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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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  1. Romantik - Zwischen Schwärmerei und Freiheitsstreben

    30.01.2024 · 22 Min.

    Angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche verlieren die Romantiker den Glauben an die nüchterne Vernunft und stellen ihr das Gefühl entgegen: Sie schwärmen für die Natur, feiern die Dunkelheit und ergründen mystische Welten. Autorin: Hanna Dragon (BR 2019) Credits Autor/in dieser Folge: Hanna Dragon Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Bürkle, Wolfgang Pregler Technik: Robin Auld Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Christian Begemann (Professor; LMU) Linktipp: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK SPRECHERIN Die thüringer Universitätsstadt Jena im Jahr 1799. Im Haus des 32-jährigen Sprachforscher August Wilhelm Schlegel versammeln sich junge, aufbegehrende Intellektuelle. Und bilden eine Art Wohngemeinschaft. Unter ihnen: Augusts jüngerer Bruder Friedrich, Altphilologe. Dann: Der Naturphilosoph Friedrich Wilhelm Schelling, verliebt in Caroline, die gebildete Gattin des Gastgebers. Der 22-jährige, streng gläubige Medizinstudent und Dichter Clemens Brentano, der für die acht Jahre ältere Schriftstellerin Sophie Mereau schwärmt. Der charismatische Bergbaustudent Friedrich von Hardenberg alias Novalis, 27, dem Goethe das Zeug zum „geistigen Imperator“ bescheinigt. Und der Sprachkünstler Ludwig Tieck, der 30 Jahre später an August Wilhelm Schlegel schreiben wird: MUSIK ENDET ZITATOR Jene schöne Zeit in Jena ist (…) eine der glänzendsten und heitersten Perioden meines Lebens. Du und Dein Bruder Friedrich, Schelling mit uns, wir alle jung und aufstrebend, Novalis-Hardenberg, der oft zu uns herüber kam: diese Geister bildeten ununterbrochen ein Fest von Witz, Laune und Philosophie. SPRECHERIN Die Jenaer Freunde philosophieren miteinander beim Mittagessen, kultivieren gemeinsame Spaziergänge durch die Natur, tragen einander ihre unveröffentlichten Texte vor, besprechen die Artikel, die sie für die programmatische Zeitschrift „Athenäum“ schreiben, hinterfragen die traditionelle Rolle der Frau. Und verspotten die Verse des an der Jenaer Universität lehrenden Dichterfürsten Schiller, der sie vor dem „unendlichen Fall in bodenlose Tiefe“ warnt. MUSIK Die Romantiker lassen ihrer Phantasie freien Lauf in einer Zeit der politischen Umstürze. Die Revolution in Frankreich hatten die deutschen Intellektuellen anfangs noch als Durchbruch der Freiheit gefeiert. Doch die Erhebung des Volkes schlug um in Gewaltexzesse. Seit der Machtübernahme Napoleons herrscht in Europa Krieg. Aus Sicht der Romantiker habe die Vernunft, das grundlegende Prinzip der Revolution, den Kontinent in den Abgrund geführt. SPRECHERIN Auch gesellschaftliche Umbrüche prägen die Zeit um 1800. Die allmählich einsetzende Industrialisierung fördert Landflucht, Verstädterung und soziale Missstände. Die Romantiker bezweifeln, dass der Fortschritt immer das Bessere mit sich bringe. Und kritisieren die Gesellschaft, in der sich alles zunehmend ums Geld dreht. MUSIK endet Romantik: Was bedeutete dieser Begriff damals? Christian Begemann vom Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München: ZUSPIELUNG 1: Im 18. Jahrhundert wird „romantisch“ im Sinne von „romanhaft“ verstanden. Und das ist kein Kompliment. Denn der Roman hat ein ganz schlechtes Ansehen. Er ist, wenn man an den Barockroman denkt, eine Abfolge von kuriosen Ereignissen und Geschichten. Und der Begriff des Romantischen, der ist erstmal auf das Abenteuerliche hin ausgerichtet und ändert sich dann erst im Zuge der romantischen Bewegung selber. (0:29) MUSIK ZITATOR Die Welt muss romantisiert werden. SPRECHERIN Fordert Novalis, der Erfinder der berühmten „blauen Blume“, dem Symbol der romantischen Sehnsucht. Und liefert die vielleicht schönste Definition der Romantik: ZITATOR Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. MUSIK ENDET SPRECHERIN Die Romantiker sehnen sich nach dem Geheimnisvollen, Unerklärlichen. Denn: Die Aufklärung hat viele Mythen entzaubert. Germanistikprofessor Christian Begemann: ZUSPIELUNG 2: Mit der Aufklärung, überhaupt mit dem ganzen Schub der Verwissenschaftlichung in der Neuzeit - so sehen es jedenfalls die Romantiker - tritt eine Trennung von der Natur ein. Die Natur wird unterworfen, sie wird ausgebeutet, sie wird auch in der Wissenschaft beobachtet oder im Experiment dazu gezwungen, uns wie ein Angeklagter auf der Folter Antwort zu erstatten, und damit ist die Natur nichts mehr, was uns auf Augenhöhe gegenübersteht, sondern sie ist nur noch ein Objekt MUSIK SPRECHERIN Die Romantiker wollen die mythische Einheit des Menschen mit der Natur wiederherstellen. Durch Poesie. Josef von Eichdorff: Die Wünschelrute. ZITATOR Schläft ein Lied in allen Dingen Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort. SPRECHERIN Das dichterische Zauberwort „romantisiert“ die Welt. MUSIK endet Dieser Vorstellung folgend bringt Friedrich Schlegel, der theoretische Kopf des Jenaer Kreises, das Programm der Romantik auf den Punkt. In dem berühmten 116. Athenäums-Fragment heißt es: ZITATOR Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. SPRECHERIN Mit „progressiv“ meint der Theoretiker Schlegel: Der mythische Zustand der Harmonie, das Absolute, lässt sich mit Worten nicht erfassen. Der Dichter kann sich diesem Ziel nur „progressiv“, also Schritt für Schritt nähern. Das Werk wird somit nie vollendet; das Fragment wird zu einer neuen literarischen Gattung. Den Begriff „Universalpoesie“ erklärt Schlegel folgendermaßen: ZITATOR Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen. SPRECHERIN In romantischen Romanen und Erzählungen werden Gedichte vorgetragen, Lieder gesungen und Bilder beschrieben: Eine Vorwegnahme des Wagnerschen Gesamtkunstwerks, das alle Künste vereinigt. Die „progressive Universalpoesie“ soll nach Schlegel das ganze Leben durchdringen: Das Leben wird zum Kunstevent. MUSIK SPRECHERIN Der Heidelberger Dichter Joseph von Eichendorff verwirklicht diese Vorstellung in seiner Märchennovelle „Aus dem Leben eines Taugenichts.“ ZITATOR Fahre zu, Ich mag nicht fragen, Wo die Fahrt zu Ende geht. SPRECHERIN Das ist das Lebensmotto des jungen Müllerssohns, den das Klappern des Mühlrades an das trostlose Einerlei des bürgerlichen Alltags erinnert. Er folgt seiner Sehnsucht, und zieht in die Ferne. Wandern: Ein typisches Motiv der Romantik, das die Sehnsucht nach dem Absoluten versinnbildlicht. Der Taugenichts - ein Abbild des mittelalterlichen fahrenden Gesellen - spielt Geige und überlässt sich diversen Genüssen und Liebeleien. Eine Zeit lang wird er sesshaft als Zolleinnehmer, sitzt da… ZITATOR im prächtigen roten Schlafrock mit gelben Punkten, SPRECHERIN und raucht seine Pfeife. Er will finanziell für seine Zukunft vorsorgen: Ein Gedanke, den er schnell wieder verwirft. ZITATOR Die Kartoffeln, und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten Blumen. SPRECHERIN Und dann macht er sich wieder auf den Weg. ZUSPIELUNG 3: Man könnte sagen, das ist fast eine Künstlererzählung, nur, dass der Taugenichts eben gar kein Künstler ist. Das heißt: alles wird ihm zur Kunst. Das Leben selber wird ihm zur Kunst. Er ist die poetische Existenz, die man realisieren will. (0:14) SPRECHERIN Der Taugenichts heiratet am Ende seine große Liebe und bekommt obendrauf ein Schloss geschenkt. ZITATOR (…) und von fern schallte immerfort Musik herüber, und Leuchkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten (…) - und es war alles, alles gut! SPRECHERIN Dass ideale Traumwelten und Realität auseinanderklaffen ist den Romantikern bewusst. Um das deutlich zu machen, greifen sie auf eine weitere Erfindung Schlegels zurück: Die romantische Ironie, die alles Gesagte in einem Schwebezustand belässt. Professor Begemann: ZUSPIELUNG 4: Die romantische Ironie ist das, was das Gesagte immer relativiert und zurücknimmt. Und immer deutlich macht: „Also, nehmt es nicht wörtlich!“ (0:11) SPRECHERIN Ludwig Tieck ist ein Meister der romantischen Ironie. Er bringt das Spiel im Spiel auf die Bühne. In dem Stück „Der gestiefelte Kater“, in dem er den Theatergeschmack der Berliner Bildungsbürger aufs Korn nimmt, verschachtelt er mehrere Spielebenen ineinander: Die auf der Bühne von Schauspieler dargestellten, sich selbst als aufgeklärt bezeichnenden Zuschauer, lehnen das bevorstehenden Stück über eine Märchenfigur ab. Als sie ungehalten werden, muss sich der Autor, ebenfalls eine Figur im Stück, vor ihnen rechtfertigen. ZITATOR Ich wollte einen Versuch machen, durch Laune, wenn sie mir gelungen ist, (…) durch wirkliche Possen zu belustigen, da uns unsere neuen Stücke so selten zum Lachen Gelegenheit geben. SPRECHERIN Der Autor ist permanent gezwungen, auf die Wünsche des Publikums einzugehen, dem eine „vernünftige Illusion“ fehlt. Die Schauspieler fallen stets aus ihren Rollen und kommentieren die misslingende Aufführung. Was gehört nun zum Stück? Was ist Wirklichkeit? Wilhelm Tieck setzt hier das um, was Schlegel in der Theorie einfordert: Im Sinne der „Universalpoesie“ reflektiert die Literatur sich selbst. Und präsentiert sich augenzwinkernd als „nur Literatur“: Der Autor erhebt sich über sein Werk. SPRECHERIN Die Romantiker gehen sehr ironisch mit der Kunst um. Die gleichzeitig einen sehr hohen sakralen Stellenwert einnimmt. Denn: Seit der Aufklärung und der Säkularisierung der Gesellschaft bietet der christliche Glaube nicht mehr ausreichend Halt. ZUSPIELUNG 5: Wenn man zum Beispiel an die Bilder von Caspar David Friedrich denkt, die Kirchenruinen, das ist auch der Zustand des Glaubens, der Zustand des Christentums, das ist eigentlich ruiniert. Und die Romantiker versuchen, dagegen wieder etwas, wie einen neuen Glauben, eine neue Mythologie zu setzen. (0:19) SPRECHERIN Und sie erheben die Kunst zur Religion. Josef von Eichendorff über die Rolle des Dichters: ZITATOR Ihm ist's verlieh‘n, aus den verworrnen Tagen, Die um die andern sich wie Kerker dichten, Zum blauen Himmel sich emporzurichten, In Freudigkeit: Hier bin ich, Herr! zu sagen. ZUSPIELUNG 6: Der Dichter wird enorm überhöht gegenüber den Wissenschaftlern, vor allem den Philistern, also den Normalbürgern, die allein um ihren Lebensunterhalt herum kreisen, oder die rationalistisch an die Wirklichkeit herangehen, die auf die Ökonomie ausgerichtet sind. Und der Dichter ist der Einzige, der noch eine Ahnung davon hat, worum es eigentlich geht. Deswegen hat er einen besonderen Zugang zu tieferen Quellen des Wissens und der Weisheit und stilisiert sich dann gerne als Seher und Prophet (0:34) MUSIK ZITATOR Wo keine Götter sind, walten die Gespenster. SPRECHERIN Sagt Novalis. In den „Hymnen an die Nacht“, dem Inbegriff der todesverliebten, mystischen Romantik, arbeitet er ein persönliches, spirituelles Erlebnis auf. Die künstlerische Umsetzung verleiht ihm nach dem Tod seiner jungen Geliebten, der er kraft seines Willens „nachsterben“ wollte, einen neuen Lebensantrieb. ZITATOR Einst, da ich bitt‘re Tränen vergoß, da in Schmerz aufgelöst meine Hoffnung zerrann, und ich einsam stand am dürren Hügel (…) SPRECHERIN In der dritten Hymne steht das lyrische Ich, eingehüllt in die Dunkelheit der Nacht, am Grab der Geliebten und betrauert ihren Tod. Friedhof, Grab, Einsamkeit und Liebesleid: Typisch Romantik. Die schmerzhafte Erfahrung wendet sich ins Positive, als sich das lyrische Ich seinen eigenen Tod, ZITATOR den Schlummer des Himmels, SPRECHERIN imaginiert, und sich in der Vorstellung des Losgelöstseins vom Irdischen mit seiner Geliebten vereinigt. ZITATOR An ihrem Halse weint‘ ich dem neuen Leben entzückende Tränen. SPRECHERIN Das lyrische Ich gewinnt die Erkenntnis, dass am Ende des irdischen Lebens das ewige Bündnis mit seiner Geliebten stehen wird. ZITATOR … seitdem fühl‘ ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte. SPRECHERIN Die Nacht: Ein zentrales Thema der Romantik. Ihre Dunkelheit steht im Gegensatz zum Licht der Aufklärung. Sie ist ein Projektionsraum unerschöpflicher Phantasien. Josef von Eichendorff: ZITATOR Es war, als hätt‘ der Himmel Die Erde still geküßt, Daß sie im Blütenschimmer Von ihm nun träumen müsst Die Luft ging durch die Felder Die Ähren wogten sacht Es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht. Und meine Seele spannte Weit ihre Flügel aus, Flog durch die stillen Lande, Als flöge sie nach Haus MUSIK ENDET SPRECHERIN Nach Haus: Also zurück in den mythischen Zustand der Harmonie, das Ziel der romantischen Sehnsucht. Für den grundgläubigen Katholiken Eichendorff ist es die Rückkehr zu Gott. Nachdem sich der Jenaer Kreis nach kurzer Zeit zerstreut hat, gehen die Romantiker auf der Suche nach ihren Idealen unterschiedliche Wege. Sie konvertieren, wie Wilhelm Schlegel, zum Katholizismus, der traditionellen Form der Religion. Oder: Sie wenden sich der Vergangenheit zu, verklären das Mittelalter, erforschen die germanische Mythologie. Ludwig Tieck bearbeitet den Stoff der Nibelungensage. Clemens Brentano schreibt ein Gedicht über die Lore Lay – die Zauberin, ZITATOR „so schön und feine“, SPRECHERIN die einer alten Legende nach mit ihrem Gesang Rheinschiffer ins Verderben stürzt. ZITATOR Und brachte viel zu Schanden Der Männer rings umher, Aus ihren Liebesbanden War keine Rettung mehr. SPRECHERIN Andere Romantiker werden zu Patrioten. Während Napoleon das Land besetzt hält, suchen sie nach dem, was das deutsche Volk ausmacht. Die Gebrüder Grimm editieren ihre Sammlung von mündlich überlieferten Volksmärchen. Achim von Arnim und Clemens Brentano veröffentlichen die volkstümliche Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“. ZUSPIELUNG 7: Das hängt mit dem Außendruck zusammen, dass man versucht, etwas zu finden, was eine Gemeinsamkeit, ein Band stiftet gegenüber der napoleonischen Fremdherrschaft. Und das Volk wird da eine ein bisschen unbehaglich stimmende, mythisch verklärte Größe (0:19) ZITATOR Wir träumen von Reisen durch das Weltall: Ist denn das Weltall nicht in uns? SPRECHERIN Fragt sich Novalis. In der Phase der Spätromantik, also ab etwa 1815, wird der Romantiker zum Seelenergründer. Zum Vorläufer des heutigen Psychoanalikers. Bergwerke, in denen das Innere erschürft wird, werden mit ihrer Symbolkraft zu einem beliebten Motiv. Der Jurist E.T.A. Hoffmann lebt in Berlin, wo sich in privaten Salons bürgerlich-adelige Intellektuelle versammeln. Tagsüber spricht er Recht. Danach widmet er sich dem Schreiben seiner schaurigen Geschichten. MUSIK Im „Der Sandmann“ wird die volkstümliche Figur, die Träume schenkt, ins Schreckliche verzerrt: Der Sandmann streut den Kindern Sand in die Augen, damit sie ihnen aus dem Kopf herausspringen. Mit dieser Beute nährt der böse Kobold dann seine Jungen. Diese traumatisierende Vorstellung verfolgt den Protagonisten Nathanel sein leben lang. Er bringt sie mit dem Alchemisten, der ihn in seiner Kindheit misshandelt hat, in Verbindung. Später glaubt er diesen in der Figur eines Wetterglashändler zu erkennen und steigert sich dadurch immer mehr in eine Paranoia. Auf der Seite der Vernunft, des klaren Verstandes steht Clara, seine Verlobte. Sie hält seine Visionen für innere Bilder, die er nach außen verlegt. MUSIK ENDET ZUSPIELUNG 8: Gespenstisch ist, das wir uns keinen Reim darauf machen können, was hier wirklich geschieht, hat er Recht, gibt es da einen geheimnisvollen Advokaten, Alchemisten, Wetterglashändler der sich sozusagen immer durch sein Leben hindurchzieht? Oder hat Clara Recht, die sagt, das ist einfach ein Wahnsystem. Wir wissen es nicht. Das ist die Geburtstunde einer bestimmten Gattung der Literatur, nämlich der phantastischen Literatur, die genau damit spielen wird, dass wir als Leser nicht wissen: Woran sollen wir uns halten? Und das verwirrt unser Realitätsverständnis ganz erheblich. (0:38) SPRECHERIN Zu Nathanaels Pathologie gehört, dass er sich in die Automate Olimpia verliebt, künstliche Intelligenz, von Menschenhand erschaffen, wie Mary Shalleys Frankenstein. Eine für diese Epoche typische Auseinandersetzung mit dem mechanistischen Denken des Rationalismus und seinen Folgen. „Ach, ach!“ Das ist alles, was Olimpia sagen kann: Ein ideales Gegenüber für den narzistischen Helden. Seine Gedichte, die Clara nicht würdigt, finden offenbar Zuspruch bei seiner neuen Geliebten. Nathanael glaubt, dank seines „poetischen Gemüts“ als einziger ihr wahres Wesen zu erkennen. ZITATOR Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der inneren Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der Aschauung des ewigen Jenseites. Doch für alles das habt ihr keinen Sinn und alles sind verlorne Worte. SPRECHERIN Eine doppelte Kritik: An den Philistern, die keinen Sinn für das Eigentliche haben. Und an dem sich selbst feiernden romantischen Künstler. E.T.A. Hoffmann zählt zu den letzten großen Dichtern der Romantik. Während diese Epoche in den 1830er Jahren allmählich verblasst, schreibt Josef von Eichendorff noch seine großen Gedichte. Gleichzeitig treten andere, zum Teil politisch motivierte Strömunge auf - Biedermeier, Junges Deutschland und Vormärz. Heinrich Heine verfasst die polemische Schrift „Die romantische Schule“. Eine erste zusammenfassende Darstellung der Romantik. Und gleichzeitig: Ihr Verriss. ZITATOR Das Fräulein stand am Meere Und seufzte lang und bang, Es rührte sie so sehre Der Sonnenuntergang. Mein Fräulein! sein sie munter, Das ist ein altes Stück; Hier vorne geht sie unter Und kehrt von hinten zurück. SPRECHERIN Wie Heine gehen auch andere Romantiker zu sich selber auf Distanz. Zum Beispiel Ludwig Tieck, eine der Gründungsfiguren der Romantik. ZUSPIELUNG 9: Tieck hat in der frühen Erzählung „Der blonde Eckberg“ eine Formel der Romantik geprägt, das Wort „Waldeinsamkeit.“ MUSIK Und das Wort findet sich in gefühlt 150 Texten der Romantik wieder, weil es genau so einen neuralgischen Punkt trifft: Der Wald, die Natur, die Dunkelheit. Und in seinen letzten Jahren als Schriftsteller, 1839, publiziert Tieck eine Erzählung, die heißt „Waldeinsamkeit.“ Und das geht davon aus, dass das Wort auf einmal in einer Immobilienanzeige erscheint: Ein schönes Haus mit angrenzender Waldeinsamkeit günstig zu verkaufen. Da ist die Romantik auf die Immobilienanzeige gekommen. Das ist der ultimative Verbrauch von einst ganz emphatisch besetzten romantischen Vokabeln, die jetzt einfach sich totgelaufen haben. Die in den allgemeinen Wortschatz übergegangen sind. (0:58) MUSIK endet

  2. Der Weltraum und wir - Vom Aufbruch der Menschen ins All

    30.01.2024 · 22 Min.

    Weltraum-Reiseberichte gibt es seit Jahrtausenden. Was früher reine Fiktion war, ist mittlerweile oft real. Wie hat sich das Verhältnis von uns Menschen zum Weltraum entwickelt und wie weit reicht unser Blick ins All mittlerweile? Von Christian Schiffer (BR 2022) Credits Autor dieser Folge: Christian Schiffer Regie: Martin Trauner Es sprachen: Christian Baumann und Sven Hussock Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Bayerisches Feuilleton Wie bedeutend ist Bayern als Weltraummacht? Ist in der bayerischen Seele praktisch schon angelegt, dass man stets nach unendlichen Weiten strebt? Commander Söder ist beileibe nicht der erste Bayer, der mit Bavaria One ins All will... Bayern im Weltraum: Von Raketenschlitten, Perry Rhodan und Bavaria One HIER entdecken Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  3. Die römische Legion - Waffe und Integrationsmaschine

    29.01.2024 · 23 Min.

    Die Legionen Roms waren Jahrhunderte lang die gefürchtetste Armee der Welt. Doch die Legionäre waren mehr als nur Soldaten. Sie brachten auch kulturellen, technischen und zivilisatorischen Fortschritt. Autor: Robert Grantner (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Robert Grantner Regie: Axel Wostry Es sprachen: Julia Fischerz, Johannes Hitzelberger Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Oliver Stoll, Universität Passau Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ERZÄHLERIN: Die römischen Legionen. Bis heute eilt ihnen ihr Ruf voraus: die größte Militärmacht, die die Welt je gesehen hat. Eine perfekt abgestimmte Einheit, taktisch flexibel und intensiv ausgebildet für den Kampf. Schlacht um Schlacht ringen sie ihre Gegner nieder, walzen sich förmlich über sie hinweg. Es sind die Legionäre, die das Imperium Romanum überhaupt erst möglich machen und über Jahrhunderte seine Einheit sichern. Doch für Professor Oliver Stoll von der Universität Passau waren die römischen Legionen weit mehr, als nur das. O-Ton Prof. Oliver Stoll Eigenartigerweise sieht man häufig nur das Militärische und die scheinbar perfekte Maschine, die da funktioniert, aber es ist schon so, dass die Soldaten einen großen Teil ihres Lebens nicht im Krieg verbracht haben und dass es da ganz viele eigentlich eher zivile Tätigkeiten gegeben hat, die von ihnen ausgeführt worden sind. Und das ist auch ein gutes Zeichen dafür, wie hoch das Potenzial dieser Militäreinheiten gewesen ist auch als Kulturträger! Oder als Faktor, der zu einer langfristigen Veränderung in den Provinzen beigetragen hat. ERZÄHLERIN: Viele Legionäre sind nicht nur Soldaten. Es gibt unter ihnen eine große Anzahl an Spezialisten. Sie sind befreit vom täglichen Militärdienst in den Lagern und zuständig für die unterschiedlichsten Berufe. Der Jurist Tarruntenus Paternus schreibt im zweiten Jahrhundert: ZITATOR „Der Status gewisser Leute garantiert ihnen Befreiung von beschwerlichen Tätigkeiten; in diese Kategorie gehören Feldmesser […] Erdarbeiter für den Grabenbau, Hufschmiede, Architekten, Schiffssteuerleute, Schiffbauer […] Glasmacher, Schmiede, […] Bronzearbeiter, Helmmacher, Wagenbauer, Schindelmacher, Schwertschmiede, Wasserbautechniker, […] Klempner, Grobschmiede, Maurer, Kalkbrenner, Holzfäller und Köhler[…]“ O-Ton Prof. Oliver Stoll Also die Liste geht unendlich weiter. Man sieht daran, wie vielfältig die Beschäftigungsmöglichkeiten waren. Und das Militär ist in dieser Hinsicht eine Art technische Kaderschmiede gewesen, denn es gab auch Auszubildende, die in diesen Berufen im Militär ausgebildet worden sind. ERZÄHLERIN: Das Ergebnis dieser Kaderschmiede ist ein perfekt funktionierendes Imperium, das sich in seiner Hochphase über drei Kontinente erstreckt. Es sind nicht zuletzt die Legionäre, die diesen Siegeszug auch durch ihre technischen Fähigkeiten und durch administrative Tätigkeiten möglich machen. Denn in den einzelnen Provinzen ist dafür relativ wenig ziviles Personal vorhanden. Und so leisten die Soldaten auch Schreibarbeiten, kümmern sich um die innere Sicherheit, oder fungieren als eine Art Wirtschaftspolizei, die Zölle und Tribute erhebt und eintreibt. Wie weitreichend diese Tätigkeiten sein konnten, zeigen Dienstpläne, die in Form von Papyri erhalten geblieben sind. O-Ton Prof. Oliver Stoll Wir haben einen Dienstplan einer Einheit die in Mösia stationiert gewesen ist, Provinz im heutigen Bulgarien. Diese Einheit hat Leute weggeschickt, die in Gallien, also im heutigen Frankreich, Kleidung zu besorgen hatten, oder Pferde. Oder sie waren in Mienen oder Steinbrüchen als Aufsichtspersonal unterwegs. Also eine beträchtliche Menge der Leute waren unterwegs, oder sie mussten Latrinen putzen, oder die Thermenanlage putzen, oder die Rüstung des Zenturio aufpolieren. Also all das ist in verschiedensten Dienstplänen abzulesen. Und man bekommt einen lebhaften Eindruck, wie das Leben ausgeschaut hat. ERZÄHLERIN: Reisen über so weite Strecken sind möglich, weil das Straßennetz im Imperium Romanum auf für uns kaum vorstellbare Art und Weise ausgebaut ist. Mehr als 100.000 Kilometer Straße verbinden abgelegenste Provinzen miteinander und machen einen Austausch in vielerlei Hinsicht möglich. Bei dieser infrastrukturellen Durchdringung der Provinzen spielt das Militär eine entscheidende Rolle. O-Ton Prof. Oliver Stoll Als Bauherren sozusagen, denn die Legionen haben im Auftrag der Kaiser Straßen gebaut, aber nicht nur Straßen, sondern alles, was dazu gehört. Also auch Brücken, Aquädukte, also die ganzen technischen Anlagen sind von Legionären gebaut worden. ERZÄHLERIN: Dazu ein Zitat von Cassius Dio aus dem Buch „Der Adler Roms - Carnuntum und die Armee der Cäsaren“, herausgegeben vom Archäologischen Museum Carnuntinum: ZITATOR „Die Flüsse werden von den Römern ohne große Mühe überblickt, da die Soldaten ständig das Brückenbauen üben wie sonst eine Kriegsmaßnahme, sowohl an der Donau, am Rhein als auch am Euphrat.“ ERZÄHLERIN: Diese hervorragende Ausbildung der Legionäre bleibt auch den Feinden nicht verborgen. Um sich dieses enorme technische Wissen anzueignen und für die eigenen Völker nutzbar zu machen, werden immer wieder römische Soldaten gezielt entführt. Ärzte, Handwerker, Architekten, Bauern – sie alle werden systematisch gejagt, um sie in der eigenen infrastrukturellen Entwicklung zu nutzen. MUSIK ERZÄHLERIN: Römischen Soldaten reisten weit. Sie sind keineswegs stets an einem Ort stationiert, sondern durchlaufen in ihrer Karriere oft viele verschiedene Einsatzgebiete. So wie Lukius Numerius Felix, ein Zenturio, der unter anderem in Regensburg stationiert war. Doch bei weitem nicht nur, wie eine Grabinschrift, die seine Frau ihm zu Ehren setzen ließ, im spanischen Tarragona belegt. O-Ton Prof. Oliver Stoll Und dieser Lukius Numerus Felix war eben zuletzt Zenturio in der siebten Legion, das ist die, die in Spanien stationiert war. Aber vorher in Britannien, in Bosra in Syrien, in Mainz und dann eben, als allererster Posten, den er gehabt hat, war er Zenturio in der Legio Tertia Italica, also die dritte italienische Legion. Das ist die Regensburger Hauslegion. ERZÄHLERIN: Im Imperium Romanum ist also das Militär der Hauptfaktor für Mobilität und Migration. Und damit verbunden auch für den Austausch unterschiedlichster Kulturen und Völker. In der Provinz Rätien, die große Teile des heutigen Bayern umschloss, sind ca. 12 bis 15 Tausend Mann stationiert. Während die Legionäre, beispielsweise die, die in Regensburg stehen, größtenteils aus Italien kommen, gilt das für den großen Teil der Hilfstruppen, der sogenannten Auxilien, nicht. Sie kommen oft aus ganz unterschiedlichen Regionen des Imperium Romanum. O-Ton Prof. Oliver Stoll Kultureller Schmelztiegel Militär ist auf jeden Fall richtig. Wir haben in Bayern, also Rätien, Truppeneinheiten aus Syrien, Straubing, wir haben Batawa, die aus dem Niederrheingebiet kommen, Daker, die aus dem heutigen Bulgarien kommen – also ein buntes Gemisch von Soldaten, die durch den Militärdienst einerseits so eine gemeinsame Identität bekommen. ERZÄHLERIN: Vor Ort kommt es zu einem regen Austausch zwischen den römischen Soldaten, den Hilfstruppen und den Einheimischen. Auch, was die zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft – mit Konsequenzen sogar bis heute. Zum Beispiel in Straubing: O-Ton Prof. Oliver Stoll Da gibt es eine sogenannte Kanatena Kohorte, die ab dem frühen 2. Jahrhundert stationiert gewesen ist. Kanatena ist das heutige Kanawat in Syrien, die sind dort ursprünglich dort rekrutiert worden. Syrische Truppen sind häufig Spezialisten für Bogenschützeneinheiten, manchmal auch beritten. Und die waren in dem Fall eben auch lange Zeit in Straubing stationiert. Sodass man fast davon ausgehen kann, dass der ein oder andere Straubinger syrisches Blut in sich hat. ERZÄHLERIN: Und das, obwohl die Soldaten rein militärrechtlich gar nicht in der Lage sind, eine Familie zu gründen. Bis in das dritte Jahrhundert hinein herrscht nämlich ein Heiratsverbot für die normalen Soldaten, d.h. man muss bei einer Dienstzeit von 20-25 Jahren auf eine reguläre Ehe verzichten. O-Ton Prof. Oliver Stoll Man konnte natürlich nicht davon ausgehen, dass die 25 Jahre zölibatär leben. Das wäre fern der Realität gewesen, aber die durften eben keine rechtmäßigen Ehen führen, sondern nur Konkubinate. Wo kamen die Frauen her? Zum Teil haben die Männer sie aus ihren Regionen mitgebracht, zum Teil haben sie sie vor Ort kennengelernt und zum Teil sind die Frauen auch mitgezogen aus vorher innegehabten Provinzen. MUSIK ERZÄHLERIN: Um die Kastelle der Römer herum bilden sich schnell große Zivilsiedlungen, wo die Familien der Soldaten lebten, aber auch die einheimische Bevölkerung, mit der ein reger Austausch besteht. Und Soldaten haben Geld. An drei Tagen im Jahr wird ausgezahlt: jeweils 75 Dinare, eine beträchtliche Summe für die damalige Zeit, wobei ein Teil davon als Spareinlage bei der Einheit verbleibt; auch werden Abzüge vom Sold vorgenommen: für Ausrüstung, Essen, religiöse Feste, oder Kleidung. Aber es bleibt genügend übrig, um die Soldaten zu einem Motor für die heimische Wirtschaft zu machen. Langfristig floriert die gesamte Region um das Lager herum. Alleine die Versorgung des Militärs muss gesichert werden – eine Legion benötigte ca. 2500 Tonnen Getreide pro Jahr . Das geht nur mit einer hochmodernen Landwirtschaft und entsprechendem Handelswesen, so Oliver Stoll von der Universität Passau. O-Ton Prof. Oliver Stoll Interprovinziell hat da sicherlich ein Handel stattgefunden, aber eben auch über den Limes hinaus! Denn Getreide ist mit Sicherheit auch hier im Donauraum mit den im Vorlimesraum siedelnden Germanen verhandelt worden. Wir wissen zum Beispiel, dass die Hermanduren, ein romfreundlicher Stamm, über die Donau kommen durfte, um bis nach Augsburg hinein Handel zu betreiben. Und die haben eben auch Getreide und Landwirtschaftsprodukte verkauft. ERZÄHLERIN: Der Handel in den Siedlungen um die Kastelle herum beinhaltet auch Waren von weit her. Pfeffer, Kürbisse und sogar Melonen. Rückschlüsse über die Ernährung der Soldaten in den Lagern liefern vor allem Latrinen. Sie sind, im wahrsten Sinne des Wortes, echte Fundgruben. So belegt die Analyse von Ausgrabungsfunden aus einer Latrine im ehemaligen Kastell Alphen aan den Rijn in Holland eine ganz erstaunliche Produktvielfalt, die der Ausscheider zu sich genommen hat. Bei paläobotanischen Untersuchungen stellt sich heraus, dass der Zenturio – natürlich weitaus wohlhabender als der normale Soldat – unter anderem Oliven, Feigen, Trauben und sogar Pfirsiche gegessen hat. Selbst exotische Südfrüchte werden also über weite Strecken hinweg transportiert. O-Ton Prof. Oliver Stoll Natürlich sind auch diese landwirtschaftlichen Produkte Kulturerbe. Man braucht nur an den Wein zu denken, aber auch viele Kräuter, die uns geblieben sind, wie Mangold, Portulak, Dill, Koriander, Sellerie, Walnuss und Esskastanie, Karotten und Pastinaken. Und nicht zu vergessen auch der Spargel beispielsweise, der von den Römer mitgebracht worden ist bzw. hier heimisch gemacht worden ist. ERZÄHLERIN: Vergleicht man beispielsweise tierische Knochenfunde aus der Zeit der Römer sowohl mit Funden aus vorrömischer Zeit als auch mit solchen aus dem Mittelalter, dann stellt man fest, dass die Rinder und Pferde der Römer weitaus größer waren. O-Ton Prof. Oliver Stoll In manchen Gegenden ist die Größe römischer Rinder erst wieder mit Einführung der künstlichen Besamung erreicht worden. Und das ist ja bekanntermaßen noch nicht lange her,das man das wieder eingeführt hat. ERZÄHLERIN: Neueste Funde aus Regensburg-Großprüfening legen sogar nahe, dass die römischen Soldaten auch den Grundstein für den Siegeszug des bayerischen Bieres gelegt haben könnten. Dort wurde eine Darrenanlage ausgegraben, wo man Spelzgetreide hinbrachte, um es vom Spelz zu trennen und zu rösten. Zusammen mit der gefundenen Brunnenanlage wird das Ganze als die vielleicht erste Brauerei Bayerns interpretiert. Besondere Bierliebhaber waren die Bataver, die in Weißenburg und wohl auch in Passau stationiert waren. O-Ton Prof. Oliver Stoll Die tranken nicht so gerne Wein, sondern Bier! Und wir haben auch da Zeugnisse aus England, wo die auch stationiert waren, ein Brief eines Decurio an seinen Kommandanten: bitte schick uns doch Bier! Uns ist das Bier ausgegangen! Und hier haben wir doch relativ zunehmend Belege dafür, dass diese germanischen Einheiten möglicherwiese auch bei uns hier getrunken und produziert haben und vielleicht auch eine Rolle dabei spielen, dass das Bier heute so stark ist in Bayern, wie es heute ebenso ist. ERZÄHLERIN: Zeit, um das gebraute Bier oder auch den Wein zu trinken, bleibt den Soldaten relativ wenig. Zwar sind Kampfhandlungen eher die Ausnahme, dafür wird aber umso mehr trainiert und geübt. Die Qualität dieser militärischen Großmacht hängt sicherlich zu einem großen Teil mit ihrer ständigen Aus- und Weiterbildung zusammen. Wer also nicht gerade anderweitigen Dienst zu tun hat, der übt Fechten oder Speerwerfen, baut Übungslager oder tut vor allem eines immer wieder: Marschieren! Marschieren spielt eine große Rolle im römischen Militär. 25km in voller Ausrüstung, d.h. mit 30 bis 40 kg sind keine Seltenheit. Und mindestens zweimal im Monat wird eine große Marschübung durchgeführt. Auch um die neuen Rekruten in den verschiedenen Marschformationen zu schulen und sie damit auf mögliche Einsätze vorzubereiten. O-Ton Prof. Oliver Stoll Die römischen Legionäre und Auxiliare waren körperlich fit in der Regel. Natürlich bringt der Dienst Gefahren mit, auch in der Ausbildung kann man sich die Knochen brechen. Es gibt einen Brief aus Ägypten, wo ein Soldat seinem Vater schreibt, er habe sich solange nicht melden können, weil die ganze Einheit eine Fischvergiftung gehabt hätte. Also das gibt es auch. Aber die medizinische Versorgung im Militär war hervorragend, weil die Soldaten ein wertvolles Gut waren. Und in der Antike gab es wohl nirgends so ein gut organisiertes Sanitätswesen wie im römischen Militär. Man kann sagen, dass die ersten Krankenhäuser Europas im Umfeld der römischen Legionslager entstehen. ERZÄHLERIN: Viele Arztbestecke aus der Antike sind fast eins zu eins noch heute im Einsatz: Skalpelle, Knochenheber, Knochenhammer oder Venenklemmen. Es geht darum, die wertvollen römischen Soldaten so lange wie möglich dienstfähig zu erhalten. So wird unter Kaiser Augustus das Sanitätswesen fest in die Berufsarmee integriert. Es gibt Ärzte, oft Griechen, aber auch Sanitäter, die die Verwundeten direkt auf dem Feld behandeln können. ERZÄHLERIN: Auch auf die Hygiene wird im römischen Militär sehr geachtet. Die Thermenanlagen, die meist ziemlich bald nach Errichtung eines neuen Kastells erbaut werden, spielen dabei eine große Rolle. Bad Gögging, Wiesbaden oder Baden Baden waren alle einst solche Badeanlagen für die römischen Soldaten. Aber auch Wasserklos tragen dazu bei, dass Infektionskrankheiten eingedämmt werden. MUSIK ERZÄHLERIN: Ein zentrales Thema für die Soldaten des römischen Militärs ist die Religion. Die Einsätze sind gefährlich, nur etwa die Hälfte erlebt nach der Dienstzeit den Veteranenstatus, und so sucht man den Schutz der Götter. Und davon gibt es viele. Nicht nur die berühmten 12 Staatsgottheiten Jupiter, Juno, Minerva, Vesta, Ceres, Diana, Venus, Mars, Mercurius, Neptun, Vulcanus oder Apollo. Die Religion des römischen Heeres ist ein komplexes Gebilde: Zum einen gibt es die offizielle und streng reglementierte Heeresreligion, mit dem für alle verbindlichen Kaiserkult und den zu verehrenden Staatsgöttern. Daneben gibt es aber auch militärische Kultphänomene, die sich speziell aus den Bedürfnissen der Soldaten entwickelt haben, wie die Verehrung der eigenen Standarte. Zum anderen gibt es aber auch die erstaunlich vielfältige Privatreligion jedes einzelnen Soldaten. Dazu Oliver Stoll von der Universität Passau. O-Ton Prof. Oliver Stoll Jeder Soldat konnte grundsätzlich den Gott verehren, der ihm genehm war, von dem er sich Schutz erhofft hat. Und das hat er auch getan. Das waren zum Teil mitgebrachte Gottheiten aus der Heimat oder einem vorherigen Dienstort. Oder es waren Götter von vor Ort, oder Götter die er an einem besonderen Dienstort brauchte, zum Beispiel die Steinmetze haben gerne Herkules angerufen, weil er der Schutzgott der Steinmetze war. Oder Benefiziarier haben auch gern Jupiter angerufen, oder Merkur, den Gott der Kaufleute. ERZÄHLERIN: Diese Religionsfreiheit zeugt von einer großen Toleranz gegenüber anderen Kulturen und deren Bräuchen, Sitten und Kulten. Das Militär ist auch hier wieder ein Kulturträger. So überrascht es nicht, dass sich die Religionen vor Ort in den Provinzen vermischen. Ein Zeugnis dafür wurde bei Ausgrabungen in Regensburg-Ziegetsdorf entdeckt. Der dort gefundene Tempel ist schon in seiner Bauweise eine Besonderheit. Er ist nämlich nicht nach römischer Bauart konzipiert, sondern nach gallorömischer Art. Seine architektonischen Wurzeln liegen also in Frankreich und sind keltisch. Doch nicht nur die Architektur, sondern auch die Ausstattung dieses Tempels zeugt von einer multikulturellen und multireligiösen Nutzung. O-Ton Prof. Oliver Stoll Man sieht, wo die Leute überall hergekommen sind, die in so einem Heiligtum diesen Gott verehrt haben. Und dann sieht man, dass da die Soldaten einen Gott verehren, der mit dem Namen Merkur versehen wird, der aber vielleicht bei den Einheimischen ganz anders geheißen hat. Das ist die sogenannte Interpretatio Romana, also die Römer interpretieren auch die einheimischen Götter mit ihren eigenen, um sich eine Vorstellung zu machen. Ob die jetzt richtig ist oder nicht. Also auch die Tempelanlagen, die Kultanlagen sind multikulturelle Schmelztiegel, an denen wir Leute verschiedenster Herkunft fassen können. ERZÄHLERIN: Religionskriege, wie wir sie später erleben, sind der Antike fremd. Doch die Toleranz der Römer hat eine klare Grenze: O-Ton Prof. Oliver Stoll Wenn man nicht bereit ist für den Kaiser zu opfern. Das konnten die Römer nicht verstehen, dass man das nicht tut. Also bei allen das einende Element, das von absoluter Bedeutung gewesen ist: der Kaiserkult. Das ist ein Punkt, wo die Toleranz dann aufhört. ERZÄHLERIN: Besonders deutlich tritt dieser Konflikt zum Vorschein, als eine neue Religion entsteht, deren Anhänger sich weigern einen anderen Gott als den ihrigen zu ehren: das Christentum. MUSIK Etwa dreihundert Jahre nach Christus beginnt der langsame Verfall der römischen Legionen. Es finden sich nicht mehr genügend römische Bürger, die sich als Legionäre rekrutieren lassen, und so sind die Kaiser wie Diokletian oder Konstantin gezwungen ausländische Söldner anzumieten. Der innere Zusammenhalt nimmt ab, bald schon wird das Wort „Barbar“ als Synonym für „Soldat“ benutzt. Zwar sind diese Barbaren auch gute Soldaten, doch sie sind bei weitem nicht so loyal gegenüber Rom wie es die ursprünglichen Legionäre waren. Der Niedergang des Imperiums spiegelt sich auch in seinem Militär: Als Rom eines Tages geplündert wird, sind unter den Eindringlingen auch etliche Barbaren, die Jahre zuvor noch in der römischen Legion gedient haben. MUSIK

  4. Als der Strom nach Bayern kam - Wasserkraft und Widerstand

    26.01.2024 · 22 Min.

    Ganz Bayern hat Licht und Strom - vor gut hundert Jahren eine Zukunftsvision, die auf heftigen Widerstand stieß. Aber Bauingenieur Oskar von Miller ließ sich nicht beirren und setzte vor allem auf Wasserkraft. Autorin: Iska Schreglmann (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Iska Schreglmann Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Martin Fogt, Hemma Michel Technik: Andreas Lucke Redaktion: Nicole Ruchlak Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: König Ludwig III. - Bayerns letzter König von Carola Zinner DIESE FOLGE ANHÖREN Vom Zaren zum Sozialismus - Das große Experiment von Rainer Volk DIESE FOLGE ANHÖREN Die Münchner Räterepublik - Bayern sozialistisch von Yvonne Maier DIESE FOLGE ANHÖREN Das Frauenstimmrecht - Der erste Schritt zur Gleichberechtigung von Gerda Kuhn DIESE FOLGE ANHÖREN Ludwig II. - Der Mondkönig von Carola Zinner DIESE FOLGE ANHÖREN Mythos Prinzregentenzeit - Die letzten schönen Jahre? von Michael Zametzer DIESE FOLGE ANHÖREN Elisabeth von Österreich - Eine Kaiserin verweigert sich von Brigitte Reimer DIESE FOLGE ANHÖREN Franz Joseph I. - Der Kaiser der Donaumonarchie von Michael Zametzer DIESE FOLGE ANHÖREN Wilhelm II. - Phantast von Gottes Gnaden von Rainer Volk DIESE FOLGE ANHÖREN Linktipp: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  5. Tiere im Einsatz - Supernasen und Adleraugen

    25.01.2024 · 23 Min.

    Sie holen Drohnen vom Himmel, erschnüffeln gefährliche Landminen und unterstützen Kranke und Behinderte - Tiere sind in einigen Jobs besser als wir Menschen. Deshalb sind sie zu unverzichtbaren Helfern geworden. Autorin: Maike Brzoska (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Schild Technik: Roland Böhm Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Lena Fiebig, Tierärztin, Epidemiologin und Mitarbeiterin der Organisation Apopo; Stefan Schulz, Professor an der TU Braunschweig; Kathrin Wachholz, Krankenschwester an der Berliner Klinik für Psychiatrie und Neurologie des Theodor Wenzel Werks und Fachkraft für Tiergestützte Intervention; Sandra Wesenberg, Sozialpädagogin und Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin; Herbert Boger, Falkner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 ATMO (Rattentraining) Vogelgezwitscher, exotische Naturgeräusche SPRECHERIN Eine hügelige, etwas trockene Landschaft in Tansania. Auf einer Wiese groß wie ein Fußballfeld sind mehrere längliche Rechtecke abgesteckt. Am Rand eine Trainerin in blauer Arbeitskleidung und mit einer langen Leine in der Hand. Am anderen Ende der Leine – eine Ratte. ATMO kurz hochziehen … Stück für Stück sucht die Ratte den Boden ab. Die Nase mit den langen Härchen schnuppert mal hierhin, mal dorthin. Dann stoppt die Ratte und gräbt mit ihren kleinen Vorderpfoten in der Erde. Sie hat die Sprengstoffattrappe gefunden. Test bestanden! Zur Belohnung bekommt sie von ihrer Trainerin ein Stück Banane. 02 O-TON (Fiebig)_NEU Dieses ganze Training findet in Tansania statt in Kooperation mit der dortigen Universität, der Sokoine Universität für Agriculture, und dort schließen wir das Traninig mit ner internen Prüfung ab, und dann sind die Ratten fertig für den Einsatz. SPRECHERIN Lena Fiebig ist Tierärztin und Epidemiologin. Sie arbeitet für ‚Apopo‘; die belgische Organisation nutzt Ratten für humanitäre Zwecke und hat auf ihrer Homepage Videos vom Rattentraining veröffentlicht. Die Tiere werden etwa darauf konditioniert, Landminen aufzuspüren. Denn die sind für die Bevölkerung in Afrika und Teilen Asiens ein großes Problem. Immer wieder kommt es zu Verletzungen und auch zu Todesfällen: 03 O-TON (Fiebig)_NEU Und neben dieser Explosionsgefahr ist es auch ganz besonders weitreichend, dass die Bevölkerung ja häufig um diese Minen weiß oder Gerüchte weiß und deswegen diese Gebiete natürlich meidet. Und dadurch ist der Zugang zu Wasser versperrt, Felder werden nicht bewirtschaftet und Verkehrswege können nicht genutzt werden, also Kinder zum Beispiel müssen viel weitere Wege zur Schule wählen. Und das bremst natürlich die ganze wirtschaftliche Entwicklung. Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 1´03´´) SPRECHERIN Mindestens neun Monate werden die Ratten für diese Aufgabe trainiert. Zum Einsatz kommt die in Afrika heimische Riesenhamsterratte. Bis zu anderthalb Kilo kann sie auf die Waage bringen – ein echtes Schwergewicht im Vergleich zu unseren Ratten. Aber immer noch leicht genug, dass der Sprengstoff im Boden nicht detoniert, wenn sie drauftritt. Das macht die Riesenhamsterratte zum idealen Spürtier: 04 O-TON (Schulz) Sie können also Gerüche sehr gut wahrnehmen. Und bei diesen afrikanischen Ratten hat sich halt herausgestellt, dass es da besonders gut ist. SPRECHERIN Der Chemiker Stefan Schulz. Er ist Professor am Institut für Organische Chemie der Technischen Universität Braunschweig. Die Ratten sind auf den Sprengstoff konditioniert und damit sehr viel effektiver als Metalldetektoren, die bei jedem Stück Blech im Boden Alarm schlagen. Ist die Ratte fündig geworden, kommt ein Räumungsteam zum Einsatz. Die Mine wird kontrolliert gesprengt. M Marking time weg 05 ATMO (Explosion) Mann zählt laut in fremder Sprache, Mine explodiert. SPRECHERIN Mehr als 100.000 Landminen sind auf diese Weise in afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Ländern seit den 1990ern beseitigt worden. Der große Erfolg rührt auch daher, dass Sprengstoffe für die Ratten relativ leicht zu erschnüffeln sind: 06 O-TON (Schulz) Sie haben verschiedene Minenhersteller, die verschiedene Sprengstoffe benutzen, aber das ist ein überschaubares Gebiet, darauf kann man sie relativ gut trainieren. M Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 0´27´´) SPRECHERIN Anders ist das bei Krankheiten wie der Tuberkulose. Aber auch dafür nutzt man die Apopo-Ratten inzwischen mit Erfolg. Die Ratten können anhand des ausgehusteten Auswurfs erschnüffeln, ob ein Patient mit Tuberkulose-Bakterien infiziert ist oder nicht. Das ist schwieriger als Minen zu finden, weil jeder Patient anders riecht und auch etwas Anderes gegessen hat: M Marking time weg 07 O-TON (Schulz) Die Variation zwischen den Proben ist erheblich höher als zwischen diesen Sprengstoffproben. SPRECHERIN Schulz ist eigentlich Grundlagenforscher, arbeitet bei diesem Thema aber mit Apopo zusammen. Die Frage, die sein Team interessiert, ist: Was macht den Geruch der Tuberkulose-infizierten Proben genau aus? 08 O-TON (Schulz) Welche Stoffe das eigentlich sind, die die Ratten erkennen? Wir sind also an der chemischen Natur dieser Duftstoffe interessiert. SPRECHERIN Tuberkulose ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch viele Todesopfer fordert: 09 O-TON (Fiebig)_NEU Tuberkulose gilt als die tödlichste Infektionskrankheit weltweit. Das ist die Weltgesundheitsorganisation, die diese Zahlen bereitstellt, und die schätzt, dass jedes Jahr etwa 10 Millionen Menschen an Tuberkulose erkranken und 1,5 Millionen Menschen sterben jedes Jahr. Und das sind etwa 4000 Menschen pro Tag. M Marking time M0010622003 unter folgendem: (Dauer: 0´52´´) SPRECHERIN Eigentlich ist Tuberkulose gut behandelbar – aber man muss die Krankheit erkennen, und zwar möglichst in einem frühen Stadium. In Deutschland würde man eine genetische Analyse des Auswurfs eines Patienten machen. Diese sehr zuverlässige, aber auch sehr kostspielige Methode steht in Afrika vielerorts nicht zur Verfügung. Deshalb hat Apopo mehrere Labore eingerichtet, in denen sie die Auswurf-Proben von Patienten mithilfe der Ratten zweitchecken. Auf diese Weise werden etwa 40 Prozent mehr Tuberkulose-Infektionen entdeckt. Im Vergleich zu den anderen Diagnostiken erschnüffelt eine Ratte die Krankheit relativ zuverlässig, kostengünstig – und äußerst schnell: M Marking time weg 10 O-TON (Fiebig)_NEU Die schafft ohne Weiteres 200 oder mehr Proben pro Tag. M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´) SPRECHERIN Die Mitarbeiter von Apopo nennen ihre Tiere inzwischen liebevoll ‚HeroRats‘ – ‚Heldenratten‘. Weil sie schon vielen Menschen das Leben gerettet haben. So wie auch andere Tiere, die für uns im Einsatz sind. Hunde finden Verletzte unter den Trümmern eingestürzter Häuser oder unter Massen von Schnee. Pferde oder Esel tragen Lasten in unwegsames Gelände. Vögel sichern den Luftraum an Flughäfen oder vertreiben Krähen, die Saatkörner von den Feldern picken. M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´51´´) Und zunehmend helfen Tiere auch Menschen, die in schweren Krisen stecken: 11 O-TON (Luca) Ich war am Anfang auf der Geschlossenen Station, hatte ziemlich harte Depressionen unter anderem, ich hab sofort ne Panikattacke bekommen, sobald es irgendwie aus den Türen der Station rausging. SPRECHERIN Mehrere Wochen hat die Patientin, nennen wir sie Luca, ihr Zimmer kaum verlassen. Sie wollte niemanden sehen, nicht mit Ärzten sprechen – und vor allem nichts erklären müssen: 12 O-TON (Luca) Ich bin halt hierher gekommen nach nem Suizidversuch und ja, hatte halt so ein bisschen abgeschlossen mit der Welt, sag ich mal so. Ich wollte einfach nicht mit Menschen drüber reden, weil ich erstens wusste, dass sie mich nicht wirklich verstehen werden können. Und ich halt auch gar niemanden mehr etwas erklären wollte, ich war halt einfach so, ich will halt einfach nicht mehr, ich wollte nichts mehr verbessern. M All you got weg SPRECHERIN Deshalb hat sie sich anfangs auch den Therapien verweigert, zumindest den herkömmlichen, wie der Gesprächs- oder Ergotherapie. In der Berliner Klinik für Psychiatrie und Neurologie des Theodor Wenzel Werks gibt es aber noch ein besonderes Angebot – die Hundetherapie: 13 ATMO (Interaktion Milka und Luca) Milka, nicht ganz so weit, da komm ich nicht mit. Milka, schau mal hier, schau mal hier. SPRECHERIN Milka hat ein braunes Fell und wackelt mit dem ganzen Körper, wenn sie sich freut. Um die Labradordame kennenzulernen, hat Luca sogar ihre Angst, die Station zu verlassen, überwunden: 14 O-TON (Luca) Quasi meine ersten Gänge außerhalb der Station waren dann, dass ich gesagt hab; Ich probier erst mal von der Station zum Büro zu laufen, weil ich halt dann wusste, okay, ich sehe Milka. Und das war das Erste, worauf ich mich auch so ein bisschen wieder freuen konnte, in einer Zeit, wo ich dachte, ist eh alles egal und ich freu mich auf gar nichts eigentlich mehr. M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´44´´) SPRECHERIN Von der Station zum Büro von Kathrin Wachholz – die ersten Schritte waren gemacht. Wachholz ist Krankenschwester und Fachkraft für Tiergestützte Intervention. Sie bietet die Hunde-Therapie in der Klinik an. Ein bis zwei Mal pro Woche trifft sie mit Milka ihre Patientinnen und Patienten. Oft sind das junge Menschen, die in einer schweren depressiven Krise stecken, manchmal auch noch Angst- oder Panikstörungen haben, zum Beispiel Angst haben vor Leuten zu sprechen oder in den Supermarkt zu gehen. Manche sind so niedergeschlagen, dass sie kaum aus dem Bett kommen. Aber Milka schafft es oft, sie für einen Moment aus ihrer Lethargie zu holen: M All you got C1595050114 weg 15 O-TON (Wachholz) Es geht schon los, dass wir jemandem, der morgens überhaupt nicht hochkommt, sagen; Okay, wir treffen uns morgen um neun mit Milka, bis dahin haben Sie sich bitte angezogen, gefrühstückt, Zähne geputzt und dann gehen wir mit ihr raus. Und das ist für viele ne Motivation, diese Schritte zu machen. SPRECHERIN In der Hunde-Therapie geht es vor allem darum, die positiven Ressourcen zu fördern, erklärt Wachholz: 16 O-TON (Wachholz) Ich weiß in der Regel vom Arzt die Diagnose Depression, und wir sprechen aber nicht über die Symptome und die vielen kranken Seiten, sondern eher über die gesunden Anteile. Was bist du für ein Mensch, gehst du viel raus oder bist du eher introvertiert, spielst du gern Schach mit deinem Freund? Oder bist du gerne in der Gruppe unterwegs? Und dann gucken wir, dass wir über Milka da drankommen. Das ist bei den Patienten ganz unterschiedlich, ganz individuell, weil jeder hat auch einen anderen Bezug zum Hund. SPRECHERIN Manche fangen an, sich mit Milka wieder mehr zu bewegen oder sie treffen beim Spaziergang mit ihr andere Patienten. Auch Luca hat so schon einige Leute auf dem Klinikgelände kennengelernt. Sie ist auch deshalb so gern mit Milka unterwegs, weil man einem Hund nichts erklären muss: 17 O-TON (Luca) Das ist eben das Besondere an Tieren, man muss denen nicht irgendwie seine Lebensgeschichte erzählen oder man wird nicht verurteilt, je nachdem, ob man jetzt ein sehr ängstlicher, introvertierter Mensch ist oder nicht. Die kommen mit so einer Ehrlichkeit auf einen zu, dass man denen einfach glaubt, wenn sie einem zeigen, dass sie einen gern dahaben. SPRECHERIN Vielen Patientinnen und Patienten in schweren Krisen fällt es zunächst leichter, sich auf ein Tier einzulassen als auf einen Menschen. Das hat Wachholz immer wieder festgestellt: 18 O-TON (Wachholz) Viele Menschen, die bei uns Hilfe suchen, haben in frühester Kindheit so ne Bindungs- und Beziehungsstörung erlebt zu den Eltern. Und die haben grundsätzlich auch Probleme mit anderen Menschen, Bindungen und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, aus Angst, dass die abgebrochen werden könnten. Mit dem Hund ist das was Anderes, da haben die weniger Probleme. Wahrscheinlich weil sie weniger Angst haben enttäuscht zu werden. SPRECHERIN Je nach Problemen arbeitet Wachholz in der Hunde-Therapie mit Nah- und Fernzielen: 19 O-TON (Wachholz) Nahziel wäre zum Beispiel: erst mal pünktlich zum Termin kommen. Aufstehen, anziehen, sich pflegen. Fällt vielen Depressiven schwer. Und ein Fernziel wäre dann – mit Angsterkrankung – dass man zusammen bei Edeka einkaufen geht. SPRECHERIN Milka begleitet manche auch zu schwierigen Gesprächen. Luca beispielsweise hatte anfangs große Angst vor der Oberarzt-Visite. Aber mit der Labradorhündin an ihrer Seite ging es: 20 O-TON (Luca) Dass ich halt nicht immer diese Menschen, diese Riesenschar von Menschen anschauen muss, die mich dann anstarrt und mir irgendwelche Fragen stellt, dass ich halt einfach sie angucken kann und während ich sie streichel, ich meine Bedürfnisse äußere und die Fragen beantworte und das ging dann halt viel, viel leichter, weil die Konzentration dann nicht nur komplett auf mich war und das macht jedes Setting einfach ein bisschen lustiger, wenn da ein Hund mit dabei ist, da ist die Konzentration nicht ganz so krass auf einen, man fühlt sich nicht so, als ob man vor einer Jury aussagt irgendwie. M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´28´´) SPRECHERIN Luca hat seit ihrer Einlieferung in der Klinik große Fortschritte gemacht, auch dank Milka. Mittlerweile nimmt die junge Frau auch an anderen Therapien teil: 21 O-TON (Wachholz) Die Tiergestützte Intervention kann niemals für sich alleinstehen, also die bewirkt keine Wunder, aber sie kann Brücken bauen, Türen öffnen, sie kann begleiten, Mut machen und Menschen durchaus auch mal zeigen, wie es ist, wieder Freude zu spüren. M All you got weg M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´) SPRECHERIN Tiere kommen in der Arbeit mit Menschen immer häufiger zum Einsatz. Gleichzeitig wird die Mensch-Tier-Beziehung immer mehr erforscht. Etwa seit der Jahrtausendwende kann man diesen Trend beobachten, sagt die Sozialpädagogin Sandra Wesenberg. Sie ist Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und Autorin des Buches „Tiere in der Sozialen Arbeit“: 22 O-TON (Wesenberg) In Jugendwohngruppen, also im Bereich von stationärer Kinder- und Jugendhilfe, aber auch in Kitas, in Schulen, in Seniorenheimen, in Gefängnissen, in Psychiatrien. Überall da quasi, wo auch Sozialarbeiter tätig sind, sind heute auch Tiere anzutreffen. SPRECHERIN Wobei mit „tiergestützt“ vor allem Hunde, Pferde und Kleintiere wie Hamster oder Meerschweinchen gemeint sind: 23 O-TON (Wesenberg) Es sind sehr häufig Hunde, die eingesetzt werden. Es gibt einzelne Studien auch zum Bereich der Arbeit mit Kleintieren. Es gibt ein paar pädagogische Angebote, die sich im Nutztierbereich bewegen, also die beispielsweise auf Bauernhöfen angesiedelt sind. Und es gibt noch den breiten Bereich von pferdegestützten Interventionen. SPRECHERIN Allerdings eignet sich nicht jedes Tier für die Arbeit mit Menschen. Robust sollte es auf jeden Fall sein, wenn es zum Beispiel in Kitas oder Seniorenheimen auf viele streichelwütige Menschen trifft: 24 O-TON (Wachholz) Ein Tier, das in der TGI arbeitet, sollte Merkmale mitbringen wie: Relativ dickes Fell, ne gute Angstfreiheit und Aggressionsfreiheit, ne Menschenfreude, also mit nem scheuen Tier oder mit nem Tier, das Angst hat, brauchst du nicht anfangen zu arbeiten. SPRECHERIN Zu überdreht darf das Tier auch nicht sein. …: Fortsetzung O-TON 24 (Wachholz) … Und das sind eben auch Persönlichkeitsmerkmale, die kannst du auch in der Hundetherapie-Ausbildung nicht anerziehen. M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´) M Macro Molecular M0010586009 unter folgendem: (Dauer: 0´24´´) SPRECHERIN Milka wurde als Welpe gezielt für die Arbeit in der Psychiatrie ausgewählt. Wir Menschen können in vielerlei Hinsicht von dem Zusammensein mit Tieren profitieren. Eine der ersten und zugleich eindrücklichsten Studien, die das belegt hat, stammt aus den 1980er Jahren von einem Forscherteam um die US-Wissenschaftlerin Erika Friedman: M Macro Molecular weg 25 O-TON (Wesenberg) Die untersucht haben, inwiefern Patientinnen, Patienten im Krankenhaus nach nem Herzinfarkt überleben oder nicht? Was beeinflusst, ob Patientinnen, Patienten das kommende Jahr überleben? Und haben festgestellt, dass es neben ner guten sozialen Integration, also, dass jemand in nem sozialen Umfeld lebt, von Angehörigen beispielsweise unterstützt wird, dass neben diesem Faktor die Haltung von Haustieren, insbesondere von Hunden und Katzen, mit ner erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit verknüpft war. M Macro Molecular M0010586009 unter folgendem: (Dauer: 0´30´´) SPRECHERIN Die Studie hat auch deshalb für so viel Aufsehen gesorgt, weil die Tierhaltung gar nicht im Fokus der breit angelegten Studie stand. Vielmehr wurden viele unterschiedliche Faktoren abgefragt. Das Ergebnis hat damals viele überrascht. Es gab seitdem viele Folgestudien, die genauer wissen wollten, wie der positive Effekt zustande kommt. Hundehalter bewegen sich mehr, lernen schnell andere Hundebesitzer kennen – das ist klar. Aber auch schon das bloße Zusammensein mit einem Haustier kann das Stresslevel senken: M Macro Molecular weg 26 O-TON (Wesenberg) Das heißt, es gibt im physiologischen Bereich Hinweise darauf, dass sich bestimmte Stressparameter im Zusammensein mit Tieren reduzieren, also das sind Herzfrequenz, aber auch so was wie Cortisol-Spiegel, der vermindert wird im Zusammensein mit Tieren. Es sind andere Parameter, die man gemessen hat in den letzten Jahren, das sind Oxytocin, also Oxytocin ist ein klassisches Bindungshormon, was vor allem in der Mutter-Kind-Bindung ausgeschüttet wird und was verknüpft ist mit Entspannungseffekten, mit Effekten von Wohlbefinden, dass dieses Hormon auch im Zusammensein mit Tieren ausgeschüttet werden kann. Insbesondere wenn es eigene vertraute Haustiere sind. M Besides C1570290102 als Trenner – mit Tiergeräuschen (Dauer: 0´05´´) SPRECHERIN Voraussetzung für die positiven Effekte ist, dass man eine gewisse Affinität zu Tieren hat. Wer Hunde oder Katzen nicht besonders mag, wird vermutlich auch nicht von ihnen profitieren. Das ist anders bei den Tieren von Herbert Boger. Von ihnen profitieren sehr viele Menschen – meist ohne es zu wissen: 27 ATMO (Falkenlaut) SPRECHERIN Flughafen Hamburg. Hoch oben in der Luft zieht ein großer Falke seine Kreise. Er ist in Lauerstellung, hält Ausschau nach geeigneter Beute, bevor er zur Jagd ansetzt. „Anwarter“ heißt diese Technik: 28 O-TON (Boger) Das heißt, der Vogel steigt so auf 100, 150, vielleicht auch 200 Meter und dadurch können die Möwen und Krähen ihn relativ weit sehen und können das auch nicht kalkulieren, ab wann er dann einen Jagdflug macht. Und das verunsichert sie und deswegen nehmen sie dann schon mal Reißaus vorher. SPRECHERIN Zwei bis drei Mal pro Woche ist der Falkner Herbert Boger mit seinen großen Greifvögeln auf dem Flughafengelände. Etwas abseits der Start- und Landebahnen lässt er sie während des regulären Flugverkehrs fliegen. Zum Einsatz kommen Falken und ‚Harris`s Hawks‘, das sind Wüstenbussarde. Die Vögel nutzen unterschiedliche Techniken, um Beute zu machen: 29 O-TON (Boger) Der eine ist dann so der reine Verfolgungsflieger, der dann immer so den Krähen oder Möwen hinterher fliegt. Oder eben der Anwarter, der nur in die Luft steigt und von oben eben einen Jagdflug macht. Oder eben der Harris`s Hawk, der über ne kurze Distanz jagt. SPRECHERIN Durch die Kombination der Jagdtechniken vertreibt er Möwen, Krähen und andere ungebetene Gäste auf dem Flughafengelände besonders effektiv. Das ist wichtig, denn wenn Vögel mit Flugzeugen zusammenstoßen, kann das übel enden. Der sogenannte Vogelschlag ist allgemein gefürchtet: 30 O-TON (Boger) Vogelschlag heißt immer, irgendwie nen Kontakt mit dem Flugzeug an irgendeiner Stelle. SPRECHERIN Vor allem Triebwerke und Sensoren sind störanfällig. Ein Vogelschlag kann sogar zum Absturz einer Maschine führen. (Einen tödlichen Unfall gab es zuletzt 2012 in Mecklenburg-Vorpommern. Da war ein Fischadler mit einer Maschine der Bundeswehr zusammengestoßen. Zwei Menschen starben.)* Allerdings sind solche Unglücke extrem selten. 31 O-TON (Boger) Aber es kann dann schon sein, dass es zu einem Startabbruch kommt oder die Maschine dann so beschädigt ist, dass man eigentlich letztendlich sagen kann; Okay, sie muss den nächsten Flughafen anfliegen, um dann zur Reparatur zu kommen, also das kann schon passieren. M Echomotion Z8021443115 unter: (Dauer: 1´00´´) SPRECHERIN Anderthalb bis zweitausend Vogelschläge werden dem Verband für biologische Flugsicherheit pro Jahr gemeldet. (Aber nur gut ein Dutzend Flugabbrüche gab es in den vergangenen Jahren.)* Bei den Millionen Starts und Landungen ist das sehr wenig. Das liegt auch daran, dass die Vertreibung von Möwen und Krähen mithilfe ihrer natürlichen Fressfeinde sehr erfolgreich ist. Hamburg war deutschlandweit der erste Flughafen, der auf die biologische Vogelvergrämung gesetzt hat. Inzwischen nutzen etwa 30 Prozent der Verkehrsflughäfen und fast alle militärischen Flugplätze hierzulande diese Technik. 32 ATMO (Falkengeschrei) SPRECHERIN Bis zu 200 Stundenkilometer schnell sind Falken im Sturzflug. Beute machen sie am Hamburger Flughafen trotzdem selten. Weil Boger ihre Jagd immer schnell beendet. Seinen Falken lockt er mit einem Federspiel zu sich zurück: M Echomotion weg 33 O-TON (Boger) Das ist so ne Beuteattrappe, und da landet der Falke dann drauf, und da nehm ich ihn dann wieder ab und dann geht’s wieder weiter. SPRECHERIN Boger muss darauf achten, dass seine Vögel nicht zu lange an einem Ort sind. Sonst verlieren Möwen und Krähen den Respekt vor ihren vermeintlichen Fressfeinden: 34 O-TON (Boger) Also wenn der Vogel erst mal ne Stunde oder so auf dem Flughafen rumsteht und nicht seine Technik im Prinzip ausnutzen kann, dann werden die Krähen mutig und sagen: Ja, was will der hier? Den vertreiben wir mal, weil die Krähen sind da meinetwegen mit hundert Stück, und da hat der einzelne Vogel kaum ne Chance. Dann treiben die den aus dem Flughafengelände raus, und dann sind sie die Sieger. Das heißt, es ist ein kurzer Überraschungsflug und dadurch ist dieser Effekt der Vergrämung viel größer. SPRECHERIN Beute machen darf Bogers Vogel also nicht. Aber ein Stück Taubenfleisch bekommt sein Falke trotzdem: 35 O-TON (Boger) Die kleine Belohnung muss im Prinzip auch sein, auch wenn der keine Beute gemacht hat, die Beute wäre ja sonst seine Belohnung. Wenn er keine Beute gemacht hat, holt der sich die Belohnung quasi bei mir ab. M All you got C1595050114 unter folgendem: (Dauer: 0´26´´) SPRECHERIN Am Ende zahlt sich ihr Einsatz also nicht nur für uns Menschen aus, sondern auch für die Tiere: Der Falke und die Minen-schnüffelnde Hamsterratte werden mit Leckereien belohnt und Therapiehund Milka genießt die Streicheleinheiten und Zuwendung ihrer menschlichen Patienten.

  6. Das Öffentliche - Philosophische Betrachtungen

    23.01.2024 · 22 Min.

    Der Mensch als kommunizierendes, politisch handelndes Wesen braucht die Öffentlichkeit. Demokratie ist ohne debattenfreudige Öffentlichkeit nicht vorstellbar. Philosophische Gedanken über die Beziehung Mensch und Öffentlichkeit. Autorin: Beate Meierfrankenfeld (BR 2018) Credits Autorin dieser Folge: Beate Meierfrankenfeld Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Christiane Roßbach, Stefan Wilkening, Hemma Michel Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  7. Pauperismus - Verelendung im vorindustriellen Deutschland

    22.01.2024 · 22 Min.

    "Pauperismus" nannten Zeitgenossen die Massenarmut, die zwischen 1750 und 1850 in den deutschen Staaten um sich griff in Folge der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche, die mit dem Beginn der Industrialisierung einhergingen. Autorin: Renate Eichmeier (BR 2019) Credits Autorin dieser Folge: Renate Eichmeier Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Irina Wanka, Friedrich Schloffer Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Karl Borromäus Murr (Dr.; Leiter d. Staatlichen Textil- u. Industriemuseums Augsburg) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER: Zerlumpte Kinder, die betteln, niedrige Hütten aus Lehm und Baumzweigen, nass und feucht, ohne Kamin, voller Rauch und Dunst, eine magre Kuh, karge Felder … Gebe man einem der kleinen bettelnden Mädchen eine Silbermünze, dann sei dies mehr als sie in mehreren Wochen mit Flachsspinnen verdienen könne. ERZÄHLERIN: Anfang der 1840er Jahre beschrieb der junge Journalist Georg Weerth die Armut in der Senne, einer Heidelandschaft in der Region Ostwestfalen-Lippe. Die Menschen dort hatten über Generationen hauptsächlich vom Flachsspinnen und Leinenweben gelebt. Vom nahegelegenen Bielefeld aus, einem Zentrum des Leinenhandels, wurden ihre Produkte verkauft. Und nicht nur von dort gab es Berichte über die zunehmende Armut. SPRECHER: Aus allen Gauen Deutschlands gebe es seit einigen Jahren Klagen übersteigende Armut, Nahrungslosigkeit, Verarmung ganzer Bezirke und auch über die Unzulänglichkeit der Almosen, die gegeben werden, um das Leid zu lindern. ERZÄHLERIN: Schrieb ein anonymer Autor 1844 in einem Essay in der "Deutschen Vierteljahres Schrift" – und: SPRECHER: Das rasch um sich greifende Übel, der Pauperismus, sei nichts Vorübergehendes – etwa hervorgerufen durch ein Stocken des Handels oder eine Missernte, die Klagen würden seit Jahren immer häufiger und dringender, mit einem Wort: der Notstand wachse und wachse. O1 Murr 36'' Pauperismus ist Massenarmut und zwar in einem Ausmaß, dass die Schere zwischen der wachsenden Bevölkerung und den zur Verfügung stehenden Ressourcen, also Arbeitsplätze, aber auch Nahrung - die Schere geht immer weiter auseinander, so dass plötzlich viel mehr Menschen der Armut verfallen, ans Existenzminimum gelangen, ja Hungertod sterben, Tausende. Das ist also wirklich dramatisch und das ist ein neues Phänomen, das in Deutschland so in den 1820er, 30er, 40er Jahren voll durchschlägt. MUSIK ERZÄHLERIN: In vielen Gebieten Europas grassierten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder Hungersnöte. Auch in Deutschland waren ganze Landstriche betroffen. Breite Bevölkerungsmassen verarmten, lebten am Existenzminimum, hungerten. Aufstände drohten. Wie konnte es dazu kommen? O2 Murr 9'' Wirtschaftlich befinden wir uns in einer Übergangsphase. Der allererste Faktor ist nach wie vor die Agrargesellschaft, die Landwirtschaft. Die meisten Menschen wohnen nach wie vor auf dem Land. ERZÄHLERIN: Und die Menschen auf dem Lande wurden mehr – seit Mitte des 18. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung stark und kontinuierlich. Die Landwirtschaft konnte hier nicht mithalten, die Lebensmittel waren knapp, die Preise stiegen … Die deutschen Länder, seit 1815 lose vereint im Deutschen Bund, suchten nach Abhilfe. Sie wollten die Landwirtschaft modernisieren, die Produktivität steigern. Dafür mussten die alten feudalen Strukturen, die noch aus dem Mittelalter stammten, überwunden werden. Das hatte allerdings schwerwiegende Folgen für die Bauern. Denn in jenen feudalen Strukturen standen sie in einem komplexen Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Grundherren, hatten oft den Status von Leibeigenen ohne persönliche Freiheiten und mussten Frondienste und Abgaben leisten. Dafür bekamen sie allerdings im Gegenzug Hilfe von den Grundherren bei Ernteausfällen, Bränden, Schulden. Diese Strukturen sollten nun aufgebrochen werden. Die deutschen Staaten leiteten Reformen ein, die von der Geschichtsschreibung als "Bauernbefreiung" bezeichnet werden. Der Prozess zog sich über Jahrzehnte hin, lief regional unterschiedlich und ziemlich chaotisch ab. In der Regel bekamen jedenfalls die Bauern persönliche Freiheiten, durften Beruf, Aufenthaltsort, Ehepartner selbst wählen und wurden vom Frondienst befreit, teilweise bekamen sie auch die Höfe, die sie bewirtschafteten, als Eigentum übertragen. Soweit die Vorteile. Aber das Ganze war auch mit existenziellen Nöten verbunden: Denn die Bauern mussten ihre Grundherren entschädigen, sie verschuldeten sich und verloren nicht selten Haus und Hof. Sprich: Sie wurden zwar frei, aber arm. Sie hatten nichts mehr und mussten sich als Landarbeiter verdingen. Später analysierte der Historiker Friedrich Knapp die Zwiespältigkeit der sogenannten "Bauernbefreiung". SPRECHER: Das herrschaftliche Gut sei in eine neue Stufe seines Daseins getreten: die Bauern müssten nicht mehr geschützt werden, die Gutsherren, die durch die Entschädigungen bereits Land dazugewonnen hätten, könnten nun auch noch die unabhängig gewordenen Bauernhöfe aufkaufen und hätten zudem Landarbeiter zur Verfügung, die eben keine Landwirte mehr wären, sondern nur Arbeiter, die nicht dauerhaft blieben. MUSIK ERZÄHLERIN: In ländlichen Gewerbegebieten wie Nordböhmen, Sachsen oder Schlesien versuchten viele Bauern, sich durch zusätzliche Heimarbeit den Lebensunterhalt zu sichern. Mit arbeitsintensiver Handarbeit am Spinnrad oder am Webstuhl produzierten sie zuhause Stoffe und Garne, die dann von sogenannten Verlegern überregional vertrieben wurden. O3 Murr 22'' Früher war der Verleger sozusagen der Vorgänger des Unternehmers, der eine sogenannte Heimindustrie organisiert hat, dass meinetwegen Handweber oder Spinner, die Textilproduktion, das Textilgewerbe, dass die Aufträge bekommt. Der Verleger sorgt dann für den Verkauf der Waren und verdient auch am meisten, hat zugleich diese Heimindustrie unter seinem Gängelband. ERZÄHLERIN: Das Verlagssystem, das vor allem die Textilindustrie betraf, hielt die Bauern und Heimarbeiter in Armut - denn es waren nicht sie, die wirklich vom Verkauf der hergestellten Waren profitierten, sondern der Verleger. Verglichen mit England war die Heimarbeit in Deutschland ohnehin veraltet. Schon seit mehreren Jahrzehnten lief in England die Industrialisierung auf Hochtouren. Grundherrschaft war schon früh abgeschafft, eine Infrastruktur aufgebaut, freier Handel möglich gemacht worden. Der Einsatz von mechanischen Webstühlen und Spinnmaschinen war dort schon längst die Regel, während in Deutschland erst vereinzelt Manufakturen entstanden, in denen Teilprozesse mechanisiert waren, die meiste Arbeit aber noch mit der Hand gemacht werden musste. Zunächst durften die Engländer aber wegen der sogenannten Kontinentalsperre nicht auf das europäische Festland exportieren. So konnte die rückständige deutsche Heimindustrie mangels Konkurrenz erstmal gedeihen. Als aber 1815 die Kontinentalsperre aufgehoben wurde, fluteten die englischen Industrieprodukte den deutschen Markt. Die Heimindustrie stürzte in eine tiefe Krise. Und mit ihr die Heimarbeiter. O4 Murr 28'' In Deutschland ging ja die Industrialisierung fast eine Generation später los im Vergleich zu England, d.h. es mussten Hand-Weber und Spinner konkurrieren mit Maschinen-Produkten aus England, das konnte nicht gutgehen. Gerade die wirklich krassen Beispiele der schlesischen Weber, die sich ja wiederholt erhoben hatten, die sind ein Zeugnis, dass hier Wettbewerbe einfach nicht mehr gegen die Industrie bestanden oder gewonnen werden konnten. ERZÄHLERIN: Mittellose Heimarbeiter, verarmte Bauern und Landarbeiter, Arbeitslose – die armen Massen auf dem Land: Auf der Suche nach Arbeit zogen sie in die Städte und landeten oft in den Armenvierteln. Zwar waren die Zünfte mit ihren strikten Arbeitsregelungen in Auflösung begriffen, vielerorts wurde Gewerbefreiheit eingeführt, so dass prinzipiell ein Job als Handwerker möglich war. Doch der Markt war überschwemmt mit Arbeitssuchenden. Miserabel bezahlte Jobs, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alkoholismus, Kriminalität, Bettelei waren die Folge. O5 Murr 14'' Kürzungsmöglichkeit Oft haben sich die Handwerkerzahlen verdoppelt in diesen Jahren. Und so viel Nachfrage gab es gar nicht. Die Konzessionierungen mussten eingeschränkt werden. Es waren einfach viel zu viele Menschen für viel zu wenig Arbeit vorhanden. MUSIK SPRECHER: Kinder, halbnackt, die in der Hütte kauern, ein kranker Großvater auf einem Strohlager. Sein Sohn, der Bauer, kann seine Familie nicht mehr ernähren. Eine Missernte habe es gegeben, so der Bauer, er habe keine Vorräte mehr. Der Leinen-Handel liege darnieder. England betreibe ihn mit großem Erfolg. Das Garnspinnen bringe nicht mehr genug Geld zum Überleben. ERZÄHLERIN: Wie viele der zeitgenössischen Journalisten thematisierte auch der Journalist Georg Weerth die Gründe für die Massenverarmung in seinem Artikel über die Senne, der ostwestfälischen Heidelandschaft nahe Bielefeld. Und er stellte in seinem Artikel dem Bauern die Frage, die viele seiner Zeitgenossen beschäftigte und die implizit den Armen die Schuld für ihre Misere gab. SPRECHER: Warum, zum Teufel, habe er auch so viele Kinder? ERZÄHLERIN: Zwischen 1816 und 1864 stieg die Einwohnerzahl im Deutschen Bund um über 50 Prozent: von 30 Millionen auf 46 Millionen. Über die Ursachen gibt es bis heute in der Wissenschaft Debatten. Diskutiert werden: bessere medizinische Versorgung, geringere Säuglingssterblichkeit, ausbleibende Seuchen wie Pest oder Cholera, Verbesserungen in der Landwirtschaft, dadurch insgesamt bessere Versorgung mit Lebensmitteln. In Sachsen verdoppelte sich die Bevölkerung, in Preußen wuchs sie um über 80 Prozent, im süddeutschen Raum um etwa ein Drittel. In der Öffentlichkeit machte sich die Angst vor einer Überbevölkerung breit und die Angst, die Menschen nicht mehr ernähren zu können. Auch wenn sich die Landwirtschaft zwischen 1750 und 1850 entscheidend verbessert hat. O6 Murr 16'' Die Produktivität konnte gesteigert werden: von der berühmten Dreifelderwirtschaft, wo ja immer ein Drittel brachlag, wurde eine intensivere Bewirtschaftung aller Flächen mit eben Fruchtfolgenwechsel eingeleitet. Dadurch konnten viel mehr Leute ernährt werden. Erzählerin: Aber dann war ein Sättigungsgrad erreicht. O7 Murr 5'' Ab den ja 1810er, 20er Jahren. Das konnte nicht weiterwachsen. Die Bevölkerung wuchs aber weiter. ERZÄHLERIN: Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hatte der Engländer Thomas Robert Malthus Furore gemacht mit seinem "Essay on the Principle of Population". Darin stellt er die These auf: SPRECHER: Die Lebensmittelproduktion wachse linear, die Bevölkerung aber vermehre sich exponentiell, Lebensmittelproduktion und -nachfrage klafften also immer weiter auseinander, Hunger und Armut seien die Folge. ERZÄHLERIN: Robert Malthus wurde auch in Deutschland intensiv rezipiert. Hatte man früher Hungersnöte als gottgegeben hingenommen, entbrannte nun eine öffentliche Diskussion um das nicht zu übersehende Phänomen der massenhaften Verarmung, wofür sich den 1820er Jahren der Begriff "Pauperismus" durchsetzte: übernommen aus dem Englischen, abgeleitet vom Lateinischen "pauper", arm. O8 Murr 37'' Der Pauperismus ist nicht nur ein Phänomen auf der sozialen-wirtschaftlichen Ebene, sondern ein Phänomen auch einer neuen Wahrnehmung der Not und auch eine Wahrnehmung der menschgemachten Not. Früher war es Schicksal, heute war es sozusagen vom Menschen gemacht. Und es gibt ganz viele Quellen eigentlich von Schriftstellern, von staatlichen Beamten, die sozusagen in die Landschaft gehen und Beobachtungen anstellen. Und alle versuchen natürlich die Not sich zu erklären, weil es war in dieser Massierung ein neues Phänomen. ERZÄHLERIN: Die Massenarmut beunruhigte die staatlichen Obrigkeiten und das aufstrebende Bürgertum gleichermaßen. SPRECHER: Die Reichen hätten Angst und wollten sich um jeden Preis gegen die Gefahren sichern, die sie von dem wachsenden Elend der Armen befürchteten. ERZÄHLERIN: Schrieb zu jener Zeit der Historiker Friedrich Bülau. SPRECHER: Wenn die Reichen es den Armen erleichtern würden, durch eigene Anstrengung zu mehr Wohlfahrt zu kommen, sei allen geholfen. Die Reichen aber handelten nur auf Kosten der Armen, glaubten, sich durch Verbote vor der Gefahr schützen zu können, die von den Armen ausgeht, verstärkten aber im Grunde genommen die Gefahr dadurch. ERZÄHLERIN: Die Angst vor Aufständen war groß, vor einem Heer der Armen, das außer Kontrolle gerät. Schließlich hatte die Französische Revolution 1789 hatte das feudalistische Europa in seinen Grundfesten erschüttert, aller Welt die Macht der Massen vor Augen geführt, ein über Jahrhunderte bestehendes monarchisches Herrschaftssystem hinweggefegt. Die sogenannte Pauperismus-Literatur entstand: Essays, Aufsätze, Stellungnahmen, Analysen, Polemiken. Kritische Stimmen führten wirtschaftlich-strukturelle Gründe an: die Konkurrenz durch die englischen Industrieprodukte, die chaotisch ablaufende Bauernbefreiung, zu hohe Steuern, die von den Armen verlangt würden … Journalisten wie Georg Weerth oder Wilhelm Wolff, die beide Karl Marx, Friedrich Engels und der aufkommenden kommunistischen Bewegung nahestanden, ergriffen die Partei der Armen. Auf konservativ-bürgerlicher Seite dominierten dagegen Furcht vor Unruhen und Schuldzuweisungen an die Armen: zu viele Kinder, mangelnde Selbstdisziplin, mangelnder Arbeitswille …Und: O9 Murr 19'' Es gab Stimmen, auch Jeremias Gotthelf zum Beispiel, der Schriftsteller, die alle sozusagen fast apokalyptisch wurden, vor einem Ausbrechen, vor einem Politisch-Werden, vor einem Massenprotest und gewaltsamen Umsturz dieser verelenden Proletarier warnten. MUSIK ERZÄHLERIN: Die Armen selbst hatten keine Stimme, die gehört wurde. Sie mußten versuchen zu überleben. Kamen dann noch Naturkatastrophen hinzu, spitzte sich ihre Situation lebensbedrohlich zu. 1815 brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus. Die Ernte in Europa fiel fast komplett aus. Es folgten katastrophale Hungersnöte. 1816/17 waren allein in Köln 18 bis 19 Tausend Menschen auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Das war ein Drittel der Einwohner. Doch auch in Jahren ohne außergewöhnliche Krisen brauchten 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung Hilfe – nicht nur in Köln, auch in anderen großen Städten wie Hamburg, Barmen, Elberfeld. 1830 soll jeder vierte Berliner Unterstützung bekommen haben. Auf dem Land in Preußen waren Schätzungen zufolge etwa 50 Prozent der Menschen eigentumslos, also auf Lohnarbeit angewiesen, auf Erwerbsmöglichkeiten, die oft fehlten. MUSIK ERZÄHLERIN: In den 1840er Jahren erreichte die Krise ihren Höhepunkt. Missernten und Kartoffelfäule führten zu einer dramatischen Verknappung und explosionsartigen Verteuerung der Grundnahrungsmittel. Zeitweise konnten sich die meisten nicht einmal mehr Kartoffeln leisten. O11 Murr 27'' Es gibt ganz viele Regionen in Deutschland, die betroffen waren, stark der deutsche Südwesten, aber auch Westdeutschland, Hessen, der Nordwesten, Bielefeld, diese Region war sehr stark betroffen. Schlesien, berühmt ist ja der schlesische Weber-Aufstand 1844. Und auch das Erzgebirge, das heißt: es war schon flächig sehr verteilt und gleichermaßen in Städten und auf dem Land. ERZÄHLERIN: Die Kommunen, die zuständig waren für die Armenversorgung, waren überfordert, Unruhen und Tumulte die Folge: In Berlin kam es zu der sogenannten "Kartoffel-Revolution", in Bayern zu "Bierkrawallen" … Oft begannen die Proteste auf den Märkten, wo den Händlern Waren weggenommen wurden. Dutzende, oft Hunderte schlossen sich zusammen, bewaffneten sich mit Knüppeln, plünderten Läden und Getreidespeicher, blockierten den Abtransport von zum Export bestimmten Gütern, zogen übers Land, requirierten gewaltsam Nahrungsmittel. Allein 1847 gab es etwa 200 solcher Aufstände in den Ländern des Deutschen Bundes, mehr als die Hälfte davon in Preußen. Es waren Ausbrüche ohne politische Zielsetzung, auch ohne eine überregionale Vernetzung. Die Regierungen reagierten teils mit Einsatz von Polizei und Militär, teils boten sie Hilfen an: Geld für Kredite, Saatkartoffeln, Getreide aus Militärmagazinen … Aber nachhaltige Konzepte für den Umgang mit den Hungerkrisen und der zunehmenden Massenverelendung fehlten. Die Länder des Deutschen Bundes griffen in erster Linie zu Verboten wie Bettlerverordnungen und Eherechtsbeschränkungen, um die Armen unter Kontrolle zu halten. O12 Murr 51'' Wichtig ist zu wissen, dass Armut lange Zeit kein Gegenstandsbereich staatlicher Fürsorge gewesen ist, sondern dass für die Armen die jeweilige Gemeinde, die Kommune aufzukommen hatte. Das heißt, wenn jetzt die Armut steigt, wenn der Hunger wächst, dann werden die Kommunen viel restriktiver. Es wurde peinlichst darauf geachtet, dass nicht zu viele, die eben sich nicht selbst ernähren können, heiraten dürfen. ERZÄHLERIN: Preußen war das einzige Land des Deutschen Bundes, in dem es volle Freiheit der Eheschließung gab, obwohl auch in Berlin die Situation in den Armenvierteln katastrophal war: drängende Enge in den Wohnungen, mangelnde Hygiene, Krankheiten … Suppenküchen wurden gegründet, Wärmestuben, Sparvereine, Brotvereine: Das waren aber nur Tropfen auf den heißen Stein. Viele kehrten Deutschland den Rücken. 1844 schrieb ein Journalist: SPRECHER: Die Leute würden sagen, dass es ihnen gleichgültig sei, wo sie den Hungertod sterben, hier in Deutschland oder in Nord- und Südamerika. O13 Murr 22'' Wenn man im Bereich der Antworten auf diesen Pauperismus noch mal weiter denkt, dann muss man eben auch an Massenauswanderung denken, die auch eine Rolle gespielt hat. Und das steigt bis Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf fast eine halbe Million Menschen, die vor allem in die USA auswandern. Und das entspannt die Situation. MUSIK ERZÄHLERIN: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation der Menschen. 1834 hatten die Staaten des Deutschen Bundes den Zollverein gegründet. Zollschranken wurden abgebaut. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit wurde forciert, ein gemeinsames Verkehrssystem ausgebaut: ein Netz von Straßen, Wasserstraßen und vor allem von Eisenbahnlinien, jenem neuen Transportmittel, das neue Produktionsstandorte und Märkte erschloss und Massentransporte zu moderaten Preisen möglich machte. Ab den 1870er Jahren lief die Industrialisierung in Deutschland auf Hochtouren. Fabriken wurden gebaut. Industriezentren entwickelten sich. Arbeitsplätze entstanden. Die heterogene Gruppe der frühindustriellen Armen verschwand. Das Industrieproletariat trat auf die gesellschaftliche Bühne, die Massen der Arbeiter und Arbeiterinnen, die unter rechtlich nicht geregelten Bedingungen in den Fabriken malochten. Sie wurden als einheitliche Gruppe wahrgenommen: als Arbeiterklasse, die sich zu einer politischen Bewegung formierte und zu einem neuen Machtfaktor in der internationalen Politik wurde.

  8. Fräulein Smillas Gespür für Schnee - Ein Umweltkrimi bei den Inuit

    19.01.2024 · 23 Min.

    Ein kleiner Junge stürzt vom Dach eines Hauses und ist sofort tot. Doch eine Naturwissenschaftlerin, die mit dem Jungen befreundet war, glaubt nicht an einen Unfall. Schriftsteller Peter Høeg. erzählt in seinem Buch nicht nur einen Umweltkrimi sondern gibt auch noch tiefe Einblicke in Themen und die Kultur der Inuit. Autorin: Mira Alexandra Schnoor (BR 2010) Credits Autorin dieser Folge: Mira Alexandra Schnoor Regie: Petra Hermann-Boeck, Andreas Wutz Es sprachen: Stefan Wilkening, Christiane Roßbach, Rainer Buck Technik: Sieglinde Hermann Redaktion: Petra Hermann-Boeck Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  9. Mobiles Arbeiten - Welche Fallstricke lauern im Homeoffice?

    17.01.2024 · 21 Min.

    Viele Berufstätige machen die eigenen vier Wände zum Büro; ersetzen persönliche Kontakte durch virtuelle Meetings. Aber sorgt das für selbstbestimmtes Arbeiten? Oder isoliert es uns und macht uns krank und unzufrieden? Von Martin Schramm (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Martin Schramm Regie: Frank Halbach Es sprachen: Rahel Comtesse, Johannes Hitzelberger Technik: Robin Auld Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Bettina Kubicek, Arbeits- und Organisationspsychologie, Uni Graz; Martin Zeschke, Arbeits- und Organisationspsychologie, TU Chemnitz; Prof. Michael Kastner, Arbeitspsychologe und Arbeitsmediziner Wir empfehlen außerdem diese spannenden Folgen von ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN: AN DIE ARBEIT! Die Bewerbung JETZT ANHÖREN AN DIE ARBEIT! Die Arbeitsmoral JETZT ANHÖREN AN DIE ARBEIT! Die Gewerkschaften JETZT ANHÖREN FRAUENARBEIT: Heimatfront im Ersten Weltkrieg JETZT ANHÖREN FRAUENARBEIT: Näherinnen JETZT ANHÖREN FRAUENARBEIT: Die Waschfrauen JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK „Radar“; ZEIT: 01:07 SPRECHER „Homeoffice sorgt für ungestörtes, konzentriertes Arbeiten...“ SPRECHERIN „Homeoffice führt zu Überlastung und macht einsam...“ SPRECHER „Dank Homeoffice lassen sich Job und Familie besser vereinbaren...“ SPRECHERIN „Homeoffice führt zur Selbstausbeutung und Stress durch Dauer-Erreichbarkeit...“ SPRECHER Im Homeoffice zu arbeiten, die eigenen vier Wände zum Büro zu machen, persönliche Kontakte durch virtuelle Meetings, Chats und Emails zu ersetzen, kann offenbar vieles bewirken: Es kann uns entlasten und für Wohlbefinden sorgen. SPRECHERIN …. aber auch belasten, isolieren und krank machen. SPRECHER Vor allem während der Corona - Pandemie fielen die Bilanzen in Sachen Homeoffice recht durchwachsen aus. SPRECHERIN Arbeitspsychologen wie Martin Zeschke warnen allerdings vor voreiligen Schlüssen: MUSIK ENDE 01-O-TON Zeschke Pandemie und heute „Also Homeoffice heute ist was anderes als Homeoffice zu Beginn der Pandemie. Zu Beginn der Pandemie wurden die Beschäftigten und die Führungskräfte gezwungen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, und die meisten mussten fünf Tage die Woche von zuhause aus arbeiten. Freiwillig und unfreiwillig war eigentlich egal. Es gab Verordnungen, die kamen nicht von den Unternehmen oder den Organisationen, sondern die kamen vom Staat. Und dann hatten sich da alle daran zu halten. Und Organisationen, die das nicht wollten, die hatten es sehr schwer.“ SPRECHER Vieles von dem, was Menschen während der Pandemie im Homeoffice erlebt haben, hatte außerdem nichts mit dem Homeoffice selbst zu tun. SPRECHERIN Es war vielmehr der Ausnahmesituation in der Pandemie geschuldet: Wir konnten unsere Freunde, Verwandte und Bekannte nicht mehr treffen. Hatten krasse Zusatzbelastungen, weil Kinder parallel zuhause versorgt werden mussten, weil Kitas und Schulen geschlossen waren usw. SPRECHER Homeoffice war also keine Abwechslung mehr zum Arbeiten im Büro, es wurde vielmehr zur „Zwangsveranstaltung“: 02-O-TON Zeschke Zwang „Ein gezwungenes „Ich-muss-von-Zuhause-aus-arbeiten“, teilweise mit einer technischen Ausstattung oder mit einer völlig inadäquaten, ergonomischen Ausstattung, die dazu führt, dass ich körperlich und psychisch mich schlechter fühle als vorher, das heißt, wenn ich dazu gezwungen bin, an fünf Tagen die Woche in der Küche zu arbeiten, wo ich vielleicht an einem kleinen Tisch gemeinsam mit meinen zwei Kindern mich irgendwie dran quetsche, weil mir sonst die Möglichkeiten fehlen, brauche ich mich nicht wundern, dass es mir dann nicht besser geht, als wenn ich ins Büro gehen dürfte, während meine Kinder im Kindergarten oder in der Schule sind.“ SPRECHERIN Ganz anders in Zeiten ohne Pandemie. Hier beobachten Arbeitspsychologen durchaus positive Effekte: SPRECHER Menschen, die freiwillig ein bis zwei Tage von zuhause aus arbeiten, haben beispielsweise häufig weniger Krankheitstage, sind leistungsfähiger, zeigen subjektiv höheres Wohlbefinden - und berichten davon, Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen: 03-O-TON Zeschke Nachpandemisch „Wenn ich zum Beispiel eine Fahrt von über 45 Minuten ins Büro habe, mit Zug oder mit Auto im Fernverkehr oder im Stau stehe und so weiter, dann fällt das weg. Und dann ist es natürlich positiv. Wenn ich im Homeoffice arbeite, dass ich mir diesen Stress nicht antun muss, dann sind es teilweise zwei Stunden am Tag, die ich für andere Sachen verwenden kann. - Wenn allerdings mein Fahrradweg zur Arbeit wegfällt, der mich jeden Morgen und jeden Abend eine halbe Stunde aktiviert, und stattdessen bleibe ich zu Hause und mache gar nichts, sondern falle aus dem Bett an den Schreibtisch. Dann ist es wieder etwas negatives. Das heißt, hier kommt es, klassische Psychologen-Antwort, ganz klar darauf an was mach ich draus? Wie gestalte ich das? - Und da gibt es nicht die eine Antwort.“ MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain“; Album: The Mind of Tesla; Label: B00P4D49MS – CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino: ZEIT: 00:34 SPRECHER Natürlich lässt sich nicht jeder Job im Homeoffice erledigen: Dachdecker und Maschinenbauer, Pflegepersonal und Kassenkräfte - eher schwierig. SPRECHERIN Versicherungsangestellte und Banker - Designer, Architekten und Journalisten - schon eher. SPRECHER Doch Routinen konzentriert abzuarbeiten ist das eine. Wie aber sieht es aus, wenn es darum geht innovative Lösungen im Team zu entwickeln? MUSIK ENDE 04-O-TON Zeschke Kreativität „Was wichtig ist, ist, dass es verschiedene Studien gibt, die sich angeschaut haben, dass Menschen, die in Präsenz miteinander zusammenarbeiten, zum Beispiel deutlich kreativer sind. Wenn es um Kreativität geht, neue Ideen zu generieren oder auch zügig miteinander zu kommunizieren, Ideen hin und her zu werfen und sofort auf das zu reagieren, was die anderen sagen, dann haben wir eigentlich ein einheitliches Studienbild was da sagt: Trefft euch in Person! SPRECHER Denn produktive, kreative Zusammenarbeit setzt Vertrauen voraus. - Egal ob im Büro oder im Homeoffice. SPRECHERIN Aufbauen lässt sich Vertrauen aber meist nur im direkten Kontakt - nicht über digitale Medien. MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 01:17 SPRECHER Klar sind Videokonferenzen praktisch: Sie bringen im Extremfall Mitarbeitende verstreut über den ganzen Erdball an einen gemeinsamen, virtuellen Tisch - und machen so Konferenzen möglich, die aus rein organisatorischen Gründen sonst nicht oder nur sehr schwer stattfinden würden. SPRECHERIN Doch wer sich über digitale Medien austauscht, egal ob per Email, Chat oder via Headset und Videokamera - kommuniziert durch eine Art „Filter“. Entscheidende Informationen gehen verloren - selbst bei Videocalls. SPRECHER Ich sehe die anderen zwar - aber eben nur ausschnittsweise - vielleicht nur ihre Gesichter - nicht aber ihre Körperhaltung. SPRECHERIN Die gezückte Augenbraue, der minimal nach unten gezogene Mundwinkel - auf Spielkarten-großen Kacheln auf dem Bildschirm geht all das schnell unter. SPRECHER Ich höre zwar Stimmen - aber eben oft technisch verzerrt - mal mehr, mal weniger verständlich. Und kann so oft keine feinen Nuancen und Schwankungen wahrnehmen, die aber bedeutsam sein können. SPRECHERIN Und ich kann mein Gegenüber nicht anfassen, nicht riechen, eben nicht mit allen Sinnen wahrnehmen. 05-O-TON Zeschke Überforderung “Und selbst wenn ich einen Videocall habe, gibt es ja trotzdem Beschäftigte, die dann die Kamera ausstellen. Und dann kann ich die auch nicht sehen. Und oftmals ist ja auch das Zusammenspiel zwischen dem, was gesagt wird und wie es gesagt wird extrem entscheidend. (Wenn mir jemand schreibt ich kann die Aufgabe gern übernehmen, dann kann das heißen nee, eigentlich übernimmt die Aufgabe. Übernimmt die Person diese Aufgabe gerade überhaupt nicht gerne. Aber im Chat kommt es dann vielleicht nicht rüber, weil ich lese nur das, was da tatsächlich drinsteht.) Und das ist, glaube ich, auch für viele Führungskräfte ein Problem. Wenn Beschäftigte nicht proaktiv kommunizieren und sagen ich bin gerade überfordert, dann haben sie das früher vielleicht gesehen, weil die Person in ihrem Büro saß und auch überfordert aussah. Aber im Homeoffice kann ich das natürlich besser verstecken.“ SPRECHERIN Sprich: All das, was wir ansonsten im Büro in der Firma sehen und beobachten, fällt beim mobilen Arbeiten zuhause weg. SPRECHER Wer komplett ins Home-Office abtaucht, fast nur noch virtuell kommuniziert, kappt also eine entscheidende Ader zur Außenwelt, erläutert die Arbeits- und Organisationspsychologin Bettina Kubicek: 06-TON Kubitschek Beobachtung! „Wir wissen aus Studien, dass Wissensaustausch vor allem mit Personen stattfindet, die uns körperlich physisch nahe sind. Das heißt mit der Kollegin, die neben mir sitzt, weil ich schnell eine Rückfrage stellen kann, weil sie vielleicht auch sieht, wie ich eine Aufgabe erledige. Sozusagen die Wissensvermittlung oder Wissensweitergabe erfolgt nicht immer nur explizit verbal, sondern zum Teil auch implizit über Beobachtung. Und das ist im Homeoffice und bei virtueller Kommunikation erschwert, beziehungsweise scheinen wir so eine Tendenz zu haben, unser Wissen lieber mit Personen teilen zu wollen, die uns auch physisch nahe sind. Und das ist dann im Homeoffice ebenfalls erschwert.“ SPRECHERIN Doch all das sind natürlich keine Argumente gegen Homeoffice an sich, gegen digitale Medien an sich. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, ein Gespür, ein kritisches Bewusstsein dafür zu entwickeln, wann welches Medium, und wann Präsenz angemessen ist. SPRECHER Da gibt es u.a. den schönen Spruch „Dieses Meeting hätte eine E-Mail sein können.“ Sprich: Eine E-Mail, die völlig ausreicht, sollte eben auch eine E-Mail bleiben - und nicht zu einem Präsenz-Meeting aufgeblasen werden, bei dem Mitarbeitende dann das Gefühl bekommen, ihre Zeit zu verschwenden. MUSIK C151496 003 „The splendour“; ZEIT: 0:15 SPRECHERIN Wann schreibe ich eine E-Mail? Wann reicht eine Nachricht im Chat? Wann sollte ich jemanden anrufen? SPRECHER Wann ist eine Videokonferenz sinnvoll - und wann sollte es eben wirklich ein Präsenz-Meeting sein? MUSIK ENDE SPRECHERIN Als Faustformel gilt: Je sachlicher und unkritischer eine Botschaft ist, desto reduzierter und weniger „reichhaltig “ kann der gewählte Kanal sein. SPRECHER Geht es um persönliche, kritische oder eben auch bedeutsame Nachrichten, ist hingegen ein „reichhaltiges“ Medium angebracht. - Martin Zeschke: 07-O-TON Zeschke „Was will ich denn mit einem Lob beispielsweise bezwecken? Will ich es einfach nur gesagt haben, dann reicht es, wenn ich das in den Firmen-Chat schreibe. Wenn ich allerdings ein Meeting einberufe und sage: Hey, wir haben heute etwas zu feiern. Hier gibt es ein neues Projekt, was wir an Land gezogen haben, und diese beiden Personen, die hier neben mir stehen, die haben das bewirkt, und ich möchte jetzt eine große Runde Applaus. Und jetzt kriegt ihr dann noch einen alkoholfreien Sekt und Orangensaft. Und das macht natürlich was damit. Das heißt, ich sollte mir Gedanken darüber machen: Nicht nur was will ich kommunizieren, sondern auch wie will ich's kommunizieren?“ MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain“; Album: The Mind of Tesla; Label: B00P4D49MS – CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino: ZEIT: 01:09 SPRECHERIN Wenn Mitarbeiter nur noch im Homeoffice sitzen, geht meist eine weitere ganz entscheidende Zutat für ein erfolgreiches Unternehmen verloren: „informelle Kommunikation.“ SPRECHER Zufällige Begegnungen als „Geburtshelfer“ für neue Ideen, für „soziale Lösungen“. SPRECHERIN Der spontane Plausch vor der Kaffeemaschine oder in der Teeküche, - ein reger Umschlagplatz für den neusten Tritsch und Tratsch. SPRECHER Zuhause im Homeoffice fehlt meist die Antenne, um diesen „betrieblichen Flurfunk“ zu empfangen. SPRECHERIN Geht dieser informelle Austausch aber verloren, geht auch der „sozialer Kitt“ eines Unternehmens verloren, - und damit der Zusammenhalt eines Teams: das soziale Klima leidet. SPRECHER Und noch etwas geht verloren: kleine, gemeinsame Regelbrüche, also verschwörerische Verstöße gegen die Regeln einer Organisation, die sich dem Kontrollblick der Vorgesetzten entziehen. SPRECHERIN Brüche, die in der Praxis dem Unternehmen nicht schaden - sondern, ganz im Gegenteil, dessen Existenz sichern. MUSIK ENDE 08-O-TON Zeschke Regelnverletzen “Es gibt die schöne Beobachtung oder die schöne Theorie, dass wenn alle Beschäftigten Dienst nach Vorschrift machen würden, dass jede Organisation zusammenbricht, weil Arbeit eigentlich nur funktioniert, indem Personen ihren gesunden Menschenverstand verwenden, der oftmals eben gegen Vorschriften verstößt. Im Homeoffice fällt es schwerer. Im Homeoffice haben wir einen größeren Grad an Formalität. Zum Beispiel eben die Videocalls, die deutlich zielgerichteter sind, sehr sachorientierter und eben weniger informell.“ SPRECHERIN Videocalls sind daher denkbar ungeeignet für „Regelbrüche“. Dafür braucht es geschützte informelle Freiräume, eben z.B. Teeküchen und Kantinen mit entsprechendem Flurfunk. SPRECHER Dort sorgt auch gemeinsames „Auskotzen“ und „Ablästern“ für Druckausgleich - und schweißt Teams ungemein zusammen. 09-O-TON Zeschke Auskotzen „Beim sich Auskotzen kommt es darauf an, was der Inhalt des Auskotzens ist. Also es gibt das sogenannte Venting Behaviour, also, dass ich einfach mal alles rauslasse, was mich gerade beschäftigt. Das werde ich nicht im Firmenchat machen, wo alle mitlesen können. Die Online-Kommunikation fördert eine gewisse Seite von uns, die eben ein professionelles Gesicht wahrt. Das heißt, dieses Auskotzen fällt relativ stark weg, und auch Konflikte werden selten offener ausgetragen, als das zum Beispiel in einem Meeting wäre, wo ich weiß, das wird jetzt auch nicht alles mitgeschrieben, was ich hier sage und es ist nicht für die Nachwelt oder für einen Screenshot verfügbar, sondern das ist mündlich geäußert in einem definierten Rahmen, in dem eine gewisse Anzahl an Personen ist, wo ich vielleicht auch eher mal sagen kann: Boah, das geht mir gerade gegen den Strich. Ich mache da nicht mit. Folgende Meinung habe ich dazu.“ SPRECHERIN Es wurden auch bereits Versuche unternommen, solche informellen Freiräume ersatzweise rein virtuell bereitzustellen, um „unbeobachtete Momente“ zu ermöglichen. SPRECHER Also die „geschlossene Tür“ oder den „Tratsch in der Teeküche“ beispielsweise durch ein virtuelles Meeting zu ersetzen, in dem sich dann alle Beteiligten ganz „spontan“ vor einem „virtuellen Wasserspender“ versammeln und austauschen. SPRECHERIN In der Praxis haben sich derartige Angebote nicht wirklich bewährt: SPRECHER Spontanität lässt sich eben nicht einfach „herstellen“ bzw. „verordnen.“ MUSIK C151496 003 „The splendour“; ZEIT: 00:17 SPRECHERIN Wenn das Büro ins Zuhause wandert, verzeichnen Stressforscher wie Michael Kastner einen durchgängigen Effekt: die sogenannte „Entgrenzung.“ Und damit letztlich die Herausforderung, Privates und Berufliches klar zu trennen: MUSIK ENDE 10-O-TON Kastner Entgrenzung „Früher hatten wir die Arbeitsbereiche Privates und Zuhause voneinander abgegrenzt. Wir hatten zum Beispiel feste Arbeitszeiten von acht bis fünf oder so. Und dann ging ich nach Hause. Und dann war ich eben zu Hause und habe mich nicht mehr um den Job gekümmert. Hier geht das alles durcheinander. Man hat zwar die höhere Flexibilität, aber es entsteht ein stärkerer Wechsel zwischen Privat und Arbeit. Und es scheint auch ein Befund durchgängig zu sein, dass oft die Leute ein schlechtes Gewissen haben. Ich habe mich jetzt heute so und so oft ablenken lassen. Und dann kann ich nicht mehr abends in Ruhe noch ein Fernsehstück angucken oder so, sondern setze mich dann doch noch einmal dran“. SPRECHER Sprich: Gerade für sehr engagierte Arbeitnehmer ist es oft eine Herausforderung im Homeoffice noch klar zu trennen: Hier Job - dort Privatleben. Die Grenzen lösen sich auf. SPRECHERIN Vor allem wenn Arbeitnehmer dann noch das Gefühl haben, permanent erreichbar sein zu müssen - bzw. sich selbst unter Druck setzen: SPRECHER Also schon am Frühstückstisch den Laptop aufklappen und Mails schreiben, sich keine klaren Ruhepausen gönnen, und notfalls auch kurz vor Mitternacht noch aufgelaufene Anfragen abarbeiten - um zu zeigen: „Ich bin da!“ - Martin Zeschke: 11-O-TON Zeschke „interessierte Selbstgefährdung“ „Das liegt daran, dass das Homeoffice immer noch diesen Ruch hat, zur Faulheit zur verführen. Und dass die Menschen ja nicht arbeiten, die von Zuhause aus arbeiten. Dass dem nicht so ist, prinzipiell, wissen wir jetzt aus den Studien. Gleichzeitig haben die Beschäftigten im Homeoffice eine höhere Erreichbarkeits-Erwartung. Also sie gehen subjektiv davon aus, dass sie schneller auf Anrufe reagieren müssen, schneller auf E-Mails reagieren müssen, weil sonst die Kolleginnen und Kollegen oder die Führungskraft denkt: der oder die Person sitzt auf der faulen Haut.“ SPRECHERIN Und dann fängt die Führungskraft womöglich an, ihr Personal aus der Ferne zu überwachen. Sichtet beispielsweise Spuren, die Mitarbeitende in Dokumenten hinterlassen - SPRECHER - verletzt so aber nicht nur schnell Datenschutzbestimmungen, sondern setzt auch einen fatalen Kreislauf in Gang: 12-O-TON Zeschke Kreislauf „Wenn ich das Gefühl habe, eine beschäftigte Person zieht sich zurück, und ich reagiere mit Überwachung. Dann wird es dazu führen, dass die Person sich überwacht fühlt, dass sie kein Vertrauen empfindet und es ist sich erst recht zurückzieht. Warum sollte ich noch Personen vertrauen, die mich überwacht? Und dann wird es dazu führen, dass die Organisation natürlich die selbsterfüllende Prophezeiung hat. Ah ja, ich wusste es. Doch die Person zieht sich zurück, die arbeitet nicht. Jetzt überwache ich noch mehr. Und dann kann ich eigentlich die Uhr danach stellen, dass diese Person irgendwann kündigen wird oder zumindest nur noch Dienst nach Vorschrift macht.“ SPRECHERIN Statt eine „Mißtrauenskultur“ zu befördern, wären klare Absprachen und Transparenz in Sachen Erreichbarkeit gefragt. SPRECHER Und qualifiziertes Führungspersonal, das beispielsweise auf „Empowering Leadership“ setzt: 13-O-TON Zeschke Ziel statt Weg „Was wichtig ist zu beachten im Homeoffice ist, dass man nicht den Weg kontrolliert, sondern das Ziel. Das braucht eine andere Führung als die Arbeit im Büro. Das heißt, ich befähige meine Beschäftigten dazu, die Ziele, die sie gesetzt haben oder die Organisation gesetzt haben oder die alle gemeinsam gesetzt haben, zu erreichen, indem ich ihnen die Fähigkeiten gebe oder sie frage, was sie brauchen, um diese Ziele zu erreichen. Und dann lasse ich Ihnen die Freiheit dazu. Also ich habe ja als Organisation diese Menschen angestellt, weil sie diese Tätigkeit ausführen können. Ich weiß, dass meine Beschäftigten das können. Also sollte ich sie dazu befähigen und nicht permanent dahinterstehen.“ MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 00:29 SPRECHERIN Arbeiten im Homeoffice steckt also voller Chancen - aber auch voller Fallstricke. SPRECHER Es kann uns Freiheiten ermöglichen und entlasten - und uns doch zugleich belasten. SPRECHERIN Es kann ermöglichen, Beruf und Privatleben besser auszutarieren - und gleichzeitig Konflikte anheizen. SPRECHER Für den Arbeitspsychologen Michael Kastner steht daher fest: die Mischung macht's. MUSIK ENDE 14-O-TON Kastner Balance „Es gilt, eine vernünftige Balance zu finden zwischen Face-to-Face-Kommunikation, wo man wirklich von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht oder sitzt. Und dann eben Screen-to-Screen Kommunikation. Da muss man halt je nach Job, je nach Situation, je nach Organisation eine vernünftige Balance finden, die dann eben reicht von kompletter Zeit in der Firma bis zu kompletter Zeit zu Hause über verschiedene Mischungsverhältnisse. Wobei wir sagen im Schnitt nach unseren Erfahrungen, wir sind damit vielen Organisationen zu Gange, scheint sich so ganz gut herauszustellen, so zwei Tage zu Hause und drei Tage doch in der Firma.“ MUSIK C1546820 101 „Radar“; ZEIT: 01:06 SPRECHERIN Dabei will beides gut gestaltet sein: das Arbeiten im Homeoffice, aber auch die Rückkehr ins Büro. SPRECHER Denn am Ende geht es um weit mehr, also nur um die Frage, ob Menschen zuhause oder in der Firma arbeiten. SPRECHERIN Es geht darum, ob es Unternehmen, Führungskräften und Teams gelingt eine Arbeitswelt zu gestalten, in der wir von den Vorteilen digitaler Medien profitieren - zugleich aber auch das „soziale Rauschen“ des Flurfunks kultivieren. SPRECHER Eine Arbeitswelt, in der Mitarbeitende nicht zu Befehlsempfängern degradiert werden, sondern die sie selbst mitgestalten, - weil Chefs ihnen vertrauen und sie wertschätzen. SPRECHERIN Eine Welt, in der Platz für Spontanes und Kreatives bleibt - und in der Mitarbeitende auch Freiräume haben, vorausschauend, verantwortungsbewusst Regeln zu brechen - weil davon am Ende alle profitieren können. MUSIK ENDE

  10. Amalie Dietrich - Sammlerin und Entdeckerin

    17.01.2024 · 23 Min.

    Die Jagd nach unbekannten Pflanzen und Tieren war ihre Leidenschaft. In Europa und Australien sammelte und konservierte die Naturforscherin Amalie Dietrich zahllose für die Wissenschaft neue Arten. Auf Verlangen ihres Auftraggebers sendete sie sogar Schädel und Skelette der australischen Eingeborenen nach Deutschland. Autorin: Claudia Heissenberg (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Heissenberg Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Irina Wanka, Frank Manhold Technik: Regina Staerke Redaktion: Matthias Eggert Im Interview: Birgit Scheps-Bretschneider, Kustodin am Grassi-Museum in Leipzig; Renate Hücking, Sachbuchautorin Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 + 2: Federkiel auf Papier und Urwaldgeräusche ZITATORIN: Meine liebe Charitas (sprich: Caritas). Mit einem wahrhaft feierlichen Gefühl rüstete ich mich für meine erste Sammeltour im neuen Erdteil. Neu ist ja alles, und eine Fülle von Material wächst einem hier entgegen, dass man geradezu in Verlegenheit gerät, wo man zuerst zugreifen soll. Mir wird manchmal ganz Angst, wenn ich mich zwischen üppigen Schlingpflanzen, Farnen und Gesträuch hindurch arbeiten muss. Große Orchideen hängen an fast unsichtbaren Fäden von den Bäumen herunter, sie sind so wunderbar geformt, sie haben so schöne Farben und sehen mich so geheimnisvoll an, dass meine Hand sie nur mit einer gewissen Scheu pflückt, als seien es lebendige Wesen, die mir Vorwürfe machen, dass ich ihr ruhiges Dasein störe. MUSIK : Z9318366102 Snake 1‘21 ERZÄHLERIN: Auf der Suche nach lohnenswerten Neuentdeckungen durchstreifte Amalie Dietrich zu Fuß und unter großen Strapazen halb Europa und Australien, das damals noch Neuholland hieß. Mehr als 50 Tier- und Pflanzenarten tragen ihren Namen: Zum Beispiel die Alge Sargassum Amaliae, der Sonnentau Drosera dietrichiana oder die Wespe Odynerus Dietrichianus. Dabei hat Amalie Dietrich nie studiert und war in Botanik und Zoologie eine Autodidaktin. Und die einzige Frau, die Mitte des 19. Jahrhunderts als Naturforscherin zu Ruhm und Ehren kam – und nahezu in Vergessenheit geriet. Doch ihre unermüdliche Sammelleidenschaft hatte auch eine dunkle Seite. O-TON 1: (Birgit Scheps-Bretschneider) Die Amalie-Dietrich-Sammlung enthielt also auch ursprünglich acht Skelette und natürlich stellte sich auch da die Frage, wie ist sie dazu gekommen, warum war das so? Als Frau natürlich, das hat dann nochmal so einen besonderen Beigeschmack. ERZÄHLERIN: Dr. Birgit Scheps-Bretschneider betreut im Grassi Museum für Völkerkunde in Leipzig die Abteilung Ozeanien. Mit Amalie Dietrich beschäftigt sich die Kustodin seit 1978. Sie kennt ihre Sammlungen, ihre Reisen und alle Facetten ihres ungewöhnlichen Lebens. Musik: Dream time 0‘54 Auch den kurzen Absatz, den der englische Anthropologe Henry Ling Roth in einem Buch über „Die Entdeckung und Besiedelung von Port Mackay, Queensland“ geschrieben hat. ZITATOR: „Das berühmte Hamburger Godeffroy Museum hatte in der Jahren 1863 bis 1873 eine Sammlerin an der Küste, die diverse vergebliche Versuche unternahm, einheimische Siedler zu überreden, einen Aborigine zu erschießen, damit sie das Skelett nach Hamburg schicken kann.“ ERZÄHLERIN: Henry Ling Roth kam zwar erst fünf Jahre nach Amalie Dietrichs Abreise nach Australien und sein Buch erschien sogar fast vier Jahrzehnte nach den geschilderten Ereignissen, aber die Legende, dass die deutsche Naturforscherin über Leichen ging, war damit in der Welt. O-TON 2: Diese Geschichte ist einfach so grauselig, dass man sie also immer wieder auch gern kolportiert, aber auf der anderen Seite denke ich, wenn man historische Persönlichkeiten betrachtet, muss man immer auch ganzheitlich schauen, auf die Zeit und die Umstände, die die Menschen dazu gebracht haben, bestimmte Dinge zu tun, Dinge, die wir heute verurteilen und die wir nicht gutheißen, die aber unter Umständen in der Zeit üblich waren und auch nicht als schlimm empfunden wurden, und ich denke, wichtig ist auch immer, die Auftraggeber zu beschreiben. Die Menschen dazu gebracht haben, eben woanders Tote zu sammeln zum Beispiel. Musik: Drei Fantasiestücke für Klavier ERZÄHLERIN: Es war der reiche Hamburger Reeder Johan Cesar Godeffroy, der Amalie Dietrich beauftragte, die Flora und Fauna im australischen Queensland zu erkunden und Exponate für sein Privatmuseum zu sammeln, das er mit Tieren, Pflanzen, Waffen und Gebrauchsgegenständen aus aller Welt bestücken wollte. Für die damals 42 Jahre alte Naturforscherin, die aus einfachen Verhältnissen stammt, geht damit ein Lebenstraum in Erfüllung. Sie beginnt direkt, eifrig Englisch zu lernen und nimmt Schießunterricht, um für die abenteuerliche Reise ans andere Ende der Welt gewappnet zu sein. Im Museum wird sie in Präparationstechniken unterwiesen. ATMO 3: Ozean (Wellenschlag), Möwen ERZÄHLERIN: Am 17.Mai 1863 verlässt Amalie Dietrich als einzige Passagierin der ersten Klasse auf dem Segelschiff „La Rochelle“ den Hamburger Hafen. Im Gepäck hat sie Lupe, Mikroskop, 2 Kisten Gift, 100 Gläser mit Stöpseln, Insektennadeln, Spiritus und Seidenpapier, dazu ein englisches Wörterbuch sowie die wichtigsten Werke zur Pflanzenkunde. In den kommenden zehn Jahren sammelt sie mehr als 20.000 Pflanzenarten, außerdem Insekten, Vögel, Fische, Säugetiere – darunter zahllose für die Wissenschaft neue Arten. Auch das erste Exemplar der giftigen Taipan-Schlange findet sich in den Kisten, die sie nach Deutschland schickt. Es ist die größte Sammlung, die jemals eine Einzelperson zusammen trägt. O-TON 3: (Renate Hücking) Sie hat Massen an Flora und Fauna nach Hamburg gebracht. Ihre Sammlungen, die hier im Museum waren, waren Forschungsgegenstände und keiner, der was über die australische Flora und Fauna schreiben wollte, kam an diesen Sammlungen vorbei, aber man hat sich nie wissenschaftlich mit ihr als Forscherin, als Naturkundlerin auseinander gesetzt und das, denke ich, hat was damit zu tun, dass sie eben Frau war, und dass sie Autodidaktin war und dass man sie nicht ernst genommen hat als Wissenschaftlerin. ERZÄHLERIN: Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, die regelmäßig Berichte über ihre Forschungsreisen veröffentlichten, sei Amalie Dietrich immer eine reine Sammlerin geblieben, sagt Renate Hücking, die der Naturkundlerin in ihrem Buch „Pflanzenjäger“ ein Kapitel gewidmet hat. So lassen sich Fiktion und Fakten im Leben der Amalie Dietrich, die zwar Unmengen an Material, aber nichts Schriftliches hinterließ, nur schwer unterscheiden. O-TON 4: (Hücking) Sie wäre wirklich eine Fußnote in der Geschichte der Naturwissenschaft oder der Naturkunde geblieben, wenn nicht ihre Tochter ein unheimlich populäres Buch über sie geschrieben hätte: Amalie Dietrich - ein Leben, ist 1909 erschienen und es ist meiner Meinung nach eine sehr gelungene Mischung aus Dichtung und Wahrheit, also das ist alles mit Vorsicht zu genießen, es gibt ein paar Originalgeschichten, das sind Briefe, die ihr Auftraggeber an sie nach Australien geschickt hat, also sie war tatsächlich da, also das ist alles verbürgt, ....ansonsten ist die Quellenlage ziemlich dünn. ATMO 1: (Feder auf Papier) ZITATOR: Hamburg, 3. Januar 1864. Frau Amalie Dietrich. Sie schrieben uns, dass Sie schon tüchtig sammeln, darüber freuen wir uns. Über das Sammeln der Schmetterlinge möchten wir bemerken, dass Sie dieselben in Tüten schicken können. Selbst die größten Nachtfalter, wenn Sie ihnen die Flügel zusammenklappen, können Sie ruhig in dieser Weise absenden. MUSIK: Frühling red. 1‘12 ERZÄHLERIN: Dass Amalie Dietrich eines Tages die Natur im fernen Australien erforschen würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Geboren wird sie am 26. Mai 1821 als Concordia Amalie Nelle im sächsischen Städtchen Siebenlehn. Der Vater ist Beutler von Beruf. Er stellt, wie der Name schon sagt, Beutel her: Taschen, Geldbörsen, Bälle und andere Dinge aus Leder, die die Familie auf Märkten in der Umgebung verkauft. Die Schule besucht Amalie nur vier Jahre lang, lernt aber fleißig und liest wissbegierig alles, was sie in die Finger bekommt. Schon bald lästern die Leute, sie rede wie ein Buch. Und schütteln verständnislos den Kopf, als sie erfahren, dass die arme Handwerkertochter den Heiratsantrag eines reichen Mehlhändlers abgelehnt hat. Doch Amalie und ihre beste Freundin haben sich geschworen, dass sie „niemals heiraten, es sei denn, es käme einer, der hoch über ihnen stände.“ Diesen Mann trifft die 24-jährige an einem schönen Herbsttag im Wald, in dem sie mit der Mutter Pilze sammelt. O-TON 5: (Hücking) Wilhelm Dietrich, ein Naturkundler, der ihr einfach das Einmaleins der Botanik beigebracht hat, mit dem ist sie durch die Wälder gezogen, mit dem hat sie gelernt, Pflanzen zu unterscheiden, an welchen Merkmalen unterscheidet man Pflanzen, von dem hat sie gelernt, wie pflege ich das, was ich da abpflücke, wie presse ich das, und wie behandele ich es, dass es nicht schimmelig wird. Also von ihm hat sie ungeheuer viel gelernt Musik: Organic fractures 0‘36 ERZÄHLERIN: Amalie, die sich laut ihrer Tochter Charitas direkt in den Mann mit dem vornehmen Gesicht und den klugen blauen Augen verliebt, setzt gegen den Willen der Eltern die Hochzeit durch. Die Aussteuer verwendet das junge Ehepaar für die Einrichtung einer botanischen Werkstatt. Tagsüber streifen sie gemeinsam durch die Natur und sammeln Blumen, Gräser, Kräuter, Farne und Moose, die abends gepresst und zum Trocknen ausgelegt werden. O-TON 6: (Scheps) Sie hat sich auch relativ wenig um Konventionen geschert, also die Kleinstadtgesellschaft ist ja auch immer so auf permanenter Lauer und Beobachtung, man hört also auch heute noch, wenn man in Siebenlehn fragt, ja, die war dann verheiratet und wohnte im Forsthof, und man soll es nicht glauben, sie hat dann im Wäscheschrank nicht die Wäsche aufbewahrt, sondern dort lagen die Herbarien und die Tierpräparate drin. ERZÄHLERIN: Im Winter wird die Ausbeute geordnet und zu Herbarien zusammengestellt, die die Eheleute an Apotheker, Lehranstalten und Privatpersonen verkaufen. Der Verdienst reicht gerade für das Nötigste, denn die Geschäfte laufen schleppend. 1848 kommt Tochter Charitas zur Welt. ZITATORIN: Jedes Mal, wenn ich Charitas in fremde Hände geben muss, frage ich mich wieder und wieder: Was ist meine erste Pflicht? Soll ich meinem Mann die Gehilfin oder soll ich dem Kind die Mutter sein? Wilhelm sagt - und das sehe ich auch ein – wir müssen reisen, das hängt notwendig mit dem Beruf zusammen. Musik: Morgentau 1‘03 ERZÄHLERIN: Oft ist das Ehepaar mehrere Wochen unterwegs, um Material für die Herbarien zu sammeln. Die schweren Körbe muss Amalie schleppen, denn Wilhelm Dietrich fühlt sich dafür zu schwach. Als die junge Ehefrau durch Zufall erfährt, dass ihr Mann eine Affäre mit dem Dienstmädchen hat, bricht für sie eine Welt zusammen. Enttäuscht und zutiefst gekränkt besorgt sie sich einen Reisepass und flieht mit Charitas zu ihrem Bruder Karl nach Bukarest. Aber das Leben in der Großstadt, der Luxus und die strengen Regeln im Haus der eleganten Schwägerin gefallen Amalie nicht. Sie findet eine Anstellung bei einem Ehepaar in den Karpaten und ist froh wieder in der Natur zu sein. Regelmäßig schickt sie dem treulosen Gatten das gesammelte Material und kehrt nach einem Jahr wieder nach Siebenlehn zurück. O-TON 7: (Hücking) Und dann fingen die Jahre an, wo ihr Mann, ich sag mal träge geworden ist und lieber zuhause saß, der Herr Naturforscher, als dass er selber noch in der Natur forschte, und das waren die Jahre, wo sie dann alleine durch halb Europa gezogen ist MUSIK: Chirping the forest und Föhnsturm 0‘42 ERZÄHLERIN: Ihre einsamen Wanderungen führen Amalie Dietrich bis in die Alpen und an die holländische Nordseeküste, wo sie Algen und Seetang sammeln soll. Immerhin hat sie mittlerweile einen Hund an ihrer Seite. Hektor ist nicht nur ein treuer Begleiter, sondern hilft ihr auch, den Wagen mit den Pflanzen zu ziehen. Trotzdem zehren die langen Fußmärsche bei Wind und Wetter an ihrer Gesundheit. Ausgelaugt und an Typhus erkrankt wird Amalie am Strand von Den Haag ohnmächtig und muss vier Wochen lang das Bett hüten. Als sie schließlich wieder zuhause eintrifft, ist die Tür verschlossen und Wilhelm Dietrich verschwunden. O-TON 8: (Hücking) Nun war der Ehemann weg, sie allein erziehende Mutter ...und hat sich dann wohl zum ersten Mal in ihrem Leben eine Bahnfahrkarte gekauft und ist nach Hamburg gefahren ... und sie hatte einen Kontakt da und der hat sich die Sachen angeguckt und war begeistert von ihren Herbarien und hat gesagt, du ich kenn da jemand, der sich für Naturkunde interessiert ERZÄHLERIN: Johan Cesar Godeffroy, der Fürst der Südsee, wirft die ärmliche Frau aus Sachsen, die um eine Anstellung als Feldforscherin bittet, kurzerhand aus dem Büro. Aber Amalie Dietrich lässt nicht locker, und als sie mit zahlreichen Empfehlungsschreiben der namhaftesten Wissenschaftler ein zweites Mal bei ihm vorspricht, bekommt sie ihren Vertrag und hat zum ersten Mal ein festes Einkommen, mit dem sie die Ausbildung ihrer Tochter bezahlt. Dafür wird sie zehn Jahre lang in den Jahren 1863 bis 1873 die Nordostküste Australiens erforschen und Material für das Museum zusammentragen. ATMO 1: Feder auf Papier ZITATOR: Hamburg, den 20.1.1865. Unser Museum zieht immer mehr Beachtung auf sich, und es ist der wissenschaftlichen Welt wohl bekannt, wie viel Amalie Dietrich zu dessen steter Ausdehnung beiträgt. Wir freuen uns, dass Sie nördlicher gehen wollen und möchten Sie nochmals bitten, nicht nur Skelette von dort vorkommenden großen Säugetieren, sondern auch möglichst Skelette und Schädel von den Eingeborenen sowie auch deren Waffen und Geräte zu senden. Diese Sachen sind sehr wichtig für die Völkerkunde. MUSIK: Mundunkala the creator 0‘40 ERZÄHLERIN: Im 19. Jahrhundert begann man in der Anthropologie die Evolution zu erforschen. Wissenschaftler stellten sich die Frage, wie sich der Mensch aus dem Tier entwickelt hat und warum die Menschen in verschiedenen Teilen der Welt so unterschiedlich sind. Einige vermuteten, dass die Ureinwohner von Australien der sogenannte missing link sein könnten, der den Übergang vom Affen zum Menschen darstellen soll. Dr. Birgit Scheps-Bretschneider vom Völkerkundemuseum Leipzig: O-TON 9: (Scheps) Und so wurden also die Gebeine von Menschen aus aller Welt zu sehr gefragten Forschungsobjekten, in Deutschland gab es in Berlin den berühmten Mediziner Rudolf Virchow, der also sehr extensiv menschliche Gebeine gesammelt hat an der Charité, um dann solche Vergleiche vornehmen zu können, er kannte den Reeder Johan Cesar Godeffroy, und er hat dann über viele Jahre gedrängt, auch Gebeine aus Australien haben zu wollen. ERZÄHLERIN: Es gab damals einen weltweiten, lukrativen Handel mit menschlichen Gebeinen. Wissenschaftler wie Virchow konnten vom Schreibtisch aus, Skelette von Afrikanern, Asiaten und Australiern bestellen und wurden prompt beliefert. Wie man an die menschlichen Gebeine gelangt war, interessierte im 19. Jahrhundert niemanden. ATMO 4: Schreibmaschine ZITATOR: Angel of the black death ERZÄHLERIN: Titelte im November 1991 das Newsweek-Magazin “The Bulletin” mit einem Bild von Amalie Dietrich. ZITATOR: „Diese Frau stiftete im 19. Jahrhundert dazu an, Aborigines für wissenschaftliche Untersuchungen zu töten. Schockierende neue Beweise zeigen, sie war nicht die einzige.“ MUSIK: Kokopelli Dreaming 0‘36 ERZÄHLERIN: War Amalie Dietrich wirklich der Todesengel der Aborigines? Eine kaltblütige, skrupellose Frau, die den Auftrag erteilte, Menschen zu töten? Birgit Scheps-Bretschneider ist der Geschichte nachgegangen und hat vor Ort in Australien nach Beweisen gesucht. Unter anderem in der Familienchronik der Familie Archer. Auf deren Farm soll die Naturforscherin, so das Gerücht, nach einem Auftragskiller gesucht haben. O-TON 10: In dieser Chronik findet sich also gar kein Hinweis darauf, dass Amalie Dietrich auf dieser Farm gewesen ist, also dort ist alles Mögliche geschildert, wie viele Schafe man geschoren hat, was in der Familie geschehen ist, also so ein Besuch wäre auch dort mit Sicherheit festgehalten worden, und die Gebeine, die sie nach Europa geschickt hat, sind ja auch erst einige Jahre später an einem ganz anderen Ort gesammelt worden. ERZÄHLERIN: Wie Amalie Dietrich in den Besitz der acht Aborigines-Skelette kam, wird sich wohl nie mehr klären lassen. Aber egal, ob sie die Gebeine der Toten in der Wildnis gefunden oder durch Tauschhandel erworben hat, ob sie dafür Gräber geplündert oder sogar Menschen hat töten lassen - die Geschichte wirft auch ein Licht auf den umstrittenen Sammeleifer und zweifelhafte Anschaffungspraktiken europäischer Naturkundemuseen. Die Gebeine, die Amalie Dietrich von Australien nach Hamburg schickte, gelangten 1885 nach Leipzig und fielen dort im 2. Weltkrieg einem Museumsbrand zum Opfer. O-TON 11: (Scheps) Ich arbeite ja auch sehr intensiv an der Rückführung menschlicher Gebeine in ihre Herkunftsgemeinschaften, zu ihren Familien, und ich weiß also auch, welche emotionalen Schmerzen es für die Menschen bedeutet bis heute, wenn Tote verschwunden sind und nicht bestattet werden können in dem Land, wo sie hingehören MUSIK: Calm fluctuations 0‘50 ERZÄHLERIN: Birgit Scheps-Bretschneider plädiert trotzdem dafür, Amalie Dietrich nicht zu dämonisieren, sondern anzuerkennen, was sie geleistet hat. Denn heute helfen ihre Sammlungen den australischen Ureinwohnern dabei, ihre Geschichte und Kultur zu rekonstruieren. Mehr als 40.000 Herbarienblätter der Pflanzenjägerin geben Wissenschaftlern Auskunft darüber, welche Gewächse an bestimmten Orten heimisch waren, bevor die Siedler den Regenwald für große Zuckerrohrplantagen und Ananasfelder abholzten. O-TON 12: Und man weiß ja, dass heute auch viel renaturiert wird, und das hilft dann auch dabei, wenn man sich entschließt in einem Nationalpark z.B. wieder Pflanzen dort auszubringen, die ursprünglich mal dort gewesen sind. Also das sind sehr, sehr interessante Projekte, die ohne Amalie Dietrichs Arbeit sozusagen in dieser Form überhaupt nicht machbar wären. ATMO 2: Urwaldgeräusche ZITATORIN: Und doch all diese Sammlungen geben nur einen armseligen Begriff von dieser Märchenpracht. Es gehört eben eins zum anderen. Diese Pflanzenwelt ist belebt durch eine farben- und formenreiche Tierwelt. Wenn ich das herrliche Material einpacke, stelle ich mir immer vor, wie Herr Schmelz alles im Museum ausstellt. Schade, dass man den schönen Tieren und Pflanzen nicht etwas von ihrem Drum und Dran mitgeben kann. Losgelöst aus der märchenhaften Umgebung kann alles nicht so wirken, wie es sollte. MUSIK: Talking to my father 1‘23 ERZÄHLERIN: Nach zehn Jahren in der Fremde kehrt Amalie Dietrich 1873 nach Deutschland zurück und beginnt ihre Sammlungen zu ordnen. Sie ist 52 Jahre alt, ihr Gesicht von der Sonne gegerbt und faltig, umrahmt von dünnen, weißen Haaren. Sie bezieht im Museum ein Zimmerchen und besucht regelmäßig naturwissenschaftliche Vorlesungen an der Hamburger Universität. Als die Firma Godeffroy 1879 Konkurs anmeldet, wird das Museum verkauft, und Amalie Dietrich verbringt ihren Lebensabend im städtischen Altersheim. Sie stirbt im Alter von 69 Jahren an einer Lungenentzündung im Haus ihrer Tochter Charitas. O-TON 13: (Scheps) Sie hatte ja ein sehr schweres Leben, hat sich immer durchgekämpft durch die Widrigkeiten, die ihr natürlich auch die damals existierende Männergesellschaft gesetzt hat, und für Amalie Dietrich würde ich mir wünschen, dass man ihre wissenschaftliche Leistung würdigt und dass man sie vielleicht weniger benutzt, um Politik zu machen.

  11. Manufakturen - Schritt in eine neue Arbeitswelt

    16.01.2024 · 22 Min.

    Der Begriff Manufaktur steht heutzutage für Handwerk und Wertarbeit. Aber Manufakturen waren eine Randerscheinung in der Wirtschaftsgeschichte - man könnte in ihnen die Tech-Startups des 18. Jahrhundert sehen. Autor: Christian Sachsinger (BR 2021) Credits Autor dieser Folge: Christian Sachsinger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Wilkening, Florian Schwarz Technik: Roland Böhm Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Reinhold Reith, Historiker; Stefan Gorissen, Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Versailles Sprecherin: Das französische Schloss Versailles ist ein Touristenmagnet ohnegleichen. Wer es aber schafft, am Morgen als einer der ersten in der langen Schlange vor den goldenen Toren zu stehen und sich beeilt, schnell in den ersten Stock zu gelangen, bevor alle anderen dort sind, dem bietet sich ein besonderes Schauspiel: der Spiegelsaal präsentiert sein Farbenspiel – so wie es der Hausherr Ludwig der 14., besser bekannt als der Sonnenkönig, vor über 300 Jahren genießen konnte. Musik 1: Sonata Nr. 1 von Marc-Antoine Charpentier – 1:13 Min. Sprecher 2: Der Spiegelsaal des Schlosses Versailles bei Paris ist noch heute ein beeindruckendes handwerkliches Meisterstück. Der Raum misst über 70 Meter in der Länge und gut 10 Meter in der Breite. Auf der einen Seite gewähren 17 Fenster einen einzigartigen Ausblick auf den prunkvollen Schloss-Park. Gegenüber an der Innenwand des Saals stehen 17 Spiegel – jeder zusammengesetzt aus über 350 Teilstücken. Die riesigen Spiegel holen den Park nun optisch in den Saal. Am Abend reflektierten die glatten Flächen den Schein von hunderten von Kerzen, die dort bei Bällen entzündet wurden. Sprecherin: Noch heute bringt der Spiegelsaal Besucher zum Staunen. Im ausgehenden 17. Jahrhundert führte er den Gästen des Sonnenkönigs beim Betreten dessen Reichtum und Macht schlagartig vor Augen. Es gab nichts Vergleichbares. Musik aus. Atmo Glaserei – Glas wird zerschnitten Sprecher 1: Spiegelglas war im 17. Jahrhundert ein teures Luxusprodukt. Es herzustellen war kompliziert und nur wenige Handwerker beherrschten die Technik. Diese Experten lebten fast alle in Venedig, die venezianische Republik hatte damals das Monopol für die Herstellung von Spiegeln. Versailles war jedoch das Zentrum Frankreichs und für die Dekoration des Schlosses kamen nur in Frankreich hergestellte Produkte in Frage. Also gründete Jean-Baptiste Colbert – der Finanzminister – eine eigene königliche Spiegel-Manufaktur und warb dafür in Venedig kurzerhand einige der Spezialisten ab. Es war ein Affront. Erzählungen zufolge sandte die Regierung der Venezianischen Republik Agenten nach Frankreich. Sie sollten jene Männer, die Colbert abgeworben hatte, vergiften, um das Spiegel-Monopol Venedigs zu verteidigen. Sprecherin: Der Plan misslang offenbar, denn sonst gäbe es den Spiegelsaal womöglich gar nicht. Und die Manufaktur arbeitete, lange nachdem der ursprüngliche Auftrag erledigt war, erfolgreich weiter. Das Unternehmen gibt es bis heute. Die damalige Compagnie des Grandes Glaces verlagerte die Produktion später in das nordfranzösische Dorf Saint-Gobain. Heute ist die Saint-Gobain-Gruppe ein internationaler Konzern mit zig Milliarden Euro Umsatz und weit über 100.000 Mitarbeitern – auch in Deutschland. Musik 2: „La Dauphine für Cembalo G-Dur/g-Moll“ von Rameau - M0005340009 – Länge: 33 Sekunden Sprecher 1: Saint Gobain und der Spiegelsaal - ein Beispiel für Manufakturen, wie sie in Europa im 17. und vor allem im 18. Jahrhundert immer häufiger vorkommen. Sprecherin: Doch was macht diese Betriebsform aus? Und warum entsteht sie überhaupt? Der Historiker Prof. Reinhold Reith versucht es anhand eine einfachen Beispiels zu erklären: O-Ton 1 (10:20) Wenn wir eine Kutsche produzieren, ist das möglich, indem mehrere Handwerker daran beteiligt sind und die Arbeit dazu in verschiedenen Werkstätten verrichtet wird. (…) Wenn wir jetzt diese Arbeitsprozesse in einem Raum oder in einem Gebäude zusammenfassen, dann spricht man von der kooperativen Arbeitsteilung und das Gebäude wird als Manufaktur bezeichnet. Sprecherin: Es ist produktiver, wenn sich etwa ein Radmacher, ein Schreiner und ein Sattler zusammentun und gemeinsam die Kutsche bauen, als wenn jeder für sich im eigenen Atelier vor sich hin werkelt und man am Ende feststellt, dass die Einzelteile nicht richtig zusammenpassen. Zumal die Karossen immer ausgefeiltere Konstruktionen werden. Sprecher 1 Es braucht also Experten, Spezialisten, die zudem in der Lage sind, an einem Ort gemeinsam aufeinander abgestimmt zu arbeiten. Manufakturen werden dabei zu Stätten, an denen High-Tech entsteht. Das gilt für die Herstellung riesiger Spiegel in Frankreich, das gilt aber auch für die Strumpfproduktion. O-Ton 2 (17:30) Durch den sogenannten Strumpfwirkerstuhl gewinnt die Strumpfwirkerei einen hohen Produktivitätsfortschritt. 19:20 Das sind mehrere Nadeln, die da bewegt werden können. Durch den Strumpfwirkerstuhl steigt die Produktivität. Was gelingt ist, dass diese Strümpfe gleichförmig hergestellt werden können. Und die Hugenotten sind in dieser Technologie sehr versiert und sie bringen diese Technologie mit in die deutschen Territorien, wo sie sich niederlassen. Sprecherin: Und damit sind wir wieder bei Ludwig dem 14. Der Sonnenkönig von Versailles hatte die Hugenotten, wie Frankreichs Protestanten genannt wurden, wegen ihres Glaubens aus dem Land gejagt. Viele von ihnen gingen nach Deutschland und mit ihnen kam viel wertvolles Know-How, auch nach Bayern, etwa nach Erlangen. O-Ton 3 Reith Vor allem in Erlangen ist dann bekannt für die Strumpfproduktion im 18. Jahrhundert und ist eine der wichtigsten Standorte überhaupt. ATMO Strumpfwirken / Handkulierstuhl Sprecher 1 Das Strumpfwirken ist eine viel effizientere Technik, als das Stricken der Strümpfe. Man braucht dazu aber nicht nur einen Satz Nadeln, sondern den bereits erwähnten Strumpfwirkerstuhl, eine hochkomplexe Maschine, bestehend aus mehreren tausend Einzelteilen. Er sieht ein wenig aus wie ein übergroßes Klavier, in das oben unzählige Fäden hineinlaufen, die dann zu einem feinmaschigen Strumpf verwoben werden. Kein Vergleich mit rauhen, kratzigen Wollsocken. Sprecherin: In Erlangen wird diese Technik in den Manufakturen immer weiter verfeinert, die Stadt widmet sich völlig diesem Wirtschaftszweig. … Zeitweise sind in Erlangen 3000 Menschen mit der Herstellung von Strümpfen beschäftigt, bei gerade einmal rund 9000 Einwohnern. Angeblich klappern in jeder Ecke der Stadt Strumpfwirkerstühle. Wie das damals geklungen haben muss, kann man heute noch im Esche-Museum im sächsischen Limbach-Oberfrohna hören. Atmo aus. Musik 3: „1. Satz aus: L'Omphale. Suite für Orchester e-Moll“ von Telemann, (take 001 Ouvertüre) Länge: 1:01 Min. Sprecher 1 Manufakturen entstehen meist da, wo es um hochwertige Waren geht, die kompliziert herzustellen sind. Häufig sind es Luxusprodukte, die sich nur die Fürsten und Könige leisten können und wollen. Das gilt in erster Linie für Porzellan, damals auch weißes Gold genannt. Die hauchdünnen Teller, Tassen und Kannen waren aufwändig bemalt; sie sind der Stolz vieler Herrscherhäuser. Man kann damit bei Banketten Stil und Reichtum demonstrieren. Denn die Herstellung ist teuer, sie geschieht in eigenen Manufakturen, also staatlich geförderten Unternehmen. So gründet 1710 August der Starke, Kurfürst von Sachsen, die erste europäische Porzellanmanufaktur. Ein Projekt, das dem Fürsten nur Verluste beschert. Ganz ähnlich die Ludwigsburg Porzellanmanufaktur, die ebenfalls ständig bezuschusst werden muss. Sprecherin: Andere Branchen sind dagegen deutlich rentabler, wie der Stoffdruck. Manche Betriebe schaffen hier einen steilen wirtschaftlichen Aufstieg. Der Historiker Reinhold Reith: O-Ton 4 Reith 4:30 Diese bedruckten Baumwolltuche sind der meistgehandelte Gegenstand im 18 Jhd. Da geht´s um das Drucken, da geht´s um die Farben, da geht´s um das Design. Da geht´s auch um die Technik, wie wird gedruckt, wie werden die Farben aufgebracht. Da geht´s um großen zentralisierten Betrieben mit mehreren hundert Arbeitskräften. Sprecher 1: Bedruckte Baumwolle, man nennt das damals Kattun - vom Englischen Cotton - übt eine große Faszination auf die Menschen aus. Sie wird zur bevorzugten Oberbekleidung von Frauen der unteren und mittleren Schichten der Gesellschaft. Die Stoffe zeigen wiederholende Muster, die an Blumen oder Blätter erinnern und etwas Leichtes, Spielerisches haben. Kein Wunder, dass diese Stoffe bald die aus dicken Maschen gestrickten, einfarbigen Wollkleider verdrängen. Angetrieben wird dieser Kattun-Boom von Unternehmerpersönlichkeiten, die mit ihren Manufakturen nun gute Geschäfte machen. Sprecherin: Einer von ihnen ist Johann Heinrich Schüle, ein ehrgeiziger Kaufmannsgehilfe, der das Potenzial des Baumwolldrucks früh erkennt. Er reist 1755 nach Hamburg, wo die Technik schon weiter fortgeschritten ist, und schaut sich alles genau an. Glanz und Raffinesse bekommen die Stoffe erst, wenn sie nach dem Druck noch per Hand an den richtigen Stellen nachkoloriert werden. Berichten zufolge sitzt Schüle mit seiner Frau und seiner Tochter oft bis in die Morgenstunden an den Stoffen, um sie „einzumalen“, wie diese Arbeit damals genannt wird. Aber die Mühe lohnt, Schüles Stoffe finden reißenden Absatz und bald kann er sich mehrere Einmalerinnen leisten, die ihm die mühselige Arbeit abnehmen. 1763 errichtet der findige Kattunexperte eine erste Fabrik. Seine Stoffe liefert er mittlerweile nach ganz Europa. Ein Augenzeuge, der Schüles Fabrik besichtigen durfte, schildert die Abläufe dort so: Musik 4: Fantasia Nr. 1 F-Dur von Bach, Carl Philipp Emanuel, Länge: 36 Sekunden Sprecher 2: „Die einfarbigen Muster werden mit großen Kupferplatten abgedruckt, wozu zwey besondere Kupferstecher gehalten werden. Die vielfarbigen Muster aber hat man noch nicht in Platten versucht, sondern man besinet sich hölzerner Formen, wozu eine besondere Innung von Modelschneidern ist, die zum Theile recht gut arbeiten. Es war mit Vergnügen anzusehen, mit welcher Fertig- und Genauigkeit die Drucker bey den verschiedenen aufeinanderfolgenden Formen die rechte Stelle wieder trafen.“ Sprecherin: Schüle engagiert in seiner Manufaktur viele Experten, er wirbt hochqualifizierte Drucker aus London ab und engagiert eine renommierte Zeichnerin aus Hamburg. Mit Geschick und Durchsetzungsvermögen schafft er es, als einfacher Bürger ein Firmenimperium aufzubauen. Sein wirtschaftlicher Einfluss wird so groß, dass ihn der Kaiser 1772 in den Adelsstand erhebt. Doch zu diesem Zeitpunkt geht die Phase der Manufakturen in Europa schon fast zu Ende. Musik 5: 5. Satz aus: Triosonate Nr. 3 a-Moll, BuxWV 254 von Buxtehude., take 109. Länge: 1:10 Minuten Sprecher 1: Drehen wir die Zeit noch einmal gut 100 Jahre zurück, um genauer zu beleuchten, warum Manufakturen als neue Betriebsform überhaupt aufkommen. Ein wesentlicher Grund ist, dass der Staat interessiert ist an der Entstehung von Manufakturen – und zwar nicht nur an solchen, die Porzellan oder Spiegel produzieren. Denn Mitte des 17. Jahrhunderts muss die Wirtschaft unbedingt wieder in Schwung kommen. Nach dem 30-jährigen Krieg gilt es im deutschen Reich Aufbauarbeit zu leisten. Weite Landstriche sind von den langen Kämpfen verwüstet und entvölkert. Die Gesellschaft soll, nun da wieder Frieden herrscht, wachsen. Um die Menschen in Lohn und Brot zu bringen, fördert der Staat eben auch Manufakturen. Privates Unternehmertum ist dabei zunächst gar nicht vorgesehen. Manufakturen wie die von Johann Heinrich Schüle, entstehen erst später. Doch auch sie passen den Herrschern ins Konzept. Denn der sogenannte „Kameralismus“ als Staatswirtschaftslehre dominiert das Denken und Planen deutscher Regierungen und vor allem ihrer Finanzminister. O-Ton 5 Reith (33:45) Man kann das mit dem Begriff aktive Handelsbilanz umreißen(…) 35:00 Dass man eben bestimmte Produkte nicht mehr einführen muss, sondern im eigenen Land produzieren kann, um möglicherweise sogar exportieren könne. Gedacht ist das Ganze von der Kamera, der fürstlichen Schatzkammer, die dann über die Steuern einen Überschuss erzielen kann. Sprecher 1: Wobei dieser Ehrgeiz, Export-Weltmeister zu werden, damals noch keine deutsche Eigenschaft ist, sondern eine zutiefst französische. Musik 6: „Sonata Nr. 1“ (vgl. Musik Nr. 1) , Länge: 1:26 Min Sprecherin: Ludwig der 14. hat einen immensen Finanzbedarf. Um den Adel des Landes an sich zu binden, baut er das kleine Versailler Jagdschloss seines Vaters zum pompösen Machtzentrum aus. Der Glanz und die Anziehungskraft des Hofes sollen so groß werden, dass sich dem kein Fürst und kein Kardinal mehr entziehen kann. Es gibt viele Posten und Titel in Versailles, der Beamtenapparat wird dabei immer gewaltiger und teurer. Außerdem führt der Sonnenkönig eine Reihe von kostspieligen Kriegen, um die Grenzen zu festigen oder auszudehnen, die sogenannten Reunionskriege. Das alles muss finanziert werden. Finanzminister Colbert betreibt deshalb die Wirtschaftspolitik des Merkantilismus. Im Lateinischen ist der „mercator“ der Kaufmann oder Händler, also einer der etwas anzubieten und zu verkaufen hat. Und so geht es Colbert darum, die produktiven Kräfte im Inland zu fördern. Staatliche Manufakturen sollen Porzellan, Spiegel, Seide oder feines Tuch herstellen und zwar mehr als im Inland gebraucht wird, um es möglichst in andere Länder verkaufen zu können. Die Gewinne und die Steuern sollen dem König wieder mehr Spielraum bei seinen Projekten verschaffen. Musik aus Sprecher 1: Ob die neuen Produktionsbetriebe indes für die Menschen immer ein Segen sind, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Arbeitsbedingungen jedenfalls sind es oft genug nicht. Zwar werden die Spezialisten, von deren Wissen und Können die Produktion abhängt, meist sehr gut entlohnt. Doch in den Manufakturen arbeiten mit zunehmender Größe auch immer mehr einfache Arbeiter und Arbeiterinnen. Und die beziehen ein klägliches Gehalt für eine Kräfte zehrende Tätigkeit, wie zum Beispiel in der Schülschen Manufaktur in Augsburg. Musik 7: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 20 Sek Sprecher 2: „Es arbeiteten damals daselbst ohngefähr 350 Personen, und unter denselben viel Weiber und Kinder. Die Arbeiter kommen im Sommer täglich früh um 6 Uhr und arbeiten bis abends um 8 Uhr, doch werden sie nicht nach der Zeit, sondern nach den Stücken bezahlt.“ Sprecherin: Es sieht so aus, als würden solche Betriebe das Zeitalter der Industrialisierung einläuten. Ist die Manufaktur also eine Übergangserscheinung zwischen einer rein handwerklich geprägten Zeit und der kapitalistisch geprägten Wirtschaft des 19. Jahrhunderts … mit Fabriken, in denen Menschen nur noch einzelne stupide Handgriffe verrichten? Lange Zeit wurde das in der Wissenschaft so gesehen, gestützt auch von der Theorie Karl Marx. Im Band 1 des „Kapital“ heißt es: Musik 8: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 23 Sek Sprecher 2: „Die auf Teilung der Arbeit beruhende Kooperation schafft sich ihre klassische Form in der Manufaktur. Als charakteristische Form des kapitalistischen Produktionsprozesses herrscht sie vor während der eigentlichen Manufakturperiode, die rau angeschlagen von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts währt.“ Sprecher 1: Doch ganz so eindeutig ist die Entwicklung nicht. Die weit verbreitete Vorstellung, dass Manufakturen die Vorläufer der modernen Fabriken waren, wird von mehreren Historikern inzwischen bezweifelt, so etwa vom Historiker Prof. Stefan Gorissen. Er lehrt an der Universität Bielefeld. O-Ton 6 Gorißen (10:00) Von der Qualifikation her ist die Manufaktur. deutlich näher am Handwerk. Der Maschineneinsatz und das Vorgeben eines Arbeitsrhythmus durch Maschinen spielt in der Manufaktur keine Rolle. Das ist geradezu das Charakteristikum der Manufaktur im Unterschied zur Fabrik. Häufig gibt es qualifizierte Arbeitskräfte, die den Teilprozess selbständig durchführen müssen. Sprecherin: … wie eben jene Handwerker, die die Räder oder den Innenraum einer Kutsche herstellen – und zwar jeweils als Ganzes. Es geht also häufig gerade nicht um Arbeitsteilung, wie später in den Fabriken, wo die Arbeitsprozesse so aufgeteilt werden, dass nur noch einzelne Handgriffe übrigbleiben, die man ohne große Kenntnisse ausführen kann. Auch wenn große Manufakturen, wie jene in Augsburg oder in Saint Gobain viele ungelernte Kräfte beschäftigen, stehen im Zentrum die Experten, ohne die die Baumwolldrucke nicht schön und die Spiegel nicht richtig glatt werden. Manufakturen drehten sich um Know-How, um Präzision und um Qualität. O-Ton 7 Gorißen (11:15) Ein entscheidender Grund, eine Manufaktur zu gründen, ist, dass man sehr genaue Kontrolle über den Arbeitsprozess und über die Arbeitskräfte haben möchte. Da wo es darauf ankommt, den Produktionsprozess genau zu steuern, da lohnt es sich eine Manufaktur zu gründen. (11:45) Ein berühmtes Beispiel ist die Seidenproduktion, also das Abhaspeln der Seidenfäden aus diesem Kokon der Seidenraupe, ist ein Prozess, bei dem man festgestellt hat, dass die Qualität des gewonnenen Garns sehr stark davon abhängt wie genau im Detail dieser Prozess durchgeführt wird. Sprecherin: Womöglich spielt eine andere Betriebsform als Wegbereiter für arbeitsteilige Fabriken eine viel wichtigere Rolle: die Verlage. Was heute nur noch aus dem Buchgeschäft bekannt ist, war vor gut 200 Jahren eine weit verbreitete betriebliche Organisationsform. Stefan Gorißen: O-Ton 8 Gorißen (2:30) Das heißt, man hat einen Kaufmann – einen Verleger –, der die Arbeitsprozesse anleitet und eine Vielzahl von Gewerbetreibenden meist auf dem platten Lande anleitet, Produkte herzustellen. Oft arbeitsteilig und meist im Nebenerwerb. Die nutzen arbeitsarme Zeiten, z.B. den Winter, um Gewerbeprodukte herzustellen. Musik 9: „Bachmachine für 4 Klarinetten“ – 48 Sek. Sprecher 1: So werden zu Hause Wollfäden gesponnen oder einfache Stoffe gewoben, die fertigen Waren dann eingesammelt, womöglich noch weiterverarbeitet, etwa zu Kleidung und dann als Massenware verkauft. Die Serienproduktion, wie sie später in den Fabriken läuft, hat ihren Vorläufer also eher in den Verlagen, als in den Manufakturen. Die Verleger sorgen dafür, dass die Teilarbeitsschritte am Ende zusammenlaufen, und sie übernehmen die Vermarktung im großen Stil. Während die Manufaktur oft auf Qualität ausgerichtet ist, geht es bei den Verlagen dagegen oft um Quantität. Die Bedeutung der Verlage für die Wirtschaft ist dabei schon von den reinen Zahlen her viel größer, als die der Manufakturen: O-Ton 9 Gorißen Man kann schätzen so um 1800 in Deutschland. vor Beginn des Industriezeitalters gibt es im Handwerk 1,3 Mio. Beschäftigte, im Verlagswesen etwa 1 Mio. und in Manufakturen 100.000. Sprecher 1: Die Manufakturen sind also eher eine Randerscheinung in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands und Europas. Musik 10: „Unwucht für 4 Klarinetten“ – Länge: 1:07 Min Sprecherin: Auch von Johann Heinrich Schüles riesigem Kattun-Betrieb ist nicht mehr viel übrig. Nur noch der historische Hauptbau, der ein wenig an ein kleines Barockschlösschen erinnert, steht noch. An den Seiten sind für die Hochschule Augsburg neue Seitenflügel aus Glas angebaut worden. Aber obwohl die Manufakturen im Prinzip völlig verschwunden sind und als Betriebsform bald gar keine Rolle mehr spielen - als Begriff haben sie das 18. Jahrhundert überdauert. Sie gelten bis heute als Markenzeichen und das zu Recht, wie Reinhold Reith findet. O-Ton 10 Reith: 39:45 Wir sehen häufig in der Werbung, dass da von Manufaktur gesprochen wird. (…) Es ist ein sehr positiv besetzter Begriff. Er steht für Qualitätsarbeit, für hohe Präzision, er steht für das Design der Produkte. Ich glaube es trifft diese Produktionsform schon. Musik aus.

  12. Die US-Präsidentenwahl - Kampf ums Weiße Haus

    16.01.2024 · 23 Min.

    Die US-Präsidentenwahl zählt zu den kompliziertesten und langwierigsten Wahlsystemen der westlichen Demokratien: von den Vorwahlen mit den Grabenkämpfen unter Demokraten und Republikanern bis hin zum "Election Day", bei dem Präsident oder Präsidentin vom Volk nur indirekt gewählt wird. Autor: Florian Kummert (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Florian Kummert Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Andreas Neumann, Christian Schuler Technik: Susanne Harasim Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Michael Hochgeschwender (Professor; LMU München); Jesse Wegmann (Journalist und Autor "Let The Poeple Pick The President") Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  13. Höhenluft - Ganz schön gut, ganz schön schlecht

    11.01.2024 · 23 Min.

    Eine Höhenkrankheit kann Bergsteigern das Leben kosten. Ein Höhentraining kann Sportlern Rekorde und Medaillen bescheren. Für den Menschen ist das Leben in der Höhe in jedem Fall extrem. (BR 2021) Autor: Bernd-Uwe Gutknecht Credits Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Rahel Comtesse, Jennifer Güzel Technik: Robin Auld Redaktion: Matthias Eggert Im Interview: Prof. Dr. Simon Schäfer, leitender Oberarzt an der Münchner Uniklinik in Großhadern; Dr. Wolfgang Schaffert, HöhenmedizinerFlavio Mannhardt, Sportwissenschaftler, Betreiber des Hypoxicum; Eva-Maria Sperger, Ultratrail-Läuferin; Reinhold Messner, Alpinist; Uwe Hartmann, Lauf-Trainer; Gesa Felicitas Krause, Hindernisläuferin Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 Resource scarcity Sprecher: 9900 Meter! So hoch fliegen normalerweise nur Flugzeuge. 9900 Meter zeigte am 14. Februar 2007 das GPS einer im Chiemgau lebenden polnischen Gleitschirmfliegerin an: Ewa Wisnierska war bei einem Trainingsflug in Australien in eine Cumulonimbus-Wolke geraten und in eine Höhe gezogen worden, wo minus 50 Grad Kälte herrschen. Die Profi-Sportlerin verlor das Bewusstsein, überlebte an ihrem Gleitschirm hängend wie durch ein Wunder. Vermutlich ist noch nie ein Mensch ohne künstlichen Sauerstoff in diese Höhe gekommen: Zusp. 1 Collage Eva (bereits gemischt): 0‘49 MUSIK „Ich bin irgendwann aufgewacht. Und dann merkte ich, dass ich die Bremsen gar nicht mehr in den Händen halte, sondern dass die Bremsschlaufen über mir hängen, mit Eiszapfen, alles war vereist. Und dann dachte ich: zum Glück fliegt er geradeaus. Und dann bin ich irgendwann unten aus der Wolke raus. Dann kam die Erleichterung und ich habe gedacht: es könnte gut ausgehen!“ - Sprecher 9900 Meter! Zum Vergleich: der Mount Everest misst 8848 Meter. Überlebt hat die Gleitschirmfliegerin vermutlich aufgrund ihres überdurchschnittlichen Trainingszustandes. Sie hatte direkt vor dem Höhenflug ein mehrwöchiges Höhentraining absolviert! MUSIK 2 Microelements 0‘34 ATMO 1 0’10 Läuferin Sprecherin: Ein Höhentraining, wie es viele Profisportler, aber auch Amateure, in ihre Trainingsroutine einbauen. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler neue Erkenntnisse über die Höhenluft gewonnen. Und kommerzielle Anbieter drängen etwa mit Höhenzelten für den Hausgebrauch auf den Markt. Was ist dran an der vielbeschworenen Höhenluft? Wem nutzt sie, wann schadet sie? Musik 3 Medical insights 0‘48 Auf 1500 bis 2500 Metern Höhe werden die besten Trainingseffekte erzielt, sagen Sportmediziner. Wird in diesen Höhenlagen gelaufen, geradelt oder geschwommen, muss der Körper mit weniger Sauerstoff auskommen, gewöhnt sich nach einigen Tagen daran und kann dann in niederen Gegenden einen förmlichen Sauerstoff-Schub und damit eine Leistungssteigerung erleben. ATMO 2 Wandern 0‘28 Sprecher: Nicht nur extreme Alpinisten im Himalaya oder in den Anden, auch Hobby-Wanderer in den Alpen fühlen sich magisch angezogen von den Tafeln auf den Gipfeln, auf denen „3000 Meter“ oder mehr steht, wie hier in den Hohen Tauern: Zusp. 4 Tauern Teil 1: „Bergheil, super gemacht! 3006 Meter!“ MUSIK 3 hochziehen Zusp. 5 Stressreaktion: „Dabei schaltet der Körper auf eine Stressreaktion um, das ist für ihn ja lebensbedrohlich.“ Sprecherin Dr. Wolfgang Schaffert aus dem oberbayerischen Siegsdorf ist Höhenmediziner und selbst begeisterter Alpinist. Zusp. 5 „Das Dumme ist nur, dass wir in der Entwicklungsgeschichte keine Fühler für den Sauerstoffmangel entwickelt haben. Wir spüren ihn eigentlich nicht. Es kommt ab einer Seehöhe von 2500 Metern zu einem deutlichen Absinken der Sauerstoffsättigung im Blut. Es nimmt die Atemtätigkeit deutlich zu, es nimmt der Pulsschlag zu und es kommt zu einem Zusammenziehen der Unterhaut-Venen, so dass das Blut aus den Beinen zu der Lunge hin verlagert wird.“ Sprecherin Seine Erfahrung als Expeditionsarzt zeigt: vielen Bergsteigern sind die physiologischen Gefahren der Höhenkrankheit gar nicht bewusst. Und das betrifft Alle: Trainierte und Untrainierte, Raucher und Nichtraucher, Alt und Jung: Zusp. 6 Bewusstlosigkeit: „Wenn wir auf Höhenlagen über 4000 Metern gehen, kann es schon zu ausgeprägten Beeinträchtigungen der Wahrnehmung, des Bewusstseins, der zentral-nervösen Funktionen kommen. Und die Zeit bis zum Eintreten einer Bewusstlosigkeit ist abhängig von der individuellen Konstitution. Aber viele Versuche sagen, dass ab 5500 Metern bei Manchen schon die Bewusstlosigkeit auftritt.“ Sprecher: Schon ab 2500 Metern über Meereshöhe merkt der Mensch, dass er eigentlich ein Flachländer ist. Die Luft wird dünner, das Atmen fällt zunehmend schwerer, die Muskeln werden immer weniger durchblutet. Über 3000 Meter kommt es bei rund einem Drittel der Bergsteiger bereits zu ersten Anzeichen einer leichten Höhenkrankheit: Schwindel und Kopfschmerzen. Sprecherin: Da gilt es, den Organismus langsam an die Höhe anzupassen. Durch eine allmähliche Akklimatisierung vermehren sich die roten Blutkörperchen und halten so den Sauerstoff-Transport, z.B. zum Gehirn, aufrecht. Bei zu schnellem Aufstieg dagegen droht die Höhenkrankheit in vollem Ausmaß: Musik 4 Secret proofs 0‘42 Sprecher: Die erheblich verminderte Sauerstoff-Aufnahmefähigkeit in Verbindung mit der zunehmenden Kälte können zu Atemnot, Austrocknen, Gleichgewichtsstörungen oder Lähmungserscheinungen führen. Das Risiko für ein Höhenlungenödem wächst. Expeditionen auf den Mount Everest werden dennoch angeboten wie Butterfahrten. Eine Tendenz, die auch dem wohl erfahrensten und erfolgreichsten Bergsteiger der Welt missfällt. Reinhold Messner: der Südtiroler bestieg 1980 als erster Mensch den mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt, den Mount Everest, ohne Sauerstoffmaske: Zusp. 8 Messner Everest: „Die Medizin und die Physiologie war dann der Meinung, 8500 Meter ist das Ende, höher kann man nicht steigen, denn dann käme nicht mehr genug Sauerstoff zum Blutzucker und dann hat man keine Kraft mehr. Und weil eben die Wissenschaftler im Vorfeld so eindeutig sich festgelegt haben, das ist nicht möglich, haben wir natürlich eine große Rückantwort vom Volk gekriegt. Die haben gesagt: ah, es ist trotzdem möglich. Inzwischen sind viele, na ja, einige Leute ohne Sauerstoff raufgestiegen. Der Everest ist mehr oder weniger die Grenze, viel höher ging`s nicht mehr. Und man muss sich vorstellen, dass es dann unendlich langsam wird, weil wir nur noch ein, zwei Schritte machen können und dann brauchen wir viele viele Atemzüge, hyperventilieren da oben. Und wenn man ohne Maske steigt, dann fährt diese ganz kalte Luft – minus 40 Grad hatten wir am Gipfel – in die Lungen und das tut auch weh. Also wenn junge Leute heute sagen, weil es Mode ist, auf die Frage warum? Weil es Spaß macht! Dann muss ich nur lächeln, es macht nicht Spaß!“ MUSIK 5 Disturbing factors 0‘37 Sprecherin: Die Höhenkrankheit resultiert aus einer Hypoxie, also der Minderversorgung des Körpers oder einzelner Körperteile bzw. Organe mit Sauerstoff. Gemessen wird das durch den Sauerstoff-Partialdruck pO2 im Blut. Oftmals sind Extremitäten-Arterien beeinträchtigt, sie können komplett verschließen, Beine oder Arme können dadurch absterben. Leidet der gesamte Organismus unter Sauerstoffmangel, dann sprechen Mediziner von einer Anoxie. Sprecher: Ob und wie stark ein Mensch auf eine Hypoxie reagiert, hängt von seinen Genen ab. Professor Dr. Simon Schäfer vom Klinikum der Universität München in Großhadern forscht seit Jahren über die genbedingte Hypoxie-Toleranz: Zusp. 10 Veranlagung: „Zunächst muss man wissen, dass sich der menschliche Körper den Luxus leistet, permanent für das Auftreten eines Sauerstoffmangels vorbereitet zu sein. Unser Körper, jede einzelne Zelle, produziert rund um die Uhr Substanzen nur für den Fall des Sauerstoffmangels. Aber wie stark das ist, das ist von Person zu Person unterschiedlich. Das heißt, es gibt genetische Varianten, Veranlagungen, die dazu führen, dass dieses System, das uns bei Sauerstoffmangel hilft, unterschiedlich stark ausgeprägt ist.“ Sprecherin: Die Wissenschaftler sprechen von der „hypoxisch-inflammatorischen Gen-Regulation“. Dabei untersuchen sie, wie sich der Körper an Sauerstoffmangel anpassen und damit verbundene Entzündungserkrankungen bekämpfen kann. Sprecher: Eine erstaunliche Erkenntnis von Professor Schäfer und seinem Team: nicht nur bei Bewohnern von Höhenlagen wie in Peru oder in Nepal gibt es gute genetische Bedingungen für eine entsprechende Adaptierung, sondern auch bei uns: Zusp. 11 Sherpas: „Ein relevanter Anteil der Bevölkerung in Europa hat auch diese genetischen Varianten, die wir von den Sherpas her kennen und die den Sherpas helfen, eben in großer Höhe sportliche Leistungen erbringen zu können. Und je nachdem, ob eine Person eine oder mehrere dieser genetischen Varianten hat, ermöglicht es auch uns Europäern, besser einen akuten Sauerstoffmangel zu tolerieren.“ Sprecherin: Das heißt vereinfacht: unsere Gene sagen unseren Organen, vor allem der Lunge, wie sie mit Sauerstoffmangel umgehen sollen: Zusp. 12 Ödem: „Eine klassische Komplikation des Höhenbergsteigens ist das Lungenödem, d.h. das Versagen der Lunge. Das entsteht dadurch, dass sich die Lungengefäße ganz stark zusammenziehen und dann Wasser in die Lunge austritt und der Bergsteiger eben nicht mehr atmen kann. Wenn nur ein klein wenig, eine einzelne Stelle der Erbinformation so oder so ausfällt, dann funktioniert die Substanz, das Protein, das dazu führt, dass sich die Gefäße in der Lunge zusammenziehen, sehr stark oder weniger stark. Und das führt am Ende dazu, ob jemand in der Höhe Atemprobleme bekommt oder nicht.“ ATMO 3 Hypoxie 0‘52 Sprecherin: Mit einem speziellen Hypoxie-Training kann man auch im Flachland seine genetischen Voraussetzungen etwas verbessern: Zusp. 13 Hypoxie: „Hypoxietraining beruht auf dem Höhentraining, das man so kennt von den Profis, die ins Höhentrainingslager fahren. Das Hypoxietraining bei uns sieht so aus, dass man in simulierter Höhe trainiert.“ Sprecher: Flavio Mannhardt ist Sportwissenschaftler und betreibt in München das Hypoxicum, ein Fitness-und Gesundheits-Studio, das auf Höhentraining spezialisiert ist. Hier, auf rund 500 Metern Höhe über dem Meeresspiegel, beträgt der Anteil an Sauerstoff in der Luft etwa 21 Prozent. In 2500 Metern Höhe liegt der Wert bei 15,5 Prozent. Zusp. 14 Höhenraum: „Wir sind auf 500 Meter München, aber die Kunden sind gerade z.B. auf 2500 Metern. Das Ganze kann man durch sogenannte normobare Hypoxie möglich machen. Was heißt normobare Hypoxie? Wir verändern den Sauerstoffgehalt da drin. Am Berg ist es ja so, dass man hypobare Hypoxie hat, d.h. dass sich der Luftdruck da verändert, ein geringerer Luftdruck bedeutet, dass wir auch einen geringeren Sauerstoff-Partialdruck haben und dadurch kommt weniger Sauerstoff in der Lunge an. Und das simulieren wir im Höhenraum.“ Zusp. 15 Sensor: „In dem Raum befindet sich ein Sensor, der misst die Gase darin, vor allem den Sauerstoffgehalt und das passiert dann ganz automatisch, er reguliert die Höhe, indem er eine von einem Generator produzierte Höhenluft in den Raum speist. Das ist ein Riesengenerator. Der entzieht der normalen Luft diesen Sauerstoff und wir geben z.B. ein 2500 Meter, dann weiß der ganz genau: ich darf nur noch 15,5 Prozent Sauerstoff in diesen Raum lassen.“ ATMO 4 Laufband 0‘25 Sprecher: Das Studio besteht aus mehreren Kammern, in denen Laufbänder und Fitnessräder stehen. Die kleinen Räume sind luftdicht verschlossen, so dass die gewünschten Höhen-Einstellungen konserviert werden. Auf einem der Laufbänder trainiert die Hobby-Triathletin Britta. Die Raumluft entspricht gerade einer Höhe von... Zusp. 16 Triathletin: „2500…um mich für einen Triathlon vorzubereiten, Mitteldistanz…also ich finde, die Ausdauerleistung steigt enorm. Es ist natürlich sehr anstrengend, wenn man sich vorstellt, dass das eine Abkürzung ist, was Viele meinen – das ist es nicht! Sondern es ist wirklich wahnsinnig anstrengend, hier zu trainieren, aber man hat echt den Vorteil, also man wird nicht schneller im Training, aber ausdauernder.“ ATMO 5 Laufband 0‘3 Zusp. 17 entspannter: „Also es ist eine Anpassungssache, die Adaption braucht ungefähr 48 Stunden, habe ich immer so den Eindruck. Am Tag danach, wenn es ein richtig heftiges Training war, hat man teilweise ein bisschen Konzentrationsstörung, am Anfang, hinterher vermindert sich das. Und ansonsten kann man besser schlafen meiner Meinung nach, man fühlt sich entspannter.“ ATMO 5 Laufband 0‘14 Sprecherin: Regelmäßige Bewegung in der Unterdruck-Kammer, das kann auch nur im lockeren Walking-Tempo sein, schult den Organismus im Umgang mit weniger Sauerstoff, was Sportwissenschaftler wie Flavio Mannhardt als Superkompensation bezeichnen: Zusp. 18 Superkompensation: „Unsere Zellen sind darauf programmiert, mit ca. 21 Prozent Sauerstoff zu arbeiten. Sie bekommen jetzt aber nur noch 15,5 Prozent. Und dieser Reiz bringt den Körper dann zu einer sogenannten Superkompensation. Im Höhentraining nennt sich das eine Adaption oder eine Akklimatisierung, wenn man das über einen längeren Zeitraum macht.“ Sprecher: Damit der Trainingsaufwand auch die gewünschten Effekte erzielt, werden die Sauerstoff-Werte der Trainierenden laufend überprüft: Zusp. 19 Kontrolle: „Das Ganze misst man mit einem sogenannten Pulsoximeter am Finger. Wir kontrollieren dann, ob wir noch im grünen Bereich sind und vor allem, ob wir in einem effektiven Bereich sind. Da gibt`s Sauerstoff-Sättigungen im Blut, die optimal sind für Höhentraining und wenn das der Fall ist, dann wissen wir, ok, das Training ist gerade effektiv.“ MUSIK 6 Network access 1‘23 Sprecher: Ein Hypoxie-Trainingsblock geht über fünf Wochen und zwei Stufen Zusp. 20 erste Stufe: „Die erste Stufe, das ist eine Verbesserung des cardiovaskulären Systems nach ca. zwei bis drei Wochen Höhentraining. Was passiert da vor allem? Das Herz-Minuten-Volumen vergrößert sich, d.h. unser Herz kann zur selben Zeit mehr Blut durch den Körper pumpen. Es kommt zu einer sogenannten Vasodilatation, die Blutgefäße weiten sich, hier passt dann auch mehr Blut durch. Und es kommt zu einer Kapillarisierung, vor allem in der Muskulatur, also es entstehen neue Blutgefäße, die den Muskel ausreichend mit Sauerstoff versorgen, aber auch mit Nährstoffen. Auch eine Regeneration ist dann schneller.“ MUSIK 6 kurz hochziehen Zusp. 21 zweite Stufe: „Und die zweite Stufe, die kann man so nach vier bis fünf Wochen Training erwarten. Und zwar schüttet der Körper dann vermehrt ein bestimmtes Hormon aus, das kennen die meisten vom Doping: Erythropoetin, kurz EPO. Und wenn wir mehr EPO im Blut haben, dann bildet der Körper mehr rote Blutkörperchen. Und die transportieren den Sauerstoff durch das Blut, unser Blut kann mehr Sauerstoff aufnehmen und das ist dann der push, der boost, wie wir es nennen, den man dann wirklich spürt nach vier bis fünf Wochen Training.“ Sprecherin: Neben dem subjektiven Gefühl vieler Sportler belegen auch wissenschaftliche Studien den Sinn eines Hypoxie-Trainings, wie Professor Schäfer von der Münchner Uniklinik bestätigt: Zusp. 22 Daten: „Es gibt Daten dazu, dass der Gipfelerfolg verbessert wird, es gibt Daten dazu, dass der Kreislauf, der Sauerstoffabfall im Blut trainiert werden kann. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Höhentraining aus verschiedenen Gründen hilfreich ist für Personen, die in die Höhe wollen. Man gewöhnt sich daran, wie man sich in der Höhe bewegt, wie man in der Höhe atmen muss. Und der Körper erinnert, wie es sich in der Höhe anfühlt.“ ATMO 3 nochmal 0‘29 Sprecherin: Mittlerweile gibt es auch „Hypoxie-Training to go“. Weil selbst das Schlafen in simulierter Höhe die Adaption verbessert, legen sich Höhensportler nachts in ein Höhenzelt, trainieren aber im Flachland, nach der bewährten Methode „sleep high, train low“, also in der Höhe schlafen, in niedrigen Lagen trainieren. Zusp. 23 Schlafzelt: „Also ich habe ein Zelt, mein Partner ist zum Glück auch dabei und der schläft auch mit im Zelt, d.h. wir haben auf unserer Matratze dieses Höhenzelt draufstehen, mit Generator angeschlossen, da haben wir mittlerweile unseren eigenen zuhause, und dann schlafen wir einfach ein paar Wochen da drinnen.“ MUSIK 7 Production process (red.) 0‘50 Sprecher: Eva-Maria Sperger ist eine der weltbesten Ultratrail-Läuferinnen und arbeitet in München als Psychologin sowie Psycho-Therapeutin. Zusp. 24 Monterosa: „Das Monterosa Skyrace, was ein Wettkampf ist, der bis auf 4500 Höhenmeter hochgeht, also richtig über den Gletscher und dafür war es ganz besonders wichtig, sich mit dem Höhentraining darauf vorzubereiten. Ich glaube, wenn ich das nicht gemacht hätte, dann wäre der Wettkampf sicher gar nicht möglich gewesen, dass man sich so schnell am Gletscher bewegt. Auch im Nachhinein hat mir der Wettkampf überhaupt nicht viel ausgemacht.“ MUSIK 7 hochziehen Zusp. 28 Eva-Maria: „Vor den Wettkämpfen war es so, dass ich eine Kombination gemacht habe, dass ich immer wieder im Hypoxicum in der Höhenkammer trainiert habe, auf dem Fahrrad oder auch auf dem Laufband, dass ich dann Passiv-Training gemacht habe, was so viel heißt, dass man sich künstlich auf eine Höhe von vielleicht 5500 Höhenmeter begibt und dann immer wieder in Fünf-Minuten-Intervallen auf dieser Höhe ist und beides kombiniert.“ MUSIK 8 New beginning 0‘19 Sprecherin: Aber nicht nur Sportler, sondern auch Patienten profitieren von Hypoxie-Training, wie Sportwissenschaftler Flavio Mannhardt erklärt. Die „dünne Luft“ fördert Leistung bzw. die Erneuerung der mikroskopisch kleinen Kraftwerke des Menschen, der Mitochondrien: Zusp. 29 Mitochondrien: „Mitochondrien sind u.a. auch zuständig für einen guten Fettstoffwechsel, der Grundumsatz erhöht sich dadurch, die Leute können mehr essen ohne zuzunehmen. Der kalorische Verbrauch in der Höhe ist höher, das Hormon Leptin spielt auch eine Rolle. Leptin ist ein Appetitzügler, es kommen Kunden, die haben Heißhungerattacken, die versuchen es, damit zu zügeln. Und Höhentraining hat auch eine diuretische Wirkung: es gibt Menschen, die haben viele Wassereinlagerungen und durch diese diuretische Wirkung versuchen wir, Giftstoffe, Wassereinlagerungen auszuspülen.“ Sprecherin: Der Hypoxie-Experte Mannhardt empfiehlt die Therapie auch für die Regeneration nach Verletzungen und aufgrund seiner Wirkungen auf gewisse Hormone auch für psychische Beschwerden: Zusp. 30 Gesundheit: „Man weiß, dass Höhenluft glücklich macht, Dopamine werden vermehrt ausgeschüttet. Wir haben manchmal Patienten da, die von Ärzten geschickt werden, die z.B. Depressionen haben, keine Lust mehr haben, harte Medikamente zu nehmen. Dann haben wir auch – die meisten denken da gar nicht daran – aber es gibt ein Hormon, das heißt Melatonin, das ist unser Schlafhormon, wir haben auch Leute da, die Probleme haben mit Schlaf, und diese erhöhte Melatoninproduktion, die ist auch wissenschaftlich erweisen.“ Sprecherin: Von einer Wunderwaffe im Kampf gegen typische Zivilisationskrankheiten zu sprechen, ist sicher überzogen. Aber auch Professor Schäfer, der in Großhadern über Hypoxie forscht, ist von den Vorteilen überzeugt: Zusp. 31 Krankheiten: „Es gibt gute Daten, dass Personen, die zuckerkrank sind, unter Hypoxietraining diese Erkrankung verringern oder den Fortschritt der Erkrankung aufhalten können. Man muss es sich so vorstellen, dass dies hypoxisch inflammatorischen Gene Tausende unterschiedliche Substanzen, Mechanismen ein-und ausschalten können. Und deswegen ein kontinuierliches Training unter Sauerstoffmangel Einfluss auf verschiedene chronische Erkrankungen haben kann. Zuckerkrankheit, Übergewicht oder Bluthochdruck.“ MUSIK 9 C1589890106 Delicate information (red.) 0‘38 Sprecher: Egal ob Patient, Athlet: oder Wanderer: Luftveränderung, also Sauerstoff-Veränderung tut gut. Die dünne Luft kann für den menschlichen Organismus wie eine Frischzellenkur wirken. In gemäßigter Höhe wie hier in den Hohen Tauern kommt zum Jungbrunnen dann noch das Gipfelglück dazu: Zusp. 4 Tauern gesamt: „Bergheil, super gemacht! 3006 Meter! – heroben auf 3000 Meter zu sein ist ein tolles Gefühl.

  14. Marco Polo - Der Abenteurer und sein Mythos

    08.01.2024 · 23 Min.

    Sagenhafte Reichtümer, weise Herrscher, seltsame Bräuche. Marco Polos Bericht von seiner Asienreise macht ihn zum bis heute berühmten Abenteurer. Doch was davon ist wahr, und wer war der Mann hinter dem Mythos? Autor: Niklas Nau (BR 2018) Credits Autor dieser Folge: Niklas Nau Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Beate Himmelstoß, Stefan Wilkening, Christian Schulzer Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Marina Münkler (Professor; Technische Universität Dresden) Heute vor 700 Jahren starb der venezianische Kaufmann und Asienreisende Marco Polo. Einen weiteren hörenswerten Beitrag gibt es hier: 8.1.1324: Todestag Marco Polo | Bremen Eins | Der Stichtag – Die Chronik der ARD JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  15. Der Stern von Bethlehem - Wegweiser des Himmels

    06.01.2024 · 22 Min.

    In den biblischen Weihnachtsgeschichten werden die Weisen aus dem Morgenland von einem strahlenden Stern nach Bethlehem zum neugeborenen König der Juden geführt. Autor: Christian Feldmann (BR 2009) Credits Autor dieser Folge: Christian Feldmann Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Amberger, Dtlef Kügow, Caroline Ebner, Stefan Merki Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Weihnachtskrippe - Szenerie der Menschwerdung JETZT ANHÖREN Der Ochse - Symbol der Güte und Beständigkeit JETZT ANHÖREN Horusknabe und Christkind - Gottessöhne bei Ägyptern, Juden und Christen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  16. Ennio Morricone - Meister der Filmmusik

    02.01.2024 · 23 Min.

    "Spiel mir das Lied vom Tod" - bei diesem Filmtitel denkt jeder sofort an das Stück "Der Mann mit der Harmonika" aus der Feder des italienischen Komponisten Ennio Morricone. Seine Soundtracks haben die dramaturgischen Möglichkeiten der Filmmusik erweitert und Maßstäbe gesetzt. Morricone ist einer der erfolgreichsten, produktivsten und innovativsten Komponisten der Kinogeschichte. Autor: Markus Vanhoefer Credits Autor dieser Folge: Markus Vanhoefer Regie: Markus Vanhoefer Es sprachen: Julia Fischer, Frank Manhold, Peter Lersch, Silke v. Walkhoff Technik: Regina Staerke Redaktion: Andrea Bräu Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ( Musik 1: Kurzes Geräusch „Filmprojektor“:. Dann: Morricone „Armonica“. ) Sprecher: Und? Kennen Sie dieses Thema? Na klar. Dieses kurze Motiv – es stammt aus dem Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ - ist für die Filmmusik das, was Beethovens „Tit-ti-ti-taa“ für die Klassik ist. Die Essenz einer ganzen musikalischen Welt. Man muss nicht unbedingt ein Soundtrack-Spezialist sein, um die vier Mundharmonika-Töne mit dem Namen eines Komponisten in Verbindung zu bringen: Ennio Morricone. Für seine Landsleute: Maestro Morricone. ( Musik 2: Morricone: „Spiel mir das Lied vom Tod“, Schlussmusik. ) Sprecher: Spricht ein Italiener von „Maestro“, dann hat dies eine andere Dimension, als das spröde deutsche „Meister“. Ein Maestro ist mehr als nur ein solider Handwerker, ein Maestro ist eine Respektsperson, jemand mit Aura und Charisma. „Maestro“ heißen nur die ganz Großen. Maestro Ennio Morricone trägt diesen Titel zurecht. ( Musik 2 hoch ) Sprecher: Morricones Werksbiographie unterstreicht seine herausragende Bedeutung für die Film-Geschichte. Wie viele Soundtracks hat er eigentlich geschrieben? Waren es wirklich 500, wie es das Internet-Lexikon behauptet? Oder doch nur etwas mehr als 450? Das ist zumindest ist auf Morricones offizieller Web-Seite zu lesen. Die Regisseure, mit denen er zusammengearbeitet hat, zählen zu den renommiertesten ihres Fachs: Pier Paolo Pasolini, Lina Wertmüller, Bernardo Bertolucci, Brian De Palma, Roman Polanski, Oliver Stone, Pedro Almodovar, Quentin Tarantino... Wie könnte es anders sein, befinden sich in Morricones Trophäenregal die begehrtesten Auszeichnungen seines Berufsstandes: Der Oscar, der Grammy, der Golden Globe, der britische Bafta-Award, der italienische David di Donatello. Morricone erhielt den schwedischen Polar-Music-Prize, er ist Ritter der französischen Ehrenlegion und hat einen Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“. ( Musik 3: Morricone „Armonica“. ) Zitatorin: Morricone ist mit wichtigen Preisen ausgezeichnet worden, und er hat sie alle verdient,... Sprecher: sagt Liliana Cavani, Regisseurin von „I Cannibali“ oder „Ripley´s Game“. Zitatorin: Ich habe viele Erinnerungen an unsere Zusammenarbeit. An wunderbare Momente, wenn du als Regisseurin voller Dankbarkeit siehst, wie deine Bilder durch die Filmmusik an Intensität gewinnen. Wenn du entdeckst, dass Szenen, denen offensichtlich etwas gefehlt hat, erst durch Morricones Einfluss ihre ganze Kraft entfalten. ( Musik 4: „Clan der Sizilianer „Main Title“. Die folgenden Musiken werden unter dem Sprecher kreuzgeblendet! ) Sprecher: Was macht Morricone zur Legende der Filmmusik? Natürlich sind viele seiner Kino-Themen Klassiker. Zum Beispiel das Hauptthema aus Henri Verneuils „Der Clan der Sizilianer“: ( Musik 4 hoch. ) Sprecher: Hier eine weitere Morricone-Melodie: „Chi Mai“ aus „Der Profi“ mit Jean-Paul Belmondo: ( Musik 5: „Chi Mai“. ) Sprecher: Und auch diese Musik hat sich Morricone ausgedacht: „Gabriel´s Oboe“ aus „The Mission“: ( Musik 6: „Gabriel ´s Oboe“ ) Sprecher: Einmal gehört, nie mehr vergessen. Wie kaum ein anderer hat Morricone das unschätzbare Talent zur einprägsamen Melodie. Dies ist jedoch nur ein Aspekt des Phänomens „Morricone“. Liliana Cavani: Zitatorin: Nicht jeder Komponist weiß, wie man Musik komponiert, die im Kino funktioniert. Morricone hat das immer gewusst. ( Musik 6 hoch ) Sprecher: Wie funktioniert Filmmusik? Morricones Soundtracks sind exemplarisch dafür, was im Kinodunkel möglich ist: Filmmusik steht nicht für sich alleine, sie wirkt im Zusammenspiel von Bild, Wort und dem Rhythmus von Kamerafahrt und Schnitt. Deshalb folgt sie eigenen Gesetzen: Das,was im Konzertsaal unspektakulär oder verstörend atonal erscheint, kann im Kino magisch sein. ( Musik 7: Geräusch „Filmprojektor“: Musik „Frantic“ wird unter Geräusch eingeblendet.) Zitator/Morricone: Die beste Filmmusik enthüllt etwas, das nicht gezeigt oder erzählt werden kann. Sie illustriert etwas, das der Film nicht zum Ausdruck bringt,... Sprecher:. ...sagt Ennio Morricone. Das heißt, ein Soundtrack schafft eine Meta-Ebene, er lenkt unsere Gedanken und Gefühle, ohne dass uns diese Beeinflussung bewusst wird. Die Meister der Filmmusik sind Manipulatoren mit einem intuitiven Verständnis für die menschliche Psyche. Die Qualität einer Morricone-Partitur hat deshalb auch immer einen irrationalen Aspekt: Das meint der Avantgardekomponist Helmut Lachenmann, wenn er sagt, Morricones Musik habe eine ... Zitator: ...unwiderstehliche Aura, der man nicht auf die Schliche kommt. ( Musik 7 hoch ) Sprecher: Musik ist nichts für Spätentwickler. Hochbegabung, eine möglichst frühe Förderung und das richtige Umfeld, dieser Dreiklang ist der Nährboden, auf dem viele große Musiker-Karrieren gewachsen sind. Auch die von Ennio Morricone. Morricone wird am 10. November 1928 in Rom geboren. Sein Vater ist Berufsmusiker und führt den Sohn früh an die Musik heran.1942 wird der vierzehnjährige Jungstudent am Konservatorium Santa Cecilia in Rom. Sein Hauptfach ist Trompete. Nach dem Trompeten-Diplom wechselt Morricone 1946 das Fach und studiert Komposition. Sein Lehrer wird einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponisten Italiens: Goffredo Petrassi. Damit steht Morricone im Zentrum der europäischen Avantgarde. ( Musik 8: Petrassi: „Settimo Concerto“, daraus „Prologo“. ) Sprecher: Die Musik des 20. Jahrhunderts wird von umwälzenden Revolutionen geprägt. Den ersten Schock löst nach 1910 Arnold Schönbergs Zwölftonmusik aus. Morricones Lehrer Petrassi ist ein Vertreter dieser Bewegung. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschüttert eine zweite, auf Schönberg aufbauende Revolutionswelle die Musikwelt. Es entstehen provozierend neue Richtungen, wie die Serielle Musik, die die Klangeigenschaften eines Werks mit mathematischen Reihen organisiert, oder die Musique Concrète, deren Stücke aus Geräuschen bestehen. Und da ist noch der Amerikaner John Cage, für den alles Klang ist. ( Musik 9: Morricone: „Ut“ für Trompete und Streichorchester. ) Sprecher: Der fortgeschrittene Student Ennio Morricone begeistert sich für all´ diese innovativen Ideen und sorgt mit seinen avantgardistischen Werken für Aufsehen. Doch dann beginnt Morricone ein Doppelleben, er begibt sich ins kommerzielle Terrain der Unterhaltungsmusik. Aus pragmatischen Motiven: Der junge Komponist hat geheiratet: Zitator/Morricone: Mit Ernster Musik kommt man nicht weit. Man verdient nur wenig Geld und meine Familie brauchte damals Geld. Und so begann ich auf Nachfrage zu arbeiten. ( Musik 10 ) Sprecher: Morricone wird zunächst eine Art Ghostwriter für Rundfunk-, TV- und Filmproduktionen. Er arrangiert Werke anderer Komponisten und dirigiert Unterhaltungsorchester. 1958 erhält er einen Vertrag beim Medienkonzern RCA. Ende der 1950er Jahre, in der Vor-Computer-Zeit, ist die Unterhaltungsmusik noch analog. Echte Musiker spielen richtige Instrumente. Deshalb sind klassisch trainierte Komponisten wie Morricone gesuchte Leute. Sie leiten Studioaufnahmen und greifen in einer Doppelfunktion aus Produzent und Arrangeur ins musikalische Geschehen ein. Fällt beispielsweise die Entscheidung, eine schlichte Pop-Melodie in ein großorchestrales Gewand zu kleiden, sind sie in der Lage, auf die Schnelle die gewünschte Orchester-Partitur zu verfassen. Ohne fundierte Kompositionsausbildung geht das nicht. Ennio Morricone kann das, und dann entdeckt er noch eine weiteres Talent: Sobald er mit eigenen Stücken „populäre“ Genres bedient, hat seine Musik das Zeug zur Hitparade. Zum Beispiel sein „Twist Nr. 9“, der in Japan und Südkorea zum „Kult“ wird. Oder der Italo-Schlager „Ogni Volta“, mit dem Paul Anka 1964 am San Remo-Festival teilnimmt. Der Titel verkauft sich allein in Italien 1,2 Millionen mal. Arrangeur und Co-Autor des Bestsellers: Ennio Morricone. ( Musik 11: Paul Anka: „Ogni Volta“ ). Sprecher: Ennio Morricone ist nicht der erste seriöse Komponist, der von der Kunst in den Kommerz wechselte. Die meisten seiner Kollegen haben dies mit schlechtem Gewissen getan. Denn aus Sicht der elitären Hochkultur gilt dies als Hochverrat. Das ist eine Einschätzung, die Ennio Morricone in keiner Weise teilt. Ob absolute Musik, wie Morricone Kunstmusik nennt, oder einfacher Schlager, Morricone komponiert beides mit gleicher Leidenschaft und ähnlichem Qualitätsanspruch. Das ist die Grundlange seines Welterfolgs als Filmkomponist. Zitator/Morricone: Beides hat mir gleich viel Spaß gemacht, denn ich liebe das Komponieren. Für angewandte Musik nutze ich die gleichen Regeln und geistigen Anforderungen wie für absolute Musik. ( Musik 12: „Themamusik: „Für eine Handvoll Dollar“. ) Sprecher: Ennio Morricone beginnt seine Karriere als Filmkomponist im Jahr 1961. Der internationale Durchbruch gelingt ihm in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sergio Leone. 1964 kommt „Für eine Handvoll Dollar“ in die „Lichtspielhäuser“. Er ist der erste Film der „Dollar-Trilogie“, die das Genre des so genannten Spaghetti-Western begründet. Die beiden anderen Streifen sind „Für ein paar Dollar mehr“ und „Zwei glorreiche Halunken“. Ennio Morricones und Sergio Leones Italo-Western haben einen gewaltigen Einfluss. Sie verändern die Erzählweise des Films. Das meint beispielsweise Pulp-Fiction Regisseur Quentin Tarantino. Der Hauptgrund dafür sei Morricones Musik. Der Regisseur John Borman ergänzt: Zitator: In den Filmen dieser beiden Männer spielt Musik die Hauptrolle. Ich sage dies nicht, um Leone herabzuwürdigen. Morricones Partituren sind so etwas wie Opern. Sie schöpfen aus einer alten italienischen Tradition. ( Musik 13 ) Sprecher: Welche Funktion hat Filmmusik? Die Herangehensweise des kongenialen Duos Leone/ Morricone ist konzeptionell neu. „Oper“ ist in der Tat das richtige Schlagwort. Denn ihre Spaghetti-Western sind in ihrer symbiotischen Verbindung von Bild und Klang opernartig durchkomponiert. Das beginnt bei einzelnen Motiven, die Personen charakterisieren, und endet in Rhythmus und Struktur der dramaturgischen Abläufe, in der die Handlung der Musik folgt und nicht anders herum. Ein Beispiel ist das Ende von „Zwei glorreiche Halunken“. Drei Revolvermänner stehen sich am Rande eines Friedhofs minutenlang Auge in Auge gegenüber. Eine statische Szene wie diese würde ohne Morricones erzählende Musik völlig in sich zusammenfallen. ( Musik 14: Themamusik: „Für ein paar Dollar mehr“ ) Sprecher: Ennio Morricones Wild-West-Partituren setzen Maßstäbe. Auch was ihren unverwechselbaren Klang betrifft. Das liegt an den ungewöhnlichen Instrumenten, mit denen Morricone das Standard-Orchester anreichert. Diese Instrumente sind unter anderem Volksmusikinstrumente wie die Maultrommel oder ethnische Flöten, Glocken oder die E-Gitarre der Rock-Musik. Eine besondere Vorliebe zeigt Morricone für die Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme: Zitator/Morricone: Die menschliche Stimme ist das erstaunlichste Instrument, das es gibt. Wir brauchen kein Instrument, wir selbst sind das Instrument, wir, unser Körper. Die menschliche Stimme kann alles. Wir sind an schöne, liebliche Stimmen gewöhnt. Aber es gibt auch schreckliche Stimmen, unmenschliche, die von bösen Menschen. Die Stimme repräsentiert alles Gute und Schlechte der menschlichen Natur. ( Musik 15: Morricone „The Ecstasy Of Gold“. ) Sprecher: Das Medium Ton-Film hat mehrere akustische Dimensionen. Die Musik ist eine, eine andere ist das Geräusch, und das spielt im Denken des Filmkomponisten Morricone eine entscheidende Rolle. Was ist die Grenze von Musik und Geräusch, lassen sich Geräusche musikalisieren? Kann das Fehlen von Musik trotzdem Musik sein? Morricones wohl berühmteste Filmmusik ist die zu Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Die epische Anfangsszene der Western-Saga nimmt dabei eine Sonderstellung ein, denn sie kommt scheinbar völlig ohne Musik aus. Drei finstere Pistolleros warten an einem gottverlassenen Wüstenbahnhof auf die Ankunft eins Zugs: Was wir hören: Das rhythmische Quietschen eines Windrads, Stiefelschritte auf Holzboden. Das Platschen von Wassertropfen. Das Summen einer Fliege. Den sich nähernden Zug. Diese Geräusche sind bewusst komponiert. Sie steuern auf einen Höhepunkt zu. Nach etwa 10 Minuten steigt der „Fremde“ aus dem Zug. Erst dann erklingt ein „richtiges“ Instrument: das legendäre Mundharmonika-Thema. ( Musik 16: Geräusch „Wind und Wassertropfen“. Liegt bereits unter Text. Daraus Themamusik „Spiel mir das Lied vom Tod“. ) Sprecher: Geräusche und Stille als Gestaltungselement. Enno Morricone hat dies nicht erfunden. Das sind Ideen der zeitgenössischen Musik der Nachkriegsjahre, als Morricone selbst ein Mitglied dieser Szene war. John Cage war damals einer seiner Vorbilder: Zitator/Morricone: John Cage war ein enormer Einfluss, und ich rede nicht nur von Avantgarde-Musik, sondern von Musik im Allgemeinen. Zum Beispiel, wie wichtig Pausen sind, das Fehlen eines Klanges, das kam von Cage. ( Musik 17: „Cinema Paradiso“ ) Sprecher: Maestro Morricone. Vom legendären Filmkomponisten zum Privatmann. Morricone ist Römer mit Leib und Seele, die ewige Stadt ist das Zentrum seines Lebens. Zusammen mit seiner Frau und den vier Kindern wohnt er in der Nähe der Piazza Venezia. Im kreativen Chaos seines Arbeitszimmers entstehen mehrere hundert Soundtracks, aber auch „abstrakte“ Konzertmusik. Der Filmkomponist Morricone bedient alle Genres, die das Kino kennt: Western, Thriller und Horror-Filme, historische Stoffe wie auch Komödien, cineastisch Anspruchsvolles und aufwendige Großproduktionen, genauso wie billige B-Movies. Morricone ist einer der erfolgreichsten und profiliertesten Filmkomponisten des 20. Jahrhunderts. Natürlich arbeitet so jemand auch für Hollywood, Morricone tut dies von Rom aus. Die amerikanische Filmindustrie betrachtet das als Manko. Zwischen 1979 und 2001 wird der Italiener fünfmal für den Oscar nominiert. Die begehrte Statue bekommen jedoch immer andere. 2007 darf Morricone einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk in Empfang nehmen. Für Insider hat diese Geste einen schalen Beigeschmack. ( Musik 18: Morricone: „The Hateful Eight“. ) precher: Die Geschichte von Ennio Morricone und dem Oscar hat jedoch ein Happy-End. Einer der glühendsten Fans des römischen Maestro ist Quentin Tarantino. Jahrelang versucht der amerikanische Regisseur vergeblich, sein Idol zu engagieren. Doch dann gibt Morricone nach und schreibt den Soundtrack zu Tarantinos „The Hatefull Eight“. Die Belohung ist eine weitere Oscar-Nominierung. Diesmal klappt es: 2016 erhält Ennio Morricone den „Academy Award“ für die beste Filmmusik. Damit ist der 87- jährige der älteste Oscar-Preisträger aller Zeiten. ( Musik 18 hoch ) Sprecher: Ennio Morricone wird 91 Jahre alt. Im Sommer 2020 wird er nach einem Sturz in ein römisches Krankenhaus eingeliefert, dort stirbt er am 6. Juli desselben Jahres. Zitator: Hat Morricone einen Erben? Im Moment sehe ich niemanden, und ich denke, wir werden noch eine Weile warten müssen, ... Sprecher: ... sagt der Regisseur Roberto Faenza. Er begründet seine Behauptung, indem er seinen Freund Morricone zitiert: Populäre Musik habe ihre Kreativität, ihr Überraschungsmoment verloren. Zitator/Morricone: Wir konsumieren heute Musik, sie ist nicht mehr als ein Hintergrundgeräusch in einem Laden. Sprecher: Maestro Morricones Anspruch war ein anderer, so eingängig viele seiner Kompositionen auch sind. ( Schlussmusik )

  17. Tiefenzeit - Vergangenheit und Zukunft wiederentdecken

    01.01.2024 · 23 Min.

    Wir leben scheinbar nur im Jetzt, vergessen die lange Geschichte und ihre Bedeutung für die Zukunft. Wie können wir aus der Geschichte der Menschheit wirklich lernen, um die Zukunft der Erde zu sichern oder lebenswerter zu machen? (BR 2018) Autor: Geseko von Lüpke Credits Autor dieser Folge: Geseko von Lüpke Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Christian Baumann, Ruth Geiersberger, Frank Manhold, Hemma Michel Technik: Christiane Voitz Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Jakob von Uexküll (Gründer des Welt-Zukunftsrates); Joanna Macy (amerikanische Öko-Philosophin und Zeitforscherin); Fritz Reheis (Zeitforscher); Matthew Fox (amerikanischer Schöpfungstheologe); Harald Lesch (Kosmologe, Astrophysiker); Rosalie Bertell (US-Radiologin, Trägerin des alternativen Nobelpreises); Roland Posner (Zeichenwissenschaftler, Berliner); Hans-Peter Dürr (Quantenphysiker, Ehrenbürger der Stadt München, Träger des alternativen Nobelpreises); Charles Eisenstein (amerikanischer Philosoph und Kulturforscher) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  18. Gegenwart - Ein rätselhaftes Phänomen

    31.12.2023 · 22 Min.

    Wir machen Pläne, sorgen für morgen und erinnern uns an das, was einmal war. Wir leben nicht nur in der Zeit, sie bestimmt unser ganzes Wesen. Aber wenn wir fragen, was das eigentlich ist, die Zeit, dann fällt uns die Antwort schwer. (BR 2012) Autorin: Irene Schuck Credits Autor/in dieser Folge: Irene Schuck Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß, Gert Heidenreich, Katja Bürkle Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Sendung gibt es HIER. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  19. Vergebung als Chance - Ein Prozess der inneren Aussöhnung

    31.12.2023 · 22 Min.

    Wenn Beziehungswunden nicht heilen, können sie unser ganzes Leben verdunkeln. Die Verwundungen des Lebens holen uns immer wieder ein. Ein Plädoyer für echte Vergebung. (BR 2015) Autorin: Elke Worg Credits Autor/in dieser Folge: Elke Worg Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Amberger, Anna Greiter, Peter Veit Technik: Siglinde Hermann Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Eine besondere Empfehlung der Redaktion: EINE GUTE ENTSCHULDIGUNG | Wie ihr richtig um Verzeihung bittet ARD alpha Ihr habt etwas verbockt und eine Entschuldigung ist angebracht? Wir haben Beispiele und Tipps, wie ihr euch richtig entschuldigt und um Verzeihung bittet - und wann ihr auch selbst Fehler verzeihen solltet. ZUM ARTIKEL Literaturtipps: Brachtendorf Johannes/Herzberg Stephan: Vergebung. Philosophische Perspektiven auf ein Problemfeld der Ethik, mentis Verlag, Münster. Wardetzki, Bärbel: Nimm’s bitte nicht persönlich. Der gelassene Umgang mit Kränkungen, Kösel, München. Wolfers, Melanie: Die Kraft der Vergebung. Wir wir Kränkungen überwinden und neu lebendig werden, Herder, Freiburg. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  20. Die Geschichte der Stadt - Urbanes Leben als Motor der Gesellschaft

    29.12.2023 · 22 Min.

    Wer es im Mittelalter in die Stadt schaffte, ließ die Leibeigenschaft des bäuerlichen Daseins zurück. Die Entwicklung der mitteleuropäischen Städte bedeutete eine massive Veränderung. Autorin: Renate Eichmeier (BR 2016) Credits Autorin dieser Folge: Renate Eichmeier Regie: Christiane Klenz Es sprachen:Rahel Comtesse, Detlef Kügow Technik: Regina Staerke Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Friedrich Lenger, Dr. Jörg Schwarz Literaturtipps: Jörg Schwarz: Stadtluft macht frei. Leben in der mittelalterlichen Stadt. Darmstadt 2008. Friedrich Lenger: Metropolen der Moderne. Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850. München 2013. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER: Es war um 1200 im norddeutschen Tiefland an der Senke zwischen dem Teltower und dem Barnimer Hügelland. Da reisten von Ferne Handelskaufleute an, die sich inmitten von Sümpfen und Wäldern niederließen. Auf den trockenen Sandflächen beiderseits des Flusses Spree gründeten sie zwei Kaufmannssiedlungen. Eine davon war Berlin, die andere Cölln. Die Siedler versprachen sich von der zentralen Lage einen prosperierenden Handel - und ihre Rechnung ging auf. Die Markgrafen von Brandenburg verliehen den beiden aufstrebenden Marktplätzen das Stadtrecht: Die Berliner und die Cöllner bekamen damit das Recht, Zölle zu erheben und durchreisende Händler zu verpflichten, ihre Waren auf den lokalen Märkten anzubieten, und sie bekamen auch das Recht auf Besitz und auf Selbstverwaltung ihrer Siedlungen - bürgerliche Freiheiten, die für die feudale Gesellschaft des Mittelalters revolutionär waren und für einen regelrechten Wirtschaftsboom sorgten: Es wurde investiert, gebaut, gehandelt. Musik aus Innerhalb weniger Jahrzehnte stiegen die kleinen Siedlungen zu bedeutenden Handelsplätzen auf. Die Bürger kamen zu Wohlstand, planten den Ausbau ihrer Städte und legten neue Siedlungsgebiete an. Ansehnliche Bürgerhäuser prägten das Stadtbild, die Nikolai- und die Marienkirche und die Stadtmauer wurden gebaut und auch Rathäuser mit großen Markthallen, in denen Tuche aus Flandern gehandelt wurden, Heringe aus der Ostsee, Salz aus Halle … ERZÄHLERIN: In solchen und ähnlichen Verläufen liegt der Ursprung unserer mitteleuropäischer Städte und Metropolen. Gemeint sind damit nicht nur die pittoresken Altstadtviertel, die im Mittelalter gegründet wurden und die vielerorts zum Flanieren einladen. Gemeint ist damit auch das urbane Leben, das sich ab dem 12. Jahrhundert in Mitteleuropa entwickelte: MUSIK Opening mit florierenden Marktplätzen, beruflicher und gesellschaftlicher Vielfalt und den emanzipatorischen Bestrebungen ihrer Bewohner. Im 11. und 12. Jahrhundert soll sich die Zahl der Städte in Mitteleuropa verzehnfacht haben. Die von den Römern gegründeten Städte waren ab dem 4. Jahrhundert verfallen. Erst Jahrhunderte später kam das urbane Leben in Mitteleuropa wieder in Schwung, als landwirtschaftliche Neuerungen wie die Dreifelderwirtschaft für einen Überschuss an Lebensmitteln und damit für ein rapides Bevölkerungswachstum sorgten. ERZÄHLER: Trier, Köln, Mainz, Regensburg, Augsburg … ERZÄHLERIN: Die alten römischen Städte erwachten zu neuem Leben. Und neue Städte wurden gegründet: ERZÄHLER: Freiburg im Breisgau, Leipzig, Lübeck, Berlin und Cölln … ERZÄHLERIN: In den Städten wurde gehandelt, gebaut, gezimmert, gegerbt, gebacken ... Die wachsende Bevölkerung musste versorgt, neuen Bedürfnissen Genüge getan werden. Neue Berufe entstanden. Neue gesellschaftliche Schichten etablierten sich. Musik aus Urbanes Leben entwickelte sich, dynamisch und vielfältig, so der Münchner Historiker Jörg Schwarz. O-TON 1 Schwarz 26'': Dieses urbane Leben bildet sich im Laufe des Mittelalters, also doch eines sehr langen Zeitraumes aus, peu à peu. Es ist sicher am Anfang noch nicht so sehr spezialisiert und in sich differenziert und wird dann aber immer mit der wachsenden Bevölkerungszahl, mit der Notwendigkeit auch zu Individualisierung, Spezialisierung differenzierter. Immer mehr Handwerkszweige bilden sich aus, werden professioneller. MUSIK Glasperlenspiel ERZÄHLER: Bäcker, Knochenhauer, Müller, Schlachter, Baumeister, Zimmermann, Steinmetz, Gerber … ERZÄHLERIN: Handwerker und Händler waren die vorherrschenden Berufsgruppen. Die städtische Oberschicht entstand aus reichen Handelsfamilien und ehemaligen Ministerialen, die als Verwaltungsbeamte adeligen oder geistlichen Stadtherren gedient hatten. Sie war streng hierarchisch gegliedert, die feudale Gesellschaft des Mittelalters. Musik aus An oberster Stelle stand der König als Stellvertreter Gottes, dann kamen Adel und Klerus. Die Bauern rangierten an unterster Stelle. Viele hatten den Status von Leibeigenen. Sie mussten Abgaben zahlen, Frondienste - heute würde man sagen: Zwangsarbeit – leisten, waren der Verfügungsgewalt ihrer adeligen oder geistlichen Grundherren weitgehend rechtlos ausgeliefert bis hin zur Bestimmung von persönlichen Belangen wie Aufenthaltsort und Heirat. Auch die Stadtbewohner unterstanden anfangs ihren adeligen oder geistlichen Stadtherren, denen der Grund gehörte, auf dem sich die Stadt befand. Doch die Beziehung zwischen den Bewohnern der Stadt und ihren Stadtherren war offen und dynamisch. Je mehr Handel und Wirtschaft florierten, desto größer wurde das Selbstbewusstsein der Stadtbewohner, desto fordernder ihre emanzipatorischen Bestrebungen und ihr Griff nach mehr Selbstbestimmung MUSIK II. Goldrausch ERZÄHLER: Hohe Türme, mächtige Stadtmauern, einladende Tore: Schon von weitem konnten die Reisenden auf den holprigen Wegen und die geknechteten Bauern auf den Feldern den Ort ihrer Sehnsucht sehen, in der ein anderes freieres Leben lockte wie ein glänzender Schatz … Stolz und machtvoll standen die mittelalterlichen Städte in der Landschaft, stolz und mächtig auch grenzten sie sich vom bäuerlichen Umfeld ab, in dem Hörigkeit und Leibeigenschaft herrschten. Musik aus O-TON 2 Schwarz 30'': Wenn wir ausgehen von Berichten, Beschreibungen des späten Mittelalters müssen das blühende Metropolen gewesen sein. Das müssen Städte aus Gold gewesen sein, die ganz emphatisch beschrieben worden sind. Aber wenn man genauer hinschaut, muss man nüchtern konstatieren: ein magischer Ort sah anders aus. Es war oftmals sehr sehr eng. Es war schmutzig. Die Leute haben den Unrat, den Müll auf die Straße geworfen. Es gab ständig Brände, große Gefährdung des Lebens. MUSIK Zentrifuge C1151260 Z00 ERZÄHLERIN: Die eng aneinander stehenden Häuser waren aus Holz und Lehm, die Dächer meist mit Holzschindeln oder sogar nur mit Stroh bedeckt. Brände breiteten sich rasend schnell aus. Bei allen Vorteilen des Stadtlebens waren die Städte auch gefährlich und sie stanken. Die Straßen und Gassen waren nicht gepflastert, sie waren dreckig und bedeckt mit Müll und Fäkalien. Musik aus O-TON 3 Schwarz 15'': Trotzdem: Die Stadt muss etwas unglaublich Faszinierendes, etwas unglaublich Anziehendes auf die Menschen ausgeübt haben. Die Städte wuchsen, wuchsen immer mehr, immer mehr Menschen haben in Städten gewohnt. Städte wurden zu politischen Faktoren auf der Landkarte Europas. MUSIK Organic ERZÄHLER: Berlin, Lübeck, Hamburg, Köln … ERZÄHLERIN: Der wirtschaftliche Erfolg gab den Kaufleuten Rückenwind. Im urbanen Milieu formierte sich Widerstand gegen die feudalen Stadtherren. Die Idee der politischen Selbstbestimmung machte Furore. Das urbane Leben erwies sich als Motor für gesellschaftliche Veränderungen. Die städtische Oberschicht forderte politische Autonomie und bürgerliche Rechte. Nicht selten mündete die Konfrontation mit den feudalen Stadtherren in gewalttätige Auseinandersetzungen. ERZÄHLER: Die größte deutsche Stadt des Mittelalters probte bereits Ende des 11. Jahrhunderts den Aufstand. Es war Köln, schon damals eine europäische Handelsmetropole, in der Kaufleute aus nah und fern zusammentrafen. Erzbischof Anno, der Stadtherr, war rücksichtlos, forderte hohe Steuern, und sah es als sein Recht an, über den Besitz seiner Untertanen zu verfügen. In den Kölner Kaufmannsfamilien machte sich Unzufriedenheit breit. Als er ein Handelsschiff für private Zwecke beschlagnahmen ließ, setzte sich der Eigentümer aufgebracht zur Wehr. Der Funke sprang über und entfachte einen wütenden Aufruhr in den Kölner Gassen. Anno konnte fliehen, kehrte jedoch nach einigen Tagen mit bewaffneter Unterstützung zurück. Die Aufständischen ergaben sich angesichts der militärischen Übermacht und die Rädelsführer wurden brutal bestraft. ERZÄHLERIN: In den Städten gärte es. Die einflussreichen Kaufmannsleute forderten politische Selbstbestimmung und persönliche Freiheiten wie etwa freies Besitz- und Erbrecht – und setzten sich peu à peu durch. Musik aus In zunehmendem Maße übernahmen die Bürger die Kontrolle über ihre Städte. Ratsverfassungen und politische Gremien wie die Stadträte etablierten sich. Mondäne Rathäuser und imposante Kaufhallen zeugten von der neuen Macht des städtischen Bürgertums und lockten immer mehr Menschen in die Städte. „Stadtluft macht frei“. Wer es im Mittelalter in die Stadt schaffte, ließ Leibeigenschaft und Hörigkeit des bäuerlichen Daseins hinter sich, was bedeutete: er konnte nach einem Jahr in der Regel von seinem Grundherrn nicht mehr zurückgefordert werden. O-TON 4 Schwarz 12'': Es gab also die Möglichkeiten aus der Unfreiheit einer Grundherrschaft in eine Freiheit oder in eine freiere Form der Städte zu kommen bei vielfältigsten Differenzierungen. MUSIK Organic ERZÄHLERIN: Andrerseits aber: O-TON 5 Schwarz 18‘‘: Oftmals unterschieden sich die Lebensformen am Anfang gar nicht so stark voneinander. Und wenn man den Plan hatte von einer Grundherrschaft wegzugehen und in die "Freiheit der Stadt" zu kommen, rieb man sich oftmals vor Verwunderung nur die Augen, dass man von einer Unfreiheit in die andere gewechselt ist. ERZÄHLERIN: Denn nicht jeder Stadtbewohner war auch Bürger. Das Bürgerrecht war eine exklusive Errungenschaft. Es wurde ererbt oder konnte gekauft werden. Musik aus ERZÄHLER: ((In Köln etwa gab es im 13. Jahrhundert 15 Patrizierfamilien, die sich in Lebensführung und Selbstinszenierung stark am Adel orientierten. Sie bestimmten die Geschicke der Stadt und ihrer Bewohner. Ähnlich war es in den anderen Städten.)) Reiche Kaufmannsdynastien und ehemalige Ministeriale stellten die städtische Führungsschicht, in die zunehmend auch die Handwerker und ihre Zünfte drängten. Hierarchisch an unterster Stelle standen die Dienstboten, Knechte und Mägde, die keinerlei Besitz und auch kaum Aussicht auf die Erlangung der bürgerlichen Rechte hatten. Doch im Gegensatz zu dem starren Ständesystem, das die mittelalterliche Welt ansonsten ordnete in Klerus, Adel und Bürger, sorgten die sozialen Verwerfungen in der Stadt für Reibung und Dynamik. O-TON 6 Schwarz 28'': Die Stadt des Mittelalters konnte sehr durchlässig sein. Es waren große Möglichkeiten da des sozialen Aufstiegs, ganz ganz bedeutsame Möglichkeiten, da gib es auch viele faszinierende Einzelfälle, aber natürlich auch des sozialen Abstiegs. MUSIK Organic ERZÄHLERIN: Beispiele für die soziale Dynamik gibt Jörg Schwarz in seinem Buch „Stadtluft macht frei“. ERZÄHLER: Er beschreibt, wie Mitte des 14. Jahrhunderts bewaffnete Augsburger vor das Rathaus zogen und angeführt von einer Gruppe Handwerker das Ende der Vorherrschaft der Kaufmannsleute forderten und damit Erfolg hatten. Künftig sollten auch die Handwerkszünfte im Stadtrat vertreten sein. Um 1370 rebellierten die Kölner Weber, 1397 die Münchner Zünfte … ERZÄHLERIN: Und und und. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzten. Mal hatten die Zünfte mehr, mal weniger Erfolg. In einigen Städten bekamen sie sehr großen Einfluss, in anderen wurden sie verboten. Das städtische Bürgertum hatte seine Integrationsfähigkeit bewiesen. Die Städte hatten sich als dynamische Orte etabliert, spannungsreich und entwicklungsfähig, mit großem Potential sowohl für Konflikte als auch für gesellschaftlichen Wandel - was bei aller Faszination auch Unbehagen auslöste. Musik aus O-TON 7 Schwarz 1'20'': Im 11. Jahrhundert gibt es einen Bericht des Mönchs Lampert von Hersfeld, der die Stadt Köln regelrecht verwünscht hat, als einen verfluchten Ort bezeichnet hat, als einen unguten Ort bezeichnet hat, weil von Köln eben ein Aufstand der Kölner Bürger gegen den Erzbischof Anno ausging. Und das setzt sich fort. Es gibt im Jahrhundert darauf, im 12. Jahrhundert, einen völlig faszinierenden Bericht eines englischen Mönchs aus Manchester über die Stadt London, in dem die Stadt London regelrecht fertiggemacht wird, bezeichnet wird als ein Ort, in dem Menschen aus allen Herren Länder zusammenleben. ((Also das, was uns heute an der Stadt so fasziniert, dieser - wie wir so schön sagen - urbane Charakter, das Kosmopolitische, das wurde als etwas Ungutes gesehen. Also die Stadtkritik,)) aber natürlich auch die Faszination durch Städte - also das hat es in dieser Form natürlich im Mittelalter auch schon gegeben: „Stadtluft macht frei“, aber es gibt auch den Gegensatz „Stadtluft stinkt auch“ und „Stadtluft macht ein bleiches Gesicht“. Die Stadt als ein unguter Ort und die absolute Zuspitzung dessen haben Sie in einem Roman des 20. Jahrhunderts: Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz. Da wird die Stadt regelrecht bezeichnet als große Hure Babylon. MUSIKAKZENT Großstadt-Song MUSIK Architektur ist Geiselnahme ERZÄHLERIN: Berlin, Wien, Paris, London: die Metropolen des 19. Jahrhunderts, des 20. Jahrhunderts, Hure Babylon, Moloch Großstadt, Turmbau zu Babel, die Stadt als Maschine, aber auch als Laboratorium der Moderne, als dynamisches Zentrum für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft. Die Städte des Mittelalters und die Metropolen der Moderne gleichen sich in ihren Phänomenen Musik aus – eine heterogene Bevölkerung, eine dynamische gesellschaftliche Entwicklung, benachteiligte Gruppen, die sich zu emanzipieren versuchen, politische Partizipationsmöglichkeiten. Hatte der zentralistische Staat ab dem 16. Jahrhundert die Autonomie der Städte eingeschränkt, so nahm im 19. Jahrhundert die Urbanisierung in Europa wieder Fahrt auf. Wissenschaftliche und technische Errungenschaften machten es möglich: Die Eisenbahn lieferte Mobilität. Die Industrialisierung ließ die Städte rasend schnell wachsen. Neue Stadtviertel entstanden. MUSIK Architektur ist Geiselnahme ERZÄHLER: Architekturen aus Eisen und Stahl, Weltausstellungen als erste internationale Events, kosmopolitischer Glamour und urbane Modernität: Allen voran wagte Paris eine große städtebauliche Neugestaltung. Musik aus O-TON 8 Lenger 21'': Wenn man vielleicht mit dem Stadtbild beginnt und sehr plakativ einsetzt, dann könnte man sagen, dass seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die breiten Boulevards, die wir noch heute an Paris zumeist schätzen, die engen verwinkelten aus dem Mittelalter überkommenen Gassen allmählich verdrängen. ERZÄHLERIN: Der Historiker Friedrich Lenger hat sich in seiner Studie „Metropolen der Moderne“ intensiv mit der Entstehung der modernen Großstädte beschäftigt. O-TON 9 Lenger 30'': Man muss aber einschränkend sehen, dass solche Großprojekte der Stadtmodernisierung wie in Paris, aber dann auch in Wien Ausnahmen bleiben, und dieser Prozess der Modernisierung des Stadtbildes andernorts etwas verzögerter und langsamer stattfindet oder nicht wirklich das Stadtzentrum erreicht, weil der Eigentumsschutz dafür sorgt, dass da nicht wahllos abgerissen werden kann, wie das in Paris zum Teil getan worden ist. ERZÄHLERIN: Bis dato ungeahnte Massen von Menschen sammelten sich in den Städten. Von 1850 bis 1913 vervielfachten sich die Einwohnerzahlen: in London von 2,3 auf 7,3 Millionen, in Paris von einer auf knapp 5 Millionen, in Wien von 430 Tausend auf 2,1 Millionen, in Berlin von ebenfalls von circa 430 Tausend auf 4 Millionen. Die Verdrei-, Verfünf-, Verzehnfachung der Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte machte eine tiefgreifende Veränderung der städtischen Infrastruktur notwendig. O-TON 10 LENGER 1': Da könnte man an das Verkehrswesen denken. Zunächst sind das von Pferden gezogene Busse, später dann die Straßenbahnen, die es überhaupt ermöglichen, dass Städte nicht länger „walking cities“ bleiben, als Orte, wo man alle Punkte der Stadt innerhalb einer starken halben Stunde zu Fuß erreichen kann oder zu mindestens innerhalb einer knappen Stunde, wie das selbst in London, der größten Stadt der Welt um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch der Fall war. Dazu kämen dann Erneuerungen im Bereich der Infrastruktur, was Wasserversorgung, Wasserentsorgung anbelangt. Das klingt heute sehr technisch, war aber damals absolut zentral, um die städtische Hygiene auf ein Niveau zu bringen, dass ein Ende mit dem Umstand hat machen können, dass in den Städten mehr Menschen gestorben sind als geboren wurden, so dass bis dahin Städte eigentlich im Kern auf Zuwanderung als Wachstumsbedingung angewiesen waren. MUSIK Augen in der Großstadt ERZÄHLERIN: Berlin um 1900. ERZÄHLER: Massen strömten in die Stadt – auf der Suche nach Arbeit, Wohlstand, einem besseren Leben. Und landeten meist doch nur in den überfüllten Mietskasernen und dunklen Hinterhöfen der Arbeiterviertel. Musik aus Das Nebeneinander von arm und reich, Einheimischen und Zugezogenen, die Spannung und Dynamik von Austausch und Veränderung lockten auch Künstler und Intellektuelle in die deutsche Hauptstadt. Avantgarde-Bewegungen formierten sich, neue Räume für Auseinandersetzung und Entwicklung eröffneten sich. O-TON 11 Lenger 20'': Metropolen, insbesondere aufgrund ihrer politischen Zentralfunktion Hauptstädte, sind immer schon zentrale Orte politischer Auseinandersetzung gewesen und damit meine ich politische Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum, der demonstrativ in Besitz genommen wird ERZÄHLERIN: Die Reichsparteitage der Nazis in Nürnberg, Goebbels‘ „Wollt ihr den totalen Krieg“ im Berliner Sportpalast, Kennedys „Ich bin ein Berliner“ vor dem Rathaus Schöneberg: Die Städte boten politischer Propaganda riesige Bühnen ebenso wie politischen Statements - und sie ermöglichten auch politische Partizipation. O-TON 12 Lenger 37‘‘: Das intensiviert sich im ausgehenden 19. Jahrhundert ungemein, weil dann erst breitere Bevölkerungsschichten, nicht zuletzt die Arbeiterbewegung, tastend versucht, diesen städtischen Raum in Beschlag zu nehmen. So was wie ein unangefochtenes Demonstrationsrecht gibt es zunächst gar nicht, so dass es kein Zufall ist, dass die ersten Massenversammlungen häufig riesige Begräbniszüge sind, wo Hunderttausende dann der Beerdigung eines Führers der Sozialdemokratie beiwohnen - was de facto dem ganzen ja den Charakter einer Demonstration gibt. MUSIK Großstadt ERZÄHLERIN: Partizipations- und Emanzipationsbewegung sind Ausdruck städtischen Lebens: die Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung zu Beginn, die Schwulen- und Lesbenbewegung am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Love Parade haben die Berliner erfunden, und die Berliner haben mit Klaus Wowereit auch als erste einen bekennenden Schwulen zu ihrem Bürgermeister gewählt. Musik aus Nur wenige Jahre später ist das kleine bayerische Dorf Bodenmais dem Berliner Vorbild gefolgt. O-TON 13 Lenger 1'11'': Auf der einen Seite lösen sich die Differenzen zwischen Stadt und Land auf und wir sprechen vielleicht trotzdem noch davon, dass wir in einer städtischen Gesellschaft leben. Ich glaube, man kann das zusammenbringen, wenn man diesen Auflösungsprozess von Unterschied zwischen Stadt und Land eben als Urbanisierung des Landes begreift und damit würde man meinen, dass viele Dinge, die früher genuin städtisch gewesen sind, heute auf dem Land auch anzutreffen sind. O-TON 14 Lenger 23'': Dazu würde ich auf jeden Fall das Ausmaß an Heterogenität in kultureller, sozialer und ethnischer Hinsicht zählen und damit einhergehend in gelungenem Fall auch ein höheres Maß an Bereitschaft sich auf Differenz entlang dieser Dimensionen einzulassen, also Verschiedenheit zu akzeptieren. MUSIKAKZENT Großstadt MUSIK Beste Freunde ERZÄHLERIN: Die Fähigkeit, sich auf soziale Vielfalt ein- und emanzipatorische Bestrebungen zuzulassen, hatte die mittelalterlichen Städte erfolgreich gemacht und die Metropolen der Moderne als Zentren politischen und gesellschaftlichen Wandels etabliert. Selbst zwei Weltkriege, zerstörte Städte, unzählige Todesopfer, eilige und eiligste Wiederaufbaumaßnahmen – das alles konnte die Entwicklung der Städte nicht aufhalten. Musik aus MUSIK Großstadt Auch in Zukunft wird unsere Gesellschaft von der Bereitschaft ihrer Mitglieder abhängig sein, kulturelle, soziale und ethnische Heterogenität zu akzeptieren und Spannungen als Entwicklungsmöglichkeiten zu nutzen. Musik aus