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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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  1. Das lyrische Ich - Gedichte zwischen Fiktion und Wahrheit

    18.03.2025 · 24 Min.

    Wer spricht in oder durch ein Gedicht? Die Vermutung liegt nahe, dass sich Autor und Autorin hier persönlich ausdrücken. Doch die Stimme eines Gedichts, auch lyrisches Ich genannt, kann viele Rollen oder Haltungen einnehmen. Steht das Werk also immer für sich ? egal, wie krass sich die dichtende Person danebenbenimmt? Von Justina Schreiber (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge:Justina Schreiber Regie: Ron Schickler Es sprachen: Katja Amberger, Susanne Schroeder Technik: Susanne Herzig Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Dr. Matías Martínez, Literaturwissenschaftler und Leiter des Institutes für Erzählforschung an der Uni Wuppertal Literaturtipps: Roland Barthes, „Der Tod des Autors“: Kleiner Text, der den strukturalistischen Ansatz des berühmten französischen Philosophen verdeutlicht. Matías Martínez, „Das lyrische Ich. Verteidigung eines umstrittenen Begriffs.“ In: Heinrich Detering (Hrsg.): „Autorschaft: Positionen und Revisionen. Stuttgart 2002, S. 376–389. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK Flicker of Flame 00:43min ZITATORIN: Ich ging im Walde so für mich hin. SPRECHERIN: Goethes Gedicht „Gefunden“ scheint ein individuelles Erlebnis zu veranschaulichen. Sieht man den lustwandelnden Dichter nicht förmlich vor sich, wie er am Wegrand dieses Blümchen entdeckt…? ZITATORIN: Wie Äuglein schön, SPRECHERIN: Und wie er es dann doch nicht pflückt… ZITATORIN: Ich wollt es brechen, SPRECHERIN: Aber das schöne Blümchen legt Protest ein. Es will nicht dahinwelken müssen. Na gut, dann wird es eben verpflanzt: ZITATOR: Ich grub’s mit allen Den Würzlein aus. Zum Garten trug ich’s Am hübschen Haus. SPRECHERIN: Goethe schickte dieses Gedicht seiner Ehefrau Christiane Vulpius im August 1813 zum 25-jährigen Jubiläum ihrer Beziehung. Es bietet sich also förmlich an, das Blümchen mit seiner Lebensgefährtin gleichzusetzen. Schließlich war ihr der Dichter zwar nicht im Wald, aber doch im Weimarer Park an der Ilm erstmals begegnet. War er damals etwa aufdringlich geworden? Hatte sie sich zur Wehr setzen müssen? Man könnte durchaus annehmen, dass das Ich, das aus dem Gedicht spricht, mit dem Autor eng verwandt ist, sagt der Literaturwissenschaftler Matías Martínez. O-TON 01: (Martinez) „Die Gattung der Lyrik legt es besonders nahe, den Autor zu identifizieren mit dem Sprecher.“ MUSIK Flicker of Flame 00:40min SPRECHERIN: Hier spricht ein realer Mensch, eine private Person: Besonders Erlebnislyrik wie Goethes Gedicht oder auch Liebesgedichte mit Widmung laden zu dieser Deutung ein. „An Luise. 1816“ heißt ein Poem von Joseph von Eichendorff, dessen Frau den Vornamen Luise trug. Sie hatte 1816 das erste gemeinsame Kind zur Welt gebracht. Kein Wunder also, nicht wahr? dass der Gatte das häusliche Glück bedichtete: ZITATORIN: Sitz‘st du vor mir, das Kindlein auf dem Arme. O-TON 02: (Martínez) „Es gibt ein Bedürfnis, Gedichte mehr noch als Romane und Theaterstücke, aber auch die, vor allem Gedichte tatsächlich zu beziehen auf autobiografische Erfahrungen des Autors.“ SPRECHERIN: Der Bezug zum Autor oder zur Verfasserin eines Gedichtes liegt besonders nahe, wenn in Gedichten – wie hier bei Goethe oder Eichendorff - „Ich“ gesagt, also die erste Person Singular des Personalpronomens verwendet wird. O-TON 03: (Martinez) „Lyrik ist traditionell die Gattung, in der ein Sprecher seine Meinung verkündet, seine Subjektivität zum Ausdruck bringt. Deshalb gab es auch immer die Tendenz, gerade bei Gedichten, diesen einzelnen Sprecher zu identifizieren mit dem realen Autor des Gedichtes.“ MUSIK Piano pecularity full 00:55min SPRECHERIN: Was aber, wenn das Ich eines Gedichtes nicht mit Blumen oder Frauen, sondern mit einem Mondkalb zu tun hat? Bei dem 1905 erstmals veröffentlichten Gedicht „Das ästhetische Wiesel“ des Dichters Christian Morgenstern handelt es sich offenkundig um ein reines Hirngespinst. Im Zentrum steht die Frage, warum ein Wiesel auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel saß. ZITATORIN: Das Mondkalb verriet es mir im Stillen. Es tat es um des Reimes willen. SPRECHERIN: Und das Mondkalb hatte sogar Recht. Gedichte folgen nämlich anderen Gesetzen als logischen oder biologischen. Sie können einem Reimschema folgen. Kiesel, Wiesel und so weiter. Lyrik hebt sich von der schlampigen automatisierten Alltagsrede ab, erklärt Matías Martínez: O-TON 04: (Martínez) „Traditionell ist die Lyrik ja immer definiert gewesen durch ihren Abstand zur Alltagsrede, zur Prosa, durch Reime, durch Metrik, durch rhetorische Figuren.“ SPRECHERIN: „Das ästhetische Wiesel“ ist also ein Kunstwerk. Und was ist mit dem Ich, das vom Mondkalb belehrt wird? Der Dichter Christian Morgenstern hat sicher nicht persönlich diesem merkwürdigen Tier gelauscht! Das Ich des Gedichts, das noch dazu keine Ahnung vom Reimen hat, gehört ganz klar in den Bereich der Fiktion. Aber auch Texte, die von persönlichen Stimmungen und Erlebnissen geprägt zu sein scheinen, sind ja gemacht und gedrechselt worden. Allein schon, damit Versmaß und Metrum stimmen, muss sich Dichtung die Wahrheit ein wenig zurechtbiegen. Daneben gibt es noch: MUSIK Off the ledge 00:35min ZITATORIN: Weitere Gründe dafür, dass die Dichter lügen SPRECHERIN: So heißt ein Gedicht des 2022 verstorbenen Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger. ZITATOR: (…) der, von dem da die Rede ist, schweigt. SPRECHERIN: Wer ist dann der oder die Andere, wenn nicht Autor oder Verfasserin im Gedicht ihre Gefühle und Weltsicht kundtun? Die deutsche Literaturwissenschaft behilft sich hier mit der Konstruktion eines lyrischen Ichs. O-TON 05: (Martínez) „Dieser Begriff wurde zum ersten Mal 1910 von einer Literaturwissenschaftlerin namens Margarete Sussmann geprägt, die diesen Begriff benutzt hat, um das empirische Ich des Gedicht-Autors zu unterscheiden zwischen dem empirischen Autor-Ich und dem Text-Ich. Dieser Begriff ist dann sehr erfolgreich gewesen und wird bis heute gerne benutzt, allerdings in einer sehr uneinheitlichen Weise.“ SPRECHERIN: Andere Sprachen kennen den Begriff des lyrischen Ichs nicht. Manche sprechen von einem „lyrischen Subjekt“. Die Philosophin Margarete Susman wollte mit dem Terminus den Blick auf die Text-Eigenschaften eines Gedichts lenken. Doch die Debatten, die sich im 20. Jahrhundert um das lyrische Ich rankten, zeigen, wie dehnbar der Begriff im Grunde ist. Handelt es sich tatsächlich um eine poetologische Kategorie oder nicht doch eher um eine fast religiöse Idee von einem überpersönlichen Ich, das durch ein Gedicht spricht? Wer oder was äußert sich dann hier? Schwer zu sagen. O-TON 06: (Martínez) „Es gibt also keine Übereinstimmung darüber, was das lyrische Ich wirklich bedeuten soll.“ MUSIK Scenic Village 00:52min SPRECHERIN: Hinzu kommt: Jede Epoche hat ihren eigenen Zeitgeist und ihre eigenen Ausdrucksformen. Nehmen wir nur einmal das berühmte mittelalterliche Spruchgedicht: ZITATORIN: Ich saz ûf eime steine SPRECHERIN: Wer sitzt da wohl mit übereinander geschlagenen Beinen, den Kopf aufgestützt auf einem Stein und denkt über die politische Lage im Reich nach? Es kann eigentlich niemand anderes sein als der Verfasser des berühmten Gedichtes selbst, der Minnesänger Wolfram von Eschenbach. ZITATORIN: und dahte bein mit beine da rûf satzt ich den ellenbogen SPRECHERIN: Wer sonst sollte hier seine Gedanken kundtun? Die Frage nach dem lyrischen Ich bringt keinen Erkenntnisgewinn. Ähnliches gilt auch für barocke Leichen- oder Hochzeitsgedichte, die erwartbare Äußerungen machen, also, den Konventionen gemäß, gratulieren oder kondolieren. Hier äußern sich repräsentative Stimmen, keine lyrisch bewegten Subjekte. Trotzdem etablieren Gedichte immer eine besondere Sprecher-Rolle. Manchmal macht ja schon der Titel klar, dass jetzt zum Beispiel ein Zauberlehrling das Wort erhebt. MUSIK Der Zauberlehrling 00:24min SPRECHERIN: In anderen Texten dagegen bleibt die Herkunft der Rede offen. Oder um aus Schillers Ballade „Der Gang nach dem Eisenhammer“ zu zitieren: ZITATORIN: Herr, dunkel war der Rede Sinn! SPRECHERIN: Stammelt hier der fromme Fridolin. O-TON 07: (Martínez) „Das Verständnis von Lyrik hat immer ein bisschen geschwankt zwischen der Identifikation des Sprechers in diesem Gedicht oder der Sprecherin mit dem realen Autor oder der realen Autorin einerseits. Und andererseits gab es aber auch immer ein Bewusstsein darüber, dass, sobald jemand ein Gedicht schreibt, derjenige, der in diesem Gedicht spricht, herausgelöst ist aus einer normalen Kommunikationssituation.“ MUSIK First Steps Outsides 00:51min SPRECHERIN: Im antiken Griechenland trug man lyrische Texte noch zur Lyra oder Kithara vor. Der äußere Rahmen war festlich. Mit dem Buchdruck verbreiteten sich Gedichte dann auch in schriftlicher Form. Man kann die Textgattung nun am Drucksatz, an den kurzen Zeilen oder den Strophen erkennen. Ein privater Brief sieht anders aus. Doch: O-TON 08: (Martínez) „Wenn ich eine Liebes-Botschaft eben in diesen traditionellen lyrischen Formen vorbringe…“ SPRECHERIN: Wenn in einer Mail vielleicht eingerückt und abgesetzt ein Text steht, in dem sich Herz auf Schmerz, Blick auf Glück und Gefühl auf Gewühl reimt. O-TON 09: (Martínez) „Dann bekommt das auch in einer privaten Kommunikation einen anderen Charakter, einen verallgemeinernden Charakter.“ SPRECHERIN: Und man kann oder muss sich fragen: was will der lyrische Text mir eigentlich sagen? MUSIK Struggle With Reason 00:58min ZITATORIN: Einsamer Tag am Fenster (Amsterdam 1939) SPRECHERIN: So nennt die aus Nazi-Deutschland emigrierte Schriftstellerin Irmgard Keun ihr melancholisches Poem. ZITATORIN: Und ich träum gen Himmel. SPRECHERIN: Sehnsucht und Heimweh, Liebe und Tod, das Ich und die Welt, Glück und Leid, Werden und Vergehen. Gedichte mögen autobiographische Anlässe haben, sie mögen private Themen verarbeiten. Aber sie bilden seit Goethezeit und Romantik auch den Versuch ab, anders nicht Sagbares, vielleicht sogar Unsagbares in Worte zu kleiden. Sprachbilder und metaphorische Übertragungen können Empfindungen, Beobachtungen und Gedanken zu universell gültigen Aussagen oder Parabeln ver“dichten“. Ein Meister der Verallgemeinerung, der den hohen Anspruch der Poesie zugleich karikierte, war Wilhelm Busch. MUSIK Barmy Town 00:44min ZITATORIN: Das Zahnweh, subjektiv genommen, ist ohne Zweifel unwillkommen: doch hat’s die gute Eigenschaft, dass sich dabei die Lebenskraft, die man nach außen oft verschwendet, auf einen Punkt nach innen wendet. SPRECHERIN: Auch hier spricht, wenn man so will, ein lyrisches Ich, obwohl Wilhelm Busch nicht „ich“, sondern unpersönlich „man“ sagt. Sein lyrisches Ich distanziert sich vom leidenden Subjekt und betrachtet es spöttisch von außen: Ja, so kommst du der Welt abhanden, weil du Zahnweh hast. Und nicht wie andere größere(?) Dichter Liebeskummer. O-TON 10: (Martinez) „Es gibt viele Gedichte, in denen schon mal grammatisch gar nicht die erste Person Singular benutzt wird und die auch überhaupt eine Ausdrucksform benutzen, die eher neutral ist. Man wird aber schon sagen können, dass auch in Gedichten, in denen wir kein explizites Ich vorfinden, doch auch so eine Subjektivität sich ausdrückt.“ MUSIK A stranger 01:12min SPRECHERIN: Subjektive Darstellungen wecken Emotionen. Sie laden zur Identifikation ein. Gedichte können Saiten zum Klingen bringen, die im Alltag unterdrückt werden. Sie artikulieren diffuse Gefühle und vermitteln Zusammenhänge, die nicht von Daten, Fakten oder Algorithmen bestimmt werden. Rhythmus, Wortwahl und Sprachmelodie verführen zum Nachempfinden und Mitsprechen. Vielleicht geht ein Gedicht sogar ins kulturelle Gedächtnis einer Sprachgemeinschaft ein und überdauert die Zeiten - wie Eduard Mörikes Frühlingspoem „Er ist’s“, das bis heute gern vertont und zitiert wird. ZITATORIN: Frühling, ja, du bists! Dich hab ich vernommen! SPRECHERIN: Und siehe da! Wer ein Gedicht vorträgt oder zitiert, verschmilzt mit der Stimme, die aus dem Gedicht spricht. Insofern kann man sagen, so der Literaturwissenschaftler Matías Martínez: O-TON 11: (Martinez) „Dass das lyrische Ich derjenige ist, der das Gedicht spricht. Und das kann auch der Leser sein, der es eben nachspricht.“ SPRECHERIN: So erweitert sich das lyrische Ich zu einem lyrischen Wir, zu einem Chor von Sprecherinnen und Sprechern. Wer hat nicht schon beim Autofahren oder Tanzen Songtexte mitgesungen oder ein fremdes Liebesgedicht für eigene Zwecke eingesetzt? Stellvertretend für alle hat da jemand etwas in Worte gefasst und nimmt uns mit in eine andere Welt oder Stimmung: O-TON 12: (Martinez) „Das kann natürlich auch sehr unangenehm sein, wenn man sich auf einmal hineintransportiert findet in Situationen und in Haltungen, in Wertungen, die man nicht teilt. Aber gerade darin besteht natürlich auch eine Chance, von Literatur, Erfahrungen auszuprobieren spielerisch, die man im realen Leben nicht macht und vielleicht auch gar nicht machen möchte.“ MUSIK (Ich steh' auf) Berlin 00:45 ZITATORIN: Ich fühl mich gut Ich steh auf Berlin SPRECHERIN: Die Neue-deutsche Welle-Band „Ideal“ brachte 1980 ein Loblied auf Berlin heraus. Der Songtext, in dem sich „Morgenrot“ auf „Hundekot“ reimt, schaffte es 2023 in die erweiterte Neuausgabe des „Ewigen Brunnen“, einer Sammlung deutscher Gedichte aus acht Jahrhunderten. Ein Werk der Sängerin Annette Humpe steht jetzt also zwischen zwei Buchdeckeln vereint mit Gedichten von Friedrich Hölderlin, Theodor Storm, Bert Brecht und Ingeborg Bachmann. ZITATORIN: Ich ess die Pizza aus der Hand SPRECHERIN: Annette Humpes Verszeile ist keine banale Aussage mehr. Sie trägt einen exemplarischen Charakter wie auch Goethes Formulierung: ZITATORIN: Ich ging im Walde so für mich hin. SPRECHERIN: Die Bedeutung des Kontextes darf auf keinen Fall unterschätzt werden, wiederholt der Literaturwissenschaftler Matías Martínez: O-TON 13: (Martinez) „Dadurch wird auch der Sprecher dieses Gedichtes verändert, wenn ein Text als Gedicht zirkuliert und nicht einfach nur eine Äußerung ist in normaler alltäglicher Kommunikation. Denn auch der Sprecher wird dadurch selber zum Gegenstand der Betrachtung.“ SPRECHERIN: Während der eine im Wald ein Blümchen ausgräbt, ist die andere als Schwarzfahrerin mit der Berliner U-Bahn unterwegs. Aber es sind eben nur ein paar Indizien, aus denen Zuhörerinnen und Leser Schlüsse auf das Subjekt des lyrischen Textes ziehen. Die imaginierte Sprecher-Instanz, der Sprecher, der aus dem Gedicht spricht, wandelt sich je nach Perspektive und Deutung. O-TON 14: (Martínez) „Schon dadurch kann er nicht mehr automatisch identifiziert werden mit dem realen Autor als einem Alltagssubjekt.“ SPRECHERIN: Jeder Text führt ein Eigenleben, sobald er veröffentlicht ist. Der französische Philosoph Roland Barthes war der Meinung, dass moderne Gesellschaften der Person von Autoren und Autorinnen grundsätzlich zu viel Bedeutung beimessen. Stichwort: Starkult. Roland Barthes verkündete 1967 provokativ den „Tod des Autors“. O-TON 15: (Martinez) „Roland Barthes hat stattdessen die Geburt des Lesers propagiert, dass ein Text sich vollständig ablöst aus der Entstehungssituation und dass er sozusagen frei zirkuliert und die Bedeutung annimmt, die der Leser ihm gibt.“ SPRECHERIN: Was für das lyrische Ich bedeutet: es wäre nicht mehr bei den Autoren zu verankern, sondern bei den Lesern und Leserinnen, die mit einem Gedicht machen können, was sie wollen - sofern keine Urheberrechte verletzt werden. Verszeilen lassen sich abwandeln, verfälschen, weiterspinnen oder wie eine Blume eigenmächtig verpflanzen. Kunst hilft weiter, wenn die eigenen Worte fehlen. Doch was hätte Rainer Maria Rilke wohl zum inflationären Gebrauch seiner Verse in heutigen Todesanzeigen gesagt? ZITATORIN: Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns. MUSIK Snow Again 01:23min SPRECHERIN: Manche Gedichte wirken einfach nur genial. Wie kommen Dichter und Dichterinnen eigentlich auf ihre Ideen? Woher bekommen sie ihre Eingebungen? Guten Gedichten merkt man die Arbeit am Text nicht an. Die Verse hüpfen leichtfüßig daher. Reime, Metrum, Rhythmus, alles fügt sich scheinbar selbstverständlich. Während der Autor vielleicht schwer um jedes Wort ringen musste, wirkt das fertige Werk dann wie eine Offenbarung. Das lyrische Ich kann sich meilenweit von der realen Person am Schreibtisch entfernen. Was im Umkehrschluss bedeutet: Dichter und Dichterinnen müssen sich für ihr lyrisches Ich nicht unbedingt verantwortlich fühlen. Wenn es sich zum Beispiel danebenbenimmt oder Unsinn verzapft, ließe sich argumentieren: Sie, die Verfasser, seien hier ja nicht persönlich tätig oder gar tätlich geworden. „Es“, eine Stimmung, eine Stimme, ein Gedanke, ein Funke, was auch immer, habe sie ergriffen und ihnen die Feder geführt. Kunst ist eben Kunst. Da ist einerseits etwas dran, sagt Matías Martínez. O-TON 16: (Martínez) „Die Freiheit der Kunst ist ja ein Grundrecht, das im Grundgesetz garantiert ist. Und wir haben ja auch eine Vorstellung davon, dass Kunst ein autonomer Bereich ist, in dem auch Haltungen und Meinungen präsentiert werden können, die Normen und Tabus durchbrechen. Vielleicht ist es ja sogar auch eine wichtige soziale Funktion von Kunst, eben auch bestimmte Grenzen zu überschreiten und zu provozieren. Andererseits muss sich die Kunst natürlich auch gefallen lassen, moralisch beurteilt zu werden. Sie agiert ja nicht in einem luftleeren Raum, sondern ist ja Teil einer gesellschaftlichen Diskussion.“ MUSIK Entitiy 00:51min SPRECHERIN: Etwa wenn es um sexuelle Gewalt geht. Als 2023 ein Dutzend Frauen Vorwürfe gegen den Rammstein-Sänger Till Lindemann erhob, geriet auch sein Lyrikband „In stillen Nächten“ in Verruf, den er zehn Jahre vorher veröffentlicht hatte. Der Verlag beendete die Zusammenarbeit mit dem Autor, nachdem er sich in einem Musikvideo, das Buch schwenkend, in extremen Sexszenen inszeniert hatte. Die öffentliche Empörung veränderte den Blick auf das lyrische Ich seiner Texte. Moralische Urteile können der künstlerischen Freiheit Grenzen setzen. Wenn Till Lindemann in dem Gedicht „Wenn du schläfst“ die Vergewaltigung einer mit Rohypnol betäubten Frau beschreibt: O-TON 17: (Martínez) „Und zwar positiv markiert, dann kann man schon daran Anstoß nehmen. Also, da gibt es einen Ermessensspielraum, ob man diesen Text eher als ein Gedicht liest, das durch die Freiheit der Kunst gedeckt ist, oder als Äußerung eines empirischen Autors, der das zwar in Gedichtform tut, der aber doch da bestimmte Vorlieben erkennen lässt, die verwerflich sind. Wenn man da eben sagt, da wird ein sexualisierter Gewaltakt beschrieben, dann ist das ja schon ein sehr schwerwiegender Vorwurf.“ MUSIK Heidenröslein 00:50min SPRECHERIN: Ein gutes Gedicht zeichnet sich auch durch Mehrdeutigkeit aus. Stilistische Mittel wie Ironie, Parodie oder Rollensprache verhindern den Kurzschluss zwischen Autor und lyrischem Ich. Auch Goethe thematisiert ja in seinem Gedicht „Heidenröslein“ eine Vergewaltigung. Anders als Till Lindemann schildert er das Geschehen jedoch nicht nur aus der Sicht des vermutlich männlichen Sprechers. Er lässt das Opfer selbst, das Heidenröslein zu Wort kommen. ZITATORIN: Röslein wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach, Mußt’ es eben leiden. Röslein, Röslein, Röslein roth, Röslein auf der Heiden. O-TON 18: (Martinez) „Bei Goethe wird zwar ein Unrecht beschrieben, aber es wird ja auch sehr stark der Leidcharakter dieses Unrechts hervorgehoben. Und insofern kann man sagen, dass in der Beschreibung dieses Unrechts oder dieses Übergriffs, dieser Gewalttat gleichzeitig auch so ein mahnender Charakter enthalten ist.“ MUSIK CHAMBER 01:27min SPRECHERIN: Die literaturwissenschaftliche Kategorie des lyrischen Ichs ist schillernd, verführerisch und trügerisch wie die Kunst selbst. Die Bandbreite poetischer Äußerungen lässt sich kaum auf einen Nenner bringen. Ob dichterische Inspirationsquellen vielleicht doch göttlich-überirdischer Natur sind oder eher mit Sex, Alkohol, Kaffee, Musik und Disziplin zusammenhängen: es gibt auf jeden Fall viele Faktoren, innere wie äußere, die ein lyrisches Werk beeinflussen, zum Beispiel auch Lärm, Geldnot, Selbstzweifel oder früher Ruhm. O-TON 19: (Martinez) „So ein kreativer Prozess hat natürlich immer auch immer mit dem individuellen Autor zu tun. Nicht jeder Autor bringt beliebige Texte hervor, sondern es gibt natürlich ein enges Verhältnis zwischen der Individualität eines Autors, also seiner Person und der Kunst oder den Texten, die er hervorbringt, das ist ein schwieriges, und ich würde sagen, offenes Gebiet.“ SPRECHERIN: Umso besser passen hier jetzt also die Worte, mit denen der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki Debatten abzuschließen pflegte, in Abwandlung des Bert-Brecht-Zitats: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen“… ZITATORIN: Wir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.

  2. Programm-Ansagerinnen - Fernsehgesichter der ersten Stunde

    17.03.2025 · 24 Min.

    Sie wurden als "sprechende Visitenkarte" bezeichnet oder auch als "Gastgeberin": Seit den Anfängen des Fernsehens stellten Programm-Ansagerinnen zu einen den Bogen her zwischen unterschiedlichen Programminhalten und überbrückten zum anderen die zu Beginn des Fernsehens oft noch minutenlangen Umschaltzeiten. Von Carola Zinner (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Carola Zinner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Irina Wanka, Jenny Güzel, Jerzy May Technik: Regina Staerke Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Carolin Reiber, ehem. Ansagerin; Sylvia Brécko, Kabarettistin, ehem. Ansagerin, Autorin der Magisterarbeit „Die Entwicklung der Fernsehansage im Verhältnis zum Programmschema“ Diese hörenswerten Folgen könnten Sie auch interessieren: Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Die Anfänge in Deutschland JETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Werbung, Propaganda, Aufklärung JETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · WIE WAR DAS DAMALS...? Als das Radio in die Welt kam? JETZT ANHÖREN radioWissen · Die Geschichte des Fernsehens - Von zwei Stunden in schwarz-weiß bis zu digital nonstop JETZT ANHÖREN radioWissen · Radio Caroline - Der vorbildliche Piratensender JETZT ANHÖREN Linktipps: Am 25. Januar 1949 wurde der Bayerische Rundfunk gegründet. Seitdem ist viel passiert. Ein bunter Ritt durch 75 Jahre Programm für Bayern: ZUR JUBILÄUMS-WEBSITE Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik: Busy Busy 0‘7 ZUSPIELUNG 1 Collage „Guten Abend, meine Damen und Herren...- verehrte Zuschauer!“ ERZÄHLERIN Seit Beginn des Fernsehens gab es Ansagerinnen, die durch das Programm führten. Galt beim Radio anfangs noch der Grundsatz, männliche Stimmen seien seriöser und daher zu bevorzugen, drehte sich, als das Bild zum Ton kam, das Verhältnis um. Gutaussehende Frauen wurden zum „Gesicht des Senders“, seine „sprechende Visitenkarte“. ZUSPIELUNG 2 Brécko Die allererste Fernsehansage gab es tatsächlich schon im März 1935 von der Ansagerin Ursula Patzschke-Beutel - die hat dann gleichzeitig auch den Hitlergruß mit versendet - ZITATORIN „Achtung, Achtung! Fernsehsender Paul Nipkow. Wir begrüßen alle Volksgenossen und Volksgenossinnen in den Fernsehstuben Großberlins mit dem deutschen Gruß Heil Hitler! ZUSPIELUNG 3 Brécko Und im Dezember 1952 dann der offizielle Fernsehstart mit Ansagerin Irene Koss. ERZÄHLERIN Die Schauspielerin und Kabarettistin Sylvia Brécko hat nicht nur selbst beim WDR als Ansagerin gearbeitet, sie verfasste auch mit ihrer Magisterarbeit über die Entwicklung der Fernsehansage eine der wenigen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema. ZUSPIELUNG 4 Brécko Anfangs dienten die Fernsehansagen dazu, die technisch notwendigen Umschaltzeiten zwischen den verschiedenen Sendern und auch Sendungen zu überbrücken. Außerdem war sie Bindeglied zwischen dem Sender und am Zuschauer, sollte informieren und Geschmack machen auf das folgende Programm. Und sie sollte eine harmonische Überleitung bieten, was besonders wichtig war bei aufeinanderfolgenden gegensätzlichen Sendeformaten. Direkt dran ZUSPIELUNG 5 C. Reiber So dass der Zuschauer sagte, ach, das müssen wir uns anschauen. Und, sicher, der Auftritt war auch nicht unwichtig. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 6 „Bevor wir beginnen, ein kurzer Blick auf das, was wir Ihnen heute Abend bieten.“ (All diese eingestreuten Ansagen können als PUFFER dienen) ZUSPIELUNG 7 C. Reiber Wie sieht die aus, was trägt sie für eine Frisur? Was hat sie heute an? Das war schon alles wichtig, und das wussten wir auch. Und das war ja auch schön. ERZÄHLERIN Die Moderatorin Carolin Reiber, Jahrgang 1940, begann ihre Fernseh-Karriere als Ansagerin beim Bayerischen Rundfunk. Angefangen hatte alles mit einem munteren Interview Ende der 1950er Jahre, in dem die hübsche junge Frau von einem Aufenthalt in den USA erzählte. ZUSPIELUNG 8 C. Reiber Daraufhin meinte der damalige Leiter der Abendschau, Heinz Böhmler, ach, die wäre doch was. Und der ging zu meinen Eltern - ich sehe ihn noch im Wohnzimmer - und fragte meine Eltern, ob sie es erlauben würden, wenn ich Ansagerin werden würde. Wir sind ja mit 21 erst volljährig geworden! Und meine Eltern meinten, naja, wenn sie ´s kann, warum nicht. ERZÄHLERIN Schließlich steht zu dieser Zeit „Ansagerin“ neben „Stewardess“ ganz oben auf der Liste weiblicher Traumberufe. Doch die Umsetzung dieses Wunsches gelingt nur den wenigsten, auch weil die Eltern für solche „Flausen“ ihrer Töchter meist wenig Verständnis haben. Als „vernünftige“ weibliche Berufe gelten in Westdeutschland Sekretärin, Verkäuferin oder Krankenschwester, eine Anstellung in den Büros von Ämtern, der Post oder der Bahn. Und für so genannte „Bücherwürmer“ kommt auch das Lehramt in Frage – was allerdings noch bis Mitte der 1950er Jahre zur Sackgasse werden kann, weil in vielen Bundesländern die Frauen aufgrund des so genannten Lehrerinnenzölibats verpflichtet sind, bei einer Eheschließung, den Dienst zu quittieren. MUSIK: Rumba Anna 0‘28 Anmutung 50er Jahre ERZÄHLERIN Nach den Kriegsjahren, in denen Frauen häufig in harten Knochenjobs die fehlenden Männer hatten ersetzen müssen, gilt es im Westdeutschland der 50er und 60er Jahre als Privileg, als Ehefrau nicht zur Arbeit gehen zu müssen, sondern sich mit aller Kraft um einen geordneten Haushalt und das Wohlergehen von Mann und Kindern kümmern zu können. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 9 Ansage b Das Programm des Deutschen Fernsehens kommt heute vom Südwestfunk. Dazu begrüßen wir auch die Zuschauer des Österreichischen Fernsehens. ERZÄHLERIN Auch die Fernsehansagerinnen passen in gewisser Weise ins Schema der 50er und 60er. Schließlich ist es ihre Aufgabe, den attraktiven Rahmen zu bilden für die „gewichtigen“ Programminhalte, die fast ausschließlich von Männern erstellt werden. Ansagerinnen machen es dem Publikum quasi in der „Guten Stube“ Fernsehen schon mal gemütlich, bevor man zum wichtigen Teil des Abends kommt. Es ist eine Rolle, die ihnen beim Publikum enorme Popularität einbringt. ZUSPIELUNG 10 (Brécko) In den 50ern waren sie regelrechte Stars. Alles, was die ersten Fernsehansagerinnen Irene Koss, Ursula von Manescul, Dagmar Bergmeister sagten, trugen und taten, war der Presse eine Schlagzeile wert. Sie waren die Gesichter des jeweiligen Senders. ZUSPIELUNG 11 (Reiber) Das war so, dass die Leute oft, was ich sehr lustig fand, wenn ich zu meinem Friseur ging, hat er mal wieder… es kam wieder eine Kundin mit einem Bild von Ihnen „Ich möchte die Frisur haben!“ Aber das war ja ein Kompliment. Das war ja schön, wenn jemand sagt, ah, ich möchte genauso eine Frisur haben wie sie. ERZÄHLERIN Die hohen Gehälter allerdings, die man den Fernsehansagerinnen angesichts ihrer Prominenz oft unterstellt, existieren nur in der Vorstellung des Publikums. Carolin Reiber: ZUSPIELUNG 12 (Reiber) Wir hatten ja alle einen Beruf noch nebenbei. Ja, ich war ja Auslandskorrespondentin dann, und die anderen waren Schauspieler, die Anneliese Fleyenschmidt war mit dem Schreiben beschäftigt - also wir hatten alle unseren Nebenjob noch. Keine konnte davon leben. ZUSPIELUNG 13 (von Aretin/ Kappelsberger/ Fleyenschmidt) Dann kamen Briefe, gell: Was soll ich meine Tochter studieren lassen? - also um Ratschläge - Ja, wir waren ja in der Familie drin / Was hat denn die für eine Frisur – tät uns auch gefallen, oder gefällt uns überhaupt nicht… / Ich hab wahnsinnig viel Anrufe, Briefe gekriegt, das ging also an, ich hab meinen Schäferhund verloren, meine Tochter will Abitur machen, ich hab Schwierigkeiten in der Ehe, ich krieg keine Wohnung: ich hatte das Gefühl, du wirst ein bisschen wie ein Sozialbüro auch – zu der haben wir Vertrauen, die gehört zu uns, die kennt ja viele Leute, die ist ja in der Öffentlichkeit, und die kann mir helfen. ERZÄHLERIN Annette von Aretin, Anneliese Fleyenschmidt und Ruth Kappelsberger: Pionierinnen der Fernsehansage beim Bayerischen Rundfunk. Musik: Wo rote Rosen blüh’n 0‘42 Bei einem Treffen im Sommer 1992 schwelgten die drei in Erinnerungen an die aufregenden Anfangsjahre. Die drei waren bei einem Auswahlverfahren, das damals noch im Versuchsstudio in einem Münchner Blindenheim stattfand, aus hunderten von Bewerberinnen herausgefiltert worden, als der Sender 1954, knapp zwei Jahre nach dem bundesweiten Start des deutschen Fernsehens, ein eigenes Fernsehprogramm entwickelte. Am 6. November 1954 war es dann so weit: Annette von Aretin kündigte die erste Fernsehsendung aus Bayern an. ZUSPIELUNG 14 (Von Aretin – Start des BR-Fernsehens in der ARD) „Guten Abend, verehrte Zuschauer. Gestern konnten unsere Zuschauer uns zum ersten Mal sehen. Und heut dürfen wir uns Ihnen vorstellen: Der Bayerische Rundfunk im Deutschen Fernsehen. Von jetzt ab werden wir im Bereich des Senders Wendelstein unsere Münchner Abendschau täglich um 19 Uhr bringen und im Deutschen Fernsehen, also im Gemeinschaftsprogramm der Deutschen Rundfunkanstalten zwischen 20 und 22 Uhr, werden wir 5 oder 6mal in jedem Monat zu sehen sein. An den übrigen Tagen wird das Programm von den Studios in Hamburg, Köln, Berlin, Frankfurt, Stuttgart und Baden-Baden bestritten. Wir begrüßen unsere Zuschauer von den Alpen bis zur Nordsee auf das herzlichste und ebenso unsere Kollegen auf den anderen Stationen. Und wir hoffen, dass Ihnen unser Programm gefällt! ZUSPIELUNG 15 (Aretin, 1992) Evtl. Diese Zuspielung in die Mitte der obigen Ansage setzen, nach „Deutschen Fernsehens“, anschließend dann mit der Ansage weiter bis „Programm gefällt“). Und, bitte, den kleinen (Fremd-) Schnaufer unter „panisch“ nach Möglichkeit rausfiltern. Ich war panisch. Und hab das Ganze eigentlich wie in Narkose abgewickelt. Und es hat kein Wort gefehlt, also es ging, nur diese Angst hab´ ich nie mehr verloren beim Ansagen. ERZÄHLERIN Vielleicht liegt es an diesem permanenten Lampenfieber, dass die gelernte Fotografin, die bereits seit Ende der 40er Jahre in den verschiedensten Bereichen für den Bayerischen Rundfunk arbeitet, nach einigen Jahren als erste der drei Kolleginnen wieder aus der Ansage aussteigt – Annette von Artin leitet fortan das Besetzungsbüro des Hauses. Der Promi-Status beim Publikum bleibt ihr trotzdem erhalten, ist „unsere Annette“ doch festes Mitglied im Rateteam der deutschlandweit beliebtesten Fernsehsendung des Bayerischen Rundfunks. ZUSPIELUNG 16 Thema „Was bin ich“ 0‘33 ERZÄHLERIN „Was bin ich“ – DER Quotenrenner aus Bayern mit einer Einschaltquote von bis zu 75 Prozent. Das Team muss die Berufe wechselnder Studiogäste erraten, die auf Fragen ausschließlich mit „Ja“ oder „Nein“ antworten dürfen – wobei sie vom „Gastgeber“ Robert Lembke ebenso humorvoll und intelligent begleitet werden MUSIK falls lang genug, nochmal hoch ZUSPIELUNG 17 (Reiber) Es war sozusagen das Highlight des Bayerischen Rundfunks. Da die ganze Nation zugeschaut.- Ich mein, mit Robert Lembke….! ERZÄHLERIN Carolin Reiber erinnert sich noch genau an die große Aufmerksamkeit des Publikums für die Ansagen vor Straßenfegern wie „Was bin ich“. Sprache, Kleidung, Haare: alle wurde genauestens registriert – und oft auch kommentiert. ZUSPIELUNG 18 (Reiber) Die Kleider waren schon ein Problem: Es war ja erst mal alles Schwarz-Weiß. Und dann hatten wir einen Spind, ich hatte einen Schrank, da hing etwas in Tracht, etwas für Trauer und etwas für Sport. Denn das Programm hat ja oft gewechselt. Und dann mussten wir schnell umdisponieren. Und dann hat mir eine Zuschauerin geschrieben, also Frau Reiber, die Sendung war ja ganz gut, aber ihre Bluse war ganz schön verknittert. Die war nicht gut gebügelt! ZUSPIELUNG 19 (Fleyenschmidt) Wir konnten einen Pullover auf drei verschiedene Arten tragen. Denn konntest Du einmal linksrum, einmal rechtsrum, einmal mit nem Blüschen drunter, einmal mit ner Brosche hin, und dann sagten Leute: Die hat jeden Tag was anderes an. ERZÄHLERIN So Anneliese Fleyenschmidt. In welchem Outfit die Ansagerinnen auf dem Bildschirm erscheinen, interessiert auch die Kolleginnen brennend, die in den anderen Sendeanstalten auf die nächste Schalte warten. Dezent soll die Kleidung sein, gepflegt und ein bisschen vornehm – wenn man da nicht gerade ein Dirndl trägt wie etwa Carolin Reiber vom Bayerischen Rundfunk gelegentlich, kann es leicht mal zu Überschneidungen kommen. ZUSPIELUNG 20 (Reiber) An einem Abend, das wird ich nie vergessen: München mit der tollsten Ansage für „Was bin ich?“, dann WDR Claudia Dorn, dann…: viermal, und wir hatten alle das Gleiche an: einen beigen Twinset mit einer Perlenkette. Das war ein Halleluja! Das Gleiche passierte dann auch natürlich mit den Frisuren. Da kam die Zeit der Perücken, die Zeit der großen Haarteile. Und ich kann mich noch erinnern, da hatten wir dann mal einen Kommentar: Jetzt wächst die Frisur aus dem Bildschirm! ZUSPIELUNG 21 (Fleyenschmidt, Kappelsberger) Die Leute waren auf das Fernsehen wirklich wild. Die drehten um 5 Uhr den Knopf auf und blieben bis 10 dran. Drum hab ich immer gesagt: Die kommen an unserem Kopf gar nicht vorbei. Die drehten auf und dann waren wir da. Aber auf der anderen Seite war man ewig auf dem Präsentierteller – also ich habe meinen ersten Schock gekriegt, ich hab meinen Wagen abends in die Werkstatt gefahren zur Inspektion – und da war die Putzfrau da und schaut – Grüß Gott – Grüß Gott – sind Sie die vom Fernsehen? – Ja… - Nu, auf dem Bildschirm sind se aber auch scheener! ERZÄHLERIN Weil das Fernsehen in den Anfangsjahren ausschließlich schwarz-weiß ausgestrahlt wird, müssen Anneliese Fleyenschmidt, Ruth Kappelsberger und Annette von Aretin immer wieder für maskenbildnerische Experimente herhalten. Denn in Schwarzweiß wirkt beispielsweise ein roter Lippenstift nicht unbedingt rot. Aber ein blauer vielleicht…? ZUSPIELUNG 22 (v. Aretin, Fleyenschmidt) Da sind wir mit blauen Lippen – da hieß es, roter Lippenstift wirkt schwarz – mit hellblauen Lippen haben wir lieblich gesäuselt. / Wenn wir die allererste Zeit nehmen, da waren nur Experimente; da hat der Kameramann experimentiert, der Redakteur hat experimentiert, wir haben experimentiert, das Licht hat experimentiert – wir waren eigentlich selig, wenn wir auf dem Schirm waren und nicht gewackelt haben. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 23 Ansage e „Im Telezoo… “ ZITATOR 31. Sitzung des Fernseh-Ausschusses des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks. Behandelte Tagesordnung: Das Problem der Ansage - Gespräch mit den Ansagerinnen - Reportage der Münchner Abendschau über das Eheseminar in Landau Das Aufzeichnungsverfahren (Kursives verschwindet in Blende) ERZÄHLERIN Das Protokoll einer Sitzung vom 19. Dezember des Jahres 1955: sechs Herren und eine Dame vom Rundfunkrat und vom Sender beratschlagen, wie es mit der Fernsehansage weitergehen soll. Dafür sind Gäste geladen. ZITATOR „Der Vorsitzende begrüßt die Damen von Aretin, Fleyen-Schmidt und Kappelsberger, mit denen man sich heute einmal gemeinsam über das Problem der Ansage unterhalten wolle. ERZÄHLERIN So richtig begeistert scheinen die Sitzungsteilnehmer von den Ansagen nicht zu sein; Fernsehen gilt im Gegensetz zu Radio immer noch als leicht unseriös. Und Damen, so prominent im Programm? ZITATOR Pfarrer Hildmann wirft zunächst die Frage auf, wozu überhaupt eine sichtbare Ansage gebraucht werde. () Ob nicht die Sendungen selbst so stark sein sollten, dass sie den Kontakt schaffen?“ ZUSPIELUNG 24 Werbespot zur Rundfunkgebühr mit Ruth Kappelsberger „Verehrte Zuschauer… und Sie kriegen bestimmt ganz was Schönes!“ Musik: Busy Busy 0‘5 ZITATOR Die Damen von Aretin, Fleyen-Schmidt und Kappelsberger berichten aus der Praxis ihrer Ansagetätigkeit. Selbstverständlich können sie zu den Sendungen keine persönliche Meinung äußern, doch seien ihnen kleine Änderungen im Text der Ansage gestattet. Herr Märker bezweifelt, dass die Erscheinung der Ansagerin den persönlichen Kontakt stärke. Andererseits wäre eine Ansage ohne persönliche Erscheinung der Ansagerin auch nicht das rechte; doch solle das Bild der Ansagerin auf dem Schirm zwischen Großaufnahme und Aufnahme aus der Entfernung wechseln. Dr. Münster erklärt die derzeitigen Großaufnahmen der Ansagerin mit den Raumschwierigkeiten: im Studio II könne man durch die Beengtheit des Raumes die Distanz für ein ¾ Bild eigentlich nicht gewinnen. ZUSPIELUNG 25 (Aretin, Fleyenschmidt) Wir saßen in einem wirklich 12-Quadratmeter-Raum, hier saß der mit den Nachrichten, der immer Dienst gehabt hat, da saß die Ansagerin, und da saß jeweils der berühmte Gast. Und wenn man nicht dran war, ist man unter der Kamera rausgeschlichen, ganz leise, ist in den Regieraum – ist es in Ordnung so? Also es war wirklich eine lustige Akrobatik. / Wir waren in dem Studio, das war eine Baracke und es war sehr heiß, und es war Sommer. Und oben auf der Baracke stand die Sonne, und wir hatten wahnsinnig starke Lichter, und die Lichter waren noch viel heißer als heute, man schwitzte also. Und wir waren die „Damen ohne Unterleib“, ja, man saß also da und redete. Und einer der Kameraleute, der sah, dass mir so warm war, und brachte also eine solche Schüssel mit kaltem Wasser. Ich hatte also keine Strümpfe an, ich hab also die Füße ins kalte Wasser, hab oben ganz fein weitergeredet. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 26 Ansage Konsalik-Roman – Der folgende Film…. wünschen Ihnen viel Vergnügen 0´13 ERZÄHLERIN Mit Beginn des Farbfernsehens 1967 beginnt ein neues Kapitel - mit neuen Experimenten. Die spätere Ansagerin Silvia Brécko preist sich glücklich, damals nicht schon dabei gewesen zu sein. ZUSPIELUNG 27 (Brécko) Denn da konnte deine Gesichtsfarbe sich während einer Ansage ohne weiteres mehrmals von aschfahl über grünlich-gelb nach knallrot ändern. Durch die technische Übertragung der Farbsignale in den drei Grundfarben kam es nämlich anfangs zu ständigen Farbschwankungen auf dem Bildschirm. Das Farbfernsehen steckte halt noch in den Kinderschuhen. ERZÄHLERIN Allerdings steht auch nur in wenigen Haushalten schon einer der teuren Farbfernseher. Doch egal ob schwarzweiß oder bunt: auch in den wilden 70er Jahren gilt für Fernsehansagerinnen, insbesondere für die der ARD: ja nicht zu viel Sexappeal! Auch Moderatorinnen wie Carolin Reiber oder Petra Schürmann, die ehemalige Miss World, dürfen zwar im Regionalprogramm durchaus mal Bein zeigen. Als ARD-Ansagerinnen aber sind und bleiben sie die „Damen ohne Unterleib“. ZUSPIELUNG 28 (Brécko) Das ZDF setzte nicht zuletzt durch den größeren Unterhaltungsanteil in seinen Programminhalten schon früher darauf, auch mal Totalen zu zeigen. Und die Privatsender sind natürlich gleich in die Vollen gegangen, mit Dekolleté, Kurven und langen Beinen. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 29 Ansage Zur „Hallo-Elvis-Party erwarten Sie…. Gute Unterhaltung!“ Musik: You dirt rat 0‘31 ERZÄHLERIN Bereits ein Jahrzehnt, bevor ab 1984 die Privatsender mit ihrem – oft deutlich schrilleren Programm - den deutschen Fernsehmarkt eroberten, bemühten sich die Öffentlich-Rechtlichen um einen merklich lockereren Ton. Das galt auch für die Ansagen: die Texte stammten zunehmend nicht mehr aus den Redaktionen, sondern wurden von den Ansagerinnen selbst verfasst – und von den Ansagern, denn zum festen Team der Fernsehsender gehörten nun auch Männer, die bisher nur in „Ernstfällen“ wie etwa dem Tod hochrangiger Politiker oder aber im Radio zum Einsatz gekommen waren. Auch sonst wurden die Übergänge fließender, und die vertrauten Fernsehgesichter tauchten immer öfter außerhalb des gewohnten Studioumfelds auf: die gelernte Schauspielerin Ruth Kappelsberger etwa spielte häufig in kleinen Heimatfilmen mit, während die kurzhaarige blonde Hanni Vanhaiden vom NDR – Markenzeichen dicke Brille – eine Kindersendung moderierte und sich als Schlagersängerin versuchte. Musik: Vanhaiden „Ich bin die Mieze vom 1. Kanal“ 0‘15 (nach Wahl, rechtzeitig über Programmaustausch bestellen). Den Vanhaiden-Song „Ich bin die Mieze vom 1. Kanal“ finde ich nur auf Youtube, von wo man ihn im Rahmen der Produktion bitte runterziehen müsste) ERZÄHLERIN Und Carolin Reiber macht deutschlandweit Fernseh-Karriere. Dabei hatte sie doch in ihrer Anfangszeit als Ansagerin für ihr rollend-bayerisches „r“ oft heftige Kritik einstecken müssen. ZUSPIELUNG 30 (Reiber) Also zunächst haben sich vor allem die Hessen darüber beklagt, was die Münchnerin da für ein „r“ spricht. Aber: ich bekam es in den Griff, und nach einiger Zeit konnte ich nach Wunsch rollen oder nicht. ERZÄHLERIN Und mit der ZDF-Sendung „Lustige Musikanten“, die sie ab 1978 moderiert wird das bayerische „R“ ohnehin zu ihrem ganz besonderen Markenzeichen. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 31 Ansage a: Ich begrüße Sie sehr herzlich zu unserem Abendprogramm im Ersten! ERZÄHLERIN Nach der Einführung der Privatsender, in denen Ansagen schon bald von Programmtrailer und Spots ersetzt wurden, ging auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern die Ära der Programmansagen langsam zu Ende. Leider, sagt Sylvia Brécko, die heute erfolgreich als Kabarettistin arbeitet. ZUSPIELUNG 32 (Brécko) Weil die Fernsehansage zur Sender-Kennung beitrug. Gesichter, die man konkret mit einem Fernsehsender verbindet. Menschen, zu denen der Zuschauer eine Verbindung aufbaut. Außerdem hatte die Fernsehansage Tradition. Sie war von der ersten Fernsehstunde an dabei, und Traditionen zu pflegen schadet oft nicht. Musik: The Bat Swing (A) 0‘40 ERZÄHLERIN Das letzte Ansage-Wort bei den Öffentlich-Rechtlichen, sieht man einmal vom Kultursender Arte und von ARD alpha ab, wo man gelegentlich noch heute auf diese Art der Programmpräsentation zurückgreift, gehörte – Zufall oder nicht – einem Mann. Mit der Präsentation des Silvesterprogramms 2004 durch Dénes Törzs vom NDR ging die Ära der Fernsehansage zu Ende.

  3. Der Traum - Das unbekannte Hirngespinst

    14.03.2025 · 22 Min.

    Der Traum ist eine im Schlaf auftretende Abfolge von Vorstellungen, Bildern, Ereignissen, Erlebnissen - so definiert es der Duden. Doch wie kommen diese Bilder zustande? Woher rühren die Vorstellungen? Und was nützen sie? Fest steht: Wir träumen viel mehr, als uns bewusst ist. Und wir können auch ganz bewusst träumen. Von Inga Pflug (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Inga Pflug Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Caroline Ebner und Stefan Merki Technik: Regina Staerke Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Stufen des Bewusstseins - Trance, Meditation, Schlaf, Hypnose JETZT ANHÖREN Das gewaltige Dunkel - Eine Kulturgeschichte der Nacht JETZT ANHÖREN Angst vor der Dunkelheit - Was die Finsternis unheimlich macht JETZT ANHÖREN Interviewpartner/innen dieser Folge: Lucas Krieg, Künstler & Traumcoach in Nürnberg, traum-studio.de; Dr. Thomas Schreiner, Lehrstuhl für Kognitive Neuropsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München; Prof. Dr. Michael Schredl, Traumforscher, Wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors Mannheim; Prof. Dr. Tobias Staudigl, Lehrstuhl für Kognitive Neuropsychologie an der LMU München Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  4. Romeo und Julia - Die tragische Lovestory

    14.03.2025 · 23 Min.

    Sie sind das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur, Stoff zahlloser Theaterstücke, von Musik und Kinofilmen - und längst Synonym für alle herzergreifenden Liebesbeziehungen: Romeo und Julia. William Shakespeares Liebesdrama hat sie zur berühmtesten Liebesgeschichte aller Zeiten gemacht. Von Frank Halbach (BR 2022) Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christiane Roßbach, Edith Saldanha, Sven Hussock Technik: Roland Böhm Redaktion: Susanne Poelchau Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  5. Valentinstag - Von Märtyrern und Liebenden

    14.03.2025 · 22 Min.

    Auf der ganzen Welt schicken sich Verliebte am Valentinstag Karten und schenken sich Blumen. Haben Floristen das Fest erfunden? Geht es auf den katholischen Schutzheiligen der Liebenden St. Valentin zurück? Oder auf einen alten heidnischen Brauch? Aber wieso kam der Valentinstag dann über die USA nach Europa? Von Frank Halbach (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Edith Saldanha, Christian Baumann Redaktion: Andrea Bräu Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Kamasutra - Leitfaden für Liebe, Erotik und Lebensweise JETZT ANHÖREN Stalking - Wenn die „Liebe“ Wahnsinn ist JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Klaus Thiele-Dohrmann: Wenn die Vögel Hochzeit machen. Geoffrey Chaucer und die Geschichte des Valentinstags. In: DIE ZEIT. 08/2004, 12. Februar 2004 – detaillierte Darstellung der Bedeutung von Chaucers Gedicht. Josef Kurz: Recherchen und Gedanken zum Valentinstag. In: idw-online.de, Februar 2007 – verfolgt Ursprünge und Brauchtum des Valentinstages von der Antike bis heute. Manfred Becker-Huberti: 14. Februar: Wenn der Valentin mit der Valentine. In: brauchtum.de, Köln Februar 2005 – analysiert die kirchliche Figur des heiligen Valentin. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK „Something stupid“; ZEIT: 00:57 SPRECHERIN Alle Jahre wieder: Zwangsverordnete Gefühlsduselei, sentimentale Candlelight-Dinner, pinke Konfektschachteln in Herzform… SPRECHER Am 14. Februar ist Valentinstag: Das Fest der romantischen Liebe SPRECHERIN Begangen mit unzähligen kitschigen Karten, mehr oder weniger geschmackvollen Blumengebinden und sündhaft teuren Pralinen. SPRECHER Zeit, sich endlich mal wieder dran zu erinnern, Partner oder Partnerin zu zeigen, dass und wie sehr man liebt. SPRECHERIN Meinen die einen. Eine Verkaufsstrategie des Blumenhandels im Speziellen und der gesamten Kommerzindustrie im Allgemeinen… SPRECHER …sagen die anderen. SPRECHERIN Gänzlich unromantischer Konsum oder… SPRECHER Eine wirklich alte Tradition – wie immer wieder zu hören und zu lesen ist. SPECHERIN Eine vor gerade Mal einem halben Jahrhundert aus Amerika importierte Tradition. Weil diese neue „alte“ Tradition Rekordumsätze beschert, schimpfen Kritiker. Er gehe doch aber auf den Heiligen Valentin zurück, dessen Gedächtnis am 14. Februar begangen werde, behaupten Verfechter des Valentinstags. MUSIK ENDE MUSIK 2 privat Take 018 „Windflower“; Album: Mortal Engines; Label: Back Lot Music – BLM0759; Interpret: Tom Holkenborg; Komponist: Tom Holkenborg; ZEIT: 01:05 SPRECHER Im 3. Jahrhundert, da lebte in Rom Valentin. Er liebte Dinge, die wachsen, und unter seinen Händen gediehen wunderbare Blumen und sein Garten erblühte zum schönsten der heiligen Stadt, denn der Segen Jesu Christi, den er aus tiefstem Herzen verehrte, lag auf ihm. Aber das war nicht das einzige, was Valentin zum Knospen brachte: Er traute Liebespaare nach christlichem Ritus und schenkte ihnen Blumen aus seinem Garten, um auch ihre Herzen erblühen zu lassen. Ehen, die Valentin derart segnete, standen unter einem besonders guten Stern, waren glücklich und kinderreich. Auch setzte sich Valentin mit Rat und Tat für Liebende ein, indem er mit den Angehörigen sprach, wenn sie einer Verbindung zweier Liebender nicht zustimmen wollten. Doch der römische Kaiser Claudius Gothicus hatte den christlichen Ritus verboten: Er ließ Valentin in den Kerker werfen. Am Abend vor seiner Hinrichtung schrieb er im Auftrag der Tochter seines Gefängniswärters noch einen Brief an ihren Liebsten, um ihr zum Glück zu verhelfen. Am 14. Februar 269 wurde er enthauptet. Seither ist der Märtyrer, der heilige Valentin aus Rom, der Schutzpatron der Liebenden. MUSIK hoch und ENDE SPRECHERIN Diesen heiligen Valentin, Patron der Liebenden, dem am 14. Februar gedacht wird: Es gibt ihn nicht. Jedenfalls nicht mehr. Seit der Reform des römischen Generalkalenders im Jahr 1970 und der anschließenden Reform des Regionalkalenders für das deutsche Sprachgebiet 1972 taucht dieser Heilige weder an diesem noch an sonst einem Tag im liturgischen Kalender auf. SPRECHER Es gibt drei Heilige mit Namen Valentin. Ein heiliger Valentin war Bischof von Rätien. Sein Gedenktag wird aber am 7. Januar begangen. SPRECHERIN Dann gibt es einen Valentin von Rom und einen Valentin von Terni. Womöglich handelt es sich aber bei den beiden um ein und dieselbe Person. Die Überlieferung vermischt beide nämlich. SPRECHER Als der Heilige, der für Liebe und Zärtlichkeit Pate steht, wird in der Regel Valentin von Terni identifiziert. SPRECHERIN Allerdings ist dieser Heilige Vall-entin der Schutzheilige gegen Fallsucht, also Epilepsie. Daher wird er mit einem zu seinen Füßen liegenden Epileptiker dargestellt. SPRECHER Und teilt sich diese Zuständigkeit wiederum mit Valentin von Rätien, der gleichfalls für Epilepsie und außerdem als Patron gegen Krämpfe, Gicht und Viehseuchen zuständig ist. SPRECHERIN Verwirrend. Aber am 14. Februar gefeiert wurde der Tag des Valentin von Terni. SPRECHER Und diesen Tag hat man aus dem liturgischen Kalender gestrichen, da sich die Quellenlage für einen Heiligengedenktag am 14. Februar als nicht stichhaltig herausgestellt hat. SPRECHERIN Was aber viel wichtiger ist: Weder das Leben des Heiligen Valentin, noch seine Wirkung lassen sich in einen Zusammenhang als Schutzpatron der Liebenden bringen. Der Valentinstag als Fest der Liebenden hat mit einem heiligen Valentin nur eines zu tun: den Namen Valentin! Sonst leider nichts. MUSIK privat Take 019 „Something stupid“; Album: Background Music & Sounds From I’m In Records; Label: 2023 Integral Music Group; Interpret: unbekannt; Komponist: Carson Parks; ZEIT: 00:20 SPRECHER Aber woher stammt der Anlass für das Fest der Liebenden am 14. Februar dann? MUSIK hoch und Ende bei 00:20 SPRECHERIN Das ist die Frage. Denn im Mittelalter galt der 14. Februar vielmehr als Unglückstag: Es soll der Geburtstag von Judas gewesen sein, dem Jünger, der Jesus verraten hat. Kälber, die am 14. Februar geboren waren, wurden nicht zur Zucht eingesetzt. Bruthennen durfte man nicht auf die Eier setzen, weil man glaubte, sie würden faulen oder missgestaltete Küken würden aus ihnen schlüpfen. In der Schweiz hat der Valentinstag sogar einer Dämonengestalt, dem „Väledi“, den Namen gegeben, eine Hauptfigur der Steiner Fasnacht. Sein Maskenträger führt den Narrentanzes auf den Dorfplatz an. SPRECHER Blickt man jedoch noch weiter in die Vergangenheit zurück: MUSIK „LUDI INTER PANA“; ZEIT: 00:59 SPRECHERIN In Rom wurde vom 13. bis 15. Februar das Hauptfest des Gottes gefeiert, der als Beschützer der Bauern und Hirten, ihres Viehs und ihrer Äcker galt: Faunus. Die Feierlichkeiten nannte man die Luperkalien, nach dem Beinamen des Gottes: „Lupercus“, was so viel wie „Wolfsabwehrer“ bedeutet. SPRECHER Die Luperkalien waren ein Reinigungs- und Fruchtbarkeitsfest, das man bei Annährung des Frühlings feierte. Und es war bei den Römern Sitte, anlässlich dieser Feierlichkeiten jungen Frauen junge Männer für eine gewisse Frist zuzulosen. Frühe Frühlingsgefühle durften so rituell abgesegnet ausgelebt werden. SPRECHERIN Ganz genau weiß man über diesen Brauch im Rahmen des Festes von Faunus nicht Bescheid. Was man weiß: Die katholische Kirche versuchte nach dem Sieg über das Heidentum, diesem Tag einen gänzlich anderen Anstrich zu verpassen: Statt den Namen eines oder einer Liebsten wurden den jungen Leuten die Namen christlicher Heiliger zugelost, deren Leben, Tugend und Märtyrertum sich der oder die Jugendliche zum Vorbild nehmen sollte. MUSIK ENDE MUSIK privat Take 019 „Something stupid“; Album: Background Music & Sounds From I’m In Records; Label: 2023 Integral Music Group; Interpret: unbekannt; Komponist: Carson Parks; ZEIT: 00:20 SPRECHER Ein früher Fall, wo das Angebot nicht mit der Nachfrage der Zielgruppe übereinstimmt. MUSIK hoch und Ende bei 00:20 SPRECHERIN Das mit dem Losen allerdings: das hat sich bis ins Mittelalter gehalten. MUSIK „ Saltarello Nr. 1. Tanz für Renaissance-Instrumente“; ZEIT: 31 SPRECHER In England konnte am 14. Februar jeder Valentin zu seiner Valentine kommen. Das Schicksal entschied: per Los oder einfach durch die erste Begegnung nach Sonnenaufgang. SPRECHERIN Der unverheiratete junge Mann durfte nun das ledige Mädchen ausführen und so lange als Partnerin betrachten – natürlich bei Wahrung von Sitte und Anstand. SPRECHER Solche Paarbildungen galten als besonders glücksverheißend für eine spätere eheliche Bindung. SPRECHERIN Begleitet wurde dieser Brauch davon, sich gegenseitig kleine Aufmerksamkeiten zu schenken, insbesondere Gedichte: MUSIK ENDE – „The Disposition of Linen“; ZEIT: 01:29 SPRECHER Zwar kenn‘ ich Amor nicht in Tun und Wesen Noch weiss ich, wie er treuen Dienst vergütet, Doch hab in Büchern ich gar oft gelesen, Welch Wunder er vollbringt, und wie er wütet, Und lese, dass als König er gebietet. SPRECHERIN Dichtet der Autor der weltberühmten "Canterbury Tales" Geoffrey Chaucer in den 1380er Jahren. Anlass ist wohl die Vermählung König Richards II. mit Anna von Böhmen. Das Gedicht umfasst 100 Strophen und trägt den Titel: SPRECHER Das Parlament der Vögel SPRECHERIN Wer kennt nicht das Kinderlied: SPRECHER (angedeutet singend) Ein Vogel wollte Hochzeit machen. SPRECHERIN Bei Chaucer geht es schon vor über 600 Jahren um eine solche Vogelhochzeit. Ein Königsadler wirbt leidenschaftlich um eine schöne Adlerdame. SPRECHER Die wird rot wie eine "Rosenblüte im Sommersonnenschein" … SPRECHERIN …und es verschlägt ihr die Sprache. SPRECHER Zwei weitere Adlerjunggesellen melden sich zu Wort. Der Falke plädiert für ein Turnier um die Adlerin. Die Gans merkt an, werde ein Freier nicht erhört, solle er nach einer anderen Braut suchen. Die Turteltaube besteht auf für unbedingter Treue. Der Kuckuck lobt die Vorzüge des Single-Daseins, wofür er vom Falken als selbstsüchtiger Nimmersatt beschimpft wird, da… SPRECHERIN Da greift die Göttin Natur ein: und meint, die ledige Adlerin solle sich entscheiden. Die bittet um ein Jahr Bedenkzeit. SPRECHER Alle anderen Verlobungen im Parlament der Vögel sind schnell vollzogen. Jedes Männchen bekommt ein Weibchen zugewiesen. SPRECHERIN Und alle singen zum Schluss hochzufrieden: SPRECHER Sankt Valentin, du bist der Hochgestellte, für dich die Vögel dieses Lied beginnen: Willkommen, Sommer, der des Winters Kälte durch seine warme Sonne ließ zerrinnen. MUSIK ENDE SPRECHERIN Damals fiel der 14. Februar von heute auf den 23. Februar im Julianischen Kalender. Ab dann würden die Vögel damit anfangen, sich zu paaren und zu nisten. Angeblich beziehe sich Chaucers „Parlament der Vögel“ auf eine bereits etablierte Tradition – belegen lässt sich das aber nicht. SPRECHER Zu Chaucers Zeit wurde noch eine Reihe weiterer Gedichte über Vogelhochzeiten am Valentinstag verfasst. Schwer zu sagen, ob die Gedichte entstanden, weil man dachte, dass die Paarungszeit der Vögel beginne oder ob man wegen der Gedichte daran glaubte, dass ab dem sogenannten Valentinstag, das Federvieh mit seiner Balz anfing. SPRECHERIN Und da die mittelalterlichen Werke über die Vogelhochzeiten nicht exakt zu datieren sind, lässt sich auch nicht sicher sagen, ob Chaucer die Idee als erster hatte. MUSIK “Lamento di Tristano“; ZEIT: 01:07 SPRECHER Im Mittelalter wird aber jedenfalls zu ersten Mal der 14. Februar als jährlich wiederkehrendes Fest der Liebe beschrieben: In der „Charter of the Court of Love“, entstanden um das Jahr 1400, werden Festlichkeiten des königlichen Hofes von Karl VI. von Frankreich beschrieben. In der Stadt Mantes-la-Jolie gab es ein Festmahl, Tanz, Turnierkämpfe sowie Wettbewerbe in Liebesliedern und –poesie. SPRECHERIN Allerdings lassen sich keinerlei weitere Quellen des Hofes zu diesem Fest finden. Und von den in der Charta erwähnten Persönlichkeiten war keine in Mantes-la-Jolie, außer der Königingemahlin, der Wittelsbacher Prinzessin Isabeau de Bavière, so dass die Darstellung des Festes wahrscheinlich nur den niedergeschriebene Wunschtraum der Prinzessin darstellt. SPRECHER Herzog Karl von Orléans schreibt im Jahr 1415 nach der Niederlage bei der Schlacht von Azincourt während er als Gefangener im Tower schmachtet, an seine Frau: SPRECHERIN (wie den Brief lesend) Ich bin schon krank vor Liebe, meine süße Valentine… SPRECHER Und in einem der bedeutendsten Werke der Weltliteratur, William Shakespeares „Hamlet“, singt Ophelia: SPRECHERIN Auf morgen ist Sankt Valentins Tag, Wohl an der Zeit noch früh, Und ich, ’ne Maid, am Fensterschlag, Will sein eu’r Valentin. Er war bereit, tät an sein Kleid, Tät auf die Kammertür, Ließ ein die Maid, die als ’ne Maid Ging nimmermehr herfür. MUSIK ENDE SPRECHER Durch Chaucer, Shakespeare und andere britische Poeten gewinnt der Valentinstag im englischen Sprachraum nach und nach einen immer höheren Stellenwert, und Liebesgedichte zum Valentinstag werden zu einer romantischen Erfolgsgeschichte. MUSIK „The Draughtsman's Contract” SPRECHERIN Und zu einem Riesengeschäft: Im Jahre 1797 kam das Buch „The Young Man’s Valentine Writer“ heraus, voll mit Versen für junge Liebhaber, die nicht selbst dichten konnten. Druckereien hatten zu diesem Zeitpunkt schon begonnen, Valentinskarten herzustellen: Die so genannten „Mechanical Valentines“. Anfang des 19. Jahrhundert waren sie so beliebt, dass man sie in Fabriken produzierte. Als in Großbritannien 1840 die Briefmarke eingeführt wurde, und damit zugleich das Karten verschicken erheblich billiger wurde, kam es zu einem regelrechten Valentinskarten-Tsunami: 400.000 Stück waren es zum Valentinstag 1841. SPRECHER Ein weiterer Vorteil der britischen Postreformen: Man konnte Karten ohne Absender verschicken. In der prüden viktorianischen Epoche ließ sich so Liebe und Lust aus der Ferne gestehen, ohne dass man seine Identität preisgeben und damit sein Gesicht verlieren musste. SPRECHERIN Die Feierlichkeiten, Traditionen und Bräuche zum Valentinstag, die sich seit der frühen Moderne in England ausgebildet hatten, gelangten im 19. Jahrhundert durch Auswanderer in die Vereinigten Staaten. Und damit auch das Geschäft mit den Valentinskarten. Hier wurden ab 1848 von Esther Howland aus Worcester, Massachusetts, die ersten in Massenproduktion hergestellten Valentinstagskarten vertrieben. SPRECHER Valentinstag wird, beziehungsweise ist bereits, ein nationaler Feiertag. SPRECHERIN Bemerkt ein amerikanischer Journalist bereits 1849. Damit wurde das Geschäft mit dem Valentinstag zum Wegbereiter weiterer kommerzialisierter Feiertage. SPRECHER 1868 erfand der britische Schokoladenhersteller Cadbury verzierte Pralinenschachteln in Herzform, die man zum Valentinstag verschenken konnte. SPRECHERIN Und im 20. Jahrhundert waren aus dem Brauch des Karten- und Gedichte-Austauschs Geschenke jeder Art geworden, insbesondere erhältlich bei Tiffany & Co oder Cartier. Im Jahr 2016 gaben allein die US-Amerikaner 19,7 Milliarden Dollar für Karten, Blumen, Pralinen und andere Geschenke zum Valentinstag aus. MUSIK ENDE SPRECHER In Amerika entwickelte sich der Valentinstag weiter: Vom Tag der Liebenden über einen Tag der familiären Beziehungen bis zu einem Tag der Freundschaft. SPRECHERIN Kein Wunder: Das erweitert die Absatzmöglichkeiten nochmal erheblich. SPRECHER Ab wann genau das Valentinsbrauchtum im deutschen Sprachraum eine Rolle spielt, lässt sich nicht mehr herausfinden. SPRECHERIN Aus dem Spätmittelalter ist die Bezeichnung Vielliebchentag überliefert. Das trifft nicht nur die ursprünglichere Bedeutung des Tages besser, sondern trennt ihn von einer nicht vorhandenen Verbindung zu einem heiligen Valentin. SPRECHER Spätestens ab den 1950er Jahren gewinnt der Valentinstag auch bei uns eine immer größere Rolle. SPRECHERIN In Westdeutschland bekannt wird er vor allem durch hier stationierte US-Soldaten. 1950 findet in Nürnberg der erste deutsche „Valentinsball“ statt. Als „weltlicher“ Feiertag steht er jedoch lange im Schatten des Muttertags. SPRECHER Der Valentinstag wird aber immer wichtiger. Und zwar in ganz Europa. Er hat es sogar bis nach Lateinamerika, Singapur, Südkorea und Japan geschafft. Und sogar die katholische Kirche bemüht sich mittlerweile, den Valentinstag zu integrieren. Ehepaare werden eigeladen, ihr Eheversprechen zu erneuern, „Segensfeiern am Valentinstag“ veranstaltet, Verlobte dürfen den Beistand Gottes in der Vorbereitung auf die Ehe erbitten, und in der Predigt und in den Gebeten wird darauf hingewiesen, dass Gott die Quelle der Liebe und der Treue ist. MUSIK privat Take 019 „Something stupid“; Album: Background Music & Sounds From I’m In Records; Label: 2023 Integral Music Group; Interpret: unbekannt; Komponist: Carson Parks; ZEIT: 00:20 SPRECHERIN Damit folgt man dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Konsum als Förderer der Liebe? MUSIK hoch und Ende bei 00:20 SPRECHER Und Schuld an allem sind – könnte man zusammenfassend sagen - die alten Römer mit ihrem Faunus-Fest, den Luperkalien. SPRECHERIN Eine zwar spekulative, aber sehr einleuchtende Herleitung. Seit dem 18. Jahrhundert ist die Idee verbreitet, dass der Valentinstag die Bräuche der Luperkalien verewigt. SPRECHER Vor allem durch das Werk „The Lives of the Fathers, Martyrs, and Principal Saints“ des englischen katholischen Priesters und Heiligenforschers Alan Butler, aber auch durch Schriften mehrerer anderer Forscher. SPRECHERIN Butlers Theorie ist heute gemeinhin akzeptiert. SPRECHER Chaucers Gedicht „Das Parlament der Vögel“ ist dann einer der ersten Hinweise, dass der Tag des Heiligen Valentin etwas mit dem Tag der Verliebten zu tun hat. SPRECHERIN Ein Heiliger, dessen Leidensgeschichte und dessen Existenz offenbar erfunden sind. „Schuld“ am Valentinstag sind allerdings nicht einfach die Römer, sondern genau genommen doch die katholische Kirche. SPRECHER Aber hat die den Heiligen nicht abgeschafft? SPRECHERIN In dem Fall liegt die Schuld bei Papst Liberius, dessen Pontifikat von 352-366 währte. Ursprünglich fiel das kirchliche Fest von Christi Geburt auf den 6. Januar – den Tag den heute noch die orthodoxen Kirchen als den Geburtstag Jesu feiern. Papst Liberius aber verlegte 354 die Feier des Weihnachtsfestes auf den 25. Dezember. In erster Linie, um jegliche Verbindung zum heidnischen Sonnenkult zu kappen – denn der 6. Januar war das Fest des römischen Sonnengottes Sol invictus – die unbesiegbare Sonne. Aber was hat Weihnachten mit dem Valentinstag zu tun? SPRECHER Nach mosaischem Gesetz musste ein Neugeborener, und damit auch Jesus, nach vierzig Tagen in den Tempel gebracht werden. Dieser Tag wird als "Darstellung des Herrn" gefeiert. Der erstgeborene Sohn wurde als Eigentum Gottes angesehen, dem Tempel übergeben und musste traditionell durch ein Geldopfer ausgelöst werden. Der Tag ist auch als „Mariä Lichtmess“ oder „Mariä Reinigung“ bekannt, da eine Frau gemäß mosaischem Gesetz nach Geburt eine Knaben 40 Tage als unrein galt und sich einem Reinigungsritual unterziehen musste. SPRECHER Als Weihnachten noch am 6. Januar gefeiert wurde, war 40 Tage später: SPRECHERIN Der 14. Februar. SPRECHER Und wenn Weihnachten auf den 25. Dezember vorverlegt wird, fällt Mariä Lichtmess… SPRECHERIN Auf den 2. Februar, an dem sie noch heute gefeiert wird. Der 14. Februar aber wurde dadurch zu einem leeren Tag, einer Art Loch im Kalender, das gestopft werden wollte. MUSIK 1 „Something stupid“; ZEIT: 01:01 Sprecher (bewundernd) Man nehme einen Heiligen namens Valentin, setzte seinen Todestag auf den vakanten 14. Februar und male den Tag im Laufe der Zeit mit brauchtumsstützenden Ereignissen aus. SPRECHERIN Man nehme ein uraltes Fest, in diesem Fall eines, das irgendwie mit Liebe zu tun, und sehe, wie man maximal Profit daraus schlagen kann. SPRECHER Aber rote Rosen, ein paar Pralinen und ein romantisches Gedicht haben noch niemandem geschadet. Und heute lassen sich digitale Valentinswünsche und animierte Grußkarten online völlig kostenlos verschicken. MUSIK hoch und ENDE

  6. Wachstum - Wie die Wirtschaftsidee nach Europa kam

    13.03.2025 · 23 Min.

    Wirtschaftswachstum - das ist erstmal nur eine Zahl. Aber was für eine! Geht die Zahl nach oben, dann steigt die Stimmung. Und umgekehrt genauso. Historisch betrachtet ist diese Idee relativ neu. Sie entstand in einer sehr speziellen Situation - und eine berühmte Küchendebatte trug dazu bei. Von Maike Brzoska Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Dorothea Anzinger, Frank Manhold Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Matthias Schmelzer, Wirtschaftshistoriker, Vertretungs-Professor an der Universität Flensburg Robert Groß, Umwelthistoriker, Forscher am Institut für Soziale Ökologie der Universität Wien Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Weltmacht Dollar - Geschichte einer Währung JETZT ENTDECKEN Die Geschichte der Steuern - Zugemauerte Fenster und gestutzte Bärte JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literatur: Matthias Schmelzer: The Hegemony of Growth. The OECD and the Making of the Economic Growth Paradigm. Cambridge University Press. Cambridge, 2016 Susanne Hilger: “Amerikanisierung deutscher Unternehmen: Wettbewerbsstrategien und Unternehmenspolitik bei Henkel, Siemens und Daimler-Benz (1945/49 – 1975). Steiner Verlag. Stuttgart, 2004 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  7. Papier - Energiefressendes Kulturgut

    11.03.2025 · 22 Min.

    Papier statt Plastik - ein Slogan der aktuellen Klimadebatte. Vom Briefbogen über den Geldschein bis zum Taschentuch begleitet Papier unseren Alltag. Sogar wohnen könnten wir bald in Papier. Doch die Herstellung des recyclierbaren Werkstoffs ist enorm energieintensiv. Von Inga Pflug Credits Autorin dieser Folge: Inga Pflug Regie: Martin Trauner Es sprach: Hemma Michel Technik: Adele Kurdziel Redaktion: Anne Kleinknecht Im Interview: Johannes Follmer, Papiermühle Homburg, Papiermacher Sonja Neumann, Deutsches Museum München Helga Zollner-Croll, Hochschule München Samuel Schabel, TU Darmstadt Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Kreislaufwirtschaft - Wirtschaften ohne Ressourcenverschwendung JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  8. Die Erfindung des Rads - Als die Welt ins Rollen kam

    11.03.2025 · 24 Min.

    Es gilt als eine der bedeutendensten Erfindung in der Menschheits-geschichte - das Rad. Als Transportmittel öffnete es den Handel zwischen Kulturen, als Streitwagen führte es zur Bildung von mächtigen Großreichen, als Idee führte es zu Zahnrädern und Uhren und langfristig zur globalen Mobilität. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Welt im altorientalischen Mesopotamien ins Rollen kam. Heute gilt die alteuropäische Tipolye-Kultur auf dem Gebiet der heutigen Ukraine vor 6.000 Jahren als wahrscheinlicher Ursprungsort des Fahrens. Autor: Geseko von Lüpke Credits Autor dieser Folge: Geseko v. Lüpke Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Andreas Neumann, Benjamin Stedler Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Stefan Burmeister, Archäologe, Frühgeschichtler; Asko Parpola, Finnischer Paläo-Linguist und Historiker; Elke Kaiser, Prof. für Frühgeschichte an der FU Berlin; Harald Haarmann, Linguist, Historiker, Autor Carola Metzner-Nebelsick, Historikerin, LMU München; Norbert Oberschmidt, Rad-Entwickler, Autor Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Der Beginn der Landwirtschaft - Zivilisation und Risiko JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche. Paula sucht Paula | Folge 1/3 | Alles Geschichte - History von radioWissen JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Burmeister, Stefan: Der Mensch lernt fahren – zur Frühgeschichte des Wagens, Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (MAGW), Band 142, 2012, S. 81-100 Burmeister Stefan: Die drei großen W: Waren – Wagen – Wege. Überlegungen zum Überlandverkehr in prähistorischer Zeit, mit besonderem Blick auf Nordwestdeutschland, aus: Bartelheim, Martin( Hrsg.): RessourcenKulturen, Band 8, Tübingen University Press Haarmann, Harald: Die Erfindung des Rades. Als die Weltgeschichte ins Rollen kam. Beck-Verlag, München 2023 Kaiser, Elke: Die frühen Räderfahrzeuge im nordpontischen Raum. Die archäologische Überlieferung und das protoindoeuropäische Wagenvokabular. Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 43, 2022, 13–25 Kaiser, Elke: Räderfahrzeuge in der frühen Bronzezeit Osteuropas. In: B. Nessel, D. Neumann, M. Bartelheim (Hrsg.), Bronzezeitlicher Transport. Akteure, Mittel und Wege. Ressourcenkultur 8 (Tübingen 2018) 139–165. Metzner-Nebelsick, Carola: Charriots and Horses in the Carpathian Lands during the Bronze Age, Published in: B. Baragli, A. Dietz, Zs. J. Földi, P. Heindl, P. Lohmann and S. P. Schlüter (eds.), Distant Worlds and Beyond. Distant Worlds Journal Special Issue 3, Heidelberg, Propylaeum 2021, 111–131. DOI: https://doi.org/10.11588/propylaeum.886.c11954 Parpola, Asko: Proto-Indo-European Speakers of the Late Tripolye Culture as the Inventors of Wheeled Vehicles: Linguistic and archaeological considerations of the PIE homeland problem. Pp. 1-59 in: Karlene Jones-Bley (eds.), Proceedings of the Nineteenth Annual UCLA Indo-European Conference, November 2-3, 2007. (Journal of Indo-European Studies Monograph 54.) Washington, D.C.: Institute for the Study of Man, 2008 Oberschmidt, Norbert: Das Rad. Eine bewegte Geschichte; ifu-verlag für regionalkultur, Heidelberg 2015 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Lang, lang, ist‘s her. Ungefähr zu jener Zeit, als der ‚Mann vom Tisenjock‘, ein dunkelhäutiger jungsteinzeitlicher Wanderer mit dem modernen Namen ‚Ötzi‘ die Alpen überqueren wollte; und 3.356 Jahre vor unserer Zeitrechnung von einem Pfeil getroffen in eine Gletscherspalte stürzte. Runde 5.380 Jahre. Der glatzköpfige Mann, der weit nach seiner Zeit als ‚Mumie von Similaun‘ weltberühmt werden sollte, mag das Geräusch schon gekannt haben: Das Knarzen der sich drehenden Holzräder, das harte Rumpeln der archaischen Achsen, die sich ächzend reibenden Holzbohlen des klobigen vierrädrigen Wagens. Musik 2 Titel 08 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge 0'41 SPRECHERIN Und der Eindruck wird sich tief in sein steinzeitliches Bewusstsein eingeprägt haben. Denn die Erfindung von Rad und Wagen – das wissen wir heute – war eine höchst ungewöhnliche und bis heute täglich wirksame Erfindung. In dem Zeitalter, das wir gewöhnlich die ‚Graue Vorzeit‘ nennen – dem Neolithikum oder der Jungsteinzeit, in dem sich der Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu Hirten- und Bauernkulturen vollzog. Über Jahrzehntausende war der Mensch zu Fuß gelaufen. Und plötzlich begann er zu fahren! Der Archäologe Stefan Burmeister versucht sich auszumalen, wie groß damals das Staunen gewesen sein mag. ZUSPIELUNG Wort 1 (Stefan Burmeister) Man muss sich vorstellen, wie der Mensch sich bis dahin selbst fortbewegt hat. Also eben immer nur auf seinen eigenen Füßen. Mit dem Wagen taucht plötzlich eine ganz andere Art von Fortbewegung auf. Man sitzt oder steht über den Dingen und schwebt, auch wenn es vielleicht ein bisschen ruckelig ist. Aber man gleitet ja im Grunde so dahin und muss sich selbst nicht mehr bewegen. Das ist natürlich eine ganz andere Form der Automobilität, die ja schon eher sowas von ‚Erscheinen‘ hat, als von Gehen oder sich fortbewegen. ZUSPIELUNG Atmo 2 Mischung: (Hupen eines Oldtimers, Stampfen einer Dampf-Lokomotive, Quietschende Reifen eines Sportwagens) SPRECHER ‚Auto-Mobilität‘ – wer sich das Wort auf der Zunge zergehen lässt, erahnt die Jahrtausende der Kulturentwicklung, die von den rustikalen Konstruktionen der Jungsteinzeit, über elegante Streitwägen der Ägypter und Griechen, herrschaftlich kaiserliche Prunkkarossen, Planwägen im Wilden Westen, verspielte Hochzeitskutschen, erste Automobile, mächtige Lokomotiven bis hin zum hochgezüchteten Formel-Eins-Rennwagen reichen. Erfindungen, die die Welt zum Dorf machten, den globalen Handel begründeten, Geschwindigkeit und Zeitmessung nach sich zogen – und zu dem führten, was heute als privater PKW oder mächtiger 40-Tonner unseren Alltag im 21. Jahrhundert prägt. Doch wie begann das alles? Wo und wann kam die Weltgeschichte ins Rollen? Musik 3 Titel: "Jd021" - Album: Derrida - Komponist und Ausführender: Ryuichi Sakamoto - Länge: 0'50 SPRECHERIN Der Blick zum Himmel – zum Rund von Sonne und Mond – hatte den Menschen wohl schon immer gezeigt, dass es mit den über den Himmel ziehenden Kreisen etwas Besonderes auf sich hatte. Auch als mythisches Symbol für den Lauf der Jahreszeiten war der Kreis schon lange ein Begriff, nicht jedoch als bewegliches Rund. Lange Zeit gingen die Historiker davon aus, dass die Idee zum Rad zum ersten Mal in den legendären Reichen im Urstromland aufblitzte, die als Wiege der Zivilisationen galten. Denn im sumerischen ‚Uruk‘ auf dem Gebiet des heutigen Irak hatte man im Grab eines Königs alte Schrifttafeln gefunden, deren Zeichen und Piktogramme bereits 3.400 vor Christus vierrädrige Wagen zeigten – also stolze 5.400 Jahre alt sind. Doch der finnische Paläo-Linguist und Historiker Asko Parpola vermutet einen noch älteren und ganz anderen Ursprungsort des Rades: ZUSPIELUNG Wort 2 (Asko Parpola /männl. Overvoice) It has been an accepted theory for a long time that the Sumerians invented wheeled Lange Zeit galten die Sumerer als Erfinder von Rad und Wagen rund 3.400 vor Christus. Aber in den letzten zwei Jahrzehnten hat man in Europa mehr und mehr Funde gemacht, die aus ungefähr der gleichen Zeit stammen. Deshalb wird die ‚sumerische Theorie‘ heute in Frage gestellt. Ich glaube, dass Rad und Wagen im Gebiet der zentralen Ukraine erfunden wurden, nahe der heutigen Stadt Kiew, rund 3.600 Jahre vor Christus oder etwa zu der Zeit. …. in that time scale. Musik 4 Titel 08 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge 0'46 SPRECHER Denn in Ost-Europa hat die Archäologie erstaunliches zu Tage befördert: Spuren sogenannter ‚Mega-Sites‘ – riesiger stadtähnlicher Strukturen mit zigtausend Einwohnern, Tausenden von Häusern und Werkstätten schon aus dem fünften vorchristlichen Jahrtausend: Jungsteinzeitliche Großstädte der sogenannten ‚Tripolye-Kultur‘, in denen wunderschön verzierte Terrakotta-Vasen gefunden wurden, für die schon das Töpferrad erfunden worden sein musste - bei der das erste Mal das Prinzip der Drehung angewendet wurde. Zeugnisse einer noch umstrittenen ‚alt-europäischen Hochkultur‘, in denen man zwar noch keine Wägen, aber entsprechende tönerne Spielzeuge gefunden hat, erzählt Elke Kaiser, Professorin für Archäologie an der Freien Universität Berlin: ZUSPIELUNG Wort 3 (Elke Kaiser, 0:40) Und dort haben wir schon Mitte des vierten Jahrtausends vor Christi Geburt Hinweise in Form von so kleinen Tierchen aus Ton, die durchlochte Beine haben. In der Nähe sind dann auch Ton-Räder gefunden worden. Und man nimmt an eben, dass in diesen horizontal durchlochten Beinen dieser Tierfiguren dann wahrscheinlich ein Hölzchen gesteckt hat, quasi wie eine Achse und auf beiden Seiten dann Räder befestigt waren. Das sind keine richtigen Wagen, aber spielzeug-ähnliche Figuren, die von den Menschen damals irgendwie bei irgendwelchen Ritualen benutzt worden sind. SPRECHERIN Spielzeuge, die natürlich darauf schließen lassen, dass solche Dinge schon im praktischen Gebrauch waren, bevor Kinder damit symbolisch hantierten. Richtige Räder und Wägen fand man aber nicht. Solche großen archäologischen Fundstücke gibt es erst aus osteuropäischen Gräbern, die ein paar Hundert Jahre später datieren, rund 3.100 vor Christus. Und jüngste Ausgrabungen haben aus etwa der gleichen Zeit Rad- und Spurenfunde aus ganz verschiedenen Regionen und Kulturen von der Nordsee bis zum Hindukush zu Tage gebracht. Musik 5 "Part 1 - Resonating Stone, Shakuhachi" - Album: Music Of Stones - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge: 1`18 SPRECHER So fanden sich in Norddeutschland 3.450 Jahre alte Räderspuren aus der bäuerlichen ‚Trichterbecher‘-Kultur, an Schweizer Bergseen zerbrochene Vollholz-Räder, deren Gebrauch der ‚Ötzi‘ erlebt haben mag, etwas später ganze Holzwägen als Grabbeilagen im Ural und am Schwarzen Meer, sowie Wagenreste am Persischen Golf und im Gebiet des heutigen Pakistan. Archäologen standen vor einem Rätsel, wieso scheinbar fast gleichzeitig an so weit voneinander entfernten Orten in völlig unterschiedlichen Kulturen die gleiche Innovation auftauchte. Waren es gleichzeitige Entdeckungen, waren es frühe Handelskontakte, oder gab es Ideenexport durch wandernde Handwerker? Wie in einem Puzzle versuchen heute die Altertums-Forscher den Ort und die Verbreitung der Erfindung zu rekonstruieren. Theorien gibt es so manche, Beweise wenige. Musik 6 Titel 08 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge 0'33 SPRECHERIN Doch so manches spricht dafür, dass tatsächlich im Zusammentreffen der mehr als 6.000 Jahre alten und handwerklich wohl hochentwickelten ukrainischen Tripolye-Kultur und migrierenden Steppen-Nomaden aus dem Osten sich der kreative Impuls formte, mit dem Wagen etwas ganz Neues zu probieren. Denn dafür bestand vielerlei Bedarf: In den frühen osteuropäischen Städten für den Transport von Getreide und Material, bei den Steppen-Nomaden und Viehhirten für Handelsgüter und Material-Transport. Der Linguist und Historiker Harald Haarmann ist aber davon überzeugt, dass es eine Kultur des Friedens und der Kooperation brauchte, um eine so weltverändernde Innovation erst möglich zu machen. ZUSPIELUNG Wort 4 (Harald Haarmann) In Europa sind die Funde deutlich älter. Das Töpfer-Rad ist erfunden worden vor Rad und Wagen. Also die primäre, die Verwirklichung der Idee des Rades für praktische Zwecke hängt zusammen mit der Arbeit in der Töpfer-Werkstatt und das war das Töpferrad. Und dann sekundär kam man natürlich schnell drauf nachzudenken, wie man das umsetzen kann für Transportmöglichkeiten. Das technische Know How und die Möglichkeiten, da weiterzukommen, die lagen bei den Alt-Europäern. Die ‚Tripolya-Kultur‘ oder ‚Tripoli‘, wie man sie Russisch auch nennt, war der östliche Ausläufer dieses Komplexes Alt-Europas oder der ‚Donau Zivilisation‘. Und diese Großstädte waren für die Hirten-Nomaden weiter im Osten interessant, denn mit diesen Leuten standen sie in regen Handelsbeziehungen. Rad und Wagen sind erfunden worden, so wie ich das sehe, in friedlicher Kooperation: In interkultureller Kooperation unter Einbringung von Ressourcen und Know-How von beiden Seiten - da konnte es gelingen, so eine wichtige Erfindung zu machen. SPRECHERIN Von der wohl matriarchalen und sehr egalitären - Donau-Kultur wird angenommen, dass sie 6 bis 4.000 vor Christus gut zwei Jahrtausende ohne Krieg und soziale Hierachien auskam – perfekte Voraussetzung für Kreativität und neue Ideen, glaubt Harald Haarmann. Zur Erfindung des Rades kam es, als die kreativen Siedler auf Nomaden stießen, die Hartholz als Ressource mitbrachten. Er ist überzeugt, dass die bahnbrechende Erfindung sich von dort durch wandernde Handwerker und Händler schnell in alle Richtungen verbreitete. Vielleicht nicht mit den klobigen, ohne bewegliche Vorderachse auf Wanderpfaden kaum lenkbaren Wägen. Dafür waren die ersten leicht brechbaren Vollholz-Räder nicht geschaffen. Aber zu Fuß als wandernde Handwerker und Ideenträger der Rad-Erfindung. Und so mag es kaum 100 oder 200 Jahre gedauert haben, bis die Idee des Wagens bis nach Sibirien und Mesopotamien, nach Persien, Pakistan und China reichte. Musik 7 Titel o3 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge: 1'02 SPRECHER Vor Ort mögen die einfachen Kastenwägen vielerlei Funktionen erfüllt haben: Als lokales Transportmittel für Laubheu und Ernten, als Planwagen für Nomaden und Viehzüchter, als sakrales und rituelles Symbol – viel später auch als Kriegsgerät. Vielleicht auch mal als archaischer LKW für den Handel mit begehrten Metallen in der beginnenden Kupferzeit. Aber immer wieder zunächst auch als Prestige-Objekt und Prunkwagen mächtiger lokaler Herrscher oder reicher Händler. Denn das Fahrzeug als Statussymbol ist keine neue Idee. Der Mythos der Mobilität reichte sogar über das Leben hinaus. Bedeutende Persönlichkeiten wurden ab 3.100 vor unserer Zeitrechnung mit ganzen Wägen begraben. Das war, als wenn man heute seinen Porsche mit ins Grab nähme, bemerkt lächelnd der finnische Historiker und Linguist Asko Perpola. ZUSPIELUNG Wort 5 (Asko Perpola, // engl. mit männl. OV) Usually the graves exhibit the status of the dead person. So if he was a Das Grab spiegelte den Status des Toten. War er ein mächtiger Mann, wurde er reich begraben. Und da das Gefährt ein Zeichen von Macht und Wohlstand war, kam es mit ins Grab. Und dazu kam die symbolische Bedeutung. Besonders 1000 Jahre später, als der Streitwagen erfunden wurde. Da mag man sich vorgestellt haben, dass der Tote vielleicht auf dem Wagen zu den Himmels-Göttern fuhr. Dann hätte er ihn für die Reise in die Anderswelt schon mal dabei! …. he would have it. SPRECHERIN Weil außer den Grabfunden und vereinzelten zerbrochenen Rädern wenig der meist hölzernen Gefährte der heutigen Archäologie erhalten blieben, sind die materiellen Belege für die erste Erfindung des Wagens und seine folgende Verbreitung nur dünn gesät. In der Erforschung der frühen Vergangenheit etablierte sich aber eine ganz eigene Richtung – die historische Paläo-Linguistik. Sie untersucht die Wortstämme von Sprachen und kann so ermitteln, wie sich Begriffe und Worte in früheren Zeiten verbreitet haben. SPRECHER Weil die Erfinder eines Gegenstands ihm oft auch einen Namen geben, und dieser Begriff in der Regel von Nachahmern übernommen wird, kann man an der Verwendung des Ursprungs-Wortes oft erkennen, wo der Gegenstand originär herstammt. In vielen Kulturen werden bis heute indo-europäische Worte für Wägen und ihre Bauteile benutzt. Diese entstammen einer Sprache, die sich vor 5.000 Jahren in der HEUTIGEN Ukraine durchsetzte, als die indo-europäischen Normaden mit den friedlichen alt-europäischen Kulturen kooperierten. Für den Linguisten Harald Haarmann ein weiterer Beleg, wo der Wagen ursprünglich herkam. Und der Sprach-Archäologe zeigt an einem skurrilen Beispiel, dass sich über die linguistische Spurensuche sogar Erkenntnisse über die ursprünglich ausschließlich friedliche Nutzung der frühen Gefährte gewinnen lassen. ZUSPIELUNG Wort 6 (Harald Haarmann) Der Wortschatz für den Wagenbau, der hat sich auch im Alt-Europäischen entwickelt, da sind Lehnwörter im Altgriechischen erhalten. ‚Satty Mai‘ ist der Ausdruck für einen zweirädrigen Wagen speziell für Frauen. Mit dem Wagen wurde die Braut zum Ort der Hochzeit gefahren: Friedlicher kann man es nicht kaum vorstellen. Und die Griechen in der Antike haben das dann auch aufgegriffen: Die Hochzeits-Kutsche! Die Idee ist uralt und die Erfindung ist uralt. Also mindestens seit über 5000 Jahren gibt es eine Hochzeits-Kutsche. SPRECHERIN Tatsächlich scheinen in den frühen Kulturen der Kupfer-, Bronze- und Eisenzeit die einfachen, schwer lenkbaren Kastenwägen den Ansprüchen lange genügt zu haben. Ständige kleine Innovationen, wie die Erfindung des Speichenrads, machten die großen vierrädrigen doppelachsigen Wägen immer stabiler und belastbarer. Doch es sollte noch weitere 1.000 Jahre dauern, bis – wohl ebenfalls fast zeitgleich in Ost-Europa, in den Steppenkulturen am Ural und in Mesopotamien – nach der Domestizierung des Pferdes der beweglich, lenkbare und für damals unglaublich schnelle zweirädrige Streitwagen erfunden wurde. Dann hatte es mit der friedlichen Nutzung der Erfindung bald ein Ende. Musik 8 "The Blinding Sun" - Album: Babel - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'58 SPRECHER Der Streitwagen sollte ab 2.100 vor Christus – wahrscheinlich ausgehend von der Sintaschta-Kultur am Ural – eine völlig andere Kriegsführung etablieren, die sich schnell verbreitete. Er wird zum Fahrzeug der Krieger-Eliten, Herrschaft wird militarisiert. Streitwagen-Armeen wurden aufgestellt, fahrbares Kriegsgerät in großer Menge produziert. In Indien rekrutierte man Söldner-Truppen mit Streitwägen aus Vorderasien, die sich bald auf dem Subkontinent festsetzten und eigene Reiche bildeten. In China führte der Besitz des neuen Kriegsgeräts zum Dynastie-Wechsel. Lokal begann so etwas wie ein früher Rüstungswettlauf. Im Nahen Osten entstanden und vergingen Großreiche. Und in gigantischen Schlachten stießen erstmals mächtige Armeen hochgerüstet aufeinander, erzählt der Historiker und Linguist Harald Haarmann. ZUSPIELUNG Wort 7 (Harald Haarmann) Der Streitwagen hat eine entsprechende Revolution in der Waffentechnik ausgelöst. Die frühen Gruppen, die den Streitwagen verwendet haben und eingesetzt haben, haben wohl erkannt, dass wenn sie die einsetzen können, dann haben Sie Vorteile. Und das waren die Mitanni, Indo-Europäer im Nahen Osten, und die haben sich im Nu ein regionales Reich aufgebaut. Und das waren dann die Indo-Europäer in Kleinasien und diejenigen, die nach Nordwest-Indien eingewandert sind. Genauso im Nahem Osten wurde das bald aufgegriffen. Und dann waren die Ägypter in der Lage, Krieg zu führen mit den Hethitern. Das waren ja Großmächte. Bei der Schlacht von Kadesch 1274 vor unserer Zeitrechnung, da müssen zwischen vier- und fünftausend Streitwagen im Einsatz gewesen sein. Also richtig eine Armada, die dann bei Kämpfen direkt aufeinandergetroffen sind. Das war also die erste große Schlacht. SPRECHER Der frühe Rüstungswahn auf Rädern nahm dann teils skurrile Züge an. So wurde das legendäre Trojanische Pferd mit verborgenen Kämpfern in seinem Bauch auf Rädern in die jahrelang belagerte Stadt gerollt und besiegelte den Untergang Trojas. Ebenso sollten in den antiken Kriegen riesige Rammböcke auf Rädern Stadttore brechen. Und gigantische bis zu 40 Meter hohe Belagerungstürme auf Rädern halfen Angreifern städtische Schutzmauern zu überwinden. Das Rad war zum unverzichtbaren Werkzeug der Kriegsführung geworden. Um seine Nutzung rankten sich Heldengeschichten und Mythen. Musik 9 "Titel 07" - Komponist: Ernst Reijseger - Album: Gazing point - Länge: 0'12 SPRECHERIN Die immense mythische und sakrale Bedeutung des Wagens drückte sich auch darin aus, dass das Gefährt – vom griechischen Gott Dyonisos an den Himmel gehoben – zum Sternbild wurde. Musik 9 "Shabaka" - Album: Music of Ancient Egypt - Komponist: Michael Atherton - Länge: 0'38 SPRECHERIN Die Faszination des drehenden Runds aber reichte noch weiter zurück. In der chinesischen Tradition gab es die Vorstellung des Weltenrads schon lange bevor im Reich der Mitte Wägen fuhren. In Europas Norden entstand 1.400 vor Christus der ‚Sonnenwagen von Trundholm‘ – einer bronzenen Scheibe, die von zwei Pferden über den Himmel gezogen wurde. So wurde das Rätsel des leuchtenden Sonnen-Sterns erklärt, der täglich über das Fundament zog. Bei den alten Griechen war Helios als Sonnengott der Wagenlenker. Auch andere Weltreligionen kannten das Bild seit Urzeiten, berichtet die Prähistorikerin Carola Metzner-Nebelsick von der Universität München … (LMU) ZUSPIELUNG Wort 8 (Carola Metzner-Nebelsick) Also ich denke da an den vedischen Hinduismus, das Epos des Rigveda. Dort wissen wir beispielsweise, dass die Sonne durch den Gott Suriya symbolisiert wurde, und der wird auf einem Streitwagen fahrend, von mehreren Pferden gezogen, visualisiert. Auch der griechische Gott Helios, der Sonnen-Gott fährt mit einem von 4 Pferden gezogenen Wagen über das Firmament. Rad-Symbole sind gleichermaßen auch religiöse Symbole, das geht so ein bisschen einher auch mit der Symbolik der Sonne, die man zumindest hier in Mitteleuropa durch Räder symbolisiert begreift. Musik 10 Titel 08 - Album: The Garden of Mirrors - Komponist und Ausführender: Stephan Micus - Länge 0'33 SPRECHERIN Es ist ein komplexes Gebilde aus Gedanken, Geschichten und Objekten, dass sich seit vielleicht siebentausend Jahren um das Rad und den Wagen rankt. Kaum eine andere Erfindung in der Geschichte der Menschheit hat eine so lange Geschichte fortlaufender Innovationen und Folgen. Denn aus dem Rad entstand über die Zeiten nicht nur eine Millionen Kilometer umfassende Infrastruktur aus Straßen und Gleisen, sondern auch globaler Verkehr und Handel, Kulturaustausch und globales Reisen. Musik 11 Titel: "Futile Arad Search" - Ausführender: Muslimgauze - Album: Blue Mosque - Komponist: Bryn Jones - Länge: 0'43 SPRECHER Die Erfindung führte auch zu ganzen Zeitaltern, die von rad- und zahnrad-betriebenen Maschinen geprägt waren, zur Energiegewinnung mit Wind- und Wasserrädern, zur Taktung der Zeit über Zahnräder in Uhren. Und ließen – gerade in den letzten hundert Jahren – aus einer urzeitlichen Erfindung eine hoch-industrialisierte Weltgesellschaft entstehen, deren zentrales Merkmal eine nie dagewesene Mobilität ist und bleibt, so der Radforscher, Autorad-Entwickler und Autor Norbert Oberschmidt … ZUSPIELUNG Wort 9 (Norbert Oberschmidt) Alles, was rollbar gemacht werden wollte, hat man rollbar gemacht. Die Bedeutung des Rates ist unbestritten einer der wichtigsten Erfindungen der Menschheit. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, dieses Ziehen und Reiben durch einen Rollen ersetzen zu können? Und dieser Effekt, der ist wohl der markante für das Rad überhaupt: Reibung ist ja immer eine unschöne Sache. Rollen ist eine ‚runde Sache‘. So wie das Rad eben rund ist!

  9. Ida B. Wells - Kämpferin gegen die Lynchjustiz

    08.03.2025 · 24 Min.

    Ida B. Wells hat ihr Leben den Bürgerrechten gewidmet. Als eine der ersten Schwarzen investigativen Journalistinnen der USA kämpfte sie gegen die grausamen Lynchmorde an, denen Tausende meist Schwarzer zum Opfer fielen. Von Michael Zametzer (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Michael Zametzer Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Andreas Neumann, Katja Bürkle, Peter Lersch Technik: Andreas Lucke Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Manfred Berg, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Dr. Nicole Hirschfelder, Eberhard-Karls-Universität Tübingen Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  10. Die Macht des Wortes - Segen, Fluch und Wortmagie

    07.03.2025 · 21 Min.

    Die Geschichte der Worte ist eine der Ermächtigung - denn sie kommen von Gott oder den Göttern. In allen Kulturen hat man so von jeher versucht, mit Zaubersprüchen, Flüchen oder Segen, die Welt und das Schicksal zu beeinflussen. Auf dem Glauben, dass bestimmte Wörter magische Kraft besitzen, fußt die Macht des Wortes. Von Frank Halbach (BR 2023) Credits: Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Bürkle, Edith Saldanha, Burchard Dabinnus Technik: Susanne Harasim Redaktion: Susanne Poelchau Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Hut des Zauberers - Vom Magier der Bronzezeit bis zu Gandalf JETZT ANHÖREN Literatur des Mittelalters - Zaubersprüche und Minnesang JETZT ANHÖREN Die Metapher - Vom Umgang mit Sprachbildern JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Svenja Nagel / Rebekka Schirner (Hrsg.): Sprache - Macht - Magie Unter Mitarbeit von Yuki Asano, Christina Globke, Dominik M. Müller und Anno Schreier, Stuttgart 2021. Christian Braun (Hrsg.): Sprache und Geheimnis. Sondersprachforschung im Spannungsfeld zwischen Arkanen und Profanem, Berlin 2012. Wolfgang Ernst: Beschwörungen und Segen. Angewandte Psychotherapie im Mittelalter, Köln/Weimar/Wien 2011. Christa M. Haeseli: Magische Performativität. Althochdeutsche Zaubersprüche in ihrem Überlieferungskontext, Würzburg 2011. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

  11. Die Geschwister Brontë - Viktorianische Bestseller

    07.03.2025 · 24 Min.

    Im Jahr 1847 erscheinen in Großbritannien drei Romane von drei bisher unbekannten Männern, die Furore machen werden. Nur, wer sind die drei Newcomer, die die Literatur der viktorianischen Zeit auf den Kopf stellen werden? - Bald stellt sich heraus, es sind drei Schwestern, die Geschwister Brontë: Emily, Charlotte und Anne, die alle unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen. Von Martin Trauner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Susanne Schroeder, Marlen Reichert, Christopher Mann Technik: Roland Böhm Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Dr. Katharina Pink – Dozentin für Englische Linguistik LMU München Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Mitte der späten 1850er Jahre in England. Die Schriftstellerin Elisabeth Gaskell reist in die Grafschaft Yorkshire… Sie will nach Haworth… ZITATORIN: (Elisabeth Gaskell) Beim Anstieg wird die Vegetation ärmer. Nichts gedeiht, alles existiert einfach. Keine Bäume: nur Büsche oder Sträucher…. SPRECHERIN: Elisabeth Gaskell soll eine Biografie über Charlotte Brontë schreiben. Die war wenige Jahre zuvor in Haworth gestorben, hier hatte sie ihr fast ganzes Leben verbracht, in einem kleinen Ort, im Norden Englands. MUSIK stoppt 001 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Elisabeth Gaskell hat ja schon sehr früh ihre Biografie geschrieben, da war die noch keine zehn Jahre tot… SPRECHERIN: Sagt die Anglistin Katharina Pink. Sie hat ein Buch über das Leben der Charlotte Brontë geschrieben. 002 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Und das war sowieso sehr ungewöhnlich, eine Biografie über eine Schriftstellerin zu haben, die ihrerseits von einer Frau und auch einer Schriftstellerin verfasst war, und da wurde schon sehr viel „Imagepflege“ getrieben. Also Gaskell hat schon einiges unterdrückt… MUSIK: „Someone loves us“ SPRECHERIN: Aber wieder zurück in die Mitte des 19.Jahrhunderts, zu Elisabeth Gaskell… In den kargen Norden Englands… ZITATORIN: (Elisabeth Gaskell) Man kann Haworth schon zwei Meilen sehen, bevor man ankommt. Haworth liegt neben einem wirklich sehr hübschen Hügel… SPRECHERIN: Aber aus den Romanen von Charlotte Brontë und derer beiden Schwestern weiß Gaskell auch: Haworth mag zwar auf den ersten Blick irgendwie hübsch sein, aber; Haworth ist auch irgendwie anders …. MUSIK: „Ice glas“ ZITATOR (Lockwood –sarkastisch) (stark verfremdet – HALL -usw) Das ist wirklich eine wahrlich schöne Gegend, ich glaube, in ganz England gibt es keine Gegend, die weiter vom Lärm der Gesellschaft entfernt ist. Der „wahre Himmel“ für einen Misanthropen … ZITATORIN (Charlotte) Hall usw Da saß ich auf dem niedrigen Bettgestell, die Augen auf’s Fenster gerichtet, durch das nichts anderes zu sehen war, als ein riesiges Moor und ein grauer Kirchturm inmitten des Friedhofs. MUSIK bleibt düster und ATMO: Wind SPRECHERIN: Dass der Ort Haworth ein wenig außergewöhnlich sein mag, das hat Elisabeth Gaskell also gewusst, bevor sie auf ihre Recherchereise ging - Haworth, das bedeutet: wilde, kalte Moore - bedrückend und einsam – und da ist eine Kirche mit Friedhof. Mittendrin das Pfarrhaus von Patrick Brontë. Er ist zu Gaskells Zeit der Pfarrer von Haworth. Und er war der Vater dreier literarisch begabter, oder sogar höchst begabter Töchter… Sie alle lebten in diesem beengten, ärmlichen Pfarrhaus… ZITATORIN: (Elisabeth Gaskell) Das Haus ist aus grauem Stein, zwei Stockwerke hoch, mit schweren Ziegeln gedeckt, es muss ja den Winden standhalten… MUSIK aus und Atmo (WIND) weiter 003 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Ja. Also dieses Haus, das muss man sich wirklich vorstellen, das steht so ziemlich weit oben an so einem Hügel, der Wind pfiff sommers wie winters um die Ecken, umgeben von einem Friedhof, und wenn man aus dem Fenster schaut, war da ein grauer Kirchturm und sonst nur dieses Hochmoor, was meistens braun war… SPRECHERIN: Sagt Katharina Pink. Sie lehrt an der Münchner Ludwig Maximilians Universität. Und sie gibt Elisabeth Gaskell irgendwie Recht. Haworth war schon einigermaßen außergewöhnlich. 004 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Tatsächlich muss man sagen, dass der Ort, an dem die Brontë Schwester aufgewachsen sind, „Ticks off the box“ sind… MUSIKAKZENT ATMO PARKPLATZ SPRECHERIN: (Schnell drüber und mit dem Werbevideo verschneiden) Heute liegt vor dem Pfarrhaus ein großer Parkplatz - Ein Wallfahrtsort für die Brontë Verehrer und Verehrerinnen, sie kommen hauptsächlich aus dem angelsächsischen Raum hierher. Um ein wenig in das Leben und in die Welt der Geschwister Brontë einzutauchen. Vor allem in das Leben der Charlotte Brontë… 005 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also, Haworth ist ja heutzutage ein Museum. Man hat alles, was man so finden konnte, ausgestellt und kuratiert und aufbewahrt, aber das tragische bei Emily und Anne: Es gibt nichts. SPRECHERIN: Im Museum steht tatsächlich viel Krimskrams aus viktorianischer Zeit. Kleidung, die Charlotte getragen haben könnte. Charlottes Schreibtisch. Charlottes Arbeitszimmer. Charlottes Stift … Aber von Emily und Anne, von ihren jüngeren Schwestern, da gibt’s wenig… ATMO aus MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN: Wer sind sie nun, die berühmten – zumindest berühmt im englischsprachigen Raum – also: wer sind die Geschwister Brontë? Die fast ihr ganzes Leben in der Düsternis und Einsamkeit von Haworth verbracht haben? - Um sich einigermaßen zu Recht zu finden, muss man tatsächlich so etwas wie eine Familienaufstellung machen. – MUSIK aus SPRECHERIN: Also: Da gibt es zunächst einmal die wohl wichtigste Person, den Vater, den Pfarrer von Haworth. Patrick Brontë. 006 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Der ist in der Nähe von Belfast aufgewachsen, als eines von zehn Kindern, wie es in Irland so üblich war … SPRECHERIN: Patrick Brontë kommt am 17. März 1777 in einer armen irischen Bauernfamilie als Erstgeborener zur Welt. Am St. Patricks Day. Dem Gedenktag des irischen Nationalheiligen. Daher wohl sein Vorname. Gefördert vom Dorfpfarrer geht er zum Studieren ins englische Cambridge. Aber zuvor hat er noch schnell mal seinen Nachnamen geändert. Da hat er … 007 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) ..hat er den Namen „Brunty“, der eigentlich mit „Y“ oder „I“ geschrieben war und irischen Ursprungs war, abgewandelt, um seine irischen Wurzel ein wenig zu vertuschen. Und da hat er sich dann für dieses „E“ mit Trema entschieden… SPRECHERIN: „E“ mit Trema heißt, Patrick fügt einen Doppelpunkt über den Schlusslaut seines neuen Nachnamens ein. Ein wenig exzentrisch… 008 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Aber es ist schon komisch, weil dieses „E“ mit Trema ist ja auch in englischen Sprachraum absolut unüblich und auch im französischen Sprachraum nicht wahnsinnig häufig vorzufinden… SPRECHERIN: Immerhin, damit hat er ein Markenzeichen gesetzt. Mit seinem „E“ mit Trema. Noch heute stolpert man über den Namen „Brontë“ wegen des ungewöhnlichen Schlussvokals. - Jedenfalls, mit seiner Frau Maria, geborene Branwell, bekommt Patrick „Brontë“ sechs Kinder… 009 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Ja, sechs Kinder haben die bekommen, in relativ kurzer Zeit, und von denen sollte Patrick alle überleben. MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN: Auch seine Frau überlebt er. Maria stirbt kurz nach der Geburt der letzten Tochter, vermutlich an Unterleibskrebs, mit 38 Jahren. - Patrick hatte mittlerweile die Stelle im Pfarrhaus im nordenglischen Haworth angetreten. Nun musste er alleine auf seine sechs Kinder aufpassen… MUSIK ENDE SPRECHERIN: Sechs Kinder, das bedeutete für ihn: fünf Töchter, ein Sohn: Maria, Elisabeth, Charlotte, Emily, Anne. Und Branwell. - Maria und Elisabeth, die beiden ältesten Schwestern, starben bereits sehr früh im Alter von zehn und elf Jahren. Blieben noch die anderen vier Kinder: - Zum Beispiel Charlotte, die drittgeborene: 010 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Charlotte ist eher unfreiwillig in die Rolle der ältesten Schwester gerückt. Es waren ja noch zwei Schwestern davor, die auf tragische Weise früh ums Leben gekommen sind … Ich würde sagen, sie war so die strengste, also, sie hat sich das selbst auch stark auferlegt, so diese Rolle der strengen großen Schwester, das Vorbild, viel Selbstbeherrschung, Fleiß und vor allem sehr intellektuell, aber das kann man tatsächlich über alle drei sagen… SPRECHERIN: Über Tochter Charlotte wissen wir heute am meisten. Es gibt etliche Briefe und Aufzeichnungen, vor allem ihr erster Roman kann durchaus autobiografisch gelesen werden. Es ist die Geschichte der Gouvernante „Jane Eyre“, die schon doch sehr der realen Charlotte ähnelt. - Charlotte starb als letzte der Geschwister Brontë. Mit 38 Jahren. - Vermutlich hat sie beim Sichten der Nachlässe der anderen auch darauf geachtet, dass nicht all zu viel Intimes aus ihrer Familie in die Nachwelt überliefert wird… 011 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also es ist doch anzunehmen, dass die sehr viel vernichtet hat… SPRECHERIN: Meint Katharina Pink… 012 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Weil gerade Emily Brontë, die hat ja kein Blatt vor den Mund genommen. Die ist vielleicht die jüngere Schwester von Charlotte gewesen, war vom Naturell her eine wirklich so eigenständige Persönlichkeit in diesem Haushalt. Die hat ihr eigenes Ding gemacht, ihren eigenen Kopf gehabt. MUSIK: „You’ll be Queen for one day “ SPRECHERIN: Emily Brontës Werk ist schmal, aber beeindruckend. Ein paar Gedichte und ein Roman: „Wuthering Heights“. Eine Liebesgeschichte im Hochmoor. Deutscher Titel: „Sturmhöhe“. - Emily stirbt mit 30 Jahren. – Musik aus SPRECHERIN: Und dann gibt es noch eine Schwester, die jüngste. Anne. Auch von ihr sind einige Gedichte überliefert und zwei Romane. – Sie stirbt bereits mit 29 Jahren. – 013 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Bei Anne darf man vermuten … also: Charlotte hatte eine sehr herablassende Haltung gegenüber Anne, die war ja so das Nesthäkchen der Familie und sie wurde von Charlotte chronisch nicht ernst genommen als Autorin (…) also die hat auch noch was geschrieben, die darf auch mitmachen… (Und da ist leider auch davon auszugehen, dass einige Sachen nicht der Zensur anheim gefallen sind, sondern die waren einfach zu trivial in Charlottes Augen. Also: Das kann man vermuten, aber ach das sind natürlich Spekulationen…) MUSIK: „You’ll be Queen for one day “ SPRECHERIN: Fehlt noch der vierte im Bunde, der Bruder. Ja, irgendwie gehört auch er dazu. Freilich: als Schriftsteller war er nicht sonderlich erfolgreich... Der Bruder wird, obwohl er eigentlich wie der Vater „Patrick“ heißt, von allen „Branwell“ genannt. 014 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Patrick Branwell war der einzige Sohn in der Familie. Und er war so der Hoffnungsträger. Von dem hat man sich erhofft, dass er die „steile“ Karriere des Vaters fortsetzt… SPRECHERIN: Der Vater verhätschelt den Sohn. Auf ihn setzt er alles. Und weil Pfarrer Brontë immer schon selbst künstlerische Ambitionen hegte, sollte Branwell in diese großen Fußstapfen treten… 015 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Wenn sich Patrick oder Branwell, wie er hieß in der Familie, eingebildet hat, er wird jetzt Maler, dann wurde auch sämtliches Erspartes mobilisiert, um ihn an der Royal Academy anzumelden. Aber auch das hat natürlich wieder nicht geklappt. Dann wollte er Schriftsteller werden, dafür hat’s dann leider auch nicht gereicht. – Aber das wurde immer unterstützt, und in die Töchter wurde nicht so sehr investiert. Da wurde gerade genug investiert, dass sie hoffentlich eines Tages auf eigenen Beinen stehen können, finanziell. Weil in Sachen Erbe oder Familienunterstützung nicht so viel zu erwarten war… SPRECHERIN: Branwell bricht mit 31 Jahren vor der Tür des Pfarrhauses in Haworth zusammen und stirbt. Todesursache war wahrscheinlich sein heftiger Alkohol- und Drogenkonsum. Also Whiskey und Opium. ATMO „Haworth“ und MUSIK: „We were right “ ZITATORIN (Emily Brontë: High weaving heather) Hochwogendes Heidekraut unter Sturmböen gebeugt. Mitternacht und das Licht des Mondes und der helle Sternenhimmel Dunkelheit und Ruhm verschmelzen im Jubel Die Erde strebt zum Himmel und der Himmel steigt herab… SPRECHERIN: Ein späteres Gedicht von Emily Brontë, „High weaving heather“. Sie konnte in der rauen Umgebung von Haworth eine Spur von Poesie entdecken 016 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Die war vielleicht auch die einzige, die in Haworth, in Yorkshire, was ja eine kalte, karge Landschaft war, wirklich glücklich und beheimatet war… SPRECHERIN: Wie gesagt, die Mutter starb bereits sehr früh, da war Emily gerade zwei Jahre alt. - Aber wie sah nun der harte Alltag in Haworth für die Geschwister Brontë aus? - Nun. Pfarrer Patrick, sehr puritanisch geprägt, legte viel Wert auf Bildung. Vor allem natürlich auf Religion, aber auch auf Philosophie und Politik. Am Morgen las er den Kindern aus der Zeitung vor. Dann ging er in sein Arbeitszimmer. Ansonsten blieben die Kinder sich selbst überlassen. 017 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Es gab keinen Familienkreis in dem Sinne. Deswegen war der Bund unter den Geschwistern so stark… SPRECHERIN: Eine Schule besuchten die Schwestern zunächst nicht. Um Sohn Branwell kümmerte sich der Vater, der sollte ja etwas Besonderes werden. Die Mädchen wurden von der Tante unterrichtet. 018 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Der Erfahrungsraum von den drei Schwestern war wirklich sehr, sehr, sehr begrenzt. Auch wenn man so eine Biografie über die schreibt, dann schreibt man halt wahrscheinlich: Ja, die nächsten fünf Jahre waren sie zu Hause. Ja: Sie waren zu Hause! (…) SPRECHERIN Zu Hause in Haworth. - Ein ebenbürtiger, gesellschaftlicher Austausch fand nicht statt oder besser gesagt, konnte gar nicht stattfinden. Denn in Haworth dürfte eine Pfarrersfamilie zu den gebildetsten gehört haben. Und in die nächste große Stadt, obwohl nur wenige Meilen entfernt, konnte man nicht fahren. Der Weg dahin: zu beschwerlich. Also: 019 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Das heißt: man war immer Zuhause, man hat viel gelesen, deswegen hatte man rein intellektuell einen sehr großen Wissenshorizont, aber der tatsächliche Erfahrungshorizont, wo es dann um Gefühle ging und Emotion – da war nicht viel los … MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Im Laufe des Jahres 1824, Charlotte war acht, Emily sechs Jahre alt, gab Pfarrer Patrick seinen Töchtern doch die Möglichkeit, etwas anderes als das Pfarrhaus und die umliegenden Moore zu sehen. Er brachte seine vier ältesten Töchter – damals lebten die beiden großen Schwestern Elisabeth und Maria noch – in einem Mädcheninternat unter. Der Vorteil: Die „Töchterschule“ war günstig, Pfarrer Brontë konnte sich das Schulgeld leisten und: seine Kinder sollten eine Ausbildung erhalten: als künftige Gouvernanten oder als gute Ehefrauen. Nachteil der Schule: diese Zeit muss für die Schwestern traumatisch gewesen sein. Unbeheizte Räume, karges Essen, aber vor allem viel Beten, viel Frömmigkeit und strengste Disziplin. – Die beiden großen Töchter werden schon einige Monate später wieder nach Hause geschickt. Zu kränklich seien sie für den Schulbesuch. - Die beiden sterben kurz nach der Heimkehr im Elternhaus in Haworth. Pfarrer Brontë holt darauf Charlotte und Emily wieder zu sich ins Pfarrhaus. MUSIK: „Aurora borealis“ ZITATORIN (Charlotte Brontë) Branwell kam mit einer Schachtel Holzsoldaten in unser Zimmer. Emily und ich hüpften aus dem Bett und ich schnappte mir einen der Soldaten und rief: Das ist der Herzog von Wellington! SPRECHERIN Charlotte erinnert sich. Damals muss sie um die 10 Jahre alt gewesen sein. Die vier verbliebenen Geschwister verbrachten nach den bedrückenden Erlebnissen im Internat wieder viel Zeit miteinander. – Die Holzsoldaten hatte Branwell vom Vater geschenkt bekommen. Und mit Hilfe dieser zwölf Figuren entwickelten die Kinder seltsame Spiele… ZITATORIN (Charlotte Brontë) Alle unsere Spiele waren sehr eigenartig. Ich denke, darüber brauche ich nichts zu schreiben. Ich werde sie nie vergessen! SPRECHERIN Was man heute weiß: Die Kinder Brontë erfinden Phantasiewelten, etwa Gondal und Angria. Und für ihr „Spiele“ schreiben sie Texte: Gedichte oder kleine Stücke; oder sie malen Bilder. Sie erschaffen sich eine parallele Phanasiewelt zu der realen Welt in Haworth… 020 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also das war eher so ein eskapistisches Schreiben, mit dem sich die Kinder auch unterhalten haben gegenseitig. Denn sie hatten ja keinerlei Spielzeug oder Spielkameraden. MUSIK aus ZITATORIN (Charlotte Brontë) Eines Tages stieß ich zufällig auf eine Menge von Manuskripten in der Handschrift meiner Schwester Emily 021 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (Es war so): Charlotte hat zufällig gemerkt, dass Emily Gedichte schreibt. Die hat einfach Manuskripte oder Zettel herumfliegen sehen und die gelesen. Wobei Emily erst fürchtend wütend war, weil das impertinent war, so was zu lesen… MUSIK: „Aurora borealis“ SPRECHERIN Natürlich wusste Charlotte, dass ihre kleine Schwester – die übrigens zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre alt war - sie wusste, dass Emily Gedichte schrieb, also für die Welten von Gondal und Angria. Aber diese Verse, die sie da gefunden hatte, die waren ganz anders. ZITATORIN (Charlotte Brontë) Nichts von der Art Poesie, wie sie üblicherweise von Frauen verfasst wird. Es war ein besonderer Sound (Klang). Wild, erhebend, irgendwie auch melancholisch… SPRECHERIN Wie gesagt, Emily war nicht angetan von der Entdeckung, ihr Innerstes ging niemanden etwas an, aber … 022 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (…) Aber dann kam man doch ins Gespräch und Anne sagte dann, ja, ich hab ja auch noch was geschrieben, und dann haben sich die Schwestern zusammengesetzt… SPRECHERIN Die Schwestern beschließen, gemeinsam einen Gedichtband zu veröffentlichen. Ihren Bruder Branwell, der ja auch literarische Ambitionen hatte und der auch seinen Teil zu den Phantasiewelten beigesteuert hatte, lassen sie außen vor. Sie stellen einen Gedichtband zusammen und schicken ihn an verschiedene Verlage. Als Autoren nennen sie: Currer, Ellis und Acton Bell. Allesamt männliche Pseudonyme… 023 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Nicht, weil es so war, dass Frauen gar nicht publiziert haben zu der Zeit, das gab es durchaus. SPRECHERIN Sagt die Anglistin Katharina Pink… 024 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Aber die Themenfelder, derer man sich als Frau annehmen durfte und wo man als kompetent gelten durfte, waren ja dann auch etwas beschränkt. Und man wurde ja auch immer beurteilt im Hinblick dessen, dass das ja eine Frau geschrieben hat. Und davon wollte Charlotte sich frei machen oder wollte einfach ein neutrales Urteil… SPRECHERIN Der Verlag Aylott & Jones in London veröffentlichte 1846 die „Poems“ von „Currer, Ellis und Acton Bell“. – Die Schwestern übernahmen die Druckkosten, um die 30 Pfund, damit das Bändchen mit seinen 165 Seiten überhaupt erscheinen konnte. Und: Verkauft haben sie ganze zwei Exemplare. Aber immerhin: Die Kritiken waren gut. Es waren derer drei. Übrigens: Charlottes Gedichte, also die von Currer Bell, kamen am schlechtesten weg… MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Und jetzt wird’s gewagt und jetzt geht auch sehr schnell: Romane müssen her. Branwell, der Bruder, er hatte schon geunkt, nur der Roman schaffe Erfolg bei der Leserschaft. Er selbst hätte einen schreiben wollen, aber das ging, wie tragischerweise alles bei ihm, allerdings schief. Aber nicht bei den drei Schwestern … 025 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Sie haben sich dann wirklich überlegt, jetzt probieren wir es mit einem Roman. Und vielleicht sogar so mit einem „Tripledecker“ SPRECHERIN Also so in etwa drei Bücher in einem Schuber – 026 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) (…) den konnte man aufteilen, und somit konnten mehrere Leute gleichzeitig daran lesen … SPRECHERIN Die Schwestern bieten ihre Romane, natürlich noch unter den männlichen Pseudonymen, etlichen Verlagen an … 027 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Also: Emily Brontë eben „Sturmhöhe“, Anne Brontë „Agnes Grey“, das war ihr Gouvernanten-Roman, ihr erster Roman, und Charlotte Brontë „The Professor“ SPRECHERIN Der Verlag nahm die Romane der jüngeren Schwestern, also der vermeintlichen Brüder, an. Nur Charlottes Roman lehnte man ab. Sie musste also nochmals ran. Und Charlotte schrieb ihr bis heute bekanntestes Werk „Jane Eyre“ Und dafür fand sie tatsächlich einen Verlag´. Eine anderen als den der Schwestern. Aber immerhin: ihr Roman wurde schnell veröffentlicht. 028 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) SPRECHERIN Charlottes „Jane Eyre“ wird zu einem viktorianischem Beststeller. Und so zieht der andere Verlag, der die anderen beiden AutorInnen (ja. Hier gern gendern) unter Vertrag hatte, endlich nach. Und veröffentlicht „Sturmhöhe“ und „Agnes Grey“, die Bücher der jüngeren Schwestern, um auch noch Geld mit dem Brontë-Hype zu verdienen. – MUSIK: „A model of the universe“ SPRECHERIN Charlotte, und auch Anne, schreiben in ihren Romanen über die Erfahrungen als Gouvernante. Für diese Form der Literatur gibt es sogar einen Begriff: Der Gouvernantenroman. 029 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Man kann schon sagen, dass sie den maßgeblich mitbegründet haben. Aber in ihrem Falle liegt das daran, dass sie über das geschrieben haben was sie kannten. SPRECHERIN Erst sehr spät hat man verstranden, dass auch Emily nur über das schrieb, was sie kannte, und sogar mochte. Die Moorlandschaften von Hayworth 030 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Das zeigt sich auch im Roman „Sturmhöhe“. Die war da stark verwurzelt, aber eine sehr unkonventionelle Frau, um nicht zu sagen: unweiblich, wenn man das misst an den Maßgaben der viktorianischen Zeit. SPRECHERIN „Sturmhöhe“ gilt als Meisterwerk der Brontë-Schwestern. Der Roman zählt heute wohl zur Weltliteratur. Dabei geht es nur um zwei Anwesen in den Hochmooren von Yorkshire. 031 ZUSPIELUNG (Katharina Pink) Aber es ist halt eine interessante Liebesgeschichte. Weil es eben auch eine Rachegeschichte ist. Und Liebesgeschichten die mit Rache verwoben werden, sind dann doch immer erfolgreich über die Jahre (…) ATMO düster (Haworth) MUSIK: „Someone loves us“ SPRECHERIN In „Sturmhöhe“ lässt Emily ihrem fiktiven Erzähler das sagen, was sie wohl selbst über Haworth dachte. Die Figur Lockwood steht am Schluss des Romans vor drei Gräbern. Er, oder vielleicht Emily, sie haben ihren Frieden mit diesem seltsamen Ort gemacht… Mit Haworth… ZITATOR (Lockwood): Ich verweilte bei ihnen unter dem gütigen Himmel. Sah die Nachtfalter, die um das Heidekraut und die Glockenblume umherflogen. Lauschte dem im Laub flüsternden und mildem Wind und wunderte mich, wie irgendjemand glauben könnte, die Schläfer an diesem stillen Flecken der Erde könnten nicht in Fried ruhen … MUSIK

  12. Der Orientalist Karl Süßheim - Vergessen und wiederentdeckt

    06.03.2025 · 24 Min.

    Karl Süßheim ist Anfang des 20.Jahrhunderts in Bayern ein Begriff. Während des Ersten Weltkrieges sind die Sprachkenntnisse des jüdischen Historikers und Orientalisten sogar unentbehrlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg gerät Karl Süßheim allerdings jahrzehntelang in Vergessenheit. Von Ulrike Beck (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Stefan merki, Laura Maire, Christopher Mann Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Kristina Milz, Historikerin, Autorin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ad hoc-AG Judentum in Bayern in Geschichte und Gesellschaft der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Referentin am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin; Lisa D’Angelo, Enkelin Karl Süßheims Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Literaturtipps: Kristina Milz, „Karl Süßheim Bey (1878 –1947). Eine Biografie über Grenzen“. Sehr ausführliche und detaillierte Biografie über das Leben und Werk Karl Süßheims. Kristina Milz, „Karl Süßheim (1878–1947). Ein verfolgter Wissenschaftler und seine Universität“. In: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung. Ausgabe 02/22. Sehr kompakter und lesenswerter Artikel. Barbara Flemming, Jan Schmidt: The diary of Karl Süssheim (1878–1947). Orientalist between Munich and Istanbul. Steiner, Stuttgart 2002 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzähler Karl Süßheim. Die Historikerin Kristina Milz wird hellhörig, als sie auf den Namen stößt. 1.O-Ton (Kristina Milz) Also ich habe an der LMU Magister Geschichte studiert und habe mich damit auseinandergesetzt, wie die Historiker an der LMU mit dem Nationalsozialismus umgegangen sind. Und dafür habe ich mir erstmal angeschaut, wer von 1933 bis 45 in der Fakultät überhaupt da war. Und da ist mir sein Name aufgefallen. Er war 1933 noch da, im Sommersemester, und es war ein klar erkennbar jüdischer Name und verschwindet dann eben sang- und klanglos. Man hört nichts mehr von ihm. Da war mir relativ schnell klar, er muss einer der Opfer der Rassenpolitik gewesen sein, also dieses Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Und dachte natürlich, dass sich im Historicum in der Bibliothek Literatur dazu finden lässt. MUSIK 2 ( Thomas Lemmer: Infinity 0’55) Erzählerin: Doch auch nach längerer Suche stellt sich heraus: Es gibt nichts. 2.O-Ton (Kristina Milz) Und so bin ich dann natürlich sehr neugierig worden. Erzählerin Das Ergebnis ist eine Dissertation, die 2022 als Biografie erscheint und den Titel trägt: „Karl Süßheim Bey. Eine Biografie über Grenzen“. Kristina Milz hat ihre Dissertation am Institut für Zeitgeschichte in München verfasst. Seit 2022 arbeitet sie auch für die Ad hoc-Arbeitsgruppe „Judentum in Bayern in Geschichte und Gegenwart“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die sich der Erforschung und Vermittlung jüdischen Lebens in Bayern widmet. Erzähler Während der Recherchen zu ihrer Biographie stößt Kristina Milz darauf, dass Jahrzehnte vor ihr im niederländischen Leiden die Orientalistin Barbara Flemming und ihr Kollege Jan Schmidt auf Karl Süßheim aufmerksam geworden sind. Und in langjähriger Kleinarbeit seine Tagebücher ins Englische übersetzt haben. Erzählerin Es sind zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert, die Kristina Milz damit auf Englisch zur Verfügung stehen. Um mit den übrigen Quellen und dem Nachlass arbeiten zu können, nimmt sie Sprachunterricht am Münchner Nahostinstitut, wo der Name Süßheim ihrem Dozenten noch geläufig ist: 3. O-Ton (Kristina Milz) Das heißt, ich musste tatsächlich anfangen, erst mal Türkisch zu lernen, habe auch Arabischkurse belegt und habe dann eben das Osmanische, dafür gibt es an der LMU auch Kurse, und da bin ich auch dringesessen. Mein Osmanisch-Dozent hat auch immer gesagt: Kristina, du lernst nicht Osmanisch, Du lernst Süßheim! MUSIK 3 ( Bamberger Symphoniker - Gustav Mahler: Blumine. Sinfonischer Satz 1’10) Erzähler Karl Süßheim kommt am 21. Januar 1878 in Nürnberg zur Welt. Sein Vater Sigmund betreibt einen florierenden Hopfenhandel, die Mutter Clara stammt als Tochter des Fabrikanten und Politikers David Morgenstern aus sehr wohlhabenden Verhältnissen. Erzählerin Karl wächst also gemeinsam mit seinem älteren Bruder Max und seiner jüngeren Schwester Paula in einer wohlsituierten und jüdisch-liberalen Familie auf. Erzähler Sigmund Süßheim möchte selbstverständlich, dass einer seiner Söhne das erfolgreiche Geschäft übernehmen soll. Doch der Hopfenhandel interessiert weder Max, noch Karl. Erzählerin Nachdem Max nach dem Abitur seinen Weg als Jurist und späterer SPD-Politiker im Bayerischen Landtag einschlägt, entscheidet sich auch Karl gegen den Wunsch des Vaters. Er beginnt 1896, Geschichte zu studieren. Zunächst in Jena, dann in München, Erlangen und Berlin. Erzähler In Berlin besucht Karl das Seminar für orientalische Sprachen und lernt dabei junge Gaststudenten aus dem Osmanischen Reich kennen. Woher sein Interesse an dieser Region kommt, lässt sich nur rekonstruieren. 4.O-Ton (Kristina Milz) Das durfte seine Familie auf keinen Fall wissen, weil die Orientalistik damals ja auch noch sehr so als Orchideenfach verschrien war. Und als Karl Süßheim dann in Berlin war, (…) war einige Jahre zuvor das sogenannte Seminar für Orientalische Sprachen gegründet worden. (…) Also in dieser Zeit muss man sich vorstellen, entsteht eigentlich die Islamwissenschaft. Es entsteht dieses Fach, das sich mit dem „zeitgenössischen Orient“, wie man damals gesagt hat, beschäftigt hat. Und das ist genau das, was Karl Süßheim dann interessiert hat. MUSIK 4 (Adrien Espinouze; Evgenios Voulgaris - Taksim & Mahur Pesrev 0‘50) Erzählerin Gleich nach der Abgabe seiner Dissertation über die „Preußischen Annexionsbestrebungen in Franken…“ zieht Karl Süßheim 1902 für einige Jahre nach Konstantinopel. Um dort seine Sprachkenntnisse im Türkischen und Arabischen zu vertiefen. Erzähler In Konstantinopel erlebt der frisch promovierte Historiker eine ganz andere Atmosphäre als im Kaiserreich. 5.O-Ton (Kristina Milz) Als er zuerst nach Konstantinopel gekommen ist und sich vor allem in diesem sultanstreuen Umfeld bewegt hat, war er ja durchaus an der einen oder anderen Stelle mit Antisemitismus konfrontiert. (…) Aber bei ihm ist es tatsächlich so, dass er erstmals in seinem Leben nicht in erster Linie als Jude wahrgenommen wird. In ihm wird vor allem der deutsche Wissenschaftler gesehen, der sich diese Sprachen so gut angeeignet hat und mit dem man jetzt eben über Politik und Geschichte und dergleichen diskutieren kann. Und noch sehr viel evidenter wird das dann, wenn er sich mit den sogenannten Jungtürken abgibt, also der osmanischen Opposition, die sehr nach Westen ausgerichtet war, die sehr auf Modernisierung geschaut hat und auch genau das einfordern wollte vom Sultan. Erzählerin Karl Süßheim ist selbst zunächst überzeugter Konservativer und Monarchist. 6.O-Ton (Kristina Milz) Als Karl Süßheim ins Osmanische Reich kam, war er politisch äquivalent eigentlich aufgestellt zu seiner Einstellung im Kaiserreich also sehr königstreu und patriotisch. Und hat dann aber eben dadurch, dass er diesen Kontakt mit den Jungtürken in Kairo hatte, zum ersten Mal die Idee des Tyrannensturzes für sich auch akzeptiert. Und war dann auch mitten im Zentrum dieser Revolution. Erzähler Die Jahre im Osmanischen Reich sind in Süßheims Leben in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt. Er, der Zeit seines Lebens kein guter Netzwerker war, sucht plötzlich die Nähe zu orientalischen Intellektuellen und knüpft Kontakte. Dabei findet er auch den Zugang zu seinem Glauben. 7.O-Ton (Kristina Milz) Er macht es in seinem Tagebuch gar nicht so explizit, an welcher Stelle es dann so ist, dass er wirklich jüdisch gläubig wird. Aber man sieht, er beschäftigt sich eben mit dem Islam auch sehr intensiv. Er hat zum Beispiel Kontakt mit dem Islamgelehrten Musa Kazim, der später dann der Scheichülislam, also der Großmufti eigentlich von Konstantinopel wird. Also das ist derjenige, der Süßheim zum Islam bringen will und da wird viel diskutiert. Und als er sich dann davon wieder abgrenzt und abwendet, findet er immer mehr Kontakt, auch mit den orientalischen Juden und beschäftigt sich dann damit und kommt dann eben sehr gläubig zurück. MUSIK 5 (Produktionsmusik: N/A - Mash'aal instrumental 0’52) Erzählerin Karl Süßheim ist 30 Jahre alt, als er zurückkehrt und an der Uni München beginnt, seine Habilitation zu schreiben. Darin beschäftigt er sich mit der Geschichte der Dynastie vor den Osmanen: den Seldschuken. Erzähler Als frisch habilitierter Privatdozent gibt er ab 1911 an der Münchner Universität Kurse in Arabisch, Persisch und Osmanisch. Anfangs ist die Zahl seiner Studenten noch überschaubar, aber mit Beginn des Ersten Weltkrieges ändert sich das schlagartig. Erzählerin Mit dem Osmanischen Reich als Verbündeten wollen plötzlich viele Studenten Türkisch lernen. Es entsteht ein regelrechter Boom auf die Expertise des Karl Süßheim. Wobei er nicht nur an der Uni gefragt ist. 8.O-Ton (Kristina Milz) Im Ersten Weltkrieg war es so, dass Süßheim nicht eingezogen wurde, weil er eben an der Heimatfront, wie man es nannte, unentbehrlich war. Das lag daran, dass er eben als einer der wenigen diese Sprachkenntnisse hatte und dann in vielerlei Hinsicht helfen konnte zu Hause. Zum einen bei der bayrischen Militärzensur hat er gearbeitet. Er hat aber auch als Dolmetscher gearbeitet. Wenn zum Beispiel jungtürkische Delegationen zu Besuch waren, dann ist er mit denen mitgefahren und hatte eben übersetzt. MUSIK 6 ( Sercan Halili - Nikriz sirto 0’35) Erzähler Ab 1919 unterrichtet Karl Süßheim als außerordentlicher Professor die Sprachen Arabisch, Persisch und Türkisch. Er ist inzwischen 41 Jahre alt und noch immer Junggeselle. Erzählerin Karl findet erst acht Jahre später die Frau, die zu ihm passt. Mit Karolina Plank, einer tiefgläubigen Katholikin. Ausgerechnet er, der als einziger in seiner Familie ein gläubiger Jude ist, lässt sich 1927 auf eine gemischt-konfessionelle Ehe mit Karolina ein. 9.O-Ton (Kristina Milz) Man muss aber schon auch sagen, das war sicher für ihn ein großer Schritt zu gehen, weil er davor sehr, sehr lange explizit nach einer jüdischen Frau gesucht hat. Er hat sich dann aber von seiner Frau versprechen lassen, dass er für die religiöse Erziehung der Kinder zuständig sein wird in der Ehe. Und wir reden vom Jahr 1927. Da hat sie sich auch darauf eingelassen, weil sie auch noch überhaupt gar nicht wusste, was das für Auswirkungen haben wird. Erzähler 1929 kommt Tochter Margot zur Welt, die zweite Tochter Gioconda wird 1934 geboren. Ein Jahr, nachdem sich für Karl Süßheim und seine Familie alles verändert hat. 10.O-Ton (Kristina Milz) 1933, kann man zweifellos sagen, dass das das allerschlimmste Jahr in seinem ganzen Leben war. Also neben der nationalsozialistischen Machtübernahme stirbt erstmal sein Bruder an einem Schlaganfall. Dann wird durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ihm seine Stelle an der Universität genommen. Und seine Mutter stirbt auch noch in diesem Jahr. Also alles passiert innerhalb eines Jahres, und da ist der Bruch zwischen der Zeit davor und diesem Jahr ganz extrem in den Quellen. Erzählerin Nach der Pogromnacht vom November 1938 wird Karl Süßheim für 16 Tage im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Er schreibt über diese Zeit auf Arabisch in sein Tagebuch und schafft damit laut Kristina Milz ein einzigartiges Dokument. In dem er nicht nur nüchtern Fakten für die Nachwelt festhält, sondern auch sehr akkurate Skizzen vom Konzentrationslager anfertigt, die er auf Arabisch beschriftet. 11.O-Ton (Kristina Milz) Und man muss sich vorstellen, er war jemand, der natürlich ein relativ behütetes Leben hatte. Und plötzlich kommt er in dieses Konzentrationslager, sieht, dass Menschen erschossen werden. Sieht, dass Menschen zusammenbrechen, wird geschlagen, weil er sich nicht als Judenschwein bezeichnen will. All diese Dinge passieren ihm dort. Und nachdem er zuvor immer gesagt hat, er geht nicht aus Deutschland weg, weil das seine Heimat ist – Bayern, seine Familie lebt seit Jahrhunderten in Bayern –, denkt er dann um. Dabei muss man aber auch wissen, dass er unterschreiben musste, dass er das Land verlassen wird, als er aus dem Konzentrationslager entlassen wird. Erzähler Erst im Sommer 1941 gelingt es Karl Süßheim mit seiner Frau und den Töchtern, nach Istanbul zu emigrieren. Sie sind eine der letzten Familien in Bayern, die der Schoa entkommen sind. Ein Teil seiner Privatbibliothek wird beschlagnahmt und landet in der Bayerischen Staatsbibliothek. Erzählerin Da aber auch die Türkei zu diesem Zeitpunkt eigentlich keine deutschen Juden mehr aufnimmt, musste das türkische Kabinett eine Ausnahme für Karl Süßheim beschließen. Seine Aufenthaltsgenehmigung ist damit verbunden, dass er an der dortigen Universität unterrichtet. Damit steht er zwar unter Druck, aber auch endlich wieder im Hörsaal. Die Bedingungen an der Universität Istanbul brachten für Karl Süßheim einige Herausforderungen mit sich: Er musste um seinen Professorentitel kämpfen, seine Publikationstätigkeit war eingeschränkt. Auch in der Lehre musste er sich erst eingewöhnen. 12. O-Ton (Kristina Milz) Man muss sich auch diese Situation mal vorstellen, also er hatte jahrelang während des Nationalsozialismus wenige Schüler bis gar keine Schüler. Er hatte vielleicht noch ein paar Privatstunden gegeben für die Leute, die sich das getraut haben. Und plötzlich ist er da in der Türkei und steht vor vollen Hörsälen, und alle wollen über die türkische Geschichte bei ihm lernen. Es ist auch interessant, weil in seinem Nachlass finden sich die Inskriptionslisten, wo man die ganzen Namen der türkischen Studierenden sieht, die sich für seine Vorlesungen angemeldet haben. Und es sind seitenweise Einträge. MUSIK 7 (Produktionsmusik: Roman Raithel – Arabic Keys 1’10) Erzähler Karl Süßheim bleiben nur wenige Jahre im Exil. Er stirbt am 13. Januar 1947 mit nur 68 Jahren an den Folgen einer Nierenerkrankung. Und wird auf dem jüdischen Friedhof in Istanbul beerdigt. An seinem Grab spricht der jüdische Romanist Erich Auerbach die Worte: Zitator Auf dem Gebiet der türkischen Geschichte wird der Name Karl Süssheim nicht vergessen werden und nicht vergessen werden können. Erzählerin Was Süßheims Reputation in der Türkei angeht, sollte Auerbach Recht behalten. Doch in Deutschland passiert das Gegenteil: Der einstige Professor für orientalische Sprachen und die „Geschichte der mohammedanischen Völker“ gerät in Vergessenheit. Erzähler Nicht zuletzt, weil die Ludwig-Maximilians-Universität keinen Nachruf auf ihren einstigen Professor Karl Süßheim herausgibt. Obwohl eine Würdigung von ehemals verfolgten Wissenschaftlern in der Nachkriegszeit eigentlich zum Standard gehört. Erzählerin Und auch Süßheims Witwe wird lange ignoriert. Karolina, die nach dem Tod ihres Mannes in die USA ausgewandert ist, wendet sich 1947 mit der Bitte um eine Witwenrente an die Uni. Und muss 11 Jahre lang dafür kämpfen: 13.O-Ton (Kristina Milz) Man könnte ja meinen, so wie ich auch eben damals auf ihn gestoßen bin, dass er eben einfach vergessen wurde. Man sieht aber sehr deutlich eben an den Quellen auch im Universitätsarchiv, dass das nicht der Fall war, weil die LMU fast 20 Jahre lang damit beschäftigt war, kein Geld auszugeben in der Sache Süßheim. Also diese Quellen im Universitätsarchiv, die betreffen die Universität, das Finanzministerium, das Kultusministerium und so weiter. Und man sieht daran auch, dass zum Beispiel noch mit nationalsozialistischer Gesetzgebung wirklich argumentiert wird. Also es wird dann zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob seine Witwe Witwenrente bekommt, mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums von 1933 argumentiert. Und es stellt sich bei ihm sehr lange nicht einmal die Frage in den Dokumenten, was denn mit ihm passiert wäre, wenn es den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte. MUSIK 8 (Produktionsmusik: N/A – Mercy Gate 0’45) Erzähler Erst nachdem Karolina Süßheim 1951 die United Restitution Organization bevollmächtigt, sich ihres Falls anzunehmen, fordert das Kultusministerium die Personalakte Süßheims bei der Uni an. Erzählerin Es werden Gutachten in der Causa Süßheim eingeholt. Unter anderem vom Dekan der Philosophischen Fakultät Anton Spitaler, der während der NS-Zeit Stipendiat der gleichgeschalteten Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft bei der Korankommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften war. Und im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht in Belgien und Frankreich als Dolmetscher gedient hatte. In seinem Gutachten fällt Spitaler ein vernichtendes Urteil über seinen ehemaligen Lehrer. 14.O-Ton (Kristina Milz) Anton Spitaler (…) wurde direkt gefragt, wie die Karriere von Karl Süßheim weitergegangen wäre, hätte es den Nationalsozialismus nicht gegeben. Und dieses Gutachten ist wirklich erstaunlich vernichtend. (…) Er macht seine Sprachenkenntnisse zum Beispiel sehr schlecht, sagt die wären nicht vorhanden gewesen. Das sind ganz offensichtliche Lügen, die in diesem Gutachten drinstehen. Und an einer Stelle schreibt er sogar noch, er hätte durchaus etwas von Karl Süßheim gelernt, aber das hätte er eher aus ihm herausgeholt, als dass Süßheim es ihm gegeben hätte. Das war natürlich sehr bezeichnend. Und man muss sich vor Augen halten, dass es zu dem Zeitpunkt ja überhaupt nicht mehr darum ging, Karl Süßheims Karriere voranzutreiben oder dergleichen, er war ja längst tot. Also es ging wirklich nur noch darum, seine Familie zu entschädigen. Erzähler Dieses Gutachten geht in die Bewertung des Falles ein. Erst 11 Jahre nach dem Tod ihres Mannes bekommt Karolina Süßheim ab 1958 eine entsprechend kleine Entschädigung. Weitere sieben Jahre später wird der Fall zu den Akten gelegt. MUSIK 9 (Produktionsmusik: Goksun Cavdar: Bosnia Herzegowina 0’27) Erzählerin Während in Bayern der Name Süßheim bis zu Beginn dieses Jahrhunderts in Vergessenheit gerät, machen sich im niederländischen Leiden die Orientalistin Barbara Flemming und ihr Kollege Jan Schmidt daran, Süßheims Tagebücher ins Englische zu übersetzen. Zeitgeschichtliche Dokumente von unschätzbarem Wert, die lange Zeit unentdeckt waren. 15.O-Ton (Kristina Milz) Weil er sehr viele Handschriften gesammelt hat, im Laufe seines Forscherlebens also originale Handschriften aus dem Nahen Osten und die auch zusammengehalten hat. Seine Witwe hat diese Handschriftensammlung dann verkauft, und die ist in Teilen in Berlin und in Teilen in Washington gelandet. Und in Berlin – bei diesen Handschriften befand sich eben auch sein Tagebuch, was die Witwe bestimmt nicht gewusst hat, weil das natürlich nicht unterscheidbar war zu anderen Notizen, die er gemacht hat für sie, weil es in fremden Sprachen war. Und deswegen sind eigentlich Wissenschaftler erstmals wieder mit ihm in Kontakt gekommen, weil sie sich seine Handschriften angeschaut haben und dann das Tagebuch gefunden haben. Erzähler Die Edition „The Diary of Karl Süssheim“ erscheint 2002 und löst eine Welle der Erinnerung aus. Oder wie die FAZ damals schreibt: Zitator Erst die kommentierte Übersetzung der Tagebücher gibt Süssheim sein Leben zurück, macht aus dem Vergessenen und Unbekannten einen an allem interessierten Menschen im Wirbel des dramatischen Geschehens der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. MUSIK 10 (Produktionsmusik: N/A – Mercy Gate 0’23) Erzählerin Nicht nur die Bayerische Staatsbibliothek setzt ab 2003 ein Restitutionsverfahren ein, sondern auch die Provenienzforschung des Stadtarchivs Nürnberg wird aktiv. Und setzt sich mit der Familie Süßheim in Verbindung. Für Lisa D’Angelo, der Enkelin von Karl Süßheim, eröffnet sich damit ein ganz neuer Zugang zur eigenen Familiengeschichte: 16.O-Ton (Lisa D‘Angelo) 2014 hatte ein Archivar das Internet genutzt, um meine 84-jährige Tante Margot in New York ausfindig zu machen, wo sie seit über 65 Jahren lebte. Er wollte sie wissen lassen, dass das Archiv ein antikes Buch mit dem Süßheimer Exlibris besaß. Und dieses Buch war von den Nazis beschlagnahmt worden, kurz bevor mein jüdischer Großvater und meine katholische Oma und ihre beiden Mädchen nach Istanbul geflohen waren. Und als das Nürnberger Archiv mit meiner Tante Margot Kontakt aufgenommen hat, hat sich uns natürlich eine ganz neue Welt der Familie Süßheim eröffnet. Erzähler Margot Süßheim ist es, die beginnt, als Zeitzeugin über ihren Vater zu sprechen. Und auch ihrer Nichte einige Details über die Schwierigkeiten ihrer Familie während der Nazizeit zu erzählen. Allerdings erst, als Lisa erwachsen ist. 17.O-Ton (Lisa D‘Angelo) Ehrlich gesagt, wusste ich nur sehr wenig über meinen Großvater. Als Kind hörte ich, dass mein Großvater ein Sprachwissenschaftler war, der etwa 15 Sprachen beherrschte. Ich hörte auch, dass seine Mutter Clara ein bisschen schwierig war. Und sie sammelte auch Dinge, die mein Großvater auch geerbt hatte. Und seine Vorliebe für das Sammeln von Büchern rettete tatsächlich die Familie, denn meine Oma verkaufte seine umfangreiche Büchersammlung an die Yale University in den USA, um die Schiffstickets zu kaufen, mit denen sie von Istanbul nach New York auswandern konnten. Erzählerin Lisa D’Angelo ist das öffentliche Gesicht der Familie Süßheim. Sie verwaltet nicht nur den privaten Nachlass ihres Großvaters, sondern reist auch nach Deutschland, um Ausstellungen zu eröffnen oder Vorträge zu halten. So wie 2022 im Münchner Literaturhaus. Da hatte sie die weite Anreise von Chicago auf sich genommen, um zur Vorstellung von Kristina Milz´ Biografie „Karl Süßheim Bey“ zu sprechen; der ersten umfassenden Biografie des bedeutenden bayerischen Orientalisten. MUSIK 11 (Z8046919112 Thomas Lemmer: Faith 0’40) Erzähler Karl Süßheim hat ein kostbares Erbe hinterlassen. Eines, das viel zu lange im Verborgenen geblieben ist, sagt Kristina Milz: 18.O-Ton (Kristina Milz) Ich finde es vor allem eben sehr wichtig, weil oftmals davon ausgegangen wird, man hätte zum Nationalsozialismus schon alles erzählt. Und gerade die Geschichte von Karl Süßheim zeigt auch mal wieder, dass wir noch lange nicht fertig sind damit, diese Zeit uns anzuschauen.

  13. Pessimismus - Die Macht des negativen Denkens

    05.03.2025 · 24 Min.

    Negative Erfahrungen speichert unser Gehirn intensiver ab, als positive Erfahrungen. Denn aus schlechten Erfahrungen können wir lernen. Wird Pessimismus aber zu einer Grundstimmung, dann erreicht eine solche Weltsicht eher das Gegenteil: Dann fehlt es an Motivation, etwas daran ändern zu können. Von Daniela Remus (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel Technik: Roland Böhm Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Hennig Beck, Neurowissenschaftler, Frankfurt/M.; Dr. Marlies Pinnow, (sprich: Pinnoo) Psychologin, Ruhr Universität Bochum; Prof. Lars Schwabe, Psychologe, Universität Hamburg Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hoffnung - Die Stille Kraft JETZT ANHÖREN Was uns tröstet - Kraft in der Krise JETZT ANHÖREN Der Egoismus - Das Zukunftsmodell? JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Pessimistisch sein: Diesen Vorteil haben Pessimisten - ARD alpha Die Prüfung geht sowieso schief, einen Job kriegt ihr nie, alle sind gegen euch. Denkt ihr oft so negativ? Wir erklären, warum manche Menschen eher Pessimisten oder Optimisten sind, was pessimistisch sein bedeutet - und ob das wirklich immer schlecht ist. JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Beck, Hennig: 12 Gesetze der Dummheit. Denkfehler, die vernünftige Entscheidungen in der Politik und bei uns allen verhindern. Ullstein Verlag, Berlin 2023. Forschung von Dr. Marlies Pinnow, Ruhr Universität Bochum: Schlüter, C., Fraenz, C., Pinnow, M., Friedrich, P., Güntürkün, O., & Genç, E. (2018). The structural and Forschung functional signature of action control. Psychological Science, 29(10), 1620-1630. Pinnow, M. (2018). Wünschen, Wählen, Wollen: Individuelles Entscheiden und Handeln im Spiegel der Neurowissenschaft. In C. Gorr und M.C. Bauer (Hrsg.), Was treibt uns an? (pp. 67-81). Springer: Berlin. Forschung von Prof. Lars Schwabe, Universität Hamburg: Rouhani, N., Niv, Y., Frank, M. J., & Schwabe, L. (in press). Multiple routes to enhanced memory for emotionally relevant events. Trends in Cognitive Sciences. Baczkowski, B. M., Haaker, J, & Schwabe, L. (2023). Inferring danger with minimal aversive experience. Trends in Cognitive Sciences, 27, 456-467. Schwabe, L., Hermans, E., Joëls, M., & Roozendaal, B. (2022). Mechanisms of memory under stress. Neuron, 110, 1450-1467. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK SPRECHERIN „Das schaffe ich nie”, „Die denken doch nur an sich” oder „Das wird nie mehr gut”! Nicht wenige Menschen denken so und antworten auch entsprechend negativ. Und sie urteilen dermaßen pessimistisch nicht nur in einzelnen Situationen, sondern bei fast jeder Gelegenheit. Ob es um die Diät nach den Feiertagen geht, die nächste Prüfung, die weltpolitische Lage oder um den Streit in der Familie: „Das kann ja alles gar nicht anders als schlecht enden”! Und mit dieser pessimistischen Grundeinstellung sind sie nicht allein. Weltweit äußern sich in Umfragen zwei Drittel der Menschen düster und negativ über Gegenwart und Zukunft. Das ist für die Bewältigung der aktuellen Krisen kein gutes Zeichen, aber neurobiologisch ist der Pessimismus durchaus zu erklären. TAKE 1 (O-Ton Beck) L: 0, 25 Wir erinnern uns an sehr negative Ereignisse intensiver, als an sehr positive Ereignisse. Das hat einfach auch den Vorteil, dass man dadurch besser lernen kann. Also man stellt sich mal die Alternative vor, wir würden uns an positive Sachen immer erinnern, dann wären die immer präsent und wir hätten gar nicht mehr den Antrieb die nochmal erreichen zu wollen. Wohingegen, wenn ich mich an die negativen Sachen erinnere, dann habe ich die so präsent, dass ich immer weiß, die möchte ich vermeiden. SPRECHERIN Erklärt der Neurowissenschaftler und Sachbuchautor Hennig Beck. Tagein tagaus entscheidet unser Gehirn, was von dem, was wir erleben, als Erinnerung abgespeichert werden soll - und was nicht. Der Streit mit der Chefin, die schlechten Schulnoten, die freundliche Arzthelferin, der heftige Regenschauer und das Laubharken im Garten? Nicht alles, was wir erleben, wird zu einer Erinnerung. Aber negative Erlebnisse haben eine höhere Chance erinnert zu werden als positive. Das begünstigt ganz entscheidend den pessimistischen Blick auf die Welt. TAKE 2 (O-Ton Beck) L: 0, 24 In einem Gehirn liegt Erinnerung nicht irgendwo rum, sondern eine Erfahrung, die Sie machen, etwas, was Sie sehen oder hören, das führt dazu, dass die Nervenzellen sich besser synchronisieren, besser abstimmen in ihrer Aktivität, sie passen ihre Verknüpfungen untereinander an und das führt dazu, dass sie das nächste Mal dieses Aktivitätsmuster, besser auslösen können und das ist das, was man Gedächtnis oder Erinnerung nennt. SPRECHERIN Früher nahmen Forschende an, dass es einen festen Ort im Gehirn gibt, an dem unsere Erinnerungen, ähnlich wie Kleidungsstücke in einer Schublade, aufbewahrt werden. Aber mittlerweile ist klar, diese Erklärung ist zu einfach. An der Gedächtnisbildung sind vielmehr sehr viele und unterschiedliche Bereiche des Gehirns beteiligt: So zum Beispiel die Nervenzellen im sogenannten Hippocampus und im sogenannten Enthorialen Cortex. Was im Einzelnen im Gehirn und speziell in diesen Bereichen passieren muss, damit ein Erlebnis zu einer Erinnerung verarbeitet wird, das haben die Forschenden aber trotz aller Forschungen bisher immer noch nicht in allen Details verstanden. TAKE 3 (O-Ton Schwabe) L: 0, 10 Es ist natürlich so, dass die Relevanz und die emotionale Wertigkeit von Erfahrungen einen maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie gut Sachen später erinnert werden. SPRECHERIN Erklärt Lars Schwabe, Professor für Psychologie an der Universität Hamburg. TAKE 4 (O-Ton Schwabe) L: 0, 15 Wir wissen aus Verhaltensstudien auch sehr gut, dass emotional negative Ereignisse aber auch emotional positive Ereignisse tendenziell besser erinnert werden als die neutralen, alltäglichen Ereignisse. Das ist ein relativ robuster Befund in der Literatur. SPRECHERIN Ein relativ robuster Befund in der Literatur, das heißt, dieses Ergebnis hat sich in vielen unterschiedlichen Experimenten immer wieder bestätigt: Die emotionale Betroffenheit in einer Situation führt also dazu, dass sie intensiver im Gehirn verankert wird. Und das macht es wahrscheinlicher, dass sie im Gedächtnis als Erinnerung abgelegt wird, betont der Frankfurter Neurowissenschaftler Beck: TAKE 5 (O-Ton Beck) L: 0,20 Alles, was emotional ist, ist so eine Art Beschleunigung für das Lernen. Es führt dazu, dass es besonders intensiv und weitläufig verarbeitet wird und genau an diesen Schnittstellen wo entschieden wird, was ist wichtig und was ist unwichtig, da ist Emotion so etwas, wie ein Lesezeichen, das markiert, oh das ist etwas, was man besonders intensiv später nochmal verarbeiten sollte. SPECHERIN Denn das Gehirn muss tagtäglich entscheiden, was wird als Erinnerung abgespeichert und was kann weg? Töne, Gerüche, Erlebnisse, Streit, ein unerwartetes Wiedersehen, Musik oder Gespräche: Emotionale Berührung machen einzelne Situationen von anderen unterscheidbar. Und bei negativen Emotionen ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß. dass sie es ins Gedächtnis schaffen und damit zu einem pessimistischen Blick auf die Welt führen. TAKE 6 (O-Ton Beck) L: 0, 32 Es gibt so eine Art Koordinationsstelle im Gehirn, die die wichtigsten Infos des Tages noch einmal reaktiviert. Nennt sich Hippocampus. Und diese Region ist quasi so ein Taktgeber dafür zu entscheiden, was ist wichtig, was ist unwichtig? Und in der Nacht, wenn man schläft, wird dann eben geschaut, was war besonders überraschend? Was war besonders emotional? Was war besonders neu, was man erlebt hat? Und das wird dann in der Nacht in den Großhirnarealen, dezentral, verankert unter Anleitung von eben jenem Hippocampus. SPRECHERIN ‚Gedächtnisspur‘ nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das, was der Hippocampus in den verschiedenen Gehirnarealen aufbaut und was dann später als Erinnerung wieder abgerufen werden kann. Positive und negativen Erlebnisse, die in uns Gefühle hervorrufen, entweder der Freude, des Glücks oder auch des Leids und der Trauer, hinterlassen besonders tiefe Gedächtnisspuren, werden also deutlich besser erinnert. Und manchmal, bei besonders traumatisierenden Erlebnissen kommt es dadurch zu einer derart präsenten Erinnerung, dass diese nicht mehr bewusst kontrolliert werden kann, wie bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung. ((TAKE 7 (O-Ton Beck) L: 0, 30 Wenn es besonders positiv oder besonders negativ ist, führt das zu einer besseren Gedächtnisspur, zu einem besseren Training kann man sagen, der Nervenzellen und ich behalte das intensiver. Tatsächlich muss man aber sagen, dass negative Emotionen, hochnegative Emotionen, Niederlagen beispielsweise oder Trauerereignisse, Schicksalsschläge, besonders intensiv verarbeitet werden. Intensiver als positive Emotionen und das führt dazu, dass man sich an solche sehr negativen Ereignisse häufig auch sehr negativ erinnert.)) SPRECHERIN Indem unser Gehirn vergangene Erlebnisse und Erfahrungen strukturiert und gewichtet und unter Umständen zu Erinnerungen macht, hilft es uns, unser Leben zu bewältigen, erklärt Lars Schwabe: TAKE 8 (O-Ton Schwabe) L: 0, 25 Das ist tatsächlich eine Idee, dass die maßgebliche Funktion des Gedächtnisses ist, uns eben auf ähnliche Situationen in der Zukunft bestmöglich vorzubereiten und daraus resultiert einfach auch der Umstand, dass dieses emotionale Gedächtnis, also die Steigerung der Erinnerungsfähigkeit emotionaler Inhalte, dass das auch ein grundadaptiver Mechanismus ist, der uns für zukünftige Gefahren bestmöglich vorbereitet. SPRECHERIN Es ist also vermutlich evolutionsbiologisch zu erklären, dass negative Erfahrungen besonders intensiv erinnert werden. Denn das hilft dabei, solche Erlebnisse in Zukunft zu vermeiden. Insofern könnte man auch sagen, dass ein pessimistischer Mensch sich v.a. davor schützen möchte, besonders negative Situationen zu erleben. Wie zum Beispiel das Anfassen der heißen Herdplatte. Biochemisch betrachtet lässt sich die intensive Erinnerung mit dem Hormoncocktail erklären, den der Körper in solchen Situationen ausschüttet. In glücklichen Momenten, wie beispielsweise bei der Geburt eines Kindes, produziert der Organismus besonders viel vom Botenstoff Dopamin, alltagssprachlich auch bekannt als ‚Belohnungshormon‘. Anders in einer emotional belastenden Situation: in der schüttet der Körper die Botenstoffe Noradrenalin und Cortisol aus, beide alltagssprachlich auch als ‚Stresshormone‘ bekannt. Vor allem diese Stresshormone aktivieren, so der gegenwärtige Wissensstand, die sogenannte Amygdala. Die ist, evolutionsbiologisch betrachtet, ein sehr alter Teil des Gehirns, häufig auch Mandelkern genannt, der für die Bewertung von emotional wichtigen, und zwar vor allem negativen Erlebnissen zuständig ist, ((erklärt Lars Schwabe: TAKE 9 (O-Ton Schwabe) L: 0, 13 Das heißt, die Amygdala sagt gewissermaßen, ‚hey, das ist jetzt eine extrem wichtige Situation, Hippocampus merk dir das mal besonders gut!‘, plakativ gesprochen und das ist der Mechanismus, der für aversive Ereignisse ganz gut etabliert ist. SPRECHERIN Auch für die Entstehung von Angst, die sich ja aus negativen emotionalen Erinnerungen speist, spielt die Amygdala eine wichtige Rolle. Forschende vermuten deshalb, dass es nicht nur graduelle Unterschiede gibt, in der Abspeicherung und Verarbeitung von positiven und negativen Emotionen in unserem Gedächtnis, sondern tatsächlich auch qualitative Unterschiede.)) Und das sei ja auch sinnvoll, so Psychologieprofessor Lars Schwabe, weil Erfahrungen und Erinnerungen unser Verhalten prägen. TAKE 10 (O-Ton Schwabe) L: 0, 17 Das heißt, unser Gedächtnis ist für unser Funktionieren im Alltag, in jeglicher Hinsicht, Motivation, Orientierung, Entscheidungsfindung absolut essentiell, aber auch essentiell dafür, wie wir uns als Person wahrnehmen. SPRECHERIN Ohne Erinnerung fehlten uns auch bedeutende Informationen über uns selbst. Deshalb, so Lars Schwabe, wüssten wir nicht, falls wir sie verlören, was wir für ein Mensch sind und was uns ausmacht. Wenig verwunderlich also, dass Erinnerungen auch mitbeeinflussen, wie Menschen auf die Welt, auf ihr Leben blicken. Sind sie eher optimistisch oder pessimistisch? Erwarten sie positive Entwicklungen für die Zukunft oder wird alles einfach nur immer schlechter? TAKE 11 (O-Ton Schwabe) L: 0, 24 Und wenn wir dann aufgrund unserer Stimmungslage oder unseres Naturells vorrangig negativ gefärbte Erfahrungen erinnern und diese in unserem Gedächtnis überrepräsentiert sind, dann kann das schon was sein, dass dann halt so ein sich selbst verstärkender Prozess fungiert dass man dann einen stärkeren Pessimismus an den Tag legt möglicherweise sogar zu eine depressive Stimmung neigt. SPRECHERIN Und daraus kann sich eine regelrechte Abwärtsspirale entwickeln, in der sich negative Erfahrungen und Erinnerungen dauerhaft selbst verstärken, erklärt Lars Schwabe: TAKE 12 (O-Ton Schwabe) L: 0, 31 Das heißt, dass wir erfahrungsbasiert bestimmte Schemata ausbilden, die Erwartungen widerspiegeln, was in einer bestimmten Situation vorhanden sein sollte. Und das leitet dann auch unsere Wahrnehmung und unsere Gedächtnisbildung, dass wir genau schauen, was sind die Aspekte, die bestimmte Situationen voneinander abgrenzen und was sind bestimmte Merkmale, die eigentlich überall da sind und das natürlich auch hilft für ein effizientere Gedächtnisabspeicherung. SPRECHERIN Im Alltag sprechen wir oft von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, wenn Menschen vor einem Prüfungstermin, der Führerscheinprüfung oder dem Bewerbungsgespräch mutmaßen, „das wird sowieso nichts” oder „ich kann das nicht”. Damit meinen wir, dass jede und jeder unbewusst oder bewusst durch das Verhalten mit dazu beiträgt, wie bestimmte Situationen sich entwickeln. Und tatsächlich existiert eine solcher Mechanismus. In Experimenten konnten Forschende nachweisen, dass negative Erlebnisse eine pessimistische Grundhaltung befördern und diese dann wiederum dazu führt, negative Erlebnisse zu begünstigen. Aber, ganz entscheidend in diesem Zusammenhang: Negative Erlebnisse werden dadurch nicht verursacht! MUSIK SPRECHERIN Und noch ein wichtiger Unterschied: Negatives Erlebnis und negatives Erlebnis sind auf keinen Fall identisch. Krieg, Vergewaltigung und Folter sind selbstverständlich unter keinen Umständen zu vergleichen mit anderen Erfahrungen, die wir im Alltag oft als negativ wahrnehmen, wie beispielsweise einer ungerechten Kündigung. Dennoch gehen Menschen mit diesen unterschiedlich belastenden Erfahrungen sehr verschieden um. Und das liegt daran, dass nicht die objektive Schwere einer Situation dafür verantwortlich ist, sondern der Umgang des Individuums damit, erklärt Dr. Marlies Pinnow, Psychologin an der Ruhr-Universität in Bochum: TAKE 13 (O-Ton Pinnow) L: 0, 39 Im Falle einer negativen Emotion … Angst, Trauer, Wut, kommt es ja in der Regel zu einer Coping Reaktion, also sie müssen das irgendwie bewältigen … Davon ist es ja abhängig, wie ich diese Erfahrung verbuche. Die kann ich erfolgreich bewältigen, lerne dadurch noch etwas … oder aber ich bewältige die nicht erfolgreich. Und das sind ja häufig Leute, die wir dann in der Praxis in den Therapien sehen. Die mit irgendeiner Situation in ihrem Leben, im Sinne eines positiven Copings nicht klargekommen sind. SPRECHERIN Selbstverständlich gibt es Menschen, die derart viele unvorstellbar negative Erfahrungen machen, dass sie von diesen geprägt werden und keine Kraft mehr haben, optimistisch, also hoffend und zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Menschen, die Kriege aushalten müssen, die Massaker und Terroranschläge überleben, Vergewaltigungen oder Folter überstehen. Aber nicht immer ist der Blick auf die Welt von solchen tatsächlich objektiv negativen Erlebnissen abhängig. Denn wie Menschen solche Erlebnisse verarbeiten, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, erklärt der Psychologe Lars Schwabe von der Universität Hamburg: TAKE 14 (O-Ton Schwabe) L: 0,22 Da gibt es eine ganze Reihe von Faktoren: Persönlichkeit, frühkindliche Erfahrungen, genetische Ausstattung aber eben auch bestimmte Erinnerungstendenzen. Wenn es aber so ist, dass eine Person real sehr viel negative Situationen erfährt, die dann natürlich auch im Gedächtnis stark abgespeichert sind, dann hat das natürlich auch Implikationen, dafür, was sie erwartet, was in Zukunft passieren wird. SPRECHERIN Menschen, die extrem negative Situationen erleben mussten, wie z.B. Folter oder Missbrauch, können beispielsweise in eine sogenannte ‚erlernte Hilflosigkeit‘ rutschen. Das heißt, dass die negative Erinnerung und damit eine pessimistische Grundhaltung zum bestimmenden Aspekt der Persönlichkeit wird: TAKE 15 (O-Ton Schwabe) L. 0, 10 Auch auf motivationaler Ebene, wo dann vielleicht so ein Pessimismus reinspielt, und auch auf kognitiver Ebene. Man sieht dann z.B. auch bestimmte Gedächtnis- oder Arbeitsgedächtnisauffälligkeiten. SPRECHERIN Aber auch bei denjenigen, die von solchen objektiv negativen Erlebnissen verschont sind, die Glück, Trauer, Wut und Freude in einem relativ gesicherten Umfeld erleben, so wie es für die meisten Menschen hier in Deutschland gilt, gibt es viele, die vor allem pessimistisch auf die Welt blicken. Sie haben eine Arbeit, werden auch mal krank, fallen durch Prüfungen oder werden von ihren Partnern verlassen, sie ärgern sich, wenn die Bahn unpünktlich, das Auto kaputt ist und das Lieblingsbrötchen ausverkauft. Unterschiedlich stark ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen, so der gegenwärtige Wissensstand, wie Menschen mit solchen negativen Alltagserfahrungen umgehen: Manche sind eher Handlungsorientiert, andere eher Lageorientiert. Handlungsorientierte überlegen bei Missgeschicken und negativen Erlebnissen, warum ist das so gelaufen, welche Gründe gibt es dafür, wie kann ich damit in Zukunft umgehen? Was kann ich verändern, damit das nicht noch einmal passiert? Lageorientierte Menschen dagegen sind so auf die Lage bzw. Situation fixiert, dass sie es nicht - oder nur sehr - schwer schaffen, sich von dieser Erfahrung zu befreien, sich von dem Missgeschick zu erholen oder auch daraus für die Zukunft zu lernen, wie die Psychologin Margret Pinnow erklärt: TAKE 16 (O-Ton Pinnow) L: 0, 20 Wir haben diese Personengruppen tatsächlich in den Scanner gelegt… da haben wir angefangen zu schauen, weil es gibt Strukturen, die erlauben Emotionen besser zu regulieren und die sind tatsächlich bei den Handlungsorientieren stärker ausgeprägt als bei den Lageorientierten. SPRECHERIN Warum die einen deprimiert und pessimistisch reagieren, die anderen aber negative Erlebnisse und Niederlagen wegstecken, das ist bisher noch nicht richtig klar, sagt Marlies Pinnow. Sicherlich sind frühkindliche Bindungen dafür entscheidend, aber auch erlernte Emotionskontrolle und genetische Dispositionen. Fest steht, diese Eigenschaften beeinflussen, wie man auf die Welt blickt, welcher Blick sich verstetigt. Hinzu kommen darüber hinaus, neben diesen individuellen Persön-lichkeits¬merkmalen, auch noch weiter Faktoren. Sie liegen auf der gesellschaftlich-sozialen Ebene: TAKE 17 (O-Ton Beck) L: 0, 17 Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass wirtschaftlich sehr reife Gesellschaften dazu tendieren, pessimistischer zu werden. Weil sie einfach an einem Punkt angekommen sind, wo man sich kaum vorstellen kann, dass es besser werden kann und ich diesen ganzen Fortschritt und Wohlstand als selbstverständlich annehmen. SPRECHERIN Sagt der Frankfurter Neurowissenschaftler Henning Beck, der zum grassierenden, gesellschaftlichen Pessimismus im Herbst 2023 ein Sachbuch veröffentlicht hat. TAKE 18 (O-Ton Beck) L: 0, 23 Also für uns ist selbstverständlich, dass sauberes Wasser aus der Leitung kommt, für uns ist selbstverständlich, dass wir Erdbeeren im Winter kaufen können, ich kann mir alles liefern lassen, was ich will. Wir haben als Gesellschaft einen Zustand erreicht, der kaum noch verbesserungsfähig ist, in unserer Vorstellung. Welche Möglichkeiten hast du darauf psychologisch zu reagieren? Du schaust dir an, wo es schlechter werden könnte und hast Angst davor, und fängst also an zu verteidigen, was du hast. SPRECHERIN Genau das sehen und erleben wir zurzeit in vielen europäischen Staaten. Eine Umfrage des Forsa Instituts vom September 2023 hat beispielsweise ergeben: In Deutschland sind rund 46 Prozent der Befragten der Ansicht, dass es ihnen in zehn Jahren deutlich schlechter gehen wird als heute. Nur 17 Prozent blicken optimistisch in die Zukunft, und erwarten, dass es ihnen dann besser gehen wird. Eine gesellschaftliche Stimmung also, die eindeutig pessimistisch ist und die ihre Ursachen nicht nur in der Angst vor Verlusten hat, sondern auch darin, dass das, was gut läuft, nicht als positiv wahrgenommen wird, sagt Hennig Beck: TAKE 19 (O-Ton Beck) L: 0, 35 Warum sind Menschen so pessimistisch? Menschen erkennen den Fortschritt nicht. Also das Unglück ist sichtbar, das Glück auch, aber man sieht es nicht. Das Glück nimmt man eigentlich als selbstverständlich hin, also das, was früher eine medizinische Sensation war, früher war es eine Sensation, wenn du 90 Jahre alt geworden bist, heute regen sich 70,80jähirge auf, wenn sie in der Coronapandemie nicht mit einem Kreuzfahrtschiff fahren können. Ja, so ändern sich die Zeiten. Und dieser ganze Fortschritt, dass wir gesünder sind, besser leben, dass wir freier sind als früher, das sehen wir nicht, weil wir uns daran gewöhnt haben. SPRECHERIN „Früher war alles besser …” heißt es dann. Dabei sind immer mehr Krebsarten heilbar sind, deutlich mehr Menschen können lesen und schreiben, Demonstrationsfreiheit gilt selbst für abstruse Meinungen, sofern sie nicht gegen das Grundgesetz verstoßen. In Deutschland muss kaum noch jemand Hunger leiden, in Rhein und Elbe kann wieder geschwommen werden und die Zahl der Morde geht kontinuierlich zurück. Dennoch nehmen viele Menschen das ganz anders wahr. Neben den realen und beunruhigenden Kriegen und wirtschaftlichen Krisen, mit denen wir zur Zeit konfrontiert sind, gibt es dafür aber auch noch eine andere Erklärung: TAKE 20 (O-Ton Beck) L 0, 38 Das nennt man Reminiszenz Effekt. Das ist dieser Effekt, dass man sagt, früher war alles besser. Und man vergleicht die Gegenwart jetzt mit der Vergangenheit und stellt fest, ach früher war doch eigentlich alles okay. Und das ist ein psychologischer Streich, den uns unser Gehirn spielt. Denn ja, es stimmt, dass negative Sachen intensiver erlebt werden als positive, …, aber wenn es um das gesamte Leben geht und man schaut zurück, an was erinnert man sich am meisten? Am meisten erinnert man sich an die Phase in den eigenen 20ern. Das ist so die Phase, die am präsentesten ist. Man ist von zu Hause ausgezogen, hat irgendwo eine Arbeit angefangen, hat einen Partner oder eine Partnerin fürs Leben kennengelernt, da ging´s ab. SPRECHERIN Und alles, was danach kommt, Konsolidierung im Beruf oder die Familienphase fällt dagegen ab, erscheint eher langweilig. Denn es passiert in der Regel deutlich weniger komplett Neues als in der Zeit zwischen 20 und 30: TAKE 21 (O-Ton Beck) L: 0, 30 Der Grundton, dass man danach nicht sooo viel erlebt … führt dazu, dass man im Laufe des Lebens sagt, ach ja früher, da ging es rund, da hab ich viel gemacht, da war alles gut und jetzt ist viel weniger los und es wird eigentlich alles immer schlechter. Das führt dazu, dass man so eine pessimistische Grundeinstellung hat, weil man die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleicht, obwohl das objektiv vielleicht gar nicht stimmt. SPRECHERIN Wenn große Teile einer Gesellschaft von dieser pessimistischen Grundstimmung erfasst werden, kann das, ganz pragmatisch betrachtet, durchaus problematisch sein. Denn in der gegenwärtigen Lage mit Erderwärmung, Kriegen und Krisen, brauchen Gesellschaften gute Ideen, und Menschen, die optimistisch in die Zukunft blicken, um die anstehenden Schwierigkeiten zu bewältigen und die Entwicklung zum Besseren wenden zu können. Pessimismus und der Blick zurück in eine vermeintlich gute Vergangenheit, ob persönlich oder politisch, ist dafür eher eine Sackgasse.

  14. Das Fenster - Geschichte mit Durchblick

    05.03.2025 · 23 Min.

    Fenster gelten als Auge eines Hauses. Sie schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen, ermöglichen Aus- und Einblicke. Durch die Jahrhunderte haben sie ihre Form stetig gewandelt, genauso wie das Leben in den Räumen hinter den Fenstern Veränderungen unterlag. Von Susanne Hofmann (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Rahel Comtesse, Stefan Merki, Gudrun Skupin Technik: Adele Meßmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Wenderoth, Fachreferent für Bautechnik am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege; Dr. Barbara Perfahl, Wohnpsychologin Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Wohntürme und Wolkenkratzer - Als die Häuser immer höher wurden JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Der Plan, das neue Rathaus nicht viereckig, sondern dreieckig zu bauen, stammte vom Schweinehirten. „Die Idee wird Schilda berühmter machen als Pisa mit seinem schiefen Turm!“, sagte er. ERZÄHLERIN Und so machten sich die Schildbürger an die Arbeit, errichteten drei Mauern und setzten ein Dach darauf. Bei der feierlichen Einweihung wollten die Bürger voller Stolz das neue Gebäude erkunden. ZITATOR Doch sie waren noch nicht auf der Treppe, da purzelten sie auch schon durcheinander und schimpften wie die Rohrspatzen. Da erst dämmerte es den Schildbürgern: „In unserem Rathaus ist es finster!“ Sie hatten doch tatsächlich die Fenster vergessen. ATMO FENSTER zu + ATMO Fenster putzen ERZÄHLERIN Was für uns heute ein, inzwischen sprichwörtlicher, Schildbürgerstreich ist, war für unsere Vorfahren über viele Jahrtausende noch Normalität: Gebäude ohne Fenster: Finster, muffig, höhlenartig muss sich das angefühlt haben. Und dann, irgendwann, kam das Fenster. Musik 2: Glass house - 58 sek ERZÄHLER Fenster – von lateinisch fenestra – bezeichnet eine Maueröffnung in einem Haus zur Belichtung und Belüftung von Innenräumen. Seit dem 8. Jahrhundert gehört das Wort Fenster zum deutschen Wortschatz. Wohnen ohne Fenster ist für uns unvorstellbar. Das bloße Dach über dem Kopf reicht nach heutigen Begriffen höchstens zum Hausen aus, nicht aber, um sich auch zuhause zu fühlen. Die österreichische Wohnpsychologin Dr. Barbara Perfahl befasst sich seit vielen Jahren mit Architektur und damit, wie Räume – und Fenster - wirken. 1. ZUSPIELUNG Perfahl 1:35 „Fenster spielen beim Wohnen und beim Einrichten eine ganz große Rolle und vor allem bei der Frage, wie wohl sich Menschen in Räumen fühlen. Ursprünglich sind Fenster ja einfach in Häuser geschnitten worden, sozusagen um Licht rein und ganz zu Beginn den Rauch rauszulassen. Und einen Sicherheitsaspekt hatte das auch noch. Man hat sich aus dem Haus heraus verteidigt, durch Fensterschlitze zum Beispiel. Aber im heutigen Wohnen spielt es eine ganz große Rolle: Die meisten Menschen suchen beim Wohnen Licht, je heller Wohnungen sind, desto wertiger und angenehmer werden sie wahrgenommen.“ Musik 4: Liz on top of the world –35 Sek ERZÄHLER Die Villa mit Panoramafenstern und entsprechend lichtdurchfluteten Räumen ist für viele der Inbegriff luxuriösen Wohnens. Idealerweise befindet sich das Haus in unbebauter Umgebung und erlaubt den Blick ins Grüne. Dass wir das als angenehm empfinden, hängt womöglich damit zusammen, so Wohnpsychologin Barbara Perfahl, 2. ZUSPIELUNG Perfahl 3:45 „dass der Mensch in unseren Breitengraden seit etwa 16 Generationen erst überwiegend sich in gebauten Räumen aufhält. Also das heißt, vor wenigen hundert Jahren war unser Lebensraum eigentlich das Draußen. … an und für sich sind wir als Menschen Geschöpfe des Draußen, darauf sind wir auch programmiert. Und deshalb suchen wir das auch im Drinnen.“ ERZÄHLERIN Fenster schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen. Sie schirmen uns – zumindest in ihrer heutigen Form mithilfe von isolierenden Glasscheiben – vor widrigem Wetter und ungemütlichen Temperaturen ab und gewähren zugleich einen Blick ins Freie. Barbara Perfahl: 3. ZUSPIELUNG Perfahl 4.42 „Wir wollen uns die Natur auch reinholen. … Wir können uns besser konzentrieren, wenn wir einen Arbeitsplatz an einem Fenster haben, von dem aus wir ins Grüne schauen können, als wenn wir einen Arbeitsplatz haben, wo wir nicht so ein Fenster haben.“ ERZÄHLER Der Schutz vor der Natur bei gleichzeitig größtmöglicher Nähe zur Natur scheint ein natürliches Bedürfnis zu sein. Die meisten von uns suchen in unserer Wohnung oder unserem Haus auch Erholung. 4. ZUSPIELUNG Perfahl 6.56 „Das heißt, wir brauchen diesen sicheren Rückzugsraum, um unsere Akkus wieder aufzuladen, um zur Ruhe zu kommen, um wieder aufzutanken. Und da brauchen wir es angenehm, gemütlich, schön. Und da gehört eben Licht, Helligkeit dazu, aber auch die Möglichkeit, zum Beispiel rauszugucken ins Grüne oder in den Himmel oder einfach an die Straße lang, also das zu steuern zu können, wie viel vom Außen ich sehe, das ist schon ein Aspekt auch von diesem Erholtseinkönnen.“ ERZÄHLERIN Licht hebt die Stimmung, stärkt das Immunsystem, und wir brauchen es in vielerlei Hinsicht, zunächst einmal aus einem ganz praktischen Grund: Damit wir sehen, was wir tun. 5. ZUSPIELUNG Perfahl 2:40 „Wir haben ja jetzt ganz tolles, künstliches Licht, aber vor ein paar hundert Jahren hatten wir funzelige Kerzen gehabt und dort seine Arbeit verrichtet. Aber wir brauchen natürlich als Menschen auch Licht zur Steuerung unserer Körperfunktionen, Tag-Nacht-Rhythmus, Vitamin D-Bildung und solche Dinge, also wir brauchen Licht, um gesund zu bleiben. Und jetzt kann man in die Natur rausgehen, da hat man dann die Sonne, hat das Licht, aber man wollte schon relativ früh, im Grunde in dem Moment, wo man sich Häuser gebaut hat, das Licht möglichst auch drin haben.“ ERZÄHLER Doch der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt: Fenster, die diese Funktion erfüllen, gibt es menschheitsgeschichtlich gesehen noch gar nicht so lange. Musik 4: Mystique – 35 sek ERZÄHLERIN Als sich vor 10-12.000 Jahren erste Gemeinschaften an einem Ort niederließen und begannen, Häuser aus Stein zu bauen, war das noch eine finstere Angelegenheit. Denn Fenster besaßen diese ersten Häuser noch nicht. Maximal hatte man kleine Löcher in der Wand oder im Dach, um den Rauch des Feuers entweichen lassen zu können, an dem man sich wärmte und Essen kochte. Unpraktische Nebenwirkung: Auch kalte Luft und Feuchtigkeit drangen durch die Löcher ungehindert ins Innere. Musik aus ERZÄHLER Später behalf man sich mit in Öl getauchten Tierhäuten, die man vor die Lüftungsschlitze hängte. So wurden Wind und Regen abgewehrt und es schimmerte zumindest eine Ahnung von Licht hindurch. In Gebrauch kamen außerdem Holzläden vor den Maueröffnungen, die man öffnen und schließen konnte. Die Wohnpsychologin Barbara Perfahl: 6. ZUSPIELUNG Perfahl 5:59 „Wir brauchen … ein Territorium, das uns gehört, wo keine Fremden reinkommen können, wo wir auch aber Schutz vor Einblicken zum Beispiel haben, also Privatsphäre gehört da ja auch dazu. Das heißt Fenster wären vor dem Sicherheitsaspekt betrachtet, eigentlich kleiner, besser: Je kleiner, desto weniger kann man reingucken.“ Musik 5: Historic Secrets (b) - 44 Sek ERZÄHLERIN Im meist heißen und trockenen Ägypten rund 1100 Jahre vor Christus wollte man sich vor allem vor der sengenden Hitze der Sonne schützen. Die Häuser der alten Ägypter muss man sich als einfache rechteckige Kästen vorstellen, erbaut aus Lehmziegeln. Der Wohnbereich, in dem man sich meistens aufhielt, befand sich ganz im Inneren des Hauses, umringt von kleineren Kammern. Man versuchte dadurch, die Hitze von draußen mit mehreren Mauern abzuschirmen. Diese Häuser nennt man auch Schneckenhäuser. Sie öffneten sich für gewöhnlich auf einen Hof, der oft überdacht war und auf dem man die meisten Arbeiten verrichtete. Musik aus ERZÄHLER Zur Belüftung des Hauses dienten Schlitzfenster. Sie befanden sich ganz oben in den Räumen auf der sonnenabgewandten Seite. Ebenso wie die Eingangstüren, die sich in der Regel nach Norden öffneten, um den kühlenden Nordwind einzulassen. Vor den Schlitzfenstern wurden zum Teil auch Vorhänge aus Papyrus befestigt. Diese sollten ebenfalls vor der Sonneneinstrahlung schützen. Auch dünn geschliffene Scheiben aus Alabaster sind verbürgt. Alabaster, eine Art Gips, wirkt aufgrund seiner weißen Farbe und seiner transparenten Beschaffenheit ähnlich wie Milchglas. Im Inneren der Häuser herrschte also Dämmerlicht. Auch reich verzierte Fenstergitter aus Sandstein, die man zum Schutz der Privatsphäre anbrachte, verdunkelten die Räume. Weil sich die Häuser trotzdem im Laufe des Tages aufheizten, bespritzten die Menschen ihre Böden mit Wasser, das in Krügen dafür bereitstand. Die Verdunstung sorgte für ein wenig Kühlung. Abkühlung suchten auch die alten Römer in der Antike. Wie sie lebten, interessierte schon den Universalgelehrten Johann Wolfgang von Goethe: Musik 6: Dr. Mabus – 1:05 Minuten ZITATOR (Goethe) Neapel, den 13. März 1787 Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres. ERZÄHLERIN Goethe auf seiner Italienischen Reise nach dem Besuch der antiken Stadt Pompeij am Golf von Neapel. Sie wurde 79 vor Christus nach dem Ausbruch des Vesuvs verschüttet und blieb unter der Vulkanasche großenteils erhalten. Pompeji ist also ein Glücksfall für Archäologen. Die Stadt bietet einen Einblick in den Alltag und die Wohnverhältnisse der Menschen damals. Goethe war fasziniert: ZITATOR (Goethe) Pompeji setzt jedermann wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straßen, obgleich grade und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Häuser ohne Fenster, aus den Höfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Türen erleuchtet. ERZÄHLER Nicht alle Häuser der alten Römer waren fensterlos. Insbesondere die Häuser wohlhabender Bewohner hatten Fenster zum Garten oder zum Hof hin, noch ohne Verglasung allerdings. Viele Häuser erhielten ihr Licht von oben, durch eine Dachöffnung. Die großen Stadthäuser besaßen aber auch Fenster zur Straße. Straßenatmo/Stimmengewirr/Wagengeräusche ERZÄHLERIN Die Stadt Rom war zur Kaiserzeit eine pulsierende Metropole mit über einer Million Einwohnern und aufgrund des steten Zuzugs bald hoffnungslos übervölkert. Die meisten Menschen lebten in winzigen Wohnungen oder Zimmern in mehrstöckigen Häuserblocks. Darin war es stickig und beengt, wie der Dichter Martial im 1. Jahrhundert nach Christus in etlichen Epigrammen beklagte. ZITATOR Martial „Ich lebe in einer kleinen Zelle, mit nur einem Fenster, das nicht einmal richtig passt. Boreas selbst, der Nordwind, möchte hier nicht hausen.“ ERZÄHLER Das Leben spielte sich großenteils vor der Haustür ab, in Geschäften, Lokalen und öffentlichen Bädern. Nach Hause kamen die Römer vor allem zum Schlafen. Der Lärm, der von der Straße an die Fenster drang, muss beträchtlich gewesen sein: Wagen rumpelten über das Pflaster, Menschenmassen drängten sich durch die Gassen, Händler priesen ihre Ware an, Viehtreiber brüllten und Lehrer unterrichteten im Freien lautstark ihre Schüler. Ruhe in der Stadt zu finden – ein Ding der Unmöglichkeit, urteilte der römische Satirenschreiber Juvenal: ZITATOR Juvenal „Fragst du, woran hier die Mehrzahl dahinstirbt? Mangel des Schlafes Ist’s; denn welche gemiethete Wohnung lässt hier die Ruh zu? Nur der Reiche und Vornehme kann des Schlafes sich freuen; Das ist die Quelle der Krankheit; das Rasseln der Karren und Wagen In dem engen Gewirre der Gassen, das Fluchen und Schimpfen, das der Fuhrmann erhebt, wenn sein Vieh muss stehen.“ Straßenatmos weg + Fenster zu + Atmo Regen prasselt gegen Fenster ERZÄHLERIN Lärmreduzierendes Fensterglas entwickelten die Römer kurz nach Christi Geburt. Eine bahnbrechende Erfindung: Dank Glasscheibe können nun Wind und Wetter nach draußen verbannt werden, während das Licht ins Gebäude gelassen wird. Das Fensterglas kommt gerade rechtzeitig für die Eroberungsfeldzüge der Römer über die Alpen in den kühleren Norden. Nur dank Glasfenstern waren auch andere zivilisatorische Exporte der Römer in kältere Regionen überhaupt sinnvoll nutzbar – beispielsweise Fußbodenheizungen oder Thermen. Atmo Therme + Wassergeplätscher… ERZÄHLER Hier, in ihren Badeanlagen, setzten die Römer wohl ihre ersten Glasfenster ein. Und zwar nach Süd-Westen ausgerichtet, so dass die Becken zu den Badezeiten zwischen Mittag und Abend die volle Sonne abbekamen und sich die Räume dadurch aufheizen konnten. Eines der ältesten erhaltenen verglasten Fenster stammt aus der Forumstherme in Pompeji: Eine etwa handtellergroße runde Scheibe in einem Bronzerahmen. ERZÄHLERIN Fensterglas, das noch über viele Jahrhunderte ein Luxusgut war, wurde nur in öffentlichen Gebäuden und in den Palästen der Reichen eingebaut. Die frühen Fensterscheiben muss man sich auch noch recht klein vorstellen, sie maßen in der Regel höchstens 20 mal 30 Zentimeter. Außerdem war das Glas matt, uneben und noch lange nicht so durchsichtig, wie wir es heute kennen. Hergestellt wurde es aus einer Mischung von Buchenholzasche und Sand, die man bei rund 1500 Grad Celsius miteinander verschmolz. Vermutlich wurde dieses frühe Fensterglas geblasen, aus der Glaskugel ein Zylinder geformt, welcher schließlich geteilt und ausgerollt wurde. Die Reste wurden wieder eingeschmolzen. Ein äußerst aufwändiger Prozess. Musik 7: Virgo Virginum – 41 Sek ERZÄHLER Aus der Not des kleinen Formats machte man in der Gotik, also ab Mitte des 13. Jahrhunderts, eine Tugend. Man färbte das Glas bunt – unter anderem unter Beifügung von geringen Mengen Gold und Chrom – und setzte es mittels Bleifassungen zu Bildern zusammen. In den gotischen Kathedralen prangen seither prächtige, vielfarbige Glasfenster. Eines der größten ziert die Kathedrale von Metz: Es misst 6.500 Quadratmeter, ist also fast so groß wie ein Fußballfeld, und zeigt unter anderem verschiedene Marienbildnisse. Atmo – Tür knarzt – Archiv 7. ZUSPIELUNG 1.20 Thomas Wenderoth „Hier stehen wir in einem unserer Haupträume. Sie sehen, wenn Sie jetzt um sich schauen, auf der rechten Seite eben eine große Anzahl von Fenstern…Die kommen aus dem gesamten bayerischen Bereich.“ ERZÄHLERIN Der Denkmalschützer Dr. Thomas Wenderoth, Fachreferent für Bautechnik am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, überblickt eine Sammlung von rund 200 historischen Fenstern, verstaut unter dem Dach des ehemaligen Klosters Thierhaupten. Sie alle haben einen hölzernen Rahmen, die meisten besitzen Glasscheiben, viele davon mehrmals unterteilt. Auch Butzenscheiben sind dabei sowie runde oder sechseckige Fensterscheiben. ERZÄHLER Das älteste Fenster im Fundus stammt aus einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert – ein übermannsgroßer klobiger Holzrahmen, oben gerundet – und ohne Fensterglas. Ein derart altes Fenster ist eine Rarität, die meisten Fenster aus der Zeit wurden entsorgt. Denn im 15. Jahrhundert führte ein Innovationsschub in der Glasproduktion dazu, dass Glas erschwinglicher wurde. Und mit der Verfügbarkeit stiegen die Ansprüche. Man brach größere Öffnungen in die Fassaden, die alten glaslosen oder kleinen Fenster wurden ersetzt und verschwanden meist spurlos. 8. ZUSPIELUNG 3.26 Thomas Wenderoth „Also man kann rundweg sagen: Ab 1500 ist das Glas allgemein gebräuchlich - egal, ob wir jetzt eine ländliche, bäuerliche Situation haben oder einen herrschaftlichen Bau, und je nach Gattung und Geldbeutel des Bauherrn finden wir natürlich früher Glasfenster und bei ärmeren Personenkreisen eben später.“ Musik 8: Gespenstische Nacht – 51 Sek ERZÄHLERIN Bis 1500 besaßen die meisten Wohnhäuser hierzulande also keine Glasfenster, sondern Wandöffnungen, die mit hölzernen Fensterläden, Leder oder Tüchern verschlossen wurden. Diese Fenster dienten vor allem der Lüftung. Das war wohl auch nötig, schließlich lebten Mensch und Vieh über viele Jahrhunderte unter einem Dach, wie die Archäologin Imma Kilian in der „Geschichte des Wohnens“ schreibt: ZITATORIN „Stallgeruch, Essensdämpfe, Rauch, Kälte, Dunkelheit und Enge waren tägliche, gemeinsame Erfahrungen, die alle Hofbewohner verbunden haben, die aber auch zu Gereiztheit und Streit geführt haben werden.“ ERZÄHLER Die Lüftungsfunktion lässt sich übrigens noch am englischen Wort für Fenster ablesen: Window. Es setzt sich aus „wind“ und dem altenglischen Wort für „eye“ zusammen, zu Deutsch Windauge. Unsere Vorfahren hatten die Wahl: Licht oder Wärme in der Stube. Thomas Wenderoth 9. ZUSPIELUNG Wenderoth 7:45 „Das was sicher nicht komfortabel. Aber wenn man es nicht anders gewohnt ist und weiß, im Winter ist es kalt, und im Winter ist es eben nicht nur kalt draußen, sondern auch in meinem Haus nicht warm - man kannte es dann auch nicht anders.“ ERZÄHLERIN Das Leben der Menschen im Mittelalter richtete sich vor allem nach der Natur, dem Lauf der Jahreszeiten, dem Sonnenauf- und -untergang. Es spielte sich überwiegend im Freien ab. Wohnpsychologin Barbara Perfahl: 10. ZUSPIELUNG 15:21 „Man hat ja auch das Draußen suchen müssen, um arbeiten zu können, weil man ja für ganz viele Arbeiten einfach Licht braucht, ne. Dann ist man eben bei fast jeder Witterung auch draußen gewesen. Und in den Wintermonaten waren halt bestimmte Arbeiten aber auch nicht möglich. Also wenn Sie an die Landwirtschaft denken, bäuerliches Leben, das hat sich natürlich in der hellen Jahreszeit abgespielt, und in den finsteren Monaten ist man dann aber drinnen gewesen und hat sozusagen das, was man sich erwirtschaftet hat, verarbeitet.“ ERZÄHLER Im Laufe der Jahrhunderte verbesserte sich die Glasqualität zusehends – die Produktion wurde industrialisiert, Glas immer transparenter, und technische Fortschritte erlaubten, immer größere Scheiben herzustellen. Dennoch blieben Fenster eine Geldfrage. Wer betucht war, setzte auf große Fenster für seine Repräsentationsräume. Sie dienten auch dazu, nach außen hin zu zeigen, wer man war. In einigen Ländern Europas führten die Herrschenden Ende des 17. Jahrhunderts eine Fenstersteuer ein – sie hatte angeblich zur Folge, dass Hausbesitzer zum Teil Fenster zumauerten oder möglichst fensterarme Häuser bauten, um weniger Abgaben zahlen zu müssen. Andererseits suchten sich reiche Familien gegenseitig zu übertrumpfen, indem sie ihre Häuser mit möglichst vielen Fenstern versahen. Musik 9: Georgiana – 47 Sek ERZÄHLERIN Fenster entwickelten sich zu einem prägenden Gestaltungselement in der Architektur. Sie dienten dazu, Fassaden und Innenräume zu gliedern. Man setzte zur Unterteilung der Scheiben beispielsweise Sprossenfenster ein. Was ursprünglich einmal dazu gedient hatte, kleine und damit günstigere Scheiben zu einer großen Glasfläche zusammenzusetzen, hatte später rein ästhetische Gründe. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte man das sogenannte Winterfenster – eine zusätzliche Scheibe, die man in der kalten Jahreszeit mithilfe von Haken in die Fensterrahmen einfügte. Thomas Wenderoth: 11. ZUSPIELUNG Wenderoth 16:43 „Beim Einfachfenster mit einer einfachen Scheibe, da hat man im Winter Kondensat, und wenn es sehr kalt wird, eben dann die sogenannten Eisblumen am Fenster, weil das Kondensat, das sich auf der Scheibe sammelt, eben dann gefriert. …Und es war auch unseren Vorfahren schon ganz schnell deutlich und klar, dass, wenn ich eine zweite Fenster-Ebene einbaue, ich so ein Pufferraum bekomme zwischen diesen zwei Fensterebenen und eben die Innenseite meines Fensters dann nicht mehr null Grad hat, sondern dann doch plus fünf, sechs Grad und ich damit wenig Schwitzwasser habe und vor allen Dingen auch keine Eisblumen.“ ERZÄHLER Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es einen weiteren großen Sprung in der Technik der Flachglasproduktion. Ein neuartiges Verfahren erlaubte die Herstellung gleichmäßiger, hauchdünner und vollkommen transparenter Glasplatten. Damit handelte man sich allerdings wieder einen Nachteil ein: Die glasklaren Scheiben gewährten auch Einblicke von draußen, gegen die man sich wiederum mit Gardinen, Rollläden oder Fensterläden schützte. Atmo Fenster öffnen Musik 10: Belises et ses amants – siehe M1 – 1:00 Minute ZITATOR „Sie besprachen, wie man Licht ins Rathaus hineinschaffen konnte. Erst nach dem fünften Glas Bier sagte der Hufschmied nachdenklich: „Wir sollten das Licht wie Wasser hineintragen!“ „Hurra!“, riefen alle begeistert. Am nächsten Tag schaufelten die Schildbürger den Sonnenschein in Eimer und Kessel, Kannen und Töpfe. Andre hielten Kartoffelsäcke ins Sonnenlicht, banden dann die Säcke schnell zu und schleppten sie ins Rathaus. Dort banden sie die Säcke auf, schütteten das Licht ins Dunkel und rannten wieder auf den Markt hinaus, wo sie die leeren Säcke wieder vollschaufelten. So machten sie es bis zum Sonnenuntergang. Aber im Rathaus war es noch dunkel wie am Tag zuvor. Da liefen alle traurig wieder ins Freie.“ ATMO Fenster schließen + Fenster putzen ERZÄHLERIN Der Schildbürgerstreich und der Blick auf die Geschichte der Fenster zeigen: Gäbe es keine Fenster – man müsste sie erfinden.

  15. Dario Fo - der Harlekin im Welttheater

    04.03.2025 · 21 Min.

    Dario Fo: Ein Narr, ein Komödiant, ein Schelm wollte er sein. Er selbst sah sich wohl am liebsten in der Rolle seines Lebens, die er sich auf den Leib geschrieben hatte: die des Harlekins, des Gauklers. Von Martin Trauner (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Xenia Tiling, Burchard Dabinnus, Friedrich Schloffer Technik: Josuel Theegarten Redaktion: Petra Herrmann-Boeck Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN

  16. Die Politik der Landkarten - Über Macht und Größenverhältnisse

    04.03.2025 · 24 Min.

    Landkarten - Bilden sie unsere Welt ab? Oder gestalten sie sie? Karten sind nützlich, aber limitiert. Ihre Entstehung ist Ausdruck von Macht, Geld und Zugang zu Bildung. Deswegen ist es sinnvoll zu wissen, welche Geschichte hinter Karten steckt - und welches Potential. Von Julia Fritzsche (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Julia Fritzsche Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling Technik: Anja Beusterien Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Boris Michel, Institut für Geowissenschaften und Geographie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Dr. Katrin Singer, Arbeitsgruppe Kritische Geographien globaler Ungleichheiten, Universität Hamburg Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Längen- und Breitengrade - Die Vermessung der Welt JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Kollektiv Orangotango (Hg.), „This is not an Atlas“. Ute Schneider, „Die Macht der Karten- Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute“. Finn Dammann, Boris Michel (Hg.), „Handbuch Kritisches Kartieren“. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

  17. Wildnis als Kulturgut - Der Trend des Unberührten

    03.03.2025 · 22 Min.

    Stets stand Wildnis im Gegensatz zu Kultur und Zivilisation: Kultur war dort, wo die Wildnis überwunden war. Das Wilde galt als chaotisch, gefährlich, bedrohlich. Heute hat Wildnis wieder Hochkonjunktur. Von Geseko von Lüpke (BR 2015) Credits Autor dieser Folge: Geseko von Lüpke Regie: Irene Schuck Es sprachen: Christian Baumann, Katja Amberger, Carsten Fabian Technik: Andreas Lucke Redaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Zivilisation!: Straßen, Telefonmasten und vorbeiflitzende Autos, Werbeplakate und Radiogeplärre, Handyklingeln, Hochhäuser, Leitplanken. Planung und Kontrolle. Berge von Daten, die sich aus Medien und Computern im Sekundentakt über uns ergießen, schlagende Bässe aus Lautsprecheranlagen, das Röhren tief fliegender Passagier-Jets, das Jaulen einer Polizeisirene. Überall Geräusche, Worte, Zeichen und Symbole. ATMO 2: (brechende Wellen, Urwald-Geräusche, Wolfgeheul, Nacht im Wald) Musik Michael Riessler – Episode 2 SPRECHERIN Wildnis!: Geräusche von ewig rollenden Wellenbergen, Wind in den Bäumen, Klänge der Nacht im Wald, das archaische Bellen des Rehbocks, der Ruf des Käuzchens. Der Geist nimmt in tiefen Zügen ein Orchester von Eindrücken, von Kräften und Systemen wahr und in sich auf: Sterben und Wiedergeburt rundherum, ein Versprechen von Überraschung, vom Einbruch des Unerwartetem. Empfindungen, die sich den Worten entziehen und eher mit musikalischen Metaphern zu begreifen sind: unhörbare Orchester, in denen alles irgendwie 'richtig' klingt. Töne, die in unserer Psyche widerklingen. Musik aus SPRECHERIN Wir stehen der Natur gegenüber. Und sind selbst aus Natur gemacht. Das Verhältnis des Menschen zur Wildnis ist zutiefst ambivalent, von Widersprüchen durchzogen. Voller Romantik und Heiligkeit einerseits, geprägt von Angst und Furcht andererseits, verwoben mit allen Phasen der menschlichen Kulturgeschichte: Vom Jäger und Sammler, zum Ackerbauern und Hirten, Landnehmer und Kolonisatoren, bis zum modernen Menschen, der sehnsüchtig auf eine vergangene wilde Welt schaut und in den Ferien in die ‚letzten Paradiese‘ fliegt. Der inzwischen verstorbene Biologe, Ethiker und Philosoph Günther Altner hat diesen Zwiespalt so ausgedrückt: ZUSPIELUNG Wort 1 (101) Der Mensch lebt in, mit und gegen die Natur und er ist selber auch Natur. Im Wissen auf diese vielfältigen Züge gibt es natürlich verschiedene Verhältnisse, die gestaltet werden können. Es gibt die Möglichkeit eines möglichen Einklangs, eines möglichen Miteinanderlaufens von natürlicher Regenerativität und menschlichen Nutzungsinteressen. Es gibt die Einstellung der Naturvergessenheit, wo wir aus der Kurzfristigkeit menschlicher Nutzungsinteressen der Natur zu viel zumuten. Das wäre also gegenüber dem symbiontischen System gewissermaßen das ausbeuterische System. Und dazwischen liegen natürlich noch sehr verschiedene andere Varianten. Musik Boscaglia SPRECHER Wildnis hat Hochkonjunktur. Während die letzten Grünflächen versiegelt werden und Google Earth die verborgendsten Landschaften auf den heimischen Bildschirm zaubert, ist ‚die Wildnis‘ längst zur Ware geworden. Treckingläden bieten hoch technisierte Ausrüstung an, Sachbücher thematisieren ‚Wolfsfrauen‘ und ‚wilde Männer‘, Romane erzählen Geschichten auf den Spuren von Robinson und Winnetou. Und auf die letzten scheinbar unberührten Flecken zwischen Nord- und Südpol hat für die ganz Mutigen ein Wettlauf der Touristikunternehmen eingesetzt: Zahllose Urlaubsprospekte bieten Wildnistrips und Abenteuerreisen ‚in die letzten Paradiese‘ an. SPRECHERIN Dabei gibt es diese ‚letzten Paradiese‘ eigentlich gar nicht mehr. Musik aus Nicht nur ist alles vermessen, sind alle Bodenschätze kartografiert, nahezu alle Kulturen, Pflanzen und Tiere entdeckt und benannt - das einstmals Unbekannte ist jedem verfügbar. ‚Wildnis‘ als das ‚Unberührte‘, ‚Ursprüngliche‘ ist auch nur noch in unseren Köpfen existent. Seit das Pflanzenschutzmittel DDT auch im pazifischen Tahiti Spuren hinterlassen hat und der Gummiabrieb unser Autoreifen, erfasst von Winden, wie ein feiner schwarzer Schnee über Grönland herabrieselt und in Folge mitverantwortlich dafür ist, dass der Eisschild schmilzt, ist die Zivilisation und ihre Hinterlassenschaft überall präsent. Ursprüngliche Wildnis gibt es nicht mehr, sagt Sabine Hofmeister, Professorin für Umweltplanung an der Universität Lüneburg. Sie spricht von der ‚Zweiten Wildnis‘: ZUSPIELUNG Wort 2 IIB010) Wir sind inzwischen soweit, dass wir das Klima verändert haben und damit quasi global Natur mitgestalten. Und wir haben Stoffe in die Natur entlassen, die auch an jedem Ort der Welt und in jedem Organismus wiederzufinden sind. Wir glauben, die Natur gebändigt und domestiziert zu haben und genau das Gegenteil passiert. In allem was wir tun, stellen wir zum einen das Produkt her, was wir herstellen wollen. Indem wir Zahnpasta produzieren, produzieren wir nicht nur Zahnpasta, sondern gleichzeitig Stoffe, die sich in Pinguinen einlagern. Oder wir verändern das Klima, indem wir Energie verbrauchen. Dieses Nebenprodukt wird zu etwas, was eben ganz ungebändigt uns wieder gegenübertritt. Aber jetzt nicht mehr als Wildnis der ersten Kategorie, sondern - ich habe es genannt – „die zweite Wildnis“, die Binnenwildnis, die längst drinnen ist, uns aber wie die erste erscheint. Und uns in Form von ökologischen Katastrophen gegenübertritt. Und diese Natur bildet eine Wildheit aus, die der ersten Kategorie in nichts nachsteht, die möglicherweise sogar an Schrecken sehr viel größer sein kann, weil sie eben so unverstanden ist. Musik Bill Laswell – Into the Void ATMO 3 (Donner, Starkregen, reißender Fluss) SPRECHER Es scheint tatsächlich so, als ob die moderne Zivilisation noch nicht verstanden hat, was sie tagtäglich erschafft. Als hätte sie vergessen, wie sie mit der Natur zusammenhängt. Als wären die kulturellen Schichten der Zivilisationsgeschichte noch nicht reflektiert. Als würde der Mensch, als angemaßter Beherrscher und Kontrolleur der wilden Natur, aus der er stammt, wie Goethes ‚Zauberlehrling‘, die Kräfte, die er rief, nicht wieder los. Musik aus Musik Argo‘s Voyage SPRECHERIN Um das Phänomen ‚Wildnis‘ zu verstehen und neu zu interpretieren, muss weit in die Kulturgeschichte zurückgegriffen werden. Vielleicht bis in die Anfänge des Menschseins, wo unsere Vorfahren in kleinen Lichtungen einer endlosen wilden Natur lebten, die sie mal als beschenkende, mal als grausam strenge Mutter verehrten. Wo sie mit der Wildnis um ihre Lebensgrundlage kämpften, die selbst ihre Lebensgrundlage war. Da war Natur nichts Besonderes und ‚Wildnis‘ als Kategorie, nicht vorhanden, weil sie überall war. Da war die Erde wie ein Mythos, wie eine größere Wahrheit, in der der Mensch lebte wie der Fötus in der Plazenta. Musik aus Der kanadische Medizinmann David Archie vom Stamm der Salish beschreibt die Sichtweise indigener Kulturen auf das ‚wilde Land‘: ZUSPIELUNG Wort 3 (1/14:40) Earth is our mother. If earth gives us, everything we need …. ENGL. O-TON MIT OVERVOICE Die Erde ist unsere Mutter. Und da sie uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen – Nahrung und Wasser und Luft und ein Zuhause – geht es in allem darum, die Mutter zu respektieren. Wenn wir in die Schwitzhütte gehen, schlüpfen wir zurück in den Bauch von Mutter Erde, um Verbindung mit ihr und dem Schöpfer aufzunehmen. Alles geschieht seit dem Anfang der Zeit in dieser Verbundenheit: Jagen, Fischen, Nahrung sammeln. Mutter Erde hält all das für uns bereit – und sorgt für unser Wohlergehen sowohl physisch wie auch spirituell! …. physically and spiritually. Musik Loss SPRECHER Aufgabe der Kultur war es in den frühen menschlichen Gesellschaften also, mit Ritualen und Zeremonien die Verbundenheit mit dem größeren Ganzen zu pflegen und zu erneuern. Die Welt war wild und groß und unbeherrschbar und der Mensch ein Teil von ihr. Die Spaltung zwischen Mensch und Wildnis begann wohl mit den ersten festen Siedlungen vor 7.000 Jahren. Aus den ersten bäuerlichen Inseln in der primären Wildnis wurden über die Jahrtausende der Zivilisation feste Dörfer und Städte. Wildnis wurde nach und nach in Agrarland umgeformt, der Abschied von der ‚ersten Wildnis‘ begann vor 4.000 Jahren und zog sich bis ins Mittelalter. Musik aus Musik Weg wart für Laute solo SPRECHERIN Mit Burgen, Stadt- und Klostermauern grenzten sich menschliche Gemeinschaften von der zunehmend als Bedrohung empfundenen Wildnis ab. Hier wohnten die nichtsesshaften ‚wilden Menschen‘ der Märchen und Sagen, die Vogelfreien, deren Mut und Authentizität in Geschichten zwar besungen wurden, vor denen man sich aber schützen musste, wie vor der unberechenbaren Natur. Musik aus Musik Regina coelorum für Männerstimmen Kontrolle durch Kolonisation lautete die Devise der sich ausbreitenden Zivilisation. Die Kirche spielte dabei eine wichtige Rolle und schuf ein Modell der Landnahme und Zerstörung von Wildnis, dass später auch die Eroberung der III. Welt prägte, so der Religionswissenschaftler Michael v. Brück. Musik aus ZUSPIELUNG Wort 4 (3/12:12) Die Benediktiner sind ja diejenigen, die das ‚ora et labora’ haben und die dann in ihrer reformierten Gestalt als Zisterzienser im gesamten Mittelalter nicht nur die Missionierung, sondern auch die Kultivierung Europas vorangetrieben haben. Also das, was dort Waldwildnis war, urbanisiert haben, bzw. zunächst mal gerodet haben, Felder bestellt haben und die ganzen Weiten Mitteleuropas Richtung Osten eigentlich urbar gemacht haben. Da ist ein Umbruch, da ist ein anderes Verhältnis zur Wildnis da, als wir es in der Frühzeit des Christentums hatten. SPRECHER In einem etwa 250 Jahre alten Lexikon der Frühaufklärung ist ‚Wildnis‘ als die Wohnstätte des Wildes definiert ... ZITATOR „Wohlanständige Sittsamkeit kann dort keine Wohnung aufschlagen“ SPRECHER ... Wildnis bezeichnet also das Amoralische, Gefahrvolle, Unbehauste, die Natur als Katastrophe, die es abzuwenden galt. Der bedrohlichen Wildnis stand die gefahrlose, heimische Kulturlandschaft gegenüber. Wildnis galt dem Klerus gar als sündig, als Wohnstätte des Teufels und wurde unter dem Schlagwort ‚opus contra naturam‘ dämonisiert – und weiter vernichtet. In der Aufklärung und beginnenden Industrialisierung entstehen anstelle der mitteleuropäischen Wälder kahle, gerodete Heidelandschaften. In der verwüsteten Landschaft wurden Parks und Gärten angelegt, Aufforstungsprogramme schufen die Grundlage für die heutigen Fichten und Kiefernwälder. Gezirkelte Gartenlandschaften unterstrichen den Anspruch absoluter Kontrolle. SPRECHERIN Das Bild, was ‚Wildnis‘ ist, veränderte sich über die Jahrhunderte also mehrfach. Aus einem Meer von Wildnis wurden kleine Inseln, die irgendwann zu Naturparks ernannt wurden. Aus einer tiefen Verbundenheit mit der unkontrollierbaren Welt verabschiedete sich die moderne Zivilisation: Die Spaltung zwischen Mensch und Natur, das Gefühl der Abtrennung vom Wilden wurde zur Basis der westlichen Kultur – die eben dort war, wo Wildnis überwunden, ausgegrenzt und erfolgreich besiegt worden war. Die Wildnis war das ‚Andere‘, das ‚Fremde‘, das ‚Triebhafte‘, das ‚Unfertige‘. Und das Ausgegrenzte sagt Rolf Haubl, Professor für Sozialpsychologie in Frankfurt …: ZUSPIELUNG Wort 5 (IIA 086) Dieses Ausgeschlossene oder Verdrängte erzeugt im Grunde genommen zwei gegenteilige Reaktionen: Die eine ist, es ausgeschlossen zu lassen und das Ausgeschlossene als bedrohlich zu empfinden. Aber gleichzeitig ist das, was ausgeschlossen ist, auch das, was fasziniert, was dazu führt, dass wir Sehnsüchte danach entwickeln, das Ausgeschlossene kennenzulernen. (II A 093) .... Dann denke ich, ist das Ausgeschlossene ein Stück weit die Auseinandersetzung mit der eigenen Natur, die sich widerspiegelt in der Art und Weise, wie wir mit äußerer Natur umgehen. Insofern wäre Auseinandersetzung mit dem Ausgeschlossenen, also der ‚inneren Wildnis‘ eine Voraussetzung dafür, mit der äußeren Wildnis mit größerer Akzeptanz umzugehen. SPRECHER Denn die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation hatte sich längst auch in den Bereich der psychischen Innenwelt des Menschen verlagert. Kultur bedeutete Affektkontrolle und Körperdisziplin. Sigmund Freud hat die innere Wildnis das „Es“ genannt und seine Kontrolle und Unterwerfung durch die Ordnungsmacht des ‚Ich‘ nicht zufällig mit Sinnbildern belegt, die aus dem Bereich der Flurbereinigung, Domestizierung, und Landnahme kommen. ZITATOR Es ist der dunkle unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit, den wir als Kessel brodelnder Erregungen erleben. Das ‚Es‘ ist ein Chaos, hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, kennt weder logisches Denken noch Moral. Es ist ein sumpfiges, morastiges Gebiet, das erst durch die Ich-Entwicklung überhaupt urbar wird.“ SPRECHER Der Philosoph und Zivilisationskritiker Norbert Elias bezeichnete den Menschen, der sich dann wider seiner Natur entwickelt, als ‚Homo Clausus‘: ein gegenüber der Umwelt abgeschlossener, in sich verschlossener Mensch, vorwiegend ein Mann, dem innere und äußere Natur gleichermaßen fremd geworden ist. Dieses Menschenbild vermischte sich in der europäischen Kulturgeschichte mit Charles Darwins Evolutionstheorie einer natürlichen Welt, in der sich nur der Stärkste durchsetzt. Musik John Zorn - Engano SPRECHERIN In der deutschen Geschichte des 20.Jahrhunderts floss dieses Denken in Hitlers Faschismus ein. Er glaubte an die „Herrschaft der grausamen Mutter Natur“ und strickte daraus eine Ideologie, in der die angeblich gnadenlosen Gesetze der Wildnis zum Vorbild für einen Kampf Aller gegen Alle wurden. Sieger in diesem Kampf war dann eine diktatorische Herrenrasse, die andere zu ‚Untermenschen‘ erklärte und mit scheinbar ‚natürlichen‘ Recht ihre Vernichtung anordnete. Mit dem Ende seines ‚1.000-jährigen Reiches‘ landete zwar der Faschismus auf dem Müllhaufen der Geschichte, nicht aber die Idee der gnadenlosen Wildnis, der Kontrolle über sie und die Idee der Beherrschung der Natur. Musik aus Musik Green Piece SPRECHER Eine veränderte Auseinandersetzung sollte erst in den 60er Jahren beginnen, als die junge Nachkriegsgeneration das alte Denken abschütteln wollte. Als die Lockerung der allgegenwärtigen Kontrolle zugunsten einer neuen Erlebnisfähigkeit einsetzte, bekam auch die ‚Wildnis‘ einen neuen Wert. Die globale Bedrohung durch die totale Naturbeherrschung führte zur weltweiten Ökologiebewegung und einer Neubewertung des ‚Wilden‘. Die Sehnsucht des naturfernen Menschen nach der elementaren Natur führte zu einer Wiederentdeckung der Urtümlichkeit der unzerstörten Wildheit als Grundlage des Menschseins. Die ‚unberührte Natur‘ wurde zum idealen Ort, zur heilen Utopie – in der menschlichen Psyche, wie in sozialen Bewegungen, sagt der Psychologe Rolf Haubl: Musik aus ZUSPIELUNG Wort 6 (IIA 210) Ich glaube, ein Stück auch der Fitness-Bewegung, aber auch ein Stück der Wilderness-Bewegung ist die Rückkehr zum Körper um die Erfahrung zu machen, dass in der Wildnis konkrete Handgriffe konkrete Folgen haben. Und ich dadurch eine Art neues Bewusstsein meiner eigenen Wirksamkeit erlebe. Und wenn man davon ausgeht, dass das Gefühl der eigenen Wirksamkeit eine ganz zentrale Grundlage für das Selbstwertgefühl ist, dann ist die Entwirklichung von Wirklichkeit auch etwas, was unser Selbstwertgefühl ankratzt. Und der Versuch, in Wildnis-Zusammenhängen die körperliche Kraft wieder als Ursache für Wirkungen zu spüren, ist etwas das darüber dann den Selbstwert wieder aufbaut. SPRECHER In den letzten 30 Jahren wurde ‚Wildnis‘ wieder gesellschaftsfähig. Abenteurer und Überlebenskünstler gelten als moderne Helden; die Tourismusindustrie lockt erfolgreich in die „letzten Paradiese“, eine ganze ‚Outdoor-Industrie‘ deckt die Bedürfnisse moderner Waldläufer, die Erlebnispädagogik preist den Wert der Wildnis für schulisches Lernen, soziale Therapien und Managementkurse nutzen die Wildnis für Persönlichkeitsentwicklung. Körpertherapien und moderne Psychologie entdecken die wilde Weisheit des Körpers als inneren Wert. Die Befreiung von naturfeindlichen zivilisatorischen Regeln wird zur sozialen Pflicht. Und sogar in Wissenschaft und Forschung bildet sich ein Weltbild aus, in der die Wildnis nicht länger als primitiver blutiger unmoralischer Ort des Kampfes ums Überleben gesehen wird, sondern als Modell für Selbstorganisation, Vernetzung, Kooperation und schöpferische Symbiose. Musik Katedra Botaniki SPRECHERIN Besonders in der modernen Ökologie ist die sich selbst überlassene Wildnis zum Modell dafür geworden, wie komplexe Ökosysteme funktionieren. Eben nicht nach den mechanistischen Gesetzen der klassischen Physik, wie man lange dachte, sondern eher nach den unberechenbaren Prozessen des Lebendigen, in denen alles ineinandergreift, sich alles gegenseitig beeinflusst, korrigiert, ausgleicht. Wer das übersieht, missversteht das Lebendige, untersucht es nach einer Ideologie des Toten und zerstört die Zusammenhänge, die er nicht versteht. SPRECHER Da ist Wildnis quasi zur Matrix eines kooperativen, systemischen und ökologischen Weltbildes geworden. Konsequenterweise muss die Wildnis aus dieser Sicht dann auch geschützt werden. Dahinter verbirgt sich ein Bewusstseinswandel von kulturhistorischen Ausmaßen: Nachdem sich die menschliche Kultur über Jahrtausende über die Abgrenzung von der Wildnis definierte, wird das Wilde heute zum schützenswerten Kulturgut. Statt den Menschen als einzigen Erschaffer und Bewahrer des „Guten, Reinen, Schönen" zu sehen und die Wildnis mit Chaos, Unordnung, Schrecken und Gewalt zu assoziieren, wird die Wildnis heute eher als ursprünglich, harmonisch, nachhaltig, vielfältig empfunden. Statt dem Menschen die Aufgabe zuzuschreiben, Gottes scheinbar unvollkommene Schöpfung erst noch zu veredeln, fordert die neue Würdigung der ungezähmten Natur eine neue Rolle des Menschen – die des wachen Beobachters und verantwortungsvollen Gärtners im Netzwerk des Lebens. Wildnis zu bewahren, ist in diesem Kontext ein kulturelles Ereignis, sagt Friedrich Sinner. Er war Direktor des Naturparks Bayerischer Wald: ZUSPIELUNG Wort 9 (IIIA368) Das ist eine von uns Menschen getroffene Entscheidung, die genauso Kultur beinhaltet wie die Entscheidung den Kölner Dom zu bauen, eine Sinfonie zu schreiben, ein fantastisches Gemälde zu malen, auszustellen, den Menschen zugänglich zu machen. Es ist eine kulturelle Tat, Nationalparke mit Wildnis zuzulassen. SPRECHERIN So ist – kurz vor ihrer endgültigen Zerstörung – die Wildnis neu entdeckt und als wertvolles Modell für Forschung und Erkenntnis verstanden worden. Das ändert nichts daran, dass der Mensch, der sich einst an die Wildnis anpassen musste, heute zum Herrn und Hüter über die verbliebenen wilden Gebiete geworden ist. Er – und nicht länger die Wildnis – ist zur prägenden Kraft des Planeten geworden. SPRECHER Der niederländische Nobelpreisträger Paul Crutzen hat das gegenwärtige irdische Zeitalter deshalb das ‚Anthropozän‘, das ‚menschlich gemachte Neue‘ genannt. Das kann bedrohlich klingen, wenn der Mensch die errungene Beherrschung über die Natur missbraucht, tut was er will und die neue große Verantwortung für die Schöpfung nicht begreift, warnt der Berliner Philosoph und Biologe Andreas Weber. Er sieht die Wiederentdeckung der Wildnis als Chance und Auftrag, Natur und Kultur auf eine neue, gereifte und weise Art zusammenzubringen und das ‚Anthropozän‘ als Chance zu nutzen: ZUSPIELUNG Wort 10 (4/4:22) Die Wiederentdeckung von Wildnis kann ja nur heißen, dass wir 'Wildnis' in unseren menschlichen Dingen wiedererkennen und wiederfinden. Dass wir sehen: Es gibt etwas Wildes im Menschen. Und das wir dadurch die Grenze zwischen dem Menschen und dem Anderen niederreißen. Das wäre eine Aufgabe für das Anthropozän. (7:22) Nämlich zu verstehen, dass die Wildheit nicht das Zügellose und das Hemmungslose ist, sondern ein abgestimmtes Netz von Beziehungen. Musik Katedra Botaniki Das sehen wir in Ökosystemen. So funktionieren die: Alle müssen etwas geben und dafür kann das Ganze gedeihen. Und das ist für mich ein Modell von Kultur. (11:15) Dann ist es auch ein Modell von gelingenden Beziehungen. Und dann ist es sogar das Modell von Liebe. (8:42) Also man könnte sagen: In der menschlichen Kultur müsste das 'Wilde' unsere schöpferische Aufgabe werden. Nur so können wir eine nachhaltige Welt gestalten. Weil wir nur so im Einklang mit der 'wirklichen Welt' bleiben.

  18. Das Rentier - Überlebenskünstler in der Arktis

    03.03.2025 · 24 Min.

    Sie prägen das Bild im äußersten Norden Skandinaviens. Die Tiere haben sich im Laufe der Evolution zu wahren Überlebenskünstlern in den extremen Bedingungen der Arktis entwickelt und sind Symbol für die enge Verbindung zwischen den samischen Ureinwohnern und der Natur. Von Andreas Pehl (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Andreas Pehl Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Andreas Neumann Technik: Wolfgang Lösch, Laura Picerno Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Gabriela Wagner (Chronobiologin und Rentierforscherin, Tromsø); Rune Normann (Archäologe, Alta); Henrik Gaup (Rentierbesitzer, Tromsø); Inga Ellen Gaup (Lehrerin Rentierwirtschaftsschule, Kautokeino) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Vielfraß - Unerschrockener Marder des Nordens JETZT ANHÖREN Der Ochse - Symbol der Güte und Beständigkeit JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 ATMO 775 Klassenzimmer mit Protagonisten SPRECHERIN Preiselbeerzweige, Birkenblätter, getrockneter Tang, Flechten und Moose liegen auf den Tischen im Klassenzimmer. Bestimmungsbücher werden herumgereicht, Pflanzennamen auf Samisch, Norwegisch und Lateinisch fliegen durch den Raum. 02 O-TON SCHÜLERIN Mari Kare 767b OVERVOICE SCHÜLERIN Mari Kare (schon vorhanden) Wir machen ein Herbarium mit 30 verschiedenen Pflanzen, die Rentiere fressen. Im Sommer fressen sie Kräuter und Flechten. Und Blätter fressen sie das ganze Jahr über. 04 ATMO Unterricht auf samisch SPRECHERIN In Kautokeino, ganz im Norden Norwegens, gibt es eine besondere Schule: die Schule für Rentierwirtschaft. Hier lernen Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren neben Mathematik und Englisch alles rund um ein Tier, das die Region prägt und perfekt an die arktischen Lebensbedingungen angepasst ist: das Rentier. Hier im Norden der skandinavischen Halbinsel leben die Rentiere halbwild. In großen Herden ziehen sie mit ihren Besitzern umher, die wie Mari Kare und Anders Inger meist der indigenen samischen Bevölkerung angehören. 05 O-TON SCHÜLER Anders Inger 759a OVERVOICE SCHÜLER Anders Inger (schon vorhanden) Man wächst mit den Rentieren auf. Du bist von Anfang an mit dabei, mit der Familie, die ganze Zeit, schon als kleines Baby. SPRECHERIN Im Sommer waren Mari Kare, Anders [Andasch] Inger und ihre Klassenkameradinnen in der Tundra und am Strand unterwegs, haben Pflanzen gesammelt und getrocknet. Jetzt geht es darum, sie zu sortieren und zu bestimmen. Lehrerin Inga Ellen Gaup [Gäüp] unterrichtet Rentier-Biologie, Unterrichtssprache ist Nordsamisch, die Sprache der Urbevölkerung hier in Nordskandinavien. 07 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 701 OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup Heute können wir nicht mehr davon ausgehen, dass die Jugendlichen schon in der Familie alles gelernt haben, was man über Rentierwirtschaft wissen muss. MUSIK „The return of the sun.”; ZEIT: 00:35 SPRECHERIN Die eleganten Tiere mit eindrucksvollem Geweih, kuschligem Fell in verschiedenen Grau- und Brauntönen und großen Rehaugen prägen durch ihre Beweidung die Kulturlandschaft der Finnmark. Seit vielen Jahrtausenden leben Menschen hier als Nomaden von und mit den Rentieren. MUSIK ENDE 08 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 724 OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup Das Rentier ist ein wichtiges Tier, das Menschen mit Essen und Kleidung versorgt und Gesellschaft leistet. Wir nutzen das Rentier auch als Zugtier. Dann kann man mit dem Rentierschlitten fahren, so wie der Weihnachtsmann. Solche Zugrentiere werden speziell gezähmt. SPRECHERIN Die Tiere sind perfekt an ein Leben in der Arktis und Subarktis angepasst – das macht sie auch für die Menschen hier so wertvoll. 09 O-TON Gabriela Wagner 807 (spricht deutsch, keine OV!) Das Gehirn ist darauf angelegt, das Allerbeste aus der Lichtinformation zu machen. Das Timing, die genaue zeitliche Verteilung, wann was passiert im Jahr, das steht im Zentrum von allem, was passiert. SPRECHERIN Gabriela Wagner ist Chronobiologin und arbeitet am Forschungsinstitut NIBIO in Tromsø [Trumsöh]. 10 O-TON Gabriela Wagner 814 Im Gehirn sitzt die biologische Uhr, die sagt: der Tag ist kürzer oder länger als gestern, jetzt müssen wir Fett anlegen, Winterfell wachsen lassen, bald das Geweih loswerden, mehr ruhen, bestimmte Pflanzen essen, viele Pilze, das Gehirn gibt Bescheid, was an den verschiedenen Körperstellen passieren muss. SPRECHERIN Gabriela Wagner forscht unter anderem zur inneren Uhr der Tiere, die mit der Mitternachtssonne im Sommer und der Polarnacht im Winter zurechtkommen muss und die körpereigenen Abläufe steuert. 11 O-TON Gabriela Wagner 816 In der Mitternachtssonne im Sommer und in der Dunkelheit im Winter sind die völlig arhythmisch. Die sind den ganzen Tag und die ganze Nacht aktiv, zumindest in ihrem Verhalten. Aber im Körper drin sind die ganzen physiologischen Vorgänge trotzdem an einem 24-Stunden-Zyklus orientiert. Und das können wir nicht. Da ist vielleicht ein großer Unterschied, dass die Rentiere Wiederkäuer sind. Eigentlich schaut es aus, als ob sie wach sind. Die Augen sind offen, sie können stehen, sie können liegen mit dem Kopf oben. Aber das Gehirn schläft in der Zeit. Und das können wir nicht. Wir können nicht im Büro sitzen und das Gehirn offline aufstellen. MUSIK ZE014880107 „Vårsøg“; ZEIT: 00:45 SPRECHERIN Doch es ist nicht nur das Gehirn, das bei den Rentieren bemerkenswert ist. Ihre Augen passen sich an den Wechsel von Mitternachtssonne und Polarnacht an: eine lichtreflektierende Schicht hinter der Netzhaut ist in der Lage, Struktur und Farbe zu verändern. Diese Umprogrammierung ermöglicht es den Tieren, im Winter auch bei Dunkelheit noch zu sehen, ohne im gleißenden Licht der Mitternachtssonne zu erblinden. Und dann ist da ja noch die Sache mit der Nase. MUSIK ENDE 12 O-TON Gabriela Wagner 809 Ein spannendes Ding ist die Nase. Rudolfs Nase, die berühmte. Die ist, innendrin zumindest, sehr, sehr rot. Die haben ein riesengroßes, kompliziertes Höhlensystem in der Nase drin. Das funktioniert ein bisschen wie eine Wärmepumpe in einem Haus. Wenn es sehr kalt ist, -20°C, wenn du ausatmest, dann weißt du die weiße Wolke, die da kommt, das ist die ganze Feuchtigkeit aus deinem Körper, die kondensiert in der Luft und weg ist. Wenn wir in sehr kaltem Wetter draußen sind, trocknen wir sehr schnell aus. Die Rentiere können in ihrer Nase die kalte Luft reinlassen, kühlen damit ihre Körperluft aus der Lunge ab. Und die Luft, die sie ausatmen, hat dann nur noch 2-3°. Die verlieren fast keine Feuchtigkeit. Und das, was sie einatmen, wird gleichzeitig aufgewärmt. Das ist eine fantastische Konstruktion. SPRECHERIN Auch das Fell ist besonders. Rentierhaare sind hohl, jedes Haar ist dadurch einzeln isoliert. Das garantiert, dass die Tiere nicht erfrieren, auch wenn das Thermometer deutlich unter -40° C rutscht. 13 O-TON Gabriela Wagner 811a Wenn du eine wärmesuchende Kamera aufstellst, die Rentiere wirst du fast nicht sehen. Die tauchen da nicht auf, weil die dermaßen gut isoliert sind. Man sieht eigentlich nur die Augen. Das Fell hat zwei Schichten: die untere Wolle und darüber die dickeren Schutzhaare. Das ist ein extrem guter Wasserschutz. SPRECHERIN Die Nahrung der Tiere: feinste Tundra-Kräuter und Gras, Flechten und Moose und ab und zu frischer, salziger Tang an den Fjorden. Das Herbarium, das die Schülerinnen in Kautokeino anlegen, macht deutlich, wie abwechslungsreich der Speisezettel der Tiere ist. 14 O-TON Gabriela Wagner 804 Rentiere brauchen eher zarte Pflanzen, die weniger Fasern haben. Es sind so ein bisschen Gourmets, die sich ganz genau aussuchen, was sie fressen. SPRECHERIN Die Tiere machen aus dieser Region eine riesige Kulturlandschaft und sorgen dafür, dass die weiten Heidelandschaften nicht verbuschen. Doch als großgewachsener Pflanzenfresser-Gourmet in einer Region zu überleben, in der der Boden rund sechs Monate im Jahr schneebedeckt ist – das fordert eine perfekte Anpassung an die Umwelt. 15 O-TON Gabriela Wagner 803 Die ganze Physiologie von den Rentieren handelt darum, Energie zu sparen und sich langsam zu bewegen, um das Allermeiste aus den Ressourcen zu machen, die sie zur Verfügung haben. Die müssen sie maximal ausnutzen: In erster Linie damit, indem man viel rumsteht und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. SPRECHERIN Selbst im arktischen Winter können die Tiere frisches Gras und Kräuter fressen: Sie benutzen ihre großen Klauen als Schneeschaufeln und graben sich durch den lockeren arktischen Schnee. Wenn die kräftigeren Rentier-Männchen mit ihren Hufen den Schnee weggescharrt haben, kommen die trächtigen Weibchen und jagen sie weg – sie brauchen das Futter dringender. Das funktioniert, weil die Männchen nach der Brunst im Herbst ihr Geweih verlieren, die Weibchen aber ihr Geweih bis nach der Geburt der Kälber im Frühling behalten – es garantiert Schutz und Status der Mütter. 17 ATMO Rentierherde SPRECHERIN Rund 200.000 Rentiere leben heute in der Finnmark, also im nördlichsten Landesteil Norwegens – nicht wild, sondern gut gehütet von ihren samischen Besitzern. 18 O-TON Gabriela Wagner 832 Niemand weiß so viel über Rentiere wie die Sami. Auch nicht wir Wissenschaftler. Und die haben auch dieses Gefühl, das holistische Verstehen. Die haben ein viel tieferes Verständnis dafür, wie ein Rentier funktioniert in Zeit und Raum. ATMO Gesang geht über in MUSIK ZE014880114 „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:37 SPRECHERIN Jedes Rentier, das in Nordnorwegen unterwegs ist, ist Teil einer privaten Herde, die oft aus mehreren hundert Tieren besteht. Die Tiere werden überwacht, vor Wölfen, Bären, Vielfraß und Adlern beschützt, markiert. Da sie sich in den Weidegebieten mit anderen Herden vermischen, müssen die Herden bei großen Rentierscheidungen im Herbst wieder aufwändig getrennt werden. Dazu werden große Rentierzäune gebaut. Eine dieser Herden gehört Henrik Gaup [Gäüp]. 19 O-TON Henrik Gaup 601 OVERVOICE Henrik Gaup Das ist keine Arbeit, kein Job, das ist ein Lebensstil. Das ist eine Identität. SPRECHERIN Henrik ist in zwei Welten zu Hause: als Rentierbesitzer in der Welt der samischen Ureinwohner, als Verwaltungsangestellter der Stadt Tromsø in der westlichen Welt. 20 O-TON Henrik Gaup 602 OVERVOICE Henrik Gaup Job, Arbeit – das ist der westliche Gedankengang. In der Rentierwirtschaft bist du ein Teil einer Symbiose von Natur, Bergen, Mensch, Tieren. Natürlich ist es Arbeit, aber nicht so, wie der moderne Westen Arbeit definiert. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:55 SPRECHERIN Wilde Rentierherden, die in anderen Regionen der Erde leben, sind regelmäßig mehrere tausend Kilometer pro Jahr unterwegs – soviel wie kein anderes Landsäugetier sonst. Hier in Norwegen sind die Wege nicht ganz so weit. Henrik hat seine Tiere zusammen mit den Herden seiner Brüder im Sommer in den Lyngenalpen nördlich von Tromsø. Den Winter verbringen die Tiere an der rund 400 Kilometer entfernten finnischen Grenze. Vier bis fünf Monate im Jahr sind die Rentiere mit Henriks Familie auf dem Weg zwischen den Weidegebieten. 22 ATMO Rentierherde im Wasser SPRECHERIN Manche Familien haben ihre angestammten Sommerweiden auf den vorgelagerten Inseln – die Tiere schwimmen dann durch Seen und Fjorde. Dabei wirkt ihr Fell wie eine Schwimmweste und verschafft Auftrieb. Die weit spreizbaren Hufe, die sie im Winter wie Schneeschuhe einsetzen, nutzen die Tiere beim Schwimmen dank einer Spannhaut wie Flossen. Mehrere Kilometer durchs Meer schwimmen ist für sie kein Problem. Die Besitzer ziehen mit ihnen und wohnen im Sommer an der Küste, im Winter in der inneren Finnmark. In der Rentierwirtschaft bestimmt nicht der Mensch, sondern die Tiere. Und die richten sich nach ihrer inneren Uhr, nach den klimatischen Bedingungen, die in jedem Jahr anders sein können. MUSIK ENDE 23 O-TON Henrik Gaup 605 OVERVOICE Henrik Gaup Da passiert die Kollision zwischen der westlichen Art zu denken, zu planen: Ja, Henrik, du musst ja planen. Den Plan kann ich schreiben, ein Dokument. Aber die Rentiere sind frei. Du kannst versuchen, sie zu kontrollieren, aber du musst dem Rentier folgen auf seiner Wanderung. SPRECHERIN Trotz Handy und GPS, Schnee Scooter und Quad, Hubschrauber und Drohnen haben sich in der Lebensweise der Menschen viele Abläufe seit Jahrhunderten erhalten, die eng mit dem Zug der Rentiere verbunden sind – von der in die Ohren der Tiere geschnittenen persönlichen Markierung bis hin zum saisonalen halbnomadischen Leben im Lavvu [Lahwú], dem traditionellen Zelt – oder im Wohnwagen. Auch die samische Sprache macht deutlich, wie sehr das Leben der Menschen hier von den Rentieren geprägt ist. ATMO Gesang 25 O-TON Rune Normann 903a OVERVOICE Rune Normann Gleich nach der Eiszeit, als das Eis hier geschmolzen ist und sich zurückgezogen hat, sind die Rentiere hinterher gezogen. Das bedeutet auch, dass die Menschen diesen Tieren gefolgt sind. SPRECHERIN Rune Normann [Rüne Nuhrman] ist Archäologe. Er hat sich auf steinzeitliche Felskunst spezialisiert und arbeitet im Museum in Alta. Die Felsritzungen von Alta, UNESCO-Welterbe, sind vor etwa 7.000 Jahren entstanden. Auf derzeit 120 bekannten Felsflächen sind rund 6.000 Figuren in den Stein geritzt. 26 O-TON Rune Normann 902-903b OVERVOICE Rune Normann Von diesen 6.000 Figuren sind 1.500 Rentiere. Das zeigt ja schon, dass das Rentier eine extrem wichtige Bedeutung für die Menschen hatte. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:26 SPRECHERIN Rentiere in unterschiedlichen Größen sind als Umrisse in den Felsen geschlagen, dazu Elche, Bären, Fische, Menschen – je nach Lichteinfall leicht zu erkennen, manchmal dauert es etwas länger, bis das Auge den Kontrast zwischen Felsen und Ritzung erkennt. Und bei manchen Feldern haben die Archäologen mit roter Farbe nachgeholfen. MUSIK ENDE 27 O-TON Rune Normann 904 OVERVOICE Rune Normann Links sehen wir eine Rentierherde und einen Mann mit Pfeil und Bogen. Der Köcher liegt neben ihm am Boden. Das bedeutet: Er hatte Zeit. Es ging nicht darum, auf Jagd zu gehen und zufällig auf ein Rentier zu treffen. Hier reden wir davon, zu einer bekannten Stätte zu gehen, wo du weißt: Hier kommt die Herde der wilden Rentiere vorbei. Ansitzjagd würden wir das heute nennen. SPRECHERIN Sie sind auch ein immerwährender Kalender aus der Steinzeit, eine Darstellung, wie sich die Rentiere im Laufe eines Jahres in der Landschaft bewegen. Risse und Unebenheiten wirken wie eine Landkarte mit Flüssen und Bergen; mittendrin: die Herden. Und dann gibt es eigenartige Ritzungen, mehrere Meter groß: eine Art Eisenbahnschienen, die in der Form vierblättriger Kleeblätter um eine Rentierherde herumführen. 29 O-TON Rune Normann 913 OVERVOICE Rune Normann Das ist ein 7.000 Jahre alter Rentierzaun. Man treibt die Tiere in diese Öffnung hier hinein, dann kann man das Ganze schließen. Die Herde beginnt im Kreis zu gehen. Das ist die natürliche Reaktion der Rentiere. Wenn sie mal im Kreis laufen, bleiben sie dabei. Und dann kannst du anfangen, einzelne Tiere von der Herde zu trennen. Die kommen in den anderen Bereich dieses Kleeblattes und fangen dort an, herumzugehen. Wenn du das viermal machst, dann hast du eine große Herde aufgeteilt in vier kleine Herden, die viel besser zu hantieren sind. SPRECHERIN Ganz ähnliche aufgebaute Zäune nutzen die Sami heute noch, wenn sie die Herden sammeln, Schlachttiere aussuchen oder die Kälber markieren. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:19 SPRECHERIN Ohne die Felskunst in Alta mit den rund 1.500 Rentieren wüssten wir nichts davon, wie die Menschen hier seit vielen tausend Jahren zusammen mit und von den Rentieren leben, wie die Tiere den Jahreslauf der Menschen bestimmen. MUSIK ENDE 31 O-TON Rune Normann 919b OVERVOICE Rune Normann Es wurde unter Archäologen spekuliert: haben sie damals schon versucht, auf Rentierwirtschaft mit zahmen Tieren umzustellen? Ist es ihnen in einem gewissen Grad sogar gelungen? Darüber können wir spekulieren. Auf jeden Fall wusste man sehr viel über das Verhalten der Rentiere, schon vor 7.000 Jahren und sicher noch länger. SPRECHERIN Rune Normann betont allerdings, dass die Menschen, die diese Felskunst geschaffen haben, keine direkten Vorfahren der Sami heute sind, trotz aller erkennbaren Parallelen. 32 O-TON Rune Normann 919a OVERVOICE Rune Normann Man muss hier oben von den Rentieren leben, wenn man ein Naturvolk ist. Aber das bedeutet nicht, dass es samisch ist oder norwegisch. Das bedeutet nur, dass die Menschen von der gleichen Natur gelebt haben. MUSIK „Vårsøg“; ZEIT: 00:18 SPRECHERIN Heute ist diese Natur und damit der jahrtausendealte Lebenskreis der Tiere in Gefahr. Der Klimawandel bringt große Veränderungen hier in der Arktis und Subarktis, beobachtet auch Gabriela Wagner. MUSIK ENDE 33 O-TON Gabriela Wagner 821 Das Wetter hat sich massiv verschoben. Wir haben viel nasseren und viel mehr Schnee. Das ist ungewöhnlich in der Arktis. Arktischer Schnee ist trocken und fast staubig. Und dafür sind die Rentiere eigentlich angepasst, diesen ganz trockenen leichten Schnee wegzugraben. Und das andere sind diese Rain-on-Snow-Events, heißt das in der Klimaforschung. Wir haben einen gefrorenen Boden oder Schnee, und dann regnet es rein und dann wird es wieder kalt und es friert. D.h., wir haben mehrere Eislagen in der Schneelage. Und das ist natürlich etwas, wo die Rentiere mit den Hornhufen nicht durchgraben können. D.h., dass die Rentiere, die eigentlich an den arktischen Winter angepasst sind, plötzlich im arktischen Winter verhungern. Und das ist jetzt das, was fast jedes Jahr passiert und in immer größerem Ausmaß. SPRECHERIN Die Besitzer müssen zufüttern, derzeit noch oft mit Pellets aus südamerikanischem Soja – das ist teuer und durchbricht den uralten Kreislauf in der empfindlichen arktischen Natur. Doch nicht nur der Klimawandel bedroht Rentiere und die traditionelle Rentierwirtschaft. Städtewachstum, der Ausbau der Infrastruktur und vor allem die Suche nach Bodenschätzen und die Errichtung von Windparks und Staudämmen, auch durch deutsche Energieunternehmen, zerstören Lebensraum und Weidegebiete, Stromleitungen werden zu unüberwindlichen Barrieren beim Zug der sensiblen Rentiere. 34 O-TON Gabriela Wagner 818 Rentiere können UV-Licht sehen. Das wissen wir erst seit ein paar Jahren. Es ist wahrscheinlich, dass die Stromleitungen für die Rentiere aussehen wie blitzende Lichter, die in der Landschaft hängen. Das andere ist: dort wo die Stromleitungen sind, wird die Vegetation runtergeschnitten. Die Rentiere sind gerade im Winter gewöhnt, dass sie durch den Wald gehen, wo sie geschützt sind. Allein die Tatsache, dass da keine Bäume sind, kann ein Hinderungsgrund sein. SPRECHERIN Wenn die Rentiere weniger werden, dann besteht auch die Gefahr, dass die Kulturlandschaft der Finnmark mit ihren weiten Heideflächen, die viel CO2 speichern können, verschwindet. Möglicherweise spielen die Rentiere auch für unser Klima eine wichtigere Rolle, als es zunächst scheint – doch derzeit gibt es dazu noch zu wenige Forschungsdaten. 35 ATMO 775 Klassenzimmer mit Protagonisten SPRECHERIN Auch wenn die Zukunft der Rentiere und der samischen Rentierwirtschaft derzeit nicht besonders rosig erscheint: Junge Menschen gibt es genug, die diese Traditionen weiterführen möchten – Karen Rita, Mari Kare und Nilsson an der Schule in Kautokeino gehören dazu. Nach der Schule chillen vor dem Bildschirm? Dafür ist nicht so viel Zeit. 36 O-TON SCHÜLERIN Mari Kare 771 OVERVOICE SCHÜLERIN Mari Kare (schon vorhanden) Heute fahre ich in das benachbarte Weidegebiet. Wir sind gerade fertig, die Kälber zu markieren. Und jetzt helfen wir mit und schauen auch, ob sich Tiere von uns in die andere Herde verlaufen haben. 38 O-TON SCHÜLERIN Karen Rita 772 OVERVOICE SCHÜLERIN Karen Rita (schon vorhanden) Ich zähme Kälber, weil ich Rentiere auch als Zugtiere haben möchte. Da werde ich heute Nachmittag hinfahren, sie füttern und mit ihnen unterwegs sein. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 01:02 SPRECHERIN Gabriela Wagner ist zuversichtlich, dass die Rentiere auch weiterhin ein Teil der großartigen Kulturlandschaft des Nordens bleiben und als Überlebenskünstler in der Arktis Touristen auf ihrer Reise ans Nordkap mitten auf der Straße im Weg stehen werden. 39 O-TON Gabriela Wagner 825 Bei all den Klimaänderungen und den Auswirkungen in der Wirtschaft, in der Landwirtschaft ist meine Hoffnung, dass die Rentiere sich über viele, viele tausend Jahre an sehr viele unterschiedliche Verhältnisse angepasst haben und das auch weiterhin tun werden. Darin liegt vielleicht auch unsere Hoffnung. Und wir müssen ihnen den Platz geben, den die Rentiere brauchen und den die Sami brauchen. MUSIK ENDE

  19. Eisschmelze - Verlorene Lebensräume für viele Tiere

    27.02.2025 · 22 Min.

    Der Klimawandel macht vielen Tieren in kalten Regionen schwer zu schaffen. Vielen Tieren in der Arktis oder in den Alpen schmilzt ihr Lebensraum unter den Pfoten beziehungsweise Flossen weg. Von Claudia Steiner (BR 2023) Credits: Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Thomas Birnstiel Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Walross - Dickhäutiger Koloss der Arktis JETZT ANHÖREN Kampf gegen Klimawandel - Warum tut sich der Mensch so schwer? JETZT ANHÖREN Klimawandel - Der Konfliktanheizer JETZT ANHÖREN Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Außerdem empfehlen wir einen lesenswerten Beitrag von ARDalpha: KLIMAWANDEL IN DEN ALPEN - Bergbewohner auf der Flucht nach oben JETZT LESEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

  20. Vom Comic ins Kino - Konjunktur der Superhelden

    27.02.2025 · 23 Min.

    DC und Marvel - das sind die US-Comic-Verlage, die seit 1939 die Bild-Geschichten von Superhelden wie Superman und Batman, Die Fantastischen Vier oder Spiderman veröffentlichen. Ob als Comic oder Film - die Abenteuer der "Über-Menschen" faszinieren bis heute ein junges Publikum. Von Markus Mayer Credits Autor dieser Folge: Markus Mayer Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Robert Dölle, Ditte Ferrigan, Christiane Klenz, Jay Rutledge Technik: Andreas Lucke Redaktion: Karin Becker, Katharina Hübel-Gohr Im Interview: Andreas Platthaus, Comic-Experte & Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: eat.READ.sleep - Bücher für dich Nach einer literarischen Vorspeise servieren Katharina Mahrenholtz, Daniel Kaiser und Jan Ehlert aktuelle Neuerscheinungen und Lieblingsbücher. Für die Bestseller-Challenge lesen sie sich durch die Titel der aktuellen Top Ten - kneifen gilt nicht, deutliche Meinung ist erwünscht! Beim Quiz können alle ihr Literatur-Wissen testen und Fun Facts für die nächste Party sammeln. Dazu gibt es Interviews mit Büchermenschen und Insights aus der Buchbranche. JETZT ENTDECKEN Linktipps: Marvels Superhelden. Götter unserer Zeit. April/Mai-Ausgabe der Schweizer Kulturzeitschrift Du. Nr. 927. Hg. V. Du Kulturmedien KAG, Bätzibuck 5, CH-8307. Anlässlich der Marvel-Ausstellung in Basel versammelt der Band aufschlussreiche Interviews, Analysen und Hintergrundberichte zum Thema Marvel und den Marvel-Superhelden. Mit zahlreichen, farbigen Abbildungen. Comics richtig lesen. Von Scott McCloud, illustriert von Scott McCloud. Carlsen-Verlag 2001. Der Comicautor und Comictheoretiker klärt in einem Comicstrip, also mit Comic-Bildern auf, wie die Kunstform Bildgeschichte funktioniert, was Seitenaufteilung und Panelgestaltung möglich machen und zur Erzählung beitragen. Standardwerk zum Medium Comic & Graphic Novel. Comic Welten. Geschichte und Struktur der neunten Kunst. Hg. V. Harald A. Havas & Gerhard Habarta. Edition Comic Forum Wien. Ausstellungskatalog 1993. Darin Kapitel 6, 7, & 8: Grossstadthelden: Superman, Grossstadthelden: Batman & Superwelten – Superhelden. S. 52 - 87. Launige, aufschlussreiche Abhandlung der Superhelden-Comics von DC und Marvel, leicht überholt, da die bahnbrechenden Verfilmungen von Marvel nach der Jahrtausendwende noch nicht berücksichtigt werden konnten. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator: It‘s A Bird? Zitatorin: It’s a Plane? Zitator & Zitatorin: It’s Superman! Sprecherin Im Juni 1938 erscheint das erste bunte Heftchen mit Superman auf dem Umschlag. 64 Seiten umfasst der Comicstrip, also die gezeichnete Bildfolge, mit Abenteuern des Superhelden. Superman heißt mit bürgerlichem Namen Clark Kent, aber eigentlich ist er ein Außerirdischer vom Planeten Krypton. Sprecher Nur 10 Cent kostet das Heft. Niemand ahnt, dass mit diesem ersten Heft der Reihe Action Comic, einem nicht besonders hochwertigen Druckerzeugnis, die Weltkarriere des ersten aller Superhelden beginnt. Sprecherin Endlich ist es Jerry Siegel und Joe Shuster, den Erfindern der Figur, gelungen, Superman, der im Alter von drei Jahren von seinem Heimatplaneten in einem Raumschiff auf die Erde geschickt wird, als Protagonisten einer Heftchenreihe unterzubringen. Jahrelang wird die Idee des menschengleichen Helden mit Superkräften von Zeitungen und Verlagen als pubertär und kindisch verworfen. MUSIK 2 ( Laurie Anderson: O Superman 0’57) SPRECHERIN Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg beginnt, erhält die Geschichte dieses Übermenschen, den sich die beiden Science-Fiction- Fans ausgedacht haben, eine weitere Bedeutung. Ein unbesiegbarer, unverwundbarer Superheld auf Seite der Vereinigten Staaten? Irgendwie beruhigend... Superman kann fliegen, er hat Superkräfte und Superpuste, außerdem kann er, wenn es sein muss, mit Röntgenblick Dinge sehen, die normalerweise verborgen sind. SPRECHER Während der Kriegsjahre werden Superman-Hefte zum beliebtesten Lesestoff der GI’s, der jungen amerikanischen Soldaten. 800 tausend Exemplare macht damals die Auflage der Action Comics aus - eine Heftchenreihe, in der neben anderen auch Superman-Abenteuer zu sehen sind. Hefte ausschließlich mit Geschichten des „Stählernen“, wie ihn Fans nennen, setzen mehr als eineinviertel Millionen ab. Hinzu kommen Superman-Comicstrips, die in über 250 Sonntagszeitungen abgedruckt werden. Während der Kriegsjahre gibt es zudem Superman-Radiosendungen und ab 1941 Zeichentrickfilme. MUSIK 3 (Alan Silvestri: Captain America Main Titles 0’56) SPRECHERIN 1941 erscheint im New Yorker Verlag Timely Publications, einem Vorläufer des Marvel-Verlags, eine weitere Heftchenreihe mit einem patriotischen Superhelden: Captain America. So nennt sich Steve Grant Rogers, ein fiktiver US-Amerikaner, der seinem Land als Soldat dienen will. Er wird ausgemustert, erhält aber in einem geheimen Experiment ein Serum, das zu physischen Höchstleistungen verhilft. Weil der Wissenschaftler, der das Serum entwickelt hat, von einem Nazi-Agenten ermordet wird, bleibt Rogers der einzige Superkämpfer. Fortan nennt er sich Captain America, erkennbar an seinem Kostüm und seinem Schild, das Teile der National-Flagge enthält. Captain America bekämpft Nazis, Saboteure und Spione. SPRECHER Der Journalist Andreas Platthaus von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ein ausgewiesener Comic-Experte, erklärt, wer die Macher dieser ersten Superhelden-Comics sind. ZSP Andreas Platthaus – Umfeld Das Umfeld der mittleren bis späten 30er Jahre, als die Superhelden entstanden sind, muss man sich vor allem sehr städtisch vorstellen und aus einer sehr, sehr armen Gegend stammend die meisten Leute, die damals tätig wurden, als Zeichner, als Szenaristen. Und es gab dabei durchaus einige Frauen, die in Hilfsjobs da tätig waren. Die kamen von ganz unten. Die kamen aus den relativen Elendsvierteln von europäischen Einwanderern, und dementsprechend fanden die in den Superhelden eine Art Kompensation für ihr eigenes Schicksal. MUSIK 4 (Sammy Timberg: Superman March 0’50) SPRECHER Wie viele Comickünstler der damaligen Zeit ist auch Superman Migrant. Schließlich kommt er ja vom Planeten Krypton, was es aber zu verbergen gilt, denn er will gleichberechtigt und integriert leben. Die Erfinder und Gestalter dieser Figur, häufig jüdische Migranten oder Kinder jüdischer Einwanderer, beschreiben hier in gewisser Weise ihr eigenes Schicksal anhand einer allmächtigen Heldenfigur, die ein Doppelleben führt. Sie scheinen mit der Figur des unverwundbaren Übermenschen den USA auch gleichsam den Rücken stärken zu wollen, schließlich befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg gegen demokratieverachtende Nazis und die Achsenmächte. ZSP Andreas Platthaus – Jüd. Künstler dominieren I. Dass etliche der Zeichner damals jüdisch waren, hat damit zu tun, dass sehr, sehr viele Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aus Europa gekommen waren. Die osteuropäischen Pogrome hatten zu einer Auswanderungswelle geführt und dabei waren sehr viele Leute vor allem aus ländlichen Regionen, aus Handwerkerberufen und so etwas nach Amerika gekommen, die aber dort nicht unbedingt sofort Anstellungen wieder fanden in den Bereichen, die sie kannten, weil sie in den Städten blieben. Und da gab es dann vor allem Industriejobs und ähnliches, damit ließ sich nicht viel Geld verdienen, und dementsprechend war das Comic-Geschäft eine Art Ausstiegsoption. Da konnte man mit künstlerischer Begabung, die natürlich etliche Leute davon besaßen, tatsächlich etwas machen. MUSIK 5 (The Chamber Orchestra Of London: First Mission 0’31) SPRECHERIN Ein Comic-Held wie der patriotische Captain America ist pure Propaganda. Erwartungsgemäß flaut nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg das Interesse an solchen, eindimensionalen Superhelden ab. Comichefte von Superman und Batman, die im New Yorker DC-Verlag erscheinen, bleiben aber weiterhin attraktiv, auch weil die Protagonisten höchst plausibel gestaltet sind. MUSIK 6 ( Prince: Batdance – Prince 0’36) SPRECHER 1939 veröffentlicht DC, die Abkürzung von Detective Comics, erstmals einen Band, in dem die Batman-Figur auftaucht. 1940 erhält der Fledermausmann eine eigene Heftchenreihe. SPRECHERIN Ausgedacht haben sich Batman der Autor Bill Finger und der Zeichner Bob Kane. Finger liebt sogenannte Pulp Fiction, Heftchenromane, die auf billigem, stark holzhaltigem Papier, im Amerikanischen Pulp genannt, gedruckt werden. In diesen Spannungsgeschichten ist der Held ähnlich wie Batman aus wohlhabendem Milieu - eine Figur, die es sich leisten kann, Detektiv zu spielen. Weil Szenarist Bill Finger zudem Expressionismus-Fan ist, spielen Batmans Abenteuer immer bei Nacht in einer dystopischen, düsteren Großstadt, einem anonymen Häusermeer, von Straßenschluchten durchzogen. SPRECHER Gotham City nennt Bill Finger diesen Ort, ein Synonym für Manhattan in New York. Finger erfindet auch Nebenfiguren wie den Commissioner James Gordon und Butler Alfred. Sie rufen oder unterstützen Batman alias Bruce Wayne, einen milliardenschweren Erben, der nach außen als Playboy auftritt. SPRECHERIN Bruce Wayne muss als Kind erleben, wie ein Gangster seine Eltern bei einem Raubüberfall erschießt, nachdem sie mit ihrem Sohn ein Kino besucht haben. Der verwaiste Junge schwört daraufhin Rache und wird zum Kämpfer für Gerechtigkeit. Bruce Wayne hat zwar keine Superkräfte, studiert aber Chemie, Kriminalistik, Mathematik und Physik und trainiert sich Kampfkünste an. Unter seiner Villa richtet er eine geräumige Höhle ein, die ein Labor und eine Garage für die Batmobile umfasst. SPRECHER Bruce Wayne, der die Stadt vom Verbrechen befreien will, inszeniert sich mit Kostüm und Maske als Fledermaus - ein Wesen, das lautlos durch die Nacht gleitet, - ein Regulator der Natur, der hilft, Schädlinge und Insekten zu reduzieren. MUSIK 7 ( Neal Paul Hefti: Batman 0’24) SPRECHERIN Comic Strips, gezeichnete Bildfolgen, sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das perfekte Medium, um die imaginären Abenteuer von Superman und Batman in Szene zu setzen. Denn: Filme, die bis dato hauptsächlich im Studio gedreht werden, können Handlungen, die im Weltraum oder in der Stratosphäre spielen, nicht überzeugend abbilden. Im gezeichneten Bild hingegen bereitet das keinerlei Probleme. Trotzdem verliert das Comic-Genre in den 50er Jahren an Popularität. Das hat zum Einen mit dem Fernsehen zu tun, das jetzt Einzug hält in die Haushalte und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es hat zum Anderen damit zu tun, dass Comics während der McCarthy-Ära als minderwertig eingestuft werden – sie seien, heißt es, gefährlicher Schund, der die Jugend verderbe. SPRECHER Die Comic-Produzenten formulieren jedenfalls, um das Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten, den sogenannten Comics-Code, ein selbstauferlegtes Regelwerk, dem sich die Branche unterwirft, eine Form der Selbstzensur. Nacktheit ist ab jetzt im Comic ebenso Tabu wie Drogenkonsum, Homosexualität, Scheidungen oder Flüche. Comic-Kenner Andreas Platthaus: ZSP Andreas Platthaus – Folgen der Krise der 50er I. gadgets Die Krise der 50er-Jahre (über den Comic Code) hat dazu geführt, dass bestimmte Geschichten nicht mehr so erzählt werden konnten, wie es vorher der Fall war. Es konnte nicht mehr so gewalttätig sein, es konnten auch beispielsweise keine Schurken mehr sterben, was vorher noch durchaus üblich gewesen ist. Und dementsprechend musste man andere interessante Dinge für eine jugendliche Leserschaft finden. Und da waren technische Gadgets natürlich sehr, sehr interessant. Plötzlich wurden die Superhelden viel aufwendiger ausgerüstet, als das vorher der Fall war, weil man mit solchen Sachen begeistern konnte. MUSIK 8 ( Anne Clark - Sleeper in Metropolis 0’24) SPRECHERIN Batman hat beispielsweise von Anfang an einen Gürtel mit diversen, nützlichen Utensilien, mit Robin, seinem jungen Helfer, begibt er sich im Batmobil, einem phantastischen Vehikel auf Verbrecherjagd. Technische Elemente wie Gürtel und Fahrzeuge werden in den 50er Jahren ausführlich dargestellt. SPRECHER Zu Beginn der 60er Jahre geht in New York ein neuer Verlag an den Start, der wegweisend wird für das Comic-Geschäft. Marvel Comics mischt mit Reihen wie den Fantastischen Vier, Spiderman, Hulk und Thor, um nur einige zu nennen auf, die Comic-Branche auf. ZSP Andreas Platthaus - Krise der 50er & Leserbindung Man brachte ein neues Identifikationsmoment hinein, indem man die ganzen Helden mehr an den Alltag ihrer Leserschaft heranführte, dass es vor allem um die große Errungenschaft des Marvel-Verlags gewesen. Wenn man da plötzlich sieht, dass jemand wie Peter Parker aus einer Schule kommt und durch einen Biss einer radioaktiven Spinne zum Superhelden wird, dann ist das zwar vielleicht nicht das, was man sich selbst erträumt. Aber zumindest bringt einem das diese Figur wieder sehr, sehr nah und so abstrus das Ganze auch ist, war das dann etwas, womit man sich tatsächlich als jugendliche Leserinnen oder Leser, da waren es dann vor allem doch nur Männer, identifizieren konnte. MUSIK 9 ( Metroboomin & Future - Superhero (Heroes & Villains) 0’27) SPRECHERIN Die Superhelden von Marvel sind nicht per se besonders, sondern Repräsentanten der weißen Mittelklasse, aus der sich auch die Leserschaft rekrutiert. Ihre Superkräfte erlangen sie meist durch einen Unfall mit radioaktivem Material. Die Entscheidung, ein Superhelden-Dasein zu führen, fällt ihnen nicht leicht. SPRECHER Die Fantastischen Vier sind vier gleichaltrige Wissenschaftler, im Grunde eine Familie. Mister Fantastic, der sich in jegliche Form dehnen kann, ist der Moderator der Gruppe. Susan, die Unsichtbare, ist seine Frau, Johnny, The Storm, ist ihr Bruder und Ben Grimm, das Ding, verfügt über einen versteinerten Körper, was dazu führt, dass er aushält, woran normal sterbliche zu Grunde gehen. SPRECHERIN Der Hulk heißt eigentlich Bruce Banner und ist promovierter Nuklearmediziner. Als er bei einem Unfall einer erhöhten Dosis von Gammastrahlen ausgesetzt ist, verwandelt er sich in ein wutschnaubendes, grünes Monster namens Hulk. Immer wenn sich Dr. Banner nach diesem Unfall aufregt, wiederholen sich die Anfälle und er wird zum Ungeheuer. SPRECHER Die Marvelhelden sind lebensnäher als die perfekten Superheroes der ersten Generation. Die Protagonisten von Marvel streiten, necken und ärgern sich wie die Fantastischen Vier, sie haben kleine Schwächen, sind eitel, neidisch oder unsicher wie der Teenager Peter Parker, der als Spiderman souverän durch die Straßenschluchten zischt. Dass er in einem Ganzkörperkostüm steckt, fördert die Identifikation mit dieser Figur: jeder könnte Spiderman sein. MUSIK 10 (The Chamber Orchestra Of London: First Mission 0’32) SPRECHERIN Marvelhelden sind auch keine Solisten, häufig bilden sie Gemeinschaften, oft treten sie im Ensemble auf. Diese Tendenz zum Sozialen haben die Marvel-Macher nicht erfunden, sie greifen nur auf, sagt Comic-Experte Andreas Platthaus, was während der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Luft liegt. ZSP Andreas Platthaus - Warum Marvel auf Zielgruppen achtet? … Wenn wir uns an die Bürgerrechtsbewegung erinnern oder natürlich auch an die Unruhen unter den Studenten in Berkeley, die Hippie-Bewegung und so etwas, dann war das etwas, was einfach ins Gespräch natürlich auch der weißen Mehrheitsbevölkerung (gehörte), die letztlich den Hauptteil der Comic-Leserschaft stellte, auch interessierte. SPRECHERIN Marvel beginnt als erster Comic-Konzern Ende der 60er Jahre, schwarze Figuren in die Bildgeschichten einzubauen. Zuerst halten die Drucker die Angaben jedoch für Fehler und färben die Umrisse brauner bzw. schwarzer Passanten weiß ein, aber die Marvel-Macher lassen nicht locker. Im Marvel-Kosmos betreten schwarze Superhelden die Bühne. In Deutschland kommen Comichefte mit schwarzen Superhelden allerdings erst ein halbes Jahrhundert später auf den Markt, nach dem Erfolg der Black-Lives-Matter-Bewegung. SPRECHER Luke Cage etwa, ein schwarzer Söldner mit einer riesigen Kette als Gürtel. Um einer Gefängnisstrafe zu entkommen, stellt er sich für ein Experiment zur Verfügung, das ihm Superkräfte verschafft. MUSIK 11 ( Soundtrack Black Panther: Vince Staples & Yugen Blakrok – Opps 0’37) SPRECHERIN Und dann ist da noch Black Panther, die afrofuturistische Reihe von Marvel, über den König des fiktiven afrikanischen Wakanda-Reiches, das vorgibt ein armer Staat zu sein. Tatsächlich hat es hier einen Meteoriteneinschlag gegeben, der die Vorkommen des Wundermetalls Vibranium vermehrt. Durch dieses Metall kann sich Wakanda unsichtbar machen, was vorteilhaft ist, denn die restliche Menschheit ist noch nicht bereit für den Wohlstand und den Reichtum von Wakanda. SPRECHER Natürlich erinnert der Name Black Panther an die gleichnamige, radikale Black-Power-Partei, die Ende der der 60er Jahre entsteht. Sie plädiert radikal antikapitalistisch - für schwarzes Unternehmertum, reformierte Bildung und Plebiszite des schwarzen Amerika. 1981 löst sich die Organisation auf. SPRECHERIN Verantwortlich für den Erfolg von Marvel ist der Redakteur und Szenarist Stanley Lieber. Seinen Vornamen zerlegt er für seinen Künstlernamen in zwei Silben: Stan Lee. SPRECHER In den frühen 60er Jahren revolutioniert er mit von ihm erfundenen Figuren wie Spiderman, den Fantastischen Vier und Hulk das Genre. Die Zeichner, mit denen er kooperiert, Jack Kirby und Steve Ditko, entwickeln einen klaren, dynamischen Stil, der Überschwang von Actionszenen lässt sich in ihren Panels, wie man einzelne Bilder im Comic nennt, unmittelbar nachvollziehen. SPRECHERIN Superhelden - ob von DC oder Marvel - erschließen dem Comic neue Zielgruppen im Teenager- und Jugendlichen-Alter, was aber nicht bedeutet, findet Andreas Platthaus, einer der besten Comic-Kenner, dass sie die Kunstform der Graphic Novel voranbringen. ZSP Andreas Platthaus – Superhelden-C. ästhetisch regressiv Da wurde relativ schlicht drin gearbeitet, da war kein Platz für grafische Experimente oder fantastische Arrangements und Seitenarchitekturen. … Dementsprechend würde ich sagen, dass alles das, was wir als Comics kennen, durch die Superhelden-Hefte extrem geprägt worden ist, dass das aber nicht besonders ästhetisch fortschrittlich war. // Der Comic war in den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts viel, viel weiter ästhetisch, als es dann nach dem Zweiten Weltkrieg war, als Superhelden so ziemlich alles dominierten. Wir verdanken es dem japanischen und den französischen Comics, dass interessantere Seitenarchitekturen, dass großzügigere Grafik, dass experimentelles Erzählen zurückgekommen ist, und das haben dann irgendwann die Superhelden-Comics auch übernommen. Aber da haben Sie sich einfach an Erfolge angehängt. Ihr eigener Erfolg hat zu einem Rückschritt in der Entwicklung der Comic-Ästhetik geführt. MUSIK 12 (John Williams – Theme From Superman 0‘46) MUSIK 13 ( Red Man – Soopaman Luva 3 („It‘s A Bird? / It’s a Plane?) 0’06) Zitator & Zitatorin: It’s Superman! SPRECHER In den 70er und 80er Jahren kommen alte DC-Helden wieder zum Zug. 1978 wird Superman aufwändig verfilmt, mit Christopher Reeve in der Hauptrolle. Eine Verfilmung ist deshalb nicht abwegig, weil die Bildsprachen von Comics und Film ähnlich strukturiert sind. Filmemacher und Regisseure arbeiten oft mit gezeichneten storyboards, mit Bilderfolgen, damit sich Team, Kameraleute und Darstellerinnen das Endergebnis vorstellen können. Ein solches storyboard sieht ähnlich aus wie die Seite eines Comichefts, nur die Sprechblasen fehlen. MUSIK 14 ( War – Galaxy 0’30 aus: Superman Batman Dance All Night) SPRECHERIN Jüngere Comic-Künstler wie Frank Miller zeigen in den 80er Jahren Batman als gealterte, frustrierte Figur - ein Gewalttäter in kompromisslosem Schwarz-Weiß, der sich entfernt hat vom Pfad des tugendhaften Weltverbesserers. SPRECHER Diese aktualisierte Sichtweise des Superhelden bildet die Grundlage für Kinofilme, in denen der US-Schauspieler Michael Keaton Ende der 80er Jahre den Fledermausmann gibt. MUSIK 15 ( Rod Stewart – Superman Batman Spiderman 0’15) SPRECHERIN Nach den Anschlägen vom Elften September geraten die USA erneut unter Druck und übernehmen die Rolle der Weltpolizei – zeitgleich steigt die Beliebtheit von Superhelden. Diesmal haben Helden aus dem Hause Marvel die Nase vorn. Was früher nur Zeichner und Comickünstler konnten, lässt sich jetzt durch Spezialeffekte und mit immenser Rechnerleistung als Bewegtbild herstellen und im Kino erleben. Millionen-Dollar-Erfolge wie Spiderman 1, 2 & 3 zeigen das enorme kommerzielle Potential, das der Marvel-Konzern für weitere Produktionen nutzt. Marvel-Filme sind durch Gastauftritte einzelner Schauspieler miteinander verknüpft, was ihre Attraktivität weiter steigert. SPRECHER Ab 2008 etabliert der Unterhaltungs-Konzern das sogenannte Marvel Cinematic Universe. Alte Helden wie Iron Man, Thor, Black Panther und sogar Captain America, als First Avenger tituliert, fliegen jetzt wieder über die Leinwand und begeistern erneut das Publikum - Helden, die alles tun, um die Welt und den Planeten zu retten. Über ein Jahrzehnt lang produziert Marvel einen Erfolgsfilm nach dem anderen. MUSIK 16 ( Mark Graham – The Avengers 0’26) SPRECHERIN Marvel-Mastermind Stan Lee wird in einigen Filmen durch sogenannte Cameos, also Gast-Auftritte geehrt. 2018 stirbt der hochgeschätzte Comic-Pionier und Begründer des Marvel-Universums. Der Marvel-Konzern setzt da längst auf Zielgruppenforschung, wenn es darum geht, neue Heldinnen zu kreieren. Miss Marvel etwa ist, was man heute eine migrantisch gelesene Person nennt - eine Figur, die die große Zahl von Einwanderinnen und Einwandern aus Pakistan und Indien in den USA repräsentiert bzw. deren Nachkommen ansprechen soll. SPRECHER Kamala Khan ist 19, eine gute Schülerin und eine begeisterte Gamerin. Umgeben von einer Gluckenmutter, einem ehrgeizigen Vater und einem frommen Bruder findet sie Zuflucht im Schreiben von Fan-Fiction über Superhelden. Als sie in der Schule und zuhause in Schwierigkeiten gerät, kann sie sich retten, indem sie - wie ihre Idole - Superkräfte erlangt. Miss Marvel wird erst als gedruckte Comicreihe getestet, bevor die Figur 2022 zur Heldin einer TV-Serie wird. SPRECHERIN Superhelden sind fester Teil der westlichen Popkultur. Auch wenn jedem klar ist, dass es unmöglich ist: Wer würde nicht gerne einmal Kräfte haben wie Superman oder der Hulk? MUSIK 17 ( Hildur Guðnadottir; The Hollywood Studio Symphony - Bad Comedian 1’03) Aktuell sieht Andreas Platthaus das Superhelden-Genre sich in Richtung seiner Bösewichte bewegen. Die Geschichten insbesondere der Marvel-Superhelden sind für Andreas Platthaus auserzählt. ZSP A. Platthaus - Schurken & gebrochene Helden angemessen … Jetzt hat man eigentlich sämtliche prominente Figuren wirklich ausgemolken. Und ich glaube kaum, dass da noch irgendeine neue Facette zu erzielen ist. Darum sind Filme wie über Dead Pool oder eben den eben schon erwähnten Joker zurzeit viel interessanter und viel kassenträchtiger, weil die tatsächlich noch einmal etwas Neues erzählen, eben auch mit viel gebrocheneren Figuren. Und ich glaube, dass das wiederum etwas ist, was unserer Zeit entgegenkommt. Und wenn man danach fragt, inwieweit Superheldenfilme heute noch dem Unterhaltungsbedürfnis oder auch dem Belehrungs-Bedürfnis entsprechen, dann würde ich sagen, der Gespaltenheit unserer Gesellschaft und der Zwiespältigkeit, all dessen, was wir zurzeit weltgeschichtlich erleben, sind die Schurken und die gebrochenen Helden deutlich angemessener.