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Bayerischer Rundfunk
2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Frauen in den Hindureligionen - Ein Dasein voller Widersprüche
17.06.2025 · 23 Min.
Die Frau im hinduistischen Glauben hat extreme Rollen - von der Matriarchin bis hin zur Tempeldienerin im Bordell. Frauen gelten als Göttinnen, ihr Alltag steht dazu aber im krassen Widerspruch. Von Margarete Blümel (BR 2016) Credits Autorin dieser Folge: Margarete Blümel Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Beate Himmelstoß, Heinz Peter, Hemma Michel, Gudrun Skupin, Carsten Fabian Technik:Cordula Wanschura Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Urvashi Butalia, Historikerin und Frauenrechtlerin, Delhi; Prof. Dr. Birgit Heller, Indologin, Universität Wien; Sunita Jain, Anthropologin, Delhi; Mohini Giri, Aktivistin, Vrindavan/Delhi; Prof. Vinesh Srivastha, Anthropologe, Delhi. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Diwali - Das hinduistische Lichterfest JETZT ENTDECKEN Reinigen, Heilen, Segnen - Die Tradition des Räucherns wird neu entdeckt JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“ Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt – oder gleich HIER. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Riesenschildkröten, die letzten ihrer Art? Alles Natur
16.06.2025 · 30 Min.
Ist der Panzer wie eine Kuppel oder wie ein Sattel geformt? An Merkmalen wie diesen lässt sich auf Galápagos bestimmen, von welcher Insel eine Riesenschildkröte stammt. Denn auf flachen Lava-Inseln wächst kein Gras, dort müssen die Schildkröten ihren Hals hochstrecken können, um die Blätter der Kakteenbäume zu erreichen, die ihre einzige Nahrung sind. Autorin: Mechthild Müser (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Mechthild Müser Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Thomas Birnstiel, Julia Fischewr Technik: Andreas Lucke Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: María José Barragán, Wissenschaftliche Direktorin des Charles-Darwin-Research-Centers; Puerto Ayora, Galápagos; Klaus Peter Fielsch, im Vorstand der Charles-Darwin-Stiftung, Quito; Verónica Sánchez, Touristenführerin Galápagos; David Rodriguez, Aufzuchtstation San Cristobal, Galápagos Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessen JETZT ANHÖREN Fossilien - Stumme Zeitzeugen JETZT ANHÖREN Die Promis der Urzeit - Leben und Sterben der Dinosaurier JETZT ANHÖREN Tiere der Tiefsee - Die unerforschten Geisterwesen JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Simon und Wolli wollen auffallen und provozieren. Sie sind Klimaaktivisten und gehören zur Gruppe "Letzte Generation". Die Presse hat sie längst als "Klimakleber" und Störenfriede betitelt. Von Autofahrern werden sie beschimpft, als Pisser und Arschlöcher. Heute sind sie auf dem Weg ins Stadion, um sich vor vielen Tausend Fußballfans an eines der Tore zu ketten und zu protestieren ... Autorin: Anna Dannecker Inside Klimaprotest - Welcher Protest wirkt? (1/3) JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Charles Darwin, Reise eines Naturforschers um die Welt, Insel Taschenbuch. Irenäus Eibl-Eibesfeld, Galápagos – Die Arche Noah im Pazifik, Piper Taschenbuch. ‚Der Held der alten Tage‘ in mare Heft No.86. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Das Interstitium - Unübersehbar groß im Körper
16.06.2025 · 23 Min.
2018 sorgte ein Team von US-amerikanischen Wissenschaftlern für viel Aufsehen. Die Forschenden hatten ein neues System im Körper entdeckt, manche sprachen sogar von einem neuen Organ: Es geht um das Gewebe, das die Organe umhüllt, wissenschaftlich: Interstitium. Wie ist es damals zu dieser Veröffentlichung gekommen? Und: ist das, was die Forschenden entdeckten, tatsächlich neu? Muss die Anatomie des menschlichen Körpers vielleicht sogar umgeschrieben werden? Von Daniela Remus (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Thomas Birnstiel, Florian Schwarz Technik: Stefan Oberle Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Prof. Erich Brenner, Anatom, Medizinische Universität Innsbruck Prof. Neil Theise, Pathologe, Grossmann School of Medicine, New York Prof. Michael Zeisberg, Nephrologe, Universitätsmedizin Göttingen Eine besondere Empfehlung der Redaktion: Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Sensationelle Entdeckungen können sich über Jahre ankündigen, weil sie einfach in der Luft liegen. Andere beginnen mit einem Tag wie jedem anderen. Die Entdeckung, die der Pathologe Neil Theise (Aussprache: Thiehs – stimmloses th wie bei Thatcher, langes i, wie peace) gemacht hat, gehört zur zweiten Kategorie – zu den Überraschungen. TAKE 1 (O-Ton Theise) L: 0, 10 The hospital I worked when we first… OVERVOICE 1 In dem Krankenhaus, in dem ich damals gearbeitet habe, da war ich bei den Gastroenterologen… SPRECHERIN Erzählt Dr. Neil Theise. Er arbeitete damals am Mount Sinai Beth Israel Medical Centre in New York als ihm gemeinsam mit seinen Kollegen die sensationelle Entdeckung gelang. TAKE 2 (O-Ton Theise) L: 0, 20 There I worked with… OVERVOICE 2 Und habe mit David Carr Locke and Petros Benias zusammengearbeitet. Und die haben damals mit diesem speziellen Endoskop gearbeitet. Und damit haben sie z.B. Mägen, Darmabschnitte untersucht oder Gallenblasen. Und alles sah damit so aus, wie wir es aus den Büchern kannten. Musik: Time flies (reduced) 0‘21 SPRECHERIN Eines Tages aber war alles anders. Seine Kollegen kamen ziemlich aufgeregt in sein Büro. Sie legten ihm Fotos auf den Tisch, die sie mit einer kleinen Kamerasonde im Inneren eines Patienten gemacht hatten und fragten: Was ist das? Kennst du das, als Pathologe? TAKE 3 (O-Ton Theise) L: 0, 25 They saw these wide spaces… OVERVOICE 3 Da sah man so breite Zwischenräume, die durch dunkle Streifen voneineinander getrennt waren. Das haben sie mir gezeigt und gefragt, was ist das? Musik: Z8030896104 Genetics 0‘37 SPRECHERIN Die Bilder hatten David Carr Locke and Petros Benias mit einem konfokalen Endomikroskop gemacht. Das ist ein Endoskop an dessen Spitze eine kleine Kamerasonde angebracht ist, die das Körperinnere fotografieren kann. Es wird besonders häufig im Magen-Darm-Trakt eingesetzt. Aufnahmen gelingen dort dann sehr gut, wenn die Patienten vorher eine fluoreszierende Flüssigkeit in die Adern gespritzt bekommen. Die beiden Kollegen von Neil Theise nutzten dieses Endoskop routinemäßig für ihre gastroenterologischen Untersuchungen. Jetzt hatten sie offenbar ein Problem, weil sie nicht wussten, was sie fotografiert hatten, und auch Neil Theise war zunächst überrascht, was die Fotos zeigten. Denn dieses Gewebe sah sehr anders aus als das, was er bisher an Gewebestrukturen im Organismus kannte. Selbst nach sorgfältiger Betrachtung zeigte das Bild, auch für ihn, den erfahrenen Pathologen, eine Gewebestruktur, die er nicht kannte. MUSIK: Progressive movements (reduced) 0‘49 SPRECHERIN Allerdings lag dieses Gewebe genau dort, wo sich üblicherweise das Interstitium befindet. Das aber konnte es nicht sein, dachte Neil Theise. Denn das netzartige Gewebe zwischen den Organen, das in der Medizin Interstitium genannt wird oder manchmal auch Stroma, hatte nichts mit dem zu tun, was er auf den Bildern seiner Kollegen sah. In allen bekannten Darstellungen war das Interstitium ein dichtes Stützgewebe, in dem Kollagenfasern in mehreren Lagen eng übereinander angeordnet waren. Was also konnte das sein, was auf dem Foto abgebildet war? Mit großen Zwischenräumen, eher luftig angeordnet? ATMO (Computertippen/Seiten umblättern) darüber SPRECHERIN Neil Theise durchforstete alles, was er an Nachschlagewerken kannte, befragte Datenbanken und Kollegen in der Hoffnung, eine Erklärung für dieses merkwürdige Gewebe zu finden. TAKE 4 (O-Ton Theise) L: 0, 20 So I went through a lot of histology books… OVERVOICE 4 Und dann habe ich einfach alle Histologie Bücher durchgearbeitet, aber ich habe nichts gefunden, was zu dem passte, was wir gefunden haben. Und dann habe ich auch noch in alte Histologie Bücher reingesehen, weil ich dachte, okay, vielleicht ist das Wissen einfach nur vergessen worden? SPRECHERIN Trotzdem fand er zunächst keine Erklärung. Neil Theise und seine Kollegen berieten sich und vermuteten, es könne sich vielleicht doch um eine Erweiterung des Interstitiums handeln, die bisher einfach übersehen worden war? Auch weil bisher im Körperinneren noch keine so hochauflösenden Kameras zum Einsatz gekommen waren? Musik: Searching secrets (b) 0‘18 Waren sie einer ganz neuen Struktur des menschlichen Körpers auf der Spur? Waren es Bilder vom Interstitium oder etwas völlig Neues, Anderes? Die drei Forscher waren elektrisiert. TAKE 5 (O-Ton Theise) L: 0, 30 There has been something called the interstitium for years… OVERVOICE 5 Also es war schon lange klar, dass es das Interstitium gibt. Deshalb haben wir auch in unserem ersten Paper, das wir veröffentlicht haben, geschrieben, wir haben eine „neues” Interstitium gefunden, nicht, dass es das vorher nicht gegeben hätte. Aber wir hatten herausgefunden, dass es eben viel verbreiteter ist, als bis dahin angenommen und auch anders strukturiert ist, als es bis dahin verstanden gewesen ist. Musik: Delicate information (reduziert) 0‘38 SPRECHERIN Diese Entdeckung hat nach der Veröffentlichung im Jahr 2018 für ziemlich viel Wirbel gesorgt. In der Öffentlichkeit und auch in der wissenschaftlichen Community. Denn in der Tat waren die Einblicke, die die drei Mediziner durch die Bilder von der Struktur des Interstitiums bekamen, ungewöhnlich und neu. Aber bevor wir über diese Entdeckungsgeschichte weiter berichten, erstmal einen Schritt zurück: Was ist das eigentlich, das Interstitium? TAKE 6 (O-Ton Brenner) L. 0, 30 Das, was dazwischen steht. Interstare heißt das auf Latein, und was damit gemeint ist, ist das, was zwischen den Zellen in einem Gewebe vorhanden ist. Dieses Interstitium besteht zum einen aus Fasern, da kennt man am besten die collagenen Fasern oder die elastischen Fasern und dann gibt es, wie man das früher bezeichnet hat, die sogenannte amorphe Grundsubstanz oder Kittsubstanz, die das ganze zusammenhält, verkleistert. SPRECHERIN Erklärt der Professor für Anatomie Erich Brenner von der Universität Innsbruck. Dass es ein solches Zwischenraum-Bindegewebe überhaupt gibt, ist nicht neu, es war bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. 1862 wurde es erstmalig in einem medizinischen Lehrbuch beschrieben und zwar von dem deutschen Pathologen Friedrich Daniel von Recklinghausen. Auch für den New Yorker Pathologen Neil Theise war das Interstitium deshalb nichts Unbekanntes. TAKE 7 (O-Ton Theise) L: 0,15 What I learned at medical school… OVERVOICE 7 Was ich an der Uni gelernt habe und was wir seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit über hundert Jahren wissen, ist, dass bisher zwei Arten von Interstitium beschrieben worden sind. Musik: Eco statistics red 0‘26 SPRECHERIN Das eine füllt die Zwischenräume zwischen einzelnen Zellen aus. Und zwar zwischen den Zelltypen, die weit auseinander liegen. Dazu gehören Hautzellen, Muskelzellen oder auch Fettzellen. Die liegen so weit auseinander, dass dazwischen Platz ist, für interzelluläres Gewebe, das man Interstitium nennt. TAKE 8 (O-Ton Theise) L. 0, 10 The second interstitium is larger… OVERVOICE 8 Das zweite Interstitium ist größer als das erste und ist sehr intensiv untersucht worden in den letzten Jahren. Und das ist wirklich sehr wichtig. SPRECHERIN Denn dieses Interstitium ist eine Art Stützgewebe, das die verschiedenen Organe und Gefäße umhüllt und damit eine entscheidende Rolle spielt, bei der Versorgung der Zellen und Organe. TAKE 9 (O-Ton Theise) L: 0, 30 Blood comes through and the nutrians brought in… OVERVOICE 9 Das Blut fließt durch die kleinen Kanäle, Nährstoffe fließen dadurch, die Wände der Kapillargefäße sind so dünn, dass die da durchfließen können. Das ist wie ein Netzwerk: Nährstoffe kommen rein, durchs Gewebe, durch die Kapillare, aber auch Abbaustoffe aus dem Gewebe werden dadurch transportiert und abgebaut. Musik: Undercover investigations red. 0‘19 SPRECHERIN Soweit so bekannt für Medizinerinnen und Mediziner. Neil Theise interessierte sich während seines Berufslebens nicht weiter für das Interstitium. Zumal er sich als Pathologe vor allem auf die Leber spezialisiert hat. Wenn bei einer Biopsie, Magenspiegelung oder Operation, Gewebe aus einem Organ entnommen wird, um zu erfahren, ob eine und welche Krankheit vorliegt, dann ist es die Aufgabe der Pathologen, dieses Gewebe in einem mikroskopischen Schnellverfahren zu untersuchen, um Krankheitsursachen zu identifizieren. Und das war und ist es, was Neil Theise als Arzt interessiert. Aber nachdem seine Kollegen diese merkwürdige Struktur entdeckt hatten, wollten die drei unbedingt herausfinden, ob sie eine unbekannte Seite des Interstitiums gefunden hatten. ATMO (Geräusche aus OP) hinterlegen bis Overvoice SPRECHERIN Um diese Hypothese zu überprüfen, setzten die drei Ärzte das Endoskop bei einer Operation ein, ein Schritt, der eigentlich nicht üblich ist: Bei einem Patienten, dem die Bauchspeicheldrüse entfernt werden musste, machten sie mit dem Endoskop Bilder von der Bauchspeicheldrüse und dem sie umgebenden Gewebe, das eigentlich zum Interstitium gehören müsste… TAKE 10 (O-Ton Theise) L. 0, 50 Then we took out the endoscope and … OVERVOICE 10 Dann hatten wir also die Aufnahmen gemacht und das Endoskop entfernt. Das OP-Team hat operiert, hat die Bauchspeicheldrüse und das sie umgebenden Gewebe herausgenommen. Und das haben wir dann bekommen. Damit sind wir dann runter in das Labor der Pathologie gegangen und haben das Gewebe wieder mit dem Endoskop untersucht. Und tatsächlich war es identisch mit dem Bild, was wir vorher bekommen hatten. Es hatte also noch immer dieselbe Struktur, wie im Körper… MUSIK: Curious question (reduced) 0‘28 OVERVOICE 10 …dann habe ich einen Teil davon genommen, um ihn so zu untersuchen. Ich habe das Gewebe kryokonserviert also schockgefrostet. Denn nur dann können wir damit diese dünnen histologischen Schnitte machen, die wir brauchen, um das Gewebe unter dem Mikroskop untersuchen zu können. Und ich sah dieselbe Struktur. Aber jetzt war sie umgekehrt: Die breiten Zwischenräume waren jetzt dunkel und die vorher dunklen Trennlinien waren jetzt hell. Wir hatten also dieselbe Struktur, aber mit entgegengesetzten Farben. SPRECHERIN Daraufhin überlegten die Wissenschaftler, ob die Ursache für das veränderte Aussehen des Gewebes, vielleicht schlicht darin begründet liegt, wie das Gewebe üblicherweise behandelt wird, um es untersuchen zu können. Musik: Inbiased opinion (reduced) 1‘10 ATMO (Arbeitsgeräusche im Labor) SPRECHERIN Um das zu überprüfen, legte Neil Theise die Gewebeprobe in Formalin ein, so wie es in der Pathologie üblich ist. Formalin ist eine wässrige Lösung von Formaldehyd. Die nutzen Pathologen, um Gewebe so zu fixieren, dass es dauerhaft erhalten bleibt. Das Formalin entzieht dem Gewebe die Flüssigkeit und verhindert damit Verwesungsprozesse. In einem zweiten Schritt wird das Gewebe dann in Paraffin eingelegt. Durch diese Konservierung verliert es seine ursprüngliche Farbe und auch seine Beweglichkeit. Es wird starr. Und genau das ist auch das Ziel, denn dadurch kann es in hauchdünne Scheiben geschnitten, und unter dem Mikroskop untersucht werden. Einen Gewebeschnitt herstellen, so heißt das in der Medizin. Als Neil Theise nach dieser Prozedur den Gewebeschnitt der Bauchspeicheldrüse und des Umgebungsgewebes unter das Mikroskop legte, sah es völlig anders aus als vorher: TAKE 11 (O-Ton Theise) L: 0, 30 And we could see… OVERVOICE 11 Und da haben wir gesehen und verstanden, wenn man das Gewebe schockfrostet, dann behält es diese Struktur. Aber wenn wir es so behandeln, wie wir es immer tun, um es histologisch bearbeiten zu können, dann werden diese Strukturen zerstört. Und dann haben wir auch verstanden, dass das, was wir sonst immer als kleine Risse gesehen haben bei unseren histologischen Untersuchungen, das sind die Überbleibsel dieser Zwischenräume. SPRECHERIN Denn auf den Gewebeschnitten, die der Pathologe jetzt hatte, sah das Interstitium so aus, wie er es aus Büchern und von anderen Gewebeschnitten kannte: flach und dicht. Ohne flüssigkeitsgefüllte Zwischenräume oder Kanäle. MUSIK: New evidence 0’14 TAKE 12 (O-Ton Theise) L: 0, 35 I got a mastectomie… OVERVOICE 12 Dann musste ich das Gewebe einer Frau untersuchen, der wegen eines Tumors die Brust entfernt wurde. Und an dem Gewebe war auch Haut. Und da, zwischen den verschiedenen Hautschichten, da sah ich schon wieder diese kleinen Risse. Und dann bin ich zu David und Petros gegangen, hab ihnen das erzählt und gefragt, wie sieht es denn eigentlich aus, wenn ihr mit euerem Endoskop die Haut untersucht? Was sieht man da? Und die beiden haben gesagt: Wir untersuchen damit keine Haut! Das ist ja ein Endoskop, das ist für das Körperinnere… MUSIK: New evidence 0’38 TAKE 13 (O-Ton Theise) And I said well… so we hooked me up with some fluorscene… OVERVOICE 13 Und dann habe ich gesagt, okay, lasst uns das untersuchen. Spritzt mir diese fluoriszierende Flüssigkeit und macht mit euerem Endoskop Fotos von meiner Haut. Und das haben wir dann gemacht. Und wir haben tatsächlich exakt dieselbe Struktur gesehen wie bei dem Gewebe, das um die Bauchspeicheldrüse herum liegt. (Hier bitte akkustisch den „Heureka-Moment“ sichtbar machen) Und dann haben wir verstanden, alles Gewebe im Körper, in den Zwischenräumen, um die Organe drumherum, alles muss miteinander verbunden sein, zusammengehören, irgendwie eins sein, weil alles gleich aussieht. SPRECHERIN Und nicht nur das Aussehen spricht für diese Hypothese. Die flüssigkeitsgefüllten Kanäle, die von elastischen Kollagenfasern gestützt werden, ziehen sich, so die Erkenntnis von Neil Theise und seinem Team, durch das gesamte Interstitium, also durch den ganzen Körper. TAKE 14 (O-Ton Theise) L. 0, 30 And what we know… OVERVOICE 14 Was wir jetzt wissen, und was auch kaum jemand in Frage stellt, ist, dass das Interstitium ein durchgängiges Gewebe ist, das es eine Art körperweites Netzwerk ist, dass Moleküle durchgehen, elektrische Signale durchgehen, Zellen durchgehen, gesunde Zellen aber auch Krebszellen aber auch Krankheitserreger wie Bakterien z.B. und es ist eben bisher nicht gut beschrieben worden, in seiner ganzen Komplexität. SPRECHERIN Und zwar unabhängig davon, wo genau es im Körper verortet ist. Auch das, so die Forschenden, spricht für ein zusammengehörendes System. TAKE 15 (O-Ton Theise) L: 0, 25 And this has tremendous implications… OVERVOICE 15 Das hat enorme Bedeutung für alles, z.B. für das Verständnis von Krankheiten. Die Flüssigkeiten, die sich im Interstitium befinden, machen rund 25% der gesamten Körperflüssigkeit aus und ungefähr die Hälfte aller Flüssigkeiten, die außerhalb der Zellen sind. Also das ist ein riesiger Raum, von dem wir den Aufbau und die Struktur bisher nie wirklich verstanden haben. Musik: Undercover investigations red. 0‘19 SPRECHERIN Über diese interstitielle Flüssigkeit, die in der Medizin auch Interzellularflüssigkeit genannt wird, können sich nach Einschätzung von Neil Theise Entzündungen im Körper ausbreiten. Und auch Krebszellen könnten das Interstitium als Transportweg nutzen. TAKE 16 (O-Ton Theise) L: 0, 25 We have known that tumorcells… OVERVOICE 16 Wir wissen, dass Tumorzellen durch den Blutkreislauf wandern, dass sie durch Nerven, durch Knochenmarkzellen durchgehen und auch einfach von Gewebe zu Gewebe. Aber um dorthin zu kommen, müssen sie erstmal durch das Interstitium durch, sie durchqueren es also offenbar. SPRECHERIN Im März 2018 veröffentlichten die drei Forscher ihre Erkenntnis im Fachblatt Scientific Reports mit dem Titel: Structure and Distribution of an unrecognized Interstitium in Human Tissue, auf deutsch etwa: Struktur und Verteilung des bisher/verkannten Interstitiums in menschlichem Gewebe. MUSIK: Hot news (red) 0‘31 Die Aufregung war ziemlich groß. Viele Medien, auch das Deutsche Ärzteblatt, berichteten geradezu überschwänglich von dieser Entdeckung: SPRECHER (Versch.) Neue anatomische Struktur im Körper entdeckt Interstitium: Unser neues Organ? Wir haben vielleicht ein Organ mehr als wir dachten Neu entdecktes Organ? MUSIK (Ende) SPRECHERIN Das Interstitium ein neues, ein zusätzliches Organ? Neil Theise formuliert seine Entdeckung etwas bescheidener: TAKE 17 (O-Ton Theise) L: 0, 35 The idea that this was an organ… OVERVOICE 17 Die Idee, dass es sich dabei um ein eigenständiges Organ handeln könnte, kam eigentlich vor allem durch die Pressemeldung der Uni in die Welt. Aber ich finde, das ist durchaus eine plausible Hypothese, dass das Interstitium als Organ angesehen werden kann. Im Moment bin ich Teil einer Arbeitsgruppe, und wir suchen nach einer angemessenen modernen Bezeichnung für das, was das Interstitium kann. Und ich denke, es ist treffend zu sagen, es ist ein System, ein Netzwerk, so wie z.B. auch das kardiovaskuläre System ein System ist. SPRECHERIN Auch die wissenschaftliche Community ist in ihrem Urteil deutlich zurückhaltender als die Medien. Das liege an der traditionellen Definition von Organen, erklärt Erich Brenner, Professor für Anatomie an der Universität in Innsbruck: TAKE 18 (O-Ton Brenner) L: 0, 30 Ein Organ ist ein sehr genau umschriebenes, eingehülltes von der Umgebung abgegrenztes Objekt im Körper. Z.B. ein Knochen, ein Muskel, da gibt es Hüllen, die die einhüllen, …oder aber die Leber, die hat ganz feste Bindegewebskapsel, das Herz ist genau abgegrenzt durch den Herzbeutel…das würde das Konzept eines Organs genau auf den Kopf stellen, ja, das ist da – aber kein Organ. Musik: A beginning 0‘21 SPRECHERIN Manche Forschende sind weniger strikt in ihrem Urteil. Sie könnten sich durchaus vorstellen, die Organ-Definition in absehbarer Zeit so zu erweitern, dass auch systemische Prozesse im Körper mit dieser Definition besser beschrieben werden können. TAKE 19 (O-Ton Zeisberg) L: 0, 30 Wenn man diese Definition weiterfasst, und man damit zufrieden ist, dass ein Organ ein in sich definierter Teil des Körpers ist, der eine definierte Aufgabe hat, dann wird es ja ein bisschen weiter. Und dann können wir natürlich auch das Gefäßsystem oder auch das Interstitium als ein Teil sehen, den wir sonst den einzelnen Organen zugeordnet hätten. SPRECHERIN Erklärt Prof. Michael Zeisberg, der die Klinik für Nephrologie und Rheumatologie an der Uniklinik in Göttingen leitet. Michael Zeisberg hat die Veröffentlichungen von Neil Theise rund um das Interstitium mit großem Interesse verfolgt und tut das auch heute noch. TAKE 21 (O-Ton Zeisberg) L: 0, 10 Ich war damals, muss ich ihnen ehrlich sagen, 2018 aufgeregter als ich es jetzt bin… SPRECHERIN Dass das Interstitium für die Versorgung der Organe und damit im Umkehrschluss auch für die Ausbreitung von Krankheiten eine weitaus bedeutsamere Rolle spielen könnte, als bisher angenommen, leuchtete dem Nephrologen unmittelbar ein. TAKE 22 (O-Ton Zeisberg) L: 0, 20 Es hat sich ja praktisch das Potential ergeben okay, jetzt gibt es einen neuen Weg, Botenstoffe zu senden, es gibt aber auch einen neuen Weg, wie Krebszellen sich im Körper verteilen können, oder Infektionen sich verteilen können. SPRECHERIN Aber die nachfolgenden Studien von Neil Theise konnten bisher nicht zeigen, dass das Interstitium tatsächlich das Zeug dazu hat, die Diagnostik und Therapie von Krankheiten zu revolutionieren: TAKE 23 (O-Ton Zeisberg) L: 0,20 Da hat er einige Jahre gewartet, bis er nachgeliefert hatte und hat dann gesehen, dass in 50 Tagen Farbpartikel sich 10cm weiter bewegt haben. Also was immer da passiert, ist offensichtlich nicht so effizient wie ein Lymphgefäß oder ein Blutgefäß. SPRECHERIN Für Michael Zeisberg und andere Forschende klingt es plausibel, dass das Interstitium das Potential dazu hat, Botenstoffe, Krebszellen und Infektionen auf neuen und bisher unbekannten Wegen durch den gesamten Körper zu schicken. Und damit eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Krankheiten zu spielen. Aber wie genau das geschehen könnte, wie effizient dieser Prozess wäre und wie man ihn sich für Diagnostik oder Therapie zunutze machen könnte, das ist bisher trotz der Arbeiten von Neil Theise und seinen Kollegen noch nicht klar. Musik: Working brain red 0‘39 Und es sieht auch nicht so aus, als würden diese Wissenschaftler mit Hochdruck daran arbeiten, ihre Hypothese von der zentralen Bedeutung des Interstitiums zu belegen. Wie so oft in der Medizin haben Zufall und technologische Weiterentwicklung zwar neues Wissen und Verständnis hervorgebracht, noch aber bedeutet das nicht, dass die Entstehung von chronischen Krankheiten wie Fibrose oder die Ausbreitung von Krebszellen dadurch verhindert werden könnte.
- Der Spiegel - Reflektor unserer Sehnsüchte und Irrtümer
13.06.2025 · 23 Min.
Ein Blick in den Spiegel macht sichtbar, was sonst unsichtbar bliebe. Schon immer sahen die Menschen mehr in ihm als einen einfachen Alltagsgegenstand. Sagt er uns die Wahrheit oder täuscht er uns? Ein Alltagsgegenstand voller Facetten. Von Silke Wolfrum (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Silke Wolfrum Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Burchard Dabinnus, Susanne Schroeder, Andreas Dirscherl Technik: Matthieu Bar Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Fabian Estermann, Autor des Buches „Der Spiegel als Instrument zum Nachweis von Selbstbewusstsein bei Tieren. Eine Kulturgeschichte der Spiegelherstellung und des Spiegelexperiments. Prof. Dr. Heidrun Alzheimer, Lehrstuhl für Europäische Ethnologie, Bamberg; Nina-Alisa Kollakowski, promoviert zur Selbstentwicklung im Kleinkindalter an der LMU München. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Was unser Selbstbild bestimmt - Erleben, bewerten, vergleichen JETZT ENTDECKEN Homo pictor - Der Mensch und die Bilder JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER: Vor rund 9.000 Jahren verlassen Männer die Großsiedlung Catalhöyük im heutigen Zentralanatolien und machen sich auf den beschwerlichen Weg zu zwei Vulkanen, rund 190 Kilometer entfernt. Dort finden sie Obsidian, schwarzes vulkanisches Gesteinsglas, laden es auf und schaffen es den langen Weg zurück in ihre Siedlung. Aus dem kostbaren Gestein stellen sie Werkzeuge und Pfeilspitzen her, lebenswichtig für die Gemeinschaft. Doch auch für etwas anderes lohnt sich der große Aufwand: Spiegel. O-TON 01 Fabian Estermann Also bis heute ist die genaue Bedeutung und Funktion der Spiegel nicht ganz klar. Die Spiegel selbst wurden lediglich in Gräbern bei Ausgrabungen entdeckt, also das heißt nicht in den Überresten der Siedlungen selbst, im Haushalt, sondern wirklich nur als Grabbeilage. Und doch geht man davon aus, dass sie nicht nur für das Grab erschaffen worden sind, sondern tatsächlich auch schon eine Funktion zu Lebzeiten erfüllten. Durch Experimente konnte man immerhin ausschließen, dass sie sich nicht zu Lichtsignalgeber oder zum Feuermachen eigneten. Und da aber die damaligen Siedler und Siedlerinnen dort bereits über eine ausgeprägte Körperkultur verfügten, geht man davon aus, dass dann auch die Spiegel dazu dienten, dass sich die Leute selber betrachten konnten, beispielsweise beim Auftragen von Rouge, um sich so wahrzunehmen, wie es dann eben doch eine dritte Person tut. MUSIK 3: Crystal Memories - 52 Sek SPRECHERIN: Uralt scheint das Bedürfnis des Menschen, sich im Spiegel zu sehen und uralt scheint auch der Respekt vor diesem facettenreichen Gegenstand. Spiegel als Grabbeigabe sind keine Seltenheit, auch in etruskischen Gräbern aus dem vorchristlichen Jahrtausend fand man welche. Zeugen sie vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, in dem man erneut den Spiegel braucht, um sich schön zu machen. Oder werden dem Spiegel noch andere Fähigkeiten zugeschrieben, als bloß zu reflektieren? Übersinnliche Fähigkeiten oder magische? Wobei auch die reine Reflexion es in sich hat, denn sich selbst im Spiegel zu erkennen, ist eine Leistung, die nicht jeder Mensch vollbringen kann. MUSIK 4: Up the stairs/ Down the hall – 52 Sek SPRECHER: Narziss war ein wunderschöner Jüngling, in den sich Männer wie Frauen verliebten, doch er erwiderte niemandes Liebe. Eines Tages kam er an eine Quelle, um dort zu trinken. Er erblickte sich und verliebte sich in sein Spiegelbild. Doch da seine Gefühle nicht erwidert wurden, er sich aber auch nicht von dem Bilde losreißen konnte, siechte er dahin und starb. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN: Narzissten sind für uns heute selbstsüchtige Egoisten, die sich maßlos überschätzen. In den Erzählungen des antiken römischen Dichters Ovid besteht Narziss’ Tragik jedoch gar nicht in seiner Selbstverliebtheit, vielmehr ist Narziss nicht in der Lage sich selbst auf der spiegelnden Wasseroberfläche zu erkennen. O-Ton 02 Fabian Estermann Er merkt nicht, dass er es selbst ist, der dort in diesen Teich guckt, sondern erblickt für ihn eine andere Person, in die er sich dann verliebt und dann vor Ort sozusagen dann zugrunde geht, weil die Liebe naturgemäß nicht erwidert wird, der Gegenüber bleibt sozusagen stumm und lässt sich nicht auf ihn ein. Und da haben wir es mit einer frühzeitigen Thematisierung dessen zu tun, dass die Fähigkeit zur Selbsterkennung im Spiegel keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer auch ein Prozess, der auch fehl laufen kann. SPRECHERIN: Dr. Fabian Estermann hat sich für sein Buch „Der Spiegel als Instrument zum Nachweis von Selbstbewusstsein bei Tieren“ mit der Kulturgeschichte der Spiegelherstellung und dem so genannten Markierungstest befasst. Dieser Test wurde erstmals 1970 von dem amerikanischen Psychologen Gordon Gallup an Schimpansen durchgeführt und erbrachte für Gallup den Beweis: Schimpansen verfügen über ein Selbstkonzept, sie nehmen sich als Individuum wahr. O-TON 03 Fabian Estermann Im Kern besteht der darin, dass dem Tier unbemerkt eine Farbmarkierung in einem Bereich aufgetragen wird, meistens im Gesichtsbereich, die das Tier ohne Spiegel nicht sehen kann. Und anschließend wird dann dem Tier ein Spiegel vorgehalten. Und wenn das Tier die Farbmarkierung dann an sich berührt, nach Sichtung des eigenen Spiegelbildes, gilt der Spiegeltest als bestanden und wird als Indiz dafür genommen, dass das Tier in der Lage ist, sich selber im Spiegel zu erkennen. SPRECHERIN: Das gleiche Verfahren wurde wenig später auch von Beulah Amsterdam von der University of North Carolina an Kindern durchgeführt. Ähnlich wie bei den Affen, ist das Sich-Erkennen ein Prozess, der in verschiedene Reaktions-Phasen unterteilt werden kann, erläutert Nina-Alisa Kollakowski von der LMU München. O-TON 04 Alisa Kollakowski Was sich da gezeigt hat, ist, dass die Kinder, wenn sie noch jung sind, also wenn sie zwölf Monate alt sind, dann zeigen Sie eher so spielerisches Verhalten vor dem Spiegel. Also es fühlt sich für die Kinder an, als wäre da ein anderes Kind im Spiegel zu sehen. Und sie versuchen dann zum Beispiel auch mal das Kind zu küssen auf den Spiegel, so, was Kinder vielleicht manchmal so in der Interaktion machen oder fangen an zu lächeln und umso älter die Kinder dann werden, so ab 14 Monaten, sieht man das, fangen die Kindern an ein bisschen ängstlich zu sein und sich eher zurückzuziehen und sind so ein bisschen erschrocken vor dem, was sie im Spiegel sehen. Und dann so mit 20 Monaten ungefähr, also kurz vor dem zweiten Geburtstag, sieht man dann, dass die Kinder anfangen, ihr eigenes Gesicht anzufassen und eben diesen roten Punkt, den sie auf der Nase haben versuchen, wegzuwischen. Musik 5: Bella - 51 Sek SPRECHER: Was passiert in dem Moment, in dem Kinder erkennen, dass das Gegenüber eben kein anderer Mensch ist? Was ängstigt sie? Wieso weichen sie vor dem Spiegel zurück? Für den Psychologen Philippe Rochat und den Philosophen Dan Zahavi ist das eigene Erkennen im Spiegel eine „zutiefst entfemdende Selbsterfahrung“. In ihrem Aufsatz „Der unheimliche Spiegel“ berufen sie sich auf den französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty und stellen fest: Nur im Spiegel sieht sich der Mensch auf einmal so, wie auch andere ihn sehen. Ohne den Spiegel haben wir niemals unser Gesicht im Blick, niemals unseren Körper als Ganzes. Und so bringt der Spiegel uns gleichzeitig Selbsterkenntnis als auch Selbstentfremdung, denn unser Bild von uns verliert seine Subjektivität, wir blicken mit Hilfe des Spiegels scheinbar „objektiv“ auf uns selbst, als wären wir selbst ein anderer. Und das kann zunächst erschrecken. Musik 6: 1.1_5-illusionofchoice.mp3 - 33 Sek SPRECHERIN: Der Spiegel als Mittel der Erkenntnis – dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen vieler Jahrhunderte. Jemandem den Spiegel vorhalten, heißt nichts anderes, als ihn zu Selbsterkenntnis zu führen. Und auch im übertragenen Sinn, wird der Spiegel häufig als Garant für Wahrheit und Weisheit genannt, so Prof. Dr. Heidrun Alzheimer vom Lehrstuhl für Europäische Ethnologie in Bamberg: O-TON 05 Heidrun Alzheimer Beichtspiegel ist eine Metapher für die Wahrheit, die einem im Spiegel entgegengehalten wird. Man nutzt Beichtspiegel dazu, dass man mögliche Verfehlungen sich nochmal vergegenwärtigt, also Gläubige, die zur Beichte gehen wollen, betreiben mit dem Beichtspiegel eine Gewissenserforschung. Und genauso als Metapher finden wir den Spiegel auch wieder im Begriff des Fürsten-Spiegels. Das waren also eigene Werke, Bücher, in denen künftige Könige und Fürsten an ihre Tugenden und Pflichten gemahnt wurden. Und durch diese Lektüre sollten sie lernen, wie gute Regierung funktioniert. Musik 7: Holidays at Ravenwood - 1:12 Min SPRECHERIN: Sokrates soll seinen Schülern empfohlen haben, regelmäßig in den Spiegel zu blicken, um über Schönheit und Vergänglichkeit nachzudenken und den eigenen Charakter zu bilden. Auch im Märchen sagen Spiegel oft die Wahrheit, auch wenn man sie nicht hören will. MUSIK kurz hoch ZITATOR: Frau Königin, ihr seid die Schönste hier. Aber Schneewittchen über den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen ist tausendmal schöner als Ihr! SPRECHER: In vielen Geschichten können Spiegel in die Zukunft blicken oder in die Vergangenheit, ganz generell können sie Dinge zeigen, die man ohne sie nicht sehen würde und Welten eröffnen, die man ohne sie nicht betreten könnte. So geht Alice durch einen Spiegel ins Wunderland und im Film von Jean Cocteau betritt Orpheus durch einen Spiegel das Totenreich. MUSIK kurz hoch Spiegel können aber auch ganz konkret und praktisch, als optisches Hilfsmittel, das Blickfeld weiten, wie im Mythos der Medusa, die Perseus letztlich dank eines Spiegels besiegt. O-TON 06 Fabian Estermann Wie wir wissen, bewirkt der Blick der Medusa, dass die Person, die sie anschaut, versteinert. Und um genau dieser Gefahr zu entgehen, bedient sich Perseus eben einer List, nimmt die Medusa über sein Schild wahr, das heißt, das Schild fungiert hier als Spiegelfläche, die es ihm ermöglicht, seine Umgebung zu mustern, die Medusa auszumachen und sie daraufhin dann zu enthaupten, ohne Gefahr zu laufen, dass er beim Anblick versteinern würde. SPRECHERIN: Der Spiegel ermöglicht uns, Dinge zu sehen, die wir ohne ihn, nicht sehen könnten. Als technisch ausgeklügeltes Hilfsmittel erweitert er unseren Blick sogar ins Unendliche. Den Anfang machte Newtons berühmtes Spiegelteleskop aus dem Jahr 1668. Heute steht das größte Teleskop der Welt mit einem Spiegeldurchmesser von 39 Metern in der chilenischen Atacamawüste. Mit Hilfe dieses „Extremely Large Telescope“ wollen europäische Forscher herausfinden, wie Planeten entstehen und ob es außerirdisches Leben gibt. Doch auch der einfache Spiegel dient Menschen schon lang dazu mehr zu sehen als mit dem bloßen Auge möglich: O-TON 07 Heidrun Alzheimer Wir kennen das Volkacher Stadtbuch aus dem Jahr 1504, und da sehen wir Marktstände, an denen Spiegel feilgeboten werden. Es waren runde Gebilde, die eingefasst waren von einem wulstartigen Polster. Mit diesem Polster waren sie zum einen bruchsicher eingepackt, und zum anderen aber lagen sie damit auch gut in der Hand. Und Wallfahrer haben zur Reichskleinodien-Schau solche Spiegel mitgenommen, weil, das muss man sich so vorstellen, dass das ein riesiger Andrang von tausenden von Leuten vor den jeweiligen Kirchen war. Die Kurfürsten haben die Reichskleinodien gezeigt und um einen Blick darauf zu erhaschen, hat man Spiegel dabeigehabt und hat dann quasi den Segen, der von diesen Objekten ausging, in dem Spiegel aufgefangen. MUSIK 8: Nostalgia – Impressionism - 43 Sek SPRECHER: Zur Selbst-Betrachtung waren Spiegel im Christentum lange jedoch verpönt, denn Eitelkeit galt neben Geiz und Neid als eine der sieben Todsünden, lenkte sie doch die Aufmerksamkeit von Gott ab und verschwendete damit kostbare Lebenszeit. Memento Mori, bedenke dass du sterblich bist, war das Motto des Christentums und manche Darstellungen gerade des Barock zeigen eine schöne junge Frau sich im Spiegel betrachtend, um sie herum Symbole der Vergänglichkeit. Dennoch benutzten auch Christen Spiegel, um sich selbst zu sehen, sogar die besonders frommen. O-TON 08 Heidrun Alzheimer Wir kennen aus barocken Frauenklöstern sogenannte Nonnenspiegel. Das war ein Spiegel, auf die man ein Medaillon mit Heiligen aufgebracht hat und zusätzlich außenherum Verzierungen aus Leonischen Drahtwaren, das waren Gold- und Silberfäden. Damit wirken diese Spiegel auf den ersten Blick wie Heiligenbilder, die man sich legitimerweise als Nonne in seine Klosterzelle gehängt hat, für Andachtsübungen, aber in den Zwischenräumen zwischen dem Heiligenbild und diesen Ornamenten außenherum konnte man sich ja doch noch erkennen. Und so haben die Nonnen ihren Wunsch kaschiert, sich im Spiegel zu betrachten und konnten das Verbot, in den Spiegel zu schauen, durch den Vorwand der Heiligenverehrung geschickt und ungestraft umgehen. MUSIK 9: Me so selfie – 30 Sek SPRECHER: Mancher blickt auch heute nur verschämt und ungern in den Spiegel, viele jedoch mit der größten Selbstverständlichkeit: Sich selbst in Szene zu setzen, sein äußeres Erscheinungsbild zu optimieren scheint eine Grundvoraussetzung für Erfolg zu sein und ist gesellschaftlich völlig anerkannt. Wohl kaum eine Generation bespiegelt sich so viel wie die aktuelle – Stichwort Selfie. (Musik aus) Die Umdeutung von christlichen Todsünden zu erfolgsversprechenden Charaktereigenschaften ist jedoch keineswegs ein Phänomen unserer Zeit, sie begann vielmehr schon in der Renaissance und war eine Voraussetzung für die Industrialisierung, wie Heidrun Alzheimer erläutert. O-TON 09 Heidrun Alzheimer Also die Selbstoptimierung und der gewisse Stolz auf das, was man geleistet hat, das hätte man früher als eine Untugend oder vielleicht sogar sündhaft bezeichnet. Und seit der Renaissance und vor allem dann in der Neuzeit ist es zu einer positiven Eigenschaft umgemünzt worden. Geiz wird zum Beispiel als Sparsamkeit uminterpretiert, Habgier als die Triebfeder für das Anhäufen von Kapital. Und durch dieses Kapital ist dann später erst die Industrialisierung überhaupt möglich geworden. Und der Neid fördert den Konsum, ist also auch positiv umgemünzt worden. Gefährliche Leidenschaften wurden zu Tugenden umgemünzt, und seit der Neuzeit versucht man, diese unvermeidlichen Neigungen so zu kanalisieren, dass sie den Wohlstand und das Glück der Allgemeinheit stärken oder vergrößern. SPRECHERIN: In der Aufklärung verliert der Spiegel dann auch all seine magischen Komponenten, wird aber zu einem hochgeschätzten und äußerst wichtigen Alltagsgegenstand. Letztlich geht es auch hier um Selbstoptimierung. O-TON 10 Heidrun Alzheimer Ein berühmtes Beispiel dafür ist Johann Krünitz’ ökonomisch technologische Enzyklopädie. Darin heißt es, ohne den Spiegel würden die Menschen doch nur sehr unvollständig und mit vielen Schwierigkeiten ihre Toilette machen können. Und weiter: Er ist hierbei ein zwar stummer, aber doch sehr sicherer Ratgeber. Er ist ein Wahrsager, der nicht Schmeichler der Matronen und Greise. Er gilt als Mittel, den Körper reinlich zu erblicken, die Haare zu machen und seinen Anzug gehörig zu ordnen, überhaupt alle Teile zu betrachten, wohin das Auge allein nicht reichen kann, um ihre Mängel zu entdecken. Er ist das notwendigste Möbel vom Palast bis zur Hütte geworden. MUSIK 10: 1.1_5-illusionofchoice.mp3 – siehe vorn – 25 Sek SPRECHERIN: Je bedeutender und wichtiger es wurde, sich zu spiegeln, desto besser wurden auch die Spiegel selbst. Zunächst betrachtete man sich in polierten Kupferplatten, später wurde Kupfer durch Bronze ersetzt. Im ersten Jahrhundert nach Christi stellte man dann die ersten Glasspiegel her. Diese wurden von Hand geblasen, wie Fabian Estermann erklärt: O-TON 11 Fabian Estermann Bereits zu dieser Zeit gab es dann schon die Glasbläserei und in diesen Glasballon wurde dann flüssiges Blei gegeben, was sich dann auf der Innenseite der Glaskugel dann sozusagen absetzte und damit diese benötigte Spiegelschicht bildete. Der Glasballon wurde dann anschließend zerteilt und diese Kleinteile wurden dann gerahmt, sodass sie besser handhabbar waren. Der Rahmen bestand geradezu Anfangszeiten, auch meistens aus Blei. Bedingt durch das Herstellungsverfahren waren diese Spiegel allerdings vergleichsweise klein, also sie hatten einen Durchmesser vielleicht von vier Zentimetern, und immer konvex, das heißt nach außen hin gewölbt, womit auch das Spiegelbild selber verzerrt war und sicherlich eben auch ein kleiner Nachteil gegenüber den Metallspiegeln, die doch eine ebene Fläche aufwiesen. SPRECHERIN: Deshalb existierten Metall- und Glasspiegel auch bis ins 17. Jahrhundert nebeneinander. Erst das so genannte Schmelz-Gussverfahren aus Frankreich erlaubte es dann richtig große Glasflächen herzustellen, die dann mit Zinn verspiegelt wurden. Diese großen Spiegelflächen machten sich die Mächtigen der Zeit schnell zu Nutze: Musik 11: Entrée pour la Maison de France – 19 Sek Prunkvolle Spiegelsäle wie in Versailles, auf Herrenchiemsee oder in der Würzburger Residenz sollten Besucher beeindrucken und Macht demonstrieren. Neben der Repräsentation dienten Spiegel jetzt aber auch der bloßen Unterhaltung. O-TON 12 Heidrun Alzheimer Beim Adel waren außerdem verspiegelte Irrgärten noch sehr beliebt, so zur Unterhaltung, wenn man eine Gesellschaft gegeben hat, und dafür wurden extra sogenannte Spiegellabyrinthe angelegt und in ihnen täuschen großflächige Spiegel unendliche Korridore vor. Oder sie stellen auch Barrieren dar. Also man ist dann auf ein Spiegelbild zugelaufen in der Meinung, da geht es jetzt gleich weiter, da kommt man rechts oder links um die Ecke, und in Wirklichkeit war es eine Barriere, und man musste wieder umkehren. Für die einfachen Leute hat es ähnliche Einrichtungen gegeben, nämlich sogenannte Zerr-Spiegel. Gegen Eintritt konnte man in kleine Lachkabinette gehen und darin hat man sich dann in seinem Spiegelbild grotesk verzerrt gesehen, also extrem dick oder spindeldürr oder ganz stark verbogen. Musik 12: Bella – 30 Sek SPRECHER: So wie der Spiegel also einerseits als Garant der Wahrheit und weiser Ratgeber wahrgenommen wird, so kann er auch genau das Gegenteil verkörpern: Spiegel können die Wahrheit verzerren, Durchgänge vortäuschen, die es sie gar nicht gibt, Größe und Weite vorgeben, wo in Wirklichkeit Enge herrscht. Und genauso können sie auch statt Wahrheit Unglück bringen oder auch zutiefst verunsichern. O-TON 13 Heidrun Alzheimer Auch ner abergläubischen Vorstellungen entspricht, dass man keinesfalls in einen zerbrochenen Spiegel reinschauen soll, also in einen Spiegelscherbe. Angeblich soll das Unglück bringen, der Mensch zerbricht selber an einer Krankheit oder an einem Unfall. Und früher gab es auch die pädagogische Vorschrift, dass man kleine Kinder bis zu einem Jahr niemals in einen Spiegel schauen lassen sollte, weil sonst bekämen sie Albträume, oder sie würden besonders eitle Menschen werden. MUSIK 13: Nr. 1: The brides (orig.) – 1:06 Min SPRECHER: Ist es nicht auch merkwürdig, dass wir im Spiegel etwas sehen, das einerseits existiert, sich bewegt, da ist und andererseits nicht da ist, nicht zu greifen ist? Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb man dem Spiegelbild lange eine eigene Existenz zusprach, es als etwas Geisterhaftes, aber irgendwie doch Wirkliches ansah. Häufig wird das Spiegelbild auch als ‚Seele des Menschen‘ bezeichnet, ist also gerade nicht bloßer Schein, sondern etwas Höheres, vielleicht auch Reineres als der Mensch als Ganzes. Vampire haben dementsprechend kein Spiegelbild und verliert ein Mensch sein Spiegelbild wie z.B. in Erzählungen des Romantikers E.T.A. Hoffmann, dann hat er sich selbst verloren. MUSIK 14: Bella – siehe vorn – 31 Sek SPRECHERIN: Je länger man sich mit dem Spiegel befasst, desto facettenreicher und widersprüchlicher erscheint er. Doch, ob Wahrsager, Wegbereiter, Lügner oder Unglücks-Bringer – letztlich ist das, was wir im Spiegel sehen, doch immer wieder nur ein Abbild unserer selbst, unserer eigenen Sehnsüchte, Vorstellungen und Irrtümer.
- Kinder haben Rechte - Die Geschichte der Kinderrechte
12.06.2025 · 23 Min.
Spielen statt arbeiten, lernen dürfen, vor Gewalt geschützt sein: Kinderrechte waren lange nicht selbstverständlich. Bis zur UN-Kinderrechtskonvention war es ein weiter Weg: Erst nach und nach wurde Kinderarbeit im 19. Jahrhundert eingeschränkt und das Recht auf Bildung verankert. Ein Streifzug durch die Geschichte. Von Elsbeth Bräuer (BR 2022)
- Hunde und ihr Geruchssinn - Die Supernasen im Tierreich
12.06.2025 · 22 Min.
Die Hundenase ist ein echtes Hochleistungsorgan. Hunde verfolgen Wild, spüren Verschüttete auf, erschnüffeln Drogen oder Sprengstoff und können sogar Krankheiten am Geruch erkennen. Ihre Nasenlöcher nehmen unabhängig voneinander Gerüche wahr. Doch nicht nur das macht die Hundenase so besonders. (BR 2021) Autorin: Claudia Steiner Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Werner Härtl Technik: Peter Preuß Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Christoph Lipp (Polizeihundestaffel München); Carola Fischer-Tenhagen (Dr.; Tiermedizinerin, Privatdozentin an der Freien Universität Berlin); Juliane Bräuer (Dr.; Biologin, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik 1 „Curious Tension“ – Z8034434106 – 41 Sek + ATMO 1 (Polizeihundestaffel, Take 5, 1.10 / Schnüffeln) SPRECHER Hank schnüffelt was. ATMO 1 (Schnüffeln) SPRECHER Wenn der belgische Schäferhund der Münchner Polizeihundestaffel eine Spur verfolgt, zieht er bis zu 300 Mal pro Minute durch die Nase Luft ein und stößt sie wieder aus. Hunde verfolgen Wild, spüren Verschüttete auf, erschnüffeln Drogen oder Sprengstoff. Weil sie so hoch empfindliche Nasen haben, werden sie gerne bei der Jagd, beim Retten von Verschütteten, beim Zoll oder eben auch von der Polizei eingesetzt. Hanks Herrchen, Christoph Lipp, ist Polizist und arbeitet bei der Hundestaffel der Münchner Polizei: O-TON 1 (Lipp, 1, 1.27) Ich glaube Rauschgifthunde, Sprengstoffhunde, auch Leichenhunde, Brandmittelspürhunde oder Alpin-Suchhunde hat bestimmt jeder schon mal gehört. Das ist auch bei uns so: Jeder Hund bei uns hat eine Spezialausbildung. Der Hank zum Beispiel ist ein Sprengstoffsuchhund. Dann haben wir natürlich Rauschgifthunde, Banknotenhunde und einen Leichensuchhund. Zusätzlich haben wir noch ein paar Spezialisten, das sind die Personensuchhunde, so landläufig auch ganz gern als Mantrailer bekannt. SPRECHER Mantrailer suchen einen bestimmten Menschen. Sie kommen zum Einsatz, wenn etwa eine verwirrte Person aus einem Seniorenheim weggelaufen ist. Vor der Suche wird dem Hund eine Geruchsprobe des Gesuchten vorgehalten, zum Beispiel ein Kleidungsstück. Der Hund soll dann die spezifische Spur finden und ihr folgen. ATMO (Bellen, Jaulen) SPRECHER Hank ist ein ziemlich verschmuster Polizeihund. Er will gestreichelt werden, schmiegt sich an, ist verspielt, aber sobald er mit Christoph Lipp trainiert, ist der Rüde wie ausgewechselt. Er ist aufmerksam, fokussiert und hochkonzentriert: O-TON 2 (Lipp, 1, 9.31) Er kann ganz stark unterscheiden zwischen: wir befinden uns jetzt in einem Ruhemodus und einem Spaßmodus und jetzt geht es ernsthaft zur Sache. Und dann werden sie den Hund auch nicht wiedererkennen. (…) Da ist dann Schluss mit: Ich freue mich jetzt mal so riesig. SPRECHER Auf dem Gelände der Polizeihundestaffel in München trainieren die Hundeführer regelmäßig mit ihren Hunden. Fuß, Platz, Bring, Steh, Aus, Hier – sind nur einige der Kommandos, die die Tiere befolgen können müssen. Sie lernen auch, wie man zum Beispiel Einbrecher verbellt. ATMO 2 (Lipp, 4, 6.52) (Polizei kommen sie raus, sonst kommt der Diensthund, Hank bellt) SPRECHER Oder üben eben – wie im Fall von Hank – die Suche nach Sprengstoff: O-TON 3 (Lipp, 3, 0.08) Das ist ein militärischer Sprengstoff, PETN. Man sieht: Es schaut aus wie ein bisschen Knetmasse. Das ist sehr handhabungssicher, da müssen wir uns keine Gedanken machen, dass uns was passiert. (Redet mit dem Hund …) SPRECHER Zur Demonstration versteckt Christoph Lipp die Plastiktüte mit dem Sprengstoff in einer Garage. Er legt den Beutel in eine Metallschublade – Hank ist ein Stück weit entfernt und sieht nicht, wo sich der Sprengstoff befindet. Dann macht sich Hank auf die Suche. Er läuft durch den Raum und schnüffelt: O-TON 4 (Lipp, 4, 17.15 ) Haben Sie das Verhalten vom Hund gerade gemerkt, als er in diese Geruchswolke reingekommen ist. Der ganze Hund verändert sich, wird wesentlich aufgeregter und dann zum Schluss, wenn er es lokalisiert hat - ruhiger. …. SPRECHER Wie versteinert steht Hank vor der Schublade. Seine feuchte Nase ist ein paar Zentimeter von dem Sprengstoff entfernt. Seine Muskeln sind angespannt, er bewegt sich keinen Millimeter – bis er das Kommando von Christoph Lipp hört: O-TON 5 (…weiter von O-Ton 4) O.k. … Und er soll gar nicht versuchen, in diese Schublade reinzukommen oder sonst was. Er soll nur zeigen: Da ist es. (…) Wir nennen das Ganze „Einfrieren“, das hat man, glaube ich, ganz schön gesehen. Selbst die Rute ist komplett ruhig. Also der ganze Hund ist ruhig und zeigt nur noch mit der Nase. Musik 2 „dogstep“ - Z9509547103 – 15 Sek. + Hunde-Atmo SPRECHER Was macht Hundenasen so außergewöhnlich? Hunde gehören mit ihrer feinen Nase zu den Makrosmatikern. Der Geruchssinn von Makrosmatikern ist sehr gut entwickelt und spielt eine große Rolle innerhalb der Sinne. Auch Mäuse und Ratten gehören zu den Tieren, die sich vor allem über ihren Geruchssinn orientieren, so Carola Fischer-Tenhagen. Die promovierte Tiermedizinerin ist Privatdozentin an der Freien Universität Berlin: O-TON 6 (Tenhagen, 1, 8.40 / 8.20) Es gibt ja dieses doch relativ bekannte Projekt, wo in Afrika Ratten eingesetzt werden. Das sind spezielle Ratten, also so Riesenratten, um Sprengstoff zu schnüffeln. Also die versuchen auch in Angola, die Minenfreiheit dort mit den Ratten zu erarbeiten. / Also tatsächlich sind Ratten sogar besser als Hunde, und Mäuse sind auch sehr, sehr gut. Und warum arbeiten wir nicht so viel mit Ratten? Wir arbeiten ja mit Ratten, auch als Riechtiere, aber ich glaube, dass uns der Hund einfach viel sympathischer ist zum Trainieren ATMO (Schnüffeln) SPRECHER Die Anatomie der Hundenase ist besonders gut geeignet, um Gerüche aufzunehmen. Hunde saugen beim Schnüffeln die Luft mit hoher Frequenz in die Nasenlöcher ein. Ihre Nasenlöcher können unabhängig voneinander Gerüche wahrnehmen. Sie riechen also „stereo“. So können sie sich mit ihrer Nase räumlich orientieren und zum Beispiel erkennen, in welche Richtung ein Gesuchter gelaufen ist. Um diese räumliche Orientierung zu bestätigen, haben Forscher in den USA bei einer Studie eine solche Such-Situation nachgestellt, sagt Juliane Bräuer. Die promovierte Biologin leitet die Hundestudien am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena: O-TON 7 (Bräuer, 1, 7.29) Die Forscher wollten wissen, wie der Hund jetzt herausbekommt, ob der Mensch da von links nach rechts oder von rechts nach links gelaufen ist. (…) Die haben nämlich mit Teppichquardern gearbeitet und haben also immer Teile der Spur einfach weggenommen, und haben festgestellt: Der Hund braucht fünf Fußtapsen sozusagen, um zu wissen, in welche Richtung er gehen muss. Mit fünf schafft er das schon und dann macht er das offensichtlich über die Konzentration, weil die Konzentration ja sozusagen Richtung Mensch dann zunimmt. Musik 3 – „Curious tension“ – Z8034434106 - 51 Sek SPRECHER Hunde haben verschachtelte Nasengänge mit einer sehr großen Riechschleimhaut. Bei einem mittelgroßen Hund ist die Schleimhaut etwa 100 Quadratzentimeter groß und damit zehnmal so groß wie bei einem erwachsenen Menschen. Auf dieser Schleimhaut befinden sich Riechzellen. Auch das Riechhirn ist bei Hunden recht groß. Zum Vergleich: Bei Hunden ist das Riechhirn im Verhältnis zum Gesamthirn 40-mal größer als bei Menschen. Entwicklungsgeschichtlich gesehen gehört das Riechhirn zu den ältesten Teilen des Gehirns. Das Zusammenspiel zwischen ihrer hoch entwickelten Nase und dem Gehirn ermöglicht es Hunden, Gerüche sehr gut wahrzunehmen und im Fall von ausgebildeten Hunden, spezifische Gerüche anzuzeigen, sagt Carola Fischer-Tenhagen: O-TON 8 (Tenhagen, 1, 3.16) Das heißt, wenn diese eingeatmete Luft jetzt (…) über diese Riechzellen gleitet, heften die Moleküle an bestimmte Rezeptoren. Das kann man sich so wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip vorstellen. Und dann, wenn eben diese Kombination von dem gewünschten Geruch da sind, dann kommt so eine Erregung in den Riechzellen, die gleichzeitig eine Verbindung zu dem Riechhirn haben, also eine sehr direkte Verbindung. Und dann kommt es eben zu der Wahrnehmung des Geruchs. Und wenn der Hund dann eben das auch gelernt hat, also das ist eine Konditionierung, (…) dann kann er eben ein bestimmtes Verhalten auf diesen Geruch zeigen, nämlich seinem Herrchen Bescheid sagen: ‚He du, ich hab‘ da was gerochen.‘ SPRECHER Die Geruchsmoleküle werden sowohl beim Einsaugen als auch beim Ausströmen der Luft über die Riechschleimhaut geleitet, sodass die Geruchsmoleküle gleich zwei Mal die Möglichkeit haben, an einen Rezeptor zu gelangen. ATMO Bellen /Winseln + Musik 4: „dogstep“ – Z9509547103 – 35 Sek SPRECHER Bei der Polizei werden gerne deutsche und belgische Schäferhunde, aber auch Riesenschnauzer eingesetzt, grundsätzlich haben aber auch andere Hunderassen sehr gute Nasen. Selbst Möpse mit ihren platten Nasen haben bei Tests sehr gut abgeschnitten. Polizeihunde müssen nicht nur verschiedenste Kommandos lernen, so dass sie beim Einsatz aufs Wort folgen, sie müssen auch trainieren, dass es eben auf einen spezifischen Geruch ankommt und diesen dann dem Hundeführer anzeigen. Die Ausbildung dauert ein bis zwei Jahre, sagt Hundeführer Christoph Lipp: O-TON 9 (Lipp, 1, 11.27) Alle unsere Hunde sind nach einem Belohnungsprinzip ausgebildet, im Endeffekt das Pawlow’sche-Prinzip. Erst mal Klicker beigebracht. Da muss man ausholen, der Klicker ist halt einfach ein Instrument, mit dem ich den Hund erst einmal beibringe. Immer wenn dieses Geräusch erfolgt, passiert was Gutes für dich. SPRECHER Der russische Wissenschaftler Iwan Petrowitsch Pawlow hatte Anfang des 20. Jahrhunderts Lernprozesse wie die Konditionierung erforscht. Er stellte fest, dass man Hunde dazu bringen kann, dass sie mit Speichelfluss reagieren, wenn man einen Glockenton erklingen lässt. Diese Reaktion ist ein erlernter Prozess, denn normalerweise reagieren Hunde nur beim Anblick von Futter mit Speichelfluss. Dieses Belohnungsprinzip nutzen auch die Hundeführer der Polizei: O-TON 10 (Lipp, 1, 11.27 …weiter) Pawlow hat das eben mit Futter gemacht. Wir haben das Ganze mit Futter und einem Spielzeug noch zusätzlich verknüpft. Das heißt, je nach Hund und je nach Situation möchte ich, dass der Hund sich richtig, richtig freut. Und er steht mehr aufs Spiel. Dann nehme ich das Spielzeug, ist er eher von der Sorte: Ich stehe aber mehr auf Futter. Dann kann ich natürlich so arbeiten, oder ich kann auch so arbeiten, indem ich sage, beim Spielen wird er zu aufgeregt. Dann kann ich das Ganze bisschen dosieren und sagen: Jetzt kriegst du nur ein Futterstückchen, da freust du dich zwar auch, aber das ist nicht das höchste der Belohnungen für dich. Also, da muss man so ein bisschen Fingerspitzengefühl walten lassen, wann man welche Belohnung wählt. ATMO 3 (Lipp, 4, 7.42, Ja super machst du das ….) + ATMO Hund winselt SPRECHER Für die Polizeiarbeit sind Hunde so wertvoll, weil sie Gerüche differenzieren und einzelne Geruchselemente herausriechen können. Christoph Lipp vergleicht das mit Essensgeruch: O-TON 11 (Lipp, 1, 16.22) Wenn Sie nach Hause kommen, und der Mann hat einen Schweinebraten gekocht. Dann machen Sie die Tür auf und sagen: Oh, es riecht nach Schweinebraten. Sie haben so eine Gesamtduftwolke einfach vor sich. Und der Hund würde zur Tür hereinkommen. Und der riecht den Gesamtgeruch und kann zwischendrin noch raus riechen. Da ist Pfeffer, da ist vielleicht ein bisschen Knoblauch noch mit drin. Und das macht die Hundenase für uns eben auch in der Spezialsuche so wertvoll, weil sonst könnte ich ja rein theoretisch einfach nur einen Duftstoff nehmen, der stärker riecht wie das, was der Hund suchen soll, um es zu überdecken. Und das funktioniert halt einfach nicht. SPRECHER Das heißt, wer denkt, er könnte den Geruch von zum Beispiel Cannabis mit stark riechenden Gewürzen überdecken, scheitert bei einer Kontrolle an den empfindlichen Supernasen. Musik 5: „Gangsta luv“ – Z9376301004 -12 Sek + Atmos Hund SPRECHER Hunde können auf alle möglichen Gerüche trainiert werden, nicht nur auf Cannabis, Kokain oder Heroin, Sprengstoff oder Falschgeld, sondern auch auf bestimmte Krankheiten. Zumindest deutet einiges darauf hin, sagt die Tierärztin Fischer-Tenhagen: O-TON 12 (Tenhagen, 1, 9.42) Also es gibt Hinweise dafür, dass das funktioniert. Und da sind wir bei verschiedenen Krebserkrankungen. (…) Dann diverse Viruserkrankungen. Das ist ja jetzt mit Corona ganz aktuell gewesen, dass schnell Berichte kamen, dass Hunde Coronaviren erkennen können. SPRECHER Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und der Bundeswehr haben herausgefunden, dass speziell ausgebildete Spürhunde aktive Corona-Speichelproben identifizieren können. Nach einem nur siebentägigen Training konnten die Spürhunde Corona anzeigen – was sie allerdings genau riechen, ist unklar. Es wird vermutet, dass die Hunde Veränderungen im Stoffwechsel riechen, die durch eine Infektion ausgelöst werden. Doch das sind nicht die einzigen Einsatzmöglichkeiten in der Medizin, weiß die Forscherin: O-TON 13 (Tenhagen; 1, 10.02) Und dann gibt es auch gewisse Bakterien-Erkrankungen, die der Hund erschnüffeln kann. Dann gibt es ja Diabetes-Anzeige-Hunde, wobei bei diesen Diabetes-Anzeige-Hunden genauso wie diesen Epilepsie-Anzeige Hunden nicht 100-Prozent klar ist, ob es tatsächlich der Geruch ist (…) oder auch andere Veränderung, die (…) Menschen kurz vor einem Anfall haben. Dass sie die spüren, was ja eigentlich egal ist. Hauptsache, der Hund zeigt es an. Musik 6: „Surgery“ – C1576650112 – 39 Sek SPRECHER Forscher der Universität Neapel Federico II haben herausgefunden, dass Hunde sogar Gefühle riechen können. Dafür mussten sich Hundebesitzer verschiedene Videos anschauen, währenddessen wurden Geruchsproben genommen. Wenn die Besitzer einen angsteinflößenden Film angesehen hatten, reagierten die Hunde auf die Geruchsprobe angespannt. Ihre Herzfrequenz erhöhte sich. Schauten sich die Besitzer dagegen einen schönen Film an, reagierten die Hunde auf die Geruchsprobe entspannt. Musik aus. SPRECHER Damit die Hundenase gut funktioniert, muss sie immer feucht sein. Bei hohen Temperaturen riechen Hunde schlechter, sagt die Berliner Tierärztin: O-TON 14 (Tenhagen, 1, 14.55) Diese Geruchsmoleküle müssen sich schon auch ausbreiten können, und dafür braucht es eben eine gewisse Luftfeuchtigkeit. Und das wissen wir auch. (…) Die Riechschleimhaut muss feucht sein, um diese Gerüche dann eben auch transportieren zu können. SPRECHER Und auch wenn der Wind aus der falschen Richtung kommt, ist es für Hunde schwieriger, einer Spur zu folgen. Um überhaupt riechen zu können, müssen Hunde ihre Nase ‚aufmachen‘, also aktiv schnüffeln. Bei normaler Atmung erreichen nur etwa zwei Prozent der in der Luft enthaltenen Duftstoffe die Riechzellen, unter anderem weil dann auch Luft durch das Maul strömt. Das heißt, es scheint, als könnten Hunde ihre Nase an- und abschalten. Juliane Bräuer: O-TON 15 (Bräuer, 1, 11.35) Einer Sache, der ich jetzt so ein bisschen auf der Spur bin, ist die Frage, wie gut Hunde eigentlich riechen, wenn sie nicht schnüffeln. Und es gibt da auch Anatomen, die sagen: Ein Hund kann überhaupt nichts riechen, wenn er zum Beispiel hechelt, weil wenn er hechelt, geht die Luft durch den Mund (…) und wird nicht durch die Nase gedrückt und die Nasenschleimhaut kann das schlecht aufnehmen und deshalb kann der relativ schlecht riechen. SPRECHER In einer der Studien von Juliane Bräuer mussten Hunde ihren Besitzer suchen. Dabei fiel auf, dass einige Hunde erst einmal offenbar keine Spur aufgenommen haben. (O-TON 16 (Bräuer, 1, 11.35 weiter… ) Und tatsächlich in unserer Studie mit den Besitzern, da gab es Hunde, die sind sofort los und haben den Besitzer gesucht und dann gab es Hunde – eingeschlossen mein eigener - der 20 Meter vom Besitzer entfernt saß und einfach offensichtlich die Nase nicht aufgemacht hat, also eben nicht geschnüffelt hat und gar nicht mitgekriegt hat, dass der Besitzer ganz nah war. ATMO Wald + ATMO Schnüffeln SPRECHER Hunde setzen ihre Nase ein, wenn sie zum Beispiel bei einem Spaziergang im Wald eine Spur wittern – ganz normal. Aber die echte Riecharbeit ist für Hunde ein Knochenjob. Nach einem „Riech“-Einsatz, also zum Beispiel bei der Suche nach Verschütteten oder nach Sprengstoff, sind die Tiere richtig erschöpft, sagt Hunde-Expertin Carola Fischer-Tenhagen: O-TON 17 (Tenhagen, 1, 23.28) Ja, es ist sehr anstrengend. Ja, also das sieht man auch immer schön. Sie können gerne mit ihrem Hund drei Stunden spazieren gehen (… ) und er wird sich zehn Minuten hinlegen und dann wieder sagen: Okay, jetzt spielen wir wieder was. Aber wenn sie mit dem Hund 20 Minuten Nasenarbeit machen, dann ist er für den Tag auch zufrieden. (…) Es erfordert eine unglaubliche Konzentration. SPRECHER Auch Polizeihund Hank ist nach Einsätzen erschöpft, erzählt Christoph Lipp: O-TON 18 (Lipp, 4, 13.47) Die Nasenatmung geht beim Hund, in der Spezialsuche und vor allem in der Feinsuche, steigt die an bis auf ungefähr 300 Mal ein- und ausatmen durch die Nase und Gerüche aufnehmen in der Minute. Und das ist halt schon immens. Da gibt es auch eine Studie von der Bundeswehr: So 20 bis 25 Minuten Spezialsuche sind vergleichbar, wie wenn ein Mensch einen Marathon laufen würde. Also die sind da tatsächlich dann auch erst mal richtig geschafft danach. SPRECHER Dass Hunde gut riechen können, ist unumstritten. Doch was im Hundekopf vorgeht, wenn sie eine Spur wittern, ist noch relativ unerforscht. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass Hunde eine Vorstellung von dem Objekt oder der Person haben, deren Spur sie folgen. Diese Frage interessiert auch die Biologin Bräuer. Sie befasste sich in zwei Studien damit, ob Hunde bei der Aufnahme einer Geruchsspur eine sogenannte mentale Repräsentation des Zielobjekts besitzen, also ob sie wissen, was sie am Ende der Spur erwartet: O-TON 20 (Bräuer, 1) Und was wir gemacht haben in der ersten Studie, wir haben ein Spielzeug genommen, ein Spielzeug, das der Hund wirklich mochte, (…) und dann haben wir dieses Spielzeug, zum Beispiel einen Ball den Boden lang gerollert durch drei Räume durch und haben es dann hinter einer von vier Barrieren versteckt und dann haben wir den Hund das Spielzeug suchen lassen, und in dem entscheidenden Experiment oder in der entscheidenden Bedingung haben wir dieses Spielzeug ausgetauscht, und zwar mit einem anderen Spielzeug, das der Hund ebenso mochte. Und da haben wir geschaut, wie der Hund die Spur verfolgt und was er macht, wenn er sozusagen das Falsche findet, …und die Idee war: Würde der Hund überrascht sein, wenn das Spielzeug sozusagen ersetzt worden war oder eben nicht. Und wenn er überrascht ist, dann spricht es dafür, dass er eben genau dieses Spielzeug, also eben den Ball gesucht hat und auch erwartet hat, diesen Ball am Ende der Spur zu sehen. SPRECHER Es zeigte sich, dass Hunde zögerten, das am Ende der Spur versteckte Spielzeug zu bringen, wenn es nicht der Geruchsspur entsprach. Das deutet darauf hin, dass Hunde wissen, was sie riechen und überrascht reagieren, wenn sie zum Beispiel der Spur eines Balles folgen und am Ende aber nicht ihren Ball, sondern ihr Plüschtier finden. Viele Hunde suchten bei dem Versuch deshalb weiter nach dem „richtigen“ Objekt. Allerdings verschwand dieser „Überraschungseffekt“ in den nachfolgenden Durchgängen. Warum, ist unklar. Ein Grund könnte sein, dass die Hunde, egal welches Spielzeug sie apportiert hatten, durch Spielen belohnt wurden, oder auch daran, dass es im Raum noch nach den Spielzeugen der voran gegangenen Testdurchgänge roch, so Bräuer. In einer zweiten Studie untersuchte die Forscherin, deren Fachgebiet die vergleichende Psychologie ist, eine ähnliche Situation: O-TON 21 (Bräuer, 1, 4.04) In dieser Studie haben die Hunde ihren Besitzer gesucht, und wir hatten in der kritischen Bedingung wieder den Besitzer ausgetauscht: Das heißt, sie haben jetzt vielleicht die Spur von Frauchen in der Nase gehabt, und am Ende der Spur war Herrchen. Und auch da haben wir gesehen, dass sie viel, viel aktiver waren in der Bedingung, wo der Besitzer oder die Besitzerin ersetzt worden war, obwohl klar ist, dass sie beide genauso doll mögen (…) wenn die ersetzt waren, haben sie den jeweils anderen gesucht und das spricht eben dafür, dass wirklich was in ihrem Kopf vorgeht, was darüber hinausgeht, dass sie einfach nur denken: ‚Gute Spur, gute Spur, muss ich hinterher“. SPRECHER In vielen Bereichen sind Menschen Tieren in kognitiven Dingen weit überlegen. Doch in Bezug auf Gerüche ist es umgekehrt. Das macht die Forschung extrem schwierig, betont Juliane Bräuer: O-TON 22 (Bräuer, 1, 27.42) Wir testen ansonsten meistens Fähigkeiten, wo wir Menschen den Tieren eindeutig überlegen sind, und das ist dann auch relativ einfach, sich einen Test auszudenken, aber wenn der Hund mir jetzt überlegen ist, dann ist das was ganz Anderes. SPRECHER Für Forscher gibt es deshalb noch viele offene Fragen. O-Ton 23 (Bräuer, 1, 5.19) Wir wissen relativ gut natürlich die Anatomie. Wir wissen auch relativ gut, was Hunde so riechen können, und auch, wie man sie dafür trainiert. Aber wir wissen ganz wenig darüber, (…) was sie denken, wenn sie riechen, und das ist auch das, was extrem schwer zu erforschen ist. Und das ist uns genau bei (…) den beiden Studien richtig aufgefallen. Man muss sich verstellen, wie das ist, wenn man so eine tolle Nase hat, also, wenn man einen Raum betritt und dann gibt es da eben verschiedene Gerüche, also richtig, richtig viele verschiedene Gerüche, und der Hund kann die ja potentiell wahrscheinlich alle wahrnehmen oder die meisten davon und dann wie wählt er aus, wie wählt er aus, was relevant ist und wie verarbeitet er das alles. Das sind so die Fragen, die mich interessieren, aber wir stehen da wirklich sehr am Anfang. Musik 7 „Curious Tension“ – Z8034434106 – 30 Sek + ATMO (Schnüffeln + Knurren) SPRECHER Die ältesten Freunde des Menschen leben in einer Geruchswelt, die uns nicht zugänglich ist. Noch wissen wir viel zu wenig über die Supernasen. Klar ist jedoch: Selbst in hochtechnisierten Zeiten ist die leistungsfähige Nase von Hunden in vielen Bereichen unverzichtbar. Musik und Atmo aus.
- Anderes Alter, andere Zeit - Warum ändert sich unser Zeitgefühl?
12.06.2025 · 23 Min.
Die Sommer der Kindheit haben scheinbar ewig gedauert. Und auch die Jugend war eine Lebensphase, in der Zeit reichlich vorhanden war und nur sehr langsam verging. Aber je älter wir werden, desto mehr rasen die Jahre dahin. Woran liegt das? An Routinen und Automatismen, die sich im Laufe des Lebens etablieren? Von Daniela Remus (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Anja Scheifinger Es sprach: Caroline Ebner Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Jacob Bellmund, Max Planck Institut für Kognition und Neurowissenschaften Prof. Tatjana Tchumatchenko, Neurowissenschaftlerin, Universität Bonn Dr. Marc Wittmann, Zeitforscher, Universität Freiburg Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Welt in unter 30 Minuten besser verstehen? Das geht nicht? Doch, das zeigt der tagesschau Podcast 11KM. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN Pommes, ein mit Eis verschmiertes Handtuch, Süssigkeiten und der Geruch von Sonnencreme. ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN Wie habe ich die Sommer früher genossen. Mit Freundinnen und Freunden lagen wir stundenlang auf der Wiese des Freibads. Rannten gemeinsam zum Sprungbecken, übten elegante Köpfer und wasserspritzende Arschbomben. Und irgendjemand wurde jedes Mal mit großem Geschrei von den anderen ins Wasser geworfen… ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN In meiner Erinnerung dauerten diese Sommer eine gefühlte Ewigkeit. Atmo Schlitten? Aber auch die Winter währten grenzenlos lange. Im Rückblick kommt es mir so vor, als hätten wir monatelang Schneemänner gebaut und seien Schlitten gefahren. Aber je älter ich werde, desto kürzer werden nicht nur die Sommer und Winter, nein, ganze Jahre schnurren in meiner Erinnerung zusammen, wie ein Luftballon, dem Luft entweicht. TAKE 1 (O-Ton Wittmann) L. 0, 15 Wenn wir rückblicken auf Zeitintervalle, dann ist der entscheidende Faktor für unser Gefühl für Dauer oder wie schnell ein Intervall vergangen ist, das Gedächtnis. SPRECHERIN Erklärt Dr. Marc Wittmann. Er ist einer der wenigen Forschenden in Deutschland, der sich mit der Wahrnehmung von Zeit beschäftigt. Und zwar am Institut für Grenzgebiete der Psychologie an der Universität Freiburg. Der Psychologe hat herausgefunden, dass vor allem das, was neu ist, vom Gedächtnis besonders intensiv gespeichert wird. TAKE 2 (O-Ton Wittmann) L: 0, 35 Und das erklärt uns auch, warum wir in der Kindheit, im Jugendalter, aber auch im frühen Erwachsenenalter das Gefühl haben, die Zeit war viel länger, wenn wir jetzt zurückblicken, weil so viel Neuartiges passiert ist. Also der erste Kuss, das erste Bier mit den Spezln. Dann ziehen wir aus dem Elternhaus aus, machen eine Ausbildung, Studium etc. diese ganzen Dinge sind so neuartig und einzigartig erst einmal, dass die ganz besonders im Gedächtnis haften bleiben. Und wenn wir uns dann zurückerinnern, dann kommt uns das so lang vor! SPRECHERIN Die Erinnerung an meine scheinbar endlose Kinderzeit ist also erst einmal gar nichts Besonderes. Dass ich mich an vermeintlich grenzenlose Sommer erinnere, an nicht endenwollende Schuljahre liegt nicht daran, was genau ich als Kind und wie erlebt habe, sondern vielmehr daran, wie das menschliche Gehirn arbeitet, und damit auch meins, erklärt Prof. Tatjana Tchumatchenko, Neurowissenschaftlerin an der Universität Bonn: TAKE 3 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0,30 Das Gehirn kennt nur die Aktivität in den einzelnen Bereichen des Gehirns. Also im visuellen Cortex, im auditorischen Cortex, im Bereich, der für Gefühle zuständig ist… also alle Areale liegen dem Gehirn vor und anhand dieser Aktivität in diesen Arealen und der Frage wie komplex, wie aktiv das Gehirn insgesamt ist, anhand dieser Aufnahme schätzt das Gehirn, wie lange etwas gedauert hat. Musik Flatliners Länge: 0´15´ SPRECHERIN Und je mehr komplexe Sinneseindrücke das Gehirn verarbeiten muss, desto länger kommt uns die vergangene Zeit vor. Und zwar im Rückblick, wenn wir uns erinnern. TAKE 4 (O-Ton Tchumatchenko) L. 0, 15 Je komplexer, desto länger wird es für uns erscheinen: Das heißt, wenn wir an die Schulzeit zurückdenken, der erste Schultag kommt unser immer länger vor als der letzte Schultag. Weil der erste Schultag viel mehr Eindrücke hervorgerufen hat, viel mehr Emotionen, viel mehr Sachen waren neu. Musik Flatliners Länge: 0´52´ SPRECHERIN Die Wahrnehmung und Einordnung einer Zeitdauer ist immer eine Rekonstruktion. Das Gehirn stellt sie her, indem es – vereinfacht gesagt - auf seine Gedächtnisinhalte zurückgreift. Denn wir Menschen haben keinen Sinn für die Zeit, so wie wir Augen für das Sehen und Ohren für das Hören haben. Und Erlebnisse, die uns überrascht haben, die uns emotional besonders berührt oder erschreckt haben, werden besonders intensiv erinnert. Deutlich besser als banale Erlebnisse der Alltagsroutine. Diese Eigenschaft des Gehirns ist ein entscheidender Grund dafür, warum es den meisten von uns so vorkommt, als verginge die Zeit immer schneller, je älter wir werden, erklärt Zeitforscher Marc Wittmann: TAKE 5 (O-Ton Wittmann) L: 0, 20 Wenn wir älter werden, dann kommen wir immer mehr in die Falle der Routine, dann sind wir vielleicht 30 Jahre am selben Arbeitsort, im selben Job, und dann werden nicht mehr so viele Dinge als besonders eingespeichert und deswegen kommen uns dann Zeitintervalle irgendwie relativ kürzer vor. Musik Pulsating environments Musik Flatliners Länge: 0´37´´ SPRECHERIN Selbst Jahre, in denen wir, objektiv betrachtet, sehr viel in unserem Leben bewältigt haben, etwa mit frühem Aufstehen, Schulbrote schmieren, Kinder pünktlich zur Schule schicken, Wohnung aufräumen, im Job bestehen, aber auch darauf achten, dass der Kühlschrank gefüllt ist, die alten Eltern besucht, Freunde und Partner nicht vernachlässigt werden: Solche Jahre schnurren oft in der Erinnerung zu kurzen Intervallen zusammen. Weil es nicht ausschließlich die Vielzahl von Erlebnissen ist, die die Zeit im Rückblick dehnt, sondern ganz offenbar auch deren Qualität: TAKE 6 (O-Ton Wittmann) L: 0, 30 Gerade das mittlere Erwachsenenalter ist eigentlich das, wo wir auch den meisten Zeitdruck spüren und die meisten Dinge tun, die Überladung durch einerseits Arbeit, weil wir irgendwo versuchen uns eine gute Position zu ergattern, gleichzeitig vielleicht Familie, Kinder und das muss man alles gleichzeitig unter einen Hut bringen. Da macht man eigentlich besonders viel, aber trotzdem haben wir das Gefühl im Vergleich zu vor 10, 20, Jahren, dass die Zeit trotzdem schneller geht. SPRECHERIN Und das liegt daran, dass das Neuartige, das Besondere, das Intensive an dem Erlebten fehlt. An die Geburt meiner Kinder kann ich mich beispielsweise noch sehr detailreich erinnern, aber die vielen durchwachten Nächte danach sind in der Rückschau nur noch eine Episode, eben weil sie in dieser Lebensphase zur Routine des Alltags fest dazugehörten TAKE 7 (O-Ton Tchumatchenko) L 0, 35 Wir haben ja festgestellt, dass die komplexe Aktivität, die wir erlebt haben, zu einer komplexen neuronalen Aktivität führt. Und dass diese komplexe neuronale Aktivität zu dieser Fehleinschätzung führt, dass sie länger gebraucht hat in dem Ablauf. Das heißt, unsere Erinnerungen später sind mit einem Tack versehen, der heißt, das ist eine längere Phase gewesen, die wir hier abgespeichert haben. SPRECHERIN Wird diese Erinnerung aus dem Langzeitgedächtnis in den aktiven Teil des Gedächtnisses zurückgerufen, so Tatjana Tchumatchenko, dann liefert das Gedächtnis nicht nur die Komplexität und Qualität dieses Erlebnisses mit, sondern auch die damalige Zeitwahrnehmung. Musik Summer lights Länge: 0´36´´ Dieser Prozess ist dafür verantwortlich, weshalb beispielsweise der erste Konzertbesuch oder der erste Schultag in der Erinnerung Stunden länger gedauert haben, als das erste Konzert, das ich mir auf dem Fernseher oder im Kino angeschaut habe. Denn die Komplexität dieser filmischen Sinneseindrücke ist extrem viel reduzierter als die eines „echten” Konzertbesuchs. Und diese verschiedenen Sinneseindrücke prägen die Zeitwahrnehmung, wie die Forschenden in einfachen Experimenten zeigen konnten: TAKE 8 (O-Ton Tchumatchenko) L. 0,15 Was auch in Versuchen sehr schön zu sehen ist, ist, wenn wir die gleiche Aufgabe die Probanden durchführen lassen, beim ersten Mal werden sie abgelenkt durch andere Reize, wird diese Aufgabe ihnen länger erscheinen als bei Kontrollversuchen ohne Ablenkung. Atmo Straßenverkehr SPRECHERIN ((Und das erklärt auch, warum beispielsweise Wege, die wir das erste Mal gehen, uns länger erscheinen als der Rückweg derselben Strecke. Weil wir dann alles genau anschauen: Die Bäume an der Straße und die Baustelle, spielende Kinder im Park oder die vielen LKW, die sich auf der rechten Spur stauen.)) Dieses Abspeichern der vielen, unterschiedlichen Sinneseindrücke ist auch der Grund dafür, warum wir eine Wochenend-Reise in eine uns vorher unbekannte Gegend oder Stadt im Gedächtnis als viel gedehnter speichern, als ein gemütliches Wochenende zuhause, an dem wir vor allem Kleinkram erledigen. In der Erinnerung ging das in Windeseile vorbei. MUSIK Hidden Länge: 0´43´ SPRECHERIN Beim Rückblick in meine Kindheit erinnere ich mich auch noch an endlos erscheinende Tage, die sich aber von den ereignisreichen deutlich unterschieden haben. Beispielsweise fallen mir Sonntage ein, an denen rein gar nichts passiert ist, und die sich endlos hinzogen. An denen nichts los war, außer vielleicht ein Spaziergang mit meinen Eltern. Das komplette Gegenteil also von einer ereignisreichen Zeit. Wie passt das zu den bisher gehörten Erkenntnissen der Zeitforscher? TAKE 9 (O-Ton Wittmann) L: 0,15 Das ist das Im-Moment-Erleben. Was Sie erinnern in Ihrer Kindheit, die langweiligen Momente, das ist die Erinnerung an die Langeweile. (…) eher so, oh da war mir langweilig … SPRECHERIN Sagt Marc Wittmann von der Universität Freiburg: TAKE 10 (O-Ton Wittmann) L: 0, 15 Das ist eben ein bisschen was anderes: Wie kommen wir zu unserem Gefühl der Langeweile? Dass wir im Moment, nicht rückblickend, im Moment auf die Zeit achten und wenn ich auf die Zeit achte, dann wissen wir, vergeht sie viel langsamer. SPRECHERIN Und daran erinnern wir uns später. Musik schnell-langsam oder Metronom im Wechsel Zeit kann nicht nur in der Erinnerung, sondern auch im aktuellen Erleben extrem unterschiedlich wahrgenommen werden: Mal schnell und mal sehr langsam vergehend. MUSIK Hidden Länge: 0´40´ Und so, wie wir sie im Moment erleben, so wird sie dann auch erinnert. Deshalb kommen uns langweilige Tage auch in der Erinnerung noch als zäh und langweilig vor, weil wir uns an das Gefühl der erlebten Langeweile erinnern. Und die kommt dadurch zustande, dass wir auf uns selbst zurückgeworfen werden. Jede und Jeder kennt diese simplen Beispiele: Stehe ich allein und dann noch bei eisiger Kälte oder heftigem Regen wartend an einer Bushaltestelle, dann sind selbst 5 Minuten ellenlang und quälend. Warte ich dagegen gemeinsam mit einer Freundin, rede mit ihr über das bevorstehende Wochenende, dann gehen diese 5 Minuten richtig schnell vorbei. TAKE 11 (O-Ton Wittmann) L 0, 30 Worauf achte ich, wenn ich auf die Zeit achte? Das ist ja schon ein Rätsel als solches, selbst wenn ich die Uhr vergessen hab, und ich die Zeitangabe auf meinem Handy nicht beachte, trotzdem erlebe ich die Zeit. Wie komme ich zu meinem Gefühl der Zeit? Des Rätsels Lösung ist, wie die neuesten Metaanalysen von Studien zeigen, dass das etwas mit der Körperwahrnehmung zu tun hat. SPRECHERIN Bereits vor rund 15 Jahren hat der Freiburger Psychologe Marc Wittmann mit Untersuchungen zeigen können, dass vor allem ein bestimmtes Areal im Gehirn dafür verantwortlich ist, wie wir in einem konkreten Moment die Zeit wahrnehmen. Dieses Areal ist die sogenannte Insula. Auch Inselrinde oder insulärer Cortex genannt. Dabei handelt es sich um ein kleines Hirnareal, das auf beiden Seiten der Großhirnrinde situiert ist: TAKE 12 (O-Ton Wittmann) L: 0, 30 Die ist das primäre Organ für unsere Körperwahrnehmung. So wie wir ein primäres Organ im Gehirn für das Sehen und Hören haben, gibt es auch einen fürs Körperfühlen. Ob mir kalt ist oder heiß, wenn ich Schmerzen hab, wenn ich Hunger hab, wenn ich Durst hab, dann ist die Insel sehr aktiv, durch die Signale, die aus den Körper dort zusammenlaufen. Musik Stock up Länge: 0´54´ SPRECHERIN Ob ich müde oder schlecht gelaunt bin, den Wadenmuskel gezerrt habe oder heiter und voller Vorfreude auf das Treffen mit Freunden bin, diese Informationen werden im Körper gesammelt und dann zum insulären Cortex geschickt. Und aus all diesen Gefühlen, Eindrücken und Informationen entsteht die Körperwahrnehmung und daraus wiederum das sogenannte Körperselbst. Wenn ich mich auf meinen Körper fokussiere, eben weil ich beispielsweise lange auf den Bus warten muss und die Kälte oder den Hunger spüre, oder weil ich starke Schmerzen habe, dann hat das auch Auswirkungen auf meine Wahrnehmung der Zeit. Diese Erkenntnis von Marc Wittmann ist in der Zwischenzeit von anderen Forschenden bestätigt worden. Die Zeit vergeht bei der Hinwendung auf das Körperselbst scheinbar deutlich langsamer, als wenn ich viel zu tun habe: TAKE 13 (O-Ton Wittmann) L: 0, 15 Wenn ich nicht auf mich achte, weil ich abgelenkt bin, z.B. weil ich jetzt mein Handy zücke und mal schaue, was so die neuesten Nachrichten sind, dann bemerke ich mich nicht mehr… und die Zeit vergeht plötzlich ganz schnell. SPRECHERIN Neben dem Zeitgefühl in der Erinnerung oder der Zeitwahrnehmung im konkreten Moment gibt es noch eine weitere Ebene des zeitlichen Erlebens, wie die Forschenden herausgefunden haben. Denn selbst wenn wir ohne Uhr oder anderen Zeitangaben unterwegs sind, können wir Zeiträume relativ gut einschätzen. TAKE 14 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0, 15 Wenn wir wissen, wir müssen um eine bestimmte Zeit dort sein, bedeutet das nicht für das Gehirn, dass es genau weiß, wie viele Minuten exakt es bis zu diesem Ereignis sind, sondern wir denken in Handlungsabfolgen. SPRECHERIN Erklärt die Neurowissenschaftlerin Tatjana Tchumatchenko: TAKE 15 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0, 20 Wir wissen, aha, ich muss zur Arbeit erscheinen. Das heißt, ich muss zuallererst aus der Tür rausgehen, die U-Bahn besteigen, dann muss ich aus der U-Bahn rausgehen, das heißt, wenn wir ein bestimmtes Ereignis in einer bestimmten Zeit erreichen wollen, müssen wir es in eine Handlungsanweisung übersetzen. Und diese Handlungsanweisung ist das, was das Gehirn abspeichert. Musik Stock up Länge: 0´31´ SPRECHERIN Und deshalb kann das Gehirn aus Erfahrung mit einer gewissen Ungenauigkeit abschätzen, wieviel Zeit beim Zähneputzen, Anziehen oder beim Kaffeetrinken vergeht und wieviel Zeit uns dann noch bleibt, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Dieses Denken in Handlungsabfolgen hilft aber nicht nur dabei, sich in der Zeit – auch ohne Zeitmesser – zu orientieren, sondern auch dabei, Ereignisse zeitlich einzuordnen. Dazu hat Dr. Jacob Bellmund geforscht. Er arbeitet am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig: TAKE 16 (O-Ton Bellmund) L: 0, 30 Wir haben keinen direkten Sinn für Zeit, aber für unser Gehirn ist Zeit oder Rhythmen natürlich sehr wichtig. Auf verschiedenen Ebenen. Wenn mir jemand einen Ball zuwirft, muss ich ganz präzise abschätzen können, wann der bei mir ankommt, wenn ich ihn fangen will, oder anderseits steuert unser Gehirn auch die Ausschüttung von Hormonen, in einem zirkadianen Rhythmus in unserem 24 Stunden Tag-Nacht-Rhythmus. SPRECHERIN Dieser zirkadiane Rhythmus wird umgangssprachlich auch als innere Uhr bezeichnet. Und sie ist existentiell für uns, weil sie lebenswichtige Vorgänge im menschlichen Körper steuert. Aber damit ist der Mensch keine Ausnahme, selbst kleinste Lebewesen wie Einzeller verfügen über einen inneren Biorhythmus, der ihren Tagesablauf regelt. Die innere Uhr des Menschen hat einen Rhythmus von ungefähr 24 Stunden, erklärt Zeitforscher Marc Wittmann: TAKE 17 (O-Ton Wittmann) L: 0, 30 Die chronobiologische Uhr, die unseren Schlaf-Wach-rhythmus steuert, die uns über 24 Stunden quasi organisiert, physiologisch aber auch psychologisch, ist tatsächlich eine echte innere Uhr. Von der eigentlich all unser Befinden und unser Denken aber auch die ganz basalen Körperprozesse wie Verdauung, abhängen, oder Temperaturregelung, und das hält uns, in Synchronizität mit dem, was draußen passiert. SPRECHERIN Und selbst wenn Menschen ohne Tageslicht und andere äußere Einflüsse über einen längeren Zeitraum leben müssen, dann, so haben Experimente in den 1960er Jahren gezeigt, gibt die innere Uhr weiter den Takt an. Sie verrutscht dann zwar leicht, um bis zu eine Stunde, aber sobald die äußeren Einflüsse wie Tageslicht wieder da sind, gleicht sich die innere Uhr an den Tag-Nacht-Rhythmus der Umgebung wieder an. Ist diese innere Uhr vielleicht auch dafür verantwortlich, dass wir Erinnerungen zeitlich korrekt einordnen können? Ist sie eine Art biologisches Zeit-Korsett, in das alle anderen Zeitwahrnehmungen eingefügt werden? Nur teilweise, sagt der Psychologe Jacob Bellmund: TAKE 18 (O-Ton Bellmund) L: 0, 20 Wir nutzen unser Wissen über den Kontext oder über verwandte Ereignisse, was wir getan haben oder etwas, was ähnlich damit zu tun hat. Und können darüber dann damit zu einem Schluss kommen, wann etwas passiert ist. Weil das aber so ein Rekonstruktionsprozess ist, ist das natürlich auch fehlerhaft, oder fehleranfällig. SPRECHERIN Die Erinnerung an die Dauer von vergangenen Ereignissen ist also nicht ausschließlich eine Gedächtnisleistung. Um sie zeitlich richtig einzuordnen, bedarf es darüber hinaus einer sogenannten psychologischen Rekonstruktion, wie Jacob Bellmund diesen Prozess nennt. M Far away Länge: 1´38´ Ein einfaches Beispiel: Ich frage mich, wann meine Mutter das letzte Mal angerufen hat. An welchem Wochentag und um wieviel Uhr war das? Die Antwort darauf erschließe ich mir, indem ich die Erinnerung an andere Ereignisse zuhilfe nehme. Montag kann es nicht gewesen sein, da saß ich den ganzen Tag im Zug, heute ist Mittwoch, also muss es gestern am Dienstag gewesen sein. Angerufen hat sie am Abend. Vorher habe ich die Tagesschau geguckt, bin aber schon ausnahmsweise gegen 22 Uhr ins Bett gegangen, weil ich so müde war. Also hat meine Mutter vermutlich gegen 21 Uhr angerufen, rekonstruiere ich. Und so machen wir es alle, um Ereignisse in den Tages- oder Jahresablauf einzuordnen, wenn wir die genaue Uhrzeit oder das konkrete Datum nicht kennen. MUSIK nochmal hoch SPRECHERIN Manchen Menschen gelingt es besser, anderen schlechter, sich zeitlich zutreffend an Vergangenes zu erinnern. Auch das kann am Alter liegen, daran, dass sich Tages-, Wochen- oder Jahresabläufe ähneln, dass wir das Gefühl haben, die alte Tante doch erst neulich besucht zu haben. Beim Nachsehen im Kalender aber feststellen, dass seither schon wieder drei Jahre vergangen sind. Denn die psychologische Rekonstruktion von Ereignissen funktioniert nur, wenn das Gedächtnis auf allen Ebenen intakt ist, wenn die verschiedenen Areale des Gehirns miteinander verknüpft sind. Bei dementiell Erkrankten geraten die Zeitwahrnehmung, das Zeitgefühl und auch die Zeitabläufe durcheinander. Mit schwerwiegenden Auswirkungen auf das tägliche Leben. TAKE 20 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0, 30 Wir können z.B. das, was wir aktuell erleben, nicht mehr so gut in das Langzeitgedächtnis überführen, und das, was im Langzeitgedächtnis bereits ist, wird dabei leichter wieder in das aktuelle Geschehen eingebaut. Und dadurch vermischt sich Vergangenheit und Gegenwart in einer Art und Weise, die nicht ganz korrekt ist. Die aktuellen Erlebnisse müssten stärker gewichtet werden, werden sie aber nicht, sondern überschrieben, von dem Recall, von dem Abrufen der Vergangenheit. SPRECHERIN Und das führt dazu, dass sich die zeitlichen Ebenen vermischen. Ereignisse, die vor Jahrzehnten stattgefunden haben, scheinen für die Betroffenen erst kürzlich geschehen zu sein. Eine Erzählung beginnt in der Gegenwart, endet aber mit der Beschreibung einer längst vergangenen Situation. Diese extremen Krankheitsfälle machen deutlich, wie sehr uns unser Zeitgefühl prägt. Auch wenn uns das im Alltag in der Regel gar nicht bewusst ist: Ein unsichtbarer Zeitmesser läuft das ganze Leben über mit, sortiert, bewertet, ordnet und hilft bei der Orientierung. Wie sehr wir vom Zeitgefühl abhängen, wird im Extremfall einer Demenz sichtbar, wenn mit dem Zeitgefühl und dem Gedächtnis für die Betroffenen scheinbar das ganze Leben verloren geht. TAKE 21 (O-Ton Wittmann) L: 0, 15 Die Zeit geht ja nach vorwärts, in Richtung Tod, in Alter und Tod. Es heißt, es hat durchaus eine positive Komponente, wenn ich das Gefühl habe, ich habe lange gelebt, ich habe positiv gelebt, emotional positiv gelebt, ich habe etwas erlebt. SPRECHERIN Mit dem Gedächtnis gehen die Erinnerungen verloren und das Zeitgefühl. Das Leben schnurrt zu einer kurzen Abfolge von Kindheit und Alter zusammen. Und das erleben viele Betroffene als ausgesprochen deprimierend und verstörend. MUSIK Flatliners Länge: 1´39´ SPRECHERIN Dass die Zeit für uns existentiell ist, haben bereits die griechischen Philosophen in der Antike formuliert. Und heftig darüber gestritten, ob die Zeit tatsächlich objektiv existiert oder ob sie subjektiv zu begreifen ist. Forscher und Neurowissenschaftlerinnen von heute betrachten das Zeitgefühl in jedem Fall als existentiell für das menschliche Leben. Ohne Zeitgefühl und die Wahrnehmung von zeitlichen Abläufen können wir weder denken noch planen oder uns selbst als Individuen in der Zeit wahrnehmen. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN Um mit dem fortschreitenden Alter nicht ständig das Gefühl zu haben, dass die Jahre nur so dahinrasen, und uns die Zeit und das ganze Leben abhandenkommen, haben die Forschenden ganz konkrete Tipps: Ich soll etwas Neues anfangen, mich in ungewohnte, neue Situationen begeben. Das kann eine Reise sein, am besten ohne vorher alles durchzuplanen, der Besuch einer ungewöhnlichen Veranstaltung. Aber auch eine Fremdsprache zu erlernen oder ein Instrument ist ein gutes Mittel, um das Zeitgefühl auszutricksen und zu verlangsamen. Oder eine langweilige Situation erzeugen: Zwischendurch einfach Mal nichts zu tun, ohne Handy, Buch, Musik oder Fernseher - einfach nur nichts tun. Und ganz bewusst erleben, wie langsam die Zeit vergeht, wie lang eine Minute sein kann. Atmo Wasserpflatscher Vielleicht fast so lang wie damals in der Kindheit, im Sommer, im Freibad, als die Zeit scheinbar ewig währte.
- Zikaden - Der Sound des Sommers
11.06.2025 · 23 Min.
Wie kann ein kleines Insekt so laute Geräusche erzeugen? Diese Frage stellt sich mancher Mittelmeer-Urlauber beim Gesang der Zikaden. Längst nicht alle Zikadenarten singen, manche sind lästige Pflanzenschädlinge. (BR 2017) Autorin: Christiane Seiler Credits Autor/in dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Julia Cortis Technik: Regina Staerke Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Libellen, die fliegenden Räuber - Alles Natur JETZT ANHÖREN Käfer - Unverzichtbar für die Natur JETZT ANHÖREN Glühwürmchen - Mit Licht auf Brautschau JETZT ANHÖREN Schmetterlinge - Die mit den Füßen schmecken JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
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11.06.2025 · 22 Min.
Amok, eine impulsiv auftretende, scheinbar blindwütige Affekthandlung? Kriminologen gehen vom Gegenteil aus: Die meisten Taten finden nicht spontan statt, sondern sind detailliert geplant. Und: So gut wie alle Täter leiden - zumindest aus ihrer Sicht - unter ausbleibender Anerkennung. Ihnen fehlen angemessene Strategien, um Kränkungserlebnisse einzuordnen und zu verarbeiten. Von Prisca Straub (BR 2017) Autorin dieser Folge: Prisca Straub Regie: Martin Trauner Es sprachen: Julia Cortis, Andreas Technik: Andreas Lucke Redaktion: Susanne Poelchau
- Mythos Mond - Wie beeinflusst uns der Erdtrabant?
11.06.2025 · 22 Min.
Er ist ein "herausgerissenes Kind" der Erde, ihr "natürlicher Satellit" und "treuer Begleiter" - und für die Menschheit von überragender Bedeutung: Ohne den Mond würde es uns vermutlich gar nicht geben. Doch wie genau wurde er zum Geburtshelfer für das Leben auf der Erde und wie hilft er bis heute, es zu bewahren? Von Martin Schramm (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Martin Schramm Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Andreas Neumann, Rahel Comtesse, Clemens Nicol Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Harald Lesch, Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München. Dipl.-Geol. Ulrich Köhler, Planetengeologe am DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Wie entstehen Planeten? - Alles Natur Erde, Mars, Jupiter, Neptun... Wie entstehen Planeten? 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Das Universum ist mit dem Urknall vor knapp 14 Milliarden Jahren entstanden, so die gängige Theorie. Aber sie kann nicht alles erklären, etwa, warum sich das Weltall immer schneller ausdehnt. Deswegen suchen Kosmologen nach alternativen Erklärungen. In unserer heutigen Podcast Folge geht es um die Frage: hat es den Urknall, den Big Bang wirklich gegeben? IQ Wissenschaft und Forschung JETZT ENTDECKEN Von Ufos und Aliens - Unerklärliche Himmelsphänomene Sind wir Menschen allein im Universum? Wahrscheinlich nicht, aber gesehen hat noch niemand außerirdisches Leben. Nicht nur Verschwörungsgläubige interessieren sich für Aliens, sondern auch seriöse Wissenschaftler. Und die sagen: Unsere Suche nach Außerirdischen sollte noch professioneller werden! (BR 2021) IQ Wissenschaft und Forschung JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Der Weltraum - vor viereinhalb Milliarden Jahren. - Ein Protoplanet, Vorläufer der heutigen Erde, hat eine schicksalhafte Begegnung: Er kollidiert mit einem anderen Himmelskörper. Ein gigantischer Knall, bzw. eine Art „Streifschuss“, der Masse aus dem Mantel der Erde reißt - und dafür sorgt, dass sie fortan einen „treuen Begleiter“ hat, einen „natürlichen Satelliten“: den Mond. SPRECHERIN So oder so ähnlich könnte sich das damals abgespielt haben. Und auch wenn manches Detail noch im Dunklen liegt, uns dieser treue Begleiter bis heute noch jede Menge Rätsel aufgibt - fest steht: Ohne den Mond würde es uns Menschen vermutlich gar nicht geben - zumindest hätte sich einiges auf der Erde ganz anders abgespielt. MUSIK: Howling moon 0‘15 GERÄUSCH: Erdbeben ZITATOR Der Geburtshelfer - oder: Das herausgerissene Kind der Erde SPRECHER Er ist ein Riese. Mit seinem Durchmesser von fast dreieinhalb Tausend Kilometern misst er mehr als ein Viertel des Erddurchmessers. SPRECHERIN Und dieses Verhältnis „Mond - Erde“ ist ein Superlativ in unserem Sonnensystem. Kein anderer Planet dort hat einen größeren Begleiter - im Verhältnis zu seiner eigenen Größe - sieht man mal von „Zwergplaneten“ wie Pluto und seinem Mond Charon ([ˈkaːrɔn] [ˈçaːrɔn] [çˈaːʁɔn]) ab. SPRECHER Die Erde hat, wie der Astrophysiker Harald Lesch gerne sagt, also einen Mond, der ihm Dienstgrad-mäßig gar nicht zusteht. Doch wie kommt das? MUSIK: Apollo 0‘40 GERÄUSCH: Baustelle SPRECHERIN Dieses Rätsel hat die Astronomen lange Zeit beschäftigt. Und ein wichtiges „Puzzleteil“, um es zu lösen, sind Gesteinsproben vom Mond. SPRECHER Im Rahmen der Apollo-Missionen wurde dieses Gestein mit Hämmern, Bohrern, Schaufeln, Rechen und Zangen eingesammelt, in Tüten gesteckt und zur Erde gebracht. - Und die Analyse dieses Materials hatte es in sich: 01-O-TON Lesch Analyse „Die Analyse des Mondgesteins, immerhin 400 Kilogramm, ergibt ganz eindeutig: Das Mondgestein ist so wie das Erdmantel-Gestein, nur ohne flüchtige Elemente. Das heißt, der Mond ist in seiner Zusammensetzung der Erde unheimlich ähnlich. Aber was fehlt, sind die Elemente, die bei einem starken Einschlag verschwinden, weil es heiß wird.“ SPRECHERIN Erklären lässt sich das eigentlich nur durch das bereits eingangs geschilderte „Kollisions-Szenario“: ein anderer Planet, der rund 20 % der Erdmasse hatte, muss mit der Urerde kollidiert sein: 02-O-TON Lesch Kollisionsszenario „Und der musste deswegen so schwer sein, wenn man das betrachtet, der Mond ist ja ein Körper, der außerhalb der Erde ist und ein Einschlag, der zu schwach ist, da fällt das Material einfach wieder auf die Erde runter. Es muss also genügend Bewegungsenergie drin sein, dass das Zeug so weit raus geschleudert wird, dass es nicht wieder auf die Erde zurückfällt. Daher die große Masse. Dieser Einschlag durfte, aber nicht so gedacht, nicht so gewesen sein, also irgendwie zentral volles Rohr sozusagen, sondern der muss streifend gewesen sein. Und dann bildet sich in einem Abstand von 60.000 Kilometer, also zehn Erdradien, bildet sich ein Gesteins-Ring - und innerhalb von wenigen Monaten, es gibt verschiedene Computersimulationen. Die einen sagen innerhalb von wenigen Monaten, die anderen sagen innerhalb von wenigen Jahren, ist aber angesichts der Tiefe der Zeit, in die wir da hineinblicken, auch wurscht, bildet sich der Mond.“ MUSIK: Earthquake 0‘42 SPRECHER Eben aus jenem Material, das durch den heftigen Streifschuss vor allem aus der Erdkruste gelöst, stark erhitzt und in eine Erdumlaufbahn geschleudert wurde - um sich dort zusammenzuballen und zu einem Begleiter der Erde zu formen. SPRECHERIN Der Mond ist also vermutlich so etwas wie ein „herausgerissenes Kind“ der Erde. - Kein Begleiter, den die Erde irgendwie aus dem Weltall „eingefangen“ hat, oder der sich wie ein „Wassertropfen“ von der Urerde abgespalten hat - oder was sonst noch an möglichen Theorien kursierte. SPRECHER Und dieses Kind entfaltet zu seiner Mutter eine wechselvolle Beziehung: Mond und Erde ziehen sich gegenseitig regelrecht an - ganz ohne Magie: 03-O-TON Lesch Gravitation „D.h. das Erde-Mondsystem beeinflusst sich gegenseitig, und zwar exakt in der Art und Weise, dass die Erde den Mond so anzieht, wie der Mond die Erde anzieht. Actio gleich Reactio. Gute alte Newtonsche Physik. Wir brauchen hier keinen Einstein. Wir brauchen gar nix. Wir haben zwei Massen, die sich gegenseitig beeinflussen. Und der Mond heute im mittleren Abstand von 400.000 km beeinflusst über seine Masse die Massenbewegungen auf der Erde, in der Erde, und die Massebewegung der Erde selbst. Das mal grundsätzlich.“ SPRECHERIN Und dieser Gravitation, also Schwerkraftwirkung, verdanken wir dann Phänomene wie „Ebbe und Flut“ - SPRECHER - und eine Art „Knetmaschineneffekt“: 04-O-TON Lesch Knetmaschine 4:30 „Es gibt also tatsächlich zwei Wasserhügel, und die drehen sich um die Erde und zwar deshalb, weil die Erde sich unter ihnen weg dreht. Und das gleiche, was fürs Wasser gilt, gilt auch fürs Gestein. Während man es beim Wasser schön sehen kann - man stellt sich einfach in die Nordsee. Wartet sechs Stunden, und wenn man eben noch im Trockenen stand, wird man dann je nach dem wie weit man ins Watt hinausgelaufen ist, wird einem das Wasser bis zum Hals stehen. Ich kann nur warnen davor. Das Wasser kommt extrem schnell. Und das gleiche gilt also auch fürs Gestein. Das Gestein wird im Mittel um 30 cm angehoben. Und zwar überall auf der Welt. Das ist praktisch so eine ganz große Knetmaschine, die dadurch entsteht, dass die Erde sich am Mond vorbei dreht - und der Mond sich aber gleichzeitig noch einmal im Monat exakt einmal um den Mond herumdreht.“ 5:25 SPRECHERIN Diese Effekte haben sich im Laufe der Zeit allerdings stark verändert: Der Mond geht nämlich langsam aber sicher auf Distanz zu seiner Mutter, strebt jedes Jahr um ca. eine Daumenlänge, etwa 3,8 Zentimeter von ihr weg. GERÄUSCH: Meer SPRECHER Was andererseits bedeutet: Gerade in seiner Frühzeit vor Milliarden von Jahren war der Mond der Erde erstaunlich nahe – und die Gezeitenkräfte unglaublich heftig. - Ulrich Köhler, Planetengeologe am Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt: 05-O-TON Köhler Leben “Und da ist ein interessanter Aspekt zu betrachten: in der Zeit hat sich das Leben auf der Erde entwickelt, also vor etwa dreieinhalb Milliarden Jahre. Etwas mehr vermutlich. Und das heißt der Tidenhub war sehr viel stärker. Und wenn man eben davon ausgeht, dass das Meer auf der Erde sich die Mineralstoffe geholt hat durch eben die Gezeiten an der Küste, die immer wieder die Gesteine verwittert haben. Und das gelöste Material dann im Meerwasser - das Meersalz ist das einfachste Beispiel - dass das sehr gute Voraussetzungen geschaffen hat, dass das Leben im Ozean entstanden ist.“ SPRECHERIN Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Erde wird durch den Mond regelrecht ausgebremst. Sprich: ohne Mond würde sich die Erde wesentlich schneller um die eigene Achse drehen - nicht in 24 Stunden wie heute - sondern eher in 9 bis 10 Stunden. GERÄUSCH: Wind SPRECHER Mit drastischen Folgen auch für das Leben auf der Erde. - Harald Lesch: 06-O-TON Lesch Flache Bewohner „Was hat das zu bedeuten – nun, wenn die Erde sich wesentlich schneller drehen würde, dann hätten wir sehr viel schnellere Strömungen in der Hochatmosphäre. Sogenannte schnelle Jetstreams. Die wären nicht 300, 400 km schnell, die wären 800, 900 km schnell. Und diese schnellen Strömungen übersetzen sich auf die tiefere Atmosphäre. Wir hätten hier Windgeschwindigkeiten zwischen 300 und 400 km - auf dem Boden! Wenn es also Lebewesen gäbe - dann wären die in jeder Hinsicht sehr flach. Und da ist der Zusammenhang: Also ohne den Mond würde es sicherlich keine aufrecht gehenden Homo sapiens geben. Wahrscheinlich nur Scholle, Scholle flach. Es hätte sich sicher auch Leben entwickelt, weiß ich nicht, - aber es wäre ganz anders geworden. In diesem Sinne hat der Mond für uns eine überragende Bedeutung.“ MUSIK: It will be fine (reduced) 0‘28 SPRECHERIN Der Mond wurde aber nicht nur zum Geburtshelfer für das Leben auf der Erde - er hat auch geholfen, das Leben auf der Erde bis heute zu bewahren: SPRECHER Wie die Ausleger bei einem Segelschiff stabilisiert er mit seiner relativ großen Masse nämlich auch die Neigung der Erdachse - Ulrich Köhler: 07-O-TON Köhler Der Stabilisator „Er sorgt mit seiner Bahn um die Erde dafür, dass die Erdachse relativ stabil im Raum orientiert ist. D.h. die Energieeinstrahlung der Sonne folgt einem klaren Muster, seit vielen Milliarden Jahren und verändert sich kaum. Und dadurch haben wir relativ stabile Bedingungen, die das frühe Leben sicherlich geschätzt hat. Und das macht natürlich einen großen Unterschied aus, wann wir Eiszeiten haben, wann wir Warmzeiten haben, wie das, was es sich auf der Erde verteilt und all diese Dinge. Also der Mond – ein schöner kleine Stabilisator für das Leben auf der Erde. Und das ist eine ganz wichtige Funktion.“ MUSIK: The great gig in the sky 0‘21 ZITATOR Der Mann im Mond - oder: The Dark side of the Moon SPRECHER Erste, relativ genaue Mondkarten zeichnet u.a. der Italiener Giovanni Battista Riccioli - Mitte des 17. Jahrhunderts. Durch sein Teleskop erkennt er hellere und dunklere Bereiche, die er als “Terrae” und “Maria” bezeichnet, also als “Länder” und “Meere” - wohl in der Annahme, dass es tatsächlich Wasser und Ozeane auf dem Mond geben könnte. SPRECHERIN Heute sind wir schlauer: bei diesen angeblichen „Mond-Meeren“ handelt es sich um dunkle Tiefebenen, gerahmt von Gebirgszügen. Also um große, extrem flache Beckenstrukturen, mit weiten Ebenen aus erstarrter Lava. Staubtrocken. Von Wasser erstmal keine Spur. MUSIK: Go through the cold (reduced) 0‘42 SPRECHER Diese Tiefebenen formen auch das typische Mondgesicht - bzw. den „Mann im Mond“ - der in anderen Kulturen schon mal als „Krokodil im Mond“, als „Mondhase“ - oder auch als „Frau im Mond“ gesehen wird, die Brennholz auf dem Rücken trägt. SPRECHERIN Doch wie immer man diese Krater auch interpretiert. Eines ist seltsam: Warum schauen wir von der Erde aus eigentlich immer in das gleiche „Mondgesicht“? Warum verschwindet es nicht, oder zeigt sich mal von der Seite? SPRECHER Die Antwort lautet: „gebundene Rotation“. Die Gezeitenkräfte haben den Mond in seiner Rotation völlig eingebremst. Der dreht sich dadurch exakt einmal um seine eigene Achse, wenn er sich exakt einmal um die Erde dreht. Deshalb sehen wir immer die gleiche Seite des Mondes, seine „Vorderseite“. MUSIK: Nocturnal research red 0‘41 SPRECHERIN Was jede Menge Spekulationen über die von uns abgewandte und dadurch irgendwie auch geheimnisvolle Rückseite hervorrief. Die daher auch gerne mal als „The Dark Side of the Moon“ bezeichnet wurde - was natürlich Unsinn ist. Denn es mag dort vielleicht noch so manches verborgen sein - dunkel ist es dort aber nicht immer. Sprich: die „dunkle Seite“ des Mondes ist regelmäßig auch seine „helle Seite.“ Es gibt also auch auf dem Mond Tag und Nacht. SPRECHER Doch die Menschheit musste ganz schön lange warten, bis das Geheimnis um die Rückseite gelüftet wurde. 08-O-TON Köhler Abgewandte Seite „Ja, da muss man sich bis in die 1960er-Jahre zurückversetzen und natürlich auch noch viel, viel früher. Das war schlichtweg ein Rätsel, wie die Mondrückseite aussehen würde, was würden wir dort erwarten? Und es war tatsächlich eine sowjetische Raumsonde, die Ende der 1950er-Jahre zum ersten Mal über die Mond Rückseite geflogen ist und Bilder zur Erde dann übertragen hat - und gezeigt hat, dass es dort etwas anders aussieht als auf der Mondvorderseite. Und seither wird es natürlich wissenschaftlich diskutiert, warum das so ist. Und eine richtige Antwort muss man ehrlicherweise sagen haben wir bis heute nicht.“ SPRECHER Kleine grüne Männchen waren auf den Bildern zwar nicht zu sehen, auch keine großen. Doch die Forscher staunten nicht schlecht über die Geografie der Rückseite: Im Gegensatz zur Vorderseite gibt es dort fast keine dunklen Tiefebenen, sondern vor allem kraterreiche “Hochländer.” SPRECHERIN Doch wie ist das zu erklären? - Entstanden sind diese Becken auf der Vorderseite vermutlich, als Meteoriten die noch dünne Kruste des Mondes durchschlagen haben, Magma an die Oberfläche drang und die Krater flutete. SPRECHER Die Kruste auf der Rückseite ist allerdings deutlich dicker als die auf der Vorderseite: fast doppelt so dick. Und damit vermutlich zu dick, um dem Magma den Weg nach oben frei zu geben. SPRECHERIN Warum die Kruste auf der Rückseite so viel dicker ist - dieses Rätsel hat man bislang aber nicht wirklich gelöst. MUSIK: The universe 0‘28 SPRECHER Ansonsten steht der Mond im Vergleich zur Mutter Erde recht schutzlos da: Er hat kein Magnetfeld, das ihn vor geladenen Teilchen schützt, die von der Sonne kommen. Und: er hat keine Atmosphäre. Folglich gibt es auch keine Wolken, kein Wasser an der Oberfläche, kein Leben - und es fehlt ein Schutzschild gegen Beschüsse aller Art: 09-O-TON Köhler Schutzschild „Na ja, das ist ein interessanter Aspekt. Denn, wenn der Mond keine Atmosphäre hat, wird er praktisch von den kleinsten Mikrometer großen Staubteilchen, die noch so im Sonnensystem herumschwirren, praktisch unmittelbar getroffen. Und das sind hohe Geschwindigkeiten, mit denen diese kleinen Teilchen auf die Mondoberfläche prasseln. Die Verglühen bei uns allesamt in der Erdatmosphäre. Wenn es größere millimetergroße Teilchen sind, dann sehen wir das als Sternschnuppen. Und ganz große Körper - kommt man vielleicht mal ein kleiner Meteorit auf der Erde an. Und so was. Aber beim Mond kommt das alles ungebremst und trifft auf die Gesteine der Mondoberfläche. Und pulverisiert die nach und nach, im Laufe der Jahrmillionen und in dem Fall sogar Jahrmilliarden.“ SPRECHERIN Der Mondboden besteht dadurch aus einem ganz besonderen Staub, dem sogenannten „Regolith“, auf dem die Astronauten der Apollo-Missionen entsprechend scharfkantige Fußabdrücke hinterließen, wie in Zementpulver. SPRECHER Die Tatsache, dass dem Mond die Atmosphäre fehlt, hat aber noch weitere Auswirkungen: Sie macht ihn zu einem Himmelskörper der brutalen Extreme: 10-O-TON Köhler Extreme „Dadurch, dass sie keine Atmosphäre hat, ist es in der Sonne richtig sauheiß, muss man so sagen. Das heißt, Astronauten brauchen entsprechende Kühlsysteme, und die Instrumente müssen vor zu hohen Temperaturen geschützt werden. Und sobald es allerdings Nacht wird und die Nacht dauert ja eben 14 Tage, da lässt die Temperatur sehr schnell nach. Und da geht es dann weit unter minus 100 Grad Celsius runter, weil eben auch wiederum die Wärme des Tages nicht durch eine Atmosphäre in die Nacht mitgenommen werden kann.“ SPRECHERIN Eine riesige Herausforderung also für Habitate aller Art, die einmal auf dem Mond entstehen könnten: eine perfekte Isolierung wäre unerlässlich, um in der Eiseskälte nicht zu erfrieren. Vor allem weil die Nächte auf dem Mond eben endlose zwei Wochen dauern. MUSIK: Futuristic workflow (red) 0‘32 SPRECHER Für Aufregung sorgte schließlich die Entdeckung, dass dieser kalte, tote Brocken, der uns da begleitet, so staubtrocken wie immer angenommen, offenbar gar nicht ist. Eine Sonde lieferte tatsächlich Hinweise auf Wasser - u.a. in den Kratern am Südpol des Mondes, in die nie ein Lichtstrahl vordringt. 11-O-TON Köhler Wasser „Und dort vermutet man Eis, also Wassereis. Und das hat man eigentlich spektral, mit Raumsonden in der Umlaufbahn schon nachgewiesen. Und da möchte man hin, um dieses Wassereis nutzen zu können. Zum einen eben für eine länger besiedelte Station, die eben genutzt wird für Wissenschaft und für Materialforschung. Und all diese Dinge, die man eben jetzt 50 Jahre nach Apollo machen möchte. Und zum anderen, um Treibstoff zu gewinnen, weil Wasser Eis lässt sich spalten in Wasserstoff und Sauerstoff. Und dann haben sie einen veritablen Raketentreibstoff. Und mit dem könnten sie eine Rakete betanken, die vom Mond dann zum Mars fliegt, weil sie dann nur ein Sechstel der Anziehungskraft beim Start überwinden müssen, um diese Rakete auf Spur zu bringen.“ SPRECHERIN Und die Mengen, die dort vermutet werden, sind durchaus veritabel: ein paar Füllungen des Bodensees könnten es schon sein. MUSIK: Mystic 1 0‘13 ZITATOR Mond-Mythen - oder: Einfach nur ein schöner Brocken SPRECHERIN Der Mond hat für uns eine überragende Bedeutung. So viel steht fest, auch wenn wir ihm noch lange nicht alle Geheimnisse entlockt haben. SPRECHER Und zu den zahlreichen ungelösten Fragen, die der Mond uns immer noch aufgibt, gesellen sich dann auch noch eine ganze Reihe „Legenden und Mythen“ um die angebliche „Macht des Mondes“. MUSIK: Well and warm 1‘10 SPRECHERIN Hartnäckige Annahmen, dass der Mond unser Leben beeinflusst - auch jenseits aller Schwerkraft-Effekte wie Ebbe und Flut, und der Tatsache, dass es je nach Neu- oder Vollmond nachts mal heller und mal dunkler ist. SPRECHER Ratgeber bieten Hinweise an, wann man sich am besten operieren lässt, die Haare schneidet, am leichtesten abnimmt, im Garten arbeitet oder Bäume fällt. SPRECHERIN Manche Zeitgenossen sind auch fest davon überzeugt, dass sowohl Geburtenraten als auch Verkehrsunfälle vom Mond beeinflusst werden. SPRECHER In der Regel lassen sich derartige Zusammenhänge weder statistisch erhärten - noch ist klar, welche Kräfte dabei eigentlich am wirken sein sollen. Für Forschende ist dieser „Mondglaube“ daher nicht nur kaum nachvollziehbar - sie staunen auch, wie wenig derartige Ratschläge kritisch hinterfragt werden. - Der Astrophysiker Harald Lesch: 12-O-TON Lesch Aufklärung „Alle diese Diskussion über kosmische Energien, ob das nun der Mond ist oder die Sterne oder was auch immer, haben nicht einen einzigen statistischen Test bis heute bestanden. Und wenn ich mir überlege, dass wir im Allgemeinen beim Kauf zum Beispiel eines Staubsaugers, eines Bügeleisens, eines Autos, Qualitätsüberprüfungen vornehmen - und danach fragen: Ja, haben wir denn - gibt es da TÜV-Untersuchungen? Hat die Stiftung Warentest dazu was zu sagen? Wir aber auf der anderen Seite bei solchen Weltbildern offenbar völlig undifferenziert uns einfach irgendwas erzählen lassen und sagen: Ja, Mensch, meine Oma, die hat ja damals auch schon immer gesagt, also der Mond, der Mond. Dann muss ich sagen, dann sind wir doch noch einen weiten Weg entfernt von dem, was Kant schreibt, was Aufklärung ist.“ 19:45 SPRECHERIN Auch der zwar gesicherte, aber an sich schon eher kleine Schwerkrafteffekt ist eben nicht überall zu beobachten. Er führt nur deshalb zu Ebbe und Flut, weil die Ozeane riesig sind. SPRECHER Bei Seen ist bereits kein Effekt mehr zu erkennen. Geschweige denn bei uns Menschen selbst: die Gravitation und damit das Gewicht eines Menschen ändert sich durch den Mond zwischen Voll- und Neumond angeblich gerade mal um 0,000035 %. SPRECHERIN Mit anderen Worten: Die Wirkung ist so gut wie nicht messbar: 13-O-TON Lesch winzig „Also man muss sich darüber im Klaren sein. Die Gravitationskraft ist ein Produkt. Und zwar von zwei Massen, die miteinander in Wechselwirkung treten. Also nehmen wir mal mich - 76 kg. Das ist wenig. Also ich bin jetzt nicht unter dem Einfluss des Mondes - ich bestehe ja wie jeder Mensch aus 70, 80 % Wasser. Das Wasser in mir wird durch die Schwerkraft des Mondes nicht besonders angezogen. Weil meine kleine Masse multipliziert mit der großen Masse des Mondes – meine kleine Masse ist das Problem - wenn ich so schwer wäre wie die Erde. Dann würde ich den Mond spüren. Aber solange ich nur so ein winziges Teilchen bin. Und das wird natürlich noch schlimmer, wenn man auf die molekulare Ebene runtergeht, dann bleibt gar nichts mehr übrig.“ MUSIK: Hopeful view 0‘49 SPRECHER Unterm Strich fällt das Fazit eines Astrophysikers in Sachen Mondmystik daher erwartungsgemäß nüchtern aus: 14-O-TON Lesch - Schöner Brocken „Das Ding ist 400.000 Kilometer von uns entfernt. Erstmal möchte ich mal wissen, ob irgendjemand sich vorstellen kann wie viel 400.000 Kilometer sind, es ist lange. Ich habe einen amerikanischen Apollo-Astronauten mal gefragt, hat gesagt: Es sind dreieinhalb Tage, du fliegst dreieinhalb Tage durch absolut nichts. Und bist froh wenn du dann mal wieder was siehst. Es ist wirklich lang. Es ist wirklich weit weg. Dieses Ding macht nichts anderes, als einfach nur schwer zu sein. Der Mond ist nicht geladen, also elektrisch irgendwie, der hat keinen Magnetfeld, nix. Da ist gor nix. Das ist einfach nur ein schöner Gesteinsbrocken. Gott sei Dank, dass wir ihn haben. Aber sonst ist da nichts dran.“
- Toxische Beziehungen - Wenn Liebe giftig wird
11.06.2025 · 23 Min.
Eifersüchtiger Ehemann? Extrem anhängliche Freundin? Immer häufiger werden Beziehungen als toxisch bezeichnet. Alles nur Küchenpsychologie? Oder hilft es uns negative Beziehungen zu reflektieren und emotionalen Missbrauch öffentlich zu machen? Von Johanne Burkhardt (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Johanne Burkhardt Regie: Es sprachen: Technik: Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Thies Hansen, Soziologe, Autor und Paarbereater Umut Özdemir, Psychotherapeut, Nensy Le, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der LMU München Quelle: Pussy Mind Soul von Sophia Thome: Toxische Beziehungen und Narzissmus - Meine Erfahrung Youtube Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Es ist eine der ältesten Geschichten der Welt. Zwei Menschen treffen sich, verlieben sich ineinander. Tauschen Zärtlichkeiten und Versprechungen aus. Im Bauch Schmetterlinge, auf der Nase die rosarote Brille. Alex kennt seinen Schwarm schon lange. Viele Jahre waren sie „einfach gute Freunde“. Bis an einem gemeinsamen Abend mehr daraus wird. O-TON 01: (Alex) Das ist entstanden, als wir uns irgendwie getroffen haben und dann sie zu mir gemeint hat, dass sie schon immer Augen hatte für mich. Und sich auch eine Zukunft mit mir vorstellen könnte. Und irgendwie war das bei mir auch schon immer so der Fall. Und dann ist da an einem Abend, was draus entstanden. Ein bisschen was getrunken gehabt und dann haben wir halt wild rumgeknutscht und uns irgendwie halbwegs Versprechungen gemacht. Ja, große Liebe. SPRECHERIN: Für Alex, der in Wahrheit anders heißt, beginnt diese Liebesgeschichte als er 26 ist. Er arbeitet damals als gelernter Koch in einem schwäbischen Restaurant. Den Namen seines Schwarms möchte er im Radio lieber auch nicht hören. Nennen wir sie also Clara. Auch sie arbeitet in dem Restaurant. Aus Freunden und Kollegen werden Liebende. O-TON 02: (Alex) Auf jeden Fall war dann erstmal ein sehr sehr großes Gefühl von Sicherheit da, was mir vermittelt wurde. Ich habe von ihr wirklich Bestätigung bekommen, auch viele Komplimente und alles Mögliche. Diese Kleinigkeiten, diese kleinen Aufmerksamkeiten. SPRECHERIN: Doch eine feste Beziehung möchte Clara erst einmal lieber nicht eingehen. Und auch das Gefühl der Sicherheit ist nur von kurzer Dauer. Nach zwei Wochen wendet sich das Blatt: Gegen Alex. O-TON 03: (Alex) Und dann ist plötzlich von heut auf morgen so eine richtige Abneigung gegenüber mir entstanden. Danach war es dann wirklich, also wie ausgewechselt. Sie hat mich gar nicht mehr beachtet. Mich konstant wirklich ignoriert auch. Wenn ich sie nur angesprochen hab, hat sie nur die Augen verdreht. Also ich war auf einmal abstoßend. Das hat sie mir wirklich gezeigt, dass ich abstoßend bin für sie. Musik SPRECHERIN: Hier könnte die Geschichte von Alex’ und Claras Beziehung zuende sein. Doch es ist, wenn man so will, gerade erst der Anfang. Denn das zwischen den Beiden wird noch zwei Jahre weiterlaufen. Es wird nicht nur eine unglückliche Beziehung, sondern eine toxische. Über toxische Beziehungen könnte Alex, wie er es selbst vor dem Interview mit Radio Wissen gesagt hat, ein ganzes Buch schreiben. Toxisch… im Sinne von bösartig, schädlich, zermürbend, giftig. Das Adjektiv hat sich längst fest im Sprachgebrauch eingebürgert. Dabei stammt das Wort toxisch eigentlich vom altgriechischen τόξον (= toxon) und kann mit Bogen oder Pfeil übersetzt werden. Von Gift ist also erst einmal keine Spur. Doch die Berliner Soziologin und Influencerin Katharina Wohlrab stellt fest: Zitat „Hatte Eros, der Gott der Liebe in der griechischen Mythologie, nicht auch immer Pfeil und Bogen dabei? Vielleicht wurde damals schon, zumindest in den Mythen, die toxischen Aspekte der Liebe mitgedacht.“ Doch werden mit toxisch längst nicht mehr nur Liebesbeziehungen beschrieben. Auch von toxischen Freunden und Familien hört man immer häufiger. O-TON 04: (Hansen) Also man kann da ja zunächst erst mal feststellen, dass sich im Diskurs da was verschiebt. Und auch da wäre: die Frage Was liegen da drunter für gesellschaftliche Umwälzungen? SPRECHERIN: Der Soziologe und Paarberater Thies Hansen glaubt nicht, dass nur weil mehr über toxische Beziehungen gesprochen wird, es auch mehr toxische Beziehungen gibt. Im Gegenteil: O-TON 05: (Hansen) Also es könnte ja sein, dass die ganze Aufmerksamkeit für toxische Beziehungen oder was damit gemeint ist, Ausdruck davon ist, dass es im Großen und Ganzen weniger toxische Beziehungen heute gibt als früher, weil es überhaupt ein Bewusstsein dafür gibt. Und vielleicht auch, weil es wichtiger geworden ist, heutzutage eine nicht toxische Beziehung zu führen. SPRECHERIN: Noch vor wenigen Generationen waren Partnerschaften vordergründig Zweckgemeinschaften. Nicht umsonst sprechen Soziologinnen und Soziologen von „Ein Acker heiratet den anderen“. Doch in den letzten Jahrzehnten habe die romantische Liebe massiv an Bedeutung gewonnen, so Hansen. Und auch wie diese genau aussehen soll, wird immer mehr reflektiert. O-TON 06: (Hansen) Also es verschiebt sich was, die Beziehungswerte verschieben sich. Dadurch rückt die Aufmerksamkeit mehr auf Phänomene, die bis vor gar nicht allzu langer Zeit noch als völlig normal gegolten haben. Also beispielsweise in unserer Großelterngeneration, würde ich sagen, ist so was so was wie emotionaler Missbrauch, emotionale Abhängigkeit völlig alltäglich gewesen. SPRECHERIN: Unsere Vorstellungen von dem, was in Beziehungen - ob romantisch, platonisch oder familiär - akzeptabel ist, verändert sich. Lange Zeit wurden vor allem psychische Formen der Gewalt übersehen. Das liegt auch daran, dass sie schwerer zu entlarven sind, als eine Ohrfeige, oder ein zu fest gepackter Arm. Doch das Bewusstsein wächst. Auch, weil unser Wissen über gelingende Beziehungen gewachsen ist, sagt der Soziologe Thies Hansen. Selbsthilfeliteratur und Beziehungsratgeber etwa gehören zu den meistgekauften Sachbüchern. O-TON 07: (Hansen) Also das, was vielleicht zuvor ein Expertinnenwissen war, beispielsweise Psychologinnen etc. vorbehalten, ist heute sehr, sehr viel mehr im Alltagsbewusstsein angekommen. SPRECHERIN: Doch Laien sind eben keine Experten. Wir wissen zwar mehr über gelingende Beziehungen als noch vor einigen Jahrzehnten - was aber nicht bedeutet, dass wir so ganz genau wissen, was eine toxischen Beziehung wirklich ausmacht. Man kann auf jeden Fall festhalten: Eine allgemein gültige oder gar wissenschaftliche Definition des Begriffs gibt es nicht. O-TON 08: (Özdemir) Die Gesellschaft hat vermutlich einen Begriff gebraucht, um dysfunktionale Beziehungen zu beschreiben. Hierbei ergibt sich aber auch direkt ein Problem, dass wir keine allgemeingültige Definition von toxischer Beziehung haben. Also ich weiß gar nicht, ob eine andere Person genau das darunter versteht, was ich darunter verstehe. Dann kann es auch passieren, dass wir - wir würden es in der Psychotherapie Plausibilitätsfalle nennen, dass wir da hineintappen. Also dass ich diese fehlende Info, also die Definition, einfach auch fülle mit dem, was ich darunter verstehe und im schlimmsten Fall völlig aneinander vorbei rede. SPRECHERIN: Der Psychotherapeut und Dozent Umut Özdemir berät in seiner Berliner Praxis Menschen speziell zu Sexual- und Paarthemen. Auch solche, die - nach ihrer eigenen Aussage - in einer toxischen Beziehung stecken. O-TON 09: (Özdemir) Ich frage erst mal nach was oder anhand welcher Beispiele und Faktoren, die ihre Beziehung als toxisch kennzeichnen oder definieren. Damit ich quasi ein Bild davon habe, worum es tatsächlich geht. Es sind unterschiedliche Antworten. Manchmal ist es ein "Ich werde im Streit angeschrien, von einer anderen Person“ bis hin zu tatsächlich körperlicher Gewalt, das kam auch schon vor. SPRECHERIN: Zieht man das Internet zu Rate, was eine toxische Beziehung ausmacht, scheint die Antwort eindeutig. Da werden z.B. Listen ausgespuckt, die Merkmale einer toxischen Beziehung aufzählen. Was dabei auffällt: Es werden vor allem psychische Komponenten genannt: Manipulation, extreme Liebesbekundungen - auch Love Bombing genannt. Stimmungsumschwünge, Herabsetzung, Kritik, Kontrolle. Musik SPRECHERIN: Nachdem Clara Alex für ein paar Tage die Kalte Schulter gezeigt hat, startet sie auf der Arbeit wieder einen Annäherungsversuch. O-TON 10: (Alex) Plötzlich von jetzt auf nachher stellt sie mir einen Kaffee hin. Weil sie ganz genau weiß, wie ich meinen Kaffee mache. Von jetzt auf nachher läuft sie vorbei, streichelt mir die Schulter. So kleine Aufmerksamkeiten kamen wirklich von jetzt auf nachher wieder. Also beim ersten Mal hab ich mich gefreut. Hab gedacht, okay, vielleicht ist es jetzt besser geworden. SPRECHERIN: Stattdessen ist es der Anfang eines Teufelskreises. Denn das Glück ist wieder nur von kurzer Dauer. O-TON 11: (Alex) Das Ganze lief eigentlich die ganze Zeit immer wieder im selben Kreislauf. Also es war wirklich totale Love Bombing Phase. Dann gab es immer irgendein Ereignis, wo ich als verrückt hingestellt wurde. Dann totale Kälte. Ablehnung. Abneigung. Dann Kontaktabbruch, beziehungsweise Abstand. Und dann wieder von vorne. Über fast zwei Jahre. SPRECHERIN: Alex wird zum Spielball für Claras Launen. O-TON 12: (Alex) Das hat mein Selbstwertgefühl also komplett bis in die Grundfeste erschüttert. Das hat dazu geführt, dass ich mich auf 60 Kilo runter gehungert habe. Ich habe gar nichts mehr gegessen und war dann wirklich spindeldürr. Was sie mir damals auch unterschwellig oft dann gesagt hat, dass ich zu dünn und zu schwach sei. Wenn ich irgendwas hochheben musste „Ja dafür hat er doch eh keine Kraft“. Da ist es mir direkt bis ins Knochenmark gefahren. Ich habe mich in der Zeit auch total abgeschottet. Ich bin gar nicht mehr rausgegangen. Musik (kurz frei stehen lassen) SPRECHERIN: Auch in sozialen Medien und Podcasts teilen immer mehr Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit toxischen Beziehungen. ATMO „STORYTIME“ Also Leute ich war in einer toxischen Beziehung. Hab die Beziehung beendet - natürlich sehr traumarisierend, natürlich sehr scheiße, war danach am Boden zerstört, bin danach in Therapie gegangen, was ganz oft passiert, weil wenn ein Narzisst mit dir fertig ist, denkst du du bist die Verrückte dabei wurdest du verrückt gemacht. SPRECHERIN: Stichwort Narzist: Was viele dieser „Story-Times“, die man zum Beispiel auf You Tube oder auf TikTok findet, gemeinsam haben: Zu einer toxischen Beziehung gehört scheinbar meist ein narzisstisches Gegenüber. Mal als Ursache für den Beziehungsstatus „toxisch“, mal als Begleitsymptom. Auch in Ratgebern zu toxischen Beziehungen taucht oft bereits im Klappentext das Schlagwort Narzissmus auf. Worin die Autorinnen und Autoren dieser Selbsthilfebücher zunächst recht haben: Mit einem Narzissten oder einer Narzisstin eine Beziehung führen ist tendenziell ziemlich schwierig. Sagt die Psychologin Nensy Le von der LMU München. O-TON 13: (Le) Also zum Beispiel ist es so, dass Paare mit mindestens einer narzisstischen oder einer stark narzisstischen Person häufiger streiten. Die Person ist oftmals weniger empathisch. Nach so einem Konflikt ist es zum Beispiel oft so, dass dann als Gegenreaktion Rache eine größere Rolle spielt. Die Personen sind auch tendenziell eher aggressiv oder verhalten sich eher aggressiv, sind weniger warm. SPRECHERIN: Doch ab hier wird es knifflig. Denn es gibt nicht „den Narzisten“ sondern eine ganz große Bandbreite von durchaus gesundem, normalem Narzissmus bis hin zu stark ausgeprägtem, pathologisch relevanten Narzissmus. O-TON 14: (Le) Das heißt aber auch im Umkehrschluss, dass jeder und jede von uns auf dieser Welt, auf diesen Nazissmuswert irgendwo zu verorten ist. SPRECHERIN: Und somit ist es ein Leichtes, das angeblich toxische Gegenüber als Narzisten oder Narzistin abzustempeln. SPRECHERIN: Doch vielleicht steckt hinter der vermeintlichen Erklärung „Er war Narzisst, deswegen war unsere Beziehung toxisch“ auch, dass man so die Schuld beim Gegenüber abladen kann, beobachtet der Soziologe und Paarberater Thies Hansen. O-TON 16: (Hansen) Vielleicht können wir, um uns dem Phänomen toxische Beziehung zu nähern, die Feststellung treffen: Toxisch sind immer die anderen. Ich bin in einer toxischen Beziehung, mein Partner ist schuld und Schuld ist ja auch immer das Gegenteil von Verantwortung. Und deshalb muss ich mich nicht mehr weiter damit auseinandersetzen. Und an der Stelle kann man vielleicht die Frage stellen, inwieweit diese Labels genutzt werden, um sich selbst mit seinen eigenen Beziehungen auseinander zu setzen und daran zu arbeiten, oder ob es mehr darum geht, da einfach ein Etikett drauf zu kleben und mit dem Finger auf andere zu zeigen, eine Schuldzuweisung zu machen und dadurch nicht selber die Verantwortung für das eigene Liebesleben zu übernehmen. SPRECHERIN: In einer Studie der US-amerikanischen Psychologin Dr. Diane Follingstad zu Gewalt in der Partnerschaft gaben alle Befragten an, dass sie selbst nur halb so oft psychische Gewalt in ihren Beziehungen ausgeübt hätten, wie ihre Partner. Natürlich kann die Stichprobe verzerrt gewesen sein, so dass eher Opfer von psychischer Gewalt teilgenommen haben. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass man sich selbst eben nur schlecht oder ungern an die Male erinnert, in denen man selbst zu weit gegangen ist. Da ist es leichter, die Schuld beim anderen zu suchen. Die Psychologin Nensy Le hat sich intensiv mit verschiedenen Formen von Gewalt in Partnerschaften beschäftigt. Sie kommt zu dem Schluss: O-TON 17: (Le) Es gibt common „couple violence“. Also in dem Fall sind beide Partner oder Partnerinnen gewaltvoll oder aggressiv, ohne aber dass dann weitergehendes Motiv dahinter steht. Man will nicht bestimmen, sondern das ergibt sich aus der Situation heraus irgendwie, weil man zum Beispiel keine anderen guten Strategien hat. Und diese Beziehungsgewaltform ist tatsächlich die häufigste, die wir antreffen, wenn wir das mal rundum betrachten. SPRECHERIN: Das heißt keinesfalls, dass es nicht auch Beziehungen gibt, in denen Gewalt - ob psychisch oder physisch nur von einer Person ausgeht. Vor allem körperliche Gewalt geht in Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau in der großen Mehrheit der Fälle vom Mann aus. Bei psychischer Gewalt ist das anders: In den meisten Fällen geht sie von beiden Parteien gleichermaßen aus. Das Geschlecht spielt dabei keine besondere Rolle. Die Forschung zeigt auch: der Anteil an Beziehungen, in den toxisches Verhalten vorkommt ist groß. O-TON 18: (Le) Also es schwankt ja durchaus von Studie zu Studie, aber bis zu 80- 90 % sind da ja nicht ungewöhnlich. Was natürlich zeigt, dass psychische Gewalt und psychisch aggressives Verhalten auf jeden Fall ein ernstzunehmendes Thema ist, weil es sehr häufig auftritt. Es zeigt aber auch gleichzeitig, dass ein gewisses Maß an aggressivem Verhalten in gewisser Weise auch ein bisschen normal ist SPRECHERIN: Die meisten wissen wahrscheinlich ganz genau, was sie sagen müssten, um einen geliebten Menschen zu verletzen. Häufig tun wir es auch, ohne uns darüber wirklich im Klaren zu sein. Ein kleiner Griff zum Handy des anderen… nur mal kurz WhatsApp checken. Nanu, wem hat er denn da geschrieben? Ein klarer Eingriff in die Privatsphäre. Und ein Haken auf der Checkliste der toxischen Beziehung. Doch ein Verhalten allein trifft keine Aussage darüber, ob die Beziehung toxisch ist, sagt der Paar- und Sexualberater Umut Özdemir. O-TON 19: (Özdemir) Oder auch bei so Sachen wie Love Bombing ist ja durchaus die Frage: Warum macht die das denn? Könnte da auch nicht dahinter stecken: Ich flirte, mache Komplimente, ich leg mich ins Zeug, weil ich die Person super interessant finde. Und dann stelle ich fest die Person findet mich gut. Ich find die Person auch gut, aber was, wenn ich verlassen werde und mein Herz gebrochen wird? Und dann erstarrt man vor Angst quasi und macht vielleicht nichts mehr. Das kann ja auch der Fall sein. Musikakzent, kurz SPERCHERIN: Wo ist also der Kipppunkt? Im „toxischen“ Verhalten allein findet man ihn nicht. Er liegt vielmehr in dem, was daraus folgt. Im Schaden, den das Verhalten anrichtet. Daraus folgt ein kleinster gemeinsame Nenner: Eine toxische Beziehung ist eine Beziehung, die nicht gut tut. Das ist, natürlich von Mensch zu Mensch, ja gar von Beziehung zu Beziehung unterschiedlich. Doch zu erkennen, wann eine Beziehung nicht gut tut, ist nicht immer ganz leicht. Da kann die Einschätzung anderer kann hilfreich sein, sagt Umut Özdemir. O-TON 20: (Özdemir) Wenn zwei, drei Freund*innen unabhängig voneinander sagen: Boah, das klingt nicht gesund oder gut, was da läuft. Würde ich dem vertrauen. Gleichzeitig kann es aber auch sein, dass man durchaus so einen Eindruck hat und sich denkt: Oh, ich weiß nicht. Wenn man vorher eine andere Beziehung hat und die damit vergleicht oder sagt: Ich merke, dass ich öfter unglücklich bin, als ich glücklich bin. Dann sind das ganz gute Momente, dass man einen Schritt zurück macht und das man sagt: Wenn mir das ne Freundin erzählen würde oder ein Freund, was würde ich denen eigentlich raten? Das fällt uns ganz oft leichter, weil wir ganz oft gütiger sind zu anderen als zu uns selbst. SPRECHERIN: Zu erkennen, dass uns eine Beziehung nicht gut tut, ist das eine. Eine Konsequenz daraus zu ziehen das andere. Denn Betroffene erklären eine Beziehung vor allem dann als toxisch, wenn sie schon vorbei ist. Doch das impliziert, dass eine toxische Beziehung es nicht Wert ist, daran zu arbeiten. Ein Fehler, findet die Psychologin Nensy Le von der LMU München. Denn wo ein Gift ist, ist auch ein Gegengift. O-TON 21: (Le) Das sind ja oft Muster. Die Muster sind schwer zu durchbrechen, man kann sie aber durchbrechen. O-TON 22: (Özdemir) Das Erste, was man machen kann, das Gespräch zu suchen in einem ruhigen Moment. Und auch zu sagen: ich merke, das kostet mich viel Kraft. Ich merke, ich bin sehr oft unglücklich. Ich merke dass die Art, wie wir miteinander umgehen, die verletzt mich, die tut mir weh. Können wir daran was ändern? Und im allerbesten Falle sagt ja die andere Person, dass sie das auch so sieht und da sie etwas verändern möchte. Wenn die Person das gar nicht so sieht, würde mich das schon stutzig machen und ich würde berichten wollen, wie es mir da geht. SPRECHERIN: Sagt der Paartherapeut Umut Özdemir. O-TON 23: (Özdemir) Man kann eine Paartherapie aufsuchen, man kann aber auch gucken, ob man selber Regeln aufstellt für die Art und Weise, wie man streitet. Also, jetzt wieder so ein überzogenes Beispiel. Aber vielleicht ist ja auch eine Regel: wir beschimpfen nicht die andere Person oder aber auch, was durchaus viele Paare machen: Wir vereinbaren ein Stoppsignal oder ein Codewort, wo wir den Streit unterbrechen und 15 Minuten Pause in getrennten Räumen machen, weil wir vielleicht dann Gefahr laufen, in unserer Wut, in unserer Hitzigkeit wirklich fies zu werden. Musik SPRECHERIN: Nur weil eine Beziehung toxisch ist, nicht gut tut, muss es also nicht gleich das Ende bedeuten. Musik hoch Doch manchmal kommt man dann eben doch zu dem Schluss: Egal was wir probieren, es funktioniert zwischen uns einfach nicht. Wir fallen immer wieder in dieselben alten Muster zurück. Alex hat das schon lange realisiert. Eigentlich. O-TON 24: (Alex) Ich hab's schon gecheckt, ich bin total emotional abhängig von ihr. Aber ich komme da irgendwie nicht raus. Dass irgendwas tief in mir drin sagt, dass es ohne sie gar nicht funktioniert. Dass ich nur von ihrem Zuspruch eigentlich leben kann. SPRECHERIN: Zwei Jahre leidet er unter dem ständigen Hin- und Her mit Clara. Mehrmals versucht er das Gespräch mit ihr. Doch alles wiederholt sich immer wieder aufs Neue. Bis seine Freunde es nicht länger mit ansehen können, wie Alex immer kleiner wird. O-TON 25: (Alex) Gott sei Dank kam einer von meinen Jungs zu mir und hat gesagt Ey! Morgen gehen wir ins Gym. Und Du kommst mit. Und ich soll nicht unterschätzen, was für ne mentale Kraft des auswirken kann. Also sportliche Betätigung. SPRECHERIN: Das Fitnessstudio holt Alex aus seiner Isolation. Er ist wieder mehr unter Freunden. Der Sport packt ihn. Er fühlt sich zum ersten Mal seit langem wieder mit sich und seinem Körper verbunden. Und er gewinnt ein Stück weit das Selbstvertrauen zurück, das er über die letzten Jahre verloren hat. O-TON 26: (Alex) Und war dann auch Manns genug zu sagen okay, das ist nichts mehr für mich. Ich habe das wirklich gemerkt. Es kann so nicht weitergehen. SPRECHERIN: Alex hat sich schließlich nach zwei Jahren von Clara getrennt. Und mit der Zeit hat er auch das Gift in einer anderen Beziehung entdeckt. In der Beziehung, die er zu sich selbst hatte. Die tat ihm nämlich auch nicht immer gut. O-TON 27: (Alex) Jetzt, wo es mir besser geht, ich davon Abstand habe bin ich auch ein bisschen froh, dass es mir vielleicht irgendwie passiert ist, weil ich weiß dadurch um einiges besser, was ich will und was ich nicht will. Und ich bin um einiges verantwortungsbewusster auch mir selbst gegenüber geworden.
- Ovids Metamorphosen - Verwandlungsgeschichten als Dauerbrenner
10.06.2025 · 23 Min.
Lasziv, also frech, unanständig und verspielt nennt der römische Rhetoriker Quintilian die Metamorphosen des Ovid. Vielleicht sind dessen Verwandlungsgeschichten gerade deshalb ein literarischer Dauerbrenner. Seit 2000 Jahren regen die Metamorphosen Musiker, Maler, Bildhauer und Dichter immer wieder zu neuen Werken an. Von Simon Demmelhuber (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Simon Demmelhuber Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Amberger, Thomas Loibl, Benedikt Schregle Technik: Daniele Röder Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Markus Janka, Professor für Klassische Philologie/Fachdidaktik der Alten Sprachen, Ludwig-Maximilians-Universität München Die Übersetzungen aus dem Lateinischen verfasste Markus Janka. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Homer - Der erste Dichter des Abendlandes Wer Homer wirklich war, ist heute umstrittener denn je. Traditionell gilt er als der Verfasser der ersten literarischen Werke des Abendlands, der Ilias und der Odyssee. Und damit ist er der auch der Urvater beinahe aller nervenaufreibenden Geschichten. Von Thomas Morawetz (BR 2016) JETZT ENDTECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Hereinspaziert, verehrte Damen und Herren! Treten Sie näher, treten Sie ein! SRECHER Willkommen in Ovids Varieté der Verwandlungen! SPRECHERIN Sehen Sie selbst, wie Götter, Heroen und Menschen vor Ihren Augen zu Tieren, Pflanzen, Sternen und Steinen mutieren. SPRECHER Beklagen Sie Daphne, die zum Lorbeerbaum wird, um der Liebestollheit Apolls zu entkommen. SPRECHERIN Beweinen Sie Arachne, die gekränkter Götterstolz zum Leben als haarige Spinne verdammt. SPRECHER Lassen Sie sich rühren von Philemon und Baucis, denen gastfreie Güte die Gnade erwirkt, in Baumgestalt einander für immer zu lieben. SPRECHERIN Erschauern Sie mit Niobe, die der Schmerz über den Tod ihrer Kinder in einen weinenden Felsen versteinert. SPRECHER Betrauern Sie Byblis, die von Amor gedrängt, den eigenen Bruder begehrt. Von ihm verschmäht, zergeht sie in Tränen ewigen Kummers. SPRECHERIN Sie alle und zahllose mehr wechseln Form und Gestalt durch göttliches Wirken. Die einen zur Strafe, die andern zum Lohn, die Dritten zur Rettung. SPRECHER Nur eine Warnung vorweg: Hier geht es heftig zur Sache. Hier wird geliebt, gehasst, betrogen, gekämpft und gemordet. Hier toben Leidenschaften, hier waltet böses Geschick. Nichts bleibt, was es war, allein der Wandel besteht. MUSIK 2 Tobi Morare: Ghetto Beat SPRECHER Das Licht erlischt, der Vorhang steigt. Bevor das Spiel beginnt, ehren wir den Prinzipal des Etablissements mit einem herzlichen Applaus. Begrüßen Sie nun den unvergleichlichen, einzigartigen Erzdichter Publius Ovidius Naso! ATMO APPLAUS 43 vor Christus geboren, aus besten Verhältnissen stammend, vom Vater für die Ämterlaufbahn, von seinem Wesen aber zum Dichter bestimmt, fehlt ihm, wie er selbst gesteht, alles für die politische Karriere: ZITATOR Weder war mein Körper fähig, diese Arbeit zu ertragen, noch mein Verstand dafür angemessen, ständig war ich auf der Flucht vor Ehrgeiz und Stress. SPRECHERIN Mit knapp 20 Jahren legt er die Amores vor, eine Sammlung frivol-ironischer Liebesgedichte. Dem Erstling folgen die Ars amatoria, ein poetisches Lehrbuch der Liebeskunst und ein Remedia amoris betiteltes Arsenal hilfreicher Heilmittel für unglücklich Liebende. Die gefeierten Bücher festigen seinen Ruf als Experte für literarische Liebes- und Leibesnöte. Dann, um 8 nach Christus, vollendet er sein unsterbliches Großwerk: ZITATOR Publii Ovidii Nasonis Metamorphoseon Libri - Ovids Bücher der Verwandlungen ATMO: APPLAUS SPRECHER Die Metamorphosen - das sind rund 250 raffiniert ineinander verwobene mythologische Geschichten, in denen Menschen, Nymphen, Satyrn und Helden von Göttern teils schützend, teils strafend in Tiere, Pflanzen und anderes verwandelt werden. Mit diesem Werk schafft Ovid eines der wirkungsmächtigsten Bücher der Welt. SPRECHERIN Seit 2000 Jahren regen Ovids Verwandlungsgeschichten Dichter, Komponisten, Maler und Bildhauer zu eigenen Werken und Deutungen an. Kein anderer antiker Autor hat ein auch nur annähernd fruchtbares Nachleben. Kein anderes Buch, die Bibel ausgenommen, hat seine Geschichten und Gestalten tiefer in die geistige DNA des Abendlandes eingeschrieben. Die in einen Lorbeerbusch verwandelte Daphne, der vom Himmel ins Meer gestürzte Ikarus,– Ovids verwandelte Körper sind in der europäischen Kunst allgegenwärtig. SPRECHER Er ist der meistgelesene, meistimitierte römische Autor des Mittelalters. Schon die im 11. und 12. Jahrhundert verfassten Carmina Burana nutzen den Fundus der Verwandlungsgeschichten. Später lassen sich Dichter aller Epochen von ihnen inspirieren. Dass die frühesten Opern Titel wie La Dafne, oder L'Orfeo tragen und Komponisten noch immer ovidische Stoffe vertonen, bezeugt eine musikalische Dauerpräsenz, die vom Frühbarock bis in die Gegenwart reicht. SPRECHERIN Am eifrigsten schöpfen Maler und Bildhauer aus den Metamorphosen. Bereits die Römer lassen Ovidmotive in Marmor meißeln, aus Bronze gießen und auf Wände malen. Seither ist die Kette künstlerischer Anleihen ungebrochen. Wie ertragreich das Werk war und ist, beleuchtet eine Inventur des Kunsthistorischen Museums Wien: 40 der rund 2000 Bilder des Gesamtbestands zeigen ovidische Verwandlungsszenen. Das reicht locker für Platz 2 nach der Bibel und macht Ovid zum wichtigsten Kunstflüsterer der westlichen Welt. MUSIK 3 Ali N. Askin: Francis SPRECHER Die Erfolgsgeschichte hält nicht nur bis heute an, sie weitet ihren Wirkungskreis sogar kontinuierlich aus. Während die meisten antiken Texte allenfalls Fachwissenschaftler beschäftigen, inspirieren die Metamorphosen weiterhin Autoren, Theater- oder Ausstellungsmacher und neuerdings auch Video- und Performancekünstler. Darüber hinaus sorgen Comics, Zeichentrickfilme, Liebesratgeber und Videospiele für eine beispiellose Omnipräsenz in der Popkultur. SPRECHERIN Ovid und kein Ende! Ovid überall! Die Metamorphosen überspringen mühelos Generations- und Gattungsgrenzen. Aber wie lässt sich dieser crossmediale Dauer- und Breitenerfolg erklären? Warum gerade Ovid? SPRECHER Weil ihm mit den Metamorphosen ein zeitloses Meisterwerk gelungen ist, sagt Markus Janka, Professor für Klassische Philologie und Fachdidaktik der Alten Sprachen an der LMU München. 01 O-TON JANKA Ovid schafft ein Epos ganz eigener Art, das es so noch nie gegeben hat: eine unglaubliche Plastizität, Anschaulichkeit, Eindringlichkeit, das ist schon etwas ganz Großartiges! SPRECHERIN Die Karriere der Metamorphosen beginnt als literarischer Befreiungsschlag. Bereits die Zeitgenossen des Dichters rühmen das Neuartige und Kunstvolle der Dichtung. Mehr als die eigenwillige Behandlung des mythologischen Stoffs oder die Archetypik der Gestalten wecken zunächst formale und stilistische Innovationen die Neugier der literarischen Öffentlichkeit. SPRECHER Dass er mit den Metamorphosen ganz bewusst Neuland betritt, stellt Ovid von Anfang an klar. Gleich die erste Zeile packt den Innovationshammer aus: ZITATOR īn nŏvă fērt ănĭmūs mūtātās dīcĕrĕ fōrmās / cōrpŏră Neuem strebe ich zu, vom Wandel zu dichten der Formen in neue Körper. SPRECHERIN Was passiert da? Das ist doch nicht mehr der alte Ovid! Bislang hat er nur elegische Distichen, das für Liebeslyrik typische Versmaß verwendet. Jetzt schreibt er plötzlich Hexameter! SPRECHER In diesem Wechsel steckt ein ganzes Programm. Das Metrum, also die festgelegte Kombination langer und kurzer Silben, regelt nicht nur den rhythmischen Fluss. Für römische Ohren ist das Versmaß außerdem stark mit den literarischen Genres verknüpft, erklärt Markus Janka. 02 O-TON Janka Das Versmaß konditioniert schon das, was man erwartet, und die kontinuierliche Abfolge von Hexametern in einer Langform ist das epische Versmaß schlechthin. SPRECHERIN Wenn Ovid nun durchwegs Hexameter einsetzt, ist die Botschaft klar: Er schreibt ein Epos! Er wagt sich an die Meistergattung der Literatur seiner Zeit und tritt in einer Disziplin an, in der Homer und Vergil die Standards setzen. Und diese Standards will er nicht nur kopieren. Ovid braucht es größer. So groß, dass seine knappe Vorrede dafür den Beistand der Götter erfleht: ZITATOR Helft mit Inspiration und führt die Erzählung vom ersten Ursprung des Kosmos fortlaufend herab bis zu meiner Zeit. MUSIK 4 Flore Laurentienne: Point d’ancrage SPRECHERIN Damit ist der Plan raus: Ein Epos soll es sein, das Verwandlungen erzählt und dabei den Bogen spannt vom Anbeginn der Zeit bis in die Gegenwart. Da gibt es nur ein Problem: seinem Epos fehlt ein Held, den es besingen könnte. SPRECHERIN Stimmt! Aber Ovid bügelt das Manko genial aus. Sein Held ist ein universales Prinzip: der stete Wandel aller Wesen und Dinge. SPRECHER Damit beginnt zugleich die Verwandlung einer Gattung, die Vergil bislang mit seiner Aeneis als römischer Homer und größter Dichter des Imperiums dominiert. 03 O-TON Janka Ohne Vergil ist Ovid nicht denkbar als Dichter. In fast jeder Zeile ein versteckter und öfter auch ein direkter Bezug auf dieses gigantische Vorbild, an dem er sich abarbeitet und der ihn inspiriert zu einer Art von Dichtung, die dann am Ende ganz anders ist. SPRECHERIN Was diese Dichtung derart neu und anders macht, dass sie nicht allein das Epos, sondern auch den Mythos verändert, zeigt die Geschichte von Pygmalion und Galatea. MUSIK 5 Flore Laurentienne: La nuit bleue SPRECHER Pygmalion schnitzt eine Frauenfigur aus Elfenbein. Er verliebt sich in die Skulptur und nennt sie Galatea. Weil aber Galatea keine wirkliche Partnerin, sondern ein totes Bildwerk ist, bitter er Venus um eine Gattin, die der Statue gleicht. Die Göttin zeigt sich gnädig und verwandelt Galatea in eine lebendige Frau. SPRECHERIN Was Venus mit der Statue macht, macht Ovid mit dem Mythos: Er verwandelt mythologische Gestalten in Wesen, die von Gefühl und Leidenschaft gelenkt, ganz wie Menschen empfinden und handeln. SPRECHER Ovid reicht die alten Geschichten nicht einfach weiter. Er aktualisiert sie, spürt den Motiven, Auslösern und Folgen des Geschehens nach und gibt den erzählten Figuren eine Tiefe, die sie bislang nicht hatten. 04 O-TON JANKA Er ist eben nicht jemand, der Mythos konserviert, sondern der vom Mythos geprägt immer die eigene Zeit bedenkt. Das mag jetzt als Anachronismus erscheinen, aber genau das ist es: dass Ovid der erste Dichter ist, der tatsächlich psychologisch nachfragt, was sich aus mythologischen Konstellationen ergibt. SPRECHER Das ist der entscheidende Punkt. Genau darum ist Ovid noch immer aktuell. Genau deshalb funktionieren die Metamorphosen nicht nur als literarisches Kunstwerk, und genau darum spielt es für viele Ovidfans auch absolut keine Rolle, in welcher Sprache sie die Geschichten lesen oder welches Medium sie ihnen erzählt. SPRECHERIN Ovid fasziniert uns noch immer, weil er das Verwandlungsmotiv nutzt, um menschliche Erfahrungen und Leidenschaften zu erkunden. Er lässt sein mythologisches Personal archetypische Gefühle und Situationen durchleben, die wir alle kennen und nachfühlen können. Und er stellt Fragen, die jeden Menschen angehen: Was machen Liebe und Hass mit uns? Was stellen Willkür, Kränkung und Missbrauch mit uns an? Wie verändern uns Schicksalsschläge und starke Emotionen? Und wie gehen wir damit um, dass nichts bleibt, wie es ist? SPRECHER Im Zentrum der mythologisch eingekleideten Menschenforschung steht dabei stets übergroß das Wesen und Wirken der Liebe, sagt Markus Janka. O5 O-TON Janka Immer und immer wieder Eros, immer und immer wieder Amor. Und zwar immer und immer wieder in den unterschiedlichsten Konstellationen, so dass auch schon der große Kommentator Franz Bömer gesagt hat, dass man die Metamorphosen als ein einziges Carmen amatorium, als ein episches Gedicht mit dem Thema Eros, mit dem Thema Amor bezeichnen kann. MUSIK 6 Billie Eilish: Everything I Wanted SPRECHER Die Liebe in allen Facetten! Das ist Ovid! Liebeslieder und Liebeslehren gründen seinen Ruhm, tenerorum lusor amorum, einen Spielmann und Gaukler zärtlicher Launen der Liebe, nennt er sich selbst. Die Metamorphosen bleiben dieser Berufung treu, das Love-Lab der Verwandlungen wimmelt nur so von Paaren, die das Verwirrspiel menschlicher und göttlicher Liebesverstricktheit spiegeln. SPRECHERIN Philemon und Baucis, Orpheus und Eurydike, Ceyx und Alkyone, Pyramus und Thisbe – der Musterkatalog ist reich bestückt. Nahezu jede gelungene oder gescheiterte Paarung, derer die Liebe fähig ist, findet ihre Gestalt und Geschichte. Ehelust und Ehefrust, Begehren und Abscheu, Hetero- und Homosexualität, Inzest und Gewalt, Glückseligkeit und Schmerz, Geilheit und Missbrauch – was immer Venus, Eros und Amor im Guten oder Schlechten anrichten – Ovid hat alles auf dem Schirm. MUSIK 7 Ensemble Modern: A Pig With Wings SPRECHER Die radikale Neufassung der mythologischen Tradition verändert auch die Träger des klassischen Epos. Allem Heldengetöse, allem, was allzu waffenstolz prahlt und scheppert, lässt Ovid genüsslich die Luft aus. Die beste Gelegenheit bietet dazu die sehr eigenwillige, bisweilen burleske Schilderung des trojanischen Kriegs. 06 O-TON JANKA Da wird dann alles gespiegelt, was in der Ilias dargestellt ist, aber immer subjektiv verdreht. Was eben früher als Makel angehängt wurde, ist ein unglaublich modernes Element, das uns heute anspricht, nämlich die subjektive Brechung dieser Gegenstände, die nicht unvermittelte Darstellung von Kampf und Krieg und Heldentod. MUSIK 8 John Debney: Dying Hero SPRECHERIN Besonders arg erwischt es Achill. den zornigen Erzheroen des homerischen Trojaspektakels. Bei Ovid ist er eine dumpfe Kampfmaschine, ein Aufschneider und blutrünstiger Wüterich. Einer, der nach getanem Gemetzel gern mit seinen Kriegstaten prahlt. "Man kennt das", wirft Ovids Erzähler ein. "Worüber wüsste ein Achill sonst zu sprechen, und was gäbe es sonst schon groß über Achill zu sagen?" MUSIK 9 Billie Eilish: No Time To Die SPRECHER Den finalen Schlag erhält der Superkrieger, nachdem er im Kampf gefallen ist und sein Leib verbrannt wird. Statt feierlicher Worte wirft ihm Ovid nur einen spöttischen Kommentar hinterher: 07 O-TON JANKA Verheizt hatte ihn der Gott, der ihn vorher bewaffnete. Er war in Flammen aufgegangen durch genau den Gott, nämlich Vulkan, den Gott des Feuers und den Schmiedegott, der ihm zuvor die Waffen gegeben hatte. SPRECHER Aber einfach nur verheizen reicht nicht, Ovids Heroenkehraus setzt noch eins drauf: ZITATOR Schon ist er Asche. Was vom übergroßen Helden übrigbleibt, reicht kaum, um eine Urne zu füllen. 08 O-TON JANKA Also das ist Ovid. Er kann das Große sehr klein machen, und das Kleine, Randständige kann er großartig entfalten, auch mit einem ganz tiefen psychologischen Einblick und Scharfblick. SPRECHER Verblüffend modern ist nicht nur die subjektive Umgestaltung der Tradition, verblüffend modern ist auch Ovids souveränes Spiel mit den Instanzen und Mitteln des Erzählens. SPRECHER Der Trick besteht zunächst darin, eine Vielzahl unterschiedlich langer Klein- und Kleinstgeschichten so kunstvoll miteinander zu verweben, dass sie wie aus einem Guss wirken. SPRECHERIN Zum Toolset des raffinierten Verknüpfungsmanagements gehört aber vor allem die Vielstimmigkeit der Metamorphosen. Statt eines Haupterzählers schaltet Ovid etwa 40 Binnen-, Neben- und Untererzähler ein, die sich unentwegt gegenseitig kommentieren, ergänzen und widersprechen. 09 O-TON JANKA Das ist etwas ganz Wesentliches für Ovid: Dass es immer auch die Gegenstimme, immer auch die andere Stimme gibt. Das führt er weiter und modernisiert es, radikalisiert es. Dass wir also teilweise Untererzählungen bis zum vierten und fünften Grad haben, dass jeweils immer die eine Person die Geschichte der anderen erzählt. SPRECHER Das postmodern anmutende Spiel verschachtelter Erzählebenen und subjektiver Sichtweisen setzt sich auf der Figurenebene fort. Die Akteure schwingen Reden, streiten und diskutieren; Götter kommentieren von oben herab, Filous und Philosophen räsonieren über den Lauf der Dinge. Niemand hat den ganzen Überblick, niemand das alleinige Wort, alle weben gemeinsam am epischen Teppich der Metamorphosen. SPRECHERIN Deshalb hält Ovid nicht nur Philologen bei Laune. Und deshalb haben wir Ovid nicht längst ausgemustert und können seine Geschichten selbst in der Übersetzung und episodisch genießen. SPRECHER Ovid klingt seltsam vertraut. Seine Art zu schreiben nimmt vieles vorweg, was unsere Erwartungen an ein reflektiertes, vielstimmiges, perspektivenreiches und psychologisch grundiertes Erzählen erfüllt. Das überbrückt den zeitlichen Graben und macht die Metamorphosen auch für moderne Lese- oder Mediengewohnheiten zugänglich. SPRECHERIN Das alleine erklärt aber noch immer nicht, warum sich gerade die visuellen Künste so anhaltend und intensiv durch die Metamorphosen anregen lassen. Und es erklärt schon gar nicht, weshalb Video- und Performancekünstler diese Tradition fortsetzen. Für Markus Janka hat neben der psychologischen Vertiefung noch eine weitere Besonderheit den Metamorphosen zu ihrer beispiellos langen Wirkungsgeschichte verholfen: 010 O-TON JANKA Für den gewaltigen Erfolg, den das Epos bis heute hat, ist seine Bildkraft das Mitentscheidende. Das was ein neuer Forscher Kino im Kopf genannt hat. Es gibt wohl kaum einen Dichter in der Antike, der so plastisch seriell erzählen kann. SPRECHER Was Ovid auszeichnet, ist eine stark visuelle, ausgesprochen szenische Erzählweise, die das Geschehen wie eine Textkamera abtastet und aus wechselnden Winkeln erfasst. Ein Musterbeispiel für diese Strategie, die wie eine erstaunliche Vorwegnahme filmischen Erzählens wirkt, ist die Geschichte von Daphne und Apoll. MUSIK 10 Flore Laurentienne: Île-aux-Oies SPRECHERIN Die Kurzfassung geht so: Apoll kränkt Amor, der aus Rache zwei Pfeile abschießt. Ein goldener Pfeil trifft Apoll, der sich sofort unsterblich in die Nymphe Daphne verliebt. Ein zweiter, bleierner Pfeil trifft Daphne, löst aber keine Liebe, sondern unbezwingliche Abscheu vor Apoll aus. Es kommt, wie es kommen muss. Apoll jagt Daphne, die vor seiner Liebesbrunst flieht. Als sie erschöpft aufgibt, fleht sie ihren Vater, den Flussgott Peneios, an, sie vor der drohenden Vergewaltigung durch die Verwandlung ihres Körpers zu retten. ZITATOR Kaum ist die Bitte beendet, lähmt lastende Taubheit die Glieder, Zarte Brüste umgürtet ein feiner Streifen von Rinde, Laubwerk sind ihre Haare und Äste die Arme geworden, und ihr Fuß, so geschwind, bleibt in starrem Wurzelwerk stecken, ihr Gesicht hat ein Wipfel ersetzt ... SPRECHER Den Moment der Verwandlung, das Erstarren im Lauf, das Verholzen der Glieder, das Austreiben der Blätter und Einwurzeln der Füße, Apolls hilfloses Entsetzen haben Maler und vor allem Bildhauer immer wieder auffallend ähnlich gestaltet. Kein Wunder, meint Markus Janka: 011 O-TON JANKA Dieses visuelle Erzählen spricht Maler, Bildkünstler unmittelbar an. Der Weg zum Baum wird durch die verschiedenen Körperteile, als wenn eine Kamera das aufnimmt, verfolgt. Aber diese Form der poetischen Verdeutlichung dieser Klärung, diese Verklärung im Wortsinn, dass etwas ganz klar und deutlich vor Augen geführt wird, das ist eine Eigenheit seiner Erzählkraft. MUSIK 11 Flore Laurentienne: La nuit bleue SPRECHER Letztlich ist gerade dieser eine Moment der Verwandlung das Gravitationszentrum des gesamten Werks. Am Ende, im letzten der 15 Bücher, legt Ovid dem Philosophen Pythagoras eine Rede in den Mund, die den gedanklichen Kern prägnant verdichtet: ZITATOR Omnia mutantur nihil interit – Alles wird verwandelt, nichts vergeht! SPRECHERIN Das Gesetz des Wandels kennt keine Ausnahme. Es gilt universal, nichts und niemand entkommt. Nicht einmal Kaiser Augustus, der Stabilität, ewigen Frieden und ein Imperium sine fine, ein Reich ohne Ende und Grenzen verkündet. SPRECHER "Von wegen", werfen die Metamorphosen unüberhörbar ein. Wo der Wandel regiert, ist Dauer ein leeres Versprechen. Was aber bleibt? Was hat Bestand, wenn sich fortwährend alles verändert und sogar Kaiser Augustus seine irdische Herrschaft einbüßt? Ovid bleibt die Antwort nicht schuldig. ZITATOR Nun ist mein Werk vollendet, das kein Jupiterzorn und kein Feuer, keine Waffengewalt, kein Zahn der Zeit jemals auslöscht. Mein Name wird unaustilgbar, ich werde durch ewigen Nachruhm (..) leben. SPRECHERIN VIVAM! Ich werde leben! Das ist der selbstbewusste, über alle Daseinsschrecken und Machtwillkür hinausweisende Trost der Metamorphosen. Es ist die Antwort des Künstlers auf die Frage, was bleibt. Und es ist zugleich die triumphalste, die wichtigste aller Metamorphosen: Ovid hat sich in seine Dichtung verwandelt und ist in dieser Gestalt unsterblich geworden. ATMO Applaus MUSIK Tobi Morare: Ghetto Beat SPRECHER Hochverehrtes Publikum! Unser Stück ist zu Ende. Ovid aber lebt. Ovid fängt immer erst an. Daher gebührt ihm, bevor der Vorhang fällt, ein allerletztes Wort in eigener Sache. Es ist die Inschrift, die er sich als Grabspruch schrieb für ein Grab, das wir nicht kennen: ZITATOR Hier liege ich, Naso, der Dichter, ein Spielmann der zärtlichen Liebe. Ich bin durch meine Kunst umgekommen. Falls aber du, der du vorbeigehst, jemals geliebt hast, sag einfach leichthin: Mögen Nasos Gebeine sanft ruhen.
- Der Kampf ums Meer - Tiefsee, Nordpol, Pazifik
08.06.2025 · 24 Min.
Der Wettstreit um die letzten weitgehend unberührten Regionen der Erde ist in vollem Gange: Es geht um Rohstoffe und Fischgründe auf der hohen und in der tiefen See. Schätze, die es sich - auch wegen des Klimawandels - zunehmend zu heben lohnt. Von Lukas Grasberger (BR 2023) Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Andreas Neumann und DIana Gaul Technik: Daniela Röder Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Matthias Haeckel, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR, Kiel; Dr. Michael Paul, Stiftung Wissenschaft und Politik SWP, Berlin; Prof. Alice Vadrot, Professur für Internationale Beziehungen und Umwelt, Universität Wien; Dr. Edyta Roszko, Forschungsprojekt TransOcean, Chr. Michelsen Institute, Bergen Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Linktipps: Gefährlicher Tiefseebergbau – Zerstörte Unterwasser-Landschaften | BR IQ - Wissenschaft und Forschung In den Tiefen der Ozeane verbirgt sich ein wertvoller Schatz: Manganknollen. Und verschiedene Staaten und Firmen sind entschlossen, diesen Schatz zu bergen. Warum? In Manganknollen stecken wertvolle Metalle, die immer wichtiger wollen: Kobalt, Nickel und andere wertvolle Ressourcen, die für die Herstellung von Batterien, Elektrofahrzeugen, Windrädern und vielen anderen Technologien dringend benötigt werden. ZUM PODCAST Tiefseebergbau hat ungewisse Folgen | WDR 5 Quarks Der Boden der Tiefsee gehört immer noch zu den geheimnisvollsten Orten auf der Welt. Rohstoff-Konzerne haben großes Interesse daran, dieses Terrain zu erkunden. Die Folgen aber könnten irreparable Naturschäden sein. ZUM PODCAST
- Thomas Mann und die Seinen - Im Hofstaat des Zauberers
06.06.2025 · 23 Min.
Es war ein Privileg, dieser Familie zu entstammen. Die sechs Kinder des berühmten Schriftstellers Thomas Mann und seine Frau Katja waren sich ihrer herausgehobenen Stellung wohl bewusst. Für die vier Jüngeren - Golo und Monika, Elisabeth und Michael - wurde das schon früh zur Belastung, während die beiden Ältesten, Erika und Klaus, bereits als Jugendliche versuchten, daraus Kapital zu schlagen. Sie präsentierten sich der Öffentlichkeit als "geniale Kinder eines genialen Vaters". Ihre Erfolge auf der Bühne und als Autoren täuschten allerdings nicht darüber hinweg, dass es letztendlich immer nur der Glanz des "Großschriftstellers" Thomas Mann blieb, in dem sie sich sonnen konnten. Die Eltern ihrerseits banden nach der Emigration aus Deutschland ihre Kinder nach Möglichkeit in den "Hofstaat des Zauberers" ein, um das Fortbestehen von Thomas Manns Karriere zu sichern. Von Carola Zinner (BR 2015) Autorin dieser Folge: Carola Zinner Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Axel Wostry, Wolfgang Pregler, Julia Cortis Technik: Christian Schimmöller Redaktion: Petra Hermann-Boeck Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. RadioWissen hat noch eine weitere hörenswerte Folgen zu Thomas Mann: Thomas Mann - Leben und Werk JETZT ANHÖREN Auf BR Kultur finden Sie einen Überblick über die Kinder von Thomas Mann: Die Kinder des Manns - Jede(r) Mann im Porträt ZUM BEITRAG Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Ab dem 20.Dezember 2024 wird im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums von "Der Zauberberg" das 10-teilige Hörspiel "Der Zauberberg" aus dem Jahr 2000 exklusiv in der ARD Audiothek angeboten. Zu finden HIER
- Operation Overlord - Die Landung der Alliierten
06.06.2025 · 23 Min.
Der D-Day, der Decision Day wurde als Tag der Entscheidung von den Alliierten genauso wie von Nazi-Deutschland erwartet, über zwei Jahre hatten sich vor allem Briten und Amerikaner auf eine der größten Militäroperationen der Geschichte intensiv vorbereitet. Als die Alliierten dann am 6.Juni 1944 in der Normandie tatsächlich an Land gingen, geschah dies unter hohen Verlusten. Heute gilt die Invasion nicht mehr als die Entscheidungsschlacht, als die sie die Zeitgenossen sehen wollten, aber als Tag von hoher symbolischer Bedeutung, wenn es um die Nachkriegsordnung in West-Europa ging. Von Steffi Illinger (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Steffi Illinger Regie: Silke Wolfrum Es sprachen: Christoph Jablonka, Christian Baumann Technik: Marcus Huber Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Dr. Peter Lieb, Militärhistoriker, Potsdam Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Es ist eine der wichtigsten Wettervorhersagen der Geschichte: drei Wetterdienste arbeiten an den Prognosen, um eine ideale Wetterkonstellation über dem Nordatlantik und dem Ärmelkanal zu ermitteln: Sonnenaufgang bei Ebbe, der Himmel möglichst nicht wolkenverhangen und nicht zu viel auflandiger Wind. Denn Fallschirmspringer und Bombenflieger brauchen gute Sicht, die Böden müssen trocken sein, damit schweres Kriegsgerät nicht im Matsch versinkt, für die Landungstruppen soll die See ruhig sein und der Wasserstand niedrig, damit die vom Gegner errichteten Strandhindernisse zu sehen sind. GERÄUSCH – WIND-WELLEN-WASSER, STÜRMISCH SPRECHER Doch Anfang Juni 1944 herrscht über dem Nordatlantik ein Tiefdruckgebiet, es ist ungewöhnlich kalt und stürmisch für die Jahreszeit. Ungünstig – denn die Strategen wünschen sich optimale meteorologische Bedingungen für eine der größten Militäraktionen der Menschheitsgeschichte: der Invasion und Befreiung Westeuropas von der Naziherrschaft. An der südenglischen Küste haben die Alliierten ein gigantisches Truppenaufgebot zusammengezogen – sie warteten auf den D-Day – den Decision-Day, den Tag der Entscheidung: GERÄUSCH – WIND – WELLEN -WASSER-STÜRMISCH SPRECHER Der Militärhistoriker Dr. Peter Lieb beschäftigt sich mit der Invasion seit seiner Studienzeit, als er während eines Auslandsemesters den berüchtigten Omaha Beach mit seinen endlosen Reihen von Kriegsgräbern besucht hat. O-Ton 1: Dr. Peter Lieb 0´45“ 1/ [00:02:51] Der Name D-Day bedeutet Decision-Day, also Entscheidungstag. Und in der Tat ist für die damaligen Beteiligten, sowohl auf alliierter als auch auf deutscher Seite - dieser Tag wird als der Entscheidungstag des Krieges gesehen, ist ein Tag für die Alliierten, der mit großen, sehr, sehr großen militärischen Risiken behaftet zu sein scheint. Und sie glauben, wenn sie jetzt die Landung nicht schaffen sollten, würde es Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis sie wieder erneut versuchen könnten, in Westeuropa zu landen…((Auf der anderen Seite haben die Deutschen, da insbesondere die nationalsozialistischen Machthaber und auch die NS Propaganda, haben diesen D-Day oder diese alliierte Landung in Westeuropa zu einer Entscheidungsschlacht des Krieges hochstilisiert.)) SPRECHER Eigentlich haben die Deutschen bereits im Mai 44 mit einem Angriff auf die von ihnen besetzte nordfranzösische Küste gerechnet, und auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals wurde von den Alliierten die Invasion für Mai angesetzt und wieder verschoben – man war mit den militärischen Vorbereitungen noch nicht weit genug. Zudem widersprechen sich die Wetterprognosen der amerikanischen und britischen Dienste, die gewünschte Fünftage-Vorhersage grenzt im Hinblick auf die damaligen Möglichkeiten an Kaffeesatzleserei. MUSIK The revolutionary army (LC 10347) 0’05 O-Ton 2: Dr. Peter Lieb 2 / [00:10:35] …das Wetter spielt in der Tat eine ganz wichtige Rolle an diesem D-Day. Und zwar, weil die Deutschen andere Informationen haben als die Alliierten. Die Alliierten wissen, das sich am 6. Juni so ein kleines Wetterloch auftut. Vorher und nachher ist eine Schlechtwetterfront vorhergesagt und für den 6. Juni gibt es ein kleines Fenster …. Die Deutschen hingegen, ihre Wettervorhersage sagt, 6.Juni schlechtes Wetter. Da werden die Alliierten nicht angreifen, da können sie ihre Luftwaffe nicht einsetzen. Da ist hoher Seegang, da können sie ihre Landungsboote nur mit Schwierigkeiten einsetzen. Sprecher Ein fataler Irrtum. Die Planung und Durchführung der Operation Overlord, also der Landung, liegt bei General Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber über die alliierten Truppen, über Streitkräfte aus Großbritannien, Amerika, Kanada, und weiteren Staaten sowie von Exil-Armeen aus Frankreich und Polen. MUSIK The revolutionary army 0’05 Nach einer zweiten durchwachten Nacht und Unmengen von Kaffee und Nikotin ringt sich General Eisenhower schließlich zu einer Entscheidung durch, er befiehlt die Invasion: Archiv 1: „Soldiers, Sailors, and Airmen of the Allied Expeditionary Force! You are about to embark upon the Great Crusade, toward which we have striven these many months. The eyes of the world are upon you. …The tide has turned! The free men of the world are marching together to Victory! I have full confidence in your courage, devotion to duty and skill in battle. We will accept nothing less than full Victory!“ OVERVOICE-SPRECHER: Soldaten auf See wie in der Luft, ihr seid dabei, euch für einen großen Kreuzzug einzuschiffen. Die Augen der Welt sind auf euch gerichtet. …Das Blatt hat sich gewendet! Freie Männer von überall auf der Welt marschieren gemeinsam dem Sieg entgegen. Ich habe volles Vertrauen in Euren Mut, euer Pflichtgefühl und eure Kampfesfähigkeit. Wir akzeptieren nur einen vollständigen Sieg. MUSIK From the Halls of Montezuma 0’20 SPRECHER Im Morgengrauen des 6.Juni überquert eine gewaltige Armada den Ärmelkanal: 1213 Kriegsschiffe und 4124 Landungsboote stechen in See. Der „längste“ Tag der Geschichte hat begonnen. O-Ton 3: Dr. Peter Lieb 1/ [00:01:30] …Also der D-Day hat eine herausgehobene politische Bedeutung, …Was er weniger hat, ist, …dass lange Zeit behauptet wurde, der D-Day, wäre eine Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges gewesen oder wäre ein Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges gewesen. Das kann man also nicht mehr sagen. Das zu diesem Zeitpunkt war eigentlich jetzt in der Rückschau gesehen, der Zweite Weltkrieg für das Deutsche Reich bereits verloren. Für die Zeitgenossen hat sich das durchaus anders dargestellt. Da war nicht so ganz klar, ob die Deutschen vielleicht noch Chancen haben, den Krieg zu gewinnen. Das haben die Deutschen geglaubt, das haben die Alliierten geglaubt. … (02:18) SPRECHER …und im Vorfeld lange um die richtige Strategie bei der Befreiung Europas gerungen: Bereits Ende 1941 war die Entscheidung zwischen Briten und Amerikanern gefallen – Germany first! Zuerst sollte das nationalsozialistische Deutschland besiegt werden, bevor sich die Amerikaner den weiteren weltweiten Kriegsschauplätzen zuwenden wollten. Fast zweieinhalb Jahre haben die Vorbereitungen für eine amphibische Landung ungeheuren Ausmaßes gedauert, also einer Landung der Marinetruppen an einer feindlich besetzten Küste, nur von der Seeseite aus und ohne schützende Häfen, von denen sich aus Truppenbewegungen und Kriegsmaterial organisieren lassen. MUSIK Etoll Horrific (LC-30312) 0’08 Eine militärische Großoperation, bei der sich die westlichen Verbündeten immer wieder zusammenraufen müssen: auf zahlreichen Konferenzen ringen Briten und Amerikaner um die richtige Strategie: die Amerikaner möchten schnell in Westeuropa einmarschieren – doch eine erste Operation, um den Hafen von Dieppe zu besetzen, scheitert 1942 kläglich. Die Briten fühlen sich bestätigt: O-Ton 4: Dr. Peter Lieb 1 / 06:12 … die Briten sagen Nein, … Die deutsche Wehrmacht ist viel zu stark. Die Deutschen haben noch nach wie vor eine starke Luftwaffe und wir müssen erst mal Zeit gewinnen und versuchen, die Deutschen an der Peripherie zu treffen. Und das wäre das Mittelmeer. Da haben die Briten natürlich auch eigene politische und wirtschaftliche Interessen, Sicherung der Seewege nach Indien. …Und zunächst setzen sich auch die Briten durch, in dieser Diskussion, führen den Amerikanern vor Augen, dass eine Landung 1942 in Europa nicht möglich ist. Und so kommt es zur ersten großen amphibischen Landung des Krieges durch die Alliierten im November 1942 in Nordafrika, in Marokko und in Algerien. Als Folge davon mussten sich die Deutschen dann einige Monate später aus Nordafrika zurückziehen und die Alliierten landen in Süditalien im Juli 1943. … SPRECHER Auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals wird der Angriff der Alliierten an der französischen Westküste erwartet: Hitler hat bereits im Herbst 1943 eine Weisung herausgegeben, dass sich von nun an alle Verteidigungsbemühungen verstärkt auf den Westen fokussieren sollen. MUSIK Etoll Horrific (LC-30312) 0’10 ZITAT / Overvoice-Sprecher: Die Gefahr im Osten ist geblieben, aber eine größere im Westen zeichnet sich ab: die angelsächsische Landung! O-Ton 5: Dr. Peter Lieb ((Ein erster symbolischer Akt ist, dass der bekannteste deutsche Militär des Zweiten Weltkriegs, der Generalfeldmarschall Rommel, …dass dieser populärste deutsche General im Herbst 1943 in den Westen geschickt wird, um dort die Maßnahmen zu treffen für die Verteidigung. Und damit zeigt das NS-Regime der deutschen Bevölkerung und auch den eigenen Soldaten, schaut her, unser bester Mann ist jetzt im Westen und wird dafür sorgen, dass wir dort erfolgreich die Alliierten abwehren können.)) Jetzt gibt es allerdings ein Problem: Die Deutschen haben bereits seit Ende 1941 begonnen, Befestigungsanlagen entlang der Küste zu errichten, den sogenannten Atlantikwall. Aber dort ist in den ganzen Jahren nicht viel geschehen. Das sind nur vorbereitete Stellungen, aber nur vereinzelte Bunkeranlagen. Und als jetzt Rommel nach Frankreich kommt und oder in den Westen, auch in den Niederlanden und in Belgien, beginnt er massiv diesen Atlantikwall zu verstärken. MUSIK Neutral undergroove 0’37 SPRECHER Doch das beste Bunkersystem nützt nichts, wenn es an Nachschub fehlt. Die deutsche Armee ist durch den mehrjährigen Mehrfrontenkrieg aufgebraucht. Nun sollen mangelhaft ausgebildete Soldaten die Küste im Westen verteidigen, Jugendliche in Uniform und zwangsrekrutierte Osteuropäer aus den annektierten Gebieten. Auch fehlt es an Munition – und zahlreiche sich überlagernde Hierarchieebenen in Wehrmacht und Waffen-SS verhindern schnelle Einsätze. Und im entscheidenden Moment schätzen die Deutschen nicht nur die Wetterlage falsch ein: Archiv 2 „03:24…Der Angriff gegen die Küsten Europas, seit langem der Gegenstand von gespanntesten Hoffnungen und Erwartungen der Völker hat Gestalt begonnen. Die Briten und Amerikaner haben es an Versuchen, auf anderem Wege zu diesem Ziel zu kommen, nicht fehlen lassen…12:27 bisher hat der Feind die Tiefe der Befestigungen an keiner Stelle zu durchstoßen vermocht…13:01…das, was der Gegner zum gegenwärtigen Zeitpunkt braucht, sind geschützte Landeplätze für weitere Anlandungen, deshalb zielt er ja auf die Flussmündungen…“ SPRECHER So ein militärpolitischer Kommentar vom 30.Mai 1944. Tatsächlich erwartet die deutsche Seite die Invasion viel weiter nördlich, an der engsten Stelle des Ärmelkanals, bei Calais oder der Flussmündung der Seine. Selbst als das Inferno dann wirklich losbricht, glaubt die deutsche Wehrmacht anfangs noch an ein Täuschungsmanöver. GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG SPRECHER Dabei hatte Operation Overlord schon lange vor dem eigentlichen Tag der Invasion begonnen: O-Ton 6: Dr. Peter Lieb 1/ 12:40 Die Voraussetzung für das Gelingen einer jeden amphibischen Landung ist die Luftherrschaft und die Alliierten…führen den Luftkrieg in zwei Dimensionen. Erstens den Luftkrieg über dem Deutschen Reich, wo es ihnen gelingt, zur Jahreswende 43/ 44 die Luftherrschaft zu gewinnen und die deutsche Jagdwaffe praktisch auszuschalten. GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG SPRECHER Aber auch Nordfrankreich überziehen die Alliierten mit einem massiven Bombardement – zerstören Seine-Brücken und Eisenbahnknotenpunkte, um die Nachschubwege für die deutsche Wehrmacht auszuschalten. O-Ton 7: Dr. Peter Lieb 1/ 13:28... Und das Ganze führt zu großen Verlusten unter der französischen Zivilbevölkerung. Und es gibt große Diskussionen auf der alliierten Seite. Inwieweit ist das Ganze militärisch gerechtfertigt, diese Bombardierungen? Man will ja schließlich die Franzosen befreien und gleichzeitig bombardiert man sie. …Man muss sich immer vor Augen halten, dass Frankreich nach Deutschland dasjenige Land im Zweiten Weltkrieg ist,… wo das am meisten bombardiert worden ist. Es sterben 60.000 Franzosen …und die gerade im Frühjahr 1944, als dieser Luftkrieg über Frankreich intensiviert wird, …droht die Stimmung in der französischen Bevölkerung zu kippen, … (16:56 Und noch dazu kommt dann der General de Gaulle, der die französische Gegenregierung in London gebildet hat und die auch sagt Leute, hört auf zu bombardieren. Meine französischen Landsleute stellen sich sonst gegen euch. Und das Ganze wird dann auch im kurz vor dem D-Day ja auch diese Bombardierungen etwas zurückgefahren, so ab April, Mai aber im Zuge des D-Day selbst in den kommenden Wochen in der Normandie selbst erreichen die ja noch mal eine neue Intensität diese Bombardierungen.) GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG MUSIK Inpending invasion A 1’05 SPRECHER Auch der eigentliche D-Day beginnt nicht auf offener See oder an der Küste. 0 Uhr 18, nördlich von Caen: Bereits um kurz nach Mitternacht landen die ersten alliierte Fallschirmspringer im Hinterland, nahe der normannischen Dörfer und Städte. Ihre Mission: Wichtige strategische Punkte unter ihre Kontrolle bringen, Brücken besetzen, die Zugänge zu den Landungsstränden sichern. In mehreren Wellen regnen 18.000 Soldaten vom Himmel herab, doch vielfach misslingen Punkt-Landungen: über Quadratkilometer verstreut irren die Soldaten durchs Gelände. Auch Bombardements misslingen, die tiefliegende Wolkendecke verhindert die Sicht – teils kehren die Bomber voll beladen nach England zurück oder verfehlen ihr Ziel. Wieder trifft es die Zivilbevölkerung. Über den Rundfunk wendet sich General Eisenhower auch an die Franzosen: Archiv 3 “People of Western Europe! The landing was made this morning on the coast of France by troops of the allied expeditionary force. This landing is part of the concerted united nations plan for the liberation of Europe,… To members of resistance movements, whether led by nationals or by outside leaders, I say: Follow the instructions you have received. To patriots who are not members of organized resistance groups, I say: Continue your passive resistance, but do not needlessly endanger your lives. Wait until I give you the signal to rise and strike the enemy.“ OVERVOICE-SPRECHER: Die Landung durch die alliierten Expeditionsstreitkräfte an der französischen Küste ist erfolgt. Diese Landung ist Teil eines konzertierten Plans der Vereinten Nationen zur Befreiung Europas. Mitgliedern der Resistance, ob angeführt von Führern in und außerhalb Frankreichs, sage ich: Folgt den Instruktionen, die ihr erhaltet. Patrioten, die nicht Mitglieder organisierter Widerstandsgruppen sind, sage ich, setzen Sie Ihren passiven Widerstand fort, aber gefährden Sie nicht Ihr Leben. Warten Sie, bis ich Ihnen das Signal gebe, sich zu erheben und den Feind anzugreifen. MUSIK Analog hypno session (LC 51263) 0’45 SPRECHER Ab dem Morgengrauen, um 5 Uhr 30, nehmen 28 Schlachtschiffe der Alliierten fünf normannische Strände unter Beschuss: Der am härtesten umkämpfte Landeabschnitt ist der Omaha Beach. Ein schmaler, langegezogener Strandstreifen, dahinter eine 30 Meter hohe Steilküste – und auf dieser sitzen etwa 500 Wehrmachtssoldaten, verschanzt in ihren Bunkeranlagen. Am Strand haben sie Hindernisse aufgebaut, die sogenannten Tschechenigel, Panzersperren aus vernieteten Stahlpfosten. Hier sollen die amerikanischen GIs an Land gehen – und von Anfang an ist klar: Viele werden diesen Moment nicht überleben. O-Ton 8: Dr. Peter Lieb 2 / [00:05:52] …dass dann die Landungsklappen runter gehen von den Booten und dann schießt ein deutsches MG rein und praktisch die ganze Besatzung kann da sofort innerhalb von wenigen Sekunden getötet werden. …Dies, das passiert auch besonders am Omaha Beach, also an einem der fünf alliierten Landungsabschnitten …auch selbst an den anderen Landungsabschnitten, wo es vergleichsweise ruhig rund läuft für die Alliierten. Beispielsweise am Juno Beach, wo die Kanadier landen. Selbst dort, in der ersten Welle, haben die Verluste von über 50 %. SPRECHER Auch den alliierten Militärstrategen ist bewusst, dass sie die Soldaten der ersten Welle auf eine Höllenfahrt schicken: sie rechnen mit bis zu 10.000 Toten an diesem Tag. Der Militärhistoriker Dr. Peter Lieb: O-Ton 9: Dr. Peter Lieb 2 / [00:09:09]…. Aber, und das muss man auch sagen, das zeigt dann doch auch dabei die Alliierten sind Demokratien, wo das Menschenleben doch deutlich mehr zählt als in einer Diktatur. Die Soldaten sollten die bestmögliche Ausbildung kriegen…, für dieses schwierige Unternehmen. …monatelang üben die Alliierten immer wieder diese Landungsabläufe an der südenglischen Küste. Es ist alles ganz minutiös geplant, mit Artilleriebeschuss aus der Luft, von der See her und auch mit Luft Bombardements, …das es aber da zu hohen Verlustraten kommen würde, das war jedem militärischen Planer bewusst, aber anders wäre die Landung da gar nicht möglich gewesen in Westeuropa und damit die Befreiung. Ev. GERÄUSCH – von Militärflugzeugen und Bombardierungen SPRECHER In einem der Landungsboote, die auf den Omaha-Beach zusteuern, sitzt der Kriegsfotograf Robert Capa, um ihn herum sich übergebende Soldaten – sie sind seekrank von der stürmischen Überfahrt. Und haben vermutlich Todesangst. Seine insgesamt 11 erhalten Fotos von der Landung sind ikonisch, sie haben das Bild von der Invasion bis heute geprägt: Ev. GERÄUSCH – FOTOKLICKEN, MEHRMALS, kombiniert mit Geräuschen von Militärflugzeugen und Bombardierungen Unscharf - ein Soldat, schwimmend in den Fluten des Atlantiks, die Augen weit aufgerissen FOTOKLICKEN Soldaten watend durchs knietiefe Wasser, vorbei an zerstörten Panzern… Auch der Fotograf Robert Capa watet mit. In seinen Erinnerungen schreibt er: MUSIK Traumatic drone 1’13 ZITAT 1/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa Das Wasser war kalt und der Strand noch mehr als hundert Meter entfernt. Die Kugeln rissen Löcher in das Wasser um mich herum und ich machte mich auf den Weg zum nächsten Stahlhindernis. Zur gleichen Zeit traf dort ein Soldat ein, und für ein paar Minuten teilten wir uns die Deckung. FOTOKLICKEN SPRECHER Blickrichtung Strand: aufsteigender Rauch von Gewehrsalven, zwischen umherirrenden Soldaten unscharf liegende Körper, tot, verwundet … ZITAT 2/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa Erschöpft vom Wasser und von der Angst lagen wir flach auf einem kleinen Streifen nassen Sandes zwischen Meer und Stacheldraht. Solange wir flach dalagen, bot uns die Neigung des Strandes einen gewissen Schutz vor den Maschinengewehrkugeln, aber die Flut drängte uns gegen den Stacheldraht und die Gewehrsalven. SPRECHER Als Robert Capa selbst an Land geht, zittern seine Hände so stark, dass er zunächst kaum den Film in seine Kamera einlegen kann. ZITAT 3/ Overvoice-Sprecher: Robert Capa Ich hielt einen Moment inne … und dann wurde mir schlecht. Die leere Kamera zitterte in meinen Händen. Es war eine neue Art von Angst, die meinen Körper von den Zehen bis zu den Haaren erschütterte und mein Gesicht verzerrte. MUSIK Etoll Horrific 0’07 SPRECHER Robert Capa überlebt das Gemetzel, weil er sich zu Sanitätern auf ein Boot flüchten kann. Doch die Amerikaner müssen befürchten, dass der Einsatz am Omaha-Beach für sie in einem Debakel endet, sie erwägen sogar einen Abbruch – erst um 15 Uhr 30 haben sie alle deutschen Widerstandsnester erobert. Die Gegenwehr ist gebrochen, Omaha-Beach und die vier weiteren Strände sind unter alliierter Kontrolle – für den Preis von geschätzt 4000 Toten und Verwundeten. MUSIKAKZENT Metal whooshes 0’04 Am Ende dieses längsten Tages können Amerikaner, Briten, Kanadier rund 154.000 Soldaten an Land bringen, sie haben Brückenköpfe gebildet, bereits einen Tag später legen sie die sogenannten Mullberrys an, zwei künstlich auf hoher See errichtete Häfen, mittels denen der Nachschub gelingt. Doch die Landung ist erst ein Anfang: Es folgen langwieriger Kämpfe, die Wehrmacht leistet verbissen Widerstand. Besonders das unübersichtliche Gelände bereitet den Alliierten Schwierigkeiten – die Bocage, Weideland durchzogen von Hecken und typisch für die Normandie. Eine Zäsur setzt erst die Befreiung von Paris Ende August 1944. MUSIK Feeling the Heat 0’45 SPRECHER Heute ist die Invasion in der Normandie allgegenwärtig – auf zahlreichen Soldatenfriedhöfen hinter den Landungsstränden genauso wie in rund 30 Museen. Früher waren es vor allem die Veteranen, die zur Traumabewältigung hierher zurückkamen, heute ist der Gedenktourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Normandie. Zu den Gedenkfeierlichkeiten an runden Jahrestagen reisen führende Politiker aus aller Welt an, 2004 war mit Gerhard Schröder erstmals auch ein deutscher Kanzler dabei: O-Ton 9: Dr. Peter Lieb 3 / [00:08:08] …Der D-Day ist der Fixpunkt für das alliierte Gedenken,… besonders auch im Kalten Krieg, um einen Gegenpunkt zu setzen gegen die Sowjetunion, die den Großen Vaterländischen Krieg feiert, … und sich die Sowjetunion zum alleinigen Sieger sozusagen über Nazideutschland, über Hitlerdeutschland stilisiert. Und dem wollen die Alliierten etwas entgegensetzen. Zu Recht. Also …Nazideutschland ist nicht allein von der Sowjetunion besiegt worden, die von einer alliierten Koalition besiegt worden aus Sowjetunion, Amerikanern, Briten und vielen anderen Ländern. Und so zu sagen ist …das Gedenken an die Day auch ein Gegenpunkt zur der sowjetischen Gedenkkultur und hat auch wegen in der heutigen Zeit, Ukrainekrieg usw. natürlich wieder eine neue Dimension. MUSIK Feeling the Heat 0’25 SPRECHER Ein symbolisch aufgeladener Tag – damals wie heute. Von den Zeitgenossen erwartet als Tag der Entscheidung – heute Gedenktag für das Ringen der freiheitlich-demokratischen Welt gegen eine mörderische Diktatur.
- Hitlers Nachfolger - Admiral Dönitz und der Mai 1945
05.06.2025 · 23 Min.
Hitlers Selbstmord und die Kapitulation der Wehrmacht am 8.Mai 1945 bedeuteten nicht das Ende des Deutschen Reiches. In der Marineschule Mürwik bei Flensburg agierte noch fast drei Wochen eine Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz, den Hitler zu seinem Nachfolger ernannt hatte: Ein bizarrer Spuk mit Kabinettssitzungen, Minister-Denkschriften - und einem Staatsbegräbnis. Auch als die britische Armee das Treiben mit Festnahmen beendete, blieb Dönitz überzeugt, rechtmäßig im Amt zu sein. Von Rainer Volk Credits Autor dieser Folge: Rainer Volk Regie: Günter Maurer Redaktion: Thomas Morawetz Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Todesmärsche bei Freising - Die qualvollen Trecks von KZ-Häftlingen JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 05 OKW-Bericht: Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zu seinem letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen ist. Sprecher: Die letzte Episode in der Geschichte des selbst ernannten Dritten Reiches beginnt nicht mit Nachricht vom Tod Hitlers. Es gibt bereits zuvor – ohne Wissen des Diktators – Pläne, Ministerien und militärische Kommandostellen aus Berlin zu verlegen. Nach Hitlers Selbstmord am 30. April wollen seine Vasallen vor allem eines: ihre Haut retten. Die Deutschen traktieren sie unterdessen mit Pathos und Durchhalteparolen – auch Karl Dönitz selbst: O-Ton 07 Karl Dönitz: Ein Feigling und Verräter ist, wer sich gerade jetzt seiner Pflicht entzieht und damit deutschen Frauen und Kindern Tod und Versklavung bringt. Der dem Führer geleistete Treueeid gilt nun für jeden Einzelnen von Euch mir als dem vom Führer eingesetzten Nachfolger. Deutsche Soldaten – tut Eure Pflicht. Es gilt das Leben unseres Volkes. Sprecher: Hitler hat den Großadmiral in einem „politischen Testament“ zu seinem Nachfolger als Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Wehrmacht ernannt. Die Deutschen kennen den 53jährigen aus der Nazi-Propaganda. Er war der Stratege des U-Boot-Krieges und oberster Kommandeur der Marine. Doch selbst er wird von der Ernennung überrascht, sagt der Flensburger Historiker Gerhard Paul, der die Endphase des NS-Regimes in einem Buch analysiert hat: O-Ton 08 Gerhard Paul: Eigentlich: Der starke Mann nach Hitler wäre Himmler gewesen. Himmler hatte sich aber durch die Sondierung eines „Westfriedens“ bei Hitler unmöglich gemacht. Und von daher war das klar – das läuft jetzt auf jemand aus der Wehrmacht hinaus, der als Hitler-Anhänger bekannt ist. Und ja – das war dann Dönitz. Sprecher: Dönitz ist Karriere-Offizier, seit Kaisers Zeiten bei der Marine. Ihm fehlt jedwede politische Erfahrung. Es heißt, er sei ein nüchterner Denker, sein Humor begrenzt. – Der eben gehörte erste Auftritt bringt dem neuen Staatsoberhaupt bereits beißende Kritik ein, etwa in einer Sendung der BBC für deutsche Kriegsgefangene, die am 3. Mai 45 zu hören ist: O-Ton 09 BBC-Kriegsgefangenensendung: Herr Dönitz macht sich selbst zum Führer. Er beginnt seine bestimmt nur kurze Zeit damit, dass er erklärt, der Eid auf Hitler sei auf ihn übergegangen. Die Italien-Armee: Eine Million Mann hat kapituliert und verweigert Dönitz die Gefolgschaft. Was werden die anderen tun, deren Führer Dönitz zu sein glaubt? O-Ton 10 Sender Böhmen – „Unvollendete“: Sprecher: Das klingt ganz anders als die deutschen Sender, die noch arbeitsfähig sind. Der Reichssender Böhmen etwa überträgt am 2. Mai eine markige Rede des Gauleiters – gefolgt von klassischer Musik, Schuberts „Unvollendete“. Welche Rolle Radio in diesen Tagen spielt, ist schwer zu sagen. Hunderttausende von Zivilisten, Militärs und Politikern sind auf der Flucht vor den Sowjets und haben kaum Möglichkeiten, sich zu informieren. – Dönitz selbst ist einige Tage zuvor von seinem Hauptquartier bei Berlin in einem Autokonvoi Richtung Nordwesten aufgebrochen. Zeitgleich haben die oberste Führung von SS und Wehrmacht sowie wichtige Minister dasselbe Ziel. Der Historiker Gerhard Paul: O-Ton 11 Gerhard Paul: Da kam dann nur Schleswig-Holstein in Frage, wahrscheinlich auch, weil es zwei Seehäfen gab, über die man schnell hätte das Land verlassen können, nämlich über Kiel und über Hamburg. Und dann rückten die Engländer weiter vor. Es gab die ersten Luftangriffe auf die Gegend. Und dann ist man weiter ausgewichen nach Flensburg. O-Ton 12 Siegfried Unseld, Verleger: Als wir ankamen, waren wir noch die einzige mobile Funkstation; die anderen hatten den alliierten Bombenhagel nicht überstanden. Sprecher: Das ist Siegfried Unseld; bis zu seinem Tod im Jahr 2002 einer der wichtigsten Verleger der Bundesrepublik. Unseld ist 20 und Obergefreiter bei einem Funk-Trupp, als er Anfang Mai 1945 in Flensburg zum Zeitzeugen wird. Denn seine Abteilung hat einen LKW mit einem mobilen Radio-Übertragungsstudio: Atmo 01: Signet Flensburg Sprecher: Erkennungssignal des Senders ist die Melodie des Volkslieds „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“, im Reich damals auch als Glockenspiel der Potsdamer Garnisonskirche berühmt. Über diesen Mai 1945 berichtet Unseld 50 Jahre später in einem Vortrag: O-Ton 13 Siegfried Unseld: Wir hatten Tag und Nacht im buchstäblichen Sinn alle Funkhände voll zu tun, um Meldungen, Botschaften an das deutsche Volk und Tagesbefehle an all die Orte zu senden, wo noch deutsche Truppen waren oder die Flotte operierte. Es waren erregende Tage, mit dem Gefühl zwischen den Zeiten oder in einer Niemandszeit zu leben. Sprecher: Seine Zelte hat Unselds Trupp in der Marinekriegsschule Flensburg-Mürwik aufgeschlagen, einem prächtigen Backsteinbau im neogotischen Stil. Schon der kaiserlichen Marine hat Mürwik als Kaderschmiede gedient. Das „Rote Schloss am Meer“, wie manche das Hauptgebäude nennen, liegt keine 50 Meter von der Flensburger Förde entfernt auf einem Hügel. Auch die „Deutsche Marine“ von heute bildet hier ihre Offiziere und Unteroffiziere aus. Die studierte Historikerin und Fregattenkapitän Vera Lassoued gestaltet bei diesen Lehrgängen den Geschichts-Unterricht: O-Ton 14 Vera Lassoued: Es ist halt hier ein historischer Ort. Und das können wir auch gar nicht verändern, das wollen wir auch gar nicht verändern. Hier haben vier verschiedene Marinen gewirkt. Und wir als „Deutsche Marine“ sind hier als längstens schon ‚Hausherr‘. Und haben aber dieses Gebäude und alles übernommen. Sprecher: Die sozusagen „heiße Phase“ der Dönitz-Regierung in Mürwik beginnt in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945, als der Großadmiral und sein Gefolge die Marineschule erreichen. Da niemand mehr einen Überblick hat über die militärische Lage, ist der Empfang improvisiert. Professor Gerhard Paul: O-Ton 16 Gerhard Paul: In der Marineschule, „Marinekriegsschule“ wie sie ja damals hieß, hat es keine Vorbereitungen gegeben. Der stand da plötzlich nachts vor der Tür und der Kommandeur hat ihm dann Räume zugewiesen. Auch seine Privaträume hat er nutzen dürfen. Und einen Tag später lag vor Mürwik ein ehemaliger – ich glaube es war ein Hapag-Lloyd-Dampfer, die „Patria“. Und auf der „Patria“ haben die dann Quartier bezogen – das war noch am einfachsten. Atmo 02: Marineschule innen Sprecher: Bis heute lässt sich erahnen, wie es gewesen sein muss, als die Minister von Dönitz‘ Gnaden in Mürwik eintrafen. Denn jener Teil der Marinesportschule, in dem das Kabinett täglich um 10 Uhr morgens Sitzungen abhielt, ist ebenfalls erhalten. Die Flure und Räume sind typische Militär-Architektur der 1930er Jahre: dunkler Terrazzo-Fußboden, grün und weiß getünchte Wände. [OC: Alles sehr nüchtern. Fregattenkapitän Vera Lassoued: O-Ton 18 Vera Lassoued: (Atmo zum Blenden) Hier sind Büroräume jetzt untergebracht. Gerade unsere Sportausbildung hat hier einige Räume in Beschlag genommen. Aber ansonsten haben wir hier keine Erinnerungstafeln oder Fotogalerien von der Zeit von damals, weil das nicht Sinn der Sache war für uns. Sondern wir wollen das einfach nur als Infrastruktur nutzen. (Atmo zum blenden) ENDE OC] Sprecher: Gut möglich, dass Umstände und Umgebung einige in der Runde zu sehr ernüchtern. Augenzeugenberichten zufolge lässt Ernährungsminister Herbert Backe zu Beginn jeder Sitzung eine Flasche Schnaps kreisen. Die Minister sind angesichts der düsteren Aussichten Anfang Mai 1945 nicht die einzigen, die Anstand und Benimm über Bord werfen. Eine der Wehrmachtshelferinnen in der Marineschule berichtet Jahrzehnte später über ihren Alltag in Mürwik: Sprecherin (Zitat): Eigentlich wussten wir gar nicht, was wir den ganzen Tag machen sollten. Schriftverkehr mit außen fand praktisch nicht statt. Vor höheren Offizieren, besonders den SS-Leuten, mussten wir uns in Acht nehmen. Einige waren ständig betrunken, randalierten in den Gängen und hatten es auf uns junge Röcke abgesehen. Einmal hat ein hoher SS-Offizier an die Tür zu unserem Büro uriniert. Es stank fürchterlich. Und wir mussten dann die Sauerei wegmachen. Widerlich! Sprecher: Für Dönitz ist in diesen Tagen nur ein Thema wichtig: Verhandlungen zu einer teilweisen Kapitulation der Wehrmacht zu organisieren. Die Entscheidung hierzu hat er am Tag vor seiner Fahrt nach Mürwik getroffen. Am 3. Mai schickt er deshalb Generaladmiral von Friedeburg als Unterhändler mit einer Delegation ins Feldlager des britischen Oberbefehlshabers Montgomery, auf einem Hügel unweit von Lüneburg. Dort versucht er diesen zu überzeugen, nur für Dänemark, die Niederlande und die Front in Nordwestdeutschland die Waffen strecken zu dürfen. Gerhard Paul sagt über dieses Kalkül: O-Ton 19 Gerhard Paul: Dönitz ist immer noch von der illusionären Vorstellung ausgegangen, dass die Wehrmacht gegebenenfalls mit den Westalliierten gegen die Sowjetunion marschieren würde. Dafür spricht auch, dass es ein Dossier gab, dass der britische Premier Churchill in Auftrag gegeben hatte, dass 47 britische und amerikanische Divisionen für den Fall, dass die Sowjetunion weiter nach Westen ziehen würde – dass man sich dem entgegenstellen würde. Und dafür brauchte man noch hunderttausend Wehrmachtsangehörige. Sprecher: Es scheint zunächst, als könne die Rechnung aufgehen. Montgomery verspricht, deutsche Soldaten, die sich seinen Truppen ergeben, nicht den Sowjets auszuliefern und gewährt Friedeburg sicheres Geleit zurück nach Mürwik. Dort erteilt Dönitz seinen Verhandlern die nötige Vollmacht, die Kapitulation für den Westen zu unterzeichnen. Atmo 03: Kapitulation Sprecher: Ein Zelt am Rand der Lüneburger Heide, 4. Mai – circa 18 Uhr. Montgomery hat Reporter und Fotografen herbeigerufen. Daher steht auf dem Tisch vor dem Feldmarschall ein Mikrofon und im Hintergrund filmt eine Kamera, als er, unterstützt von einem Dolmetscher, die Bedingungen der Kapitulation nach den britischen Vorstellungen erläutert. Um die Briten – und möglichst auch die Amerikaner – milde zu stimmen, befiehlt Dönitz als nächsten Schritt das Ende des U-Boot-Krieges, der die Westalliierten in den Vorjahren enorme Verluste gekostet hat. Doch alle Hoffnungen, Zeit schinden zu können und die Gegner zu spalten, zerschlagen sich bald. Der Oberkommandierende der US-Armee, General Eisenhower, besteht auf einer Kapitulation der Wehrmacht an allen Fronten. So kommt es zu jenen historischen Szenen in Reims, in Nordfrankreich, und in Berlin-Karlshorst, die den Zweiten Weltkrieg in Europa beenden. O-Ton 21 Lüneburg: An die Einwohner von Lüneburg. Die Nazi-Regierung und die Wehrmacht haben bedingungslos den alliierten Expeditionsstreitkräften kapituliert… Sprecher: An jenem 8. Mai 1945 wird Millionen Deutschen klar: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Manchmal informieren darüber Lautsprecher-Durchsagen wie hier in Lüneburg, andere hören zuhause die Nachricht im Radio oder erfahren es mündlich von Bekannten oder Freunden. In Mürwik dauert es fast einen Tag, bis die Funker aus ihrem mobilen Ü-Wagen die Neuigkeit bestätigen. Am Abend des 9. Mai ertönt das Sender-Signet ein letztes Mal. O-Ton 22 Flensburg: (Signet/Glockenspiel) 20 Uhr und drei Minuten. Reichssender Flensburg und die angeschlossenen Sender. Wir bringen heute den letzten Wehrmachtsbericht dieses Krieges. Aus dem Hauptquartier des Großadmirals… Sprecher: Der Sprecher, ein Panzerspähfunker namens Klaus Kahlenberg, verliest nach den einleitenden Sätzen die jüngsten Meldungen von allen Fronten. Überall – so lobt der Bericht des Oberkommandos – sei die Wehrmacht tapfer. Erwähnt wird, wer Auszeichnungen für sein Verhalten erhalten hat. Zwei Minuten dauert dieser monotone Vortrag. Dann folgt die entscheidende Neuigkeit: Neben dem Sprecher sitzt auch ein britischer Offizier. Als die Funker ihn fragen, ob nach der angekündigten Stille Musik gespielt werden dürfe, antwortet er lakonisch: „Ja, aber nicht Wagner.“ Weshalb die Funk-Soldaten Haydns Kaiser-Quartett, die musikalische Vorlage zur Nationalhymne, vom Plattenspieler im Ü-Wagen in den Äther senden. Eine Anekdote, die zeigt: Eigentlicher Herr des Geschehens ist in Mürwik bereits das britische Militär. Doch auch nach dem 8. Mai führt es Dönitz an einer sehr langen Leine – findet Gerhard Paul: O-Ton 23 Gerhard Paul: Dönitz war es gestattet, ein eigenes Wachbataillon zu führen, das auch unter Waffen stand als die Wehrmacht bereits entwaffnet war. Und das führt zu paradoxen Zuständen. Als am 16. Mai – also eine Woche nach der Gesamtkapitulation – es ein Staatsbegräbnis gegeben hatte für den ehemaligen Kommandeur der Marineschule. Ein Kapitän zur See Wolfgang Lüth. Dazu brauchte man Soldaten, nicht nur in Uniform, sondern auch in Waffen, die dann schießen durften. Und dafür hat er die Genehmigung des britischen Stadtkommandanten eingeholt und sie auch bekommen. Sprecher: Die Trauerrede bei diesem letzten Staatsbegräbnis des Dritten Reiches hält Dönitz selbst. In der Aula der Marineschule bezeichnet er den nachts von einer Wache versehentlich erschossenen Lüth als „leuchtendes Vorbild für künftige Generationen“. Für Fregattenkapitän Lassoued ist diese Begebenheit ein Argument mehr, die Figur Dönitz in ihrem Geschichts-Unterricht an der heutigen Marineschule kritisch zu betrachten: O-Ton 24 Vera Lassoued: Wir schauen uns Reden von Dönitz an und ich analysiere das mit meinen Schülern. Wenn man dann später immer gesagt hat: Ach, die Kriegsmarine, die war ja so sauber und unbelastet, dann ist das durch diese Reden von Dönitz alleine schon widerlegt. Natürlich war der überzeugter Nationalsozialist. [OC: Von daher: Wir behandeln ihn als historische Figur hier – und seine Zeit im Mai, in der er hier war, auch wenn das vielleicht eine spannende Episode ist, ist das nicht alles, worum es geht bei uns an der Marineschule, ja. Sprecher: Neben „spannend“ ist das Schattenregime von Dönitz vor allem tragisch. ENDE OC] In Mürwik werden noch mehrere Todesurteile gegen Deserteure vollstreckt. Und der wahre Charakter des Nationalsozialismus wird sichtbar. Denn am 3. Mai erreicht, gezogen von einem Schlepper, ein Flusslastkahn namens „Ruth“ die Flensburger Förde. In den Laderäumen vegetieren etwa 650 Häftlinge aus dem KZ Stutthof bei Danzig; weitere 350 sind bei der Überfahrt gestorben. Dönitz behauptet später, erst zu diesem Zeitpunkt habe er von den NS-Verbrechen erfahren. Absurd, wie fleißig er in Mürwik am Mythos einer „sauberen Wehrmacht“ bastelt, sagt Gerhard Paul: O-Ton 25 Gerhard Paul: Da sitzt eine Regierung, die sich mit Fragen beschäftigte: Bekommen wir noch neue Uniformen und neue Uniform-Stiefel. Also dieser Mythos der sauberen Wehrmacht hat auch eine ganz materielle, sinnliche Entsprechung, ne. Durch Flensburg zogen, aus Dänemark, aus Norwegen kommend, Soldaten der Wehrmacht, die keine Stiefel mehr hatten. Die Uniformen kaputt und unvollständig. Und hier sitzt eine Regierungsriege in feinstem Zwirn! Sprecher: Dieses Sitzen wird jedoch von Tag zu Tag gefährlicher. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel etwa, der in Karlshorst die Kapitulation gegenüber der Sowjetunion unterzeichnet hat, nehmen die Briten am 13. Mai auf dem Gelände der Marineschule fest. Den NSDAP-Chefideologen Alfred Rosenberg spürt ein anderer Trupp im riesigen Lazarett von Mürwik auf – er hat einen Beinbruch vorgetäuscht und trägt Gips. – Für den „Reichssender Flensburg“ ist am 15. Mai Sendeschluss. Die Lokalzeitung „Flensburger Nachrichten“ meldet an diesem Tag: Sprecher 2 (Zitat): Aus dem Hauptquartier Eisenhowers wird gemeldet: Der Sender Flensburg ist von einer alliierten Kommission übernommen worden, um einer Wiederholung unautorisierter Rundfunksendungen vorzubeugen. Die alliierte Kommission wird in Zukunft stärkste Kontrolle über die Dönitz-Regierung ausüben. Sprecher: Ein paar Tage später ist [auch] das bizarre Treiben in Mürwik vorbei. Die Briten beugen sich dem politischen Druck aus Washington und Moskau. Am 17.Mai hat der britische Stadtkommandant von Flensburg erfahren, dass die USA Dönitz auf die Liste der Kriegsverbrecher gesetzt haben. Am Tag darauf erreicht eine sowjetische Delegation Flensburg. Sie wird auf dem zweiten Dampfer – der „Caribia“ – einquartiert, der vor der Marineschule vor Anker liegt. O-Ton 27 Gerhard Paul: Der Druck der Russen war sehr stark, die diese Regierung in Flensburg nie anerkannt haben, die den Sinn nicht gesehen haben. Auch die Amerikaner – Eisenhower hat das nicht gesehen, so eine – im Grunde von den Briten installierte Regierung, die man glaubte, bei den Verhandlungen über die Demobilisierung, über die Entwaffnung gebrauchen zu können. Aber diese Illusion war dann spätestens am 21./22. Mai dahin. Sprecher: Am Morgen des 23. Mai werden Dönitz und weitere Militärs morgens auf die „Patria“ zitiert. Dort eröffnet ihnen ein britischer General, man erachte sie jetzt als Kriegsgefangene und werde sie nachmittags ausfliegen. Die bestehende Regierung sei aufgelöst. Kurz nach 10 Uhr besetzen zwei britische Infanterie-Bataillone das Gelände – auch den Raum, in dem – wie üblich – die Minister zusammenhocken: Sprecher 2 (Zitat): Kurz nach Beginn der Sitzung platzten mit gezogener MP und Handgranaten bis an die Zähne bewaffnete englische Soldaten in den Saal. Erste Maßnahme: ›Hände hoch!‹ Zweite Maßnahme: ›Hosen herunter!‹ Sprecher: Auch von dieser Szene im Korridor der Marinesportschule, die der Adjutant von Dönitz so geschildert hat, existiert ein Foto, das ein britischer Militär-Fotograf geistesgegenwärtig aufnimmt. O-Ton 28 BBC Suizid Himmler: Hello BBC – this is Chester Wilmot from Luneburg, where Himmler committed suicide last night… Sprecher: Die andere Nachricht jenes Tages lautet: Heinrich Himmler hat Selbstmord begangen. Der BBC-Reporter lässt einen Feldwebel der britischen Armee berichten, der die Szene beobachtet hat: Sprecher: Eine misstrauische Militärstreife hat den ehemaligen „Reichsführer SS“ bei Flensburg aufgegriffen. Am 23. Mai enthüllt Himmler Offizieren, die ihn befragen, seine Identität – und beißt bei einer Leibesvisitation im letzten Moment auf eine Kapsel mit Zyankali, die er im Mund versteckt hat. – Auch Dönitz und seine Minister werden an diesem sonnigen Frühlingstag aufs Peinlichste untersucht – was sie geradezu schockiert. Im Polizeipräsidium von Flensburg warten, neben Ärzten, einige Journalisten. Fotos, die in diesem Moment geschossen werden, zeigen Dönitz und den General Jodl in schweren Soldatenmänteln, Speer trägt einen hellen Trenchcoat. Die Inszenierung soll der Weltöffentlichkeit zeigen: Es ist Aus mit Großdeutschland. Eine Augenzeugin, die vom Postamt gegenüber die Vorführung der drei Männer beobachtet, fasst ihre Eindrücke später so zusammen: Sprecherin (Zitat): Was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, war diese Winzigkeit: der kleine Hinterhof von nur ein paar Quadratmetern, in dem sich das Geschehen abspielte, und die Gestalten, die von unserem Fenster aus so winzig aussahen, ganz anders als man sie aus der Wochenschau kannte. Und vor allem: das unblutige, eigentlich ganz friedliche Geschehen. Dass dies wirklich das Ende des Dritten Reiches sein sollte und ich ein Zeuge davon war, hätte ich nie gedacht. Sprecher: Karl Dönitz findet sein Selbstbewusstsein relativ rasch zurück. Beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess agiert sein Verteidiger so geschickt, dass er nur zehn Jahre Haft erhält. Nach der Entlassung schreibt er Erinnerungen – und behauptet bis zu seinem Tod an Heiligabend 1980, rechtmäßig deutsches Staatsoberhaupt zu sein. Gerhard Paul sagt über diesen Fall von Unbelehrbarkeit: O-Ton 29 Gerhard Paul: Richtig ist, dass Dönitz sich Zeit seines Lebens als legitimer Nachfolger von Adolf Hitler gesehen hat, als Staatspräsident – von vielen ehemaligen Kameraden so genannt wurde. Es hat Probleme gegeben, dass Dönitz eingeladen wurde an verschiedene Schulen. Und da gab es unendliche Diskussionen in der Öffentlichkeit. Aber er ist mit diesem Titel „Staatspräsident“ beerdigt worden.
- Zoonosen - Bedrohung aus dem Tierreich
04.06.2025 · 24 Min.
Tollwut, Ebola, Aids, die Pest und höchstwahrscheinlich auch Covid-19 - viele Erkrankungen, die weltweit vorkommen, haben eines gemeinsam: Ihre Erreger sprangen irgendwann vom Tier auf den Menschen über. Es sind Zoonosen. Wie können wir uns vor den tierischen Erregern schützen? Von Maike Brzoska (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Christiane Klenz Es sprach: Xenia Tiling Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Thomas Müller, Fachtierarzt für Virologie am Friedrich-Löffler-Institut in Greifswald; Hendrik Wilking, Epidemiologe am Robert-Koch-Institut in Berlin Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Stechmücken - Das geheime Leben der sirrenden Sauger HIER Wildtiere erobern die Großstadt - Waschbär, Fuchs und Fledermaus HIER AIDS - Das (fast) vergessene HI-Virus HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Angefangen hathe Leonard Cohen als Schriftsteller, lange bevor er ein Weltstar der Popmusik wurde. Heute zählen „Hallelujah“, „Suzanne“ und „So long, Marianne“ zu den meistgehörten und meistgecoverten Songs weltweit. Im Podcast geht es um ihn als Mönch in L.A., als Dichter auf der griechischen Insel Hydra und als Singer-Songwriter auf der Bühne auf der ganzen Welt. HIER ENTDECKEN Linktipps: - Diverse Autor*innen: Virale Zoonosen in Deutschland aus der One Health Perspektive, 2023, Bundesgesundheitsblatt. Übersichtsartikel zu den sechs häufigsten viralen Zoonosen in Deutschland und wie man sie eindämmen kann, abrufbar unter - Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Trendbericht Zoonosen, Berichtsjahr 2022. Aktueller Überblick über Zoonosen, die durch Lebensmittel übertragen werden, abrufbar unter Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Die Füchse müssen furchterregend ausgesehen haben: Rot unterlaufende Augen, triefender Speichel ums Maul und Kampfeslust in den Augen. Der Biss eines kranken Tieres kam früher einem Todesurteil gleich. Das ist heute bei uns anders. Und trotzdem löst der Anblick eines vorbei streunenden Fuchses bei vielen Menschen immer noch denselben Reflex aus: Achtung, Tollwut! Deshalb die gute Nachricht vorab: 01 O-TON (Müller) Der letzte Fall von Tollwut war 2006. SPRECHERIN Sagt der Fachtierarzt für Virologie Thomas Müller. Er forscht am Friedrich-Löffler-Institut in Greifswald. Seit 2008 gilt Deutschland offiziell als Tollwut-frei. Die zwei Jahre dazwischen sind eine Art Puffer, um auf Nummer sicher zu gehen. 02 O-TON (Müller) Sie müssen erst mal sozusagen noch zwei Jahre lang warten, dass die Tollwut in dem Gebiet nicht mehr vorkommen wird. SPRECHERIN Die Tollwut ist eine Virus-Erkrankung, die vom Tier auf den Menschen übertragen wird. Also eine sogenannte Zoonose. Was man darunter versteht, erklärt der Epidemiologe Hendrik Wilking. Er forscht am Robert-Koch-Institut in Berlin. 03 O-TON (Wilking) Zoonosen sind vom Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragbare Infektionskrankheiten. Die kommen weltweit vor und können ausgelöst werden durch Viren, Bakterien, Parasiten oder Pilze. MUSIK 2 (Alan Jay Reed, Michi Koerner: Genetics 0’47) SPRECHERIN Tollwut, Aids, die Pest, Tuberkulose, Ebola und höchstwahrscheinlich auch Covid-19, das die Corona-Pandemie auslöste – die Liste von Zoonosen ist lang. Forschende gehen davon aus, dass zwei Drittel unserer Infektionskrankheiten aus dem Tierreich stammen. Einige sind sehr jung, wie Covid-19, andere sind uralt. 04 O-TON (Müller) Die Tollwut ist die älteste bekannte Zoonose der Menschheit. Sie ist schon vor über 5.000 Jahren das erste Mal erwähnt worden im Alten Babylon. Also insofern wissen wir schon recht gut Bescheid, dass die Tollwut ein ständiger Begleiter der menschlichen Entwicklung war. SPRECHERIN Auch den Begriff gibt es in unserem Sprachraum schon sehr lange. 05 O-TON (Müller) Also „Tollwut“ ist ein altdeutscher Begriff, der diese Krankheit gut, sag ich mal, schon mit einem Wort beschreibt. In anderen Sprachräumen wurde von ‚Hydrophobie‘ gesprochen. SPRECHERIN Hydrophobie, Wasser-Angst, weil die Betroffenen bei fortgeschrittener Krankheit eine starke Abneigung gegen Wasser entwickeln. Das gilt sowohl für Tiere als auch für den Menschen. 06 O-TON (Müller) Das Virus befällt das zentrale Nervensystem des betroffenen Individuums, und das ist im Prinzip bei Mensch und Tier das Gleiche. Also bei Menschen würde man zunächst Kopfschmerz, Fieber, Angstzustände oder Kribbelgefühle oder ein verändertes Empfinden in der Nähe des Tierbisses merken, das sind die ersten Anzeichen von Tollwut. In den meisten menschlichen Fällen äußert sich die Krankheit dann auch durch eine Pupillenerweiterung, ungewöhnliche Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Temperatur-Veränderungen. Es gibt Anfälle, Halluzinationen sowie Hydrophobie, das heißt Krämpfe bei Berühren oder bloßen Erblicken von Wasser. Es geht dann weiter bis hin zur Lähmungserscheinung bis hin zum Koma. Und leider unbehandelt endet die Krankheit immer mit dem Tod des betroffenen Individuums. MUSIK 3 ( Daniel Backes, Peter Moslener: Temperature Sensitive (reduced 2) 0‘36 SPRECHERIN Anders als früher ist Tollwut aber heute kein Todesurteil mehr. Betroffene können sich mit einer Impfung gegen Tollwut schützen – auch nach dem Biss eines infizierten Tieres. Wobei es wichtig ist, dass möglichst schnell nach dem Vorfall geimpft wird. Auch wenn Füchse noch immer Tollwut-Ängste auslösen, lange Zeit waren sie gar nicht Hauptüberträger der Krankheit, sondern Hunde. Wobei die nicht immer „tollwütig“ waren. 07 O-TON (Müller) Es muss nicht immer die aggressive Form sozusagen der Tollwut sein, wo Menschen aktiv angegriffen werden, sondern in vielen Fällen sehen wir, dass die Tiere Lähmungserscheinungen haben, sich zusammenkauern, irgendwie krank aussehen, sie können sich kaum noch bewegen, und dann gehen die Menschen hin, wollen sie streicheln, wollen gucken, ob alles in Ordnung ist. In dem Moment schnappt der Hund zu. MUSIK 4 ( Gustav Mahler: Symphony No. 5 (Blanchett, Wolf, Dresdner Philharmonie) 0‘20) SPRECHERIN Im Deutschen Kaiserreich zum Beispiel gab es deshalb eine ganze Reihe von Maßnahmen, um die Krankheit einzudämmen. Hunde mussten angeleint werden, einen Maulkorb tragen – und, bei den ersten Anzeichen von Tollwut, getötet werden. 08 O-TON (Müller) Und all diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass die Anzahl der Tollwut bei Menschen dann doch rasant runtergegangen ist. SPRECHERIN Dennoch kam es immer wieder zu Tollwut-Erkrankungen bei Mensch und Tier. Das änderte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 09 O-TON (Müller) Weil man erst da in der Lage war, entsprechende Impfstoffe zu entwickeln und die Aussicht hatte, dass man mit einer vorbeugenden Impfung Hunde erfolgreich gegen Tollwut schützen kann, und damit auch den Menschen gegen Tollwut schützen kann. SPRECHERIN Die Hunde-Tollwut konnte man durch die Impfung ausrotten, aber noch immer steckten sich Menschen an – und zwar jetzt beim Fuchs. 10 O-TON (Müller) Jetzt hatte man ein Problem gelöst, die Hunde-vermittelte Tollwut, und schon hatten wir die nächste Problematik auf dem Tisch. Diesmal war nicht der Hund der Hauptüberträger der Tollwut, sondern der Rotfuchs. SPRECHERIN Deshalb impfte man auch Füchse großflächig, wobei das sehr viel aufwendiger war als bei Hunden. Die Impfstoffe wurden in Futter-Ködern versteckt und überall dort, wo Füchse vorkamen, verteilt. Unter anderem per Flugzeug. 11 O-TON (Müller) Da fliegen die Flugzeuge sozusagen in einem geringen Abstand über dem Erdboden und computergesteuert werden dann die Köder in bestimmten Abständen ausgelegt. Und über diese sozusagen Maßnahme haben wir es dann geschafft. MUSIK 5 ( Benjamin Flint: Soul Healing (reduced) 1’07) SPRECHERIN Ein riesiger Aufwand, der sich über viele Jahre hinzog, aber letztlich konnte das Tollwut-Virus in Europa ausgerottet werden. Wobei – so ganz weg ist das Tollwut-Virus auch in Europa nicht. Denn eigentlich sind wir nur frei von terrestrischer Tollwut. Terrestrisch bedeutet so viel wie: am Boden lebend. 12 O-TON (Müller) Wir sind in Europa frei von terrestrischer Tollwut, aber nicht frei von Fledermaus-Tollwut, weil sie die Fledermaus-Tollwut im Prinzip nicht bekämpfen können. SPRECHERIN Weil man nicht alle Fledermäuse impfen könnte, auch weil sie in Europa unter strengem Schutz stehen. Aber dass Menschen sich bei Fledermäusen anstecken, kommt so gut wie nie vor. Vermutlich stammt das Tollwut-Virus auch ursprünglich von Fledermäusen. Forschende können mithilfe von Gen-Analysen des Erbguts nachvollziehen, wie Zoonosen sich entwickelt haben und von welchem Tier sie stammen. 13 O-TON (Müller) So kann man sich also gut vorstellen, dass vor mehreren Hunderttausend Jahren es mal zum erfolgreichen Überspringen dieser Viren, die einst bei Fledermäusen waren, dann auf den Fleischfresser – in diesem Fall waren es wildlebende Fleischfresser, also Füchse, Waschbären, Skunks usw. – dann erfolgreich übertragen worden sind und sich dort etabliert haben. SPRECHERIN Im Laufe der Zeit hat sich das Tollwut-Virus also so verändert, dass es andere Tierarten – und letztlich auch den Menschen infizieren konnte. 14 O-TON (Wilking) Das Virus braucht bestimmte genetische Eigenschaften, damit es beim Menschen andocken kann, obwohl es wahrscheinlich nie vorher einen Menschen überhaupt gesehen hat. SPRECHERIN Dazu muss man wissen: Erreger wie Viren oder Bakterien verändern sich ständig. Anders ausgedrückt: Es kommt immer wieder zu zufälligen Mutationen im Erbgut. Das ist im Prinzip bei uns Menschen genauso – auch wir haben uns über die Jahrmillionen ja immer weiter verändert. Aber bei Viren und Bakterien geht das sehr viel schneller. Das Erbgut von RNA-Viren zum Beispiel – zu denen gehört die Influenza, also die echte Grippe – verändert sich eine Million Mal schneller als das menschliche Erbgut. Das ist quasi Evolution im Zeitraffer – und übrigens auch der Grund dafür, warum man sich jedes Jahr aufs Neue gegen Grippe impfen lassen muss. Die enorme Wandlungsfähigkeit macht die Erreger ein Stück weit unberechenbar. 15 O-TON (Wilking) Einige Viren können sich sehr schnell weiterentwickeln und so ihre Eigenschaften verändern. Also in dem Sinne, dass sie krankmachender werden können. Aber es geht auch umgekehrt, dass sie weniger krankmachend werden. Oder sie können dem Immunsystem des Menschen oder der Tiere sozusagen besser ausweichen oder dass sie durch eine Impfung induzierte Immunität ausweichen. Sie können halt so ihre Eigenschaft verändern. Aber es gibt auch sehr, sehr stabile Viren, die wahrscheinlich seit Hunderten von Jahren genau die gleichen Eigenschaften haben, und bei Bakterien ist es ähnlich. Es gibt einige Bakterien, die sind sehr stabil und dann gibt es Bakterien, die sehr volatil sind und sich sehr schnell auf die Umgebung, auf die Säugetiere oder den Menschen, die sie infizieren, anpassen. SPRECHERIN Auch wegen der ständigen Veränderungen gibt es mittlerweile eine große Anzahl von Zoonosen. Forschende unterscheiden sie nach ihrem Übertragungsweg. MUSIK 6 ( Alan Jay Reed; Tony Delmonte: Locked 1’12) 16 O-TON (Wilking) Es gibt so klassische Zoonosen, wo sich Menschen direkt durch den Kontakt zu Tieren anstecken, das können landwirtschaftliche Nutztiere sein, da gibt es zum Beispiel Q-Fieber, Milzbrand oder Brucellose. Das können Wildtiere sein, in Deutschland, insbesondere in Bayern, kommt leider seit einigen Jahren vermehrt das Borna-Virus vor, das greift das Nervengewebe an und das führt dann halt beim Menschen zu Gehirnentzündungen und leider in sehr häufigen Fällen dann auch nachfolgend zum Tod. SPRECHERIN Das Borna-Virus wird von Feldspitzmäusen übertragen. Eine meist tödliche Erkrankung, die allerdings extrem selten ist. Aktuell geht das Robert-Koch-Institut von zwei bis sechs Erkrankungen pro Jahr aus. 17 O-TON (Wilking) Oder Hantavirus-Erkrankungen in vielen Gegenden Deutschland, die werden durch Kontakt zu Nagetieren übertragen. Oder sehr bekannt ist auch der Fuchsbandwurm. SPRECHERIN Der Fuchsbandwurm ist ein Parasit, der vor allem bei Füchsen, aber auch bei Hunden oder Katzen vorkommt. Die Eier des Parasiten gelangen über den Kot des Fuchses in die Natur. Deshalb wird empfohlen, im Wald – insbesondere in Bodennähe – gesammelte Beeren oder Pilze abzukochen, das tötet die Eier ab. Aber auch hier kann man sagen: Die Krankheit ist sehr selten. Jedes Jahr stecken sich 40 bis 70 Menschen an. Ein anderer Übertragungsweg für Zoonosen sind Lebensmittel. 18 O-TON (Wilking) Hepatitis E wird durch ein Hepatitis-E-Virus verursacht und wird durch den Verzehr von Schweinefleisch übertragen. Und gerade, wenn man ne vorgeschädigte Leber hat und dann zusätzlich diese Virusinfektion kommt, kann man schwer erkranken. Aber es gibt auch andere Beispiele: Campylobacter-Infektionen führen zu Durchfällen und in seltenen Fällen auch zu Immunreaktionen. Und das wird durch Verzehr von ungenügend durchgegartem Geflügelfleisch übertragen. Aber es gibt auch die in der Bevölkerung sehr bekannten EHEC-Erkrankungen. EHEC ist eigentlich ein bakterieller Erreger bei Rindern und halt durch den Verzehr von unzureichend durchgegartem Rindfleisch kann es zu EHEC-Ausbrüchen kommen in der Bevölkerung, beziehungsweise das ist in den letzten Jahrzehnten mehrmals vorgekommen. SPRECHERIN Deshalb ist es wichtig, Fleisch immer ausreichend durchzugaren. Das tötet Bakterien und auch einen Großteil anderer Erreger wie Viren oder Parasiten ab. Allerdings gibt es hierzulande einige rohe Fleisch-Speisen, die sehr beliebt sind. Carpaccio aus rohem Rinderfleisch zum Beispiel oder auch rohes Schweinefleisch, das je nach Region anders heißt: Hackepeter, Mett, Bratwurstgehäck oder auch einfach nur Gehäck. 19 O-TON (Wilking) Also rohes Schweinefleisch, der Verzehr ist halt in Deutschland sehr beliebt und kommt halt im europäischen Ausland sonst so nicht vor, also ist schon eine sehr deutsche Besonderheit irgendwie. Und durch diesen Verzehr können auch bestimmte Infektionskrankheiten übertragen werden. Also Toxoplasma gondii als Parasit kommt in Deutschland sehr häufig vor und halt auch andere bakterielle Erkrankungen können halt so übertragen werden. SPRECHERIN Daneben gibt es noch eine weitere Gruppe Zoonosen, die sogenannten Vektor-übertragenen Zoonosen. Das sind Infektionskrankheiten, die über Vektoren wie Mücken oder Zecken weitergegeben werden. 20 O-TON (Wilking) Da kennen Sie die Lyme-Borreliose. Da gibt es leider viele Erkrankungsfälle pro Jahr in Deutschland, die Gehirnhautentzündung hervorrufen oder auch Gelenkentzündungen. Und dann gibt es, durch die Zecke als Vektor übertragen, die FSME. SPRECHERIN Also die Frühsommer-Meningoenzephalitis, die ebenfalls eine Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute hervorrufen kann. Forts. 20 O-TON Da kann man sich gut gegen impfen. Aber seit einiger Zeit, wahrscheinlich auch durch den Klimawandel induziert, auch Mücken-übertragene Erkrankungen in Deutschland, also das West-Nil-Virus in Ostdeutschland. Und wir müssen auch uns darauf einstellen, dass es noch weitere Mücken-übertragene Erkrankungen in den nächsten Jahren in Deutschland geben kann. SPRECHERIN Weil es wegen des Klimawandels wärmer wird und sich deshalb andere Mückenarten sich bei uns ansiedeln, rechnen Forschende damit, dass es künftig hierzulande Fälle von Malaria geben wird. Wobei man eigentlich sagen muss: Wieder geben wird. 21 O-TON (Wilking) Malaria gab es früher ganz viel in Deutschland und die Malaria wurde ausgerottet durch Maßnahmen, also man hat halt Sümpfe trockengelegt, Brachland trockengelegt. Also die Malaria war in Mitteleuropa verbreitet, in England, bis hoch nach Skandinavien. MUSIK 7 ( Daniel Backes, Peter Moslener: Temperature Sensitive (reduced 2) 0’42) SPRECHERIN Und dann gibt es noch eine weitere Gruppe Zoonosen – mit der wir alle in jüngster Zeit leidvolle Erfahrungen gemacht haben: die sogenannten Spillover-Zoonosen. 22 O-TON (Wilking) Das sind halt Viruskrankheiten, wo es einmal am Anfang einen Übertrag vom Tierreich auf den Menschen gibt und nachfolgend halt Mensch-zu-Mensch-Übertragungen eines neuen Erregers. Die Influenza ist da zu nennen oder in anderen Weltteilen sehr gefürchtet zum Beispiel das Ebola-Fieber durch das Ebola Virus. SPRECHERIN Und natürlich die Lungenkrankheit Covid-19, besser bekannt als: Corona. Im Januar 2020 berichtete die Tagesschau: 23 TON (Tagesschau) Hongkong verschärft Kontrollen bei der Einreise, die US-Botschaft in Peking warnt vor Kontakt mit Tieren und erkrankten Menschen. Anlass ist die mysteriöse Lungenkrankheit in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, ausgelöst möglicherweise durch ein neuartiges Corona-Virus, das glauben zumindest chinesische Wissenschaftler. https://www.youtube.com/watch?v=hU7vVnxFoBk SPRECHERIN Kurze Zeit später dann der erste Fall in Deutschland. Die Pandemie nahm ihren Anfang. Es folgten: Maske tragen, Lockdowns, geschlossene Kitas und Schulen, unzählige Erkrankungen – und, nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO, rund 15 Millionen Tote. Erst die Impfung brachte wirklich Abhilfe. 2023 dann erklärte die WHO den Corona-Notstand für beendet. Gut drei Jahre hat Covid-19 die Welt in Atem gehalten – dabei sind Corona-Viren eigentlich alte Bekannte. 24 O-TON (Wilking) Coronaviren, also diese Virusfamilie der Coronaviren, findet man weltweit verbreitet in der Tierwelt. Das ist jetzt erst mal nichts Ungewöhnliches. Und solche Spillover-Vorkommnisse von Corona-Viren sind halt in der Menschheitsgeschichte vielfach vorgekommen. SPRECHERIN Zahlreiche Coronaviren kommen zum Beispiel in Fledermäusen vor. Verändern sich die Viren können sie auf andere Tiere oder auch den Menschen überspringen. Und wenn sie dann auch von Mensch zu Mensch übertragen werden können, spricht man von einem Spillover-Event. Bereits 2003 gab es das mit Sars-Cov1. 25 O-TON (Wilking) Sars-Cov-1 war 2003 auch ein Spillover-Event eines Coronavirus. Es gab auch dann Übertragungen des Virus in andere Teile, also nach Kanada, aber auch nach Europa. Aber der Unterschied zu Sars-Cov-2 war, dass Sars-Cov-1 nicht so übertragbar war und durch Anstrengungen der Gesundheitsbehörden weltweit und durch gute Kommunikation, aber auch durch schnelle Diagnostik, konnte Sars-Cov-1 wieder ausgerottet werden. Das ist halt bei Sars-Cov-2 nicht mehr gelungen. SPRECHERIN Statt lokalen Ausbrüchen kam es zu einer weltweiten Pandemie. Aber nach Sars-Cov-1 und Sars-Cov-2 fragt man sich unweigerlich: Wann kommt Sars-Cov-3? 26 O-TON (Wilking) Ja, das weiß man nicht. Das ist reine Spekulation. Also Sars-Cov-3 kann natürlich vor der Haustür stehen, rein zeitlich gesehen. Aber vielleicht kommt Sars-Cov-3 nie vor. Man weiß es nicht. SPRECHERIN Weil die Erreger eben unberechenbar sind. Das hat etwas Bedrohliches. Sind Zoonosen heute gefährlicher als früher? Hendrik Wilking meint: Nein. 27 O-TON (Wilking) In der Geschichte der Menschheit hat es auch schon ganz fürchterliche Zoonosen gegeben. Also die klassische Pest ist zum Beispiel ja auch eine Zoonose, die von Ratten auf den Menschen übertragen wurde. Und die hat immerhin im 17. Jahrhundert fast die Hälfte der Bevölkerung dahingerafft. MUSIK 8 ( Danny Elfman: Day One 0’53) SPRECHERIN Zoonosen, auch Spillover-Zoonosen, gab und gibt es immer wieder. Was sich aber grundsätzlich verändert hat, sind unser Wissen und auch unser Gesundheitssystem. Anders als früher sind Übertragungswege heute gut erforscht. Auch stehen für viele Zoonosen Medikamente zur Verfügung. Einen großen Unterschied machen aber Impfungen. Wobei man leider sagen muss: Das gilt vor allem für die wohlhabenden Länder. In ärmeren Regionen sterben immer noch sehr viele Menschen an Zoonosen, gegen die man eigentlich impfen oder Medikamente geben könnte. Ebola, Malaria oder Affenpocken zum Beispiel. In einigen Gegenden Afrikas und Asiens ist auch die Tollwut immer noch ein großes Problem. 28 O-TON (Müller) Insbesondere Südostasien muss man hier nennen. Da sterben jährlich, nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation, immer noch so um die 60.000 Menschen an Tollwut. Das ist leider eine Tatsache. Die Hälfte davon sind Kinder unter 15 Jahren. Alle neun Minuten stirbt in diesen Ländern jemand an einer Tollwut-Infektion. MUSIK 9 ( Thomas Lemmer; Adrian Marquez Salas: Infinity 0’42) SPRECHERIN Das hat vor allem eine Ursache. 29 O-TON (Müller) Es handelt sich ja teilweise um die ärmsten Länder der Welt, die einfach nicht die Ressourcen haben, großangelegte Tollwut-Impfaktionen durchzuführen, die haben andere Probleme, die noch dazu kommen, wo Tollwut wahrscheinlich auch nur ein Teil des gesamtgesundheitlichen Problems in diesen Ländern sind. SPRECHERIN Forschende zählen die Tollwut deshalb zu den neglected tropical diseases, also zu den vernachlässigten tropischen Krankheiten. 30 O-TON (Müller) Es ist bekannt, aber es wird leider – auch international – dieser Krankheit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. SPRECHERIN Bei uns kann man gerade vom Gegenteil sprechen: Seit der Corona-Pandemie gibt es eine erhöhte Aufmerksamkeit mit Blick auf Zoonosen, die in unseren Breiten auftreten. West-Nil-Fieber, Zika-Virus, Nipah-Virus, Vogelgrippe, Schweinepest. Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann man den Eindruck bekommen, als stünde die nächste Pandemie schon vor der Tür. Darauf deutet aber aktuell nichts hin. Aber die Sorgen sind groß. Das zeigt sich auch daran, dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach nach einigen Fällen von Affenpocken in Europa bereits öffentlich klarstellen musste: 31 TON (Lauterbach) Was wir mit den Affenpocken gerade erleben, ist nicht der Beginn einer neuen Pandemie. https://www.youtube.com/shorts/HPQnlaizoJY MUSIK 10 ( Daniel Backes, Patrick Kuhn Botelho, Matthias Deger, Tony Delmonte: Discovery (main) 0’57) SPRECHERIN Mit den Affenpocken hatten sich einige Menschen auf Reisen infiziert. Generell hält Hendrik Wilking vom Robert-Koch-Institut eine erhöhte Aufmerksamkeit aber für sinnvoll. 32 O-TON (Wilking) Wir brauchen gute Surveillance- und Monitoring-Systeme, die solche Krankheiten und solche Ausbrüche detektieren, und auch diese Übertragung irgendwie schnell sichtbar machen. SPRECHERIN Es darf eben nur keine Panik draus werden. Daneben müssen wir unsere Gesundheitssysteme entsprechend ausstatten. 33 O-TON (Wilking) Unsere Gesundheitssysteme brauchen halt auch so Krisenmodi, um mal für eine Zeit lang größere Zahl bestimmter Krankheitsfälle behandeln zu können. Aber auch um zügig antivirale Medikamente zu entwickeln und herstellen zu können. Oder halt, was ja in der Pandemie hervorragend gelungen ist, schnell Impfstoffe zu entwickeln und produzieren zu können, damit die Bevölkerung geschützt werden kann. MUSIK 11 Peter Lepahin: Repercussions (rediced) 0‘36 SPRECHERIN Keine Frage, Zoonosen haben etwas Bedrohliches. Die Corona-Pandemie hat uns eindrücklich vor Augen geführt, welche Folgen es haben kann, wenn Infektionskrankheiten vom Tier auf den Menschen überspringen. Gleichzeitig sind Zoonosen aber etwas ganz Normales, einige haben die Menschheit über viele Hunderttausend Jahre begleitet. Aber anders als in früheren Zeiten können wir uns heute dafür wappnen.
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