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2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- 50 Jahre Computerspiele - Pong, Pac-Man und Co
28.05.2025 · 22 Min.
180 Milliarden US-Dollar, so viel hat die Games-Branche 2021 weltweit umgesetzt. Computerspiele boomen - und das seit Jahren. Dabei fing alles ganz klein an, mit einem eckigen Ball und zwei Strichen als Schläger. Von Christian Schiffer (BR 2022) Autor dieser Folge: Christian Schiffer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Andreas Neumann Technik: Susanne Herzig Redaktion: Martin Trauner Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT
- Bayerns SPD in Königreich und Republik - Aufbruch in die Moderne
28.05.2025 · 23 Min.
Mit Reformen statt mit Revolution wollte die SPD im Königreich Bayern eine demokratische Gesellschaft durchsetzen. Der Erste Weltkrieg führte zur Zerreißprobe. Von Renate Eichmeier (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Renate Eichmeier Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Peter Weiß Technik: Matthieu Belohradsky Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Marita Krauss, Professorin i. R. Europäische Regionalgeschichte Universität Augsburg Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Bayerische Volkspartei, BVP - Die Extrawurst kommt auf den Grill Ein Freistaat Bayern ohne CSU? Den gab es! Vor dem zweiten Weltkrieg hieß die dominierende Kraft im Land "Bayerische Volkspartei". Sie darf als Vorgänger der CSU gesehen werden, doch es ist ein Erbe mit Licht und Schatten. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR: Die Bayrische Republik wird hierdurch proklamiert. Die oberste Behörde ist der von der Bevölkerung gewählte Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat, der provisorisch eingesetzt ist, bis eine endgültige Volksvertretung geschaffen werden wird. (…) Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt. Hoch die Republik! ERZÄHLERIN: Rote Plakate informierten am Morgen des 8. November 1918 die Menschen in München, dass über Nacht die Monarchie abgeschafft worden war und sie ab sofort in einer Republik lebten. Am Tag vorher hatte eine Gruppe von Revolutionären um Kurt Eisner, den führenden Kopf der sozialdemokratischen Linken, den Landtag besetzt und das Ende der Wittelsbacher Herrschaft erklärt. Es war die Geburtsstunde des Freistaates Bayern. Innerhalb von gut zweieinhalb Jahrzehnten hatte sich die bayerische SPD von der neugegründeten Partei der Arbeiterbewegung zur Wegbereiterin eines demokratischen Bayern entwickelt. O1 KRAUSS: Die SPD ist im 19. Jahrhundert entstanden, eigentlich aus dem großen Bedürfnis heraus, die arbeitenden Klassen in irgendeiner Form einzubinden in Politikprozesse, sie rauszuholen aus dem Bereich der Wohlfahrt, mit reinzunehmen in Politikgestaltung. MUSIK: Detailed look (reduced) 0‘22 ERZÄHLER: Industrielle Revolution und demokratische Ideen bereiteten im 19. Jahrhundert den Boden für die Moderne. Die Industrialisierung sorgte für radikale Umbrüche und eine neue gesellschaftliche Schicht: Massen von Arbeitern und Arbeiterinnen, die sich zu organisieren begannen und nach politischer Teilhabe strebten. Die Arbeiterbewegung formierte sich auch im Königreich Bayern als soziale und politische Kraft, aus der schließlich die SPD als Partei hervorging. Die Historikerin Marita Krauss war bis zu ihrer Emeritierung Professorin für Europäische Regionalgeschichte an der Universität Augsburg und hat sich intensiv mit der Geschichte der bayerischen SPD beschäftigt. O2 KRAUSS: Da entstanden eben zunächst Arbeitervereine, die sich um Belange der Arbeiter gekümmert haben, und es entstanden dann aber auch natürlich die ersten Gewerkschaften, und diese ganzen Bemühungen stehen im Kontext dieser ersten großen sozialen Bewegungen, die eben auch vor allem dann die zweite Jahrhunderthälfte geprägt haben. Wir haben Arbeiterbewegung, dann Frauenbewegung, Friedensbewegung, alles das ist bereits in der zweiten Jahrhunderthälfte des Neunzehnten Jahrhunderts da, natürlich auch die Lebensreform, und zusammen mit diesen Bewegungen ist auch der Erfolg der SPD natürlich zu sehen. ERZÄHLERIN: Staatlicherseits wurde der wachsende Einfluss der Arbeiterbewegung mit Misstrauen beobachtet. 1878 setzte Otto von Bismarck die sogenannten "Sozialistengesetze" durch. Sie dienten auch in der bayerischen Monarchie der staatlichen Sozialistenverfolgung. Musik: In der Finsternis 0‘34 ERZÄHLER:. Diese Gesetze richteten sich gegen – ZITATOR: die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie ERZÄHLER: – und boten dem Staat die Möglichkeit, sozialistische Parteien, Versammlungen und Zeitungen zu verbieten. ERZÄHLERIN: Zwölf Jahre waren die Sozialistengesetze in Kraft. In dieser Zeit wurden Tausende von Menschen verhaftet oder in die Emigration getrieben. Nach der Entlassung Bismarcks wurden 1890 die Sozialistengesetze schließlich aufgehoben. Die hatten ohnehin wenig gebracht. Denn trotz der Repressionen war der Einfluss der Sozialdemokratie gestiegen – reichsweit und auch im Königreich Bayern. Der kaiserliche Kurswechsel wurde in der Parteizentrale in Berlin anders aufgenommen als bei den bayerischen Sozialdemokraten. Im Juni 1891 hielt der Parteivorsitzende Georg von Vollmar im Münchner Lokal "El Dorado" zwei Reden, mit denen er sich zum Ende der Sozialistengesetze und zum Kurswechsel der kaiserlichen Regierung positionierte und für eine Zusammenarbeit mit den herrschenden Kreisen eintrat. O3a KRAUSS: Für Bayern ist dabei sehr spannend, dass die bayerische SPD sich vor allem im Süden Bayerns sehr stark an einem reformistischen Konzept orientiert hat, das gesagt hat, wir wollen nicht die bestehende Gesellschaftsordnung umwälzen, sondern wir wollen innerhalb der Gesellschaft Reformen voranbringen. ERZÄHLER: Die bayerische SPD war kompromissbereiter als die Parteizentrale in Berlin. Sie stand – O3b KRAUSS: immer im scharfen Gegensatz zu dem mehr zentralistischen und auch sehr viel stärker revolutionsorientierten Zweig der SPD, die jetzt also das Reich auch dominierte. Wir haben da Namen wie eben dann Bebel und andere, die eben dann im Reich eine sehr stark auf Revolution auch noch ausgerichtete Politik voranbrachten. ERZÄHLERIN: Diese kritisierten die Politik ihrer bayerischen Genossen als "kleinbürgerlichen Reformismus", was die Bayern aber nicht daran hinderte, ihren eigenen Weg zu gehen. Der erste Landesparteitag der bayerischen Sozialdemokraten fand 1892 in Reinhausen statt, einem damals kleinen Vorort von Regensburg. Dieser Parteitag gilt als Gründungsdatum der bayerischen SPD. Siebzig Delegierte nahmen teil, darunter auch Georg von Vollmar. Sie stellten Kandidaten für die bevorstehenden Landtagswahlen auf und verabschiedeten ein Wahlprogramm, dessen Forderungen im Großen und Ganzen die nächsten zwei Jahrzehnte bestehen blieben. Musik: Still waiting red 0‘35 ERZÄHLER: Die wichtigste Forderung war die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Männer und Frauen. Bislang galt nämlich, dass Frauen nicht wählen durften, sondern nur Männer, die Steuern bezahlten. Die Wahl erfolgte indirekt, das heißt die Wahlberechtigten wählten Wahlmänner, die dann ihrerseits die Abgeordneten wählten. Und die Wahl war nicht geheim, sondern der Wahlzettel wurde unterschrieben und offen abgegeben. Außerdem forderten die Sozialdemokraten: mehr Rechte für das Parlament und für die kommunale Selbstverwaltung, Trennung von Staat und Kirche, Reformen im Schulwesen und bei den Arbeiterversicherungen … ERZÄHLERIN: Ein Jahr nach dem ersten Landesparteitag gewannen die Sozialdemokraten bei den Landtagswahlen 1893 fünf Mandate. Der Landtag bestand damals aus zwei rechtlich gleichgestellten Kammern: der Kammer der Reichsräte, in der adelige und geistliche Würdenträger saßen, die per Verfassung bestimmt oder vom König berufen waren. Und es gab die Kammer der Abgeordneten, die von den Wahlberechtigten gewählt wurde. Die stärkste Kraft dort war die katholisch orientierte Bayerische Zentrumspartei. Unter ihren Abgeordneten fanden sich katholische Geistliche. Sie vertrat in erster Linie die Interessen der mittelständischen Bevölkerung und machte sich für den politischen Katholizismus stark, den kirchlichen Einfluss in der Politik. Ihr Gegenspieler waren die Liberalen, die den kirchlichen Einfluss zurückdrängen und eine Trennung von Staat und Kirche wollten – ebenso wie die SPD und der Bayerische Bauernbund, die beide 1893 erstmals in den Landtag einzogen. Der Bauernbund war antiklerikal und sah sich als Verfechter kleinbäuerlicher Interessen. Und die SPD war die erste Partei, die sich als Interessensvertreterin der Massen von Arbeitern und Arbeiterinnen verstand. Mit den ersten fünf Landtagsmandaten begann der Aufstieg der SPD zu einer politischen Kraft im Königreich Bayern. Musik: Aufbruch 0‘23 ERZÄHLER: In diesen Jahren stand Prinzregent Luitpold für seinen psychisch kranken Neffen Otto II. an der Spitze der bayerischen Monarchie. Nach seinem Tod machte es eine Verfassungsänderung möglich, dass ab 1913 sein Sohn als König Ludwig III. regieren konnte. Bayern war eine konstitutionelle Monarchie, das heißt die Macht des Monarchen wurde verfassungsmäßig definiert. Zwar stand der König beziehungsweise der Prinzregent als sein Stellvertreter über allen. Er alleine bestimmte die Regierung, also den Ministerpräsidenten und das Kabinett – unabhängig vom Landtag, den einzuberufen und aufzulösen er berechtigt war. Aber auch der bayerische Landtag hatte Rechte, etwa die Prüfung des Staatshaushaltes und die Bewilligung der Steuern. Und diese Rechte nutzte die SPD, um ihre politischen und sozialen Reformen voranzutreiben. Ein großer Schritt war die Wahlrechtsreform von 1906, die sie gemeinsam mit dem Zentrum durchsetzte. ERZÄHLERIN: Die Landtagswahl wurde nun als direkte Mehrheitswahl durchgeführt. Das heißt: Die Wahlmänner wurden abgeschafft, die Abgeordneten direkt und auch geheim gewählt. Der Kandidat mit den meisten Stimmen in seinem Wahlkreis durfte in den Landtag. Allerdings blieb das Wahlrecht auf steuerzahlende Männer ab 25 Jahren beschränkt. ERZÄHLER: Ein weiteres Problem, das den Sozialdemokraten unter den Nägeln brannte, war die Absicherung der Arbeiterschaft, so die Historikerin Marita Krauss. O5 KRAUSS: Die Idee war, über Tarif-Reformen es zu schaffen, dass die Arbeiter eine andere Form der Sicherheit hatten in Bezug auf Lohn, Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen, auch in Bezug auf erste Formen von Urlaub, von gesichertem Urlaub. ERZÄHLERIN: Viele Unternehmen zeigten sich offen für den Vorschlag, Arbeitsverhältnisse tariflich zu ordnen. Bis 1907 waren etwa 75 Prozent der bayerischen Arbeiterschaft im gewerblichen Bereich mittels Tarifverträgen abgesichert. Bezüglich der Rechte der Frauen gab es vorerst keine wegweisenden Verbesserungen. Für die Sozialdemokraten, so die Historikerin Maria Krauss, war das Thema Frauenrechte eher schwierig. O6 KRAUSS: Das war eben doch eine kleinbürgerliche Partei, die sehr wohl dachte, dass die Frauen bestimmten Rollen folgen. Andererseits gab es ganz großartige Einzelpersönlichkeiten. Also wir haben natürlich auf der Reichsebene Clara Zetkin und solche Vorkämpferinnen der Frauenbewegung. In München ist es zum Beispiel Dr. Hope Bridges Adams Lehmann, eine sozialdemokratische Ärztin englischer Herkunft, die sehr intensiv vor allem im Gesundheitsbereich die Politik der SPD mitgeprägt hat. Musik: War is coming 0‘38 ZITATOR: Der Weltkrieg droht! Die herrschenden Klassen, die euch in Frieden knechten, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kanonenfutter missbrauchen. Überall muss den Machthabern in den Ohren klingen: Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! Es lebe die internationale Völkerverbrüderung! ERZÄHLER: So der Berliner Parteivorstand der SPD am 25. Juli 1914 in der Parteizeitung "Vorwärts". Etwa einen Monat vorher waren der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajewo erschossen worden. Krieg lag in der Luft. Hunderttausende folgten dem sozialdemokratischen Aufruf und kamen zu Friedenskundgebungen in zahlreichen deutschen Städten – auch in München. Musik: Political efforts red 0‘23 Nur ein paar Tage später verkündeten Kaiser Wilhelm II. in Berlin und König Ludwig III. in München die Mobilmachung – und brachten auch die Sozialdemokraten sehr schnell auf Kriegskurs. ZITATOR: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche! Zum Zeichen dessen, dass Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod zu gehen, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben. ERZÄHLERIN: Diese berühmten Worte stammen aus einer Rede, die Wilhelm II. am 4. August 1914 im Reichstag hielt. Mit der Beschwörung der nationalen Einheit wollte er die Sozialdemokraten auf Linie bringen – und schaffte das auch. Die SPD stellte die stärkste Reichstagsfraktion. Und die kaiserliche Regierung brauchte den Reichstag für die Bewilligung der Kredite, mit denen der Krieg finanziert werden sollte. Und tatsächlich stimmte die SPD an diesem 4. August für die Kriegskredite. Sogar Karl Liebknecht vom linken Flügel ordnete sich der Parteidisziplin unter. ERZÄHLER: Wie kam es zu dieser Kehrtwende der SPD innerhalb weniger Tage? ERZÄHLERIN: Der Aufruf zu den Friedensdemonstrationen kam aus den links-intellektuellen Führungskreisen der Sozialdemokraten. In der Reichstagsfraktion der SPD waren aber auch viele Gewerkschaftsfunktionäre, die praktische politische Arbeit leisteten wie das Aushandeln von Tarifverträgen, sich nicht prinzipiell in weltanschaulicher Gegnerschaft zum Wilhelminismus sahen, sondern die konkreten Interessen der Arbeiterschaft im Blick hatten – auch wenn damit eine Unterstützung der deutschen Großmachtpolitik verbunden war. ERZÄHLER: So wurden zum Beispiel Flottenbau und Kolonialpolitik unter dem Aspekt der Schaffung von Arbeitsplätzen gesehen. Musik: Foreboding of war 0‘43 ERZÄHLERIN: Dass dann die gesamte Reichstagsfraktion der SPD geschlossen für die Kriegskredite stimmte, hatte mit der Wirksamkeit der kaiserlichen Propaganda zu tun, wonach das russische Zarenreich der Kriegstreiber war, der Krieg ergo ein Angriffskrieg, gegen den sich das Deutsche Kaiserreich verteidigen musste. Nun wollten die Sozialdemokraten keinesfalls als national unzuverlässig gelten, als sogenannte "Landesverräter", die einen Verteidigungskrieg boykottierten. Zudem stieß die Version vom russischen Aggressor auf offenen Ohren innerhalb der SPD. Denn dort waren antizaristische Ressentiments weit verbreitet. ERZÄHLER: Schon im Vorfeld des Krieges hatte der Münchner Journalist und SPD-Politiker Kurt Eisner in einer Rede dem russischen Zarenreich die Kriegsschuld zugeschoben – ganz im Sinne der kaiserlichen Regierungspropaganda. Eisner bezeichnete Russland als "Kriegsfurie", forderte, dass der Zarismus gebändigt werden müsse, wolle man den Frieden in Europa erhalten. Seine antizaristische Haltung war typisch für die Sozialdemokraten, die im russischen Zarenreich ein Überbleibsel des Absolutismus sahen: rückständig, despotisch, reaktionär. MUSIK: Constant fear 0‘39 ERZÄHLERIN: Nicht nur Kurt Eisner, sondern die bayerische SPD insgesamt sprach sich für den Kurs der Berliner Reichstagsfraktion aus, also für die Bewilligung der Kriegskredite – auf Reichsebene. In Bayern dagegen stellten sie sich quer, wo auch Ludwig III. noch Geld brauchte für den Krieg. Der Landtag in München bewilligte eine zusätzliche Kreditaufnahme. Allerdings ohne die Stimmen der SPD. Die war nämlich wegen anderer Fragen gerade in erbitterte Streitigkeiten mit der bayerischen Regierung verwickelt – betonte aber ihre vaterländische Gesinnung und ihre Bereitschaft zu kämpfen. ZITATOR: Jetzt wird stramm exerziert und die alten Soldatentugenden wieder geweckt. Lieber Vollmar! Dessen dürfen Sie sicher sein; wohin wir auch kommen, meine Pflichten erfülle ich. Dieser Dienst wird der Partei und dem Vaterlande mit Freuden erwiesen. ERZÄHLER: Schrieb Erhard Auer, später erster sozialdemokratischer Innenminister Bayerns, an den SPD-Vorsitzenden Georg von Vollmar. Doch die nationale Euphorie erlosch schnell im ganzen Reich und ebenso schnell bröckelte die nationale Einheit. Bereits im Dezember verweigerte Karl Liebknecht im Reichstag seine Zustimmung für weitere Kriegskredite. Und auch Kurt Eisner rückte in München von seiner anfänglichen Unterstützung des Kriegskurses ab. ERZÄHLERIN: Für ihn war wie für den gesamten linken Flügel der SPD jetzt klar: Der Krieg diente nicht der Verteidigung, sondern der Eroberung und musste so schnell wie möglich beendet werden. Musik: Wake keeping- 0‘37 ERZÄHLER: Die Mehrheit der Sozialdemokraten blieb allerdings auf monarchischem Kriegskurs. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei, die 1917 zur Spaltung führten. Der linke Flügel gründete die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, kurz USPD, die sich in München zu einem Sammelbecken für revolutionäre Kräfte entwickelte. Die hungernde Bevölkerung wollte Frieden – und zeigte das im Januar 1918 mit reichsweiten Massenstreiks. In München nahm Kurt Eisner eine führende Rolle in der USPD ein, hielt Anti-Kriegsreden, war maßgeblich an der Organisation eines Streiks von Munitionsarbeitern beteiligt und wanderte dafür ins Gefängnis. Währenddessen versuchten Mitglieder der weiterhin regierungskonformen MSPD, der Mehrheitssozialdemokratischen Partei, eine Verfassungsreform im Landtag durchzusetzen. O7 KRAUSS: Das ist der berühmte Auer-Süßheim-Antrag. Auer ist Erhard Auer, der dann 1918 den Vollmar ablöst als Führer der bayerischen Sozialdemokratie, eigentlich ein großer Reform-Antrag, der die konstitutionelle bayerische Monarchie in eine parlamentarische Monarchie verwandelt hätte, verändert hätte. Und der König hat aber gezögert, und es wurde alles eben im Grunde genommen immer wieder vertagt. Und das war noch auf der Landtags-Tagesordnung gestanden Anfang November. Aber da war es dann zu spät. Musik: Dark wood 0‘50 ERZÄHLERIN: Nach seiner Haftentlassung im Oktober 1918 nahm Kurt Eisner seine agitatorische Rednertätigkeit wieder auf – vor Massen von kriegs- und monarchie-müden Menschen. Außerdem besuchte er die Brüder Gandorfer in Niederbayern, um die Landbevölkerung in den revolutionären Prozess einzubinden. Karl Gandorfer war führender Kopf des linken Flügels des Bauernbundes, und sein blinder Bruder Ludwig Mitglied der USPD. Letzterer war mit Kurt Eisner am 7. November auf der Theresienwiese, wo sich Zehntausende zu Friedenskundgebungen versammelt hatten. Auch die MSPD unter Erhard Auer war vor Ort, beendete aber die Kundgebung vorschriftsmäßig. Die Gruppe um Kurt Eisner und Ludwig Gandorfer dagegen beschloss spontan, zu den Kasernen zu marschieren. Dazu Marita Krauss: O8 KRAUSS: Und in den Kasernen waren die vielen unzufriedenen Soldaten in der Heimat, die eben eh schon dachten, jetzt muss der Krieg unbedingt aus sein, und die sich dann diesen Revolutionären anschlossen. Und so fand dann eben eine unblutige Revolution statt. Der König floh aus München. Und am nächsten Tag wachten die Bayern auf, und es gab eine neue Regierung. ERZÄHLER: Provisorischer Ministerpräsident war Kurt Eisner. Bei der Zusammensetzung seines Kabinetts musste er – auch mangels politisch versierter Männer in der USPD – mehrheitlich Politiker der MSPD zulassen. Erhard Auer bekam das Innenministerium. ERZÄHLERIN: Zwischen Kurt Eisner, der USPD, insgesamt der revolutionären Linken und den Mehrheitssozialdemokraten um Erhard Auer gab es ideologische Unstimmigkeiten. Während die Linken ein basisdemokratisches Rätesystem favorisierten, wollte die MSPD eine parlamentarische Demokratie. ERZÄHLER: Innerhalb kurzer Zeit führte die Regierung Eisner die Arbeitslosenversicherung ein, den Achtstundentag und das Frauenwahlrecht. Die ersten demokratischen Wahlen in Bayern fanden im Januar 1919 statt – und endeten mit einem Wahlsieg der MSPD. Musik:Schicksal 0‘42 Für die USPD war die Niederlage desaströs. Als Eisner seinen Rücktritt bekanntgeben wollte, wurde er auf dem Weg in den Landtag von einem Rechtsextremisten erschossen. Die junge bayerische Republik stürzte in eine tiefe Krise: Der Landtag wählte den MSPD-Politiker Johannes Hoffmann zum Ministerpräsidenten, doch die Linken riefen in München die Räterepublik aus. Daraufhin floh Hoffmann mit seiner Regierung nach Bamberg. Schließlich schlugen rechte Freikorps und Reichswehreinheiten die Münchner Räterepublik blutig nieder. Das politische Klima kippte nach rechts. O9 KRAUSS: Unter dem Gustav von Kahr, der dann den Johannes Hoffmann nach dem Kapp-Putsch beerbt, haben wir eben diese Ordnungszelle Bayern, die sich dann gründet, die eben alles, was links und jüdisch ist, eben verteufelt. ERZÄHLERIN: Als Revolutionäre und Gründer der Bayerischen Republik hatten die Sozialdemokraten in den folgenden Jahren der Weimarer Republik einen schweren Stand gegen die immer stärker werdenden rechtsextremen Kräfte. Musik: Dark operation 0‘28 Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden SPD-Mitglieder politisch verfolgt, viele in KZs ermordet – wenn sie es nicht ins Exil schafften, wie etwa der Jurist Wilhelm Hoegner, der nach dem Zweiten Weltkrieg dann Bayerischer Ministerpräsident wurde.
- NS-Vergangenheit als Familiengeschichte - Folgen und Aufarbeitung
28.05.2025 · 23 Min.
Nach 1945 wurde geschwiegen, lange geschwiegen. Dann erforschten Historikerinnen und Historiker akribisch vieles Details der NS-Schreckensherrschaft, richteten Gedenkstätten ein. Und jetzt ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit in den Familien angekommen. Von Daniela Remus (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Katja Schild Technik: Robin Auld Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Barbara Brix, Hamburg Yvonne Cossu, Rennes, Frankreich Svenja Granzow Rauwald, Historikerin, KZ-Gedenkstätte Neuengamme Claudia Hartwich, Bremen Jörg Watzinger, Mannheim Joachim Weretka, Hamburg Oliver von Wrochem, Historiker, KZ-Gedenkstätte Neuengamme Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.
- Generationenübergreifende Wohnmodelle - Gemeinsam statt einsam
26.05.2025 · 22 Min.
Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum - Die Gesellschaft wird immer älter - In den Städten dominieren Ein-Personen-Haushalte. Das Unbehagen wächst. Sind generationsübergreifende Wohnformen eine Alternative? Welche Motive und Wünsche haben die Gemeinschaftssuchenden und welche Herausforderungen gibt es? Von Sylvia Schopf (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Sylvia Schopf Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Andreas Neumann, Christopher Mann, Diana Gaul Technik: Fabian Zweck Redaktion: Andrea Bräu Interviewpartner/innen: Susanne Schmid (Innenarchitektin, Mitglied in einem Schweizer Architektenbüro und Mitherausgeberin des Buches „Eine Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens“); Frühschütz. Leo (Journalist und Vorstandsmitglied der Genossenschaft und Mitbegründer und Mitbewohner der „Gemeinschaft Sulzbrunn“ im Allgäu); Christian Dibbern (Mitbegründer und Bewohner des Mehrgenerationenprojekts „Tocklerhof“ in Bamberg); Diverse (Mathilda, Imke, Margareta, Zoe und weitere Mitglieder der „Gemeinschaft Sulzbrunn“); Anna Nagler (Mitglied der "Gemeinschaft Sulzbrunn"); Alfons Fischer (Mitglied der "Gemeinschaft Sulzbrunn"); Beate Gillhaus (Mitglied der "Gemeinschaft Sulzbrunn"); Christine Kohler (Mitglied der "Gemeinschaft Sulzbrunn"); Rolf Ebenhoch (Mitglied der "Gemeinschaft Sulzbrunn") Linktipps: Stiftung Trias - eine Gemeinnützige Stiftung für Boden, Ökologie und Wohnen: EXTERNER LINK | https://www.stiftung-trias.de Koordinationsstelle „Wohnen im Alter – Konzepte, Initiativen und Visionen“ - eine Initiative des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen: EXTERNER LINK | https://www.wohnen-alter-bayern.de/Die-Koordinationsstelle.html Deutsches Zentrum für Altersfragen: EXTERNER LINK | www.neue-wohnformen.de Literaturtipps: „Eine Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens - Modelle des urbanen Zusammenlebens“, Susanne Schmid (Hrsg.), Birkhäuser Verlag Berlin/Basel 2019. „Gemeinschaftsbildung – Der Weg zu authentischer Gemeinschaft“, M. ScottPeck, Eurotopia, Verlag Schloss Oberbrunn 2021.
- Einsamkeit - Mehr als allein
26.05.2025 · 20 Min.
Viele Menschen sind einsam. Das ist nicht nur psychisch-emotional ausgesprochen belastend, sondern macht auch körperlich krank. Deshalb fordern Therapeutinnen und Mediziner, dagegen etwas zu unternehmen. Von Daniela Remus (BR 2022) Einen interessanten Artikel zum Thema finden Sie auf ARDalpha: EINSAM UND ALLEIN - Was ihr gegen Einsamkeit tun könnt, bevor sie euch krank macht JETZT LESEN
- Biotopvernetzung - Wenn Lebensräume verbunden werden
22.05.2025 · 22 Min.
Wo sich früher karge Weiden erstreckten, breiten sich heute Büsche und Bäume aus. Tier- und Pflanzenarten, die auf offenen Landschaften angewiesen sind, haben dann keine Chance mehr. Forscher*innen versuchen, etwas dagegen zu unternehmen, die Flächen wieder freizuräumen und die ursprünglichen Bewohner zurückzuholen. Von Joachim Budde (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Joachim Budde Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Anna Graenzer, Sven Hussock Technik: Michael Krogmann Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Felix Helbing, Universität Osnabrück; Prof. Thomas Fartmann, Universität Osnabrück Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sich JETZT ANHÖREN Käfer - Unverzichtbar für die Natur JETZT ANHÖREN Warum Aas die Natur belebt - Alles Natur JETZT ANHÖREN Literaturtipp: Thomas Fartmann et al.: Insektensterben in Mitteleuropa. Ursachen und Gegenmaßnahmen, Stuttgart 2021. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne - Die Magie des Neubeginns
22.05.2025 · 23 Min.
Ein neuer Job, eine neue Stadt, eine neue Liebe: Neuanfänge sind aufregend und voller Hoffnung. Voraussetzung für einen kraftvollen Neuanfang sind Mut und Risikobereitschaft sowie ein Abschied. Von Karin Lamsfuß (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Martin Trauner Es sprachen: Julia Fischer, Sebastian Fischer Technik: Christine Frey Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Günter Menne, Coach; Gerald Hüther, Hirnforscher Peter Gross, Buddhist und Psychotherapeut Dr. Michael Schonnebeck, Facharzt für Psychotherapie und Psychosomatik; Petra Bock, Autorin und Coach Petra van Laak, Unternehmerin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. 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Das pralle Leben kehrt zurück nach dem langen, kargen Winter. Sprecherin: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Sprecher: In der Natur, so wie in allem Leben. O-Ton 1 Petra Bock (0‘29“) Und dann bin ich ins Bett gegangen, konnte lange nicht einschlafen, plötzlich hatte ich ne Art Vision, so kann man es wirklich nennen, hatte ich ein Bild, wie ich an einem wunderschönen Frühlingstag in einem Zimmer sitze bei offenem Fenster, draußen ist ein Obstgarten, die Vögel zwitschern, und ich sitze da und schreibe. Und in dem Moment kam so ein richtiges Glücksgefühl auf. Eins, dass ich seit Monaten nicht mehr kannte. Sprecherin: Ein Neuanfang im Leben der promovierten Politologin Petra Bock. Bevor er Wirklichkeit wurde, kam er zunächst als vielversprechende Vision in ihr Leben geschneit. Sprecher: „Neuanfang“ – das klingt fast magisch. Nach Chancen. Verheißungsvoll, inspirierend, motivierend. Nach frischem Wind, Fülle, Optimismus und Weiterentwicklung. Das ganze Leben ist voller Neustarts: freiwilligen wie unfreiwilligen. Großen wie kleinen. Jeder Tag, jedes Aufwachen, jeder Atemzug ist im Grunde ein winziger Neuanfang. Nicht immer, aber oft muss etwas Altes sterben, bevor etwas Neues beginnen kann. Musik, dann darüber Sprecherin: Petra Bock führte ein Leben wie aus einem Hochglanzmagazin. Sie fuhr ein chices Auto, trug teure Klamotten und führte ein klassisches Businessleben in der Banken-Metropole Frankfurt. Dort arbeitete sie – nach ihrer Promotion mit 28 – als Unternehmensberaterin und Wirtschaftsanalystin. 12-14-Stunden-Tage waren die Regel. O-Ton 2 Petra Bock (0‘16“) Das war einfach sehr, sehr anstrengend, und ich war immer öfter erkältet. Bin dann trotzdem ins Büro gegangen, hab mich trotzdem reingeschleppt, hab dann für die Präsentationen noch irgendwie ne Tablette geschluckt, dass ich mit dem Fieber zurechtkomme. Das ist dann so ein Prozess geworden, so dass ich mich fast jede Woche neu erkältet hab. Musikzäsur O-Ton 3 Günter Menne (0‘11“): Wenn Menschen zu mir kommen, dann kommen sie aus zwei Beweggründen. Eigentlich immer. Sie wollen irgendwo hin – zu oder sie wollen von – weg. Von etwas weg. Sprecherin: Günter Menne ist Coach. Er begleitet Menschen bei Neuanfängen. Oft, so seine Erfahrung, meldet sich dieses Bedürfnis in der Lebensmitte. O-Ton 4 Günter Menne (0‘06“): Wo die große Frage im Raum steht für viele: Was denn noch? Was ist noch möglich? O-Ton 5 Petra Bock (0‘08“) Die Frage war: Möchte ich das bis zum Ende meines Lebens machen? Also bis zum Ende meines Berufslebens machen? Und dann kam sofort so ein: „Nee, um Gottes Willen. Das halt ich gar nicht aus!“ O-Ton 6 Günter Menne (0‘53“): Wenn Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ von jedem Zauber spricht, der uns beschützt bei allen Neuanfängen, dann denke ich aus meiner Erfahrung, die ich auch als Coach gewonnen habe, dass dieser Zauber sich nur dann entfalten kann, wenn wir wirklich gegenwärtig bleiben bei den Veränderungen, die uns oft auch widerfahren. [[ Und um die Gelegenheit zur Aktualisierung, zur Veränderung in jeder neuen Erfahrung überhaupt zu erkennen, müssen wir gegenwärtig sein.]] Und zu spüren: Passt die noch zu mir? [[ Und aus diesem Gespür eine Kraft zu entwickeln, die wir oft als Druck oder auch als Sog erleben. Wobei dir Veränderung durch Sog in aller Regel leichter funktioniert als die Veränderung durch Druck.]] Sprecherin: Petra Bock lag also mal wieder mit ihrer soundsovielten Nasennebenhöhlenentzündung im Bett, als ihre Vision erschien: Das Bild von sich selbst, schreibend, mit dem Blick auf die Obstbaumwiese. Als hätte jemand ihrem Wunsch erahnt, klingelte plötzlich das Telefon. Ein alter Studienkollege, Programmchef eines Verlags, war auf der Suche nach einer neuen Autorin. Er hatte von ihrem steilen Aufstieg gehört. Ob sie vielleicht Lust hätte, ein Buch zu schreiben? Nach der ersten Freude machten sich schnell die Ängste breit. O-Ton 7 Petra Bock (0‘16“) Die eine Angst war, dass ich gar nicht gut genug schreiben kann, z.B. Denn ich hatte vorher nichts gerade Substanzielles geschrieben. Wusste ich ja nicht, ob ich das kann! Dann dachte ich mir auch: was machst du, wenn du irgendwie plötzlich siehst: Es ist alles Müll, und der Verleger sagt „können wir überhaupt nicht nehmen!“. Was machst du dann? Also, da hatte ich schon Angst davor, dass ich scheitern könnte. Auf jeden Fall. Sprecher: Das ist ganz oft der Punkt, an dem sich das anfangs süße und verheißungsvolle Gefühl des Anfangszaubers wandelt: in nagende Zweifel und diffuse Ängste. Was ist, wenn es nicht klappt? Und wie stehe ich dann da? O-Ton 8 Michael Schonnebeck (0‘28“): Wir alle haben sogenannte Ich-Ideale. Also wie wir im besten Falle funktionieren, zurechtkommen, kleine innere Visionen, was wir alles könnten und sollten und erreichen wollen, und wenn diese manchmal doch recht geheimen Visionen von einem selbst dann sich nicht erfüllen, dann tut das sehr weh, weil das an der eigenen Identität, am eigenen Selbstbild so sehr kratzt. Oder es sogar zerbricht im schlimmsten oder im dramatischsten Fall. Sprecherin: Dr. Michael Schonnebeck ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet eine Tagesklinik. Er sagt: Zweifel und Versagensängste sind menschlich und gehören zu jedem Neubeginn, zu jeder Weiterentwicklung dazu. Mehr noch: Sie sind sogar hilfreich. Sprecher: Das bestätigt auch eine Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018: Träume und Zukunftsfantasien sind häufiger zum Scheitern verurteilt, wenn sie rein durch die rosarote Brille betrachtet werden. Dann strengen sich Menschen weniger an. Erfolgreicher sind hingegen diejenigen, die Hindernisse und Hürden im Vorfeld schon mal durchspielen. Forscher nennen das "mentales Kontrastieren". Sprecherin: Für Michael Schonnebeck kann ein Neustart nur dann gelingen, wenn ein möglicher Misserfolg theoretisch praktisch miteingeplant wird. Eine Erfolgsgarantie gibt es sowieso nie. O-Ton 9 Michael Schonnebeck (0‘28“): Zum mutigen, abenteuerlichen, gewagten Leben gehört die Gefahr dazu, von der Bahn abzukommen, ins Straucheln zu geraten, abzustürzen, sich weh zu tun, und ich glaub, jeder muss entscheiden, wie sein Spielraum ist: eher schmaler oder eher etwas weiter, aber sich das zu erlauben, ist der Preis, die Eintrittskarte quasi für ein etwas aufregenderes, selbsterfüllenderes Leben. Sprecherin: Coach Günter Menne kennt das Stadium des Zweifelns bei seinen Klientinnen und Klienten nur allzu gut. Oft ist es der Knackpunkt, der darüber entscheidet, ob aus einem Neuanfangs-Plan auch ein tatsächlicher Neuanfang wird. O-Ton 10 Günter Menne (0‘36“): Neuanfänge fallen manchen oder vielleicht auch vielen Menschen schwer, weil wir oft an Glaubenssätze – aus der Kindheit beispielsweise – gebunden sind. Da hat der Vater vielleicht zu seiner Tochter gesagt „Du hast kein Talent, mach was Vernünftiges!“ und diesem Glaubenssatz ist die Tochter gefolgt und entdeckt vielleicht erst im Alter von 40 Jahren die Sehnsucht neu, und jetzt geht es in einem Coaching darum, die Glaubenssätze zu betrachten und umzuschreiben. O-Ton 11 Petra Bock (0‘27“) Der erste Gedanke war: Hmmm, was denken die anderen von mir? Ich bin dann so innerlich meine Reihe von Freunden und Bekannten durchgegangen und hab gedacht was sagen die dazu – ich werde jetzt Schriftstellerin! Das war ein guter Ausleseprozess für mich. Weil ich wusste: die oberflächlichen Nervbekanntschaften, die finden’s furchtbar, und die wollen nichts mehr mit mir zu tun haben (...) und andere wiederum, da wusste ich, die sagen: hey, Petra, endlich kommst du wieder zur Vernunft und machst deinen Weg, und es gab sehr viele, die mich unterstützt haben dann. Musikzäsur Sprecher: Neuanfänge gehören unweigerlich zum Leben dazu. Neuanfang, das bedeutet auch fast immer: Abschied von etwas Altem, Liebgewonnenem. Meistens gibt es zu jedem ersten Mal auch ein letztes Mal. Sprecherin: Der letzte Schultag – der erste Tag an der Uni. Der letzte Tag als Junggesellin – der erste Tag als frisch Verheiratete. Der letzte Tag in der alten Firma - der erste in der neuen. Der letzte Frühlingstag, der erste Sommertag. Über Musik: Sprecher: Der Sommer entfaltet sich wie ein strahlender Neuanfang. Alles erwacht zu neuem Leben: Blumen blühen in leuchtenden Farben, Bäume tragen stolz ihr grünes Blätterdach, und Vögel singen um die Wette. Die Luft ist erfüllt von einem Gefühl der Möglichkeit und des Aufbruchs. Von der Sonne gekitzelt aufzuwachen, erzeugt gleich das Gefühl. Heute geht was! Packen wir’s an! Musik weg Sprecher: So magisch es auch klingen mag: Keineswegs wohnt jedem Anfang ein Zauber inne! Krankheit, Tod, Verlust des Partners, des Arbeitsplatzes – all das sind Ereignisse, die Menschen zu Neuanfängen zwingen. Und diese Neustarts sind keineswegs verheißungsvoll, hoffnungsvoll und inspirierend. Sie sind oft einfach nur bitter und schmerzhaft. Ggf. über Musik O-Ton 12 Petra van Laak (0‘16“): Als junge Frau hab ich davon geträumt, viele Kinder zu haben und eine gute Ehe zu führen und mit meinem Partner alt zu werden und später dann auf die Enkelkinder auf dem Rasen spielend zu gucken und sich über die Kinder auszutauschen – das war mein Ideal. Und das ist natürlich komplett zersprungen in tausend Stücke. Sprecherin: Rückblende. Petra van Laak, studierte Kunsthistorikerin; führte ein Leben an der Seite eines erfolgreichen Geschäftsmannes. Sie kümmerte sich um die gemeinsamen vier Kinder, hielt das große Haus am See in Schuss. Geld spielte keine Rolle. Es war einfach immer genug da. Bis herauskam, dass ihr Ehemann nicht halb so erfolgreich war, wie er vorgab. Er war hochverschuldet, hielt das aber lange geheim. O-Ton 13 van Laak (0‘31“): Das passiert alles gleichzeitig. Das Haus kommt quasi untern Hammer, also die Zwangsversteigerung steht im Raum. Sachen werden gepfändet, Strom wird abgestellt, Telefon wird abgestellt, kein Zugang mehr zum Konto. Es gibt kein Bargeld mehr, man kommt an Bargeld nicht mehr heran, d.h. ich hab dann so Sachen gemacht wie alle Schubladen durchforstet, nach alten Währungen, von früher, wenn wir gereist sind, dann hab ich die Währungen zur Bank getragen und hab die erst mal eingelöst und umgewechselt, auch zu schlechten Kursen, um wieder Bares zu haben. Und um wieder einkaufen zu können. Bei Aldi, ein paar Nudeln. Ggf. akustische Zäsur O-Ton 14 van Laak (0‘49“): Ich kam mir total exotisch vor, als ich noch in der Villa war und die Räumungsklage am Hals hatte und mich das Amt für Wohnraumsicherung – so heißt das – und Obdachlosenstelle oder so ähnlich, forderte mich dann auf per Brief, mich bei denen zu melden, dass mir eine Bleibe zugewiesen werden kann. Und dann bin ich zu diesem Amt gestiefelt – hatte noch ein Auto mit ganz normalem Outfit, Aktenordern unterm Arm und gehe diesen langen Flur lang und links und rechts sitzen ist jetzt total klischeehaft – wirklich Punks, Penner, Junkies das ganze Chaos sitzt da, ich geh da durch, und die grüßen mich alle, weil die dachten: Da kommt die Sachbearbeiterin! Das war für mich der Hammer! Dann grüßte ich freundlich zurück und setzte mich zwischen die auf die Bank. Sprecherin: So tauschte die einst reiche Gattin und Mutter von vier Kindern ihr Haus am See in eine dunkle, feuchte Sozialwohnung. O-Ton 15 van Laak (0‘35“): Mir war schon klar, dass das ein grausamer Abstieg war. Dass das offensichtlich regelrecht würdelos war, wie wir da gewohnt haben, ist mir an den Gesichtsausdrücken klar geworden der Mütter, die ihre Kinder vorher in die Villa gebracht haben, dann eben mit ihren großen Autos in eine andere Gegend fuhren und ihr Töchterchen zum Spielen abholten oder ablieferten und dann durch dieses Treppenhaus mit Katzenpipi im Flur usw. und mit abgerissenen Tapeten an den Wänden, mit Modergeruch aus dem Keller, dann sah ich an deren Gesichtsausdruck: Oh ja, das muss schon ein krasser Gegensatz sein! Sprecherin: Ein Neuanfang ohne Zauber. Einfach nur eine knallharte Herausforderung, mit den Veränderungen irgendwie umzugehen. Trotzdem - oder gerade - weil die Fallhöhe so groß war, entwickelte Petra van Laak ungeahnte Kräfte. Nie hätte sie gedacht, dass sie sich mal über eine geschenkte Kiste voller Lebensmittel so freuen würde. Oder dass sie durchaus in der Lage sein würde, sich und ihre Kinder mit Telefon-Drückerjobs über Wasser zu halten. Sprecher: Vielleicht ist das der Anfangs-Zauber, von dem Hesse in seinem Gedicht spricht, der uns beschützt und uns hilft zu leben. Sprecherin: Neben aller Härte und Gnadenlosigkeit, die diese Situation mit sich brachte: Petra van Laak entwickelte in dieser Zeit auch ungeheuer viel Kraft, Mut und Optimismus. O-Ton 16 Peter Gross (0‘07“): Der Buddhismus sagt: Bereite dich sozusagen darauf vor, dass nichts Bestand hat. Nichts bleibt gleich. Alles wandelt sich. Sprecherin: Peter Gross ist Psychotherapeut und Buddhist. Er stellt fest, dass sich Menschen mit Neuanfängen oft deshalb sehr schwertun, weil sie sich vom Alten nicht gut trennen können. Sprecherin: Ein großes Problem bei Neuanfängen, so Peter Gross, läge darin, was im Buddhismus „Anhaftung“ genannt wird: O-Ton 17 Peter Gross (0‘26“): Eine Lehre des Buddhismus ist: Nicht an Vergänglichem festzuhalten. Was zugegebenermaßen ein ziemlicher Lernprozess ist. Also erst mal die Vergänglichkeit anzuerkennen: dass es so ist und dass es da keine Ausnahmen gibt. Und zweitens: dass dieses Festhalten am Vergänglichen, dass das die Ursache des Leidens ist. Sprecher: Eine Studie der Universität New York und der Universität Hamburg kam 2020 zu dem Ergebnis, dass ein guter und zufriedener Abschied mit dem Lebensabschnitt davor entscheidend für einen erfolgreichen Neuanfang ist. Und auch Hermann Hesse spricht davon, dass das Herz bei jedem Lebensruf bereit sein müsse zum Neubeginn – und zwar ohne zu trauern. Ein Gedanke, der besonders bei schmerzhaften Verlusten ein wenig fremd anmuten mag. Über Musik Sprecher: Im Herbst wechselten die Farben. Das satte Grün der Blätter verwandelt sich in ein Kaleidoskop aus Rot, Orange und Gelb. Es wird allmählich kühler und dunkler, die Nächte länger. Zeit der Reflexion, die vorher nicht zur heiteren Stimmung der langen hellen Sommernächte passte. Auch der Herbst ist ein Neuanfang, eine Zeit des Wandels und die Vorbereitung auf die kommende Ruhe des Winters. Musik weg Sprecher: Alles ist stets im Fluss. Klingt nach Kalenderspruch, ist aber ein Gesetz des Lebens. Eins, gegen das sich Menschen manchmal mit aller Macht stemmen. Aus Angst vor Weiterentwicklung verharren sie dort, wo es ihnen schon lange nicht mehr gut geht: in lieblosen Beziehungen, frustrierenden Arbeitsverhältnissen, leeren Freundschaften. Sie horten hunderte von Gegenständen, die sie gar nicht brauchen. Einfach weil sie es nicht schaffen, sich davon zu trennen. Sprecherin: Für Hirnforscher Dr. Gerald Hüther liegt ein Grund dafür in der Art, wie unser Gehirn konzipiert ist. O-Ton 18 Gerald Hüther (0‘43“): Wir sind ja alle ziemlich bequeme Menschen, und das Hirn ist ein Energiesparorgan. Immer dann, wenn dich das Hirn anstrengen muss, wenn man noch mal denken muss oder gar wenn man was verändern muss, wird’s furchtbar energieaufwendig. Wenn man sich einmal im Leben mit bestimmten Verhaltensmustern eingerichtet hat, dann ist das ne Katastrophe, wenn man plötzlich anders denken soll. Und wenn man anders handeln soll. Das macht keiner gern. Weil das Angst macht. Sie fühlen sich in dem alten Denken, in den alten Räumen, in denen Sie sind, da fühlen Sie sich total wohl, und jetzt sollen Sie raus in die Welt und etwas grundsätzlich Neues probieren: Da wissen Sie gar nicht, wie Sie das alles einordnen sollen! Sprecher: Der Aufbruch fällt - je nach Persönlichkeit - dem einen leichter und der anderen schwerer. Neugier, Mut und ein gewisser Anfängergeist sind hierfür gute Voraussetzungen. Sprecherin: Gerald Hüther sagt: Neuanfänge sind jederzeit möglich - wenn das Herz die Richtung vorgibt. Wenn sich also ein 85jähriger in eine Chinesin verliebt, sei er durchaus noch in der Lage, chinesisch zu lernen! O-Ton 19 Gerald Hüther (0‘11“): Wenn es einem unter die Haut geht. Also wenn es wirklich wichtig ist. Dann werden im Hirn die so genannten emotionalen Zentren aktiviert, und dann macht man sich auch auf den Weg! Geräusch 1: 18‘30“ Kommt, poltert, bringt Jagdhorn, bläst Sprecherin: Auch Coach Günter Menne wagte einen Neustart. Der Magic Moment ereignete sich an seinem 57. Geburtstag. O-Ton 20 Günter Menne (0‘16“): Ein paar Freunde waren zum Essen eingeladen, und da oben auf dem Schrank im Esszimmer, da lag seit Jahrzehnten ein kleines Jagdhorn. Ein Geschenk meines Vaters an mich im Alter von sieben Jahren, ja, und dann lag’s rum. 50 Jahre lang. Geräusch 2: Horn O-Ton 21 Günter Menne (0‘30“): Und wie zum Jux nahm ich dann dieses kleine Jagdhorn aus Kindertagen in die Hand, traut auf die Terrasse, und tatsächlich kam da ein Ton und auch ein zweiter, und diese zwei, drei Töne, die ich dann in dieser Nacht auf der Terrasse hinausblies, die haben eine solche magische Wirkung auf mich gehabt, dass ich am anderen Tag nach meinem Geburtstag nur diesen einen Wunsch in mir spürte: Ich möchte Horn lernen. Mit 57 Jahren. Sprecherin: Es war ein freiwilliger Neustart. Ohne Not, ohne vorherigen Abschied. Also die Luxusvariante eines Neubeginns. Einfach so aus einem Entdeckergeist heraus, der Lust zu experimentieren. O-Ton 22 Günter Menne (0‘19“): Der Klang war für mich reine Magie. Und damit verbunden der heiße Wunsch, das auch können zu wollen. Man stelle sich vor: Dieses vielleicht schwierigste aller Instrumente zu erlernen und hoffentlich eines Tages ganz schön spielen zu können. Sprecherin: Nach Jahren des intensiven Übens und unzähliger Unterrichtsstunden ist der Coach heute so weit, dass er sagt: Ich bin zufrieden! Sprecher: Vielleicht liegt darin das Geheimnis, gut mit dem Wandel des Lebens umzugehen: Sich einfach immer mal wieder im Kleinen etwas Neues zu trauen. Dort, wo es um nichts geht. Unwissend, ob es klappt. Das Scheitern einkalkulierend. Das trainiert vielleicht für den großen Wandel. Musikzäsur Sprecher: Neuanfänge bieten große Chancen für persönliches Wachstum und die Verwirklichung von Träumen und Zielen. Auch Hermann Hesse spricht in seinem Gedicht vom Weltgeist, der uns Stufe um Stufe heben und weiten will. In jedem Fall aber erfordern Neuanfänge meist Durchhaltekraft und Resilienz, um Rückschläge zu überwinden. Nicht selten wachsen Menschen über sich heraus, wenn sie aufstehen und ihr Krönchen neu richten müssen. Sprecherin: Petra van Laak, die einst reiche Unternehmergattin, wagte irgendwann den Sprung in die Selbständigkeit. Heute ist sie Chefin einer Kommunikationsagentur und wurde zur Unternehmerin des Jahres des Landes Brandenburg ernannt. Ohne den unfreiwilligen Neustart wäre das wahrscheinlich nie so gekommen. O-Ton 23 Petra van Laak (0‘22“): Ich hatte so ne innere Freiheit, ne innere Unabhängigkeit, ich war früher in einer viel abhängigeren Situation, die mir vielleicht auch gar nicht in meinem Wesen entsprochen hat, und im Grunde war dieser Zusammenbruch dieser bürgerlichen Existenz auch eine Katharsis. Eine Möglichkeit, Dinge abzustreifen und vielleicht auch gereinigt aus so was hervorzugehen. Sprecherin: Auch für die frühere Finanzanalystin Petra Bock hat der Neustart die entscheidende Wende gebracht: Mittlerweile hat sie einige Bücher geschrieben und coacht unter anderem Menschen auf dem Weg in ihre Berufung. O-Ton 24 Petra Bock (0‘21“): Damit macht mein Leben irgendwo Sinn. Und meine Talente, da hatte ich immer so ein Gefühl: die hab ich nicht umsonst mitbekommen. Ich bin kein gläubiger Mensch im klassischen Sinne, aber so ein Gefühl für spirituelle Verbundenheit zu etwas Größerem habe ich auf jeden Fall. Und so hab ich das empfunden. Ich dachte: ja, das könnte was sein, wofür ich vielleicht auch mit auf die Welt gekommen bin. Das war ein sehr tiefes und dankbares Gefühl. Musik, dann darüber: Sprecher: Die Winterlandschaft verwandelt sich über Nacht in ein zauberhaftes Wunderland aus glitzerndem Schnee. Bäume tragen frostige Kronen, während der Atem der Natur in der kalten Luft sichtbar wird. Die Natur ruht in einem tiefen Schlaf, bereit, sich für einen neuen Zyklus vorzubereiten. Menschen nutzten die Stille und die Einsamkeit, um über Vergangenes nachzudenken und neue Pläne zu schmieden. Der Winter ist mehr als nur eine kalte Jahreszeit – er symbolisierte Hoffnung, Reinigung und die Möglichkeit für einen frischen Start.
- Von Wutausbrüchen, Freudensprüngen und Bedürfnissaufschub
22.05.2025 · 21 Min.
Wutanfälle bei Kindern sind berühmt-berüchtigt. Die Kleinen entdecken ihren Willen und wollen ihn durchsetzen. Mit der Zeit lernen sie, Emotionen zu regulieren. Aber was passiert eigentlich mit all den Gefühlen? Von Maike Brzoska (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Irene Schuck Es sprach: Susanne Schroeder Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Sabina Pauen, Psychologin und Professorin an der Universität Heidelberg Herbert Scheithauer, Psychologe und Professor an der Freien Universität Berlin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 TON (Maike, Leo) Zähneputzen. Gleich. Nein, jetzt Leo. Komm, wir müssen gleich los. ERZÄHLERIN So klingt es bei uns morgens. Erst frühstücken, Zähne putzen und dann anziehen. 02 TON (Maike, Leo) Zieh mal bitte die Schlafsachen aus. Hörst du mich? Einmal Schlafsachen ausziehen. ERZÄHLERIN Aber mein Sohn ist schon wieder in seiner eigenen Welt. Er will mir unbedingt noch seinen Lieblingsbaum draußen zeigen. 03 TON (Maike, Leo) Da, der wo das Häuschen daneben ist. Aha. So komm, zieh mal jetzt an. Hast du ihn gesehen? Ja. Stell dich mal hin und zieh die Sachen aus. ERZÄHLERIN (leicht genervt) Es folgt eine Runde auf dem Bett hüpfen …. 04 TON (Maike, Leo) Komm her. Mama, kann ich spielen? Wir ziehen dich jetzt erst mal an. Beine durch. Wo sind denn jetzt die Socken? Socken? Ich hab dir hier eben die Socken gelegt. Einmal Socken suchen. Hab sie. Das ist ein Fußball. ERZÄHLERIN Die Socken durchs Zimmer kicken und noch ein Purzelbaum im Bett. Ist alles viel lustiger als Anziehen. Kann ich ja verstehen. Aber trotzdem: die Zeit drängt, wir müssen los zur Kita. Deshalb dranbleiben, es fehlen nur noch Schneeanzug und Schuhe: 05 TON (Maike, Leo) Den Anzug ziehst du dir gleich alleine an. Ne Mama. Warum denn nicht? Weil ich nicht will! Musik 2 "Im Innern Berlins" - Album: Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt (Die Original Filmmusik) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'50 ERZÄHLERIN An dieser Stelle kann es dann auch mal etwas lauter werden, aber nur kurz. Inzwischen kriegen wir es eigentlich immer hin, dass alle einigermaßen pünktlich und vollständig angezogen loskommen. Vor ein paar Jahren war das noch anders. Da war mein Sohn etwa zwei Jahre alt. Wenn es schlecht lief, kam es an dieser Stelle dann zu einem richtigen Wutanfall: Hochroter Kopf, Schuhe, die durch den Flur flogen, ein schreiendes Kind, das aufgebracht hin und her lief. Wie das klang, erspare ich Ihnen an dieser Stelle. Die meisten Eltern kennen das vermutlich ohnehin. So ein Wutanfall beginnt in der Regel damit, dass ein Kind etwas will, und zwar unbedingt! 06 O-TON (Pauen) Sei es jetzt eine bestimmte Jacke anzuziehen oder eben den Teddy noch mitzunehmen oder Süßigkeiten aus dem Supermarkt mitzunehmen. Egal was es ist, es wird erstmal insistiert, dann gibt es ein Nein, ein Widerstand auf der anderen Seite, und dann wird das immer lauter und das Kind kann wirklich am Schluss völlig hilflos auf dem Boden liegen, strampeln, schreien, völlig ausgeliefert seinen negativen Emotionen sein. ERZÄHLERIN Sagt die Psychologin Sabina Pauen. Sie ist Professorin an der Universität Heidelberg. Typischerweise treten solche Wutausbrüche im Alter von zwei bis vier Jahren auf. 07 O-TON (Pauen) Auch noch bis fünf, aber nach fünf selten. Musik 3 "Im Innern Berlins" - Album: Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt (Die Original Filmmusik) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'40 ERZÄHLERIN Bei uns gab es die Wutanfälle meistens morgens, wenn Müdigkeit und Zeitdruck zusammenkamen. Bis mein Sohn sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, konnte es schon mal zehn bis fünfzehn Minuten dauern. Eine schwierige Situation für uns Eltern. Manchmal hatte ich ein Meeting und wusste, alle Kolleginnen und Kollegen warten gleich auf mich. Oder ich musste zum Zug – und der wartet eben leider nicht auf mich. In solchen Momenten hätte ich mich am liebsten selbst auf den Boden geworfen und losgeschrien. Bringt natürlich nichts. 08 O-TON (Pauen) Was man dann machen muss, ist, zunächst Verständnis signalisieren. Das ist natürlich genau nicht das Gefühl, das man gerade hat. In dem Moment, wenn man schnell aus der Tür muss und das Kind streikt. Aber im Endeffekt sagen: Ja, ich verstehe, du willst das jetzt wirklich nicht. Aber es muss jetzt so laufen. Also auf der einen Seite Verständnis signalisieren, auf der anderen Seite ganz ruhig und ganz konsequent die eigene Position noch mal wiederholen für das Kind, manchmal auch mehrmals. Aber das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben. Und das Schwerste. ERZÄHLERIN Mit der Zeit sind wir als Eltern gelassener geworden. Was mir wirklich sehr geholfen hat: zu wissen, warum es zu solchen Wutausbrüchen kommt. 09 O-TON (Pauen) Das hat was damit zu tun, dass die Kinder gerade eine bestimmte Entwicklungsphase durchlaufen, in der sie auf der einen Seite schon ein Autonomiebedürfnis entwickelt haben, auch die Fähigkeit, viele Dinge selber zu machen und auch zu kommunizieren, was sie möchten. ERZÄHLERIN Die Kinder wissen, was sie wollen und können es den Eltern auch mitteilen. Aber andere Fähigkeiten fehlen ihnen noch. 10 O-TON (Pauen) Zum Beispiel die Fähigkeit, die Perspektive von Anderen mit einzubeziehen. Musik 4 "48 Hours" - Ausführende: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'35 ERZÄHLERIN Also beispielsweise meine Perspektive. Mir kam es tatsächlich so vor, dass mein Sohn ausgerechnet immer dann streikte, wenn ich einen wirklich wichtigen Termin hatte und pünktlich losmusste. Manchmal dachte ich sogar, dass er sich absichtlich querstellte, so von wegen: Mama soll keine Termine haben, sondern nur für mich da sein. Trotzkopf sagten manche Menschen früher – aber mit Trotz, also mit Widerstand gegen die Eltern, hat so ein Wutausbruch nichts zu tun. 11 O-TON (Scheithauer) Als Elternteil, ich bin selber Vater, rutscht man sehr schnell auch in so eine Situation, dass man denkt: Oh, dieses Kind, was will das jetzt wieder? Und man bezieht das so auf sich selbst und denkt, das Kind will sozusagen rebellieren, es will seinen Kopf durchsetzen, es will einem etwas Böses. Das ist überhaupt nicht der Fall. Die Eltern müssen sich klar machen, dass das Kind eben noch nicht anders kann in so einer Situation. ERZÄHLERIN Sagt der Psychologe Herbert Scheithauer. Er ist Professor an der Freien Universität Berlin. Rückblickend denke ich, dass meine eigene Anspannung oft dazu beigetragen hat, wenn es morgens laut wurde. Deshalb: am besten gelassen bleiben. Und vielleicht schafft man es sogar, sich darüber zu freuen, dass das eigene Kind gerade einen bedeutenden Entwicklungsschritt macht. Das versucht auch Scheithauer zu vermitteln. 12 O-TON (Scheithauer) Wenn Eltern mich fragen, sage ich oft: Herzlichen Glückwunsch, Ihr Kind entwickelt sich ganz vorzüglich. Denn zum einen sind Wutanfälle die Möglichkeit, mit denen kleine Kinder ihre Gefühle ausdrücken und bewältigen. Und zum anderen lernen sie gerade, dass ihr Verhalten andere beeinflusst. ERZÄHLERIN Im Alter von anderthalb bis drei Jahren passiert bei Kindern unglaublich viel. Wir als Eltern waren damals oft erstaunt. Zum Beispiel als unser Sohn, der als Baby eigentlich immer getragen werden wollte, plötzlich anfing, auf eigenen Beinen die Welt zu erkunden. 13 O-TON (Scheithauer) Sie beginnen unabhängiger zu werden. Das geht damit einher, dass das Kind sich plötzlich im Spiegel selber erkennt, dass es das es plötzlich Worte benutzt wie „mein“ und eben auch das berühmt-berüchtigte Wort „Nein“. Und sie lösen sich damit natürlich auch ein Stück weit von den Eltern. Sie folgen nicht mehr so ganz dem, was die Eltern sagen und wollen, weil sie ihren eigenen Willen durchsetzen wollen. Sie wollen bestimmen, was sie anziehen, was sie essen, was sie tun. ERZÄHLERIN Ein Stück Autonomie also – das starke Emotionen mit sich bringen kann. Heftige Wut, wenn die Eltern einen ausbremsen. Aber auch riesige Freude, bei unserem Sohn zum Beispiel, als er es das erste Mal geschafft hat, die Tür alleine aufzumachen. Solche Gefühle können Eltern ihren Kindern spiegeln. 14 O-TON Scheithauer Also von Geburt an kann man eigentlich Emotionen dem Kind gegenüber spiegeln: Ach, jetzt bist du traurig. Oder ja, das macht dich froh. Dass man dem Kind erklärt, wie es sich überhaupt fühlt. Das klingt jetzt komisch, es ist aber so, dass Kinder überhaupt noch gar kein Verständnis haben in einem sehr jungen Alter, was Emotionen sind und was mit ihnen da eigentlich los ist. ERZÄHLERIN Denn erst wenn sie verstehen, was da gerade passiert, welches Gefühl sie haben, können sie lernen, damit umzugehen. Anders ausgedrückt: Sie können lernen, ihre Emotionen zu regulieren. 15 O-TON (Scheithauer) Und es gibt zwei Emotionsregulations-Strategien, wo wir auch aus einer Vielzahl von Studien wissen, dass diese besonders Sinn machen, die aber erst bei etwas älteren Kindern funktionieren, weil es bestimmte kognitive Kapazitäten braucht, das heißt, das Kind muss kognitiv in der Lage sein, das zu tun. Musik 5: "Desolate Spirit" - Ausführende: Nick Johnson & Nino Morro - Album: Nordic Noir - Komponist: Nick Johnson - Länge: 1'23 ERZÄHLERIN Strategie Nummer eins: Das Kind möchte etwas haben, zum Beispiel den Schokoriegel an der Supermarktkasse. Und dann sagt oder denkt das Kind: 16 O-TON (Scheithauer) Ist ja nicht so schlimm, wenn ich das jetzt nicht kriege, dann kriege ich nachher eben ein Gummibärchen. Das heißt, das Kind nimmt so ein bisschen Druck aus dieser Situation, dass es jetzt nicht sofort etwas bekommt, weil es sagt: Ich finde das jetzt gar nicht so wichtig. ERZÄHLERIN Es relativiert also ein Stück weit seinen eigenen Wunsch. Irgendwann wird es schon wieder was Süßes geben. Es muss nicht sofort sein. Das kann die Wut mildern. Die zweite Strategie, die Kinder ab einem gewissen Alter lernen können, ist: Lösungen finden. Zum Beispiel wenn der Turm, der sehr lange und mit sehr viel Hingabe gebaut wurde, plötzlich umfällt. 17 O-TON (Scheithauer) Wenn also etwas umgefallen ist, dann nicht schreien und einen Wutanfall kriegen, sondern sagen: Ach, ist nicht schlimm, kann man ja wiederaufbauen und dann das Ganze auch wiederaufbauen. Und dann steht der Turm wieder und dann gibt es auch keinen Grund mehr für Frust. ERZÄHLERIN Relativieren und Lösungen finden – beides sind erfolgreiche kognitive Strategien, um eine Situation neu zu bewerten und mit Frust umzugehen. Es gibt sehr viele solcher Strategien, wobei einige von Psychologinnen und Psychologen heute nicht mehr empfohlen werden. Zum Beispiel „Dampf ablassen“, wie man umgangssprachlich sagt. Dahinter steht die sogenannte Karthasis-Hypothese. 18 O-TON (Scheithauer) Die geht davon aus, dass sich zum Beispiel bei Frustrationen, die ich erlebe, meine Wut rauslassen muss. Es gibt also ganz berühmte Experimente, auch aus der Sozialpsychologie, wo wir Kindern die Möglichkeit geben, sozusagen dann mit Keulen auf eine Puppe einzuschlagen. Oder wir finden das auch häufig in Erziehungsratgebern. Das Kind soll dann ein Kissen nehmen und mit der Faust reinschlagen. In dieser Situation selber ist das tatsächlich so, dass man sich dann so ein bisschen wie befreit fühlt. Das Problem ist aber, dass die Kinder dann lernen, dass das ein tolles Gefühl ist, wenn man die Wut so rauslässt, wenn man zuschlägt, wenn man haut. Und das bleibt als Lerneffekt. Und deshalb ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass auch zukünftig in einer solchen Situation genau ein solches Verhalten gezeigt wird, was wir ja eigentlich nicht wollen. ERZÄHLERIN Als ich das höre, erschrecke ich erst mal. Denn tatsächlich haben wir das mit dem Kissen zum Reinboxen auch mal versucht, man liest es einfach oft. Es half auch ein bisschen. Aber auf längere Sicht ist es eben keine gute Idee. 19 O-TON (Scheithauer) Wir wissen aus Studien, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Menschen, die ihre Wut in solchen Situationen rauslassen, zukünftig häufiger in wutauslösenden Situationen auch ein aggressives Verhalten zeigen. Es macht also mehr Sinn, mit der Wut umzugehen, die Wut zu beherrschen, zu kanalisieren in sozial angemessene Verhaltensweisen. ERZÄHLERIN Wobei es an dieser Stelle wichtig ist zu betonen: Es geht nicht darum, gar keine Wut oder keinen Frust mehr zu haben. Sondern vielmehr darum, Emotionen so zu regulieren, dass sie einen nicht mehr völlig überwältigen. 20 O-TON (Scheithauer) Alle Emotionen, das muss man immer wieder sagen, haben ihre Berechtigung. Es geht also nicht darum, Emotionen wegzuregulieren, Dass wir nicht mehr traurig sind, ängstlich oder wütend. Das wäre fatal, weil alle Emotionen haben ihre Funktion, ihre Bedeutung in unseren sozialen Interaktionen. ERZÄHLERIN Sie sind wichtig, weil sie anderen Menschen signalisieren, wie es einem geht. 21 O-TON (Scheithauer) Das heißt, man kann einem Menschen ansehen, wenn er Angst hat oder wenn er wütend ist oder wenn er glücklich ist. Und sie regulieren dann die Interaktion mit anderen Menschen. Das heißt, wenn ich sehr traurig bin, dann sehen das andere und sprechen mich an, oder ich suche mir selber Hilfe. Dafür dienen Emotionen. ERZÄHLERIN Deshalb ist es zwar wichtig, dass wir Emotionen regulieren, auch ein Stück weit dämpfen und kontrollieren, aber gleichzeitig auch ausdrücken und zeigen können. Langfristig betrachtet, kann es sonst zu Depressionen kommen im schlimmsten Fall. 22 O-TON (Pauen) Wenn ich jetzt Gefühle habe und die werden nicht wahrgenommen von Anderen oder ich kann das Verhalten, das daraus resultieren würde, nicht zeigen, dann lähmt mich das oder macht mich hilflos. Und da ist so der Übergang zu depressiven Verstimmungen oder auch Depressionen irgendwann. Das ist ja gelernte Hilflosigkeit. Also ich kann nichts machen, ich werde nicht wahrgenommen und ich kann nichts bewirken. Das sind Gefühle, die mich sehr traurig und hilflos machen. Musik 6 "Im Innern Berlins" - Album: Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt (Die Original Filmmusik) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'45 ERZÄHLERIN Auch während eines Wutanfalls ist es deshalb wichtig, beim Kind zu bleiben und ihm zu signalisieren, es ist schon in Ordnung, dass du jetzt wütend bist. 23 O-TON (Pauen) Das Gefühl ist erstmal da und es wird sich auch nur dann verändern, wenn sich meine Bewertung der Situation verändert… ERZÄHLERIN … was die Kleinen aber eben noch nicht können … 23 O-TON Oder wenn eine andere Person darauf reagiert hat und mein Signal angekommen ist. Erst dann kann es wieder flüssig werden, sagen wir Psychologen manchmal, dass ich irgendwie wieder in andere Richtungen auch denken und fühlen kann. Musik 7 "Desolate Spirit" - Ausführende: Nick Johnson & Nino Morro - Album: Nordic Noir - Komponist: Nick Johnson - Länge: 0'41 ERZÄHLERIN Je älter Kinder werden, desto besser gelingt es ihnen, Gefühle zu regulieren. Auch weil sie immer besser sprechen können. 24 O-TON (Pauen) Und damit auch in Verhandlungen einzutreten mit den Eltern und auf eine sozial akzeptierte Weise Interessenkonflikte zu regeln. ERZÄHLERIN Oh ja, das Verhandeln! Unser Sohn macht inzwischen Vorschläge, wie wir das mit den Süßigkeiten handhaben sollen. Also seiner Meinung nach. Nach jedem Essen etwas aus der Süßigkeiten-Dose. Oder für jedes Mal Zimmer aufräumen einen Schokoriegel. Meistens finden wir einen Kompromiss. Hilfreich ist dabei, dass er unsere Sichtweise inzwischen nachvollziehen kann. 25 O-TON (Pauen) Was sich ändert, ist eben, dass man die Fähigkeit entwickelt, die Position des Anderen besser zu verstehen und damit auch vielleicht die eigenen Emotionen oder Wünsche zu relativieren. Und ganz wichtig ist: Das hängt mit der Reifung des präfrontalen Cortex zusammen, die Fähigkeit, auch eigene Gefühle ein Stück weit zu steuern, Situationen unterschiedlich zu bewerten, neu zu bewerten. Das sind alles Kompetenzen, die mit dem Alter immer mehr dazukommen und dann uns helfen, in sozial akzeptierter Weise unsere Interessen zu kommunizieren. ERZÄHLERIN In sozial akzeptierter Weise – das gilt übrigens auch für positive Emotionen. Man könnte vielleicht denken, dass wir Freude nicht regulieren müssen, weil man davon nicht genug haben kann. Ein Trugschluss. 26 O-TON (Scheithauer) Stellen Sie sich vor, Sie wären stundenlang euphorisch oder überschwänglich positiv gestimmt. Das klingt jetzt erst mal so, als wäre das etwas sehr Erstrebenswertes. Aber ich glaube, wenn man so richtig glücklich ist und euphorisch hochspringt, wenn man das mal 15, 20 Minuten erleben würde, wäre man fix und fertig. ERZÄHLERIN Hinzu kommt: Erwachsene zeigen Freude anders als Kinder. Ich erinnere mich noch daran, wie mein Sohn und seine beste Freundin sich das erste Mal nach den Ferien in der Kita wiedergesehen haben. Die beiden fielen sich in die Arme und sind dann händchenhaltend und im Hopserlauf in ihren Kitaraum gehüpft. Wir Eltern waren entzückt. Tatsächlich freue ich mich wirklich auch, wenn ich Kolleginnen oder alte Freunde nach längerer Zeit wiedertreffe. Aber Händchenhaltend durch die Stadt? Im Hopserlauf durch die Redaktion? Eher nicht. Das zeigt: Wie wir unsere Gefühle ausdrücken, was akzeptiert ist und was nicht, ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Normen. 27 O-TON (Pauen) Das hängt sehr von kulturellen und normativen Erwartungen ab. Und bei Erwachsenen drückt sich eben unbändige Freude anders aus als bei einem Kleinkind. ERZÄHLERIN Wie Gefühle ausgedrückt werden, lernen Kinder vor allem durch Beobachtung. 28 O-TON (Pauen) Alle Kinder lernen durch Beobachtung am Modell. Und für die Kleinkinder sind die etwas älteren Kinder eben das Modell. Und wenn in einer Kultur sich eine bestimmte Form des Ausdrucks verbreitet hat, dann läuft dieses Lernen implizit. Das wird auch gar nicht irgendwie eingedrillt oder so, sondern das entsteht einfach, weil die Umgebung so ist. ERZÄHLERIN Die ist zum Beispiel in Asien anders als in Europa. 29 O-TON (Pauen) Eine Kollegin von mir ist Japanologin. Die hat mir erzählt, dass sie mit ihren Kindern in Japan auf dem Spielplatz immer sehr unangenehm auffällt, weil ihre Kinder eben sehr laut durch die Gegend rufen und eben sehr viel Emotionsausdruck zeigen. Und schon die kleinen Kinder in Japan eigentlich viel gesitteter und ruhiger sich äußern. Also die Erwartungen, was den Ausdruck angeht und die Wildheit des Verhaltens angeht, sind in Japan ganz anders als hier. ERZÄHLERIN Ich finde es ja toll, wenn die Kinder auf dem Spielplatz sich so richtig austoben. Wenn sie wild spielen, rennen und auch mal so richtig rummatschen. Aber ich bin eben auch jemand, der im Westen sozialisiert wurde, also einer individualistischen Kultur. 30 O-TON (Scheithauer) Hier fördern Eltern zum Beispiel die Selbstbestimmtheit des Kindes, die Autonomie, die Unabhängigkeit ihrer Kinder. Und der Selbstausdruck und eine offene Kommunikation von ich-fokussierten Emotionen wird hier besonders betont. Also Ärger, Stolz, Ekel, auch negative Emotionen werden hier viel stärker gefördert und akzeptiert als eben in den kollektivistischen Kulturen. ERZÄHLERIN Die kollektivistischen Kulturen findet man in vielen Ländern Asiens. 31 O-TON (Scheithauer) Wir sprechen auch von Emotional Display Rules, das heißt, es gibt bestimmte Regeln, die wir einfach kulturell vermittelt kennen, wie man sich in bestimmten Kontexten zu verhalten hat – wenn man glücklich ist, wenn man fröhlich ist, wenn man wütend ist, wenn man ängstlich ist usw. Das heißt, je nach kulturellem Hintergrund kann dann auch die gezeigte Gesichts-Mimik etwas anders ausfallen. ERZÄHLERIN Das kann dazu führen, dass wir in einer fremden Umgebung, in einer anderen Kultur erst mal unangenehm auffallen. Aber gleichzeitig macht es auch deutlich, wie vielfältig wir Menschen sind. 32 O-TON (Pauen) Auf der positiven Seite zeigt das ja eigentlich, mit wie vielen unterschiedlichen Formen des Austausches wir zurechtkommen. Also im Prinzip sind die Kleinen wirklich offen für alles. Es kommt darauf an, was wir ihnen bieten. Musik 8 "Im Innern Berlins" - Album: Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt (Die Original Filmmusik) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'24 ERZÄHLERIN Uns ist es wichtig, unserem Sohn zu zeigen, dass alle seine Gefühle okay sind. Auch Wut. Und mit der Zeit ist es uns gelungen, auch bei heftigen Wutanfällen gelassen zu bleiben. Meistens jedenfalls. Aber es muss auch gar nicht immer perfekt laufen. 33 O-TON (Scheithauer) Weil es gibt ja auch Möglichkeiten der Wiedergutmachung, dass man dem Kind das hinterher erklärt und sagt: Du, Mama ist gerade ganz doll im Stress und es tut mir leid, ich wollte dich jetzt nicht anschreien. Auch das ist etwas, was Kinder dann lernen von den Erwachsenen, dass man auch mal einen Fehler macht und dass man sich aber entschuldigt und mit dieser Situation umgeht. Musik 9 "Desolate Spirit" - Ausführende: Nick Johnson & Nino Morro - Album: Nordic Noir - Komponist: Nick Johnson - Länge: 0'37 ERZÄHLERIN Sich entschuldigen, sich wieder vertragen und versöhnen – auch das will gelernt sein. Am besten von den eigenen Eltern. 34 O-TON (Scheithauer) Man kann damit seinem Kind auch gleichzeitig wieder etwas Gutes tun, indem es lernt: Auch Erwachsene sind schwach, auch Erwachsene machen Fehler, und die wissen aber auch, wie man sich dann entschuldigt und wie man das wieder geradebiegt. ERZÄHLERIN Und das ist bei all den starken Gefühlen, die im Familienalltag so aufkommen, doch letztlich sehr beruhigend.
- Surfen - Ein Sport und seine Geschichte
22.05.2025 · 23 Min.
Surfen war für die Ureinwohner Hawaiis mehr als ein Freizeitvergnügen: Sich auf hölzernen Brettern Wind und Wellen auszuliefern, war für die Südsee-Insulaner gar eine Religion. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitet sich das Surfen weltweit. Von Lukas Grasberger Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Daniela Röder Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Matze und Laura, Wellenreiter und Surftouristen aus Hannover; Prof. Sabine Kind, Professorin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, Saarbrücken und Surferin; Timo Sternemann, Diplom-Sportwissenschaftler, Surflehrer und Coach, Münster; Arthur Pauli, Pionier des Flusssurfens, Traunreut; Philip Köster, Windsurf-Weltmeister in der Disziplin „Wellenreiten“, Gran Canaria Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die Meeresbrandung - Ein Küsten-Schauspiel voller Überraschungen JETZT ENTDECKEN Der Kampf ums Meer - Tiefsee, Nordpol, Pazifik JETZT ENTDECKEN Meerestiere im Klimawandel - Wenn das Wasser imm wärmer wird JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“ Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt – oder gleich HIER Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Wellen, Stimmen am Strand, darüber Sprecher (Aussprache: „Si – ser“, Betonung auf erster Silbe) Es ist ein sonniger, aber windiger Mittag am Cicer-Strand in Las Palmas auf Gran Canaria – einem der beliebtesten Surf-Spots Europas. Matze und seine Freundin Laura aus Hannover haben gerade ihre Wellenreit-Session beendet. Nun entspannt das Paar an der Strandpromenade in der Sonne, lässt den Surf-Tag Revue passieren – und sinniert über die Faszination, die das Surfen für sie im Allgemeinen und im Besonderen ausmacht. O-Ton 1 Matze, Surfer aus Hannover „Weil wir es einfach lieben, im Wasser zu sein, und Verbundenheit zur Natur zu spüren...Wir hatten schon sehr viele sehr schöne Momente, ich erinnere mich an einen Moment in Porto: Es hat leicht geregnet, und die Sonne kam alle paar Minuten doch ein bisschen raus. Und wir mitten im Wasser, und um uns keine Menschen. Also das sind diese fast meditativen Elemente, die mir das Surfen gibt.“ O-Ton 2 Laura, seine Freundin, ebenfalls Surferin „Diese Kombination: Natur und Urlaub gleichzeitig, und auch Sport zu treiben...macht auf jeden Fall viel Spaß!“ Sprecher Matze und Laura sind Surf-Touristen. Wann immer das Paar Urlaub hat, reist es dorthin, wo die Wellen am besten brechen, wo die Urgewalt des Meeres den Surfer oder die Surferin auf seinem Brett meterweit trägt. In Portugal waren sie schon, in Nordfrankreich - und jetzt in Las Palmas auf Gran Canaria. Und überall treffen Matze und Laura auf Gleichgesinnte: Längst ist eine internationale Surf-Community entstanden, die die Faszination für Meer, Wind und Wellen eint. Musik: Inca Gold 0‘35 Sprecherin (Aussprache: Kabaiitos de Totora, Betonung auf den „i“) Es ist indes kein neues Phänomen: Schon vor Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden wagten sich Menschen auf hölzernen Brettern oder auf einem Gefährt aus geflochtenem Schilf aufs Meer. Schon auf Keramiken der Vor-Inka-Zeit fand man Zeichnungen peruanischer Fischer, die auf Caballitos de Totora, auf „Schilf-Pferdchen“ über die Wellen ritten. Auch Höhlenmalereien aus Polynesien aus dem 12. Jahrhundert zeigen bereits, wie sich Vorreiter der heutigen Surfer auf dem offenen Meer bewegen. O-Ton 3 Sabine Kind, Sportwissenschaftlerin und Surferin „Ursprünglich sind die Polynesier und die Hawaiianer mit ihren Auslegerkanus rausgepaddelt, um halt zu fischen, quasi um ihre Nahrung aus dem Wasser zu holen….“ Sprecherin ….weiß Sabine Kind, Professorin für Sportwissenschaften, die zum Thema „Surfen“ promoviert hat. Musik: Ku’ulpolka 0‘30 Sich in die oft meterhohen Wogen des pazifischen Ozeans zu wagen – das taten die Bewohner der Südsee-Inseln nicht nur zum Zweck des Nahrungserwerbs. Nachdem polynesische Seefahrer ihre Art, die Wellen auf einem Kanu, auf einer Planke oder einem Holzbrett zu reiten, nach Hawaii gebracht hatten, surfte man dort zum Freizeitvertreib. Das Surfen entwickelte sich so zur hawaiianischen Alltags-Kultur. O-Ton 4 Kind „Also vergleichbar mit den Inuit, die ich weiß nicht, wie viele hundert Bezeichnungen für Schnee und Schneeflocken haben, also ist das in Hawaii damals gewesen, dass sie unglaublich viele Bezeichnungen für das Meer hatten (…), und in allen Gesellschaftsschichten wurde gesurft. (…) Es gab halt Strände, die waren nur den Häuptlingen und den Königen vorbehalten und es gab halt Strände, die der allgemeinen Bevölkerung vorbehalten waren. (...) da gab es dann bereits maßgefertigte Surfbretter, auch hier gab es eine klare Trennung: bestimmtes Holz nur für die Könige, für die Häuptlinge, also sehr hochwertiges Holz und sage jetzt einfach mal Holz, was vielleicht nicht ganz so hohe Qualität hatte, für die normale Bevölkerung.“ Sprecherin Letztendlich, sagt Sabine Kind, gewann das Surfen auf Hawaii sogar religiösen Charakter. O-Ton 5 Kind „Das Meer hatte halt auch einen Götterstatus.(...)Es gibt kleine Tempel oder gab kleine Tempel, die halt auch errichtet worden sind, in denen dann um Wellen gebeten wurde, wenn keine Wellen da waren.(…) Da gab es dann Opfergaben in Form von Blumen, ich sage jetzt einfach mal Naturopfergaben: Das kann auch Obst gewesen sein - um dann eben auch entsprechend Wellen zu bekommen, gute Wellen zu bekommen. (...) Das andere war zum Beispiel, dass man bei nicht vorhandenen Wellen das Meer mit Seetang gepeitscht hat, um quasi Wellen herbeizuschwören, dazu gab es dann halt auch bestimmte Gesänge.“ Sprecherin Doch: dass die Hawaiianer ihr gesamtes Leben von früh bis spät nach dem Gang der Wellen ausrichteten – dies sollte bald der Vergangenheit angehören. Nach der Entdeckung der Inseln durch James Cook kamen im 19. Jahrhundert christliche Missionare nach Hawaii. Diesen war das heidnische Brauchtum ein Dorn im Auge: allem voran, dass sich die Inselbewohner nackt aufs Brett stellten. Den Missionaren gelang es, ihre moralischen Sitten durchzusetzen. Mit ihnen hielt auch ein klar strukturierter Tagesablauf auf den Südseeinseln Einzug, der sich nicht mehr nach Ebbe und Flut, nach dem Gang der Wellen richtete. Die kulturelle Einbindung des Surfens ging verloren, es verkam zum reinen Zeitvertreib. Musikakzent: White sandy beach of Hawai 0‘15 Es war Duke Paoa Kahanamoku – kurz, der „Duke“ - der Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance des immer weniger populären Surfens herbeiführte. O-Ton 6 Kind „...Er hat das Ganze wirklich nach vorne gebracht: Ursprünglich ja auch ein Schwimmer, ein Rettungsschwimmer, wenn man in Waikiki am Strand steht, gibt es eine ganz große Statue von ihm mit einem Surfbrett. (…) Im Prinzip hat er das Surfen wieder gesellschaftsfähig gemacht, also eben, er hat halt im Prinzip einfach wieder gesurft und die Leute neugierig darauf gemacht, das hat ja so eine Sogwirkung dann: „oh, der macht das auf einmal, das ist ja schon wieder was Besonderes!“ Und letzten Endes hat er dann halt viele andere Leute mitgezogen. (...) Es wurden dann erste Surfclubs wieder eingerichtet, 1908 wurde dann die erste offizielle Surforganisation, der Outrigger Surfboard Club nannte der sich, gegründet. Touristen haben dann halt bei diesen typischen Beach Boys, so nannte man sie oder so nennt man sie halt auch immer noch, Surfunterricht bekommen. Das Ganze ist dann ja von Hawaii nach Kalifornien gekommen.“ Musik: Beach Boys“, Surfin´USA 1‘00 O-Ton 7 Sternemann Teil 1 „Da war das mehr so: Hey, wir gehen da raus, wir haben Spaß zusammen und dödeln da auf so Riesenbrettern so ganz langsam durch die Welle (…) Sprecher ...weiß der Surflehrer und Coach Timo Sternemann. O-Ton 7 Sternemann Teil 2 „Und ich denke da, vielleicht hast du so Bilder auch vor Augen, da sind so 50 Leute auf einer Welle gesurft und ich glaube, da war das weniger kompetitiv.“ Sprecher Noch war das Surfen auf großen, trägen Brettern eine recht gemächliche Angelegenheit. Doch diese Zeiten änderten sich spätestens mit den 1950er-Jahren. Tüftler traten auf den Plan, um die Boards leichter, kleiner und wendiger zu machen. Dazu kamen mehreren Finnen: Kunststoffteile, die wie umgekehrte Haiflossen unten aus den Brettern ragen. Sie beschleunigten die Boards, und machten sie drehfähiger. Dies führte Timo Sternemann zufolge dazu... O-Ton 8 Sternemann „….dass die Sportart schneller, agiler, kraftvoller geworden ist, dass irgendwann (...) in den 70er Jahren die Bretter kürzer geworden sind und so ein Dreierfinnen-Set, so ein Thruster erfunden wurde. Da ist so mehr Dynamik reingekommen...und da brauchte dann ein Surfer die ganze Welle, weil der vor, zurück, rauf, runter gefahren ist und dann war dieser Style vom Surfen eben nicht mehr mit 30 Leuten auf einer Welle möglich.“ Sprecher Dass das Surfen so zunehmend Wettbewerbscharakter gewann – und dass es sich gleichzeitig immer mehr verbreitete: Dies hatte mit einer weiteren Neuerung zu tun: Dem Neopren-Anzug. Denn der machte längere Aufenthalte im Wasser auch in kälteren Regionen - wie etwa der französischen Atlantikküste - möglich. Befeuert durch Berichte in Zeitungen, Magazinen, Rundfunk und Fernsehen kam es in den 1960er-Jahren weltweit zu einem Surf-Boom. Atmo: Wellen Auch Arthur Pauli, einem Abiturienten aus dem Chiemgau in Oberbayern, fiel ein Artikel über das Surfen am französischen Atlantik in die Hände. Der junge Mann las ihn – und war sofort fasziniert: O-Ton 9 Pauli „Das war der da...„The Fabulous French Surf“. Und das war natürlich... uih, in Frankreich kann man surfen und Biarritz ist natürlich sozusagen die Hauptstadt des europäischen Surfens. Da musste ich unbedingt hin! Das war dann mein Grund, warum ich dann nach meinem Abitur mit dem Motorrad nach Biarritz gefahren bin.“ Sprecherin Doch: Wie dort surfen ohne eigenes Board? Arthur Pauli und sein ebenso surfbegeisterter Spezl schalteten eine Anzeige in einer Lokalzeitung im fernen Baskenland, um mit Surfern am Atlantik in Kontakt zu kommen. Gemeldet, erzählt Pauli, hat sich niemand. O-Ton 10 Arthur Pauli, Mit-Erfinder des Fluss-Surfens „Dann haben wir gesagt: Da gibt es bestimmt einen von den Surfern, der uns ein Brett leihen wird. Aber haben wir keine Resonanz bekommen, bis wir weggefahren sind nach Biarritz. Und auch in Biarritz selber hatten wir Pech gehabt, hat uns keiner ein Brett geliehen. Die waren alle in Betrieb. Immer wenn gute Wellen waren, waren die Bretter alle draußen. Und wenn keine guten Wellen waren, dann wollten wir auch nicht rausgehen. Der Traum, da viel zu surfen, war dann da ausgeträumt. „ Sprecherin Doch Arthur Pauli, der junge Surf-Pionier aus Trostberg, wusste sich selbst zu helfen. Der Traum, eine schöne Welle zu reiten – der musste sich doch auch fern der Ozeane verwirklichen lassen? Erste Erfahrungen damit hatte Pauli schon als Schüler gesammelt. Zuerst mit Holzbrettern, dann mit der Platte eines alten Campingtischs, die der Jugendliche mit einem Seil am Ufer der Alz befestigte. Sich darauf in die Fluten zu stürzen – das funktionierte aber nur leidlich. Arthur Pauli und seine Freunde verbrachten mit diesen Brettern mehr Zeit unter - als auf dem Wasser. Atmo Welle Surfin 0‘15 Der junge Mann beschloss daher, sein eigenes Surfbrett zu bauen. Als Vorlage hatte er nicht viel mehr als die Abbildung eines Wellenreiters auf einem Plattencover. Aber Pauli hatte schon Erfahrung im Modellbau, wusste bereits, wie man kleine Boote fertigt. Er sägte die Bestandteile des Bretts aus speziellem Sperrholz und überzog das Ganze mit Glasfaser-Polyester. Fertig war das erste im Chiemgau hergestellte Brett - möglicherweise das erste in Deutschland gefertigte Surfboard überhaupt. Mit der Übergabe eines seiner Boards an einen „Kunden“ in München im Jahr 1971 sollte auch die Geschichte des „River-Surfens“ in der Landeshauptstadt Fahrt aufnehmen. O-Ton 11 Pauli „Und da sind wir dann, das war dann südlich des Campingplatz Thalkirchen...da hat es auch eine kleine Welle gegeben, die war aber für uns das erste Mal noch nicht so interessant. Wir wollten das erste Mal mit dem Seil fahren, aber beim Fahren mit dem Seil mit dem Brett sind wir draufgekommen: Da ist ja eigentlich schon ein bisschen eine Welle, und vielleicht könnte man mal versuchen, so hinzufahren mit dem Seil, dass die Welle schiebt! Die war nämlich nicht sehr hoch die Welle, die hat schätzungsweise so 40 Zentimeter, 30 Zentimeter... Das ist uns nicht gelungen!“ Sprecherin Frei, ganz ohne Seil auf einer Welle zu stehen: An der heutigen Königsdiziplin der Fluss-Surfer scheiterten Pauli und seine Surf-Spezln damals – noch. O-Ton 12 Pauli „...aber mein Spezl, dem ich das Brett geliefert habe am Königsplatz, der hat mit einem amerikanischen GI, den wir da auch kennengelernt haben, der hat so lang probiert und so intensiv auf der Welle probiert, bis er es geschafft hat, auf dieser kleinen 30 Zentimeter hohen Welle wirklich ohne Seil zu reiten“ Atmo große Welle(n), darüber Sprecherin Während in München das Riversurfen florierte, die tollkühnen Wellenreiter – nunmehr auf dem Eisbach - nach und nach zur Touristenattraktion wurden, nahm weltweit eine andere Form des Surfens ihren Aufschwung: Musik: Wind beneath the wings 0‘45 Das Windsurfen. Es waren die US-Amerikaner Newman Darby und Jim Drake, die Ende der 1960er-Jahre die Idee, ein Surfbrett mit einem Segel zu verbinden, erstmals in die Tat umsetzten. Doch erst Neuerungen, die das Windsurfen bequemer machen, wie die Entwicklung des Trapezes, das die Hände entlastet, Fußschlaufen für höhere Standfestigkeit auf dem Brett, sowie insgesamt leichtere und agilere Bretter, die Sprünge ermöglichen, sorgten dafür, dass sich die Sportart weit verbreitete. Seinen weltweiten Durchbruch erlebte das Windsurfen Ende der 70-er, Anfang der 80er-Jahre. Sprecher Zu dieser Zeit wandert auch das Hamburger Ehepaar Köster nach Gran Canaria aus - und gründet dort eine Surfschule. Ihr Sohn Philipp wächst mit Wind und Wellen auf. O-Ton 13 Philip Köster, Windsurf-Profi auf Gran Canaria „Ich hatte eigentlich immer das Meer vor meiner Haustür. (...)Surfen ist mein Leben, sozusagen. Seit meinem achten Lebensjahr bin ich eigentlich nur am Windsurfen.“ Atmo: Wind/Meer Sprecher (Aussprache: Poso Iskierdo) Der hier stets wehende, oft starke Wind in Pozo Izquierdo im Südosten von Gran Canaria bietet professionellen Windsurfern wie Philip Köster beste Bedingungen. Musik: Sky in your eyes 0‘30 Manchen Surfer reizt der Speed: Profis erreichen bei starkem Wind Rekordgeschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometer pro Stunde. Andere bevorzugen die Disziplin „Slalom“. Philip Köster reizt indes eher das Waveriding: Die Wellen – und was sich aus ihnen machen lässt. O-Ton 14 Köster „Man kann Ein-, Zwei-Meter-Wellen haben bei einem guten Tag. Nicht so wie in Hawaii, wo es dann bis acht Meter geht. Das Spezielle hier auf Gran Canaria in Pozo, ist eigentlich der ganz starke Wind, wo man richtig hoch springen kann. Desto stärker der Wind ist, desto höher kann ich auch springen, was mir auch sehr viel Spaß bringt. Und ich schaue immer, immer höher zu springen. (...) Also ich bin schon seit Jahren lang dran am Triple Loop, also dreifachem Vorwärtssalto.“ Atmo: Meeresstand Sprecher Schon 2009, als Jugendlichem, gelang Philip Köster mit 18 Metern der damals höchste Sprung der Windsurfgeschichte. Köster war der erste Deutsche, der in der Kategorie „Wellenreiten“ Windsurf-Weltmeister wurde. Vier weitere Titel sollten folgen. Der junge Surfprofi ist „mit allen Wassern“ gewaschen. Doch perfekt – das, sagt Köster, ist man im Surfsport nie. O-Ton 15 Köster Man kann nie der perfekte Surfer sein.(…) Die Bedingungen sind eigentlich immer anders (…) Wenn der Wind stärker wird, wird alles unberechenbarer. Man kann Sachen kontrollieren bis zu einem Limit. Wenn der Wind, wenn erst mal zehn, elf, zwölf Windstärken da sind, dann kontrolliert man einfach nichts mehr so richtig. Und an dem Limit zu bleiben und Sachen auszuprobieren, bringt mir Spaß. Ja, das gehört eigentlich dazu zum Windsurfen, sich immer weiterzuentwickeln darin.“ Sprecher Es ist der Reiz des Unkontrollierbaren, der Surferinnen und Surfer bis heute veranlasst, sich den Elementen auszuliefern, sich zum Spielball der Urgewalt des Meeres zu machen. Ungefährlich ist das nicht: Philip Köster verletzte sich bei einem Sturz schwer am Knie, riss sich Bänder, ein Knochen splitterte ab. Beim Surfen kann einiges passieren: Das Board kann einen Surfer am Kopf treffen, er kann bewusstlos werden, im schlimmsten Fall ertrinken. Weltweit verunglücken durchschnittlich jedes Jahr zehn Surfer tödlich. Um das Surfen sicherer und besser zu machen, hat der Mensch die Technik der Boards über die Jahrzehnte immer weiter verfeinert: Zunächst beim Wellenreiten, dann beim Windsurfen, schließlich aktuell beim Kiten – wobei sich der Surfer von einem Lenkdrachen ziehen lässt. Musik: Longing for freedom 0‘20 Sprecherin Freiheit erfahren, sich eins fühlen mit einer Natur, die dem Menschen gleichzeitig genau seinen Platz zuweist: Das macht für den Sportwissenschaftler, Surflehrer und Coach Timo Sternemann die Faszination des Surfens aus. O-Ton 16 Sternemann „Für mich ist das tatsächlich so, dass man sich irgendwie in dieses große System Natur so reinbegibt und ja irgendwo nach diesen Regeln spielen muss. Das sind ja eigentlich Regeln der Physik. Also ich muss irgendwelche Regeln erfüllen, damit ich in diesem System da überhaupt auf diese Welle kommen kann oder mit dem Kite wegfliegen kann. Aber innerhalb dieser Grenzen dieses Systems, da kann man sich dann frei entfalten. Und das finde ich geil. Und ich finde, da kann man auch so ein bisschen Parallelen aufs Leben, auf das Leben in einer Gesellschaft auch ziehen. So wir haben hier bestimmte Regeln, bestimmte Eckpfeiler. Aber innerhalb derer kann man sich dann doch frei entfalten und kreativ sein.“ MUSIK: Hyacinth House 0‘25 Sprecher Neo-Hippies, die mit ihrem VW-Bulli den Wellen nachreisen, auf dem Dach immer das Board, in der Hand den obligatorischen Joint: Die, sagt Timo Sternemann, gebe es immer noch. Und doch habe sich im Surfen etwas verschoben: Weg von einer Lebenseinstellung, einem Lebensgefühl hin zum Sportlichen, das den modernen Prinzipien der Optimierung und Selbstoptimierung folgt. O-Ton 17 Sternemann „Bestimmt ist es kompetitiver geworden, weil die Welt ist ja durchaus, wir leben in den Medien und Marketing und Wirtschaft, das lebt ja irgendwie von Competition, vom Wettbewerb. (…) Und die Gesellschaft macht die Menschen, die Menschen machen die Gesellschaft, also werden diese Menschen auch genau das in so einen Sport reinbringen. In diesem Sinne kann man bestimmt sagen, ja, es gibt mehr Contests, mehr öffentliches Interesse, das würde auch so eine kompetitive Ader des Surfens fördern. Es gibt auch noch einen anderen Aspekt von Competition, das ist im Prinzip auch so ein Neidfaktor an den Spots, da gibt es natürlich auch etwas Kompetitives, nämlich wem gehört die Welle? Ist es den besseren Surfer, dem Surfer, der da wohnt oder sind die für alle da? Also dieses Lokalismus, Localism ist da ein Thema, glaube ich, wo Leute sich irgendwie des Kämpfens verpflichtet fühlen.“ Musik: Smart workaround 0‘45 Sprecherin Denn über Social Media, über Instagram, Facebook oder Tik Tok ist jeder einmal entdeckte Surfspot einer globalen Community einfach in Sekundenschnelle zugänglich. Surfer wüssten heute durch Wind- und Wettervorhersagen oft schon im Vorhinein, welche Orte sich wann zum Wellenreiten lohnen – wo es sich lohnt, hinzufahren, und wo nicht. Doch: Geht dadurch nicht das Geheimnis von Versuch und Irrtum, die Faszination des Entdeckens neuer Strände, die Spontaneität beim Surfen verloren? Timo Sternemann hat daran Zweifel. Denn dank der digitalen Errungenschaften könne man heute eben auch ganz spontan einen Trip dorthin buchen, wo Wind und Wellen gerade am besten sind. Für Sabine Kind, Surferin und Professorin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement hat ein weiterer Aspekt des Surfens jüngst an Bedeutung gewonnen: Fitness und Gesundheit. O-Ton 18 Kind „Atemübungen, Achtsamkeit, was kann ich meinem Körper zutrauen, was traue ich mir selber zu. (…) Es gibt ein paar wenige Studien, die zum Beispiel festgestellt haben, dass bei depressiven Verstimmungen, depressiven Erkrankungen Surfen helfen kann, das ganze zu verbessern. Eben aufgrund von Achtsamkeit, (...)man stärkt dadurch auch seine Selbstwirksamkeit, weil man ja immer seine Fähigkeiten intensiviert, immer mehr Fähigkeiten dazu gewinnt. Und eben auch durch diese Erfolgserlebnisse, die man dann irgendwann hat, wenn man dran bleibt, seine Selbstwirksamkeit stärkt.“ Musik: The flow of time 0‘45 Sprecherin In ihrer Doktorarbeit „Surfing - Happy and Healthy? Gesundheit im Habitus von Surfern“ zitiert Sabine Kind die brasilianische Big-Wave-Surferin Maya Gabeira, die nach einem lebensbedrohlichen Unfall in meterhohen Wellen gefragt wurde, warum sie trotzdem weitermache. Ihre Antwort: Der Flow. „Wenn Du in einer lebensbedrohlichen Situation in den Flow kommst“, erzählte die Profi-Surferin, „dann erreichst Du ein Level, das Du ohne diese Situation nie erreichen würdest.“ Es sei genau dieser Flow, der Surferinnen und Surfer trotz brenzliger oder auch einfach nur anstrengender Situationen immer wieder aufs Brett treibe, sagt Sabine Kind. O-Ton 19 Kind „Surfer sprechen ja auch oft oder überhaupt in diesen Sportarten, die ja häufig von diesem Flow-Gefühl beschrieben, dass es einen so trägt und dass es einen motiviert, weiterzumachen. Auch wenn vielleicht der Muskelkater von Tag vorher noch extrem vorhanden ist.“ Sprecher „Weitermachen, trotz aller Mühe!“ Das ist auch das Motto von Laura und Matze, die aus Hannover zum Surfen an den Stadtstrand von Las Palmas gekommen sind. Die Bedingungen: Sie waren heute nicht einfach, die Wellen ziemlich choppy, das heißt: Der Wind zerstreut die Wellen, macht sie ungleichmäßig – und so schwer zu reiten. Atmo Wellen Eine Erfahrung, von der sich passionierte Surfer wie Laura und Matze jedoch keineswegs entmutigen lassen. O-Ton 20 Laura „Heute schwierig, aber auch sehr interessant, die Wellen auch zu lesen. Ich habe begonnen – und ich werde, bis ich nicht mehr kann... surfen lernen und üben.“ Musik Ambient flow 0‘35 O-Ton 21 Matze „Ich hab das schon erwähnt mit dem Meditativen: Es ist wie Wandern, aber im Wasser. Und das Gefühl nach so ner Session: Das genieße ich auch immer sehr. Ich fühl mich wie...als wär ich in der Waschmaschine gewesen. Ich war auch in einigen Waschmaschinen: So nennt man das beim Surfen auch, wenn man unter Wasser ist. Von daher: Das Gefühl danach ist auch sehr, sehr schön.“
- Claude Lévi-Strauss - Ethnologe und Philosoph
21.05.2025 · 23 Min.
Sind wir anders als sogenannte Naturvölker? Gibt es allgemeine Strukturen des Lebens und Denkens? Für den französischen Forscher und Philosophen Claude Lévi-Strauss galt: es gibt keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Völkern. Von Michael Reitz (BR 2020)
- Autonomie für Korsika? Lieder für die Freiheit
21.05.2025 · 24 Min.
Korsika: Traumschöne Insel im Mittelmeer, bewohnt von widerborstigen Korsen, die seit Jahrhunderten um ihre Freiheit kämpfen. "Korsika ist nicht Frankreich", "Freiheit für Korsika": Solche Graffiti finden sich überall auf der Insel. Welche Rolle spielen dabei die eigene korsische Identität und Sprache? Von Vanja Budde (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Vanja Budde Regie: Ron Schickler Es sprachen: Laura Maire, Florian Schwarz, Ron Schickler Technik: Regine Elbers Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Ghjuvanfrancescu Mattei, Musiker; Alain Di Meglio, Vize-Direktor Universität Corté; Matthias Waechter, Historiker, Leiter des Institut Européen des Hautes Etudes Internationales, Nizza Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Katalonien - Spanische Region mit eigener Geschichte JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Matthias Wächter, Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert. Verlag C.H. Beck, München 2019. Matthias Wächter, Geschichte Frankreichs. Verlag C.H. Beck, München 2023. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo 1 , Konzert, L’Alba, polyphoner Gesang auf Korsisch, a capella, steht 0’38 frei, bis sie das erste Mal Luft holen, dann leise weiter unter Sprecherin Algajola, ein kleiner Ort an der zerklüfteten Westküste Korsikas. In der Dorf-Kirche verbinden drei Männer ihre Stimmen zum Paghjella-Gesang: Sie sind die Wurzeln der korsischen Musik, diese klagend-dramatischen mehrstimmigen Melodien. Wenn man sie hört, sieht man Korsikas schroffe Berge vor sich, die mehr als 50 Gipfel über 2.000 Meter Höhe, die eiskalten, klaren Flüsse, die zu Tal stürzen, die stachelige Macchia, die das harte Leben der Schäfer im Inneren der Ile de Beauté Jahrhunderte lang bestimme: der heute bei Touristen beliebten „Insel der Schönheit“. Atmo Gesang, kommt kurz hoch, dann weiter unter Denn Korsika ist schön, aber auch wild. Ein „Gebirge im Meer“, umkämpft seit Jahrtausenden, stets beherrscht von fremden Mächten, gegen die sich die Korsen immer gewehrt haben. All das klingt mit in diesem traditionellen, polyphonen Gesang. Die UNESCO hat ihn darum 2009 zum immateriellen Erbe der Menschheit erklärt. Atmo 1 Gesang, kommt kurz hoch, endet Applaus, steht kurz frei, dann Kreuzblende zu Leadsänger Ghjuvanfrancescu Mattei begrüßt das Publikum, kurz auf Korsisch, dann auf Französisch, steht kurz frei, dann leise weiter unter Sprecherin Einer der drei Sänger ist Ghjuvanfrancescu Mattei. Seine Gruppe L’Alba lade sie dazu ein, mit in die korsische Seele einzutauchen, erklärt er den Touristen, die an diesem Abend zu annähernd 100 Prozent das Publikum stellen. Darum sängen sie ausschließlich in ihrer eigenen Sprache: Korsisch. Das klingt überhaupt nicht wie Französisch, sondern hat eher Ähnlichkeiten mit Italienisch. Weshalb es auch im Norden der Nachbarinsel Sardinien von vielen verstanden wird. Atmo 2, Lied (Gesang beginnt bei 0’56, davor die Instrumente, Harmonium, Gitarren, Violine, Klarinette, Flöte) bitte mit langer Kreuzblende sanft einblenden und dann so hochkommen lassen, dass man zunächst die Instrumente noch hört), steht frei, dann leise weiter unter Sprecherin Korsika ist nach Sizilien, Sardinien und Zypern die viertgrößte Insel im Mittelmeer; mit knapp 350.000 Einwohnern, in etwa so viele wie Island hat. Früher wurde in den Dörfern im Inselinneren viel gesungen, bei Festen, aber auch abends in den Familien. Doch immer mehr junge Leute wandern in die Städte ab, nach Bastia an der Ostküste mit ihren langen Sandstränden oder in die Insel-Hauptstadt Ajaccio im Südwesten. Zurück bleiben die Alten, gesungen wird immer seltener. Gruppen wie I Muvrini, A Filetta oder eben L’Alba sind darum die Hüter nicht nur von Geschichte und Tradition, sondern sie bewahren und fördern auch die korsische Identität. Sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: O-Ton 1 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, OV OV MÄNNLICH „Unsere Insel hat in der Vergangenheit gelitten. Und sie hat sich an jedes Leiden angepasst. Deshalb findet man auch in der Musik, im künstlerischen Ausdruck, eine Form von Melancholie, eine Form von Schmerz. Denn die korsische Bevölkerung wurde in all den Jahren der Fremdherrschaft mundtot gemacht. Das erzählen wir auch in unseren Liedern: Dass wir Korsen schweigen mussten. Immer wieder unsere Staatsangehörigkeit ändern mussten. Sicherlich spürt man das in unserer Musik: Korsikas melancholische Leuchtkraft.“ Kreuzblende zu Atmo 3, Wellenrauschen, unter Sprecherin Sie ist lang, die Liste der fremden Herrscher über diese gebirgige Insel, die zwischen dem italienischen Festland und Sardinien liegt: Byzantiner, Langobarden, Sarazenen und Franken setzten sich an den Küsten fest. Die Markgrafen der Toskana meldeten ebenso Ansprüche an, wie die Seerepubliken Pisa und Genua. Die meisten Korsen zogen sich ins unzugängliche Inselinnere zurück. Kreuzblende zu Atmo 4, instr. Lied, steht kurz frei, dann unter Dabei war die Insel schon in prähistorischer Zeit bewohnt. Und schon immer begehrt. Ligurer und Etrusker vom nahen italienischen Festland siedelten sich an, aber auch Griechen und Araber hinterließen genetisch ihre Spuren. Unter der Herrschaft Genuas im Mittelalter kamen viele italienische Siedler, die ihre Sprache und Kultur mitbrachten. Es wird daher angenommen, dass die moderne korsische Bevölkerung eine Mischung all dieser ethnischen und linguistischen Gruppen ist. So blieb Korsika, das nie eine brave Kolonie oder Provinz war, immer eine Welt für sich. Kreuzblende zu Atmo 4, instr. Lied, steht kurz frei, dann unter 1729 hatten die Korsen genug: In mehreren, Jahre langen Aufständen lehnten sie sich gegen die Zwangsverwaltung und das Feudalsystem der Genuesen auf. 1755 riefen sie ihre staatliche Unabhängigkeit aus. Unter Führung des Widerstandskämpfers Pascal Paoli, der bis heute als „Babbu di a Patria“ verehrt wird, als „Vater des Vaterlandes“, gaben sich die Korsen eine demokratische Verfassung. Übrigens war es die erste Verfassung im Zeitalter der Aufklärung, lange vor den Verfassungen der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 und Frankreichs 1791. Inklusive Gewaltenteilung und Volkssouveränität und des europaweit ersten Frauenwahlrechts immerhin für alleinstehende Frauen und Witwen. Sprecherin Einer der engsten Mitarbeiter Paolis dabei war Carlo Buonaparte: Napoleons Vater. Atmo 4, Lied, instr., kommt kurz hoch, dann weiter unter Sprecherin Die Genuesen mochten sich mit der kämpferischen Inselbevölkerung nicht länger herumärgern und verkauften ihre Ansprüche an Frankreich. Schon nach 14 Jahren war es dann vorbei mit der Freiheit: 1769 besiegte Frankreich die korsischen Truppen in der Schlacht bei Ponte Novu. (Lied ab hier ganz sanft weg blenden, Kreuzblende zu Atmo 5 Corté, Straßenverkehr ect., drunter) MUSIK DEWF82104492 Neutral Assistance (Reduced 3) 01:08min Sprecherin Seither ist Korsika französisches Staatsgebiet. Sieht man von einer kurzen Periode während der Französischen Revolution ab, als die Insel unter englische Oberhoheit geriet. Pascal Paoli ging ins Exil nach England, 1807 starb er in London. Der junge Napoleon schrieb später in seinen unveröffentlichten „Lettres sur la Corse“: „Die Geschichte Korsikas ist ein ständiger Kampf zwischen einem kleinen Volk, das frei sein will, und seinen Nachbarn, die es unterjochen wollen.“ Sprecherin Obwohl der korsische Kampf um Unabhängigkeit nur so kurze Zeit Erfolg hatte, beeinflusste er nicht nur viele Intellektuelle und Staatsmänner jener Zeit, unter ihnen Jean-Jacques Rousseau, der mit Paoli befreundet war, und die Gründungsväter der Vereinigten Staaten. Sondern die Erinnerung an diese 14 goldenen Jahre der Freiheit ist auch heute noch lebendig. Vor allem in der damaligen Hauptstadt des unabhängigen Korsikas: Corté, in den Bergen im Inselinneren gelegen. Heute hat die lebendige Kleinstadt am Zusammenfluss von Restonica und Tavignano 7.500 Einwohner. Die Hälfte davon sind Studenten der einzigen Universität Korsikas. (ab hier Atmo Straßenverkehr sanft weg blenden, Kreuzblende zu Atmo 6, Treppensteigen in der Uni, steht kurz frei, dann unter Text schnell weg blenden und trocken weiter) Die nach Pascale Paoli benannte Universität ist ein wichtiges Symbol des Strebens nach Autonomie, erklärt ihr Vize-Direktor Alain Di Meglio in seinem lichten Büro im oberen Stockwerk des modernen Baus. O-Ton 2 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV, da kurz und unten erklärt) „Pascal Paoli, der Gründer des unabhängigen Korsikas, hatte hier eine Universität ins Leben gerufen, die vier Jahre lang bestand, von 1765 bis 1769.“ Sprecherin Denn Pascale Paoli hat hier in Corté nicht nur das unabhängige Korsika gegründet, sondern 1765 auch eine Universität, die bis zur Machtübernahme Frankreichs 1769 bestand. O-Ton 3 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Korsikas Universität war 212 Jahre lang geschlossen und wurde 1981 wiedereröffnet. Und zwar unter Druck, auf Grund von Forderungen. Zu dem Zeitpunkt, als die Universität wiedereröffnet wurde, saßen 120 politische Gefangene in den französischen Gefängnissen. François Mitterrand hat sich dann des Problems angenommen, Wahlen zum ersten Korsischen Regionalparlament zugelassen und die Universität wiedereröffnet. Das war erst möglich, nachdem die Sozialistische Partei unter François Mitterrand an die Regierung gekommen war. Von diesem Zeitpunkt an hat die Universität das Studium der korsischen Sprache wiederaufgenommen und korsischsprachige Lehrer für das Bildungssystem ausgebildet.“ Sprecherin Neben Französisch ist an der Universität Korsisch obligatorisches Nebenfach in sämtlichen Fächern. O-Ton 4 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Das ist sehr, sehr wichtig, weil die Sprache ein Identitätskriterium ist. Aber sie ist keine geschlossene Identität, keine ethnische Identität, sondern eine offene Identität, eine kulturelle Identität.“ MUSIK Voce Ventu – Rughju Di Vita (Label: Voce Ventu – 001) 00:25min Sprecherin Weil sie über die Sprache transportiert werde und nicht über Abstammung, erklärt Di Meglio. Die Sprachforscher der Uni haben die Jahrhunderte lang nur mündlich überlieferte Grammatik des Korsischen verschriftlicht und eine verbindliche Rechtschreibung festgelegt. Die Wissenschaftler zogen kreuz und quer über die Insel, zeichneten die verschiedenen Dialekte auf und brachten ein Wörterverzeichnis des Korsischen heraus. O-Ton 5 Alain Di Meglio, Französisch (kein OV da kurz und unten erklärt) „Die Wiedergeburt der korsischen Sprache ist nicht der Universität allein zu verdanken, sie hat aber einen großen Beitrag dazu geleistet.“ Sprecherin So habe die Uni einen wichtigen Beitrag für die Wiedergeburt der Sprache geleistet, sagt Di Meglio. Das war auch dringend nötig, denn unter französischer Herrschaft wurde das Korsische gezielt unterdrückt, wie Matthias Waechter erklärt. Der deutsche Historiker und Frankreich-Experte leitet das Institut Européen des Hautes Etudes Internationales in Nizza. Er hat umfassende Werke über die Geschichte Frankreichs verfasst. O-Ton 6 Matthias Waechter „1870 bis 1940: Das war die Phase, in der sich dieses republikanische Staats- und Nationsmodell in Frankreich durchgesetzt hat. Und es musste sich gegen starke Widerstände durchsetzen. Und in diesem Zusammenhang hat man sich gedacht, um eine einheitliche Republik zu gründen, müssen wir auch alle eine einheitliche Sprache sprechen. Die Regionalsprachen, die ja in Frankreich extrem verbreitet waren, noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wurden vom Zentralstaat brutal unterdrückt. Insofern hat Frankreich große Schwierigkeiten, damit zurechtzukommen, dass es ein Volk gibt in Korsika, das seine Kultur autonom leben möchte.“ Sprecherin An öffentlichen Orten wie zum Beispiel den Schulen Korsisch zu sprechen, war verboten. Doch die Unterdrückung ging noch weiter, richtete sich auch gegen die musikalische Tradition, erklärt Matthias Waechter: O-Ton 7 Matthias Waechter „Der Harmoniegesang, der in Korsika gepflegt wurde, galt ja auch als ein Ausdruck korsischen Widerstands. Diese gesamten Ausdrucksformen einer Eigenständigkeit wurden als Widerständigkeit gegenüber der Französischen Republik angesehen.“ O-Ton 8 Matthias Waechter „Man fürchtete, dass die Menschen, die in diesen Grenzregionen oder auf einer Insel wie Korsika lebten, zum Separatismus neigen würden, wenn man ihnen zu viel Eigenständigkeit lassen würde.“ Sprecherin In der französischen Nationalversammlung ging die Angst um, dass dann etwa auch die Bretagne, das Baskenland oder das Elsass ähnliche Ansprüche wie die störrischen Korsen erheben könnten. MUSIK QZ2641950295 Enigmatic Machine 00:57min Im Falle Korsikas nicht ganz zu Unrecht: Nicht nur die restriktive Sprachenpolitik trieb die Korsen auf die Barrikaden. Nachdem Algerien 1962 in einem grausamen Krieg seine Unabhängigkeit errungen hatte, siedelten tausende Algerienfranzosen, die so genannten „Pieds noirs“ nach Korsika über. Viele Korsen fürchteten, eines Tages zur Minderheit auf ihrer eigenen Insel zu werden. Denn gleichzeitig wanderten zehntausende Korsen auf der Suche nach Arbeit von der wirtschaftlich rückständigen Insel ins Ausland ab. Wegen dieser massiven Landflucht verlor Korsika ein Drittel seiner Bevölkerung. In Sorge um die eigene Identität radikalisierte sich der korsische Nationalismus, Korsika wurde mit einer französischen Kolonie verglichen. MUSIK QZ2641950335 Into The Construct 01:08min In den frühen 1970er Jahren gründeten sich mehrere Parteien als politischer Arm der Nationalbewegung. Nachdem Frankreich Forderungen nach offizieller Zweisprachigkeit, Autonomie oder gar Unabhängigkeit strikt ablehnte, gingen einige Nationalisten in den Untergrund. Der 1976 gegründete Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu, kurz FLNC, versuchte die Unabhängigkeit mit Bombenattentaten und Morden zu erzwingen. Mehrere bewaffnete Gruppen bekämpften sich auch gegenseitig. 1998 eskalierte die Gewalt: Ein nationalistisches Mordkommando erschoss den französischen Präfekten der Insel, Claude Erignac, aus nächster Nähe, auf offener Straße, mitten in der Hauptstadt Ajaccio. Die französische Öffentlichkeit war schockiert. O-Ton 10 Matthias Waechter „Und insofern wurde dieses Autonomiebestrebungen oder Unabhängigkeitsbestreben der Korsen auch oft als eine Bedrohung wahrgenommen.“ Kreuzblende zu Atmo 8, in den Straßen von Corté, Verkehr usw., steht kurz frei, dann weiter unter Sprecherin Über diese blutigen Zeiten spricht man auf der Insel heute nicht gern. Die Täter von damals und ihre Hintermänner wurden gefasst und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Die militanten Gruppen haben die Waffen niedergelegt. In den Supermärkten kauft man Baguette und auf den Dorfplätzen spielen die Korsen Boule. Haben sie ihren Frieden mit Frankreich gemacht? Nicht wirklich: Fährt man auf der sich durch die Berge schlängelnden Straße D18 nach Corte, durchquert man kurz vor der Universitätsstadt einen Straßentunnel. Dessen Wände sind über und über mit Spraydosen beschrieben: „Korsika ist nicht Frankreich“, liest man da auf Französisch. „Freiheit für Korsika“, „Franzosen raus aus Korsika“ und so weiter. Atmo 8, in den Straßen von Corté, Verkehr usw., kommt kurz hoch, dann weiter unter MUSIK DEBE91905251 Oriental Strings_STEM Drone 01:10 min Sprecherin Auf der ganzen Insel weht der Mohrenkopf mit Stirnband auf Bannern und Fahnen und klebt als Aufkleber auf Autos: Das Emblem des Freiheitskampfes. Und in den Altstadt-Gassen von Corte ist das Konterfei eines Mannes allgegenwärtig: Es ist das Porträt von Yvan Colonna. Der korsische Nationalist war wegen Beteiligung an dem Präfekten-Mord zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte dabei stets seine Unschuld beteuert. Im März 2022 wurde Yvan Colonna im Gefängnis im südfranzösischen Arles von einem Mithäftling angegriffen und schwer verletzt. Daraufhin kam es auf Korsika zu Protesten und Ausschreitungen. Dutzende Polizisten wurden verletzt. Yvan Colonna starb drei Wochen später im Alter von 61 Jahren im Krankenhaus. Zu seiner Beerdigung in seinem Heimatdorf in den korsischen Bergen ordnete der Regionalpräsident der Insel Trauerbeflaggung an. MUSIK 4138308 01/001 A Serva - 00:30min Anfang der 2020er-Jahre stand damit Korsikas Verlangen nach Autonomie wieder auf der Tagesordnung. Auf Korsika machte man sich Hoffnungen auf neue Verhandlungen und Fortschritte. Doch dann griff der russische Präsident Vladimir Putin die Ukraine an. Die folgende Energiekrise und eine hohe Inflation hielten ganz Europa in Atem, so auch Frankreich. Das Thema Korsika rückte wieder auf die hinteren Ränge. Sprecherin Dabei seien die Forderungen im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren mittlerweile gemäßigt, betont Alain Di Meglio, der Vize-Direktor der Universität in Corté: Nur noch zehn Prozent der Korsen verlangten die Unabhängigkeit ihrer Insel von Frankreich. Doch für die Autonomie seien 90 Prozent. Er eingeschlossen. O-Ton 11 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Ich bin Autonomist. Ja, ja, ja, ja, ja, ja, ich bin Autonomist, da ich ein Aktivist der korsischen Sprache bin! Ich fordere das Korsische als offizielle Sprache neben Französisch. Und ich bin für ein System, das mehr Vertrauen in Korsika setzt, das Korsika mehr Macht gibt, aber ohne die Armee oder die Polizei zu fordern oder sich aus dem System der Solidarität mit Europa und Frankreich zu lösen. Die deutschen Bundesländer: Die sind ein Modell für uns. Deutschland ist viel besser dezentralisiert als Frankreich.“ Sprecherin Die Verfechter korsischer Freiheit haben ihre Ansichten auch deshalb abgemildert, weil sie den Gang in die Politik und durch die Institutionen angetreten haben: Autonomisten und Separatisten taten sich zusammen und errangen 2015 die Mehrheit im korsischen Regionalparlament. Doch Korsika müsse sich auch Europa und der Welt öffnen, fordert Di Meglio. Ebenso wie Frankreich, das zu sehr auf seinen einheitlichen Zentralstaat fixiert sei und Befugnisse nur zögerlich abgebe. O-Ton 12 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „Und ich glaube auf jeden Fall, dass das Prinzip der Autonomie heute ein notwendiges Prinzip ist, sogar weltweit: Wir werden aufgefordert, kurze Transportwege zu fördern, vor Ort zu konsumieren, um die CO2-Kosten des Großhandels zu vermeiden. Man verlangt von uns, die Verpackungen zu reduzieren, man verlangt von uns mehr Ökologie, man verlangt von uns, Energie zu sparen. All das, was in Europa und der Welt im Trend liegt, ist ein Prinzip, das in Richtung Autonomie geht.“ MUSIK Diana Di L'Alba: A Ghitarra (DIA0293/1) 00:40min Sprecherin Auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit sei die korsische Sprache ein wichtiger Trittstein, betont Di Meglio. O-Ton 13 Alain Di Meglio, Französisch/kein OV, da kurz und oben erklärt „Die Sprache ist das wichtigste Kriterium für das Bedürfnis der Korsen nach Identität.“ Sprecherin Doch obwohl sie heute im öffentlichen Leben, auch in der Literatur, anerkannt sei, gebe es da eine große Gefahr: Nur noch zehn bis 15 Prozent der Jugendlichen sprächen aktiv Korsisch und nur noch etwa die Hälfte verstehe die Regionalsprache. Denn in den Familien wird Korsisch zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben. O-Ton 14 Alain Di Meglio, Französisch/OV OV ALAIN „In den vergangenen 40 Jahren hat sich eine Art Paradoxon entwickelt: Die korsische Sprache ist sichtbarer und präsenter in der Politik und in den Medien. In der Bevölkerung geht sie jedoch zurück. Sie wird im Alltag weniger gesprochen.“ Kreuzblende zu Atmo 9, Konzert von L’Alba, Lied sanft einblenden unter Sprecherin Die UNESCO stuft Korsisch darum als bedrohte Sprache ein. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden, fordert Alain Di Meglio. Doch er ist guter Hoffnung: Auch wenn es immer weniger gesprochen wird, werde Korsisch immer häufiger an den Schulen gelehrt. Und dann sei da ja auch noch die Musik: Atmo 9, Konzert von L’Alba, Lied kommt kurz hoch, dann leise weiter unter Sprecherin Viele korsische Lieder sind in der Zeit der Unterdrückung verloren gegangen, doch erstaunlich viele haben auch überlebt. Dank der Überlieferung in den Familien, wie Ghjuvanfrancescu Mattei von L’Alba erzählt (Lied kann drunter bleiben, denn da singt ein anderes Bandmitglied): Alle Mitglieder der Gruppe hätten von einer mündlichen Weitergabe profitiert. O-Ton 16 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch, kein OV, da kurz und unten erklärt „Tous les membres de L’Alba ont bénéficié d'une d'une transmission orale en fait. Et ça fait finalement depuis toujours que l'on fait de la musique, que l'on chante.“ Sprecherin Fragt man ihn, ob er sich als Korse fühle oder als Franzose, antwortet der Musiker überraschend weltoffen: O-Ton 17 Ghjuvanfrancescu Mattei, Französisch/OV OV MÄNNLICH „Ich fühle mich sehr wohl und gut verstanden in der korsischen Sprache, natürlich. Aber ich fühle mich auch sehr gut mit Französisch. Und ich empfinde mich in gewisser Weise auch ein bisschen deutsch, und auch spanisch und auch italienisch. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl in meiner Rolle als Mittelmeeranrainer und das gilt auch für die anderen Musiker der Gruppe.“ Sprecherin Mattei erklärt: Sie stünden mit einem Bein auf jedem Ufer des Mittelmeeres. Zwar bewahren sie die Tradition der korsischen Musik und hüten damit eine uralte kulturelle Tradition. Doch sie wollen sie auch kreativ weiterentwickeln. Darum habe L’Alba sich auch anderen mediterranen Einflüssen geöffnet, sagt Ghjuvanfrancescu Mattei: Griechischen, nordafrikanischen, italienischen Musiktraditionen. O-Ton 18 Ghjuvanfrancescu Mattei, Mix aus Korsisch und Französisch/OV OV MÄNNLICH „Wir versuchen eigentlich mit der korsischen Sprache, der korsischen Musik, eine neue Musik zu machen, die ihre Wurzeln aber nicht verleugnet. Wir versuchen, ein Bindeglied zu schaffen, zwischen allen Ufern des Mittelmeers. Aber natürlich ist der Ausgangspunkt immer noch die Art und Weise zu singen, die für Korsika spezifisch ist. Atmo 10, Konzert, Lied kommt hoch, endet, Applaus, sanft weg blenden
- Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sich
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Wiesen sind voller Geheimnisse, vor allem was ihre kleinsten Bewohner angeht: Die Insekten. Sie sind die wahren Regenten dieses Mikrokosmos und verbringen ihr oft nur kurzes Leben auf sehr vielfältige Weise. Von Christiane Seiler (BR 2019) Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Axel Wostry, Rahel Comtesse Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Eine besondere Empfehlung der Redaktion: WirTier Erik wird gerufen, um sie zu töten. Doch dann passiert dieser eine Moment, in dem der Schädlingsbekämpfer zum ersten Mal spürt, dass Wespen soziale Wesen sind. Bei WirTier erzählt Erik von seiner lebensverändernden Begegnung und stellt Host Vici vor eine Herausforderung, bei der es für die Wespen um alles geht. JETZT ENTDECKEN Die Zahl der Insekten in Deutschland ist regelrecht eingebrochen. Auf BR Wissen finden Sie informative Beiträge zum Thema Insektensterben: BR WISSEN | DRASTISCHER INSEKTENSCHWUND IN DEUTSCHLAND Unsere Empfehlung für Naturinteressierte: Wilde Winkel. Bayerns Natur-Podcast „Wilde Winkel“ nimmt Dich mit auf Entdeckungstour in Bayerns wertvollste Natur. Jeden Monat geht’s in einen anderen wilden Winkel Bayerns zwischen den Alpen und der Rhön, dem Nördlinger Ries und dem Fichtelgebirge. EXTERNER LINK | SPOTIFY.COM | WILDE WINKEL.
- Sebastian Kneipp - Der Pfarrer als "Wasserdoktor"
17.05.2025 · 26 Min.
Seine Wasserkur hat den Pfarrer Sebastian Kneipp berühmt gemacht. Arme und reiche Menschen pilgerten Ende des 19. Jahrhunderts nach Bad Wörishofen, um sich vom "Wasserdoktor" behandeln zu lassen. Manch Apotheker und Arzt neidete Kneipp den Erfolg und sie verklagten ihn wegen Kurpfuscherei. Von Barbara Weiß (BR 2021) Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
- Der Kiebitz - Wenn der Lebensraum Wiese verschwindet
15.05.2025 · 23 Min.
Kiebitze zählten einst zu den häufigsten Wiesenbrütern in Deutschland. Doch ihre Bestände gehen rasant zurück. Vogelschützer wollen jetzt in einem "Kiebitz-Projekt" das Überleben des Wiesenbrüters sichern. Von Werner Bader (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Werner Bader Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Rahel Comtesse, Werner Härtl Technik: Andreas Lucke Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Christina Niegl, Biologin, Landschaftspflegeverband Aichach-Friedberg Stefan Haas, Landwirt (Mühlhausen) Jan Skorupa, Biologe, Landesbund für Vogelschutz Anton Burnhauser, Biologe, Höhere Naturschutzbehörde, Regierung von Schwaben Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Philipps Playlist Mit Musik lässt es sich wunderbar aus dem Alltag herausträumen! NDR Kultur-Moderator Philipp Schmid stellt jede Woche neue handverlesene Playlists zusammen. Von Pop bis Klassik – die Musik ist für ihn ein Anlass, sich gemeinsam mit seinen Hörerinnen und Hörern auf fantasievolle Gedankenreisen zu begeben. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER: Ortstermin im Lechhauser Moos, nördlich von Augsburg. Auf den moorigen Ackerböden bei Mühlhausen, umgeben von Siedlungen, Autobahn, Flughafen, Auwald und Straßen, begeben wir uns Ende Februar auf die Suche nach den ersten Kiebitzen des Jahres. Biologin Christina Niegl weiß, wo sich die Kiebitze bevorzugt niederlassen und steuert einen Acker an. Einen Acker mit dunklem, moorigem Boden und Pfützen. ZSP 2 „Ich habe heute tatsächlich schon die ersten Kiebitze im Landkreis beobachten können. 56 an der Zahl, und ja, da war dann ein Riesen-Schwarm über mir, und dann haben sie sich an einem bekannten Brutplatz niedergelassen. Um zu rasten, und um Nahrung zu suchen. Man kann jetzt nicht genau sagen, ob das jetzt die Kiebitze sind, die später hier auch brüten werden. Kann auch sein, dass das die Durchzügler sind, weil es einfach noch die Durchzugszeit ist und die sich so ein bisschen sortieren.“ 0‘30‘‘ ATMO Kiebitz SPRECHERIN: Viele Kiebitze fliegen bei der Rückkehr aus ihren Überwinterungs-gebieten in Frankreich oder Spanien von hier aus weiter in den Norden. Erst im März treffen die Kiebitze ein, die schon im Vorjahr auf diesem Acker gebrütet haben. Kiebitze sind standorttreu, meist kehren die Zugvögel zu ihren angestammten Brutplätzen zurück. Die hat Christina Niegl auf einer Karte vor sich. Für den Landschaftspflegeverband betreut sie 13 Kiebitz-Brutgebiete, mit insgesamt 2.500 Hektar. Wenn die Kiebitze dann da sind und zu brüten beginnen, kommt viel Arbeit auf sie zu. Musik 2: 10 Midi SPRECHER: Manche Äcker und Wiesen werden jedes Jahr von Kiebitzen als Brutplatz genutzt, manche nur jedes zweite Jahr, sagt die Biologin, je nachdem, was darauf angebaut wird. Wird ein Maisacker im nächsten Jahr zum Getreideacker, dann brüten die Kiebitze nicht darauf, denn in Getreidefeldern finden sie keine Deckung. In diesem Jahr will Landwirt Stefan Haas auf seinem Acker Mais anbauen. Ihm gehört der moorige Acker. Und er kennt die Brutplätze. Denn Landwirt Haas nimmt, wie eine ganze Handvoll Landwirte im Landkreis Aichach-Friedberg, am Wiesenbrüter-Schutzprogramm teil. ZSP 3 „Der Kiebitz ist halt hier bei uns, hat sich auf meiner Fläche niedergelassen, und brütet hier. Ich find das eine tolle Sache. Die Fläche teilen wir uns, sagen wir mal so. Er kriegt einen Teil, ich krieg einen Teil. Es ist ja nicht so viel, was da jetzt nicht bewirtschaftet werden kann, das ist ja nur eine kleine Prozentzahl. Und von dem her habe ich kein Problem damit.“ 0‘17‘‘ SPRECHERIN: Und dafür bekommt der Landwirt einen finanziellen Ausgleich. Mitte März jeden Jahres startet das Wiesenbrüter-Projekt. Noch vor dem 20.März, wenn die ersten Kiebitz-Gelege in den Äckern sind, identifiziert Christina Niegl die Standorte der Brutpaare. Dann werden die Gelege mit einer Stange mit Fähnchen markiert, der Landwirt wird die so genannte Linse, 3 Meter breit und bis zu 16 Meter lang, beim Ackern umfahren, damit das Kiebitz-Weibchen bis zu 25 Tage ungestört brüten kann. Musik 3: Glockenturm – siehe vorn – 1:03 Min SPRECHER: Kiebitz-Nester sind offene Gelege mitten im Acker. In eine Bodenmulde legt das Kiebitz-Weibchen in der Regel 4 Eier. Die sind oliv-braun gefärbt, mit schwarzen Punkten gesprenkelt. Also perfekt getarnt. In den dunklen Ackerböden werden die Eier selbst von Fachleuten leicht übersehen. Mit etwas Übung entdeckt man in einem Acker viel eher das brütende Kiebitz-Weibchen auf dem Nest. SPRECHERIN: Auch wegen der abstehenden „Federholle“ auf ihrem schwarz-weißen Kopf, die so charakteristisch ist für die etwa taubengroßen Vögel. Bei den Männchen ist die Federholle zur Brutzeit etwas ausgeprägter, etwas länger. Männliche Kiebitze haben eine komplett schwarz gefärbte Brust, während bei Weibchen dort auch weiße Federn eingestreut sind. Das Gefieder der Kiebitze ist ansonsten kontrastreich, mit metallisch glänzender schwarzer Oberseite und weißer Unterseite. Daran kann man Kiebitze gut erkennen. Und an ihrem Ruf. Denn Kiebitze rufen ihren Namen: „Kie-Witt“. ATMO Kiebitz Musik 4: Glockenturm – siehe vorn – 49 Sek SPRECHER: Zur Balzzeit steigen die Kiebitz-Männchen in die Luft und machen kuriose Flugmanöver, mit denen sie auch ihre Nester verteidigen, sagt Jan Skorupa vom Landesbund für Vogelschutz. Damit machen sie auf sich aufmerksam und signalisieren den Kiebitz-Weibchen, hier hat ein Männchen einen Brutplatz, den es beanspruchen möchte. ZSP 4 „Die drehen sich teilweise ganz spontan in der Luft und das sieht dann manchmal von außen so aus, als würden sie gezielte Abstürze in den Flug einbauen. Und was auch dabei auffällig ist, ist einmal der Ruf. Die haben auch eine Art von Gesang. Und sie erzeugen dabei mit ihren Flügeln so ein spezielles Geräusch, so eine Art Wummern. Und das ist dann relativ auffällig, wenn die da ihre Pirouetten drehen und ihre spektakulären Flugmanöver vollziehen.“ 0‘35‘‘ SPRECHERIN: Kiebitz-Paare sind saisonal monogam, aber manchmal brüten sie auch im nächsten Jahr gemeinsam. Bis zu 24 Jahre alt können Kiebitze werden. Ein Kiebitz kann sich aber auch mit mehreren Weibchen paaren und brüten. Zur besseren Verteidigung ihrer Nester brüten Kiebitze gemeinsam in kleineren Kolonien. Und auf offenen Ackerflächen, so können sie herannahende Feinde schneller erkennen und ihr Nest verteidigen. Dennoch werden sehr viele Nester geplündert, die Sterblichkeit ist hoch. ZSP 5 Skorupa: „Ein Großteil der Gelege, der geht an den Fuchs verloren. Es sind natürlich auch Marder, oder auch Hermeline oder so. Es gibt durchaus auch Gelege-Prädation durch Igel. Wenn der so ein Nest findet, nimmt er das auch gerne mit. Ansonsten ist auch Bedrohung durch die Luft vorhanden. Das wird insbesondere dann für die Küken relevant. Bussarde, mitunter auch Turmfalken, und Rabenkrähen gehen durchaus auch auf die Küken. Wenn sich da eine günstige Gelegenheit bietet.“ 0‘32‘‘ ATMO Kiebitz SPRECHER: Nach 21 bis 28 Tagen schlüpfen die Küken, schon ab einem Alter von 35 bis 40 Tagen können sie fliegen. Das Schlüpfen aus dem Ei ist Schwerstarbeit für die Jungvögel, es dauert meist zwei ganze Tage, bis sie sich aus der Eischale befreit haben. Die flauschigen Küken, auch „Pullis“ genannt, sind Nestflüchter und suchen bald selbständig nach Nahrung. Biologe Jan Skorupa: ZSP 6 Skorupa: „Das heißt aber nicht, dass die Altvögel da keine Rolle mehr spielen, weil die Altvögel durchaus die Küken überwachen und vor Feinden warnen. Und ihnen gleichzeitig Signale geben, wann sie sich vor Feinden ducken und verstecken müssen. Sie hudern, das heißt, dass sie sich wärmend auf die Küken setzen und sie damit vor dem Auskühlen schützen. Weil das Federkleid der jungen Vögel, das isoliert noch nicht so gut und die kühlen vergleichsweise schnell aus. Und außerdem führen die Eltern zu entsprechend geeigneten Futterplätzen.“ 0‘35‘‘ SPRECHERIN: Und damit beginnt eine aufregende Zeit für die Kiebitz-Familie. Die Jungen brauchen Nahrung, die finden sie auf feuchten Böden, auch in nassen Gräben. Dort gibt es Würmer, Käfer, Insekten. Und jetzt brauchen sie auch Deckung, am besten in einer Wiese. Immer auf der Hut vor Fuchs und Co und Greifvögeln am Himmel. Viele Kiebitz-Junge überleben diese Phase ihres Lebens nicht, manchmal ist auch der gesamte Nachwuchs weg. SPRECHER: In solchen Fällen beginnen die Kiebitze ein so genanntes Nachgelege. Bis zu zwei Mal schaffen sie das, wobei die vitalsten Küken diejenigen sind, die beim ersten Gelege geschlüpft sind. Wenn dann ein Küken bis zum Sommer überlebt, ist das schon ein Erfolg, ein Schnitt von 0,8 oder 0,9 flüggen Jungvögeln pro Brutpaar und Jahr ist nötig, sagen die Experten, um den Bestand stabil zu halten. Denn gezählt wird pro Saison, in dem ein Kiebitz-Paar ein Gelege und bis zu 2 Nachgelege anlegen kann. Musik 5: Start from Innocence SPRECHERIN: Und das hat über Jahrhunderte hervorragend geklappt – mehr noch, in der Vergangenheit hatten sich die Kiebitze zu Allerweltsvögeln auch hier in Deutschland entwickelt. Kiebitze gab es in Massen, wer hätte schon darüber nachgedacht, dass Kiebitz-Bestände hierzulande eines Tages massiv einbrechen? Mittlerweile gilt ihre Art in Europa als gefährdet, in Deutschland als stark gefährdet. Wie konnte das passieren? Das fragte sich auch der Biologe Anton Burnhauser. Er betreibt im Donauried seit gut 40 Jahren Wiesenbrüterschutz, im Auftrag der Höheren Naturschutzbehörde, die Regierung von Schwaben, und beschreibt die Situation so: ZSP 7 Burnhauser: „Mit einem Satz: Es ist ein dramatischer Rückgang. Es ist fast ein Absturz. Und wenn ich jetzt zurückdenke, an die Zeit, wo es noch Flächenstilllegungen in den Agrar-Umweltprogrammen gab, zum Beispiel 2005, da kann ich mich an eine Fläche erinnern, hier im Donauried, ungefähr 25 Hektar, da waren 25 Kiebitz-Paare drauf. Auf dieser Stilllegungsfläche. Also, da waren noch so viele Kiebitze da, wir haben die nicht gezählt, muss ich ganz ehrlich sagen. Und wir sind ein bissl auf dem falschen Fuß erwischt worden, weil es so dramatisch und so schnell ging.“ 0‘37‘‘ SPRECHER: Vor 20 Jahren also waren Kiebitze auch hier noch massenhaft verbreitet und heute, da sind sie stark gefährdet! Dabei ist das Aislinger Ried an der Donau, unweit der Kühltürme des stillgelegten AKW Gundremmingen, seit Menschengedenken ein „Hotspot“ für Bodenbrüter wie den Kiebitz. In seinem moorigen Kern staut sich das Wasser, es gibt ein dichtes Grabennetz, eine kleinteilige Flur und eine sehr offene Landschaft. All das, was Bodenbrüter wie der Kiebitz brauchen. Verschwunden sind aber die vielen Wiesen, die es hier einmal gab. Und der Fest-Mist aus den Kuhställen. Weil kaum mehr Milchkühe gehalten werden. Festmist ist wichtig, er zieht Würmer, Käfer und Insekten an. Alles Nahrung für Kiebitze, die jetzt fehlt. ATMO Traktor + Musik 6 Stealth bells SPRECHERIN: Etwa zur Mitte der 1990er Jahre gab es einen Intensivierungsschub in der Landwirtschaft. Immer größere Maschinen fahren seither durch das moorige Ried, feuchte Wiesen wurden und werden zu großflächigen Maisäckern umgepflügt. Plötzlich gibt es Dünger und Pestizide, wo es vorher keine gab. Schädlich, oft tödlich für die Brutnester der Kiebitze und anderer Wiesenbrüter. Der Brachvogel ist bereits aus dem Aislinger Ried verschwunden. Und die Kiebitze? Die tun sich schwer, sagt Anton Burnhauser. Denn eigentlich waren Kiebitze auf Feuchtwiesen spezialisiert, seit es die kaum mehr gibt, weichen sie auf Ackerflächen zum Brüten aus. Damit sei der Kiebitz als eine Art „Kulturfolger“ in Richtung Acker in eine für ihn sehr bedrohliche Situation geraten. ZSP 8 Burnhauser: „Weil früher, wo Rüben und Mais noch mit der Hand gehackt worden sind, da ist dem Nest natürlich nichts passiert. Heute geht alles maschinell, da kann er nicht mehr leben. Er hat sich auf den Lebensraum spezialisiert. Und wenn durch die Bodenbearbeitung die Gelege alle verschwinden, oder auch die Küken, dann kann er nicht überleben, und das ist sicher ein Grund, warum er so drastisch zurückgegangen ist. 85 Prozent in vierzig Jahren, das ist schon dramatisch! 0‘28‘‘ SPRECHER: Und sehr beunruhigend für Naturschützer wie Anton Burnhauser. Für ihn war bald klar, dass man den Kiebitz fortan dort schützen muss, wo er jetzt brütet, nämlich auf dem Acker. Also änderten Burnhauser und seine Kollegen ihre Maßnahmen zum Schutz der Wiesenbrüter. Die bisherigen Agrar-Umweltprogramme, die Flächenankäufe, ja, sogar die Umsetzung eines gesamt-ökologischen Gutachtens für das Donauried hatten den dramatischen Rückgang der Wiesenbrüter, insbesondere des Kiebitzes nicht stoppen können. Musik 7: Infinite – 1:49 Min SPRECHERIN: 2013 wurde ein „Kiebitz-Soforthilfe-Programm“ gestartet. Zwei Jahre später wurde es erweitert zum Biodiversität- und Artenhilfsprogramm „Wiesenbrüter-Brutplatz-Management Schwaben“. In enger Zusammenarbeit mit den Landwirten. Das alles war Neuland für den Naturschutz. Was könnte den Kiebitzen helfen? Viele Maßnahmen wurden diskutiert, einige ausprobiert, so Kiebitz-Experte Burnhauser. Mittlerweile habe man im Aislinger Ried mit den neuen Methoden einige Erfahrungen gesammelt, die Mut machen. SPRECHER: Um den Kiebitzen wieder günstige Bedingungen für ihre Gelege und die Aufzucht ihrer Jungen zu schaffen, hatten sich die Experten auf insgesamt 4 Maßnahmen geeinigt. Drei davon haben sich bewährt, berichtet Anton Burnhauser. Etwa die verspätete Aussaat von Mais, erst ab dem 20.Mai. So bleibt den Kiebitzen genügend Zeit, auf einem bis dahin offenen Acker ihrer erste, vielleicht sogar ihre zweite Brut anzulegen. Denn bis dahin wächst kaum etwas auf dem Acker, das Kiebitz-Nest mit den Eiern liegt offen da. So können es die Brutvögel besser gegen Feinde verteidigen. SPRECHERIN: Eine weitere Maßnahme: Nasse Mulden zwischen Maisäckern und Wiesen werden ab Mitte März bis Ende Juni nicht bewirtschaftet. Denn sobald die Jungen auf dem Maisacker aus ihren Eiern geschlüpft sind, führen die Kiebitz-Paare sie dort zusammen. Auch dadurch können sie Feinde wirkungsvoll abwehren und gleichzeitig Nahrung am Gewässer finden. ZSP 9 : Burnhauser: „Solche eher feuchten Wiesen sind für den Kiebitz ganz wichtig. Weil hier Regenwurmnahrung da ist und dann auch Insekten. Aber rechts grenzt der Acker an. Und in der Furche, die wird immer wieder ein bisschen ausgeackert auch, das steht ganz schnell das Wasser. Und das ist entscheidend. Das sind jetzt 300 Meter, wo der Kiebitz eine Futterquelle hat. Und das sind so kleine Elemente in der Landschaft, die man gern übersieht. Aber für den Kiebitz sind sie entscheidend.“ 0‘29‘‘ SPRECHER: Vor allem vielfältige Strukturen in der Landschaft helfen den Kiebitzen weiter. Und hier müssen Landwirte umdenken, die im Herbst Bewuchs auf dem Acker lassen und diesen dann zur Düngung einpflügen, also mulchen. Solche Flächen sind in der Regel ungeeignet für brütende Kiebitze. Dicht wie ein Sportrasen, ohne Struktur. Mit geringem Aufwand aber ließe sich auf ihnen ein regelrechtes „Bett“ für die Kiebitze bereiten. ZSP 10 : Burnhauser: „Wenn man das jetzt zubereitet. Also ein Landwirt, der das versteht, dass der das klein macht, zum Beispiel mit der Sternwalze. Auf der gleichen Fläche drei Mal herumfährt, und ein paar Kurven rein macht, das ein Landwirt nie freiwillig machen würde, dann hätte er für den Kiebitz ein „Bett“ bereitet. Weil dann geht der nämlich rein. Da hat er nämlich Beides: ein Muster und er hat Deckung und Übersicht.“ 0‘27‘‘ SPRECHERIN: Gute und unkomplizierte Zusammenarbeit mit den Landwirten vor Ort sei entscheidend für den Erfolg beim Schutz der Kiebitze, sagt Anton Burnhauser. Die Verträge mit ihnen hat er selbst entworfen. Sie sind knapp und präzise gehalten, die Landwirte verpflichten sich für Maßnahmen in einem begrenzten Zeitraum innerhalb der Saison und werden, so sagt er, „anständig“ dafür bezahlt. Gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung seien wichtig. Viele Landwirte reagierten mittlerweile erfreut, wenn er ihnen berichtet, dass auf einer ihrer Flächen ein schützenswertes Kiebitz-Gelege ist. Sie helfen mit und freuen sich über jeden Bruterfolg. ATMO Wiese + zwei Kiebitze SPRECHER: Und so wurden und werden im Wiesenbrüter-Gebiet Aislinger Ried auch steile Ufer an Bächen und Gräben abgeflacht, damit die Kiebitz-Jungen ungefährdet ans Wasser kommen. Auf einer neu ausgewiesenen Fläche wurde der Lebensraum für den Kiebitz nach und nach optimiert. Dort wurde eine Kies-Abbaufläche rekultiviert, ein kleiner See entstand. Auf den Wiesen wurden Mulden ins Erdreich gegraben, der Humus weitflächig abgeräumt und zum Roh-Boden für den Kiebitz gemacht. Eine Weidehaltung mit Rindern wurde etabliert, jetzt gibt es dort Dung und damit Nahrung für die Kiebitze. Letztendlich führte hier ein Bündel an Maßnahmen zum Erfolg: ZSP 11 : Burnhauser: „Die Schilfflächen werden so immer Wiesenbrüter-tauglich gemäht, man lässt immer einen kleinen Bereich für Kleinvögel. Aber der Kiebitz mags übersichtlich. Und das ist wunderbar, wenn man hier beobachten kann, wie die Altvögel ihre Jungvögel verteidigen, wenn zum Beispiel die Rohrweihen kommen, oder Milane. Das ist phantastisch. Und wir haben jedes Jahr hier einen deutlichen Bruterfolg. Da kann ich schon sagen, die Sache hat etwas gebracht.“ 0‘27‘‘ Musik 8: Glockenturm – siehe vorne - 33 Sek + Atmo Dorf SPRECHERIN: Schauen wir noch einmal zurück ins Lechhauser Moos zu Christina Niegl. Die Biologin vom Landschaftspflegeverband Aichach-Friedberg, einer der Projektträger im schwäbischen Wiesenbrüter-Brutplatzmanagement, hat inzwischen mit Landwirt Stefan Haas genau besprochen, wo sie demnächst auf seinem Maisacker Brutnester von Kiebitzen erwartet und an welchen Stellen sie diese markieren wird. Etwa 50 Brutpaare zählt sie in einer Saison, also 100 Kiebitze in ihrem Gebiet. Wenn, wie sie hofft, möglichst alle Kiebitze vom Vorjahr an ihre angestammten Brutplätze im Lechhauser Moos zurückkehren. SPRECHER: Denn auf dem Zug in den warmen Süden und zurück sind Kiebitze vielen Gefahren ausgesetzt. Noch immer dürfen sie in einigen Ländern Europas gejagt werden, pro Jahr werden mehr als 100.000 Kiebitze erlegt. Und das, obwohl Kiebitze in ganz Europa als gefährdet gelten und sich die Bestände seit 1980 mehr als halbiert haben! Weltweit steht der Kiebitz auf der Vorwarnliste bedrohter Vogelarten. SPRECHERIN: In Deutschland stehen die Kiebitze in manchen Regionen kurz vor dem Aussterben, gerade in Süddeutschland ist ihr Rückgang besonders dramatisch. Und dennoch sind Christina Niegl und Anton Burnhauser optimistisch, dass es in Bayerisch-Schwaben mit den Kiebitz-Beständen bald schon wieder aufwärts gehen könnte. Das aber hänge von einer Reihe von Faktoren ab, und davon, welche Weichen Politik und Gesellschaft jetzt und in naher Zukunft beim Natur- und Artenschutz stellen, sagt Christina Niegl. ZSP 12 : Niegl: „Flächenfraß, Zerschneidung der Landschaft, wie unsere Agrarpolitik auch weiter sich aufstellt, wie sie die Landwirte fördert. Da sind wir nur ein kleines Rädchen in einem großen Prozess. Man kann nur hoffen, dass da alle in die richtige Richtung gehen und man auch sich überlegt, welche Flächen müssen wir tatsächlich versiegeln, wo müssen wir tatsächlich neue Straßen bauen, das sind alles solche Themen.“ 0‘25‘‘ ATMO ZSP 1 + Musik 9: Glockenturm – siehe vorn – 1:18 Min SPRECHER: Und die Kiebitze? Sie sind eine von vielen Arten in unserem Ökosystem, die seit Jahrzehnten unter großem Druck stehen oder gleich ganz aus unseren Landschaften verschwinden. Schon lange warnen Experten, dass Raubbau an der Natur und das Artensterben letztendlich die Zukunft der Menschheit bedrohen. Zerstörte Lebensgrundlagen wieder herzustellen oder adäquat zu ersetzen, das zeigen die Anstrengungen zum Erhalt der Kiebitze in Schwaben, ist aufwändig und mühsam. Zum Glück haben die Wiesenbrüter mittlerweile Beschützer wie Christina Niegl. Sie zählt den Kiebitz zu ihren Lieblingsvögeln: ZSP 13 : Niegl: „Vermutlich weil ich ihn seit fünf Jahren übers Brutgeschäft betreue und viele Verhaltensweisen kenne. Und weil er halt ein wunderschön anmutiger Vogel ist. Mit seiner Haartolle, und seinem grün schimmernden Gefieder und seinen paddelförmigen Flügeln ist er einfach ein außergewöhnlicher Vogel bei uns in der Landschaft, den man so selten sieht.“ 0‘22‘
- Urzeitkrebse - Überlebenskünstler mit Fangemeinde
14.05.2025 · 22 Min.
Urzeitkrebse gab es schon auf der Welt, als Dinosaurier über unsere Erde stapften. Anders als die Urzeitechsen sind die Krebse aber nicht ausgestorben. Von Maike Brzoska (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling, Christopher Mann Technik: Andreas Lucke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Hannes Petrischak, Geschäftsführer Heinz-Sielmann-Stiftung; Ralph Schill, Zoologe und Professor am Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme an der Universität Stuttgart; Roland Eichhorn, Leiter des Geologischen Dienstes in Bayern Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessen Fossilien, die stummen Zeitzeugen - Alles Natur! Kleine Wesen, große Wanderer - Alles Natur Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: WirTier - Wespenschwärmerei Erik wird gerufen, um sie zu töten. Doch dann passiert dieser eine Moment, in dem der Schädlingsbekämpfer zum ersten Mal spürt, dass Wespen soziale Wesen sind. Bei WirTier erzählt Erik von seiner lebensverändernden Begegnung uns stellt Host Vici vor eine Herausforderung, bei der es für die Wespen um alles geht. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Mit dem Auto unterwegs in der Döberitzer Heide, einem Naturschutzgebiet im Havelland westlich von Berlin. O-TON (Petrischak) Jetzt kann ich hier das Tor aufschließen. Wir sind jetzt also am Zaun um die Kernzone und ich hoffe, dass wir an den Stellen, wo ich es vermute, noch Reste von Wasser finden. Und wenn wir Glück haben, sehen wir die. SPRECHERIN Hannes Petrischak ist Leiter des Geschäftsbereichs Naturschutz der Heinz-Sielmann-Stiftung, die dieses Gebiet unterhält. Er öffnet ein großes, mit Elektrozäunen gesichertes Gatter und weiter geht’s in die sogenannte Kernzone. ATMO Autofahrt MUSIK 2 Chris Gilcher / Michi Koerner: Vibration Sphere 0‘35 SPRECHERIN Früher war das Gelände militärisches Sperrgebiet, deshalb ist die Kernzone auch nicht öffentlich zugänglich – Reste von Munition könnten im Boden lagern. Heute ist die Kernzone das Zuhause vieler seltener Tiere. Wisente und Przewalski-Pferde leben hier, genau wie der Wiedehopf, ein Vogel mit lustig abstehenden Federn am Kopf. Aber Petrischak ist auf der Suche nach einem anderen Tier – eins, das viele Fans hat und Forschenden immer noch Rätsel aufgibt. ATMO Autotür SPRECHERIN Eine große Pfütze am Wegesrand, mit schlammigem hellbraunem Wasser – ein gutes Zeichen. 04 O-TON (Petrischak) Also wenn das Wasser sehr trüb ist, ist das eigentlich immer ein gutes Zeichen, weil die viel wühlen im Wasser, die wühlen am Grund den Schlamm auf und dann werden die Pfützen trüb. ATMO Wasserplätschern SPRECHERIN Mit einem kleinen Kescher fischt Petrischak vorsichtig durchs Wasser – mit Erfolg. Im Netz windet sich ein sogenannter Urzeitkrebs. Zwei Arten dieser besonderen Krebsart kommen in der Döberitzer Heide vor. 06 O-TON (Petrischak) Das ist jetzt die kleine Art, die hier drinnen ist, der Sommer-Feenkrebs, Branchipus schaefferi. SPRECHERIN Der längliche Feenkrebs ist nur etwa zwei Zentimeter groß. Außerdem zartrosafarben, fast schon durchsichtig. Dadurch wirkt er tatsächlich feengleich. Auffallend sind seine dunklen runden Augen – und eine leuchtend blaue Stelle am Unterkörper. 07 O-TON (Petrischak) Bei dem ist es so, dass die Weibchen diese hübschen blauen Brutsäcke haben, und die Männchen haben immerhin noch so eine rote Schwanzgabel. SPRECHERIN Petrischak entlässt den Feenkrebs wieder in die Pfütze. Sofort zieht das zierliche Wesen wieder seine Bahnen durch das Wasser. ATMO Wasserplätschern Der Naturschützer keschert weiter. Er sucht nach einem Exemplar der anderen Urzeitkrebs-Art. 08 O-TON (Petrischak) Oft sind beide Arten zusammen drin, aber nicht immer. Aber wir haben Glück! SPRECHERIN Im Netz ist dieses Mal ein sogenannter Triops. Das bedeutet so viel wie: der Dreiäugige – und tatsächlich sieht es so aus, als hätte er drei Augen. Außerdem ist der Triops bräunlich und im Vergleich zum Feenkrebs um einiges größer und robuster. 09 O-TON (Petrischak) Der hat so einen Rückenschild, der schützt ihn von oben gegen Fressfeinde, damit kann er sich auch flach auf den Boden legen, ohne dass er groß bemerkt wird. Und er kann dann den Boden aufstrudeln, die haben nämlich bis zu 70 Beinpaare am Bauch, und mit diesen Beinen können sie sowohl den Boden aufstrudeln als auch an der Basis der Beine die Nahrung gleich schon zermalmen und dem Mund zuführen, das ist wie so eine Nahrungsrinne. MUSIK 3 Maxi Menot: Breeze Over Grasslands 0‘41 SPRECHERIN Urzeitkrebse fressen Pflanzenreste, zum Beispiel Algen, die typischerweise in Pfützen vorkommen. Die größeren Exemplare jagen aber auch mal kleine Tierchen wie Würmer oder Kaulquappen. Also eigentlich alles, was in Pfützen oder Tümpeln finden kann. Forschende sprechen übrigens von temporären Gewässern, weil Pfützen und Tümpel immer wieder austrocknen. Für Urzeitkrebse bieten sie ideale Bedingungen, vor allem weil keine Fische drin sind. 10 O-TON (Petrischak) Also wenn jetzt Fische da wären, die würden die natürlich gleich fressen, das wäre ideales Fischfutter hier. Und natürlich auch die Wärme, wenn das Gewässer nicht tief ist und die Sonne häufig draufscheinen kann, dann bedeutet das, dass das Wasser sich schnell erwärmen kann. Und der Vorteil für die Urzeitkrebse ist, dass sie sich dann eben sehr schnell entwickeln können. Die Wärme beschleunigt ja die Entwicklung, und die müssen ja, bevor die Pfützen austrocknen, mit ihrer Entwicklung durch sein, damit sie wieder Eier am Boden ablegen können. SPRECHERIN Mithilfe ihrer Eier können sich Urzeitkrebse auch räumlich ausbreiten. Zum Beispiel wenn sich Wildschweine oder Wisente zur Abkühlung in der Pfütze suhlen. Dann bleiben Eier im Fell hängen bleiben. Auf diese Weise gelangen sie zur nächsten Wasserstelle. 11 O-TON (Petrischak) Oder das kann an Füßen oder im Gefieder von Vögeln sein, dass diese Eier von Gewässer zu Gewässer getragen werden. Und dann breiten die sich aus. SPRECHERIN Sogar der Wind kann die winzigen Eier verwehen. Aber trotz der vielen Verbreitungswege gibt es heute kaum noch Urzeitkrebse. Sie sind vielerorts vom Aussterben bedroht – oder sogar schon verschwunden. Das liegt vor allem daran, dass es immer weniger temporäre Wasserstellen wie Pfützen oder Tümpel gibt. Denn der Mensch ist kein Freund von Vertiefungen im Boden, wo sich Wasser sammelt. Die Unebenheiten werden zugeschüttet, um Straßen zu asphaltieren, Felder zu bestellen oder Häuser zu bauen. Auch Auenlandschaften, wo das Wasser regelmäßig über die Ufer tritt und feuchte Wiesen hinterlässt, gibt es heute kaum noch. MUSIK 4 Chris Gilcher / Michi Koerner: Vibration Sphere 1‘20 Dass es in der Döberitzer Heide noch vergleichsweise viele Urzeitkrebse gibt, liegt daran, dass die Kernzone jahrhundertelang militärisches Sperrgebiet war. Panzer fuhren regelmäßig über das Gelände, Truppen marschierten auf – ansonsten ließ man die Natur im Großen und Ganzen wie sie war. Seit 1997 ist das Gelände Naturschutzgebiet. Soldaten gibt es in der Döberitzer Heide heute also keine mehr – Panzer fahren aber trotzdem noch durch die Kernzone, und zwar im Auftrag der Heinz-Sielmann-Stiftung. Denn die schweren Panzer verfestigen den Boden und verhindern, dass das Gelände mit Sträuchern überwuchert. Auf diese Weise bleiben die Vertiefungen, wo nach Regenfällen Pfützen entstehen, erhalten. Petrischak schmunzelt, als er das erzählt. Kriegsgerät im Einsatz für den Naturschutz – er weiß, wie schräg das klingt. Aber es funktioniert. In der Döberitzer Heide sind bis heute Urzeitkrebse erhalten, im Gegensatz zu den meisten anderen Orten, wo Urzeitkrebse ausgestorben sind. 12 O-TON (Petrischak) Für Zoologen ist es etwas ganz Großartiges, und es gibt viele, die das aus dem Studium nur noch als Präparat kennen. SPRECHERIN Urzeitkrebse – der Name sagt es schon – gibt es schon sehr lange. Das weiß man, weil man entsprechende Fossilien, also Versteinerungen der Tiere, entdeckt hat, sagt der Zoologe Ralph Schill. Er ist Professor an der Universität Stuttgart. MUSIK 5 Mathieu David Gagnon: Point d’ancrage 0‘32 13 O-TON (Schill) Von einigen dieser sogenannten Urzeitkrebse hat man sehr schöne Versteinerungen gefunden. Und dann kann man ganz genau vergleichen; wie sehen die Tiere heute aus – mit den Versteinerungen. SPRECHERIN Forschende gehen davon aus, dass es Urzeitkrebse seit mehr als 200 Millionen Jahren auf diesem Planeten gibt. Äußerlich haben sie sich während dieser langen Zeit kaum verändert. Deshalb sprechen manche auch von „lebenden Fossilien“. Wobei der Begriff genau genommen eigentlich keinen Sinn macht. 14 O-TON (Schill) Lebende Fossilien gibt es in diesem wortwörtlichen Sinne natürlich nicht, aber umgangssprachlich wird das verwendet, um sozusagen klarzumachen, diese Tiere und Pflanzen haben sich über lange, lange Zeiträume hinweg nur minimal verändert und sind manchmal auch die einzigen verbliebenen Vertreter in dieser evolutionären Linie. SPRECHERIN Die kleinen Krebse wühlten also schon Pfützen auf, als andere Urzeitwesen, wie die Dinosaurier, die Erde bevölkerten. Das ist es auch, was viele Menschen an diesen kleinen Wesen so fasziniert. 15 O-TON (Schill) So haben wir letztendlich dann ein Fenster in die Vergangenheit und können uns auch ein bisschen vorstellen, wie die Tiere damals vielleicht gelebt haben. SPRECHERIN Denn vor 200 Millionen Jahren, im sogenannten Erdmittelalter, sah unsere Erde noch ganz anders aus. 16 O-TON (Schill) Es war generell wärmer und man kann sich das Ganze vorstellen, dass wir große, ausgedehnte, flache Meeresbuchten hatten mit einer ganz reichhaltigen Lebenswelt unter Wasser. Und an Land hatten wir wahrscheinlich ausgedehnte Wälder aus Farnen und Schachtelhalmen. Und dazwischen eben die Dinosaurier, die die Landschaft durchstreiften. MUSIK 6 Daniel Backes / Peter Moslener: Easy Plucker 0‘30 SPRECHERIN Die Dinosaurier hinterließen riesige Fußspuren, wenn sie über den Boden stapften. Fiel dann Regen oder wurde der Boden zeitweise überschwemmt, entstanden zahlreiche Pfützen – beste Bedingungen für Urzeitkrebse. Heute funktioniert das im Prinzip noch genauso: Es entsteht eine temporäre Wasserstelle, und wenn es an dieser Stelle Urzeitkrebs-Eier im Boden gibt, schlüpfen in Rekordzeit kleine Larven. 17 O-TON (Schill) Dann können wirklich innerhalb von 24 Stunden kleine Urzeitkrebse wieder schlüpfen. Und die beeilen sich dann ganz schnell und wachsen heran, pflanzen sich fort, weil sie letztendlich auch wieder nur eine ganz bestimmte Zeit zur Verfügung haben, bis ihr Lebensraum, wie bei den elterlichen Tieren, dann auch wieder austrocknet. SPRECHERIN Gibt es nur noch wenig Wasser in der Pfütze, ist es an der Zeit, die befruchteten Eier abzulegen. Den richtigen Zeitpunkt dafür erkennt der Triops übrigens mithilfe des dritten Auges – das eigentlich kein Auge ist. 18 O-TON (Schill) Dieses dritte Auge hat keine Sehfunktion. Es dient vielmehr der Regulation von Körperflüssigkeiten, das heißt in diesen Gewässern verändert sich letztendlich immer der Salzgehalt durch Niederschlag und Verdunstung. Und wenn wir so eine Veränderung haben, dann müssen die Triopse sich relativ schnell auf diese veränderten Salzgehalte einstellen. Und dieses sogenannte dritte Auge spielt dabei eine entscheidende Rolle, indem es den Salzgehalt in diesen temporären Gewässern überwacht. MUSIK 7 Mathieu David Gagnon: Point d’ancrage 0‘47 SPRECHERIN Verdunstet das Wasser, steigt der Salzgehalt in der Pfütze – für den Triops das Zeichen, dass sein Lebensraum bald verschwindet. Die abgelegten Eier sichern dann die Nachkommenschaft. Bis die nächste Generation schlüpft, kann allerdings sehr viel Zeit vergehen. Denn die Eier von Urzeitkrebsen sind in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes. 19 O-TON (Schill) Die legen Eier, die dann auch ganz allmählich mit ihrem Lebensraum austrocknen können. SPRECHERIN Normalerweise stirbt ein Lebewesen, wenn es austrocknet. Nicht so die Urzeitkrebs-Eier. 20 O-TON (Schill) Bevor diese Eier vollständig ausgetrocknet sind, erfolgen im Inneren einige Zellteilungen bis zu einer bestimmten Anzahl an Zellen. Und dann gehen diese Zellen in einen Zustand der Anhydrobiose über. Das ist ein Zustand, in dem es keine offensichtlichen Lebenszeichen mehr gibt, in dem die Zellen letztendlich dann auch eingetrocknet sind. Und in diesem getrockneten Zustand können sie über lange Zeiträume hinweg unbeschadet überdauern. Das können viele Monate sein, das können Jahre oder sogar Jahrzehnte sein. SPRECHERIN Man spricht deshalb auch von Dauereiern. Was genau in den Eiern passiert, wie sie trotz Austrocknung überleben, ist für Forschende ein Rätsel. Ralph Schill und sein Team arbeiten daran, dieses Rätsel zu lösen. 21 O-TON (Schill) Wir sind interessiert daran, wie schaffen es diese Zellen trotz Eintrocknen letztendlich lebendig zu bleiben? Und da gibt es sicherlich noch sehr, sehr viel Forschungsbedarf und wir kratzen da momentan mit unserem Wissen wirklich erst an der an der Oberfläche. Aber wenn wir das verstehen, dann hätten wir sicherlich sozusagen ein besseres Verständnis über so grundlegende Erkenntnisse über das Leben und was ist Leben letztendlich? SPRECHERIN Dieses Wissen könnte für uns Menschen noch sehr nützlich werden, zum Beispiel bei Gewebe- oder Organ-Transplantationen. 22 O-TON (Schill) Man kann sich durchaus vorstellen, dass wenn man weiß, wie diese Tiere es schaffen, ihre Zellen einzutrocknen, sodass sie nicht geschädigt werden, dass man dieses Wissen in den medizinischen Bereich überführen kann. Das heißt, wenn es möglich ist, zum Beispiel mehr Zeit zu gewinnen zwischen Entnahme von einem Organ bis zur Transplantation von einem Organ, dann hätte man letztendlich sehr, sehr viel gewonnen. MUSIK 8 Jens Buchert: Open Senses 0‘40 SPRECHERIN Die äußerst widerstandsfähigen Dauereier der Urzeitkrebse sind vermutlich auch ein Grund dafür, dass einige Urzeitkrebs-Arten nicht ausgestorben sind, anders als etwa die Dinosaurier. Urzeitkrebse sind Überlebenskünstler der Evolution. Sie haben es geschafft, sich immer wieder an die unterschiedlichsten Bedingungen der verschiedenen Zeitalter anzupassen. Zumindest bis wir Menschen begannen, die Welt zu verändern und Erdlöcher im großen Stil zuzuschütten. 23 O-TON (Schill) Und diese Zerstörung von solchen Lebensräumen, die hat letztendlich dann auch zu einer starken Dezimierung von diesen Urzeitkrebs-Populationen geführt. SPRECHERIN Insgesamt zwölf Urzeitkrebsarten gibt beziehungsweise gab es in Deutschland. Allesamt sind sie entweder stark gefährdet oder bereits ausgestorben. 24 O-TON (Schill) Zwei von diesen zwölf Arten gelten bereits als ausgestorben oder verschollen. Man hat sie also in den letzten Jahren nicht wiedergefunden. Fünf sind akut vom Aussterben bedroht und die verbleibenden fünf sind zumindest als sehr stark gefährdet eingestuft. Das bedeutet letztendlich, dass sämtliche in Deutschland lebende Urzeitkrebsarten entweder gefährdet oder bereits ausgestorben sind. SPRECHERIN In Bayern gibt es noch einige Orte, wo man – mit sehr viel Glück – Urzeitkrebse finden kann. Zum Beispiel im unterfränkischen Steigerwald. Wo genau, will Roland Eichhorn nicht verraten. Er ist Leiter des Geologischen Dienstes in Bayern. 25 O-TON (Eichhorn) Sie sind eben selten und deswegen wollen wir es dabei belassen, dass es sie in Bayern gibt, dass sie sich auch wohlfühlen. Aber man muss es nicht genauer sagen. Also auf jeden Fall im Steigerwald. Es gibt aber auch noch andere Orte in Bayern, wo man sie finden könnte. MUSIK 9 Simon Bohrer: Löwenzahn 0‘40 SPRECHERIN Tatsächlich war es auch im Steigerwald, wo man zum allerersten Mal fossile, also versteinerte Triopse entdeckt hat. Ein Geologie-Student namens Ferdinand Trusheim fand sie in einem Steinbruch bei Koppenwind, heute ein Gemeindeteil von Rauhenebrach. Trusheim kannte sich bestens mit den Urzeitkrebsen aus: Er hatte seine Diplomarbeit über sie geschrieben, über die lebendigen wohlgemerkt. Denn die hatte er bei Wanderungen durch den Steigerwald oft in Pfützen gesehen. Nach fünf Jahren war er mit seiner Arbeit fertig. 26 O-TON (Eichhorn) Danach war er fertiger Geologe, ging wieder in den Steigerwald, ging an der Pfütze vorbei. Aber diesmal schaut er nicht in die Pfütze, sondern schaut in das Gestein, weil er ja Geologe ist. Und es stockt ihm der Atem. Ganz in der Nähe findet er die versteinerten Urzeitkrebse. Das heißt, er hat eine Stelle auf der Welt gefunden, wo offenbar diese Krebse 225 Millionen Jahre lang gelebt haben – jetzt in der Pfütze, vor 200 Millionen Jahren versteinert. SPRECHERIN Quicklebendige Triopse ganz in der Nähe von versteinerten – eine kleine Sensation. Wobei es die lebendigen Urzeitkrebse in früheren Zeiten noch sehr viel häufiger gab als heute. Zeitweise traten sie sogar in Massen auf. 27 O-TON (Eichhorn) Es gab es so sie so massenhaft in den Pfützen in Wien, dass die Marktweiber angeblich diese als Schweinefutter sogar auf dem Markt verkauft haben. Das ist dokumentiert und nachzulesen. SPRECHERIN Zum Beispiel in dem Bericht eines gewissen K. Lampert in der Zeitschrift Kosmos: ZITATOR Im August des Jahres 1821 wurden in Wien von Marktweibern gar seltsam aussehende, 40-50 mm große Tiere zum Verkauf angeboten. Sie bewegten sich lebhaft im Wasser und sollten nach Angabe der Verkäuferinnen mit dem einige Zeit zuvor niedergegangenen, ungewöhnlich schweren Regen vom Himmel gefallen sein. Den meisten schien dies sehr glaubwürdig, denn die Tiere hatten eine gar absonderliche, nie gesehene Gestalt und fanden sich in ungeheuren Mengen in Pfützen und Regenlachen, an deren Stelle kaum zwei Wochen vorher staubige Straßengräben und mit dürrem Gras bedeckte Mulden zu sehen waren. MUSIK 10 Simon Bohrer: Sunnestore 0‘52 SPRECHERIN Krebse, die vom Himmel gefallen sind, vielleicht sogar aus dem Weltall kommen – eine ziemlich schräge Vorstellung. Aber man konnte sich das plötzliche und massenhafte Auftreten der Urzeitkrebse einfach nicht anders erklären. Erst eine eigens eingesetzte Kommission brachte Aufklärung. Aber trotz aller Erklärungen und Versicherungen, dass die Krebse nicht vom Himmel gefallen sind, hält sich die Bezeichnung „Himmelskrebs“ mancherorts bis heute. Es liegt auch an solchen Geschichten, dass die Urzeitkrebse eine große Fangemeinde haben. Ein weiterer Grund sind die sogenannten Yps-Hefte. 28 O-TON (Eichhorn) Also was die Yps-Hefte angeht, da bin ich ja absoluter Fan gewesen wie ich ein kleiner Junge war. Ich habe ja die Hefte verschlungen und der Gimmick darin, das war ja das Allerbeste. SPRECHERIN 20 Mal lagen der Jugendzeitschrift Yps ab Mitte der 1970er Jahre Urzeitkrebseier bei – kein anderes Gimmick war so häufig vertreten. 29 O-TON (Eichhorn) Dann musste man sich so ein kleines Aquarium machen. Da musste man dann so eine Wasserflüssigkeit anrühren und nach paar Tagen konnte man tatsächlich beobachten, wie die kleinen Krebselchen geschlüpft sind. SPRECHERIN Echte Lebewesen, die aus getrockneten Eiern schlüpfen, das ist schon etwas Besonderes. Auch Ralph Schill war damals beeindruckt – und ist es noch heute. 30 O-TON (Schill) Also ich glaube schon, dass diese Faszination, wie aus einer trockenen Materie plötzlich Leben entstehen kann, mich damals als Kind fasziniert hat. Und das hat sicherlich auch Anteil daran, dass ich heute immer noch begeistert bin, wenn ich wirklich sehen kann, wie aus diesen getrockneten Eiern nach 24 Stunden plötzlich kleine Krebschen entstehen. Diese Faszination kann man vielleicht wirklich auf die Kindheit zurückführen. SPRECHERIN Wobei man sagen muss, dass es sich nicht um echte Urzeitkrebse gehandelt hat. Den Yps-Heften lag ein anderer Krebs bei, der sich evolutionär erst später entwickelt hat. Und der auch nicht in Pfützen oder Tümpeln lebt. 31 O-TON (Eichhorn) Es ist kein Süßwasserkrebs. Nein, die Yps-Macher, die haben Salzwasser-Krebseier hergenommen von einer anderen Art, und die kommt gar nicht aus der Urzeit. Die ist ganz neu, aber viel, viel pflegeleichter. Die heißt Artemia. Na ja, es war eigentlich eine kleine Verbrauchertäuschung, aber hey, jetzt sind wir alle alt und Yps gibt’s gar nicht mehr, jetzt darf man das verraten (lacht). MUSIK 11 Jens Buchert: Dragonfly 1‘05) SPRECHERIN Die Yps-Hefte sind seit vielen Jahren eingestellt. Die Begeisterung für Urzeitkrebse hält hingegen an: Die Eier sind in Zoo- oder Aquariengeschäften erhältlich. In Internet-Foren tauschen sich Fans über Aufzucht und mögliche Fundorte aus. Vielleicht haben einige von ihnen auch mitgefiebert, als mehrere Triops-Eier zur ISS geflogen sind. Forschende der internationalen Raumstation testeten, ob die extreme Temperatur im All und die Weltraumstrahlung den Tieren etwas anhaben können. Mehrere Monate umrundeten die Urzeitkrebseier in Proben-Container an der Außenseite der ISS den blauen Planeten. Und siehe da: Zurück auf der Erde schlüpften aus den Eiern wieder kleine Urzeitkrebs-Larven. Mission geglückt! Zumindest für diese Tiere stimmt sie nun in gewisser Weise also doch – die Bezeichnung „Himmelskrebse“.
- Italienische Saisonarbeit in Bayern - Transalpini im 19. Jahrhundert
13.05.2025 · 24 Min.
Bittere Armut trieb die Menschen in Norditalien dazu, sich in den Sommermonaten auf bayerischen Baustellen und Ziegeleien zu verdingen. Der Bauboom des späten 19. Jahrhunderts ist auch ihr Verdienst. Von Julia Devlin Credits Autorin dieser Folge: Julia Devlin Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Thomas Birnstiel, Caroline Ebner, Sebastian Fischer Technik: Robin Auld Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Lambert Grasmann, ehem. Direktor des Heimatmuseums Vilsbiburg Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Mutter haben - Eine Familiengeschichte im Schatten der deutschen Teilung von Ruth Johanna Benrath in 2 Episoden JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Pietro Menis Meinen Einstand, meine erste Erfahrung in Deutschland erlebte ich zu Beginn des Jahrhunderts in der Ziegelei von Marktoberdorf in Bayern. Ich war noch keine elf Jahre alt und hatte nie zuvor einen Zug bestiegen, noch die Welt jenseits der Berge von Gemona gesehen. Dreißig Stunden dauerte die Fahrt in drei verschiedenen Zügen: einer bis zur Grenze bei Pontebba, ein zweiter durch Österreich bis Kufstein und ein dritter durch Ebenen, dichte Wälder und geschäftige Städte des fetten Bayern. Wie groß war doch die Welt! SPRECHERIN So beschrieb der Schriftsteller Pietro Menis, wie er im Jahr 1903 das erste Mal nach Bayern kam, um als "Mui", als Wegtrager in einer Ziegelei zu arbeiten. Er war zehn Jahre alt, und ihn quälte das Heimweh. ATMO Dampfzug ZITATOR Pietro Menis 'Gleich sind wir da, "mui", packt eure Sachen.' Durch das beschlagene Fenster sah ich dichtes Schneetreiben. Kurz danach hielt der Zug unter einem kleinen Dach, unter das der Sturm den Schnee trieb. Ich zitterte vor Kälte und Angst. 'Um diese Zeit macht deine Mutter die Polenta!' sagte einer. Ich begann zu weinen; sie hatten ihr Ziel erreicht und lachten mit unmenschlichem Vergnügen. Ich erinnere mich, daß 'die Großen', die 'eisenharten' Ziegler, auch später, in den folgenden Jahren, ihren Sadismus auslebten, indem sie den Jüngsten ihre heiligste Zuneigung in Erinnerung riefen - die geliebten Gesichter in der Ferne. SPRECHERIN Pietro war einer von tausenden Italienern, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihre ländlich geprägte Heimat in Norditalien verließen, um sich während der Sommersaison im Ausland zu verdingen. ZITATOR Pietro Menis Die 'Arbeit', die Ziegelei, befand sich in einem kleinen Tal zwischen einem Hügel, der rechts anstieg, und einem Fluß, der links hinunterfloß. 'Beim Morgengrauen geht's los. An die Mutterbrust könnt ihr euch im Herbst wieder werfen...' MUSIK 2 Gerd Baumann & Gregor Hübner: In dead silence 1‘00 SPRECHERIN Es war die bittere Not, die die Menschen dazu zwang. Schon immer war es in den kargen Alpentälern schwer gewesen, sich ein Auskommen zu verschaffen, und Saisonwanderung, besonders von spezialisierten Handwerkern wie Terrazzolegern und Schmieden, aber auch von Krämern, hatte jahrhundertealte Tradition. Dann geriet die italienische Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine Krise, da billige Agrarprodukte aus Russland und den USA auf den Markt kamen. Dies traf besonders die norditalienische Region Friaul schwer. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung stark an, vor allem, weil die Kindersterblichkeit erheblich zurückging. Die Menschen verarmten, denn es gab nicht genug Arbeitsplätze in der Nähe. Nun waren es nicht mehr nur die spezialisierten Handwerker, die saisonal nach Arbeit suchten, sondern vor allem ungelernte Kräfte. ATMO Baulärm SPRECHER Anders nördlich der Alpen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Industrialisierung im Deutschen Kaiserreich Fahrt auf, die Städte wuchsen, das Eisenbahnnetz verdichtete sich. Es gab immer mehr Arbeit, und immer mehr Baustellen. Gleichzeitig wurde es auch immer schwieriger, in den Sommermonaten genügend Arbeitskräfte für die Saisonarbeit zu finden. Mit Einheimischen war das nicht mehr zu stemmen - zumal am Ende des 19. Jahrhunderts eine Auswanderungswelle knapp zwei Millionen Deutsche nach Übersee geführt hatte. Da lag es nahe, ausländische Arbeitskräfte anzustellen. Sie waren bereit, die harte Arbeit zu leisten, die bei den Einheimischen nicht beliebt war. MUSIK 3 Gerd Baumann: Sieben Leben 0‘56 SPRECHERIN Auch Bayern boomte. Hier fanden vor allem Arbeitskräfte aus Italien Arbeit. Weil sie von jenseits der Alpen kamen, wurden sie "transalpini" genannt. Sie fanden - wie Pietro Menis - vor allem in den zahlreichen Ziegeleien Arbeit. Wo immer sich im lehmreichen Bayern im 19. Jahrhundert ein Vorkommen dieses Rohstoffs fand, wurde er alsbald abgebaut, zu Ziegeln verarbeitet und zu den nächstgelegenen Baustellen gebracht. Zahlreiche Ziegeleien gab es zum Beispiel um Augsburg und München. Die dort gefertigten Ziegel wurden für den Bau der rasch wachsenden Stadt benötigt, für die großen Kasernen, für die Pflasterung der Gehwege und Straßen und für die Tunnel der neuen Kanalisation. Die Städte waren ziegelhungrig, sie verschlangen Unmengen des Baustoffes. SPRECHER Doch auch anderswo, wo der Rohstoff Lehm zu finden war, entstanden aufgrund der großen Nachfrage Ziegeleien. So auch im niederbayerischen Vilsbiburg. Im Heimatmuseum der Stadt erfährt man viel zu der Ziegeleigeschichte. Lambert Grassmann hat hier in seiner Zeit als Direktor des Heimatmuseums die Abteilung "Ziegelpatscher und Ziegelbrenner im Vilsbiburger Land" eingerichtet. Im obersten Stockwerk des stattlichen Baus - dem ehemaligen Heilig-Geist-Spital aus dem Spätmittelalter- kann man seine Funde bewundern. SPRECHERIN Da gibt es Dachziegel aller Formen und Größen, tönerne Wetterhähne, die hölzernen Formen, in denen der rohe Lehm gepresst wurde. Es gibt markierte Ziegelsteine, die Beschriftungen tragen, auf denen eine Zeichnungen eingeritzt ist oder ein Name. Dies sind die Feierabendziegel, bei denen sich ein Ziegler die Freude gemacht hat, einen Ziegel individuell zu verschönern. Anrührend das Exemplar, das den Abdruck einer kleinen Hand zeigt: Hier hat ein Kind, vielleicht so alt wie Pietro Menis, seine Hand in den noch feuchten Lehm gedrückt. Lambert Grasmann hat diese Exponate zusammengesucht. Wie er erzählt, hat er O-Ton Grasmann 1 Darunter einen Ziegelstein erhalten, eine Bodenplatte, die bezeichnet ist: "Buia, Santi Angelo". Kein Mensch hat gewusst, was das bedeutet. SPRECHER Die quadratische Platte aus Ton stammte aus einem Bauernhaus der Umgebung. Sie war Teil des Fußbodenbelags gewesen. Jemand hatte sich große Mühe damit gegeben, in sorgfältigen Buchstaben in den noch feuchten Ton zu ritzen: Buia Santi Angelo. O-Ton Grassmann 2 Der Kreisheimatpfleger von Dingolfing, Fritz Markmüller, hat mir das aufgelöst: Buja ist eine Stadt, wo - aus dem Umkreis vor allem - Ziegler nach Bayern, in die Schweiz und nach Frankreich gewandert sind und haben Ziegel hergestellt. SPRECHERIN Buja liegt im Friaul, einer Landschaft in Venetien im Nordosten Italiens. Die in Bayern tätigen transalpini kamen vor allem aus dieser Gegend. Lambert Grassmann hat sogar noch einen persönlichen Kontakt zu den transalpini herstellen können. O-Ton Grassmann 3 Und ich habe einen alten Herrn gefunden, der ist mir verraten worden von der Gemeinde, einen Domenico Calligaro, dessen Vater in Vilsbiburg von 1883 bis 1908 Akkordant, also Ziegelmeister war, und der für die Anwerbung der Arbeiter, dann fürs Essen zuständig war, und auch für die Bezahlung, die er ja vom Ziegeleibesitzer erhalten hat, die hat er dann an die Arbeiter weitergegeben. SPRECHERIN Die Akkordanten waren Zwischenunternehmer. Sie waren oft selber Ziegeleiarbeiter gewesen und beherrschten die benötigten Sprachen - deutsch, italienisch und das im Friaul gesprochene furlanisch. Vor Saisonbeginn handelten sie mit den Ziegeleibesitzern einen Vertrag aus. Darin wurde festgelegt, wieviele Steine zu liefern waren und wie die transalpini untergebracht und verpflegt würden. Auch der Preis für 1000 Stück Steine wurde ausgehandelt. Mit dem Vertrag in der Tasche kehrten die Akkordanten ins Friaul zurück und warben dort eine Mannschaft, die sogenannte squadra an. Die Menschen, die die Wintermonate ohne Einkommen gewesen waren, verpflichteten sich bereitwillig. Diese Tage des Anheuerns wurden in einigen Dörfern wie ein Volksfest begangen, auch wenn kritische Stimmen von einem "Markt für Menschenfleisch" sprachen. MUSIK 4 Gerd Baumann: Brenner 1‘00 SPRECHER Im März oder April brachen die Ziegler dann nach Deutschland auf. Vor dem Bau der Bahn war dies ein Fußmarsch von etwa zehn Tagen. Die Route folgte jahrhundertealten Pfaden, über den Plöckenpass, den Felbertauern und den Pass Thurn nach Kitzbühl und Kufstein bis nach Bayern. Der Akkordant führte seine Arbeitsgruppe, organisierte die Verpflegung und die Unterkunft auf der Strecke. SPRECHERIN Mit der Brennerbahn wurde 1867 eine direkte Verbindung zwischen Deutschland und Italien geschaffen. Dies verkürzte die Reisedauer nach Bayern auf zwei Tage. Im Herbst ging es dann zurück. Der Akkordant Luigi Calligaro blieb jedoch in Vilsbiburg, wie Lambert Grassmann von dessen Sohn erfahren hat. O-Ton Grassmann 4 Der Domenico Calligaro, 1890 geboren, war natürlich bei seinem Vater mit dabei, und der Mutter, und die haben diese Jahre, von 1883 bis 1908 in Vilsbiburg gelebt. Die sind praktisch nicht heimgefahren, oder heimgewandert, wie die Ziegelarbeiter, die ja im März gekommen sind und im Oktober, spätestens Anfang November wieder in die Heimat mit Geld zurückgekehrt sind, sondern der ist dageblieben. Dieser Luigi Calligaro, dieser Akkordant, der hat in Vilsbiburg eine gehobene Stellung gehabt. Der war schon jemand, den man auch gehört hat. SPRECHER Durch ihre Orts- und Sprachkenntnisse hatten die Akkordanten eine mächtige Position, denn die von ihnen geworbenen Saisonarbeiter waren auf sie ebenso angewiesen wie die Ziegeleibesitzer. Möglicherweise war die verbesserte Bahnverbindung der Grund dafür, dass der Akkordant Luigi Calligaro nicht mehr als Begleitung benötigt war. Auch war es für das Familienleben einfacher - der Sohn Domenico musste nicht aus seinem Alltag herausgerissen werden. O-Ton Grassmann 5 Er war ja im Kindergarten in Vilsbiburg, und ist auch in die Schule gegangen, er hat mir sein Schulzeugnis gezeigt. Ich hab von seinem Sohn dann, vom Piere-Luigi, ein Erstkommunionzeugnis von 1901 bekommen; das kann man im Heimatmuseum sehen. MUSIK 5 Salewski & Thomas Geltinger: Radfahren 0‘52 SPRECHERIN Fast achtzig Jahre später kehrte Domenico Calligaro nach Vilsbiburg zurück - 1979, zu einem Klassentreffen. Lambert Grassmann hat ihn dann kurz darauf während eines Italienurlaubs in Buja besucht. Daraus entwickelte sich nicht nur eine persönliche Freundschaft, sondern auch eine lebendige Städtepartnerschaft zwischen Vilsbiburg und Buja. SPRECHER Sehr gerne kommen die Besucher aus Buja ins Museum, denn hier liegt ein Verzeichnis mit über 2.300 italienischen Ziegelarbeitern und -arbeiterinnen aus. Lambert Grasmann hat dazu Krankenversicherungsunterlagen ausgewertet. Denn im wilhelminischen Kaiserreich waren ab 1883 alle Beschäftigten in Handwerks-, Fabrik- und Gewerbebetrieben krankenversicherungspflichtig. O-Ton Grassmann 7 Da sind also die Namen drin, die Herkunft der Ziegler, die persönlichen Daten, der Arbeitsort, und die Arbeitszeit, also vom Anfang bis zum Herbst, solang sie halt da waren. SPRECHERIN Eine Fundgrube für die Familienforschung. O-Ton Grassmann 8 Wenn Besucher aus Buja kommen, da können die wunderbar suchen drin, die finden dann einen Angehörigen, der da gearbeitet hat. MUSIK 6 Salewski & Thomas Geltinger: Oli 1‘00 SPRECHERIN Die Arbeit in den Ziegeleien war hart. Ein zeitgenössischer Beobachter schreibt: Zitator Giovanni Cosattini Die Arbeiter, welche der größten Anstrengung unterworfen sind, sind die Handformer, deren Arbeit, den Tonklumpen hochzuheben und in die Form zu drücken, eine große Arbeitskraft in Armen und Brust erfordert... Jeder Ziegelformer hat eine Arbeitsbank zu seiner Verfügung nebst einer kleinen Kiste für den Sand, der auf das Rohmaterial gestreut wird... Ihm helfen zwei Muli, wie im Berufsjargon die beiden Knaben zwischen 10 und 15 Jahren genannt werden, denen es obliegt, die gefüllte Form aufzuheben, den Ziegel herauszunehmen, ihn auf den Trockenplatz zu schaffen, die Form zur Bank zurückzubringen, sie mit Sand zu bestreuen und dem Former zu reichen. SPRECHERIN Auch Frauen wurden als Muli eingesetzt. O-Ton Grassmann 15 Die Frauen, das waren die Wegtrager. Und die Kinder. Die mui auf Furlan, auf Friulanisch, und sonst auf Italienisch heißen sie muli. So hat man sie genannt, und so hat man sie auch benutzt. SPRECHERIN Zwischen fünf- und siebentausend Ziegel musste ein einzelner stampatore, ein Ziegelpatscher, wie er auf bayerisch hieß, an einem Tag schlagen. Die Arbeit begann zwischen vier und fünf Uhr morgens und dauerte bis in die Nachtstunden. Und dies bei ebenso dürftiger Ernährung, die vor allem aus Polenta und Käse bestand, und bei dürftiger Unterkunft: Die Schlafräume waren meist mit Stroh ausgelegte Bretterverschläge auf dem Gelände der Ziegelei, oder die Holzböden der Trockenstadel. SPRECHER Im Jahre 1879 setzte das Königreich Bayern eine Gewerbeaufsicht ein, um den Schutz von Arbeitern und Arbeiterinnen in Betrieben zu kontrollieren. Lambert Grassmann weiß zu berichten: O-Ton Grassmann 9 Da ist der sogenannte Fabrikeninspektor gekommen aus Landshut und hat nachgeschaut, wie es mit den Arbeitsstellen ausschaut, mit den Unterkünften, etc., mit den hygienischen Verhältnissen, und das waren natürlich nicht die besten. Gerade die sogenannten Aborte, hat er geschrieben: "Es gibt kein Dach, es gibt keine Seitenwand, es gibt keine Rückwand, es gibt keine Türe. Es gibt nur einen Balken." Und dann, aufgrund dieser Beanstandung, ist es dann besser geworden. Es sind dann feste Unterkünfte gemacht worden, ein paar Häuser stehen noch... SPRECHER Besonders die Kinder- und Jugendarbeit in den Ziegeleien war der Gewerbeaufsicht ein Dorn im Auge. Sie versuchten, das Mindestalter für die Jugendlichen heraufzusetzen und ihre Arbeitszeit zu begrenzen. O-Ton Grassmann 10 Es hat einen Aushang geben müssen, wo also diese Schüler aufgelistet werden müssen, 28.47 und da ist also immer wieder aufgefallen, dass welche unter 13 Jahren, mit 10 Jahren also haben sie welche mitgenommen. Und die san dann heimgeschickt worden. Wie das gegangen ist, weiß ich nicht, aber sie sind dann heimgeschickt worden. MUSIK 7 Salewski & Thomas Geltinger: Martins Aquarium 1‘24 SPRECHERIN Auch in der bayerischen Schulbehörde sorgte man sich um die minderjährigen Italiener. Denn die Schulpflicht erstreckte sich in Bayern auch auf ausländische Kinder. So richtete ab 1890 die Schule an der Wörthstraße im Münchener Stadtteil Haidhausen eigene Schulklassen ein, in denen die Kinder der transalpini und jugendliche Ziegeleiarbeiter auf Italienisch unterrichtet wurden. Hier, am Ostufer der Isar, befanden sich zahlreiche Ziegeleien, denn zwischen Ismaning und Ramersdorf erstreckte sich eine ertragreiche Lehmzunge. SPRECHER Das Ansinnen mutet heute bemerkenswert fortschrittlich an. Es war ein bayerisch-italienisches Prestigeprojekt. Der päpstliche Nuntius schaute gelegentlich vorbei. Der italienische Generalkonsul und der Vizekonsul ließen sich gerne bei der jährlichen Abschlussfeier sehen, und dank großzügiger Spenden wurde jedes Kind an diesem Tag mit einem neuen Gewand, einer Brotzeit und einem Glas Bier bedacht. Doch die gutgemeinte Idee scheiterte an der Praxis. Zu weit waren die Wege, und zu sehr wurde die Arbeitskraft auch der Jüngeren gebraucht. Und so wurde das Projekt schon 1904 wieder aufgegeben. SPRECHERIN Auch die katholische Kirche kümmerte sich um die transalpini. Dies war aufgrund der Konfession naheliegend. Die Kirche verglich die Arbeitsmigration mit dem Exodus der Israeliten aus Ägypten oder mit der Flucht der Heiligen Familie. Sie gründete die Hilfsorganisation "Opera di assistenza". Lambert Grassmann weiß von Vilsbiburg zu berichten: O-Ton Grassmann 13 31.01 1898 hat also die Obrigkeit möglich gemacht, dass die italienischen Ziegelarbeiter in der Wallfahrtskirche Maria Hilf zu Vilsbiburg einen Gottesdienst haben besuchen können, und die Predigt hat ein aus München stammender ... Pater gehalten, der Pater Linus, der war Vikar des Kapuzinerklosters in München, hat natürlich Italienisch können, vielleicht war's sogar ein Italiener. MUSIK 8 Pixner, Delgado, u.a.: Melanchodia 1‘16 SPRECHER Neben den Ziegeleien waren die zahlreichen Baustellen im Boomland Bayern ein Betätigungsfeld der transalpini. Im Hoch- und Tiefbau, für Häuser, Tunnels, Straßen und Eisenbahn wurden die italienischen Wanderarbeiter eingesetzt. Hier kamen den transalpini ihre Erfahrung mit dem schwierigen Terrain der Alpen zugute. Der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf schildert in seinem autobiografisch geprägten Roman "Das Leben meiner Mutter", wie er einen solchen Bautrupp erlebte: ZITATOR Oskar Maria Graf Die Bauleute setzten sich zum Teil aus bärtigen, dunkelhäutigen, ausgedörrten Italienern zusammen... Sie redeten ein ziemlich unverständliches Kauderwelsch zusammen, aber sie schufteten viel ergebener als die einheimischen, meist schon gewerkschaftlich organisierten Maurer. Sie kamen scharenweise Sommer für Sommer aus den armen Gegenden ihrer fernen Heimat, arbeiteten für jeden Lohn und kannten nur eine Kameradschaft unter sich, die wahrscheinlich auch nur von der gleichen Sprache herrührte. Sie knauserten und sparten und waren auf jeden Pfennig Nebenverdienst gierig erpicht... SRECHERIN Oskar Maria Graf beschreibt, warum die transalpini als Arbeitskräfte so beliebt waren: sie waren zuverlässig, anspruchslos und bereit, die unbeliebte, harte Arbeit zu leisten. Zudem waren sie durch ihre mangelnden Deutschkenntnisse und ihren immer nur saisonalen Einsatz isoliert. Daher wurden sie gerade auf Baustellen immer wieder als Streikbrecher und Lohndrücker eingesetzt, wo sie teilweise durch Polizei von den einheimischen Arbeitern abgeschirmt werden mussten. Denn sie machten sich dadurch natürlich nicht beliebt. Die Bezeichnung "Furlan", eigentlich nur die Bezeichnung für eine Person aus dem Friaul, wurde in deutschen Maurerkreisen sogar ein Synonym für einen Streikbrecher. SPRECHER Graf spricht auch die Sparsamkeit der transalpini an. Sie gaben kaum etwas für sich selber aus, denn sie wollten möglichst viel Geld mit zurück nach Hause nehmen. Das trug in der Tat Früchte. Der Lebensstandard in der Heimat besserte sich, denn die Wanderarbeiter brachten nicht nur ihr Geld, sondern auch ihr Wissen und ihre Fertigkeiten mit ins Friaul. Die Schattenseite war jedoch, dass sie über ein halbes Jahr zuhause fehlten - ein geregeltes Familienleben war mit monatelang abwesenden Familienvätern nur schwer möglich, und die Arbeit in der Landwirtschaft mussten die Daheimgebliebenen stemmen. SPRECHERIN Eine weitere Schattenseite war der gestiegene Bierkonsum der Heimgekehrten. Oft wurde auf den bayerischen Ziegeleien Bier ausgeschenkt, und viele transalpini wollten es auch während der Wintermonate in der Heimat nicht mehr missen. Die Brauereien im Friaul steigerten ihre Produktion zwischen 1890 und 1914 um das Neunfache. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Todesfälle durch Alkohol rasant an. Besonders beunruhigend war, dass gerade die Kinder und Jugendlichen, die aus Bayern zurückkehrten, sich das Biertrinken angewöhnt hatten. MUSIK 9 Gerd Baumann & Ensemble: Neon poetry 1‘21 SPRECHER Wie viele transalpini in Bayern arbeiteten, lässt sich nur ungenau feststellen, Schätzungen gehen von zwölf- bis fünfzehntausend Personen für eine Sommersaison aus. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam die Massenwanderung schlagartig zum Erliegen. Die Italiener, die sich gerade zur Saisonarbeit in Bayern aufhielten und im August 1914 von der Kriegserklärung überrascht wurden, kehrten überstürzt nach Hause zurück. Angetrieben von der Furcht, dass eine Rückkehr später nicht mehr möglich sein könnte. Es gab Unruhen und Staus in vielen Grenzorten, so auch in Kufstein, ein Nadelöhr für die transalpini, die von Bayern ins Friaul zurück wollten. Oder mussten: Denn viele transalpini erhielten einen Einberufungsbefehl. Aus Zieglern wurden nun Soldaten. Das Kriegerdenkmal in Buja zählt 101 Ziegler auf, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. SPRECHERIN Und so kam die lange Tradition der Arbeitsmigration von Italien nach Bayern zum Erliegen. Erst gute vier Jahrzehnte später, in der Wirtschaftswunderzeit, schloss die junge Bundesrepublik ein Abkommen über Arbeitswanderung mit Italien. Dabei zeigte sich, dass beide Seiten noch stark auf die Erfahrung der transalpini vor dem Ersten Weltkrieg zurückgriffen, was eine Illusion der Rückkehr anbetraf. Vor allem die Bundesregierung glaubte, dass die sogenannten Gastarbeiter saisonal oder nach Konjunktur zu steuern wären, weil man sich noch an der zyklischen Arbeitsstruktur des Kaiserreichs orientierte. MUSIK 10 Iso 68: Diffusion capricc. 0’47 SPRECHER Was bleibt von Jahrzehnten der Arbeitsmigration? Nur wenige transalpini ließen sich auf Dauer in Bayern nieder. Doch ihr Vermächtnis findet sich in den Bauten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, vermauert in Häusern und Schulgebäuden, Kirchen und Kasernen, Krankenhäusern und dem unterirdischen Kanalnetz der Städte.
- Muttertag - Wer hat's erfunden?
11.05.2025 · 23 Min.
Bis heute haftet dem Muttertag seine schwärzeste Epoche an: Im Nationalsozialismus wurde er von einer menschenverachtenden Ideologie durchzogen. Doch stammt der Tag ursprünglich aus der Frauen- und Friedensbewegung. Die Geschichte eines bis heute umstrittenen, vielgesichtigen Feiertags. Von Karin Becker (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Karin Becker Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Heiko Ruprecht, Hemma Michel, Benjamin Stedler Technik: Adele Meßmer Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Dr. Désirée Waterstradt, Soziologin, Familienforscherin Hartmut Knack, Kultur- und Kunstwissenschaftler Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN „Einmal im Jahr feiert das deutsche Volk seine Mütter. An einem Tag im Jahr werden sie ans Licht gezerrt, mit Reklamen gepriesen, mit Sentimentalitäten verziert, mit Sinnsprüchen gewürdigt und mit beweglicher Pathetik gerühmt. (…) Dann, abends schleichen die Mütter allmählich wieder in das bescheidene Halbdunkel ihrer Alltage zurück (…).“ SPRECHER So beschreibt die Schriftstellerin und Psychologin Alice Rühle-Gerstel den Muttertag: als ein unehrliches Spektakel ohne wahre Bedeutung. Und das bereits 1932, als es diesen Feiertag in Deutschland noch nicht lange gibt. ZITATORIN „Danke für die Blumen. Rechte wären uns lieber.“ SPRECHER So klingt Kritik am Muttertag vierzig Jahre später, auf einem Flugblatt des Frauenforums München. Für die Feministinnen der neuen deutschen Frauenbewegung Anfang der 1970er Jahre ist der Muttertag nichts anderes als ein Instrument zur Aufrechterhaltung des Patriarchats. Heutzutage sind weitere Kritikpunkte hinzugekommen. Wie der Vorwurf, dass der Muttertag bestimmte Familienmodelle ausschließe: Was, wenn es etwa keine leibliche Mutter gibt – hat eine Familie dann nichts zu feiern? Zeit seines Bestehens hat dieser nicht-gesetzliche Feiertag Kritik auf sich gezogen. Doch zumindest eine diskreditierende Behauptung ist – so hartnäckig sie sich auch hält – eindeutig falsch: Es waren nicht die Nationalsozialisten, die den Tag erfunden haben. Auch wenn sie ihn auf üble Weise für sich zu nutzen suchten. Tatsächlich stammt der Muttertag ursprünglich aus der US-amerikanischen Frauen- und Friedensbewegung. Deren Ziel: Mütter vernetzen und stärken. MUSIK 2 Monaco F: Mei Muada 0‘20 Der Muttertag ist ein historisch schillernder, widersprüchlicher Feiertag, in dem sich seit über hundert Jahren viele wechselnde Interessen und Emotionen spiegeln. MUSIK 3 Fiona Brice: Through Her Eyes 0’35 SPRECHER Als geistige Schöpferin des Muttertages gilt Ann Maria Reeves Jarvis. Die Ehefrau eines methodistischen Pastors in Virginia engagiert sich Mitte des 19. Jahrhunderts wohltätig, insbesondere für Familien der Arbeiterklasse. Im Sommer 1865 ruft die US-Amerikanerin dann offiziell eine Mütterbewegung mit dem Namen "Mother´s Friendship Day" ins Leben. Die Familienforscherin und Soziologin Désirée Waterstradt: OTON 1 WATERSTRADT „Man muss sagen, dass Mütter im neunzehnten Jahrhundert einfach wahnsinnig litten unter Arbeitsbelastung, Armut, keine Verhütungsmittel, Kinderreichtum, hohe Kindersterblichkeit und all diese Belastungen. Auch wenn der Mann starb im Krieg - und das war ja nun gerade zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs - dann waren die Mütter alleine da und mussten für die Kinder sorgen. Und insofern waren Mütter extrem belastet. Und diese Mütter trafen sich und haben sich eben ausgetauscht über ihre alltäglichen Probleme. Wie werde ich mit meinem Alltag fertig? Wie kriege ich das hin? Und wer bin ich dabei überhaupt? (…) Dieser „Mutter Freundschaftstag“, wenn man es mal übersetzt, (…) der stand (…) im Zeichen der Frauen- und Mütterbewegung, indem sich Mütter als Subjekte sahen und tatsächlich entdeckten, dass ihre Sicht auf die Welt eine ganz andere ist, als die der Männer.“ SPRECHER In weiten Teilen der US-amerikanischen Frauenbewegung, ebenso wie in religiösen Gemeinden, gilt „Mütterlichkeit“ damals als eine weibliche Tugend, die für die gesamte Gesellschaft wichtig und heilsam ist; sie ist keine rein private Qualität, sondern ein öffentliches Handlungsprinzip, das auch in Politik und Gesellschaft angewendet werden soll. MUSIK 4 Stars And Stripes foeever. Bearbeitet für Orgel 0‘20 Ann Maria Reeves handelt danach: Während des amerikanischen Bürgerkriegs versorgt sie mit Hilfe ihres Mütternetzwerkes Soldaten mit Medizin und Hilfsgütern, und zwar unabhängig davon, auf welcher Seite diese kämpfen. Und das, obwohl sie selbst mehrere ihrer dreizehn Kinder in diesem Krieg verloren hat. MUSIK 5 Hopeful Outlook (piano solo) 0‘50 Nach den Kämpfen wird ihr „Mother´s Friendship Day“ zu einer Institution der „Reconstruction“, also der Wiedereingliederung und der Aussöhnung zwischen den verfeindeten Nord- und Südstaaten. Für einen offiziellen Tag zur Ehren der Mütter votiert und betet Ann Maria Reeves vergeblich. Erst nach ihrem Tod 1905 kommt dieses Projekt in Schwung: Eine ihrer Töchter, Anna Marie Jarvis, macht sich nun die Einführung eines Muttertags vehement zur persönlichen Lebensaufgabe. Am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter, veranlasst sie in ihrer Heimatgemeinde in Grafton, West Virginia, einen Gottesdienst zum Gedenken an ihre Mutter. Schon im Jahr darauf soll die Veranstaltung noch immer die eine, aber zusätzlich auch alle Mütter ehren. Anna Jarvis gründet Komitees, schreibt Briefe und Petitionen, sucht sich Verbündete. Als „Memorial Mothers Day Meetings“ verbreiten sich die von ihr initiierten Feierlichkeiten am zweiten Maisonntag von Jahr zu Jahr weiter. Die geschickte Vorkämpferin verpasst dem Projekt Muttertag auch ein Symbol: die Nelke, Lieblingsblume ihrer Mutter. MUSIK 6 Fiona Brice: Through Her Eyes 0’25 ZITATORIN “Jeder soll diese Blume tragen. Denn die weiße Nelke ist besonders dazu angetan, die Tugenden der Mutterschaft zu versinnbildlichen; ihre Weiße steht für Reinheit; ihre Langlebigkeit für Treue; ihr Duft für Liebe; ihre weite Verbreitung für Wohltätigkeit; ihre Form für Schönheit.“ MUSIK 7 Tomorrows Mother’s Day, aus Gypsy 0’30 SPRECHER Anna Jarvis setzt bei ihrer Kampagne auf Emotionen und rüttelt auch nicht wirklich am traditionellen Mutterbild. Sie hat schnell Erfolg. 1914 wird der Muttertag in den USA offiziell als staatlicher Feiertag ausgerufen. Mit der ursprünglichen Idee organisierter, öffentlich aktiver Mütter hat der Tag zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr viel zu tun. Sein rascher Aufstieg ist eher mit der Bedürftigkeit der Menschen in einer Zeit des Umbruchs zu erklären, so Désirée Waterstradt: OTON 2 Waterstradt „Amerika wurde zu einer bedeutenden Wirtschaftsnation in dieser Zeit. Mit all den Problemen, mit der Armut, mit den psychischen Problemen, mit denen das einherging. (….) Also, das traf auf eine Gesellschaft, die eben unter massiven Wandlungs Druck stand, und die wuchs und sich ausdifferenzierte und in der eben kein Stein mehr auf dem anderen blieb, um es mal so zu sagen. (…) Und insofern war es das Bedürfnis, ja, wieder nach Fürsorge. Und dass es eben nicht nur diese kalte wirtschaftliche Welt gibt, in der ich ja einfach eine austauschbare Person bin, die kommt zum Arbeiten und wieder geht, sondern die tatsächlich von einer Mutter angenommen wird, ein ganzes Leben lang kostenlos mit Fürsorge bedacht wird.“ MUSIK 8 Overture, aus Gypsy 0’20 SPRECHER Rechtzeitig vor dem Muttertag starten nun unübersehbare Werbekampagnen. Die US-amerikanische Wirtschaft klinkt sich in den Feiertag ein, will Dinge wie Postkarten und Süßwaren verkaufen. Die Nelkenpreise beginnen alljährlich Anfang Mai zu steigen - und Anna Jarvis verzweifelt an ihrer eigenen Schöpfung. Ihr Ziel ist, wie sie schreibt, ein „Tag der Gefühle, nicht des Kommerzes“ gewesen. Nun bekämpft sie den Muttertag, ruft zu Boykott auf, überzieht Blumenhändler mit teuren Klagen, stört Veranstaltungen und wird 1925 bei Feierlichkeiten wegen „ordnungswidrigen Verhaltens“ zwischenzeitlich sogar verhaftet. OTON 3 Waterstradt „Die hat bis zum Schluss gegen diese Verdrehung des Muttertages gekämpft und ist dann, weil sie da wirklich alles eingesetzt hat zusammen mit ihrer Schwester, in Armut gestorben, weil sie es einfach nicht hingekriegt hat, gegen diese massive Kommerzialisierung, Romantisierung sich durchzusetzen.“ MUSIK 9 (IN-SPIRED MUSIC / Subpublish: Delicate Moment 1’30) SPRECHER Der US-amerikanische Muttertag verbreitet sich nach dem Ersten Weltkrieg international, kommt nach Großbritannien, Skandinavien, in die Schweiz. Für seine Einführung in Deutschland spielen seine kommerziellen Möglichkeiten eine große Rolle – wenn auch im Verdeckten. In einer Zeitschrift namens „Ethische Kultur“ ist 1923 – die Folgen des Ersten Weltkriegs sind noch deutlich spürbar – folgender Aufruf zu lesen: + MUSIK 10 Fabian Bitter: Dark Pulse (Reduced) 0’30 ZITATOR Knauer „Ernste Frauen und Männer wissen, dass die Wiederaufrichtung unseres Volkes nur bei seiner sittlichen Erneuerung beginnen kann. Hierzu muss der Grund aber in der Familie gelegt werden. Die Familie ist die Keimzelle des Staates. (…) Wer ist nun die vor allem berufene Hüterin und Trägerin unseres Familienlebens? Die Deutsche Frau und Mutter! (…) Uns Deutschen fehlt ein großer vaterländischer Weihe- und Festtag. Wohlan, füllen wir die Lücke aus, indem wir der deutschen Mutter einen Ehrentag bereiten. (…) An diesem Tage wollen wir unser Heim schmücken. Der Mutter gehört der Ehrenplatz. Er werde bekränzt! Blumengrüße sollen ihr unseren Dank, unsere Liebe kundtun. Auch äußerlich soll ein Zeichen, etwa eine Blume im Knopfloch oder an der Brust, die Gesinnung der Liebe und des Dankes bekunden.“ SPRECHER Wer hier so nachdrücklich von „idealen Gütern“ und „sittlicher Erneuerung“ schwärmt, ist ein Lobbyist: Rudolf Knauer, der frischgebackene Geschäftsführer des Verbands deutscher Blumengeschäftsinhaber. Zu seiner Muttertagskampagne hat Hartwig Knack, Kultur- und Kunstwissenschaftler, geforscht: OTON 4 Knack „Die Strategie von Rudolf Knauer war einfach, die kommerziellen Interessen zu kaschieren. Und er hat aufgrund dessen ausdrücklich so einen ideellen Wert des zu feiernden Muttertages in den Vordergrund gestellt. (…) Da gab es auch so eine Verbandszeitung (…). Und darin standen dann auch Anleitungen, wie der richtige Kurs zu sein hat in Sachen Muttertag, dass er natürlich ideologisch getrimmt sein müsse und nicht so die kommerzielle Geschichte im Vordergrund stehen dürfe. (…) also wie (…) die Schaufensterdekorationen auszusehen haben und so weiter. Also das war sehr strategisch alles aufgebaut.“ MUSIK 11 Palastorchester: Frollein Pardon 0’30 SPRECHER Die wirtschaftliche Situation der Blumenhändler ist 1923 angespannt, die Inflation hat den Blumenabsatz sinken lassen. Rudolph Knauer will per Muttertag Abhilfe schaffen. Er unternimmt Vortragsreisen, schreibt Artikel und sogar ein eigenes Buch über den Muttertag. Doch die Resonanz in den Kassen der Blumenläden bleibt die ersten Jahre dürftig. 1926 wird das Projekt Muttertag offiziell an die „Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung“ übertragen. In ihr sind konservative gesellschaftliche Gruppierungen organisiert, etwa der „Reichsausschuss für Hygienische Volksbelehrung“, der „Reichsbund der Kinderreichen“ oder der „Katholische Frauenbund Deutschlands“. Mit dieser Arbeitsgemeinschaft haben die Blumenhändler nun eine der einflussreichsten Organisationen der freien Wohlfahrtspflege an ihrer Seite, die den moralischen Part der Kampagne viel glaubwürdiger übernehmen kann. Der geschäftliche Aspekt des Muttertags ist nicht verschwunden, aber nun noch besser getarnt. MUSIK 12 Robert Pabst: At One’s Own Risk 1’00 SPRECHER Andererseits ist der Muttertag für die Arbeitsgemeinschaft eine Möglichkeit, ihre Ideen zur Bevölkerungspolitik zu verbreiten. In der Zeit der Weimarer Republik zeichnen sich neue, eigenständigere Frauenbilder ab – die Muttertagsbewegung hingegen will zur traditionellen Definition der Frau als Mutter zurückkehren. Sie propagiert beispielsweise Kinderreichtum, um das „völkische Bestehen“ zu sichern, und lehnt Abtreibungen und Verhütungsmittel ab. Der Muttertag soll die Bereitschaft zur Mutterschaft steigern und Mütter nicht nur ehren, sondern sie auch an ihre Pflichten erinnern. Auch Ideen der so genannten „Rassenhygiene“ und der Eugenik, also der Lehre der vermeintlich guten Erbanlagen, sind bei der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung bereits zu finden. Gedanken, die später von den Nationalsozialisten nicht neu erfunden werden, sondern weitergeführt und radikalisiert. MUSIK 13 Maria-Ward-Chor: Ave Maria 0‘45 Immer wieder haben Historiker auch auf die Bezüge der Muttertagskampagne zur Religion hingewiesen. So stellt die Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung etwa „Zehn Gebote“ zum Muttertag auf. Auch der Schaufensterschmuck der Blumenläden spielt mit sakralen Anklängen. Hartwig Knack: OTON 5 Knack „Im Brauchtum gibt es im Zusammenhang mit der Marienverehrung auch verschiedenste Blumen und Pflanzen, die symbolhaft, zum Teil sogar namentlich Maria zugeordnet sind und sie so als volkstümliche Heilige beschreiben. Da gibt es dann die Marienblume, Mariendistel, Marienmantel und so weiter. Und so war es natürlich relativ einfach, von diesem traditionellen floralen Altarschmuck der Muttergottes zur Ehrung einer profanen Mutter mit einem Blumenstrauß überzuleiten. Das lag nahe.“ SPRECHER Anfang der 1930er Jahre schreiben die Blumenhändler trotz Weltwirtschaftskrise wieder schwarze Zahlen. Der Muttertag ist endgültig etabliert. Warum die Menschen den Tag angenommen haben, mit dieser Frage beschäftigen sich Volkskundler schon seit Jahrzehnten. Laut Désirée Waterstradt spielen dabei auch Schuldgefühle der Zwischenkriegszeit eine Rolle: OTON 6 Waterstradt „Da waren viele tote, kriegsversehrte Männer, viele alleinerziehende Mütter, die eben während der Kriegszeit alles alleine gewuppt hatten. Und ja, diese Männer waren in einer massiven Krise. Also diese Männerfantasien, die sozusagen diese Welten gestaltet hatten, diesen Fortschrittsoptimismus, diesen Technik- und Wirtschaftsoptimismus und diese Kriegszuversicht, das war ja massiv enttäuscht worden. (…) Und auf eine solche Gesellschaft trafen diese Ideen, Mütter zu ehren, und eben auf die massiven Schuldgefühle, die damit einhergehen, dass die Väter das nun nicht mehr so stemmen können, sondern dass die Mütter das machen müssen.“ MUSIK 14 Als die gold’ne Abendsonne 0‘25 SPRECHER 1933 beginnt das dunkelste Kapitel des Muttertages. Die Nationalsozialisten erkennen sein Potenzial für ihre Propaganda. Während sie den internationalen Frauentag abschaffen, erheben sie den Muttertag 1934 zum gesetzlichen Feiertag. OTON 7 Waterstradt „Ja, da ging es eben um die Überlegenheit der arischen Rasse. Und deswegen wurde der Muttertag dann der Tag der deutschen Mutter, und zwar die „echte“, „wahre“ deutsche Mutter. Und die ist eben dann auch mit einem Besonderheits- und Überlegenheitsgefühl ausgestattet und wird dann überhöht, aber auch überwacht.“ SPRECHER Für den Mutterkult der Nationalsozialisten entscheidend ist seine rassistische und antisemitische Unterscheidung in gute und nicht-gewollte Mutterschaft. Jüdische Mütter etwa, oder Mütter der besetzten Länder, werden keineswegs geehrt, sondern verfolgt und ermordet. Nur Frauen, die als der „Volksgemeinschaft“ zugehörig betrachtet werden, gelten für das NS-Regime als wertvoll. Und zwar besonders dann, wenn sie für diese Volksgemeinschaft möglichst viele Nachkommen in die Welt setzen. Ab dem Jahr 1939 wird am Muttertag das „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“ verliehen, wobei die besagte „Ehre“ gestaffelt wird: Ab dem vierten Kind gibt es die Auszeichnung in Bronze, ab dem sechsten in Silber, für acht und mehr Kinder die Variante in Gold. Hartwig Knack: OTON 8 Knack „Wenn die ausgezeichneten Mütter ihr Kreuz dann trugen, draußen auf der Straße, da gab es auch Vorschriften, wie die Frauen das tragen mussten, an diesem blau-weißen Band. Es musste eine bestimmte Länge haben, das durfte nur über der Kleidung getragen werden. Und so weiter. Man musste dann, wenn diese Frauen einem entgegenkamen, dann musste man grüßen. Also die wurden gegrüßt, die ausgezeichneten Frauen. (lacht) Das war Pflichtprogramm.“ MUSIK 15 Fabian Bitter: Dark Pulse (Reduced) 0’45 SPRECHER Das Mutterkreuz, wenngleich ein ziviler Orden, sieht einem militärischen Orden ähnlich und wird auch nach Kriegsanbruch weiter verliehen. Adolf Hitler selbst erklärt die Mutterschaft zum „Schlachtfeld der Frau“. Ab 1943 werden am Muttertag auch die Frauen geehrt, die Sohn oder Mann im Krieg oder durch feindliche Angriffe verloren haben – und deren Zahl steigt rasant. Auch wenn das Propagandaministerium noch versucht, der Veranstaltung eine „besinnlich-frohe“ Stimmung zu verordnen – der Muttertag wird zusehends zur Trauerfeier. SPRECHER Der Krieg ist vorbei, Deutschland in zwei Staaten aufgeteilt. In der DDR wird der Muttertag abgeschafft, als Zeichen der Abwendung von der faschistischen Vergangenheit. Stattdessen wird der Internationale Frauentag im März zum Feiertag, von bösen Zungen als „kommunistischer Muttertag“ bezeichnet. Die neu gegründete Bundesrepublik Deutschland hingegen nimmt den Muttertag 1950 wieder auf – von Schlagern untermalt. MUSIK 16 Fred Bertelmann: Gute Nacht, Mutter 0’30 OTON 10 Waterstradt „Zunächst mal waren die 50er und der Beginn der 60er das, was man dann in der westlichen Forschung - also kommend aus Amerika - als „the golden age of marriage“ sieht und die ganzen Werbeanzeigen sind ja Legende, wo eben die Frau nur zwei Fragen hat. Was zieht sie an? Und was kocht sie? Also, es war eben auch ein Versuch, diese Welt wieder heil zu machen, die ja nun völlig in Scherben lag. Und im Prinzip war das der Höhepunkt des bürgerlichen Familienideals, was ja schon viel, viel früher entwickelt wurde, aber Vater-Mutter-Kind: das war der Höhepunkt. Und dann kam natürlich in den 60er Jahren diese Gegenbewegung auf, diese Unruhe auf, die Frauenbewegung auf, (…) und da stellte man sich massiv gegen den Muttertag.“ MUSIK 17 The Doors: Light My Fire 0’15 ZITATORIN „Was feiern wir hier eigentlich? Unsere Unterbezahlung? (…) Unsere unbezahlte Hausarbeit? (…) Die nicht vorhandenen oder schlechten Kindergärten?“ SPRECHER Diese Fragen stellt ein Flugblatt der Frauenaktion 70 und anderer linker Frauenorganisationen zum Muttertag 1972. Kritisiert wird der Muttertag bis heute – und gefeiert auch. Wenigstens am zweiten Sonntag im Mai der Mutter zu danken, ist für viele eine Art soziales Gebot. Und wem am Muttertag angesichts verdellter Basteleien, überreicht von feuchten Kinderhänden, warm ums Herz wird, dem sei es von Herzen vergönnt. Historisch gesehen ist der Muttertag vielschichtig, ist ein von den unterschiedlichsten Seiten vereinnahmter Feiertag, der über das nur auf den ersten Blick Private – die Feier der Mutter – hinaus immer mit politischen und ökonomischen Zielen verbunden ist. Wofür man eine Mutter feiert, macht gleichzeitig auch klar, was man von ihr erwartet. Unter dem Deckmantel der Ehrung ist der Tag ein Spiegel dessen, wofür Mütter durch die Jahrzehnte so alles sorgen sollten: für Frieden, für Geborgenheit in unsicheren Zeiten, für künftige Soldaten, für den Großteil der häuslichen Care-Arbeit. MUSIK 18 Beverly Glenn Copeland: Ever New 1’25 Heute gibt es Gegenvorschläge zum Muttertag, wie etwa den pauschaleren und dadurch offeneren „Elterntag“. Désirée Waterstradt hat noch einen anderen Vorschlag: OTON 11 Waterstradt „Ich sag immer „Älterntag mit ä“, also ein Tag, an dem diejenigen gefeiert werden, die die Nachwuchsfürsorge betreiben. Also nicht nur die Mutter, sondern tatsächlich auch Väter, Tanten, Omas, Omas sind extrem wichtig. (…) Kindergärtnerin, Hebammen, Lehrerinnen und Lehrer. Dieses Fürsorgenetz ist heute extrem groß, das wissen wir alle. Und trotzdem tun wir so am Muttertag, als würde diese Mutter dieses Kind ganz alleine großziehen und zeigen im Zweifelsfall mit dem Finger auf sie. Wenn wir merken, wir haben irgendein Problem, dann war es natürlich die Mutter in der Kindheit. Und das, glaube ich, ist ganz wichtig, auf dieses kooperative Fürsorge Netz zu lenken und zu sagen ne ne, nicht die Mutter allein, das ist eine Männerfantasie
- Das Deutsche Museum - Technikgeschichte zum Anfassen
10.05.2025 · 24 Min.
Was ist ein Meilenstein der Technik? Genau weiß man das immer erst im Rückblick. Im Deutschen Museum jedoch musste man seit jeher einschätzen, was einst ein Meilenstein werden würde. Ob und wie das im Laufe der Museumsgeschichte gelang und welche Hürden dabei zu nehmen waren, erzählt diese Sendung. Autorin: Christiane Neukirch (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Laura Maire, Peter Lersch Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Prof. Dr. Helmuth Trischler, Bereichsleiter Forschung Deutsches Museum; Dr. Matthias Röschner, Leitung Hauptabteilung Archiv Deutsches Museum; Carola Dahlke, Kuratorin Abteilung Informatik und Kryptologie Deutsches Museum Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Elektromobilität - Neuer Trend mit langer Geschichte JETZT ANHÖREN Die Mikrowelle - Vom Radargerät in die Küche JETZT ANHÖREN Linktipps: Der neue Podcast "Die Sache ist die ..." vom Zündfunk erzählt gesellschaftlich relevante und popkulturelle Geschichten hinter den Gegenständen: ARD Audiothek | Bayern2 | Die Sache ist die... JETZT ANHÖREN Website des Deutschen Museums: EXTERNER LINK | https://www.deutsches-museum.de/ Die kostenlose App des Deutschen Museums: EXTERNER LINK | https://www.deutsches-museum.de/museumsinsel/besuch/app Literaturtipps: Füßl, Wilhelm und Trischler, Helmuth (Hrsg.): Geschichte des Deutschen Museums / Akteure, Artefakte, Ausstellungen. Prestel Verlag, München 2003. Füßl, Wilhelm: Oskar von Miller, 1855 – 1935 / Eine Biografie. Verlag C.H.Beck, München 2003. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Auf Wanderschaft - Wie Zugvögel ihren Weg finden
10.05.2025 · 24 Min.
Der Vogelzug ist eins der großen Geheimnisse der Biologie. Warum fliegen Vögel so weite Strecken? Wie finden sie nach Hause? Und was hat sich durch den Klimawandel an ihrer Wanderschaft verändert? Von Christiane Seiler (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Xenia Tiling, Axel Wostry, Clemens Nicol Technik: Daniela Röder Redaktion: Bernhard Kastner Interviewpartner/innen: Wolfgang Fiedler (Dr.; Biologe am Max Planck Institut für Verhaltensbiologie, Radolfzell am Bodensee); Lisa Hörig (Biologin, kommissarische Leiterin des NABU-Bildungszentrums „Storchenschmiede“ in Linum bei Berlin) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Amsel - Vom Zugvogel zum Dauergast JETZT ANHÖREN Der Wiedehopf - Der Punk unter den Zugvögeln JETZT ANHÖREN Schwalben - Flugakrobaten und Baumeister JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Was unser Selbstbild bestimmt - Vergleichen, bewerten, erleben
09.05.2025 · 22 Min.
Wer und wie bin ich? Das eigene Selbstbild wird durch Erfahrungen geprägt. Eingeübte Denk- und Handlungsmuster verstärken sich wechselseitig. ?So bin ich eben!? Unser Selbstbild begrenzt uns und es gibt gleichzeitig Halt. Aber es kann sich durch neue Interaktionen, andere Erlebnisse und Therapie auch verändern. Von Justina Schreiber (BR 2024) Credits: Autorin dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Martin Trauner Es sprach: Susanne Schroeder Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Johannes Heßler-Kaufmann, Psychologe und Psychotherapeut Dr. Cécile Loetz, Psychoanalytikerin und Podcasterin Dr. Daniela Renger, Sozialpsychologin Podcasttipp: "Moby Dick oder Der Wal" Hörspiel Adventure-Cut von Herman Melville JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Cecile Loetz und Jakob Müller, "Mein größtes Rätsel bin ich selbst", entlang lebensnaher Geschichten erklärt das Autorenpaar den Prozess der Psychoanalyse. Daniela Renger und Sophus Renger: "Die Suche nach Selbstrespekt: Wie Anerkennung unser Selbstbild formt". Informatives, aber eher abstraktes Buch über Rengers sozialpsychologisches Modell des Selbstbilds mit Schwerpunkt auf Selbstanerkennung. Diese hörenswerten Folge von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Gene oder Gelerntes - Was bestimmt unsere Persönlichkeit? JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST ARD alpha Sein Leben ändern - Wie ihr einen Neuanfang wagt und meistert JETZT ENTDECKEN People Pleaser: Stoppt eure Harmoniesucht JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.