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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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  1. Hokusais große Welle: Wirbel um ein Bild vom Meer

    07.05.2025 · 23 Min.

    "Die große Welle vor Kanagawa" ist eines der bekanntesten Kunstwerke der Welt. Der Farbholzschnitt des Japaners Katsushika Hokusai inspirierte schon die Künstler der klassischen Moderne, heute findet man sie auf Tassen, T-Shirts und Tapeten. Aber was ist so Besonderes an einem Bild von einer Welle? Von Julie Metzdorf (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Christiane Klenz Es sprach: Xenia Tiling Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Karin Becker, Andrea Bräu Im Interview: Dr. Thomas Tabery, Leiter der Orient und Asienabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Farben Japans - Holzschnitte aus der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek Jahresausstellung 2025 vom 27. März bis 6. Juli 2025 in München HIER gehts zur Website Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Im Vordergrund: Eine riesige Welle. Vom linken Rand aus rollt sie in das Bild hinein, nimmt die gesamt linke Bildhälfte ein, oben reicht sie bis knapp unter den Rand des Bildes. Wir sehen genau den Moment, in dem die Welle zu brechen beginnt, am Wellenkamm hat sich weißer Schaum gebildet, Gischt spritzt und gleich wird dieser Wasserberg in sich zusammenstürzen: „Die große Welle vor Kanagawa“ ist ein Farbholzschnitt aus dem Jahr 1830, geschaffen vom japanischen Künstler Katsushika Hokusai. Thomas Tabery, Leiter der Orient und Asienabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek: 1 OT Welle Ob sie tatsächlich realistisch ist, das ist die Frage. Sie wurde immer wieder auch als ein Tsunami dann später interpretiert. Ich glaube nicht, dass es sich dabei um einen Tsunami handelt, ich glaube nicht, dass Hokusai das darstellen wollte. Durch verschiedene gegenläufige Wellenbewegungen in einem Meer können wohl in der Bucht von Tokio solche Wellen entstehen. MUSIK 2 ( Ryuichi Sakamoto: Rain (I Want A Divorce) 0‘34) ERZÄHLERIN Das tiefe Wellental gibt den Blick auf den Hintergrund frei. Dort erhebt sich, in aller Ruhe, ein schneebedeckter Berg. Die Ruhe, die er ausstrahlt, hat etwas mit seiner Form zu tun: die Hänge bilden ein gleichschenkliges, absolut symmetrisches Dreieck. Der Berg liegt in der rechten Bildhälfte, mit viel Himmel über sich, als große cremefarbene Fläche. Im Vergleich zur Welle ist er winzig klein, in Wahrheit handelt es sich um den höchsten Berg Japans: den Fuji. 2 OT Fuji Ein Vulkanberg, mit knapp 3800 Metern Höhe, und dieser Kontrast zwischen Vorder- und Hintergrund, zwischen diesem dramatischen Geschehen und diesem fern entrückten Heiligenberg im Hintergrund, gibt dem Bild eine gewisse Spannung. ERZÄHLERIN Im Rahmen der japanischen Shinto-Religion wird der Fuji als heiliger Berg verehrt, mehr als 1300 Schreine am Fuß und am Hang des Bergs sollen die in ihm wohnende Gottheit besänftigen. Auch im japanischen Buddhismus gilt eine Besteigung des Bergs als Ausdruck des Glaubens. Und selbst Nichtgläubige können dem Fuji einiges abgewinnen: wegen seiner symmetrischen Kegelform gilt er als schönster Berg der Welt. Erst bei genauerer Betrachtung von Hokusais Farbholzschnitt, entdeckt man die Boote im Wasser: 3 OT Boote Boote, die von Wind und Wellen hin und her geworfen, unter dieser Welle sich befinden. Der Wellenkamm scheint förmlich nach den Booten und den winzigen Menschen darin zu greifen. Bei den Booten handelt es sich übrigens wohl um Boote, die die Märkte in Edo, der Hauptstadt, mit Fischen und anderen Gütern versorgen. MUSIK 3 ( Damian Scholl: Japan 1‘05) ERZÄHLERIN Offiziell heißt das Kunstwerk übrigens nicht „Die große Welle“, sondern „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“. Die originale Bezeichnung lenkt den Blick stärker auf die Boote und die Situation der Menschen. Die große Welle ist direkt über ihnen. Trotzdem ist an Bord keine Panik zu spüren. Die Menschen sind nur schwer zu erkennen, in jedem Boot befinden sich vier, vielleicht auch acht Personen in einheitlich dunkelblauer Kleidung, sie liegen oder kauern dicht und wohlgeordnet nebeneinander jeweils am Ende des Boots, als wollten sie es stabilisieren. Vielleicht kennen sie solche großen Wellen schon. Das Rudern haben die Menschen an Bord längst aufgegeben, sie überlassen die Boote der Naturgewalt und schlingern damit wie Treibholz durch die Wellen. 4 OT keine Panik Also vielleicht ist die Situation nicht so dramatisch, wie sie sich für uns jetzt darstellt. Und vielleicht ist auch der Berg Fuji im Hintergrund ja das Element in diesem Bild, das Hoffnung gibt und sozusagen die Aussicht auf das Happy End bei dieser Geschichte oder bei dieser Unternehmung nahelegt. MUSIK 4 (SINE: Ocean Dreams 0‘34) ERZÄHLERIN Wellen, Berg, Boote: aus nur drei Elementen hat der Japaner Katsushika Hokusai eines der berühmtesten Kunstwerke der Welt geschaffen. Nachahmungen der Welle zieren nicht nur die üblichen Tassen und T-Shirts, sondern auch Turnschuhe, Golfbälle, Unterhosen und ganze Tapeten. Ja es gibt sogar ein Emoji, das eindeutig von Hokusais Welle inspiriert ist und das man am Smartphone in eine Textnachricht einfügen kann, wenn man irgendwas mit Wasser ausdrücken möchte. Aber Warum ist ausgerechnet dieses Bild so berühmt geworden? Was fasziniert die Menschen verschiedener Epochen und Kulturkreise so sehr an der Darstellung einer Welle? Laut Thomas Tabery liegt das unter anderem an der Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten: 5 OT mehrere Deutungen (zusammenschneiden) Also wir sehen zum einen die Natur in ihrer Schönheit, zum anderen aber auch in ihrer Zerstörungskraft. Und das gilt nicht nur für die Welle, sondern natürlich auch für den Fuji als Vulkanberg. Zum anderen ist hier auch der Gegensatz zwischen Flüchtigkeit, Vergänglichkeit einerseits und Ewigkeit andererseits sichtbar, das bedrohte menschliche Leben im Vordergrund, der als heilig verehrte Berg Fuji im Hintergrund. MUSIK 5 ( Kevin Shields: Goodbye 1‘07) ERZÄHLERIN „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“ ist ein Bild voller Kontraste: Mensch und Natur, nah und fern, flüssig und fest, bewegt und statisch. Zugleich ist alles miteinander verwoben und verzahnt. Die Boote zum Beispiel schmiegen sich in ihrer Sichelform perfekt ins Wellental. Eine kleinere Welle ganz vorn im Bild entspricht mit ihrer Dreiecksform fast eins zu eins dem Berg Fuji. Der Schnee auf seiner Kuppe sieht genauso aus wie die weißen Schaumkronen der Wellen. Und die sprühende Gischt gleicht Schneeflocken, ja es sieht aus, als würde es am Gipfel des Fuji gerade schneien. Alles ist miteinander verbunden. Auch der vermeintlich so ruhige Fuji ist immer noch ein Vulkan: Im Zentrum der Ruhe ballt sich das Magma. Katsushika Hokusai ist der berühmteste Künstler Japans. Geboren wurde er 1760 in der Hauptstadt Edo, dem heutigen Tokio. In seinem langen Leben – Hokusai wurde 90 Jahre alt – soll er an die 5.000 Werke geschaffen haben, darunter Gemälde, Zeichnungen, Buchillustrationen und unzählige Vorlagen für Farbholzdrucke. 6 OT Charakter Hokusai war einfach ein herausragender Künstler, war zu Lebzeiten schon bekannt. Er war ungeheuer produktiv und hat ein unstetes Leben geführt, unzählige Male den Wohnsitz gewechselt, verschiedene Künstlernamen angenommen … er muss auch eine exzentrische Seite besessen haben. ERZÄHLERIN Diese exzentrische Seite zeigt sich etwa in einer Anekdote über einen Malwettbewerb am Hof des Shoguns, des Herrschers im vormodernen Japan: 7 OT Malwettbewerb Der Kontrahent von Hokusai bei diesem Wettbewerb, … hat also lange an seinem Werk vor sich hingemalt, wohingegen Hokusai einfach eine Papierrolle Blau gefärbt hat, Blau angemalt hat, dann ein Huhn, ein lebendes Huhn aus einem Korb genommen hat, die Füße des Huhns in rote Farbe getaucht hat und das Huhn dann über diese blaue Rolle hat laufen lassen. Genannt hat er das Ganze „Ahornblätter treiben auf dem Fluss“. Vom Genie des Malers, des Künstlers Hokusai beeindruckt, hat der Shogun ihm dann den Preis zugesprochen. MUSIK 6 ( Ryuichi Sakamoto: Picking Up Brides 0‘45) ERZÄHLERIN Die große Welle schuf Hokusai als erfahrener Künstler von 70 Jahren. Das Blatt ist 25 x 37 cm groß, also genau zwischen einem DIN A4 und einem DIN A3-Blatt. Es ist Teil einer ganzen Serie von Holzschnitten mit dem Titel „36 Ansichten des Bergs Fuji“. Solche Serien von Holzschnitten waren in Japan seit Mitte des 18. Jahrhunderts sehr populär. „Die 36 Ansichten des Berges Fuji“ hatten solchen Erfolg, dass Hokusai weitere Blätter hinzufügte, am Ende waren es 46 Ansichten des Fuji, am Titel der Serie änderte sich aber nichts. Jedes Blatt zeigt den Vulkan aus einer anderen Perspektive und zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten: Mal im Nebel, mal in der Abendsonne. Mal in leuchtendes Rot getaucht, mit weißen Linien, die wie Lavastreifen vom Krater aus herunterlaufen. Mal mit Handwerkern im Vordergrund, die ein Haus bauen, oder Reisenden, die sich auf den Schultern kräftiger Männer durch einen Fluss tragen lassen. „Die große Welle vor Kanagawa“ war bereits zur Entstehungszeit besonders beliebt. In mancherlei Hinsicht sticht diese Darstellung des Fuji unter den anderen Blättern der Serie heraus: 9 OT Serie Eine Besonderheit dieses Blattes ist, dass er halt so klein im Hintergrund ist und trotzdem natürlich sich auch einfügt harmonisch, durch die Farben, durch die Formen, die man sonst auf diesem Blatt sieht. ERZÄHLERIN Die Drucke wurden einzeln als Souvenir für Reisende verkauft, aber auch an die lokale Bevölkerung. Sie galten als Gebrauchskunst und waren nicht besonders teuer. Es waren ja keine Unikate. Üblicherweise gab es mehrere hundert Abzüge, von der beliebten großen Welle vielleicht sogar mehrere Tausend. Doch Gebrauchskunst hin oder her: Die Qualität der Drucke war herausragend. Die Herstellung eines Mehrfarbendrucks ist eine komplexe Angelegenheit und gelangte in Japan zu höchster Blüte. 10 OT Druckvorgang Die Herstellung eines Farbholzschnitts war ein arbeitsteiliger Prozess. Ein Verleger finanzierte das ganze Vorhaben. Ein Künstler entwarf eine Vorzeichnung, eine genaue Vorlage, die dann an die Holzschneider übergeben wurde. Die haben dann in eine Holzplatte diese Vorlage geschnitten und somit einen Druckstock hergestellt. ERZÄHLERIN Hokusai hatte selbst ursprünglich eine Lehre als Holzschneider gemacht. Später arbeitete er in der Werkstatt eines Malers und Zeichners von Farbholzschnitten, bis er sich schließlich als Künstler selbständig machte. Idee und Komposition der Großen Welle stammen also von ihm, den Druckstock schnitten andere. Durch seine Ausbildung aber kannte Hokusai die Tücken und Möglichkeiten des Holzschnitts sehr gut, er wusste, welche Effekte möglich waren und konnte dieses Wissen in seine Vorlage einfließen lassen. Die Schaumkronen der Wellen zum Beispiel sehen aus wie Adlerklauen, die nach den Booten greifen. Die Schnitzer mussten dazu Hunderte sichelförmig geschwungenen Stege aus dem Druckstock herausarbeiten. 11 OT Und schließlich kamen die Drucker ins Spiel, die dann mit Pinseln die Farben auf den Druckstock aufgetragen haben. Dann wurden die Papierbögen auf diesen Druckstock aufgelegt und angedrückt. Das heißt, in Japan wurde von Hand gedruckt, Druckerpressen kannte man nicht, und dieser Vorgang wurde jetzt für jede Farbe, für jeden Druckstock wiederholt, bis schließlich dann ein fertiger Mehrfarbendruck entstanden war. ERZÄHLERIN Bis zu 15 verschiedene Farben pro Farbholzschnitt wurden auf diese Weise gedruckt. Die Farben der großen Welle sind besonders bemerkenswert. Hokusai verwendet hier ausgiebig sogenanntes Preußischblau, in Japan auch als Berliner Blau bekannt. 12 OT Preußischblau Preußischblau wurde Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in einem Berliner Labor entdeckt Und Hokusai verwendet diesen Farbstoff in dieser Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ wirklich, ja, exzessiv kann man sagen und ganz bewusst. Denn dieser Farbstoff hat es ihm ermöglicht, ein unglaublich kräftiges Kolorit zu erzielen mit Blautönen, die mit anderen blauen Farben wie zum Beispiel Indigo so nicht zu erzielen waren. Und auch die Kombination zwischen den verschiedenen Blautönen hat einfach bei der großen Welle hier diesen fast dreidimensionalen, ja plastischen Effekt erzielt. Denn wenn man sich das jetzt anschaut, sieht man, dass zunächst mit Preußischblau die hellen Passagen der Wellen gedruckt wurden, dann wurde ein dunkleres Preußischblau drüber gedruckt, und darüber wurde als dritte blaue Farbschicht noch einmal Indigo gedruckt. MUSIK 7 ( SINE: Full Moon 0’55) ERZÄHLERIN Durch die Farbabstufungen gelingt es Hokusai, dem Blatt mehr Tiefe zu verleihen: die Wölbungen der Wellen werden stärker spürbar, die Welle wirkt dynamischer und kraftvoller. Überhaupt hat das Blatt eine große Raumtiefe: die große Welle im Vordergrund, der weit entfernte Fuji ganz klein im Hintergrund – das ist die Logik der europäischen Zentralperspektive. Japanische Holzschnitte sind eigentlich für ihre Flächigkeit bekannt. Hokusai aber hatte sich intensiv mit westlicher Malerei auseinandergesetzt. Er verwendet hier also nicht nur eine europäische Farbe, sondern auch die Konstruktion des Bildraums trägt europäische Züge. Typisch japanisch hingegen ist das Motiv – der Fuji – und die Technik des Farbholzdrucks mit seinen Konturlinien. 13 OT Umrisslinien Also eine Besonderheit das Farbholzschnitts ist es ja, dass wir überall Umrisslinien haben, was sich ja vom europäischen Holzschnitt, auch vom chinesischen, unterscheidet, wo das eigentlich so aquarellartig, dann so ein bisschen ausläuft. Wir haben hier immer Umrisslinien, und das ist natürlich auch ein Merkmal des Comics, dass es diese Umrisslinien gibt, deswegen vielleicht diese Assoziation. ERZÄHLERIN Auch klassische Comics haben Konturlinien und sind meist mit wenigen gleichmäßigen Farbflächen gedruckt. Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass auch junge Menschen Die große Welle schätzen: Die Ästhetik ist ihnen von Comics vertraut. Dank der Umrisslinien und der reduzierten Farben lässt sich die Große Welle übrigens auch sehr gut reproduzieren. Auch das hat sicher zur Verbreitung beigetragen. MUSIK 8( Kevin Shields: Ikebana 1‘04) In Japan war Hokusai bereits zu Lebzeiten hochverehrt und sehr populär. Viele seiner Werke könnte man als Volkskunst bezeichnen, er zeigte, was das Publikum liebte: berühmte Schauspieler zum Beispiel oder Szenen aus den Vergnügungsvierteln Tokios. „Bilder der fließenden Welt“ nannte man dieses Genre: 14 OT Bilder der fließenden Welt Eigentlich ursprünglich ein Begriff aus dem Buddhismus, ukiyo, das Vergängliche, das mit Sinn gefüllt werden muss, hat sich der Begriff gewandelt, hin zu der Bedeutung, ja, die Freuden der vergänglichen, der fließenden Welt, die genossen werden wollen und die dann auf diesen Holzschnitten dargestellt worden sind. Also Szenen aus dem Theater, Kurtisanen, Darstellungen von Sumo-Wettkämpfen und so weiter und so fort. ERZÄHLERIN Die „36 Ansichten des Fuji“ schlagen da vollkommen aus der Reihe. Trotzdem war die Serie extrem beliebt: 15 OT Genre Landschaft Das Besondere ist, dass diese Serie tatsächlich Landschaftsdarstellung in den Mittelpunkt stellt, das gab es vorher so noch nicht. Landschaft wurde natürlich in der Malerei im Holzschnitt auch immer dargestellt, aber gerade im Holzschnitt in Japan war Landschaft vor allem ein dekoratives Element im Hintergrund bei der Darstellung von Personen. Jetzt in den 1830ern, durch Künstler wie Hokusai, wird Landschaft zu einem eigenen Genre. MUSIK 9 ( KENGYO: Natsu no kyoku 0‘43) ERZÄHLERIN Die Entwicklung dieses Genres hing eng mit der Zensur zusammen: Ab dem späten 18. Jahrhundert mussten in Japan alle Drucke der staatlichen Zensurbehörde zur Prüfung vorgelegt werden. Politische Anspielungen waren untersagt, auch historische Ereignisse wurden oft zensiert, außerdem durften die Darstellungen nicht zu viel Luxus zeigen. Landschaften waren da per se unverdächtig. Zudem interessierte sich Hokusai wirklich für die Natur. Dem Vorwort zu einem seiner Bücher ist zu entnehmen, wie sehr ihm die möglichst lebendige Nachahmung von Vögeln, Fischen und Pflanzen am Herzen lag. Die große Welle sorgte in Europa schon früh für Wirbel. Und das, obwohl sich Japan zu Hokusais Lebzeiten in einem Zustand der Abschottung gegenüber dem Rest der Welt befand: Als Reaktion auf das aggressive Eindringen portugiesischer Händler und christlicher Missionare hielt Japan seine Grenzen von 1640 bis in die 1850er Jahre geschlossen. Es war kaum möglich, das Land zu verlassen oder zu besuchen, internationaler Handel war ausschließlich mit China und den Niederlanden erlaubt. Über diesen Weg kam Hokusai an sein Preußischblau, und so kamen auch die Drucke von Hokusai nach Europa. Mit der Öffnung des Landes ab den 1850er Jahren brach in Europa dann ein regelrechtes Japan-Fieber aus, der „Japonismus“. 16 OT Öffnung Es ist relativ schnell zu einem engen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch gekommen. Auch im Zuge der Weltausstellungen in Paris von 1867 zum Beispiel ist Japan plötzlich ganz anders in den Fokus gekommen. Und die Kunstgegenstände, die jetzt aus Japan nach Europa gekommen sind, haben in Künstlerkreisen regelrechte Begeisterung ausgelöst und auch als Inspirationsquelle gedient. Die Maler haben sich inspirieren lassen von der Farbigkeit, von den ungewöhnlichen Blickwinkeln oder Bildausschnitten. MUSIK 10 (SC018010W04 Claude Debussy: La Mer 0‘55) ERZÄHLERIN Claude Monet etwa erwarb 250 japanische Drucke, darunter auch ein Exemplar der großen Welle von Hokusai. Der Maler Edgar Degas nutzte die Bilder ebenfalls als Quelle der Inspiration und Henri Rivière huldigte der Welle mit „36 Ansichten des Eiffelturms“. Aber nicht nur bildende Künstler inspirierte die Darstellung: Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Berg“ bezieht sich direkt auf den Fuji, den Komponisten Claude Debussy regte die Welle zu seiner berühmten Komposition „La Mer“ an – auf die Partitur ließ er einen Ausschnitt der Welle drucken – den Fuji und die Boote ließ er dabei einfach weg. MUSIKENDE La Mer ERZÄHLERIN Abzüge der „Großen Welle“ gibt es heute auf der ganzen Welt, zum Beispiel im Metropolitan Museum of Art in New York oder im British Museum in London – und auch in der Bayerischen Staatsbibliothek in München: Im Sommer 2023 kaufte das Haus einen sehr frühen und besonders gut erhaltenen Abzug aus einer Privatsammlung für eine Summe im unteren siebenstelligen Bereich. 17 OT Universalbibliothek Die Bayerische Staatsbibliothek ist … eine große wissenschaftliche Universalbibliothek mit einem sehr breiten Sammlungsspektrum und so gibt es bei uns im Haus eben auch eine große Ostasiatische Sammlung… ERZÄHLERIN Es gibt viele Gründe, Hokusais Welle zu lieben: Die ewig gültigen und für jedermann nachvollziehbaren inhaltlichen Aussagen etwa, dass die Natur schön und gefährlich zugleich sei, oder das menschliche Leben angesichts der Ewigkeit der Natur nur ein Wimpernschlag. Viele Menschen sind von der Welle auch einfach spontan und emotional berührt. Die Darstellung spricht sie ästhetisch an. Auch dafür gibt es eine Erklärung. Die große Welle bietet genau das richtige Verhältnis zwischen Fremdem und Vertrautem, sagt Thomas Tabery: 18 OT Konklusion Sie ist fremdartig genug, um spannend und inspirierend zu wirken, aber auch nicht zu fremdartig. Vertraut für das westliche Auge war zum Beispiel die perspektivische Darstellung, die Hokusai von Darstellungen aus Europa übernommen hat, die in Japan spätestens ab dem achtzehnten Jahrhundert auch bekannt waren, also Darstellungen in europäischer Zentralperspektive. MUSIK 11 (CD 523110006 Ryuichi Sakamoto: Rain (I Want A Divorce) 0‘54) ERZÄHLERIN In der „Großen Welle vor Kanagawa“ treffen westliche und östliche Themen und Ästhetiken aufeinander. Kunstwerke an denen wir uns nicht sattsehen können, haben oft etwas Rätselhaftes und ein bisschen Fremdes an sich. Im Fall der Welle sind das jeweils die Elemente der fremden Kultur. Der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor hat es einmal auf den Punkt gebracht: Die große Welle ist nichts ganz und gar Fremdes. Sie ist ein exotischer Verwandter.

  2. Crossdressing - Psychologie des Rollentauschs

    07.05.2025 · 23 Min.

    Es gibt viele Begriffe für dieses Phänomen: "Autogynophilie", "Paraphilie" ... aber es geht auch etwas einfacher: "Transvestismus". Also: Mann oder Frau trägt die Kleidung des anderen Geschlechts. Pervers? Ein deutscher Arzt Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte: da steckt mehr dahinter... Von Martin Trauner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Ditte Ferrigan, Christian Schuler Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Rainer Herrn – Medizinhistoriker und Magnus Hirschfeld Gesellschaft Kolja Nolte, alias „der Dominus“ – Berufsverband der Sexarbeiter Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Kamasutra - Leitfaden für Liebe, Erotik und Lebensweise Scham - Ein sozialer Basisaffekt Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Na, die Musik kennt man doch und die Szene kennt man vielleicht auch irgendwie. Die stammt aus dem Kultfilmmusical „Rocky Horror Picture Show“. - Da steht also Dr. Frank N. Furter vor dem etwas naiven Brautpaar Janet und Brad …. und Dr. Frank N. Furter lüftet sein Geheimnis. MUSIK hoch Don't get strung out by the way that I look Don't judge a book by its cover ERZÄHLERIN „Lasst Euch von meinem Aussehen nicht verunsichern … - Beurteilt ein Buch nicht nach seinem Einband“, singt „Er“ oder „Sie“ und dann: reißt sich Dr. Frank N. Furter seinen Satin-Bademantel vom Leib … MUSIK hoch I'm just a sweet transvestite From Transexual, Transylvania, ha ha MUSIK ERZÄHLERIN „Er“ oder „Sie“ hat Korsett und Strapse an, „Er“ oder „Sie“ ist wild geschminkt. „Ich bin einfach nur ein süßer Transvestit, aus Transsexual, aus Transsilvanien…“ - Dr. Frank N. Furter bemüht den Begriff „Trans“ wirklich oft - sagt oder besser: singt davon. Offensichtlich ist er ein Mann in erotischer Frauenkleidung und in Stöckelschuhen. MUSIK hoch und aus ERZÄHLERIN Bei Dr. Frank N. Furter weiß man wirklich nicht, was oder wer er ist. Gut: Er ist offensichtlich ein Mann, der sich weiblich gibt. Also ein „Transvestit“ Er ist ein Hedonist. Aber ist er schwul? Ist er hetero? Oder ist er irgendwas dazwischen? Ist er, wie man heute sagt: „Trans“? - Die Rocky Horror Picture Show brachte jedenfalls Mitte der 1970er Jahre ein Phänomen in die Kinos und damit in die Populärkultur, das man zwar irgendwie kannte, aber wo man nicht so genau wusste, was es damit auf sich hat und was man damit anfangen sollte: Damals nannte man das Phänomen noch „Transvestismus.“ - MUSIKAKZENT ZITATOR (Dr. Wegner) Wo kommt das Wort Transvestit her und was bedeutet es? ERZÄHLERIN Fragt bereits in den 1930er Jahren ein Autor namens Dr. Wegner in einer Zeitschrift Namens „Das dritte Geschlecht“. Und er beantwortet seine Frage gleich selbst: ZITATOR (Dr. Wegner) Das Wort „Transvestit“ ist aus den lateinischen Worten „trans = entgegengesetzt und vestitus = gekleidet“ gebildet … ERZÄHLERIN Aber mal kurz nachgefragt, was hat es mit der Zeitung „Das dritte Geschlecht“ auf sich? 01 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Das ist überhaupt die allererste Transvestitenzeitschrift, die es je gegeben hat … ERZÄHLERIN Sagt Rainer Herrn. Medizinhistoriker. Er hat diese Zeitschrift im Reprint neu veröffentlicht …. 02 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Die große Überraschung: Die erste Auflage war in Windeseile vergriffen und wir haben jetzt gerade die zweite Auflage dieser Zeitschrift, weil: das Transthema heute ein sowohl politisches, als auch, bei der Transcomunity selbst eine solche Konjunktur und eine solche Politisierung erfahren hat, dass es ein großes Interesse an der Geschichte von „Trans“ gibt. Also von Transpersonen ... MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Aber nochmals zurück zum Begriff der „Transvestiten“ in den 1930er Jahren. - Der Volksmund, so fährt Dr. Wenger in seinem Artikel in der Zeitung „Das dritte Geschlecht“ fort, bezeichnet solche Menschen in seiner Zeit, also in den 1930er Jahren, als „pervers“ Aber, so vermutet er, nur mangels besseren Wissens … ZITATOR (Dr. Wenger) Unter Transvestiten versteht man nun solche Personen, die den inneren Drang in sich fühlen, die Kleidung des anderen Geschlechts anzulegen, also Männer, die gerne Frauenkleider tragen und Frauen, die am liebsten Männerkleidung tragen … MUSIKAKZENT 03 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Also wir haben eine große Vielfalt heute von „Sexuell diversity“, die mit diesen alten Begriffen eigentlich gar nicht mehr zu fassen sind. (…) ERZÄHLERIN Heutzutage sei „Transvestismus“ wohl kein passender Begriff mehr, meint der Medizinhistoriker Rainer Herrn … 04 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Diese ganzen Begriffsentwicklungen kommen eigentlich um 1910 … ERZÄHLERIN Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert sich, wie soll es auch anders gewesen sein, in Berlin, die Sexualwissenschaft. Und die junge Sexualwissenschaft findet Begriffe für die ihrer Zeit als „abnormales Verhalten“ geltende sexuelle Praktiken, Begriffe wie etwa „Sadismus“, „Fetischismus“, „Homosexualität“, „Bisexualität“ oder eben auch die Bezeichnung „Transvestismus“ 05 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Ja, das ist eigentlich ein Wortungetüm und ein Wort, das in die Welt gesetzt wurde und zugleich ganz harsche Kritik erfahren hat, nämlich von der Community, die es betroffen hat, nämlich von den Transpersonen, die gesagt haben: „Wir sind keine Transvestiten. Also sagen, es geht nicht um „Trans“, sondern es geht im Sinne von dem Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts, also nicht zum Verkleiden, sondern dass sie die Personen, die Kleidung, die ihrer Psyche entspricht, anziehen möchten. Also es ist kein Transvestismus und es gibt eine ganze Reihe dann von neuen Begriffsschöpfungen, die dafür gebraucht wurden. Traditionell wird in der englischsprachigen Literatur „Crossdressing“ verwendet. ERZÄHLERIN Was der Begriff „Transvestismus“ also nicht unterschieden hat, ob es da um heterosexuelle oder homosexuelle Personen geht, meist Männer. Oder geht es gar um jemanden, der seine Geschlechtsidentität anders fühlt oder gar nicht binär sieht … Seiner Zeit, so Rainer Herrn, galten alle Männer, die Frauenkleidung trugen, als Homosexuelle. 06 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Traditionell wurden Transpersonen eigentlich zu den Homosexuellen gezählt. Also es wurde im Grunde nicht unterschieden zwischen Homo und Trans … MUSIKAKZENT (evtl. Mundell Lowe) ZITATOR (Woody Allen) Are transvestites homosexuals? – ERZÄHLERIN Fragt Woody Allen in einer Episode seines Films „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“. Wieder ein Film aus den 1970er Jahren. In sieben Episoden parodiert Woody Allen die Aufklärungswelle der 1960er Jahre. Und Woody Allen stellt Fragen. Etwa: Was passiert bei der Ejakulation? Was ist ein Perverser? Was ist Sodomie? Aber er fragt auch: ZITATOR (Woody Allen) Sind Transvestiten Homosexuelle? ERZÄHLERIN Die Geschichte dieser Episode ist schnell erzählt. Das ältere Ehepaar Sam und Tess sind bei Bekannten eingeladen. Sam schleicht sich heimlich in das Schlafzimmer der Gastgeberin und zieht ihre Kleider an. Als er in seinem roten Rock, seiner weißen Bluse und dem roten Hut droht, entdeckt zu werden, türmt er aus dem Fenster auf die Straße. Und mischt sich unter die Leute draußen, die ihn als „Lady“, als „Dame“ ansprechen. – Obwohl er einen Schnurrbart hat. Den verdeckt er geschickt mit einem Finger und behauptet, eine Verletzung an der Oberlippe zu haben … . MUSIK aus 07 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Nun liefen also Frauen in Männerkleidung, Männer in Frauenkleidung immer Gefahr, durch das Auge der Öffentlichkeit, also des kleinen Mannes oder kleinen Frau, entdeckt zu werden, in der Öffentlichkeit, hopps genommen zu werden, angeklagt zu werden, zu Wiederholungstätern zu werden … ERZÄHLERIN Sagt Rainer Herrn. – Doch Woody Allens Film spielt ja in den 1970er Jahren, in den Vereinigten Staaten, und da war man schon irgendwie aufgeschlossener als im Deutschland des Kaiserreichs. – MUSIK ERZÄHLERIN Also: Tess, die Ehefrau, sie sieht ihren Mann, mit dem roten Hut, der Bluse und dem Röckchen auf der Straße und ist irritiert: „Mein Gott! Sie ist mein Mann!“ MUSIK ERZÄHLERIN Doch die Ehefrau zeigt Verständnis. „Du hättest es mir sagen sollen. Ich hätte es verstanden“ – Und sie schmunzelt: … „Du hättest ihre Gesichter sehen sollen“. – MUSIK aus ERZÄHLERIN Was man nicht unterschätzen sollte, sei es die „Rocky Horror Picture Show“ oder Woody Allens „Was sie über Sex wissen wollten“, jeder dieser Filme hat auf seine Art und Weise halt um Verständnis geworben für das „Crossdressing“. Oder wie man eben früher sagte: für den „Transvestismus“… 08 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Was man auch vergisst in der Geschichte … die Hauptfraktion der frühen Transvestiten sind heterosexuelle Männer gewesen … ERZÄHLERIN Sagt Rainer Herrn. – Sogenannte ‚Transvestiten‘ waren also heterosexuelle Männer, oft verheiratet, meist Kinder, bürgerliches Leben. Sie trugen gerne Frauenkleider. Das meist heimlich. - Doch zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die Situation für Transvestiten nicht so amüsant wie bei Woody Allen in den 1970er Jahren. Crossdresser galten – wie gesagt - als Homosexuelle … 09 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Sie müssen wissen, Homosexualität ist ein Stigma gewesen, wenn das ruchbar geworden ist, war das der soziale Tod. Erpressung war an der Tagesordnung und Suizide waren keine Seltenheit. Und deshalb die starke Abwehrbewegung von Crossdressern, um nicht als homosexuell zu gelten … ERZÄHLERIN Alle von der Norm der gesellschaftlichen Konventionen abweichenden Personen wurden von Seiten des Staates kriminalisiert … 10 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Und nun waren die Homo- und Transpersonen irgendwie aneinander gekettet. Aber Transpersonen fühlten sich missverstanden, dass ihnen ein homosexuelles oder homoerotisches Begehren zugeschrieben wurde. Und die wendeten sich an die junge Sexualwissenschaft, unter anderem an Magnus Hirschfeld und sagten unter anderem, wir sind aber gar nicht homosexuell … ERZÄHLERIN Magnus Hirschfeld, von ihm wird gleich noch die Rede sein, gründet 1919 in Berlin das erste Institut für Sexualwissenschaft. 11 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Aber auch in der homosexuellen Bewegung gab es sehr viele, die sich als echte Männer begriffen haben, als Supermänner, als hyperviril, als so genannte Maskulinisten. Und die haben gesagt, wir haben gar nichts am Hut mit diesen Crossdressern, die Frauenkleider tragen, das ist für uns etwas ganz Abscheuliches. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Der Mediziner Magnus Hirschfeld schreibt 1910 eine wissenschaftliche Arbeit. Titel: „Die Transvestiten. - Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb.“ Eine Monografie … 12 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) … mit 17 Fallbeschreibungen, wie es damals hieß. 16 Männer und eine Frau. Das sind sozusagen kleine autobiografische Vignetten, die quasi exemplarisch zeigen, wie das Leben von Transpersonen verläuft – mit der typischen Kindheit, wo der Wusch nach dem Tragen der Kleidung des – Gänsefüsschen – anderen Geschlechts aufkam (…) ERZÄHLERIN Hirschfelds Buch ist komplex. Ganz im Sinne der Zeit versucht er auf fast 600 Seiten, den „Transvestismus“ zu katalogisieren, zu systematisieren aber auch zu psychologisieren … Also unterscheidet er etwa: ZITATOR (Magnus Hirschfeld) - Zeitpunkt des ersten Auftretens der Verkleidung - die sonstigen Lebensgewohnheiten der Transvestiten - die Ehefrauen der Transvestiten - die Kleidung als Ausdrucksform seelischer Zustände ERZÄHLERIN Und Magnus Hirschfeld begibt sich auch in die Geschichte. Er untersucht den Transvestismus von der … ZITATOR (Magnus Hirschfeld) … Geschlechtsverkleidung bei den Naturvölkern … ERZÄHLERIN … Bis zur … ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Geschlechtsverkleidung auf der Bühne ERZÄHLERIN Rainer Herrn ergänzt: 013 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Ein wichtiges Medium, wo, sagen wir, „trans“ gelebt wurde, ist natürlich auch die Bühne gewesen … Wir haben eine ganze Reihe von Theatern (…) wo die Frauenrollen von Männern gespielt wurden. Also das war auch ein Austragungsort von diesem Begehren … ERZÄHLERIN Nur, und das ist wichtig, auf Bühnen nennt man diesen, wie Magnus Hirschfeld es genannt hat, „Verleidungstrieb“ anders … Er heißt „Travestie.“ – In der Zeit von Shakespeare etwa, also im späten 17. Jahrhundert schlüpften Männer in Frauenkostüme, um weibliche Rollen darzustellen. Aber im 19. Jahrhundert, etwa in der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß gibt es eine so genannte Hosenrolle. Hier stellt eine Frau, eine Mezzosopranistin, den Prinz Orlofsky dar …. 14 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Das, was wir heute als Travestie bezeichnen. Das ist aber schon im ernsten Sinne von dem, was Transvestismus im traditionellen Sinne bedeutet, wo also ein psychischer Wunsch besteht, ich will jetzt das Wort „Trieb“ nicht gebrauchen, das ist wirklich ein altmodischer Begriff, also wo ein inneres Bedürfnis entsteht, diese Kleidung zu tragen, das ist davon zu unterscheiden. Also: Travestie und dieser Wusch des Crossdressings, das sind zwei unterschiedliche Ebenen. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Zurück zu Magnus Hirschfeld. Ihn interessierte also, warum trägt „man“ oder „frau“ die Kleidung des anderen Geschlechts? Aus sexuellen Gründen? Um sich wohlzufühlen? - Interessant sind seine Fallbeschreibungen der Menschen, die sich „crossdressen“. Magnus Hirschfeld berichtet zum Beispiel von einem gewissen „Herrn E.“, der ihm seine Aufzeichnungen überlasen hat … MUSIKAKZENT ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Herr E., im Kunstgewerbe tätig, ca. 40 Jahre alt, stammt von gesunden Eltern. Abweichende Anlagen oder Degenerationszeichen sind in der Verwandtschaft nicht nachzuweisen. Die körperliche Kindheitsentwicklung verlief normal. ERZÄHLERIN Mädchen gegenüber sei er schon in frühester Jugend an „höchst schüchtern“ gewesen. Zu Hause sei er streng erzogen worden. Und jetzt? ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Status praesens: Breite der Hüften etwas geringer als die der Schultern. Körperlinien rundlich, leichter Panniculus adiposus. Oberarme und Oberschenkel mehr gerundet als abgeflacht. Füsse von mittlerer Größe, Hände von der Arbeit etwas mitgenommen. ERZÄHLERIN Ganz nüchtern beschreibt Hirschfeld die Physiognomie vom Herrn E. Aber wann begann sein Drang, wie es Hirschfeld nennt, nach „Geschlechtsverkleidung“? ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Vita sexualis: Im Alter von vier Jahren versuchte er zuerst, das Kleid seiner Schwester anzuziehen ... ERZÄHLERIN Im Karneval habe er sich gerne als Frau verkleidet, opferte dafür den Schnurrbart. Und bedauerte es, die Frauenkleider wieder ablegen zu müssen. Freilich: ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Lange Strümpfe und Korsett trägt er fast immer unter seiner Männerkleidung. ln dieser raucht er gern, was er im Frauenkostüm nie tut. - Der Trieb war immer auf den „coitus cum femina“ gerichtet; erste Betätigung Anfang der Zwanziger. „In actu“ ist er gern „succubus“. Triebstärke: durchschnittlich zwei Ejakulationen in der Woche. Von Homosexualität ist keine Spur vorhanden. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Ein bisschen fühlt man sich an Woody Allens Film „Was sie immer über Sex wissen wollten …“ erinnert … Ein Mann, der seinen Schnurrbart verbirgt, um als Frau durchzugehen. Aber bleiben wir ernst. Magnus Hirschfeld hat für die Geschichte der Transmenschen gewirkt … Und er hat viele Biografien gesammelt, die eine schwierige Situation im Leben beschreiben. 15 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) So haben wir eine ganz große Melange unterschiedlicher Transbiografien eigentlich, also punktueller, passaschärer oder permanenter „Transvestismus“, um dieses Wortungetüm noch einmal zu gebrauchen – also: gibt es ganz unterschiedliche Formen – und genauso erleben wir es heute, wie sich Transpersonen empfinden. MUSIK („Rocky Horror“) It's beyond me Help me, mommy I'll be good, you'll see Take this dream away ERZÄHLERIN Zurück zum Film Rocky Horror Picture Show, zurück zum Film, wo der Transvestismus oder das Crossdressing wohl nur als Spiel funktioniert. … Der biedere Ehemann „Brad“ steht plötzlich, verkleidet als Frau, also genauer gesagt, eingekleidet mit Strapsen, Korsett und High Heels auf der Bühne. Er wurde von Dr Frank. N. Furter in einen Transvestiten verwandelt. Und Brad erlebt plötzlich neue Gefühle, er empfindet sich als „sexy“ … MUSIK hoch What's this, let's see I feel sexy MUSIK (Rocky Horror) aus MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Und jetzt mal kurz innehalten, Sexualität ist etwas Besonderes: Natürlich gibt es auch heutzutage noch den „Transvestismus“, so hat man das früher genannt, oder wie es jetzt heißt, das Crossdressing“, oder die „Feminisierung“, wie es Kolja Nolte nennt, es gibt das Ganze einfach heute auch als sexuelles Spiel … Meist wird das Spiel nicht daheim mit der Ehefrau ausgelebt, sondern vielleicht bei Sexarbeiter*innnen. Wie eben bei Kolja Nolte vom „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“. In der Szene nennt er sich „der Dominus“: 16 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“) Also prinzipiell liegt der Lustgewinn ein Stück weit in der Ächtung. Man muss sich das so vorstellen, als Mann, ist es immer noch nicht saloonfähig, Frauenkleider anzuziehen. ERZÄHLERIN Der Medizinhistoriker Rainer Herrn ergänzt, dass die Ächtung des Kleidertauschs ja wirklich schon sehr früh begann: 17 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Nun müssen sie wissen, dass die Geschlechtsordnung in der Kaiserzeit und in der Weimarer Zeit eine unglaublich strenge gewesen ist. Wenn eine Frau auf der Straße Hosen trug, und als Frau erkannt wurde, wurde sie sofort „Hopps“ genommen von der Polizei, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses und groben Unfugs. Paragraf 184 und 360 Strafgesetzbuchs. Das gleiche galt für Crossdresser, für Männer in Frauenkleidung. ERZÄHLERIN Zwar wird heute wohl keiner mehr „Hopps“ genommen, wenn „Er“ oder „Sie“ als Crossdresser auftritt, aber eine gesellschaftliche Etikette besteht trotzdem noch: 18 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“) Und im Übrigen ist es auf der anderen Seite nicht so, wenn man die weibliche Emanzipation anschaut, hat sich da eine ganze Menge getan, also Frauen können Hosen und anderes tragen, während das männliche Geschlecht das immer noch nicht darf …. Also ich erinnere mal an die Skandale, die jetzt wüten, dass die Männer sich jetzt die Nägel lackieren. Ich finde das alles ganz großartig. Und ich finde auch, dass sich die Männer da emanzipieren dürfen, um da auch mehr Rechte zu bekommen … ERZÄHLERIN Sagt Kolja Nolte alias der „Dominus“, vom „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“. Aber, natürlich, in dem immer noch immer tabuisierten Verhalten liegt auch ein Lustgewinn. „Ich darf das halt nicht …“ 19 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“) Und in dem Sinne liegt der Lustgewinn da dran, dass wenn ein Mann halt Frauenkleider anzieht, sich da natürlich ein Stück weit erniedrigt fühlt. Und diese Erniedrigung kann natürlich damit gefestigt werden, dass die Rollen zum Beispiel getauscht werden, dass der meist weibliche dominante Part dann in die Penetration geht … ERZÄHLERIN Bei diesem Spiel gibt es sehr oft stereotype Rollenmodelle: 20 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“) Wir hätten da die „Sissy“, das ist so ein bisschen der „Funnytyp“, das wissen die Menschen auch ein Stück weit … Das ist ja, wenn man in höherem Alter, jetzt will ich ein Frauenkostüm, dann sitzt das am aller wenigsten … Und das ist aber in dem Augenblick gar nicht so wichtig, es geht einfach darum in eine gewisse Rolle reinzuschlüpfen … ERZÄHLERIN Und da gibt es die „Zofe“. Ein Mann, der sich als „Maid“, als „Magd“ verkleiden lässt. - Aber es gibt auch den Fetischisten. Eigentlich ein Begriff aus dem frühen 20. Jahrhundert- 21 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“) Das ist jemand, der also wirklich über die Kleidung einfach einen Lustgewinn erfährt, ohne dass da eine psychische Komponente dabei ist. Ich glaube eines der größten Beispiele ist das Thema Strapse tragen, Nylons auf der Haut fühlen, da ist das Material eine Entscheidung und das weibliche Verhalten ist gar nicht so das, wo der Reiz daran liegt … MUSIKAKZENT (evtl. Rocky Horror Picture Show“) ERZÄHLERIN Zurück zu Magnus Hirschfeld, dem Sexualwissenschaftler aus dem frühen 20. Jahrhundert. Er erkannte, seine „Transvestiten“ haben auch ein glückliches Leben … ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Nicht minder beredt berichtet einer, wie ihn seit seinem 15. Jahre ein Verlangen nach Frauenkleidern beherrschte, das „wie Hunger und Durst Befriedigung heischte“. Endlich mit 24 Jahren, als er krankheitshalber vom Lehramt beurlaubt im elterlichen Hause weilte, bietet sich die ersehnte Gelegenheit. Er zieht sich ein vollständiges Ballkostüm seiner Schwester an. „Ein nie gekanntes Gefühl des Wohlbehagens durchrieselte mich“, „das Wunderbarste war, dass ich mich jetzt rasch erholte, während ich vorher sechs Wochen lang vergeblich ein Sanatorium besucht hatte.“ ERZÄHLERIN: Und der Dominus, also Kolja Nolte meint: 22 ZUSPIELUNG (Kolja Nolte alias „der Dominus“) Ich finde, „Sexualität“ ist ein wunderschönes Beispiel, um sich selber zu sortieren in seinem Leben. Und da gibt es viele Möglichkeiten: Andere Menschen reden sehr viel, der nächste liest sehr viel, ja, oder treibt einfach Sport und kann sich darüber sehr gut sortieren … und andere Menschen schaffen das über Sexualität … Sexualität kann ein Weg sein, um Dinge klar zu ziehen. Um vielleicht die eine oder andere Lebenssituation besser zu meistern oder ein schönes Ventil zu haben für aufkeimende Gefühle …

  3. Zug um Zug - wie die Lunge uns Leben "einhaucht"

    06.05.2025 · 22 Min.

    Rund 20.000 Mal atmen wir am Tag ein und aus. Und versorgen unseren Körper dadurch mit Sauerstoff. Im Gegenzug werden wir über die Lunge das Abfallprodukt Kohlendioxid los. Die Lunge ist ein hochkomplexes Organ. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2020)

  4. Von Gummibaum bis Yuccapalme - Die Geschichte der Zimmerpflanze

    06.05.2025 · 23 Min.

    In Burgen, Schlössern und auch Bauernstuben gab es sie nicht: Die Zimmerpflanze. Sie musste erst erfunden werden. Erst im 16. Jahrhundert startete ihre rasante Mode-Geschichte vom Statussymbol in der europäischen High Society bis zur Ware neben der Supermarktkasse und zum Istagram-Star. Von Anja Mösing (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Anja Mösing Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christian Baumann Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Dr. Patricia Rahemipour, Institut für Museumsforschung Staatliche Museen zu Berlin; Dr. Andreas Gröger, Biologe, Botanischer Garten München Diese hörenswerten Folgen könnten Sie auch interessieren: radioWissen | Pflanzenjäger auf Abenteuerreise - Wie man früher seltene Arten aufspürte JETZT ANHÖREN radioWissen | Orchideen - Spektakel der Farben und Formen JETZT ANHÖREN radioWissen | Was heißt hier Unkraut? - Alles Natur JETZT ANHÖREN radioWissen | Photosynthese - Das wundersame Pflanzenkraftwerk JETZT ANHÖREN radioWissen | Jahreszeiten außer Takt? Alles Natur! JETZT ANHÖREN radioWissen | Tarnen und Täuschen - Alles Natur JETZT ANHÖREN IQ - Wissenschaft und Forschung | Alles Natur: Gartenpflanzen! Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo Franke JETZT ANHÖREN Literaturtipp: Kathrin Grotz u. Patricia Rahemipour: „Geliebt, gegossen, vergessen. Phänomen Zimmerpflanze“, Katalog und Essayband zur Ausstellung Botanisches Museum Berlin 2019. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:49, mit ATMO 1(Archiv) Schritte im Kies ERZÄHLER Gummibäume, Orchideen, Yuccapalmen – die gesund und kräftig sprießende Verwandte der eigenen, oft kümmernden Zimmerpflanzen: In Botanischen Gärten kann man sie besuchen. Hier werden sie artgerecht gepflegt und wachsen fast so, wie es in freier Natur ihre Art wäre. ATMO 2 öffnen einer Gewächshaustür (Archiv) weiter über ATMO 3 Palmenhaus In vielen Büros, in Wohnungen, sogar in Treppenhäusern steht ein Topf mit einem Benjamini. Seine Zweige mit den vielen dunkelgrün-glänzenden, esslöffelgroßen Blättern reichen den Besitzern gern mal bis zur Schulter. Birkenfeige sagen einige zu dieser Zimmerpflanze; Botaniker nennen sie lateinisch: Ficus Benjamini. MUSIK ENDE ZSP 1 Gröger Also hier unser Exemplar ist wahrscheinlich so zehn Meter hoch, das werden richtig große Bäume. Es haben nicht nur kleine Pflanzen Eingang in die Zimmerpflanzen-Kultur gefunden, sondern auch größere. Weiter über ATMO 3 Palmenhaus ERZÄHLER Andreas Gröger ist promovierter Biologe und stellvertretender Leiter des Botanischen Gartens in München-Nymphenburg. Im 21 Meter hohen Palmenhaus aus Glas und Eisen ist die Luft feucht und es hat 20 Grad. Hier wachsen tropische Pflanzen, die es gern warm haben: ZSP 2 Gröger Und wenn sie die hier anschauen, unsere Birkenfeige, fällt ihnen auf, dass die aus vielen Dutzenden von einzelnen Stämmen besteht, so ein Geflecht von Stämmen entsteht. Das deutet ein bisschen darauf hin, was die biologische Eigenart der Birkenfeige ist: die gehört zu den Baumwürgern. In freier Natur würde sie im Regenwald oben an irgendeiner Astgabel keimen, schickt dann so ganz unschuldig kleine fadenförmige Wurzeln nach unten. Und wenn die den Urwaldboden erreicht, dann umspinnt sie ihren Träger mit einem Gewirr von solchen Wurzeln und erstickt letztendlich ihren Trägerbaum, der dann abstirbt. Und anstelle vom Trägerbaum steht dann dieser Schlot aus zusammengeflochtenen Stämmen der Birkenfeige. ERZÄHLER Andreas Gröger kennt nicht nur erstaunliche Eigenheiten von Tropenpflanzen, er hat auch dazu geforscht, wie wir Menschen uns die Tropen in unsere Wohnzimmer geholt haben. Den Benjamini plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen, findet er gut! ZSP 3 Gröger Das heißt aber nicht, dass sie deswegen Angst vor einer Birkenfeige haben müssen. Wenn es der Birkenfeige bei ihnen gut geht, dann wird sie auch ab und zu mal so fadenförmige Wurzeln entwickeln. Aber dann freuen Sie sich darüber! ERZÄHLER Angesichts dieses tropischen Riesen fast absurd, ihn im Topf zu halten. Wann sind wir Menschen nur auf die Idee verfallen, uns draußen in der Natur Pflanzen auszugraben und in einen Topf zu setzen, um sie mit nach drinnen ins Zimmer zu nehmen? ZSP 4A Gröger Also, wenn man geschichtlich zurückschaut: Schnittblumen haben sich die Leute immer, haben sich Römer auch schon in die Wohnung geholt! Aber Zimmerpflanzen, das ist ein relativ modernes Phänomen. ZSP 4B Rahemipour Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist nämlich sehr-sehr eng verbunden auch mit der Geschichte des Wohnens insgesamt. ERZÄHLER Professorin Patricia Rahemipour ist Historikerin und Direktorin des Instituts für Museumsforschung in Berlin. Dort hat sie für das Botanische Museum im Jahr 2019 eine Ausstellung zum Phänomen Zimmerpflanze kuratiert. MUSIK „Le compteur”; ZEIT: 00:55 ZSP 5 Rahemipour Ich würde sagen, wir fangen vielleicht erst mal mit einer kleinen Definition an, was wir eigentlich unter Zimmerpflanzen verstehen: Zimmerpflanzen sind tatsächlich Pflanzen, die ganzjährig eingetopft in einer Wohnung stehen. ZSP 5B Gröger Also generell ist Zimmer nicht draußen! Im Zimmer herrschen andere Bedingungen als draußen in freier Natur. ZSP 5C Rahemipour Also Zimmerpflanzen brauchen Licht. Das ist eine sehr simple Tatsache, die ist für uns auch relativ leicht zu lösen. Aber für mittelalterliche Wohnverhältnisse war das überhaupt nicht so trivial, weil Fenster: Es gab nur sehr-sehr kleine, um die Kälte nicht in die Häuser hineinzulassen. Und die waren mit Tierhäuten abgedeckt. Das heißt, man hatte im Prinzip überhaupt kein Licht in den Zimmern, so wie wir das kennen. MUSIK ENDE ERZÄHLER Fenster mit Glas zu verschließen war sehr kostspielig und die ersten Fenstergläser waren noch sehr dick, ähnlich den Böden von Weinflaschen und gar nicht durchsichtig, sondern grünstichig. Bis es klares Fensterglas gab, das genügend Sonnenlicht hindurch ließ und zwar für einen Preis, den sich zumindest reichere Privathaushalte leisten konnten: Das hat sehr lange gedauert und den Einzug der Pflanzen in die Wohnumgebung verzögert. ZSP 6A Rahemipour Und der zweite Aspekt ist die Frage nach dem Klima in diesen Räumen. Die Zimmer waren ja früher relativ kalt. Viele Zimmerpflanzen sind aber Importe aus wärmeren Klimazonen. Das heißt, sie haben auch erst dann wirklich in die Wohnstuben Einzug gehalten, als die Temperaturen stimmten. Das war erst relativ spät in der Geschichte des Wohnens überhaupt der Fall. ZSP 6B Gröger Also hier, nördlich der Alpen, hat man geschlossene Räume gehabt mit dem Kachelofen oder offenem Feuer in einer Ecke, also punktuelle Hitze. Dann kalte Ecken, richtig kalte Zimmer. Das packen extrem wenige Pflanzen: Da war höchstens mal ein Rosmarin-Stöckchen oder Myrthen-Pflänzchen am Fensterbrett gestanden. Das war also das Maximum, was man so hatte. ZSP 6C Rahemipour Ein anderer Aspekt: Zimmerpflanzen pflegen sich ja nicht selber. Also wenn ich mir angucke, wie in einem mittelalterlichen Kontext die Menschen gelebt haben und wie wenig Freizeit sie hatten: Man hatte auch gar keine Zeit, sich um so etwas zu kümmern! Und wenn man jetzt alles zusammennimmt, also sagt okay, wir brauchen Licht, wir brauchen ne Heizung und wir brauchen den Zugang zu Wasser, weil das war natürlich nicht überall gleichermaßen verfügbar. Dann kann man sagen: So Mitte des 19. Jahrhunderts sind sie zunächst einmal in die repräsentativen Zimmer eingezogen. ERZÄHLER Zuvor standen eingetopfte Pflanzen schon in Orangerien. Gebäuden für kostbare Pflanzen, wie sie seit dem Barock in hohen Adelskreisen zur standesgemäßen Ausstattung ihrer Schlösser gehörten. Orangerien waren reich verglast und damit heller als Wohngebäude. Pflanzen aus den subtropischen Gebieten konnten hier in großen Kübeln untergebracht werden. Zitrusbäumchen mit ihrem schönen Duft waren aber nur im weitesten Sinn die ersten Zimmerpflanzen, meint Gröger: ZSP 7A Gröger Heißt ja nicht umsonst Orangerien! Da ging es um die Nutzpflanzen erstmal: Orangen, Zitronen waren begehrte, exotische Früchte, die heutzutage selbstverständlich im Supermarktregal liegen. Aber die damals hier nördlich der Alpen kultiviert werden mussten für die Aristokratie. Und dann war halt vielleicht auch noch eine Ananas dabei. Das war natürlich die Krönung schlechthin, eine Ananasfrucht zu haben. ZSP 7B Rahemipour Absolut, absolut. Also mein Lieblingsbeispiel ist immer die Ananas! Die ersten Ananasfrüchte, die in Europa weiterverkauft wurden, waren so teuer wie eine Kutsche. Und das war das mehrfache Jahresgehalt eines einfachen Bauern. ZSP 7C Gröger Also am Anfang der Zimmerpflanze stand die Nutzpflanze: Der Zitronenbaum oder die Ananaspflanze. Und dann kamen Schmuckpflanzen dazu, wie zum Beispiel die Kamelien oder die Agaven und so weiter. MUSIK „Movement introductif“ ZEIT:00:37 ERZÄHLER Kamelien mit ihren prächtig rotgefüllten Blüten waren lange Zeit begehrte Modepflanzen der europäischen High Society. Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die ersten Pflanzen aus Asien, wo sie in freier Natur bis zu 11 Meter groß werden. Die immergrünen Kameliensträucher vertrugen das Klima in den kühlen aber frostfreien Orangerien Europas gut. Zu besonderen Anlässen holte man sie in ihren Töpfen in die repräsentativen Schlossräume. Blühend natürlich! MUSIK ENDE ZSP 8A Gröger Blumenschmuck! Natürlich! Bei den Kamelien, das ist so ein klasse Beispiel: Im Winter, im Januar, Februar, ist die Zeit der Kamelienblüte. Im Winter mit Blumenpracht zu protzen, das war natürlich eine Aussage! ZSP 8B Rahemipour Das war natürlich Prestige, das war Macht. Man wollte zeigen, dass man sich was leisten kann. In der Zeit, als man begann, mit Zimmerpflanzen sich zu umgeben, war das wesentlicher Aspekt. Das ist heute ganz weit in den Hintergrund gerückt. Aber zu Beginn der Zierpflanzen in den Zimmern war das sicherlich ein wichtiger Aspekt. ERZÄHLER Mitte des 19. Jahrhunderts erlaubten neu entwickelte Konstruktionen aus Glas und Eisen lichtdurchflutete Anbauten ans Haus - So genannte Wintergärten. Entfernt erinnerten diese Zimmer an Orangerien: Auch in ihnen spielten exotische Pflanzen die Hauptrolle. Im Wintergarten empfing man nun Gäste zum Tee an zierlichen Tischen, stickte oder las in einer Zeitung. Eine Konsequenz des Industriezeitalters, sagt Andreas Gröger: ZSP 9 Gröger Plötzlich ist die Bürgerschicht finanziell erstarkt. Nicht nur mehr die Fürsten und Herzöge und Könige, auch das Bürgertum, das plötzlich viel Geld hatte und repräsentieren wollte. Und die haben repräsentiert mit einem Musiksalon, mit einer Bibliothek und eben auch mit speziellen Pflanzensammlungen: Eine Kakteensammlung zu haben oder eine Orchideensammlung, das war natürlich schon ziemliches Prestige. ERZÄHLER Mit den Orchideen verlor die naturbegeisterte und repräsentationssüchtige High Society Europas den Kopf. Die Blüten der Orchidee stellten alles in den Schatten, was man in Europa kannte: an langen Rispen hingen ihre Blüten wie bunte Schmetterlinge. Exotik pur! ZSP 10A Gröger Genau! Im neunzehnten Jahrhundert, vor allem in England, da gab es einen richtigen Orchideen-Hype. Da gab es einzelne Gärtnereien, die haben manchmal bis zu 20 Pflanzenjäger gleichzeitig losgeschickt, um in den Tropen Orchideen zu sammeln, die dann auf Auktionen recht teuer versteigert worden sind. ZSP 10B Rahemipour Das führte so weit, dass man sogar aus Silber Broschen hergestellt hat, die die Form von Orchideenblüten hatten. Weil einige Menschen sich eben nicht das Original leisten konnten. Sondern da war es billiger, eine silberne Brosche zu erwerben als eine Blüte. ZSP 10C Gröger Es waren tatsächlich die Gärtnereien, die damit einen kommerziellen Gewinn machen wollten. Es war ein richtiger Goldrausch auf neue Orchideen damals. Es hieß damals, England, das ist das große Orchideen-Grab. Weil viele Orchideen dahin kamen. Dann kamen sie in Privatsammlungen, wo sie wenige Wochen überlebt haben und dann eingegangen sind. ERZÄHLER Gröger räumt ein, dass Orchideenkultur wirklich kompliziert ist. Allein schon, weil es über 30.000 Arten mit unterschiedlichen Ansprüchen gibt. Aber wie hemmungslos aus den damaligen Kolonien immer neuer Nachschub geholt wurde, ist heute unvorstellbar. Dass lebende Pflanzen überhaupt wochenlange Seereisen von fernen Kontinenten nach Europa überlebten, ermöglichte eine Erfindung von Nathaniel Ward Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Wardschen Kisten. ZSP 11 Rahemipour Das sind Kisten, die hermetisch abgeschlossen sind mit Glasfenstern und in denen am Boden Erde ist. Und in die Erde sind die lebenden Pflanzen eingepflanzt worden und zu Beginn der Reise zugemacht. Und durch die Verdunstung des Wassers, das die Pflanzen selber abgeben, sammelt sich dann Kondenswasser an den Fenstergläsern, läuft wieder nach unten in das Substrat hinein und bewässert sozusagen als hermetisch abgeschlossenes System die Pflanzen, die in dieser Kiste sind. MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:38 ERZÄHLER Kostbar waren Zimmerpflanzen zu Beginn, weil sie tatsächlich am weit entfernten Ursprungsort ausgegraben wurden, oder bei Aufsitzerpflanzen, so genannten Epiphyten zu denen auch Orchideen gehören, einfach von den Urwaldbäumen abgenommen, dann eingetopft, verschifft und erst in Europa verkauft wurden: Entweder direkt an einen reichen privaten Pflanzenliebhaber, oder an eine Gärtnerei, die versuchte, die exotischen Pflanzen zu vermehren. MUSIK ENDE ZSP 12 Gröger Ganz banal! Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist eine lange Geschichte des Sammelns und des Züchtens. ERZÄHLER Und sie dreht sich vor allem um Tropenpflanzen, weil die mit ihrer Blüten- und Blattvielfalt nicht nur schmückende Qualitäten besitzen. Vor allem sind Tropenpflanzen an ein Klima angepasst, in dem permanentes Wachstum möglich ist. Pflanzen Nordeuropas eignen sich nicht fürs Zimmer, sie können bei gleichbleibenden Zimmertemperaturen nicht überleben, sie brauchen einen Winter. Tropische Pflanzen sind ideal, sie ziehen sich nicht monatelang zurück. Aus welchen Weltregionen überhaupt neue Zimmerpflanzen kamen, bestimmten zunächst Schiffrouten: ZSP 13 Gröger Wenn Sie sich anschauen, so geschichtlich, wo die meisten Zimmerpflanzen herkamen in der Anfangszeit, dann stammen viele aus Südafrika, eben grad wegen diesen günstigen Schiffsverbindungen. Oder aus der direkten Umgebung von Rio de Janeiro stammen viele entscheidende wichtige Zimmerpflanzen! ERZÄHLER Das Usambaraveilchen mit seinen Samtblättern, der Philodendron, der Weihnachtskaktus, das flammende Käthchen: Lauter Pflanzen, die gut erhalten in Europa ankamen. Natürlich ging es ihren reichen exzentrischen Besitzern in Europa dann auch darum, diese Kostbarkeiten am Leben zu erhalten. Wieviel Wasser braucht das neue Prachtstück und wie oft? Will es in sandiger oder in lehmiger Erde eingetopft sein, oder nur in einem Körbchen hängen und ab und zu gebadet werden wie die schöne Orchidee? Nur wenige grundsätzliche Bücher gab es zur Stubengärtnerei und die konnten nicht aktuell bleiben, weil immer Neues eingeführt wurde. Das bedeutete, man musste direkt mit den großen Spezialitäten-Gärtnereien Kontakt halten. ZSP 14 Gröger Und die hatten dann Gärtner mit viel Know-how, die wussten dann über die Sammler in welchen Bedingungen im natürlichen Lebensraum Pflanzen wachsen. Es war echt was für Spezialisten, nicht für das allgemeine, breite Publikum. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es die Verbreitung im Bürgertum. Aber die Arbeiterschaft, die hat den maximal ein Blumensträußchen auf dem Tisch stehen aber keine Zimmerpflanzen. ATMO 4 Kakteenhaus mit Schritten unter Erzählertext ERZÄHLER Unter den Zimmerpflanzen war der Kaktus eine frühe Modepflanze, die in Haushalte aller Schichten einzog. Auch auf Gemälden tauchten Kakteen schon Mitte des 19. Jahrhunderts auf, bei Carl Spitzweg zum Beispiel. Kakteen passten perfekt zur Temperatur damaliger Wohnräume: Denn im Winter haben es ein Kaktus bei uns gern kühl, im Sommer gefällt es ihm am sonnigen Fenster. Wirklich eine gute Zimmerpflanze für Anfänger, meint Gröger. Unter den artgerecht gepflegten Verwandten im großen Kakteenhaus des Botanischen Gartens in München sind einige Kakteen viele Meter hoch: ZSP 15 Gröger Kakteen-Kreuzung geht ganz einfach, hat man auch schon vor 150 Jahren gemacht. Und deswegen gibt es viele Kaktushybriden auch auf dem Markt. Die Kakteen sind natürlich das Sinnbild für Wüstenklimate. Aber das darf man nicht vergessen: Es gibt auch Kakteen in Regenwaldgebieten. Die leben dort nämlich im Kronendach. Denken Sie mal an den Osterkaktus oder Weihnachtskaktus oder die verschiedenen Blattkakteen, die sind alle epiphytische Kakteen, die im Kronendach leben! Die können zwar schon mit Wasserarmut umgehen, weil sie oben im Kronendach auch begrenzt Zugang zu Wasserreserven haben, aber sie vertragen durchaus Luftfeuchte! MUSIK „Mein kleiner grüner Kaktus“; ZEIT: 00:53 ERZÄHLER Im Zimmer wirkt ein Kaktus oft wie eine kleine lebende Skulptur. Das gefiel noch in den 1920er Jahren, der Zeit der Weimarer Republik, den Bauhaus-Architekten um Walter Gropius, erklärt Historikerin Rahemipour: ZSP 16 Rahemipour Da war ja ein unglaublich minimalistischer Lebensstil forciert, und da mussten die Zimmerpflanzen auch zu passen. Also es gibt ein Foto, auf dem Gropius einen Kaktus irgendwo stehen hat. Ansonsten wurde sogar in Pamphleten formuliert: Zimmerpflanzen passen nicht zu unserem Stil. Also bitte keine Zimmerpflanzen. Das war natürlich in der Zeit eine avantgardistische Mode und auch spezielle Menschen, die ihre Bauhauseinrichtungen pflegten. Aber die Mode der Zimmerpflanzen sollte sich eben auch danach richten. MUSIK ENDE ERZÄHLER Nicht nur Kakteen auch andere Zimmerpflanzen tauchen in den 1920er 1930er Jahren immer mehr in einfachen Wohnungen auf. Auch im Kleinbürgertum und bei den Bauern gehörten sie zur Ausstattung der repräsentativen guten Stube. Die waren meist recht kühl und nur zu besonderen Anlässen geheizt. Pflanzen wurden in diesen Kreisen aber selten teuer gekauft: ZSP 17 Gröger Tauschbörsen von Stecklingen gibt's jede Menge und ist bei Pflanzenliebhabern gang und gäbe, schon immer gewesen und auch heute noch. Klassiker ist zum Beispiel die Grünlilie. Die Grünlilie können sie fast nicht kaufen! Weil die sich so leicht daheim vermehrt, dass die einfach so untereinander privat weitergegeben wird und deswegen eine kommerzielle Vermehrung uninteressant ist. ERZÄHLER In das Geschäft mit Zimmerpflanzen stiegen in den 1930er 1940er Jahren immer mehr Gärtnereien ein. Sie mussten klug auswählen, welche Pflanzen sich nicht ganz so leicht von Laien vermehren ließ, damit die Gärtnerei am Gewinn beteiligt blieb. Und auf der anderen Seite durfte die Pflanzen nicht zu kompliziert sein, damit die Gärtnerei es selbst einigermaßen hinbekam, mit der massenhaften Vermehrung. So richtig los ging es für die Branche erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 50er 60er-Jahren. ZSP 18 Rahemipour Das heißt: mit Erfindung der Heizung der Zentralheizung zogen dann nach und nach Pflanzen ein, die heute auch noch sehr bekannt sind und sehr beliebt: Die Monstera zum Beispiel, oder Sukkulenten zogen in die Wohnzimmer ein, um dann dort zu leben. ERZÄHLER Monstera Deliciosa, das Fensterblatt mit seinen herzförmigen, gern mal DIN A 4 großen Blättern und den dekorativen Einschnitten darin, den Fenstern, bekam nun auch in der breiten Bevölkerung ihren großen Auftritt. Erschwingliche Möbel für Zimmerpflanzen kamen auf den Markt: Gestelle mit nierenförmigen bunten Podesten, auf denen ein ganzes Arrangement tropischer Pflanzen Platz hatte. Dazu Stäbe, an denen herabhängende Pflanzen aufgehängt werden konnten und an denen rankende Pflanzen wie die Monstera Halt fanden. ZSP 19 Rahemipour Mit Beginn der 60er-Jahre hat sich sogar die Architektur ein wenig nach den Zimmerpflanzen gerichtet. Plötzlich wurde etwas erfunden, so ein Zimmerpflanzen-Fenster: Ein Fenster, das sehr groß war, eine sehr breite Fensterbank hatte, wo dann alle Zimmerpflanzen Platz drauf fanden. ERZÄHLER Zimmerpflanzen wie Gummibaum, Alpenveilchen oder Azalee wurden ab den 1950er Jahren für jedermann erschwinglich und ein beliebtes Mitbringsel zu Festen aller Art. Gärtnereien boomten! Neue mit Erdöl und Erdgas betriebene Heizanlagen erleichterten das Erwärmen immer größerer Treibhäuser. Der Zimmerpflanzenhandel wurde ein Riesengeschäft und ist es bis heute: knapp 1,5 Milliarden Euro wurden im Jahr 2023 in Deutschland allein für Zimmerpflanzen ausgegeben. Und das sind nur 17 Prozent vom gesamten Markt für Blumen und Pflanzen in Deutschland. ZSP 20 Rahemipour Das heißt der Zierpflanzenmarkt als solcher war noch viel-viel größer. Also mit Pflanzen kann man einfach richtig reich werden. MUSIK „Frida“ ERZÄHLER Und die Gärtnereien verstehen es, Zimmerpflanzen auf den Markt zu bringen, die zum jeweilig modernen Wohnstil passen - auch Ende des 20. Jahrhunderts: MUSIK ENDE ZSP 21 Rahemipour Es gab vermehrt WGs, die Menschen ziehen öfter um, ziehen auch mal ins Ausland. Und auch hier hat sich die Mode der Zimmerpflanzen ein wenig angepasst als robuste Arten, wie zum Beispiel Ficus Benjamini und so weiter plötzlich in Mode gekommen sind. Die haben es wirklich toleriert, dass man alle zwei Jahre mal das Zimmer gewechselt hat und dann nur das Bäumchen mitgenommen hat. ERZÄHLER Die Yucca-Palme war so ein extrem robustes Mode-Gewächs der 1980er 1990er Jahre. Gern wurde sie so eingetopft, dass ein handliches Stück Stamm aus der Erde wuchs, der jederzeit wieder eingekürzt werden konnte, falls mal was schiefging mit dem Gießen. Oft waren es nun Hydrokultur-Kübel, in denen Zimmerpflanzen gezogen wurden: gefüllt mit kleinen braunen Kügelchen aus Ton, angereichert mit Nährflüssigkeit. Heute werden Pflanzenmoden in noch viel kürzerer Taktung eingeläutet als zu Beginn. Influencerinnen und Influencer auf Youtube oder Instagram zeigen sich gern mit ihren tropischen Pflanzensammlungen. MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:51 ZSP 22 A Rahemipour Und weil ich vorhin schon mal von der Ananas gesprochen habe. Es gibt gerade eine Neuzüchtung, wo eine Ananaspflanze im Prinzip die Frucht halb ausbildet, die dann quasi wie so eine Medaille auf der Pflanze selber sitzt. Sie ist wirklich ästhetisch sehr schön. Sie passt eben zu einer Wohnzimmereinrichtung. ZSP 22 B Gröger Man muss sich immer klarmachen: auch heutzutage bei Zimmerpflanzen geht es immer um was Neues! Die Gärtnereien versuchen immer, etwas Neues auf den Markt zu bringen: nicht den Gummibaum, den schon jeder kennt, Birkenfeige. Sind so Modewellen auch bei den Zimmerpflanzen. Es war schon immer so und es ist auch immer noch so.

  5. Die Hecke - Grenze, Sichtschutz, Lebensraum

    06.05.2025 · 22 Min.

    Hecken sind Grenzen der besonderen Art, sie verbinden Schönheit und Funktion. Die Hecke schirmt unliebsame Blicke ab, hält Feinde fern, schützt Vögel, Kleinsäuger und Feldfrucht. Ein Podcast von Christiane Seiler Credits Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Susanne Schroeder, Thomas Birnstiel Technik: Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Cornelia Priefert, Leiterin Landschaftspflegeverband Uckermark-Schorfheide Janna Einöder, Biologin beim NABU-Berlin, zuständig für Stadtgrün Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Der Saum der Landschaft - Was existiert zwischen Feld, Bach und Wald? JETZT ENTDECKEN Nach der Zerstörung: Biotop - Lebensraum Steinbruch JETZT ENTDECKEN Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sich JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Linktipps: Göttinger Rebhuhnschutzprojekt HIER geht es zur Website Steckbriefe der wichtigsten heimischen Gehölze der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft HIER geht es zur Website Literatur: Heinrich E. Weber: Gebüsche, Hecken, Krautsäume. Stuttgart, Ulmer Verlag, 2003: Ein umfassendes, wissenschaftliches Standardwerk zu allen Aspekten der Hecke; Kulturgeschichte, Straucharten, Strauchgesellschaften. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher Hartriegel, Hagebutte, Haselnuss, … Sprecherin Wer über Hecken spricht, muss sich mit Sträuchern beschäftigen. Wie die Biologin Janna Einöder: 02 O-Ton Hecke Einöder Ein Strauch ist ja im Gegensatz zu einem Baum eine Pflanze, die mehrere Stämme hat. Eine Hecke ist meistens eine Begrenzung auch. Man nennt es auch ‚lebender Zaun‘. Ein langgezogener Zusammenschluss aus Sträuchern. Sprecher Brombeere, Himbeere, Hundsrose, … 03 O-Ton Hecke Priefert Hundsrosen ist auch eine wichtige Strauchpflanze. Und einfach typisch auch. Sprecherin Carolin Priefert ist Naturschützerin. 04 O-Ton Hecke Priefert Früher hat man ja damit auch noch viel mehr gemacht, man hat natürlich die ganzen Beeren, auch vom Weißdorn, gesammelt, sich Tee, Marmelade und Salben und Kräuter Tinkturen hergestellt. Sprecher Thuja, Buchsbaum, Kirschlorbeer, … 05 O-Ton Hecke Einöder Wir haben es‚ Sträucher des Schreckens‘ genannt, weil viele Sträucher nur als Sichtbarriere oder ähnliches gepflanzt werden. Aber auf den ökologischen Wert und wie das ästhetisch aussieht, da wird relativ wenig Acht gegeben. Da geht es darum, dass man die schnell und gut pflegen kann, keine Früchte und sowas, sondern dass das schön pflegeleicht in der Stadt herumsteht. Sprecher Kornelkirsche, Forsythie? 06 O-Ton Hecke Priefert Die sieht wahnsinnig interessant erstmal aus. Die blüht ja auch sehr früh. Aber das ist für die Insekten eine totale Falle. Die fliegen dahin, bringen Energie auf, um dann weiß ich wie spät festzustellen, dass sie da gar nicht satt werden. Und es gibt ein paar andere Pflanzen, wie die Kornelkirsche zum Beispiel. Die hat ähnliche gelbe Blüten. So ein bisschen technohaft sieht sie auch aus. Manche nennen sie Technostrauch, weil die so ein bisschen wild auch ist. Und die blüht fast zeitgleich, hat ähnliche Blüten und die bietet dann eben den Insekten tatsächlich Nahrung. Sprecher Faulbaum und Kreuzdorn, … 07 O-Ton Hecke Einöder Das sind zwei Sträucher, die ja eher schlicht daherkommen, nicht so dolle blühen. Aber der Zitronenfalter, die Raupen des Zitronenfalters, essen nur an diesen zwei Sträuchern und wenn diese zwei Sträucher fehlen, dann fehlt auch der Zitronenfalter. Das heißt, man kann sagen, wenn man diese zwei Sträucher pflanzt, dann pflanzt man quasi Zitronenfalter. Sprecher Kätzchenweide, Schlehdorn, Weißdorn, … 01 AT Hecke Hecke mit summenden Insekten Sprecher „Für mich erhob sich summend darüber der Duft der Weißdornhecken.“ Sprecherin Der Erzähler von Marcel Prousts Roman „In Swanns Welt“ erinnert sich an einen Sonntagsspaziergang mit seinen Eltern, auf einem Weg gesäumt von Weißdornhecken. Duft und Schönheit der Blüten, Summen der Insekten, der Windhauch, der Arme und Gesicht berührt. Eine umfassend sinnliche, sogar spirituelle Erfahrung: Sprecher „Diese Hecken bildeten in meinen Augen eine unaufhörliche Folge von Kapellen, die unter dem Schmuck der wie auf Altären dargebotenen Blüten verschwanden; unter ihnen zeichnete die Sonne auf den Boden ein lichtes Gitterwerk, so als fiele ihr Schein durch ein Kirchenfenster; ihr Duft strömte sich so voll und überquellend aus, wie ich ihn vor dem Altar der Muttergottes stehend verspürt hatte und die ebenso geschmückten Blüten trugen eine jede mit gleicher gedankenloser Miene ihr schimmerndes Strahlenbündel aus Staubgefäßen.“ Sprecherin Auch ich erinnere mich an eine Szene aus meiner Kindheit, Anfang der 70er Jahre muss es gewesen sein. Ich fuhr mit meinen Eltern im Auto, saß auf der Rückbank und sah mir die Landschaft an. Wir durchquerten die Ebene zwischen Köln und den ersten Ausläufern des Mittelgebirges. Ich sah Felder, Wiesen, Obstanbau, Industrie, Dörfer. Und schnappte ein Gespräch meiner Eltern auf. Es ging um Flurbereinigung, ein kompliziertes Wort, das mir rätselhaft vorkam. Vor allem mein Vater schimpfte, übrigens auf Bayrisch. Man zerstöre die Schönheit der Landschaft, meinte er. Wo seien die schönen kleinen Felder geblieben, die gewundenen Bächlein, die Gebüsche. Alles abrasiert und begradigt. Und, das fand er besonders schlimm, was war mit den Hecken geschehen? 01 AT Hecke und Gesumm Ich verstand, dass man aus mir unverständlichen Gründen ausgerechnet den blühenden, beerenreichen Hecken den Garaus machen wollte. Was ich nicht wusste: es bildete sich bereits Widerstand. Im Jahr 1986 gründete der fränkische Förster und CSU-Politiker Josef Göppel den Landschaftspflegeverband Mittelfranken. Es ging ihm um die Erhaltung der Kulturlandschaft, dafür brachte er mitunter verfeindete Naturschützer, Landwirte und Kommunalpolitiker an einen Tisch. Seitdem werden in Deutschland sogar wieder neue Hecken angelegt. Etwa von dieser jungen Frau: 08 O-Ton Hecke Priefert Carolin Priefert vom Landschaftspflegeverband Uckermark-Schorfheide. 09 AT Hecke in Peetzig Sprecherin Mit ihr stehe ich Ende Februar vor einer Hecke am Rande einer Wiese in der Uckermark. Einen sanften Hang hinauf erstreckt sie sich zwischen Feldweg, Wiese und Acker. 10 O-Ton Hecke Priefert Das sind die Hecken, die jetzt schon über 30 Jahre fast alt sind. Also gerade in den 90ern vom Landschaftspflegeverband angelegt wurden. Auch mit den Landwirten zusammen. Also mehrere Kilometer, dann auch teilweise im rechten Winkel. Und man sieht ja die Hänge hier, die Ackerflächen sind ziemlich exponiert auch. Und umso besser ist es natürlich, dass sie dann als Windschutz gleichzeitig dienen, auch für die Landwirte und eben auch vor Wassererosionen schützen. Und natürlich für die Tierarten, die hier alle vorkommen, ist das natürlich einfach das Biotop... Sprecherin Denn eine Hecke ist nicht nur schön, sondern auch nützlich, sogar für die Landwirtschaft. Und ein unverzichtbares Element in der Vernetzung der Biotope. Denn Tiere benutzen diese Strukturen als Orientierungslinien in der Landschaft. Dank der miteinander verbundenen Hecken, Gebüsche und Wiesen können sie sich geschützt in der Landschaft bewegen, auch über längere Strecken. Und finden dort zusätzlich Nahrung. 11 O-Ton Hecke Priefert Es kann natürlich aus verschiedenen Strukturen bestehen. Man kann im Garten eine Hecke haben, auch nur aus einer Strauchart oder Baumart. Aber in der freien Landschaft ist es natürlich wichtig, dass wir einerseits auf standortheimische Straucharten achten, was die Tiere dann wirklich auch benutzen können an Beeren und Insekten wirklich an Blühpflanzen, nicht dass es nur so na Pseudo-Blüten sind, die sie gar nicht benutzen können, sie sollte ausreichend breit sein wirklich eine gute Funktion hat sie, wenn sie zehn Meter breit ist, weil man dann große Einzelbäume auch in der Mitte pflanzen kann. Und man hat links und rechts immer noch eine breite Strauchschicht. Dass da die Tierarten wirklich genug Unterschlupf finden können. Und am Rand immer auch immer noch so ein Kraut, Blühpflanzen oder einfach Grassaum auch noch im Stehen bleibt, ne. Sprecherin Zehn Meter breit? Damit wäre die Hecke schon breiter als mancher Garten. 12 O-Ton Hecke Einöder Also wenn man Hecken und Sträucher natürlich wachsen ließe, dann können die natürlich sehr üppig werden. Sprecherin Janna Einöder ist beim NABU Berlin für das Stadtgrün zuständig. Und macht die Erfahrung, dass zum Beispiel Hecken auch ein Störfaktor sein können. 13 O-Ton Hecke Einöder Je nachdem, wo sie stehen, können die eben zur Beeinträchtigung der Sicht führen. Verkehrssicherheit ist ja in der Stadt ein ganz großes Thema. Wir haben auch mit der Kriminalprävention gesprochen. Hecken sind ja auch zum Beispiel werden dafür genutzt, auch Drogen zu verstecken. Da geht es auch um Angsträume und Co. Also auch von den Aspekten können Hecken im Stadtbild zum in Anführungsstrichen Problem werden. Sprecherin Der Standort einer Hecke, ob in der Agrarlandschaft, in der Stadt oder im Garten beeinflusst ihre Größe, ihr Erscheinungsbild und auch die Straucharten, die sie bilden. Eins aber haben sie alle gemeinsam: Wie so viele Elemente der Natur, die wir lieben, ist die Hecke menschengemacht, eine linienförmige Struktur der Kulturlandschaft. 14 O-Ton Hecke Einöder Also, das muss schon angepflanzt werden. Klar gibt es vegetative Vermehrung, aber dass das in einer akkuraten Heckenstruktur passiert, ist sehr unwahrscheinlich. Die Natur ist eben wild. Sprecherin Wild entstehen in der Landschaft Strukturen wie Gestrüpp, Gehölz, Gebüsch und Waldsaum, in denen sich ähnliche Sträucher wie in Hecken spontan zusammenfinden. Auch das aber geschieht in größerer Zahl erst, seit Menschen Wälder roden, Siedlungen anlegen und Vieh halten. Im Laufe von mehreren tausend Jahren hatten Menschen durch ihre Wirtschaftsweise in Mitteleuropa eine spezifische kleinteilige, artenreiche Landschaft aus Ackerflächen, Wiesen, Heidelandschaften, Gehölzen, Streuobstwiesen, Moore und eben Hecken geschaffen. Heute sind in Mitteleuropa etwa 550 Bäume und Sträucher an der Bildung von Hecken beteiligt, davon gehören wiederum etwa 475 Arten zu den Rosaceae, also den Rosengewächsen. Sehr viele dieser Sträucher haben Stacheln oder Dornen, zur Abwehr von Herbivoren, also Vieh und wilden Grasfressern. 01 AT Hecke Summen in der Hecke Sprecherin Eine Hecke bietet also Schutz, sie hält den Wind ab, hält Tiere von Feldern fern. Sie markiert auch eine Grenze und hindert Feinde am Eindringen. Der Römische Kaiser Julius Cäsar beschreibt in „De bello Gallico“ die kunstvoll angelegten Hecken der belgischen Nervier, die seiner Reiterei im Weg standen, zu einer Zeit, als von Natodraht und Panzersperren noch keine Rede war: Sprecher / Zitator „Sie sägen junge Bäume an, biegen sie herunter und bewirken durch die vielen in die Breite nachwachsenden Aste, auch mit zwischengepflanztem Brombeer- und Dorngesträuch, daß diese Gehege Befestigungen mit der Wirkung von Mauern bilden, die nicht nur ein Durchkommen, sondern selbst einen Durchblick unmöglich machen.“ Sprecherin Die Wörter Hecke, englisch „hedge“, französisch „haie“ niederländisch heg, dänisch haek gehen alle auf das althochdeutsche Wort „hag“ zurück. Das bedeutet, so steht es im Grimmschen Wörterbuch, schlagen, einzäunen, einhegen. Noch heute findet sich dieses Wort in zahllosen Ortsnamen wie Den Haag oder Hagen. Neben dem Schutz menschlicher Siedlungen dienten Hecken in früheren Zeiten dazu, das Vieh von den Ackerflächen fernzuhalten. Denn noch bis in’s 18. Jahrhundert wurden Weiden, Ackerflächen und Wälder, die sogenannte Allmende oder Mark, meist gemeinschaftlich genutzt, Vieh wurde nicht eingezäunt, sondern gehütet. Hecken hielten etwa Kühe und Schweine von den Feldern fern. Die dafür nötigen Sträucher entnahm man wilden Gebüschen und Gehölzen in der unmittelbaren Umgebung und bearbeitete sie zum Beispiel in der von Caesar beschriebenen Art, um sie möglichst undurchdringlich zu machen. Die Sträucher lieferten außerdem Beeren und Obst, Hagebutten für Tee oder Marmelade, Schlehen für den Likör, Brombeeren für den Kuchen. Selbst der Heckenschnitt war keine lästige Pflicht. Carolin Priefert: 15 O-Ton Hecke Priefert Da haben sie es von sich aus gemacht für Brennholz. Oder man hat es eben benutzt für Korbherstellung, alles Mögliche. Und ja, wer macht das heute schon? Natürlich in bestimmten Bereichen, dass man dann mal Zäune, auch mit den kleinen Zweigen, dann wieder baut… Sprecherin Im 18. und 19. Jahrhundert führte man in vielen Fürstentümern die Markenteilung durch, das bis dahin gemeinschaftlich genutzte Land wurde privatisiert und die Hecken änderten ihre Funktion. Nun dienten sie als sichtbare Markierung und Umfriedung des neuen Privatbesitzes an Acker- und Weideland. Gebüsche auf Weiden und Wiesen wurden gerodet, damit man die Flächen besser bearbeiten konnte. Es entstanden Landschaften, wie sie zum Beispiel in Südengland oder Schleswig-Holstein noch heute bewundert werden können. Bis dann mit der Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg viele dieser Hecken. Sehr zum Nachteil der Tiere, die auf Schutz und Nahrung angewiesen sind. 16 O-Ton Hecke Priefert Die Kleintiere haben alle, auch so Igel oder so, haben alle nur ein paar 100 Meter Radius. Also gerade bei uns in Brandenburg haben wir ja, im Vergleich zu Bayern, immer noch wahnsinnig große Schläge, auch wenn wir schon Hecken angelegt haben. Es ist natürlich ein Unterschied, ob jetzt, ja, wir hier nur ein paar kleine Hektar haben oder die Fläche, wo wir drauf gucken, jetzt mehrere 100 Hektar fast sind, wo wir draufgucken können. Und nur am Rand dann eben mal so ein paar Bäume stehen und der Wald doch auch noch zwei Kilometer entfernt. Ist das für die Tiere auch wichtig, dass sie umso mehr Gebüsche oder Hecken wirklich zur Verfügung haben. 17 AT Hecke Gesang der Goldammer fehlt Sprecherin Während wir sprechen, lässt sich ein kleiner Schwarm aus Gold- und Grauammern in der Hecke nieder. Erste Frühlingsboten. Andere Gäste bleiben im Dickicht verborgen. 18 O-Ton Hecke Priefert Kröten, die auch gerade hier unten Winterschlaf machen können. Also wir sehen ja auch das Laub und schon auch eine Streuschicht, auch vom vertrockneten Gras. Eidechsen, die überwintern können. Sprecherin Je mehr Hecken nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost- und Westdeutschland durch Zäune ersetzt, Acker und Weideflächen vergrößert und Feldwege asphaltiert wurden, desto mehr Tiere verschwanden aus der Landschaft. Prominentes Beispiel: der Feldhase. Einige Exemplare haben die Landflucht aus Brandenburg nach Berlin angetreten, wo sie mehr Schutz und Nahrung finden als in der Agrarlandschaft. Seit ca. 20 Jahren vermehren sie sich vor allem im Plattenbaubezirk Marzahn-Hellersdorf. Janna Einöder: 19 O-Ton Hecke Einöder Die Jungtiere werden oft eben dann von den Eltern unter den Hecken versteckt und dann halt so ungefähr tatsächlich an Ostern liegen dann Feldhasenjungen oft unter Hecken. Das ist ganz wichtig. Sprecherin Feldhasen werden in Deutschland auf der roten Liste der bedrohten Tierarten als gefährdet gelistet. Ein anderes traditionelles Jagdwild gilt inzwischen als stark gefährdet, stellenweise sogar vom Aussterben bedroht: Das Rebhuhn. Sein Bestand in Deutschland ging seit Anfang der 80er Jahre um 85% zurück. 20 O-Ton Hecke Priefert In einem Bereich in der Uckermark, wo wir noch die letzten, ja, Rebhuhn Vorkommen nachweisen konnten in den letzten Jahren haben wir auch Hecken gepflanzt, weil gerade diese Tierart wird auch ganz stark von Füchsen, Waschbären und anderen Feinden werden die Rebhühner eben leider eben gefangen, also getötet und daher gehen die Zahlen zurück, und die Jäger freuen sich auch, wenn wir da Schutzmaßnahmen irgendwie gemeinsam initiieren. Gerade diese Tiere brauchen dann im Winter so ein bisschen Unterschlupf, dass, ja, ihre Spuren sozusagen verwischt werden und auch die Jungtiere eben unterkommen. Auf dem großen Acker oder auf der großen Wiese sind sie natürlich leichtere Beute für den Fuchs. Der findet sie ziemlich schnell … Sprecherin Der Niedergang der Rebhuhnpopulation in Deutschland hat also essenziell mit dem Strukturverlust der Agrarlandschaft zu tun. 21 AT Hecke Lockruf des Rebhuhns (mp3) Dabei war das kleine Wildhuhn mit dem charakteristischen Ruf einst ein beliebtes Wildbret. Der etwa taubengroße, maximal ein Pfund schwere Vogel braucht zum Überleben Gebüsche, Blühwiesen und Stoppelfelder. Die Henne legt ihre Gelege von durchschnittlich 15 Eiern bevorzugt in Bodenmulden unter Sträuchern oder in Blumenwiesen. Forschende der Georg-August-Universität Göttingen haben untersucht, in welchen Habitaten Rebhühner am häufigsten Beute der Füchse werden. Ergebnis: Hecken bieten den in ihnen liegenden Gelegen weniger Schutz als erwartet. Weil nämlich Füchse gerne an Feldrändern und entlang der Wege und Hecken auf Beutesuche gehen. Andererseits schützen diese Hecken sehr wohl jene Rebhuhnnester, die sich in Erdmulden auf den von Hecken begrenzten blühenden Wiesen befinden. Und dieser Schutz ist umso wirksamer, je länger und dichter die Hecken sind. Auch hier wirkt die Hecke also als Barriere, die Füchse und andere Raubtiere vom Eindringen auf die Wiese abhält. Eine weitere Bedingung dafür, dass viele Küken überleben ist, dass in der unmittelbaren Umgebung viele Insekten als Futter vorhanden sind. Und auch hier kommen wieder die Hecken in’s Spiel. Solange sie aus heimischen Sträuchern gebildet sind. Carolin Priefert: 22 O-Ton Hecke Priefert Man könnte jetzt sagen, naja, warum dann immer nur Standort-heimisch? Hört sich so ein bisschen trocken, altbacken an, aber darum geht es halt, dass die wirklich für die Insekten, die hier bei uns vorkommen, Nahrung bietet. Sprecherin Denn gerade bei Insekten hat eine Jahrtausende lange Koevolution mit Pflanzen dazu geführt, dass sie oft sehr spezialisiert sind, was Nahrungsquellen und Orte für die Eierablage angeht. So der schon erwähnte Zitronenfalter, der seine Eier ausschließlich in Faulbaum und Kreuzdorn platziert. Weißdorn, Vogelbeere und Kätzchenweide bieten allein hunderten von Insekten Nahrung, vom Laub der Hundsrose ernährt sich der glänzende Rosenkäfer. Und der Schneeballkäfer könnte ohne den Schneeball-Strauch gar nicht existieren. Bei nicht heimischen Sträuchern fehlt diese Koevolution. Das betrifft auch den bei Kindern so beliebten, allerdings giftigen, Knallerbsen-Strauch. Janna Einöder: 23 O-Ton Hecke Einöder Das ist die Schneebeere. Die wächst ja auch überall. Es ist ein invasiver Strauch. Tatsächlich. Invasiv heißt ja, dass sie sich relativ explosionsartig ausbreitet und wenig Platz für andere Arten lässt. Also sie ist eben keine gute Raupenfutterpflanze. Mittlerweile sieht man schon auch an den Blüten relativ viele Bienenarten, nicht nur Generalisten wie die Honigbiene oder die Hummel, sondern tatsächlich auch Wildbienenarten und Wespenarten, da hat sich die Fauna schon ein bisschen dran angepasst. Aber an die Blätter, die sind weiterhin noch relativ steril. Sprecherin Ein ganz anderer Fall ist der gewöhnliche Liguster, auf englisch „Privet“. Bei Harry Potter ist er der Inbegriff von Spießigkeit. Dass der Strauch überhaupt blüht und Beeren trägt, ist vielen nicht bewusst, weil er oft rabiat zurechtgestutzt wird. Manchmal aber gelingt es einem Berliner Liguster, seine Gärtner auszutricksen, sehr zur Freude der Stadtgrün-Spezialistin. 24 O-Ton Hecke Einöder Liguster wird hier viel, ist ja auch sehr pflegeleicht, viel geschnitten und im letzten Jahr war es sehr früh sehr warm und da hatte die Blüte dann nach dem Schnitt noch Zeit, nach dem Radikaloschnitt, Zeit sich zu entwickeln. Und dann hatten wir jetzt im Frühling total tolle Ligusterblüte und auch im Herbst jetzt eben die ganzen Beeren. Für Vögel ist es auch wichtig, dass Sträucher dann eben zur Blüte kommen und dann eben die Beeren machen. Man denkt an die Zugvögel, die zurückkommen und dann eben Hunger haben und Nahrung brauchen. Sprecherin Denn der gewöhnliche Liguster ist eine sehr wertvolle heimische Pflanze, bietet er doch reichlich Nahrung für Insekten und Vögel. Wenn er blühen und Früchte tragen darf. Wie diese vielfältige 30 Jahre alte Hecke, angelegt vom Landschaftspflegeverband. Carolin Priefert: 02 AT Hecke 25 O-Ton Hecke Priefert Wir haben immer Zweige, die sind mehr rötlich. Auch hier bei den Hundsrosen und dann eben auch mal ein Hellgrün oder ein Braun. Das helle Grün oder Türkisgrün der Flechten. Dann im Frühjahr treiben natürlich die jungen Blätter aus, dann haben wir ein strahlendes Grün und dann bald im März haben wir dann die Blüten, die weißen Blüten der Schlehe, des Weißdorns. Im Sommer ist es dann natürlich wahnsinnig dicht belaubt. Die großen Bäume haben ja auch verschiedene Blattformen. Die kleinen Flatterblättchen der Birken, oder die dicken Blätter der Linden, Wildbirne, Wildapfel haben dann langsam ihre Früchte. Weißdorn auch im Jahresverlauf. Pfaffenhütchen, das hat doch diese ganz pinken, exotisch aussehenden Früchte. Und dann im Herbst natürlich haben wir die verschiedenen Laubverfärbungen. Also gerade auch teilweise dunkelrote Blätter, das ist schon ein richtiges Farbenspiel aus gelb, dunkelrot, was man auch aus dem Wald kennt, aber in der Hecke ist es eher typisch, dass man so viele verschiedene Straucharten, Baumarten nebeneinander hat. Sprecherin So bietet die Hecke Nahrung, Deckung und Nistplätze für die Tierwelt, und Windschutz für die Ackerflächen. Und sie erfreut zu jeder Jahreszeit Augen und Ohren der Spaziergänger.

  6. LGBTIQ - Eine Bewegung und ihre Geschichte

    05.05.2025 · 23 Min.

    Die Geschichte der queeren Bewegung hat viele Dimensionen, sie ist seit jeher vielstimmig - und oft uneinig. Queer-Sein hat sich seinen Weg in den politischen und wirtschaftlichen Alltag gebahnt, mit Möglichkeiten, die lange undenkbar waren. Ist all das in Gefahr? Aktuell bereitet der Aufschwung rechtspopulistischer Politik in Europa vielen queeren Menschen Sorge. Von Karin Becker (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Karin Becker Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Caroline Ebner, Diana Gaul, Peter Lersch Technik: Winfried Messmer Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Hier gibt es eine weitere hörenswerte folge von radioWissen: Trans*menschen und die Medizin - Forschung und Vorurteil JETZT ANHÖREN Homosexualität - Diskriminiert, kriminalisiert, gleichgestellt JETZT ANHÖREN Die Goethe-Institute in Nordamerika haben in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum in Berlin und der Bundeszentrale für politische Bildung ein spannendes Projekt entwickelt: EXTERNER LINK | QUEER AS GERMAN FOLK Willkommen im Club - der LGBTIQ*-Podcast von PULS Willkommen im Club der LGBTIQ*-Community! Aber wer ist das eigentlich und wieso braucht sie so viele Buchstaben im Titel? Welche Klischees ärgern Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und andere queere Menschen so richtig? Was beschäftigt sie gerade? Gemeinsam mit euch entdecken Kathi und Julian, die eine lesbisch, der andere schwul, die wunderbare Welt der "Alle-Buchstaben-Community". BR PODCAST | PULS | WILLKOMMEN IM CLUB

  7. Hebammen - Hilfe ins Leben

    05.05.2025 · 22 Min.

    Eine Geburt ist immer auch ein soziales Ereignis, das Menschen prägt und ihr Leben verändert. Der Beruf der Hebamme war immer mit einer besonderen Aura umgeben. Von Brigitte Kohn (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn Regie: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Jenny Güzel Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Barbara Fillenberg, Hebamme und Lehrstuhlinhaberin für Hebammenwissenschaft an der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e.V. PD Dr. habil. med. Nadine Metzger, PhD, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 1 O-TON PROF. FILLENBERG 00.49 Ich muss zugeben, dass ich immer noch Tränen in den Augen hab, wenn das Baby geboren ist. Ich glaub, das hängt auch damit zusammen, dass ich unglaublich stolz bin auf die Frau, die diese Leistung absolviert hat in dem Moment. Und das ist so eindrücklich, dass mich das nie loslässt. ERZÄHLERIN: Die Hebamme Barbara Fillenberg, Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Hebammenwissenschaft an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz, hat vielen Kindern auf die Welt geholfen und viele Paare auf den Weg ins Elternsein begleitet. Sie weiß, dass das Erleben und Gestalten von Geburten sehr stark von historischen und sozialen Rahmenbedingungen abhängt und sich im Lauf der Zeit verändert. MUSIK ENDE 2 O-TON BARBARA FILLENBERG 8.50 Ich stelle schon fest, dass das Thema Geburt nicht mehr so präsent ist in den Köpfen der werdenden Eltern. Dass das eigene Baby das erste Baby ist, das die Eltern auf dem Arm tragen, und dass sie sich im Vorfeld wenig Gedanken machen, was das eigentlich bedeutet, ein Kind zu kriegen. Oder sie haben sich so viel Gedanken gemacht, dass sie viele Filme anschauen und viel Informationsmaterial einholen und dann eher in die Risikodenkweise kommen. Und das ist für uns als Hebammen nicht ganz befriedigend, weil wir ja einen ganz anderen Ansatzpunkt haben, und wir hätten schon gerne, dass die Kinder lernen, dass eine Geburt was ganz Normales ist, was dazugehört zum menschlichen Leben und dass das auch ein normaler Vorgang ist im Leben einer Frau, der bei den Frauen meistens ganz gutgeht.“ ERZÄHLERIN: Dass das Kinderkriegen meistens ganz gut geht, darauf konnte man nicht immer so zuversichtlich hoffen. Im 18. Jahrhundert nehmen etwa 20 Prozent der Geburten einen tragischen Verlauf. Auch Johann Wolfgang Goethe wäre bei seiner Geburt fast gestorben. Seine Mutter Catharina Elisabeth erzählt Jahrzehnte später ihrer Freundin, der Dichterin Bettine von Arnim, von den Strapazen ihrer Niederkunft, und Bettine gibt das Gehörte brieflich an Goethe weiter: MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 00:53 ZITATORIN: "Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst, und machtest der Mutter schwere Stunden; aus Zorn, dass Dich die Not aus dem eingeborenen Wohnort trieb, und durch die Misshandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen." ERZÄHLERIN: Protestantische Gesangsbücher jener Zeit enthalten Lieder, die Schwangeren Mut machen sollen. Vor der Geburt machen viele Frauen ihr Testament. Catharina Elisabeth Goethe und ihr erstes Kind haben Glück: Alles wird gut. ZITATORIN: „Sie … bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Großmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: Rätin, er lebt!“ MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Wein gilt als Stärkungsmittel, man reibt schwächliche Neugeborene damit ein und gibt ihn auch den Gebärenden und Wöchnerinnen zu trinken. Des Weiteren hält man Zugluft von der Wochenstube fern, heizt gründlich ein, stellt Tücher, heißes Wasser und frische Butter als Schmier- und Gleitmittel bereit. Hebammen haben im allgemeinen Klistiere im Gepäck, Leinenfäden zum Abbinden der Nabelschnur, stumpfe Scheren zum Durchschneiden derselben, Salmiakgeist und Kräutersalben, auch Weihwasser und Spritzen zur Nottaufe von Kindern, die bei der Geburt zu sterben drohen. Und dann wartet man ab und hofft das Beste. Bei Komplikationen jedoch muss eine Hebamme entschlossen zugreifen. Goethes Hebamme geht so rabiat zu Werke, dass die Familie ihr die Schuld an dem gefährlichen Verlauf der Geburt gibt. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 01:01 ERZÄHLERIN: Das 18. Jahrhundert ist eine Zeit großer Veränderungen, auch in der Medizin. Immer mehr männliche Ärzte drängen in die Geburtshilfe und beanspruchen die Kontrolle über die Hebammen, ohne selbst Praxiserfahrung zu haben. Das geht nicht ohne Konflikte ab, und die schwelen lange auch in den Hierarchien moderner Kliniken bis in die Gegenwart hinein. Barbara Fillenberg ist zuversichtlich, dass die Akademisierung für mehr Augenhöhe sorgen wird. Seit 2020 ist Hebammenwissenschaft auch in Deutschland ein Studiengang, der den Hebammen auch wissenschaftliche Karrieren eröffnet. Das wird die Forschung beleben, denn Hebammen legen den Fokus auf den normalerweise unproblematischen Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, während Ärzte sich stärker mit Risiken auseinandersetzen müssen. MUSIK ENDE Das Studium der Hebammenkunde hat einen hohen Praxisanteil und zieht viel Interesse auf sich, weiß die Medizinhistorikerin Nadine Metzger, die die Studentinnen an der Universität Erlangen in der Geschichte des Hebammenberufs unterrichtet. Sie hat ein Lehrbuch verfasst mit dem Titel „Medizinische Terminologie für Hebammen“, das auch umfangreiche Kapitel zur Geschichte dieses Berufes enthält, und sie arbeitet gern mit den jungen Leuten im aufblühenden Feld der Hebammenwissenschaften. 3 OTON NADINE METZGER: Die sind unglaublich engagiert, und es gibt auch sehr viele Bewerbungen auf die Studienplätze. Die Studienplätze sind sehr begrenzt, weil es so intensive Praxisanleitungen in diesem Studium hat, und da kann man halt nicht 100 Leute gleichzeitig ausbilden, sondern maximal 25 oder 35 hier in Erlangen. Es kommen aber viele hundert Bewerber auf diese Plätze. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner: Original Motion Picture Soundtrack; Label: Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 01:01 ERZÄHLERIN: Gelehrte Hebammen gab es früher auch schon. In der Antike sind sie nicht einmal so selten. Viele von ihnen haben eine ähnliche Ausbildung wie Ärzte, manche verfassen auch Bücher. Platon überliefert, dass die Mutter des Sokrates Hebamme gewesen sei und dessen philosophisch-didaktische Methode inspiriert habe: So wie die Hebamme dem Kind auf die Welt helfe, so verhelfe er, Sokrates, seinen Schülern dazu, Gedanken und Einsichten zur Welt zu bringen. Der Philosoph Aristoteles sucht häufig das Gespräch mit Hebammen, wenn er an seinen anatomischen und naturkundlichen Schriften arbeitet. Im 17. Jahrhundert hat es Justine Siegemund, eine gebildete Pastorentochter, von der Dorfhebamme zur Hofhebamme am brandenburgischen Hof gebracht und ein vielbeachtetes Lehrbuch veröffentlicht. MUSIK ENDE 4 O-TON BARBARA FILLENBERG 28. Siegemund hat einen Begriff geprägt, den ich bis heute faszinierend finde, das ist das Kontaktwissen. Als Hebamme lerne ich die Frau als Person kennen, lerne ihre Familie kennen, und wenn ich die Wochenbettbegleitung mache und die Schwangerschaftsvorsoge auch im häuslichen Umfeld anbiete, dann stelle ich fest, wie die Frau lebt und welche Ressourcen ihr zur Verfügung stehen. Dass ich auch erspüren kann von der Frau, was braucht die jetzt von mir. ERZÄHLERIN: Im 18. Jahrhundert entwickelt eine Französin namens Angélique du Coudray ein wegweisendes Unterrichtsmodell … 5 O-TON BARBARA FILLENBERG um zu zeigen, wie sich das Kind durch das Becken schraubt bei der Geburt. Sie konnte an diesem Modell auch Komplikationen darstellen, und Hebammen hatten immer die Gelegenheit, an diesem Modell zu üben, auch manuell zu üben, und das wird bis heute angewandt. ERZÄHLERIN: Aber Siegemund und Coudray sind Ausnahmehebammen. Die durchschnittliche Hebamme im Mittelalter und in der frühen Neuzeit kommt aus den ärmeren Schichten: Als Bäuerin oder Handwerkersfrau ist sie auf einen Zuverdienst angewiesen und hat weder Zeit noch Kenntnisse zum Bücherschreiben. Aber Erfahrung mit Geburten und einen guten Ruf in der Dorfgemeinschaft, das hat sie schon. 6 O-TON METZGER: Die verheirateten Frauen wählen untereinander aus ihrer Mitte die Hebamme, und das ist eine Frau, zu der sie offensichtlich Vertrauen haben. Das ist aber nicht so, dass die eine Ausbildung gehabt hätten, das war nicht großartig organisiert. Eine informelle Wissensweitergabe. ERZÄHLERIN: Im Dorf spricht es sich schnell herum, wenn bei einer Frau die Wehen einsetzen. Nachbarinnen und Verwandte eilen herbei, die Männer holen die Hebamme ab, begleiten sie durch oft unwegsames Gelände und ziehen sich zu Hause, wenn es dann hart auf hart kommt, zurück. Gebären ist Frauensache. 7 O-TON NADINE METZGER Traditionell haben immer die Frauen aufrecht geboren. Entweder gestützt im Stehen, im Hocken, durch andere Frauen aufrecht gehalten, oder im 17., 18. Jahrhundert auf Gebärstühlen, im aufrechten Sitzen. ERZÄHLERIN: Die Gebärende bleibt bekleidet, das gebietet das Schamgefühl auch unter Frauen, und die Hebamme ertastet die Lage des Kindes unter ihren Röcken. Ist die Lage problematisch, muss das Kind im Mutterleib gewendet werden. Ein Kaiserschnitt ist noch keine Option, die Mutter würde verbluten. 8 O-TON NADINE METZGER: Die Hebamme Justine Siegemund beschreibt in ihrem Buch ein von ihr entwickeltes Verfahren mit Hilfe eines Wendestäbchens, wo die Hebamme ihren Arm bis in den Uterus einführt und mit einem Stäbchen und einer Schlinge das Kind im Mutterleib wendet. Das muss eine schreckliche Prozedur gewesen sein, aber das hat Leben gerettet. Das zu können und zu wissen, wie man das macht, und es im richtigen Moment zu machen, das hat eine gute Hebamme in der Vormoderne ausgezeichnet. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 01:41 ERZÄHLERIN: In Fällen, in denen sich ein tragisches Ende abzeichnet, dürfen und müssen Hebammen dem Kind die Nottaufe spenden und den sterbenden Müttern die Beichte abnehmen, also priesterliche Funktionen übernehmen. Die Kirche achtet darauf, dass sie die entsprechenden Gebetsformeln und Rituale beherrschen, und sie erwartet auch von ihnen, dass sie Verstöße gegen die Sittlichkeit, uneheliche Geburten zum Beispiel und den Namen von Kindsvätern, melden. Zur Zeit der Inquisition müssen Hebammen sich verstärkt bemühen, an ihrer Rechtgläubigkeit keinen Zweifel zu lassen, um nicht in den Verdacht der Hexerei zu geraten. Das ist nicht so einfach, da Bräuche und Rituale mit heidnischem Einschlag oft noch sehr beliebt sind. AKZENT Die Entlohnung der Hebammen regelt allerdings niemand. Wohlhabende Familien geben Geld oder Naturalien, Feuerholz zum Beispiel, bei den Armen gibt es wenig oder nichts zu holen. Viele Hebammen, die ja oft selbst einen harten Lebenskampf bestehen müssen, verwenden also mehr Sorgfalt und Zeit auf reiche Familien als auf arme. Das ist einer der Missstände, die den Regensburger Stadtvätern 1452 ins Auge fallen, weswegen sie den ersten überlieferten Versuch unternehmen, die Geburtshilfe amtlich zu regeln. Sie sehen … MUSIK ENDE ZITATOR: „den Mangel und Abgang, den sie in ihrer Stadt an guten Hebammen hätten, und dass durch Unordnung der Hebammen zu Zeiten die Frauen verwahrlost würden“. ERZÄHLERIN: Die Regensburger Stadtväter verbieten den Hebammen, den Geburtsvorgang künstlich zu beschleunigen oder die Gebärende vorzeitig zu verlassen, um zu einer anderen womöglich reicheren Frau zu eilen. Und außerdem sollen die Hebammen bei der Arbeit nicht trinken, jedenfalls keinen Alkohol. ERZÄHLERIN: Die Stadtväter regeln noch einiges mehr, und sie lassen die Frauen einen Eid vor der Obrigkeit schwören, dass sie sich an alle Auflagen halten werden. 10 O-TON NADINE METZGER: Dass Hebammen ihren Job richtig machen, wurde kontrolliert durch ein Gremium ehrbarer Frauen, wahrscheinlich die Gattinnen von Ratsherren oder wichtigen Handwerksmeistern. Und die haben in dieser weiblichen Sphäre der Frauengemeinschaft geguckt, dass die vereideten Hebammen sich an den Eid halten. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 01:16 ERZÄHLERIN: Hebammeneide sind also der Ursprung der Professionalisierung der Geburtshilfe. Später werden sie vor Ärztekollegien abgelegt, denn seit dem 17. Jahrhundert steigen im Zuge des Fortschritts der Naturwissenschaften das Ansehen und der Einfluss der Ärzte in der Stadtgesellschaft rapide an. Immer mehr Landesherren erkennen, dass die Gesundheit ihrer Landeskinder und eine hohe Bevölkerungszahl für die Wirtschaft und die Landesverteidigung wichtig sind, und fördern den Beginn einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Ärzte kontrollieren und überwachen die Hebammen zunächst und bilden sie später auch aus. Obwohl diese Entwicklung Konflikte und Nachteile mit sich bringt, hält die Medizinhistorikerin Nadine Metzger nichts davon, vormoderne Verhältnisse zu idealisieren. Ähnlich wie die historische medizinische Literatur enthalte das schriftlich überlieferte traditionelle Hebammenwissen auch Irrtümer wie beispielsweise Opiumgaben für Neugeborene, sagt sie. 11 O-TON NADINE METZGER: Man muss sich sehr davor hüten, das zu romantisieren. Das Bild der Hebamme als weise Frau mit besonderem Heilwissen, mittelalterlich verbrämt, das ist eine Figur, die sehr stark durch die Nazis gefördert wurde. ERZÄHLERIN: In der Stadt setzen sich die neuen Spielregeln viel schneller durch als auf dem Land, wo lange alles beim Alten bleibt. Zwar werden auch Landgemeinden spätestens seit 1800 dazu verpflichtet, angehende Hebammen zu medizinischen Kursen in die Stadt zu schicken, aber die Landfrauen akzeptieren die neumodischen Geburtshelferinnen oft nicht und schicken lieber nach den traditionellen, die sie schon kennen und die auch an den lebhaften Trubel gewöhnt sind, in dem das Gebären so stattzufinden pflegt. Cousinen, Tanten und Nachbarinnen bechern gemeinsam Wein und Bier, rauchen Tabak und überbieten sich gegenseitig mit Ratschlägen. ZITATOR: „Alle die anwesenden Frauen erzählen die Stellung, in welcher jede von ihnen ihre Kinder am leichtesten zur Welt gebracht hat, und nötigen die Gebärende, alle diese Stellungen nacheinander zu versuchen“, ERZÄHLERIN: … stellt ein Arzt aus Altona im Jahre 1763 irritiert fest. In einigen Stadtarchiven gibt es Akten über Prozesse, in denen sich eine Hebamme und ein Arzt wechselseitig der Ahnungslosigkeit und Praxisferne beziehungsweise der Kurpfuscherei beschuldigen. Karikaturen von beschwipsten Hebammen machen die Runde. 12 O-TON NADINE METZGER. Es ist oft in dieser Zeit für uns schwer zu trennen, was ist üble Nachrede und was ist ein realistisches Problem gewesen. Dieses Bild der alkoholisierten, unfähigen, schmutzigen Hebamme, das ist ein Bild, das sehr viel von ärztlichen Autoren beschworen wird. Im 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert und auch noch im 20. Jahrhundert. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 00:55 ERZÄHLERIN: Der moderne Arzt will Ruhe und Konzentration und einen zügigen Geburtsverlauf. Häufig greift er viel zu schnell zur Geburtszange, die es seit dem 17. Jahrhundert gibt und die die Hebammen nicht verwenden dürfen; Risikogeburten sind zum Vorrecht des Arztes geworden. Viele Frauen und Kinder überleben die Tortur einer Zangengeburt allerdings nicht. Auch die Gebärhäuser, die im 18. und 19. Jahrhundert entstehen, haben so erschreckend hohe Sterberaten, dass Kritiker sie als „Mördergruben“ bezeichnen. Und doch werden diese Häuser hauptsächlich deswegen gegründet, um die Ausbildung ärztlicher Geburtshelfer zu ermöglichen und die der Hebammen zu systematisieren. MUSIK ENDE 13 O-TON METZGER: Die Idee war die, dass arme Frauen, Frauen aus der Unterschicht mit unehelichem Kind, dass die so verzweifelt sind, dass die dann in so eine Anstalt gehen und sich dort als Anschauungsobjekt den Ärzten und Studenten zur Verfügung zu stellen. Und da normalerweise Gebären im Frauen- und Familienkreis abgelaufen ist, haben das wirklich nur ganz verzweifelte Frauen gemacht. Aber aus dieser Praxis konnte dann eben die aufstrebende männliche ärztliche Geburtshilfe genügend Anschauungs- und Forschungsmaterial gewinnen – also, „Material“ ist hier ein entpersonalisierendes Wort für die Gebärende und ihr Kind -, um daraus die Geburtshilfe als ärztliche Disziplin zu etablieren. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 01:00 ERZÄHLERIN: Die Frauen müssen im Liegen gebären, um Medizinstudenten und Hebammenschülerinnen bessere Einblicke zu gewähren. Das Kindbettfieber rafft eine Frau nach der anderen dahin. 1847 schöpft der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis den Verdacht, das könnte mit den ungewaschenen Händen der Ärzte zusammenhängen, die gerade von der Leichenschau kommen, aber er stößt auf Widerstände. Antiseptische Vorgehensweisen setzen sich nur allmählich durch – im Fahrwasser der Fortschritte in der Chirurgie. Von denen profitiert auch die Geburtshilfe. Seit 1882 ist es möglich, den Uterus nach einem Kaiserschnitt mit Carbolseide zu vernähen. Das senkt die Mortalität im Laufe der folgenden Jahrzehnte immer mehr und ist ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der Geburtshilfe. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Das wachsende Hygiene- und Gesundheitsbewusstsein hat aber auch eine dunkle Seite. Vorstellungen von Rassereinheit und Eugenik machen sich bereits im 19. Jahrhundert in den Wissenschaften breit. Sie finden ihren furchtbaren Höhepunkt im Nationalsozialismus, der auch den Hebammenberuf ideologisch für sich vereinnahmt. 15 O-TON NADINE METZGER Die Reichshebammenführerin Nanna Conti war die Mutter des Reichsärzteführers, Leonardo Conti. Das war eine ganz stramme Nationalsozialistin, die schon in den 20er Jahren in die NSDAP eingetreten war und voll hinter jedem völkischen Gedankengut stand und es sehr geschickt geschafft hat, die Hebammen in den Dienst der Körperpolitik der NS-Diktatur zu stellen. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 00:52 ERZÄHLERIN: In der Nachkriegszeit setzt sich die Klinikgeburt auch auf dem Land flächendeckend durch, in der DDR in den Sechzigern, in der Bundesrepublik etwas später. In der DDR verbucht man bessere Erfolge bei der Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit als in der Bundesrepublik, auch die Hebammenausbildung ist sehr viel fundierter. Im Westen übernehmen Kassenärzte seit 1965 auch die Schwangerenvorsorge, was die Hebammen erst mal ins Hintertreffen geraten lässt. Inzwischen haben sie aber wieder ein gutes Standing, findet die Hebammenwissenschaftlerin Barbara Fillenberg. In ihrer vielfältigen Laufbahn als Hebamme hat sie auch die Erfahrung gemacht, dass Ärzte und Hebammen gut zusammenarbeiten können. MUSIK ENDE 16 O-TON BARBARA FILLENBERG: Und dieses Miteinander, das würd ich mir wünschen, dass wir das intensivieren, weil ich glaube, für die Frauen, für die Familien gibt’s nichts Besseres, als wenn die Berufsgruppen Hand in Hand arbeiten. Für mich ist es so, dass wir von der Frau aus und den Bedürfnissen des Kindes aus denken sollten und nicht unbedingt nur, was will die Berufsgruppe für sich selber, ob das jetzt Ärzte oder Hebammen sind. Der Diskurs bringt uns weiter. Es wär ja schrecklich, wenn‘s immer nur harmonisch wär, dann würden wir ja auf der Stelle treten. 17 O-TON NADINE METZGER: Ich glaube, es sehen alle in dem Bereich als Problem, dass man sich unter Personalmangel-Umständen nicht genügend um die einzelne Gebärende kümmern kann. Es ist ein organisatorisches Problem, es ist ein finanzielles, wirtschaftliches Problem, und allein der Hebammenmangel ist dafür nicht verantwortlich, es ist ein strukturelles Ding. Man kann nur hoffen, dass da gute neue Lösungen entwickelt werden.

  8. Staatsdenker des Putinismus - Iwan Iljin

    05.05.2025 · 24 Min.

    Mit Putins Machtpolitik erfuhr er eine ungeahnte Renaissance: Der russische Philosoph Iwan Iljin (1883-1954). In Artikeln beschreibt er dezidiert den umbau eines postkommunistischen Russlands in ein autoritäres großrussisches Reich. Von Christine Hamel (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Christine Hamel Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Bürckle, Christian Baumann, Oliver Stokowski, Jerzy May, Constanze Fennel, Andreas Neumann Technik: Christine Frey Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Ilya Budraitskis, Historiker an der University of California in Berkeley Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Rossija- Russland. Unermüdlich umkreist Iwan Iljins Denken Russland. Zitator: Ich lebe nur für Russland. (..) Russisch sein bedeutet nicht nur, Russisch zu sprechen. Es bedeutet, Russland mit dem Herzen wahrzunehmen, mit Liebe seine kostbare Originalität und seine absolute Einzigartigkeit in der gesamten Weltgeschichte zu sehen, zu verstehen, dass diese Einzigartigkeit ein Geschenk Gottes ist, das dem russischen Volk persönlich gegeben wurde. Musik 2 "From My Youth" - Künstler: Andrei Vasilyevich Malutin & Akafist Male Chamber Choir - Album: Famous Russian Choral Works - Komponist: Traditional - Länge: 0'41 Sprecher: Die Russen, ein von Gott auserwähltes Volk - auserwählt zur Rettung und Befreiung der gesamten Menschheit. Diese Idee ist fester Bestandteil großrussischer Ideologie. Sprecherin: Iwan Iljin begeistert sich für den Glauben, den er in Russland als besonders schöpferisch empfindet, hebt Russlands „geschichtliche Tragik“ hervor, ihm imponiert die „nationale Zähigkeit“ und unermüdlich geht er der russischen Seele auf den Grund. Russland, schreibt Iljin – und die Ukraine gehört für ihn selbstverständlich dazu - sei ein lebendiger Organismus. Musik 3 "Dekalog VIII, Pt. 4" - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 1'01 Zitator: Wenn man mit Ausländern über Russland spricht, muss jeder loyale russische Patriot ihnen klar machen, dass Russland kein Zufall ist, dass Russland kein zufälliger Haufen von Territorien und Stämmen und kein künstlich koordinierter "Mechanismus" von Regionen ist, sondern ein lebendiger, historisch gewachsener und kulturell begründeter ORGANISMUS. Dieser Organismus ist eine geographische Einheit, deren Teile durch wirtschaftliche gegenseitige Ernährung verbunden sind; dieser Organismus PAUSE ist eine geistige, sprachliche und kulturelle Einheit, die das russische Volk mit seinen nationalen und jüngeren Brüdern historisch verbunden hat - durch geistige gegenseitige Ernährung; er ist eine staatliche und strategische Einheit, die der Welt ihren Willen und ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung bewiesen hat. Sprecherin: Iljin ist ein großer Kritiker des Intellektualismus und hält nicht viel von Analyse und Argumentation Sprecher: Er will zeigen statt beweisen. Daher sein blumiger Stil. Sprecherin: Lange war das etwa 40 Bücher umfassende Werk des Philosophen in der Mottenkiste der „Ideologeme“ des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verschwunden. Während der gesamten Sowjetzeit war Iljins Werk mit einem Bann belegt. Schließlich hatte er rechten, faschistischen Ideen das Wort geredet. Sprecher: Aber dann entdeckte Putin-Russland den Philosophen – als Gewährsmann für eine propagierte Einzigartigkeit der russischen Kultur, für den starken Staat, den russischen „Sonderweg“ und als Ideenstifter einer orthodoxen-neokonservativen Ideologie, der sogenannten „Traditionellen Werte“. Sprecherin: Der Historiker, Politik- und Sozialtheoretiker Ilya Budraitskis hat sich lange mit Iwan Iljin auseinandergesetzt. Zu seinem Forschungsgebiet gehören der Konservatismus und der Aufstieg des Rechtspopulismus. Er war Dozent an der Moskauer Hochschule für Sozial und Wirtschaftswissenschaften. Seit 2022, dem Einfall Russlands in die Ukraine, arbeitet er an der University of California in Berkeley. VOICE OVER Das derzeitige Regime in Russland wird nicht von einer bestimmten Philosophie geleitet, auch nicht von der Philosophie Iwan Iljins. Aber es ist nicht zu übersehen, dass Iljin ein wichtiger Autor für das Regime ist. Es gibt beispielsweise viele Reden von Wladimir Putin, die sich auf Iljin beziehen. Auch andere Staatsfiguren sprechen ständig über ihn. Man fühlt sich Iljin durchaus verbunden, sowohl seinen Moralvorstellungen als auch seinen politischen Konzeptionen. Sprecher: Bei der Zeremonie der illegalen Angliederung der besetzten Gebiete in der Ukraine sagte Putin: (O-Ton Putin) VOICE OVER PUTIN Ich möchte meine Rede mit den Worten eines wahren Patrioten - Iwan Alexandrowitsch Iljin – schließen. „Wenn ich meine Heimat als Russland betrachte, bedeutet das, dass ich auf Russisch liebe, überlege und denke, singe und spreche; dass ich an die geistigen Kräfte des russischen Volkes glaube und sein historisches Schicksal mit meinem Instinkt und Willen akzeptiere. Sein Geist ist mein Geist, sein Schicksal ist mein Schicksal, sein Leid ist mein Leid, seine Blüte ist meine Freude. Musik 4 "Dekalog IX, Pt. 12" - - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'58 Sprecherin: Iwan Iljin wird am 28. März 1883 in Moskau geboren. Seine Mutter Karolina Luisa Schweikert von Stadion ist Russlanddeutsche, deshalb wächst Iwan zweisprachig auf. Der Vater Aleksander Iljin ist ein renommierter Moskauer Rechtsanwalt aus einer aristokratischen Familie, Zar Alexander II. war sein Taufpate. Iwan hat drei Brüder. Nach einem glänzend bestandenen Abitur schreibt er sich an der Fakultät für Rechtswissenschaften an der Moskauer Universität ein Sprecher: Sein Interesse gilt aber der Philosophie. Nur gibt es im Russischen Reich keine eigenständigen Philosophiefakultäten, denn Philosophie gilt als gefährliche Disziplin im Zarenreich. Ein Grund, warum er während seines Studiums viel Zeit in Deutschland verbringt. 2. Zsp.: (Ilya Budraitskis) VOICE OVER Den größten Einfluss auf ihn hat Hegel. Hegel ging davon aus, dass die Geschichte letztlich eine positive Wendung nimmt. Das heißt, der Mensch vereinigt sich mit Gott. Iljin glaubte, dass eine solche Wiedervereinigung unmöglich ist. Deshalb gehört es zum Schicksal des Menschen, dass Vollkommenheit oder eine perfekte Gesellschaft IHM zufolge nicht erreichbar sind, sie bleiben immer Utopie. Musik 5 "Chase - Apartment to Subway" - Jóhann Jóhannsson - Länge: 1'05 Sprecher: Über den Charakter Iwan Iljins ist wenig bekannt, Fotografien zeigen einen ernsten, streng blickenden Mann, tiefliegende Augen, Halbglatze und Oberlippen- sowie Kinnbart. Es gibt eine frappante Ähnlichkeit zu Lenin. Die Cousine seiner Frau, die Dichterin Ewgenija Gerzyk erinnert sich wenig schmeichelhaft an ihn. Zitatorin: (…) Die Fähigkeit, ideologische Gegner zu hassen, zu verachten, zu beleidigen war bei Iljin besonders ausgeprägt, und von dieser Seite kannten ihn die Moskauer in den damaligen Jahren. Sprecher: Ein aggressiv-polemischer Einzelgänger, der die russische Intelligenzija als „geistig sittenlos“ empfindet. Sie habe Russland – Zitat - „Verwesung“ und „Niedergang“ gebracht, und den Bolschewiki, also den kommunistischen Revolutionären damit den Weg geebnet. Musik 6 "Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Künstler: Alexei Aigui - Länge: 0'30 Sprecherin: Nach seiner Rückkehr nach Russland nimmt Iljin eine Lehrtätigkeit an der Fakultät für Rechtsphilosophie auf. Seine akademische Laufbahn wird jedoch von den politischen Ereignissen überrollt. Die Oktoberrevolution, bei der die kommunistischen Bolschewiki unter Führung Wladimir Lenins gewaltsam die Macht an sich rissen, ist Iljin von Anfang an verhasst. Die Gründe schlüsselt Ilya Budraitskis auf. 3. Zsp.: (Ilya Budraitskis) – Voice Over Die Rechtfertigung des Leidens und des Todes sind für Iljin sehr wichtig. Denn nur durch den Tod, durch das Leiden, erreicht der Mensch höhere Sphären. Deshalb ist der Bolschewismus für ihn inakzeptabel. Er lehnt alle sozialen Utopien ab, weil sie seines Erachtens eine falsche Vollkommenheit anbieten. Vollkommenheit ist für Iljin nicht erreichbar. Sprecher: Iwan Iljins Denken verrät vielmehr die Sehnsucht nach Kampf und Bewährung, nach Härte und Schwere. Er bewundert den Faschismus Benito Mussolinis, der das Leben als einen einzigen Kampf darstellt. Zitator Im Leiden wird die Menschheit weise Sprecher: ist Iljin überzeugt. 4. Zsp. (Ilya Budraitskis) Voice Over Der Weg des Menschen, der Weg der politischen Bewegung ist bei Iljin ein ständiger Kampf um höhere, geistige Werte. Das heißt, der Mensch offenbart sich nur in extremen Situationen, im Leiden und im Angesicht des Todes. Sprecherin: Selbst die bolschewistische Revolution versteht Iljin letztlich als schicksalhaften Leidensweg, aus dem die Russen, das gotterwählte Volk abermals geläutert hervorgehen werden. 1925 schreibt er: Musik 7 "Chase - Apartmen to Subway" - Jóhann Jóhannsson - Komponist und Ausführender: McCanick (Josh C. Waller's Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 1'05 Zitator Schreckliche und schicksalsbestimmende Ereignisse, die unsere wunderbare Heimat heimgesucht haben, jagen mit versengendem und reinigendem Feuer durch unsere Seelen. In diesem Feuer brennen alle falschen Grundlagen, Verirrungen und Vorurteile, auf denen die Ideologie der ehemaligen russischen Intelligenz errichtet wurde. Sprecherin: Iljin meint hier die Orientierung vieler russischer Intellektueller am Westen, ihren Pazifismus, ihren – wie er es nennt - „sentimentalen Moralismus“. Ihn stört vor allem der Atheismus der Liberalen, ihre angebliche „Willenlosigkeit“, ihr Kampf um Freiheit und Demokratie, ihre Freizügigkeit. Zitator: Auf diesen Grundlagen durfte man Russland nicht erbauen, die Verirrungen und Vorurteile führten es zu Verwesung und zum Niedergang. Sprecher: Aber, so fährt er fort: Musik 8 "Girl Theme (From “Girl” Original Motion Picture Soundtrack)" - Künstler und Komponist: Valentin Hadjadj - Album: Girl (Themes & Variations / Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'30 Zitator: In diesem Feuer (der Revolution) wird unser religiöser und staatlicher Dienst erneuert, werden unsere geistigen Augen geöffnet, werden unsere Liebe und unser Wille geläutert. Und das erste, was dadurch in uns wiedergeboren wird, wird die religiöse und staatliche Weisheit (…) der russischen Orthodoxie sein. Sprecher: Auch wenn Iljin die Revolution als stählendes Schicksal für das russische Volk und die Orthodoxie begreift, engagiert er sich doch aktiv, ihr so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten. Er sammelt Geld für die Kampfverbände der konterrevolutionären „Weißen Bewegung“, gerät aber auch mit seinen aufrührerischen Artikeln ins Visier der sowjetrussischen Obrigkeit. Sprecherin: Wegen antibolschewistischer Tätigkeit wird er zwischen 1918 und 1922 sechs Mal verhaftet, sogar zum Tode verurteilt. Sprecher: Da Lenin aber Iljins Dissertation über Hegel schätzt, wird das Urteil nicht vollstreckt. Sprecherin: Vielmehr wird der Philosoph 1922 zusammen mit seiner Frau und vielen anderen Schriftstellern, religiösen Denkern und Wissenschaftlern auf einem der beiden berühmten Philosophenschiffe zwangsabgeschoben. Iljin bleibt in Weimardeutschland, arbeitet am Russischen Wissenschaftlichen Institut in Berlin und versucht vom Ausland aus, die Konterrevolution zu unterstützen. Sprecher: Iwan Iljin wird zu dem wichtigsten Propagandisten der Weißen Bewegung, eines Sammelbeckens von Bolschewismusgegnern aller Couleur. Sprecherin: 1925 erscheint sein Schlüsselwerk „Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse“. 5. Zsp.: (Ilya Budraitskis) Voice Over Das heißt, dem Bösen muss aktiv widerstanden werden. Hier ist es wichtig zu sagen, dass Iljin nicht die Gewalt verteidigt, es geht ihm vielmehr um die Kraft. Aus seiner Sicht ist die Gewalt schlecht, denn sie ist willkürlich und ja nicht mit den höheren göttlichen Werten verbunden. Aber um dem Bösen entgegenzuwirken, muss Kraft aufgeboten werden. Sprecher: Diese Kraft kann dann allerdings sehr gewalttätig werden – nur dass Iljin das „kämpfende Liebe“ nennt. Musik 9 "Dekalog VIII, Pt. 4" - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'55 Zitator: Folglich bleibt eine einzige, universelle Regel: dem Bösen aus Liebe zu widerstehen –(…) aus Liebe zu nötigen und zu unterdrücken, wo es nötig ist, aus Liebe zu überreden, aus Liebe hinzurichten (…) Ja, der Weg der Kraft und des Schwertes ist kein gerechter Weg. Doch gibt es einen anderen, gerechten Weg? Doch nicht etwa der sentimentale Weg der Widerstandslosigkeit, der Weg des Verrats der Schwachen. (…) Natürlich hat dieser Weg etwas weitaus „Ruhigeres“, etwas weitaus „Anständigeres“ und dem äußeren Anschein nach ein Aussehen, das weniger Blutvergießen fordert, jedoch nur Leichtsinnigkeit und böse Torheit können nicht wahrnehmen, um welchen Preis diese „Ruhe“ und „Anständigkeit“ erkauft wurden. Sprecherin: Den moralischen Folgen seiner Handlung, seiner Schuld muss sich der Kämpfer bei Iljin wiederum stellen. Etwa durch religiöse Askese. Darin besteht - so Iljin – recht eigentlich dann sein Heldentum. Sprecher: Die religiös unterfütterte Kampfansage sorgt natürlich für viel Diskussionsstoff und Häme. Maxim Gorkij spricht von einem Zitator 2 „Evangelium der Rache, in dem er beweist, dass man Menschen nicht töten darf, außer sie sind Kommunisten.“ Sprecher: Iljins Kollege Nikolaj Berdjajew, der nach Paris weitergezogen war, nennt Iljin einen „Tschekisten im Namen Gottes“, wiederum andere erkennen in dem Buch die „Predigten des Faschismus.“ Sprecherin: Dem Faschismus steht er tatsächlich nahe, auch er plädiert für einen straff einheitlich hierarchisch gegliederten Staatsaufbau. Diese „Nationale Diktatur“ solle im Verbund mit der Orthodoxie Russland für die Rückkehr des Zarentums vorbereiten. 6. Zsp.: (Ilya Budraitskis) Voice Over Das heißt, im Prinzip ist sein Ideal eine autokratische Monarchie. Wie viele andere Emigranten und Monarchisten hat er erkannt, dass es keine Rückkehr zur vorrevolutionären Ordnung geben wird, dass ein neues System notwendig geworden ist. Ein System einer aktiven Erziehung des Volkes. Denn das Problem der alten Monarchie war es, so Iljin, dass es das Volk nicht erziehen, die Gesellschaft nicht aktiv beeinflussen konnte. Und das hat zur Revolution geführt. Deshalb ist es notwendig, die Aufgaben einer russischen konservativen Bewegung neu zu überdenken. Iljin redet vor diesem Hintergrund manchmal einem „russischen Faschismus“ das Wort. Zitator: Politik Sprecherin: definiert er 1948 Zitator: ist die Kunst, den Feind zu erkennen und auszuschalten. Sprecherin: Iljin glaubt, dass andere Staaten an einem schwachen Russland interessiert seien und an seinem Zerfall arbeiten. Zitator Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass die Zersplitterer Russlands auch im postbolschewistischen Chaos versuchen werden, ihr absurdes Experiment durchzusetzen, sie werden es betrügerisch als den Triumph der Freiheit, Demokratie und Föderalismus darstellen. ((Sprecherin: Für ein paar Jahre ist Iljin Herausgeber der Zeitschrift „Russkij Kolokol“ – „Russische Glocke“. Die Publikation hat sich dem Ziel verschrieben, „dem urwüchsigem und großen Russland zu dienen Sprecher: Neun Nummern können erscheinen, eine davon widmet sich dem „Russischen Faschismus“, dann muss die Zeitschrift wegen ausbleibender Finanzierung eingestellt werden.)) Sprecherin: 1933 begrüßt Iwan Iljin erwartungsgemäß die Machtergreifung Hitlers. Nicht nur aus Gründen des Antibolschewismus. Sprecher: Das moderne Leben mit seinem Pluralismus, aller Liberalität und die bürgerliche Gesellschaft sind ihm verhasst. Herzlichkeit? Eine Sache der Kleinbürger für einen, der, wie er sagt, „das Schwert der Liebe“ in Händen hält. In jedem aufrichtigen Nationalsozialisten, schreibt er in glühender Verehrung, brenne Zitator: Patriotismus, Glaube an die Identität des deutschen Volkes und die Kraft des deutschen Genies, Ehrgefühl, Opferbereitschaft, Disziplin, soziale Gerechtigkeit und klassenübergreifend brüderlich-volkstümliche Einheit. Solange Mussolini Italien und Hitler Deutschland führt, wird der europäischen Kultur eine Gnadenfrist gewährt. Sprecher: Er bedauert allerdings die Gottlosigkeit der Nationalsozialisten, das Nichtreligiöse des Nationalsozialismus. Sprecherin: Im Frühjahr 1934 wird Iljin trotz seiner offenen Sympathie für die Nationalsozialisten die Leitung am Russischen Wissenschaftlichen Institut entzogen. 7. Zsp.: (Ilya Budraitskis) Voice Over Ich denke, das Hauptproblem mit Hitler war, dass Iljin ein russischer Nationalist war, ein russischer Monarchist, kein deutscher Nazi. Hitler sympathisierte ja nicht sonderlich mit der Idee der Wiederherstellung eines starken monarchischen Russlands. Zudem war Iljin kein aktiver Antisemit, es gibt nur sehr selten Bemerkungen gegen Juden in seinem Werk. Antisemitismus ist bei weitem kein Eckpfeiler seiner Weltanschauung. Sprecherin: 1938 beschlagnahmt die Gestapo Iljins Werke und verbietet alle öffentlichen Auftritte. Einen Urlaub im Tessin nutzen Iwan Iljin und seine Frau im selben Jahr dazu, erfolgreich ein Aufenthaltsgesuch für die Schweiz zu stellen. Jede politische Tätigkeit ist fortan verboten, doch Iljin gründet voller zähem Eifer noch 1938 im Tessin die Geheimgesellschaft „Weißer Kongress“. Vor ihren Mitgliedern stellt der Monarchist im Untergrund seine Grundlagen zu einer neuen Verfassung für ein russisches Imperium vor. Sprecher: Gewissermaßen sein Vermächtnis für Russlands Zukunft. So wünscht er sich das. 8. Zsp.: (Ilya Budraitskis) Voice Over Den Staat begreift Iljin als die Kraft, die dem göttlichen Anfang im Menschen trotz seiner bösen, unbewussten Natur zur Entfaltung verhilft. Der Staat zielt nicht darauf ab, eine perfekte Gesellschaft zu schaffen. Aber er wirkt aktiv auf den Menschen ein, um in ihm, auch mit Gewalt, mit Zwang, mit Unterdrückung diesen echten göttlichen Anfang zu wecken. Musik 10 "Chase - Apartmen to Subway" - Jóhann Jóhannsson - Komponist und Ausführender: McCanick (Josh C. Waller's Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'42 Sprecher: Der Staat stellt die höchste Vollendung menschlichen Strebens dar und hat uneingeschränkten Verfügungsanspruch über die Beherrschten. In „Unsere Aufgaben“ schreibt er für ein Russland nach dem Sozialismus: Zitator: Und da der Staat eine Institution ist, regieren sich die Menschen in ihm nicht selbst und verfügen nicht über sich selbst, sondern werden erzogen, unterrichtet und gehorchen. (…) Der Staat ist seinem Wesen nach verbindlich, imperativ und zwingend. Sprecherin: Putin ließ das Buch im Januar 2014 an Staatsbeamte verteilen. Sprecher: Die russische Kultur, argumentiert Iljin, erzeuge automatisch „brüderliche Einheit“ überall dort, wo sich die Macht ausbreitet. Ein Satz, den Wladimir Putin als Erfolgsrezept für die russische Okkupationspolitik in der Ukraine versteht – und so tauchen in den besetzten Städten immer wieder Plakate mit Puschkin auf, dem russischen Nationaldichter. Russische Kultur, zitiert Putin Iwan Iljin, sei Zitator die kontemplative Betrachtung des Ganzen. Sprecherin: In der Schweiz arbeitet Iwan Iljin unermüdlich weiter. Musik 11 "Dekalog IX, Pt. 12" - - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'51 Sprecherin: Iljins Denken richtet sich jetzt vor allem auf eine strahlende Wiedergeburt Russlands, auf eine Zukunft nach dem Sozialismus. Zitator Wer seinen nationalen Führer nicht von ganzem Herzen liebt und ihm nicht vertraut, nicht an ihn glaubt, sendet ihm nicht seinen von Herzen gewollten Strahl der Loyalität, der Kraft und Inspiration, der sammelt keine Energien für ihn und in ihm und verliert ihn deshalb mit seiner vitalen und schöpferischen Kraft. Deshalb versuchen die Feinde des Führers und Souveräns immer, ihn durch Verdächtigungen, Spott und Verleumdungen zu erschöpfen und seine Macht zu untergraben. Sprecherin: 1954 stirbt Iwan Iljin in Zollikon. Bis 1991 geraten er und seine Werke in Vergessenheit. Erst nach dem Kollaps der Sowjetunion werden seine Schriften in einigen engen Interessenkreisen wiederentdeckt. Sprecher: Philosophen und ewige Monarchisten interessieren sich für Iljins detaillierten Aufbauplan eines religiös-totalitären Einheitsstaates. Sprecherin: Doch nach Putins Machtantritt im Jahr 2000 nimmt die Iljin-Rezeption richtig Fahrt auf. Im Oktober 2005 wird Iwan Iljins Urne aus seinem Grab in der Schweiz ausgegraben und nach Moskau gebracht. Russlands amtierender Präsident Waldimir Putin nimmt persönlich zusammen mit dem Patriarchen an der feierlichen Beisetzung auf dem Friedhof des Moskauer Donskoj Klosters teil. Iljins Nachlass wird aufgekauft und der Moskauer Universität übergeben. Seither gehört der rechtsorthodoxe Denker zu den kanonisierten Autoren russischer Geistesgeschichte, sein Staatsverständnis wird im russischen Abitur abgefragt. Zitator: Macht kommt von ganz allein zum starken Mann Sprecherin: erklärt er und begründet damit seine Ablehnung des Zitator blinden Glaubens an die Zahl von Wählerstimmen und ihre politische Bedeutung. Musik 12 "Dekalog VIII, Pt. 4" - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'53 Sprecherin: Iljins Schriften sind wenig konzis, sie sind verwirrend und widersprüchlich, sie verbinden patriotische Leidenschaft mit spirituellen Dimensionen und autoritären Zügen. Dieses Amalgam verbindet Iljins Denken mit dem Putin-Regime, das sich der Begrifflichkeit Iljins bedient: Russland, Liebe, Geist, Recht, äußere Feinde, Einheit sind die Schlagwörter. Aus ihnen konstruiert der Putinismus eine Erzählung, die dem ebenso klaren wie brutalen Vorgehen der Machthabenden einen leuchtenden, unschuldigen Rahmen verpasst. Und in diesem Rahmen kann die Propaganda der russischen Patrioten den Angriffskrieg gegen die Ukraine als „Krieg der Liebe“ darstellen.

  9. Hier und Jetzt - Im Fokus der Achtsamkeit

    05.05.2025 · 21 Min.

    Im Hier und Jetzt zu sein, klingt attraktiv, ist aber schwierig. Denn der Mensch macht gern Pläne und hängt an Vergangenem. Doch es kann hilfreich sein, den Fokus - zumindest ab und zu - auf die gegenwärtige, sinnliche Erfahrung zu lenken. Bestenfalls öffnet sich dann ein kleiner Freiraum ohne Zwänge und Not. Von Justina Schreiber (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Justina Schreiber Regie: Martin Trauner Es sprach: Irina Wanka Technik: Regine Elber Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Daniela Blickhan, Psychologin und Coach Dr. Michael Huppertz, Psychiater, Psychotherapeut und Achtsamkeitstrainer Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Angst - Vom Umgang mit einem unheimlichen Grundgefühl JETZT ENTDECKEN Gelassenheit - Was ist das, wie geht das? JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“ Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt – oder gleich HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  10. Ein Zimmer für uns allein - Der Frauengeschichte-Podcast

    02.05.2025 · 3 Min.

    Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit unserer Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Mit dabei: Meinungen und Perspektiven aus der Instagram-Community von FrauenGeschichte. Hört mal rein! Schönheitsideale, Verhütung, Finanzen, Care-Arbeit – alles Themen, die Frauen seit jeher betreffen, ob gewollt oder ungewollt. Im Podcast „Ein Zimmer für uns allein“ mit unserer Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? Wo müssen feministische Kämpfe weitergeführt werden? Mit dabei: Meinungen und Perspektiven aus der Instagram-Community von FrauenGeschichte. Den Podcast findet ihr in der ARD-Audiothek und überall wo's Podcasts gibt: https://1.ard.de/EinZimmerfuerunsallein oder gleich hier Die Instagram-Community FrauenGeschichte findet ihr hier: https://www.instagram.com/frauen_geschichte/redits

  11. Nina Simone - Sängerin und Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung

    30.04.2025 · 22 Min.

    Nina Simone war vielseitig, sie sang Jazz, Blues, Soul, auch wenn sie eigentlich klassische Konzertpianistin werden wollte. Für viele ist sie bis heute inspirierend, nicht nur wegen ihrer Musik, sondern auch wegen ihres Kampfes für die Gleichberechtigung der Schwarzen Menschen in den USA. Von Georg Gruber (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Georg Gruber Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Bürkle, Xenia Tiling Technik: Christiane Gerhäuser-Kamp Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Aretha Franklin - Queen of Soul JETZT ANHÖREN Billie Holiday - Sängerin und Jazz-Legende JETZT ANHÖREN Linktipp: Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Nina Simone, Meine schwarze Seele. Erinnerungen, Hoffmann und Campe, 1993. Nina Simone, I Put a Spell On You: The Autobiography of Nina Simone, first Da Capo Press edition 1993. Alan Light, What happened, Miss Simone? A Biography. Inspired by the Oscar-nominated Netflix-Documentary, Canongate Books 2016. Ruth Feldstein, How It Feels to Be Free: Black Women Entertainers and the Civil Rights Movement, Oxford University Press 2013. Ruth Feldstein, "I Don't Trust You Anymore": Nina Simone, Culture, and Black Activism in the 1960s, The Journal of American History, Mar., 2005, Vol. 91, No. 4. Tammy L. Kernodle, I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free: Nina Simone and the Redefining of the Freedom Song of the 1960s, Journal of the Society for American Music (2008) Volume 2, Number 3, pp. 295–317. Samalishah Tillet, Strange Sampling: Nina Simone and Her Hip-Hop Children, American Quarterly, March 2014, Vol. 66, No. 1, pp. 119-137. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  12. Der Mensch ist ein Tänzer - Vom Glück der Bewegung

    29.04.2025 · 23 Min.

    Tanzen ist etwas universal Menschliches. Es schafft Identität und Verbindung und kann als eine der ersten Kommunikationsformen bezeichnet werden. Die Hingabe an Rhythmus und vielleicht sogar Ekstase scheint einem Urbedürfnis zu entsprechen. Von Birgit Magiera (BR 2018) Credits Autorin dieser Folge: Birgit Magiera Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Beate Himmelstoß, Martin Fogt Technik: Birgit Vetter Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Prof. Gabriele Klein, Kultur- und Tanzwissenschaften, Uni Hamburg; Dr. Katja Schneider, Tanz- und Theaterwiss. LMU München; Kilta Reinprechter, Tänzerin, Tanzpäd., Choreografin, Regensburg; Dr. Rainer Polak, Rhythmus/Tanzmusikforscher, MPG für empir. Ästhetik Frankfurt Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Tango Argentino - Gefühle die man tanzen kann JETZT ANHÖREN Die Disco - Ein Ort zwischen Kultur und Kommerz JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  13. Das Schwein - Verkanntes Borstentier

    29.04.2025 · 23 Min.

    Wildschwein und Hausschwein ? Sie sehen verschieden aus und haben doch ähnliche Ansprüche an ihre Umgebung. Lange war das Schwein in Deutschland der beliebteste Lieferant für Fleisch. Ändert sich das gerade? Immer mehr Menschen hinterfragen die Lebensbedingungen des wandlungsfähigen Borstentiers. Von Christiane Seiler (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Seiler Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Silke von Walkhoff Technik: Andreas Lucke Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Carl Gremse, Wildtierökologe Marianne Zenk, Stallmanagerin Dr. Sandra Düpjan, Verhaltensbiologin, fbn Dr. Liza Moscovice, Verhaltensbiologin, fbn Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Auf Kuh-Fühlung - WirTier Steffi ist ein Bauernhofkind. Sie erlebt, dass zum Aufwachsen mit Kühen und Kälbern auch schmerzhafte Abschiede gehören. Bis sie mit dem Landleben Schluss macht. Doch ihre Kühe und ein Versprechen lassen sie nicht los... Host Julius wagt sich für WirTier mit Steffi hinter den Weidezaun. Aber nur mit Stahlkappenschuhen. HIER geht es zur Folge Qualzucht - Tierleid für menschliche Bedürfnisse JETZT ENTDECKEN Tiere verstehen? - Zwischen Deutung und Forschung JETZT ENTDECKEN Multitalent Pferd - Freund, Lasttier und Kriegsgerät JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Schweinehaltung in Deutschland auf der Webseite des Landwirtschaftsministeriums HIER Literatur: Rudolf Buntzel: Vom Hausschwein zum globalen Massenprodukt. Oekom Verlag 2022 (Geschichte der Schweineökonomier lokal und global) Thomas Macho, Judith Schalansky (Hg.): Schweine – Ein Portrait. Verlag Mathes und Seitz 2015 (kulturwissenschaftlicher Überblick mit Schweinerassen) Schweinekommunikation, wissenschaftlich: Classification of Pig Calls from Birth to Slaughter: https://www.nature.com/articles/s41598-022-07174-8 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  14. Runzelige Rinden und bunte Borken - Die Haut der Bäume

    25.04.2025 · 23 Min.

    Runzelig, schuppig oder glatt - die Borke verrät die Baumart!Sie schützt den Baum vor Hitze, Kälte und Fressfeinden, sie ernährt ihn mit Wasser und Nährstoffen und bietet Käfern und Vögeln einen Lebensraum. Künstler sind fasziniert von der Schönheit ihrer Struktur: Die Baumrinde ist mehr als die Haut der Bäume. Von Kirsten Zesewitz (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Kirsten Zesewitz Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Susanne Schroeder Technik: Robin Auld Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Norbert Wimmer, LWF; Birgitta Volz, Künstlerin; Martin Gebhardt, Survival-Trainer Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Nationalpark Bayerischer Wald - Alles Natur! JETZT ANHÖREN Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im Klimatest JETZT ANHÖREN Totholz - Alte Bäume voller Leben JETZT ANHÖREN Wie Bäume sich verteidigen - Alles Natur JETZT ANHÖREN Die Fichte - Immergrün ohne Zukunft? JETZT ANHÖREN Der Stadtwald - Vom Energielieferanten zum Erholungsort JETZT ANHÖREN Der Specht - Höhlenbohrer unter den Vögeln JETZT ANHÖREN Der Borkenkäfer - Der Schädling, der Trockenheit und Fichten liebt JETZT ANHÖREN Das Reh - Scheuer Waldbewohner im Kreuzfeuer JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 WALD Musik 1: Boundless beauty – C1549590104 – 1:10 Min SPRECHERIN Tiefe Risse ziehen sich den Baumstamm empor, mächtige Furchen – Furchen, wie ein Canyon, ein Gebirge, ein tief gepflügter Acker. Eine Landschaft in der Vertikalen, denn die Furchen gehören zu einer alten Pappel. Ihre Borke ist ein Kunstwerk, sie zieht die Blicke auf sich. Vor allem im Winter: Es gibt nichts, was ablenkt. Im Frühling stehen die Knospen im Fokus, sie verheißen neues Leben, Wachstum. Im Sommer geht der Blick in die Baumkrone, zu den grünen, schattenspendenden Blättern – und im Herbst zu ihrem bunten Laub. Erst, wenn aller Schmuck gefallen ist, kommt die große Zeit der Borke. Sie weiß natürlich das ganze Jahr über mit Strukturen, Farben und Schattierungen zu überzeugen – es sieht nur kaum einer. Außer: Menschen, deren Augen geschult sind. Förster (wie Norbert Wimmer), zum Beispiel. OT 1 Norbert Wimmer Das ist hier von der Rinde her mein Lieblingsbaum: ein älterer Bergahorn, der wirklich so eine schöne, fantastisch variationenreiche, plattige Rindenstruktur ausgebildet hat. Die wird auch im Alter immer noch ästhetischer und mit vielen abplattenden Teilen... Da ist sehr vieles verborgen. Sie sehen, es sind ganz feine enge Ritzen und das sind natürlich super Verstecke für Spinnen und Käfer und Raupen... ATMO 3-4 Abknipsen Borke SPRECHERIN Norbert Wimmer puhlt ein Stück Rinde ab und zeigt auf die Wollreste an der Innenseite: Unter der Rinde des Ahorns war mal ein Spinnennest. Der Förster würde am liebsten sofort weitersuchen, denn hier, in den alten Bäumen unweit des oberfränkischen Klosters Banz gibt es unzählige Verstecke, Nester und Höhlen… Aber der Reihe nach: Vor Schönheit und Artenvielfalt gilt es zunächst zu klären: Was ist das eigentlich, die Borke? OT 2 Norbert Wimmer Die Borke ist diese abgestorbene Substanz rund um den Baum, die also überhaupt keine lebenden Zellen mehr hat und eigentlich nur noch als Schutz dient. Wenn das verletzt wird, gibt es Eintrittspforten für Pilze. Und das ist natürlich ein Problem für den Baum. Also im Grunde dient die Borke dazu, diesen Baum, diesen Stamm, aber auch sämtliche Äste usw. vor mechanischen Schäden zu schützen. ATMO Wald + Musik 2: Crystal palace i – C1572130101 – 58 Sek SPRECHERIN Bäume trotzen mit ihrer dicken Borke täglich dem Wetter: Regen, Sonne, Wind und Hagel – sie ist der Schutzwall und, ja, sowas wie die äußere Haut des Baumes. Nach innen schließt sich die wenige Millimeter dünne Bastschicht an – das Leitungsgewebe: Der Bast transportiert die für den Baum lebenswichtigen Zuckerlösungen durch den Stamm: Im Frühling von der Wurzel in die Krone, wo Energie für das Öffnen der Knospen gebraucht wird – im Sommer von der Krone in die Wurzel, wo die Produkte der Photosynthese gespeichert werden. Borke und Bast sind zusammen: die Rinde. Musik 3: Crystal palace xxii - C1572130122 – 38 Sek SPRECHERIN Unter dem Bast liegt das Kambium, die aktive, lebendige Wachstumsschicht des Baumes. Das Kambium bildet permanent neue Holzzellen nach innen und Bastzellen nach außen – auf diese Weise wird der Baum dicker, er wächst in die Breite. Nach innen folgen Splintholz, Kernholz und Mark im Zentrum des Baumstammes; fernab der Rinde und: gut geschützt. Mit zunehmendem Alter der Bäume werden die Schichten abgestorbener Zellen immer dicker und zerreißen zu Platten, Streifen oder tiefen Furchen – das typische Borkenmuster der Baumart entsteht. Es gibt ihr auch einen Charakter. OT 3 Norbert Wimmer Die Borke verändert sich sehr stark bei manchen Baumarten. Bei manchen Baumarten bleibt sie lange ähnlich, zum Beispiel bei der Rotbuche. Irgendwann so mit 150, 160 Jahren Alter kommt dann eben dieser Sprung, wo die Borke aufreißt. Beim Spitzahorn beginnt es viel eher und wird auch dann noch viel auffälliger. SPRECHERIN Die Borke verrät die Baumart. Also, fast. Denn manche Borken sind sich in bestimmten Lebensphasen so ähnlich, dass selbst ein Förster eine alte, tief gefurchte Linde kaum von einer Eiche unterscheiden kann. Jenseits von so unverwechselbaren Borken wie der schwarz-weiß gefärbten Birke, gibt es grobrissige Bäume wie die Douglasie, schuppenartige wie die Kiefer oder glatte wie die Hainbuche. MUSIK 4: Two by two – Z8042455103 – 1:03 Min SPRECHERIN Der französische Fotograf und Landschaftsarchitekt Cedric Pollet hat daraus eine eigene Kunst gemacht – und die halbe Welt bereist, um auf allen Kontinenten die wundersamsten Rinden zu fotografieren. Kunstwerke der Natur. Verrücktheiten. Farb- und Formexplosionen. Entstanden sind mehrere Ausstellungen und ein dicker Fotoband nur über: „Rinden“. Da wetteifern regenbogenfarbene Eukalyptusrinden mit leuchtend roten Erdbeerbäumen, die platten Schuppen französischer Platanen mit den adrett gekämmten Rillen englischer Edelkastanien. Archaisch mutet dagegen der Küstenmammutbaum an – ein wildes, tief gefaltetes Gebirge hölzerner Borkenstrukturen... ATMO 5 Gang in Keller (Treppe) + ATMO 6 SPRECHERIN (Anm.: Volz sprich: „Folz“) Mit solch tiefen Furchen kann Birgitta Volz allerdings wenig anfangen, auch trutzige Eichen sind ihr ein Graus. Die Künstlerin bestreicht die Stämme von Bäumen mit einer organischen Ölfarbe, drückt ein Vlies darauf und erhält so Abdrucke ihrer Borke. In teilweise meterhohen Dimensionen. Dafür steigt die 60-Jährige auch mal auf eine Leiter. Allerdings: Für ihre kunstvollen Rindendrucke braucht Birgitta Volz Bäume mit einer vergleichsweise glatten Rinde: Buchen, Linden oder Kastanien. OT 4 Birgitta Volz Wenn die Borke sehr expressiv ist, hat die ja oft sehr, sehr hohe Niveauunterschiede, und das druckt extrem schlecht. Das heißt, je schicker die Borke aussieht, desto schwieriger ist, die zu drucken. Und es kommen oft vollkommen andere Sachen raus. Also eigentlich ist es vollkommen unvorhersehbar, was da passiert und für mich reine Magie. ATMO 7 Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Im Keller des elterlichen Hauses in Nürnberg ist ihr Depot: Hier lagern Rindendrucke aus 30 Jahren künstlerischen Schaffens. Birgitta Volz zieht eine Schublade nach der anderen heraus: ATMO 7 kurz hoch Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Die Drucke lagern in speziellen Schränken, einige hängen über Verstrebungen an der Decke, wieder andere stehen in meterhohen Rollen in der Ecke des Kellers. OT 6 (ATMO-OT FREI STEHEND - mit ATMO vorne dran) Hier ist zum Beispiel Holzwurmfraß, da sieht man was für schöne Strukturen die machen… ATMO 7 Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Birgitta Volz hat ein Jahr lang an den Bäumen im alten Hainpark der Stadt Bamberg gearbeitet, ihre Rindenmuster in Drucken verewigt. Eine Ausstellung ist daraus entstanden: „Lineamenta arborum – Die Gesichtszüge der Bäume.“ OT 8 Birgitta Volz Die Birke macht oft sehr schöne dekorative Schwarz-Weiß-Muster. Und die Kirschen, die machen fast Musik. Die haben diese wunderbaren Linien und Punkte. Das ist wirklich wie so ein Rhythmus, wie eine Komposition. Buchen haben sehr gegenständlichen Ausdruck und auch sehr viel Schnitzereien drinnen. Fichten sind unwahrscheinlich kleinteilig, die haben lauter Punkte. Da kann man dann so einen richtigen Impressionismus draus machen… Musik 5: Across the aisle – Z8042455104 – 31 Sek SPRECHERIN Viele der Muster haben etwas Grafisches, es sind Wellenbewegungen, Dreiecksformen, Trapeze… Bei längerem Hinschauen werden jedoch auch Figuren sichtbar: Gesichter, Körper, mythische Gestalten. Eine alte Salweide im Alpenvorland hat es Birgitta Volz besonders angetan, ihre Rinde hat die Künstlerin schon mehrmals gedruckt… OT 9 Birgitta Volz Ich zeige Ihnen mal die schönen Hexen, die sind auch von meiner Salweide. Das Bild ist 1,20 Meter. Und es ist genauso von der Rinde gekommen, wie es hier ist. Hier haben wir mehrere Hexen drauf. Also hier ist nun eine schöne junge mit wehenden Haaren. Da ist eine, die ist richtig unheimlich, die ist fast wie so ein Zombie-Schädel. Und wenn man länger schaut, findet man überall noch kleinere Gesichter drauf. Ich bin immer wieder fassungslos, wenn das ohne mein Zutun von der Rinde kommt. ATMO 8 rascheln (kurz) und ATMO 7 (Schubladen) SPRECHERIN Birgitta Volz legt die Blätter vorsichtig in ihre Mappen zurück, zu den anderen mythischen Gestalten in ihrem Archiv. Die Künstlerin glaubt, dass Bäume ein Gedächtnis haben. Sie können mehrere hundert Jahre alt werden – und während dieser langen Lebenszeit sind sie Zeugen unzähliger historischer Ereignisse oder lokaler Begebenheiten… OT 10 Birgitta Volz Ich bin mittlerweile nach 30 Jahren Arbeit in dem Bereich davon überzeugt, dass unsere Umgebung wie eine Speicherkarte funktioniert. Nicht nur Bäume, sondern auch Steine oder sogar alte Mauern, die von Menschen gemacht wurden – die gesamte Umgebung kann ein Speicher der Ereignisse oder des kulturellen Gedächtnisses sein. MUSIK 6: Crystal palace i – siehe vorn – 19 Sek SPRECHERIN Gedächtnis, Haut oder gar Gesicht des Baumes: Botanisch gesehen, ist die Borke zuallererst ein Schutz. Was (passiert) aber, wenn diese trutzige, robuste Schutzschicht verletzt wird? ATMO Wald SPRECHERIN Zurück in den Wald nahe des oberfränkischen Klosters Banz und zu Norbert Wimmer. Der Förster hat eine Lärche entdeckt, die bei Holzarbeiten einige Blessuren davongetragen hat. Eine große Wunde klafft in ihrer Rinde – dort, wo der gefällte Nachbarbaum sie wohl gestreift haben könnte. OT 11 Norbert Wimmer Schmerzen im menschlichen Sinne haben Bäume nicht, da sie einfach neurologisch überhaupt nicht dazu ausgestattet sind. Dem Baum tut es nicht weh. Aber es bringt ihm Nachteile, eben, dass zum Beispiel Pilze eintreten können, weil Pilze warten nur darauf, an dieses Holz, an diesen irrsinnigen Energiespeicher, der da über Jahrzehnte aufgebaut wurde, ranzukommen, dort ihr Myzel reinwachsen zu lassen und diese Sonnenenergie - gebunden in Holz – für sich zu nutzen. ATMO Wald SPRECHERIN Es gibt nur einen Ausweg: der Baum muss die Wunde so schnell wie möglich schließen. Und das tut er mit Hilfe seines Kambiums, der Wachstumsschicht. Das Kambium bildet neue Holzzellen, die sich von außen nach innen über die Wunde schieben. Wie ein Wulst. Jeder hat wohl schon einmal eingewachsene Wanderschilder oder Nägel gesehen – Ergebnisse der baumeigenen Hautheilung. Der Heilungsprozess dauert oft Jahre oder Jahrzehnte und manchmal schafft es der Baum auch gar nicht – entweder, weil die Wunde zu groß ist oder: weil sie immer wieder aufgerissen wird… ATMO knisternde Schritte SPRECHERIN Norbert Wimmer stapft zu einer alten Buche und schaut durch sein Fernglas nach oben. In gut 15 Metern Höhe sind zwei große Höhleneingänge im Stamm. OT 12 Norbert Wimmer Die hat der Schwarzspecht gebaut und hat sie auch jahrelang als Nisthöhle benutzt. Dann ist die Hohltaube eingezogen... Jetzt ist es aber so, wie Sie sehen, sind diese Höhlen in einer vitalen Rotbuche. Das heißt, jedes Jahr wird ein neuer Jahrring gebildet und unmerklich wird dieser Baum dicker. Würde niemand was da oben machen, (an diesen zwei Höhleneingängen) würden die in 20 Jahren komplett zuwachsen. Jetzt kommt aber der Schwarzspecht jedes Jahr mal vorbei und erweitert diese Höhleneingänge wieder. Manche Höhlen nutzt er tatsächlich nicht mehr, die überwallen dann. Und das ist die Stunde zum Beispiel für Fledermäuse! Oder für seltene Käferarten wie den Eremiten, der in solchen riesigen Höhlen lebt. Deswegen ist es oft so, dass in scheinbar gesunden Bäumen (durch dieses Überwallen) riesige Höhlen sich im Innern befinden, von denen wir gar nichts ahnen. ATMO Wald ATMO knisternde Schritte/ Schritte auf Laub SPRECHERIN (Man merkt,) Norbert Wimmer ist kein Förster, der Stammlängen vermisst und die Holzpreise auswendig kennt: Der dunkelhaarige Mann in T-Shirt und Stoffhose ist an der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft für den Naturschutz zuständig. Ein Fernglas baumelt um seinen Hals. ATMO Wald, knisternde Schritte SPRECHERIN Hier, im ehemaligen Klosterwald der Zisterzienser gibt es noch viele alte Bäume – und Strukturen, die ganz verschiedenen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bieten. Es sind tatsächlich die rissigen, löchrigen, unperfekten Bäume, unter deren Rinde das Leben tobt. OT 13.2 Norbert Wimmer Je grobborkiger, desto mehr! Desto mehr Möglichkeiten bieten sie für verschiedene Bewohner. Musik 7: Across the aisle – siehe vorn – 37 Sek SPRECHERIN Unzählige Käfer, Wanzen, Spinnen und Fledermäuse leben unter der Borke, vom menschlichen Auge unbemerkt, in winzigen Ritzen, Spalten und Löchern. Laut Bund Naturschutz sind rund ein Viertel aller in Deutschland vorkommenden Käferarten auf diesen Lebensraum angewiesen. Hinzu kommen hunderte Pilze, Moose und Flechten, die vor allem ältere Borken besiedeln und so weitere Biotope für Spring-schwänze, Moostiere und mikroskopisch kleine Würmchen schaffen. OT 14 Norbert Wimmer An einer alten 300-jährigen Eiche, da ist eigentlich immer irgendwas zu beobachten. Da kommt zum Beispiel der Mittelspecht vorbei. Dann kommt vielleicht auch in so Uraltbäumen eine Nymphenfledermaus, die wirklich so klein ist, dass sie in so eine Rindenritze passt… ATMO Wald + Musik 8: Crystal palace xxii – siehe vorn – 53 Sek SPRECHERIN Jeder Waldbesitzer, der in den letzten Jahren mitansehen musste, wie seine Fichten (durch Schädlingsbefall) starben, wird an dieser Stelle einen Bewohner der Baumrinde vermissen: den Borkenkäfer. Gehasst und bekämpft – aber im Grunde genommen auch nur: ein Insekt, das sich von Rinde ernährt. Der Borkenkäfer bohrt sich vor allem in Fichten ein und legt unter der Rinde sein sehr beeindruckendes System von Fraß- und Geburtsgängen an. Das Problem: Er zerstört den Bast, die lebenswichtige Leitungsbahn, in der die Nährstoffe zwischen Wurzel und Krone transportiert werden. Der Baum stirbt. Norbert Wimmer möchte lieber über einen anderen Rindenfresser sprechen: den Biber. OT 15 Norbert Wimmer Viele glauben, der Biber frisst Holz, nein, er frisst tatsächlich die Rinde. Also nicht diese Borke, sondern dieses Bastgewebe, das sehr zellulosehaltig ist, das leichter verdaulich ist wie Holz. Und das auch nur als Winternahrung. Letztendlich gibt es nur ganz wenige Organismen, die Holz verdauen können. Das sind Pilze, und das sind wirklich nur ganz wenige Käfer, die entsprechende Zellulasen im Darm haben. Und erst wenn dieses Holz mal vorverdaut ist, dann können andere Insekten die Pilzkörper besiedeln. Aber Holz zu zersetzen ist eine ganz andere Nummer als diese zellulosehaltige Bastschicht zu verdauen. MUSIK 9: long forgotten future – Z8018372104 – 23 Sek ATMO Wald_5 (Wuhlheide) SPRECHERIN Von Oberfranken nach Berlin. Martin Gebhardt hatte die Wuhlheide im Südosten Berlins als Treffpunkt vorgeschlagen. Hier macht der Survival-Trainer auch einige seiner Kurse: bringt Leuten bei, wie sie in einer echten Wildnis überleben können. Zum Beispiel, mit Hilfe von Baumrinde. OT 16 Martin Gebhardt Ich würde als Allererstes, wenn ich nach Rinde zum Essen suche, erst mal alle Bäume aussortieren, die giftig sind, wie zum Beispiel die Eibe oder die Robinie, da würde ich die Finger davonlassen und dann schauen nach Bäumen wie Weide, Linde oder Birke. Das sind so die Bäume, wo es erstens nicht unangenehm schmeckt, zum Beispiel nach zu viel Gerbsäure wie bei der Eiche, und wo es sicher ist, das zu essen. ATMO 10 (kurz) + ATMO Schälen (Archiv) SPRECHERIN Martin Gebhardt kramt ein Taschenmesser aus seiner Gürteltasche. Er hat einen gut 5 Zentimeter dicken Ahornast vom Waldboden aufgelesen und fängt an, die äußere Rinde abzuschälen. Für seine Kurse würde der 42-Jährige niemals einen Baum verletzen: Um zu lernen, wie man aus Rinde Mehl gewinnt oder Spaghetti kocht, reicht ein Ast, sagt Gebhardt. Vorsichtig säbelt er die äußere Rindenschicht ab… OT 17 Martin Gebhardt Und dann kommt hier untendrunter der Bast zum Vorschein. Der ist auch sehr dünn. Den sieht man hier fast nicht. Und – jetzt haben wir so eine grüne Schicht und idealerweise zieht man, wenn es geht, die Rinde ab mit der Hand, weil, dann kommt das Kambium an der Holzschicht zum Vorschein. SPRECHERIN Anders als Hirsch und Borkenkäfer kann der menschliche Magen den Bast, also das zellulosehaltige Leitungsgewebe nicht gut verdauen, die Holzfasern erst recht nicht – was geht, ist das Kambium, die Wachstumsschicht des Baumes. Martin Gebhard steckt sich eine fingerhutgroße Portion Kambium-Raspel in den Mund. ATMO 11 FREI „hm…“ OT 18 Martin Gebhardt Es schmeckt manchmal nach Baum, so ein bisschen erdig. Wenn man jetzt zum Beispiel Kiefern nutzt, dann schmeckt das Kambium auch manchmal ein bisschen harzig, ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn man zum Beispiel das Kambium nutzt von der Linde, der Weide oder der Birke, dann schmeckt das recht neutral – wie man ein Birkenblatt essen würde, ein frisches. Und wenn man merkt, das ist jetzt total zäh und man kriegt es mit seinen Zähnen überhaupt nicht klein, dann hat man sehr wahrscheinlich den Bast mit erwischt, oder Holzfasern. Das ist nicht schlimm, da werden wir nicht von umkommen, aber es muss einem klar sein, dass wir es nicht verdauen können. SPRECHERIN Das Kambium dagegen schon – und es bringt sogar einiges an Energie: 80-100 Kilokarien pro 100 Gramm, um einige Tage zu überleben, könnte es helfen. Kambium enthält Stärke, also Zucker, Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe. Mit einer Feuerstelle eröffnen sich allerdings noch einmal ganz andere Möglichkeiten: In Streifen geschnitten, lässt sich Kambium nämlich auch als Spaghetti kochen oder wie Schinken anbraten. ATMO Schälen + Wald kurz hoch SPRECHERIN Martin Gebhardt steckt sich eine lange Haarsträhne hinter die Ohren: Der stämmige Mann mit grauem Vollbart, Pferdeschwanz und Brille kommt ursprünglich aus der IT-Branche; inzwischen lebt der Familienvater von seinen Bushcraft-Seminaren. Der Begriff „Bushcraft“ bedeutet frei übersetzt, die Fähigkeit, das Handwerk, mit nur wenig Ausrüstung in der Wildnis zu überleben. Feuermachen ohne Streichhölzer beispielsweise, eine regendichte Schlafstätte bauen – oder ein nahrhaftes Essen zubereiten. Und für all das kann man Baumrinde gebrauchen. OT 20 Martin Gebhardt Rinde ist ein ganz wunderbarer Werkstoff. Zum Beispiel können wir aus Birkenrinde Behälter bauen, zum Sammeln von Früchten (weiteren Nahrungsmitteln sozusagen). Ich brauch dazu nur ein Messer, um die Rinde abzubekommen, kann dann mit kleinen Stöckchen die Ecken formen und so meine Himbeeren transportieren. Ich kann mir aus Birkenrinde eine Schöpfkelle bauen. Rinde wird auch genutzt um… Wenn wir draußen unterwegs sind und wir brauchen ein Feuer, dann halten wir immer Ausschau nach einer Birke. Birkenrinde hat verschiedene ätherische Öle, die supergut brennen. Und wenn wir uns ein bisschen was abschaben davon und dann mit einem Feuerstahl, also mit einem Metallstab, der Funken erzeugt, können wir damit einwandfrei Feuer machen. Brennt sofort. ATMO Wald SPRECHERIN Förster Norbert Wimmer wäre vermutlich nicht so glücklich, über Bushcraft-Fans, die in seinen Wäldern das Überleben in der Wildnis üben. Vielleicht hätte er aber auch Verständnis für sie, denn Leute wie Martin Gebhardt setzen sich mit der Natur auseinander, gehen achtsam mit ihr um – weil sie sie brauchen. OT 21 Martin Gebhardt Bäume sind für mich extrem wichtige Partner im Wald. Ich kann daraus viel Material und Ressourcen ziehen. Aber ich profitiere auch unheimlich von den Bäumen, wenn ich sie überhaupt nicht anfasse: Sie bieten mir Schutz vor Unwetter, vor Regen. Sie bieten mir Schatten. Bäume bieten unheimlich viel Lebensraum für Tiere. Und ja, das Allerwichtigste ist natürlich, die produzieren unsere Luft zum Atmen, die ist lebenswichtig für mich. Und ich finde auch daher sollten wir sie unheimlich schätzen. Einfach, dass sie da sind und uns versorgen, bedingungslos. Musik 10: Boundless beauty – siehe Musik 1 – 32 Sek SPRECHERIN In einem sind sich Martin Gebhardt, Birgitta Volz und Norbert Wimmer einig: Sie lieben den Wald, sie lieben Bäume – und sie empfinden eine Faszination für ihre ganz verschiedenen, kunstvollen, magischen, essbaren, schützenden – und besonders an alten Bäumen: extrem lebendigen Rinden. STOPP

  15. Hubschrauber und Multikopter - Die Geschichte der Drehflügler

    25.04.2025 · 23 Min.

    Senkrecht abheben, schweben und woanders punktgenau wieder landen: Davon träumte der Mensch schon vor Jahrtausenden. Was im alten China als Spielzeug mit Vogelfedern begann, setzten Tüftler Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals als personentragende Hubschrauber um. Damit startete der Siegeszug der "Drehflügler". Seit kurzem erobern auch elektrisch angetriebene Multikopter den Luftraum. Von David Globig (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: David Globig Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Christopher Mann Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Dieter Bals, Museumsleiter, Hubschraubermuseum Bückeburg; Dr. Robert Kluge, Kurator für die moderne Luftfahrt, Deutsches Museum, München; Prof. Ilkay Yavrucuk, Leiter des Lehrstuhls für Hubschraubertechnologie, Technische Universität München Diese hörenswerten Podcast-Folgen könnten Sie auch interessieren: Otto Lilienthal - Die Eroberung der Luft | radioWissen JETZT ANHÖREN Gustav Weißkopf - Erster motorisierter Pilot der Welt? | radioWissen JETZT ANHÖREN Amelia Earhart - Die tragische Heldin der Lüfte | radioWissen JETZT ANHÖREN Die Feder, ein Trick der Natur - Alles Natur | radioWissen JETZT ANHÖREN Endlich grün fliegen! - Geht das überhaupt? | IQ - Wissenschaft und Forschung JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: "Moby-Dick oder Der Wal" von Herman Melville. Adventure Cut | BR | Hörspiel Pool Abenteuerhörspiel - Kapitän Ahab, seit dem Kampf mit Moby-Dick einbeinig, jagt das furchterregende Ungeheuer über die Weltmeere und wird am Ende von ihm in die Tiefe gerissen. Ismael, der Erzähler, ist der einzige Überlebende. Ob Film oder Musical, Kinderbuch oder Comic: Moby-Dick, der weiße Wal, ist ein Mythos. Adventure Cut der 10-stündigen Hörspielfassung Moby-Dick oder Der Wal. | Mit Rufus Beck, Felix von Manteuffel, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Bernhard Schütz, Karsten Hübner, Rudolph Taruoura Grün u.a. JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  16. Die E-Gitarre - Der Sound aus dem Brett

    25.04.2025 · 21 Min.

    1950 schraubte der Radio-Techniker Leo Fender in Kalifornien den Prototyp der "Telecaster" zusammen - die erste Stromgitarre. Damit war das richtige Instrument geboren, dass den Jazz wild und roh werden ließ - die Initialzündung für die Geburt des Rock and Roll - der Soundtrack für eine sich nach Veränderung sehnender Jugend. Von Christian Schaaf (BR 2011) Credits: Autor dieser Folge: Christian Schaaf Regie: Martin Trauner Es sprachen: Herbert Schäfer, Christiane Rossbach, Heinz Peter Technik: Roland Boehm Redaktion: Petra Hermann-Boeck Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. RadioWissen hat noch weitere hörenswerte Folgen zum Thema: Jimi Hendrix - Virtuose der E-Gitarre JETZT ANHÖREN Woodstock - Der rebellische Sound der Utopie JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN

  17. Ausgetrocknete Flussbetten - Was kommt nach dem Wasser?

    24.04.2025 · 22 Min.

    Flüsse und Bäche trocknen wegen des Klimawandels immer öfter aus. Dabei können sie ihre Dienste als Ökosystem nicht mehr leisten und viele Arten gehen verloren. In dem Projekt ?Dry River? machen europäische Forscher und Forscherinnen nun eine Bestandsaufnahme, um unsere Fließgewässer besser schützen zu können. Von Brigitte Kramer (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse, Friedrich Schloffer Technik: Susanne Herzig Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Dr. Annika Künne, Geographin, Universität Jena; Professor Dr. Markus Weitere, Biologe, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Magdeburg; Professor Dr. Klement Tockner, Biologe, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Frankfurt am Main. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Grundwasser - Schatz aus der Tiefe JETZT ANHÖREN Die Pfütze - Ein Versteck zum Überleben JETZT ANHÖREN Gartenteich - Paradies für Seerosen und Co JETZT ANHÖREN Weltnaturerbe Wattenmeer - Ökosystem im Wechsel von Flut und Ebbe JETZT ANHÖREN Der Ganges - Lebensader und Heiligtum JETZT ANHÖREN Der Auwald - Lebensraum am Fluss JETZT ANHÖREN Die Philosophie des Meeres - Von Tiefen und Untiefen JETZT ANHÖREN Der Brunnen - Errungenschaft der Zivilisation JETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 Rauschender, großer Fluss, etwas stehen lassen SPRECHERIN darüber Wassermassen drängen sich durch die Landschaft ... mal als in der Sonne glitzerndes Band, mal als graugrüner, tosender Strom … immer weiter, dem Meer entgegen. ATMO 1 freistellen An ihren Ufern sind Siedlungen entstanden, aus denen später Städte wurden. Felder und Weiden wurden angelegt, später Industrieanlagen, dann kamen Talsperren, Kanäle und Begradigungen … Flüsse gehören zu den von uns am stärksten veränderten Ökosystemen. Für den Menschen sind sie jedoch lebenswichtig. ATMO 1 freistellen, dann weg Zur Übernutzung, Verunreinigung und massiven Eingriffen in die Natur kommen jetzt auch noch die Folgen des Klimawandels: Weltweit steht es schlecht um Flüsse und Bäche. Ihnen fehlt das Wasser. Viele von ihnen fallen trocken, verschwinden, versickern oder enden als jämmerliche Rinnsale. Was passiert, wenn Flussbetten vorübergehend austrocknen? Was geht dabei verloren, und was kommt danach? Professor Klement Tockner von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung erklärt, was ein gesunder Fluss alles leistet: O TON 1 Klement Tockner Eine der wichtigsten Leistungen ist die Selbstreinigungskraft, das heißt das Entfernen von Nähr- oder auch von Schadstoffen an der Gewässersohle, um eben sauberes Trinkwasser für uns Menschen bereitzustellen, um Wasser für die Landwirtschaft bereitzustellen. Dazu kommt auch, dass das Gewässerbett ein ganz wichtiger Lebensraum zum Beispiel für Insektenlarven, aber auch für Jungfische ist. Musik: Questions an decisions 0‘40 SPRECHERIN Die „Reinigungsleistung“ entsteht zum einen durch die Fließbewegung, bei der das Wasser auf den Grund gedrückt und den Organismen dort zugespült wird. Diese reinigen das Wasser, zum Beispiel, indem sie es durch ihre Kiemen fließen lassen und dabei Nahrungspartikel herausfiltern - so wie es die Flussperlmuschel tut. Die Selbstreinigung eines Flusses findet zudem auch an der Gewässeroberfläche statt, in einem Biofilm, den Mikroorganismen unter Sauerstoffverbrauch bilden. Gesunde Flüsse leisten aber noch mehr: O TON 2 Klement Tockner Die Gewässer sind natürlich auch ein ganz zentraler Erholungsraum für uns Menschen. Das Gurgeln oder das Rauschen eines Baches hat eine positive Auswirkung auf unsere Wahrnehmung unserer Umwelt. Das sind alles zentrale Leistungen, die Gewässer für uns bereitstellen. ATMO 2 Plätschernder Bach etwas stehen lassen, dann Blende Musik: Surviving victims 1‘09 SPRECHERIN darüber Wenn sie diese „zentralen Leistungen“ nicht mehr erbringen können, haben wir Menschen ein massives Problem: Nicht nur wegen des Trinkwassers. Fallen Flüsse bei uns trocken, zeitweise oder stellenweise, sterben viele Arten, die in ihrem Ökosystem gedeihen. Musik 3 hoch Denn im Gegensatz zu anderen Regionen der Erde, wo das Austrocknen eines Flusses zu seinem natürlichen Zyklus gehört und die Arten sich daran angepasst haben, brauchen in Mitteleuropa viele Tier- und Pflanzenarten eine Rückzugsmöglichkeit in feuchte oder nasse Lebensräume. In die „hyporheische Zone“ zum Beispiel, die Übergangszone im Sediment zwischen Grundwasser und Fließgewässer. Doch die ist oft auch trocken, weil der Grundwasserspiegel stetig sinkt. Das ist gravierend, weil Flüsse Hotspots der Vielfalt sind und zu den wertvollsten Ökosystemen überhaupt gehören: Sie bedecken zwar nur ein Prozent der Landoberfläche, dienen aber zehn Prozent der Arten als Lebensraum. Musik 3 weg. Das Ökosystem Fluss ist also weit mehr als nur das fließende Band, das wir wahrnehmen: O TON 3 Annika Künne Um sich das überhaupt besser vorstellen zu können, muss man eigentlich wissen, dass das Gewässer oder Flussbett auch den Bereich unter und neben dem Fluss, also auch die Flussauen mit einschließt. Also eine Zone, wo eine Interaktion stattfindet zwischen dem oberflächlichen Wasser, was wir dann als Bach oder Fluss wahrnehmen, und natürlich auch dem Grundwasser. Musik: Absorbed in thought 0‘34 Atmo Bach/Fluss SPRECHERIN drüber Flüsse und Bäche sind nichts anderes als zutage tretendes Grundwasser: Es kommt in Quellen an die Oberfläche und bildet dann ein oberirdisches Gewässer. Fließgewässer brauchen eine intakte Uferlandschaft, erkennbar zum Beispiel an Auenwäldern, in denen in unseren Breitengraden Brennessel oder Bärlauch wachsen. Diese Uferstreifen wirken bei Hochwasser wie ein Schwamm, bei Niedrigwasser geben sie Wasser in das Flussbett zurück. Musik 1 runter Dr. Annika Künne ist Geologin und arbeitet mit Klement Tockner zusammen an einem internationalen, von der EU finanzierten Projekt, das erstmals den Zustand von Flüssen erfasst: O TON 4 Annika Künne Eben weil dieses Trockenfallen vielleicht in Räumen, wo das früher nicht so häufig aufgetreten ist, wurde das auch wissenschaftlich etwas stiefmütterlich behandelt. Und deswegen haben wir dementsprechend wenig Methoden. Man hat Ansätze, aber man hat noch nicht so viel Analysen, dass man das wirklich ganz genau quantifizieren kann. SPRECHERIN Konkret geht es bei dem Projekt „Dryver“ – der Begriff ist eine Zusammensetzung / aus den Worten… dry, trocken und river, Fluss – um die Erforschung von sechs Flusseinzugsgebieten in Europa – Spanien, Frankreich, Ungarn, Kroatien, Tschechien und Finnland –, und drei in Lateinamerika. 25 Experten aus 11 Ländern sammeln Daten und geben dann Empfehlungen und Strategien heraus für ein anpassungsfähiges Management von Fließgewässern. Die von 2018 bis 2022 fast durchgehende Dürre hat vielen Menschen in Europa gezeigt, wie schnell das Wasser ausgehen kann: O TON 5 Annika Künne Auch hier wird es einfach stärker. Und es gibt Veränderungen, also sowohl der Wasserqualität als auch Wassermangel. Und was wir schon sehen können, ist ein Artenrückgang. Musik: Bleak and droughty 0‘46 SPRECHERIN Trockenfallende Flüsse sind ein weltweites Phänomen, das in Polargebieten, im Hochgebirge oder in karstigen Regionen immer schon aufgetreten ist. Weltweit fallen 51 bis 60 Prozent der Flüsse regelmäßig, vorübergehend, trocken. In besonders trockenen Gebieten der Erde, wie in Indien, Westaustralien oder der afrikanischen Sahelzone, sind es laut den Modellierungen des Forschungsprojekts Dryver sogar 99 Prozent der Fließgewässer. Aber auch in den kühlgemäßigten und feuchten Klimazonen trocknen fast ein Drittel der Fließgewässer immer wieder aus. Wenn man kleine Bäche mitzählt, sind es hier sogar mehr als die Hälfte der Wasserläufe. O TON 6 Annika Künne Bisherige Schätzungen zeigen, dass diese Probleme auch weiter zunehmen werden. Mechanismen kann man dabei noch nicht ganz genau abschätzen, zum Beispiel ab wann ein Fluss bestimmte Funktionen nicht mehr erfüllen kann. MUSIK Surviving victims 0‘13 SPRECHERIN drüber, dann weg Auch große Flüsse wie der Nil, der Gelbe Fluss in China oder der Rio Grande in den USA führen immer weniger Wasser. O TON 7 Klement Tockner Das hat natürlich dann massive Konsequenzen nicht nur für die Natur, sondern auch für die Wasserversorgung, für die Menschen, für die Schifffahrt oder für die Kühlung von Industrieanlagen. Und das nimmt zu, weil wir auf der einen Seite eine Verschiebung des Niederschlagsregimes haben und andererseits eine zunehmende Übernutzung der Gewässer. Musik: Complex questions 0‘38 SPRECHERIN Die Zusammenhänge sind komplex, wie alles bei der Klimakrise - weil eben alles ineinandergreift. Die Zeiten für Regen verändern sich, die Niederschlagsmenge ebenso. Es gibt mehr Starkregen. Sommer und Herbst werden in Mitteleuropa tendenziell trockener. Wegen der erhöhten Temperaturen auf der Erde brauchen wir mehr Wasser, zum Trinken und zum Bewässern und auch für die Energiewende. Und auch weil die Welt sich immer weiter industrialisiert, beziehungsweise digitalisiert. Zum Beispiel entstehen immer mehr Rechenzentren, und die brauchen Wasser zur Kühlung. Dazu kommen die Herausforderungen der Energiewende Stichwort Wasserstoffwirtschaft: In der zukunftsträchtigen Wasserstoffwirtschaft sollen fossile Energieträger durch grünen Wasserstoff ersetzt werden. Grüner Wasserstoff wird mit Strom aus erneuerbaren Energien anhand von Elektrolyse von Wasser hergestellt: Das Wasser wird in seine Elemente Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Für die Produktion von einem Kilo Wasserstoff sind mindestens neun Kilo Wasser erforderlich. Alles dreht sich also um's Wasser. Annika Künne: O TON 8 Annika Künne Wir sehen, dass die Grundwasserstände an mehreren Stellen seit ungefähr zehn Jahren drastisch zurückgehen, und zwar so drastisch, dass man von einer Grundwasserdürre reden kann. Und das sieht man ja nicht. Das Grundwasser ist ja, bleibt ja irgendwie unsichtbar. Und das nächste ist Grundwasserqualität. SPRECHERIN Grundwasser ist Trinkwasser, da muss die Qualität stimmen. Oberirdisch kann man den Missstand mit bloßem Auge erkennen – in den Flüssen und Bächen. Professor Dr. Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung beschreibt, was vor dem Austrocknen eines Fließgewässers passiert – also bei Niedrigwasser. Ein Symptom ist ... O TON 9 Markus Weitere … dass die Auen tatsächlich richtige trockene Symptome zeigen. Also Vegetation wird oft trocken, die Gewässer in den Auen gehen zurück oder verschwinden auch ganz. SPRECHERIN Der Fluss trocknet sozusagen vom Rand her aus. O TON 10 Markus Weitere Im nächsten Schritt was passiert ist, dass das Wasser schlicht und ergreifend erstmal langsamer fließt. Da hängt zum Beispiel auch so was wie die Reinigungsleistung dran, weil dafür ist es ganz wichtig, dass sich das Wasser einfach stark bewegt. Wenn jetzt geringer Abfluss zusammenkommt mit vielleicht einer sommerlichen Hitzewelle, auch dann kann es zu ganz unterschiedlichen Prozessen im Gewässer kommen. Es können sich zum Beispiel sehr stark Algen entwickeln, die dann am Ende wieder auch zu einer Sauerstoffzehrung führen und zum Problem werden. Im Extremfall kann es dann zum Fischsterben kommen. SPRECHERIN Wie in der Oder im Sommer 2022, Musik: Sad water 0‘24 als mehrere hundert Tonnen toter Fische im Fluss trieben. Eine giftige Alge hatte die Fische umgebracht. Dazu war das Wasser sehr warm und, weil der Fluss wenig Wasser führte, war die Schad- und Nähstoffkonzentration sehr hoch, darunter die Konzentration von Salz, das aus schlesischen Kohlegruben in die Oder geleitet wurde. Musik weg Für Markus Weitere ein Szenario, an das wir uns gewöhnen müssen, wenn wir nicht eingreifen: O TON 11 Markus Weitere Wir haben Wasserdefizit aufgebaut und haben dadurch auch so ein gewisses Fenster in die Zukunft bekommen. In das, was uns eigentlich erwartet. Und was wir da gesehen haben, ist, dass viele Gewässer tatsächlich anfällig waren. Aber es gibt eben auch eine ganze Menge Gewässer, denen das offensichtlich nicht so viel angetan hat. SPRECHERIN Kann man Flüsse vor dem Austrocknen schützen? Ja, kann man, mit „anpassungsfähigem Management von Fließgewässern“, wie das im Dryver-Projekt heißt. Auch schon das, was vor dem Trockenfallen passiert, muss vermieden werden: Algenbildung, Fischsterben, Schadstoffkonzentration. O TON 12 Markus Weitere Wir sehen da zumindest drei Bedingungen, die das beeinflussen. Das eine ist das Einzugsgebiet, das heißt, kann das Einzugsgebiet viel Wasser aufnehmen, wenn es denn ein Starkregenereignis gibt und das dann dosiert auch abgeben das Wasser in Phasen der meteorologischen Dürre? Das zweite ist die Gewässerbelastung, die chemische Belastung. Also sind die Gewässer schon vorbelastet. Das ist das, was wir in der Oder erlebt hatten. Und es kommt auch auf die Struktur des Gewässers an, da spielt zum Beispiel auch der Randstreifen eine ganz wichtige Rolle. Geht das Gewässer durch den Wald, das heißt fällt Schatten auf die Gewässer. Und das ist ganz wichtig dabei, dass sich das Gewässer eben nicht zu stark erwärmt bei einer sommerlichen Hitze. SPRECHERIN Dabei haben wir Menschen das Wasser aus der Landschaft jahrhundertelang abgeleitet, haben Kanäle gezogen, Flüsse begradigt, Feuchtgebiete trocken gelegt, Barrieren, Talsperren eingebaut, die Flüsse regelrecht zerstückelt, Ufer versiegelt. So geht eine Menge wertvolles Regenwasser verloren: Es fließt ungenutzt dem Meer entgegen. Musik: Light footed 0‘44 Naturnahe Flüsse halten sowohl Hochwassern als auch Dürreperioden am besten stand: O TON 13 Klement Tockner Ein unverbauter Fluss, ein unverbauter Bach hat eine Vielzahl an Lebensräumen, tiefe Stellen, also Gumpen, die kaum austrocknen. Grundwassereintritte, die kühl bleiben. MUSIK 2 hoch Vielfältige Zuflüsse, die wiederum unterschiedlich reagieren. MUSIK 2 hoch Und wie in der Finanzwirtschaft sprechen wir auch in der Ökologie von einem sogenannten Portfolio-Effekt. Das heißt, je vielfältiger ein System ist, desto resistenter ist es gegenüber Schwankungen. Musik: Surviving victims 0‘25 SPRECHERIN drüber Unverbaute Fließgewässer gibt es in Europa nur noch sehr wenige. Gerade mal neun Prozent sind in Deutschland in einem guten ökologischen Zustand. Dabei schreibt die europäische Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahr 2000 vor, dass ... ZITATOR ... „alle Mitgliedstaaten der EU verpflichtet sind, bis 2015 und in Ausnahmefällen bis 2027 alle Gewässer in einen „guten ökologischen“ und „guten chemischen Zustand“ zu bringen. Für Grundwasser ist ein „guter mengenmäßiger“ und „guter chemischer Zustand“ zu erreichen. ATMO 3 trauriges Gegurgel hoch, etwas stehen lassen SPRECHERIN drüber Die Erfüllung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie scheint heute utopisch. Die Zusammenhänge sind komplex und die Lösungen weitgreifend. In Bayern erwärmen sich Fließgewässer um durchschnittlich etwa ein halbes Grad in zehn Jahren. Das haben Messungen des Landesamts für Umwelt seit 1980 ergeben. In der Umgebung von Frankfurt fallen Bäche, die aus dem Taunus fließen, trocken, auch in Brandenburg trocknen im Sommer viele Bäche aus. Dort fallen nur etwa 500 Millimeter Regen pro Jahr, und die Niederschläge verschieben sich: Es gibt kürzere, feuchtere Winter und längere Sommer mit langen Trockenzeiten, wie sie eigentlich in südlichen Regionen typisch sind. O TON 14 Annika Künne Also es gibt dann eben Grenzen, wo man sagt okay, das hält in der jetzigen Zeit, wo es einfach unter Klimawandel häufiger zu Trockenfallen kommt und auch das Trockenfallen länger anhält, führt das einfach dazu, dass das die Arten, die vielleicht das eine ganze Weile auch gut hinbekommen haben, jetzt nicht mehr schaffen. SPRECHERIN Klimamodelle gehen zwar davon aus, dass mehr Niederschlag fallen wird. Der könne den Austrocknungsprozess aber nicht abmildern, meint Annika Künne: O TON 15 Annika Künne Das ist schon erschreckend. Das passiert einfach durch die Erderwärmung, weil die Verdunstung so stark zunimmt. Das heißt, das Wasser kommt da gar nicht an, das verdunstet. Musik: Calculations 0‘25 SPRECHERIN Bei jedem Grad, um das sie wärmer wird, kann die Luft weitere sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen. Der Dampf bleibt in der Luft, regnet sich vorerst nicht ab, sondern wandert mit der atmosphärischen Zirkulation in Richtung Pole. ATMO: Regen/Fluss Die Folge ist, dass ohnehin schon regenreiche Regionen zu bestimmten Zeiten noch mehr Niederschläge bekommen: O TON 16 Annika Künne Diese, was man im Wetterbericht immer so schön sieht, die Hoch- und Tiefdruckgebiete, das heißt diese Wirbel werden stärker und ziehen dann einfach aus noch größeren Regionen Wasser an und dadurch gibt es viel mehr extreme Niederschlagsereignisse. SPRECHERIN Starker Regen führt zu Überschwemmungen – die wirken in trockengefallenen Fluss- oder Bachbetten geradezu zerstörerisch, wie Klement Tockner von der Senckenberg-Gesellschaft weiß: O TON 17 Klement Tockner Man muss sich vorstellen, während der Trockenperioden sammelt sich organisches Material, Blätter, auch Schadstoffe an der Sedimentoberfläche. Und wenn dann das Wasser kommt, nach dem ersten großen Regenereignis, dann wird dieses Material auf einmal abtransportiert. Man spricht von sogenannten Black Flats, also schwarzen Hochwässern. Dann kann es flussabwärts, zum Beispiel in Seen oder im Küstenbereich, zur völligen Sauerstoffarmut kommen. SPRECHERIN Nährstoffreiches Wasser kann den Sauerstoffgehalt im Wasser verringern. Den brauchen die Wassertiere aber zum Überleben. Viele ersticken. Starkregen richtet nach einer Dürre im Flussbett und im Mündungsgebiet also mehr Schaden an, als er Nutzen bringt. Und wenn dann das Wasser wieder ruhiger fließt? Kehrt dann das Leben zurück? Markus Weitere vom Helmholtz-Zentrum: O TON 18 Markus Weitere Regeneration von trockengefallenen Gewässern, die ist sehr unterschiedlich. Wenn wir zum Beispiel von den Mikroorganismen sprechen, die erholen sich relativ schnell wieder. Wenn wir von größeren Tieren sprechen, dann hängt das davon ab, wie gut die sich zurückziehen konnten, also in andere Gewässerabschnitte auswandern. Oder sind es vielleicht Insekten, die erstmal eine Zeit am Land verbringen und dann wieder ihre Eier in das Wasser legen und sich da als Larven wieder entwickeln? Die kommen auch relativ schnell wieder. Aber es gibt dann durchaus auch Tiere, die letztendlich auch durch so eine Austrocknung aussterben können und die überhaupt nicht mehr wiederkommen oder die unheimlich lange brauchen, bis sie so ein Gewässer wieder besiedeln. MUSIK: Surviving victims 0‘34 SPRECHERIN drüber Ein extremes Beispiel dafür ist die Flussperlmuschel, die als Wasserfilterer viel für das ökologische Gleichgewicht eines Flusses tut: O TON 19 Markus Weitere Die Flussperlmuschel ist bei uns eine sehr seltene, sehr schützenswerte Art, die unheimlich alt wird. Und die kann nicht auswandern, wenn es zur Trockenheit kommt. MUSIK 3 hoch Die Wandergeschwindigkeit ist einfach sehr, sehr gering und die würde dann aussterben. MUSIK 3 hoch Und das wäre tatsächlich ein Verlust, der so schnell nicht wieder gut zu machen ist. SPRECHERIN Auch das gehört zum Dryver-Projekt: Ursachen und Folgen des Trockenfallens werden erfasst. Annika Künne benutzt dazu Felddaten von Kollegen und Kolleginnen, die in Flussbetten Pegelstände und Veränderungen gemessen haben. Auch Bürger können helfen: Mit der Dryver-App können sie den Zustand von Flüssen oder Bächen ganz einfach dokumentieren und in die Datenbank einspeisen. Letztlich sollen mit den Daten Modelle entstehen, die die Realität abbilden und dann mit Klimaprojektionsdaten angetrieben, also gefüttert werden können. So können Klimaprognosen und -anpassungsstrategien für Flüsse erstellt werden und zwar geologisch, biologisch und sozioökonomisch. Was schon heute klar ist: Flüsse müssen renaturiert werden, wenn sie klimaresilienter werden sollen und ihre wertvollen Dienste weiterhin leisten sollen. Dabei geht es nicht nur um die Flüsse selbst, sondern auch um ihre Einzugsgebiete. Markus Weitere: O TON 20 Markus Weitere Ein großes Stichwort sind blau-grüne Infrastruktur in Städten. Also wie kriegen wir Städte zum Beispiel dazu, dass das Wasser nicht zu schnell abfließt über die versiegelten Flächen, sondern dass es zurückgehalten werden kann in Zisternen und ähnlichem, dass wir Grünflächen haben, wo auch Wasser versickern kann. ATMO 1 Rauschender, großer Fluss, etwas stehen lassen SPRECHERIN drüber Wir Menschen haben uns seit jeher an Flüssen angesiedelt, denn sie garantierten Trinkwasser und fruchtbare Böden. Jahrtausendelang hat die Menschheit von Flüssen profitiert, aber sie hat sie auch vergiftet, zerstückelt, kanalisiert, ihnen Wasser abgezapft. Zeit, dass ihre große Bedeutung mehr ins Bewusstsein rückt. Musik: Green planet 0‘42 Flüsse brauchen Raum, um auf die Herausforderungen des zu einem erheblichen Teil durch die Menschen verursachten Klimawandels zu reagieren. Markus Weitere ist optimistisch, gerade wegen der drastischen Ereignisse der Dürrejahre 2018 bis 2022: O TON 21 Markus Weitere Ich glaube, dass das im Moment vielen Menschen bewusst wird, dass sich die Gewässer verändern und dass das durchaus ein Problem ist. Ich habe das Gefühl, dass das Bewusstsein dafür zunimmt.

  18. Flugzeuge - Warum sie oben bleiben

    24.04.2025 · 24 Min.

    Die Schwerkraft überwinden - schon fliegen wir. In der Praxis steckt genau im Überwinden der Schwerkraft aber die Kunst. Auf welche physikalischen Gesetze es ankommt, damit tonnenschwere Flieger abheben, mussten Flugpioniere mühsam herausfinden. Von Inga Pflug Credits Autorin dieser Folge: Inga Pflug Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Hemma Michel Technik: Roland Böhm Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Maximilian Wechner, Technische Universität München, Lehrstuhl für Flugsystemdynamik Michael Zintl, Technische Universität München, Lehrstuhl für Flugsystemdynamik Prof. Dr.-Ing. Florian Holzapfel, Professor für Flugsystemdynamik an der Technischen Universität München, Lehrstuhl für Flugsystemdynamik Dr. Robert Kluge, Luftfahrt-Kurator am Deutschen Museum in München Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Wilbur und Orville Wright - Zwei Brüder wollen hoch hinaus JETZT ENTDECKEN Auf Wanderschaft - Wie Zugvögel ihren Weg finden JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? JETZT ENTDECKEN Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin 1 [beschreibend]: Landeanflug auf München. Durch die schmalen Scheiben des Flugzeugcockpits lassen sich am Horizont einige grau-weiße Gebäude in der Landschaft erahnen. Das Wetter ist gut, keine Wolken versperren die Sicht. 01 Wechner: So, also wir sind jetzt (quasi) im Anflug, auf die null acht links, also (quasi) auf die Nordbahn in München sind im Moment sechs nautische Meilen entfernt und machen jetzt (quasi) den Anflug auf München. Ich würde empfehlen, vor allem fürs erste Mal wahrscheinlich so ein bisschen je nachdem zu richten, was auf den Instrumenten ist, weil die ja schon ganz gut unterstützen. Sprecherin 1: Große Monitore zeigen die aktuellen Flugparameter an, erklärt Maximilian Wechner, Wissenschaftler an der TU München, der heute für den Flug verantwortlich ist und weiß, wie all die Instrumente im Cockpit zu lesen sind. 02 Wechner: Auf der linken Seite haben wir einmal des Geschwindigkeitsband, da sehen wir, dass sie gerade 140 Knoten fliegen. Auf der rechten Seite haben wir dann auch unser Höhlenband. Wir sind auf 3340 Fuß und daneben noch unsere Vertikale Geschwindigkeit in Fuß pro Minute. Sprecherin 1: Und weil die heutige Test-Pilotin eigentlich Radio-Reporterin ist und zum allerersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeugcockpit sitzt, gibt es von Maximilian Wechner auch noch einen Crashkurs im Steuern, sprich der Bedienung der wichtigsten Schalter und Hebel. 03 Wechner: Wir haben einen Joystick oder nen Sidestick auf der Seite, wenn wir den ziehen, geht die Nase nach oben vom Flugzeug. Wenn wir drücken, geht die Nase nach unten. Das heißt, damit steigen wir oder sinken wir. Wenn wir nach links drücken oder nach links ziehen, dann quasi drehe wir uns nach links mit dem Flugzeug, machen dadurch letztendlich eine Kurve und nach rechts genauso nach rechts eine Kurve. Sprecherin 1: Und dann wird es auch schon ernst. Zum Glück nur virtuell, im Flugsimulator. 04 Zintl: Also wir müssen jetzt nach vorne und links, weil wir nach rechts jetzt wegdriften. Nach links, genau. Sprecherin 1: Denn auch wenn noch zahlreiche Helferlein eingeschaltet sind und Maximilian Wechner und sein Kollege Michael Zintl den Landeanflug unterstützen: Das Flugzeug im idealen Anflugkorridor zu halten, ist gar nicht so einfach. 05 Zintl/Wechner: Das Gute ist, wir sind relativ weit weg von der Landebahn, also wenn wir jetzt ein bisschen schief sind, das könnte sich noch gut ausgehen. // Jetzt am besten nach rechts korrigieren. Sprecherin 1 [hektisch/kritisch]: Das Flugzeug schwankt und schaukelt – Passagiere an Bord einer echten Maschine hätten längst bemerkt, dass etwas nicht stimmt. 06 Zintl/Wechner: Das ist Stress. So, jetzt würd ich das Flugzeug einmal gerade ausrichten, genau und jetzt einfach geradeaus fliegen. / ((Einmal nach rechts ausrichten, weil sonst überschießen wir wieder. Also)) Joystick nach rechts. Mehr, mehr, mehr, mehr. Jetzt überschießen wir nämlich schon wieder (lacht) Sprecherin 1 [hektisch/angespannt]: Mit jeder Aktion am Joystick verändert sich die Lage des Flugzeugs im Raum – alle Bewegungsachsen reagieren gleichzeitig – und dann ist da auch schon die Landebahn. 07 Zintl/Wechner/Autorin: Nase nach unten nehmen, Flugzeug gerade halten, also nach rechts. / Also die Landebahn ist lang, es könnte sich schon noch ausgehen. Nase nach unten, also ein bisschen nach vorne drücken. Und das Flugzeug gerade ausrichten. / nach hinten ziehen, nach hinten ziehen. / Wir sind am Boden. (Erleichtertes Lachen) – es ist wirklich stressig. [Ende Atmo Flugsimulator] Musik: Perfectly precise (red.) 0‘20 Sprecherin 2: "Fliegen können heißt Landen können" – dieses geflügelte Wort aus der Flugausbildung bestätigt auch Florian Holzapfel, Professor für Flugsystemdynamik an der Technischen Universität München, zu dessen Lehrstuhl der Flugsimulator gehört: 08 Holzapfel: Beim Starten steh ich ja auf der Startbahn, die Nase zeigt in die Richtung. Das heißt, ich muss erst einmal einfach bloß gerade aus. Und wenn ich schnell genug bin, fliege ich. Wenn ich mal in der Luft bin, ist das Fliegen das Einfachste, was überhaupt gibt. Weil wenn ich weit genug von Hindernissen weg bin, kann ich nirgends dagegen dengeln. Beim Landen müssen Sie mit relativ großer Geschwindigkeit einen relativ kleinen Streifen treffen, die Landebahn. Und dann gibt's so böse Sachen wie Böen und Turbulenz und Winde, die Sie daran hindern. Und es wird umso anspruchsvoller, je kleiner die Landebahn wird und je größer die Geschwindigkeit, mit der sie auf die Landebahn zufliegen müssen. Sprecherin 2: … beschreibt der Professor, der selbst eine Flugausbildung hat. Wobei: So ganz trivial ist das mit dem Fliegen und Abheben dann eben doch nicht. 09 Holzapfel: Also Fliegen heißt ja jetzt einfach mal, dass wir die Schwerkraft überwinden müssen, weil bei uns auf der Erde wirkt natürlich überall die Schwerkraft, die kann man nicht ab schalten. Und die Frage ist jetzt wie erzeugt meine Kraft, die der Schwerkraft entgegenwirkt und halt genau in die entgegengesetzte Richtung geht… Sprecherin 2: … und dafür gibt es zwei Grundprinzipien. Das erste ist der Archimedische Auftrieb, den etwa Ballonfahrer nutzen. 10 Holzapfel: Das is quasi über Unterschiede in der Dichte. Das ist der archimedische Auftrieb, den alle kennen, wenn man sich in die Badewanne setzt oder in Swimmingpool reinen hüpft. Und auf der anderen Seite haben wir den dynamischen Auftrieb. Atmo Skateboard Sprecherin 2: Und der nutzt das physikalische Prinzip der Impulserhaltung, veranschaulicht Florian Holzapfel mit einem Beispiel: 11 Holzapfel: Wenn Sie auf einem Skateboard stehen. Und sie haben einen schweren Pflasterstein in der Hand und Sie schmeißen den Pflasterstein runter. Dann wird das Skateboard ja anfangen, sich zu bewegen, weil Sie als Reaktion zu der Tatsache, dass Sie ja diesen Pflasterstein beschleunigen, eine Kraft erzeugen, die Sie dann auch vorantreibt. Sprecherin 2: Um permanent mit dem Skateboard fahren zu können, müsste der Skater in diesem Bild aber permanent Steine werfen. 12 Holzapfel: Mit unserem Flieger fliegen wir in der Atmosphäre, des heißt wir haben ständig Luft um uns herum. Und jetzt können wir natürlich den Trick machen, dass wir die Masse, die wir in dem Fall nach unten schmeißen, weil wir eine Kraft nach oben haben wollen, den sogenannten Auftrieb, diese Masse, die klauen wir uns einfach aus der Luft, die um den Flieger herum ist. Sprecherin 1 [einwerfend]: Dabei kommt es auf die Form der Tragflächen an, die wir uns später noch näher anschauen. Sprecherin 2: Das Profil der Flügel verursacht bestimmte Effekte, es geht um Druck und Geschwindigkeit… 13 Holzapfel: Aber in letzter Konsequenz machen wir nichts anders, als dass wir Luftmasse nach unten schmeißen. Und als Reaktion zum Luftmasse-nach-unten-Schmeißen, haben wir dann eben eine Gegenkraft und diese Gegenkraft, die ist der Auftrieb. AKUSTISCHER TRENNER [z.B. Flughafendurchsage, Aufruf zum Boarding o.ä.] ATMO Museum Sprecherin 1: Ortswechsel: Das Deutsche Museum in München, die Luftfahrthalle auf der Museumsinsel. Flug-Utensilien, wohin das Auge reicht: Hier stehen Flugzeuge und Hubschrauber, da schwebt ein Gleitflugzeug unter der hohen Decke. Dort veranschaulicht eine Tafel, wie die Luft in größeren Höhen immer dünner wird, drüben reihen sich Propeller in unterschiedlichsten Formen aneinander. Ein Doppeldecker dreht – aufgehängt an starken aber kaum sichtbaren Stahlseilen – zwischen zwei Geschossen einen Looping und abenteuerliche Geräte, die aussehen, wie geflügelte Fahrräder oder Seifenkisten mit Flügeln scheinen durch die Luft der Halle zu schweben. Fliegen, das wird hier klar, ist/war schon immer ein großer Menschheitstraum. 14 Kluge: Luft ist das letzte Element, das der Mensch sich erarbeitet, erobert hat. Sprecherin 1: … sagt Luftfahrt-Kurator Robert Kluge. 15 Kluge: Man geht davon aus, dass so die allerersten Versuche wohl möglicherweise von den Chinesen durchgeführt worden sind, im Rahmen von Drachen. Also chinesische Drachen sind ja was relativ bekanntes. Und die haben sich dann auch draufgelegt und dann quasi wie so einen Kastendrachen, den man heute im Herbst als Kind steigen lässt, sich da schon nach oben tragen lassen. Also das könnte durchaus sein, es ist nicht belegt, aber dass das so die ersten waren, die das wirklich gemacht haben. Musik: C1611230120 Mystic tendency (a) 0‘42 Sprecherin 1: Auch Sagen und Mythen bezeugen – über Kulturen hinweg – eine langewährende Faszination für die Bewegung im Luftraum: Die alten Mayas und Azteken kannten die Gottheit Quetzalcoatl, die gefederte Schlange. Liebesgott Amor trägt Flügel, der griechische Götterbote Hermes Flügelschuhe. Pegasus ist ein geflügeltes Pferd, In der Wieland-Sage werden Flügel zur Flucht geschmiedet und in der wohl berühmtesten aller Fluglegenden stürzt Ikarus ins Meer, weil er mit seinen Flügeln aus Federn und Wachs im Übermut der Sonne zu nah kommt. 16 Kluge: Es ist bewiesen, dass der Mensch mit seiner dürftigen Brustmuskulatur es nicht schaffen würde, selbst gefiederte Arme so stark zu schwingen, dass er nach oben kommt und sich auch oben hält. Aber Ikarus ist ein schönes Beispiel für Mythen, für Märchen, also alle möglichen Märchen. Denken Sie an Hexen auf Besen, die durch die Gegend fliegen, also all so was hat immer schon in der Menschheit eine Rolle gespielt und war eine gewisse Grenzüberschreitung, die aber vor allem in der Fantasie stattgefunden hat. Sprecherin 1: … beschreibt Flugexperte Kluge. Bis die Flug-Fantasien in die Tat umgesetzt wurden, hat es wohl über Jahrtausende gedauert. Berühmte Belege für Versuche sind mehr als 500 Jahre alt: 17 Kluge: Es sind so die allerersten Versuche oder Ideen, die schriftlich fixiert worden sind, bei Leonardo da Vinci zu finden, mit seiner – auch wieder Muskelkraft, weil keine anderen Alternativen da waren – also Muskelkraft angetriebenen Hubschrauber-Konstruktionen oder eben auch Schwingenflügler. Er hat also auch schon relativ intensiv, die Rotmilane oder Raubvögel beobachtet, und immer wieder der Gedanke weitergetragen: Ja, es muss doch irgendeine Möglichkeit geben. Sprecherin 1: … für die aber damals noch die technischen Möglichkeiten fehlen. 18 Kluge: Und Otto Lilienthal war dann tatsächlich der erste, der systematisch den Storchenflug beobachtet hat, und systematisch Apparate entwickelt hat, um Messungen durchzuführen, bis er dann eben 1891 den ersten bemannten Menschenflug durchgeführt hat. Musik: Stummfilm 0‘22 Sprecherin 1: Gerade einmal 25 Meter weit geht dieser Gleitflug von einem Hang Musik: Flying machines 0‘38 – und doch wird der Lilienthal-Gleiter quasi das erste in Serie gebaute Flugzeug der Welt: "Normal-Segelapparat" nennt Lilienthal das Modell, das er für den "Fliegesport" als geeignet erachtet: Der Apparat besteht im Wesentlichen aus einem hölzernen Gestell und stoffbespannten Rippen aus Weidenruten als Flügeln, zwischen denen der Pilot in der Mitte eher hängt als sitzt. Zum Abheben läuft der Flieger mit angelegtem Fluggerät gegen den Wind los – und setzt bei der Landung im Idealfall mit den Füßen wieder auf. 19 Kluge: Ich glaube, das Wichtige war, tatsächlich das einer eben erst mal das so geschafft hat. Und daraus ging es dann relativ schnell, also, als das mit dem Erstflug von Lilienthal geschafft war und die Brüder Wright diese Informationen aufgenommen haben, weiterentwickelt haben. Dann ging das doch relativ flott. Sprecherin 1: …umreißt der Experte mit Pilotenlizenz die Entwicklung ab 1891. 20 Kluge: Man sieht das ja: 1903, der erste Flug der der Brüder Wright und 1914 der ersten Kampfflugzeuge. Und wie schnell ging das, Passagierflugzeuge für bis zu 20 Personen zu bauen. Jetzt stehen wir hier vor der JU52, die ist 1932 zum ersten Mal geflogen. Bis ein paar Jahre später sind wir dann 1969/70 beim ersten Jumbojet, der schon bis zu 400, 500 Leute fassen kann. Oder A380 jetzt. Das sind 100 Jahre gut. Das ist schon eine unheimlich schnelle Zeit im Vergleich zur Menschheitsgeschichte. Aber es brauchte eben die Initialzündung, von der aus sich das dann alles entwickelt hat. AKUST TRENNER [z.B. Flugzeug-Motor, Start/Landung] Sprecherin 2: Aber nochmal einen Schritt zurück, zu den systematischen Untersuchungen von Lilienthal: Er beobachtet nicht nur, was ein Vogel macht, um durch die Luft zu gleiten, sondern nutzt auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse, um zu verstehen, warum es funktioniert. 21 Kluge: Luft ist ein Medium. Man kann darin Strömung erzeugen. Strömung wird erzeugt durch Wind, wenn man eine Fläche durch diese Luft bewegt. Man kann das mit einem ganz einfachen Experiment, was viele Kinder auch machen: Autoscheibe, runterkurbeln und Hand angestellt nach draußen halten. Hat man eine gewisse Art Windkanal und merkt die Hand wird nach oben weggetragen. Das ist im Grunde genommen nach Newton "Aktio gegengleich Reaktio", also es wird eine Kraft ausgeübt, und es ergibt sich daraus eine Kraft nach oben. Sprecherin 2: So wie beim Skateboard, das sich durch den nach hinten geworfenen Pflasterstein nach vorne bewegt. Lilienthal erkennt aber auch, dass Vogelflügel eine besondere Form haben, ein sogenanntes Profil, das im Luftstrom den Auftrieb erzeugt: 22 Kluge: Das Profil selber ist was Gewölbtes. Und das hat eben Lilienthal erkannt, indem er die Flügel von den Störchen sich genau angeguckt hat. Die sind also gewölbt, nach innen und an manchen Stellen noch etwas dicker. Und das zu Ende gedacht, ergibt dann eben das Tragflügel-Profil, das sich dann in verschiedenen Variationen für verschiedene Geschwindigkeiten, also Strömung, Geschwindigkeit all das spielt mit rein, Luftdichte natürlich, aber vom Prinzip her erst mal brauchen Sie eine gewölbte Fläche, an der die Strömung oben schneller vorbeifließt als unten. Und diese beiden Effekte zusammen, dass eine eben die Strömungsgeschwindigkeit um den gewölbten Tragflügel herum (nach Bernoulli) und (Newton) abgelenkte Strömung nach hinten unten, das zusammen ergibt den Auftrieb. Sprecherin 2: Lilienthal findet auch heraus: Damit ein Auftrieb entsteht, muss außerdem der Anströmwinkel zum Tragflügel passen – so dass die Luft der Flügelkontur einwandfrei folgen kann. Sprecherin 1: Denn, lapidar gesprochen: wenn die Luft nicht da hinkommt, wo sie gebraucht wird, dann erzeugt sie auch keinen Auftrieb. Atmo: Flugzeug Sprecherin 2: Und weil eben Strömung, also eine Bewegung, im Spiel ist, wenn ein dynamischer Auftrieb zustande kommt, brauchen Flugzeuge Geschwindigkeit, um in der Luft zu bleiben. Würden sie in der Luft stehenbleiben, würden sie zu Boden fallen, wie ein Stein. "Strömungs-Abriss" heißt dafür das gefürchtete Schlagwort. Atmo: Hubschrauber Sprecherin 1 [als Einschub]: An Ort und Stelle in der Luft stehen oder auch senkrecht starten, das können nur Hubschrauber – bei denen sich ja die Rotorblätter drehen – und somit die Geschwindigkeit für den Auftrieb erzeugen, den sie brauchen. Sprecherin 2: Flugzeuge aber müssen eben beschleunigen, um abzuheben. So wie etwa der Lilienthal-Gleiter durchs Loslaufen seines Piloten am Hang, Segelflugzeuge durch ein Windenseil oder Motorflugzeuge eben auf der Startbahn. 23 Holzapfel: Und natürlich bis zum Aufsetzen am Boden, muss ich auch die Geschwindigkeit haben. Und dann brauche ich auch wieder Platz, um abbremsen zu können, und es ist dann bei der Landung die Landebahn, die ich benötige. … sagt Florian Holzapfel vom Institut für Flugsystemdynamik an der TU München. AKUST TRENNER [z.B. Flugzeug-Motor, Start/Landung] Sprecherin 2: Ab welcher Mindestgeschwindigkeit am Flugzeug genug Auftrieb entsteht, um abzuheben und in der Luft zu bleiben, hängt von mehreren Faktoren ab. Von Form und Luftwiderstand, vom Gewicht des Fliegers und von der Spannweite – oder genauer gesagt: der Flügelstreckung: Musik: Flying machines 0‘40 24 Holzapfel: Zum Beispiel ein Albatros, ein sehr großer Vogel mit einer sehr großen Flügelstreckung, der hat eine Gleitzahl von ungefähr 20, das heißt mit einem Meter Höhe kann ich ungefähr 20 Meter fliegen. Sprecherin 2: Die Gleitzahl, die Florian Holzapfel hier ins Spiel bringt, beschreibt das Verhältnis von Auftrieb und Luftwiderstand und leitet sich vom Gleitflug ab. 25 Holzapfel: Das heißt die aerodynamische Effizienz von einem Albatros ist genau gleich groß wie die aerodynamische Effizienz von einer modernen Verkehrsmaschine. Während irgend so ein kleiner Spatz, der kann mit einem Meter Höhe halt nur acht Meter weit fliegen, weil seine Gleitzahl eben nur eins zu acht oder seine aerodynamische Effizienz nur in der Größenordnung irgendwo zwischen vier und acht liegt. Und das heißt, der muss mehr Energie reinbringen. Deshalb muss er viel wilder mit den Flügeln schlagen und übertragen (mehr oder weniger) auf ein Flugzeug würde das heißen, ich brauche mehr Schub. Drum braucht zum Beispiel verglichen zum Gewicht so ein Kampfflugzeug oder ein kleines Sportflugzeug relativ mehr Schub, weil es eben eine schlechtere Gleitzahl hat als eben so ein Flieger mit großer Streckung, wie eben ein schöner Segelflieger oder Motorsegler oder wie eine Verkehrsmaschine. Sprecherin 2: Ausgebildete Piloten freilich kennen all diese Parameter ihrer Maschinen – und das Zusammenspiel der unterschiedlichen Faktoren. Auch die sogenannte Flächenbelastung lässt sich schon bei der Konstruktion eines Flugzeugs berechnen – je nach Flugzeugtyp und Anforderung: 26 Holzapfel: Wenn ich ein kleines Segelflugzeug nehme, dann habe ich eben eine Flächenbelastung von 25 bis 50 Kilogramm pro Quadratmeter. Das heißt, ein Quadratmeter Flügelfläche muss 25 bis 50 Kilo eben heben können. Wenn ich so ein Sportflugzeug nehme, da sind wir schon in der Kategorie 50 bis ein bisschen über hundert Kilogramm. Und wenn wir jetzt so eine Verkehrsmaschine nehmen, da ist man so in Größenordnungen von 400 bis 600 Kilogramm pro Quadratmeter Flügelfläche. Was natürlich sofort bedeutet, damit ich mit einem Quadratmeter so viele Auftrieb erzeugen kann, muss ich mich natürlich wesentlich schneller bewegen, weit über 200 km/h (f)liegen, während zum Beispiel bei so einem kleinen Sportflugzeug, wenn ich so ein Ultraleichtflugzeug eben nehme, ich nur Größenordnung 65 km/h brauche, um abheben zu können. Atmo: Airbus Sprecherin 2: Je mehr Tempo und je mehr Flügelfläche zusammenkommen, desto größer die Kraft, die das Flugzeug nach oben bringt. Und das Zusammenspiel der physikalischen Kräfte lässt auch Massen fliegen, die schier unvorstellbar sind. 27 Holzapfel: Wenn man sich so ein Airbus 380 anschaut, der hat ein maximales Abfluggewicht von 560 Tonnen. Immer dran denken: wenn man beim LKW sagt "40-Tonner", dann hat der maximal 40 Tonnen. Dann sieht man, dass man an der Stelle im Endeffekt 14 solche LKWs vom Gesamtgewicht hat. Und da brauche ich natürlich dann auch eine große Flügelfläche... Sprecherin 2: … und eine Flügel-Konstruktion, die den enormen Belastungen standhält. Und die – trotz der enormen Massen, die durch die Luft bewegt werden – selbst auf Leichtbau setzt. ATMO Museum Sprecherin 1: Zurück im Deutschen Museum in München. Nicht nur komplette Flugzeuge zeigen in der großen Luftfahrthalle die Entwicklung des Fliegens auf, sondern auch einzelne Bauteile. In einer großen Glasvitrine sind aufgeschnittene Flügelprofile im Original zu sehen und offenbaren den Blick ins Innere eines Flugzeugflügels. 28 Kluge: Hier ist ein Segelflug-Profil mit Streben, Fachwerk drin, die quasi wie Fachwerkbau entsprechend die Struktur verstärken und dann mit Sperrholz beplankt und im hinteren Teil dann mit Stoff, einfach um es leichter zu machen. Sprecherin 1: … beschreibt Luftfahrt-Kurator und Segelflieger Robert Kluge den tropfenförmigen Querschnitt, der vor allem eines ist: umbaute Luft, ein großer Hohlraum mit einer möglichst dünnen Hülle. Die textile Flügelhaut ist hier kein Notbehelf. Je leichter ein Flugzeug ist, desto weniger Energie ist schließlich notwendig, um es in die Luft zu bringen und dort zu halten. Teilweise wirkt das extrem – wie etwa beim nächsten Ausstellungsobjekt. 29 Kluge: Wir stehen hier vor einem Flügel der Cessna 172, des bis heute meistgebauten Flugzeugs der Welt. Man sieht hier, es ist im Grunde genommen eine bessere Cola-Dose mit ein bisschen Versteifung drin. Sprecherin 1: Ist aber natürlich ausgeklügelte Ingenieurskunst: 30 Kluge: Also ich war selber fasziniert, als ich das zum ersten Mal gesehen habe, es gibt keinen richtigen Hauptholm, sondern es gibt zwei Holme, einen vorne einen hinten, aber auch nur gebogenes Blech. Also gleiche Dicke wie die Beplankung selber. Und dann so ein paar Stege, die das ganze längs stabilisieren und die Rippen selber mit großen Löchern drinnen, um es wieder leichter zu machen. Und die Steifigkeit ergibt sich dann durch den Rippenabstand. Das ist Metallbauweise, wie sie bis heute stattfindet und ähnlich eben auch im Großflugzeugbau. Das ist nicht viel anders. Musik: Drift into white 0‘55 Sprecherin 1: Inzwischen werden freilich moderne Materialien eingesetzt: Glas- und Kohlefaser können ausgeklügelte Profile formen und werden für die jeweiligen Anforderungen maßgeschneidert – ob nun Transport- oder Passagierflugzeug, Lang- oder Kurzstrecke, Sport- oder Linienflieger. Besondere Beschichtungen und Folien sollen heutzutage den Luftwiderstand reduzieren – und auch das Fahrwerk moderner Verkehrsmaschinen wird nach dem Start längst eingezogen und ist nicht mehr wie bei der berühmten "Tante Ju", der Junkers 52 aus Wellblech, im Flug noch zu sehen. Sprecherin 2: Messeinrichtungen für Luftdruck, Seitenwinde und vieles mehr unterstützen außerdem die Piloten, um jeden Flug so sicher wie möglich zu machen – und Sicherheitssysteme schlagen Alarm und greifen ein, sollte doch einmal das passieren, was beim Fliegen nie passieren darf: 31 Holzapfel: Also das Schlimmste, was natürlich passieren kann, ist, dass man eben zu langsam wird. Sprecherin 2: … sagt Luftfahrttechniker Florian Holzapfel: 32 Holzapfel: Weil dann bricht eben der Auftrieb zusammen. Und es ist eben gerade auch in der Sportfliegerei ein Unfallszenario, des leider nach wie vor auftritt. Die zivile Verkehrsfliegerei mit den großen Flugzeugen ist extrem sicher, und es sind ganz, ganz viele Mechanismen in so einem Flugzeug, damit es eben nicht passieren kann. Und das heißt, dass man natürlich dann lieber schaut, dass es Energieniveau lieber ein bisschen zu hoch ist. Und das kann natürlich dann zum umgekehrten führen, dass man mit zu viel Geschwindigkeit an der Landebahn ankommt. Und da ist es sicherste, durchzustarten und einfach noch ne Runde zu fliegen. Und sich darauf konzentrieren, dass es beim nächsten Versuch besser wird. Sprecherin 1: Luftraumüberwachung, Flugrouten und Fluglotsen tun ihr übriges – und nicht zuletzt die lange und gründliche Ausbildung der Piloten, auch in der Trockenübung, dem Flugsimulator. Musik: Serious preperations 0‘48 ATMO Flugsimulator 33 Zintl/Wechner/Autorin: Bisschen mehr Nase nach unten nehmen, dass wir wieder Richtung Landebahn kommen, nicht zu viel, reicht schon, bisschen nach links. Sooo, bisschen nach hinten ziehen, am Joystick ziehen. // wir haben die Landebahn getroffen. // Normalerweise setzt man mit dem hinteren Teil vom Fahrwerk zuerst auf und nicht mit der Nase. // Ich glaube, uns wäre das Fahrwerk abgebrochen. Ich halt uns mal an.

  19. William Turner - Maler der Zukunft

    23.04.2025 · 24 Min.

    William Turner (1775-1851) ist einer der erstaunlichsten Maler der Kunstgeschichte. Weit vor der Erfindung der Abstraktion lösen sich die Konturen seiner Malerei bereits in Farbwolken und Lichteffekten auf. Zugleich gilt der Turner als Chronist der frühen Industrialisierung seiner englischen Heimat. Von Julie Metzdorf (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Loibl, Ditte Ferrigan, Christian Schuler Technik: Fabian Zweck Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Karin Althaus, Kunsthistorikerin, Lenbachhaus München Lust auf noch mehr Kunst- und Künstlerporträts? Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Murillo - Ein Maler im Auftrag der Nächstenliebe JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Wagner, Monika: William Turner: München: C.H. Beck Verlag, 2011. Bockemühl, Michael: Turner: Köln (u.a.): Taschen Verlag, 2010. Turner. Ein Lesebuch, hrsg. von Karin Althaus, Nicholas Maniu, Matthias Mühling. Lenbachhaus München, 2023. Filmtipp: Mike Leigh: „Mr. Turner – Meister des Lichts“ (2014). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  20. Groschenhefte - Trivialer Schund in Serie

    23.04.2025 · 23 Min.

    Groschenhefte: billige Trivialliteratur im Format DIN A5, nur 64 Seiten lang, dafür endlos fortgesetzt. Ein riesiges Angebot zum kleinen Preis. Seit jeher geschmäht als Schmutz- und Schundliteratur halten sich die Heftromane bis heute hartnäckig an den Kiosken. Groschenhefte - eine Never Ending Story. Von Frank Halbach (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Xenia Tiling, Christoph Jablonka Technik: Regina Staerke Redaktion: Susanne Poelchau Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Prof. Dr. Christine Haug, Leiterin des Zentrums für Buchwissenschaft. Buchforschung - Verlagswirtschaft - Digitale Medien an der LMU München, Initiatorin eines DFG-Forschungsprojekts über Groschenhefte Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Heinz G. Konsalik - Ressentiments und Ruhm JETZT ANHÖREN Wenn die Eifersucht zuschlägt - Wo warst Du? JETZT ANHÖREN Warum wir Krimis lieben - Tödliches Verlangen auf dem Sofa JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: NDR Kultur | eat.READ.sleep. Bücher für dich Nach einer literarischen Vorspeise servieren Katharina Mahrenholtz, Daniel Kaiser und Jan Ehlert aktuelle Neuerscheinungen und Lieblingsbücher. Für die Bestseller-Challenge lesen sie sich durch die Titel der aktuellen Top Ten - kneifen gilt nicht, deutliche Meinung ist erwünscht! Beim Quiz können alle ihr Literatur-Wissen testen und Fun Facts für die nächste Party sammeln. Dazu gibt es Interviews mit Büchermenschen und Insights aus der Buchbranche. JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN