwas herzugeben … das ist doch ein etwas düsteres Menschenbild. Schauen wir genauer hin: Wie ist es mit uns Menschen und dem Teilen? Hat Teilen jenseits aller Forderung von außen, aller Moral oder Religion vielleicht nicht etwas Grundsätzliches mit unserem Menschsein zu tun? O-Ton 04 Parianen Wenn wir sagen, Kinder müssen Teilen lernen, dann meinen wir meistens dieses großzügige Teilen, also abgeben von dem, was ich habe. Sprecherin Die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen hat sich in ihrem Buch „Teilen und Haben“ detailliert mit der Frage nach dem Teilen beschäftigt und untersucht, wie wichtig das Teilen für uns Menschen ist. Ein Blick auf das Verhalten der Kleinsten kann sehr aufschlussreich sein, wenn man herausfinden will, wie unser Wesen grundsätzlich beschaffen ist. O-Ton 05 Parianen Und wenn man jetzt kuckt: Können das Kinder besonders gut? stellt sich gerade bei so ganz Kleinen raus: Naja – Grade am Anfang sind wir nicht richtig begeistert von der Vorstellung was hergeben zu müssen von unserer Schokolade, von unseren Keksen. Sprecherin Also stimmt es?! Wir sind Egoisten … die anderen sind uns egal ... Wir schauen nur nach unserem eigenen Vorteil ... Oder doch nicht? O-Ton 06 Parianen Das heißt aber von Anfang an nicht, dass uns andere Kinder jetzt egal sind, nämlich, wenn wir die Wahl haben, ob wir einfach selbst für uns ein Keks haben können, oder zwei Kekse für uns beide, aber dafür müssen wir Zusammenarbeit eingehen, dann riskieren wir von ganz klein auf die Zusammenarbeit, d.h., wir wollen eigentlich, dass beide was haben. Und jetzt könnte man sagen: Naja gut (...) das heißt ja, dass wir großzügig sind, wenn wir selbst nicht verzichten müssen, das kann ich auch(...). Aber wahrscheinlich ist das der Kontext in dem Menschen gelernt haben zu teilen, denn ziemlich am Anfang stand wahrscheinlich eine Situation, wo man zusammen gejagt hat, und danach stand jeder mit mehr da. Sprecherin Unsere Vorfahren haben irgendwann damit angefangen zusammen zu jagen, weil damit die Chance ein großes Tier zu erlegen viel größer war. Davon hat jeder schon gehört. Dass wir soziale Wesen sind, hängt irgendwie mit der gemeinsamen Jagd zusammen. Aber gemeinsam Jagen allein bringt noch nicht viel. Schaut man auf unsere nächsten Verwandten, dann wird das deutlich: Stellt man zwei Schimpansen vor eine Aufgabe, in der sie zusammenarbeiten müssen, um eine Belohnung – z.B. einen Obstkorb - zu erhalten, dann tun sie das, aber …. O-Ton 07 Parianen Schimpansen sind überhaupt nicht doof, die verstehen sofort was von ihnen verlangt wird. Die gehen in einen Raum rein, ziehen zusammen an einem Seil und danach isst der Ranghöhere alles auf und der andere sitzt beleidigt in der Ecke. Das Ganze funktioniert exakt einmal. Sprecherin Mit Kooperation allein ist es also nicht getan. O-Ton 08 Parianen Das heißt, wir müssen erstmal abgeben lernen, damit wir Zusammenarbeit möglich machen. Musik 3 "Part VII" - Komponist und Ausführender: Fred Frith - Album: Rivers and Tides - Länge: 0'20 Sprecherin Nur wer teilen kann, für den macht Kooperation wirklich Sinn. Und es sieht ganz so aus, dass das Teilen eine wesentliche Fähigkeit gewesen ist, die unsere Entwicklung zu dem, was wir heute sind, erst möglich gemacht hat. Denn das Ganze bleibt nicht bei der Jagdbeute stehen: O-Ton 09 Parianen Sondern, indem wir zusammen teilen, teilen wir z.B. auch das Jagdrisiko, d.h. wenn wir heute das teilen, was wir gefunden haben, sitzen, wir morgen nicht alleine da, wenn wir mal nichts finden. Sprecherin Doch gibt es noch viel tiefgreifendere Bereiche, in denen das Teilen essenziell ist, betont Franca Parianen: O-Ton 10 Parianen Und ganz wichtig: Wir teilen auch von Anfang an Wissen. Es ist nämlich so, dass ohne gewisses Wissen, ohne das Wissen darum, wie man Feuer macht, wie man Fleisch verarbeitet, die ersten Steinkeile und sowas, wir gar nicht in der Lage gewesen wären unser großes Gehirn, wie wir es jetzt haben zu ernähren. Sprecherin Auch unsere geistige Entwicklung hängt also zutiefst damit zusammen, dass unsere Vorfahren irgendwann den Vorteil des Teilens erkannt haben. O-Ton 11 Parianen Das heißt, in gewisser Weise mussten wir erst sozial werden, um dann klug werden zu können. Sprecherin Um klug zu sein, ist ein großes, flexibles Gehirn, das auch nach der Geburt weiterwachsen kann, nötig. Das hat aber zur Folge, dass der menschliche Nachwuchs sehr hilflos und - man könnte sagen - unfertig auf die Welt kommt. O-Ton 12 Parianen Wenn man sich das ankuckt, in irgendwelchen Tierdokus, da sieht man immer schon: Und hier, die Giraffe läuft kurz nach ihrer Geburt die ersten Schritte, Kinder können das lange nicht, genau genommen können wir noch nicht mal unseren Kopf besonders gut halten. Und das heißt mit ziemlicher Sicherheit, dass man uns so nicht alleine groß ziehen kann in der Wildnis, als eine Person. Sprecherin Im Grunde braucht es, wie ein Sprichwort sagt: Ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. O-Ton 13 Parianen ... Und das hat uns wiederum ermöglicht, auch unser Gehirn nach der Geburt noch so viel weiterwachsen zu lassen. (...) Viele andere Tiere, die relativ fertig auf die Welt kommen, haben deswegen aber nicht so eine große Möglichkeit ihr Gehirn plastisch anzupassen und zu lernen. Menschen haben diese Möglichkeit, aber sie sind deswegen auch sehr arbeits- und energieaufwändig. Das bedeutet wieder eine große Herausforderung zu teilen. Sprecherin Genauso wichtig wie die geteilte Jagd mit der geteilten Beute ist auch die Versorgung der Kinder und das Weitergeben von Wissen. Alles hängt zusammen und wäre nicht möglich, ohne die Fähigkeit miteinander zu teilen. Der Mensch braucht also den anderen, um Mensch sein zu können. Das ist tief in uns angelegt. Noch eine kleine Geschichte am Rande: Wahrscheinlich sieht man uns das Teilen sogar an. Zumindest stellt die sogenannte cooperative eye hypotesis diese Möglichkeit in den Raum O-Ton 14 Parianen (...) und da geht es um unsere Augenfarbe, und zwar nicht um die Farbe der Iris, also das worüber wir immer reden, blaue Augen oder grüne Augen, sondern um das, was drum rum ist, das Weiß. Das hat nämlich tatsächlich keine andere Primatenspezies ... Sprecherin Der weiße Augenhintergrund bringt uns aber keinen Vorteil, wir können deshalb nicht schärfer oder weiter sehen. Ganz im Gegenteil ... O-Ton 15 Parianen Und sie sind dadurch unpraktisch, weil alle Menschen um uns rum können plötzlich sehen, wo wir hinkucken. Ob wir was zu essen entdeckt haben, ob wir irgendwem hinterherkucken, das heißt: Wir können Geheimnisse sehr schlecht für uns bewahren. Aber: Wir können uns auch mit den Augen koordinieren, wir können sagen Du gehst da lang, ich geh da lang, ohne ein Wort dabei zu verlieren. d.h. für unsere Vorfahren war es wahrscheinlich wichtiger, diese Koordination hinzubekommen, zusammenzuarbeiten, als Wissen für sich zu behalten, (…). Wissen teilen war also von Anfang an von Vorteil. Sprecherin Irgendwann, ganz am Anfang seiner Entwicklung, hat der Mensch also erkannt, dass er besser dran ist, wenn er zusammenarbeitet. Zusammenarbeit lohnt sich aber nur, wenn alle davon profitieren. Sie muss auf Augenhöhe stattfinden und auf Gegenseitigkeit beruhen. Dazu ist die Fähigkeit zu Teilen, also in gewissem Sinne das Wohl des anderen mitzudenken von grundlegender Bedeutung. Musik 4 "Ecartele: Erna's Theme, Reprise" - Album: Ecartele - Ausführende: Szymanowski Quartet, Marina Baranova & Damian Marhulets - Komponist: Damian Marhulets - Länge: 0'31 Sprecherin Aber – Hand aufs Herz. Wenn es so ist, dass wir Wesen sind, die geradezu auf das Teilen hin ausgerichtet sind, warum ist die Welt dann so wie sie ist? Warum brauchen wir ein Fest der Liebe, warum muss uns immer wieder die Not der anderen ins Gedächtnis gerufen werden – Warum lassen wir die Ungerechtigkeit zu? O-Ton 16 Parianen Ja, das ist tatsächlich n großes Problem, wenn ich über diese Sachen rede: (…) wir haben zusammen gejagt, dann haben wir aufgeteilt, dann ist das natürlich nicht wie die meisten Interaktionen heute im Alltag stattfinden. Sprecherin In den Anfängen lebte der Mensch noch in kleinen, nomadisch umherziehenden Gruppen, die alles geteilt haben. Ganz anders als heute. Musik 4 "Duos of the Past" - Album: Passare - Komponist und Ausführender: Peter Scherer - Länge: 0'29 Sprecherin Heute sind wir sesshaft und da, wo wir uns niedergelassen haben, versuchen wir so viel Privatbesitz wie möglich anzuhäufen. Reichtum ist ein hoher Wert. So werden die einen immer reicher und mächtiger und die anderen immer ärmer und abhängiger. Die Ungerechtigkeit wächst. O-Ton 17 Parianen (…) ich habe vorhin gesagt, dass das, was uns sozial gemacht hat, das, was uns erstmal aufgefordert hat zu teilen, die Erkenntnis war, dass die anderen sonst nicht mehr mit uns zusammenarbeiten, also dass wir gegenseitige Abhängigkeiten verstehen. Jetzt haben wir aber, seit wir sesshaft sind, in der Lage Reichtum zu vererben über Generationen hinweg, plötzlich keine gegenseitige Abhängigkeit mehr, wie wir sie vorher hatten, sondern sind in der Lage zu sagen: Das sind meine Bedingungen: take it or leave it. Es verhandelt sich nicht leicht, wenn die eine Person nichts zu essen hat und die andere alles Geld der Welt. Sprecherin Durch die Sesshaftigkeit hat sich die Lebensstruktur fundamental verändert. Unser erlerntes und gewohntes Verhalten wurde immer weniger wichtig, stattdessen rückten andere Qualitäten in den Vordergrund. Der Blick verengte sich vom Wohl der Allgemeinheit weg stärker hin auf den Schutz des Eigenen. Das heißt nicht, dass wir vollkommene Egoisten geworden wären. Wir sind soziale Wesen – auch heute noch. Dennoch ist die Welt zunehmend in eine Schieflage geraten. Musik 5 "Duos of the Past" - Album: Passare - Komponist und Ausführender: Peter Scherer - Länge: 0'43 Sprecherin: Die Menschen leben schon lange nicht mehr auf Augenhöhe zusammen. Im Gegenteil, 2021 beispielsweise waren 82% des weltweiten Vermögens in der Hand der reichsten 10% der Weltbevölkerung. Der Besitz, wie auch die Macht, sind ungleich verteilt. Uns allen ist die Ungerechtigkeit bewusst. Aber strukturelle politische Veränderungen sind schwierig, langwierig und oft scheint es am Willen der Verantwortlichen zu fehlen. Weil wir nicht mehr von vorneherein teilen, hat sich das Teilen, so könnte man sagen, nach hinten verschoben. Wir erarbeiten uns Besitz und geben dann von diesem etwas ab. Musik 6 "Part VII" - Komponist und Ausführender: Fred Frith - Album: Rivers and Tides - Länge: 0'23 Sprecherin : Hier kommen Begriffe wie Großzügigkeit und Barmherzigkeit ins Spiel. Genau das, was an Weihnachten verstärkt gefordert wird. In dieser Situation können wir uns aussuchen, ob und wem wir etwas geben oder spenden. O-Ton 18 Gollwitzer Naja, es gibt ne ganze Reihe von Motiven oder Gründen aus denen heraus Menschen sich prosozial verhalten und teilen oder etwas abgeben, obwohl sie es gar nicht müssten … Sprecherin Prof. Mario Gollwitzer, Sozialpsychologe an der LMU München, erforscht, wie Menschen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit wahrnehmen. Und hierzu gehört auch prosoziales Verhalten. O-Ton 19 Gollwitzer Da ist zum einen mal das Erlebnis von Ungerechtigkeit, wenn ich sehe, wie jemand leidet, oder wie jemand etwas nicht verdient, was ich für ungerecht halte, wenn das, was ich da sehe mich empört. Oder wenn das, was ich da sehe, wenn ich das Leid, das ich auf der Welt sehe mit nem Schuldgefühl verbinde, also, wenn man zum Beispiel konstruiert, dass die Tatsache, dass es anderen Menschen schlechter geht, damit zusammenhängt, dass es mir persönlich oder meiner Gruppe oder meinem Land besser geht -und ich sag mal – da ist ja auch was dran, wenn man solche Gefühle der sog. Relativen Privilegierung empfindet, dann ist das ein sehr, sehr starker Motivator dafür, dass man teilt, oder etwas abgibt. Sprecherin Wenn uns ein Unrecht emotional berührt, sind wir gerne bereit zu geben. Für viele Menschen geht es auch darum aus Überzeugung zum Entstehen einer gerechten Welt beizutragen. O-Ton 20 Gollwitzer Und eine ganz wichtige Komponente oder ein ganz wichtiger Grund, ein Motivator dafür, warum Menschen helfen, ist, dass sie für sich selber eine persönliche Verantwortung erleben, zu helfen, also dafür zu sorgen, dass Leid auf der Welt durch ihr eigenes Handeln etwas gemildert wird. Sprecherin Andere wiederum, haben ganz andere Motive ... O-Ton 21 Gollwitzer Und dann gibts natürlich noch viele andere Gründe, aus denen heraus Menschen helfen. Manche Menschen - und das wär dann eher was Egoistisches - helfen nur dann, oder helfen deswegen, weil sie von sich selber gegenüber der Außenwelt ein bestimmtes Bild vermitteln wollen, sie wollen sich als ne nette, moralische, prosoziale, hilfsbereite Person gerieren. Sprecherin Es ist auch interessant darauf zu schauen, wen wir bevorzugen. Wenn wir überzeugt sind, dass jemandem offensichtlich zu Unrecht ein Leid widerfahren ist, geben wir leichter und mehr … O-Ton 22 Parianen ... und das funktioniert besonders gut, wenn gerade eine Katastrophe ist, da ist ein akutes Problem, das ist, wo Menschen Spendenrekorde brechen ... Sprecherin Grundsätzlich scheint es aber so, als gäben wir eher dem, der uns nähersteht, mit dem wir uns leichter identifizieren können … O-Ton 23 Gollwitzer Ein wichtiger Faktor ist die sog. „Psychologische Distanz“, die man zu einer anderen Person hat, also einem Familienmitglied gibt man mehr als einem Bekannten, einem Bekannten gibt man mehr als nem Unbekannten, Mitgliedern, die zur eigenen Gruppe gehören, zur sog. Ingroup, denen gibt man mehr als Mitgliedern von Outgroups, von Gruppen, denen man nicht angehört ... Musik 6 "Ecartele: Erna's Theme, Reprise" - Album: Ecartele - Ausführende: Szymanowski Quartet, Marina Baranova & Damian Marhulets - Komponist: Damian Marhulets - Länge: 0'25 Sprecherin Unser Leben ist global geworden. Uns erreichen Nachrichten vom Leid aus den entferntesten Winkeln der Erde. Wenn man bedenkt, dass wir leichter etwas geben, wenn wir eine persönliche Bindung zu den Betroffenen haben, wird erkennbar, wie wichtig es ist, dass es große etablierte Hilfsorganisationen gibt. Sie sind wie Brücken in die weite Welt. O-Ton 24 Parianen ... wenn wir spenden an Organisationen, die uns gefallen, dann gibt uns das ein gutes Gefühl. (...) Das heißt, es ist total wichtig, dass es die gibt ... Musik 7 "Ecartele: Erna's Theme, Reprise" - Album: Ecartele - Ausführende: Szymanowski Quartet, Marina Baranova & Damian Marhulets - Komponist: Damian Marhulets - Länge: 0'36 Sprecherin Hilfsorganisationen kümmern sich stellvertretend für uns darum, die Ungerechtigkeit wenigstens zu vermindern. Sie zeigen zudem die Not auf und verstetigen die Hilfe, denn die Spendenbereitschaft lässt nach, wenn sich ein Ereignis in die Länge zieht. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, dass sie glaubwürdig und vertrauenswürdig sind. Denn wer etwas spendet, tut das nur, wenn gesichert ist, dass das Geld auch da ankommt, wo es gebraucht wird und die Spende auch etwas bringt. O-Ton 25 Gollwitzer Ja, ich glaube, die Forschung zeigt ziemlich deutlich, dass einer der wichtigsten Gründe dafür, prosoziales Verhalten zu unterminieren, also dass mans nicht tut, obwohl man es eigentlich gerne möchte, erstens das Gefühl ist: Es bringt sowieso nichts, also die Menge an Leid auf der Welt ist so groß, da wäre mein prosoziales Verhalten nur ein Tropfen auf den heißen Stein, das ist was, dass Leute sehr schnell dazu führt, dass sie sagen: dann lass ichs ... Musik 8 "Part VII" - Komponist und Ausführender: Fred Frith - Album: Rivers and Tides - Länge: 0'31 Sprecherin Wenn also wieder Weihnachten ist, das Fest der Liebe, erinnern wir Bewohner der Wohlstandsgesellschaften uns verstärkt an die Ungerechtigkeit in der Welt und an unsere eigene Verantwortung. Viele folgen den Aufrufen von Hilfsorganisationen, um damit das Leid und das Elend zu lindern. Es ist gut, dass es das gibt …. O-Ton 26 Parianen …. aber wir dürfen uns nicht nur auf diese Großzügigkeit verlassen, weil die irgendwann wieder versiegt, weil es irgendwann zu kompliziert wird, und weil wir einfach Gerechtigkeit brauchen, schon in der Art wie wir das Geld verteilen - von Anfang an, anstatt danach immer nur die Folgen aufzuräumen, dass manche sehr viel mehr haben als andere... Sprecherin Oder, wie es Pfarrer Lindenberger ausdrückt, der viele Jahre gegen das Unrecht in der Welt gekämpft hat: O-Ton 27 Lindenberger Ich möchte gerne das Wort Barmherzigkeit ablösen auf das Wort Gerechtigkeit. Dass wir durch unseren freiwilligen Beitrag, unser Engagement, dass Menschen auf die Füße kommen, ihnen gerecht werden. Weil durch wie viele Ungerechtigkeitsstrukturen kommen Menschen nicht zum Leben oder fallen hinten runter, oder Kriegssituationen entstehen durch Unrecht für die Menschen. Es geht um Gerechtigkeit. Musik 9 "Part VII" - Komponist und Ausführender: Fred Frith - Album: Rivers and Tides - Länge: 0'15 Sprecherin Es ist wichtig, dass wir barmherzig sind, dass wir großzügig sind, spenden und uns einbringen für eine gerechtere Welt. Die aber dann erst erreicht wäre, wenn es all das gar nicht mehr braucht ….