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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

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  1. Kühltechnik - Wie künstliche Kälte unser Leben beeinflusst

    26.06.2025 · 22 Min.

    Eis im Sommer, Kirschen im Winter und Tiefkühlkost, wann immer wir wollen: Die Gefriertruhe hat unseren Speisezettel revolutioniert - und Klima- und Kältetechnik unseren Alltag. Aber: wie funktioniert künstliche Kälte eigentlich? (BR 2018) Autorin: Inga Pflug Credits Autor/in dieser Folge: Inga Pflug Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tilling, Jerzy May, Rahel Comtesse Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Interviewpartner/innen: Matthias Murko (langjähriger Mitarbeiter und Leiter Museum Industriekultur, Nürnberg); Thomas Röber (Deutsches Museum München, Kurator für Kraftmaschinen); Reinhard Hüßner (Kirchenburgmuseum Mönchsondheim, Museumsleiter); Günter Wolf (Kirchenburgmuseum Mönchsondheim, Museumsvorstand); Jonas Bollmann (Lehrstuhl für Technische Thermodynamik, Universität Erlangen-Nürnberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter); Stefan Will (Universität Erlangen-Nürnberg, Leiter Lehrstuhl für Technische Thermodynamik) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hitze in der Stadt - Kühlbringende Ideen und Lösungen JETZT ANHÖREN Mikrochips - Halbleiter als Global Player JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  2. Clausewitz reloaded - Die Philosophie und der Krieg

    25.06.2025 · 24 Min.

    Was ist der Krieg? Und wieso tendiert er in der Moderne oft zur äußersten Gewalt? Antworten darauf gibt es bei einem Klassiker der Militärtheorie: Carl von Clausewitz. Ein Denker, der das Verhältnis von Krieg und Politik auslotet und dessen Theorie heute wieder erschreckend aktuell geworden ist. Von Jerzy Sobotta (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Jerzy Sobota Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel, Florian Schwarz Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler, Berlin; Prof. Gunnar Hindrichs, Philosoph, Basel Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Frieden - Persönliche Sehnsucht - Politische Utopie Frieden ist ein großes Ideal, ein alter Menschheitstraum - und mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er schafft die Konflikte nicht aus der Welt, sondern hegt sie ein. Und vielleicht bedeutet nicht einmal der innere Frieden die absolute Stille aller Wünsche. Was macht Frieden aus? (BR 2022) Von Beate Meierfrankenfeld JETZT ENTDECKEN Vergebung als Chance - Ein Prozess der inneren Aussöhnung Wenn Beziehungswunden nicht heilen, können sie unser ganzes Leben verdunkeln. Die Verwundungen des Lebens holen uns immer wieder ein. Ein Plädoyer für echte Vergebung. (BR 2015) Von Elke Worg JETZT ENTDECKEN Kriegsenkel - Das besondere Erbe dieser Generation Transgenerationale Weitergabe nennen Psychologen das Phänomen der emotionalen Weitergabe von Kriegserlebnissen während des Zweiten Weltkriegs, von dem wohl rund ein Drittel der Kriegsenkel betroffen ist. (BR 2017) Von Daniela Remus JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Literaturtipps: Carl von Clausewitz, „Vom Kriege“: Das Hauptwerk des Kriegstheoretikers, erstmals 1832 posthum veröffentlicht. Auch als günstige und gekürzte Reclam-Ausgabe erhältlich. Dietmar Schlösser, „Carl von Clausewitz“: Eine kurze Einführung in sein Denken und Leben. Gibt einen guten Überblick zur Erstbeschäftigung. Gunnar Hindrichs, „Abseits des Krieges“: Ein nachdenklicher philosophischer Essay, der die aktuelle Rückkehr des Krieges aus dem Blick bedeutender Philosophen – u.a. Clausewitz – verstehen und historisch fassen will. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Es gibt Stunden, in denen die Geschichte plötzlich über das Leben der Menschen hereinbricht und alles verändert. Einer dieser Momente war die Nacht zum 24. Februar 2022. ATMO: Luftalarm-Kiew 01 OT: ARD-Nachrichtensprecher: Der russische Präsident Putin hat eine Militäroperation auf ukrainischem Gebiet angekündigt. Er habe die Entscheidung getroffen, sagte er in der Nacht in einer Fernseheransprache. 02 OT: Putin: … (russisch, 6 Sek. – Ohne OV) Overvoice männlich: Wir haben eine militärische Spezialoperation eingeleitet 03 OT: Wolodimir Selenskyj: Russland hat unser Land am frühen morgen brutal angegriffen, so wie es Nazi-Deutschland während des zweiten Weltkriegs tat. (OT ist overvoiced) SPRECHERIN Für die Ukraine hat Russlands militärischer Großangriff unermessliches menschliches Leid gebracht. Für Europa hat er eine Idee zerstört: Die Idee einer Europäischen Friedensordnung. Der Krieg ist zurück und er scheint die Welt in sich hineinzuziehen … Musik 2: The war rooms - 29 Sek SPRECHER Doch was ist Krieg? Wie bricht er aus? Und wieso führt er immer wieder in die äußerste Gewalt? Das sind Fragen, die sich auch Carl von Clausewitz gestellt hat: Der wohl wichtigste moderne Theoretiker des Krieges. Ein preußischer Offizier, der viele Kriege gesehen und sein ganzes Leben über sie nachgedacht hat. 04 OT Münkler: Intellektueller der das Wesen… „Also im Prinzip würde ich sagen: Clausewitz ist ein verkleideter Intellektueller, der versucht, ja im buchstäblichen Sinne das Wesen des Krieges – nicht seine Erscheinungen – sondern das Wesen des Krieges gedanklich zu erfassen.“ SPRECHER Das sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Clausewitz. „Vom Kriege“ heißt das dicke Buch, in dem der Preuße posthum seine Gedanken über den Ursprung und die Natur des Krieges hinterlassen hat. Ein fast 200 Jahre alter Wälzer, den man heute wieder lesen muss, sagt Herfried Münkler. 05 OT Münkler: Clausewitz als politische Erkundungsfahrt „Ein intellektuelles Abenteuer ist er in Zeiten, in denen allgemein Frieden herrscht. Eine politische Erkundungsfahrt ist es hingegen in Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, der Krieg drängt von vielen Seiten auf uns herein. Und wir kommen nicht weiter, wenn wir sagen: Und du bleibst draußen.“ Musik 3: The war rooms – siehe oben – 58 Sek 06 OT Münkler: Gefährliche Welt mit Gedanken durchdringen „Also Clausewitz gibt uns Kategorien in die Hand, mit denen wir auch in eine bedrohliche und gefährliche Welt hineinschauen können. Und sie überwältigt uns nicht, sondern wir durchdringen sie mit der Kraft des Gedankens.“ ATMO: Luftalarm: Ukraine 07 OT Von der Leyen: It is president Putin who is bringing war back to Europe. 08 OT Baerbock: Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht. 09 OT Steinmeier: Ja dies ist eine Zäsur, eine tiefe Zäsur und wir spüren das bis ins Mark. Sie, Ihre Familien und auch ich selbst. SPRECHERIN Der Krieg als Zäsur. Er hat in ganz Europa den Glauben erschüttert, dass mit dem Fortschritt der Frieden kommt. Plötzlich ist sie zurück, die Angst vor einem Zustand der nackten Gewalt. Wie umgehen mit ihr? Was offenbart der Krieg über unsere Gesellschaft? (Musik aus) Um einige Antworten zu bekommen, können wir zurückgehen, zum Ursprung des modernen Krieges: Zurück in die Zeit von Carl von Clausewitz. MUSIK 4 – Old and new – 59 Sek SPRECHER Auch er erlebt eine Welt im Aufruhr: Geboren 1780, zu Beginn der Französischen Revolution ist er 9 Jahre alt. Mit zwölf tritt Clausewitz in die preußische Armee ein, um Offizier zu werden. In diesem Jahr beginnt der Revolutionskrieg Frankreichs gegen die europäischen Königtümer – und mit ihm ein über zwei Jahrzehnte andauernder Europäischer Großkrieg um die Zukunft des Kontinents. SPRECHERIN Clausewitz sieht diesen Krieg schon mit Dreizehn in den Schützengräben von Mainz. Er sieht ihn als junger Offizier in der großen Schlacht vor Jena und Auerstedt, als Preußen verheerend geschlagen wird. Und er sieht ihn 1812, als er im Dienste Russlands gegen Napoleon kämpft. Er sieht, wie dessen 600.000 Mann starke Armee im russischen Winter von Hunger, Frost und Kanonen aufgerieben wird. SPRECHER Über zwanzig Jahre Krieg und die Umwälzung der politischen Ordnung in ganz Europa. Etwas an diesem Krieg hat sich fundamental verändert: Was genau es ist, darauf sucht Clausewitz sein Leben lang nach einer Antwort. Es hat etwas mit der Natur des Krieges in der Moderne zu tun. SPRECHERIN Auf dem Schlachtfeld beobachtet er bei den französischen Soldaten eine noch nie dagewesene Energie und Kampfbereitschaft. Es ist die Hingabe für die Sache der Revolution, die sie von einem Sieg zum nächsten eilen lässt. Musik 5: Lashed tot he Mast – 13 Sek ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg war urplötzlich wieder eine Sache des Volkes geworden, und zwar eines Volkes von 30 Millionen, die sich alle als Staatsbürger betrachteten. SPRECHERIN Im Kampf ums Überleben erlässt die junge Republik 1793 eine Wehrpflicht – die Levée en masse. Es ist die erste Wehrpflicht in Europa, die hunderttausende begeisterte junge Männer zu Soldaten macht. Statt Diplomatie und den Kabinettstischen der Monarchen, ist es nun Propaganda für Millionen, die über Sieg und Niederlage entscheidet: Im entfesselten Krieg der politischen Ideologien kämpfen ganze politische Systeme ums Überleben, um Sein oder Nichtsein. SPRECHER Diese Erfahrungen lassen Clausewitz völlig neu über den Krieg nachdenken. Dabei leitet ihn eine wichtige Einsicht, sagt Herfried Münkler: 10 OT Münkler: Nicht Waffen sondern Ideen entscheiden Kriege Nicht waffentechnische Innovation, nicht technologische Neuerungen sind entscheidend dafür, dass eine Seite überlegen und die andere Seite unterlegen. Sondern der politische Wille: Die Opferbereitschaft und Leidensbereitschaft einer Bevölkerung und letzten Endes die politischen Konstellationen, die Durchhaltefähigkeit, die Opferbereitschaft entscheidet einen Krieg. Das ist schon ein gewichtiger Punkt, den er damals gesehen hat und der im weiteren Sinne bis heute Gültigkeit hat. Musik 6: Penny taken to the hospital – 1 Min. 11 OT Selenskyj: Mut der Ukrainer Overvoice männlich Die Ukrainer und ihr Mut haben die ganze Welt beseelt. Sie haben der Menschheit eine neue Hoffnung gegeben: Dass die Gerechtigkeit unsere zynische Welt nicht endgültig verlassen hat. Dass nicht die Gewalt siegt, sondern die Wahrheit, nicht das Geld, sondern die Werte, nicht Öl, sondern Menschen. SPRECHER Den Kampf um die Emotionen seines Volkes und die seiner Verbündeten, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schon in den ersten Wochen des Krieges gewonnen. Ein wichtiger Sieg. Denn wenn Emotionen und Ideen das ganze Volk ergreifen, dann wirken sie wie „blinder Naturtrieb“ – schreibt Clausewitz. Sie setzen die Energie des Kampfes frei – und die Energie der Gewalt. Für ihn eine durch und durch ambivalente Größe: Unverzichtbar im Krieg aber mitunter auch unkontrollierbar und unsteuerbar, mit einem Hang zum Anarchischen. MUSIK aus SPRECHERIN: Doch es ist nicht nur politische Propaganda, die in der Moderne ganze Nationen in einen Strudel der Gewalt hineinreißt. Es ist die Logik des Krieges selbst. Clausewitz versucht diese Dynamik der Enthemmung bereits in seiner Definition des Krieges zu erfassen. Dafür entwirft er folgendes Bild: Man stelle sich zwei Ringende vor, die sich im Zweikampf befinden. ZITATOR CLAUSEWITZ Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen; sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen. Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen. SPRECHERIN Diese Definition ist das Herzstück der Theorie des Krieges von Clausewitz: Im Krieg geht es darum, dem Gegner seinen Willen aufzuzwingen – mit nackter Gewalt. Weiter heißt es: ZITATOR CLAUSEWITZ Die physische Gewalt (..), ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir den Feind wehrlos machen, und dies ist dem Begriff nach das eigentliche Ziel der kriegerischen Handlung. ATMO: Explosionen von Bomben + Musik 7: Escape from the train – 48 Sek SPRECHERIN Vom Krieg erfasst, kann sich keiner der Gegner mehr aus ihm herausziehen – ohne den anderen zu unterwerfen. Hieraus ergibt sich eine eigentümliche Tendenz zur Eskalation der Gewalt, zur Verlängerung des Blutvergießens. ATMO: Explosionen, Düsenflieger ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum äußersten führen muss. ATMO: Bomben SPRECHERIN Es ist die berühmte Gewaltspirale: Das Wettrüsten, das schnelle Auflodern von bewaffneten Konflikten. Einmal in Gang gesetzt – ist sie nur noch schwer zu stoppen. (Musik aus) Clausewitz findet drei eskalierende Faktoren, die diese verhängnisvolle Wechselwirkung antreiben: SPRECHER Erstens: Wer mehr Gewalt anwendet, der ist im Vorteil – das gilt für beide. Zweitens: Man muss den Gegner wehrlos machen und ihn dauerhaft schwächen. Andernfalls schlägt er zurück. Damit zwingen sich beide gegenseitig aufs Ganze zu gehen. Das Maß der Enthemmung bestimmen nicht sie selbst, sondern jeweils der Gegner. Und Drittens: Die Feinde schätzen die Widerstandskraft des anderen ab. Und jeder will sie übertreffen. SPRECHERIN Diese Logik der Gewalteskalation kann bis zur völligen Vernichtung der Gegenseite führen. Clausewitz nennt das den „absoluten Krieg.“ 12 OT Münkler: absoluter Krieg Er führt den Begriff des ‚absoluten Krieges‘ ein, um die zumindest zunächst mal Denkmöglichkeit einer Steigerung bis zum Äußersten einzuführen. Und dann hinzuzufügen: Dass das auch Wirklichkeit wird – oder in die Wirklichkeit hereinspielt, davon müssen wir ausgehen. SPRECHERIN Erläutert der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Aus Clausewitz Begriff heraus kennt der Krieg also keine Mäßigung. Doch der „absolute Krieg“ beschreibt mehr die logische Tendenz des Krieges – die Richtung, die er seinem Begriff nach nimmt. Tritt der Krieg aber in die Wirklichkeit, so wird er sogleich ausgebremst und abgeschwächt. Denn dort wirken drei moderierende Tendenzen: SPRECHER Erstens: Feinde kennen und beobachten sich. Sie wissen um die Schwächen und Ressourcen des Gegners und können abschätzen, wie weit er gehen kann. Das mäßigt auch die Gegenseite. Zweitens: An die Stelle der Furcht vor einem Totalangriff tritt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, was der Gegner wo und wie einsetzen wird. Und Drittens: Eskalationen können unterlassen werden, als politisches Zeichen an die Gegenseite, dass man nicht aufs Äußerste geht. MUSIK 8: Old and New – siehe oben – 41 Sek SPRECHER Trotz aller mäßigenden Tendenzen der Wirklichkeit – der fast zwanzigjährige Krieg Frankreichs gegen den Rest Europas ist für Clausewitz besonders: Hier hat sich der wirkliche Krieg dem absoluten Krieg in beunruhigender Weise angenähert. Es ist ein Krieg aufs Äußerste, in dem sich bereits düster das Millionensterben der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts ankündigt. In ihnen trifft die politische Massenmobilisierung dann auf industrielle Massenproduktion: Hinterlader, Maschinengewehre, Giftgas, Panzer, Bomber … und letztlich die Atombombe. SPRECHERIN Clausewitz hat diese verhängnisvolle Dialektik des Fortschritts bereits mitgedacht. Er schreibt: ZITATOR CLAUSEWITZ Da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt, so muß der, welcher sich dieser Gewalt rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes bedient, ein Übergewicht bekommen, wenn der Gegner es nicht tut. SPRECHERIN Der Fortschritt der Intelligenz und der Gebrauch der Gewalt stehen also nicht im Widerspruch zueinander. Das ist auch ein Urteil über die Aufklärung. Für Clausewitz wäre es falsch zu denken, dass der Prozess der Zivilisierung zu einer Abmilderung der Gewalt führt. Das nennt er sogar den „Irrtum der Gutmütigkeit“. Der Fortschritt geht vielmehr mit einer immer raffinierteren Entwicklung der Waffen einher. Damit setzt Clausewitz sich ab vom Philosophen Immanuel Kant, dessen eifriger Leser er ist. Gunnar Hindrichs, Philosophie-Professor an der Universität Basel, erläutert: 13 OT Hindrichs: Kant und der Friede Die Kantische Geschichtsphilosophie ist unter der Idee des Friedens gefasst. Friede als letzter Gesichtspunkt, unter dem menschliche Geschichte begriffen werden kann - auf den hinzulaufend menschliche Geschichte gedeutet werden muss. Und das bedeutet für Kant die zunehmende Verrechtlichung menschlicher Verhältnisse. SPRECHERIN Über das Recht und den Frieden macht Clausewitz sich nur wenig Gedanken. Für den Theoretiker des Krieges wäre Frieden vermutlich nur eine zeitweise und brüchige Abwesenheit von Krieg. Krieg ist für ihn vielmehr ein menschliches Faktum, das es zu verstehen und zu meistern gilt. 14 HINDR Clausewitz kennt keinen Frieden Und da könnte man sagen, dass Clausewitz diese Art von Versöhnung in der starken Emphase nicht kennt. SPRECHERIN Zwar ist Clausewitz ein Zeitgenosse Goethes und Hegels, doch sein Denken ist eigentlich bereits nach-klassisch, sagt Gunnar Hindrichs. Clausewitz ist ein politischer Realist: Die Gewalt des Faktischen hat alle geschichtsphilosophische Spekulation auf einen versöhnten Menschheitszustand verdrängt. Und trotzdem kann man bei Clausewitz erfahren, wie der Krieg eingehegt werden könnte. Der wichtige Begriff dabei ist aber nicht der Friede – sondern die Politik. MUSIK 9: Old and New – s.o. – 35 Sek ZITATOR CLAUSEWITZ „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln“. SPRECHER Das ist der zentrale Satz, der von Clausewitz bis heute in Erinnerung geblieben ist. Mit anderen Worten: Den Krieg versteht man nur, wenn man ihn von der Politik her denkt. ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg (…) ganzer Völker (…) geht immer von einem politischen Zustande aus und wird nur durch ein politisches Motiv hervorgerufen. Er ist also ein politischer Akt. SPRECHER Krieg ist also kein ewiger Zustand des Seins, keine Naturgewalt, die plötzlich über den Menschen hereinbricht. Sondern: Er ist eine bewusst herbeigeführte politische Entscheidung. Gunnar Hindrichs greift diesen Gedanken auf. In seinem Buch „Abseits des Krieges“ schaut er aus der Perspektive der Philosophie auf die neue Aktualität des Kriegs in Europa. Und auch der berühmte Clausewitz-Satz taucht darin auf: Dass der Krieg eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. 15 OT Hindrichs: Clausewitz-Satz erklärt Das heißt: Fortsetzung heißt nicht „Absage von“, „brechen mit“, sondern heißt: Weiterführen. Und dieses Weiterführen erfolgt natürlich mit anderen Mitteln, das heißt: Es kommt etwas Neues hinzu. Da werden schon andere Mittel eingemischt. Aber gleichzeitig wird eben das Politische fortgesetzt. Das heißt, wir gehen nicht aus dem politischen Raum raus, sondern er bleibt der Horizont, in dem der Krieg zu verstehen ist und von daher begriffen werden muss. SPRECHER Die Politik setzt den Zweck des Krieges. Sie durchzieht ihn und übt fortwährend Einfluss auf ihn aus. Und der Krieg selbst ist bloß ein „politisches Instrument“. Für Gunnar Hindrichs steckt hier der Schlüssel für das moderne Verständnis des Militarismus und seiner Gefahren. 16 OT Hindrichs: Zwei Interpretationen Das ist für mich das Interessante, dass wir tatsächlich die beiden gesellschafts-philosophischen Interpretationen unserer bürgerlichen Welt von diesem Satz her unterschiedlich lesen können. Also lesen wir ihn einmal von rechts nach links oder von links nach rechts. SPRECHERIN: Da wäre zum einen das Verständnis, das Liberale und Konservative miteinander teilen: Militarismus entsteht dann, wenn sich das Gewaltmittel des Krieges über das politische Denken ausbreitet und es erdrückt. Wenn Krieg zum Selbstzweck wird. „Totalen Krieg“ nannte das Erich Ludendorff, ein wichtiger General im Ersten Weltkrieg. Und wenige Jahre später Nazi-Propagandist Joseph Goebbels. Alle Teile der Gesellschaft werden hier in den Bann des Krieges hineingezogen: Landwirtschaft, Industrie, Finanzen, Wissenschaft, Kirche – und die Politik. SPRECHER: Die Lehre aus der Katastrophe der beiden Weltkriege heißt: Der Krieg ist ein Handwerk; er muss von der Staatskunst eingehegt und eingegrenzt werden. Deswegen hat die Bundesrepublik eine Parlaments-Armee und bezeichnet ihre Soldaten als „Bürger in Uniform“. Das nennt Gunnar Hindrichs die liberal-konservative Militarismus-Kritik. In ihr kommt Staatskunst prinzipiell auch ohne Krieg aus. 17 OT Hindrichs: Linke Militarismus-Kritik Und die andere Seite würde sagen: Das ist genau die Illusion. Die bürgerliche Gesellschaft ist so verfasst, dass sie gar nicht ohne Krieg auskommen kann. Dass die bürgerliche Staatskunst immer schon an die Durchführung und Aufrechterhaltung jener sozio-ökonomischen Zusammenhänge gebunden ist, die gar nicht ohne Gewalt auskommen. Das heißt, sie birgt selbst bereits Gewalt und damit die Gefahr des Krieges in sich. SPRECHERIN Das nennt Hindrichs die „linke“ oder sozialistische Kritik am Militarismus. Diesem Verständnis nach ist Gewalt nicht ein Mittel, das zur Politik äußerlich hinzukommt. Sondern, die ökonomische Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft ist selbst latent gewaltförmig: durch wirtschaftliche Ausbeutung und die Unterdrückung von Klassen und Völkern zur Steigerung des Profits. SPRECHER In einer ähnlichen Weise hatte auch der französische Philosoph Michel Foucault den Satz von Clausewitz umgedreht: Die Politik sei die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Demnach ist es die latente Gewalt der Verhältnisse, die im Krieg augenscheinlich wird und den Schein der alltäglichen Zivilität zerreißt. Musik 10: Lashed to the mast – siehe oben – 33 Sek SPRECHERIN Aus dieser Perspektive lässt sich auch die Theorie von Clausewitz verstehen. Sie führt Folgendes vor Augen: Menschliches Handeln, das auf Konflikt und Konfrontation ausgelegt ist, führt in letzter Konsequenz in den Krieg. – Bis zur totalen Unterwerfung und Vernichtung des Gegners. Doch damit birgt die Theorie auch ihr Gegenteil, sagt der Philosoph Gunnar Hindrichs. Die Möglichkeit des Friedens: 18 OT Hindrichs: Über Clausewitz hinaus Durch die Betonung des Extremal-Prinzips Gegenhandeln ermöglicht Clausewitz uns zu verstehen, was die Überwindung des Krieges und der kriegerischen Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft darstellt. Nämlich: Menschliches Miteinander-Handeln und von diesem Miteinander-Handeln die Gesellschaft zu verstehen. Das steht zwar nicht in Clausewitz drin. Aber das ist dasjenige, was er uns ermöglicht zu begreifen. SPRECHERIN Derart gegen den Strich gebürstet, lässt sich also auch in Clausewitz ein utopischer Kern freilegen. SPRECHER Allerdings nur, wenn Clausewitz in seinem radikalen Realismus ernst genommen wird. Denn Miteinander-Handeln darf nicht in dem „Irrtum der Gutmütigkeit“ münden, warnt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Mit anderen Worten: Der Verzicht auf Gewalt ist historisch nicht verbürgt: 19 OT Münkler: Einziger genügt Und selbst wenn alle darauf verzichten, dieses Mittel einzusetzen. Es genügt ein einziger unter ganz vielen, der es gebraucht, um die anderen zu zwingen es auch zu gebrauchen, wenn sie nicht von ihm unterworfen werden wollen. ATMO: Luftalarm + Musik 11: Passing the point - 1:35 Min 20 OT Putin Abschreckungswaffen Overvoice männlich Ich befehle dem Verteidigungsminister, die Abschreckungskräfte der russischen Armee in einen besonderen Kampfmodus zu versetzen. SPRECHER Der Russische Angriff auf die Ukraine hat zwei große Illusionen zerstört, sagt Herfried Münkler: Erstens, dass ein großer Krieg in Europa der Vergangenheit angehört. Dass der historische Fortschritt eine bleibende Friedensordnung auf dem Kontinent errichtet hat und der Krieg dem Handel gewichen ist. Und Zweitens: Dass im Zeitalter der Atombombe ein großer Landkrieg nicht mehr möglich ist. Damit hat dieser Krieg Grundsätzliches in Frage gestellt. Und Clausewitz kann dabei helfen, sich in dieser neuen – eigentlich ganz alten – Realität zu orientieren. 21 OT Münkler: Berlin und Kiew Wenn die verantwortlichen Politiker in Berlin Clausewitz gelesen hätten. Dann hätten sie nicht so gezögert und herumlaviert, erstens: Der Ukraine Waffen zur Verfügung zu stellen, die sie braucht, um sich zu verteidigen. Und zweitens: Die Rüstungsproduktion hochzufahren. Weil relativ früh klar war, das ist kein Niederwerfungskrieg, das ist ein Abnutzungskrieg.

  3. Das Automobil - Die ersten 50 Jahre

    25.06.2025 · 23 Min.

    Das Auto - vielgeliebt und vielgehasst. Was für die einen die absolute Freiheit bedeutet, ist für andere nur ein lärmender Klimakiller. Doch es dauerte lange, bis das Auto zum Massenvehikel wurde. Auf dem Weg dahin wurden auch einige Möglichkeiten ausgelassen - z.B. der Antrieb durch Elektromotor. Von Markus Mähner (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Julia Fischer, Peter Weiß Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner: Prof. Kurt Möser, KIT Karlsruhe Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Henry Ford - Von Hitlers Held zum Idol der Welt JETZT ANHÖREN Rudolf Diesel - Zwischen Genie und Versagen JETZT ANHÖREN Die Münchner U-Bahn - Wegbereiterin einer Weltstadt JETZT ANHÖREN Verkehrspolitik der Zukunft - Effizienter und umweltschonender? JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  4. Wer bin ich, woher komme ich? Die Sehnsucht nach Herkunft

    24.06.2025 · 22 Min.

    Manche Menschen leiden, weil sie adoptiert oder in einer Babyklappe abgelegt wurden, das Produkt einer Samenspende sind oder die Vorfahren ermordet wurden. Warum ist das so schwierig für sie - selbst wenn sie von wohlwollenden, zugewandten Menschen großgezogen wurden? (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Ariane Stolterfoht Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Christian Jungwirth, Katja Schild, Jennifer Güzel Technik: Daniela Röder Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Stefan Müller (Alias, Name der Redaktion bekannt), vaterloser Mann Verena Gräfin von Plettenberg, Krisenpädagogin und Sterbebegleiterin Irmela Wiemann, Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Familientherapeutin; Helen Epstein, Journalistin und Buchautorin („Die Kinder des Holocaust“); Isabelle M. Mansuy, Professorin für Neuroepigenetik, Universität & ETH Zürich; Wilhelm Vossenkuhl, Philosoph und Professor Emeritus für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  5. Ein Freistaat unter Strom - Bayerns Hunger nach Energie

    24.06.2025 · 25 Min.

    Als Bayern sich zum Industriestaat entwickelte, wurde sein Hunger nach Energie immer größer. Vor allem auch der Hunger nach elektrischem Strom. Dabei gilt für Bayern, ein Land mit wenig Rohstoffen und ohne Meereszugang, schon lange: Der Zugang zu bezahlbaren Energieträgern ist ein Dauerthema. Von Lorenz Storch (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Lorenz Storch Regie: Martin Trauner Es sprach: Julia Fischer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. em. Dirk Götschmann (Uni Würzburg) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Welt in unter 30 Minuten besser verstehen? Das geht nicht? Doch, das zeigt der tagesschau Podcast 11KM JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: 9. September 1957. Bayern an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Euphorie im frisch gebauten „Atomei“ von Garching bei München. Viele Politiker sind da, und alle haben sie ein Strahlen im Gesicht, sie drängen sich um den Ort des Geschehens. Professor Heinz Maier-Leibnitz, Chef des neuen Atomforschungszentrums, geleitet die Ehrengäste zum Höhepunkt. ZUSP. 1 (vorne Atmo) „Also das ist jetzt ein Original-Element. Vielleicht können wir das Element nochmal hochhalten und das dann als eröffnet betrachten, wenn es Ihnen recht ist. Herr Ministerpräsident, wenn Sie es selber in die Hand nehmen wollen? Das ist unschädlich!“ (hinten Atmo, Gelächter, Ah, Oh) SPRECHERIN: Ein Mann im eleganten hellgrauen Anzug reckt mit einer Hand ein Bündel empor, das aussieht wie ein verschnürter Sack voll Zeltstangen. (ATMO Applaus aus Cartwall) SPRECHERIN: Euphorie, Siegerpose. Das Bündel enthält einen von 39 angereicherten Uran-Brennstäben – vor Kurzem eingetroffen aus den USA! Zwei Wochen lang waren sie mangels anderer Möglichkeiten im Tresor der Bayerischen Staatsbank zwischengelagert, aber nun ist das Uran ja angekommen in Garching. Und der dynamische Herr, der das Brennelement per Taschenmesser aus seiner Transportkiste geholt hat (ein Schraubenzieher war grade nicht zur Hand) - das ist der bayerische Ministerpräsident. Wilhelm Högner. Der einzige Sozialdemokrat, der jemals an der Spitze des Freistaats stand, macht Bayern zum Atomstaat. ZUSP. 2 „Im Namen der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Inneren heiße ich Sie im ersten Atommeiler Deutschlands herzlich willkommen.“ SPRECHERIN: Unter tätiger Mithilfe des Bundesministers für Atomfragen, Franz-Josef Strauß von der CSU. Der Atomminister, knapp über 40 Jahre alt, von Journalisten als „jugendlich-aggressiv“ beschrieben, sieht sich als Zukunftsminister. Auf die Frage, welche Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung nötig sein werden, wenn jetzt auch Bayern einen Atomreaktor hat, sagt Strauß: ZUSP. 3 „Es handelt sich um reine Forschungsreaktoren von geringer Kraft- und Wärmeleistung. Im Falle München von 1000 Kilowatt Leistung. Außerdem sind bereits mehrere Exemplare dieses Typs in den USA und anderen Staaten aufgestellt worden. Dieser Reaktor weist bereits hunderttausende von Betriebsstunden auf, ohne dass der geringste Unfall bisher passiert ist.“ SPRECHERIN: Die 1950er Jahre waren auch und gerade in Bayern eine Zeit ungeheurer Atomeuphorie. Man erhoffte sich von der Kernkraft billige Energie im Überfluss. Heimischer Kernbrennstoff sollte aus Uranbergwerken im Fichtelgebirge gewonnen werden. Was nie klappte, weil der Abbau dort sich als zu teuer erwies. Das vom Ministerpräsidenten begeistert gefeierte erste Paket mit Brennelementen musste 1958 in die USA zurückgeschickt werden, weil sich Fertigungsmängel zeigten. Und auch sonst kollidierten die hoch gesteckten Erwartungen an die Kernkraft alsbald mit der Realität, erzählt Historiker Dirk Götschmann, der eine Wirtschaftsgeschichte Bayerns geschrieben hat. ZUSP. 4 „Erwies sich dann natürlich doch alles als schwieriger, als man zunächst erhofft hatte. Das war natürlich langwieriger. Der Unterschied zwischen einem Forschungsreaktor und einem Reaktor zur Gewinnung von Energie. Der ist natürlich schon enorm. Und tatsächlich war es ja so, dass der Atomstrom über Jahrzehnte nicht konkurrenzfähig war. Wenn man also die ganzen Kosten mit einberechnet hat, die also der Bau und der Betrieb eines Atomkraftwerkes erforderte. Trotzdem hat man gemeint, dass das eben die Energiequelle der Zukunft sein wird, und man hat also daran festgehalten und hat das weiterentwickelt.“ SPRECHERIN: Einen substanziellen Beitrag zur Stromgewinnung in Bayern leistete die Kernkraft erst ab Ende der 1970er Jahre. Auf dem Höhepunkt, ab den 1990er Jahren, lieferte die Kernkraft dann allerdings zwei Drittel des bayerischen Stroms. Mit fünf Reaktoren an den Standorten Grafenrheinfeld bei Schweinfurt, Isar bei Landshut und Gundremmingen im Landkreis Günzburg. (MUSIK) SPRECHERIN: Angefangen hat die Geschichte der Elektrifizierung Bayerns jedoch mit einer anderen Energiequelle. Der Wasserkraft. Das Walchenseekraftwerk war der Ursprung des flächendeckend zusammenhängenden Stromnetzes in Bayern. ZUSP. 5 (Sprecher Fernsehbeitrag 1960er Jahre) „Oskar von Miller, Bayerns großer Ingenieur. Ihm ist nicht nur das Deutsche Museum zu verdanken. Er wurde 1918 von der Regierung zum ehrenamtlichen Staatskommissar für den Bau des Walchenseewerks und des Bayernwerks ernannt und hat mit seinem Stab tüchtiger Männer diese vielbestaunte Pioniertat vollbracht. Das Wasser des Walchensees wird durch einen Stollen im Berg in ein Becken, das Wasserschloss am jenseitigen Hang, geführt. Durch riesige Druckrohre schießt das Wasser zu Tal. Die Energie des Walchenseewerkes speist über die große Stromschiene der Bayernringleitung das deutsche Verbundnetz. Damals 1918/19/20 war man in Bayern skeptisch. Was wollte Miller mit diesem Überfluss an elektrischer Energie?“ SPRECHERIN: Das Walchenseekraftwerk liefert seinen Strom bis heute teilweise in das Netz der Deutschen Bahn. Und bereits der Bau des Kraftwerks damals war eng verknüpft mit dem Plan zur Elektrifizierung der Eisenbahn in Bayern. Ähnlich wie in der nahen Schweiz wurde diskutiert, möglichst das gesamte bayerische Schienennetz elektrisch zu betreiben. Allerdings erhoben die bayerischen Generäle Einspruch: Was, wenn im Kriegsfall der Strom ausfällt? Wie sollten dann Truppen transportiert werden? Noch gewichtiger war aber ein zweiter Einwand, so Wirtschaftshistoriker Dirk Götschmann: ZUSP. 6 „Dass eben die bayerischen Lokomotivhersteller zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz fit waren, was die Produktion von elektrischen Lokomotiven anbelangte und man eigentlich, wie soll ich sagen, diesen Zukunftsmarkt nicht irgendwelchen auswärtigen preußischen Herstellern überlassen wollte, Und dann hat Krauss-Maffei eben zu diesem Zeitpunkt eine besonders effektive Dampflokomotive entwickelt, die damals wirklich konkurrenzlos gut war, sparsam im Gebrauch und schnell, sodass man also gesagt hat: Wenn wir jetzt eine solche Super-Dampflokomotive haben, wozu brauchen wir dann eine elektrische Bahn: Das geht doch so auch.“ SPRECHERIN: Und so fehlt dank der damaligen Rücksicht auf die bayerische Dampflokindustrie bis heute an der Hälfte der Bahnstrecken im Freistaat die Oberleitung. Während das Bahnnetz der Schweiz zu 100 Prozent elektrifiziert ist. (MUSIK) SPRECHERIN: Statt mit elektrischem Strom fuhren die meisten Loks in Bayern also weiter mit Kohle. Aber auch in der Stromproduktion kam Bayern – trotz der Wasserkraft – nicht ohne Kohle aus. Schon bei den ersten Anfängen im 19. Jahrhundert, als noch kein Verbundnetz für Strom existierte, lieferten Dampfmaschinen die Elektrizität überall dort, wo Wasserkraft nicht zur Verfügung stand. Später mussten die Kohlekraftwerke vor allem im Winter einspringen, wenn in den Flüssen weniger Wasser fließt. Und auch sonst lieferten die Kohlekraftwerke regelmäßig, vor allem zu Spitzenzeiten des Verbrauchs. Und mit der Zeit immer häufiger, denn der Stromverbrauch in Bayern stieg. Was vor allem mit dem Aufstieg der bayerischen Industrie zu tun hatte. ZUSP. 7 „Damals war der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung eben alles, was mit Elektroindustrie zu tun hatte. Nicht nur die Elektroindustrie selbst, die Maschinen und derartiges hergestellt hat, sondern auch die Industrie, die also in starkem Umfange Strom benötigt hat, zur Produktion ihrer eigenen Güter, dazu dann elektrische Maschinen und so weiter im Einsatz hat. Und es waren sehr viele Maschinen. Also alle Bohrmaschinen, Drehbänke, Fräsmaschinen und so weiter wurde ja dann schon elektrisch betrieben.“ SPRECHERIN: Schwerindustrie wie Stahlhütten, die in großem Maße Kohle verbraucht, spielte in Bayern stets eine geringere Rolle. Weil die großen Kohlereviere Westdeutschlands zu weit entfernt waren. Zwar konnte die Kohle von dort mit der Eisenbahn nach Bayern transportiert werden. Was der bayerischen Staatsbahn auch schöne Einnahmen brachte. Aber dadurch wurde der Brennstoff teuer. Was zu einer Chance für Bayerns heimische Kohle wurde. Die Pechkohle im Alpenvorland war von schlechter Qualität, für Hüttenwerke nicht geeignet. Und kam in dünnen Flözen vor, eher schwierig abzubauen. Trotzdem gab es für einige Jahrzehnte eine Marktlücke für diese oberbayerische Kohle. Für die Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg spielte sie eine große Rolle, auch noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dann ging es aber schnell bergab. ZUSP. 8 (Sprecher TV-Beitrag) „Die Arbeit des Bergmannes war ein Fundament wirtschaftlicher Macht. Leistung und Tradition schufen den Bergleuten eine Stellung, die erst vor einem Jahrzehnt ins Wanken geriet. Seit 1958 steckt der deutsche Bergbau in einer Krise. Auch der oberbayerische Pechkohlenbergbau war davon betroffen. In den vier Zechen Marienstein, Penzberg, Hausham und Peißenberg waren die Schwierigkeiten noch größer, weil dort ohnehin unter ungünstigeren Verhältnissen abgebaut werden musste, als bei der Konkurrenz an Saar und Ruhr.“ SPRECHERIN: 1971 schloss das letzte bayerische Bergwerk, wo unter Tage Kohle abgebaut wurde, in Peißenberg. In der Oberpfalz dagegen, wo Braunkohle im Tagebau gefördert werden konnte, war sie konkurrenzfähig. Hier erreicht die Kohleförderung mit großen Schaufelradbaggern erst in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt. ZUSP. 9 (TV-Sprecher) „Schließlich entfalten die Braunkohlenfelder, die sich vor allem im Schwandorfer Gebiet befinden und rund hundert Millionen Tonnen umfassen, einen wichtigen Rohstoff. Hier hat vor kurzem die BBI, die bayrische Braunkohlenindustrie AG, ein großes neues Abbaugebiet in Rauberweiher erschlossen. Das ist eine zwar nicht sehr leistungsstarke, aber billige Kohle, die das nahegelegene Dampfkraftwerk Dachelhofen bei Schwandorf speist. Dieses Kraftwerk ist für die Stromversorgung Bayerns von großer Bedeutung.“ SPRECHERIN: 1981 ist das Kohlevorkommen bei Schwandorf jedoch erschöpft. Danach werden die Gruben geflutet – sie bilden heute das Oberpfälzer Seenland. (MUSIK) SPRECHERIN Aber die Tage der Kohle als Haupt-Energieträger waren da ohnehin längst vorbei. Nach dem Zweiten Weltkrieg brach die Zeit des Öls an. Im Autotank, als Treibstoff für die Massen-Motorisierung. Als Heizöl in den Kellern der Häuser. Aber auch zur Herstellung von Strom: Vor den Ölkrisen war Erdöl billig, deshalb wurden damals Heizöl-Kraftwerke gebaut. Unter anderem an der Donau, in Irsching bei Ingolstadt und Pleinting bei Vilshofen. Und weil man diesen neuen Energieträger per Pipeline transportieren konnte, sah Wirtschaftsminister Otto Schedel von der CSU eine neue Chance für das energie-arme Bayern. Eine Pipeline vom Mittelmeerhafen Triest nach Ingolstadt an der Donau! ZUSP. 10 „Ich wollte die günstige Lage des Landes zu den Ländern, in denen Öl gefördert wird, ausnutzen. Was ich damit meine, zeigt ein Blick auf die Karte, wenn die Pipeline, die in drei Ländern im Bau sich befindet, Ingolstadt-Triest, fertig ist und der Seeweg noch kürzer wird. Wir sparen 4500 Kilometer, haben nur noch die Hälfte der Transportwege. Das bedeutet billiges Öl und billige Energie in Bayern. Das bedeutet Überwindung der Revierferne.“ SPRECHERIN: Rund um Ingolstadt entstehen durch den Bau der neuen Pipeline fünf Raffinerien. Damit ist Regensburg ausgebootet, das mit seinem Donauhafen bis dahin das Zentrum der bayerischen Ölindustrie gewesen war. Nach den Ölkrisen der 1970er Jahre wird das Erdöl allerdings deutlich teurer. Eine weitere Raffinerie, die Texaco im Raum Ingolstadt plante, wird deshalb nie gebaut. Heute sind von den ursprünglich sechs bayerischen Raffinerien noch vier in Betrieb. (MUSIK) SPRECHERIN: Und auch das Öl bekommt neue Konkurrenz: Durch Erdgas. Erst aus eigener Produktion im bayerischen Alpenvorland. Dann aber folgt schnell importiertes Erdgas. Bayerische Politiker waren führend beteiligt daran, die so genannten Erdgas-Röhren-Geschäfte mit der Sowjetunion anzubahnen. Und 1973 ist es dann so weit. ZUSP. 11 (TV-Sprecher) „Für die Energieversorgung der Zukunft fressen sich also die kostspieligen Rohrleitungen durch die idyllische Landschaft der Oberpfalz wie hier bei Nabburg. Die Bewältigung der umfangreichen Schweißarbeiten liegt dabei fest in indischer Hand. Die billigeren, angelangten Kräfte aus Fernost mit einem Sonder-Gastarbeiterstatus ersetzen die deutschen Fach-Schweißer, für die Spitzenlöhne bis zu 6000 Mark gezahlt werden müssten. Trotz solcher Sparmaßnahmen belaufen sich die Kosten pro laufendem Meter Erdgasleitung aus druckfestem und gleichzeitig schweißfreundlichem Spezialstahl auf 1500 Mark. Der Kilometer kommt also auf 1,5 Millionen ohne Planungs- und Rechteerwerbskosten für den Grund und Boden. SPRECHERIN: Schon damals ist der Bau neuer Energie-Infrastruktur ein Eingriff in die Landschaft. Schon damals auch sehr teuer. Und: Schon damals subventioniert der Staat den Bau der neuen Leitungen für Erdgas. Es gibt Werbekampagnen, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, ihre Heizung und ihre Herde auf Erdgas umzustellen. Mit Erfolg – wie dieses Interview mit einem Vertreter der Münchner Stadtwerke zeigt: ZUSP. 12 „Herr Stahlknecht, wie notwendig ist für die städtische Energieversorgung die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas?“ – „Die Nachfrage nach dem Energieträger Erdgas steigt laufend. Wir haben derzeit in München Steigerungswerte von 20 Prozent. In exakten Zahlen haben wir im Jahr 1972 2,7 Milliarden Kubikmeter Gas abgegeben. Diese riesigen Mengen an Gas können nicht mehr durch Stadtgas, das man früher aus Kohle gewonnen hat, gedeckt werden.“ SPRECHERIN: Auch in den Städten müssen die Leitungen – und auch die Gas-Herde - umgebaut werden, weil das Erdgas einen anderen Heizwert hat und einen anderen Betriebsdruck als das Stadtgas, das zuvor jeweils vor Ort aus Kohle hergestellt worden war. Teilweise gibt es Zuschüsse, um die Umstellung den Kundinnen und Kunden schmackhaft zu machen. Über die Abhängigkeit von der Sowjetunion, die Deutschland durch die Erdgasgeschäfte eingeht, wird damals durchaus diskutiert. Aber Wirtschaftsvertreter beschwichtigen. Im BR-Fernsehen 1973 ein Herr Dehner: ZUSP. 13 „Von dem gesamten Erdgas-Aufkommen der Bundesrepublik wird das sowjetische Erdgas nach gegenwärtigem Sachstand vielleicht 15 Prozent ausmachen. Sie sehen also, dass ein Abschalten des russischen Gases aus politischen Gründen oder auch aus technischen Gründen vielleicht zu örtlichen Störungen führen würde. Einen Zusammenbruch unserer Energieversorgung aber würde es jedenfalls nicht riskieren.“ SPRECHERIN: 2021, vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine, lag der russische Anteil an den deutschen Erdgasimporten dann allerdings bei vollen 65 Prozent. ZUSP. 14 „Eine sehr viel genutzte Energiequelle. Und die war tatsächlich auch unschlagbar billig. Das muss man eindeutig sagen. Es hat also zu dem industriellen Aufschwung, der sich dann in Bayern fortgesetzt hat, in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, hat diese billige Energie durchaus einen Beitrag geliefert. Das kann man überhaupt nicht abstreiten.“ SPRECHERIN: Bilanziert Wirtschaftshistoriker Dirk Götschmann. (MUSIK) Und die Kernenergie? Ist in Bayern seit April 2023, mit der Abschaltung von Isar 2 bei Landshut, ebenfalls Geschichte. Es gab folgenschwere Unfälle – 1975 sterben im Kernkraftwerk Gundremmingen A zwei Arbeiter durch austretenden radioaktiven Dampf aus dem primären Kühlkreislauf. 1977 dann im gleichen Reaktor: Kurzschluss, Sicherheitsventile reißen ab, radioaktiver Dampf strömt in das Reaktorgebäude – das dadurch überflutet und kontaminiert wird. Der Reaktor geht nie wieder ans Netz. Ein GAU oder Störfall mit Austritt großer Mengen Radioaktivität in die Umwelt ist Bayern aber erspart geblieben. Anders als Japan. Dort passiert 2011 die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Danach drängt Markus Söder, damals CSU-Umweltminister, darauf, die bayerischen Kernkraftwerke so schnell wie möglich abzuschalten: ZUSP. 15 „Unser Ziel ist, einen Ausstieg bis 2020 zu ermöglichen. Spätestens bis 2022, das muss man evaluieren.“ SPRECHERIN: Ministerpräsident Horst Seehofer verkündet in einer Regierungserklärung im Landtag: ZUSP. 16 „Die bayerischen Kernkraftwerke, meine Damen und Herren, werden abgeschaltet. 2022 Isar 2. In elf Jahren, meine Damen und Herren, ist also in Bayern kein Kernkraftwerk mehr am Netz, und zwar verlässlich und ohne Hintertürchen.“ SPRECHERIN: 2022 allerdings – unter dem Eindruck der Energiekrise nach Russlands Angriffskrieg – hat die CSU ihre Meinung geändert. Ministerpräsident Söder findet jetzt: ZUSP. 17 „Kernkraft auszuschalten, macht überhaupt keinen Sinn. Es gibt keine Argumente, außer ideologischen Basta-Argumenten, die Kernkraft nicht zu verlängern.“ SPRECHERIN: Mit ihrem Versuch eines Ausstiegs aus dem Ausstieg aus der Atomkraft drang die CSU dann jedoch nicht mehr durch. Die Ampel-Bundesregierung gab den letzten Atomkraftwerken noch eine Gnadenfrist von vier Monaten, doch dann war endgültig Schluss. War die Kernkraft auch eine billige Form der Stromerzeugung? Je nachdem, wie man es betrachtet, sagt Wirtschaftshistoriker Dirk Götschmann: ZUSP. 18 „Die Risiken musste der Staat übernehmen, um das mal so auszudrücken. Also die ganzen Investitionen in die Grundstruktur, die man überhaupt erst mal schaffen musste, das musste alles der Staat übernehmen. Also die Industrie hat sich da sehr zurückgehalten. Wie dann die Endrechnung tatsächlich ausschaut, wieviel Gewinn hat man jetzt aus dieser Stromerzeugung gezogen? Wo ist der Gewinn hingewandert. Was hat der Staat sozusagen, was für einen Anteil hat der Staat an diesem Gewinn? Hat er die Subventionen dann tatsächlich auch rentabel erscheinen lassen? Also das sind alles so Dinge, die ich glaube bis heute noch keiner beantworten kann.“ SPRECHERIN: Und die Zukunft? Es ist wieder eine Umstellung im Gang. Windkraft und Photovoltaik sollen künftig die wichtigsten Energieträger sein. Mit Wasserstoff betriebene Gaskraftwerke die Lücken füllen. Bayern wird weiter Energie importieren müssen – wie schon immer in den vergangenen 150 Jahren, seit die Industrialisierung Fahrt aufgenommen hat. Und die Energie wird nicht so billig sein wie an manch anderem Ort auf der Welt. Ebenfalls der historische Normalzustand in diesem Land fernab der Meere und mit wenig eigenen Ressourcen. Erst teure Kohle, dann teures Öl, dann eine Stromversorgung, die schon lange zwar sehr zuverlässig war, aber auch nicht besonders billig – egal ob der Strom mit Kohle, Erdgas oder Kernkraft produziert war. Unterm Strich hat es Bayern nicht geschadet, sagt Götschmann, der eine Wirtschaftsgeschichte Bayerns seit dem 19. Jahrhundert geschrieben hat – und dadurch die langen Linien sieht. ZUSP. 19 „Also man muss dann sozusagen in Bayern tatsächlich hochwertige Produkte herstellen, bei denen der Energieeinsatz nicht mehr so stark zu Buche schlägt. Und es war eigentlich ein Vorteil, kann man sagen für die Entwicklung der bayerischen Industrie, weil die bayerische Industrie dadurch gewissermaßen gezwungen war, rational zu arbeiten. Also immer fortschrittlich zu sein, möglichst energiesparende Verfahren zu entwickeln und hochwertige Produkte herzustellen. Also billige Energie verleitet natürlich auch dazu, dass man sie gewissermaßen verschwendet. Wenn die Energie teuer ist, dann versucht man, das Beste daraus zu machen. Und das kommt dann letztendlich den Produkten auch zugute.“ SPRECHERIN: Billige Energie ist schon seit Langem nicht der entscheidende Standortfaktor hier im Land. Und wird es mit einiger Sicherheit so schnell auch nicht werden.

  6. Die Mandäer - Die Erben von Johannes dem Täufer

    24.06.2025 · 23 Min.

    Wenn an bayerischen Seen oder Flüssen Gläubige in weißen Gewändern ihr Tauf-Ritual zelebrieren, sind es möglicherweise Mitglieder der alten Glaubensgemeinschaft der Mandäer. Sie beten auf Aramäisch, der Sprache von Jesus, ihr Messias ist aber Johannes der Täufer. Seit ihrer Flucht aus dem Irak haben sich kleine Gemeinden in Bayern gebildet. Autor: Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2022) Credits Autor/in dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Silke Wolfrum Es sprachen: Katja Schild, Hans Jürgen Stockerl Technik: Daniela Röder Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. RadioWissen hat noch weitere spannende Folgen zum Thema: Die Jesiden - Das Volk des Engel Pfau JETZT ANHÖREN Der Zoroastrismus - Die Religion zwischen Glauben und Philosophie JETZT ANHÖREN Chassidismus - Die Welt der frommen Mystiker JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Im Namen des Großen Lebens. Gabriele Mayer. Harrassowitz Verlag Haran Gauaita. Ein Text zur Geschichte der Mandäer. Bogdan Burtea. Harrassowitz Verlag Kleines Lexikon des Christlichen Orients. Hubert Kaufhold. Harrassowitz Verlag

  7. Gastrosophie - Eine Philosophie des Essens

    23.06.2025 · 24 Min.

    Eine große Anzahl von Philosophen machte sich Gedanken über die Bedeutung des Essens, seine Auswirkungen auf unser Denken, sowie die Verbindung von Nahrungsaufnahme und philosophischen Disziplinen. (BR 2019) Autor: Michael Reitz Credits Autor/in dieser Folge: Michael Reitz Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann Technik: Adele Kurdziel Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. RadioWissen hat noch weitere interessante Folgen zum Thema: Esskultur 1945 bis heute - Vom Jägerschnitzel zu Sushi JETZT ANHÖREN Göttlich gut? Essen in den Religionen JETZT ANHÖREN Superfood – Gar nicht super! JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast ZUM PODCAST

  8. Fantasie - Das oft ungenutzte Potenzial

    23.06.2025 · 24 Min.

    Wer über eine blühende Fantasie verfügt, ist in der Lage, allein in seiner Vorstellungskraft Bilder oder Szenarien zu erzeugen. Während Kinder im Spiel ständig fantasieren, wird bei Erwachsenen eine zu schillernde Fantasie allzu oft als verrückt abgetan. Dabei liegt in der Fantasie ein ungeheurer Schatz. Die lebendige Vorstellungskraft kann Raum öffnen für neue, ungewöhnliche Ideen öffnen. Von Karin Lamsfuß (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann Technik: Christine Frey Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Heiko Ernst, Psychologe; Norbert Groeben, Psychologie-Professor Uni Heidelberg; Main Huong Nguyen, Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin; Gisa Klönne, Schriftstellerin; Johannes Golchert, Psychologe Linktipps: Süchtig nach Alles | Podcast | ARD Audiothek: Ob Substanzen wie Kokain und Ecstasy, Verhaltenssüchte wie Glücksspiel und Shopping oder die natürlichste Droge der Welt: die Liebe. In "Süchtig nach Alles" begibt sich Reporter Hubertus Koch auf eine Reise durch verschiedene Süchte. ZUM PODCAST Dissertation von Johannes Golchert über das gedankliche Abschweifen: EXTERNER LINK | https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/9395/diss_j.golchert.pdf?sequence=1&isAllowed=y Kurzzusammenfassung (englisch) zu a „Wandering mind is an unhappy mind“: EXTERNER LINK | https://greatergood.berkeley.edu/images/uploads/A_Wandering_Mind_Is_an_Unhappy_Mind.pdf Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Literaturtipps: Heiko Ernst: Innenwelten: Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen. Klett Cotta 2011 Luisa Francia Blühende Fantasie: Die eigene Lebensvision gestalten, Knaur 2018 Für Eltern: Petra Samarah: Fantasie- und Körperreisen mit Kindern: 57 Imaginationen mit Gestaltungsmöglichkeiten Semnos Verlag, 2013 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzählerin: Ein schmaler, unbefestigter Pfad schlängelt sich immer tiefer in das Dickicht des Waldes hinein. Zugewuchert von Efeu und Farnen führt der Weg in verborgene Ecken, wo Blumen in den buntesten Farben blühen und glitzernde Bäche leise durchs Unterholz mäandern. Es ist die Heimat der Elfen, der Trolle und der Pflanzenwesen. Schon seit Jahrtausenden leben sie, von den Menschen unbemerkt, in dem geheimnisvollen Zauberwald. Nur wer seinen Geist öffnet und die Fantasie fließen lässt, kann sie sehen. Sprecher: Eine Reise in das Reich der Fantasie. Wir reisen alle dorthin. Unzählige Male am Tag. Fast 50% der wachen Zeit verbringt der Mensch mit Tagträumen, ergab eine Studie der Harvard University aus dem Jahr 2010. Früher ging man davon aus: Wenn das Gehirn nicht beschäftigt ist, dann verweilt es im Ruhemodus. Das ist falsch. Heute weiß man: Wenn das Gehirn nicht konzentriert denkt, dann geht es gedanklich auf Reisen. Musik: New hope 0‘42 Erzählerin: Der Tagträumer reist an magische Orte, in heile Welten, an den Traumstrand vom letzten Urlaub. Oder sie spielen in der Fantasie durch, wie das erste Date mit der attraktiven Kollegin oder dem attraktiven Kollegen verlaufen könnte. Aber auch unangenehme Dinge werden in der Fantasie durchdacht: etwa, dass das Finanzamt bald Stress machen könnte. Oder wie schrecklich die nächste Prüfung verlaufen wird. Die Fantasie hat ein riesiges Spektrum: In ihr reisen wir in entfernte Galaxien. Oder planen - ganz handfest – die nächste große Reise. O-Ton 1 Main Huong Nguyen (0‘13“): Es macht uns Menschen ja auch aus, dass wir die Fähigkeit haben, Dinge zu antizipieren, Dinge auszumalen, wir können dadurch viele Dinge planen, wir haben eine Fantasie, die uns unterstützen kann – das ist eine ganz große Ressource. Sprecher: … sagt die Psychotherapeutin Dr. Main Huong Nguyen. (s. Aussprache-Audio) Doch was ist Fantasie eigentlich? Musik: Her dream 0‘35 Sprecher: Fantasie – abstammend vom griechischen Wort Phantasia - heißt zunächst nichts anderes als „Vorstellung“ oder „Traumgesicht“. Während die Kreativität meist eine Absicht hat, nämlich etwas zu erschaffen, etwa eine Lösung für ein Problem, wabert die Fantasie meist absichtslos umher. Fantasie bedeutet gedankliches Abschweifen, Erschaffen von Gegenwelten, Filme im Kopfkino, Tagträumen. O-Ton 2 Heiko Ernst (0‘14“): Tagträume sind schon per se tröstlich, beruhigend, angenehm, ein Genuss an sich schon, also man kann auch Tagträume genießen, so wie man einen Film genießt, ich lieg irgendwo am Stand, es ist alles easy, alles in Ordnung … Sprecher: Heiko Ernst, Psychologe. In der Fantasie erklimmen wir die höchsten Gipfel, sind die Party-Königin, gewinnen Millionen im Lotto und bleiben ewig schön und faltenfrei. Doch wofür ist das gut? Das sind doch alles nur Hirngespinste! Nein, sagt der Psychologe Heiko Ernst. Fantasieren und Tagträume haben wichtige Funktionen: O-Ton 3 Heiko Ernst (0‘08“) Also man träumt diesen Tagtraum, um auch andere Gedanken abzublocken oder um sich in eine Stimmung zu bringen, in der man ruhiger wird. Musik: Premium 0‘32 Sprecher: Durch positive Fantasien wird das Leben entspannter, bunter und abwechslungsreicher. Fantasievolle Menschen können sich gut in andere hineinversetzen. Sie sind offen, neugierig und flexibel. In der Berufswelt führt Fantasie zu Fortschritt durch bislang ungeahnte Ideen. Wenn Fantasie so viele positive Effekte hat, stellt sich die Frage: Wie kann man diese Quelle anzapfen? O-Ton 4 Reportage Gisa Klönne (0‘15“): Ja, der Hängesessel…. Ich hab ein Dacharbeitszimmer, und dann hab ich mir hier einen Hängesessel gekauft. Erzählerin: Gisa Klönne auf der Suche nach der Fantasie. Die Schriftstellerin hat bereits sechs Krimis und drei Romane geschrieben. Gerade sitzt sie an ihrem vierten. Gisa Klönne braucht die Fantasie – wie alle Künstler und Kreativen - wie die Luft zum Atmen. Auch wenn am Anfang immer ein grobes Gerüst steht - und natürlich viel Recherche - folgt dann die Phase der Fantasie. In dieser Phase erweckt sie ihre Romanwelt zum Leben: Sie malt sich Orte aus, entwirft Charaktere und Handlungen und erschafft Stimmungen. Das klappt leider nicht auf Knopfdruck. Doch sie hat so ihre Techniken, die Fantasie zum Fließen zu bringen. Gerade schwingt sie in ihrem lindgrünen Hängesessel, der an der Decke befestigt ist. O-Ton 5 Reportage Gisa Klönne (0‘26“): Das ist ja so wie ein Baby in der Wiege, ich schaukele dann hier, ich hab hier immer neben mir inspirierende Lektüre, Notizbücher liegen, und morgens und auch, wenn ich nicht weiterkommen, mache ich hier ne Pause, schwinge so, gucke auf mein Bücherregal mit den Buchtiteln, gucke in die Wolken aus dem Dachfenster und schreibe vor mich hin. Ich schreibe dann z.B. schwingend im Hängesessel, und dann schreibe ich, was mir einfällt. Mit der Hand. Ganz wichtig! Erzählerin: So schwingt sie sanft hin und her, in der Hand einen Notizblock und einen Füller mit grüner Tinte. Das muss sein. Aufbruch (reduced 2) 0‘15 Sprecher: Experten gehen davon aus, dass beim Schreiben mit der Hand die visuell-räumlichen Fähigkeiten gefördert werden, also das, was für die Vorstellungskraft essenziell ist. O-Ton 6 Gisa Klönne (0‘22“): Die ersten guten Ideen kommen immer per Hand. Es ist unmittelbarer, näher an mir dran, also mehr an den Quellen, die in die Kreativität gehen, an das Unbewusste, das Anzapfen, d.h. ich schreibe weite Passagen oder auch wenn ich nachts aufschrecke, weil mir irgendeine Idee kommt, mit der Hand, und wenn ich dann an einem Roman bin, dann tippe ich sie ab. Sprecher: Der Psychologieprofessor Norbert Groeben nennt diesen Zustand, in dem die Fantasie sich zeigen darf, „defokussierte Konzentration“. O-Ton 7 Groeben (0‘28“): Man kann es auch „schwebende Aufmerksamkeit“ nennen. Diese schwebende Aufmerksamkeit, die gilt es zu erreichen, dafür gibt es eine Menge an Möglichkeiten: zum Beispiel manche Leute haben diese schwebende Aufmerksamkeit beim Musikhören. Andere unter der Dusche. Weil da diese körperliche Entspannung da ist, die den Geist auch frei macht, und zugleich aber der Geist immer noch schön arbeiten kann. Vital ist. Sprecher: Diese schwebende Aufmerksamkeit kann auch erlebt werden morgens vor dem Aufwachen. Sozusagen auf dem Weg aus den Träumen in die Realität. O-Ton 8 Gisa Klönne (0‘38“): Als Autorin geht bei mir immer parallel ein Film, in dem ich Geschichten sehe, Bilder, das kann dann z.B. auch sein, wenn ich morgens aufwache, wenn ich sehr in einem Roman bin und denke als erstes: Wie geht’s jetzt dieser Figur? Was macht die als nächstes? Und die sind für mich so real da wie die Menschen in meinem Umfeld oder mein Mann! Und der kennt das dann schon, wenn ich dann runterkomme in die Küche, dann sag ich: „Kann nicht! Schweigen!“ weil ich dann einfach diesen Figuren und dieser Geschichte in meinem Kopf erst mal zuhören will! Ich lass die einfach mal wie so ein Kopfkino ablaufen! Musik: Joy research (no drums) 0‘53 Sprecher: Ob Traum, Tagtraum, gedankliches Umherwabern, fantasievolles Abgleiten – das findet im Gehirn im so genannten „Default Mode Network“ statt. Im Ruhe-Zustands-Netzwerk. Zu diesem Netzwerk gehören mehrere miteinander verbundene Hirnregionen, darunter unter anderem der mediale präfrontale Kortex – zuständig für Zukunftsplanungen - und der Hippocampus, der „Arbeitsspeicher“ des Gehirns. Dieses Netzwerk ist – so Forschungsergebnisse des Dartmouth College in New Hampshire – bei Menschen in kreativen Berufen besonders aktiv. Gerade wenn es darum geht, sich wirklich Fantastisches und Utopisches fern der Realität vorzustellen. Musik Ende Sprecher: Früher dachte man, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Diejenigen, die Kontrolle über ihre Gedanken haben und die, die abschweifen, so der Psychologe Dr. Johannes Golchert, der am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften über Tagträume geforscht hat: O-Ton 9 Golchert (0‘16“): Heute weiß man eigentlich, dass man das differenzierter betrachten muss, und dass es neben diesem spontanen Gedankenabschweifen, was man immer wieder erlebt, noch ne weitere Form gibt: Das ist eher das bewusstere Abschweifen, ein willkürlicher Prozess, für den ich mich entscheide und dem dann auch nachgehe … Atmo 15‘30“ Gong O-Ton 10 Klönne (0‘19“): Das sind beides tibetische Klangschalen, diese hier kann bis zu eine Minute nachhallen … (geht weiter) Erzählerin: Im Arbeitszimmer der Schriftstellerin Gisa Klönne liegen ein flauschiger Teppich und ein Sitzkissen auf dem Boden in der Mitte des Raums. Mit dem Gong der Klangschale bringt sie sich in einen Zustand, der ihren Geist für Einfälle öffnet. O-Ton 11 Klönne (0‘39“): Man muss quasi einen Teil des Bewussten ausschalten und sich verbinden, erden und auf eine andere Ebene kommen. Und öffnen. Auf irgendeine Weise öffnen für das, was wir nicht erklären können, was aber trotzdem da ist. Und zuhören, ich sage immer: Es ist ganz viel zuhören bei der Fantasie, die ich brauche, um einen Roman zu schreiben. Ich setze was vor, und dann lasse ich mich auf ein Thema ein, und dann muss ich auch teilweise die Geduld haben zu hören, was da von irgendwoher diktiert wird, was auf mich zufliegt… Musik: Immer mehr (reduced 2) 0‘21 Erzählerin: Was nie funktioniere, sagt sie, sei mit einem konkreten Auftrag in die Meditation zu gehen. Und trotzdem könne es sein, dass sie etwas „geschenkt bekommt“, wenn der Kopf leer wird. Einen Einfall, eine gedankliche Skizze, eine spannende Wendung ihres nächsten Romans. Dabei aber, so die Schriftstellerin, sei es ihr wichtig, nicht ziellos vor sich herzuträumen, die Gedanken vor sich hinwabern zu lassen, sondern das, was sich zeigt, sofort „mit dem Lasso“ einzufangen. Am besten schriftlich. Sie muss also switchen: von der Fantasie in die harte Realität. Ideen, Bilder, Gedanken zunächst in der Fantasie entstehen zu lassen, sie dann aber sofort mit dem wachen, klaren Geist einzufangen. Sonst verflüchtigen sie sich. O-Ton 12 Klönne (0‘22“): Man muss immer zweigeteilt sein als Autorin: Das Wichtigste ist erst mal dieses Intuitive, aber gleichzeitig muss man, um die Geschichte zu vollenden, sich komplett distanzieren und natürlich Erfahrung haben: Wie baue ich eine Geschichte auf, Spannungsbogen usw. aber um überhaupt eine Geschichte zu erfinden, um zu schreiben, um diesen Flow zu haben, muss ich das alles wieder zur Seite drängen. Also man ist immer ein Zwitter. Musik: Green planet red. 0‘33 Sprecher: Gedanklich ein Eisbad nehmen und dabei bibbern. Den trockenen, pfeifenden Wüstenwind wie einen Lufthauch auf der Haut fühlen. Den köstlichen Geschmack einer süßsauren Maracuja auf der Zunge spüren. Die Harvard-Studie über das Tagträumen ergab: Die selben Hirnareale sind aktiv – ganz egal, ob wir etwas real erleben oder es uns nur in der Fantasie vorstellen. Natürlich gibt es Menschen, die sich etwas schwerer tun als andere auf gedankliche Reise zu gehen. Ihnen, so die Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin Main Huong Nguyen, könnte es helfen, die Sinne zu trainieren. Zum Beispiel durch Achtsamkeit. O-Ton 13 Main Huong Nguyen (0‘20“): Weil in der Achtsamkeit trainieren wir immer wieder, das Bewusstsein auf alles, was in uns und um uns herum geschieht, zu lenken: Was sehen wir gerade? Was hören wir? Was riechen wir? D.h. wenn wir Achtsamkeit trainieren und immer wieder beobachten, dann entwickeln wir einen Fundus an Beobachtungen, auf die wir in der Imagination oder bei der Visualisierung zurückgreifen. Musik: Dream for reality 0‘34 Sprecher: Die Fantasie schafft auch Gegenwelten. Vor allem dann, wenn die Realität zu grau ist. Schüler beamen sich einfach weg: vom langweiligen Matheunterricht auf den Ponyhof. Erwachsene vielleicht vom langweiligen Meeting an den weißen Sandstrand Balis. Und während man in Geiste einen köstlichen Cocktail serviert bekommt, will die Chefin die letzten Zahlen wissen. Opppps! Ertappt! Musik: Magic rain (reduziert) 1‘02 In magische Klänge einbetten: Anmerkung: langer Text. Sprecher kann etwa in der Mitte der Geschichte darüber gelegt werden. Spätestens dann, wenn’s langatmig wird. Erzählerin: Tief in den verschlungenen Wäldern liegt ein verzauberter Bergsee, von Stille und Geheimnis umgeben. Seine Oberfläche schimmert wie ein silbriger Spiegel, der die Wunder der umgebenden Natur widerspiegelt. Plötzlich erhebt sich eine geheimnisvolle Nebelschicht aus dem See empor, winzige Lichter tauchen auf, die tief unten im klaren Wasser leuchten. Auf dem Grund des magischen Bergsees erscheint eine zauberhafte Welt: glitzernde Pflanzen, die in leuchtenden Farben erstrahlen, und kleine Kreaturen. Unterhalb des Gesteins liegt ein altes, von Moos überwuchertes Tor, das den Eingang zu einem vergessenen Reich markiert. Wer durch das Tor schreitet, begegnet flüsternden Wassergeistern, die ihn mit Geschichten aus längst vergangenen Zeiten verzaubern. In einem schimmernden Amphitheater, gebaut aus Kristallen, tanzen bezaubernde Wassernymphen ….. Sprecher: Solche Fantasiewelten haben für viele Menschen etwas sehr Anziehendes, Magisches. Diese Welten sprengen Grenzen. Sie sind unendlich, und alles ist in ihnen möglich. Fantasiewelten spenden ein wenig Zauber in einer hochtechnisierten, längst entzauberten Welt. Die Welten voller Feen, Elfen, Zwerge und Trolle haben etwas Magisches. Fantastische Werke wie „Herr der Ringe“ oder Der kleine Hobbit“ begeistern viele Menschen. Doch Fantasiereisen haben auch im Alltag einen ganz praktischen Nutzen: Gedankliches Durchspielen kann eine gute Vorbereitung für schwierige Situationen sein, sagt die Psychotherapeutin Main Huong Nguyen. O-Ton 14 Main Huong Nguyen (0‘24“) Wenn wir für ne Prüfung lernen, sollten wir die Prüfungssituation möglichst nachgestalten: Uns an einen Tisch setzen, wenn das ne Multiple Choice-Klausur ist, das auch nachahmen und uns auch vorstellen, dass wir da erfolgreich reingehen und rausgehen werden, dass wir entspannt sind in dieser Situation und nicht mit diesem katastrophisierenden Bild „oh Gott, ich werde ein Blackout bekommen, mir wird nichts einfallen“ – das können wir auch auf unseren Lebensalltag anwenden. Sprecher: Alle Veränderungen wurden zunächst einmal in der Fantasie geboren. Erfindungen, Kunstwerke oder neue geistige Strömungen. Fantasie ist der Motor für Weiterentwicklung. Sie ist bei Menschen sicherlich unterschiedlich stark ausgeprägt. Ein bisschen aber hat jeder. Bis auf die geschätzten drei bis vier Prozent, die unter einer sogenannten Afantasie leiden. Das heißt: ihnen fehlt die bildliche Vorstellungskraft: Sie können weder das Gesicht eines Freundes noch ihr Wohnzimmer visualisieren. Warum das so ist, darüber rätselt die Forschung noch. Fest steht aber: Der Grundstein für die Fantasie wird schon sehr früh gelegt, so Psychologe Heike Ernst: O-Ton 15 Heiko Ernst (0‘36“): Das Spiel hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Tagtraum, auch da wird die Realität ja umgedeutet. Die Realität wird verändert, verfeinert, verbessert, das Kind macht aus dem Stock ein Schwert, aus dem Papierstreifen eine Krone, und es fantasiert sich aus einem Kochtopf eine Trommel – also es verändert die Realität im Spiel. Und das ist sozusagen die Vorübung für später auch erwachsenes Tragträumen, für Fantasieren. Wir brauchen diese Fantasien, wir müssen fähig sein, die Realität im Kopf, in unserer Innenwelt immer wieder zu verändern. Musik: Mysterious animal play 0‘27 Sprecher: Eltern können die Fantasie ihrer Kinder fördern, indem sie sie ermutigen, rumzuspinnen. Die Erlaubnis zum Träumen geben, zum realitäts-entrückten Spielen. Erzählerin: Auch die Schriftstellerin Gisa Klönne erinnert sich, dass ihre gesamte Kindheit von Ausflügen in fantastische Welten geprägt war. O-Ton 16 Klönne (0‘42“): Ich hab Schreiben gespielt. Ich fand Geschichten so toll, dann habe ich mit meinem lila Buntstift in alte Taschenkalender meiner Eltern so Schnörkel reingemacht und hab gespielt ‚ich schreibe‘. Ich wusste sehr früh, dass ich das will. Und dann war ich ganz schnell dieses Kind, was man jede Woche mit dem Bibliotheksausweis in die Bibliothek geschickt hat: zehn Bücher abgeben, zehn Bücher holen, ich hab mich quer durch alles gelesen. Erzählerin: Gegenwelten erschaffen in der Fantasie: Das macht sich sogar die moderne Psychotherapie bei Trauma und Depression zunutze. Mit der Methode des „Imagery Rescripting“: O-Ton 17 Main Huong Nguyen (0‘47“) Und das funktioniert so, dass der Patient gebeten wird, in der Imagination in diese belastende Situation zurückzugehen in der Biografie. Häufig sind das Kindheitserinnerungen, aber es kann natürlich auch ein Trauma im Erwachsenenalter sein. Und dann, wenn man an dem Punkt ist, wo die Emotion sehr stark aktiviert wurde, fragt man: Was ist das Bedürfnis des Patienten in dieser Situation. Oft ist es z.B. Sicherheit oder dass man rauskommt aus dieser Situation, und dann in diesem Moment kommt dann dieser Patient als erwachsene Person rein oder eine andere Hilfsperson. Und dann wird quasi die Situation neu umschrieben. Da wird z.B. das Kind aus dieser gefährlichen Situation rausgenommen oder der Täter oder die Täterin wird entmachtet von dieser Hilfsperson; es hört sich vielleicht so ein bisschen crazy an, aber es funktioniert so gut, und das Ziel bei dieser Behandlung ist die emotionale Neubewertung. Sprecher: Hat Fantasie also nur Sonnenseiten? Ist sie nur kraftvolle Ressource? Musik: Daily desolation 0‘30 Nein. Die Fantasie birgt durchaus Gefahren. Etwa dann, wenn sie finster und destruktiv wird oder gar wahnhafte Züge annimmt. Ob sich die Fantasiewelten des Internets, vor allem gewaltvolle Videospiele auf die Entwicklung junger Menschen auswirken, wird kontrovers diskutiert. Klar ist aber, dass ein komplettes Abtauchen in virtuelle Welten nicht förderlich ist, so Heiko Ernst. O-Ton 18 Heiko Ernst (0‘14“): Das Kriterium ist einfach die Realitätstüchtigkeit, also die Bewältigung des Alltags, also wenn jemand wirklich versumpft in solchen Traum- und Fantasiewelten, dann ist es Zeit, Hilfe zu suchen, wobei der Betroffene das ja meist gar nicht so empfindet. Sprecher: Das nennen Experten dann „maladaptives Tagträumen“. Darunter versteht man eine Form der Sucht, bei der sich Betroffene stundenlang in Fantasiewelten verlieren und soziale Kontakte vermeiden. Eine krankhafte Form der Fantasie. Der Psychologe Heiko Ernst befürchtet zudem, dass die eigene Fantasiefähigkeit auf der Strecke bleibt. O-Ton 19 Heiko Ernst (0‘46“): Weil die wirklich unterminiert wird, wenn wir uns nur noch beliefern lassen durch fremde, vorgefertigte Fantasien, vielleicht auch kranke Fantasien von anderen, die wir übernehmen: Wir sehen Filme über Massenmörder, wir schauen Filme über Massenvernichtungen, wir konsumieren Horrorfilme, Splattermovies, ... die Medienwelt ist ja voll von Dingen, über die man ständig diskutiert, ob man sie nicht unterdrücken soll, also die Inhalte sind sozusagen veröffentlichte schlechte Tagträume anderer, die wir konsumieren wollen und die wir zum Teil ja auch gerne konsumieren wollen, es ist diese Faszination des Bösen natürlich auch, und wenn man sich permanent an diesen Fantasien aus der Konserve aus fremden Tagträumen bedient, bleibt eben diese eigene Fantasiefähigkeit unterentwickelt, und die anderen dominieren. Sprecher: Die Forscher der Harvard-Studie über das Tagträumen weisen noch auf einen weiteren negativen Aspekt hin. Mit Hilfe eines Handyprogramms befragten sie fortlaufend 2.200 Studienteilnehmer, woran sie gerade denken und wie sie sich beim Gedankenabschweifen fühlen. Titel der Studie ist bezeichnenderweise „A wandering mind is an unhappy mind“. Übersetzt: Ein umherschweifender Geist ist ein unglücklicher Geist. Musik: Every man has his own sorrow 0‘15 Ein zentrales Ergebnis der Studie war: Das grübelnde und sorgenvolle Nachdenken darüber, was in der Zukunft sein könnte oder in der Vergangenheit besser gewesen wäre, kann auf Dauer unglücklich machen. Musik: Lake views 0‘20 Glücklich mache vor allem der gegenwärtige Moment – sofern er schön ist. Sex, Gespräche mit anderen Menschen, Spielen, Musikhören und Essen waren laut der Studie solch schöne Momente im Hier und Jetzt. Musik Ende Sprecher: Fantasie ist also wie ein Instrument, das tröstende, beglückende und beschwingende Melodien spielen kann. Und eben auch düstere, furchteinflößende. Also gilt es, achtsam mit ihr umzugehen. Damit sie nicht anfängt, ihr Eigenleben zu führen. In jedem Fall aber ist die Fantasie eine kraftvolle und mächtige Ressource, die Grenzen sprengen und Neues schaffen kann. Erzählerin: Schriftstellerin Gisa Klönne sitzt in ihrem kleinen Reihenhausgarten auf ihrem Lieblingsplatz: der hölzernen Eckbank. Es ist schon weit nach Mitternacht. Die Stadt wird ruhiger, nur noch das sanfte Rauschen des Verkehrslärms ist hörbar. Die Fledermäuse fliegen über ihren Kopf, im Laub raschelt ein Igel. In Momenten wie diesem kann es sein, dass plötzlich eine neue Romanfigur um die Ecke kommt. Musik: Relaxing water 0‘54 O-Ton 20 Gisa Klönne (0‘23“): Ich verbinde mich, wenn ich im Garten bin, und nach einer Zeit verbinde ich mich quasi mit der Erde, darüber wieder mit mir, vielleicht auch Ursprung, also dem Leben an sich, und über diese Verbindung mit etwas Höherem – weil ich mich dann auch mit allem verbunden fühle – und geerdet. Und dann ist das das Reich, wo dann manchmal die Fantasie hinkommt.

  9. Das Schwarze Meer - Die Geschichte eines umkämpften Raums

    23.06.2025 · 24 Min.

    Das Schwarze Meer war einst ein Süßwassersee. Hier soll sich einst die Sintflut ereignet haben. Große Gebiete wurden überflutet. Seit Jahrrausenden ringen und kämpfen verschiedene Völker um den strategisch wichtigen Lebensraum. Autorin: Claudia Steiner Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Ron Schickler Es sprachen: Hemma Michel, Florian Schwarz Technik: Ralph Bienzeisler Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Udo Schlotzhauer, Referent für Klassische Archäologie des nördlichen Schwarzmeerraums am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin; Prof. Dr. Emil Stanev (Aussprache des Namens bei Stenev 0.14), Institut für Küstensysteme, Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht; Prof. Dr. Stefan Troebst, bis 2021 Professor für Kulturgeschichte des östlichen Europa an der Universität Leipzig Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Die Straße von Gibraltar - Nadelöhr der Weltgeschichte JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  10. Die Medusa - Schlangenhaar und tödlicher Blick

    20.06.2025 · 24 Min.

    Mit ihrem Schlangenhaar und ihrem versteinernden Blick ist sie zum Inbegriff des schrecklichen Monsters geworden. Andererseits wurde ihr abgeschlagenes Haupt zum allgegenwärtigen Schutzsymbol. Doch Medusa war nicht von jeher ein Ungeheuer, sondern wurde erst durch männliche Gewalt und weiblichen Neid dazu. Autor: Frank Halbach (BR 2024) Credits Autor dieser Folge & Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Wilkening, Ines Hollinger Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Prof. Dr. Volker Mergenthaler, Literaturwissenschaftler Giulia Grossi, Althistorikerin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN (zischend flüsternd) Fürchterlich bin ich, rund umher mit drohendem Schrecken umkränzt. SPRECHERIN Angst ist die älteste und stärkste Emotion des Menschen. ZITATORIN (wie oben, sich allmählich steigernd) In Grauen und bleichem Entsetzen lässt mein wutfunkelnder Blick euch erstarren. SPRECHERIN Der Mensch ist bedroht - von Anfang an. Um diesem ursprünglichen Gefühl numinoser Angst zu begegnen, begann er zu erzählen. SPRECHER „Angst muss immer wieder rationalisiert werden, sowohl in der Geschichte der Menschheit wie in der des Einzelnen. Das geschieht primär nicht durch Erfahrung, sondern durch Kunstgriffe, wie Erklärungen für das Unerklärliche, Benennungen für das Unnennbare. Was durch Namen identifizierbar geworden ist, wird aus seiner Unvertrautheit durch die Metapher herausgehoben, durch das Erzählen von Geschichten erschlossen…“ SPRECHERIN Schreibt der deutsche Philosoph Hans Blumenberg über den Ursprung mythischer Erzählungen in seinem Literaturklassiker „Arbeit am Mythos“. SPRECHER Mit den Mythen betrat der Held die Bühne menschlicher Fiktion. ZITATORIN (hasserfüllt) Mit Sichelschwert, Tarnhelm und spiegelndem Schild. SPRECHERIN Ihm gegenüber steht: das Monster. ZITATORIN (trotzig) Abscheulich, schlangenhaarig, menschenhassgetränkt! SPRECHER Was wäre Siegfried ohne Drachen? Beowulf ohne Grendel, Odysseus ohne den Zyklopen, Herkules ohne die Hydra, Ödipus ohne die Sphinx oder Perseus ohne… SPRECHERIN Die Medusa: Ihr Gesicht zur Fratze verzerrt, ihr Mund reißzahnbewehrt, statt Haaren züngelnde Schlangen. So grauenhaft sieht sie aus, dass zu Stein erstarrt, wer sie erblickt. SPRECHER Seit der Antike dargestellt in Skulpturen, Gemälden, besungen und in sich immer wieder verändernden Mythen erzählt, hat Medusa über Jahrtausende ihren Weg bis in die Popkultur der Gegenwart gefunden: Im Fantasy-Roman, Kinoblockbuster oder PC-Spiel. MUSIK hoch SPRECHERIN Oder besser ihr abgeschlagener Kopf. Medusa und ihre Geschichte sind eines der berühmtesten Motive der griechisch-römischen Mythenwelt. O-Ton 1 Mergenthaler Was man vielleicht vorweg stellen muss ist, dass man Medusa als mythologische Figur begreifen muss. Das heißt: da gibt es nicht irgendwie eine Quelle, die festlegt, was zu ihr dazugehört, sondern das ist das Ergebnis einer Akkumulation eines kontroversen differenzierten Akkumulationsprozesses, der über zweieinhalbtausend Jahre sich hinstreckt, mehr oder minder, und auch nicht eine Figur irgendwie produziert, sondern eine Reihe von Figuren, die unter dem Namen Medusa Karriere gemacht haben und unterschiedliche Ausprägungen genommen haben. Je nachdem, welchen Aspekt man verfolgt. SPRECHER Sagt der Literaturwissenschaftler Professor Volker Mergenthaler, der sich eingehend mit dem Mythos Medusa beschäftigt hat. MUSIK privat Take 001 „Prologue“; Album: Dracula Untold; Label: Back Lot Music – BLM0284; Interpret: Gavin Greenaway; Komponist: Ramin Djawadi; ZEIT: 01:04 SPRECHERIN Wie bei den meisten Mythen liegt der Ursprung der Geschichte der Medusa im Dunklen. Was von Medusa rein mündlich erzählt wurde, vermag niemand zu sagen. Doch schon in einem der ältesten schriftlich fixierten fiktionalen Werke Europas, Homers Ilias, zu datieren auf etwa das 8. Jahrhundert vor Christus, findet die Medusa Erwähnung. ZITATORIN Das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers, Schreckenvoll und entsetzlich. SPRECHER Als furchterregendes Emblem auf dem Schild der Göttin Athene und des Anführers der Griechen im Trojanischen Krieg: Agamemnon. ZITATORIN Die Schreckengestalt der Gorgo drohete schlängelnd, Mit wutfunkelndem Blick, und umher war Graun und Entsetzen. SPRECHERIN Das Schreckliche an Medusa, das Furchtbare, das von ihr ausgeht ist… ZITATORIN (bitter) Ihr Antlitz. MUSIK ENDE O-Ton 2 Mergenthaler In den Details wird das dann unterschiedlich ausbuchstabiert: Sie hat Schlangenhaar, sie hat einen furchtbaren Blick, das Gesicht ist irgendwie zu einer Fratze geschnitten, mit bleckenden Zähnen und heraushängender Zunge. Also ich würde sagen, wenn man das irgendwie psychologisieren wollte, in unserer moderne Welt, würde ich sagen das ist eine Entstellungserfahrung. Da begegnet uns etwas, das wir als menschlich in seinen Grundzügen erkennen, das aber so verzerrt verrückt entstellt ist, dass es auf mich selbst zurückfällt und mir Angst macht, sozusagen. Ich könnte selbst so aussehen und ich mich versichern möchte, dass ich nicht so aussehe. (…) Was ist das Monster eigentlich? Es ist ein Gegenüber, das aus der Norm fällt und das nicht deswegen verunsichert und dann eben zu Stein oder wie auch immer erstarren lässt. SPRECHER Ein Monster verlangt nach einem Helden. Die Medusa nach einem der berühmtesten Heroen in der griechischen Mythologie: Perseus, Sohn des Zeus, der sich in Gestalt eines Goldregens seiner Mutter Danaë genähert hatte. MUSIK SPRECHERIN Dem König von Argos war geweissagt worden, ein Sohn seiner Tochter Danaë würde ihm einst zum Verhängnis werden. Er setzt daher Danaë und ihren Sohn Perseus auf dem Meer aus. Die Götter aber retten beide, so dass sie auf einer Insel der Kykladen an Land gespült werden. Hier weckt Danaë die Begierde des Königs Polydektes. SPRECHERIN Der auch vor Drohungen und Erpressungen nicht zurückschreckt, als er Danaë nachstellt. Perseus und dem Fischer, der Mutter und Sohn bei sich aufgenommen hat, gelingt jedoch immer wieder Danaë zu beschützen. SPRECHER Dieser Perseus muss weg. König Polydektes verlangt daher von Perseus, ihm das Haupt der Gorgone Medusa zu bringen, das jeden, der es sieht, zu Stein verwandelt. Die Gorgonen sind gemäß der griechischen Mythologie drei Schwestern, Kinder des Meeresgottes Phorkys und seiner Schwester Keto. Drei geflügelte Schreckensgestalten, welche jeden, der sie erblickt, zu Stein erstarren lassen. ZITATORIN Der Gorgonen Geschlecht, jenseits des Okeanos wohnend, Hart an der Grenze der Nacht, bei den singenden Hesperiden, Stheino, Eurýale auch, und die jammervolle Medusa. Sie war sterblich allein, doch Tod so wenig wie Alter Kannten die zwo. SPRECHER Als echter Held macht sich Perseus natürlich sofort auf den Weg. O-Ton 3 Mergenthaler Allerdings tut er das nicht als Soloplayer, sondern wenn man so will, als Teamplayer mit Backup. Und das Backup ist göttlicher Natur. Das ist Athene, die ihm ein bisschen was mitgebracht hat - wichtige Items: ein Sichelschwert, die „Harpe“, ein Beutelchen, Säckchen wie auch immer die „Kibisis“ und das entscheidende, die „Aigis“, ein Schild. Sie hat einen Schild mitgebracht, der blankpoliert ist, in dem man ein Spiegelbild sehen kann. ZITATORIN Perseus trat an die Schlafenden heran, mit abgewandtem Gesicht in seinen ehernen Schild blickend, der ihm das Bild der Gorgo zeigte, und indem ihm Athene die Hand führte, schnitt er ihr das Haupt ab. g Schwert + MUSIK ENDE O-Ton 4 Mergenthaler Also das ist die die Erfolgsgeschichte von Perseus. Und da ist eben, dass das Spannende dran, dass damit eigentlich erst mal eine Medientheorie verbunden ist: Also das denkbar Schrecklichste, dem kann ich mich eigentlich nicht aussetzen, ohne zugrunde zu gehen. Ich kann ihm aber begegnen, wenn ich es medialisiere. Das heißt, wenn ich vermittelt draufschaue. Und das kann man bis in unsere Zeit eigentlich übertragen. SPRECHERIN Dokumentierte Grausamkeiten aus dem ukrainischen Ort Butscha, verstörende Bilder ungeheurer Zerstörung und Gewalt aus Gaza, unerträgliche Aufnahmen von Morden der Hamas… O-Ton 5 Mergenthaler Das ist entsetzlich, was wir da zu sehen haben. Wir gucken es aber an, auf dem TV-Bildschirm, auf dem Handy, und halten das irgendwie aus. Und so würde ich sagen das ist das ist das, was uns der der Mythos im Grunde für heute liefern kann: mit dem mit dem Entsetzlichen, mit dem Grauenhaften Können wir irgendwie umgehen, wenn es eingekastelt wird, nicht, wenn es auf einem kleinen Bildschirm ist, der jederzeit signalisiert: das ist nicht in echt, das ist eine Repräsentation des Schrecklichen. Und dann lässt sich das bearbeiten, bewältigen und aushalten in irgendeiner Form. Das ist also das sozusagen das medientheoretisch Interessante am Mythos. SPRECHER Mythos bedeutet zu erzählen. Aber warum erzählen wir? SPRECHERIN Indem wir erzählen, übernehmen wir die Kontrolle. Der Literaturwissenschaftler Volker Mergenthaler: O-Ton 6 Mergenthaler Ich kann etwas in eine Ordnung bringen, das Unstrukturierte, das Schreckenerregende dieses Gegenübers, kann ich in eine Ordnung übertragen, indem ich sie auf die auf die Spiegelfläche bringe oder indem ich sie in eine Erzählung überführe. Beides sind Formen der Medialisierung. beides sind Formen der Strukturierung und der Ordnung. Und insofern Mythos das Schreckliche erzählt und weiterträgt und transformiert ist es immer auch eine Form der Kontrolle der Rationalisierung. Von daher ist dieser Medialisierungskniff, den Perseus mit Hilfe der Athene vollzogen hat, eben mythos-theorethisch interessant, aber auch für ganz moderne Medientheorie immer noch ganz brauchbar. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell Athene nahm das Haupt der Gorgo in die Mitte ihres Schildes. SPRECHERIN Als Unheil abwehrendes magisches Schutz- und Schreckmittel schmückt das sogenannte Gorgoneion fortan Waffen, Wagen, Schiffe, Stadt-mauern, Amulette, Gewänder, Möbel und Sarkophage. SPRECHER Der abgeschlagene Kopf ist ein Zeichen, das Macht demonstriert. Das Ungeheuer ist besiegt - doch zugleich gegenwärtig. ((ZITATORIN Vor dem Anblick jedem stirbt des Lebens Hauch. SPRECHER Das Antlitz der Medusa behält seine Wirkung: Zunächst als bluttriefend hervorgezogenes Haupt und später als Abbild auf dem Schild. SPRECHERIN Die Enthauptung: blutige Machtdemonstration von Königen, Revolutionären und Terrorristen. )) SPRECHER Aber was genau speziell am Haupt der Medusa ist so schrecklich? Und: Wie ist dieses schreckliche Monster entstanden? ZITATORIN (geflüstert) accipe quaesiti causam. clarissima forma multorumque fuit spes invidiosa procorum illa, nec in tota conspectior ulla capillis pars fuit: inveni, qui se vidisse referret. hanc pelagi rector templo vitiasse Minervae dicitur: aversa est et castos aegide vultus nata Iovis texit, neve hoc inpune fuisset, Gorgoneum crinem turpes mutavit in hydros. nunc quoque, ut attonitos formidine terreat hostes, pectore in adverso, quos fecit, sustinet angues. (darüber) Höre den Grund des, was du erfragst. Obsiegend in Schönheit War der beneidete Wunsch zahlreicher Bewerber Medusa; Aber es fiel kein Teil an der ganzen Gestalt in das Auge Mehr, als das Haar. So hört' ich von manchen, die selbst es gesehen. Diese entehrt der Fürst des Meers, wie es heißt, in Minervas Tempel. (wegblenden) [Von hinnen gewandt hielt Iupiters Tochter die Aigis Vor ihr keusches Gesicht, und damit nicht fehlte die Strafe, Ließ sie der Gorgo Haar sich wandeln in scheußliche Hydern. Jetzt noch immer, mit Angst zu schlagen erbebende Feinde, Trägt sie vorn auf der Brust von ihr selber geschaffene Schlangen.] darüber SPRECHERIN Im ersten Jahrzehnt nach Christi Geburt erzählt auch der antike römische Dichter Ovid in seinem mythologischen Gedicht „Metamorphosen“ von Perseus und Medusa. MUSIK ENDE O-Ton 7 Grossi I Und eine Innovation des Ovid ist, dass er uns jetzt aber noch einen Hintergrund zu dieser Figur erzählt. Und zwar sei diese Gorgone, diese Medusa, nicht einfach immer schon ein Monster gewesen, sondern sie sei ursprünglich mal eine wunderschöne junge Frau gewesen, die sich vor männlichen Verehrern kaum retten konnte und vor menschlicher Aufmerksamkeit. SPRECHER Die Althistorikerin Giulia Grossi hat sich dem Medusa-Mythos aus feministischer Perspektive genähert. O-Ton 8 Grossi Und diese wunderschöne junge Frau war allerdings eine Priesterin der Athene, also der Göttin, die später ganz wesentlich zu ihrem Tod beiträgt. Und ja, diese ungewollte männliche Aufmerksamkeit ist leider ein Leitmotiv ihres Lebens, denn sie zieht eben die Aufmerksamkeit von Poseidon beziehungsweise Neptun, auf sich, dem Meeresgott. Und dem kann sie leider nicht entkommen. Denn der tut ihr sexualisierte Gewalt an, und zwar in dem Tempel der Athene. Und statt also ihrer Schutzbefohlenen zu Hilfe zu kommen, sieht Athene das als ein schweres Vergehen gegen sie selbst, gegen die Integrität dieser Göttin und der Integrität dieses Heiligtums. Und sie bestraft Medusa dafür, indem sie ihr ein furchtbares Aussehen verleiht eben durch beispielsweise das Schlangenhaar, was heute noch ein sehr bekanntes Motiv oder das bekannteste ikonografische Motiv der Medusa ist und sie eben gleichzeitig auf diese Insel verbannt. Und zudem noch diese schreckliche Gabe des ja das versteinernden Blickes, was diese arme Frau, zusätzlich auch noch isoliert, komplett. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell SPRECHERIN Medusa wird vergewaltigt und dafür auch noch bestraft, von der, die sie eigentlich beschützen sollte, ihrer Priesterin. SPRECHER Sie wird also keineswegs nur Opfer männlicher Gewalt, sondern zugleich auch des weiblichen Neids. ZITATORIN Meine Locken wanden sich wild in Wut, mein Bewusstsein klammerte sich fest am Hass, der Wunsch nach Rache erfüllte mich und ich begann mich an ihm zu nähren. Mein Haar verwandelte sich in Vergeltung zischende Vipern und meine Augen sahen die Welt in Stein. MUSIK ENDE O-Ton 9 Gross Wir wissen ganz genau, den Kontext, den politischen Kontext, den gesellschaftlichen Kontext, in dem Ovid schreibt. Und zwar ist es in dem ja ziemlich brisanten Zeitalter des Übergangs einer republikanischen Staatsform in eine monarchisch Staatsform der römischen Kaiserzeit, die eigentlich jetzt beginnt, also mitschreibt um die Zeitenwende der Herrschaft des Augustus, mit dem er ein sehr angespanntes Verhältnis hat. Und er macht gar kein Geheimnis daraus, dass Augustus in seinem Epos als quasi-göttliche Figur gleichgestellt wird. Und ein sehr wichtiges Thema, was sich durch die Metamorphose vor allem die ersten Metamorphosen-Bücher durchzieht, wo auch dieser Medusa-Mythos beziehungsweise Perseus-Mythos drin erzählt, ist die Ohnmacht der Menschen vor göttlicher Macht. Also alle Menschen sind dieser göttlichen Macht, der absoluten Willkür dieser olympischen Götter zu allen Zeiten unterworfen. Und was wir in diesem Epos ja auch sehen, ist, dass es keinerlei Konsequenzen für Athene gibt oder für Perseus, der ja der Held dieser Geschichte ist, und die soll es auch nicht geben. SPRECHERIN In der patriarchalen Weltordnung hat die Schönheit Medusas eine gewaltige Schattenseite: Sie provoziert männliches Begehren und sexualisierte Gewalt. Erst mit der Verwandlung ins schlangenhaar-bewehrte zornige Ungeheuer gewinnt Medusa Sicherheit. Zudem kann sich die Medusa jetzt mit ihrem versteinernden Blick zur Wehr setzen und wird schließlich auch noch auf eine Insel verbannt, auf der sie nur mit ihren gorgonischen Schwestern lebt. Verwandlung und Verbannung gewährleisten also Schutz vor weiterer männlicher Gewalt. Giulia Grossi: O-Ton 10 Grossi Die Tatsache, dass Medusa ja Opfer eines sexuellen Übergriffes wurde und das Ganze aber ja keinerlei Konsequenzen für ihren Aggressor einerseits bedeutet hat, andererseits aber auch für diese Gottheit ihre Schutzbefohlene, ihre Patronin, die sie dafür bestraft. Das ist, glaube ich, ein Motiv, was ganz wichtig wird und ganz emblematisch für diese Auseinandersetzung mit eben der Normalisierung von solcher sexuellen Gewalt. Das ist einfach an der Tagesordnung ist. Und es gibt keine Konsequenzen mehr. Was für Konsequenzen soll es schon geben? Und andererseits eben auch dieses die Thematik des weiblichen Neides. Dass Frauen gegeneinander ausgespielt werden und wenig Solidarität untereinander zeigen, ist eben auch ein Motiv, was hier ganz gut abgehandelt und diskutiert werden kann. SPRECHER In den 1960er und 70er Jahren entdeckt der Feminismus den Medusa-Mythos für sich. SPRECHERIN Es geht um weibliche Autonomie, um Selbstbestimmung, die sich eben auch auf sexuelle Selbstbestimmung erstreckt. Um autonome Organisations- und Lebensformen – die drei Gorgonen leben frei und unabhängig - ohne Männer – ihr eigenes Leben. Eine autonome Gemeinschaft, die sich mittels des versteinernden Blicks der Medusa auch verteidigen kann. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell ZITATORIN Es reicht Medusa ins Gesicht zu schauen, um sie zu sehen: und sie ist nicht tödlich. Sie ist schön und sie lacht. MUSIK ENDE SPRECHER Schreibt die französische Schriftstellerin Hélène Cixous in ihrem Essay „Das Lachen der Medusa“ aus dem Jahr 1975, der als ein Schlüsseltext der feministischen Theorie gilt. O-Ton 11 Grossi II Und Hélène Cixous eben dann darauf verweist, eben einerseits diese männliche Angst, die sich in Medusa manifestiert, vor weiblicher Selbstbestimmung und vor weiblicher Macht und andererseits die Tatsache eben, dass Medusa eine schöne Frau gewesen sei und gelacht hat.(…) 04:06 Dass eben diese männliche Angst vor weiblicher M acht, die jahrhundertelang eben zu solcher Unterdrückung geführt hat und eben auch zu einer Selbstunterdrückung von Frauen versucht zu lösen. Und eben die Selbstbestimmung und Freiheit von Medusa unterstreicht und nicht das Gefährliche, das ihre Schönheit hatte, auch aus weiblicher Perspektive die Gefahr eines sexuellen Übergriffs, sondern eben die Freiheit, die solche Schönheit und sexuelle Selbstbestimmtheit mit sich bringen kann. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness” Als Gefangene meiner selbst sehne ich mich danach, mein zischendes Haar abzuwerfen, meine verhängnisvollen Augen zu schließen, die verdreht sind von einer Wut, die ich nie wollte… SPRECHERIN Weit weniger optimistisch nähern sich Dichterinnen wie die amerikanische Lyrikerin Ann Stanford dem Medusa-Mythos. Düster und schonungslos erzählen sie von der Vergewaltigung durch Poseidon aus der Ich-Perspektive. Endlich erhält Medusa selbst eine Stimme. Und es ist keine göttliche Strafe, sondern die Wut über Poseidons Angriff, die Medusa verwandelt. ZITATORIN Mein zorngetränkter Blick tötete alles Lebendige. Ich war allein. Ich bin allein. MUSIK ENDE SPRECHERIN Medusas entstelltes Antlitz: der Ausdruck weiblicher Wut. Wut, die seit jeher keinen Platz in der patriarchalen Gesellschaft hatte - sanktioniert, pathologisiert, weggeschlossen, wegerzogen. SPRECHER Medusa bleibt eine zutiefst ambivalente Figur: furchteinflößend und als Zeichen zugleich schützend. SPRECHERIN Opfer männlicher sexueller Gewalt einerseits, Symbolfigur autonomer Weiblichkeit andererseits. SPRECHER Der Mythos Medusa wird fortgeschrieben: Die Gorgone tritt in Computerspielen wie „Heroes of Might and Magic“, „God of War“ oder „Assassin’s Creed“ auf. In Kinoblockbustern wie „Kampf der Titanen“ in Jugend-Fantasy wie „Percy Jackson“… SPRECHERIN 2022 veröffentlicht die britische Schriftstellerin Natalie Haynes ihren Roman „Stone Blind – Der Blick der Medusa“. SPRECHER Der Kopf der Gorgone werde hier zum Symbol dafür, wie Geschichten durch die Zeit verzerrt werden können und eine neue und kraftvolle Resonanz erhalten, urteilt „The Guardian.“ SPRECHERIN 2022 hat an den Münchner Kammerspielen „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai Premiere. Yishai schildert schonungslos in ihrem klageliedartig komponierten Textgeflecht alle erdenklichen Details sexualisierter Gewalt. Im Mai 2023 führt Sabine Fischmann das Stück „#MeToo Medusa. Ein feministischer Wutausbruch“ im Frankfurter Stalburg Theater auf. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness” ZITATORIN Ich bin die für schuldig befundene Unschuldige. Die man enthauptete, während sie schlief. Deren verstümmelte Überreste ganze Heere in Schrecken versetzen. Ich bin, was nach einer Vergewaltigung von einer Frau bleibt. SPRECHERIN Medusa-Varianten, die Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, ihre eigene Stimme zurückzugeben versuchen. Medusa steht heute mehr denn je für ein sehr intimes und persönliches Thema, das zugleich doch höchst politisch ist.

  11. Die Küche - Zwischen Kochen und Kommunikation

    20.06.2025 · 23 Min.

    Elektroherd und Wasserhahn, Kühlketten und Lebensmittelgeschäfte: Im 20. Jahrhundert musste niemand seine Butter mehr selber stampfen, Kleinstküchen setzten sich durch. In ihrer Mitte stand und waltete die Hausfrau - allein. Dabei waren Küchen einst wichtige Orte der Kommunikation. Und sind es heute wieder. Oder? Von Julie Metzdorf (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Caroline Ebner, Johannes Hitzelberger, Carsten Fabian Technik: Andreas Lucke Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Josef Straßer, Design-Experte Die Neue Sammlung – The Design Museum; Prof. Dr. Tilman Allert Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Stühle, Sessel, Schemel - Wie wir sitzen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Bratpfanne + offener Kamin Musik 1: Greenhouse – 45 Sek ERZÄHLERIN Kochen macht schlau. Gekochte Speisen haben vor Hundertausenden von Jahren das Gehirnwachstum unserer Vorfahren gefördert und so zur Entwicklung des Homo Sapiens geführt – davon gehen jedenfalls Anthropologen aus. Denn Kochen, Garen, Sieden oder Schmoren ist eine Art Vorverdauung außerhalb des Körpers. Die in der Nahrung enthaltenen Nährstoffe können besser verwertet werden, bzw. der Verdauungsapparat muss weniger Energie investieren. Die kann stattdessen ins Gehirn wandern. ERZÄHLER Das Kochen erweiterte außerdem die Nahrungspalette unserer Vorfahren: es eliminiert Gifte und macht manche Pflanzen überhaupt erst genießbar. Vor allem aber dürfte das Kochen das Sozialverhalten der frühen Menschen entscheidend geprägt haben. Der Soziologe Georg Simmel wies schon vor mehr als 100 Jahren darauf hin: ATMOS Essen + Murmeln + Sektgläser ZITATOR A Georg Simmel (gest. 1918, zit. nach: Der Zeitgeist, Beiblatt zum Berliner Tageblatt von 1910) Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen. ATMO Feuerstelle + Musik 2: Prelude - 40 Sek ERZÄHLERIN Die Feuerstelle war wohl von Anfang an ein Ort der Gemeinschaft und der Kommunikation. Die ersten nachweisbaren Küchen der Menschheit stammen aus der Zeit um 8000 vor Christus und wurden in der Nähe von Jerichow gefunden: Es waren offene Feuerstellen, einfache Lehmöfen und Mahlsteine in den Innenhöfen strohgedeckter Lehmhütten. Vermutlich wurden sie von den Bewohnern der umliegenden Hütten gemeinschaftlich genutzt. Kochen und Essen, das Zubereiten und die Aufnahme der Nahrung, waren also eng miteinander verknüpft. Design-Experte Josef Strasser: 1 OT Josef Strasser: Anfänge Ganz ursprünglich war das sehr natürlich nicht getrennt, sie hatten ein Feuer, auf dem Feuer wurde gegart, und dann gab es bald auch schon die ersten Keramiktöpfe, in denen dann auch Flüssigkeiten gekocht worden sind, das war nicht getrennt, das war in Einem. ERZÄHLER Im Lauf der Zeit verlagerte sich das Kochen in den Innenraum. Eine Feuerstelle am Boden, später auf einem gemauerten Sockel, wurde Küchenstandard für Jahrhunderte: 2 OT Josef Strasser: Wärme Die Küche war das Zentrum, das Feuer liefert auch Wärme, und das war das Entscheidende, deswegen war das ein sehr zentraler und wichtiger Raum. ERZÄHLER Doch Kochen ist auch gefährlich. Genauer gesagt: offenes Feuer ist gefährlich. Regelmäßig kam es zu Feuersbrünsten, denen ganze Stadtviertel zum Opfer fielen. Selbst ohne Unfälle war die Luft in Räumen mit offenem Feuer schlecht. 3 OT Josef Strasser: Ruß Viele kennen noch den Begriff der Schwarzkuchl, also der schwarzen Küche, das kommt daher, weil das Feuer in dem Raum Rauch entwickelt hat, und der Rauch hat das Ganze geschwärzt, letztendlich war der Raum verrußt. ATMO Feuerstelle ERZÄHLERIN Die Mahlzeit köchelte in einem Kessel, der an einer Kette über der Flamme hing. Mithilfe eines Kesselhakens konnte die Temperatur geregelt werden: Einen Zahn zulegen hieß, die Temperatur zu erhöhen. Der aufsteigende Rauch zog über Öffnungen im Dach ab, er konservierte das Gebälk, wehrte Ungeziefer ab und konnte immerhin zum Räuchern benutzt werden. Der Jurist und Historiker Justus Möser beschrieb 1767 in den „Osnabrückischen Intelligenzblättern“: Weiter Atmo Feuerstelle + Baby + Kessel + Kuh ZITATOR B Justus Möser (vom niedersächsischen Landesarchiv frei zur Verfügung online gestellt) Der Herd ist fast in der Mitte des Hauses und so angelegt, dass die Frau, welche bei demselben sitzt, zu gleicher Zeit alles übersehen kann. Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, übersieht die Wirtin zu gleicher Zeit drei Türen, dankt denen die hereinkommen, heißt solche bei sich niedersetzen, behält ihre Kinder und Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, hütet Keller, Boden und Kammer, spinnet immer fort und fort dabei. ERZÄHLER Für die einfache Bevölkerung blieb die Feuerstelle jahrhundertelang der Mittelpunkt des Hauses. Privilegierte Stände konnten die Küchenarbeit ans Personal delegieren und räumlich ausgrenzen. In Burgen, Schlössern oder Klöstern befand sich die Küche normalerweise in einem eigenen Wirtschaftsbau oder Küchenflügel, in bürgerlichen Haushalten im hinteren Teil der Wohnung. Die repräsentativen Räume blieben so rauch- und geruchfrei. ERZÄHLERIN Zum Heizen der Häuser setzten sich ab dem späten Mittelalter Kachelöfen durch. Sie standen in der Wohnstube und wurden von der Küche aus befeuert, der Raum mit dem Kachelofen selbst blieb rauchfrei. Damit war erstmals ein und derselbe Raum warm und rauchfrei. 4 OT Josef Strasser: Kachelofen Kachelofen ist mehr im Wohnbereich, die großen Gebäude mussten ja geheizt werden und dann gab es halt den Kochherd, die Küche, die meistens abgetrennt war. Da muss man natürlich schauen in welcher sozialen Ebene befinden wir uns. Das sind natürlich Unterschiede, ob ich ein kleines Haus habe mit einer kleinen Küche oder ob ich ein riesiges Schloss habe mit einer extra ausgestalteten Küche. ERZÄHLER Ausgenommen die Ärmsten unter den Armen, basierte der vormoderne Haushalt auf dem Prinzip der Vorratswirtschaft. Die meisten Güter wurden nicht als fertige Produkte gekauft, sondern im Haus selbst produziert: Man buk Brot und schlug Butter, es wurde geschlachtet, geräuchert und gepökelt, Wurst und Marmelade gekocht, man kelterte womöglich eigenen Wein, auch Kerzen wurden gezogen, Flachs zum Spinnen bearbeitet, Seife gekocht. „Betriebsleiterin“ war die Hausmutter. Diese Art des Wirtschaftens änderte sich im 19. Jahrhundert zunehmend mit der beginnenden Industrialisierung. Musik 3: The heroic weather-conditions of the universe, Part 2: Smoke / Fire - Z8034868 107 – 53 Sek ERZÄHLERIN Im Zuge der Industrialisierung entstand die Kleinfamilie: junge Männer und Frauen verließen den ländlichen Hof und die Großfamilie und arbeiteten in der Stadt in einer Fabrik, gelebt wurde in kleinen, meist dunklen Mietwohnungen, erst allein, dann mit Frau und Kindern. Für Brot und Wurst sorgten in den Städten nun Bäcker und Metzger. Auch vieles anderes konnte man nun einfach kaufen. Niemand musste mehr Butter stampfen oder Seife kochen. Die Küchen konnten kleiner werden. Und andersherum: man brauchte kleine Küchen: 5 OT Josef Strasser - Landflucht + Separierung Natürlich ist es in erster Linie die Wohnungsnot, durch die Landflucht, durch die Überbevölkerung der Städte, und in diesem Zusammenhang entstanden auch die sozialen Wohnungsbauprogramme. Und die große Reform war dann, dass man versucht hat, für möglichst viele Leute preiswerten Wohnraum zu schaffen, und dass dieser Wohnraum natürlich beengt war, liegt auf der Hand und aus dem Grund so hat sich da eine Neuentwicklung ergeben, dass man die Küche separiert hat. Statt eines Raumes, in dem alles integriert war, entstanden nun quasi zwei Zellen, du hast auf der einen Seite den eigentlichen Arbeitsraum, die Kochküche, auf der anderen Seite das Esszimmer. Musik 4: The king’s tulips – 37 Sek ERZÄHLER Voraussetzung für kleinere Küchen, in denen man nicht sofort am Ruß erstickte, war die Eliminierung des offenen Feuers. Der Architekt Francois de Cuvilliés der Ältere. baute in München nicht nur ein schickes Hoftheater, er erfand 1734 auch den Vorläufer unseres modernen Vierplatten-Herds, den sogenannten „Castrolherd“, von französisch „casserole“, Kochtopf. Für die kleine Amalienburg im Nymphenburger Schlosspark in München bedeckte er einen geschlossenen Feuerkasten mit einer durchlöcherten Eisenplatte. Die Brandgefahr verringerte sich erheblich. ERZÄHLERIN Benjamin Thompson alias Graf Rumford entwickelte – übrigens ebenfalls in München – die Sache weiter und leitete die Hitze des Feuers durch mehrere Kanäle gezielt an verschiedene Stellen der Herdplatte. Anfangs nur für wenige Wohlhabende erhältlich, verdrängten solche geschlossenen Herde nach und nach das offene Feuer aus den Häusern, die Küchen wurden rußfrei. ERZÄHLER Während der Industrialisierung wuchsen in Europa die Städte rasant an, für Arbeiter wurden große Siedlungen gebaut. 6 OT Josef Strasser – klein + Siedlungsbau Die soziale Frage hat sich ja überall in den Industriestaaten gestellt, England sowieso aber auch in Österreich oder Frankreich aber insbesondere auch in Deutschland und Frankfurt ist so ein großes Paradebeispiel, dass man einfach zehntausende von Wohnungen geschaffen hat. Musik 5: „Himmelspforte“ – 17 Sek ERZÄHLER Die Küchen für die Siedlungen in Frankfurt sollte Margarethe Schütte-Lihotzky gestalten, eine junge österreichische Architektin. Das Ergebnis ging in die Geschichte ein: die sogenannte „Frankfurter Küche“ von 1926 wurde zur Mutter aller Einbauküchen. 7 OT Josef Strasser - Taylorismus + Spüle Man muss aber ein bisschen zurückgehen in der Geschichte, es gab so Bestrebungen bereits im 19. Jahrhundert, ganz wichtig sind da die USA, auch die Frauenbewegungen, dass man sich gedacht hat, wie kann ich das Leben einfacher machen, also rationeller organisieren, … es gab ja diesen Taylorismus, die Rationalisierung in der Industrie und man versucht, das aufs Wohnen, aufs Private zu übertragen, also wie organisiere ich Arbeitsabläufe. ERZÄHLERIN Die Frankfurter Küche sollte vor allem preiswert und deswegen möglichst klein sein. Als Vorbild dienten der jungen Architektin die Speisewagenküchen der Eisenbahn, in denen bei einer Spurweite von etwas mehr als 1,40 Meter naturgemäß sehr platzsparend gekocht werden musste. 6,5 Quadratmeter Grundfläche hatte die Frankfurter Küche. Schränke, Herd, Arbeitsflächen und Spüle waren an den Wänden angeordnet, die Mitte blieb frei bzw. dort stand die Hausfrau und konnte mit wenigen Handgriffen rundum agieren. Platz für eine zweite Person im Raum gab es nicht. Es war eine Arbeitsküche. Ein Tisch hätte da nur gestört, gegessen wurde fortan in einem separaten Ess- oder Wohnzimmer. 8 OT Josef Strasser - Abtrennung Ein großer Vorteil ist die Hygiene, dass ich einen Raum habe, in dem ich Speisen zubereite und in dem Raum keine anderen Dinge mache, Kinder spielen und das zweite sind die Gerüche, die beim Kochen entstehen, auch Geräusche natürlich, dass das getrennt war, dass das weg war vom Wohnbereich. ERZÄHLER Doch die Küchen für die Arbeitersiedlungen sollten nicht nur klein sein. Sie sollten der Hausfrau die Küchenarbeit erleichtern und Zeit sparen. Margarethe Schütte-Lihotzky untersuchte daher die Bewegungsabläufe und versuchte sie zu optimieren. Musik 6: Gimme that shimmy – 42 Sek ERZÄHLERIN Ein höhenverstellbarer Drehstuhl sorgte für die optimale Position je nach Tätigkeit, Fenster ließen sich öffnen, ohne erst irgendwas wegräumen zu müssen, Küchenabfälle konnte mit einer Wischbewegung von der Arbeitsfläche direkt in eine Abfallrinne gewischt werden, war sie voll, konnte man sie wie eine Schublade herausziehen und entleeren. ERZÄHLER Oder das Bügelbrett: Es wurde mit einem Griff von der Wand heruntergeklappt und mit der Brettspitze auf den gegenüberliegenden Spülschrank aufgesetzt, es hatte also weder störende Füße, noch musste man es umständlich rein- und raustragen. 9 OT Josef Strasser - Abtropfen Wie mache ich das beispielsweise beim Spülen, dass ich nicht die Hände übergreifen muss, sondern ich hab die linke Hand, mit der halte ich das Geschirr mit der rechten spüle ich und ich lege es dann auch wider auf der linken Seite ab und nicht auf der rechten Seite. Es ging auch darum, dass man das Geschirr abtropfen ließ, sie hat ein Abtropfgestellt erdacht, um sich das Abtrocknen zu ersparen. ERZÄHLERIN Die Frankfurter Küche war ganz im Geist der Frauenbewegung entstanden. Schütte-Lihotzky war eine der ersten Architektinnen überhaupt, Frauen durften in Österreich erst Ende des 19., in Deutschland gar erst Anfang des 20. Jahrhunderts Architektur studieren. Dass sich die junge Vorreiterin nun ausgerechnet auf die Planung einer Küche stürzte, klingt nach einem Klischee, hatte aber Gründe: 10 OT Josef Strasser - Architektinnen Ein Mann, ein Architekt denkt sich die Küche so und so, da er nicht in der Küche arbeitet, hat er auch nicht diese Arbeitsabläufe intus. Um die Arbeitsabläufe zu verbessern, muss man sich halt einfach mal damit beschäftigen oder sich damit auskennen. Und deswegen liegt es ein bisschen auf der Hand, dass Frauen als Architektinnen da einen anderen Blick haben als Männer. ATMO Braten ERZÄHLER Die Frankfurter Küche war eine Küche von Frauen für Frauen. Doch vor allem aus konservativen Kreisen gab es von Anfang an Kritik. Sonntags dürften die Kinder aus der Nachbarschaft Puppenküche darin spielen, witzelte man angesichts der geringen Ausmaße der Küche. In der Tat war die Umgewöhnung natürlich enorm. Die Frau – die seinerzeit nun mal fast ausschließlich in der Küche stand – wurde hier zum Zentrum einer Art Maschine, die sie erst bedienen lernen musste. ERZÄHLERIN Von der Frankfurter Küche selbst wurden nur etwa 12.000 Exemplare gebaut – nicht viel angesichts des rasanten Anstiegs der Bevölkerung in jener Zeit. Und trotzdem: Die Idee Einbauküche setzte sich in Stadtwohnungen durch; die Frankfurter Küche war der Urtyp aller Einbauküchen. 11 OT Josef Strasser - Erfolg Sie hat eine große Wirkung gehabt, hat das Leben vereinfacht, Arbeit erspart, Zeit erspart und damit natürlich auch die damit verbundenen Kosten. Musik 7: Urgem X – 35 Sek ERZÄHLER Seit den 50ern wuchs parallel auch die Zahl der elektrischen Geräte in den Küchen: Toaster, Eierkocher, Rührgerät, Brotschneidemaschine, Waffeleisen, Mikrowelle: Die Küche wurde nach und nach zum Maschinenpark. In den 60ern hielt der elektrische Kühlschrank Einzug, dazu Fertigprodukte, Dosen und Brühwürfel. Das Leben der Hausfrau wurde in mancherlei Hinsicht tatsächlich einfacher. Wäre da nicht dieses eine Problem gewesen: 12 OT Josef Strasser - Ironie Man will das Beste, Rationalisierung, Arbeit sparen, Kräfte sparen, so dass die Frau Zeit gewinnt, für andere Tätigkeiten und was passiert: Isolierung. ERZÄHLERIN Die Kleinstküche wurde zunehmend als Hausfrauenknast gesehen, der Frauen eben nicht befreit habe, sondern in ihrem Kochlabor gefangen hielt, an den Rand der Wohnung gedrängt und vom Esszimmer und dem Rest der Familie getrennt. Um Wege zu verkürzen, baute man Durchreichen, ein Bedienfenster, damit das Essen auch ja warm auf den Tisch kam. ERZÄHLER Ende der 70er kam Bewegung in die Küchenfrage: Der Designer Otl Aicher, Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm war eine Art Star-Designer seiner Zeit, unter seiner Federführung wurden die Olympischen Sommerspiele in München in Regenbogenfarben gestaltet. Aicher war nicht nur ein Genussmensch, er kochte auch selbst gern. Als er den Auftrag zur Gestaltung einer neuen Küche bekam, begab er sich erstmal auf Recherchereise. Musik 8: With Compliments – 45 Sek ERZÄHLERIN Ein Jahr lang besuche er verschiedene Spitzen-Restaurants in Europa und teilweise in den USA und analysierte die dortigen Küchen. Denn von wem könnte man besser etwas über Küchen lernen als von Profis? Das Ergebnis: Aicher begriff Küchen als Orte der Kommunikation: ZITATOR: „Essen macht kommunikativ. Es verhindert, dass man alles in sich hineinfrisst“ ERZÄHLERIN …schrieb der Designer 1982 in seinem Buch „Die Küche zum Kochen“. Eine Küche, in der sich praktisch nur eine Person aufhalten kann, war für Aicher ein Unding. Für ihn spielte sich das wahre Leben in der Küche ab, und nicht etwa im Wohnzimmer. ERZÄHLER Dazu war es notwendig, dass alle alles verstehen können. Mit der gängigen Küchenzeile in einem vom Esstisch abgetrennten Raum war diese Idee nicht vereinbar. Denn mit dem Gesicht zu Wand und den Gästen im Rücken kann man schwerlich am Gespräch teilnehmen, sagt der Soziologe Tilman Allert. 13 OT Tilman Allert - Töpfe Jemand, der kocht, der wird immer um den Genuss der Kommunikationspointen gebracht, weil er immer am Topf steht und da zischt und raucht es und man kriegt nichts mit. ERZÄHLERIN Tilman Allert begreift Küchen als Orte einer „legitimen Trivialkommunikation“. Hier wird nicht unbedingt – manchmal aber durchaus! – über die bedeutenden Dinge der Welt gesprochen. In der Küche darf geschnackt und getratscht werden. Genau das mache sie laut Allert zu so einem einzigartigen Ort menschlicher Geselligkeit. Das und: das gemeinsame Essen. ERZÄHLER Das sah schon Otl Aicher so: Kochen und Essen sollten seiner Meinung nach wieder zueinander finden, im gleichen Raum. Es gibt nichts zu verstecken: Der Prozess des Entstehens der Mahlzeit soll erkennbar sein. Nicht zuletzt regt es ja auch den Appetit an, wenn man das Essen erst ein Weilchen anschaut und noch nicht gleich zulangen darf. 15 OT Tilman Allert - Respekt Es ging ihm um einen Respekt vor dem, was in der Küche geschieht. Das Rohe oder das Ungegarte bringen wir in die Küche, kochen es und über diesem Vorgang wird aus der rohen Natur man könnte sagen genießbare Natur. Und das ist bei Aicher verbunden mit einer Respekteinstellung gegenüber den Gaben der Natur, die für ihn als Katholiken immer Gottesgaben waren. ERZÄHLERIN Aicher holt das uralte Konzept der offenen Küche wieder aus der Schublade. Er entwickelt einen zentralen Küchenblock, eine Kochinsel, mitten im Raum. Außerdem gestaltet er Küchen-Utensilien, die sich an der Profi-Gastronomie orientieren. Wer täglich kocht, braucht professionelles Werkzeug, da machen Billigangebote keine Freude. ERZÄHLER Ebenfalls von den Berufsköchen abgeschaut: alle Dinge müssen gut erreichbar sein. Erreichbarkeit geht einher mit Sichtbarkeit. Statt Schränke und Schubladen favorisierte Aicher einfache Haken in S-Form, an die man die wichtigsten Küchengeräte einfach dranhängen und mit einer Hand abnehmen konnte. 16 OT Tilman Allert - Küchenblock Dieser Küchenblock und überhaupt die Küchenausstattung, die heute es ermöglicht, dass man in der Küche Geselligkeit praktiziert, die bringt das, was Aicher in den 70er Jahren schon ausgedacht hatte, noch mal deutlicher auf den Punkt, nämlich die Küche als einen geselligen Ort zu begreifen, an dem man irgendwie kocht, etwas entstehen lässt, aber an dem die Kommunikation untereinander zentral ist, also der Aicher ist auf eine Weise modern, wie er sich das selbst damals wohl gar nicht hat vorstellen können. Musik 9: elephant parade – 27 Sek + ATMOS Murmeln, Braten, Sekt ERZÄHLERIN Ist ja auch eine schöne Vorstellung: der Küchenchef, die Küchenchefin des Abends steht in der Mitte des Raums und kocht, gegenüber stehen die Gäste oder haben auf Barhockern Platz genommen, trinken einen Aperitif oder helfen beim Gemüseschnippeln. Später wechselt man an den großen Tisch gleich nebenan. ERZÄHLER Aber mal ehrlich: Wer kann sich das schon leisten? In Neubauten mit viel Grundfläche kann man so bauen, in einer Altbau-Mietwohnung ist das nicht umsetzbar. 17 OT Tilman Allert - Milieu Das ist natürlich milieuspezifisch, das muss man sich erlauben können. Aber man muss hinzunehmen, dass in den einfachsten Wohnverhältnissen bis auf den heutigen Tag das berühmte Wohnzimmer, das es ja immer noch gibt, eigentlich vollkommen ungenutzt bleibt und alles Gesellige spielt sich in der Küche ab. Unabhängig vom Geldbeutel könnte man sagen ist die Küche der Ort, an dem man sich versammelt und an dem man Gedanken austauscht. ERZÄHLERIN Heute ist die offene oder auch „Wohnküche“ das Ding der Stunde – und eine Art Kompromiss: Arbeitsfläche, Spüle und Geräte sind oft immer noch in einer Zeile an der Wand angeordnet, aber der Kochende befindet sich zumindest im gleichen Raum mit den Gästen oder restlichen Familienmitgliedern. Das ist zwar nicht ganz so toll wie vis-á-vis mit den Gästen am zentralen Küchenblock zu hantieren, aber immerhin besser als in einem anderen Raum zu stehen und nur ab und zu mal einen Wortfetzen durch die Durchreiche zu erhaschen. ATMOS Essen + Braten + Murmeln ERZÄHLER Zu ihrer Zeit gab es gute Gründe für die Entwicklung von Einbauküchen für nur eine Person. Im Verlauf der Küchengeschichte ist ihre Existenz aber doch nur ein Wimpernschlag. Kochen, Essen und Reden gehören heute wieder zusammen. Wer kann, plant deshalb einen Tisch ein, im selben Raum, in dem auch gekocht wird. Selbst wer in einer Mietwohnung mit schlauchförmiger Küche wohnt, versucht wenigstens noch einen kleinen Klapptisch in die Küche zu bauen. Dazu Musik 10: elephant parade – 35 Sek ERZÄHLERIN Noch besser ist ein großer Tisch. An dem wird nicht nur gegessen. Reden, Schreiben, Spielen, Basteln, wunderbar die große Zeitung ausbreiten, hier werden Hausaufgaben gemacht und Flickarbeiten ausgeführt, hier wird die Nähmaschine aufgebaut, eine Blumenvase hat darauf Platz oder eine Schüssel für Obst oder Briefe. Es ist ein Platz nicht nur fürs Essen – sondern fürs Leben. Musik hoch und aus //

  12. Meditation und Krisen - Wenn der Blick nach innen zu intensiv wird

    19.06.2025 · 22 Min.

    Meditation als Möglichkeit zur Entspannung ist sehr beliebt und mit Apps und Videos gibt es viele kostenlose Angebote. Doch beim Blick nach innen und der Konzentration auf sich selbst, können auch Gefühle, Gedanken, Krisen und Traumata zum Vorschein kommen, mit denen man nicht gerechnet hat. Von Eva Deinert Credits Autorin dieser Folge: Eva Deinert Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Berenike Beschle, Peter Veit, Jenny Güzel Technik: Regine Elbers Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Dr. Ulrich Ott, Dr. Liane Hofmann, beide Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. Prof. em. Dr. Michael von Brück, Religionswissenschaftler Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Meditation - Übung mit tiefem Sinn JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: nah dran - die Geschichte hinter der Nachricht Worüber wird in dieser Woche alles gesprochen? Nah dran bietet euch immer freitags die Hintergründe zum Thema der Woche, persönlich, verlässlich und verständlich. JETZT ENTDECKEN Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Linktipps: Mehr über die Beratungsstelle von Dr. Ulrich Ott und Dr. Liane Hofmann am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) HIER Hofmann, L., & Ott, U. (27. Februar 2024). Beratung bei spirituellen und meditationsinduzierten Krisen [Video]. YouTube Literatur: Hofmann, L. & Ott, U. (2024): Themenschwerpunktausgabe "Spirituelle und meditationsinduzierte Krisen". Zeitschrift „Bewusstseinswissenschaften – Transpersonale Psychologie und Psychotherapie“, 30(2). Hofmann, L. & Heise, P. (Hrsg.) (2017). Spiritualität und spirituelle Krisen. Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Stuttgart: Schattauer/ Klett-Cotta. von Brück, M. (2025): Wie wir Menschen werden. Anthropologie für die Zukunft. Interkulturelle Entdeckungen, Herder Verlag. Sedlmeier, P. (2016). Die Kraft der Meditation. Was die Wissenschaft darüber weiss. Rowohlt. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Willkommen zu deiner Meditation. Nimm dir einen Moment Zeit, um anzukommen. Such dir einen Ort, an dem du für die nächsten Minuten ungestört sein kannst. Setz dich bequem hin – aufrecht, aber entspannt. Lass deine Schultern sanft sinken… und schließ, wenn du möchtest, langsam die Augen. „Spür den Boden unter dir. Spür, wie dein Körper getragen wird. Und dann… richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Ein… und aus.“ SPRECHERIN (ab kursivem Text drüber) So beginnen viele Meditationsvideos, die es millionenfach im Internet auf YouTube oder in Apps zu finden gibt. Laut einer Umfrage des Statistik-Portals Statista hat fast jede bzw. jeder vierte Deutsche eine Meditationsapp auf dem Handy. Meditieren ist nicht mehr nur ein Trend, es ist ein Massenphänomen geworden. Viele meditieren, um Stress loszuwerden, Probleme zu bewältigen, besser zu schlafen, ruhiger und entspannter zu werden oder sich selbst besser kennenzulernen. Und die Wissenschaft gibt ihnen erstmal Recht: Studien zeigen, dass Meditation Stress reduzieren kann – unter anderem durch die Senkung des Stresshormons Cortisol. Oder dass Meditieren bei depressiven Verstimmungen zu einer Besserung und zur emotionalen Resilienz beitragen kann. Auch das Immunsystem profitiert von Meditation und wird dadurch nachweislich gestärkt . Bei Meditierenden verändert sich außerdem das Gehirn in den Bereichen, die für Emotionen und Aufmerksamkeit zuständig sind, es steigert also die Konzentration. Und wer meditiert, schläft besser, weil Meditieren das sogenannte "Gedankenkarussell" reduzieren kann, was viele Menschen vom Einschlafen abhält. MUSIK wird dunkler SPRECHERIN Im Internet tauschen sich Meditierende über ihre Erfahrungen aus. Zum Beispiel in offen einsehbaren Foren wie Reddit. Dort finden sich auch Erfahrungsberichte wie diese – die von einem scheinbar anderen Effekt erzählen. ZITATOR Ich habe seit Wochen einen sehr starken Druck auf der Brust und damit einhergehende Angstgefühle, wenn soziale Events bevorstehen. Habe deswegen angefangen, geführte Meditationen von Mady Morisson [auf Youtube] zu machen. Die ersten Male waren der Hammer und ich habe mich danach sehr befreit gefühlt. Das ist jetzt nach dem 5. - 6. Mal leider umgeschlagen und ich wurde beim Meditieren noch unruhiger, als ich es vorher war. Das hat heute seinen Höhepunkt gefunden, ich habe währenddessen Atemnot und Herzklopfen bekommen, weil ich so durch den Wind war. Jetzt fühle ich mich einfach nur sehr ausgelaugt und abgestumpft. SPRECHERIN Diplompsychologin Dr. Liane Hofmann vom Institut der Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg beschäftigt sich mit genau solchen Fällen und kennt die Phänomene, die für viele Menschen überraschend und unerwartet sind: ZSP 1 Hofmann: Aufhebung der Verdrängungsschranke Also insgesamt bringt die Meditation eben als erster Effekt erst mal diese Aufhebung der Verdrängungsschranke. Und es kommt ganz viel Material, auch in die Psyche, mit dem man dann umgehen muss, das man verarbeiten muss. Das ist eine der ersten Wirkungen. SPRECHERIN Liane Hofmann beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema spirituelle Entwicklung und ihre möglichen Krisen. Die Verdrängungsschranke ist ein Begriff aus der Psychologie und beschreibt eine Art inneren Schutzmechanismus für unser Bewusstsein, der dafür sorgt, dass schmerzhafte Erinnerungen, unangenehme Gefühle und Traumata erstmal im Unbewussten bleiben und uns nicht im Alltag überwältigen. Meditation kann dazu führen, dass diese Verdrängungsschranke weicher wird und diese Inhalte manchmal plötzlich ins Bewusstsein dringen. Das kann ganz individuell sowohl als befreiend als auch beunruhigend empfunden werden. MUSIK ENDE SPRECHERIN Um zu verstehen, was bei Mediation also schieflaufen kann, muss man erstmal erklären, wie Meditation genau funktioniert. Meditation gibt es in vielen unterschiedlichen Praktiken und Formen: Zum Beispiel Atemmeditation, die sich auf das Ein- und Ausatmen konzentrieren, Achtsamkeitsmeditationen oder „Mindfulness“, die neben dem Atem auch andere Körperempfindungen beobachten. Zen-Meditationen, also das Sitzen in der Stille, mit dem Fokus auf das Atmen und „nicht-Denken“. Im östlichen Christentum wird das Herzensgebet rezitiert, also ein Satz mantraartig wiederholt, um den Geist zu konzentrieren. Auch Fasten und Schweigerituale gehören dazu. Dynamische Formen sind Gehmeditationen, QiGong oder auch Yoga-Praktiken. Ihren Ursprung haben viele davon: in der Religion. ZSP 2 von Brück: in allen Religionen bewusstseinserweiterungen Wir haben in allen Kulturen, in allen Religionen Techniken der Bewusstseinsbeeinflussung, Bewusstseinserweiterung gegenüber dem alltäglichen Bewusstsein. SPRECHERIN Der Theologe Michael von Brück ist emeritierter Professor der Religionswissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München und Zen- und Yogalehrer. Er hat lang Meditationsformen in verschiedenen Religionen untersucht. ZSP 3 von Brück: jenseits Horizont Das wird dann in den Religionen natürlich mit dem Wunsch oder so möchte ich mal verknüpft, einen Erfahrungsbereich zu erreichen, der jenseits des alltäglichen, raumzeitlichen Gefühls, zweckorientierten Denkens, ich muss immer dies oder das tun, einen Horizont erweitert, in dem dann eben die religiösen Erfahrungen und die religiösen Erlebnisse möglich sind. SPRECHERIN Gäubige, die meditieren, haben über die Religionen hinweg einiges gemeinsam: ZSP 4 von Brück Ziel von Meditation Das Ziel tiefer in das, was ist eigentlich der menschliche Geist, was ist unser Leben, das kann doch nicht alles sein, sondern was ist eigentlich hinter dem allen. Daran zu kommen, nicht nur durch den Gedanken, sondern durch eine tiefe psychosomatische Erfahrung, das ist das Ziel der ganzen Geschichte, wobei noch dazukommt, dass viele dieser Rituale und der Techniken, die ich eben erzählt habe, in Gemeinschaft stattfinden. Also etwa das Trommeln, das Tanzen, aber auch das Meditieren, selbst das Sitzen im Schweigen, geschieht in Gemeinschaft und schafft eine Art von Kommunität, gemeinsamer Sicherheit auch, die für Menschen, die natürlich Angst haben, Angst vor dem Leben, Angst vor dem Sterben, ganz bedeutend ist und ganz starke heilende Wirkung haben kann. MUSIK SPRECHERIN Heute hat sich Meditation verändert: viele Menschen fangen nicht aus religiösen Gründen damit an. Sie wollen aber von den positiven Effekten, die Meditation haben kann, profitieren - der Beeinflussung des Bewusstseins und der positiven, heilenden Wirkung auf den Körper. Dr. Ulrich Ott ist Psychologe und Meditationsforscher am Institut der Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg und kennt weitere Gründe. ZSP 5 Ott: Motive zur Meditation bis Instrospektion So die wichtigsten sind erst mal die Entspannung und die Stressreduktion. Das ist auch oft eine Einstiegsmotivation. Dann die Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und Leistungsfähigkeit generell. Die Selbsterforschung, also die eigenen Motive zu ergründen, sich so Introspektion zu betreiben, wer bin ich eigentlich, was will ich eigentlich in meinem Leben. SPRECHERIN Wer lernen möchte, sich besser zu entspannen und gelassener mit Stress umzugehen, sucht also die Möglichkeit, seine mentale Gesundheit sozusagen zu trainieren. Viele Gesundheits- und Fitnessinfluencer preisen auf Social Media daher Meditation für dieses Ziel an. Bei anderen steckt vielleicht ein Leidensdruck dahinter: ZSP 6 Ott: Motive zur Meditation – Umgang mit Problemen. Ein sehr großes Motiv ist auch der Umgang mit Problemen. Das können Schmerzen sein, belastende Gefühle, zum Beispiel nach Trennung oder auch körperliche Erkrankungen, die mit Beschwerden einhergehen. Und dann haben Sie den ganz großen Bereich der spirituellen Zielsetzungen, wo es um spirituelle Erfahrungen geht, mystische Erfahrungen bis hin zu Befreiungen, sehr tiefer Selbsterkenntnis in der Meditation. Also von Entspannung bis Erleuchtung haben Sie sozusagen ein Spektrum von Motiven, warum Menschen anfangen zu meditieren. SPRECHERIN Wie Meditation auf Körper und Gehirn wirkt, ist unabhängig von der Art der Praxis. Ulrich Ott erklärt diesen überraschenden Fakt so: ZSP 7 Ott: Die Aufmerksamkeit nach innen wenden Also was Sie beschreiben können, ist, dass wir normal im Alltag ja sehr geschäftig sind und mit vielen Dingen aus der Außenwelt uns beschäftigen und in der Meditation wenden sie ja die Aufmerksamkeit nach innen. und nehmen erst mal unseren Körper wahr. Der hat sehr viele wichtige Quellen von Emotionen, von Gefühlen, von unserem Seinsgefühl. Und damit nehmen Sie Kontakt auf. Also vieles, was unbewusst ist, was unterhalb einer Wahrnehmungsschwelle ist im Alltag, was aber die ganze Zeit da ist. Sie atmen ja die ganze Zeit. Ihr Herz schlägt die ganze Zeit. Sie haben ein Gefühl, wie es Ihnen geht im Bauch, ein Bauchgefühl. Zu diesen Quellen finden Sie einen Zugang. Und da sind eben nicht nur körperliche Empfindungen, sondern auch viele tiefe Gefühle zu Hause. Zum Beispiel eine Wut im Bauch oder eine alte Trauer oder eine Verletzung im Herzen. Und die werden dann wieder wahrnehmbar. SPRECHERIN Und das ist ja auch so gewollt in der Praxis der Meditation: Die bewusste Beschäftigung mit sich selbst, raus aus dem Alltag. Dabei kann schon bewusstes Atmen ausreichen, um eine Brücke zu bilden zwischen Bewussten und Unbewussten. Und diese Brücke führt dann hinter die Verdrängungsschranke - also hinter diese Barriere, die im Alltag dafür sorgt, dass Dinge häufig im Unbewussten bleiben. Was dort wohnt, kann dann auftauchen. ZSP 8 Hofmann: Ganz weit zurückreichen in die frühe Kindheit Das können Bilder sein, das können Gefühlszustände sein, Impressionen sein. Die können aus ganz frühen Zeiten kommen oder aus aktuellen Situationen heraus entstehen. Und manchmal ist das bekannt und man hat einen Bezug dazu. Aber manchmal tauchen da auch Gefühle und Eindrücke auf, wo man gar nicht weiß, wo kommt das eigentlich her. Das kann ganz weit zurückreichen in die frühe Kindheit. SPRECHERIN Für manche Menschen ist das nicht überraschend, sie kennen diese Wirkung von Meditation. Andere Menschen sind irritiert, wenn solche Bilder, Gefühle und Gedanken auftauchen und für sie ist es nicht einfach, damit umzugehen. Laut einer Untersuchung einer Arbeitsgruppe, an der auch Forschenden der Charité Berlin beteiligt waren, haben 22% der Meditierenden schon mindestens eine unangenehme Erfahrung erlebt beim Meditieren. 13% berichten sogar von einem negativen oder schädlichen Effekt, sie waren gesundheitlich beeinträchtigt oder brauchten Unterstützung. Welche Erfahrungen als unangenehm wahrgenommen werden, ist höchst individuell. Ulrich Ott: ZSP 9 Ott: sensorische Deprivation - innere Bilder dass Sie merken, da sind ungewöhnliche Empfindungen im Körper, vielleicht auch energetische Empfindung, das wird sehr oft berichtet, dass man irgendwo Energieströme oder Wirbel im Körper spürt, das ist am Anfang so. Es kann auch sein, dass sie mit geschlossenen Augen Lichterfahrungen haben, dass die Farben sehen. Das ist zum Teil einfach eine Wirkung der sensorischen Deprivation, das heißt dieses Rückzugs der Sinne aus der Außenwelt. Ja, dann sinken die Reizschwellen fürs Feuern im Gehirn und dann kann sein, dass sehr viel spontane innere Bilder auftauchen. SPRECHERIN Meditierende wollen bewusst die äußeren Reize, die Hektik, die Informationsflut, den Alltagsstress reduzieren und praktizieren in der Regel auch in einer ruhigen, geräuscharmen Umgebung möglichst ohne Störungen - das ist die Sensorische Deprivation. Das Gehirn hat dann weniger Input von außen – und beginnt, die inneren Wahrnehmungen hochzufahren. Körperempfindungen werden intensiver, z.B. nimmt man den Atem lauter wahr oder der Herzschlag wird spürbarer. Gedanken und Emotionen drängen sich deutlicher auf. Diese erhöhte Empfindsamkeit ist ein Zeichen der gesteigerten Wahrnehmung und ein natürlicher Effekt davon, dass die Aufmerksamkeit fokussiert wird. Das Nervensystem nimmt jetzt auch schwache Reize viel schärfer wahr. ZSP 10 Hofmann: Hypersensibilität Und das wird so stark, dass die Leute dann sagen, ich kriege viel mehr mit von meinen eigenen Zuständen und die sind zuweilen schwer zu ertragen. Oder ich bin auch empathischer geworden. Ich kriege mehr mit von den Stimmungen von anderen Menschen. Und das wirkt dann auf Dauer überwältigend. SPRECHERIN Hypersensibilität nennt das die Wissenschaft. Liane Hofmann und Ulrich Ott berichten, dass diese Nebenwirkung häufig beschrieben wird von den Anrufern in ihrer Beratungsstelle in Freiburg. Am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene beraten sie Menschen bei spirituellen und meditationsinduzierten Krisen. Viele beschreiben, dass sie ein gesteigertes Mitgefühl erleben, Stimmungen stärker wahrnehmen, als ständen ihre Antennen permanent auf Empfang. Also: Innere Bilder und alte Gefühle, die auftauchen, das bewusste Wahrnehmen von sonst normalen oder automatischen Prozessen im Körper und Hypersensibilität sind Wirkungen von Meditation, die irritieren und herausfordern können. Aber es gibt auch noch tiefergehende Krisen, die bei intensiver Praxis auftreten können. ZSP 11 Ott: Depersonalisation dann kann es auch dazu kommen, dass Sie so Ihre alten Rollen, Verständnisse und Denken, was Sie immer dachten, wer Sie sind und wie Sie sind, dass das hinterfragt wird. dass sie sich gar nicht mehr mit ihrem alten Ich identifizieren können, wie sie das bisher getan haben. Also, dass es eine tiefe Hinterfragung ihres bisherigen Weltbildes gibt. Und das kann eine Erschütterung sein, eine existenzielle Krise auslösen oder auch, dass die Umwelt nicht mehr so vertraut ihnen vorkommt und sie sich so ein bisschen fühlen wie in der Matrix und denken, da gibt es irgendwie noch was anderes, aber sie haben noch nicht so richtig ... Das integriert in ihr neues Weltbild. SPRECHERIN Ein derartiger “spiritueller Durchbruch” in der Meditation ist ein Moment tiefster innerer Erkenntnis oder Erfahrung, in dem sich das gewohnte Selbstgefühl auflöst oder erweitert. Etwas, dass viele Meditierende erreichen wollen, die auf der Suche nach der Erleuchtung sind. ZSP 12 Ott: spirituelle Durchbrüche Also diese Übergangsphasen, diese Durchbrüche in spirituelle Erfahrungsbereiche, das können halt auch manchmal Zusammenbrüchen sein. Man kommt da mit Bereichen in Berührung, wo man nicht so richtig weiß, wie man damit umgehen kann, weil das so neu und unbekannt ist. SPRECHERIN Der Moment des Durchbruchs kann also bei manchen Menschen auch Überwältigung auslösen, wenn sie nicht damit gerechnet haben. In einem Forum auf der Plattform Reddit beschreibt ein User seine Erfahrungen damit so: ZITATOR Damals gab es in der App einen Einführungskurs, in dem man jeden Tag nach und nach neue Techniken erlernte. Während ich diese Techniken anwendete, begann ich einige seltsame Empfindungen zu entwickeln. Das Schlimmste, was dabei herauskam, war, als ich zu den Abschnitten kam, die einen zum Nachdenken über Fragen wie „Wer ist derjenige, der denkt“, „Was ist die Quelle Ihres Bewusstseins“ usw. anregen. Diese Fragen haben in mir das Gefühl ausgelöst, dass mein Gehirn schmilzt oder explodiert. Ich hatte das Gefühl, dass alles ein erfundenes Konstrukt ist und keine eigentliche Bedeutung hat. Ich wurde zum Zuschauer des Lebens und lebte nicht mehr. SPRECHERIN Dass Menschen sich mit ihren Meditationserfahrungen allein und erschüttert fühlen, liegt auch oft daran, dass die Praxis aus ihrem religiösen Kontext herausgelöst wurde. In den Religionen geht es auch immer um ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Um jemanden, der einen begleitet und anleitet, erklärt Michael von Brück. ZSP 13 von Brück: Man braucht einen Spiegel Das ist in allen Religionen wesentlich. Schauen Sie, im Christentum, nicht wahr, da haben wir ja zum Beispiel also den Beichtvater, im Buddhismus den spirituellen Freund, wie man das nennt, Kalyana Mitra ist der Begriff, eine Begleitung. Man braucht sozusagen auch einen Spiegel, in den man schauen kann. SPRECHERIN Darüber hinaus gehört zu einer Religionsausübung noch viel mehr, zum Beispiel: eine bestimmte Lebensführung, ethisch-moralische Richtlinien, die eine bestimmte innere Haltung und Geisteshaltungen fördern. Sodass ein ganzheitlicher Kontext entsteht, zu dem auch ein weiteres wichtiges Element gehört: Die Einbettung in die Gemeinschaft. ZSP 14 Hofmann: Meditation rausgelöst wir heute hier in der westlichen Gesellschaft haben ein Element von dem ganzen Paket rausgenommen, nämlich die Praxis, dann die Meditation. SPRECHERIN Sei es das Atmen, das Stillsitzen, das Mantrensingen, das Schweigen – in welcher Form auch immer – einen Teil haben wir rausgelöst, der religiös-spirituelle Unterbau fehlt in der modernen Anwendungsweise häufig. ZSP 15 Hofmann: Meditation allein die Leute ... meditieren neben ihrem Alltag, neben ihrem beruflichen Stress, neben ihren familiären Anforderungen. Also es ist oft sehr dicht getaktet und gar keine Muse oder Raum oder oftmals auch keine Verbindung mit der Community, mit einer Gemeinschaft, die mitpraktiziert, was auch ein sehr wichtiger Faktor ist für die Stabilität und den gemeinsamen Prozess. SPRECHERIN Häufig haben Meditierende, die sich bei Liane Hofmann und Ulrich Ott Hilfe in der Beratungsstelle suchen, intensiv allein zu Hause ohne Einbindung in eine Gemeinschaft mit Online-Angeboten und Apps meditiert. Und: ZSP 16 Ott: Risikofaktor allein in Fernost Es ist nicht nur alleine zu Hause. Wir haben auch immer wieder Fälle von Leuten, die sozusagen in andere Kulturen eintauchen, zum Beispiel in Fernasien, im Fernosten, und dort dann einen Kurs buchen im Kloster. Die sind ja für Westler inzwischen offen, aber dann ist eine Sprachbarriere da und sie haben oft nicht den ganzen kulturellen Hintergrund, in den diese Praxis eingebettet ist. Praktizieren aber sehr intensiv, also viele Stunden am Tag, oft im Schweigen. Und da haben wir die Erfahrung gemacht, dass das auch ein Risikofaktor ist, wenn Sie quasi alleine unterwegs sind auf Weltreise und dann so einen ganz intensiven Psychenprozess machen, ohne irgendeine Möglichkeit zu haben, sich auszutauschen. Also das ist auf jeden Fall auch so ein Aspekt von Dekontextualisierung, der da ein Risikofaktor darstellt. SPRECHERIN Ein Retreat ist kein Wellnessurlaub, das unterschätzen viele. Denn die Beschäftigung mit sich selbst ist nicht gleichbedeutend mit Erholung. Auch wer sonst kurze Meditationseinheiten im Alltag praktiziert, kann nach einer intensiven Woche überwältigt sein. Wenn Menschen sich in der Beratungsstelle bei Ulrich Ott und Liane Hofmann melden, geht es zunächst darum, den Kontext zu bieten, der oft in der Praxis – allein zu Hause oder nach einem intensivem Retreat – fehlt. Und das Ganze erstmal zu normalisieren. ZSP 17 Ott: Beruhigung weil die Betroffenen, die Ratsuchenden denken, sie sind die Einzigen, denen das passiert ist. Und ihnen dann zu sagen, das haben wir schon öfter gehört, das ist gar nicht so ungewöhnlich, das beruhigt schon ein bisschen, dass sie das Gefühl haben, sie sprechen mit jemanden, der das schon oft gehört hat, der das einordnen kann, das eine große Beruhigung. Ja, und wenn man das dann erklärt und andere Modifikationen zum Beispiel vorschlägt, eine Reduktion der Praxis oder eine andere Praxis, dann können die Leute trotzdem das, was sie gewinnen durch die Meditation, weiter beibehalten. Das hat ja auch für sie oft einen Wert. SPRECHERIN In anderen Fällen reicht das aber nicht aus. ZSP 18 Hofmann: Depression Oftmals stellt sich bei so einem Gespräch auch heraus, dass die Vorstellung irgendwie die falschen war, dass jemand eigentlich Meditation anfängt, um seine Depression oder seine Angstzustände besser in den Griff zu kriegen. Und es reicht aber einfach nicht aus. Also da wäre vielleicht dann besser bei einer Psychotherapie besser beraten. Und da raten wir dann auch zur Aufnahme von der Psychotherapie. SPRECHERIN Manchmal wird hier aber der Mangel an anderer Stelle deutlich: Psychotherapieplätze sind in Deutschland rar und mit langen Wartezeiten verbunden. Manche Menschen versuchen sich dann zunächst selbst zu helfen, weil sie von guten Effekten der Meditation bei Depressionen und ähnlichem gehört und gelesen haben. Doch unbegleitet kann das das Gegenteil bewirken. MUSIK SPRECHERIN Ein einfacher Rat für Menschen, die mit Meditation anfangen, ist daher ähnlich, wie der, den man jemanden geben würde, der mit Fitnessübungen oder Fasten anfängt: nicht einfach loslegen, sondern sich zunächst darüber informieren. Nicht jede Praxis ist auch für jeden geeignet. Vorsicht walten lassen vor überzogenen Versprechungen der Werbung im Netz und von Influencern auf Social Media. Ulrich Ott sagt, dass zum Beispiel viele Krankenkassen gute Angebote hätten mit zertifizierten Kursen und geprüften Lehrpersonen. Gute Angebote erkennt man auch daran, dass nicht sofort das teure Retreat verkauft wird, sondern zum Beispiel auch Erfahrungen und Vorprägungen abgefragt werden und zunächst zu kürzeren Kursen geraten wird. Gerade eine intensive, mehrtägige Praxis, ohne dass man viel Vorerfahrung hat, kann ein Risikofaktor für Krisen sein. MUSIK SPRECHERIN Liane Hofmann und Ulrich Ott versuchen ihr Wissen um meditationsinduzierte Krisen auch weiterzugeben und in die Breite der Psychotherapie zu bringen. Denn nicht jeder Mediziner oder Psychotherapeut weiß um die beschriebenen Nebenwirkungen von Meditation, wenn ein Patient oder eine Patientin Hilfe sucht. Durch Information, Prävention und Aufklärung lassen sich dann vor allem auch die positiven Effekte von Meditation besser genießen. ZSP 19 von Brück: Gemeinschaft in Zen wenn wir Zen praktizieren, dann ist das eine Woche im Schweigen. Da wird nicht miteinander geredet. Wir sitzen stundenlang, machen unsere Yoga-Praxis selbstverständlich, weil das auch sehr schön ist, sich dann ganz konzentriert zu bewegen. Das ist ja ein Genuss, das gehört unbedingt dazu. So, wir sitzen nebeneinander, 20, 25, 30 Leute und schweigen. Es entsteht nicht gleich nach einer Stunde, sondern aber eben nach ein, zwei, drei, vier Tagen eine Tiefe von Gemeinschaft und Gemeinschaftsgefühl, was jedes geschwätzige Zusammensein hinter sich lässt. Und das schafft eine Sicherheit, eine Tiefe, ja, ich möchte sagen Verwurzelung, die ich gar nicht benennen muss, die aber mein Lebensgefühl so richtig gut zum Ausdruck bringt. Also gerade in dem Schweigen, in der scheinbaren Einsamkeit, entsteht eine Tiefe von Gemeinschaft, die wir im Alltag längst verloren haben. Und das kann natürlich Apps oder sowas überhaupt nicht ersetzen.

  13. Bodenentsiegelung - Wenn Asphalt und Beton weichen

    18.06.2025 · 23 Min.

    Bodenentsiegelung macht Städte grüner und hilft, dass wertvolles Regenwasser versickern kann. Doch die Zauberlösung gegen Flächenfraß ist sie nicht. Denn ein von Beton und Zement befreiter Boden braucht Jahrhunderte, um all seine natürlichen Funktionen wieder zu erlangen. Von Brigitte Kramer (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Werner Härtl, Gudrun Skupin Technik: Matthieu Belohradsky Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Nadine Pannicke-Prochnow, Geo-und Agrarwissenschaftlerin, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Leipzig Juliane Albrecht, Juristin, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), Dresden Matthias Rühl, Ingenieur und Raumplaner, Sugenheim/Mittelfranken Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Beton - Fasern, Poren, Bakterien JETZT ENTDECKEN Die Geschichte der Stadt - Urbanes Leben als Motor der Gesellschaft JETZT ENTDECKEN Sand - Überall vorhanden und doch zu knapp JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Literatur: Studie des Umweltbundesamtes „Bessere Nutzung von Entsiegelungspotenzialen zur Wiederherstellung von Bodenfunktionen und zur Klimaanpassung“: ZUR HOMEPAGE Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Matthias Rühl Wir haben die Bewerbung von Ipsheim damit begründet, dass wir gesagt haben, Ipsheim ist ein Asphaltsee. Das war wirklich so, dass alle Flächen im Ort komplett asphaltiert waren, also versiegelt waren. SPRECHER Der Raumplaner Matthias Rühl betreut seit mehr als 25 Jahren die Gemeinde Ipsheim in Mittelfranken, sowie rund zehn andere Orte in der Region. Er berät die Gemeinderäte in Sachen nachhaltige Städtebauförderung. Matthias Rühl setzt sich für mehr Grün in Städten und Dörfern ein. O-Ton 2 Matthias Rühl Bei jeder Maßnahme, die wir gemacht haben, war es eine Entsiegelung. Es ist viel Pflaster gekommen. Natürlich sind wir mitten in einem Ortskern bei den öffentlichen Flächen immer in der Notwendigkeit, dass es ja Verkehrsflächen sind. Man muss drauf gehen, man muss drauf fahren. Also Pflaster mit breiten Fugen oder eben ungebundene Bauweise. Das heißt, dass es auf Splitt verlegt ist und dass Regenwasser vor Ort versickert. ATMO 1 Baustelle in der Stadt SPRECHER drüber Pflastersteine statt Asphalt, das ist eine Form der Teilentsiegelung: Dichte Flächen werden aufgerissen und durch Pflaster oder Rasengitter ersetzt. Der Grund ist weiterhin befestigt, aber er nimmt Regenwasser auf – eine wichtige Bodenfunktion. Und er bietet Gräsern und Blumen Raum für Wurzeln. Vollentsiegelung bedeutet, dass Asphalt und Beton komplett weichen und das Erdreich freigelegt wird. Darauf können dann Sträucher oder Bäume wachsen, es entstehen Grünanlagen oder Parks. ATMO Stadtpark + Musik 2: Und was sagen die Freunde? - 38 Sek SPRECHER drüber Bodenentsiegelung wurde als eine effektive Maßnahme zur Klimaanpassung erkannt, vor allem in dicht bebauten Stadtteilen oder Ortskernen. Pflanzen binden Kohlendioxid und Staub, befeuchten die Luft, sorgen im Sommer für Kühlung. Derzeit herrschen in versiegelten Innenstädten bis zu zehn Grad höhere Temperaturen als im Umland. Und: Grün schlägt zwischen Wohnblocks Frischluftschneisen, steigert die Lebensqualität in Städten die Bewohner erleben, wie die Jahreszeiten wechseln. (Musik weg) Trotzdem müssen Menschen wie Matthias Rühl noch Überzeugungsarbeit leisten: O-Ton 3 Matthias Rühl Jeder Baum macht Dreck, heißt es immer. Dann sage ich: Ein Auto macht eher Dreck. Also ein Baum lebt ja, das ist ein Lebewesen wie wir auch. Er ist nur nicht so schnell wie wir. Und natürlich verliert er Blätter. Wir verlieren auch Haare und alles Mögliche. Das verstehen manche Leute nicht. Die Jüngeren glaube ich schon eher. Es gibt halt ein paar ganz Alte, die das noch ganz anders sehen. Da hat man einen Baum eher mit der Motorsäge gepflegt. SPRECHER Auch auf privaten Grundstücken steigern freie Flächen den Wert. Das ist besonders bei Altstadtsanierungen wichtig. Matthias Rühl spricht von „Aufräumen“: O-Ton 4 Matthias Rühl Das spielt eine große Rolle, weil der Altstadtkern ohnehin sehr stark überbaut ist. Im Laufe der letzten Jahrhunderte, muss man schon sagen, sind halt viele Anbauten entstanden und Nebengebäude und Garagen und alles Mögliche. Und wenn man jetzt in diesen Ortskern wieder Leben reinbringen möchte, in leerstehende Gebäude zum Beispiel, den Bestand weiter zu nutzen, zu verändern, das muss natürlich modernisiert werden. Das sind teilweise Häuser, wo vielleicht seit 80 oder 100 Jahren nichts gemacht wurde. Aber die Freiflächen muss man genauso betrachten, weil sonst braucht man ja das Haus gar nicht sanieren. Es ist Lebensnotwendigkeit, denn wenn Sie irgendwo wohnen wollen, dann brauchen Sie auch Freiflächen. Wenn Sie diese grünen Freiflächen nicht haben, ist es unattraktiv. ATMO Dorfstille SPRECHER drüber Auf dem Land, in Dörfern, wo die Jüngeren weggezogen sind, ist das Problem ähnlich: O-Ton 5 Matthias Rühl Wo früher Landwirtschaft war, da gab es Ställe, da gibt es Scheunen, da gibt es irgendwelche Maschinenhallen, die jetzt aber nicht mehr in Gebrauch sind. Und manches kann man eben nicht mehr umnutzen. Einen alten Schweinestall werde ich schwer zu einer Wohnnutzung umfunktionieren können. Da muss halt mal was abgebrochen werden. Und dann muss ich aber auch ein Konzept haben: Was mache ich mit dieser Fläche? ATMO Baustelle SPRECHER drüber Neuer Wohnraum ist die erste Option. Deutschland braucht Wohnungen und eine Bebauung bringt dem Eigentümer oder der Eigentümerin Geld. Letztlich braucht es Überzeugung, um sich gegen ein Gebäude und für eine Wiese, einen Garten oder einen Park zu entscheiden. Man muss den Wert von Freiraum erkennen. MUSIK 3: Und was sagen die Freunde? – siehe vorne – 31 Sek SPRECHER drüber Theoretisch wird Entsiegelung in Deutschland gefördert, und zwar in mehreren Gesetzen: Im Paragrafen 179 des Baugesetzes steht ein „Rückbau- und Entsiegelungsgebot“: Eine Gemeinde kann einen Eigentümer dazu verpflichten, den Abriss oder Teilabriss eines Gebäudes zu dulden, wenn dieses … MUSIK 1 weg ZITATORIN „… den Festsetzungen eines Bebauungsplans nicht entspricht und ihnen nicht angepasst werden kann oder Missstände oder Mängel aufweist, die auch durch eine Modernisierung oder Instandsetzung nicht behoben werden können“. SPRECHER Leere Garagen, Kasernen, Fabrikanlagen …. Ställe, Verkaufsräume, Lagerhallen – könnten also alle weg. Und im Bundesbodenschutzgesetz aus dem Jahr 1999 besagt der Paragraf fünf, dass … ZITATORIN „Die Bundesregierung per Rechtsverordnung und mit Zustimmung des Bundesrates Grundstückseigentümer dazu verpflichten kann, bei dauerhaft nicht mehr genutzten Flächen, deren Versiegelung im Widerspruch zu planungsrechtlichen Festsetzungen steht, den Boden so weit wie möglich und zumutbar wiederherzustellen“. MUSIK 4: Aufbruch – xxx – 59 Sek SPRECHER drüber Die beiden Paragrafen wurden allerdings nach Recherchen von Juliane Albrecht kaum angewandt. Albrecht ist Juristin und arbeitet am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Sie nennt sie „nicht vollzugstauglich“. Sie fordert, dass das Baugesetz und das Bodenschutzgesetz überarbeitet werden. Sprich: Sie müssen an die heutigen, drastischen Umwelt-Herausforderungen angepasst werden – und hier hat Entsiegelung eine große Bedeutung. MUSIK hoch SPRECHER drüber Auch auf öffentlichem Grund wird Entsiegelung gefördert, hier wird sie auch öfter umgesetzt. Die Kommunen bekommen Subventionen, wenn sie Grünflächen schaffen, das steht in den Städtebauförderungsrichtlinien. Und die „Baunutzungsverordnung“ setzt Gemeinden Obergrenzen für Bebauung und Versiegelung . Dazu kommt die sogenannte „Eingriffsregelung“ im Naturschutzgesetz aus den 1970er Jahren: O-TON 6 Juliane Albrecht Das wichtigste Instrument in der Praxis ist eigentlich die Naturschutzrechtliche Eingriffsregelung. Diese ist im Bundesnaturschutzgesetz verankert und besagt letztlich, dass wenn man in Natur und Landschaft eingreift, zum Beispiel eine Straße neu baut oder eine andere bauliche Anlage errichtet und in den Naturhaushalt eingreift, dass man dann eine Kompensation erbringen muss. Und diese Kompensation, die kann eben durchaus auch in Form von Entsiegelungsmaßnahmen erbracht werden. Musik 5: Detached –1:50 Min SPRECHER Juliane Albrecht hat im Jahr 2022 mit anderen Fachleuten im Auftrag des Bundesumweltamtes einen Forschungsbericht erstellt. Er heißt „Bessere Nutzung von Entsiegelungspotenzialen zur Wiederherstellung von Bodenfunktionen und zur Klimaanpassung“ und soll politische Entscheidungen erleichtern – für mehr Entsiegelung. In der Praxis wird zum Ausgleich von neu verbrauchtem, also verbautem Boden, auch tatsächlich immer wieder an anderer Stelle Boden entsiegelt. Das Problem: Es gibt zu wenig Grundstücke, die zur Entsiegelung taugen. Und: Die Ausgleichsvorschrift ist nicht zwingend. Derzeit muss man lediglich „verstärkt prüfen“, ob ausgleichende Entsiegelungen möglich sind. Außerdem ist Kompensieren ein Deal, bei dem die Natur draufzahlt. Denn Bodenversiegelung heißt, fruchtbare Erde luft- und wasserdicht abzudecken. Das führt zum Verlust aller physikalischen, chemischen und biologischen Bodenfunktionen und ist erstmal irreversibel. Boden ist ein komplexes Ökosystem, das aus Bakterien, Pilzen, Tieren, Wurzeln, Steinen, Erde und organischen Resten besteht. Er spielt eine zentrale Rolle im Naturhaushalt, vor allem für die Wasser- und Nährstoffkreisläufe. Der Mensch kann diesen Naturzustand nicht einfach wiederherstellen, er muss sich über Jahrhunderte wieder von selbst bilden. Ist es also sinnvoll, hier fruchtbare Erde unter Asphalt oder Zement zu begraben, für eine Wohnsiedlung, einen Straßenausbau oder einen Gewerbepark, und dort überbauten und verdichteten, also toten Boden, freizulegen? ATMO Wiese, Vögel, Insekten SPRECHER Natürlicher Boden wächst in unseren Breiten einen Millimeter pro Jahr. Das heißt: ein Meter Boden entsteht in etwa tausend Jahren. Der fruchtbare Mutterboden und der Unterboden eines Ackers sind also mehrere tausend Jahre alt. ATMO Baustelle SPRECHER drüber Jeden Tag werden in Deutschland durchschnittlich 55 Hektar neu versiegelt. Es war aber mal schlimmer: Im Jahr 2000 waren es noch 129 Hektar pro Tag. Das zeigt, dass es ein Problembewusstsein gibt. ATMO 1 weg Bis 2030 sollen weniger als 30 Hektar am Tag neu in Anspruch genommen werden, und bis 2050 strebt die Bundesregierung in ihrer Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie sogar eine „Netto Null“-Versiegelung an. Die zugrunde liegende Erkenntnis lautet: Boden ist ein endliches Gut. Das heißt: Auch bei kompletter Entsiegelung, Sanierung und Wiederherstellung einiger Funktionen wird aus Boden, der von Asphalt und Beton „befreit“ ist, kein gesunder, fruchtbarer Boden. MUSIK 6: Fragile life – 1:17 Min SPRECHER drüber Der Naturzustand ist also kurz- und mittelfristig unerreichbar. Trotzdem ist Bodenentsiegelung sinnvoll und notwendig, denn eine der Bodenfunktionen, die physikalische, ist relativ schnell wieder hergestellt: Die Wasserbindung. Schwieriger wird es bei den chemischen Funktionen, der Speicherung von Nährstoffen zum Beispiel für gesundes Pflanzenwachstum. Die findet im Mutterboden statt, der nach der Entsiegelung schichtweise neu aufgetragen werden muss. MUSIK 2 hoch SPRECHER drüber Bodenlebewesen schließlich, wie Regenwürmer, Tausendfüßler, Asseln oder Milben erfüllen enorm wichtige biologische Funktionen. Sie zersetzen Biomasse, also abgestorbenes organisches Material wie Laub oder tote Tiere. Dabei entstehen Nährstoffe für Pflanzen, die mit ihren mehr oder weniger tiefen Wurzeln den Boden durchlüften und auflockern. Viele Pflanzen dienen uns als Nahrung. Ohne lebendige Böden gäbe es also auch uns nicht. Sie sind wortwörtlich unsere Lebensgrundlage. Was muss sich ändern, damit mehr Boden freigelegt wird? O-TON 7 Juliane Albrecht Man braucht Entsiegelungskataster, dass man überhaupt erst einmal die Information auch hat, wo Flächen sind, die in Betracht kommen. Man braucht aber auch für die Behörden, von oben sage ich mal, eine Rückendeckung. Man braucht Vollzugshinweise. Ist natürlich, wenn man so diese Regelung anwendet und auch gar keine Rechtsprechung hat, keine Rechtssicherheit, dann fürchten Sie ja teilweise dann natürlich auch die Auseinandersetzung mit den Bürgern. Es kann zu Gerichtsverhandlungen kommen. Also da ist meines Erachtens wirklich so eine strategische Herangehensweise erforderlich. SPRECHER Es fehlen eine Strategie und eine klare Rechtslage, das ist Juliane Albrechts Erkenntnis. Das Naturschutzgesetz aus den 1970er Jahren wird immer wieder überarbeitet, mit Handlungsempfehlungen und neuen Berechnungsschlüsseln zum Flächenausgleich. In Berlin beispielsweise soll der Abriss von mehrstöckigen Gebäuden als Ausgleichsmaßnahme besonders berücksichtigt werden, weil dabei große Lücken im Stadtbild entstehen, die die Luftzirkulation verbessern und also der Klimaanpassung dienen. MUSIK 7: Und was sagen die Freunde? – siehe vorn – 31 Sek SPRECHER drüber Im Koalitionspapier der Bundesregierung ist zumindest eine Handlungsabsicht verankert: Darin steht, dass das Bodenschutzrecht von 1999 angepasst werden soll, an die Artenvielfaltskrise und die Klimakrise. Und dass Entsiegelung einen neuen Stellenwert bekommen soll. Und im neuen Klimaanpassungsgesetz von November 2023 ist Entsiegelung Teil der Lösung: ZITATORIN „Träger öffentlicher Aufgaben sollen darauf hinwirken, dass versiegelte Böden, deren Versiegelung dauerhaft nicht mehr für deren Nutzung notwendig ist, in den natürlichen Bodenfunktionen, soweit dies erforderlich und zumutbar ist, wiederhergestellt und entsiegelt werden.“ Beides kann man als Ergebnis des Forschungsberichts zum Entsiegelungspotenzial deutscher Böden werten. MUSIK 8: „Und was sagen die Freunde?“ – s.o. – 7 Sek O-TON 8 Nadine Pannicke-Prochnow Insgesamt habe ich den Eindruck, dass seit der Veröffentlichung der Studie das Thema Entsiegelung schon mehr ins gesellschaftliche und auch ins politische Bewusstsein gerückt ist. Wir brauchen hier auch ein Umdenken. Es ist tatsächlich auch zu beobachten, dass sich zunehmend mehr Kommunen mit dem Thema beschäftigen und geeignete Flächen und Maßnahmen identifizieren, vor allem auch im Hinblick auf eine wassersensible Stadtentwicklung und zur Umsetzung des Schwammstadtprinzips, was ja auch viel wieder in Richtung Klimaanpassung leisten und beitragen kann. SPRECHER Nadine Pannicke-Prochnow (sprich: Pánnicke-Prochnoff) hat das Expertenteam geleitet, das im Auftrag des Bundesumweltamtes 2022 die Studie erstellt hat. Die Geo- und Agrarwissenschaftlerin arbeitet heute am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Die Arbeit war für sie ernüchternd und lehrreich, auch, weil das Thema erstmals so umfassend behandelt wurde: O-TON 9 Nadine Pannicke-Prochnow Es war definitiv Neuland für mich. Ich habe festgestellt, dass die Flächen für Entsiegelungsmaßnahmen eben sehr knapp sind, also nur circa ein halbes bis ein Prozent der Flächen in unseren deutschen Städten können für Vollentsiegelungsmaßnahmen genutzt werden. Gerade weil diese Möglichkeiten eben wirklich sehr knapp sind, ist es umso wichtiger, diese wenigen Gelegenheiten dann eben auch zu nutzen. SPRECHER Doch wie nutzt man die wenigen Flächen am besten? Zum Beispiel auch durch unspektakuläre Teilentsiegelung kleiner Flächen, auch auf dem eigenen Grundstück: O-TON 10 Nadine Pannicke-Prochnow Im Endeffekt sollten wir uns einfach bei jeder versiegelten Fläche fragen, ob die Versiegelung, so wie sie vorhanden ist, wirklich notwendig ist oder ob sie so umgestaltet werden kann, dass die Auswirkungen der Versiegelung reduziert werden. Wenn kleinere Teilflächen zum Beispiel in den Innenhöfen entsiegelt und bepflanzt werden oder der Belag ausgetauscht wird. Und teilweise sind eben Teilentsiegelungsmaßnahmen auch wirklich kostengünstiger, was das Ganze dann eben auch für private Flächen Eigentümerinnen und Eigentümer auch attraktiver macht. Also das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Musik 9: Indetectable - 1:28 Min SPRECHER drüber Boden im großen Stil freizulegen ist dagegen enorm aufwändig: Die Stadt Berlin empfiehlt beispielsweise Folgendes: Neue Erde muss entsprechend der natürlichen Bodenschichten aufgetragen werden. Das Bodenmaterial sollte nicht durcheinandergeraten und der Hauptbodenart vor Ort entsprechen. Das Ganze sollte bei trockener Witterung und in möglichst wenigen Schritten passieren, und vor allem nicht unter Einsatz schwerer Maschinen, die den Boden verdichten. Empfohlen werden Kettenfahrzeuge mit großer Lauffläche. Dann müssen Nährstoffe zugefügt und Pflanzen eingesetzt werden, die mit ihren Wurzeln den Boden festigen und durchlüften und organisches Material zum Humusaufbau liefern. Bei unterkellerten Gebäuden ist der Aufwand noch viel größer: Da überhaupt kein Boden mehr da ist, muss auf Kies und Stein meterhoch Erde aufgetragen werden, wenn dort wieder etwas leben und wachsen soll. Dazu kommt: Die Entsorgung der Baumaterialien – Beton, Ziegel, Mörtel, Fliesen, Glas, Holz, Metall, Gips und Dämmmaterialien – ist teurer, als ein Gebäude einfach stehen zu lassen. Und wer weiß schon, was unter der abgetragenen Fläche ist? Bauschutt, Unrat, Kies … im schlimmsten Fall: Altlasten. O-TON 11 Nadine Pannicke-Prochnow Gerade bei alten Gewerbe- und Industriestandorten haben wir teilweise Kontaminationen im Boden, die da teilweise noch schlummern. Also seien es eben Schwermetallrückstände oder Rückstände von Mineralölen, die irgendwo ausgelaufen sind und dort eben im Boden lagern. Dass das Ganze, dass diese Schadstoffe im Endeffekt ausgespült werden, im Grundwasser landen und sich dann dort eben auch großflächiger verteilen, das wollen wir natürlich verhindern. Also sprich, wenn wir die diese Sperrschicht für den Niederschlag entfernen, dann müssen wir eben auch mögliche Schadstoffe, die sich da im Boden befinden, mit entfernen. SPRECHER Sind die Flächen freigelegt, können sie mehrfach genutzt werden. Nadine Pannicke-Prochnow bietet kreative Lösungen an: O-TON 12 Nadine Pannicke-Prochnow Da gibt es zum Beispiel Möglichkeiten, dass man Sportflächen oder Freizeitflächen schafft, die dann aber im Fall von Starkregenereignissen auch als Flächen genutzt werden können, um eben diese Wassermassen erst einmal zwischenzuspeichern und aufzufangen. Oder inwiefern gibt es die Möglichkeit, dass wir diese Grünflächen in den Wohngebieten, die wir dort schaffen wollen, auch für eine regionale Produktion und Wertschöpfung nutzen können? Also sprich, inwiefern kann man hier die essbare Stadt zum Beispiel schaffen? Oder inwiefern können wir hier kleine Streuobstwiesen schaffen? Und für diese multifunktionalen Flächennutzungsansätze, denke ich, haben wir definitiv Luft nach oben. SPRECHER Entsiegelung bringt Mehrwert. Aber sie ist keine Zauberlösung. Deswegen rät Nadine Pannicke-Prochnow zu einem ganz neuen Umgang mit dem „endlichen Gut“ Boden: O-TON 13 Nadine Pannicke-Prochnow Also langfristig ist es hier schlauer, eine Flächenkreislaufwirtschaft zu etablieren, also das heißt vorhandene Flächen und Gebäude so lange und so oft wieder zu nutzen, wie es geht. In vielen Fällen bedeutet das ein Umbauen oder Umgestalten von Gebäuden und Flächen, um sie den neuen Anforderungen anzupassen. Unterm Strich ist es also ökologisch und volkswirtschaftlich nachhaltiger, den vorhandenen Bestand an gebauter Umwelt so gut wie möglich weiter und wieder zu nutzen. Das spart nicht nur Ressourcen und Kosten für die Gesellschaft, sondern reduziert eben auch die Notwendigkeit für neue Flächeninanspruchnahmen und neue Versiegelungen. Musik 10: Fragile life – siehe oben – 22 Sek SPRECHER Boden ist Lebensgrundlage. Er leistet zentrale Dienste im Naturhaushalt. Er ist ein komplexes Gefüge, das leicht zerstört werden kann. Und Boden ist erschöpflich und definitiv kein Konsumgut. O-TON 14 Nadine Pannicke-Prochnow Wir sollten besser mit dem auskommen und haushalten, was wir bereits haben, anstatt immer wieder neu zu beanspruchen, und auf der anderen Seite gleichzeitig gebrauchte Gebäude ungenutzt verfallen zu lassen und dann am Ende zu entsorgen. MUSIK 11: Indetectable – siehe oben – 52 Sek SPRECHER drüber Die ideale Zukunftsstadt ist also einerseits grüner und offener, zugleich werden bestehende Gebäude intensiver genutzt, um den Verbrauch von fruchtbarem Boden im Umland zu vermeiden. Was fehlt, sind eine Strategie und eine klare Rechtslage, die den Weg dahin weisen und erleichtern. Und ein Umdenken, das die Erkenntnis bringt, dass Boden ein endliches Gut ist, dessen Naturzustand durch Verbauung verloren geht. Entsiegelung ist wichtig, aber sie löst nicht alle Probleme. Den Schaden, den Versiegelung anrichtet, kann sie nur zum Teil und unter großem Aufwand beheben.

  14. Indigene in Südamerika: "Wir sind seit 500 Jahren im Widerstand"

    18.06.2025 · 23 Min.

    Mit der Konquista Südamerikas begann auch die Geschichte des indigenen Widerstands. Doch die Ausgangspositionen und die Strategien konnten unterschiedlicher nicht sein. Zuerst gegen Besetzung, Sklaverei und Zwangsarbeit in den Minen. Heute gegen Landraub, Extraktivismus und manchmal ums pure Überleben. Autorin: Ulrike Prinz (BR 2025) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Prinz Regie: Irene Schuck Es sprachen: Christian Baumann, Thomas Birnstiel, Silke v. Walkhoff, Peter Veit Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Thomas Morawetz Eine besondere Empfehlung der Redaktion: Atahualpa - Der letzte König der Inka Das Gold der Inka weckte die Gier der spanischen Konquistadoren. Der Inkakönig Atahualpa konnte sich zunächst nicht vorstellen, wozu die Eindringlinge in sein Reich fähig waren. Von Frank Halbach Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER: Die Jahre der Präsidentschaft des rechtsextremen Jaír Bolsonaro von 2019 bis 2023 waren für Brasiliens Indigene harte Zeiten: Er erkannte keinen Zentimeter der Territorien an, die ihnen rechtlich zustehen und der Umweltminister nutzte die Gunst der Stunde der Corona-Pandemie, um die Vorschriften zu lockern und den Regenwald weiter abzuholzen. Während der Corona-Pandemie wurden den Indigenen Hilfsmittel und Krankentransporte verweigert und die Behörde, die eigentlich zu ihrem Schutz eingerichtet worden war, besetzte Bolsonaro mit einem Evangelikalen Missionar. Der wollte die in „freiwilliger Isolation“ lebenden Völker während der Pandemie kontaktieren. Was aufgrund fehlender Antikörper ihren sicheren Tod bedeutet hätte. In letzter Minute schritt das Bundesgericht ein und schützte ihr Leben. MUSIK 1 "Toyos" ERZÄHLER: Dennoch betrachten die Indigenen das Mandat Bolsonaros nur als eine weitere Etappe in ihrem Widerstandskampf, den sie seit über 500 Jahren führen. MUSIK 2 "Who is Riley" - Aporia (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführender: H. Scott Salinas - Länge: 0'43 ERZÄHLER: Im Jahr 1542 befand sich eine Brigantine auf dem Rio Marañón flussabwärts. Sie war bemannt mit 57 Soldaten, bewaffnet mit Armbrüsten und Schießpulver. Sie stand unter Befehl von Francisco Orellana, der einen befahrbaren Weg zur Amazonasmündung suchte. Doch dafür brauchte er Proviant. Um ihren Hunger zu stillen, überfielen seine Männer die am Ufer liegenden Dörfer. Und während sich die Indigenen „in Luft auflösten“, versorgten sich die sogenannten „Entdecker“ mit Maniokbrot und allen Nahrungsmitteln, derer sie habhaft werden konnten. MUSIK 3 "The Hunters" - Album: The Last of Us Original Score - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'30 ERZÄHLER: Doch je breiter der Fluss wurde, umso größer wurden die Siedlungen der Indigenen, und sie begannen sich zu wehren. Etwa zwischen den Zuflüssen des Río Madeira und des Rio Tapajóz waren die Angriffe so stark, dass der Chronist der Reise, der Dominikanerpriester Gaspard de Carvajal, sich das nur durch die Autorität von „Amazonen“ erklären konnte. Am 24. Juni 1542 notiert Carvajal in seinem Bordtagebuch: Musik 4 "Heaven #5 (Dost Thou Not Fear God)" - Album: The Phoenician Scheme (Original Score) - Komponist: Alexandre Desplat ZITATOR: „Ich möchte, dass Sie wissen, warum sich diese Indianer so sehr verteidigten. Sie sind nämlich Untergebene und Tributpflichtige der Amazonen, und nachdem sie von unserer Ankunft erfahren hatten, baten sie diese um Unterstützung und es kamen 10 oder 12, die wir sahen, sie kämpften allen voran als Anführerinnen so tapfer, dass die Indianer es nicht wagten, sich zur Flucht zu wenden; und jeden, der davonlaufen wollte, töteten sie vor unseren Augen mit Keulen.“ ERZÄHLER: Die Frauen hätten so viel Ärger gemacht wie zehn Männer, behauptet Carvajal. Eine von ihnen hätte eine Handvoll Pfeile in eine der Brigantinen geschossen, dass sie wie ein Stachelschwein aussah. Ob diese „Amazonen“, nach denen der größte Fluss der Erde benannt ist, tatsächlich existierten, weiß man nicht genau. Aber dass auch Frauen gegen die Kolonisatoren kämpften, war für die Historiker am spanischen Hof keine Neuheit. MUSIK 5 "Toyos" ERZÄHLERIN: Die Geschichte der Indigenen Südamerikas lässt sich als eine lange Abfolge unterschiedlicher Formen des Widerstands beschreiben. Denn die Reaktionen auf die „Eroberung“ waren ebenso vielfältig, wie die Kontaktsituationen selbst. Während die spanischen Eroberer und Kolonisatoren mit roher Gewalt vorgingen, fiel die Antwort der Indigenen unterschiedlich aus. Wenn sie konnten, zogen sie sich in unzugängliche Gebiete zurück oder organisierten bewaffneten Widerstand. Manche verbündeten sich mit den Eindringlingen, um ihre traditionellen Erzfeinde loszuwerden. Und manche versuchten, Handel zu treiben. Das Erstaunliche war, dass die Unterwerfung der großen amerikanischen Imperien der Maya in Mexiko und der Inka in Peru, vergleichsweise glatt über die Bühne gingen. Obwohl es auch dort Widerstand gegen die Eindringlinge gab. Musik 6 "Inca Gold" aus: "Ethnic" ERZÄHLER: Gut dokumentiert ist die Geschichte des Aufstandes von Túpac Amaru, des letzten Inka-Herrschers im Jahr 1572. Sie endet blutig und traumatisch für die Hinterbliebenen und schrieb sich tief ins kollektive Gedächtnis der Andenbevölkerung ein. Vierzig Jahre zuvor (1532) war das riesige Inka-Reich durch Francisco Pizarro und seine kleine Streitmacht von etwa 170 Männern eingenommen worden. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erstreckte es sich mehr als 4.000 Kilometer entlang der Andenkette – vom heutigen Ecuador bis nach Chile und Argentinien. In der Mitte thronte die heilige Stadt Cuzco. Bis zur Ankunft der Spanier war dies der „Nabel der Welt“. Hier herrschte der „Sapa Inka“, der göttliche Sohn der Sonne. Über 10 Millionen Menschen waren ihm untertan und leisteten den Arbeitsdienst „Mita“, zur Unterstützung des Imperiums. Francisco Pizarro, der uneheliche Sohn eines Infanteristen aus dem dunklen Trujillo in der ärmlichen Extremadura, hatte sich bereits mit gewalttätigen Eroberungen einen Namen gemacht. Nun wollte er das Goldland der Inka unterwerfen. Pizarro traf auf ein Land, das sich im Bürgerkrieg befand. Der herrschende Inca Huayna Capac war an Pocken gestorben. Und im Streit um die Thronnachfolge, war ein Krieg zwischen seinen Söhnen Atahualpa und Huáscar ausgebrochen, den Atahualpa gewann. Pizarro wusste diese Situation für sich zu nutzen. Er verbündete sich mit den Adligen, die mit der Herrschaft Atahualpas unzufrieden waren und lockte ihn in einen Hinterhalt. Um das Leben des Inkas zu schonen, forderte Pizarro Lösegeld. Ein ganzer Raum wurde bis zur Decke mit Gold gefüllt und zwei weitere mit Silber. Trotzdem ließ er den Inka-König mit einem Würgeholz erdrosseln. Damit fiel das gesamte Inkareich unter spanische Herrschaft. Nach der Hinrichtung Atahualpas setzte Pizarro den „Marionetten-Inka“ Manco Inca Yupanqui ein, um das Volk zu beruhigen. Auch er war ein Sohn von Huayna Cápac und damit ein legitimer Prinz des Inkareichs. Anfangs spielte Manco Inca das Spiel mit. Doch drei Jahre nach der Ermordung seines Bruders, 1536, erkannte er die Manipulation Pizarros. Mit Zehntausenden Kriegern rannte er gegen Cusco an. Fast ein ganzes Jahr belagerte er die Hauptstadt des Inka-Reiches. Doch er konnte die Spanier nicht vertreiben. Also zog er sich in die unzugängliche Andenkordilleren von Vilcabamba zurück und errichtete dort sein eigenes Reich. Von hier aus dirigierte er Guerillaangriffe gegen die Spanier. Mit Zehntausenden Kriegern rannte er gegen Cusco an. Fast ein ganzes Jahr belagerte er die Hauptstadt des Inka-Reiches. Doch er konnte die Spanier nicht vertreiben. Also zog er sich in die unzugängliche Andenkordilleren von Vilcabamba zurück und errichtete dort sein eigenes Reich. Von hier aus dirigierte er Guerillaangriffe gegen die Spanier. Musik 7 "Toyos" ERZÄHLER: 36 Jahre hielt sich der Widerstand in Vilcabamba. Und als Manco Capac von schutzsuchenden Spaniern in seiner Festung ermordet wurde, folgte ihm der letzte Inkaherrscher Tupac Amaru. Er intensivierte die Angriffe auf die Kolonisatoren und machte sich den Ruf eines geschickten Guerilleros. MUSIK 8 "The Hunters" - Album: The Last of Us Original Score - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'29 ERZÄHLER: Zwei Jahre später, im April 1572, erklärte die spanische Krone ihm offiziell den Krieg. Sie schickte eine Strafexpedition unter Martín García de Loyola in das Widerstandsnest. Zunächst schien es, als könne Tupac Amaru mit seinen 500 Inkakriegern die Spanier schlagen. Der Chronist Fray Martín de Murua schreibt in seiner "Historia General del Piru" (1613): MUSIK 9 "Heaven #5 (Dost Thou Not Fear God)" - Album: The Phoenician Scheme (Original Score) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'35 ZITATOR: „Sie schlugen sich mit so großer Hartnäckigkeit und Martín García de Loyola, sah sich in höchster Todesgefahr, denn während er kämpfte, erschien ein Riese von einem Indianer, der ihn so umschlang, dass er sich nicht mehr rühren konnte, doch da kam ihm ein befreundeter Indianer zur Hilfe, Curillo, einer der Unseren, der ihm mit dem Säbel einen Stich in die Beine versetzte, so dass es ihn umwarf und einen weiteren in die Schulter, sodass der Riese tot niedersank und jener seinem Anführer Martín García de Loyola das Leben retten konnte.“ ERZÄHLER: Während die Spanier die Inkaresidenz in Vilcabamba verwüsteten, flüchtete Túpac Amaru ins amazonische Tiefland. Doch in Begleitung seiner hochschwangeren Frau kam er nicht schnell genug voran. Er wurde gefasst und in goldenen Ketten nach Cuzco geführt. Obgleich García de Loyola versprochen hatte, sein Leben zu schonen, wenn er sich ergäbe, wurde der letzte Inkaherrscher Túpac Amaru 1572 auf dem Hauptplatz von Cuzco hingerichtet. Fray Martín de Murúa schildert, wie Túpac Amaru das Schafott erstieg: MUSIK 10 "Procesion" - Album: The Motorcycle Diaries - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'51 ZITATOR: “Da verstummten die Himmel und hallten wider mit ihren Schreien und ihrem Wehklagen; Während der auf dem Schafott stand, der Masse zu schweigen befahl; wozu der arme Túpac Amaru die Hände erhob und einmal klatschte, woraufhin alle Menschen verstummten und nicht eine einzige Stimme mehr zu hören war, was ein offensichtliches Indiz und Zeichen für den Gehorsam, die Furcht und den Respekt war, den die Indios vor ihren Herren und Herrschern hatten.“ ERZÄHLER: In diese schaurige Stille hinein hielt Túpac eine Rede. Mehrere Geistliche flehten den Vizekönig an, Túpac zu verschonen und ihn in Spanien vor Gericht zu stellen … Doch Toledo blieb hart. MUSIK 11 "Los golpes" Album: Pedro Páramo (Banda Sonora De La Serie De Netflix) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'30 ZITATOR: „Er legte sein Haupt auf den Block. Der Scharfrichter griff ihm ins Haar und mit einem einzigen Schlag trennte er den Kopf vom Rumpf und hielt ihn in die Höhe. Da läuteten alle Glocken der Stadt und großer Kummer und Leid kamen über alle Anwesenden.“ ERZÄHLER: Es war das endgültige Ende des Inkareichs. ERZÄHLERIN: Doch wie konnte sich eine Hand voll Konquistadoren gegen zehntausende Indigene durchsetzen? Der Widerstand der Inka gegen die spanische Eroberung von 1532 bis 1572 war zwar intensiv, aber so sehr Schießpulver, Eisen und Pferde den Spaniern auch halfen, so sehr Epidemien ihnen den Weg ebneten, so sehr Feindschaften zwischen Völkern wichtige Verbündete schufen, der Hauptverbündete der Kolonisatoren waren die indigenen Imperien selbst. Die Inka, das am besten strukturierte Volk Amerikas, brach mit einem einzigen Schlag zusammen, als Pizarros Männer es enthaupteten. Selbst kritische Stimmen, wie die des indigenen Chronisten Guamán Poma, waren davon überzeugt, dass die Macht den Aristokraten gebührt – ob Inkas oder Spanier. Er beklagte, dass in den Kolonien Menschen mit niedrigem Status an der Macht waren. Gegen den Imperator selbst hatte er nichts einzuwenden. Ganz anders war das bei den unabhängigen indigenen Gruppen. Sie leisteten entschlosseneren Widerstand. ERZÄHLER: Zum Beispiel die Chiriguanos: ein kriegerisches Volk, das in den östlichen Andenregionen des heutigen Bolivien, Argentinien und Paraguay lebte. Im Handumdrehen hatten sie sich in ein wildes Reitervolk verwandelt, schmiedeten Eisenwaffen und überfielen spanische Siedlungen. Allerdings taten sie das auch mit ihren friedlichen Nachbarn, mit den Chanés, die sie zu verspeisen pflegten. Das Fleisch der Spanier hingegen verschmähten sie. Es war ihrer Meinung nach „ungesund“. Später verkauften sie ihre Gefangenen als Sklaven an die Spanier und wurden so Teil des kolonialen Kreislaufs. Erst im 19. Jahrhundert wurden sie von der bolivianischen Armee geschlagen. Sie verloren ihre politische Autonomie, die sie bis dahin eisern verteidigt hatten. Musik 12 "Inca Gold" aus: "Ethnic" ERZÄHLER: Nachdem Franzisco Pizarro 1542 das Vizekönigreich „Piru“ installiert hatte, das fast ganz Südamerika und Teile Nordamerikas umfasste, wies die spanische Krone den Eroberern riesige Ländereien zu. Alle darauf lebenden Indigenen gehörten automatisch dazu. Peru wurde das wirtschaftliche Zentrum der spanischen Kolonien in Südamerika. Es beutete die Silberminen von Potosí im heutigen Bolivien aus. Die Indigenen wurden zu unbezahltem Dienst gezwungen und in den Minen zu Tode geschunden. Immer wieder kam es zu lokalen Aufständen. Einer, der sich gegen das koloniale System auflehnte, war José Gabriel Condorcanqui. Condorcanqui war ein wohlhabender Mestize mit inkaischem Blut. Seine Großmutter war Tupac Amarus Tochter gewesen. Und nach diesem letzten Inka-Herrscher, Tupac Amaru, sollte er sich nennen. Condorcanqui war in einem Franziskaner-Kolleg ausgebildet und versuchte zunächst mit juristischen Mitteln gegen die hohen Steuern und die Zwangsarbeit vorzugehen. Doch alle seine Eingaben in Cuzco und am Hof in Lima scheiterten. Hinzu kam, dass in Tupacs Heimatbezirk ein ungeschlachter, arroganter und geiziger Mann die Steuern eintrieb: Antonio de Arriaga. Er mißhandelte die Indigenen und Tupac hatte ihn wegen Autoritätsmissbrauch und Veruntreuung von Steuergeldern verklagt – doch, wie immer – ohne Erfolg. Am 16.November 1780 proklamierte Tupac Amaru II seinen berühmten „Freiheitserlass“, in dem er die Abschaffung der Sklaverei und der Zwangsarbeit forderte. Zwei Tage darauf ließ er den spanischen Steuereintreiber Antonio de Arriaga verhaften und öffentlich hinrichten. Sofort hatte er eine große Gefolgschaft aus Indigenen, afrikanisch-stämmigen Sklaven und Mestizen hinter sich. Doch am 6. April 1781 setzten die spanischen Truppen Túpac und seine Verbündeten fest. Und als ob der Name mit dem Schicksal untrennbar verbunden war, sollte 200 Jahre später auch Túpac Amaru II., auf dem Platz der Tränen von Cuzco, öffentlich hingerichtet werden. ERZÄHLERIN: Doch die Ideen von Túpac Amaru II waren unsterblich. Sie gehörten weltweit zu den fortschrittlichsten. Er war der Erste, der die Abschaffung der Sklaverei forderte. Noch bevor sich die Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar und San Martín oder Abraham Lincoln dafür einsetzten. Bis sie tatsächlich abgeschafft wurde, sollten noch 157 Jahre vergehen. Hatte Tupac Amaru I gegen die Kolonisatoren gekämpft, so wollte sein Wiedergänger die spanische Krone nicht stürzen. Er hatte nur versucht, die gröbsten Ungerechtigkeiten im Vizekönigtum zu beseitigen. Musik 13 "Altura novada y sol" ERZÄHLERIN: Als das spanische und portugiesische Kolonialreich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durch unabhängige Nationalstaaten abgelöst wurde, veränderte sich für die Indigenen wenig. Obgleich viele die Idee der Unabhängigkeit unterstützt hatten und dafür sogar in den Krieg gezogen waren, sollte es ihnen in den neu geschaffenen Nationen der Mestizen um keinen Deut besser gehen. Meist übernahmen die neuen Republiken die diskriminierenden Strukturen der Kolonialzeit. Sie ignorierten indigene Landrechte und ließen rassistische Gesetze und Zwangsarbeit größtenteils bestehen. Der Widerstand ging weiter. Vor allem brachte die Kolonisierung Südamerikas das kapitalistische System mit sich. Die Wurzeln, die damals eingepflanzt wurden, sind nach Ailton Krenak noch heute für die Zerstörung des Regenwaldes verantwortlich. ERZÄHLER: Krenak gilt als Vordenker der modernen indigenen Widerstandsbewegung. Bekannt wurde er 1987 durch seinen Auftritt vor der verfassungsgebenden Versammlung Brasiliens. In seinem blütenweißen Anzug mit Krawatte hielt der junge Krenak eine eindringliche Rede, in der er die Situation der Indigenen anklagte: Sie hatten keine Bürgerrechte, waren ständig Gewalt ausgesetzt. Sie wurden durch wirtschaftliche Großprojekte von ihren Territorien vertrieben und absichtlich mit Pocken oder Tuberkulose infiziert. Sein Auftritt trug dazu bei, dass die indigenen Rechte vor knapp 40 Jahren in der brasilianischen Verfassung verankert wurden. Heute kritisiert Krenak den Konsum der westlichen Welt, die den Wald zerstört. O-TON Ailton Krenak1: OV ZITATOR Die Tentakel des Kolonialismus, die in Amazonien eingepflanzt wurden, müssen blockiert werden. Europa muss aufhören, Fleisch, Soja, Mineralien und Holz aus dem Amazonasgebiet zu konsumieren! ERZÄHLER: Die Kolonisatoren brachten das kapitalistische System mit, das heute den Regenwald zerstört. O-TON Ailton Krenak2: OV ZITATOR Die Leute, die den Amazonas konsumieren, müssen aufhören die Welt zu verschlingen! Ändert Eure Gewohnheiten. Macht eine Diät für 10 Jahre. Und während dieser 10 Jahre erforschen und studieren wir das Amazonas-Ökosystem! ERZÄHLER: In die gleiche Kerbe schlägt der Yanomami-Schamane Davi Kopenawa. Er wurde mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet und versucht seit über 20 Jahren die Weißen dazu zu bringen, den Regenwald zu schützen. Die Weißen bezeichnet er als „Volk der Waren“. Er ist nach Barcelona gekommen, um vor dem Klimakollaps zu warnen und hält eine gewaltige Standpauke. O-Ton Davi Kopenawa OV-ZITATOR „Eure Art zu denken ist wie die eurer Vorfahren! Ihr habt die Schrift erfunden, um intelligent zu werden und danach habt ihr die Gesetze erfunden…, diese ganze Politik. Dann habt ihr eure Augen auf die Waren gerichtet und euch mit euren Gesetzen unser Land angeeignet. Nicht um davon zu leben, sondern um es in eine Ware zu verwandeln. Eure Vorfahren haben sich in das Geld verliebt. Und dann habt ihr angefangen, alles zu zerstören…“ ERZÄHLER: Eine Satellitenstudie von Greenpeace Brasilien zeigt: Allein im Jahr 2024 wurde eine Fläche von 584 Fußballfeldern in den Schutzgebieten der Kayapó, Mundurukú und Yanomami zerstört – um Gold zu fördern. Das dazu verwendete Quecksilber kontaminiert die Flüsse und den Wald, die Malariafälle explodieren – ebenso die Kindersterblichkeit. Außerdem haben sich gefährliche Drogenmafias ins Goldgeschäft gemischt. ERZÄHLERIN: Obwohl die indigenen Rechte in der Verfassung verankert sind, müssen sie auch heute noch schwer erkämpft werden. Mit der wechselnden politischen Situation verändern sich auch die Formen des Widerstandes. Ailton Krenak und Davi Kopenawa gehören zu den großen, international bekannten Figuren des indigenen Widerstands. Worte sind ihre Waffen. Doch ist es die Basis der vielen unterschiedlichen Kulturen, die ihren Worten Nachdruck verleiht. MUSIK 14 "Toyos" ERZÄHLER: Seit 2004 versammeln sich jährlich tausende brasilianischer Indigene in Brasilia. Sie verwandeln die zentrale Esplanade der Ministerien für mehrere Tage in ein Acampamento Terra Livre – ein „Camp für Land und Freiheit“. Sie tanzen, lachen, reden, protestieren und campen für ein paar Tage im Zentrum der Macht von Brasilia. Geschmückt mit üppigen Federdiademen und kunstvoll bemalt setzen sie sich medienwirksam in Szene. Das Camp dient ihnen aber auch zur Vernetzung. Und jedes Jahr übergeben sie ihre Forderungen an die Regierung. Es ist die größte indigene Mobilisierung weltweit. 2024 waren etwa 200 verschiedene Ethnien mit über 9.000 Menschen dort, um gegen die indigenen-feindliche Politik und den Landraub zu demonstrieren. Während der Regierung Bolsonaros traten vor allem die Frauen in den Kampf ein, wie immer, wenn es brenzlig wird. Eine der Aktivistinnen ist Watatakalu Yawalapiti. Mit ihrer Bemalung und dem Federschmuck will sie zeigen: Wir waren schon lange vor Euch hier! Es ist unser Land! O-Ton Watatakalu OV ZITATORIN „Wir Frauen wollen für die Gebiete kämpfen. Wir kämpfen für die Gebiete, gemeinsam mit unseren Männern, nicht vor ihnen oder, um sie hinter uns zu lassen, denn wir kämpfen für das kollektive Wohl. (…) Wir wollen Verbesserungen für unser Volk erreichen. Wir wollen unsere Kultur und unseren Wald erhalten.“ MUSIK Toyos ERZÄHLERIN: Die Frauen haben der indigenen Bewegung neuen Schwung gegeben. MUSIK 15 Indigener Widerstand hat viele Gesichter. Er ist vielschichtig, vielfältig und dynamisch. Gleichzeitig haben sich viele Indigene an westliche Gewohnheiten angepasst. Das Bild vom „authentischen Ureinwohner“ ist falsch und irreführend. Denn keine Kultur überlebt ohne Anpassung, auch wenn es indigene Gruppen in „freiwilliger Isolierung“ gibt. „Wir sind nicht die Vergangenheit. Wir sind die Gegenwart.“ – so lautet eine ihrer Parolen. Der indigene Widerstand hat sich über die Jahrhunderte verändert, er passt sich den Situationen an und seine Kraft ist ungebrochen.

  15. Mord in der Villa - Ein mysteriöser Kriminalfall aus dem Jahr 1951

    18.06.2025 · 23 Min.

    Am 13. Dezember 1951 wird in der Starnberger Villa Adlon die Mieterin Sonja Bletschacher aufgefunden, ermordet mit zahlreichen Messerstichen. Der authentische Fall ist nicht nur für Krimi-Fans spannend, sondern auch für Geschichtsinteressierte. Denn die Akten gewähren einen lebendigen Blick in die Vergangenheit. Von Thomas Grasberger (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Thomas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening Technik: Anton Wunder / Atrium Studios Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Ulrike Claudia Hofmann, Historikern und Archivarin im Staatsarchiv München, Autorin des Buches "True Crime Starnberger See. Mord im Hause Adlon" Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Alles Geschichte - Der History-Podcast VERBRECHEN FRÜHER - Kriminaltechnik Mit der Abschaffung der Folter im 18.Jahrhundert stand die Kriminalistik vor einem Problem: Das Geständnis als "Krone der Beweise"" verlor sein Gewicht. Neue Beweisführungen mussten her. Berühmte Kriminalfälle aus der Geschichte zeigen, welche wissenschaftlichen Errungenschaften den Weg in die moderne Kriminaltechnik ebneten. (BR 2017) JETZT ENTDECKEN Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  16. Dopamin - Botenstoff mit Suchtgefahr

    18.06.2025 · 21 Min.

    Der Botenstoff Dopamin überträgt Signale zwischen Nervenzellen im Gehirn. Er spielt eine zentrale Rolle für unsere Motivation, für das Gefühl der Belohnung und auch beim Lernen. Wie beeinflusst Dopamin unser Verhalten? Können wir ihn gezielt nutzen? Von Maike Brzoska Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Christiane Klenz Es sprach: Katja Amberger Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Professorin Daniela Berg, Direktorin der Klinik für Neurologie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie Professor Falk Kiefer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen und IQ Wisschenschaft und Forschung könnten Sie auch interessieren: Glückshormone - Komplexe Botenstoffe mit viel Wirkung JETZT ENTDECKEN Sucht und Sehnsucht - Unstillbarer Hunger der Seele JETZT ENTDECKEN Süchtig nach Glück - Wie kommt man raus aus der Glücksspiel-Sucht? JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Hormongesteuert - Der Wechseljahre-Podcast mit Dr. Katrin Schaudig Wir alle sind hormongesteuert. Hormone regulieren nicht nur die Sexualität, sondern auch Herzschlag, Blutdruck, Atmung und Schlaf. Aktuell sind neun Millionen Frauen in Deutschland in den Wechseljahren. Und doch ist das Thema Menopause unsexy und schambehaftet. Wohl deshalb wurde bislang darüber am liebsten geschwiegen. Der Podcast bricht dieses Schweigen. JETZT ENTDECKEN Linktipps: Homepage des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein mit Informationen zur Früherkennung von Parkinson und der Möglichkeit zur Teilnahme an Studien der Parkinsonforschung: HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Vermutlich kennen viele diese Situation: 01 ZUSP Atmo (Anschnallen, Autofahrt) Autotür geht zu, Gurt klickt, Tasche auf den Sitz, Auto fährt los SPRECHERIN Man steigt ins Auto, legt die Tasche auf den Beifahrersitz, schnallt sich an, fährt los – und dann das: 02 ZUSP Atmo (Handy piepst) Piep SPRECHERIN Das Handy. Wdh. Atmo 02 Piep MUSIK 2 (Stereolab: Melodie Is A Wound 0‘31) SPRECHERIN Und sofort geht das Gedanken-Karussell los: Was könnte das sein? Eine SMS? Ein Like auf Facebook? Geldeingang auf dem Konto? Oder gar ein Notfall? Das Handy während der Fahrt aus der Tasche zu kramen, wäre viel zu gefährlich – das ist klar. Und doch ist da jetzt die ganze Zeit dieser Drang, nachzusehen. Könnte ja wichtig sein – was es meistens nicht ist. Trotzdem: Die Neugierde ist groß. 03 ZUSP O-TON (Kiefer) Und die Neugierde wird besonders getrieben, wenn Sie mit Ihrem Handy in der Vergangenheit besonders erfreuliche, positiv überraschende, oder vielleicht auch besonders negative, bedrohliche Nachrichten bekommen haben. Und die wollen Sie natürlich nicht verpassen. SPRECHERIN Sagt Professor Falk Kiefer. Er ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Entscheidend für den Drang, aufs Handy zu schauen, ist das sogenannte Dopamin, ein Botenstoff unseres Gehirns, der in solchen Momenten vermehrt ausgeschüttet wird. MUSIK 3 ( Sine: Geschichten 0‘46) 04 ZUSP O-TON (Kiefer) Dopamin hat die Aufgabe, auf mögliche Belohnungen hinzuweisen, hat also so was wie eine belohnungsankündigende Wirkung. SPRECHERIN Zum Beispiel könnte das Handy-Piepsen eine SMS vom Partner oder der Partnerin ankündigen, über die man sich in der Regel freut. Oder eine Mail von der Chefin, über die man sich vielleicht nicht so freut, aber die man trotzdem nicht verpassen will. Das Dopamin markiert gewissermaßen Situationen oder Dinge als „wichtig“ – und das motiviert uns zu handeln. Zum Beispiel aufs Handy zu schauen, selbst wenn man sich eigentlich aufs Fahren konzentrieren will. Der Botenstoff signalisiert uns: 05 ZUSP O-TON (Kiefer) Das war wichtig und das solltest du beim nächsten Mal nicht verpassen. Das ist die Funktion des Dopamins. Und wenn man das nächste Mal in so eine Situation hineinkommt, dann ist diese Situation durch dieses Dopamin markiert und dann läuft man nicht achtlos an ihr vorbei, sondern hat man im Unterbewussten sozusagen gespeichert, das war relevant und das solltest du wahrnehmen. SPRECHERIN Und das gilt keineswegs nur für Nachrichten auf dem Smartphone. 06 ZUSP O-TON (Kiefer) Sexuelle Aktivität macht eine Dopamin-Ausschüttung, macht eine Aufmerksamkeits-Hinwendung zu der Person, mit der man das gemeinsam erlebt. Aber auch andere Belohnungsreize. Wenn ich von jemandem Geld bekomme, wenn ich von jemand positive Rückmeldung bekomme, wenn ich von jemandem auf Insta oder Facebook eine positive Rückmeldung bekomme, dann macht das alles so ein kleines Belohnungsgefühl und so einen kleinen Dopaminpeak … MUSIK 4 ( Sine: Dreamland 0‘42) SPRECHERIN Also eine vermehrten Dopamin-Ausschüttung – und die fühlt sich richtig gut an, sagt die Professorin Daniela Berg. Sie ist Direktorin der Klinik für Neurologie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 07 ZUSP O-TON (Berg) Es wird damit ein Teil des Gehirns aktiviert, das den Betroffenen das Gefühl vermittelt, mir geht es richtig gut. SPRECHERIN Auch alltägliche Dinge wie Essen oder Trinken sind mit einer Dopamin-Ausschüttung verknüpft, das war, evolutionär betrachtet, äußerst wichtig für unser Überleben. 08 ZUSP O-TON (Kiefer) Wenn Sie ganz weit in die Evolution zurückgehen, sehen Sie, die wichtigsten Informationen sind: Wo kriege ich was zu essen? Wo sind meine Lebensgrundlagen gut? Und wo vermeide ich Negatives, also Gefahren oder Verletzung oder Schmerzen? Also wir müssen aus Gefahren klug werden, aber wir müssen auch aus Belohnung klug werden. Und das passiert im Hintergrund. Und wir richten uns aus in die Richtung, wo wir positive Erfahrungen gemacht haben. MUSIK 5 ( Stereolab: Melodie Is A Wound 0‘22) SPRECHERIN Auf diese Weise lenkt das Dopamin ein Stück weit auch unsere Aufmerksamkeit. Denn im Prinzip strömen in jedem Moment unzählige Informationen und Reize aus der Umgebung auf uns ein. Irgendwie muss das Gehirn eine Auswahl treffen – was davon ist wichtig und was nicht? 09 ZUSP O-TON (Kiefer) Allein unser visuelles System, unsere Augen, verarbeiten pro Sekunde ungefähr den Inhalt von einer halben DVD an Roh-Datenmaterial, und dazu kommen noch unsere taktilen Reize, das Hören und das Schmecken usw. Und aus dieser Datenmenge muss das Gehirn natürlich die relevantesten Informationen herausfiltern. Und das ist ein wichtiger Teil des Lernens von jedem Organismus, die wichtigen Informationen von den unwichtigen zu unterscheiden. Also wir entwickeln Antennen, im übertragenen Sinne, für die Dinge, die wichtig sind. MUSIK 6 ( The Weather Station: Passage 0‘39) SPRECHERIN Und genau mit diesen Antennen laufen wir heute noch durch den Alltag, zum Beispiel durch die Fußgängerzone. 10 ZUSP O-TON (Kiefer) Wo es Schuhgeschäfte gibt und Süßigkeiten-Geschäfte und Kneipen gibt, dann sind das unterschiedliche Hinweisreize, die ich mit unterschiedlichen Erfahrungen verbinde. SPRECHERIN Wobei jemandem, der in der Vergangenheit gelernt hat: Neue Schuhe machen mich glücklich, vermutlich zuerst das Schuhgeschäft auffällt. Stichwort selektive Wahrnehmung. 11 ZUSP O-TON (Kiefer) Der erste Schritt ist die Wahrnehmung, aber vielleicht habe ich mit allen dreien ja schon positive Erfahrungen gemacht. Ich kaufe gerne Schuhe und ich trinke gerne und ich esse gern Süßes. Und dann geht es aber auch in diesem Dopamin-System darum: Wie stark ist diese Belohnungserwartung? SPRECHERIN Macht es mich glücklicher, neue Schuhe zu kaufen oder ein Bier trinken zu gehen? 12 ZUSP O-TON (Kiefer) Also es geht nicht nur um Markierung „ja“ oder „nein“, sondern um ein bisschen Markierung, um ein bisschen mehr Markierung und um ganz starke Markierung. Also meine Motivation, in die Kneipe zu gehen ist vielleicht größer als die ins Schuhgeschäft zu gehen. MUSIK 7 (The Weather Station: Passage 0‘37) SPRECHERIN Wir sind zwar keine Marionetten, die – am Dopamin-Faden hängend –automatisch in die Kneipe oder in das Schuhgeschäft gezogen werden. Aber die Motivation, der Drang kann schon sehr stark sein. Der Übergang in eine Sucht ist fließend, auch wenn bei einer Suchterkrankung immer auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Doch das Dopamin-System ist schon sehr wichtig bei der Entstehung von Suchterkrankungen. 13 ZUSP O-TON (Kiefer) Wenn ich in eine Kneipe gehe und jedes Mal Alkohol trinke, dann wird diese Kneipe mit einem Daumen hoch mit einem Dopamin-Peak markiert. Und das führt dazu, dass diese Kneipe mit Belohnungs-Erwartungen aufgeladen wird und ich immer mehr Motivation habe, mich in diese Richtung zu bewegen. Und dadurch ist das ein ganz zentraler Mechanismus, der dazu führt, dass mit jedem Konsum die Motivation, in diese Situation hineinzugehen und wieder zu konsumieren, steigt. SPRECHERIN Wobei pharmakologische Substanzen wie Alkohol, Cannabis, Opiate oder Amphetamine im Vergleich etwa zum Schuhe kaufen noch eine Besonderheit haben: Sie stimulieren das Dopamin-System, auch wenn mir der Rausch gar nicht gefällt oder wenn mir davon speiübel wird. 14 ZUSP O-TON (Kiefer) Das heißt, sie machen eine pharmakologisch erzwungene Markierung in dem Belohnungssystem, also erzwingen einen Daumenhoch. SPRECHERIN Anders als etwa ein Nahrungsmittel, das bei mir Bauchschmerzen verursacht – das werde ich in Zukunft tunlichst meiden. Im Gegensatz dazu führen pharmakologisch wirksame Suchtmittel auf jeden Fall zu einer Dopamin-Markierung – egal, ob mir der Rausch nun guttut oder nicht. 15 ZUSP O-TON (Kiefer) Von daher ist es so, dass selbst Menschen, denen übel wird irgendwann von Alkohol oder die merken, die Opiate tun überhaupt nicht mehr gut, die haben trotzdem den Drang, das wieder einzunehmen, weil einfach die selektive Aufmerksamkeit und die Belohnungserwartung von dieser bewussten Einschätzung weitgehend unabhängig ist. MUSIK 8 ( Yost x Chiras: Inside The Mind 0’46) SPRECHERIN Es zieht einen in die nächste Kneipe – und es ist äußerst schwierig, dem Drang zu widerstehen. 16 ZUSP O-TON (Kiefer) Das ist ein Teil dieses Drangs, der bei Drogenabhängigkeit eine große Rolle spielt. Sie gehen durch eine Welt, in der sie das Schuhgeschäft und die Süßigkeiten gar nicht mehr wahrnehmen, weil diese Belohnungserwartung auf die Kneipe und auf die Trinksituation so übermächtig geworden ist, dass auch das Wissen, hinterher ist mir wieder schlecht und am nächsten Tag geht es mir übel, gar keine Rolle mehr spielt in der Situation, sondern sie sind so fokussiert und diese Erwartung ist so groß, dass es extrem schwerfällt, dem zu widerstehen. SPRECHERIN Das Wissen um die Rolle von Dopamin bei Suchterkrankungen, macht man sich inzwischen auch bei der Therapie von Suchterkrankungen zunutze. Zum Beispiel arbeiten Forschende daran, mithilfe von Medikamenten die Dopamin-Ausschüttung, etwa nach Alkoholkonsum, ganz gezielt zu unterdrücken. Das ist sehr schwierig und erfordert viel Feintuning, um nicht das ganze Dopamin-System aus dem Takt zu bringen, aber es gibt erste Erfolge. 17 ZUSP O-TON (Kiefer) Und tatsächlich zeigen auch Daten, dass das ein Mechanismus ist, der Trinkmengen-Reduktion und Abstinenz unterstützen kann. SPRECHERIN Eine andere Möglichkeit ist, umzulernen. 18 ZUSP O-TON (Kiefer) Wir haben einen Raum in unserer Klinik, der aussieht wie eine Kneipe. Und in denen präsentieren wir unseren Patientinnen und Patienten ihr Lieblingsgetränk und sie können sich das einschenken. Sie können sich das angucken, sie können daran riechen. Und das stimuliert natürlich unheimlich dieses Belohnungssystem. Und wenn Sie es dann aber nicht konsumieren, sondern abwarten, bis dieser Drang und dieses Belohnungsvorhersage-Gefühl wieder runtergeht, dann kann dieses System umlernen. Dann haben Sie nämlich den Hinweisreiz gesehen. Sie haben aber nicht konsumiert und vereinfacht gesagt, war das eine falsche Belohnungsvorhersage im Gehirn und die wird langsam sukzessive dann runter korrigiert und wird mit der Zeit immer geringer. SPRECHERIN Man übt sich gewissermaßen in Abstinenz und mit der Zeit nimmt der Dopamin-vermittelte Drang, Alkohol zu trinken, ab. MUSIK 9 (Sine: Dreamland 0‘41) Das gilt auch für andere Situationen, wo es nicht um Sucht im engeren Sinne geht. Sondern um die kleinen Dopamin-Kicks im Alltag: schnelle Zigarette in der Mittagspause oder kurz mal checken, ob mein Beitrag auf Facebook oder Instagram geliked wurde. Solchen Dingen eine Weile zu entsagen, ist gerade ziemlich angesagt in den sozialen Medien – auch wenn das erst mal paradox klingt, wenn bei Instagram die Insta-Abstinenz gefeiert wird. Aber tatsächlich gibt es einen Hype um das sogenannte Dopamin-Detox. 19 ZUSP O-TON (Berg) Dopamin-Detox bedeutet, dass man ganz bewusst auf Aktivitäten verzichtet, die eine starke Ausschüttung von Dopamin, also diesem Belohnungshormon, sozusagen, verursacht. Das heißt, das Ziel ist, dass man so eine Art Reset vom Gehirn macht, damit man wieder wesentliche Motivation für die alltäglichen Aufgaben bekommt und nicht ständig überstimuliert ist. Und das versucht man so, dass man bestimmte Dinge versucht zu meiden, zum Beispiel zu viel Social Media und Internetkonsum, Videospiele, aber auch ernährungsbedingt, zum Beispiel Junk-Food, zu viele Süßigkeiten, ständiger Konsum von Musik und Podcast, exzessives Handy nutzen. Also all diese Dinge, womit man einfach sich überall stimuliert und das Gehirn an schnelle Belohnungen gewöhnt. SPRECHERIN Wobei der Begriff „Detox“, also Entgiftung, eigentlich unpassend ist. 20 ZUSP O-TON (Berg) Der Begriff ist eher irreführend, denn man kann und will ja eigentlich auch gar nicht das Dopamin aus dem Körper spülen. Es ist ja kein Detox in dem Sinne. Aber was ganz wichtig für die Betroffenen ist: Man lernt, mit dieser eigenen Abhängigkeit umzugehen. Das heißt, diese Reizüberflutung, die zu meiden, diese bewusst zu reduzieren, um wieder wirklich auch eine tiefe Freude und eine tiefe Befriedigung an Dingen zu bekommen, die das Leben ausgeglichen und schön machen. Und das sind sehr, sehr positive Effekte und das erleben viele Menschen und deshalb ist das durchaus zu befürworten. MUSIK 10 ( Yost x Chiras: These Lonely Winds 1’02) SPRECHERIN Der Neurotransmitter Dopamin spielt aber längst nicht nur beim Belohnungslernen und der Entstehung von Suchterkrankungen eine wichtige Rolle. Vielmehr hat der Botenstoff sehr viele verschiedene Aufgaben, ähnlich wie auch andere Botenstoffe. 21 ZUSP O-TON (Kiefer) Die Evolution hat eben nicht unendlich viele Neurotransmitter, Botenstoffe unserem Gehirn zur Verfügung gestellt. Also wir kennen Glutamat oder Serotonin oder Dopamin, aber letzten Endes sind es gar nicht mehr als zwei Handvoll wichtiger Neurotransmitter, die unser Verhalten, unsere Kognition und unsere Emotionen regulieren. Und wir wissen, haben sehr viele unterschiedliche Hunderttausende, Millionen von möglichen Kognitionen, Emotionen, Dingen, die im Gehirn passieren. Und dafür ist eben eine sehr feine Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Neurotransmittern, aber auch zwischen dem, was sie tun an unterschiedlichen Rezeptoren in unterschiedlichen Regionen, in unterschiedlichen Schaltkreisen. SPRECHERIN Eine sehr feine Abstimmung im Gehirn ist auch für unsere gesamte Motorik wichtig, und dabei übernimmt der Neurotransmitter Dopamin ebenfalls eine wichtige Rolle. 22 ZUSP O-TON (Berg) Vor allem für die unwillkürliche Motorik, zum Beispiel schlucken. Und schlussendlich kommt es auch in unserem vegetativen Nervensystem vor. Das heißt, es reguliert zum Beispiel die Durchblutung von Organen. SPRECHERIN Insgesamt betrachtet übernimmt Dopamin also eine Fülle von Aufgaben und ist an vielen Funktionen beteiligt. Das ist auch der Grund, warum eine Fehlregulation des Dopamins sehr verschiedene Erkrankungen zur Folge haben kann. 23 ZUSP O-TON (Kiefer) Dopamin spielt eine große Rolle bei Parkinson-Erkrankungen zum Beispiel. Und bei Psychosen spielt es eine große Rolle. Bei Hormonstörungen spielt es eine große Rolle. Und all diese Dinge sind ganz unterschiedliche Krankheitsbilder mit unterschiedlichen Dopamin-Funktionen. SPRECHERIN Auch die Aufmerksamkeitsstörung ADHS, bipolare Störungen und chronische Erschöpfungszustände werden mit Fehlregulationen des Dopamin-Systems in Verbindung gebracht. Wobei manche Erkrankungen mit einem Dopamin-Überschuss einhergehen und andere mit einem Dopamin-Mangel, Parkinson beispielsweise. 24 ZUSP O-TON (Berg) Das ist eine Erkrankung, die nennen wir neurodegenerativ, das heißt Neurone, Nervenzellen gehen zugrunde. Und das sind insbesondere diese Dopamin-produzierenden Zellen im Mittelhirn. Und daraus resultiert ein Dopamin-Mangel, das heißt die Regel-Kreisläufe, die Signalübertragung, die läuft nicht mehr richtig. Und deswegen kommt es zu diesen Parkinson-typischen Symptomen, die insbesondere die Bewegung, also die Motorik betreffen, die unwillkürliche Motorik. Und das ist dann eine Verlangsamung, eine Steifigkeit und auch dieses ganz typische Ruhezittern. Aber – und das ist ganz wichtig – es gibt auch nichtmotorische Symptome. Zum Beispiel gedrückte Stimmung bis hin zu Depression oder auch eine Verlangsamung des Denkens. MUSIK 11 ( Andreas Franzmann: Complexity 0’54) SPRECHERIN Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an Parkinson zu erkranken. Wobei es eine genetische Veranlagung gibt – manche Menschen haben also ein größeres Risiko als andere. Aber auch Lebensstil oder Umweltgifte wie Pestizide spielen eine Rolle. Daniela Berg leitet eine Forschungsgruppe zur Früherkennung von Parkinson, behandelt also regelmäßig Betroffene. Die ersten Symptome ähneln sich oft, berichtet sie. 25 ZUSP O-TON (Berg) Wenn die Betroffenen gehen, dann bewegt sich der eine Arm normal mit, der andere aber nicht. Der hängt praktisch nur so runter oder bewegt sich zumindest weniger mit. SPRECHERIN Dass ein Arm nicht mitschwingt, bemerken die Betroffenen selbst oft gar nicht, es sind eher die Angehörigen, die sagen, du gehst irgendwie komisch. Da stimmt was nicht. Für die genaue Diagnose machen Ärztinnen und Ärzte dann weitere Untersuchungen. Zum Beispiel die sogenannte Spect-Untersuchung. 26 ZUSP O-TON (Berg) Das steht für Single-Photon-Emission-Computertomographie. Und das funktioniert so, dass man radioaktiv markiertes Dopamin den Betroffenen spritzt. Und das bindet dann an sogenannte Rezeptoren, die auf den Ausläufern von den Dopamin-Zellen sind. Und wenn diese Dopamin-produzierenden Zellen zugrunde gehen, dann kann das radioaktiv markierte Dopamin nicht mehr an diese Rezeptoren binden und dann leuchten die Regionen weniger stark auf. Und das kann man tatsächlich messen. MUSIK 12 ( Sine: Endstation 1‘53) SPRECHERIN Die Diagnose ist für Betroffene oft lebensverändernd, denn die Krankheit ist chronisch, es gibt keine Aussicht auf Heilung. Man kann das Fortschreiten nur verlangsamen. 27 ZUSP O-TON (Berg) Stoppen können wir die Erkrankung leider noch nicht. Was wir versuchen – das ist ein großer Forschungsschwerpunkt mehrerer Gruppen, arbeiten wir selber auch sehr intensiv dran –, die Krankheit so früh wie möglich zu erkennen, um die Betroffenen so gut wie möglich über die Symptome, die auftreten, einstellen zu können. SPRECHERIN Das macht man mithilfe von Medikamenten, die das fehlende Dopamin ersetzen. Daneben können Patientinnen und Patienten aber auch selbst einiges tun, auch darüber spricht Daniela Berg mit ihnen. 28 ZUSP O-TON (Berg) Alles, was sich positiv auf Nervenzellen, auf die Dopamin-produzierenden Zellen auswirken kann, und die Betroffenen darüber auch zu unterrichten, was da machbar ist. SPRECHERIN Dazu gehört vor allem: Bewegung. 29 ZUSP O-TON (Berg) Was wir wissen ist, dass zum Beispiel körperliche Aktivität ausgesprochen gut fürs Gehirn ist. Wir wissen, dass regelmäßige körperliche Aktivität das Risiko für Parkinson um die Hälfte reduzieren kann. SPRECHERIN Auch die Ernährung kann positiven Einfluss auf den weiteren Verlauf der Erkrankung nehmen. Das gilt nicht nur für Parkinson, sondern für viele Krankheiten. Ein Grund mehr, seine täglichen Gewohnheiten, seinen regelmäßigen Konsum hin und wieder zu überdenken. Und vielleicht kommt man dabei zu dem Ergebnis, dass es Zeit ist, dem Burger, dem Social-Media-Account oder dem Alkohol eine Weile zu entsagen – nicht, weil diese Dinge Parkinson auslösen würden, das wäre viel zu verkürzt gedacht. Aber sich im Alltag ständig den kleinen Dopamin-Kicks hinzugeben, kann einen davon abhalten, das zu tun, was wirklich sinnvoll ist. 30 ZUSP O-TON (Berg) Diese Aktivierung des schnellen Belohnungssystems ist ja auch etwas, was unser Gehirn in einer ständigen Anspannung sozusagen hält, also dieses ganz normale, sinnvolle, gute Regulieren des Dopamin-Systems verhindert. Und damit auch verhindert, Dinge zu tun, die dem Gehirn guttun, zum Beispiel regelmäßige körperliche Aktivität oder eben auch, wenn jetzt das schnelle Belohnungssystem durch eine nicht gute Ernährungsgewohnheit beeinflusst wird – eben viel Junk-Food, viele Süßigkeiten –, dann ist es etwas, was auf einer ganz anderen Ebene, dem Gehirn nicht guttut. MUSIK 13 ( Stereolab: Melodie Is A Wound 0‘26) SPRECHERIN Und auch das Handy vielleicht einfach mal ausmachen. 31 ZUSP Atmo (Handy aus) Düdüd. SPRECHERIN Und dann kann man auch in Ruhe Auto fahren.

  17. Jahreszeiten außer Takt? Alles Natur!

    17.06.2025 · 23 Min.

    Starke Regenfälle, milde Winter, heiße Sommer, lange Trockenphasen - das Klima ändert sich und das merkt man auch an der Verschiebung der Jahreszeiten. Iska Schreglmann spricht mit Ismeni Walter, Professorin für Umweltjournalismus an der Hochschule Ansbach über die weitreichenden Folgen für Tiere und Pflanzen. Von Iska Schregmann (BR 2023) Credits: Autorin: Iska Schreglmann im Gespräch mit Ismeni Walter Technik: Peter Riegel Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Prof. Dr. Ismeni Walter ist Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Im Studiengang Ressortjournalismus an der Hochschule Ansbach ist sie verantwortlich für den Schwerpunkt „Umwelt“. Die Studierenden bekommen bei ihr Einblicke in wichtige Themen wie Biodiversität, Mensch und Umwelt, Klimawandel und Klimapolitik. Hochschulpage Ismeni Walter: EXTERNER LINK | https://www.hs-ansbach.de/personen/walter-ismeni/ Mehr Infos zum Bachelorstudiengang Ressortjournalismus: EXTERNER LINK | https://www.hs-ansbach.de/bachelor/ressortjournalismus/ Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie ebenfalls interessieren: Klimawandel und Lebensraum - Strategie der Anpassung JETZT ANHÖREN Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im Klimatest JETZT ANHÖREN Klimaforschung - Eine lange Geschichte! JETZT ANHÖREN Kampf gegen Klimawandel - Warum tut sich der Mensch so schwer? JETZT ANHÖREN Linktipps: Machen Sie mit: Dawn Chorus - Stop and Listen von 1. bis 31. Mai Gemeinsam laden das Naturkundemuseum Bayern/BIOTOPIA Lab und der bayerische Naturschutzverband LBV zusammen mit zahlreichen weiteren Partnern dazu ein, den morgendlichen Vogelchor vor der eigenen Haustür zu erleben, aufzunehmen und zu teilen. So können Sie einen wichtigen Beitrag zur Biodiversitätsforschung leisten. Mehr Infos gibt es hier: EXTERNER LINK | https://dawn-chorus.org/ Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Kinder der Flucht – Frauen erzählen Podcastserie mit 4 Folgen | ARD Audiothek Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen? Wie kann das Ankommen gelingen? Shahrzad Osterer präsentiert die bewegenden Geschichten von vier Frauen und Müttern, deren Leben von einer Flucht geprägt wurde. JETZT IN DER ARD AUDIOTHEK HÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  18. WirTier - Ein Podcast über die Begegnung von Mensch und Tier

    17.06.2025 · 3 Min.

    Zu Gast bei Radiowissen: Jeden Dienstag neu. WirTier erzählt von Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben durch diesen einen Moment auf Augenhöhe mit einem Tier. Sie teilen mit uns ihre tiefgreifenden Erfahrungen über unser Zusammenleben auf diesem Planeten und ihr Wissen über Tiere. Sechs Folgen - ab dem 13. Mai.

  19. Verhandeln - Rhetorik, Macht und Nervenkrieg

    17.06.2025 · 22 Min.

    Gut verhandelt? Die Frage entscheidet über den persönlichen Kontostand und über die Aussichten einer Nation. Denn verhandelt wird über alles und überall: in Juristerei, Wirtschaft, Politik, auf Flohmärkten und Jobbörsen. Wie gelingt die Verhandlung und wie ändert sich historisch ihr Handwerkszeug? Von Marie Schoeß (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Marie Schoeß Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann Technik: Matthieu Belohradsky Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Roman Trötschel, Professor für Sozial- und Politische Psychologie an der Fakultät Nachhaltigkeit der Leuphana Universität Lüneburg Simon Wolf, nach Studium und Promotion in der Rhetorik arbeitet er als Rhetorik-Coach Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Verhandeln ist mehr als Kopfarbeit: Treten zwei Menschen einander gegenüber – bereit zum Verhandeln –, beginnt ein diffiziles Spiel, das den ganzen Menschen beansprucht. Alles ist jetzt gefragt. Augen, Arme, Mundwinkel, Herz, Puls, Kopf und Zunge: Jeder Nerv, jede Zelle muss mitspielen, alles muss eingestimmt sein auf das, was jetzt folgt. Höchstspannung – sichtbar gerade in den Momenten des Scheiterns. Wenn die Spannung plötzlich abfällt. Im November 2017 zum Beispiel. SPRECHER Erinnern Sie sich noch? Deutschland sucht gerade eine neue Regierung, die Sondierungsverhandlungen sind dieses Mal aber deutlich kniffliger als gewohnt. Union, Grüne und FDP wollen es miteinander versuchen und so – in dieser Kombination, auf Landesebene – haben die Beteiligten noch nie zusammengefunden. Ihre Programme liegen in zentralen Fragen auch weit auseinander. Für sie alle – schwarz, grün, gelb – steht also einiges auf dem Spiel. Lassen sich genügend der eigenen Ziele durchsetzen? Gelingt es – allen – das Gesicht zu wahren, weil alle Zugeständnisse in den Fragen machen, die für die jeweils anderen zentral sind? Können so auch lauter faule Kompromisse verhindert werden? All das ist offen, als die FDP plötzlich vor die Presse tritt. Christian Lindner hat seine Parteikolleginnen und Kollegen im Rücken, eine fast schon versteinerte Miene haben sie, als ihr Parteivorsitzender verkündet: Besser nicht regieren, als falsch regieren. Musik: Prayer wheel (red.) 0‘20 SPRECHERIN Mit diesem Statement gehen die Verhandlungen erfolglos zu Ende, und den anderen – Verhandlern auf Seiten der Union, der Grünen – stehen die Fragen ins Gesicht geschrieben: Was ist da schiefgelaufen? Was kann man daraus lernen? 01 ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Es geht in Verhandlungen sehr stark um Reputation, Aufbau von Vertrauen und den Aufbau von Beziehungen, weil ich langfristig davon Vorteile ziehen werde. Und wenn ich fragwürdig kurzfristige Erfolge erziele, indem ich die Gegenseite über den Tisch ziehe, Interessenskonflikte vortäusche oder was auch immer, hat das zwar kurzfristig Erfolg, aber langfristig wird mir das auf die Beine fallen. Es dauert 20 Jahre, mir eine Reputation aufzubauen, aber ich kann sie in fünf Minuten zerstören. SPRECHERIN Roman Trötschel ist Experte in Sachen Verhandlungen, er lehrt als Professor für Sozial- und Politische Psychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Versucht zu verstehen, unter welchen Umständen Verhandlungen glücken und was sie scheitern lässt. Vertrauen, weiß er, ist ein zentraler Punkt für jede Verhandlung. Musik: Precision on demand 0‘36 SPRECHER Und der Herbst 2017 bildet da keine Ausnahme. Mehr als ein Mal dringen Informationen nach draußen. Irgendwer spielt sie an die Presse, offenbart sie der Öffentlichkeit – sicher auch, weil es in diesem Moment der eigenen Strategie dient. Vertrauen baut man so aber nicht auf. Auch das plötzliche Wechseln von Strategien und Positionen ist nicht gerade vertrauensbildend. Der Streit um den Familiennachzug ist ein Beispiel dafür. Ein Knackpunkt, die Verhandler beißen sich an dieser Frage fest – insofern wäre ein vertrauensvoller Umgang gerade jetzt wichtig. Das Gegenteil aber passiert: Jürgen Trittin, lange unter den diskretesten Verhandlern, kritisiert die FDP öffentlich dafür, plötzlich einen Schulterschluss mit der CSU zu suchen, heißt: Plötzlich auch darauf zu pochen, den Familiennachzug weiter auszusetzen, was für die Grünen bekanntermaßen ein rotes Tuch ist. Das Interview: zerstört Vertrauen. Der plötzlich gesuchte Schulterschluss, der dem Interview vorausging, ebenfalls. SPRECHERIN Das Ende der Verhandlungen, der nicht abgesprochene Abbruch, war letztlich Ausdruck des Vertrauens-Problems innerhalb der Verhandlungen. Die Sondierungsverhandlungen sind aber nur ein Beispiel: Gescheiterte Verhandlungen gehören zum politischen Alltag. Und auch für Vertrauensverluste findet man etliche Beispiele. 2018 etwa, ein anderes Scheitern. Auch das vor aller Augen. Musik: Facts&data 0‘42 SPRECHER Donald Trump verlässt den G7-Gipfel vor dem eigentlichen Ende. Erinnern Sie sich noch? An diesen Aufbruch, der nichts ist als: Symbolpolitik, ein Signal, wie groß der US-amerikanische Präsident die eigene Verhandlungsmacht einschätzt, wie gering die seiner Partner? Trump müsste hier nicht weg, der Anschluss-Termin mit dem nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong Un ließe ihm Zeit, aber er verlässt die Verhandlungspartner frühzeitig, fliegt – und twittert: Er werde die US-Unterhändler anweisen, „die Abschlusserklärung nicht zu unterstützen“. Gerade hatte man sich auf einen Kompromiss geeinigt – ein großer Wurf war der ohnehin nicht, die großen Streitfragen waren ausgeklammert worden – aber jetzt auch noch das: Das öffentliche, nicht abgesprochene Aufkündigen des Kompromisses. 02 – ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Es dauert 20 Jahre, mir eine Reputation aufzubauen. Aber ich kann sie in 5 Minuten zerstören. SPRECHERIN Verhandeln kann Nervenkrieg sein, das beweisen diese Beispiele – aber sie suggerieren gleichzeitig etwas Falsches: Dass eine Verhandlung Wettbewerb ist. Weiter nichts. Die Wahrheit ist komplexer: 03 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Was Verhandlungen auszeichnet, ist, dass das immer Situationen sind, in denen Kooperation und Competition gemeinsam auftreten. Einerseits versuche ich ja als Verhandlungspartei die Interessen der eigenen Seite – also wenn ich eine Gruppe vertrete oder auch meine individuellen Interessen – durchzusetzen gegen den Widerstand der anderen Seite. Aber ich würde ja mit der anderen Seite nicht verhandeln, wenn ich das ganz allein könnte. SPRECHERIN Ein klassischer Fehler in Verhandlungen: Sie als Fußballspiel zu verstehen, entweder man gewinnt oder man verliert. Dabei ist die vielleicht wichtigste Einsicht eines Verhandlers, dass die Gegenseite auch Entscheidungsmacht hat, dass die Abhängigkeit wechselseitig ist, dass beide Akteure Teil des Entscheidungsprozesses sind, im besten Fall sogar beide gewinnen. Wer daran zweifelt, kann die Verhandlung eigentlich gleich einstellen. 04 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Grundsätzlich können soziale Konflikte auf verschiedene Art und Weise gelöst werden. Entweder durch Agieren und Reagieren – also, dass eine Partei Aktionen ergreift. In Tarifverhandlungen – eine Partei löst einen Streik aus, und die Gegenseite reagiert dann drauf, geht vor Gericht. Oder durch Interagieren. Und Interagieren ist dann Verhandeln. Musik: Research activity 0‘40 SPRECHER Noch ein Beispiel: Die „Letzte Generation“ will – genauso wie „Fridays for Future“ – einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen, will der Gesellschaft vor Augen führen, was der Klimawandel für die Jungen bedeutet. Aber während sich „Fridays for Future“ offen zeigt, ihre Positionen zum Gegenstand von Diskussionen und Verhandlungen zu machen, pocht die „Letzte Generation“ immer wieder darauf, dass vieles schlicht „nicht verhandelbar“ sei. Und setzt insofern auch auf eine andere Strategie: auf Aktion statt Interaktion. 05 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Ja, also von der Definition, da kann man sagen, dass es bei der Verhandlung immer um den Abgleich von konfligierenden Interessen geht. Zwei Personen oder zwei Institutionen haben unterschiedliche Interessen. Das können auch mehr als zwei sein. Und sie haben trotzdem das gemeinsame Interesse, das auf dem Weg der Verhandlung zu klären und nicht auf anderem Wege. SPRECHERIN Dr. Simon Wolf arbeitet als Rhetorik-Coach, wobei er Theorie und Praxis der Verhandlung zusammenbringt. Er ist damit Fachmann für eine Disziplin, an der niemand vorbeikommt: Verhandelt wird überall, in Küchen und Kirchen, in Parlamenten und auf dem Pausenhof. Zu verstehen, was eine Verhandlung ausmacht, wie sie sich gut gestalten lässt, ist also enorm wichtig – für das Leben jedes Einzelnen und die Entwicklung einer Gesellschaft. Und trotzdem gehen es viele falsch an. Simon Wolf kennt das aus der Praxis: 06 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Häufig gibt es so die Idee von der einen richtigen Formulierung, und da muss man schon von der Gesprächsführung her und erst recht von der Verhandlungsführung her sagen: Das eine richtige goldene Wort gibt es nicht, sondern im Gegenteil es geht um Verhaltensweisen, und es geht um Mindset. Also von der einen goldenen Formulierung, von dem einen goldenen Wort muss man sich leider ein Stück weit lösen. Musik: New beginning 0‘19 SPRECHERIN Aufs Mindset, also auf die Haltung und Einstellung bei der Verhandlung, pocht auch Roman Trötschel. Es hält flexibel, sagt er. Und dass ein Mindset keine Wertvorstellung sei, nichts Starres, Unverhandelbares. Eher schon eine Brille. 07 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Und wie so eine Brille, die ich auf- und absetzen kann, wirken auch Mindsets, die sind nämlich sehr flexibel. Und ich brauche Flexibilität in Verhandlungen. Und jetzt gibt es kein universelles Mindset, das mir grundsätzlich hilft, in Verhandlungen voranzukommen. Vielleicht schon das grundsätzliche Verständnis, dass Verhandlungen eben immer Kooperation und Competition sind, also beides. Das muss Bestandteil des Mindsets sein. Aber zusätzlich kann ich mir in Abhängigkeit von meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten bestimmte Grundprinzipien geben. SPRECHERIN Wer ein großes Harmoniebedürfnis in sich trägt, setzt besser erstmal die Brille „Hartnäckigkeit“ auf, damit er nicht zu schnell um des Friedens willen einknickt. Darf sie aber auch wieder absetzen, wenn die wichtigsten Elemente besprochen sind. Eine Varianz an Brillen – Grundprinzipien in der Verhandlung – helfen ohnehin am besten weiter. „Neugier“ ist eines davon. Und „Kreativität“. 08 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Für die Vorbereitung auf eine Verhandlungsstrategie ist es in der Praxis ganz wichtig zu sehen: Was sind meine Interessen? Nicht nur meine Positionen. SPRECHERIN Bedeutet: Nicht nur zu wissen, was ich will, sondern warum ich das will. Das erhöht die Flexibilität und ist Moment für Kreativität. Musik: Corporate questions more red 0‘42 SPRECHER Konkretes Beispiel: Wenn ich ins Gespräch mit meinem Chef gehe und mehr Gehalt fordere, kann ich schnell scheitern. An Vergütungsgruppen zum Beispiel, die in einer Firma klar geregelt sind und an denen wirklich niemand vorbeikommt. Wenn ich aber weiß: Ich will mehr Gehalt, weil ich Geld für ein Lastenrad zurücklegen will, kann ich womöglich von der Firma ein Rad gestellt bekommen. Oder eine Karte für die Öffentlichen Verkehrsmittel, fürs Fitness-Studio, irgendwas, das mir anderweitig Geld spart. In ganz vielen Situationen lässt sich das Bedürfnis befriedigen, nur nicht immer auf dem einen naheliegenden Weg. Deshalb die Frage nach dem Warum. 09 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Letzten Endes steigern wir dadurch unsere Verhandlungsmacht, weil wir mehr Möglichkeiten auf den Tisch bekommen. SPRECHERIN Ist Kreativität gerade während der Verhandlung entscheidend – dann, wenn es wirklich ums Suchen und Finden eines Kompromisses geht –, braucht es die Neugier schon viel früher: 10 – ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Ich muss tatsächlich wie ein Detektiv vorgehen und verstehen: Was ist denn eigentlich mit der anderen Seite los in dieser Verhandlung? Was will die denn eigentlich? Die Gegenseite vertritt Positionen. Aber hinter den Positionen der Gegenseite steckt Psychologie – nämlich Motive, Wertvorstellungen, Denkmuster. Und das muss ich aufdecken und muss neugierig sein. Eigentlich bedeutet Neugier Informationssuche – und zwar so viel wie möglich. Musik: Creative workshop red 0‘42 SPRECHERIN „Hinter den Positionen steckt Psychologie“, sagt Roman Trötschel. Und in dieser Aussage steckt wiederum eine ziemlich wichtige Einsicht für die Kunst der Verhandlung: Eine Verhandlung ist mehr als ein Austausch von Argumenten, mehr als ein Spiel, das allein mit dem Verstand zu gewinnen ist. Eine Verhandlung hat rationale, aber auch emotionale, fast schon körperliche Anteile. Die Vorbereitung muss insofern auch den ganzen Menschen einbeziehen: die Argumente und Emotionen der anderen Seite. Und meine eigenen. 11 – ZUSPIELER SIMON WOLF Schon Aristoteles sagt uns, ein emotional erregter Gesprächspartner kann sich nicht mehr so gut konzentrieren. Und das heißt, die emotionale Vorbereitung gehört immer auch zu Verhandlungs-Vorbereitung dazu. Damit geht typischerweise die Körpersprache Hand in Hand. Wenn ich emotional aufgeräumt und entspannt bin, dann kann ich meine Körpersprache auch besser einsetzen. Wenn ich sowieso schon auf 180 bin, dann machen die Mundwinkel und dann macht die Zornesfalte auf der Stirn, was sie will. Und dann wird ein Gesprächspartner ein viel leichteres Spiel haben, weil ich meine Körpersprache nicht so gut kontrolliere und dann meine Emotionalität ein Stück weit besser zu lesen und zu sehen ist. SPRECHERIN Die Emotionalität des anderen einfach auszunutzen, wenn sie sich denn zeigt, ist trotzdem keine gute Idee. Stichwort: Aufrichtigkeit, Vertrauen. Beides ist immens wichtig – gerade, wenn Verhandlungen Zeit brauchen oder gar kein Ende kennen. Die G7: tagen nicht bloß ein Mal. FDP und Grüne haben sich bei den Jamaika-Verhandlungen 2017 nicht zum letzten Mal an den Verhandlungstisch gesetzt. Und die Verhandlung zu Hause, um die gerechte Aufteilung der Care-Arbeit zum Beispiel, ist auch erst abgeschlossen, wenn das Kind das Haus verlassen hat. Kurzfristige Verhandlungserfolge, die auf Kosten des Vertrauens gehen, helfen da kaum weiter. Weder am Küchentisch und noch bei Klimaverhandlungen. Musik: Chemical transformation 0‘50 SPRECHERIN Und für letztere braucht es mehr als ein Bewusstsein, welches Mindset hilfreich ist. Roman Trötschel hat sich auf solche Verhandlungen spezialisiert. Transformationsverhandlungen nennt er sie. Im Grunde fallen darunter alle Verhandlungen, die einen gesellschaftlichen Wandel einleiten wollen und dabei nachhaltige Lösungen anstreben. Einfach ist das nie. Aus mehreren Gründen: Weil viele verschiedene Interessen aufeinanderstoßen. Weil der Verhandlungsgegenstand nie bloß die Gegenwart betrifft, sondern immer auch die Zukunft. Und weil jede Entscheidung Folgen für verschiedenste Bereiche hat: fürs Soziale, Wirtschaftliche, Ökologische. Die UN-Klimakonferenz in Paris ist ein gutes Beispiel dafür – gut nicht nur wegen der Vielzahl an Interessen, der Vielzahl an Fragen und Folgen, sondern vor allem, weil hier wirklich mal eine Verhandlung geglückt ist. SPRECHER Kleiner Sprung zurück, ins Jahr: 2015. Am 30. November beginnen die Klima-Verhandlungen in Paris, bis zum 11. Dezember sind sie angesetzt, aber spontan werden sie um einen Tag verlängert, es ist eben enorm kompliziert. Am Ende steht ein Klimaabkommen, völkerrechtlich bindend für alle Staaten der Welt, das bis heute Wirkung hat. Hier wird das Ziel gesteckt, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten, möglichst bei 1,5 °C. Und diese Zahl, 1,5 °C, ist bis heute Richtwert, wenn die Frage aufkommt: Tun wir genug, tun wir zu wenig in Sachen Klimawandel? 12 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Das war ein großer, großer Durchbruch, weil diese Verhandlung Orientierung gibt. Es wird ein Bezugspunkt festgelegt, dem viele Parteien und viele Nationen zugestimmt haben, dem sich viele Verhandlungsparteien verpflichtet haben und damit auch die entsprechenden Staaten. Diese Verhandlung ist insofern gelungen, als dass – im Gegensatz zu vorherigen Verhandlungen – nicht beispielsweise die ökonomische Ergebnisdimension die Bezugsgröße ist, sondern tatsächlich die ökologische Ergebnisdimension. Musik: Feeling good 0‘37 SPRECHERIN Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was ist da wirklich geglückt und warum? Die Verhandlung ist gelungen, das sagt Roman Trötschel, weil die ökologische und nicht die ökonomische Dimension die Bezugsgröße ist. Konkret heißt das doch: Diese Verhandlung hat einem ökologischen Ziel den Vorrang gegeben. Selbst wenn die wirtschaftlichen oder sozialen Konsequenzen dieser Vereinbarung problematisch sein sollten, das 1,5 Grad Ziel gilt – langfristig gesehen – als entscheidender. Die langfristige Perspektive hat damit Sorgen ums Hier und Jetzt geschlagen. Und das ist – aus psychologischer Sicht – alles andere als selbstverständlich. 13 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Beispielsweise gibt es so eine grundsätzliche Tendenz von Menschen, zukünftige Konsequenzen weniger stark zu gewichten als unmittelbare kurzfristige Konsequenzen. Auch haben Menschen Schwierigkeiten mit Belohnungsaufschub, dass sie erst in Zukunft für bestimmte Handlungen belohnt werden. Oder Menschen haben große Schwierigkeiten, mit Unsicherheit umzugehen, mit Risiko umzugehen. SPRECHERIN Hier ist er wieder, der ganze Mensch, der eine Verhandlung ausmacht. Musik: Simple but complex behaviour (c) 0‘25 Und der bringt noch ein Problem für solche komplexen politischen Verhandlungen mit, die über unsere Zukunft entscheiden: Es fällt ihm nicht leicht, die verschiedenen Dimensionen gegeneinander abzuwägen. Wenn man an das Abkommen von Paris denkt, spielen ja ganz verschiedene Aspekte mit rein: politische, soziale, wirtschaftliche, ökologische. Wie gewichtet man die? Eine einfache Rechnung lässt sich da kaum anstellen – was in der Praxis regelmäßig dazu führt, dass kurzfristige Ziele gewinnen oder ökonomische Überlegungen ökologische ausstechen: 14 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Aber es gibt auch Erkenntnisse dazu, wie man dem begegnen kann. Beispielsweise, dass man Repräsentanten an den Verhandlungstisch holt, die tatsächlich ausschließlich die Aufgabe haben, Aspekte wie zum Beispiel ökologische Auswirkungen mit auf den Verhandlungstisch zu bringen. Dass Modellierer mit einbezogen werden oder die Erkenntnisse von Modellierern, die zeigen, was es für Szenarien für die Zukunft gibt. SPRECHERIN Klingt kompliziert, aber ein Beispiel dafür haben wir alle miterlebt: die Corona-Krise. Musik: Political efforts red 0‘45 SPRECHER Plötzlich stehen sich etliche Bedürfnisse gegenüber. Da sind die Kinder, die nicht mehr auf Spielplätze dürfen. Isoliert, allein mit überforderten Eltern – von heute auf morgen. Da sind die Risikogruppen, die um ihre besondere Verletzlichkeit besorgt sind, die hoffen, bitten, dass Schulen, Kitas, Kindergärten geschlossen bleiben, damit sich das Virus dort nicht zu schnell verbreitet. Da ist die Industrie, die über die enormen wirtschaftlichen Schäden spricht, wenn man das Land stillstellt. Und die Ärztinnen und Pfleger, die Sorge haben, wie sich die Lage entwickelt, wenn man das Land nicht stillstellt. Und zwischen ihnen allen: die Politiker, die in Verhandlungen entscheiden sollen, welche Bedenken schwerer wiegen. SPRECHERIN Ein Drahtseilakt. Aber verhandelt wurde in der Corona-Krise, wie Roman Trötschel es vorgeschlagen hat: Die Stimmen, die keine Entscheidungsmacht hatten, hatten dennoch Gewicht. Die Politik hat sie mit an den Tisch geholt: die Forschung, die Wirtschaft, die Pädagogen. Sie waren nicht stimmberechtigt, die Entscheidungen trafen die Politiker, aber sie waren oft Teil der Verhandlungen, Stimmen, die dafür sorgen sollten, dass alle Dimensionen verstanden und mit einbezogen wurden. Wenngleich man ihnen nicht immer gefolgt ist. Musik: Undercover investigations red 0‘19 Denn: Wie eine Verhandlung ausgeht, liegt immer auch daran, wie dringlich die Situation erscheint: Dass etwas wichtig ist, sagt Roman Trötschel, reicht in Verhandlungen nicht aus. 15 – ZUSPIELUNG Roman Trötschel Es muss mit Bildern untermauerbar sein. Auch hier wieder das Beispiel mit der Corona-Pandemie – die Bilder aus Italien, die haben die Herausforderung, die Dringlichkeit greifbar gemacht. Dasselbe gilt für die Katastrophe im Ahrtal. Auch das hat die Dringlichkeit greifbar gemacht und Dringlichkeit wird auch dadurch unmittelbar erlebt, dass es näher an einen heranrückt. SPRECHERIN Damit könnte also die Vorbereitung jeder Verhandlung anfangen. Alle Augen auf die Gegenseite: Was würde sie überzeugen, dass das eigene Anliegen nicht bloß wichtig, sondern dringlich ist? Ist jetzt der richtige Moment, die Verhandlung zu beginnen? Oder warte ich auf den Augenblick, der die Dringlichkeit unmittelbar belegt? So also könnte die Verhandlungsvorbereitung beginnen – mit einem neugierigen Blick. Musik: Still waiting 0‘34 SPRECHER: Und dann treten sie alle auf, der Kreative, der Hartnäckige, der Sachliche, der Aufrichtige - alle flexibel einsetzbar, aber eben keine Schachfiguren, sondern Haltungen eines Menschen. Und sie treffen zusammen mit all den Haltungen der anderen Menschen, der Verhandlungspartner. Kein Wunder, dass sich der Ausgang einer Verhandlung nur selten voraussagen lässt.

  20. Dinge, die nicht wiedergutzumachen sind - Trauma Schuld

    17.06.2025 · 24 Min.

    36.000 Menschen werden jährlich im Verkehr verletzt und 2.800 Menschen getötet. Oft ist der Unfall auch für die Verursacher traumatisch. Sie verzweifeln, weil sie keinen Weg finden, mit der großen Schuld zu leben. Zwar gibt es keine Wiedergutmachung, doch es kann gelingen, weiterzuleben. Von Karin Lamsfuß (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Herbert Schäfer Technik: Andreas Lucke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Silke von Beesten, Notfallpsychologin, Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland; Verena König, Traumatherapeutin; Dr. Christoph Quarch, Philosoph und Theologe; Melanie Regus, Unfallverursacherin Conny Vogt, ihr Mann kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Linktipps: Beratung für Unfallverursacher und Unfallopfer HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Melanie Regus: Ich habe vor 20 Jahren einen Menschen überfahren. O-Ton 2 Melanie Regus: Es ist so, dass ich rechtlich gesehen eine Täterin bin und auch bleiben werde. Den Rest meines Lebens. O-Ton 3 Melanie Regus: Und man fragt sich dann manchmal auch so was wie: Was hab ich im Leben getan, dass ich das verdiene? Dass mir das geschieht? Hab ich etwas getan? O-Ton 4 Melanie Regus: Ich habe viele, viele Jahre keine Antwort darauf gehabt, weil faktisch ist es so, dass ich verantwortlich bin für den Tod dieses Menschen. Ich bin schuld daran, dass dieser Mensch nicht mehr in der Mitte seiner Lieben ist. Sprecherin: Es war einer der ersten schönen Frühlingstage. Melanie Regus war damals gerade 20. Sie fuhr mit ihrem Auto in vorgeschriebener Geschwindigkeit auf der Landstraße. O-Ton 5 Melanie Regus: Ich hatte das Fenster unten, ich kann mich sogar an den Wind in meinem Haar erinnern. Ich kann mich dann aber nur noch fragmentarisch an das erinnern, was passierte, dass ich nämlich in die Spurrinne gekommen bin neben der Fahrbahn, als Fahranfängerin gegengelenkt habe, auf die andere Fahrbahnseite geschleudert bin und auf der kam ein Radfahrer, den ich dann überfahren habe. MUSIK Source Code O-Ton 6 Melanie Regus: Und es kam ein Polizist und hat mir die schöne Nachricht überbracht: „Wir fliegen ihn jetzt gleich weg ins Klinikum, er wird’s schaffen!“ Und ich kann mich dran erinnern, wie eine tonnenschwere Last von mir abgefallen ist. Dann kam der Polizist einige Zeit später wieder und hat mir relativ trocken und knapp und kurz mitgeteilt, dass er es nicht geschafft hat. Sprecherin: Melanie Regus ist erst seit Kurzem in der Lage, offen über das zu sprechen, was ihr damals passiert ist: Sie hat einen Menschen getötet. Unbeabsichtigt. Sie war nicht betrunken, nicht zu schnell. Hat nicht am Handy gespielt. Es ist einfach passiert. So wie es jedem Menschen passieren könnte, der sich hinters Steuer setzt. MUSIK Broken dreamland Sprecher: Jeder Mensch kann sich jederzeit schuldig machen. Wir verletzen einander, körperlich sowie seelisch. Und wir können einander unbeabsichtigt schwer versehren oder sogar töten. Sprecherin: Und obwohl diese Wahrheit zum Menschsein dazugehört, ist sie in dem Moment, wo sie wahr wird, einfach nur ein Albtraum, so die Traumatherapeutin Verena König: O-Ton 7 Verena König: Ich glaube, verantwortlich zu sein für so einen großen Schaden, für so einen enormen Schmerz, ist etwas, was man zunächst einmal überhaupt nicht greifen kann und wo man wirklich Arbeit zu leisten hat, um das zu bewältigen. Und ich glaube auch, dass es viele Menschen gibt, die das nicht schaffen. Und die nicht darüber hinwegkommen und die ihr eigenes Lebensglück darüber verwirkt sehen und das so erleben. Sprecher: Rund 36.000 Menschen werden jährlich im Verkehr verletzt und 2.800 getötet. Hinzu kommen Unfälle in Job und Freizeit durch menschliches Verschulden. Alle Aufmerksamkeit, alles Mitgefühl gilt den Opfern. Zu Recht. MUSIK Wasteland Sprecher: Doch wer kümmert sich um die Täter? Also um die Menschen, in deren Leben auch nichts mehr ist wie zuvor? O-Ton 8 Silke von Beesten: Wir betrachten Unfallverursacher genauso als Unfallopfer, wie alle anderen Betroffenen auch. Auch dieser Mensch braucht Hilfe. Auch dieser Mensch braucht Unterstützung. Ein Verkehrsunfallverursacher hat diesen Verkehrsunfall auch nicht gewollt. Sprecherin: Silke von Beesten, Notfallpsychologin und Vorsitzende der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland. Der gemeinnützige Verein berät sowohl Unfallopfer, als auch Unfallverursacher. Nur von denen kamen gerade mal zwei in den ganzen letzten Jahren. Dabei, so sagt sie, sind die Gefühle, die solch ein Ereignis auslöst, so schwerwiegend, dass nur die wenigsten damit alleine klarkommen. MUSIK Wasteland O-Ton 9 Silke von Beesten: Auf psychischer Ebene erleben alle zunächst einmal eine schwere Belastung, die hochemotional wirkt und die zunächst einmal einhergehen kann mit überflutenden Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Und in der Folge sind dann die so genannten Risiko- und Schutzfaktoren maßgeblich dafür verantwortlich, ob eine Traumafolgestörung entsteht, und zwar sowohl bei Unfallverursacher als auch bei Unfallbetroffenen oder ob die Möglichkeit der Heilung entstehen kann. Sprecher: Trauma Schuld. Menschen, die für das Schicksal eines anderen verantwortlich sind, müssen mit dieser Bürde in der Regel ganz alleine weiterleben. Kaum jemand will etwas mit ihnen zu tun haben, Hilfsangebote gibt es so gut wie keine. Dabei haben auch sie eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern zu tragen. O-Ton 10 Verena König: Ja, also ich glaube, dass Schuldgefühle, um die es da ja auf einer ganz tiefen Ebene geht, tatsächlich die Kraft und die Macht haben können, uns die eigene Existenzberechtigung zu nehmen. Also das Gefühl von eigener Existenzberechtigung. Es gibt anscheinend in unserem tiefen sozialen Sein eine ganz intensive Verbindung zum Leben. Und wenn das Leben eines anderen Menschen endet, dann bedeutet das, dass das etwas mit unserer eigenen Existenz macht. Das ist nicht möglich, das von der eigenen Existenz zu trennen, wenn man eine Verantwortung oder Schuld trägt. MUSIK The start, the end and all the space between Sprecher: Wo jemand einem anderen Menschen das Leben nimmt oder ihn gesundheitlich nachhaltig schädigt, versagen alle Konzepte von Entschuldigen, Verzeihen, Versöhnen und Wiedergutmachen. Also die Konzepte, die bei kleineren Verletzungen funktionieren, so der Philosoph und Theologe Dr. Christoph Quarch: O-Ton 11 Christoph Quarch: Hier müssen wir tatsächlich mit der Situation klarkommen, dass es Dinge gibt, die schlicht und ergreifend unverzeihlich sind. Man kann Schuld auf sich laden, bei der wir nicht erwarten können oder auch erwarten dürfen, dass die Betroffenen uns dafür verzeihen. Sprecherin: Melanie Regus stand ganz alleine da mit ihren überflutenden Gefühlen. So recht wollte keiner ihre Geschichte hören. Um Abstand zu gewinnen, zog sie in eine größere Stadt, studierte Psychologie und Religionswissenschaften – auch, weil sie Antworten suchte auf ihre drängendsten Fragen: O-Ton 12 Melanie Regus: Ist Gott ein liebender Gott, wenn es einen Gott gibt? Und wenn es ihn gibt: Wieso muss ich diese Bürde tragen? Wieso hat er mir das aufgeladen? O-Ton 13 Verena König: Eine ganz typische Reaktion von Menschen, denen so etwas passiert, ist, das sich zermartern und zermürben. Was hätte ich anders machen müssen, damit das nicht passiert? Weil die Psyche irgendwie versucht, einen Grund dafür zu finden, dass das passiert ist, was passiert ist. O-Ton 14 Melanie Regus: Ich hab immer wieder Wellen gehabt mit intensiven Gefühlen, die mich übermannt haben, was als erstes kam, war tatsächlich Wut! Eine Art Wut auf das Leben, auf das Schicksal, vielleicht auch auf den Radfahrer, dass er zu dem Moment da war oder Wut auf mich selbst, dass ich dort gefahren bin! O-Ton 15 Silke von Beesten Schuld ist ein ganz massives, intensives Gefühl. Sprecherin: Notfallpsychologin Silke von Beesten: O-Ton 16 Silke von Beesten Schuld an etwas zu haben, ist ein Gefühl, das sehr tiefgreifend ist. Mit einem Schuldgefühl gehen sofort auch weitere Gefühle einher wie Überforderung, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Und diese Gefühlslage ist dazu geeignet, ein potenziell traumatisierendes Unfallerleben ja sofort noch mal zu verstärken und auch noch mal zu vertiefen. MUSIK Source Code Sprecher: Wie lebt man damit, ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben? Kann man das überhaupt seelisch überleben? Sprecherin: Die Jahre zogen dahin, und Melanie Regus wollte einfach nicht so recht ins Leben kommen. Sie zweifelte sogar daran, ob sie mit dieser schweren Schuld überhaupt weiterleben durfte. O-Ton 17 Melanie Regus: Darf ich überhaupt noch leben? Habe ich eine Berechtigung zu leben? Und wenn ich lebe, wie tief darf ich leben? Darf ich lieben? darf ich geliebt werden? Darf ich tanzen? Darf ich all das erfahren, was schön ist in diesem Leben? Oder habe ich die Berechtigung dazu einfach verloren? Sprecherin: Viele Jahre lang ging es ihr so schlecht, dass sie es nicht schaffte, nur einen winzigen Schritt auf die Familie des getöteten Radfahrers zuzumachen. Irgendwann kam der Strafprozess. „Vorbestraft wegen fahrlässiger Tötung“ lautete das Urteil. Dort hätte sie der Familie unter die Augen treten können. Doch ihr fehlte die Kraft. O-Ton 18 Melanie Regus: Ich glaube, ich hätte das einfach psychisch nicht ausgehalten. Ich hatte vorher eine lange Zeit, in der es mir nicht gut ging. In der ich gebeutelt war von Depressionen, und zwar schwersten Depressionen, wo ich überhaupt nicht in der Lage war, mein eigenes Leben aufrecht zu erhalten. Wie hätte ich da jemandem gegenübertreten können, wenn ich gar nicht in der Lage war, mich selbst überhaupt zu halten? Auszuhalten? Mein Leben zu stabilisieren? Sprecherin: So kam es zu keiner Begegnung zwischen der Unfallverursacherin und den trauernden Hinterbliebenen. Ob die Familie das erhofft, erwartet hatte? Ob sie offene Fragen gehabt hätte? Das weiß Melanie Regus nicht. MUSIK Like underwater Sprecherin: Conny Vogt steht auf der anderen Seite. Der Tag, der ihr Leben veränderte, ist schon viele Jahre her. Damals war sie 39 und Mutter von zwei kleinen Kindern. O-Ton 19 Conny Vogt: Ich mach die Tür auf, und der Polizist guckt mich an und sagt: „Können wir vielleicht erst mal reinkommen? Es tut mir leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Mann in einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist.“ O-Ton 20 Conny Vogt: Also es war ja wirklich so: In dem Moment, wo dieser Polizist sagte „Ihr Mann hatte einen tödlichen Verkehrsunfall“ hat mir einer das Herz rausgerissen. Sprecherin: Conny Vogts Mann saß auf dem Motorrad, als ein unaufmerksamer Autofahrer auf ihn auffuhr. Ungebremst. Der Unfallfahrer war einen Moment lang unaufmerksam, weil er an seinem CD-Laufwerk rumfummelte. Und nahm Conny Vogt das Liebste, was sie hatte - neben ihren zwei Kindern. O-Ton 21 Conny Vogt: Wir hatten 23 Jahre lang eine wundervolle Beziehung, wir waren einfach wie seelenverwandt. Also es hat einfach supertoll gepasst. Sprecherin: Der Notfallseelsorger, der den Polizisten begleitete, kümmerte sich um den schreienden Sohn. Conny Vogt war in einer Schockstarre, erinnert sich an das meiste nicht mehr. Nur daran, wie der Polizist ihr die Adresse des Unfallverursachers auf den Küchentisch legte. „Um alles Weitere zu regeln“, so seine Worte. O-Ton 22 Conny Vogt: Und dann entstand tatsächlich als ich alleine war, in meinem Kopf eine Fantasie: Ich nehme mir eine Waffe, ich nehme diesen Zettel, dann klingele ich an der Tür, er macht die Tür auf, und ich halte diese Waffe an seinen Kopf und drück ab. Sprecherin: „Ein Leben für ein Leben“ – diesen Gedanken hatte die Mutter von zwei kleinen Kindern in dem Moment. Der Unfallfahrer war ein Phantom. Ein „Mörder“. So nannte sie ihn in der ersten Zeit gedanklich. O-Ton 23 Conny Vogt: Ich wollte wissen: Wie sieht ein Mörder aus? Kann man das sehen? Kann man das in den Augen sehen? Ne spitze Nase? Sieht man ihm an, dass er ein Mörder ist? Was er faktisch nicht ist! Ich hab das später revidiert, dieses Urteil, aber zu dem Zeitpunkt war es für mich ein Mörder. MUSIK So much love Sprecherin: Zu einem Mord gehört Vorsatz, und der lag hier nicht vor. Es war einfach menschliches Versagen. Ein Unfall. Ein Unglück. Eins, so stellte sich später heraus, das auch den Unfallfahrer schwer belastete. Sprecher: Wenige Wochen später erhielt Conny Vogt über ihren Anwalt einen Brief des Unfallfahrers. Sein innigster Wunsch, so stand es geschrieben, sei es, sich bei ihr zu entschuldigen, wohl wissend, dass der Unfall unverzeihlich sei. Sprecherin: Ihre ersten Rachefantasien waren zu dem Zeitpunkt schon verflogen. Sie wollte sich selbst weder in den Knast bringen, noch ihre zwei Kinder im Stich lassen. Ganz langsam ließ sie erste Gedanken an den Unfallfahrer zu, den sie schon längst nicht mehr „Mörder“ nannte: O-Ton 24 Conny Vogt: Ich hab mir halt überlegt: Wenn mir das passieren würde, wie wäre es dir dann anschließend ergangen? Und ich hatte die Information, dass er nicht alleine in dem Auto saß, sondern er hatte seine Frau dabei, die beinah selbst aufgrund eines Herzanfalls in diesem Unfall ums Leben gekommen wäre. Wie würde es dir damit ergehen? Und ich muss ganz ehrlich sagen: Ich hätte mein ganzes Leben lang da ganz schwer mit zu kämpfen gehabt. Sprecher: Eine Sekunde der Ablenkung: Während der Fahrt das Radio aufdrehen, die Heizung hochstellen. All das hat fast jeder schon viele Male gemacht. Und immer ist es gut gegangen. Zum Glück. Doch wer kann sich davon freisprechen, durch eine Sekunde der Unachtsamkeit nicht selbst mal zum Täter, zur Täterin zu werden? Sprecherin: Im Alltag verdrängen die meisten diese Tatsache, so der Philosoph und Theologe Christoph Quarch: O-Ton 25 Christoph Quarch: Ich glaube ja, es ist sinnvoll. Ganz einfach deswegen, weil wir sonst eben ja im Prinzip gelähmt wären. Und wenn wir die ganze Geschichte zu Ende denken, möglicherweise gar keinen Schritt mehr vor die Haustür machen, weil immer irgendwie die Gefahr besteht, dass wir in dem, was wir tun, andere Menschen in irgendeiner Weise gewollt oder ungewollt damit schaden. Und da, finde ich, ist zum Beispiel eine alte Weisheit aus den indischen Veden sehr hilfreich, die sagt: In dem Augenblick, wo du geboren wirst, kommt die Ordnung des Kosmos durcheinander. Das heißt, der Grundgedanke ist: Egal was wir tun, irgendwie machen wir uns immer schuldig, weil eben das große Gleichgewicht allein durch unser Erscheinen in der Welt gestört wird. MUSIK Broken dreamland Sprecherin: Es kam zu dem Treffen zwischen der verwitweten Conny Vogt und dem Unfallfahrer. Als sie ihm im Lokal gegenübersaß, musste sie feststellen: Das ist kein Monster, kein Mörder. Sondern einfach nur ein Mensch. Ein ganz normaler Herr um die 60. Es hätte ihr Vater sein können. Oder ihr Onkel. O-Ton 26 Conny Vogt: Ich stand einem älteren Mann gegenüber, der auf mich auch sehr gebrochen wirkte, dem das unendlich leidtat, und er sagte: „Egal, welche Strafe da auf mich zukommt, ich werde dem nicht widersprechen.“ Ich fand aber gut, dass er sagte, er würde sich nicht wehren und er würde sich dem jetzt ergeben. Ich glaube, wenn er gesagt hätte „Ich bin ja gar nicht schuld!“ oder „Ihr Mann hätte ja auch zur Seite fahren können“, dann hätte ich, glaube ich, auch noch mal anders reagiert, dann wäre vielleicht in mir auch noch mal Rache hochgekommen. Sprecher: Trauma-Therapeutin Verena König sagt: Solch ein Zusammentreffen kann unter Umständen heilsam sein: O-Ton 27 Verena König: Diese Person ist eine zentrale Figur fortan in der Biographie dieser Menschen. Und wenn diese Person ein Fragezeichen bleibt, ein eine Silhouette, ein Phantom, dann ist das natürlich furchtbar schwer, damit umzugehen Und ich glaube, dieses Sichtbarwerden, dieses Sichzeigen, sich Stellen kann sehr viel Entlastung und vielleicht auch Heilung bringen, weil eben dieser große weiße Fleck auf der Landkarte endlich erkundet werden kann und sich ein Puzzleteil einfügt in ein Bild, das einfach unvollständig bleibt. Sprecher: Silke von Beesten, Vorsitzende der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland gibt zu bedenken: Solch ein Zusammentreffen macht nur dann Sinn, wenn der Verursacher die volle Verantwortung übernimmt: O-Ton 28 von Beesten Das ist für die Unfallbetroffenen ganz, ganz wichtig zu erfahren, dass der Unfallverursacher das nicht gewollt hat. Es muss natürlich authentisch klingen. Ein dahingerotztes „habe ich nicht gewollt!“ - das wäre nicht authentisch. Das würde nicht funktionieren. MUSIK So much love O-Ton 29 Conny Vogt: Ich hab gesagt: „Das ist in Ordnung, das ehrt Sie, aber das bringt meinen Mann nicht zurück. Egal, was du machst, was du nicht machst, es bringt ihn nicht zurück“ Und das Allergrausamste ist, dass am nächsten Morgen einfach so die Sonne wieder aufgegangen ist. Und das ist dann einfach der Moment, wo ich mich ergeben hab. Und gesagt hab: Es ist so! MUSIK House of glass Sprecherin: Melanie Regus, die mit 20 einen Menschen mit dem Auto tödlich verletzt hatte, lebte die Jahre nach dem Unfall voller Zweifel, voller Schuldgefühle. Sie kam nicht so recht ins Leben – so beschreibt sie ihren Zustand damals. Der Radfahrer, für dessen Tod sie verantwortlich war, spielte in ihren Gedanken immer eine ganz große Rolle. Sprecherin: Es kam der Tag, an dem Melanie Regus beschloss, Kontakt zur Familie des Verstorbenen aufzunehmen. 20 Jahre nach dem Unfall. O-Ton 31 Melanie Regus: Ich wollte nicht einfach anrufen und einen Menschen überfallen. Das schien mir absolut pietätlos und unangebracht, also habe ich mich entschieden zu schreiben. Ich hab erst eine Nachricht geschrieben, in der ich mich vorgestellt habe und angekündigt, dass ich einen Anhang sende, in dem ich einen Brief geschrieben habe, so dass die Person auch die Wahl hat, ob sie diesen lesen möchte oder nicht. Sprecherin: Die Antwort des Sohnes kam sofort. O-Ton 32 Melanie Regus: Und hab es gar nicht geschafft, sie ganz zu Ende zu lesen, da hab ich schon geweint. Ich hab mit allem gerechnet: dass wirklich noch mal Vorwürfe kommen, dass Wut kommt, dass totale Ablehnung kommt, aber was kam, war einfach Verständnis, Mitgefühl, Wohlwollen. Und das war so heilsam für mich. Sprecherin: Zu einem persönlichen Treffen kam es nie. Das Bedürfnis gab es seitens der Familie nicht. Es blieb beim Kontakt über E-Mail. Und trotzdem: Nicht verurteilt zu werden bedeutete ihr unendlich viel: O-Ton 33 Melanie Regus: Es ist was von mir abgefallen, was sehr, sehr alt ist, was ich so lange mit mir rumgetragen habe, von dem ich gar nicht mehr gewusst habe, wie schwer es ist zu tragen. Also, was mich total berührt hat, war, dass der Mensch geschrieben hat, dass er sich damals auch über mich Gedanken gemacht hat: Wie es ist für so eine junge Frau mit so einer Last jetzt leben zu müssen. Das hat mich total berührt. Sprecherin: Es brauchte viele Jahre und tiefe innere Prozesse, bis sie diesen entscheidenden Schritt gehen konnte. Der wichtigste: Von der passiven Haltung „Wieso ist mir das passiert?“ hin zu „Ja, ich bin verantwortlich für den Tod eines Menschen!“ O-Ton 34 Melanie Regus: Ich hab aufgehört die Sachen zu verdrängen, hab sie hergeholt und gesagt: Okay, ich halte diese Gefühle aus. Alle, die kommen wollen: Ich halte euch aus! Weil, ihr gehört zu mir! Ihr gehört zu dieser Erfahrung, die ich gemacht habe. Das Zweite ist: Ich beantworte meine Fragen. Ich weiß nicht, was Vergebung ist. Aber ich bin bereit mich auf den Weg zu machen. Das Dritte ist: aufzuräumen mit allen Sachen, die noch offen sind. D.h. der Kontakt mit der Person, für die ich verantwortlich bin, dass sie nicht mehr lebt und mit den lieben Menschen, denen ich diese Person weggenommen habe. Sprecher: Verantwortung übernehmen – das ist für Traumatherapeutin Verena König beim ‚Trauma Schuld‘ der entscheidende Schritt. O-Ton 35 Verena König: Das ist ein Sehnen, glaube ich, von Menschen, die Schuld fühlen, dass jemand anderes sie daraus befreit. Und in der Verantwortung ist es so, dass ich nicht mehr darauf angewiesen bin, dass jemand anderes es mir nimmt, sondern dass ich in der Lage bin, mich vor den anderen zu stellen und in einer Aufrichtigkeit und einer gewissen Wahrhaftigkeit sagen kann „Ich bin verantwortlich, ich stehe dir gegenüber und du darfst mich sehen in dieser Verantwortlichkeit.“ Sprecherin: Heute zeigt sich Melanie Regus öffentlich mit ihrer Geschichte. Und stellt sich als Gesprächspartnerin zur Verfügung für Menschen, denen Ähnliches passiert ist. MUSIK The start, the end and all the space between Sprecherin: Denn sie weiß, wie bitter es ist, wenn man wirklich niemanden hat, mit dem man reden kann. Sprecher: Vielleicht ist das eine Form der Wiedergutmachung: Dort, wo es nichts zu verzeihen und zu vergeben gibt, taucht vielleicht irgendwann mal die Frage nach dem Sinn auf. Und damit auch der Wunsch, aus dem Furchtbaren in irgendeiner Form etwas Gutes, für andere Dienliches, zu machen. Sprecherin: Darin sieht jedenfalls Philosoph und Theologe Christoph Quarch einen Weg, das Trauma Schuld ins Leben zu integrieren: O-Ton 36 Christoph Quarch Ich kann das zwar nicht wieder gut machen, aber ich kann mit dem Leben, das mir noch verbleibt, etwas dazu beitragen, dass vielleicht anderswo in der Welt Unrecht ausgeglichen wird (…) Mit dieser Schuld muss ich jetzt leben. Aber ich begreife das jetzt als Chance, als Möglichkeit, etwas Sinnstiftendes, Vernünftiges mit meinem Leben zu machen.