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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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  1. Europas erste moderne Menschen - Leben in der Eiszeit

    19.02.2024 · 24 Min.

    Es ist bitterkalte Eiszeit. 30.000 Jahre zurück in Europa. Was wissen wir über unsere genetischen Vorfahren? Archäologinnen und Archäologen durchleuchten das Genom und stoßen auf überraschende Erkenntnisse zum Leben der Eiszeit-Menschen, der ersten anatomisch modernen Menschen in Europa. Autorin: Katharina Hübel Credits Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Irene Schuck Es sprachen: Jennifer Güzel Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. George McGlynn, Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München; Prof. Dr. Cosimo Posth, Urgeschichte und naturwissenschaftliche Archäologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen; Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen und wissenschaftlicher Vorstand des Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie GmbH; Prof. Dr. Thorsten Uthmeier, Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Mammut & Co - Die Megafauna der letzten Eiszeit JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Eiszeit. Mensch. Natur. Klima. Hg. Von Gaelle Rosendahl und Wilfried Rosendahl. Nünnerich-Asmus Verlag und Media. 2022. Steinzeit in Bayern. Das Handbuch in zwei Bänden. Hg. Von Thorsten Uthmeier und Doris Mischka. Wbg Theiss. 2023. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1a "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'09 01 OT McGlynn (Atmo Knistern) Wie Sie sehen: sehr gut verpackt, um den Schutz zu gewähren… In diesem Fall haben wir hier einen Oberschenkel und sehr schön intakt… Sprecherin: In drei unspektakulär grauen Pappkartons – Spezialanfertigung, säurefrei – lagert er: der älteste Homo Sapiens, den Wissenschaftler bislang in Deutschland gefunden haben, der Menschentyp, der dem Neandertaler den Rang ablaufen wird. Rund 34.000 Jahre alt, aus der Eiszeit. Ein „Bayer“, wenn man so will. Der so genannte „Mann von Neu-Essing“. In den Kisten der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München lagert sein Schädel, mit deutlichen Löchern zwar, aber dennoch gut erkennbar als menschlich, die beiden Kiefer mit Zähnen, Rückenwirbel, Arm- und Fingerknochen, Rippenbögen, Bruchstücke des Beckens, Schenkelknochen… 02 OT McGylnn Knochenoberflächengelenk hier… und Muskelansätze auf der anderen Seite sehr gut zu erkennen… MUSIK 1 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'20 Musik 2 In the High Valleys - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Stephan Micus - Album: Länge: 0'34 Sprecherin: Der „Mann von Neu-Essing“ ist einer der ersten anatomisch modernen Menschen, die in Europa überhaupt gelebt haben. Menschen, die uns mitgeprägt haben. Können deren Skelette Antworten geben auf die Fragen: Woher stammen wir? Wer sind unsere Vorfahren? 03 OT McGlynn Funde aus dieser Zeit sind absolute Raritäten. Sprecherin Sagt der Wissenschaftler Dr. George McGlynn. Das heutige Nordspanien, Frankreich oder Belgien, beispielsweise, sind Regionen, die vor 34.000 Jahren ebenfalls eisfrei waren und bewohnt von homo sapiens. Zudem waren Teile des heutigen Tschechiens und Österreichs von einzelnen Menschengruppen bewohnt. Jäger und Sammler, die mobil waren und den Tieren hinterher zogen. 04 OT McGlynn Wir sprechen von einem Zeitpunkt, wo doch viel Vergletscherung war und eine sehr harsche Umgebung. Der Neuessinger Mann ist ein fast vollständig intakter Skelettfund, manche von den anderen Funden sind lediglich einzelne Knochenfunde, ein Kiefer, ein Schädelstück, deshalb ist der Neuessinger Fund auch etwas ganz Besonderes wegen seiner Intaktheit. Man kann schon sagen, die Fundzahl von fünf, sechs Fundplätzen beträgt so um die 35 bis 40 Funde. Das ist ein absoluter Glücksfall, wenn man etwas findet, ganz selten findet man mehrere Teile eines einzelnen Individuums. Und anhand dieser fragmentierten Funde ist man praktisch als Wissenschaftler gezwungen, sehr viel reinzulesen. Aber es ist auch eine Riesenherausforderung. Sprecherin Die George McGlynn nicht alleine angeht. Musik 3 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'5 Sprecherin Die Archäologie hat im letzten Jahrzehnt durch naturwissenschaftliche Methoden einen Modernisierungsschub bekommen. Archäologen kooperieren mit Chemikern, Genetikern, Informatikern. Denn manchmal trügt der Anschein und erst das Labor verrät die korrekten Daten. Wie beim „Mann von Neu-Essing“, der über viele Jahrzehnte falsch datiert, nämlich viel jünger geschätzt, in den Archiven verschwunden war. Sein Fall ist nun wieder aufgerollt und liefert neue Erkenntnisse über die Menschen in der Eiszeit. Wind und Schritte Sprecherin Wobei mit „Eiszeit“ die letzte Kaltzeit in der Geschichte unseres Planeten gemeint ist. Durchgängig kalt und eisig war es dabei gar nicht immer, erklärt Prof. Thorsten Uthmeier, der am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg arbeitet und den Fundort des Mannes von Neu-Essing mit untersucht hat. OT05 Uthmeier Im Schnitt ist es so, dass die Jahresmitteltemperaturen bestimmt so zwischen sechs und acht Grad niedriger waren als die heutigen Jahresmittelwerte, mit auch während der Eiszeiten relativ milden Sommern, aber eine kurze Vegetationsperiode und sehr, sehr kalte Winter. Also im Schnitt Temperaturen von minus zwanzig bis minus zehn Grad. ATMO Schritte auf Schnee / Wintersturm Sprecherin Die Temperaturen konnten aber auch auf Minus vierzig Grad fallen, Dauerfrost war angesagt. Und oft gab es Winterstürme. Klima-Archäologen rekonstruieren die Temperaturen der Vergangenheit über Eisbohrkerne, aus Grönland oder der Antarktis. Gigantische Bohrkerne von über 3 Kilometern Länge. Musik 4 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'55 Sprecherin Im Eis ist Staub eingeschlossen, außerdem Luft. Noch wichtiger: Sauerstoff, der im gefrorenen Eiszeitwasser konserviert ist. Er kann Chemikern etwas über die damalige Temperatur verraten. Je nachdem, wie viele Neutronen sich in den Sauerstoffatomen befinden. Ihre Anzahl schwankt je nach Außentemperatur. Außerdem geben Knochen-Funde Aufschluss über die eiszeitlichen Lebensbedingungen. Wissenschaftler nennen sie: „Umwelt-Archive“. Über die Knochen bestimmen die Archäologen die Tierarten und wann sie gelebt haben. Damit wissen sie, wovon sich die Menschen damals ernährt haben und bekommen auch eine Vorstellung von den Temperaturen. 07 OT Uthmeier Hier sind es in der Regel Rentiere, zum Teil auch Pferde, die haben eine große Temperaturtoleranz, die weichen dann vielleicht auf andere Weidegebiete aus. Die können auch niedrigeren Temperaturen widerstehen. Sprecherin Kleinere Tiere wie bestimmte Maus- oder Nagerarten hingegen halten extreme Kälte nicht so gut aus. Auch Pflanzen verraten mehr über das Klima und über die Möglichkeiten der Menschen. OT08 Uthmeier Wir dürfen uns das nicht so vorstellen, dass das Wälder gewesen sind, sondern in aller Regel sind das so kleine buschartige Gewächse von Nadelgehölzen. Wir wissen, dass die Beschaffung von Brennholz wahrscheinlich eine relativ schwierige Aufgabe gewesen ist. Weil es durchaus Konstruktionen gibt, um mit dem Brennholz besonders ökonomisch umzugehen. Regelrechte Herdkonstruktionen, eine Steinsetzung, die man dann mit einer Steinplatte abgedeckt hat. Und auf diese Art und Weise hatte man eigentlich einen kleinen Ofen und konnte auf diese Weise mit der Erhitzung der Steine ganz ökonomisch mit dem Brennholz umgehen, und das waren meistens nur kleine Zweige. Sprecherin Das Eis der kilometerhohen Gletscher bedeckte vor 34.000 Jahren ganz Nordeuropa, aber auch das heutige Nord- und Ostdeutschland, sowie den untersten Zipfel Süddeutschlands. Bayern hingegen – der Lebensraum des Mannes von Neu-Essing - war größtenteils eisfrei. Die Gebiete des heutigen Bodensees, Ammersees, Starnberger Sees und Chiemsees lagen allerdings unter einer über ein Kilometer dicken Eisschicht. Die Landschaft weiter nördlich bestand aus üppigen Steppen, die im Sommer auch schnee- und eisfrei waren und in denen Jäger und Sammler ein gutes Nahrungsangebot finden konnten. Da viel Wasser in den Gletschern gespeichert war, war der Himmel recht wolkenfrei und hell, mit viel Sonnenschein. OT09 Rosendahl Damals waren die Tiergruppen, die in großen Herden vorhanden waren, das wichtige Lebenspotenzial. Sprecherin Professor Wilfried Rosendahl ist wissenschaftlicher Vorstand des „Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie“, das den „Mann von Neu-Essing“ neu durchleuchtet hat. Musik 5 "In to the void" - Komponist: Bill Laswell - Album: Filmtracks 2000 - Länge: 0'37 Sprecherin Weitläufige Gras-Steppen voller Kräuter und Blumen sind der Lebensraum für zahlreiche Herden von Wollhaar-Mammuts, Wild-Pferden, Riesenhirschen oder Moschusochsen. Aber auch für gefährlichere Tiere, die sich heute in Mitteleuropa nicht mehr wohl fühlen würden wie Flusspferde und Wollhaarnashörner; zottelige Höhlenbären, -Löwen, -Hyänen und Säbelzahntiger. Die Menschen zur letzten Kaltzeit hatten – trotz aller Gefahren – also einen reich gedeckten Tisch: OT10 Rosendahl Die können Wurzeln essen. Sie können im Herbst Nüsse essen, im Frühjahr Beeren. Sie können frische Blätter essen, aber das limitiert sich natürlich mit dem Vorhandensein von Vegetation. Aber im Frühjahr gibt es eben Pflanzensprösslinge, die sie essen können. Sprecherin Löwenzahnblätter, junge Fichtenspitzen. Heilende Kräuter wie Thymian oder Spitzwegerich, Birkenblätter. Als besondere Delikatesse gab es manchmal sogar Honig – und fischen konnten die Menschen vor 34.000 Jahren natürlich auch schon. Atmo Eiszeit: peitschender Wind Sprecherin Der Winter konnte mit Stürmen recht ungemütlich und kalt werden, aber die Jäger und Sammler wussten sich zu helfen – mit Zeltkonstruktionen, Rückzug in Höhlen und natürlich: Feuer. 11 OT Rosendahl Die Menschen konnten Leder gerben, sie konnten Kleidung herstellen, sie konnten nähen, sie haben Knochenwerkzeuge hergestellt, Steinwerkzeuge hergestellt. Sie haben aus Elfenbein Kunstwerke geschnitzt. Sie haben aus Knochen Flöten gemacht, sie haben sich wahrscheinlich geschminkt. Also sie hatten ein ganz, ganz buntes Leben. Um das tägliche Überleben zu sichern, mussten sie nicht acht Stunden am Tag arbeiten. Man muss sich bewusst machen: Es gibt Eiszeit-Kunstwerke in Südwestfrankreich, da sind in die Felswand hineingepickelt mit Steinwerkzeugen Pferde, die galoppieren über einen Meter Länge, drei, vier Pferde hintereinander. Das machen Sie nicht, wenn Sie täglich jede Sekunde irgendwie am Lebenslimit nagen und gucken müssen, dass Sie überleben, da ist auch Zeit für Muße, für Schönes und für Kreativität. Sprecherin Für die Jäger und Sammler vor zehntausenden von Jahren gab es mehr im Leben als nur das Überleben. Das Neu-Essing-Skelett wurde in einer Höhle gefunden, gut vier, fünf Meter unter der Erdoberfläche begraben. Eingefärbt mit Rötel. 12 OT Rosendahl Also mit einem roten, pulverartigen Ton, das kann rituelle Bedeutung haben. Und wenn ich eine Bestattung habe, dann verrät mir das schon was, dann muss das mit einer Glaubensvorstellung verbunden sein. Dass es nach dem Tod noch was gibt, das zeigt schon mal wie intensiv auch das Gruppenleben war und wie die Gedankenwelt dieser Menschen war. Sprecherin Beim Fund von Neu-Essing handelt es sich um die älteste menschliche Bestattung, die Archäologen in Deutschland bislang finden konnten. MUSIK 6 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28 Sprecherin Es ist deshalb ein so wichtiger Fund, weil er ein entscheidendes Puzzle-Teil mehr für die Forscher darstellt. 1913 wurde er von Archäologen ausgegraben – an einem vielschichtigen Fundort in der Nähe von Kelheim in Niederbayern, den inzwischen auch Thorsten Uthmeier mit seinem Team untersucht hat. 13 OT Uthmeier Wenn man auf dem Kirchplatz in Neu-Essing steht, dann links sieht man den Felsen, wo die Sesselfelsgrotte ist. Da gibt es Fundschichten aus der Zeit der Neandertaler. Da gibt es zehntausende von Steinwerkzeugen. Es gibt die ganze Jagdbeute, es gibt Umweltdaten. Und dann gibt es aber auch Daten aus der Zeit der späteiszeitlichen Jäger und Sammler… Sprecherin Ein ganzer Höhlenkomplex. In der so genannten „Mittleren Klause“ war der „Mann von Neu-Essing“ bestattet. Auch wenn der „Mann von Neu-Essing“ schon 1913 eine Sensation war, als er ausgegraben wurde – die wirkliche Dimension des Fundes ist erst in den letzten Jahren deutlich geworden. Musik 6 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'28 Sprecherin Ein großes, interdisziplinäres Archäologenteam beginnt, den Fund nach modernsten Standards zu untersuchen. George McGlynn von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München schaut sich zunächst die Knochen an, vermisst sie und prüft ihren Zustand. Da gibt es die nächste Überraschung für die Forscher – die eine bis dahin gültige Annahme über die Eiszeit widerlegt: 15 OT McGlynn Der Neu-Essinger ist interessanterweise kein großer, robuster, kräftiger Kerl, wie man es vielleicht erwarten würde bei solch widrigen Lebensumständen, allein die Kälte und die Wildtiere. Wir wissen, dass der frühere Mensch, der Homo Sapiens, in Europa und auch in Afrika, wo er herkommt, in Gruppen gelebt hat – er muss in Gruppen gelebt haben... Sprecherin Als Gruppe zu funktionieren war der entscheidende Vorteil des Homo sapiens in der Kältezeit. 16 OT McGlynn Vielleicht 30 Personen, ist jetzt rein spekulativ, aber damit eine kleine Gruppe von Jägern und Sammlern überleben kann, muss es diese Anzahl betragen. Sie haben ganz sicher miteinander gejagt, miteinander gesammelt, einander verteidigt, füreinander gesorgt. Und genau diese Gruppendynamik muss existiert haben, um die Überlebenschancen zu sichern. Ein Einzelkämpfer in so einer Umgebung, das gab es einfach nicht. Sprecherin So konnte er auch mit gerade mal ein Meter sechzig und nicht besonders muskulös gesund alt werden. Wie ausgeprägt die Muskeln waren, kann George McGlynn an Veränderungen und Verfärbungen auf der Knochenoberfläche erkennen. 17 OT McGlynn Unser Neu-Essinger Mann ist eigentlich ein kleiner, grazil gebauter Mann, er hat auch kaum irgendeine nennenswerte Knochenveränderung, was auf Gewalt oder Verletzungen hindeuten würde. Und ist aber trotzdem fast 50 Jahre alt geworden. Sprecherin George McGlynn schätzt sein Sterbealter, indem er sich anschaut, wie sehr die Backenzähne und Beckengelenke abgenutzt sind. Demnach ist der Mann von Neu-Essing mit zirka 50 Jahren deutlicher älter geworden als Forscher das bislang für Menschen aus der Eiszeit angenommen haben – mit einem Durchschnittsalter von 30 bis 35 Jahren. Knochen und Zähne des Neu-Essingers sehen mustergültig aus, stellt Archäologe George McGlynn fest. 18 OT McGlynn Er hatte auch keine so genannten physiologischen Stressmarker. Zum Beispiel, wenn im Kindesalter, wenn sich der Zahnschmelz vom Dauergebiss entwickelt, lang anhaltende Fieber oder Unterernährung oder schwere physiologische Stresse leiden, unterbricht der Körper den Entwicklungsprozess. Und das führt zu einer Verzögerung von dieser Bildung von Zahnschmelz. Diese Verzögerung führt dazu, dass man wellenartige Linien an den Zähnen sieht. Das ist ein Beispiel. MUSIK 7 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'40 Sprecherin George McGlynn konnte noch mehr herausfinden: Wo der Mann von Neu-Essing unterwegs war. Mit der so genannten Stronziumanalyse. In Knochen ist unter anderem auch Stronzium enthalten. Je nachdem, welche Nahrung ein Mensch zu sich nimmt, auf welchem Boden die Pflanzen gewachsen sind, die er isst, oder welche Luft er atmet, welche Temperaturen ihn umgeben haben, lagern sich andere Varianten der Elemente im menschlichen Körper ab – auch in Knochen und Zähnen, die Archäologen zehntausende Jahre später noch finden können. Diese chemische Varianz macht sich die Archäologie zu nutze. 19 OT McGlynn Ich stamme persönlich aus den USA, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das hat sich in meinen Knochen und meinen Zähnen verfestigt als Baustein und in den Zähnen, was Zahnschmelz wird. Diese werden nicht abgebaut, sie verändern sich nicht, sie sind praktisch amerikanische Zähne. Aber meine Knochen, die bauen sich ständig um. Jeden Tag, jede Minute. Binnen zehn Jahren sind alle Baustoffe in einem Knochen komplett ausgetauscht. Ich habe keine Spur von amerikanischen Knochen in mir. Wenn man meine Zähne und Knochen vergleichen würde auf chemischer Ebene, würde man sofort sehen: Dieser Mensch ist woanders geboren und aufgewachsen als wo er jetzt ist. Sprecherin: Archäologen können feststellen, in welcher Gegend ein Mensch gelebt haben muss, indem sie die chemischen Signaturen seiner Zähne und Knochen vergleichen mit Funden aus verschiedenen Regionen. Und wenn die chemische Signatur von Zähnen und Knochen gleich ist, wie beim Mann von Neu-Essing, wissen sie: Er ist zeitlebens in einer ähnlichen Gegend geblieben. 20 OT McGlynn Allerdings heißt es nicht, dass er sich nicht bewegt hat. Jäger und Sammler haben sich mit den Saisonen sehr stark bewegt, an die Kältezeit, Wärmezeit, sie haben sich auch an die Herden angepasst, an die Bewegung von Tieren. Sprecherin Auch wissen die Forscherinnen und Forscher mehr über seinen Speiseplan. Durch die Isotopen-Analyse. Dabei werden erneut chemische Elemente in den Knochen untersucht. Wie zum Beispiel Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff. Sie unterscheiden sich voneinander durch die Anzahl der Neutronen. Diese Varianten eines Elements heißen Isotope. 21 OT McGlynn Für Ernährung ist es wichtig, eine Isotopie-Karte von der Gegend zu machen. Das heißt, wir nehmen Pflanzen, Tiere, Erdproben, Knochenfunde aus der Zeit. Und wir untersuchen diese zuerst und kriegen für Kohlenstoff eine gewisse so genannte Signatur, was für Wollnashorn, für Mammut, für alle Rothirsche, für Gräser oder Baumrinde spezifisch ist. Sprecherin Die Isotopenwerte haben beim Mann von Neu-Essing ergeben, dass er eine Allround-Ernährung hatte: Er nahm Großwild wie Mammuts und Riesenhirsche genauso zu sich wie Hasen oder Eichhörnchen. Auch Schnecken, Raupen, Frösche, Beeren, Gräser, Kräuter und Fisch. Musik 8 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 1'15 Sprecherin Doch wer war der „Mann von Neu-Essing“? Darauf gibt die Genetik Antwort. 22 OT McGlynn Die übliche Darstellung von Jägern und Sammlern aus dieser Zeit weicht sehr stark ab phänotypisch, wie er ausgesehen hat, von dem, was wir gefunden haben durch die molekulargenetischen Untersuchungen, die in Mainz von meinem Kollegen Burger und Team durchgeführt wurden. Diese Methoden gibt es erst seit vielleicht einem Jahrzehnt. Sein Aussehen ist mit bis zu 98, 99 Prozent dunkelhaarig, mit dunklen Augen, aber auch dunkler Hautfarbe, und die übliche Darstellung von den nordisch ausschauenden Menschen stimmt einfach nicht. Wir sehen, dass diese Wanderung aus der so genannten out of Africa-Theorie mit hundertprozentiger Sicherheit auch zutrifft. Diese Homo-Sapiens-Gruppen sind vor etwa 50.000 Jahren aus Afrika in zwei Wellen nach Europa ausgebreitet. Sprecherin: Auch die Vorstellung, davon, wie „Ötzi“ ausgesehen hat, ist übrigens erst 2023 durch die Gen-Analyse korrigiert worden: Auch die berühmte Gletschermumie aus den Südtiroler Alpen hatte dunkle Haut, dunkle Augen, dunkle Haare. Und Ötzi ist rund 30.000 Jahre jünger als der „Mann von Neu-Essing“. Die dunkle Hautfarbe der ersten Menschen in Europa hat sich also viel länger gehalten als bislang angenommen. Auch die Darstellung des Ötzi im Museum muss jetzt korrigiert werden. Dort steht immer noch eine Gestalt mit heller Haut. Die ersten Europäer – sie waren auf jeden Fall dunkelhäutig. MUSIK 9 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'10 Sprecherin: Und auf die Archäologinnen und Archäologen warten noch weitere Überraschungen. Jetzt hat ein Forscherteam von 125 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die bislang umfangreichste Genom-Analyse eiszeitlicher Jäger und Sammler in Europa begonnen: 116 Individuen, die eine Zeitspanne von rund 30.000 Jahren abdecken. Professor Cosimo Posth ist Paläogenetiker an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und leitet das Projekt. Ihn hat erstaunt, dass die eiszeitlichen Homo Sapiens genetisch längst nicht so einheitlich waren wie bislang angenommen. Es gab ihn nicht: DEN Eiszeit-Menschen. Besonders drastisch zeigt sich das an einem Beispiel. Lange haben sich Archäologen gefragt: Was ist eigentlich mit den ersten Menschen in Europa passiert, als sich die Eispanzer von Norden her weiter ausgebreitet haben, vor 25.000 bis 19.000 Jahren? Als viele Gebiete, auch im heutigen Bayern, unbewohnbar wurden? Eine Theorie war: Sie gingen ins heutige Italien. Das hat sich zwar bewahrheitet. Doch was dann geschehen ist, damit hatte Cosimo Posth nicht gerechnet: Die komplette Bevölkerung starb aus. Die Menschen, die danach im heutigen Italien lebten und nachweisbar zu unseren Vorfahren gehören, haben genetisch nichts mit den aus dem Norden zugewanderten Eiszeitmenschen zu tun. 24 OT Cosimo Posth Wo ist der Ursprung der Population, die uns mehr als zehn Prozent der DNA gegeben hat? MUSIK 10 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28 Sprecherin: Die Spurensuche geht weiter für die Archäologinnen und Archäologen. Sicher ist: Eiszeitmenschen gehören zu unseren Vorfahren, doch wie sich das genetisch darstellt, stellt sich heute komplexer dar, als jemals zuvor.

  2. Die Maus - Anpassungskünstler und gefürchteter Schädling

    15.02.2024 · 23 Min.

    Sie sind possierlich, flink und unglaublich fruchtbar. Das müssen sie auch, bedenkt man, wer ihnen alles nachstellt - und: Sie sind nicht überall gern gesehen. Über 40 Mäusearten gibt es weltweit. Autorin: Renate Kiesewetter (BR 2014) Credits Autorin dieser Folge: Renate Kiesewetter Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Stefan Wilkening Technik: Fabian Zweck Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Walter Bäumler, Zoologe, Mäuseforscher, Ludwig-Maximilians-Universität München. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK: C1432360 007 (00‘30‘‘) Zitator: "Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." – "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie. MUSIK ENDE Sprecherin: Die Kleine Fabel von Franz Kafka. Der Schriftsteller hatte zeit seines Lebens Angst vor Mäusen. Und damit war und ist er nicht alleine. Denn Mäuse und Menschen haben seit jeher ein gespaltenes Verhältnis. So beschreibt Francesco Santoianni in seinem Buch "Von Menschen und Mäusen" den Jahrhunderte währenden Kampf gegen die Nagetiere als eindeutige Niederlage des Menschen. Zahlreiche Bekämpfungsarten hat sich der Mensch einfallen lassen, doch es gibt sie immer noch, trotz Katzen, Mausefallen, Gift oder ausräuchern. Und die menschliche Fantasie bringt nach Francesco Santoianni immer wieder neue Horrorszenarien hervor: MUSIK: M0024267 000 (00‘45‘‘) Zitator: Überernährt von den Abfällen einer auf Verschwendung gegründeten Gesellschaft, geschützt in relativ warmen und endlosen Kanalisationssystemen, haben sich Mäuse und Ratten im Herzen sämtlicher Metropolen breitgemacht. Fünfzehn Millionen in Rom, fünfundzwanzig Millionen in New York, zehn Millionen in Neapel ... diese Zahlen tauchen regelmäßig in den Massenmedien auf und nähren atavistische Ängste und Vorstellungen von einem dunklen, bedrohlichen Heer, das nur darauf wartet, alles zu verschlingen und zu zerstören. MUSIK ENDE Sprecherin: 'Mus musculus', die Hausmaus … 'so ein kleines putziges Tier', möchte man fast sagen. Der "schlimmste Freund des Menschen", wie Francesco Santoianni die Maus nennt, hatte zumindest in dem berühmten Tierforscher Alfred Edmund Brehm einen Fürsprecher. Seine Beobachtungen aus dem 19. Jahrhundert über die verschiedenen Mäusearten sind anregend und wohlwollend. Aber auch er weiß um die schwierige Beziehung zwischen "heißhungrigen" Mäusen und Menschen: Zitator: Die anmutigen und zierlichen Mause sind trotz ihrer schmucken Gestalt und ihres heiteren und guten Wesens arge Feinde des Menschen und werden von ihm mit Ingrimm verfolgt (…) Man kann sich schwerlich ein naschhafteres Geschöpf denken als eine Hausmaus, welche über eine gut gespickte Speisekammer verfügen kann. Sie beweist auf das schlagendste, daß der Sinn des Geschmackes bei ihr vortrefflich entwickelt ist. Sprecher: Den ungebetenen nagenden Gästen in Speisekammern, Dachböden und Kellern sei nur das Beste gut genug. Kein Hindernis sei zu groß, kein Winkel zu abgelegen, kein Material zu hart, so Alfred Brehm: Zitator: Wo sie etwas Genießbares wittert, weiß sie sich einen Zugang zu verschaffen, und es kommt ihr nicht eben darauf an, mehrere Nächte angestrengt zu arbeiten und selbst feste, starke Türen zu durchnagen. Findet sie viel Nahrung, welche ihr besonders mundet, so trägt sie sich auch noch einen Vorrat davon in ihre Schlupfwinkel und sammelt mit der Hast eines Geizigen an der Vermehrung ihrer Schätze. MUSIK: Z9383695 016 (00‘55‘‘) Sprecherin: Die Hausmaus - bis zu 11 Zentimeter lang mit einem schuppenartigen Schwanz so lang wie der ganze Körper, gerade 20-30 Gramm schwer. "Maus"-grauer oder braungrauer, gedrungener Körper, große Knopfaugen. Spitzes Gesicht. Besonders gut sehen können Hausmäuse und auch andere Mäuse nicht. Viele Arten leben unterirdisch in selbst gebuddelten Höhlengängen, sind nachtaktiv. Ihr Gehör ist deutlich besser ausgestattet, vor allem auch im Ultraschallbereich. Dabei können die Tiere noch Töne von 40.000 Hertz wahrnehmen. Am besten entwickelt aber ist ihr Geruchssinn. In Experimenten fanden Mäuseforscher heraus: Sogar die Geschlechtsreife kann durch Duftstoffe beschleunigt oder verlangsamt werden. MUSIK ENDE Sprecher: Am Geruch erkennen die Tiere auch, ob eine andere Maus zur eigenen Gruppe gehört. Bis zu sechs Stunden lang speichern sie diesen Geruch, danach sind sie einander fremd. Betritt eine fremde Maus das Territorium und fällt bei der Geruchskontrolle durch, gehört sie also nicht zum eigenen Clan, gibt’s Randale und nicht selten einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod. Wie aggressiv gerade Feldmäuse dabei vorgehen, veranschaulicht der Münchner Zoologe und Mäuseforscher Dr. Walter Bäumler: O-Ton Walter Bäumler: Da gibt es also ein Männchen, und es hat so einen Harem, wenn die Wiesen abgemäht sind im Herbst, sieht man, da ist immer wieder eine Kolonie, also alle 30 Meter sind viele Mauselöcher, da leben mehrere Weibchen, und ein Boss. Der markiert die ganze Kolonie als sein Territorium, und wenn da ein fremdes Männchen kommt, wird es sofort angegriffen. In so einer Wiese fängt man jede Menge schwer verwundete Männchen, die also fürchterliche Narben haben. Sprecher: Auch dafür kommen die Nagezähne zum Einsatz. Überhaupt: das Gebiss von Mäusen. … Alle Mäuse, egal ob Hausmaus, Ährenmaus, Schermaus, Feldmaus oder Rötelmaus … haben ein hoch spezialisiertes Gebiss: O-Ton Walter Bäumler: Also die zwei namengebenden Nagezähne, mit der starken Schmelzauflage, auf der Vorderseite, die des ermöglichen, dass die Mäuse auch sehr hartes Material, zerlegen können, Aluminium ist kein Problem, dass die sich da durchnagen. Sie können sich durch Stahldrähte, die 2, 3 Millimeter dick ist, können Sie durchnagen. Man kann sie praktisch nur in Glasbehältern halten, sonst büchsen sie aus, nagen sie sich durch. MUSIK: C1506550 010 (01‘30‘‘) Sprecherin: Mäuse bevölkern die Erde seit dem Aussterben der Dinosaurier vor ca. 60 Millionen Jahren. Doch wann und wo wurden sie zum Kulturfolger des Menschen? Das datieren Forscher auf einen Zeitpunkt vor 23 Millionen Jahren, rund ums Kaspische Meer, heutiges russisches Westasien. Ursprünglich folgten die kleinen Nagetiere den Nomaden auf der Suche nach Nahrungsresten. Francesco Santoianni beschreibt in seinem Buch "Von Menschen und Mäusen" die Herkunft und die frühen Wanderrouten der Hausmaus: Zitator: Ein Gebiet, das das heutige Kasachstan, Turkmenistan und den Iran umfasst, wurde als die Heimat von Mus musculus identifiziert, von der aus ihr Triumphmarsch begann, der in zwei deutlich erkennbaren Richtungen verlief: eine kontinental (zentraleuropäisch) verlaufende und eine auf die Mittelmeerregionen zielende. Sprecherin: Andere Quellen nennen Indien als Ursprungsland. Zumindest sollen Knochenfunde beweisen, dass 4.000 vor Christus die ersten Mäuse in Mitteleuropa ankamen. Als blinde Passagiere folgten sie den Menschen. Auf allen Handelswegen, auf der Seidenstraße, auf den Seefahrten nach Indien, nach Amerika. In den letzten 1.000 Jahren besiedelten sie auf diese Weise dann auch Afrika, Amerika und Australien. MUSIK: CD701250 003 (00‘50‘‘) Sprecher: Die enge Bindung an den Menschen wurde immer wieder in Mythologie, Literatur, Religion und Kunst abgebildet: Dabei findet man Mäuse sowohl als verehrungswürdiges als auch verabscheuungswürdiges Sinnbild. Verehrt hat man sie besonders in fernöstlichen Mythologien. Als Begleiter von Daikoku, dem japanischen Gott des Reichtums, wird eine Maus "prächtig geschmückt" dargestellt. Auch in Sibirien gilt sie als Symbol des Wohlstands. Und in der indischen Provinz Rajasthan werden - wohl einzigartig in der Welt - noch heute Mäuse und Ratten verehrt und geschützt: Im Tempel von Deshnoke, geweiht der Göttin der Sänger und der Mäuse, werden sie reichlich gefüttert. MUSIK ENDE Sprecherin: Auch in den griechischen Tempeln von Apollo Smintheus, dem Gott der Mäuse, hat man die kleinen Nagetiere jahrhundertlang verehrt und sogar gezüchtet. Gingen daraus weiße Mäuse hervor, galt das als Zeichen für kommenden Wohlstand. Über solchen unsinnigen Mäuseaberglauben war der römische Politiker und Schriftsteller Cicero entsetzt: Nähme man das ernst, müsse man um die "Sicherheit der römischen Republik" fürchten, wetterte er. Schließlich hätten Mäuse bei ihm zuhause seine Schrift über den Staat angeknabbert - ebenso wie Epikurs Buch Über die Lebensfreude. Nicht nur Ciceros Ausgabe des griechischen Philosophen fiel der Nagelust zum Opfer, auch alle anderen Schriften waren nicht sicher vor den unermüdlichen Schneidezähnen der Mäuse. Der französische Autor Michel Dansel erkundete in seinem Buch "Nos frères, les rats" ("Unsere Brüder, die Ratten") die Symbolik der Nagetiere und schreibt über ihr Werden und Vergehen: Zitator: Die Geschichte der Mäuse ist so eng mit der der Menschheit verbunden, dass sie vielleicht sogar all deren Facetten abdecken kann, die dunklen und die hellen Seiten. Sie kann uns zur Erkenntnis erhabener Wahrheiten inspirieren, uns aber gleichzeitig unser traurigstes und demütigendstes Spiegelbild entgegenhalten: das eines Tieres, das dazu bestimmt ist, zu verschwinden und sich vergeblich durch Dinge und Aufzeichnungen verewigen will, die jedoch selbst vom Zahn der Zeit zernagt werden wie Buchseiten von den Zähnen der Mäuse. Sprecher: Sigmund Freud brachte noch eine andere Sicht ins Spiel. Er betont das Schützenswerte eines kleinen Wesens, einer geliebten Person, eines Kindes. Und bedenken wir nicht oft unsere Lieben mit Kosenamen wie "Maus, Mausi, Mäuschen"? (MUSIK: E0007900 104 [00‘15‘‘]) Klein aber schlau wappnet sich auch Micky Mouse, die berühmteste Comic-Maus, gegen ihre riesigen Feinde. MUSIK ENDE Sprecherin: In der biblischen und christlichen Symbolik stehen die Mäuse für die Seele, den Teufel, die Zerstörung, für Sünde und ungezügelte Sexualität. Sie wurden etwa von der katholischen Kirche gerne als Sinnbild für alles Heidnische verwendet, das in Form der Mäuse die christlichen Hostien annagt. Arme verfolgte Nager – ein katholischer Bischof hat sie sogar exkommuniziert. Und es wurden Heilige gegen Mäuseplagen angerufen – wie die Heilige Gertrud. Sie hatte schließlich als Spinnerin die Mäuse von ihrem Spinnrocken vertrieben. Möglicherweise diente diese Geschichte als Vorlage zur Redensart: Zitator: Da beißt die Maus kein` Faden ab. … MUSIK: G0030590 006 (00‘20‘‘) Sprecher: Schon im Mittelalter gab es professionelle Mäusefänger. Daran erinnert die Sage vom Rattenfänger in Hameln, der mit seiner Flöte alle Mäuse und Ratten aus ihren Löchern hervorlockte und sie so aus der Stadt hinauslotste. MUSIK ENDE Sprecherin: Schließlich konnten die Nager sich so zahlreich vermehren, dass sie durch die Vernichtung der Ernten oder der Lebensmittel-Vorräte existenzbedrohend wurden. Nur: Wie sollte man ihrer Herr werden? Nachts mit dem Dreschflegel auf die Jagd gehen? Eine antike griechische Anweisung für Bauern riet: Zitator: Nimm ein Stück Papier und schreib darauf folgendes: "Ich beschwöre euch, ihr Mäuse, die ihr hier anwesend seid, daß ihr weder mir schadet noch duldet, daß eine andere Maus dies tut. (…) Stecke das Papier auf einen unbehauenen Stein auf dem Felde vor Sonnenaufgang. Sieh zu, daß die beschriebene Seite nach oben zu liegen kommt. Sprecher: Eher unwahrscheinlich, dass diese Maßnahme erfolgreich war! … Mäuse ernähren sich als nachtaktive Allesfresser von Wurzeln, Blättern, Samen, Pflanzenstängeln, Obst, Gemüse und Gräsern. Mäuse sind flinke Läufer, manche können auch hervorragend klettern. Andere, wie die Hausmaus, können sehr gut schwimmen. Mäuse kommen also in der Regel überall hin. Dabei sind die kleinen Kulturfolger bei ihren Nahrungsraubzügen auch noch wählerisch, sie bevorzugen eindeutig die kulinarische Vielfalt und Abwechslung. Walter Bäumler: O-Ton Walter Bäumler: Früher hat man zum Beispiel Marmelade eingemacht, und hat nur so Zellophanpapier drüber geklebt, wenn da eine Hausmaus drin war, dann hat die das erste Marmeladeglas aufgenagt oben, des Zellophanpapier, bisschen Marmelade herausgenommen, dann ans zweite, dann ans dritte, bis alle geöffnet waren, und dann hat sie wieder beim ersten weitergemacht, so dass man alle Marmeladegläser, obwohl die noch voll waren, ja, vergessen konnte, das konnte man wegwerfen. Sprecherin: Denn die Mäuse fressen nicht nur Lebensmittel, sie verunreinigen diese zusätzlich mit ihren Ausscheidungen. Dabei können sie gar nicht anders als möglichst viel zu fressen: Erstaunlicherweise ist der Nahrungsbedarf der Mäuse so groß, weil sie so klein sind: O-Ton Walter Bäumler: Da gibt es eine allgemeine bioenergetische Grundregel: Je kleiner ein Tier ist, desto mehr Nahrung benötigt es im Verhältnis zu seinem Gewicht. Eine Maus braucht pro 100 Gramm Mäusegewicht, braucht sieben Mal mehr Kalorien – oder Joule sagt man – wie ein Tier in der Größe eines Menschen. MUSIK: C1560350 W01 (00‘30‘‘) Sprecher: Mäuse vermehren sich rasant: Die Hausmaus zum Beispiel ist das ganze Jahr über fortpflanzungsfähig. Ein Wurf hat zwischen drei und acht Junge, bei bis zu acht Würfen im Jahr macht das die stattliche Zahl von 64 Jungtieren - wohlgemerkt in einem Jahr! Nach nur sechs Wochen sind diese selbst wieder geschlechtsreif, mit einer Tragezeit von drei Wochen. MUSIK ENDE Zitator: Die Mutter schlägt ihr Wochenbett in jedem Winkel auf, welcher ihr eine weiche Unterlage bietet und einigermaßen Sicherheit gewährt. Nicht selten findet man das Nest in ausgehöhltem Brode, in Kohlrüben, Taschen, Todtenköpfen, ja selbst in Mausefallen. Gewöhnlich ist es aus Stroh, Heu, Papier, Federn und anderen weichen Stoffen sorgfältig zusammengeschleppt. Sprecherin: Aus Brehm's Thierleben. Sprecher: Äußerst geschickt und kunstvoll bastelt zum Beispiel die Ährenmaus das Nest für ihren Nachwuchs. Fast als häkele, stricke und flicke sie unentwegt mit den Grashalmen. Bei uns heimisch in den Getreidefeldern und Forstkulturen des Donauraums bietet sie dem Betrachter ein interessantes Schauspiel. Walter Bäumler: O-Ton Walter Bäumler: Die turnt also sehr geschickt und – ja – fast artistisch durch die Grashalme, die hat dort also die Grashalme oben, und hat so einen Greifschwanz, den wickelt sie um die Grashalme durch, lässt sich dann oft auch – ja – hängen, oder wie als Anker, und hangelt sich dann von einem Grashalm zum nächsten. Und das ist eigentlich sehr interessant, das zu sehen, ja, manchmal richtig lustig, wenn die da kopfüber an denGrashalmen hängt. Sprecherin: Das kunstvolle Nest der Ährenmaus ist in der Welt der Mäuse eine besondere Kinderstube. Wie bei den Hausmäusen kommen die Jungen blind, taub und nackt zur Welt, bei ihrer Geburt wiegen sie weniger als ein Gramm. Nun werden sie 21 Tage von der Mäusemutter mit Milch gesäugt, stets zärtlich und fürsorglich gepflegt. Bei einigen Arten übernimmt sogar eine andere Muttermaus die Pflege, falls die eigene ums Leben kommt. Alfred Brehm beschrieb den sorgsamen Umgang einer Mäusemutter mit ihren Jungen so: Zitator: Bei jeder Bewegung der Mutter ließen sie ein feines, durchdringendes Piepen oder Quietschen hören. (…) Am 18. abends kamen sie zum ersten Male zum Vorschein; als aber die Mutter bemerkte, daß sie beobachtet wurden, nahm sie eine nach der anderen ins Maul und schleppte sie in das Nest. Einzelne kamen jedoch wieder aus einem anderen Loche hervor. Allerliebste Tierchen von der Größe der Zwergmäuse mit ungefähr 3 Zoll langen Schwänzen! (…) Sie saugten noch dann und wann (…), spielten miteinander, jagten und balgten sich auf die gewandteste und unterhaltendste Weise, setzten sich auch wohl zur Abwechslung auf den Rücken der Mutter und ließen sich von derselben herumtragen. Sprecher: Der Spieltrieb ist den Mäusen angeboren. Im Spiel werden die Mäusekinder für die Anpassung an die Umwelt trainiert. Und noch etwas - und das haben sie mit den Menschen gemein - zeichnet die kleinen Nager aus: die Neugier. Sie erobern sich nagend ihre Umgebung, nichts bleibt vor ihren Zähnen sicher. Und sie lernen dabei. MUSIK: C1352870 113 (00‘25‘‘) Sprecherin: Dieses Neugier-Verhalten der Maus könnte, neben ihrem possierlichen Aussehen, der Grund dafür sein, warum sie zur Vorlage für die beliebte ARD-Fernsehmaus wurde. Seit Jahrzehnten begeistert die sonntags Kinder und Erwachsene mit ihren "Lach- und Sachgeschichten". MUSIK: NC015960 036 (01‘10‘‘) Sprecher: Seit die echten, biologischen Mäuse dem Homo sapiens folgen, übertragen sie auch immer wieder Krankheiten auf den Menschen. Über Jahrhunderte hinweg gefürchtet war der "Schwarze Tod", die Pest, die unzählige Menschen dahinraffte. Doch auch die Überträger selbst, vor allem Ratten aber auch Mäuse, verendeten in Scharen bei Ausbruch von Seuchen, wie Albert Camus in seinem Roman "Die Pest" dramatisch beschrieb: Zitator: Aus den Verschlägen, den Untergeschossen, den Kellern, den Kloaken stiegen sie in langen, wankenden Reihen hervor, taumelten im Licht, drehten sich um sich selber und verendeten in der Nähe der Menschen. Nachts hörte man in den Gängen und den engen Gassen deutlich ihren leisen Todesschrei. Am Morgen fand man sie in den Straßengräben der Vorstädte ausgestreckt, ein bißchen Blut auf der spitzen Schnauze, die einen aufgedunsen und faulig, die anderen steif, mit gesträubten Schnauzhaaren. MUSIK ENDE Sprecherin: Seit Ende des 19. Jahrhunderts weiß man: Die Pest ist eine Infektionskrankheit, verursacht durch das Bakterium Yersinia pestis. Überträger des gefürchteten Erregers sind nicht die Nager direkt, sondern deren Flöhe, die den Bazillus von infizierten Tieren durch Stiche in die Haut auch auf den Menschen übertragen. Sprecher: Katastrophen wie die mittelalterlichen Pestepidemien konnten moderne Naturwissenschaft und Medizin eindämmen. Aber auch heute noch können Mäuse und Ratten mit ihrem Urin und Kot Salmonellen oder Virus- und Bakterienerkrankungen beim Menschen auslösen – etwa die Weil‘sche Krankheit, eine Leberkrankheit. Behandelt wird sie mit hochdosierten Antibiotika. In unseren Breiten überträgt die Rötelmaus so genannte 'Hantaviren'. Diese Viren werden auch durch die Ausscheidungen der Maus übertragen. Walter Bäumler: O-Ton Walter Bäumler: Typischer Fall ist, jemand räumt sein Gartenhaus auf, da waren Mäuse drin, da ist‘s natürlich recht schmutzig drin, da hat sich einiges angesammelt, man kehrt oder fegt es aus und atmet den Staub ein und infiziert sich damit. Sprecher: Die ersten Symptome sind hohes Fieber und heftige Nierenschmerzen. Die Erkrankung ist meldepflichtig und kann durch Labortests nachgewiesen werden. Selten verläuft sie tödlich. Ein Impfstoff ist in der Entwicklung. MUSIK: M0010586 004 (00‘15‘‘) Sprecherin: Mäuse fressen viel, weil sie klein sind. Und sie vermehren sich so zahlreich, weil sie keine lange Lebensdauer haben. Der Zoologe Walter Bäumler: MUSIK ENDE O-Ton Walter Bäumler: Die Lebenszeit der kleinen Säugetiere ist allgemein sehr kurz, erstaunlich kurz. Eine Maus hier, eine einheimische, die erreicht hier kaum das zweite Lebensjahr. Sprecherin: Ein Grund für diese kurze Lebensdauer sind der beschleunigte Stoffwechsel und die erhöhte Atemfrequenz der kleinen Nager. Dadurch altern die Tiere auffallend schneller. Sprecher: Die meisten Mäuse aber sterben nicht eines natürlichen Todes, sie fallen ihren zahlreichen natürlichen Feinden zum Opfer: Sprecherin: Mäusebussard Sprecher: Raubfußbussard Sprecherin: Schlangen Sprecher: Waldeule Sprecherin: Schleiereule Sprecher: Füchse Sprecherin: Steinmarder Sprecher: Wiesel Sprecherin: Katzen Sprecher: Und schließlich der Mensch mit seinen zahlreichen Methoden der Mäusebekämpfung. Aus den Häusern ist die Hausmaus weitgehend vertrieben: Altbauten werden saniert, Neubauten sind weitgehend mäusesicher, Schlupflöcher und Ritzen sind rar geworden. Auch an Kühlschränke und fest geschlossene Dosen in Speisekammern kommen die kleinen Feinschmecker nicht mehr so leicht heran. Sprecherin: Wenn spätabends eine Maus über die Gartenterrasse huscht und schnell wieder im Beet verschwindet, dann ist es wohl eher die Feldmaus. Sie ist größer, an die Umwelt besser angepasst und deswegen durchsetzungsfähiger. Hausmäuse sind eher selten geworden, meint Walter Bäumler: O-Ton Walter Bäumler: Allerdings einige Refugien hat sie noch behalten, wie die U-Bahn Schächte in München, da ist sie wieder aufgetaucht, aber ansonsten ist sie in den Räumen, in den Wohnungen und Gebäuden also kaum noch anzutreffen. Ich vermute ja, dass die alten Kellergewölbe mit Erdkontakt nicht mehr vorhanden sind, aber in so einem U-Bahn Schacht, da ist der Kontakt zur Erde noch da, und dass dast vielleicht der Grund ist, warum die sich das so zäh halten drin - sehr schwer zu beseitigen sind.

  3. Die Schleiereule - Unheilsbotin und Mäuseschreck

    15.02.2024 · 24 Min.

    Die Schleiereule ist ein Zivilisationsfolger, der weltweit verbreitet ist und beim Menschen viele, auch widersprüchliche Assoziationen auslöst: Sie gilt als Todesbotin ebenso wie als Schutztier. Ihr lautloser Flug und ihre ausgetüftelte Technik machen sie zu einer sehr erfolgreichen Jägerin. Im Israel-Gaza-Konflikt wurde sie zudem von Schweizer Wissenschaftlern bislang als Friedensbotin eingesetzt: Autorin: Brigitte Kramer Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Schild, Stefan Merki Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Werner Hellwig, ehrenamtlicher Eulenbeauftragter beim Landesbund für Vogel-und Naturschutz, Coburg; Bernd-Ulrich Rudolph, Leiter der Vogelschutzwarte, Bayerisches Landesamt für Umwelt, Augsburg; Alexandre Roulin, Schleiereulenexperte Universität Lausanne; Carmen Pöhl, Freiwillige beim Verein Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu, Bad Wurzach Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wie können die Fledermäuse zurückkehren? Alles Natur JETZT ANHÖREN Der Mauersegler - Der Vogel, der im Flug schläft JETZT ANHÖREN Schwalben - Flugakrobaten und Baumeister JETZT ANHÖREN Weiterführende Literatur: Webseite von Alexandre Roulin mit Forschungsergebnissen und Informationen zum Projekt Owls for Peace im Nahen Osten: EXTERNER LINK | https://barnowl-research.ch/en Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 Eulen Ruf SPRECHERIN darüber So klingt eine verärgerte Schleiereule, die sich bedroht fühlt, wenn jemand den Nistkasten aufmacht - zum Beispiel, um den Nachwuchs zu zählen. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg O TON 1 Werner Hellwig, Eulenbeauftragter Landesbund für Vogel- und Naturschutz, Coburg man merkt schon, sobald man die Scheune betritt, fliegt oftmals die Alteule ab, was nicht weiter tragisch ist, denn sie kommt dann wieder zurück zu ihren jungen Tieren. Die Jungvögel sitzen meist noch irgendwo…So drei, vier, fünf Jungvögel und wie sie dann von denen angeschaut werden – ist schon faszinierend. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg SPRECHERIN Der pensionierte Maschinenbauingenieur Werner Hellwig hat viele Stunden seines Lebens im Büro verbracht. Jetzt ist er ehrenamtlicher Eulenbeauftragter des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz im Landkreis Coburg und ist viel draußen. Er wollte „etwas für die Natur“ tun und helfen, damit auch seine zehn Enkel später noch Schleiereulen-Küken in die Augen schauen können. MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 1´22´´) unter: SPRECHERIN darüber Schleiereulen faszinieren viele Menschen. Sie sind schön. Sie sind still. Sie leben in unserer Nähe. Und sie sind ungewöhnlich – denn wer kennt sonst noch ein nachtaktives Tier, das mehrheitlich weiß ist? Nein, das ist kein Fehler der Natur, das ist Raffinesse. Mehr dazu später. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg SPRECHERIN darüber Schleiereulen – Tyto alba und Tyto guttata, je nach Gefiederfarbe – leben fast überall auf der Erde, außer in kalten, schneebedeckten Regionen, in Gebirgen und ausgedehnten Waldgebieten. Es gibt rund 30 Unterarten: Mediterrane Schleiereule, Madagaskar-Schleiereule, Australien-Schleiereule, Galapagos-Schleiereule, Guinea-Schleiereule … Sie alle haben eine recht große Spannweite von rund einem Meter und brauchen deshalb weite, offene Flächen zum Jagen, idealerweise mit Hecken, Gräben oder Zäunen. Das Besondere an ihnen ist das herzförmig eingerahmte, helle Gesicht mit dunklen, für Eulen recht kleinen Augen. M Missing fragments (Länge: 2´00´´) Z8035579110 SPRECHERIN Sie haben keine Federohren wir ihre Verwandten, die Waldohreule oder der Uhu. Diese Federohren sind auch keine Ohren, sondern nur aufgestellte Federn, die vermutlich der Kommunikation dienen. Ohren hat die Schleiereule natürlich schon. Die liegen unsichtbar seitlich am Kopf und helfen neben den Augen bei der Nahrungssuche. Der Gesichts-“Schleier“, also die dichten, kurzen Federn, verstärkt den ankommenden Schall für das Gehör und schirmen zugleich andere Geräusche ab. Er wirkt wie eine Parabolantenne und ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Schleiereule. Beim Beuteflug nimmt sie so auch das geringste Geraschel und das leiseste Getrappel wahr. Atmo Schleiereule Ihre Nahrung besteht fast ausschließlich aus Mäusen: Feld-, Wühl-, Hausmäuse … aber auch mal aus Spitzmäusen, Maulwürfen oder Fledermäusen. Davon vertilgen die Eulen – sie sind rund 35 Zentimeter groß und wiegen weniger als ein Pfund – eine Menge: drei bis vier Mäuse pro Tag. Deshalb sind Schleiereulen bei den meisten Menschen auch beliebt. Sie sind Kulturfolger: Sie halten den Bauern die Mäuse vom Leib, idealerweise sogar direkt in den Scheunen: Tagsüber ruhen sie im Stehen auf einem Balken und lehnen sich dabei gerne an. In der Dämmerung werden sie aktiv, putzen sich und beginnen dann, nach Beute Ausschau zu halten. In einer Scheune sondieren sie von oben die Lage und lassen sich dann zum Jagen auf den Boden nieder. In Deutschland ist mit diversen Strukturreformen der Landwirtschaft die gute alte Scheune vielerorts verschwunden – und mit ihr die Mäuse und die Schleiereulen. Deshalb stehen sie auf der Roten Liste der bedrohten Arten. O TON 2 Werner Hellwig das Thema ist mit dem Bauernsterben bei uns hier sicherlich genauso wie in anderen Regionen, dass Scheunen gar nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden und auch kein Stroh mehr haben. Ich komme zum Teil in Scheunen rein, die sind ziemlich leergefegt. Da hat die Eule keine Chance, irgendwo auf dem nackten Betonboden zu brüten. SPRECHERIN Doch wie kann man ihnen helfen? Indem man zum Beispiel Nistkästen in vor der Witterung geschützten Räumen für sie aufstellt. O TON 2 Werner Hellwig Was wir festgestellt haben, ist, wenn Tiere im Umkreis sind, also Schafe, Rinder, dann haben wir eine große Chance, dass die Eule kommt, weil da sind auch die Mäuse dann da, in der Regel. Wenn es irgendwo am Waldrandgebiet ist, das mag die Eule nicht so gerne, dann haben wir eher geringe Chancen, dass die Eule reingeht. SPRECHERIN Deutsche Scheunen: zu sauber, zu ordentlich. Trotzdem haben Werner Hellwig und seine Helfer Erfolg. In den 1980er Jahren zählte Hellwigs Vorgänger ganze drei Brutpaare im Landkreis Coburg in Oberfranken, derzeit gibt es im Mittel 20 Brutpaare pro Jahr. Wobei die Zahlen zwischen den Jahren stark schwanken, je nach Größe der Mäusepopulation: 2022 wurden 36 Jungvögel gezählt, 2023 waren es 86. 80 Prozent der Fläche im Landkreis Coburg werden land- und forstwirtschaftlich genutzt, davon 20 Prozent als Dauergrünland: Das ist das Nahrungsgebiet, das die Schleiereule eigentlich braucht. Doch auch hier: Deutsche Wiesen und Weiden: zu ordentlich, zu eintönig. O TON 3 Werner Hellwig Was uns fehlt, sind so ein bisschen die zusammenhängenden Ödland Streifen, wo die Kleinsäuger dann ausreichend Lebensraum haben. Wir haben da Maßnahmen ergriffen vom Landesbund für Vogelschutz, auch in der Richtung, dass wir Flächen aufkaufen oder Flächen anpachten, dass wir da Nahrungsangebot schaffen. Eulengeräusch SPRECHERIN darüber Bernd-Ulrich Rudolph von der Vogelschutzwarte des Bayerischen Landesamts für Umwelt kennt die Problematik. Er ist zuständig für Schutzprogramme und die Dokumentation der Bestände: O TON 4 Bernd-Ulrich Rudolph Wir haben ja diesen Flächenverbrauch, den Zuwachs, auf der landwirtschaftlichen Flur vor allem spielt der sich ab. Große Gewerbegebiete und so weiter entstehen um die Siedlungen. Der Verkehr nimmt zu und die Straßendichte nimmt zu. Und das führt dazu, dass zum einen natürlich auch Nahrungsflächen weniger werden und zum anderen die Zahl der Kollisionsopfer steigt. SPRECHERIN Kollisionsopfer, weil Eulen gegen Autos, LKWs oder Züge fliegen: O TON 5 Bernd-Ulrich Rudolph Eulen fliegen ja niedrig, Die jagen in unter zwei Metern Höhe über dem Boden. Die müssen ja die Mäuse hören und dann schnell zugreifen, wenn sie die orten. Und dabei überqueren sie natürlich vielfach die Straßen, auch Eisenbahnlinien, sodass die Zahl der Eulen unter den Verkehrsopfern oder Kollisionsopfern schon überdurchschnittlich hoch ist. SPRECHERIN Die Datenlage der Schleiereule ist in Bayern etwas unklar. Zwischen 1996 und 2016 hat sich die Zahl der Brutpaare schätzungsweise halbiert, es ist aber nicht bekannt, wie viele Paare es Mitte der 90er Jahre gab. Andere Daten aus einer Erhebung zwischen den Jahren 2005 bis 2009 sprechen von rund 1.500 Brutpaaren in Bayern. In den letzten Jahren gehen die Zahlen wieder nach oben, so Rudolph. SPRECHERIN darüber Schleiereulen kommen in Franken, in der Donauniederung und in Schwaben vor. Das Alpenvorland oder gar die Alpen sind kein Lebensraum für sie: O TON 6 Man kann sich die Linie der südlichsten Brutvorkommen in Bayern vorstellen zwischen Augsburg und Landsberg, also die Region Schwabmünchen. Im Unterallgäu gibt es noch Brutpaare. Nördlich von München, im Erdinger und Freisinger Moos, gibt es Brutpaare, aber recht viel weiter nach Süden kommt sie nicht vor, weil eben im Alpenvorland die Winter im Durchschnitt deutlich härter sind mit längeren Schneelagen. Und da die Schleiereule nicht dem Winter ausweicht, also sie bleibt im Brutgebiet, kommt es dann dazu, dass bei längerem Schnee die Vögel verhungern. SPRECHERIN darüber Sie verhungern, weil sich die Mäuse unterhalb der Schneedecke bewegen und so für die Eulen unauffindbar sind. Musik After bombing raid (Länge: 1´37´´) Z8037642103 unter: SPRECHERIN darüber Im Nahen Osten gibt es für Schleiereulen genug Fressen, aber sie sterben oft, weil die Bauern systematisch Giftköder gegen Ratten und Mäuse auslegen. Sie vergiften damit auch deren Jäger: Die häufen das Gift im Körper an und sterben nach einer Zeit. MUSIK 2 hoch SPRECHERIN darüber Der Schweizer Biologe Alexandre Roulin [sprich: Rulää] betreibt seit 15 Jahren das Projekt „Owls for Peace“, Eulen für den Frieden – im fruchtbaren Grenzgebiet rund um den Fluss Jordan – im Norden Israels, im Norden Jordaniens und im Westjordanland, das zu den Palästinensischen Gebieten gehört. Es geht um Ökologie, um Frieden und um Schleiereulen. MUSIK 2 hoch SPRECHERIN darüber Einige Eulen nisten in Israel und jagen ihre Beute hauptsächlich in den palästinensischen Autonomiegebieten, wobei sie täglich die Grenzen überfliegen. Es gibt auch „binationale“ Paare. Schleiereulen bleiben ein Leben lang zusammen. Außerhalb der Balz- und Brutzeit gehen sie allerdings ihre eigenen Wege. Landwirte und Schulkinder aus verschiedenen Gemeinden sind an dem Owls for Peace-Projekt beteiligt, lernen sich gegenseitig kennen und sehen die Bedeutung ihres gemeinsamen Naturerbes. O TON 7 Alexandre Roulin OVERVOICE Wir benutzen Schleiereulen, um die Bauern zu motivieren, weniger Gift auf ihren Feldern auszubringen, um Nagetiere zu töten. Wir sagen ihnen, dass die Schleiereulen den Job erledigen können. Sie machen alle das Gleiche: israelische Bauern, palästinensische und jordanischen Bauern. SPRECHERIN Die Nagetierpopulationen steigen in der Region rasant an, sie können ganze Ernten zerstören. O TON 8 Alexandre Roulin OVERVOICE Wir haben Erfolg, weil wir weder über Politik noch über Religion sprechen. Wir bringen die Menschen aus diesen drei Gemeinschaften an einen Tisch, um über einen gemeinsamen Feind zu sprechen. Und der gemeinsame Feind sind die Nagetiere. SPRECHERIN Umweltschutz wurde zu Wissenschaftsdiplomatie. O TON 9 Alexandre Roulin OVERVOICE Und was mir in all den Jahren aufgefallen ist, ist, dass die Juden und die Araber Freunde sein können. Die Leute, mit denen wir arbeiten, sind Freunde! Und das ist eine Inspiration, von unten, von den Bauern, nach oben, zu den Anführern M Somber secrets (Länge: 0´44´´) Z8035579107 unter: SPRECHERIN In Israel kauften und montierten die Bauern die Nistkästen selbst, bislang rund 5.000. In Jordanien stehen drei bis vierhundert Kästen, in den Palästinensischen Gebieten rund 200. Die hat die Stiftung von Roulin gekauft und Menschen dafür bezahlt, sie anzubringen – mit israelischem und internationalem Geld. Jetzt hat Israel die Unterstützung eingestellt, wegen des Krieges. Die Situation ist schwierig. Momentan denken alle an die Menschen, nicht an die Eulen: O TON 10 Alexandre Roulin OVERVOICE In der Vergangenheit hat das Projekt immer überlebt, auch wenn sich die politische Situation wirklich von einem Tag auf den anderen geändert hat. Wir denken, dass das Projekt mehr denn je gebraucht wird. SPRECHERIN Auch mit den Palästinensern steht Roulin in Kontakt: O TON 11 Alexandre Roulin OVERVOICE Das Leben im Westjordanland wird zum Albtraum. Deshalb suche ich jetzt nach Geld, Geld aus der Schweiz, einem neutralen Land. Mir ist klar: Sie brauchen Hoffnung. SPRECHERIN In den Palästinensischen Gebieten und in Jordanien hatten es Schleiereulen noch nie leicht: O TON 12 Alexandre Roulin OVERVOICE Es gibt noch ein anderes Problem in der arabischen Welt. Dort haben sie Angst vor Schleiereulen. Sie sind ein schlechtes Omen für sie. Wir müssen den Menschen beibringen, dass die Schleiereulen nicht die Feinde, sondern die Verbündeten sind. Sie haben einen sehr starken Aberglauben, wie wir übrigens früher in Europa auch, genau dasselbe. Cumulonimbus (b) C1601420103 (Länge: 0´25´´) unter: SPRECHERIN In Spanien dachte man lange, Schleiereulen flögen in die Kirchen, um dort das Öl aus den Kerzen zu trinken. Deshalb wurden sie verjagt. In Deutschland dachte man, eine tote, an die Scheunenwand genagelte Schleiereule schütze vor Blitz und Feuer. M Morgentau Z8015897125 (Länge: 0´53´´) unter: Dabei sind Schleiereulen friedfertige Wesen, zumindest im eigenen Nest: Alexandre Roulin hat herausgefunden, dass Küken komplexe Verhaltensmuster haben: Während der Wartezeit auf die Eltern klären die Küken untereinander, welches die nächste Beute bekommen soll. Roulin sagt, sie streiten nicht, sie verhandeln. Das beweist die absolute Ruhe im Nest, wenn die Eltern eine Maus bringen: Die Küken haben schon vorher entschieden, wer gefüttert wird. Roulin ist wohl einer der erfahrensten Schleiereulen-Experten der Welt. Seit mehr als 40 Jahren untersucht er sie. Das hat etwas mit Faszination für dieses außergewöhnliche Tier zu tun: O TON 13 Alexandre Roulin OVERVOICE Es gibt diese Variation in den Farben rot-weiß, eine sehr deutliche Variation. MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 0´50´´) unter: SPRECHERIN Tyto alba ist mehrheitlich hell, Tyto guttata ist eher gelblich-rostfarben. Die hellen Schleiereulen leben auf der iberischen Halbinsel und auf den britischen Inseln. Dort haben sie die letzte Eiszeit überlebt. Dann, nach der Schmelze, haben sie den Rest Europas wieder besiedelt, vor rund 100.000 Jahren. Bei dieser Wanderung nach Norden und Osten ist ihr Gefieder mutiert und hat rötliche Töne angenommen. … Es gibt also erst seit der Eiszeit zwei Farbvarianten. Derzeit kann man in Bayern beobachten, wie sich die beiden vermischen. Es kommt zu neuen Farbabstufungen. O TON 14 Alexandre Roulin OVERVOICE Dieser Vogel ist kosmopolitisch. Wir finden ihn nahezu überall auf dem Planeten. Wenn Sie beispielsweise die Farbe untersuchen, sagen wir in Deutschland, in Spanien, in der Schweiz, dann kann man versuchen zu prüfen, ob das, was man hier findet, auch in den USA, in Südamerika oder in Afrika zu finden ist. Man kann die Studien an einem anderen Ort machen, sie einfach wiederholen. SPRECHERIN: Zudem gibt das Brutverhalten Auskunft über Umwelteinflüsse: O TON 15 Alexandre Roulin OVERVOICE Die Populationsgröße schwankt sehr stark. Die Gelegegröße, also die Anzahl der Küken, die sie produzieren, schwankt von Jahr zu Jahr. Das ist interessant, denn man kann die Auswirkungen von Schwankungen im Lebensraum, in der Umwelt, im Klima und so weiter auf die Brutparameter sehr gut untersuchen. Bei einer Art, die immer stabil ist und immer fünf Eier legt, weiß man nicht, welchen Einfluss die Natur hat. Liegt viel Schnee, gibt es eine hohe Sterblichkeit. Gibt es viele Mäuse, gibt es viele Schleiereulen. SPRECHERIN Ein Gelege besteht normalerweise aus vier bis sieben Eiern. Die Eltern legen sie nicht in schwer zugängliche, hohle Bäume, sondern bevorzugt in Kästen, und die Küken bleiben zwei Monate lang im Nest: Viel Zeit zum Forschen. Und viel Stress für die Eltern. Bei großen Gelegen müssen die schon mal ein Dutzend Mäuse pro Tag ins Nest bringen. Dabei hilft ihnen ihre ausgetüftelte Jagd-Technik … beziehungsweise ihre Jagd-Techniken: M Shimmering night C1568800108 (Länge: 1´08´´) unter: SPRECHERIN darüber Schleiereulen praktizieren einerseits die so genannte Ansitzjagd: Sie warten und lauschen auf einem Ast oder Pfosten, bis sich eine Maus bemerkbar macht. Dann greifen sie sie im steilen Sturzflug. Das ist energiesparend, aber zeitraubend. MUSIK 3 hoch SPRECHERIN darüber Dann gibt es auch den Pirschflug, bei dem sie in geringer Höhe die Landschaft abfliegen und Beute orten. Das ist meist ergiebiger, verbraucht aber mehr Energie. MUSIK 3 hoch SPRECHERIN darüber Zudem beherrschen sie noch den sogenannten Rüttelflug, wie ihn auch andere Raubvögel wie der Falke anwenden: Die Schleiereule verharrt dabei in der Luft wie ein Helikopter und sondiert das Gelände unter ihr. Dabei kann sie den Standort einer Maus genau festlegen und diese dann treffsicher erbeuten. MUSIK 3 hoch, etwas stehen lassen SPRECHERIN darüber Und warum flitzt die Maus nicht weg, wenn sie in der dunklen Nacht ein weißes Ungetüm über sich sieht? MUSIK 3 weg O TON 16 Alexandre Roulin OVERVOICE Wir haben entdeckt, dass das weiße Gefieder das Licht des Mondes reflektiert. Wenn die Beutetiere dann dieses Licht sehen, wirkt es wie eine Taschenlampe, oder ein Scheinwerfer. Sie geraten in Panik und erstarren. Und je länger sie unbeweglich bleiben, desto mehr Zeit haben die Jäger, um ihre Beute zu fangen. O TON 17 Alexandre Roulin OVERVOICE Und mit dem GPS haben wir herausgefunden, dass die weißen Vögel, nicht die roten, das absichtlich bei Vollmond tun. Die weißen Schleiereulen positionieren sich dem Mond gegenüber. Und bei Neumond, also mit wenig Licht, jagen sie nicht mit dem Mond vor ihnen. M Year of famine NC015960037 (Länge: 0´35´´) unter: SPRECHERIN Zu diesem Schreckgespenst-Effekt kommt noch die absolute Lautlosigkeit der Schleiereulen. Die dichten, kammartig gezähnten Ränder der vordersten Schwinge und der dichte, weiche Flaum an der Oberseite der Schwingen schlucken jegliche Strömungsgeräusche während des Fliegens. TRENNER/MUSIK 1 hoch, etwas stehen lassen SPRECHERIN darüber Faszinierend! Das findet auch Carmen Pöhl, die sich wie Werner Hellwig als Freiwilige im Eulenschutz engagiert. Nicht in Coburg, sondern im nördlichen Allgäu, in Oberschwaben: MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 0´48´´) unter: Eine „strukturreiche, kleinteilige“ Landschaft nennt die Ärztin ihre Heimat, mit Wiesen, Hecken, Bächen und mehreren geschützten Feuchtgebieten, in denen verschiedene Eulenarten leben. Vor etwa drei Jahren fand Carmen Pöhl bei einer Radtour eine tote Sumpfohreule auf dem Weg, „ein wunderschönes, perfektes Tier“, wie sie sagt. Sumpfohreulen sind nicht sesshafte Vögel, sie brüten am Boden und sind in Deutschland sehr selten und stark bedroht. Ihnen zu helfen ist für Laien schwierig. Bei Schleiereulen, den sesshaften Kulturfolgern, ist das leichter: O TON 18 Carmen Pöhl Dieser Kontakt dann auch zu dieser toten Sumpfohreule, und auch der Fakt, dass bei uns immer wieder Gewölle am Boden lagen, haben mir dann doch klar gemacht, dass es hier Eulen gibt. Und ich kam dann auf die Idee, dass ich die unterstützen sollte. Ich habe dann zuerst begonnen, bei den Nachbarn zu fragen, die Scheunen haben, ob sie vielleicht nicht einen Kasten aufhängen wollen. Leider habe ich dann erleben müssen, dass die Nachbarn die Idee nicht gut fanden. Die hatten sich tatsächlich Sorge gemacht, dass so eine Eule dann auch Dreck machen könnte. SPRECHERIN darüber Carmen Pöhl konnte tatsächlich etwas bewegen. Dank eines Artikels in der Schwäbischen Zeitung bekam sie Anrufe von sechs Lesern und Leserinnen, die auch gerne einen Schleiereulenkasten aufhängen wollen. G Schleiereule SPRECHERIN darüber Schleiereulen sind weit verbreitete Wildtiere, die die Nähe des Menschen suchen und in unserem Kollektivgedächtnis ihren Platz haben. Deshalb kann man sie als Botschafter ihrer Artgenossen bezeichnen, der anderen rund 200 Eulenarten, die es gibt. O TON 20 Carmen Pöhl Ich finde an allen Eulen besonders, dass sie so stille Jäger sind, dass man ihnen nachsagt, dass sie besonders weise sind. Sie sind ja auch in unserer Geschichte und auch in unseren Märchen immer wieder aufgetaucht. Ja, es sind wunderbare Tiere. Kunstwerke der Natur. M Missing fragments (Länge: 1´00´´) Z8035579110 unter: SPRECHERIN Ja, das sind Eulen, Kunstwerke der Natur. Wegen ihrer Effizienz bei der grenzübergreifenden Mäusejagd erleben sie im Nahen Osten gerade einen Imagewandel: weg von der Unheilsbotin, hin zur Friedenstaube. In Mitteleuropa nagelt sie zum Schutz vor Blitz und Feuer wohl niemand mehr an das Scheunentor, aber unsere intensive Landnutzung macht ihnen zu schaffen. Wenn wir sie weiterhin um uns haben wollen, müssen wir unseren Lebensraum mit ihnen teilen. Wir müssen dafür sorgen, dass es weite offene Flächen gibt, auf denen sie Nagetiere und kleine Säugetiere finden. Und sie brauchen geschützte Nistplätze, wo sie ihre Brut ungestört aufziehen können. Eigentlich nicht viel.

  4. Hoffnung - Die Stille Kraft

    14.02.2024 · 23 Min.

    Wenn nichts mehr geht, dann bleibt die Hoffnung. Sie stirbt bekanntlich zuletzt. Hoffnung gibt Kraft und hält am Leben. Doch die Hoffnung hat auch eine Kehrseite: dann nämlich, wenn sie träge und faul macht. Autorin: Karin Lamsfuß (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling und Stefan Merki Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Giovanni Maio, Medizinethiker Uni Freiburg; Dr. Claus Eurich, Philosoph und emeritierter Ethik-Professor; Wolfgang Jacobs, Theologe und Krankenhausseelsorger Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Wunder - Faszination des Unerklärlichen JETZT ANHÖREN Der Himmel - Bilder vom ewigen Glück JETZT ANHÖREN Dankbarkeit - Quelle der Freude und des Glücks JETZT ANHÖREN Frieden - Persönliche Sehnsucht - Politische Utopie JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 (Z8000712 117 Carrie Newcomer: A Whole Lot Of Hope 0’40) O-Ton 1 Maio: Der hoffende Mensch ist derjenige, der weiß, dass die Zukunft offen ist. O-Ton 2 Jacobs: Hoffnung ist etwas, was die Leute brauchen, um sich am Leben zu halten. O-Ton 3 Maio: Der hoffende Mensch ist zugleich auch der, der im Hoffen immer zugleich auch bangt. O-Ton 4 Eurich: Hoffnung ist die Erwartung auf eine Zukunft, die möglicherweise besser ist als die Gegenwart und als die Vergangenheit. O-Ton 5 Jacobs: Die Erwartung, dass etwas Wünschenswertes eintritt, ohne die Gewissheit zu haben, dass es eintreten wird. Sprecherin: Die Hoffnung ist ein seltsames Ding: Kaum ein Tag vergeht, oft kaum eine Stunde, ohne dass Menschen nicht irgendetwas Zukünftiges erhoffen: Banales wie etwa, dass sie den Zug noch erwischen, die Kinder gute Noten bekommen, sich Oma über den Kuchen freut, die Aktienkurse steigen. Und Bedeutsames wie etwa, dass sie ihren Job behalten, die Ehe lange hält oder ein geliebter Mensch wieder gesund wird. Der Mensch schreibt ständig Geschichten mit offenem Ausgang weiter – natürlich in der Hoffnung, dass diese glücken bzw. gelingen. Doch, das wird der Hoffnung im Kern nicht gerecht. Und so spielt das Leben auch nicht. MUSIK 2 (Z8028426 102 Tindersticks: The Amputees 0’27) Sprecherin: Er war ein Sonnyboy. Kitesurfer. Sonnengebleichte, blonde Haare, braun gebrannt. Verena verliebte sich sofort in ihn. Nach dem Studium heirateten beide. Und hofften auf ein tolles, aktives, gemeinsames Leben. O-Ton 7 Verena: Und dann irgendwann dieser Dienstag-Abend war, wo wir zu dritt bei dem Arzt saßen, also mein Mann, sein Vater und ich, und der Arzt dann sagte: „Ich muss Ihnen die Mitteilung machen: Ja, Sie haben Multiple Sklerose“! Und dann steht man da auf einmal und denkt: Das Leben ist jetzt erst mal zu Ende. Ich war 33 und er war 29. MUSIK 3 (Z8028007 110 Max Richter: Hope strings eternal 0’27) Sprecherin: Es gab keine Hoffnung auf Heilung, maximal darauf, dass die Krankheit einen milden Verlauf nehmen würde. Zwei Jahre lang sah es so aus, als würde sich diese Hoffnung erfüllen. Kaum Symptome. Beide lernten mit der Krankheit zu leben. O-Ton 8 Verena: Und dann kam wirklich der totale Hammerschub, weil es ihn dann nicht nur am linken Bein getroffen hatte, sondern an der ganzen rechten Körperhälfte, die war dann quasi wie gelähmt. - So! Und das war wirklich der Punkt, wo unser Leben auf den Nullpunkt gesetzt worden ist. Es ist die Frage: wird er sich überhaupt irgendwie rühren können? Oder ist er jetzt irgendwie so’ n Schwerstpflegefall? Sprecherin: Alle Hoffnung war zerstört. Und nun? MUSIK 4 (C1637800 101 Martin Tingvall: Hope 0’42) Sprecherin: Die Philosophie gibt hier nur wenige Antworten. Nur ganz wenige philosophische Werke - wie etwa „das Prinzip Hoffnung“ des deutschen Philosophen Ernst Bloch - beschäftigen sich mit der Hoffnung. Dabei geht es bei diesem Thema eigentlich um eine ganz grundlegende philosophische Frage: Wie kann Leben gelingen – mit all seinen Wünschen und Sehnsüchten auf der einen Seite und der Möglichkeit des Scheiterns dieser Wünsche auf der anderen Seite? O-Ton 9 Eurich: Da schwingt dann natürlich auch immer Hoffnung mit. Und da handelt es sich dann aber um eine andere Dimension von Leben und Lebensorientierung, die nicht nur mit Haus und Partnerschaft und so was zu tun hat. Sondern da betreten wir wirklich den tiefen Boden des Seins. Sprecherin: Dr. Claus Eurich, Philosoph und emeritierter Professor für Ethik. Zitator: Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. … Sprecherin: Meinte Friedrich Nietzsche. Hoffnung ist vor allem dort wichtig, wo der Mensch nicht mehr handeln kann. Weil es nicht in seiner Macht liegt. Oder weil alles getan ist. Dann hilft nur noch die Hoffnung. Oder das Gebet. Hoffnung im tieferen Sinne ist also keine Gier nach kurzfristiger Wunscherfüllung, sondern eine Grundhaltung zum Leben mit all seinen Widrigkeiten und Unwägbarkeiten. O-Ton 10 Maio: Wenn man sich fixiert auf eine ganz bestimmte Form der Zukunft, dann hoffe ich nicht. Dann erwarte ich etwas. Wenn diese Erwartung nicht eintritt, dann verzweifle ich. Sprecherin: Giovanni Maio, (sprich: Ma-jo) Professor für Medizinethik an der Uni Freiburg. Er hat ein Buch geschrieben über die „Kunst des Hoffens“ bei schwerer Krankheit. Er sagt: Wirkliche Hoffnung entspringt einer Haltung jenseits von vordergründigem Optimismus, von „alles wird gut“. Sie ist eher verortet im den inneren Sphären der Zuversicht, des Vertrauens: O-Ton 11 Maio: Am Anfang hofft man auf etwas ganz Bestimmtes. Und das ist ganz natürlich, dass man hofft, dass man nicht krank ist. Und hofft, dass es heilbar sein wird. Das ist ganz normal und nachvollziehbar. Aber wir haben zwei verschiedene Formen von Hoffnung: die eine Hoffnung, die sagt „Ich hoffe, dass …“ und die andere Hoffnung, die da sagt: „Ich bleibe dennoch hoffend“. Zitator: Trotzdem! Dennoch! Jetzt erst recht! Sprecherin: Das ist die wahre Sprache der Hoffnung. Diese Hoffnung ist nicht auf ein bestimmtes Ziel fixiert. Sie geht tiefer. Zitator: Die Hoffnung hilft uns leben … Sprecherin: Sagte schon Johann Wolfgang von Goethe MUSIK 5 (C1594660 107 Hadar Noiberg: Hope 0’25) Sprecherin: Verena und ihr Mann wussten: Der letzte Krankheitsschub hatte alles verändert. Seine Beine funktionierten nicht mehr. Also musste eine barrierefreie Wohnung her. Denn Treppensteigen war unmöglich geworden. Autofahren auch. Wie ihr Alltag künftig aussehen könnte, das wussten beide nicht. O-Ton 12 Verena: Als er im Krankenhaus war und es wirklich gerade so schlimm war, dann saß er da im Rollstuhl und sagte: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“. Und wir beide dann geheult haben wie die Schlosshunde und nicht mehr weiterwussten, und alles war schwarz. MUSIK 6 (C1594660 107 Hadar Noiberg: Hope 0’22) Sprecherin: In Grenzsituationen wie einer schweren Erkrankung zeigt sich der Charakter der stärkenden Seite der Hoffnung besonders. Weil es hier um das kostbarste Gut geht: um die Unversehrtheit des Körpers. Um das Leben. Natürlich hofft jeder zunächst auf Heilung. Doch was ist, wenn das nicht klappt? Bleibt die Heilung aus, ist alles hoffnungslos. O-Ton 13 Maio: Wenn man am Anfang die Hoffnung reduziert auf ‚Ich will unbedingt Heilung, wenn nicht, dann ist alles sinnlos‘. Das ist Ausdruck nicht nur von Hoffnungslosigkeit, sondern es ist Ausdruck von Ungeduld, es ist auch Ausdruck von fehlender Klarsichtigkeit. Der Hoffende sieht ganz klar. Und er glaubt daran, dass er innere Ressourcen hat, um auch das Vergebliche so anzugehen, dass keine Sinnlosigkeit eintritt. Sprecherin: Die Hoffnung hat unzählige Gesichter. Mal ist sie zaghaft, mal ist sie stark. Sie keimt auf, sie wird wieder zerstört. Sie verändert sich stetig. Immer aber ist sie im Fluss. O-Ton 14 Maio Hoffnung hat drei Elemente: Sie ist einerseits Erkenntnis: zu erkennen, wie bedrohlich die Zukunft ist; zugleich ist sie aber auch ein Gestimmtsein, im Sinne des Offenbleibens bezogen auf die Zukunft. Und sie ist drittens Phantasie. Die Bereitschaft, die Zukunft wirklich als offen anzuerkennen und daran zu glauben, dass sich Dinge ereignen, die einem doch Kraft geben können. MUSIK 7 (MR036260 104 Edmar Castaneda & Gregoire Maret: Hope 0’41) Sprecherin: Hoffen ist also: wissen, dass nichts sicher ist. Und trotzdem vertrauen, dass genügend Ressourcen da sind, um Herausforderungen zu meistern. So bewegt sich die konkrete Hoffnung weg von der Fixierung auf ein bestimmtes Ziel hin zu einem grundsätzlichen Vertrauen. Also nicht: Zitator: Alles wird gut! Sprecherin: Sondern: Zitator: Auch wenn es nicht gut wird, wird es einen Weg geben, damit umzugehen. O-Ton 15 Verena: Also ich habe gemerkt: Natürlich kommen dann manchmal so Ängste hoch: Ach, wenn’s doch so bleibt, was machen wir denn dann? Und dann habe ich gedacht: Damit setzt du dich auseinander, wenn’s so ist, und in dem Moment, wo noch die Hoffnung besteht, dass es wieder besser wird, hältst du dran fest. Zitator: Die Hoffnung mag eintreffen oder nicht, so hat sie doch das Gute, dass sie die Furcht verdrängt. Sprecherin: Meinte der deutsche Schriftsteller Jean Paul im 18. Jahrhundert. MUSIK 8 (Z8028982 103 Ed Hogston: Memories 0’30) Sprecherin: Wolfgang Jacobs ist Theologe, ehemaliger Pfarrer und hat lange als Krankenhausseelsorger gearbeitet. 14 Jahre lang hat er täglich Gespräche geführt mit Menschen, die hofften und die bangten. Aber niemand, so erinnert er sich, hatte die naive Hoffnung, dass alles wieder gut werden möge. O-Ton 16 Jacobs: Bei Menschen, die einen Bezug zur Religion oder Spiritualität haben, war das die Hoffnung darauf, dass eine Gottheit oder eine Macht oder eine Kraft ihnen so etwas gibt wie die Zuversicht, dass das, was ihnen da widerfährt, sowohl ne Form von Sinn hat, als auch etwas ist, das nicht ganz aussichtslos ist. Zitator: Durch ein unerklärliches Phänomen haben viele Leute Hoffnungen, ohne Glauben zu besitzen. Sprecherin: … sagte der französische Philosoph Honoré de Balzac. Und weiter heißt es in dem Zitat: Zitator: Die Hoffnung stellt die Blüte des Wunsches dar, der Glaube ist die Frucht der Gewissheit. Sprecherin: Gläubige Menschen tun sich manchmal leichter mit der Hoffnung. Sie legen ihr Leben in Gottes Hand und fühlen sich auch in schwierigen Lebenslagen beschützt und getragen. Als würde eine höhere Macht gut für sie sorgen – so beschreiben viele ihr Gefühl. Die Hoffnung trägt und stärkt also. Aber ihre Kraft wird auch manchmal missbraucht. Etwa, um aussichtslose Therapien durchzusetzen. Oder um die eigene Hilflosigkeit nicht zugeben zu müssen, so Medizinethiker Giovanni Maio: O-Ton 17 Maio: Wenn die Medizin glaubt, sie kann nur dann Hoffnung vermitteln, wenn sie Heilung verspricht, dann ist sie oft sehr vollmundig. Und dann macht sie oft auch Therapien, die im Grunde nicht immer sinnvoll sind. Weil sie meint, nur so Hoffnung vermitteln zu können, stattdessen müsste man sich wirklich intensiv mit dem Patienten beschäftigen und über sein Bangen reden und auf diese Weise tiefer zu denken und zu erkennen, woran einem wirklich liegt. Und inwiefern man das, woran einem liegt, immer noch verwirklichen kann. Auch im Zustand der Unheilbarkeit. Zitator: Die Hoffnung stirbt zuletzt! Sprecherin: Lautet eins der vielleicht meistzitierten deutschen Sprichwörter … MUSIK 9 (Z8025975 102 Christopher Dierks: Hope 1’00) Sprecherin: Der Mensch braucht Hoffnung zum Leben. Zum Überleben. Gerade in schwierigsten Zeiten. Die Frage ist jedoch: Worauf genau bezieht sich die Hoffnung? O-Ton 18 Jacobs: Ich glaube, Hoffnung braucht als Basis das Gefühl von Geborgenheit. Gut im Leben zu sein sozusagen. Sich aufgehoben fühlen. Worin auch immer. Das kann religiös, das kann spirituell sein, das kann auch Philosophisches sein. Aber eine Basis zu haben, worin ich mich aufgehoben und geborgen fühle. Das ist, glaube ich, das Zentrale für Hoffnung. Sprecherin: Hoffnung kann aber auch zur Zumutung werden. Nämlich dann, wenn sie zur Verpflichtung wird. Wenn Angst, Verzweiflung und Mutlosigkeit keinen Platz finden und stattdessen immer nur Hoffnung verbreitet werden soll. O-Ton 19 Verena: Das Allerschlimmste war, alleine auf weiter Flur die Optimismus-Frau zu spielen. Das heißt, diese Zuversicht auszustrahlen: für mich, für ihn und dann auch noch für seine ganze Familie. Ich sag mal so: Es war ein bisschen so, als wenn ich alleine wie Jeanne d’Arc vor so nem Heer von Leuten stehe, die mich alle attackieren mit diesen Ängsten – es gab gar keine Alternative, außer: Ich muss jetzt diese Zuversicht ausstrahlen – auch für mich selber. Sprecherin: Der Theologe und Krankenhausseelsorger hält diesen „Zwang zur Hoffnung“ für fatal: O-Ton 20 Jacobs: Weil die Angehörigen dann meinen: indem sie so was wie Zuversicht und Hoffnung verbreiten, „du schaffst das schon“, würde dem Patienten auch noch mal geholfen. Das Fatale ist: Ich habe dann häufig erlebt, dass Patienten, wenn ich mit ihnen gesprochen habe – ohne die Angehörigen – gesagt haben: „Ja, die meinen immer noch, es würde gehen. Aber ich weiß ja, dass es nicht mehr geht. Aber ich will denen auch nicht die Hoffnung nehmen. Also es ist etwas, wo ganz paradoxe Geschichten ablaufen. Sprecherin: „Ein Spiel mit der Hoffnung“ nennt Wolfgang Jacobs das. Ein Spiel, indem sich alle Beteiligten etwas vormachen. Ein Spiel, das das vielleicht Wichtigste in dem Augenblick verhindert: nämlich sich mit dem auseinanderzusetzen, was ist. MUSIK 10 (Z8026958 125 Glimmer of hope c 0’55) Sprecherin: Tiefe Hoffnung wirkt kraftspendend und falsche Hoffnung zerstörerisch. Der Nährboden wahrer Hoffnung ist Geborgenheit oder spirituelle Verortung – ganz gleich, wie sie aussieht. Hoffnung kann aber auch fadenscheiniges Mittel zum Zweck sein: Um eine Fassade aufrecht zu halten. Oder um sich selbst zu beruhigen. Oder vor der Realität zu fliehen. Zitator: Wer sich von der Hoffnung nährt, ist stets in der Schwebe und lebt nicht. Sprecherin: Das meinte schon vor fast 500 Jahren der niederländische Theologe und Humanist Erasmus von Rotterdam. Friedrich Nietzsche formuliert es noch zugespitzter: Zitator: Sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. Sprecherin: Hoffnung, die quält, Hoffnung, die wirkliches Leben verhindert: Diese Hoffnung kann wie ein Kleber sein. Ein Kleber, der Menschen an etwas festhalten lässt, das ihnen nicht guttut: Sie hoffen: Zitator: … dass der schreckliche Nachbar endlich freundlich wird … Sprecherin: … dass der Verflossene endlich zurückkehrt … Zitator: … dass der selbstherrliche Chef endlich mal ein Lob ausspricht … Sprecherin: Falsche Hoffnungen: Diese Hoffnungen sind toxisch. Sie halten gefangen in einer Phantasie, die wahrscheinlich niemals Wirklichkeit wird. Zitator: Nichts ist leichter als Selbstbetrug. Denn was ein Mensch wahrhaben möchte, hält er auch für wahr. Sprecherin: Fand der griechische Redner Demosthenes schon 300 Jahre vor Christus. Hoffnung als Illusion. Als Flucht vor der Realität. Und als willkommene Ausrede, die Hände in den Schoß zu legen. Hoffnung wird in dem Moment missbraucht, wenn sie an die Stelle der Handlung tritt. Und unbedingt notwendige Schritte verhindert. MUSIK 11 (Z8028982 105 Ed Hogston: Wandering 0’40 / im Hintergrund gleichzeitig MUSIK 12 Z9507313 208 Plan B: Hope in hell 0‘25) Sprecherin: Spätsommer 2019: 11.000 internationale Wissenschaftler erklären den „Klima-Notfall“. Und warnen: Zitator: Sollten die Menschen ihr Verhalten nicht radikal ändern, wird unermessliches Leid auf sie zukommen! Sprecherin: Am gleichen Tag verkündet der Tagesschau-Sprecher: Zitator: Die Deutschen sind nach einer aktuellen großen Studie, dem „Glücksatlas“ zufrieden wie noch nie. Sprecherin: Wie geht das zusammen? Die Menschheit fährt - lapidar ausgedrückt - ihren Planeten gerade vor die Wand - und die Deutschen sind glücklich und zuversichtlich wie noch nie? Hat ihnen die vermeintliche Hoffnung, dass doch noch alles gut werden möge, vielleicht einen bösen Streich gespielt? Der Philosoph Claus Eurich nennt dies in Anlehnung an den Theologen Karl Barth: Zitator: Billige Hoffnung O-Ton 21 Eurich: Billige Hoffnung, das wäre die, die nicht wirklich in die Analyse von Situationen hineingeht. Die auch nicht in das Nachspüren in sich selbst reingeht, also die Selbstreflektion in der Tiefe wirklich fehlt. Und die dann in so Sprüchen mündet wie „Es wird schon alles gut werden“. Und: „Die Dinge werden sich schon fügen“. Das ist eine Hoffnung, wo man auch sagen könnte: Die gründet auch schlicht in fehlender Erkenntnis! Oder in fehlender Information. Sprecherin: Billige Hoffnung beschwichtigt kurzfristig. Und sie lähmt langfristig. Sie verhindert, die wirklich wichtigen Schritte zu tun. Zitator: Hoffnung statt Handeln. Sprecherin: Die billige Hoffnung ist die destruktive Seite der Hoffnung. Die dunkle Schwester der … Zitator: Tätigen Hoffnung Sprecherin: Tätige Hoffnung schaut hin, analysiert klar und handelt. O-Ton 22 Maio: Deswegen ist der hoffende Mensch immer ein Mensch, der sich engagiert für seine Zukunft. Der hoffende Mensch ist eben nicht der Fatalist, der dann schicksalsergeben die Zukunft einfach abwartet, sondern es ist derjenige, der an die Zukunft glaubt und deswegen sie gestalten möchte! Sprecherin: Sagt Medizinethiker Giovanni Maio. Billige Hoffnung ist fatal, und tätige Hoffnung dringend nötig. Wahrscheinlich war es in der Menschheitsgeschichte noch nie nötiger, dringender und wichtiger, als in der tätigen Hoffnung zu leben, findet Claus Eurich: O-Ton 23 Eurich: Tätige Hoffnung hat auch keine Gewissheit, dass sich etwas so ereignen wird, wie wir es brauchen oder wir es ersehnen, aber sie spürt, dass sie einen Beitrag leisten muss. Das heißt, das ist dann ein partnerschaftliches Verhältnis, in dem wir selber eine tragende Rolle haben. Und in einem partnerschaftlichen Verhältnis gibt es nie nur das Nehmen. Da gibt es immer auch die Notwendigkeit des Gebens. Zitator: Es ist besser ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen. Sprecherin: Dieses Zitat ist mehr als 2.000 Jahre alt und stammt von Konfuzius. Tätige Hoffnung als Aufwachen aus der Lethargie, der Saturiertheit, der Selbstbezogenheit. O-Ton 24 Eurich: Es geht hier um die Menschheit, und es geht hier um die Schöpfung. Wir haben diese Erde erhalten, auf der wir uns entwickeln konnten, entwickeln durften, haben sie halt gnadenlos ausgebeutet, getreten, misshandelt und sind jetzt kurz davor, selber im Staub zu liegen. Wenn wir überhaupt noch eine Möglichkeit haben wollen, eine Chance haben wollen, dann stehen wir jetzt in einer Bringschuld. Dann sind wir jetzt einfach dran zu geben, zurückzugeben. MUSIK 13 (Z8028982 104 Ed Hogston: Free forever 0’53) Sprecherin: Menschen gehen wieder auf die Straße, vor allem junge Menschen. Schüler protestieren Seite an Seite mit Eltern, Großeltern und Wissenschaftlern. Claus Eurich befürchtet: Ohne radikale Umkehr wird es nicht gelingen. O-Ton 26 Eurich: Umkehr bedeutet, unseren Bezug zum Leben auf vollkommen neue Füße zu stellen. Und uns neu in der Lebenseinheit zu erkennen, zu sehen, und uns entsprechend zu verhalten. Nach meiner Auffassung ist dies nicht nur eine Aufgabe, sondern es wäre ein evolutionärer Schritt. Der mit dem gegenwärtigen Bewusstsein und dem gegenwärtigen Ich-Bezug auf allen Ebenen – vom Egozentrismus bis zum Anthropozentrismus – in keiner Weise angegangen werden kann. Sprecherin: Gier, Machtstreben, Lethargie – all das steht dem radikalen Wandel im Weg. Ein wenig Kosmetik hier, ein kleines Schräubchen dort, an dem gedreht wird. Vielleicht heißt Hoffnung in Anbetracht dieses übermächtigen Gegenwindes auch Hoffnung auf ein Wunder? O-Ton 27 Eurich: Und damit ist auch klar, dass wir ohne ein Entgegenkommen dessen, was wir das ‚Schicksal‘ nennen, wohl keine wirkliche Zukunft haben. Ein älterer priesterlicher Freund, den ich mal besucht habe - wir saßen abends zusammen, und er konnte immer ganz genau spüren, wo ich mental bin. Und dann merkte er mir auch ein bisschen die Niedergeschlagenheit an. Und er sagte: „Claus, ich glaube, du glaubst gar nicht mehr an Wunder! Wunder sind nämlich sicher“. Und dann kam noch der Satz hinterher: „Wunder aber wollen angestoßen werden!“ Sprecherin: Immer wieder gab es Kippeffekte in der Menschheitsgeschichte. Wo einzelne Menschen etwas angestoßen haben, das zu einem ganzen Systemwechsel führte. Es lohnt sich also immer zu hoffen. Tätig zu hoffen. MUSIK 14 (Z8028007 110 Max Richter: Hope strings eternal 0’30) Sprecherin: Verena und ihr MS-kranker Mann haben den Umzug in eine neue, barrierefreie Wohnung nun hinter sich. Er ist noch immer sehr eingeschränkt, geht am Rollator oder fährt im Rollstuhl. Die Hoffnung auf Heilung haben beide aufgegeben. Die Krankheit wird unaufhaltsam voranschreiten: O-Ton 29 Verena Aufgeben gilt nicht! Das ist wahrscheinlich tatsächlich das Erfolgsgeheimnis unserer Beziehung. Dass wir beide uns nicht unterkriegen lassen und beide festhalten an diesem „Es wird irgendwie weitergehen, wir schaffen das zusammen!“ MUSIK 15 (Z8000712 117 Carrie Newcomer: A Whole Lot Of Hope 0’40) Sprecherin: Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit. Beides kann gleichzeitig nebeneinander existieren. Das kleine helle Fünkchen im großen dunklen Meer. Das hat auch Krankenhausseelsorger Wolfgang Jacobs ganz oft erlebt. Es erfordert aber: nicht an falschen Hoffnungen und Pseudo-Optimismus festzuhalten, sondern sich dem Unausweichlichen zu stellen. O-Ton 30 Jacobs: Das ist Wahrhaftigkeit. Und ich glaube, dass in dieser Wahrhaftigkeit auch ne Menge Kraft steckt. O-Ton 31 Eurich: Ich glaube, das ist der Punkt, um den es geht: Tue, was du kannst - und nicht nur aus einer geistigen Überzeugung, sondern aus einer Herzensenergie heraus! Und dann auch einfach hoffend im Leben stehen, dass uns etwas entgegenkommt, mit dem wir im Moment noch nicht rechnen und das wir auch noch nicht sehen können. Was immer das sei!

  5. Die Gründung des modernen Griechenlands - Die erträumte Nation

    13.02.2024 · 23 Min.

    Kurztext:Am Anfang stand eine "große Idee", der Traum einer modernen griechischen Nation von gleicher Bedeutung wie das antike Byzanz. Vom ersehnten Großgriechenland blieb das bekannte Land mit der Hauptstadt Athen. Autor: Martin Trauner (BR 2016) Credits Autor dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Sven Hussok Technik: Christiane Schmidbauer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Dr. Ioannis Zelepos, Byzantinist, LMU München Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK: C118397 006 (00‘07‘‘) ZITATOR: Provisorische Verfassung Griechenlands ... MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘) ERZÄHLERIN: Epidauros auf der Peloponnes. Heute bekannt durch das bestens erhaltene antike Theater, in das 14.000 Zuschauer passen. Vor gut 200 Jahren Schauplatz für ein anderes Spektakel. O-TON Ioannis Zelepos: Am 1. Januar 1822 - der Krieg war noch nicht ein Jahr - da ist schon eine Verfassung erlassen worden. MUSIK: C118397 006 (00‘07‘‘) ZITATOR: Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit ... MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘) ERZÄHLERIN: 67 griechische Revolutionäre sind nach Epidauros gekommen, um gemeinsam an einer Verfassung zu arbeiten. Mit im Gepäck haben sie eine Idee: ein freies, unabhängiges Griechenland. MUSIK: C118397 015 (00‘27‘‘) ZITATOR: ... Da die griechische Nation unter der schaudervollen osmanischen Herrschaft das höchst drückende und beispiellose Joch der Tyrannei nicht zu ertragen vermochte und es mit großer Aufopferung abgeschüttelt hat, so verkündigt sie heute durch ihre legitimen, in einer Nationalversammlung zusammengetretenen Repräsentanten vor dem Angesicht Gottes und der Menschheit ihre politische Existenz und Unabhängigkeit. MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘) O-TON Ioannis Zelepos: Das ist die erste Revolutionsverfassung - davor gab's so Lokalverfassungen -, aber die erste, die wirklich den Vertretungsanspruch der Nation, also für den gesamten Aufstand auch erhebt - MUSIK: C156186 001 (00‘32‘‘) ERZÄHLERIN: Sagt Ioannis Zelepos. Professor für Byzantinistik. Der Münchner Künstler Ludwig Schwanthaler verewigt Jahre später den heroischen Augenblick in einem Gemälde: Männer in griechischer Volkstracht mit Krummschwertern präsentieren feierlich ihren Verfassungsentwurf. Einziges Manko: Schwanthaler war nicht dabei. Aber die Szenerie passt halt so gut: Die Wiedergeburt Griechenlands in den antiken Überresten von Epidauros, vor dorischer Säulenkulisse ... MUSIK ENDE O-TON Ioannis Zelepos: Die Örtlichkeit eignet sich gut für eine – also parlamentsartige Versammlung. Das ist ein Punkt. Und der zweite Punkt ist, dass die Argolis, wo das liegt, eigentlich dann das das Zentrum der Aufständischen schon relativ früh war. Also das heißt: Da kontrollierten Sie halt das Gebiet, und das Verwaltungszentrum – es gab noch keine – in diesem ersten Jahr – keine Hauptstadt – es war dann da auch schon. ERZÄHLERIN: Noch war Griechenland im Jahr 1822 weit entfernt davon, ein eigener, unabhängiger Staat zu sein. Die Aufständischen hatten zwar große Teile der Peloponnes und Mittelgriechenland unter ihre Kontrolle gebracht. Aber: Die europäischen Großmächte verweigerten einem neuen Staat ihre Anerkennung, und auch die Osmanen gaben sich noch lange nicht geschlagen. MUSIK: C118397 015 (00‘07‘‘) ZITATOR: Alle Griechen sind gleich vor dem Gesetze, ohne irgend eine Ausnahme, oder Stufe, oder Klasse, oder Ansehen. MUSIK: C112782 016 (00‘33‘‘) ERZÄHLERIN: Die Aufständischen präsentieren in Epidauros einen fortschrittlichen Verfassungsentwurf, ganz im Sinne der Aufklärung und der französischen Revolution. Einerseits, weil sie dadurch auf schnelle Akzeptanz durch europäische Intellektuelle hoffen, andererseits ist man sich der antiken Tradition bewusst und wählt als künftige Staatsform die Demokratie. Zwar legen sie von Anfang an fest, dass die herrschende Religion im griechischem Staate die der morgenländischen orthodoxen Kirche Christi sei, aber: MUSIK: C118397 015 (00‘56‘‘) ZITATOR: Es duldet jedoch die Regierung von Griechenland jede andere Religion und die heiligen Gebräuche einer jeden derselben werden ungehindert ausgeübt. ERZÄHLERIN: Und man legt, nach Jahrhunderte langer Fremdherrschaft unter dem Halbmond auf rotem Tuch, die neuen Farben des Staates fest: ZITATOR: Die Farben der Nationalkokarde, der Flaggen des Meeres und der Fahnen des festen Landes werden so bestimmt: weiß und blau. ERZÄHLERIN: Das erste Dokument, in dem die griechischen Farben weiß und blau bestimmt werden. Und: Obwohl sich das Gerücht hartnäckig hält – es ist keine bayerische Erfindung ... O-TON Ioannis Zelepos: Und übrigens auch dadurch das erste offizielle Dokument dieser Art, wo sich die Aufständischen auch als Hellenen bezeichnen. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Hellenen. Oder Griechen. Das Volk an der Ägäis nannte sich seit Jahrhunderten nicht mehr so. Seit den Zeiten des byzantinischen Reiches bezeichneten sie sich als "Rhomäer", als "Römer". O-TON Ioannis Zelepos: Das bezog sich auch auf das christliche Bekenntnis vor allem, was ein wichtiges Identitätsmerkmal war, dass man also Christ war, orthodoxer Christ vor allen Dingen. Während in diesem alten Sprachgebrauch Hellene eigentlich ein Synonym war für einen Heiden, also Nichtchristen. Aber das änderte sich dann im 18. Jahrhundert und wurde zu einer Selbstbezeichnung. ERZÄHLERIN: In der Verfassung von Epidauros nennt man sich nun Hellene. Und freier Hellene ist man nur, wenn man an den orthodoxen Christus glaubt und in Griechenland geboren wurde. Nur: Wo liegt eigentlich dieses Land der Hellenen, wo liegt Griechenland? MUSIK: C112782 016 (00‘20‘‘) ZITATOR: Und an dem Ufer steh ich lange Tage Das Land der Griechen mit der Seele suchend. Und gegen meine Seufzer bringt die Welle Nur dumpfe Töne brausend mir herüber ... MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Johann Wolfgang von Goethe lässt seine Iphigenie auf der Insel Tauris sehnsuchtsvoll nach Griechenland blicken. Wo ihr gelobtes Land ist, weiß sie nicht. Das antike Tauris, so vermutete man früher, könne die Halbinsel Krim im schwarzen Meer gewesen sein. Und wie der Iphigenie in ihrem Exil ging es im 19. Jahrhundert vielen Griechen: Sie lebten als Kaufleute oder Gelehrte über halb Europa verteilt: als sogenannte Diaspora-Griechen ... O-TON Ioannis Zelepos: Im weiteren Raum des östlichen Mittelmeers, aber auch am Schwarzen Meer; im Nordosten Anatoliens, im Kaukasusraum, auf der Krim. Natürlich gab es auch ganz bedeutende Diaspora-Händlerkolonien in Mitteleuropa. Also das verteilt sich einigermaßen schon so dieses Siedlungsgebiet. ERZÄHLERIN: Aber auch im griechischen Kernland um die Ägäis lebten nicht nur christlich orthodoxe Griechen, sondern auch Katholiken, Juden und Muslime. Heute würde man sagen, das Land war multiethnisch und multikonfessionell. Und in diesem heterogenen Umfeld soll ein griechischer Staat entstehen? Ioannis Zelepos von der Universität München: O-TON Ioannis Zelepos: Also einen griechischen Staat in dem Sinne gab es ja eigentlich vor dem 19. Jahrhundert gar nicht. Und als der Unabhängigkeitskrieg begann, war der größte Teil dieses Gebietes eigentlich unter – gehörte zum Osmanischen Reich unter osmanischer Kontrolle. Ein ganz kleiner Teil gehörte zu Venedig noch. Das sind die Inseln ganz im Westen da im Ionischen Meer , fast am Eingang zur Adria. Aber eigentlich gehörte das zum Osmanischen Reich und zwar schon sehr viele Jahrhunderte auch: Denn die Osmanen hatten das Byzantinische Reich erobert im 15. Jahrhundert. ERZÄHLERIN: 1453 fiel Konstantinopel in die Hände der Osmanen. Das war das Ende von Byzanz, vom Oströmischen Reich. Doch es kam nicht zu einem massenhaften Exodus der griechischsprachigen Bevölkerung. Schnell arrangierte sich die Orthodoxe Kirche mit den neuen Machthabern und beließ ihren Sitz in Konstantinopel. Der Patriarch war nach islamischem Recht nun nicht nur geistliches Oberhaupt, sondern auch der weltliche Führer des Millet-i-Rum, der "römischen Religionsgemeinschaft". Nochmals zur Erinnerung: Die Griechen hießen ja damals Römer. MUSIK: C112782 004 (00‘52‘‘) ZITATOR (Geografia Neoteriki): Unter den Türken könnten die heutigen Griechen sehr glücklich leben, wegen vieler guter Dinge, die sie anderswo entbehren müssen. ERZÄHLERIN: 1791, also nach über 300 Jahren osmanischer Herrschaft, beschreibt ein griechischer Geograph die Zustände im Land: ZITATOR (Geografia Neoteriki): Die Griechen könnten sehr glücklich leben, wenn zwei Dinge fehlen würden: das eine ist beiden gemein, das andere aber ist nur den Herrschenden zu eigen: Wenn der religiöse Hass fehlen würde, den die Griechen gegen die Türken und die Türken gegen diese hegen. Das andere ist die despotische Regierung ... ERZÄHLERIN: Über Jahrhunderte hatte das Millet-i-Rum-System ganz gut funktioniert. Und viele Griechen hatten sich trotz fremder Besatzung mit dem Sultan arrangiert ... MUSIK ENDE O-TON Ioannis Zelepos: Das kann man eigentlich tatsächlich auch sagen. Es gab ja Eliten, die sich im Osmanischen Reich dann nicht nur finanziell sozusagen gut behaupten konnten, sondern auch in hohe Staatsämter gekommen waren. Auch die Amtskirche, also der hohe Klerus, der war bestens vernetzt eigentlich mit der Sultansherrschaft. Und eigentlich kann man tatsächlich sagen, dass auch in dem Gebiet, wo der Aufstand stattfand, in den Jahrzehnten vorher eigentlich ein Wirtschaftsaufschwung stattfand. Denen ging es sogar eher besser als hundert Jahre zuvor. Aber ... ERZÄHLERIN: Aber trotzdem wächst die Unzufriedenheit. Das untergehende Osmanische Reich lässt immer höhere Steuern eintreiben und auch die Glaubenskonflikte zwischen Muslimen und Christen nehmen zu. Die einfache Bevölkerung auf dem Land bekommt von dem Wirtschaftsaufschwung wenig mit. O-TON Ioannis Zelepos: Die Idee, dass man doch jetzt mit einem eigenen Staat weiter kommt, besser vorankommt, die griff dann um sich. ERZÄHLERIN: Sagt Ioannis Zelepos, Verfasser einer "Kleinen Geschichte Griechenlands". O-TON Ioannis Zelepos: Ganz starke Impulse für diese Bewegung kommen eigentlich aus dem Bereich dieser Diaspora-Gemeinden: namentlich aus Paris, aus Wien, aus Odessa. Da bildeten sich so die ersten Zentren. Da gibt es dann ein intellektuelles Milieu sozusagen von Griechen, die diese Idee aufgreifen, dass man sich organisiert, dass man einen Aufstand organisiert. MUSIK: priv. CD „Tin Ora Pou Axionomai“ aus „I Ellada Tou Riga“ (01‘22‘‘) ZITATOR (Ioannis Makrygiannis): Die Gegend, wo ich geboren bin, ist bei Lidoriki, ein Dorf in der Gegend von Lidoriki, genannt Avoriti, fünf Hütten. ERZÄHLERIN: Ioannis Makrygiannis, geboren 1797 in einem kleinen Ort in Mittelgriechenland, beginnt mit 32 Jahren, seine Erinnerungen aufzuschreiben. ZITATOR (Ioannis Makrygiannis): Ich kann ein wenig schreiben, obwohl ich niemals in die Schule gegangen bin, da ich nie die Gelegenheit dazu hatte. ERZÄHLERIN: Makrygiannis durchläuft den griechischen Unabhängigkeitskrieg von Anfang bis zum Ende in allerlei Posten. Als Guerillero, als General und als Politiker. Er kommt aus einfachsten Verhältnissen. ZITATOR (Ioannis Makrygiannis): Meine Eltern waren sehr arm; an ihrer Armut war die Raubgier der ortsansässigen Türken schuld ... ERZÄHLERIN: Schon als Jugendlicher gelangt er mit einem selbst aufgezogenen Getreidehandel zu Geld. Er kauft sich ein silberbeschlagenes Gewehr und andere Waffen. Und er kommt in Kontakt mit neuen, geheimnisvollen Kreisen … ZITATOR: (Ioannis Makrygiannis) Ich hatte einen Freund, einen Priester. Und ich war eng mit ihm befreundet, und er war besser zu mir als zu seinen eigenen Kindern. Er wollte mich in das Geheimnis der Hetaireia einweihen ERZÄHLERIN: Das Geheimnis der Hetaireia? O-TON Ioannis Zelepos: Die Gesellschaft der Freunde oder auf Griechisch: Filiki Hetaireia. MUSIK: C112782 016 (00‘58‘‘) ERZÄHLERIN: Die Gesellschaft der Freunde wurde weit weg von Griechenland 1814 im russischen Odessa gegründet. Von einigen Diaspora-Griechen. Ein Geheimbund in Anlehnung an die Freimaurerlogen. Einziges Ziel der Filiki Hetaireia: Befreiung des Vaterlands. Viele Mitglieder hatten die verschwörerischen Freunde wohl nicht, aber: O-TON Ioannis Zelepos: Sie konnten doch den Eindruck vermitteln an ihre Adressaten, dass da eine große Organisation ist. Und dann verbreiteten sie auch das Gerücht, dass dahinter eigentlich der Zar von Russland sogar steht. Das heißt, wer da angeworben wurde, der hatte dann das Gefühl, aha, wir haben hier so eine Organisation. Das mochte gar nicht stimmen n Wahrheit, aber das führte dazu, dass dann doch die Bereitschaft, so einen Aufstand zu machen, anstieg. + MUSIK: C112782 015 (00‘12‘‘) ZITATOR: (Ioannis Makrygiannis) Ich überlegte mir alles und hielt mir alles vor Augen: Tod, Gefahren und Kämpfe, die ich alle für die Freiheit meines Vaterlandes und meiner Religion erdulden werde. MUSIK: priv. CD „O Thourios Tou Riga“ aus „I Ellada Tou Riga“ (00‘51‘‘) ZITATOR (Rigas Thourios): Wie lange, meine Helden, sollen wir in Fesseln leben, allein wie Löwen auf Kämmen und Gipfeln ... ERZÄHLERIN: Das Revolutionslied "Thourios" von Rigas Velestinlis. Er war einer der Vordenker des griechischen Aufstandes. ZITATOR (Rigas Thourios): … Lieber eine Stunde in Freiheit leben als 40 Jahre in Sklaverei! ERZÄHLERIN: Den Beginn des Aufstandes auf der Peloponnes am 25. März 1821 erlebt Rigas Velestinlis nicht mehr. 1797 wurde er von den Osmanen wegen seiner revolutionären Schriften hingerichtet. ZITATOR (Rigas Thourios): Allein nur mein Leichnam wird sterben, mein Geist wird mich überleben, denn er hat schon alle Herzen der Griechen durchdrungen. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Ob der griechische Aufstand wirklich genau am 25. März 1821 begonnen hat, mag bezweifelt werden. Aber es ist der christliche Feiertag "Mariä Verkündigung" und so hat das Datum durchaus symbolischen Charakter. Es war ein Aufstand der Christen gegen ihre muslimischen Besatzer. O-TON Ioannis Zelepos: Man dachte eigentlich sogar an einen allgemeinen Aufstand gegen den Sultan, zumindest in dem von orthodoxen Christen bewohnten Teil des osmanischen Reiches, slso sogar im heutigen Bulgarien, Serbien, Rumänien. Man dachte, dass das also eine viel, viel größere Angelegenheit werden würde. Und so hat ja auch der erste Anbeginn dieses Aufstandes nicht in Griechenland stattgefunden, sondern im heutigen Rumänien. ERZÄHLERIN: Die Unruhen in Rumänien werden vom Sultan schnell niedergeschlagen. Aber in Griechenland entbrennt ein mehrjähriger Krieg, mit Massakern auf osmanischer und griechischer Seite. Zwar gelingt es den Griechen relativ schnell, die Osmanen zu vertreiben. Aber nun geraten die griechischen Aufständischen in einen Bürgerkrieg: Uneins, wie die Machtverteilung im neuen Staat aussehen soll, kämpfen alte Eliten gegen neue Machthaber, kämpfen Insulaner gegen Festland-Griechen. Und kein Frieden in Sicht. Weder im Inneren noch im Äußeren. O-TON Ioannis Zelepos: Dann kam zwei, drei Jahre später dieses Expeditionskorps aus Ägypten. Ägypten gehörte noch nominell zum Osmanischen Reich, war aber formal unabhängig, und die Ägypter die schickten da also wirklich eine modern ausgerüstete Armee. Das war die Absprache: Der Sultan versprach den Khediven in Ägypten: Wenn ihr uns helft, bekommt ihr die Insel Kreta und die Peloponnes. Und – also gegen die konnten die schon nicht mehr sehr viel ausrichten die Aufständischen. ERZÄHLERIN: Im Februar 1825 landet das ägyptische Heer auf der Peloponnes. Ein Jahr später stehen sie vor Athen und belagern die Akropolis. Die Griechische Revolution scheint am Ende. MUSIK: C112782 012 (00‘55‘‘) ZITATOR (Aufruf der Philhellenen): Noch steht die griechische Nation aufrecht! Noch kämpft sie tapfer und unermüdet für Dinge, die dem Menschen überhaupt das Heiligste und Teuerste sind, und ewig bleiben werden! ERZÄHLERIN: Münchner Philhellenen rufen zu Spenden für den griechischen Unabhängigkeitskrieg auf. Schon von Anfang an begleiten Philhellenen aus ganz Europa die Revolutionäre mit wohlwollenden Publikationen und Geldgaben. ZITATOR (Aufruf der Philhellenen): Trotz aller erlittenen Drangsale, trotz all dem glänzen die Unglücklichen dennoch durch Taten, die dem Heroismus des alten Hellas in nichts nachstehen! Hoffen wir getrost, dass die neuen Hellenen, mit der Hilfe Gottes, sich vom Joch der Türken befreien werden, wie ihre großen Vorfahren sich vom Druck der Perser befreit haben. ERZÄHLERIN: Eigentlich saßen die Philhellenen einem Missverständnis auf (MUSIK ENDE): Die europäischen Griechenfreunde hofften auf die Wiedergeburt des antiken Griechenlands mit einem glänzenden Athen als Hauptstadt, die Revolutionäre allerdings dachten wohl mehr an einen christlich-orthodoxen Staat mit dem Zentrum Konstantinopel: Doch davon ist man weit entfernt: Athen ist noch ein kleines Bauerndorf mit einer alten Akropolis. Und Konstantinopel heißt Istanbul. Aber den Philhellenen gelingt es, den griechischen Aufstand einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und sie zu mobilisieren. Viele junge Männer aus Deutschland und England melden sich als Freiwillige für den Krieg gegen die Türken. O-TON Ioannis Zelepos: Ja, und das führte letztlich dazu auch – oder hing damit zusammen, dass dann wirklich die europäischen Großmächte eingriffen. Und zwar nicht nur diplomatisch, sondern auch militärisch. Und das ist eigentlich dann der Schlüssel dafür gewesen, dass dieser eigentlich militärisch schon gescheiterte Aufstand dann letztlich politisch zum Erfolg wurde. Also konkret: England, Frankreich und Russland. ERZÄHLERIN: Eigentlich hegen Engländer, Franzosen und Russen völlig unterschiedliche Interessen in Griechenland. Jeder von ihnen will sich seinen Einfluss im künftigen Staate Griechenland sichern. Doch gegen die ägyptische Invasionsflotte schließen sie sich zusammen. Mit einem gemeinsamen Geschwader vernichten sie die Flotte von Ibrahim Pascha. Am 20. Oktober 1827 in Navarino. Es war die letzte Seeschlacht des Segelschiffzeitalters. David Urquhart, schottischer Reisender und natürlich Philhellene, wird Augenzeuge: MUSIK: C118397 003 (00‘44‘‘) ZITATOR (David Urquhart): Man hörte noch bis Sonnenuntergang ein unregelmäßiges Kanonenfeuer mit geringen Unterbrechungen. Der Wind hatte sich gelegt und ein Vorhang von Rauch verhüllte den Schauplatz, auf den alle Aufmerksamkeit gewendet war. Aber als die Sonne sank, als die Nacht ihren dunklen Mantel ausbreitete, da glänzte hell die Flamme von elf brennenden Schiffen durch das Leichentuch der Wolken und spiegelte sich in den Wellen. Das war ein denkwürdiger Tag für Griechenland, ja für Europa. ERZÄHLERIN: Griechenland ist von den Osmanen befreit, aber immer noch nicht einig und immer noch kein von den Großmächten anerkannter Staat (MUSIK ENDE). Während England, Frankreich und Russland in Hinterzimmern über das Schicksal Griechenlands verhandeln, wählt eine hellenische Nationalversammlung den ersten Regenten: Ioannis Kapodistrias. Ein erfahrener Diplomat und ehemaliger Staatssekretär in russischen Diensten. Der stand Anfangs der griechischen Unabhängigkeitsbewegung skeptisch gegenüber, doch nun beginnt er mit großem Elan, Griechenland zu modernisieren. O-TON Ioannis Zelepos: Ein bekanntes Beispiel ist der Kartoffelanbau: Die Kartoffel, die war völlig unbekannt in Griechenland, die wurde von Kapodistrias eingeführt. Das ist wichtig. Überhaupt hat er die Landwirtschaft gefördert, er hat sogar eine Landwirtschaftsschule gegründet, eine eigene Währung, Grundlagen eigentlich der staatlichen Verwaltung. ERZÄHLERIN: Doch Kapodistrias scheitert an seinen Landsleuten. Als Modernisierungsdiktator wird er empfunden, als Tyrann. Nach vier Jahren Regentschaft kommt es im äußersten Süden der Peloponnes, auf der Mani, zu einer Revolte gegen Kapodistrias. Er lässt den Aufstand niederschlagen und verhaftet den Anführer. Aus Rache wird Kapodistrias von dessen Familie ermordet. O-TON Ioannis Zelepos: Aber trotz allem kann man schon sagen, dass Kapodistrias in vieler Hinsicht wirklich Grundlagen gelegt hat. Vieles davon wurde dann ein paar Jahre später umgesetzt auch, als die Unabhängigkeit beschlossen wurde, von den Bayern. MUSIK: C112782 004 (01‘10‘‘) ZITATOR (Ioannis Makrogyannis): Heute wird das Vaterland neu geboren, es steht von den Toten auf, da es so lange verloren und ausgelöscht war. ERZÄHLERIN: Während Griechenland nach dem Tod von Kapodistrias wieder in Anarchie und Bürgerkrieg verfallen war, einigten sich Russland, Frankreich und England darauf, eine Erbmonarchie einzurichten. ZITATOR: (Ioannis Makrogyannis) Heute werden die Kämpfer wieder zum Leben erweckt, die Politiker, der Klerus, die Soldaten, weil unser König eingetroffen ist, den wir mit Gottes Hilfe bekommen haben. ERZÄHLERIN: Der König, der am 6. Februar 1833 in der griechischen Hauptstadt Nafplio eintrifft: Er ist ein Wittelsbacher. Es kommt der noch minderjährige Otto, Sohn vom bayerischen König Ludwig I. Ioannis Makrygiannis, Freiheitskämpfer der ersten Stunde, begrüßt ihn: ZITATOR (Ioannis Makrogyannis): Und ich sagte zum König: "Wir haben die Pflicht, Dich zu hören und dich mit unserem Leben zu beschützen und Deine Majestät soll Deine Gerechtigkeit über unser Unglück breiten. Es lebe der König und unsere Wohltäter, die Mächte." Dann ging ich. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Otto will - ganz im Sinne seines Vaters - aus dem neu entstandenen Griechenland ein Musterkönigreich bauen. Immer das antike Griechenland im Blick, aber natürlich mit einem Herrscher von Gottes Gnaden. Er bestimmt Athen als Hauptstadt, lässt sie von seinen Architekten neu errichten. Er lässt die von Kapodistrias initiierten Reformen durchführen, gründet eine Universität und führt sogar das bayerische Reinheitsgebot für Bier ein. - Und trotzdem: Auch er scheitert nach immerhin 30-jähriger Regentschaft am griechischen Freiheitswillen (MUSIK: priv. CD „Greek Folk Tune” aus „Greek Enlightenment“ [00‘40’‘]). - Philhellene blieb er. O-TON Ioannis Zelepos: Ich hab gelesen, dass der, als der nachher ins Exil geschickt wurde, dass er also nicht nur immer in griechischer Tracht auch alltäglich sich bewegt hat, sondern auch Griechisch gesprochen hat. Also der war ganz ohne Zweifel auch ein griechischer Patriot. ERZÄHLERIN: Das war also die Gründung des modernen Griechenlands. Zur Ruhe gekommen sind die Griechen in ihrem neuen Staat damit zwar noch lange nicht … ZITATOR: … aber das ist ein anderes Drama.

  6. Anfänge des Rundfunks in Deutschland - Die ersten Klänge des Radios

    13.02.2024 · 21 Min.

    1923 ging in Deutschland die erste Radiosendung über den Äther - ohne einen einzigen journalistischen Wortbeitrag, ohne Kommentar oder Reportage, aber schon mit einem "Werbeblock". (BR 2020) Autor: Michael Marek Credits Autor/in dieser Folge: Michael Marek Regie: Martin Trauner Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Chrostopher Mann Technik: Peter Preuss Redaktion: Nicole Ruchlak Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Radio Caroline - der vorbildliche Piratensender JETZT ANHÖREN Das frühe Radio - Zwischen Aufklärung und Propaganda JETZT ANHÖREN Linktipp: Das Jubiläum im BR 100 Jahre Radio in Deutschland Unter dem Motto "100 Jahre Radio - Hört. Nie. Auf." feiert der Bayerische Rundfunk mit allen anderen ARD-Sendern und dem Deutschlandradio den 100. Geburtstag des Radios in Deutschland! Nicht nur im Radio selbst, sondern auch auf allen anderen Ausspielwegen: in der ARD Audiothek, in der ARD Mediathek, auf ARD Kultur, im Ersten und in den Dritten Fernsehprogrammen: MEHR INFOS GIBT ES HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  7. Kleine Wesen, große Wanderer - Alles Natur

    13.02.2024 · 24 Min.

    Dass Fische, Vögel oder Säugetiere zum Teil erstaunliche Wanderungen vollziehen, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass auch Kleinstlebewesen wie Schleimpilze und einige Insekten wie Treiberameisen, Monarchfalter oder Schwebefliegen unglaubliche Distanzen auf ihren Wanderungen überwinden. Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo Franke (BR 2023) Credits Es sprachen: Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo Franke Technik: Mars13 / Peter Riegel Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Dr. Thassilo Franke, BIOTOPIA Lab, München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wale - Faszinierende Wanderer der Ozeane JETZT ANHÖREN Tierwanderungen - Das geheimnisvolle Naturschauspiel JETZT ANHÖREN Auf Wanderschaft - Wie Zugvögel ihren Weg finden JETZT ANHÖREN Aufwind für den Waldrapp - Wiederansiedlung eines Zugvogels JETZT ANHÖREN "Alles Natur" entsteht im Austausch mit dem BIOTOPIA Naturkundemuseum Bayern. Bei BIOTOPIA – Naturkundemuseum Bayern, dem neu entstehenden Museum und Zukunftsforum für Lebens- und Umweltwissenschaften in München, bringen wir topaktuelle Forschung und die Öffentlichkeit zusammen. EXTERNER LINK | https://www.biotopia.net/de/ Linktipp: ARD Audiothek | Anna und die wilden Tiere - der Podcast Reporterin Anna reist um die Welt und kommt Tieren ganz nah: Vom Ameisenbär über Kängurus bis zu Zebras. JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  8. Warum wandern Tiere? Alles Natur

    13.02.2024 · 23 Min.

    Tierwanderungen geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Wieso begeben sich jedes Jahr Millionen Gazellen, Störche, Kröten oder Wale auf Wanderschaft? Woher wissen sie, dass es Zeit ist, und wie finden sie ihren Weg? (BR 2020) Autorin: Claudia Heissenberg Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Heissenberg Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger Technik: Regina Staerke Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Manfred Niekisch (Dr.; Professor; Experte für Tierschutz und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos); Andrea Flack (Dr.; Biologin am Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Radolfzell); Michael Quetting (Projektleiter Animal Tracker App am MPI); Uschi Müller (Projektkoordinatorin ICARUS) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Auf Wanderschaft - Wie Zugvögel ihren Weg finden JETZT ANHÖREN Wale - Faszinierende Wanderer der Ozeane JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  9. Deutsche im türkischen Exil - Wissenschaftsmigration 1933-1945

    12.02.2024 · 23 Min.

    In der Zeit des Nationalsozialismus gingen viele Wissenschaftler ins Exil in die Türkei. Die türkische Regierung hatte Reformen angestoßen, das Land brauchte westliches Know-how. Ausgebürgerten Wissenschaftlern wurde in ihren Pass "heimatlos" gestempelt. 'Haymatloz' wurde später ein Synonym für Exilanten im Türkischen. Autorin: Claudia Steiner (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christian Baumann, Peter Veit Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Elisabeth Weber-Belling, Tochter des Bildhauers Rudolf Belling; Burcu Dogramaci, Professorin für Kunstgeschichte an der LMU München; Sabine Mangold-Will, apl.-Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal; Sabine Hillebrecht, Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1: „Sarilsam“ - C1438820106 – 23 Sek O-TON 1 (Belling, 25.05) Für mich – ich bin da geboren worden. Und ich bin da aufgewachsen. Für mich war es Heimat, und für meine Mutter war es auch Heimat, und für meinen Vater wurde es zur Heimat. SPRECHER 1 …sagt Elisabeth Weber-Belling. Sie wurde 1943 in Istanbul geboren und verbrachte ihre gesamte Kindheit und Jugend am Bosporus. MUSIK 2: „Dialoge“ von Heinrich Hartl – M0009164 000 – 51 Sek SPRECHER 1 Ihr Vater, der Berliner Bildhauer Rudolf Belling, verließ das nationalsozialistische Deutschland und emigrierte am 6. Januar 1937 in die Türkei – wie viele andere kritische und verfolgte Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle. Rudolf Belling, der für seine abstrakte Skulptur „Dreiklang“ bekannt ist, hatte viel für Gewerkschaften gearbeitet. Einige seiner Arbeiten wurden von den Nazis gepriesen, andere diffamiert. So wurde seine Bronze-Skulptur des Boxers Max Schmeling 1937 in der Großen Deutschen Kunstausstellung im Münchner Haus der Kunst gezeigt – einer von Adolf Hitler kuratierten Schau. Gleichzeitig aber fanden sich Bellings Arbeiten in der Ausstellung „Entartete Kunst“. Elisabeth Weber-Belling: O-TON 2 (Belling, 3.11) Die Aufträge fielen weg, freies Arbeiten war nicht mehr möglich, seine Arbeiten wurden diffamiert. (…) Also, wenn sie ihn gekannt hätten, mit seinem Temperament und (…) mit seinem kühlen Überlegen. Er zog den Hut und sagte: ‚Dann war es dann erst Mal‘. Erstmal vielleicht für zwei Jahre, denn er hatte ja erst mal einen Zweijahresvertrag. SPRECHER 1 Die meisten Experten blieben nur für einige Jahre in der Türkei, Belling aber lebte und arbeitete viele Jahre in Istanbul. Er war neugierig auf das Land und die Menschen, sagt seine Tochter. O-TON 3 (Belling, 0.35) Als das Angebot aus der Türkei kam (…) da hat er sofort zugesagt. Er bekam ja das Angebot, mit einer blutjungen Generation zusammenzuarbeiten. Die Chance hatte er bis dahin in der Heimat nicht gehabt. MUSIK 3: „Rast Peşrev“ - C1575380305 – 1:13 Min O-TON 4 (gesprochen von Dr. Ergün Özsoy) Dünyada her şey için, medeniyet için, hayat için, başarı için, en hakiki mürşit bilimdir, fendir." SPRECHER 2 "Für alles auf der Welt - für die Zivilisation, das Leben, den Erfolg - ist Wissen und Wissenschaft der wahre Leitfaden." SPRECHER 1 Ein Zitat des Gründers der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk. Die 1923 gegründete Türkei befand sich damals im Umbruch. Atatürk, erster Präsident der Türkei, brach mit der osmanischen Vergangenheit und wollte einen modernen Staat aufbauen. So wurden zum Beispiel 1926 das Schweizer Zivilgesetzbuch und das italienische Strafgesetzbuch übernommen. 1928 wurde der Islam als Staatsreligion aus der Verfassung gestrichen. Im selben Jahr wurde die arabische Schrift durch das lateinische Alphabet ersetzt. Atatürk wollte westliches Know-how ins Land holen, sagt Burcu Dogramaci. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. O-TON 5 (Dogramaci, 5.45) Hintergrund war, dass nach der Gründung der türkischen Republik 1923 sehr schnell klar war, dass es einen Cut zum Osmanischen Reich geben soll. Das heißt: Wissenschaft, Bildung, Kultur sollte ganz neu formiert, aufgebaut werden. Und dafür entledigten sich dann auch die Ministerien teils sehr rasch und rüde dem (…) wissenschaftlichen Personal, was bis dato beschäftigt war, zum Beispiel Architekten, die gelehrt hatten, die aber schon in der Zeit des Osmanischen Reiches lehrten. SPRECHER 1 Die Regierung suchte deshalb bereits seit Mitte der 1920er-Jahre Hilfe bei der Modernisierung des Landes. Einige Experten kamen schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 in die Türkei, andere erst, als es in Deutschland für sie unerträglich, schwierig oder gefährlich wurde, sagt die Historikerin Sabine Mangold-Will. Sie ist außerplanmäßige Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der der Bergischen Universität Wuppertal. O-TON 6 (Mangold, 8.40) Dann hat man angefangen zu sagen: Ja, also, um auf den modernsten Stand der Wissenschaft zu kommen, wollen wir, (…) Berater aus dem Ausland haben. Das war auch umstritten, weil (…) es gab so eine Erinnerung an (…) semi-koloniale Situationen aus dem Osmanischen Reich, also heißt: (…) Hat man zu viele ausländische Berater, gibt man sich ja auch in deren Hand. Und deswegen schafft man dann ein (…) System, das sagt: Wir (…) wollen die einladen. Wo die herkommen, ist uns völlig egal. Wir brauchen (…) die besten Leute, und wir machen ein Vertragssystem, das vorsieht: A: dass sie innerhalb kürzester Zeit Türkisch lernen müssen. Und B: dass sie nur begrenzt da sind. Das heißt, es werden ohnehin nur Fünf-Jahres-Verträge ausgeschrieben, oder man macht von vornherein klar, dass diese Berater nur vorübergehend kommen sollen. SPRECHER 1 So kamen zwischen 1933 und 1945 neben dem Bildhauer Belling unter anderem der Stadtplaner Gustav Oelsner, der Architekt Bruno Taut, der Mediziner Albert Eckstein, der Botaniker Leo Brauner und der Sozialdemokrat und spätere Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter in die Türkei. Insgesamt lebten zeitweise etwa 1.000 Deutsche in der Türkei – Professoren aus verschiedenen Fachbereichen, wissenschaftliche Mitarbeiter, Experten und Künstler mit ihren Familien. Nicht alle waren Juden. Manche waren Sozialdemokraten, andere Kommunisten, oder sie hatten sich wie Belling für Gewerkschaften engagiert. Sabine Mangold-Will: O-TON 7 (Mangold, 10.54) Die stehen auf der Straße und sind einfach zufällig da, weil sie eben entlassen worden sind. Und das heißt, bei denen besteht auch eine große Bereitschaft zu gehen. Denn die Türkei fragt vorher zum Beispiel auch … in Frankreich an. Und da lehnen viele Wissenschaftler es einfach ab zu kommen, weil das nicht attraktiv ist. Also um das einfach mal zugespitzt und krass zu sagen. (…) Wer wollte 1933 schon in die Türkei? Ankara war ein Nest, das noch gar nicht gebaut war. Und Istanbul, ja, kann man machen. Muss man aber halt eine besondere Affinität irgendwie auch dafür haben. Warum sollte man dort hingehen? (…) Also da brauchte es einfach mehr, um zu sagen, das nehme ich jetzt auf mich, das mach ich. Ich ziehe auch mit Kind und Kegel um (...) das sind einfach Dinge, wo man sieht, dass das gar nicht so einfach war, Leute aus Europa zu bekommen. Und deswegen war es der Türkei, um das klar zu sagen, völlig egal, was für eine politische oder konfessionelle Ausrichtung die Menschen hatten. Und außerdem war es so, dass diese jüdischen Wissenschaftler von den Türken zunächst einmal nicht als Juden wahrgenommen worden sind, sondern als deutsche Wissenschaftler. Und das ist der entscheidende Punkt. MUSIK 4: „Anne ermittelt“ - Z8022370117 – 1:25 Min SPRECHER 1 Grundlage für die Arbeit in der Türkei war der 1927 geschlossene deutsch-türkische Niederlassungsvertrag. Allerdings waren eben nur etablierte Experten und Wissenschaftler erwünscht. Deutsche aus anderen Berufsgruppen bekamen in der Regel keine Arbeits- und damit auch keine Aufenthaltserlaubnis. Bereits seit 1932 galten in dem Land Berufsbeschränkungen zum Beispiel für Handwerker. Forscher und Wissenschaftler dagegen waren gefragt. Oft lief die Anwerbung über Empfehlungen zum Beispiel über den Pathologen Philipp Schwartz. Schwartz wurde als jüdischer Professor aufgrund des am 7. April 1933 erlassenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen und ging zunächst nach Zürich. Dort gründete er die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland und nahm Kontakt mit der Türkei auf. Er vermittelte zahlreiche Wissenschaftler und arbeitete selbst viele Jahre als Pathologe an der Universität Istanbul. Auch der Schweizer Pädagoge Albert Malche beriet die türkische Regierung – er schlug vor allem jüdische und politisch verfolgte deutsche Gelehrte zur Berufung an den Universitäten vor. Aber es gab auch zahlreiche andere Kontakte und Empfehlungen, sagt die Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci. O-TON 8 (Dogramaci, 3.33) Das Unterrichtsministerium in Ankara war auf der Suche nach Experten aus dem Ausland, die eben auch teils Professuren übernehmen sollten. Und es gab einen Ministerialbeamten im Unterrichtsministerium, der hieß Cevat Dursunoğlu, der selbst in Berlin studiert hatte, also auch Deutsch sprechen konnte, sich sehr gut auskannte und tatsächlich sowohl Personen empfohlen hat als auch die Verhandlungen übernommen hat. Und dann war es eben so, dass auch schon Personen, die in der Türkei tätig waren oder gute Kontakte hatten, empfohlen haben. MUSIK 5: „Eviç Taksim“ - M0039046108 – 39 Sek SPRECHER 1 Gejagt von den Nationalsozialisten, gefragt in der Türkei: Für viele Deutsche bedeutete ein Vertrag in der Türkei zunächst einmal Sicherheit für sich und ihre Familien. Oft empfandendie Exil-Familien deshalb auch lange nach ihrem Aufenthalt eine tiefe Verbundenheit mit der Türkei und eine große Dankbarkeit, sagt Sabine Hillebrecht. Sie arbeitet am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und hatte im Jahr 2000 an einer Ausstellung des Vereins Aktives Museum in Berlin mit dem Namen „Haymatloz“ mitgewirkt: O-TON 9 (Hillebrecht, 7.05) Wenn man jetzt mal guckt, was in Deutschland passierte, war das ja eine unglaublich privilegierte Situation. Der Status einer türkischen Universität war natürlich im wissenschaftlichen Bereich nicht so groß wie zuvor der Status an einer deutschen Universität wissenschaftlich tätig zu sein. Aber ganz abgesehen davon: Sie hatten feste Arbeitsverträge. Sie hatten Umzugskosten, die ihnen erstattet wurden. Sie wurden sehr, sehr gastfreundlich aufgenommen. Sie (…) konnten zum Teil auch Bedingungen stellen, was Übersetzung anging, was Mitarbeiterstab anging. Also, da gab es eigentlich gar keine Frage. Das war ein unglaubliches Glück, dort tätig zu werden. MUSIK 6: „Rast Peşrev“ - C1575380305 – 53 Sek SPRECHER 1 Der Architekt und Stadtplaner Martin Wagner schrieb zum Beispiel in einem Brief, er empfinde die Zeit in der Türkei wie in einem „Wartesaal erster Klasse“. Viele Wissenschaftler brachten Mitarbeiter, Hausangestellte sowie ihre Frauen und Kinder mit in die Türkei. Je nach Familie, nach Hintergrund, nach Wohnort war das Leben der Exil-Kinder sehr unterschiedlich. Elisabeth Weber-Belling wuchs zum Beispiel mit fünf Sprachen auf: Deutsch und Französisch, ihr Vater hatte eine belgische Mutter, Italienisch, ihre Mutter war eine in Istanbul geborene Italienerin, Griechisch, die Sprache des Hauspersonals der Familie Belling, und Türkisch, das sie im Alltag und beim Spielen auf der Straße lernte. Istanbul war damals zwar schon eine große Stadt, dennoch hatte sie als Kind viele Freiheiten. O-TON 10 (Belling, 26.54) Also von (…) der Möglichkeit her, mich zu bewegen, vieles zu erleben als Kind, sei es die Insel, sei es das Schwarze Meer, sei es den Bosporus, sei es Ferien in dem alten Polonezköy, das damals noch wirklich ein verwunschenes Dorf war. (…) Großzügig vom Elternhaus her, (…) frei, sehr selbständig. Also, ich denke schon so an meine ersten Schritte am Taksim Platz, in dem Taksim-Park. Mit drei, mit vier Jahren konnte man alleine mit Freunden dort spielen. Und wenn es fünf Uhr wurde oder halb sechs, dann rief unsere Aphrodite oben vom vierten Stock: ‚Kommt ihr jetzt nach Hause‘ - und dann gingen wir – ja, ist ja heute nicht mehr vorzustellen, Istanbul war ja auch weniger bevölkert damals. SPRECHER 1 Viele Kinder gingen auf die deutsche oder österreichische Schule, andere besuchten türkische Schulen oder hatten Privatlehrer und -Lehrerinnen. In Ankara gab es zum Beispiel auch eine Botschaftsschule. Sabine Hillebrecht. O-TON 11 (Hillebrecht, 20.22) Das war ja die deutsche Schule, wo eben die Botschaftsangehörigen der Reichsdeutschen ihre Kinder hinschickten. Das wollte man ja jetzt auch nicht so gerne, sich dem da anschließen. (…) Und es hat sich dann relativ schnell so herausgestellt, dass man eine Privatlehrerin gefunden hat, die eine Zeit lang in Deutschland auch studiert hatte, in Augsburg - alle möglichen Dinge: Mathematik, Physik und so ein unglaubliches Wissen hatte. Die Frau Kudrit. Und die wurde engagiert und dorthin wurden die Kinder geschickt. Und das eben über die ganze Zeit bis 1945. Also es gibt Kinder, die eigentlich ihr ganzes Schulleben dort verbracht haben. MUSIK 7: „Anne ermittelt“ – Z8022370117 - 1 Min. SPRECHER 1 Zwischen 1933 und 1945 lebten in der Türkei aber nicht nur entlassene und verfolgte Wissenschaftler, sondern auch Diplomaten und Nationalsozialisten. In türkischen Städten bildeten sich unterschiedliche Gruppen heraus. Reichsdeutsche und Nationalsozialisten wurden die Kolonie A genannt, kritische, verfolgte oder unliebsame Wissenschaftler und Künstler nannten sich Kolonie B. Es kam vor, dass jüdische Emigranten mit nationalsozialistischen Wissenschaftlern zusammenarbeiten mussten. 1939 wollte das Reichserziehungsministerium einen Überblick darüber bekommen, wie viele Juden und Nicht-Nationalsozialisten an türkischen Universitäten lehrten, zur Erfassung wurde ein Vertreter entsandt. Zwischen den beiden Gruppen gab es Kontakte, aber auch Berührungsängste, sagt Sabine Hillebrecht: O-TON 12 (Hillebrecht, 5.36) Aus gutem Grund. Also die Verfolgten wollten auch nicht ausgespitzelt werden. Es gab ja schließlich auch eine Auslandsorganisation der NSDAP, die auch als langer Arm des Deutschen Reiches dort hineinregierte in die Situation und man womöglich aufgefordert wurde, seinen deutschen Pass an der deutschen Botschaft abzugeben oder dort einbestellt wurde. Also das war ja nicht ungefährlich. SPRECHER 1 Verfolgte Wissenschaftler, die ausgebürgert wurden, bekamen von den türkischen Behörden in ihren Pass den Begriff "heimatloz" gestempelt. Der Begriff 'haymatloz' – geschrieben mit y und z - ging in die türkische Sprache ein. Im türkischen Wörterbuch wird der Begriff mit „heimatlos“, „unstet umherziehend“ und „staatenlos“ übersetzt. Die Historikerin Sabine Mangold-Will. O-TON 13 (Mangold, 29.13) Und das wird dann richtig dramatisch, weil der türkische Staat formal eigentlich einen Staatenlosen nicht in seinem Staat akzeptiert. (…) Da gibt es dann auch wirklich Situationen, wo die Leute entscheiden müssen: Trete ich jetzt zum Islam über? Lass‘ ich mich naturalisieren? Wandere ich weiter? Oder: Wird mein Vertrag trotz alledem, weil ich eben ein hohes Renommee habe, also weiterhin anerkannt und verlängert. Und ich kann bleiben, trotz dieses Eintrages im Pass. MUSIK 8: „Taksim & Mahur Pesrev“ – NC078310117 - 32 Sek SPRECHER 1 Das Exil in der Türkei veränderte nicht nur das Wissen, die Methoden, die Verwaltungs- und Universitätslandschaft in der Türkei, sondern prägte umgekehrt auch die deutschen Wissenschaftler. So baute der Architekt Bruno Taut, der in Istanbul an der Akademie der Schönen Künste lehrte, 1938 in den Hügeln des europäischen Bosporus-Viertels Ortaköy ein ganz besonderes Haus. Burcu Dogramci: O-TON 14 (Dogramaci, 16.29) Und da ist sehr schön zu sehen, dass diese Erfahrung Istanbul sich wirklich eingeschrieben hat in seinen Entwurf. Also, wir sehen da eine Synthese aus seiner Zeit in Japan, Berliner Referenzen, aber auch ist sehr gut ablesbar das Studium osmanischer Wohnhäuser. Er hat sich sehr viel Architektur angesehen und hat dann einen tatsächlich eher so fantastisch-utopischen Bau geschaffen, der jetzt keiner einzelnen, nationalen Stil-Richtung zuzuordnen ist, aber wo eben dieses exiliert sein Ausdruck findet, ja, in einem eher Miteinander von verschiedenen Erinnerungsmomenten. Und da würde ich sagen: Gäbe es das Türkei-Erlebnis nicht. wäre wahrscheinlich dieser Bau, auch gerade mit Blick auf den Bosporus, auf die asiatische Seite, nie so entstanden. SPRECHER 1 Auch wenn viele Experten große Freiheiten in Bezug auf ihre Arbeit hatten, gab es doch auch klare Erwartungen an sie. Sie sollten schnell Türkisch lernen, Lehrbücher schreiben und türkische Wissenschaftler und Künstler ausbilden. Das veränderte nach Meinung der Kunsthistorikerin Burcu Dogramaci auch ihre eigene Arbeit. O-TON 15 (Dogramaci, 11.32) Zum Beispiel Rudolf Belling - der ja vor allem bekannt ist für seine abstrakten Arbeiten der späten 10er, frühen 20er Jahre, für seinen ‚Dreiklang‘ zum Beispiel, eine Skulptur - hat in der Türkei vor allem Staatsbildhauer ausgebildet, das heißt figurativ arbeitend und selbst auch teilweise sogar arbeitet. Aber es gab später dann auch wieder freie Arbeiten. Aber da ist ein ziemlicher Wandel zu beobachten in der eigenen Kunstauffassung. Und das hängt sicherlich auch mit der Erwartung zusammen, die an ihn herangetragen wurde. SPRECHER 1 Staatspräsident Ismet Inönü, der nach dem Tod von Atatürk das Land führte, ließ sich von Belling ein repräsentatives Standbild anfertigen. Belling lebte und lehrte lange in Istanbul und kehrte erst 1966, im Alter von 80 Jahren nach Deutschland zurück. Ein Grund war sicher, dass Istanbul die Heimat seiner zweiten Frau war. Ein anderer, dass er in Istanbul von Anfang an gut vernetzt, anerkannt und beliebt war. Elisabeth Weber-Belling sagt, ihr Vater habe das Leben in der Türkei einfach geliebt O-TON 16 (Belling, 52.29) Er fühlte sich von seiner Tätigkeit her, von seiner Arbeit, sei es an der Akademie oder auch an der Technischen Universität, von der türkischen Gesellschaft viel mehr aufgenommen als von der deutschen Kolonie. Da kamen kaum Fragen, Interessen (…) Die Türken ja, die haben ihn bei der Arbeit beobachtet. Die interessierten sich für sein Leben und für seine Arbeit und für seine Entwicklung und für (…) dieses Kardinalthema raumhaltige Kunst. Ja, das war für die ein Denkanstoß par excellence, für die Deutschen kaum. Das ist, finde ich, auch sehr interessant, (…) dass die türkische Gesellschaft da viel engagierter war. MUSIK 9: „Nocturne“ von Marco Dreckkötter – M0077716Z00 - 44 Sek SPRECHER 1 1944 brauch die Türkei die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab und forderte deutsche Staatsangehörige zum Verlassen des Landes auf. Wer nicht abreisen konnte oder wollte, wurde - mit wenigen Ausnahmen – in Zentralanatolien interniert. Die Deutsche Schule in Istanbul wurde geschlossen. Erst im Februar 1945 trat die Türkei auf Seiten der Alliierten in den Krieg ein. Viele Deutsche lebten bis Ende 1945 in den Internierungslagern Kirșehir, Yozgat und Çorum. Die Familie Belling konnte in Istanbul bleiben: O-TON 17 (Belling, 21.02) Es kam ein Telegramm aus Ankara vom Kultusministerium an den Statthalter von Istanbul, Lütfi Kırdar hieß der. Und meine Mutter wurde zu ihm gerufen und als sie kam, schwenkt er ihr also ein Telegramm entgegen. Er sagte: „Ihr müsst euch keine Sorgen machen“. Ihr könnt frei in der Türkei, also in Istanbul natürlich vor allem, euch bewegen. Meinen Eltern wurden die Pässe nicht entzogen, es drohte keine Rückschickung und mein Vater konnte also bei vollem Gehalt weiterarbeiten. Das war natürlich ja, die Ausnahme. Ich habe (…) einen Brief von meiner Mutter an mich entdeckt, wo sie schreibt. Dieses Glück hatten nur eine Handvoll Familien. (…) Ja, und so blieben wir also frei, und mein Vater konnte (…) seine letzte Arbeit für den Ismet Inönü zu Ende führen. (…) Der Ismat Pasa muss ihn sehr gemocht haben. (…) Vielleicht hat er auch so ein kleines bisschen die Flügel über ihn gehalten. MUSIK 10: „Traurigkeit“ von W.A. Mozart - C5123770106 - 1:10 Min SPRECHER 1 Für viele war die Türkei nur eine Zwischenstation – nach dem Krieg wanderten die meisten Wissenschaftler weiter in die USA oder nach England, einige kehrten nach Deutschland zurück. Das Wirken der deutschen Wissenschaftler in der Türkei aber wirkte lange nach, sie bildeten Generationen von Medizinern, Stadtplanern und Bildhauern aus. Und auch wenn nur wenige Forscher nach 1945 in der Türkei blieben, die Verbundenheit mit dem Land war groß. 1986 wurde in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am Eingang der Universität von Istanbul eine Gedenktafel für die deutschen Emigranten enthüllt. Darauf steht: SPRECHER 2 „In Dankbarkeit dem türkischen Volk, das von 1933 bis 1945 unter der Führung von Staatspräsident Atatürk und seinen akademischen Institutionen deutschen Hochschullehrern Zuflucht gewährte.“

  10. Abaelard und Heloise - Weisheit, Liebe, Absturz

    12.02.2024 · 24 Min.

    Die schönste und traurigste Liebesgeschichte der Welt - zwischen einem charismatischen Gelehrten und einer klugen, hübschen jungen Frau. Ihre Briefe sind Weltliteratur, ihre tragische Liebe rührt bis heute. Autorin: Katalin Fischer (BR 2018) Credits Autorin dieser Folge: Katalin Fischer Regie: Petra Hermann-Boeck Es sprachen: Katja Amberger, Martin Umbach, Hemma Michel, Christoph Jablonka Technik: Birgit Vetter Redaktion: Petra Hermann-Boeck, Andrea Bräu Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Am Anfang war der Kuss. Aber was für einer! Er gab den Auftakt zu einer legendären großen Liebe. Nun ist es leider die Art von großen Lieben, dass sie unglücklich enden. Zumindest werden sie nur dann berühmt - Unglück ist nun mal poetischer als Glück. SPRECHER: Die Protagonisten: außergewöhnlicher, kluger, schöner Mann, außergewöhnliche, kluge, schöne Frau, ein böser Onkel, drei grausame Mordgesellen. Und obwohl sie fast tausend Jahre alt ist, ist diese Geschichte heute noch so lebendig und anrührend, wie nur die Wahrheit sein kann. SPRECHERIN: Pierre Abaelard ist 38, der schönste Mann von Paris, charismatisch, erfolgreich, berühmt. Er ist Philosoph und Theologe, doch seine Haltung zu Ethik und Religion ist ganz anders, als vorgeschrieben - denn er appelliert an die Vernunft SPRECHER Der Glaubenssatz des Hl. Augustinus schrieb vor: „Credo ut intelligam“, „Ich glaube, um zu verstehen“. Abaelard kehrt den Spruch um: „Nihil credendum, nisi prius intellectum“, nichts sei zu glauben, was man nicht zuvor verstanden habe. Eine ungeheuerliche, eine ketzerische Anmaßung! Anstatt bedingungslosen Gehorsams fordert Abaelard zu eigenständigem Denken auf. SPRECHER: Abaelard wird zum Anführer der jungen Rebellen des Denkens – und zum Staatsfeind Nummer eins der Konservativen. Bereits nach kurzer Lehrzeit unterrichtet er selbst und hat an der Domschule von Paris bald den größten Zustrom an Studenten. SPRECHERIN: Was zur Folge hat, dass auch das Maß des Hasses gegen ihn wächst. Immer wieder kehrt im Leben des Pierre Abaelard dasselbe Muster wieder: er besiegt seine Lehrer und Widersacher durch Scharfsinn, wird dafür verteufelt, angeklagt, verurteilt. Und zieht die Studenten magisch an, begeistert sie - und das Spiel beginnt von neuem. 1. O-Ton: Peter Adamson „Was man mindestens über Abaelard wissen muss, ist, dass er wirklich einen Höhepunkt in der mittelalterlichen Philosophie repräsentiert. Er übernimmt Ideen aus der Antike, zum Beispiel von Aristoteles, aus der aristotelischen Logik, und setzt sie ein, damit er den christlichen Glauben dann verteidigen kann und erklären kann.“ SPRECHER: sagt Peter Adamson, Professor für spätantike Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. SPRECHERIN: Großer Wirbel um Abaelard. Ganz Paris ist entzückt. Bald ist er der berühmteste Magister des Abendlandes. Doch das allein hätte ihn vielleicht noch nicht für alle Zeiten ins kollektive Weltbewußtsein eingeschrieben, wäre da nicht die Geschichte mit Heloise gewesen. SPRECHER: Trotz seiner 38 Jahre ist der smarte Gelehrte noch jungfräulich. Prostituierte mag er nicht, für Damen der Gesellschaft hat er keine Zeit und mit bürgerlichen Frauen keine gemeinsame Sprache. Begierde, Leidenschaft, Liebe sind ihm unbekannte Größen, sie schlummern in den Tiefen seiner Seele. Bis sie eines Tages erweckt werden. Mit eben jenem ersten Kuss. SPRECHERIN: 1117. Täglich pilgert ein riesiger Strom von Studenten in Abaleards Vorlesungen. Heloise ist 16 oder 17, sie wohnt gleich nebenan und bekommt den ganzen Aufruhr mit. Sie ist eine Waise, erzogen im Kloster und seit kurzem bei ihrem Onkel Fulbert, dem Subdiakon von Notre Dame. Schon früh fiel sie wegen ihrer außergewöhnlichen Gelehrigkeit auf – Latein, Griechisch, Hebräisch, Philosophie und Theologie –, alles sog sie in sich auf. Sie ist hübsch und geistreich, wie Abaelard, und wie er, eine starke Persönlichkeit. Insgesamt also - sexy! Die beiden sind füreinander geschaffen. Onkel Fulbert, der das nicht ahnen kann, will den Gelehrten als Hauslehrer für Heloise engagieren - und Abaelard findet das ziemlich gut! ZITATOR: „Die Liebe zu Heloise durchglühte mich. So vereinbarte ich mit Fulbert, dass er mich in seinem Hause aufnehme. Fulbert kam ans Ziel seiner Wünsche: mein Geld für sich und meine Gelehrsamkeit für seine Nichte. Ich kann es wohl kurz machen: der Hausgemeinschaft folgte die Herzensgemeinschaft! Während der Unterrichtsstunden hatten wir vollauf Zeit für unsere Liebe, und der Küsse waren mehr als der Sprüche. Meine Hand hatte oft mehr an ihrem Busen zu suchen als im Buch, und statt in den wissenschaftlichen Textbüchern zu lesen, lasen wir sehnsuchtsvoll eins in des anderen Auge. Es war eine innige Liebe, süßer als der feinste Balsam!“ SPRECHERIN: Für Abaelard erschließt sich eine neue Welt. Er lernt noch größeren Genuss kennen, als die Philosophie! ZITATOR: „In unserer Gier genossen wir alle Stufen der Liebe, und was die Liebe sich Ausgefallenes denken konnte, trieben wir. Je weniger wir solche Freuden bisher genossen hatten, um so glühender gaben wir uns ihnen hin – und kein Überdruss kam uns an.“ SPRECHERIN: Heloise liebt ihn mit der ganzen Innigkeit ihres Herzens. Sie schreibt ihm im Laufe ihres Lebens mehrere wundervolle Briefe. Peter Adamson: 2. O-Ton: Adamson „Es gibt nicht so viele Denkerinnen im Mittelalter wie Heloise. Es gibt schon mehr weibliche Denkerinnen, als man vielleicht meint, aber selten ist es, dass wir eine Autorin haben, wo wir so einen starken Eindruck haben, wie ihre Persönlichkeit war, und da erfahren wir sogar viel über ihr Leben.“ SPRECHERIN: Viele Liebende idealisierten den Geliebten - schreibt sie in einem ihrer Briefe - und müssten eines Tages ihren Irrtum erkennen. ZITATORIN: „Was aber Anderen der Irrtum, verschaffte mir die offenkundige Wahrheit. Was die anderen von ihrem Mann nur meinen, das wußte ich, das wußte die Welt. Die Wahrheit meiner Liebe zu dir gründete in ihrer Irrtumslosigkeit. Welcher König oder Philosoph hätte sich mit dir vergleichen können? Welche Stadt, welches Dorf wollte dich nicht haben? Alle Frauen, verheiratet oder nicht, wollten dich sehen, wenn du öffentlich auftratst, und sie reckten den Hals, wenn du abtratest. Alle verzehrten sich nach dir in leidenschaftlicher Gier, wenn du fern warst, und ihr Blut ging schneller, warst du zugegen. Welche Königin oder Fürstin neidete mir nicht meine Wonne und mein Bett?“ SPRECHERIN: Und die Straßen hallen wider von Liedern mit Heloises Namen - Liebende im Liebesrausch. SPRECHER: Onkel Fulbert glaubt lange Zeit nicht an das Gerede über eine Affäre der beiden. Da stellt Heloise eines Tages – voller Freude, wie sie schreibt – fest, dass sie schwanger ist. Abaelard bringt sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu seiner Schwester in die Bretagne, denn Onkel Fulbert tobt, wie erwartet. Beruhigt sich aber, als Abaelard ihm verspricht, Heloise zu heiraten. Nur möge der Onkel die Sache bitte diskret behandeln, seiner Karriere zuliebe. Abaelard ist kein Priester und nicht dem Zölibat verpflichtet, dennoch gilt der Ehestand für eine theologische Laufbahn als hinderlich. Onkel Fulbert verspricht alles. SPRECHERIN: Doch da kommt Widerstand von unerwarteter Seite: Heloise will nicht! Sie sorgt sich um Abaelards Karriere, will auch eigentlich lieber Geliebte bleiben. In gelehrten Worten erläutert sie die Vorzüge der Ehelosigkeit: Ein Philosoph sollte seine Kraft und Zeit nicht an eine Ehe verschwenden. Was sei schon die Ehe? fragt sie mit rhetorischer Bravour. Nichts, lediglich der „Stand des gesellschaftlich anerkannten Geschlechtsverkehrs!“ Zugleich verteidigt sie auch die Rechte der Frauen auf Eigenständigkeit – die sollte nicht von Vätern oder Männern abhängen. Und das zu Beginn des 12. Jahrhunderts! Bravo Heloise! SPRECHER: Ihr Sohn kommt zur Welt, Astrolabius, der Sternengreifer. Er bleibt Abaelards Schwester anvertraut, schlägt später selbst eine geistliche Laufbahn ein, kommt aber im Leben der beiden Liebenden nicht mehr vor – im Mittlelalter nichts Außergewöhnliches. SPRECHERIN: Nach der Entbindung fährt Heloise nach Paris. Sie muss sich letztlich beugen - die Hochzeit findet im kleinsten Familienkreis statt. SPRECHER. Onkel Fulbert ist befriedigt, die Frischvermählten kehren jeder in seine eigene Behausung zurück. SPRECHERIN: Happy End? Still und leise? SPRECHER: Leider nein. Die Katastrophe kommt noch. Onkel Fulbert hält sich nicht an sein Versprechen und posaunt die Kunde von der Eheschließung aus. Heloise widerspricht ihm öffentlich, streitet die Hochzeit ab, worauf sie von ihrem Onkel gehörig vermöbelt wird. Abaelard will die Geliebte in Sicherheit wissen, er bringt sie in das Kloster, in dem sie aufgewachsen war. SPRECHERIN: Ein verhängnisvoller Fehler. Denn Fulbert glaubt nun, dass er sich Heloises entledigen will. Er ist erzürnt und plant eine Tat von unendlicher Grausamkeit: er heuert drei Mörder an, die Abaelard nachts in seinem Haus überfallen - und entmannen. Es ist so grauenvoll dass man gar nicht genau hindenken darf. Der Schwerverletzte überlebt mit Mühe. ZITATOR: Welche Scham ergriff mich! Welcher Kummer über Heloises Pein peinigte mich! Welche verzweifelte Wehmut erfüllte sie über meinen Kummer! Die Trennung unserer Körper verschmolz unsere Seelen, und die Liebe, der die Möglichkeit entzogen war, flammte grenzenlos auf.“ SPRECHERIN: Ganz Paris ist auf den Beinen, alle sind entsetzt. Die gesamte Weiblichkeit ist in Tränen aufgelöst, als hätte jede einzelne von ihnen ihren Mann verloren. Die Empörung unter den Studenten, aber auch in Kreisen der Geistlichkeit ist groß, die Öffentlichkeit steht zu Abaelard. Zwei der Verbrecher werden gestellt, sie werden geblendet und ebenfalls entmannt. Der Bischof enthebt Fulbert seines Amtes und lässt seinen Besitz beschlagnahmen. SPRECHER: Heloise stürzt in tödliche Verzweiflung. ZITATORIN: „Herzliebster, du weißt es, alle, alle wissen es, was ich in dir verloren. Ohne Zaudern brächte ich mein altes Gewand, mein altes Herz zum Opfer, um aller Welt zu zeigen, wie ich dein eigen sei, mit Leib und Seele. Mir war es immer der Inbegriff aller Süße, deine Geliebte zu heißen, ja - bitte zürne nicht! – deine Schlafbuhle, deine Dirne! Herr Gott, sei du mein Zeuge, wenn der Kaiser käme, der Beherrscher der ganzen Welt, mich zu ehelichen, wenn er mir dabei die ganze Erde verschriebe zum ewigen Besitz, ich möchte lieber deine Dirne heißen, als seine Kaiserin!“ 3. O-Ton: Adamson „Offensichtlich, dass sie sehr schlau war, das ist wahrscheinlich, was Abaelards Interesse an ihr geweckt hat. In dem Briefwechsel selbst scheint sie ihre eigenen philosophischen Ideen zu haben, zum Beispiel betont sie sehr, wie paradox es ist, dass man Schlechtes aus guter Absicht machen kann. In dem Fall hat sie alles aus Liebe zu Abaelard gemacht, und das ist alles so schlecht ausgegangen.“ SPRECHERIN: Jahrzehnte später, als Äbtissin, beklagt sie immer noch die verlorene Liebe und Leidenschaft: ZITATORIN: „Die Liebesfreuden, die wir zusammen genossen, sie brachten uns so viel Süße! Ich kann sie nicht verurteilen, ich kann sie kaum aus meinen Gedanken verdrängen. Ich kann gehen, wohin ich will, immer tanzen die lockenden Bilder vor meinen Augen. Nicht einmal im Schlaf komme ich von diesen Bildern los, sogar mitten im Hochamt drängen sich die wollüstigen Fantasiegebilde vor und fangen meine arme arme Seele so ganz und gar ein! Aus reinem Herzen sollte ich beten, stattdessen verspüre ich immer und immer die Verlockungen der Sinnlichkeit.“ SPRECHER: Der Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise gehört zu den schönsten Schätzen der Liebesliteratur. SPRECHERIN: Ihr ganzes Leben lang bedrängt die leidenschaftliche Heloise den Geliebten mit glühenden Worten. SPRECHER: Er kann dem nichts Entsprechendes entgegensetzen, seine Briefe versuchen, geistigen Trost, geistliche Anleitung zu spenden. Und dennoch – unverkennbar schimmert auch in ihnen der Glanz der Liebe durch - auch Abaelard liebt Heloise auf dem Grund seines gebrochenen Herzens, bis zu seinem Lebensende. SPRECHERIN: Beide gehen ins Kloster. Beide machen weiterhin Karriere. Heloise in stiller Geradlinigkeit, Abaleard auf einer Achterbahnfahrt aus Erfolgen und Abstürzen. Heloise wird Äbtissin und durch ihre Schriften berühmt, Abaelard bleibt, was er war, ein glühender Verfechter der kritischen Vernunft, mittels derer althergebrachte religiöse Vorstellungen angezweifelt werden dürften. Womit er - fünfhundert Jahre früher - bereits den Geist der Aufklärung vorwegnimmt. Und sich weiterhin unendlicher Liebe und unendlichem Hass aussetzt. SPRECHER: Eine seiner Schriften behandelt die göttliche Dreieinigkeit. Seine Gegner werfen ihm vor, drei Göttern zu huldigen. SPRECHERIN: Was ausgemachter Blödsinn ist. Abaelard definiert lediglich die Dreieinigkeit als drei Aspekte Gottes: Macht, Weisheit und Gnade plus Liebe. SPRECHER: Seine Fürsprecher und seine Feinde geraten sich darüber in die Haare, zuletzt siegt die Missgunst: 1121 wird Abaelard wegen Gotteslästerung vor ein Konzil in Soissons zitiert. Seine Fans fordern, er solle sich selbst verteidigen dürfen - die Gegner lehnen das ab. Wenn Abaelard redet - so ihr Argument -, sei er unwiderstehlich, seine Überzeugungskraft unschlagbar. Was also tun? Ganz einfach: das Konzil verurteilt ihn, ohne ihn anzuhören. Mit eigenen Händen muss er seine Schrift ins Feuer werfen, anschließend wird er in ein abgelegenes Kloster gesperrt. Bald jedoch tritt dort ein neuer Abt die Führung an und erlaubt Abaelard, sich eine eigene Klause zu errichten. Nur von einem Burschen begleitet zieht er in die Einöde und baut sich eine Laubhütte. SPRECHERIN: Und es passiert wieder: als Studenten hören, dass Abaelard wieder unterrichten darf, strömen sie in Scharen zu ihm. SPRECHER: Als Dank für seine Vorlesungen bebauen die Studenten Äcker, bauen ihm ein Gebetshaus, das er nach dem Heiligen Geist Paraklete benennt. Drei Jahre währt das stille Glück. SPRECHERIN: Abaleard schätzt alle Weisheit, so auch die der Philosophen der Antike oder des Judentums. ZITATOR: „Gott schenkt seine Liebe allen Völkern, auch Juden und Heiden!“ SPRECHERIN: sagt er und leitet damit als erster den Dialog der Religionen ein – auch ein früher Bezug zur Aufklärung. Andersgläubige sollten nicht durch Gewalt, sondern allenfalls durch Argumente bekehrt werden. Also wieder einmal: man soll doch bitte die Theologie mit Vernunft angehen. SPRECHERIN: Gott, wie ketzerisch! Die Kirchenväter drohen wieder mit Anklage, und Abaelard wird – vielleicht als Strafe, vielleicht auch zu seiner Rettung – von seinem Vorgesetzten in ein abgelegenes Kloster geschickt. Es ist schlimmer als ein Gefängnis. Die Mönche dort versuchen mindestens zweimal, Abaelard zu ermorden: einmal füllen sie seinen Becher mit vergiftetem Messwein, ein anderes Mal mischen sie Gift in sein Essen. Purer Zufall, dass ein Anderer aus seinem Teller ißt - und stirbt. Elf Jahre lang leidet Abaelard in dieser Hölle. SPRECHER: Nach zwei Jahren allerdings - ein kurzes Intermezzo des Glücks. Das Nonnenkloster in Argenteuil, dessen Priorin Heloise mittlerweile ist, wird aufgelöst, die Schwestern stehen heimatlos da. Als er das hört, macht sich Abaelard unverzüglich auf den Weg. Es sind über 500 Kilometer, die er zu Pferde zurücklegt - die Reise dauert gute vier Wochen -, um seiner ehemaligen Geliebten zu helfen. Er schenkt den Nonnen die Paraklete, seinen einzigen Besitz. Das Wiedersehen mit Heloise ist schmerzlich-schön. SPRECHERIN: In seinen Memoiren vermerkt er: ZITATOR: „Die Klatschmäuler sagten, dass ich immer noch in den Fesseln der Sinneslust liege, darum könnte ich das Fernsein von meiner einstigen Geliebten nur schwer verschmerzen - wenn überhaupt.“ SPRECHER: Und Heloise, in einem ihrer herzzerreißenden Briefe: ZITATORIN: „Dich verlieren heißt mein eigenes Leben verlieren. Ich wäre weiß Gott ohne Zaudern auf dein Geheiß in die Hölle dir vorausgeeilt oder doch nachgestürzt. Ich war doch nicht mehr Herr meines Selbst! In dir, nur noch in dir war es - und ist es! Ist es jetzt mehr als je! Ist mein Selbst nicht bei dir, so ist es nirgends, und ohne dich hat es keinen Sinn und kein Wesen.“ SPRECHERIN: Der nächste Absturz des Pierre Abaelard folgt schon bald. Sein Postulat, alle Dogmen der Religion müssten einer vernunftmäßigen Erklärung zugänglich sein, bringt ihm wieder eine Anklage ein. Sein Widersacher, der eifrige Wachhund des Klerus, Bernhard von Clairvaux, nimmt die Jagd auf den Rebellen auf. Religion und kritische Vernunft? Hah! Ketzerei! Gottlosigkeit! SPRECHER: Abaelard bittet diesmal selbst um ein Konzil, um sich zu verteidigen. Der Erzbischof von Sens ist dazu bereit und lädt auch Bernhard zur Disputation ein. Doch der lehnt ab, er wagt es nicht. Gegen Abaelard fühle er sich wie „ein reines Kind“, sagt er. Stattdessen stachelt er andere Kirchenfürsten an, Abaelard zu vernichten. SPRECHERIN: 1140 wird das Konzil von Sens einberufen. Eine Riesenshow! Der König rückt mit dem gesamten Hofstaat heran, alle Größen der Geistlichkeit kommen, Prunk, Aufruhr. Abaelard, mutig und kämpferisch wie eh und je, geißelt den Klerus: (die Unmoral der Priester, den Ablasshandel, die Lügen um falsche Wunder.) SPRECHER: Da er weiß, dass er keine Chance hat, verkündet er sogleich, dass er sich nur dem Richtspruch des Papstes unterwerfen werde - und verlässt die Stadt. Die verblüffte Geistlichkeit bleibt ratlos zurück. Doch da der scharfsinnige Angeklagte nicht mehr da ist, wagt es Bernhard nun, gegen ihn zu sprechen - und erreicht die Verurteilung. SPRECHERIN: Abaleard schafft es nicht mehr zum Papst. Gebrochen, krank und verarmt muss er in Cluny einkehren, um sich zu erholen. Und während er dort ist, bestätigt Papst Innozenz II. das Urteil von Sens. Abaleard wird verbannt und zu ewigem Schweigen verdammt. Endlich! Der Rebell, der Freidenker, der Revolutionär ist erledigt! SPRECHER: Als der Abt von Cluny, der freundliche Petrus Venerabilis, sieht, wie sich Abaleards Zustand verschlechtert, schickt er ihn zur Erholung nach Chalons. Dort schreibt er noch einige Hymnen von unsterblicher Schönheit für Heloise. Und stirbt, 63 jährig. Seine letzten Worte: „Ich weiß es nicht.“ SPRECHERIN: Heloise überlebte den Geliebten um 22 Jahre und bat darum, mit ihm in der Paraklete begraben zu werden. SPRECHER: Die Echtheit einiger ihrer Briefe zieht man in Zweifel. Dennoch - sie sind ein literarischer Schatz. Und erzählen so viel über sie, zum Beispiel, 5. O-Ton: Adamson „dass sie es bereut, dass sie nicht mehr zusammen mit Abaelard sein kann. Dass sie Nonne geworden ist, also das ist nicht wirklich, was sie wollte. Und dass eine Frau über die Jahrhunderte hinweg mit uns so reden kann über ihre Gefühle und über ihre eigene Einstellungen, das ist wirklich einmalig. Ich bin eigentlich schon überzeugt, dass der Briefwechsel authentisch ist.“ SPRECHERIN: Während der französischen Revolution wurde das Grab in der Paraklete aufgebrochen und geplündert, doch brachte man 1817 die - vermuteten - Überreste von Abaelad und Heloise nach Paris. Dort liegen sie nun, endlich wieder vereint, auf dem Friedhof Père Lachaise. Viele Jahre lang pilgerten Liebende aus aller Welt dorthin, um Blumen auf ihr Grab zu legen.

  11. Mikroplastik - Ein aussichtsloser Kampf?

    10.02.2024 · 22 Min.

    Mikroplastik ist winzig und überall: Durch Wind und Wasser verteilen sich die kleinen Teile schnell und können auch an entlegene Orte der Erde gelangen. Die Langzeitwirkungen sind bisher kaum erforscht. Autorin: Claudia Steiner (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Amberger, Florian Schwarz Technik: Fabian Zweck Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Christian Laforsch (Professor; Tierökologe von der Universität Bayreuth); Julia Schwaiger (Dr.; Leiterin des Referats Aquatische Ökotoxikologie und mikrobielle Ökologie am Bayerischen Landesamt für Umwelt im oberbayerischen Wielenbach); Katharina Istel (Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland, NABU) Linktipps: Mehr Wissenswertes zum Thema Mikroplastik finden Sie auf BR 24: BR 24 | WAS MIKROPLASTIK MIT UNSERER GESUNDHEIT MACHT Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  12. Photosynthese - Das wundersame Pflanzenkraftwerk

    08.02.2024 · 23 Min.

    Ohne Photosynthese gäbe es weder Pflanzen oder Algen noch Sauerstoff - entscheidende Grundlagen irdischen Lebens. Dieses faszinierende pflanzliche Solarkraftwerk ist so komplex, dass es technisch noch nicht komplett nachgebaut werden konnte. Autorin: Renate Ell (BR 2021) Credits Autor/in dieser Folge: Renate Ell Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Peter Weiß Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Hans-Henning Kunz (Professor, Dr.; Lehrstuhl für Biochemie und Physiologie der Pflanzen, Ludwig-Maximilians-Universität München); Thorsten Grams (Professor, Dr.; Lehrstuhl Ökophysiologie der Pflanzen, TU München); Thomas Hannappel (Professor, Dr.; Fachgebiet Grundlagen von Energiematerialien, TU Ilmenau) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Pflanzen-Nährstoffe - Vom Mangel bis zum Überfluss JETZT ANHÖREN Nachtaktive Pflanzen - Was uns im Dunkeln blüht JETZT ANHÖREN Denkende Pflanzen - Natur neu entdeckt JETZT ANHÖREN Die Taktgeber der Natur - Im Einklang mit Sonne und Mond JETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  13. Intuition - Gefühltes Wissen aus dem Unbewussten

    07.02.2024 · 23 Min.

    "Intuition ist Vernunft, die es eilig hat", sagt ein Sprichwort. Welche Prozesse ablaufen, wenn wir unserem Bauchgefühl vertrauen, versuchen Wissenschaftler zu enträtseln. Ein Schlüssel ist das Erfahrungswissen. Autorin: Dorit Kreissl (BR 2017) Credits Autorin dieser Folge: Dorit Kreissl Regie: Dorit Kreissl Es sprachen: Detlef Kügow, Anne Isabelle Zils, Heinz Peter Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Regina Obermayr-Breitfuß, Psychologin, Intuitionsforscherin, Coaching; Prof. Gerd Gigerenzer, Psychologe, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin Literaturtipps: Gerd Gigerenzer: "Bauchentscheidungen", C. Bertelsmann Verlag München in der Verlagsgruppe Random House GmbH, 2007. Daniel Kahnemann: "Schnelles Denken, langsames Denken", Siedler-Verlag München 2012 in der Verlagsgruppe Random House GmbH. Übersetzer: Thorsten Schmidt. Regina Obermayr-Breitfuß: "Intuition, Theorie und praktische Anwendung", Verlag: Books on Demand; Auflage: 1. Aufl. (Februar 2005). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Brand MUSIK Wach 89243140 Z00 ZITATORIN: Feuerwehrmänner dringen in ein Haus ein, in dem die Küche brennt. Kaum haben sie mit den Löscharbeiten begonnen, schreit der Zugführer "Raus hier", ohne zu wissen, warum. In dem Moment, als der letzte Feuerwehrmann den Raum verlassen hat, stürzt die Decke ein. Erst später wird dem Zugführer bewusst, dass das Feuer ungewöhnlich leise und seine Ohren ungewöhnlich heiß gewesen waren. Er hatte keine Ahnung, was nicht stimmte, aber er wusste, dass etwas nicht stimmte, und tat intuitiv das Richtige. O-Ton 1 Gigerenzer Intuition ist gefühltes Wissen, was folgende Eigenschaften hat: Man spürt sehr schnell was man tun sollte, kann es aber nicht erklären: und dennoch leiten intuitive Entscheidungen vieles in unserem beruflichen, aber auch privaten Leben. ERZÄHLER: Professor Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. O-Ton 2 Breitfuß Intuition definiere ich als ein geistiges Wissen, das auf ganz natürliche Weise im Menschen da ist und wo der Mensch, wenn er möchte, selbst einen Zugang dazu findet. Es ist kein psychisches Wissen, sondern ein geistiges Wissen. ..Jedes Baby bringt das mit auf die Erde, das ist auf ganz natürliche Weise vorhanden. Musik aus ERZÄHLER: Die österreichische Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß. Sie forscht seit rund 30 Jahren zum Thema Intuition: O-Ton 3 Breitfuß Intuition vermag einen erweiterten Erkenntnisprozess in einem Menschen. Diese vertieften Aha-Erlebnisse, wo ich größere Komplexitäten in einem wesentlichen Punkt erfassen kann; worum es wirklich geht, zu sagen, ich treffe damit den Nagel auf den Kopf oder ich erfasse den Kern in einem Augenblick. ERZÄHLER: Intuition ist lebensnotwendig, sie trifft den "Nagel auf den Kopf". Aber warum kann man intuitive Entscheidungen kaum erklären. Gerd Gigerenzer: O-Ton 4 Gigerenzer Viele Bereiche unseres Gehirns sind der Sprache nicht mächtig, dennoch findet sich dort sehr viel Information, die dort gespeichert ist. Wenn wir also nur dem Recht geben, was wir sprachlich begründen können, dann würden wir sehr viel verlieren. ERZÄHLER: Aber auch Sprache funktioniert intuitiv: ein vierjähriges Kind befolgt mühelos grammatikalische Regeln, obwohl es sie noch gar nicht kennt. Und im Baby-Alter spielt non-verbale Kommunikation eine große Rolle. O-Ton 5 Breitfuß Das Baby ist direkt mit der Intuition verbunden. Ich sag dann den Müttern immer: das Baby spürt bis ins Schlafzimmer, das spürt alles in der Familie, im gesamten Umfeld, kann das natürlich nicht in Worten ausdrücken und gibt entsprechende Signale. Die sind verschieden, und eine Mutter braucht eine gute Intuition um herauszufinden – das ist auch so ein Aha-Erlebnis, also das und das meint jetzt das Baby. Aber die Mutter kann davon ausgehen, dass sie, wenn sie das Baby anschaut, auch direkt verbunden ist mit dem intuitiven Wissen. MUSIK Intuition Z9338823 215 ERZÄHLER: Intuition kommt vom lateinischen Wort "intueri" - das heißt "ansehen", "erkennen", "betrachten", wobei es viele unterschiedliche Interpretationen dieses "Betrachtens" gibt. Es gibt keine einheitliche Definition von Intuition, Musik aus sondern viele verschiedene Theorien dazu. Um zwei davon soll es im Folgenden gehen: O-Ton 6 Gigerenzer Intuition ist Erfahrungswissen, das man aber nicht begründen kann, das heißt man erlernt gute Intuition in einem Bereich. ERZÄHLER: so definiert es Professor Gigerenzer. Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben - eines davon: "Bauchentscheidungen - Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition" wurde zum viel zitierten Standardwerk. In ihm analysiert der Forscher, wie Intuition funktioniert und macht das an folgendem Beispiel deutlich: O-Ton 7 Gigerenzer Ich habe in den USA mit Drogenfahndern gearbeitet, deren Aufgabe es ist, an einem großen internationalen Flughafen Drogenkuriere zu erkennen. …Wie kann man aus einer Menge von hunderttausenden Menschen den einen Drogenkurier entdecken? …Ich habe einmal einen gefragt, warum hast Du diese Frau hier herausgeholt und nicht irgendeinen anderen, und er sagte: Ich kann es selbst nicht erklären. Ich spür nur, das da was nicht stimmt. Wie hat dieser Drogenfahnder gelernt hinzusehen? Nun, er ist zehn Jahre mit einem erfahrenen Kollegen mitgelaufen. Der erfahrene Kollege hat ihm am Anfang gesagt: Schau mal, siehst Du den Mann da hinten. Und der junge Kollege hat 50 Männer gesehen und erst langsam hat er gelernt zu sehen. Es war aber nie in Sprache. Er konnte es nie erklären. ERZÄHLER: Der Drogenfahnder hat auf gespeichertes Wissen zurückgegriffen und seine Schlüsse aus sogenannten "Faustregeln" gezogen. Gigerenzer verwendet den Begriff synonym mit dem wissenschaftlichen Ausdruck "Heuristik". Eine Faustregel ist eine einfache Denkstrategie für effiziente Problemlösungen, die auf die wichtigsten Informationen zurückgreift, und so schnelles Handeln ermöglicht. O-Ton 8 Gigerenzer Sie können, wie die meisten Menschen, zwischen einem echten Lächeln und einem aufgesetzten Lächeln wahrscheinlich unterscheiden. .. Das kann man wissenschaftlich herausfinden, nämlich: bei einem aufgesetzten Lächeln, da bewegen sich die Muskeln im Mundbereich, beim echten Lächeln gehen die Augenbrauen nach oben. Und das verstehen Menschen; diese Regel aber, sie ist intuitiv... das ist sozusagen die Kunst, auf das Wesentliche zu achten und das schnell herauszufiltern und den ganzen Rest zu ignorieren. Vieles in unserem Leben sind Faustregeln, die können bewusst sein, aber auch unbewusst. Wenn sie unbewusst sind, dann spricht man von Intuition. ERZÄHLER: Die Faustregeln sind in der Umwelt und im evolvierten Gehirn verankert. Es stellt uns Fähigkeiten zur Verfügung, so der Psychologe, die sich im Lauf von Jahrtausenden entwickelt haben. Zu den evolvierten Fähigkeiten gehören Sprache, Wiedererkennung, Gedächtnis, Nachahmung, Emotionen oder etwa die simple Fähigkeit, ein Objekt mit den Augen zu verfolgen, wie beim Fangen eines Balls. Bei der Blickheuristik fixiert der Läufer den Ball und passt seine Laufgeschwindigkeit so an, dass der Blickwinkel konstant bleibt. Das alles läuft automatisch, intuitiv ab. Würde er stattdessen die Wurfgeschwindigkeit des Balls berechnen, würde er ihn wohl nie fangen. Auch die Problemlösung im nächsten Beispiel, erfolgt buchstäblich in der Luft. O-Ton 9 Gigerenzer Ich hatte einen Freund, der hatte zwei Freundinnen, eine zu viel. Dann hat er eine Checklist gemacht, eine Rechnung, hat alles aufgeschrieben, was dafür und dagegen spricht, und als er das Ergebnis sah, spürte er, das ist falsch und er hat sich für die andere entschieden. Das können Sie viel schneller und einfacher haben, als lange Pro- und Kontra-Listen zu schreiben. Wenn Sie in einer solchen Situation sind, dann nehmen sie eine Münze und werfen Sie sie in die Luft. Und während sie noch dreht, werden Sie wahrscheinlich spüren, was nicht aufkommen darf. MUSIK Wach 89243140Z00 ERZÄHLER: Im Hintergrund hören Sie Karlheinz Stockhausen mit dem Titel "Wach" aus "17 Texte intuitiver Musik für kommende Zeiten". Der Komponist prägte in den 60er-Jahren den Begriff "intuitive Musik". Eine Musik, die aus dem Augenblick heraus entsteht. MUSIK hoch ERZÄHLER: Wie wichtig sind Augenblicks-Entscheidungen in unserem Leben? Liegt man mit ihnen immer richtig? Musik aus ZITATOR KAHNEMAN: "Das Vertrauen, das wir in unsere intuitiven Überzeugungen und Präferenzen setzen, ist in der Regel gerechtfertigt. Aber nicht immer. Wir sind oft selbst dann von ihrer Richtigkeit überzeugt, wenn wir irren." ERZÄHLER: analysiert der israelisch-amerikanische Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman. In seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" beschreibt er, wie Bauchentscheidungen zu verzerrtem Denken, voreiligen Schlüssen, falschen Ergebnissen und Vorurteilen führen können. Faustregeln vereinfachen, so Kahneman, sie lassen relevante Fakten oft außen vor, wie bei diesem Aufgabe, das er Versuchsteilnehmern stellte: MUSIK Taschenrechner Z9369244 003 ZITATORIN: Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1 Euro 10. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Musik aus ERZÄHLER: Die schnelle intuitive Antwort: der Ball kostet zehn Cent. Das ist falsch. Die richtige Antwort erfordert ein längeres Nachdenken: Der Ball kostet 5 Cent. Und der Schläger einen Euro fünf Cent. Kahneman geht von zwei Systemen aus: Das bewusste System unseres Verstandes stellt komplizierte Berechnungen an, wägt ab, es ist mühsam und zeitaufwendig. Das unbewusste System arbeitet automatisch, es ist schnell und mühelos. Dieses mühelose, intuitive System spielt dem Gedächtnis manchmal einen Streich, es gaukelt ihm etwas vor, schreibt Kahneman … ZITATOR KAHNEMAN: …"David Stenbill, Monica Bigoutski, Shana Tirana. Ich habe diese Namen gerade erfunden. Wenn Sie irgendeinem davon in den nächsten Minuten begegnen, werden Sie sich wahrscheinlich daran erinnern, wo Sie die Namen zum ersten Mal gesehen haben." ERZÄHLER: Den Versuchsteilnehmern begegnen die erfundenen Namen einige Zeit später in einer Liste wieder, auf der Prominente und Unbekannte aufgeführt sind. Die Probanden erhalten die Aufgabe, die Prominenten auf der Liste herauszufiltern. ZITATOR KAHNEMAN: "Es besteht eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass Sie David Stenbill als einen Prominenten identifi zieren werden, auch wenn Sie nicht wissen werden, ob Ihnen dieser Name in Zusammenhang mit Kinofilmen, Sport oder Politik begegnet ist. Der Psychologe Larry Jacobs, der diese Gedächtnistäuschung als Erster im Labor nachgewiesen hat, gab ihr den Titel "Über Nacht berühmt werden." ERZÄHLER: David Stenbill wird über Nacht berühmt, weil uns sein Name vertraut ist. Hier führt die Faustregel: "Halte Dich an das, was Du kennst" in die Irre. Misstraue dem Vertrauten, es kann in die Manipulation führen, warnt Daniel Kahneman: ZITATOR KAHNEMAN: "Eine zuverlässige Methode, Menschen dazu zu bringen, falschen Aussagen zu glauben, ist häufiges Wiederholen, weil Vertrautheit sich nicht leicht von Wahrheit unterscheiden lässt. Auch autoritäre Institutionen und Marketing-Spezialisten wissen das seit jeher." ERZÄHLER: Intuition kann ebenso zu Vorurteilen führen, wir fallen auf Stereotype herein. Kahneman, der 2002 als bislang einziger Psychologe den Wirtschafts-Nobelpreis für seine "Neue Erwartungstheorie" erhielt, hat dafür dieses Beispiel parat: MUSIK Taschenrechner Z9369244 003 ZITATORIN: "Eine Person wurde von einem Nachbarn wie folgt beschrieben: 'Steve ist sehr scheu und verschlossen, immer hilfsbereit, aber kaum an anderen oder an der Wirklichkeit interessiert. Als sanftmütiger und ordentlicher Mensch hat er ein Bedürfnis nach Ordnung und Struktur und eine Passion für Details'. Ist Steve eher Bibliothekar oder Landwirt?". Musik aus ERZÄHLER: Steve ist das Stereotyp eines Bibliothekars, also tippen die meisten auf diesen Beruf. Kahneman kontert mit Statistik und verweist darauf, dass in den USA auf jeden männlichen Bibliothekar zwanzig Landwirte kommen, folglich dürfte es mehr sanftmütige und ordentliche Landwirte geben. Vertrauen wir unserem Bauchgefühl, kann es passieren, dass wir nach Sympathie und Antipathie urteilen. Zugeben würden wir das freilich nicht, im Gegenteil, sagt Kahneman, wir rationalisieren die intuitive Entscheidung im Nachhinein: ZITAT KAHNEMAN: "Sie mögen nicht wissen, dass Sie ein Projekt optimistisch einschätzen, weil etwas an dessen Leiterin Sie an ihre geliebte Schwester erinnert, oder dass Sie eine Person unsympathisch finden, die entfernt Ihrem Zahnarzt ähnlich sieht. Doch wenn man Sie nach einer Erklärung fragt, werden Sie Ihr Gedächtnis nach plausiblen Gründen durchforsten und mit Sicherheit einige finden. Außerdem werden Sie die Geschichte glauben, die Sie erfunden haben." MUSIK Sanzhi Pod city Z8005259 106 ERZÄHLER: Einen vollkommen anderen Erklärungs-Ansatz vertritt die Linzer Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß. Intuition orientiert sich ihrer Meinung nach nicht an Sympathie und Antipathie. Sie führt den Begriff "Instinkt" in die Debatte ein: O-Ton 10 Breitfuß Intuition und Instinkt ist so verschieden wie Apfelstrudel und Wiener Schnitzel. Der Instinkt orientiert sich nach dem Lust- und Unlustprinzip, nach Sympathie und nach Antipathie. Wenn man das vom Körperbild her sehen kann, ist es sozusagen die ganze Region Musik aus des unteren Menschen, die Bauchregion. Die Intuition orientiert sich überhaupt nicht nach Lust oder Unlust-Prinzip, ob mir ein Mensch sympathisch ist oder nicht, sondern die Intuition ist eine Erkenntnis, wo es um das tiefe innere Wissen geht und nicht nur um Sympathie und Antipathie. Sie ist auch frei von jeder soziokulturellen Prägung. ERZÄHLER: Die Autorin des Buches "Intuition: Theorie und praktische Anwendung", forscht seit Jahrzehnten auch interkulturell über Intuition, unter anderem in Österreich, Kalifornien, Hawaii, England und West Samoa: O-Ton 11 Breitfuß Es gibt Kulturen, die haben so ein absolutes Grundvertrauen zum intuitiven Wissen. Wenn eine Person von innen her etwas spürt, dass sie das überhaupt nicht in Zweifel zieht. In unserer Kultur, also in der westlichen Kultur ist das überhaupt nicht selbstverständlich, weil wir ja durch ganz andere Entwicklungs-stadien gegangen sind….Zum Beispiel in Western Samoa, da habe ich einige Monate gelebt und ich durfte da bei einer Art Gemeinderats-Sitzung dabei sein, ist es selbstverständlich, dass zwei, drei Personen einfach das, was sie intuitiv wahrnehmen an Wissen in die Runde bringen. Das würde niemand in Zweifel ziehen oder komisch finden. Das ist ganz klar neben allen anderen Wahrnehmungen, die im Raum sind, wird das hinzugezogen. ERZÄHLER: Wir brauchen Intuition, sie garantiert unser Überleben, schützt uns vor Gefahren, sagt die Psychologin. Und wir können den Zugang zu unserer inneren Stimme regelrecht üben: O-Ton 12 Breitfuß Wie kann man den Zugang lernen? …Die Intuition antwortet nicht auf Fragen "warum ist das so, woher kenn ich das, wieso ist das so" - also da antwortet immer die Logik. Die Intuition antwortet aber auf Fragen, die offen gestellt werden, wie zum Beispiel "was weiß ich über diesen Sachverhalt" oder "Was weiß ich über meine Verantwortung". Dann bekomm ich Antwort. MUSIK Thames town Z8005259 103 ERZÄHLER: Die Intuition spielt bei Unternehmens-Entscheidungen eine wesentliche größere Rolle als bekannt ist, sagt Gerd Gigerenzer, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Das liege zum einen daran, dass die Intuition im westlichen Kulturkreis nicht die Wertschätzung bekommt, die sie verdient. Es werde viel mehr Wert darauf gelegt, dass Entscheidungen zähl- und messbar sind, Musik aus auf Fakten und nicht auf einer unerklärlichen Weisheit beruhen. Zum anderen hätten viele Unternehmen und Behörden Angst zuzugeben, sich aus dem Bauch heraus entschieden zu haben. O-Ton 14 Gigerenzer Ich habe mit großen Unternehmen gearbeitet und die Entscheider vom Abteilungs-leiter bis in den Vorstand hinein gefragt, wie häufig ist eine wichtige berufliche Entscheidung am Ende eine Bauchentscheidung. Nach Aussagen der Führungskräfte etwa 50 Prozent, also jede zweite. Die gleichen Führungskräfte würden das in der Öffentlichkeit nie zugeben, denn man hat Angst. Bei einer Bauchentscheidung muss man die Verantwortung selbst tragen und wir leben in einer Gesellschaft, wo immer weniger Menschen Verantwortung tragen möchten und sie immer mehr delegiert wird. ERZÄHLER: Intuition hat nichts Mystisches an sich. Sie ist weder eine hellseherische Gabe noch eine göttliche Eingebung, kein sechster Sinn, auch keine Willkür und… O-Ton 15 Gigerenzer Und es ist auch nichts, was nur Frauen haben. Wir Männer haben auch Intuitionen. Nur Frauen sind oft ehrlicher und trauen sich mehr, das zuzugeben. ERZÄHLER: Das Stereotyp, Frauen seien intuitiver als Männer, speist sich auch aus dem jahrhundertealten Denken: Männer sind logisch, Frauen gefühlsbetont, also intuitiv. Wie es wirklich um die männliche Intuition bestellt ist, erfragte 2005 eine wissenschaftliche Studie: MUSIK Working on it CD976560 002 ZITATORIN: Über 15.000 Männer und Frauen nahmen am Experiment des britischen Psychologen Richard Wiseman teil. Er legte ihnen Fotos von Paaren vor, auf denen sie echtes von falschem Lächeln unterscheiden mussten. Vor dem Test mussten sie ihre eigene Intuitionsfähigkeit einschätzen: 77 Prozent der Frauen werteten sie als sehr hoch, bei den Männern waren es nur 58 Prozent. Das Testergebnis fiel knapp zugunsten der Männer aus: 72 Prozent erkannten das echte Lächeln, bei den Frauen waren es 71 Prozent. Musik aus ERZÄHLER: Der Mensch wird pro Sekunde von Millionen Sinneseindrücken überflutet. Mehr als 40 Eindrücke auf einmal, sagen Experten, kann er gar nicht bewältigen. Ein Grund für eine weitere intuitive Strategie, die nach dem Prinzip funktioniert: "Weniger ist mehr". Menschen verlassen sich bei ihren Urteilen oft auf einen einzigen guten Grund, ignorieren alle anderen Fakten, nach dem Motto: "Take the best, ignore the rest". Kann das funktionieren? Gerd Gigerenzer: O-Ton 16 Gigerenzer Eine Bauchentscheidung kann natürlich eine sehr gute oder auch eine sehr schlechte Entscheidung sein. Das ist genau so, wenn Sie sich etwas ausrechnen, können sie damit gut oder auch richtig daneben liegen... Also wenn Sie ins Kasino gehen und Roulette spielen, dann können Sie sich ausrechnen, wieviel Sie verlieren werden auf lange Sicht hin. Da brauchen Sie keine Intuition. Aber wenn es darum geht, den richtigen Partner fürs Leben zu finden, oder andere Dinge mit hochgradiger Ungewissheit, wo Überraschungen passieren, da reichen Berechnungen nicht aus und es ist eine Illusion daran zu glauben. ERZÄHLER: Die Linzer Psychologin Regina Obermayr-Breitfuß meint hingegen: Intuition versagt nie. O-Ton 17 Breitfuß Nie! Sie versagt nie. Sie ist Tag und Nacht gegenwärtig. Ich kann auch einen intuitiven Traum bekommen, das heißt ein ganz klares Wissen: Ich steh in der Früh auf und weiß die Lösung. Große Erfindungen sind oft über intuitive Träume gekommen, weil wir in der Nacht auch mit dem Geistigen verbunden sind, wenn wir das zulassen. Und wenn mir die Intuition etwas mitteilt, dann kann ich mich hundert Prozent darauf verlassen. Sie täuscht mich nie. Sie versagt nie. O-Ton 18 Gigerenzer Wenn Sie in einem Gebiet wenig Erfahrung haben, dann sollten Sie sich nicht auf ihre Intuition verlassen. Wenn Sie viel Erfahrung haben, dann eher schon. O-Ton 19 Breitfuß Wir können Dinge wissen, die wir nie gelernt haben, niemals. Ganz große Erfindungen, ganz große Pioniere bestätigen das immer, dass sie das nicht irgendwo vorher gelernt, gehört, gelesen oder gesehen haben. Also das ganz Neue, das wirklich ganz Neue kommt über die Intuition auf die Erde. MUSIK Intuition Z9338823 215 ERZÄHLER: Vernunft und Bauchgefühl erscheinen als Gegensätze. Dabei werden alle Entscheidungen im Gehirn getroffen, die einen bewusst, analytisch, die anderen unbewusst. Beide sind wichtig. In unserer Gesellschaft wird die rationale Entscheidung allerdings höher bewertet, Musik aus O-Ton 20 Gigerenzer Einstein hat einmal gesagt: "der intuitive Geist ist ein Geschenk und der rationale Geist ist sein Diener. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der der Diener zum Herrn geworden ist und man das Geschenk vergessen hat".

  14. Die türkischen „Gastarbeiter“ - Das Anwerbe-Abkommen von 1961

    07.02.2024 · 21 Min.

    Eigentlich sollten sie höchstens zwei Jahre dableiben, arbeiten und wieder gehen - "Gastarbeiter" eben. Dass sie "Türkentum und Nationalgefühl hochhalten" war das Erste, was im umfangreichen Verfahren getestet wurde, das die deutsche und die türkische Regierung im Jahr 1961 mit dem "Anwerbeabkommen" beschlossen hatten. Aber wie bemerkte der Schriftsteller Max Frisch einmal: "Wir riefen Arbeiter, und es kamen Menschen". Bettina Weiz erzählt die Geschichte von dieser "Menschwerdung". (BR 2011) Credits Autorin dieser Folge: Bettina Weiz Regie: Bettina Weiz Es sprachen: Ruth Geiersberger Redaktion: Brigitte Reimer Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO (Nähen) darauf ERZÄHLERIN: Anzüge, Westen, Herrenhemden auf Maß: All das näht der Schneider Ethem Kocer bis in die 60er Jahre hinein in seinem Heimatdorf mitten in der Türkei. Musik: C127867/007 ERZÄHLERIN: Sein Geschäft läuft auf Pump: Er borgt sich Stoffe und Nähseide von Großhändlern, gibt wiederum seinen Kunden Kredit. 1. Zsp. / Ethem Kocer „Im Jahr zweimal zahlen die dann. Die Bauern, wann Getreide verkauft ist.“ Nochmal ATMO (Nähmaschine). Darauf 2. Zsp. / Ethem Kocer „64 es hat nicht geregnet. Leider kein Getreide geworden. Wir haben dann Zuckerrübenernte gewartet. Hat auch nicht geworden: wenn es nicht regnet, dann wird der net. Dann hab ich pleite gemacht.“ ERZÄHLERIN: Da beschließt er, nach Deutschland zu reisen. Musik aus 3. Zsp. / Ethem Kocer „Ja ohne zu denken! Ohne zu denken. Einfach kommen und arbeiten, etwas Geld machen, wieder zurückgehen.“ Musik: CD54790/006 ERZÄHLERIN: 400 Kilometer weiter östlich in der Türkei lebt zur gleichen Zeit Makbule Kurnaz in einem Bauernhaus mit Garten, zwei Kühen, Katzen, Hunden und Hühnern. Ihr Vater fährt jeden Morgen mit dem Motorrad in eine Zuckerfabrik und arbeitet dort als Aufseher. Musik aus 4. Zsp. / Makbule Kurnaz „Eine Diktatore. Wie Pascha. Wie Harem Pascha.. ERZÄHLERIN: Er hat nacheinander drei Frauen und fünf Kinder, das älteste ist ein Sohn, der einzige Junge in der Familie. 5. Zsp. / Makbule Kurnaz „Deswegen meine Vater wollte, der ist nach Deutschland zum Studieren gehen. Er ist Jahre 70 nach Deutschland gekommen, hat dort gearbeitet. Hat gleich deutsche Frau gefunden, Auto gekauft, ganz elegant angezogen, „aha„, hab ich mir gedacht, „Deutschland ist gut wie hier“. Lacht. ERZÄHLERIN: Als er so hübsche Fotos aus München schickt, ist Makbule 21 - und verliebt. 6. Zsp. / Makbule Kurnaz „Jemand wollte mit mir heiraten, Vater hat nicht erlaubt. Bei uns Anatolien solche Geschichte viele. Ich darf nicht in meine Herz wer ist, Vater hat entschieden, dass ich mit jemande unbedingt heiraten müssen. Ich wollte nicht, hat Vater gesagt, „ja, meine Tochter, du kannst auch gehen. Entweder heiraten oder Deutschland gehen“. Ich hab gesagt „dann gehe ich Deutschland. Bitte, bitte, bitte schick mich nach Deutschland“. Musik: C127867/13 ERZÄHLERIN: Geldnot, der Wunsch nach Qualifikation, das Streben nach Freiheit von strikten Familienoberhäuptern, vielleicht Abenteuerlust: Die persönlichen Gründe, weshalb sich seit den 60er Jahren weit über eine Millionen Menschen aus der Türkei auf den Weg nach Deutschland gemacht haben, sind vielfältig. Alle hoffen auf ein besseres Leben. Kreuzblende zu: 6108376 7. Zsp. / Ethem Kocer „Vor uns von Italiener, Griechen, Spanier sind gekommen.“ ERZÄHLERIN: … um Berge abzuschürfen, Elektroschalter zu montieren oder Autos zusammenzuschrauben. Seit Mitte der 50er Jahre hatten deren Regierungen mit der Bundesrepublik sogenannte Anwerbeverträge geschlossen. Ein bewährtes Vorgehen, erklärt der Historiker Christoph Rass von der Universität Osnabrück. Musik aus 8. Zsp. / Christoph Rass „Die Anwerbeverträge sind als Institution entstanden schon nach dem I. Weltkrieg, mit einem Anwerbevertrag, den Frankreich und Polen im Jahr 1919 geschlossen haben, und seitdem entwickelt sich diese Institution auf der internationalen Bühne, wird vor allem in Westeuropa genutzt, auch Deutschland ist Ende der 30er Jahre schon über einen solchen Vertrag beispielsweise mit Italien verbunden.“ ERZÄHLERIN: Die Anwerbeverträge regeln, dass und wie das deutsche Arbeitsamt in einem fremden Staat Leute rekrutiert. Auch die türkische Regierung möchte einen solchen Vertrag abschließen. 9. Zsp. / Christoph Rass „Die Türkei selbst hat im Rahmen ihrer Wirtschaftsentwicklungspläne begonnen, sehr stark auf den Export von Arbeitskraft zu setzen.“ Musik: CD54790/006 ERZÄHLERIN: Denn die Wirtschaft kriselt. Die Regierung ist schwach. 1960 putscht das Militär. Die anderen NATO-Staaten schauen besorgt auf das Mitglied am strategisch wichtigen Südost-Ende des „Eisernen Vorhangs“. Es herrscht Kalter Krieg. Seit 1959 stationieren die USA in der Türkei Mittelstreckenraketen. Atomwaffen. MUSIK AUS ERZÄHLERIN: Es trifft sich, dass viele bundesdeutsche Firmen Arbeitskräfte suchen - wegen der neu eingeführten Fünftagewoche, weil die Ausbildungen länger werden, weil die geburtenschwachen Kriegsjahrgänge ins Berufsleben einsteigen. Wegen der Mauer ist der Strom von Übersiedlern aus der DDR abgeebbt. 10. Zsp. / Christoph Rass „Zugleich hat aber Deutschland, als auf diplomatischem Wege angetragen wurde, ob die Anwerbung von Arbeitskräften in der Türkei in Frage käme, zunächst reserviert reagiert. Denn man hat einen internen Grundsatz verfolgt: keine Arbeitskräfte aus sogenannten „nichteuropäischen Staaten„ anzuwerben, und hier wertete man die Türkei als einen nicht-europäischen Staat. Man hat sich auf deutscher Seite immer überlegt, was man der deutschen Gesellschaft zumuten kann an fremdländischen ArbeitnehmerInnen. Und das zählte zu den Motiven, die Deutschland dazu bewogen hat, keinen Anwerbevertrag abzuschließen, sondern auf dem diplomatisch niedriger angesiedelten Wege des Notenwechsels eine Anwerbevereinbarung abzuschließen.“ ERZÄHLERIN: Viele Regelungen der Vereinbarung vom 30. Oktober 1961 sind anders als in den Verträgen etwa mit Italien, Griechenland oder Spanien. 11. Zsp. / Christoph Rass „Während es also in der Regel bei Anwerbeverträgen so war, dass die Arbeitsverträge im Prinzip immer wieder verlängert werden konnten, war es so, dass bei der 1. Fassung des deutsch-türkischen Abkommens eine Höchstverweildauer von 2 Jahren eingeplant war. Dass kein Familiennachzug vorgesehen war.“ ERZÄHLERIN: Das Folge-Abkommen von 1964 hebt diese Einschränkungen teilweise auf. Aber das Ziel bleibt: 12. Zsp. / Christoph Rass „Man wollte auf jeden Fall sicherstellen, dass es nicht zu einer Niederlassung türkischer ArbeitnehmerInnen in Deutschland kommt.“ ATMO (Nähen). Darauf ERZÄHLERIN: Anfang der 60er Jahre sitzt der türkische Schneider Ethem Kocer im Zug, erst nach Istanbul, dann quer durch Bulgarien, Jugoslawien und Österreich bis München. Im Sechserabteil, zwei Nächte und drei Tage lang. 13. Zsp. / Ethem Kocer „Natürlich! Sitzend schlafen. Der Zug ist angekommen. Gleis 11. 15. Zsp. / Ethem Kocer „Mich dann mein Freund abgeholt. Er war schon Deutschland, hier Jura studiert, und die wollten dann Export aufmachen.“ ERZÄHLERIN: Statt als Gastarbeiter nach der Anwerbevereinbarung ist Ethem Kocer mit eigenen Kontakten eingereist. 16. Zsp. / Ethem Kocer „Ich war so eilig, ich wollte da unbedingt hingehen! Als Tourist bin ich gekommen, als Tourist hab ich dann normal Pass bekommen. Mit 800 Mark durfte man ausreisen. Hab ich dann von Bank 800 Mark Devisen gekauft in der Türkei, als Tourist darfst du dann 3 Monate bleiben mit das Geld damals.“ ERZÄHLERIN: Aus dem Export-Geschäft des Freundes wird nichts. Einen Arbeitsvertrag darf er als Tourist auch nicht unterschreiben. (Da meldet er sich - das geht - als landwirtschaftlicher Helfer in Niederbayern. 17. Zsp. / Ethem Kocer „Ich hab mein Chancen versucht, irgendwie hier. Und dann von Ergolding, also 3 Monat später wollte Anmeldung machen in München. Haben sie mir dann net erlaubt, also mein Pass haben sie dann zurück stempelt,) ich musste wieder nach Türkei.“ MUSIK: C54790/006 ERZÄHLERIN: Wäre er nicht auf eigene Faust gekommen, sondern mit Hilfe der Anwerbevereinbarung, hätte er mehr Sicherheit gehabt. Christoph Rass. 18. Zsp. / Christoph Rass „Anwerbeverträge minimieren die Risiken und die Kosten der Migration für alle Beteiligten. Die beteiligten Staaten erhalten Zugriff auf Migrationsströme und können versuchen, diese in gewissen Grenzen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Und die MigrantInnen selbst erhalten vielfältige Hilfestellungen und vor allen Dingen verbriefte Bedingungen in den Arbeitsverträgen, dass ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeiter, die im Rahmen einer solchen Anwerbung auf den Arbeitsmarkt kommen, gleich behandelt werden wie inländische Arbeitnehmer.“ Musik aus ERZÄHLERIN: Makbule Kurnaz geht 1971 den offiziellen Weg. Sie bewirbt sich erst in der Hauptstadt ihrer Provinz, bekommt dann einen Termin im fernen Istanbul. Ihre erste große Reise. Der Vater und sie logieren bei Bekannten und im Hotel und besuchen immer wieder die Außenstelle des deutschen Arbeitsamtes. 19. Zsp. / Makbule Kurnaz „Eine Woche lang Untersuchung gemacht, von Kopf bis Fuß, alles, alles. Blut, Urin, alles. Viele Menschen, allererste mal war ich alleine, Vater war draußen, ich war drin, kontrollieren, eines immer hat mich gestört, dass ich ganz nackig müssen.“ 20. Zsp. / Christoph Rass „Grade diese Gesundheitsuntersuchungen, die auch sehr intime Bereiche berührt haben, die sind als ganz massive Eingriffe in die Intimsphäre der ArbeiterInnen empfunden worden vielfach, und das hat die Wahrnehmung und die Geschichte dieser Anwerbung sehr geprägt.“ ERZÄHLERIN: Augen, Gebiss, Geschlechtsorgane: Makbule Kurnaz wird durch und durch getestet - und für zu leicht befunden. 21. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hat gesagt, „gesundheitlich haben Sie Probleme„. - „Was denn?„ - „Blutarm. Wenig Blut im Körper, und Sie sind schlank wie 50„. Ich muss unbedingt 50 sein, ich war 48, ganz dünn, junge Mädchen.“ ERZÄHLERIN: Sie reisen wieder zurück in ihre Provinz - und der Vater sucht zwischen Istanbul, Ankara und dem Schwarzen Meer nach frischem Blut. 22. Zsp. / Makbule Kurnaz „In Samsun Blutspende gefunden, von eine Militär habe ich eine Blut bekommen. Mehr wie Pfund, Kilo hat gesagt, Vater hat das gezahlt, Blut gegeben, hat mit der Ernährung bisschen besser: Honig, Butter, Milchprodukte, Joghurt und so.“ ERZÄHLERIN: Ein Jahr vergeht. Makbule Kurnaz, die keinen Schulabschluss hat, macht einen Schneiderkurs: 23. Zsp. / Makbule Kurnaz „Nochmal nach Istanbul gefahren, „Oh, hat gesagt, ok, gesundheitlich ok, die Zeugnis hilft was, aber wir haben eine Angebot, dass Sie vielleicht mal, wenn Sie gescheit sind, nach eine elektrische Firma, egal, Grundig, Saba, irgendwo, Siemens braucht dringend mehr Leute, junge Frauen unter 25.„ Da hab ich Glück. Da hab ich gesagt „Vati, ich kann das machen“. In eine Zimmer, 20 Mädchen, wie Universität Prüfung, haben wir Prüfung gemacht. Irgendwelche Farbe, Linie, mit die Figuren, jetzt wie Kinder, Puzzle und so was, habe ich alles perfekt gemacht, null Fehler und geschafft. Ok, hab ich gleich von der Siemens die Einladung bekommen, in 2 Tage, hat er uns noch 10 Wörter gegeben: „ja, nein, ok, falsch, richtig“ - so was, die muss mer auswendig wissen, dann hat alles geklappt, hat gesagt „ok, Sie sind die Erste für Siemens, Mitarbeitervertrag wird 1 Jahre.“ MUSIK: Z9382937/010 ERZÄHLERIN: Wie viele angeworbene Türkinnen in den 70er Jahren kommt Makbule Kurnaz mit dem Flugzeug nach Deutschland. Eine freundliche Dolmetscherin und ein Bus stehen schon bereit, und im Bunker unter dem Münchner Hauptbahnhof, dem Ersten, was frisch Angeworbene nach ihrer Ankunft zu sehen bekommen, gibt es Brote, Wurst und Käse. 24. Zsp. / Makbule Kurnaz „Mit Vertrag ich bin garantiert, holte mich jemand, gibt immer mit Programm, geführt. Ok. Angekommen, dort abgeholt, mit Liste, so wie Tourist-Organisation.“ Musik aus ERZÄHLERIN: Sie kommt in ein Wohnheim direkt gegenüber vom Werkstor, teilt das Zimmer mit den Stockbetten und die Küche mit drei anderen Frauen. „Mädchen“, sagt sie. 25. Zsp. / Makbule Kurnaz „Mädchenwohnheim. Unter Kontrolle gekommen. Haben wir Vertrag, auch Heim-Vertrag, durften wir nicht irgendwann von Wohnheim weggehen, 4 Jahre alleine dort gewohnt. Bis 10 Uhr muss man zurückkommen. Pförtner sitzt da.“ ERZÄHLERIN: Mit der Arbeit kommt sie klar. Ihre Vorarbeiterin ist selbst Türkin. Der Bruder, der auch in München lebt, nimmt sie in die Disco mit und Weihnachten mit zum Urlaub ins Heimatdorf. Seine Verlobte – eine Deutsche - ist auch dabei. Das gefällt dem Vater nicht. Er verstößt seinen Sohn. MUSIKAKZENT: C54780/006 ERZÄHLERIN: Makbule Kurnaz fasst den Entschluss ihres Lebens: sie bleibt in Deutschland. 26. Zsp. / Makbule Kurnaz „Ich wollte nur ein Jahr, aber doch: Mein Bruder da, mir alles gefallen, ich bleibe. Dann hab ich Vertragverlängerung unbefristet bekommen. Von Siemens. Natürlich von der Kreisverwaltung wird auch verlängert, alles hab ich, längere Jahre bekommen. Dann bin ich geblieben. Voll zufrieden.“ Musik aus 27. Zsp. / Christoph Rass „Tatsächlich zeigen alle Beispiele, die wir kennen, dass Anwerbeprozesse nie rein temporär bleiben. Der größte Teil der ArbeitnehmerInnen, die während der Anwerbephase, also zwischen 1955 und 73, nach Deutschland gekommen sind, haben Deutschland wieder verlassen. Aber es sind eben auch etwa 4 Millionen ArbeitnehmerInnen und ihre Familien in Deutschland zurückgeblieben und haben sich für einen längerfristigen Verbleib, gar für die Niederlassung, für eine Einwanderung, entschlossen.“ ATMO (Nähen). Darauf ERZÄHLERIN: Auch Ethem Kocer, der türkische Schneider, kommt wieder - und bleibt. Er hat in Deutschland sofort seine Liebe gefunden. 28. Zsp. / Ethem Kocer „Sonntag bin ich gekommen, Montag hab ich dann mein deutsche Frau kennengelernt. Deutsche. Wir haben da Kaffee gemacht, Kaffee und Kuchen, dort habe ich sie kennengelernt.“ ERZÄHLERIN: Vier Monate nach seiner Rückkehr in die Türkei findet sein Münchner Freund eine Arbeit für ihn als Trambahnschienenputzer. Ethem Kocer erhält eine Aufenthaltsgenehmigung und setzt sich ein zweites Mal in den Zug nach Deutschland. 29. Zsp. / Ethem Kocer „So weitergegangen, also Freundschaft, und dann - 71 geheiratet wir sind dann.“ ERZÄHLERIN: Sie bauen sich ein Haus im Vorort Gröbenzell. Er gründet sein eigenes Schneider-Unternehmen. MUSIK: Z9382937/010 ERZÄHLERIN: Viele Arbeitskräfte aus der Türkei kommen und gehen. Manche arbeiten ein Jahr in Deutschland, um das Geld für ein Moped zusammenzubekommen und gehen dann zurück, kehren später aber wieder, etwa um auf ein neues Hausdach hinzuarbeiten, retour in die Türkei und so fort. Im Herbst 1973 ist es damit aus. Die Ölkrise macht den Westeuropäern Angst. Und rechtfertigt die Anwerbestopps, die die Regierungen der klassischen Zielländer für ausländische Arbeitskräfte erlassen: Frankreich, Schweiz, Großbritannien, Schweden, auch die Bundesrepublik. Die Folgen der Stopps sind unerwartet: Es kommen mehr Menschen. Musik aus 30. Zsp. / Christoph Rass „Als die Anwerbung ausgesetzt wird, da entscheiden sich ganz viele MigrantInnen, zunächst mal in Deutschland zu bleiben. Denn sie wissen: wenn sie jetzt das Land verlassen, ihre Arbeitsstellen aufgeben, dann können sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zurückkehren. Und dann beginnen sie, sehr massiv ihre Familie nachzuholen, und das ist dieser Peak in den Statistiken, der sich nach dem Anwerbestopp zeigt, das ist das Nachwandern der Familienangehörigen, der Kinder, nach Deutschland.“ MUSIK: CD54790/006 ERZÄHLERIN: Vier Jahre lebt Makbule Kurnaz im Mädchenwohnheim ihrer Firma. 1976 zieht sie in ihre eigene Wohnung. Sie könnte frei und unabhängig leben – doch … 31. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hat die Familie Angst bekommen, dass ich mit einem deutschen Mann heirate. Weil Bruder mit deutscher Frau, ich bin in Türkei gegangen, natürlich mit der Familie Entscheidung, jemanden kennengelernt, ich wollte nicht. Ja, nein. In diese Urlaub bin ich weggegangen. Nächste Urlaub wieder: derselbe Mann. Hab ich entschiede, dass ich doch mit ihm heirate. Alleine geht nicht.“ ERZÄHLERIN: Im folgenden Urlaub heiratet sie ihn und lädt ihn nach Deutschland ein: Familienzusammenführung. Zweieinhalb Jahre lang darf er nicht arbeiten. Weil gleich ein Kind kommt, kümmert er sich, und sie verdient das Geld. Musik aus 32. Zsp. / Makbule Kurnaz „Wir haben 2 Kind bekommen, natürlich... Aber war NICHT wie ich mir vorstellen, solche Familie. Leider.“ ERZÄHLERIN: Hauptgrund für das Scheitern der Ehe: das Leben im fremden Land. Ihr gefällt es, ihm nicht. 33. Zsp. / Makbule Kurnaz „Wollte nicht, vom 1. Tag hat gesagt „ich will Deutschland nicht, ich bleibe nicht, ich mage nicht“, habe ich gekämpft, mit Arbeit, mit Kinder, mit Mann, mit Leben, mit Haushalt.... Er ist wieder zurückgegangen.“ 34. Zsp. / Makbule Kurnaz) „Ich bleibe hier! Vom 1. Jahr habe ich entschieden, dass ich bis Lebenende da bleibe.“ ERZÄHLERIN: Die Klarheit und Eindeutigkeit dieser Entscheidung hat ihr geholfen, sich zu integrieren. 35. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hab ich mir gedacht, „ah, muss ich hier mich konzentrieren, muss ich alles machen, für mich Zukunft, mehr gute Sachen machen“. Ich konnte nicht viel Deutsch in 1 Jahre, ja, 73, dann Kurs hab ich gemacht 3 Monate, Sprachkurs.“ Atmo (Nähen) Darauf ERZÄHLERIN: Auch der Schneider Ethem Kocer bemüht sich um gesellschaftliche Anerkennung, sobald er sicher ist, dass er in Deutschland bleiben wird. r macht einen Schneiderkurs, denn wie bei vielen Zuwanderern wird sein türkisches Diplom nicht anerkannt. Er legt die Meisterprüfung ab. Er nimmt die deutsche Staatsbürgerschaft an. MUSIK: M0021386/003 ERZÄHLERIN: Ethem Kocer und Makbule Kurnaz kämpfen am Lebensabend, mit Spätfolgen ihrer Einwanderung. Die Erwerbsbiographie des Schneiders passt schlecht ins Schema der deutschen Sozialversicherung: Er kam erst mit über 30 nach Deutschland und war 17 Jahre lang selbständig, zahlte nur 10 Jahre als Angestellter in die Rentenkasse ein. 36. Zsp. / Ethem Kocer „Mein eigenen Rente 660 Euro. Kann man net leben. Witwengeld bekomme ich. Mit dem kann ich dann leben.“ ERZÄHLERIN: Der Einschnitt in Makbule Kurnaz’ Erwerbsbiographie ist, dass sie ihren Job kündigt, als ihr Mann in die Türkei geht. Musik aus 37. Zsp. / Makbule Kurnaz „Den Fehler hab ich gemacht, aber hab ich neue Beruf gelernt, in eine Geschäft Kasse gemacht, erstemal Schlecker, dann verbessert bissle bei Plus, dann Kaufhof eingestellt.“ ERZÄHLERIN: Viel verdient sie nicht und bringt davon auch noch ihre Kinder durch. Wegen des Stress’ an der Kasse geht sie in Frührente. Auch Ethem Kocer hat sich mit 63 die Hände beim Nähen verschlissen. Zugewanderte Türken bekommen mehr als doppelt so häufig wie alteingesessene Deutsche Erwerbsunfähigkeitsrente – sie haben meist die anstrengenden Jobs übernommen, die die anderen nicht wollten. Nun verbreitet sich Altersarmut. Dass arme Alte zurückkehren, widerspricht den ursprünglichen Hoffnungen, die Länder wie die Türkei in die Anwerbeverträge gesetzt hatten, nämlich Devisen, Qualifikation und Entlastung des Arbeitsmarktes. Wobei sich die Hoffnungen in gewissen Grenzen schon immer auch erfüllen, erklärt der Historiker Christoph Rass. 39. Zsp. / Christoph Rass „Gerade der Rückfluss von Devisen aus Lohnersparnissen ist für viele Länder ein wichtiger Aspekt in ihrer Handels- und vor allem Leistungsbilanz gewesen, die Qualifikation hat sich in geringerem Maß erfüllt, denn es zeigt bei den Rückwanderern, dass gerade die besonders gut Qualifizierten vielfach im Ausland verbleiben. Und natürlich die Entlastung des Arbeitsmarktes: das leidet unter einem Interessenkonflikt, denn die Abwanderungsländer wollen in der Regel die am schlechtesten Qualifizierten, die tendenziell arbeitslos sind, ins Ausland entsenden, während die Anwerbestaaten die am besten Qualifizierten für ihre Arbeitsmärkte haben wollen.“ ERZÄHLERIN: Anwerbeverträge gibt es bis heute, besonders außerhalb Europas. Aber auch in Deutschland sind sie wieder salonfähig, seit Ingenieure und Facharbeiter fehlen. 40. Zsp. / Christoph Rass „Die Verführung eines Anwerbevertrages ist immer, dass die Möglichkeit gegeben zu sein scheint, Arbeitskräfte temporär und bedarfsgerecht auf einen Arbeitsmarkt zu holen. Als Konjunkturpuffer. „Ich nehm’ mir jetzt aus dem Ausland Arbeitskräfte herein, und wenn wir sie nicht mehr brauchen, dann werden sie alle wieder verschwinden“, für einen großen Teil wird das immer so verlaufen, aber für einen kleineren Teil wird immer aus der temporären Präsenz immer der Wunsch nach Einwanderung, nach Niederlassung, und auch der Integration resultieren. Das muss man von Anfang an berücksichtigen. Und genau das hat die Bundesrepublik - wie manch anderes europäische Land im übrigen auch - nicht getan.“ MUSIK: M0021386/003 ERZÄHLERIN: Kleine Rente und kaputte Gesundheit hin, zerrüttete Familien und Witwerschaft her: Makbule Kurnaz und Ethem Kocer machen das Beste aus ihrem Leben. In einem städtischen Alten- und Service-Zentrum treffen sie Gleichgesinnte zum Deutschlernen, Malen und Tanzen, fahren mit der Nostalgiebahn nach Bayerischzell. 41. Zsp. / Ethem Kocer „So geht das Leben.“ lacht nett, aber kurz. Musik aus ATMO (Nähmaschine). Darauf ERZÄHLERIN: Seine Nähmaschine - Industrie-Nähmaschine! - hütet Ethem Kocer gut. 42. Zsp. / Ethem Kocer „Zuletzt hab ich geschneidert - ja, meine Bekannten Kleid gemacht z.B..... er geht im Flur ...die Kleider sind glaub ich hier.“... Rascheln: ERZÄHLERIN: Seide knistert, Pailletten funkeln. 43. Zsp. /Ethem Kocer „Ihre Sohn heiraten, deswegen haben wir dann da vorbereitet.“ ERZÄHLERIN: Das Kleid ist für Makbule Kurnaz. Im Alter haben die beiden zueinandergefunden. Die Fotos ihrer Kinder stehen auch auf seiner Kommode. 45. Zsp. / Makbule Kurnaz „Hier geboren, hier aufgewachsen, gut studiert, älterer Sohn Computer-Fachmann, seine Frau Sekretärin, junge Sohn beim Amt Sicherheit, alles ok. Ihre Leben auch gut, jetzt junge Sohn will mit Deutsche - halbe deutsche, halbe türkische - Mädchen heiraten, wir sind voll glücklich. Hammer deutsche Kultur mehr wie türkische Kultur.“ MUSIK: M0021386/003

  15. Die Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz - Auf der Suche nach dem Ich

    06.02.2024 · 24 Min.

    Marie Luise Kaschnitz ist eine der bedeutendsten Dichterinnen der Nachkriegsjahre. Sie beschreibt die Trümmer des Zweiten Weltkrieges, beschäftigt sich immer wieder mit dem eigenen Ich, ist eng befreundet mit Ingeborg Bachmann und Theodor W. Adorno. Als sie 1974 stirbt, hinterlässt sie ein vielschichtiges Werk. Doch heute scheint sie fast vergessen. Autorin: Juliane Ziegler (BR 2022) Credits Autorin dieser Folge: Juliane Ziegler Regie: Irene Schuck Es sprachen: Stefan Wilkening, Katja Bürkle Technik: Regina Staerke Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Brigitte Raitz, Germanistin und Kuratorin zweier Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz Literaturhinweise: Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke in 7 Bänden. Hrsg.: Christian Büttrich. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1981-1989. Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind und andere Erzählungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002. Kaschnitz, Marie Luise: Liebe beginnt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984. Kaschnitz, Marie Luise: Das dicke Kind. Prosa, Gedichte und Gespräche. Ausgewählt von Christian Büttrich. der Hörverlag, 2001. (CD) Raitz, Brigitte: „Ein Wörterbuch anlegen". Marie Luise Kaschnitz zum 100. Geburtstag. Marbacher Magazin 95/2001: Marbach am Neckar, 2001. von Gersdorff, Dagmar: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie. Frankfurt am Main und Leipzig: Suhrkamp, 1992. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN: KASCHNITZ/DAS DICKE KIND Wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum. Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frisst, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm. SPRECHER Dann geht das träge Raupen-Mädchen hinaus, zum zugefrorenen See, wo die ältere Schwester Pirouetten dreht. Anmutig und schön. Das dicke Kind jedoch bricht im Eis ein. Alles beobachtet von der Erzählerin - auf sie übt das Kind eine seltsame Anziehung aus. Dieser Text von 1952 gilt als eine der bekanntesten Kurzgeschichten von Marie Luise Kaschnitz. Die Ludwigsburger Germanistin Brigitte Raitz sagt: O-TON (1) RAITZ Das Besondere ist - dass Kaschnitz praktisch sich selbst als Kind und auch ihre damalige große Eifersucht auf die ältere Schwester Lonja thematisiert. Also es ist so’ne Verwandlung, also am Übergang vom Kind zum Jugendlichen. Und das hat sie öfters thematisiert. O-TON (2) Interview: Marie Luise Kaschnitz mit Horst Bienek, 1961, Hessischer Rundfunk Ja, das dicke Kind bin ich selbst. Die Schwester ist meine Schwester Lonja, der See ist der Jungfernsee bei Potsdam. Wir haben dort in der Nähe gewohnt. Wir sind viel Schlittschuh gelaufen und ich bin auch einmal eingebrochen, aber - wie das dicke Kind - nur einen Meter tief. Ich war auch ein braves, schläfriges, viel essendes Kind, aber eben eines mit vielen Ängsten und eines, das bei jeder Gelegenheit zu heulen anfing. SPRECHER … erklärt Marie Luise Kaschnitz in einem Interview mit dem Hessischen Rundfunk 1961. In vielen ihrer Texte verarbeitet sie selbst Erlebtes, die teils auch bitteren Erfahrungen aus der Kindheit. Immer wieder beschäftigt sich mit ihrem früheren Ich. Sie, die Schriftstellerin, sagt, sie könne gar nichts neu erfinden, sie sei eine ewige Autobiografin. Geboren wird Marie Luise Freiin von Holzing-Berstett am 31. Januar 1901 in Karlsruhe. Als sie ein Jahr alt ist, ziehen sie - die Eltern entstammen beide adeligen Familien - nach Potsdam, später nach Berlin, wo der Vater Flügeladjutant unter Wilhelm II. wird. Nach zwei Mädchen hatte die Mutter bei der Geburt von Marie Luise auf einen Jungen gehofft. Sie verbirgt ihre Enttäuschung nicht. Erst drei Jahre später kommt der ersehnte Sohn auf die Welt. O-TON (3) RAITZ Es war eine große Distanz zwischen den Kindern und den Eltern und sie hat darunter doch sehr gelitten und hat vor allem die Zuwendung der Mutter vermisst. SPRECHER … sagt Brigitte Raitz. Die Germanistin hat zwei Ausstellungen über Marie Luise Kaschnitz kuratiert. O-TON (4) RAITZ Sie hat aber auf die Dauer gesehen viel profitiert von diesem Elternhaus, denn beide Eltern waren musisch sehr interessiert. Die Mutter war sogar ausgebildete Sängerin und hat offensichtlich hervorragend Klavier gespielt, hat auch den Kindern ein Puppentheater eingerichtet und ist mit den Kindern ganz früh in Berlin in Konzerte, in Theateraufführungen, in die Oper gegangen. SPRECHER Marie Luise und ihre Geschwister wachsen behütet, streng erzogen und großbürgerlich auf. Gespielt wird mit der Tochter des Kaisers. Bis 1917 bleiben die Holzing-Berstetts in Berlin. Dann ziehen sie nach Bollschweil bei Freiburg. Dorthin wird Marie Luise Kaschnitz ihr gesamtes Leben über zurückkehren, der Ort wird immer wieder in ihrer Arbeit auftauchen. 1922 beginnt sie eine Lehre als Buchhändlerin in Weimar. Ihr Interesse an Kultur ist groß. Es zieht sie aber eher zum Bauhaus als ins Goethehaus, lieber Szene als Hochkultur. 1924 geht Marie Luise für ihre erste Stelle nach München. Hier lernt sie Guido (Aussprache: Gu-ido) Kaschnitz von Weinberg kennen, einen Archäologen aus Wien. Kurz darauf treffen sie sich in Rom wieder - sie arbeitet in einem Antiquariat, er am Deutschen Archäologischen Institut. Sie heiraten bald und bleiben in Rom. Von da an trägt Marie Luise die einst hüftlangen dunklen Haare kurz, Guido gefällt es so besser. Auf Fotografien blickt sie freundlich und interessiert, aber meist ernst in die Kamera. Die Augen groß, die Brauen markant. Später trägt sie oft Perlen um den Hals. 1928 kommt Tochter Iris Costanza (italienische Schreibweise, ohne vorderes „n“) auf die Welt. Für ihr Kind schreibt sie eines ihrer bekanntesten Gedichte, Am Strande: ZITATORIN Heute sah ich wieder dich am Strand Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb Mit dem Finger grubst du in den Sand Zeichen ein, von denen keines blieb. Ganz versunken warst du in dein Spiel Mit der ewigen Vergänglichkeit Welle kam und Stern und Kreis zerfiel Welle ging und du warst neu bereit. Lachend hast du dich zu mir gewandt Ahntest nicht den Schmerz, den ich erfuhr Denn die schönste Welle zog zum Strand Und sie löschte deiner Füße Spur. SPRECHER Schon als Jugendliche schreibt Kaschnitz kurze Texte, von nun an veröffentlicht sie Prosa und Gedichte, arbeitet an Romanen - aus der jungen Buchhändlerin wird eine Autorin. Rückblickend wird Marie Luise Kaschnitz diese Zeit in Rom als das Glück schlechthin bezeichnen. Das zeigt sich auch in ihrer Arbeit: Die Ewige Stadt und Italien sind immer wieder Gegenstand ihrer Texte. Einen weiteren Schwerpunkt legt sie auf menschliche Beziehungen und persönliche Konflikte - etwa schwierige Verhältnisse unter Geschwistern, Verrat oder Schuld. Die Natur und die Antike sind weitere Motive in ihren Erzählungen und Gedichten zu jener Zeit. Angeregt durch das Umfeld in Italien und den Beruf ihres Mannes interessiert sich Kaschnitz jetzt sehr für griechische und römische Mythologie. Sie geht mit Guido auf viele Studienreisen: nach Griechenland, Sizilien, Nordafrika. Doch die Rollen zwischen ihnen sind klar verteilt: O-TON (5) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich musste dafür sorgen, dass mein Mann möglichst gut arbeiten konnte und dass er und unser Kind möglichst glücklich waren. Trotzdem habe ich auch damals immer gearbeitet und meine eigene Gedanken- und Ideenwelt gehabt. Ich glaube, dass mein Mann eher froh darüber war. Eine Frau, die am Diwan sitzt und auf den Mann wartet, hätte ihn verrückt gemacht. SPRECHER Die Priorität liegt auf Familie und Haushalt, geschrieben wird nebenbei: O-TON (6) RAITZ Das hätte sie eher als ein Laster betrachtet und als völlig unwichtig, und sie hat auch viel, schreibt sie, heimlich geschrieben. Und wenn sie unterwegs war, ist sie ins Café und hat dort geschrieben, oder auf Zugreisen auf den Knien - also sie hat es sehr heruntergespielt. SPRECHER … so Brigitte Raitz. Die Ehe mit Guido bezeichnet Marie Luise Kaschnitz als harmonisch, liebevoll, eng. So eng, dass sie später von großen Schuldgefühlen ihrem Kind gegenüber berichtet, Tochter Iris sei als Dritte im Bunde zu kurz gekommen. Doch: Die große Leidenschaft Guidos für seinen Beruf, sein Ehrgeiz und Arbeitspensum führen zeitweise auch zu Missstimmung. Marie Luise kämpft mit Unsicherheiten. O-TON (7) RAITZ An ihn kann sie nicht heranreichen, an ihn, an seine Intelligenz, an sein Wissen, an seine Fähigkeiten auf wissenschaftlichem Gebiet. SPRECHER Kaschnitz arbeitet an einem Roman: Liebe beginnt erscheint 1933. Im Fokus steht ein junges Paar, das eine Reise nach Süditalien unternimmt. Die Parallelen zu den Eheleuten Kaschnitz sind klar zu erkennen. Feste Rollenmuster, Unterlegenheitsgefühle, Neid und letztlich der Umgang damit innerhalb ihrer Beziehung - das sind die Themen des Buchs. In der Öffentlichkeit wird der Roman jedoch kaum beachtet. Anfang der Dreißiger Jahre geht die Familie nach Deutschland, lebt in Bollschweil, Königsberg, Marburg. Durch die Arbeit als Archäologe gibt Guido stets den jeweiligen Wohnort vor, Marie Luise und Tochter Iris ziehen mit. Ihr Mann ist es aber auch, der sie immer wieder zum Schreiben animiert, an ihr Talent glaubt, erklärt Kaschnitz-Expertin Raitz: O-TON (8) RAITZ Dass sie überhaupt geschrieben hat und so weit gekommen ist, das hatte er eigentlich in Gang gesetzt, er hat sie sehr bestärkt und hat sie immer unterstützt, dass sie, wenn sie enttäuscht war oder so, dass sie net die Flügel hängen lässt. SPRECHER Doch Motivation und Bestätigung kommen dann auch von außen: 1934 gewinnt Marie Luise Kaschnitz einen Lyrik-Wettbewerb der renommierten Zeitschrift Die Dame. Vom Preisgeld kauft sie sich ihr erstes eigenes Auto, einen Opel. Anfang der Vierziger Jahre arbeitet Kaschnitz an einer Biographie des Malers Gustave Courbet und bezeichnet dieses Buch als einen Übergang zu einer neuen Epoche. Motive aus Natur und Antike verschwinden aus ihren Texten, sie beschäftigt sich jetzt stärker mit der Gegenwart. Die Gegenwart: das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg. Das gesellschaftliche Klima und die Bedrohung, die von den Nationalsozialisten ausgeht, nimmt Kaschnitz aufmerksam wahr. Im November 1938 notiert Kaschnitz in ihrem Tagebuch: ZITATORIN In Bollschweil. Tage der tiefsten Niedergeschlagenheit, Scham und Trauer. SPRECHER Die Kriegsjahre verbringt die Familie teils in Frankfurt am Main, teils im nahe gelegenen Kronberg. Neben Bollschweil und Rom wird Frankfurt der dritte Ort von zentraler Bedeutung in Kaschnitz’ Leben und Werk. Dort lebt die Familie ab 1941. Noch heute prangt am Hauseingang im Frankfurter Westend eine kleine Gedenktafel zu Ehren der prominenten Bewohnerin - bis zum Tod von Marie Luise Kaschnitz bleibt dies ihr Wohnsitz. Aber wie haben sie und Guido sich in jener Zeit positioniert? ZITATORIN Ja, danach fragen jetzt alle, nach dem Engagement, aber ich kann diese Frage in einem Sie befriedigenden Sinn kaum beantworten. In der Nazizeit war ich zwar ‚dagegen‘ und habe ein paar Unannehmlichkeiten gehabt, aber ich war doch viel zu feig, um wirklich etwas zu tun. Mich als ‚engagiert‘ zu bezeichnen wäre nichts als Angeberei. SPRECHER … äußert sich Marie Luise Kaschnitz 1971 in einer Befragung von Schüler*innen. Sie schreibt weiter, arbeitet an der Courbet-Biographie. Unauffällig, unverfänglich. Politische Aussagen macht sie keine. Dem Begriff der Inneren Emigration begegnet Marie Luise Kaschnitz jedoch kritisch, wie hier in dem 1973 erschienenen Text ihres Buches Orte: ZITATORIN Und worin soll sie denn bestanden haben, unsere sogenannte innere Emigration? Darin, dass wir ausländische Sender abhörten, zusammensaßen und auf die Regierung schalten, ab und zu einem Juden auf der Straße die Hand gaben, auch dann, wenn es jemand sah? Nicht heimlich im Keller Flugblätter gedruckt, nicht nachts verteilt, nicht widerständlerischen Bünden angehört, von denen man wusste, dass es sie gab, es so genau aber nicht wissen wollte. Lieber überleben, lieber noch da sein, weiterarbeiten, wenn erst der Spuk vorüber war. Wir sind keine Politiker, wir sind keine Helden, wir taten etwas Anderes. SPRECHER Guido geht seiner wissenschaftlichen Arbeit als Archäologe nach, soweit möglich, sie ihrem Beruf als Schriftstellerin: Marie Luise Kaschnitz fängt die Stimmungen nach dem Krieg in ihrer Lyrik ein, fasst ihr Entsetzen in Worte. Sie beschreibt Ruinen und Zerstörung, Wohnungsnot, Leid. Ihr Gedicht-Band Totentanz bringt ihr die Bezeichnung Trümmerdichterin ein. O-TON (9) RAITZ Berühmt wurde sie nach ’45 in der deutschen Literatur zunächst für diese großen Zyklen, die das unmittelbare Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit thematisieren: Rückkehr nach Frankfurt ist vielleicht das berühmteste. Oder dann Die große Wanderschaft, die großen Flüchtlingszüge, der Hunger, das Elend, auch das grausame Verhalten zum Teil. SPRECHER Nach dem Krieg arbeitet sie in der Redaktion der neuen Zeitschrift Die Wandlung mit, übernimmt das Literatur-Ressort und empfiehlt Dichter*innen wie Paul Celan oder Gabriele Wohmann. Kaschnitz ist Mitglied des PEN-Clubs, tauscht sich mit Autor*innen der Gruppe 47 aus, schreibt viel, Gedichte und Essays. Das Papier ist knapp, mit Guido streitet sie um jedes Blatt, berichtet sie einem Freund. Sie pflegt einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Theodor W. Adorno und seine Frau sind enge Freunde, sie wohnen in der Frankfurter Nachbarschaft. Und dann, 1952, geht es wieder nach Rom! Guido wird Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts. Insgesamt verbringt Marie Luise Kaschnitz über zehn Jahre ihres Lebens in Rom, als ihre Herzlandschaft bezeichnet sie die Stadt. Es sind wohl die Gegensätze, die Kaschnitz so faszinieren: hier die sichtbare Vergangenheit, dort die lärmende Metropole; Schwermut neben Vitalität, unfassbare Schönheit neben sozialer Armut. Briefe aus dieser Zeit zeigen, wie gut es ihr in Italien geht. Später blickt sie zurück: O-TON (10) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Rom hat mich gewiss auch künstlerisch beeinflusst. Man lernt dort Geschichte und lernt, sich gegen die Geschichte zu wehren. Ich glaube, dass man vor allem sehen lernt. Man hat viele Impulse durch Augenfreuden, und weil das Leben sich zum großen Teil draußen, nicht in den Häusern abspielt, erfährt man auch viel von den Menschen, viel mehr als hier. ((SPRECHER In Rom ist Kaschnitz Teil eines deutschsprachigen Autoren- und Intellektuellen-Kreises und genießt das Leben in Italien. Sie lernt Ingeborg Bachmann kennen, mit der sie zeitlebens eng befreundet bleibt. Daneben trifft sie sich mit Kollegen wie Gustav René Hocke, Hermann Kesten, später auch mit Max Frisch und Luise Rinser. Als sensibel wird sie beschrieben, mit einem Gespür für besondere Situationen und Stimmungen. Eine Menschenfischerin sei sie, so Kaschnitz über sich selbst.)) O-TON (11) RAITZ Sie war eine ungeheuer gute Beobachterin und Zuhörerin und sie hat vieles aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz vor allem in die Erzählungen übernommen. Und sie beschreibt sehr genau, psychologisch korrekt, sehr psychologisch oft. Aber nie irgendwie verschwommen oder verrätselt, sie hat einen sehr direkten Stil, wenn man das sagen kann. Sie lässt oft die Handelnden erzählen, aber sehr oft, sicher Dreiviertel davon sind in der Ich-Form. SPRECHER So auch die Kurzgeschichte Das dicke Kind, mit der Marie Luise Kaschnitz viel Aufmerksamkeit erlangt. Die Erzählerin, voller Abscheu diesem trägen Kind gegenüber, folgt ihm dennoch neugierig nach draußen: ZITATORIN Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren. SPRECHER Dann, der Schreck: Das Kind bricht im Eis ein. Doch es gelingt ihm, sich selbst zu retten. Alles beobachtet von der Ich-Erzählerin: ZITATORIN Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich zusah, und jetzt hatte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wusste, ich brauche ihm nicht mehr zu helfen - ich hatte es erkannt . . . SPRECHER Denn die Erzählerin ist selbst das Kind. Marie Luise Kaschnitz hält sich einen Spiegel vor und verarbeitet ihre eigenen Erfahrungen aus der Kindheit. Dabei bewegt sich der Text zwischen Realität und Fiktion. 1961 bekennt sie: O-TON (12) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich halte die Geschichte Das dicke Kind für meine stärkste Erzählung, weil sie am kühnsten und am grausamsten ist. So grausam zu sein, konnte mir nur gelingen, weil das Objekt dieser Grausamkeit ich selber war. SPRECHER Hart und schonungslos gegenüber dem eigenen Ich, der eigenen Vergangenheit. Anderen Menschen hingegen begegnet sie aufgeschlossen und wohlwollend. Sie pflegt ihr großes Netzwerk von unterschiedlichen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. Immer wieder fördert sie junge Talente, etwa die Schriftstellerin Ingrid Bachér. 1952 wird ihr erstes Hörspiel gesendet, bis in die Siebziger Jahre folgen rund zwanzig weitere. Kaschnitz sagt, großes Vergnügen bereite ihr dabei die Arbeit am Dialog, der freie Umgang mit Ort und Zeit. Drei Jahre später, 1955, der Höhepunkt ihres Schaffens: Sie erhält den Georg-Büchner-Preis, viele weitere Auszeichnungen folgen. Spätestens jetzt hat Marie Luise Kaschnitz einen festen Platz in der literarischen Szene im Nachkriegsdeutschland. Dann ein großer Schicksalsschlag für sie: 1958 stirbt Guido. Zwei Jahre zuvor wurde bei ihm ein Hirntumor entdeckt, die Zeit bis zu seinem Tod ist zermürbend. ZITATORIN: KASCHNITZ/Dein Schweigen, meine Stimme Du entfernst dich so schnell Dein Schweigen Meine Stimme Dein Ruhen Mein Gehen Dein Allesvorüber Mein Immernochda SPRECHER Das Ende dieser glücklichen Beziehung stürzt sie in eine Krise, die auch in ihrem Werk als Zäsur zu erkennen ist. Viele Gedichte aus dieser Zeit haben den Tod, Trauer, Vergänglichkeit und Verlust zum Thema. Halt findet sie in der Familie, bei ihren Freunden, im Austausch mit Kolleg*innen. Langsam tastet sie sich ins Leben zurück. Ihr Interesse am Zeitgeschehen und an jüngster Geschichte wächst. Früher habe sie sich oft Guidos Meinung angeschlossen, berichtet Germanistin Brigitte Raitz: O-TON (13) RAITZ Sie hat sich erst nach seinem Tod politisch geäußert. Und dazu sagt sie: Der Liebe - das war so ihr Name für ihn - der Liebe hätte jetzt sicher den Kopf geschüttelt oder die Stirn gerunzelt. SPRECHER Zwischen Aufarbeitung der Nazi-Zeit, Wirtschaftswunder und Mauerbau taucht nun häufiger Gesellschaftskritik in ihren Texten auf. Sie hofft auf Veränderung und Aufbruch, wird politisch: O-TON (14) RAITZ Nicht nach außen, also sie tritt nicht mit Reden auf oder politischen Äußerungen wie vielleicht Walser oder Grass oder so Leute. Sie besucht zum Beispiel 1964 als eine der ganz wenigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen den Auschwitzprozess in Frankfurt und macht Notizen darüber. Und sie hat in Frankfurt (lacht) mit großer Sympathie den Häuserkampf der Studenten verfolgt. Ist wohl auch bei manchen Demonstrationen mitgelaufen und sie hat auch später immer vor ihrem Angst vor Atomschlag, vor der Umweltzerstörung gesprochen. SPRECHER Viele ihrer Texte sind zeitlos. Und doch sind die Romane und Essays, Kurzgeschichten und Gedichte jüngeren Leser*innen heute kaum noch bekannt. Gefragt, in welcher literarischen Form sie sich selbst am deutlichsten verwirklichen könne, antwortet Marie Luise Kaschnitz: O-TON (15) Kaschnitz/Interview Bienek, 1961 Ich glaube, im Gedicht. Ich will aber noch mehr und anderes sagen, als sich im Gedicht ausdrücken lässt. Die Kritik hat mich die längste Zeit nur als Lyrikerin gesehen. Tatsächlich setze ich mich mit Vorliebe zwischen alle Stühle insofern, als man meine Gedichte episch, meine Prosa lyrisch und meine dramatischen Versuche sowohl episch wie lyrisch nennt. SPRECHER Im Herbst 1974 soll Marie Luise Kaschnitz die Frankfurter Buchmesse mit einem Vortrag eröffnen. Der Titel: Rettung durch Phantasie, ein Plädoyer für die Lyrik. Dazu kommt es nicht mehr. Sie stirbt nach einem Badeunfall am 10. Oktober in Rom ((- in ihren Notizheften noch viele unverarbeitete Ideen)).

  16. Sind Erdbebenkatastrophen vermeidbar? - Der Tag davor...

    06.02.2024 · 22 Min.

    Viele Erdbebenkatastrophen würden weniger dramatisch ausfallen, wenn der Baubestand besser wäre. Wissenschaftler und Experten arbeiten an neuen Strategien für die gefährdeten Megacities der Welt. Autorin: Dagmar Röhrlich (BR 2016) Credits Autorin dieser Folge: Dagmar Röhrlich Regie: Dagmar Röhrlich Es sprachen: Dagmar Röhrlich, Lars Schmidtke Technik: Lewlin Rektenwald Redaktion: Sabine Straßer, Bernhard Kastner Im Interview: Tom Heaton (California Institute of Technology in Pasadena, CA); Martin Voss (Freie Universität Berlin); Jonathan Stewart (Universität von Kalifornien, Los Angeles, CA); Lothar Stempniewski (Karlsruher Institut für Technologie KIT); Hans Joachim Blass (Karlsruher Institut für Technologie, KIT); Carmen Sandhaas (Karlsruher Institut für Technologie KIT); Leonardo Seeber (Lamont-Doherty Earth Observatory in Palisades, NY); Werner Trieselmann (Center for Disaster Management and Risk - Reduction Technology in Potsdam) Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  17. Die Erde - Ein Planet in ständiger Bewegung

    06.02.2024 · 22 Min.

    Dass die Erde ein bewegter Planet ist, hat sich noch nicht lange im Bewusstsein ihrer menschlichen Bewohner verankert. Dass sie um die Sonne kreist - das ist seit der früheren Neuzeit bekannt. Autorin: Christiane Neukirch (BR 2013) Credits Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch Regie: Martin Trauner, Andreas Mangold Es sprachen: Sabine Kastius, Wolfgang Pregler Technik: Christiane Schmidbauer-Huber Redaktion: Bernhard Kastner Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Aufbau unserer Erde - Kruste, Mantel und Kern JETZT ANHÖREN Sonnen-Eruptionen - Wenn heiße Gase die Erde treffen JETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  18. Isaac Newton - Genie, Gelehrter, Wissenschaftler

    05.02.2024 · 22 Min.

    Isaac Newton brachte mit seinen Erkenntnissen Mathematik wie Physik maßgeblich voran. Doch der englische Universalgelehrte war auch schwierig, er lag mit Freunden und Kollegen ständig im Streit. Autor: Lukas Grasberger (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Stefan Merki, Carsten Fabian Technik: Susanne Harasim Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Florian Freistetter, Physiker und Autor „Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand"; Thomas Udem, Prof., Max-Planck-Institut für Quantenoptik; Stefan Zieme, Wissenschaftshistoriker und Physiker, HU Berlin; Stefan Geier, Astronom, Grantecan, La Palma Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK ZITATOR „Ich weiß nicht, wie ich der Welt erscheinen mag; aber mir selbst komme ich nur wie ein Bub vor, der am Strand spielt und sich damit vergnügt, ein noch glatteres Kieselsteinchen oder eine noch schönere Muschel als gewöhnlich zu finden - während das große Meer der Wahrheit gänzlich unerforscht vor mir liegt." SPRECHERIN Sätze, die so bescheiden wie weise klingen. Überliefert sind diese Sätze von Sir Isaac Newton, dem bereits wohlhabenden und anerkannten englischen Naturforscher und Philosophen, am Ende seines Lebens. Doch Isaac Newton, dieser strahlende Stern, Fixpunkt und Orientierung für Generationen nachgeborener Naturwissenschaftler, hatte auch eine dunkle Seite: Streitsucht, Egoismus und die Unfähigkeit, Kritik zu ertragen, standen Zeit seines Lebens seiner intellektuellen Brillanz entgegen. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN Der zwiespältige Charakter des 1643 geborenen Isaac Newton könnte in einer Kindheit begründet liegen, in der die unbeschwerten Momente am Strand wohl nicht die prägenden waren, mutmaßt der Physiker Florian Freistetter, der 2017 eine Biografie über Isaac Newton veröffentlicht hat. Musik aus O-Ton 1 Florian Freistetter, Autor „Newton: Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“ „...Man kann nur mit den biografischen Daten arbeiten, die´s gibt: Und da hat Newton tatsächlich eine schwierige Kindheit gehabt. Newton hat auch in seinen Tagebüchern geschrieben, wie schwer es für ihn war, mit seinem Stiefvater und seiner Mutter klarzukommen.“ Musik SPRECHERIN Er habe Mutter und Stiefvater Smith bedroht, sie samt ihrem Haus anzuzünden, notierte der junge Newton in seinem Tagebuch. Dieser Furor dürfte auch damit zu tun gehabt haben, dass seine Mutter und sein Stiefvater Isaac Newton zur Großmutter abgeschoben hatten. Ein traumatisches Erlebnis für das Kind sieht darin der US-Wissenschaftshistoriker Richard. S. Westfall. Wahrscheinlich sei es diese Abwesenheit an elterlicher Zuwendung gewesen, schreibt Westfall in seiner Newton-Biografie, welche ihn zu einer extrem neurotischen Persönlichkeit gemacht habe, die sich – zumindest in ihren mittleren Jahren – permanent am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegt habe. MUSIK SPRECHERIN Nach dem Tod des Stiefvaters kam der nunmehr zehnjährige Isaac zurück in sein Elternhaus im mittelenglischen Dorf Woolsthorpe. Die zweifache Witwe Newton – Isaacs Vater war bereits vor seiner Geburt gestorben – hoffte, der Sohn würde das familieneigene Bauerngut übernehmen. Doch längst hatte ein anderes Erbe das Interesse des Buben geweckt: Sein Stiefvater, ein Dorfpfarrer, hatte eine umfangreiche Hausbibliothek hinterlassen. Der kleine Isaac zog sich gerne in die Welt der Bücher zurück. Und während andere Kinder gemeinsam im Wald herumtobten, grübelte Isaac Newton über Konstruktionszeichnungen, entwarf eine Windmühle, die auch tatsächlich gebaut wurde, oder ließ - allein in seinem Zimmer – eine Maus eine Tretmühle antreiben. O-Ton 2 Freistetter „Man kann das schon so ein bisschen vergleichen auch mit diesem Klischee des sozial unfähigen Nerds, das ja heute immer noch in der Welt existiert“ SPRECHERIN ...sagt der Newton-Biograf Florian Freistetter. Als Naturwissenschaftler hält er wenig von allzu psychologisierenden Deutungen – zumal nach so langer Zeit. Vielmehr habe ein Zusammenspiel an äußeren Umständen und innerem Entdeckerdrang Isaac Newtons Lebensweg in eine bestimmte Richtung gelenkt. O-Ton 3 Freistetter „Diese große Neugier. Dass das dann noch durch die Isolation seines familiären Hintergunds vielleicht noch verstärkt wird. (…) Solche Charaktere, die vielleicht aus welchen Gründen auch immer ein bisschen Probleme haben mit der Gesellschaft, ein bisschen Probleme haben, sich anzupassen, die vielleicht eher allein sein wollen, ihr Ding machen: Die finden in der Wissenschaft, damals vermutlich, und heute immer noch, so ne Art geschützten Raum. Weil´s im Wissenschaftsbetrieb eben vor allem darauf ankommt, was man weiß.“ SPRECHERIN Der geschützte Raum, in dem Isaac Newton seine weitreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse ausbrüten konnte, sollte wiederum für mehrere Jahre ein Zimmer in seinem Elternhaus werden. Zwar durfte er – auf die Intervention eines Onkels hin – eine weiterführende Schule besuchen. Zwar absolvierte Newton die darauffolgenden drei Jahre ein Studium in Cambridge - doch bereits 1665 wurden Studenten wie angehende Akademiker in Zwangsurlaub geschickt. Die große Pest wütete - und der frisch gebackene Bachelor Newton kehrte in die ländliche Abgeschiedenheit seines Elternhauses zurück. Dort schloss er die Fensterläden, bohrte ein Loch hinein - und setzte ein Prisma so in den eindringenden Lichtstrahl, dass die Farben an der gegenüberliegenden Wand erschienen. MUSIK ZITATOR „Es war zuerst eine sehr angenehme Unterhaltung, die lebhaften und kräftigen Farben zu betrachten, die dadurch hervorgebracht wurden. Als ich sie aber nach einiger Zeit sorgfältiger beobachtete, erstaunte ich, dass ihre Form länglich war. Ich hätte erwartet, dass sie kreisförmig wäre Beim Nachmessen fand ich, dass dieses farbige Bild fünfmal länger war als breit. In mir erwachte das lebhafteste Verlangen, die Ursache dieses enormen Missverhältnisses zu entdecken.“ SPRECHERIN ...erinnert sich Isaac Newton ein paar Jahre später in seiner „Neuen Theorie über das Licht und die Farben“. Die Abhandlung enthält die Beweisführung, dass das weiße Licht – anders als bis dahin vermutet - aus einer Mischung von farbigem Licht besteht. Diese Erkenntnisse aus der Optik sollten später in Newtons gleichnamiges Hauptwerk zu diesem Thema einfließen. Besonders umstritten darin war die so genannte Teilchen-Theorie, erklärt der Münchner Physik-Professor Thomas Udem. O-Ton 4 Prof. Thomas Udem, Max-Planck-Institut für Quantenoptik „Newton war der Meinung, dass Licht aus Teilchen besteht. Er hat die „Korpuskeln“ genannt – und hat auch zum ersten Mal erklärt, dass weißes Licht zusammengesetzt ist aus farbigem Licht. (…) Und er hat sich das so erklärt, dass es verschieden große Korpuskeln gibt, die zu verschiedenen Farben gehören. Und das Gegenprogramm zu dieser Theorie sozusagen war die Wellentheorie. Also einige Leute haben geglaubt, dass Licht aus Wellen besteht – und nicht aus Teilchen, die durch die Gegend fliegen. Und das war quasi ein zwei, drei Jahrhunderte andauernder Disput“ SPRECHERIN Nicht hinreichend erklären konnte Isaac Newton mit seiner Teilchen-Theorie, dass sich zwei Lichtquellen unter bestimmten Bedingungen gegenseitig auslöschen - oder dass sich Licht in zwei Strahlen unterschiedlicher Polarisation aufspalten kann. Dies gelang erst dem englischen Augenarzt und Physiker Thomas Young. Aufgrund seiner Erkenntnisse setzte sich erst nach 1800 die Sichtweise durch, dass das Licht aus Wellen bestehe. O-Ton 5 Udem „Es hat dann noch sehr lange gedauert, bis sich die Wellentheorie über den Newton hinweggesetzt hat, und sehr stark etabliert hat. Der Grund war einfach Newtons unglaubliche Autorität.“ SPRECHERIN Welle – oder doch Teilchen? Endgültig entschieden scheint die Fragestellung, die Isaac Newton aufs Tapet der optischen Physik brachte, aber bis heute nicht. Thomas Udem: O-Ton 6 Udem „Ironischerweise muss man sagen, dass die Quantentheorie das wieder umgeworfen hat. Und die Quantentheorie beschreibt das Licht jetzt quasi als so ein Hybrid. Das ist quasi gleichzeitig ne Welle und ein Teilchen. Also man hat jetzt quasi einen Kompromiss gefunden...“ (lacht) SPRECHERIN Zu Kompromissen war Isaac Newton seinerzeit nicht bereit: Er ging seinem Erkenntnisdrang nach, koste es, was es wolle – auch um den Preis der eigenen Gesundheit, sagt der Buchautor Florian Freistetter. O-Ton 7 Freistetter Teil 1 „Jedes Mittel war Newton recht, um mehr über die Welt herauszufinden. Er war dabei rücksichtslos gegen andere – er war aber genauso rücksichtslos gegenüber sich selbst. Er hat eben auch vor Selbstversuchen nicht zurückgeschreckt: Eines der Dinge, die er herauszufinden wollte, war, wie das Auge funktioniert. Und Newton hat die Frage interessiert: Was passiert, wenn der Augapfel sich verformt? Wie ändert das den Sinneseindruck? Das wusste man nicht, Newton wollte das wissen – also hat er das einfach ausprobiert. MUSIK SPRECHERIN Mit einem Versuch, dessen Imitation man nicht empfehlen kann... Aber er zeigt beispielhaft, wie Newtons Erkenntnisdrang jegliche natürliche Vorsicht, Furcht und Panik überlagert. O-Ton 7 Freistetter Teil 2 Und zwar, indem er sich so ne dicke, stumpfe Nadel am Augapfel vorbei quasi ins Auge gestochen hat. Und dann von hinten mit dieser Nadel gegen seinen Augapfel gedrückt hat, um zu sehen, was passiert.“ ZITATOR „Es erschienen einige weiße, dunkle, farbige Kreise, die am deutlichsten waren, wenn ich mein Auge weiter mit der Haarnadelspitze rieb. Wenn ich hingegen Auge und Haarnadel stillhielt, aber weiter auf das Auge drückte, verblassten die Kreise und verschwanden oft, bis ich Auge oder Haarnadel wieder bewegte.“ MUSIK SPRECHERIN Trotz der Hartnäckigkeit dabei, Dinge experimentell zu erkunden, verlor sich Isaac Newton nie in Details, behielt stets den großen Zusammenhang im Blick. Hier ein theoretisches Problem – dort die praktische Lösung: Für Newton zwei Seiten derselben Medaille. So wurden zu seiner Zeit Teleskope zur Betrachtung von Sternen populär. Üblicherweise waren es Linsenteleskope, mit denen die Beobachter dabei gen Himmel blickten. Das Vergnügen dabei wurde indes getrübt durch störende, farbige Säume am Rande des Blickfelds. Diese Aberrationen traten auf, da die Linse die einzelnen Farben des Lichts unterschiedlich stark bricht. Ein Problem, das Isaac Newton wohl bekannt war, sagt der Physiker und Wissenschaftshistoriker Stefan Zieme. O-Ton 8 Stefan Zieme, Physiker und Wissenschaftshistoriker, HU Berlin „Das Newton-Teleskop trägt noch immer seinen Namen und ist ja von ihm 1668 bei der Royal Society vorgestellt worden. SPRECHERIN Das Prinzip des Newton-Teleskops ist so einfach wie bestechend: Das Licht wird durch zwei Spiegel durch den Tubus - die Röhre des Teleskops gelenkt. Teleskope, die das Licht nicht brechen, sondern mit Hilfe von Spiegeln reflektieren, sind heute weltweit im Einsatz, erklärt Stefan Geier, der als Astronom am Observatorium „Roque de los muchachos“ auf der Kanareninsel La Palma arbeitet. O-Ton 9 Stefan Geier, Astronom am Observatorium Roque de los muchachos“ „Am Ende vor dem Tubus ist eben der so genannte Hauptspiegel, der das Licht auffängt und reflektiert. Und weiter oben im Tubus sitzt dann der so genannte Sekundärspiegel drin, der das Licht dann aus dem Tubus rausreflektiert – und dort sitzt dann das Okular, wo man dann quasi durchschaut.“ SPRECHERIN Die großen Teleskope am Observatorium der Kanareninsel beruhen auf Weiterentwicklungen des von Newton genutzten Prinzips: Für den Physiker wie für den Astronomen Stefan Geier ist und bleibt Isaac Newton eine wichtige Referenz. O-Ton 10 Geier „Die ganze Himmelsmechanik - die Umläufe der Planeten im Sonnensystem – lässt sich sehr gut mit der Newtonschen Mechanik erklären. Auf der Erde haben wir die Anziehungskraft, die uns am Boden hält – und die ist wunderbar durch´s Newtonsche Gravitationsgesetz beschrieben. Auf der Erde funktioniert das wunderbar...die ganzen alltäglichen Dinge. Selbst die Statik von Gebäuden – das alles funktioniert nach den Gesetzen der Newtonschen Physik.“ O-Ton 11 Udem „F gleich M x A. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung...“ MUSIK SPRECHERIN ...fasst der Physikprofessor Thomas Udem das wohl bekannteste der drei Newtonschen Bewegungsgesetze in eine Formel. Grundlegende Gesetze zur Bewegung, die sowohl am Himmel, wie auch auf der Erde gültig sind: Damit bricht Newton mit der traditionellen, auf Aristoteles zurückgehenden Lehre. ATMO APFEL FÄLLT AUF WIESE O-Ton 12 Freistetter „Damals war´s durchaus noch normal, sich vorzustellen: Es gibt halt Kräfte, Physikgesetze, die auf der Erde wirken. Es gibt andere Gesetze, die im Himmel wirken. Und die haben erst einmal nix miteinander zu tun. Und was Newton gezeigt hat– und was wirklich seine große Leistung war, war zu zeigen, dass es wirklich so etwas wie universelle Gesetze gibt: Also ein Gesetz, eine Regel, eine Kraft, die überall gilt, die die gleichen Phänomene am Himmel wie auf der Erde beeinflusst. Das hat er aufgrund dieses Vergleichs: Also der Apfel, der von der Erde angezogen wird, Mond am Himmel – und allen Gedanken, die daraus gefolgt sind, abgeleitet.“ SPRECHERIN Da ist er endlich, der mythenumrankte Apfel - dessen Fall vom Baum Isaac Newton auf die Erdanziehungskraft gebracht haben soll. Newton selbst nährte diese Legende, indem er dem Autoren seiner Memoiren, William Stukeley, von der inspirierenden Kraft der Obstbäume im Garten erzählte. Dass Newton mit dem Apfel quasi der Erkenntnisblitz getroffen hat – diese populäre Variante der Geschichte hält Florian Freistetter für Unsinn: Auf seiner Professur für Mathematik, die Isaac Newton 1669 in Cambridge antrat, habe er seine Theorie zur Gravitation über Jahre hinweg entwickelt. Die Anekdote vom Apfel nährt außerdem das Bild vom genialischen Wissenschaftler, der alleine in seiner Kammer oder der Einsamkeit der Natur zu seinen Erkenntnissen gelangt. Auch das ist falsch, sagt der Wissenschaftshistoriker Stefan Zieme. Er beschäftigt sich an der Berliner Humboldt-Universität mit der Kultur- und Wissensgeschichte von Astronomie, Mathematik und Physik. Newton hatte gleichsam ein globales Informations-Netzwerk, erklärt Thomas Zieme. O-Ton 13 Stefan Zieme „Alle haben ne Abhängigkeit, und bewegen sich in nem Netz von Personen: Das sieht man auch an der „Principia“. Das Werk entsteht ja nicht aus der Luft. Newton beschreibt zum Beispiel, wie sich die Gezeiten überall auf der Welt verhalten. Wie ändern sich Pegelstände im Golf von Tomkin? Das ist irgendwo im südchinesischen Meer. Er kennt überall Leute. Er kennt Arthur Storer zum Beispiel, der in Amerika wahrscheinlich Baumwollplantagen besessen hat, und Arthur Storer schickt Newton astronomische Daten von der Beobachtung eines Kometen.(...) Die braucht er auch für seine Naturphilosophie, um Erklärungen für seinen mathematischen Kosmos zu finden. Das heißt, diese Daten können ihm nur zur Verfügung stehen, weil es eben auch ein expansorisches Verhalten des Britsh Empires gibt.“ MUSIK SPRECHERIN Um an Messwerte für die „Principia“ zu gelangen, an Daten, die sein Hauptwerk über die „Mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie“ untermauern, ging Isaac Newton absolut skrupellos vor. Seinem Kollegen Robert Hooke, der ihn in der Frage der Planetenbewegung erst auf die richtige Spur brachte, verweigerte Newton jede Anerkennung. Noch schlimmer erging es John Flamsteed – ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter Isaac Newtons in Sachen Mechanik. Der Hofastronom Flamsteed beobachtete im Gegensatz zum Theoretiker Newton ständig die Sterne, und führte darüber akribisch Buch. Ein wahrer Schatz an Daten, auf die Newton sofort und umfassend zugreifen wollte. O-Ton 14 Freistetter „Und Flamsteed wollte ihm die nicht direkt geben. Newton hat das aber nicht akzeptiert, der wollte die Daten sofort haben, und hat gesagt, frei übersetzt: Flamsteed, du hörst auf mit dem, was du jetzt machst du beobachtest für mich, du gibst mir meine Daten, und alles andere ist mir egal. (…) Newton hat sich, mit seinen Kontakten, die er zum Königshaus gehabt hat, zu einer Art Oberaufseher der Sternwarte ernennen lassen. Er hat dann Flamsteed unter Androhung der Verhaftung wegen Landesverrates gezwungen, seine Daten rauszugeben, hat Daten dann auch geklaut... Im Wesentlichen läufts darauf hinaus, dass Newton das Lebenswerk von Flamsteed, diesen Katalog, ruiniert hat.“ SPRECHERIN Bekannter als der Streit mit Flamsteed ist die Auseinandersetzung Isaac Newtons mit dem deutschen Mathematiker und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Diese sollte als „Prioritätsstreit“ in die Wissenschaftsgeschichte eingehen. MUSIK ZITATOR 1 Leibniz „Ich denke, es wäre ein lächerliches Schauspiel, wenn Gelehrte, die höhere Grundsätze vertreten als andere Menschen, sich wie Fischweiber gegenseitig beschimpften." SPRECHERIN ...schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahr 1700, der Nachstellungen durch Newton bereits überdrüssig. Wer hat nun die mathematische Methode der Infinitesimalrechnung wirklich erfunden? Eine Methode, mit der man zum Beispiel Flächeninhalte oder Volumeninhalte mathematisch exakt berechnen kann, auch wenn die Umrandung oder Oberfläche beliebig komplex ist. Ebenso kann man mit dieser Methode die Krümmung oder Neigung beliebig komplexer Oberflächen exakt berechnen. Für Isaac Newton war dieses Verfahren mehr als graue Theorie – es war sein wissenschaftliches Handwerkszeug. O-Ton 15 Udem „Für die Newtonsche Mechanik ist die Infinitesimalrechnung quasi maßgebend. Also ohne die kann man diese Theorien quasi gar nicht aufstellen. Das heißt, er musste quasi erst seine Mathematik erfinden, bevor er seine Theorien machen konnte.“ SPRECHERIN Mehrere Jahrzehnte tüftelte Isaac Newton an der Infinitesimalrechnung – seiner dritten großen Theorie neben derjenigen des Lichts und der Gravitationstheorie. Während sein Widersacher Leibniz die Überlegungen zum so genannten Calculus bereits im Jahr 1684 veröffentlichte, hielt Newton seine Erkenntnisse unter Verschluss. O-Ton 16 Freistetter „Erst später, als Newton dann schon sehr berühmt war, Präsident der Royal Society...also wirklich ein einflussreicher Mann war. Erst dann hat Newton diesen Priotitätsstreit wieder aufflammen lassen, hat Leibniz beschuldigt er hätte plagiiert, er hätte abgeschrieben...Selbst als Leibniz schon tot war, (...) hat Newton nochmal Veröffentlichungen geschrieben und nochmal quasi auf den toten Leibniz nachgetreten. Heute wissen wir: Newton war der Erste der das herausgefunden hat, aber Leibniz war der, der diese Mathematik wirklich auf eine Weise formuliert hat, die wirklich praktisch war. Also wenn wir heute Infinitesimalrechung betreiben, dann tun wir das so, wie Leibniz das damals entwickelt hat. Newtons Methode war nicht so leicht anwendbar, weil er sich keine Gedanken über die Öffentlichkeitsarbeit, über die Wirkung, über die Einsatzfähigkeit seiner Arbeit gemacht hat.“ SPRECHERIN Isaac Newton formulierte sogar absichtlich kompliziert, um sich nur mit echten Kennern der Materie auseinandersetzen zu müssen. Kritik, womöglich aus unberufenem Munde, fasste Newton als Beleidigung auf; Diskussionen mit Laien galten ihm als verschwendete Lebenszeit. Der Berliner Physiker Stefan Zieme konstatiert... O-Ton 17 Zieme „...dass Newton oftmals nicht daran interessiert war, minutiös alle seine Dinge zu erklären und sich in Debatten zu äußern, sondern eher diese Zeit für sich allein haben wollte. Vermutlich auch, um andere Interessen zu verfolgen: Um alchemische Experimente zu machen...“ MUSIK SPRECHERIN Naturforscher wie Newton gelangten zwar nach und nach an mehr Wissen, wie und warum sich Dinge bewegen. Woraus aber diese Dinge genau bestanden, lag für sie weitgehend im Dunkeln. Wie andere Wissenschaftler bediente sich auch Newton noch der Alchemie, um den „Stein der Weisen“ zu finden, der normales Metall in Gold verwandeln könnte. Vielleicht fühlte er sich deswegen 1695 bemüßigt, dem englischen Königshaus einen Rat zu übersenden, wie die Münzen des Empire fälschungssicher produziert werden können. Im Jahr darauf wurde Isaac Newton – wohl mit Hilfe von Beziehungen - zum Chef der Münzprägeanstalt ernannt. Doch statt sich auf diesem lukrativen Posten einen gemütlichen Lebensabend zu gönnen, peitschte er eine komplette Neuprägung der britischen Währung durch. Isaac Newton konnte auch in diesem Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte, nicht aus seiner Haut. Dies zeigte sich besonders bei seiner Jagd auf die berüchtigten Falschmünzer. O-Ton 18 Freistetter „Er hat da wirklich alles getan, er hat tagelang Leute verhört. Und am Ende sind die Leute zum Tode verurteilt worden. Natürlich haben viele dann auch Newton Petitionen geschrieben, Briefe geschrieben, ob man sie nicht vielleicht verschonen kann – was Newton aber komplett egal war. Jeden den er geschnappt hat: Die sind dann zum Tode verurteilt worden: Also auch da war er so rücksichtslos und hartnäckig, wie er in seiner wissenschaftlichen Arbeit war.“ MUSIK SPRECHERIN Von seinen Pflichten als Professor war Isaac Newton bereits 1701 zurückgetreten. Die wissenschaftliche Tätigkeit stellte er aber keineswegs ein: Newton wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 1727 als Präsident der Wissenschaftler-Vereinigung Royal Society. Das herrschaftliche Haus, das er in London bewohnte, beherbergte ein kleines Observatorium. Dort widmet sich der so unverträgliche wie tief religiöse Einzelgänger, der nie geheiratet hat, weiter seinen Studien – und wachte akribisch über sein wissenschaftliches Erbe. Newtons Vermächtnis für die Nachwelt ist umfangreich – und zum großen Teil immer noch für Forscher wie Praktiker relevant: Die Beschreibung der Schwerkraft, die neue Theorie des Lichts, die Entwicklung des Spiegelteleskops, wie wir es heute kennen: Der Wert von Isaac Newtons Werk für die Wissenschaft ist so unermesslich wie unbestritten.

  19. Der Vielfraß - Unerschrockener Marder des Nordens

    01.02.2024 · 23 Min.

    Vielfraße sind scheue Einzelgänger, die rund um den Polarkreis leben. Sie sind die größten der marderartigen Raubtiere und extrem geschickte Jäger. Jahrhundertelang wurden sie wegen ihres Fells gejagt, heute sind sie geschützt. Autorin: Brigitte Kramer (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Xenia Tiling, Friedrich Schloffer, Gudrun Skupin Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Eva Andersson (Biologin, Tierpark Nordens Ark, Schweden); Thomas Kaindl (Tierpfleger, Tierpark Hellabrunn, München); Doris Döppes (Paläontologin, Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim) Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Der Fischotter - Flinker Marder mit Schwimmhäuten JETZT ANHÖREN Linktipps: ARD alpha | Marder unterscheiden - Nerz, Mink, Iltis oder Hermelin? ZUR BILDERGALERIE ARD alpha | Nerz bedroht - Sein Fell und der Mink sind sein Verhängnis ZUM ARTIKEL Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 Vielfraß knurrt SPRECHERIN drüber Ganz schön wütend … ATMO 1 hoch SPRECHERIN … und ziemlich nah klingt dieser Vielfraß. Da möchte man nicht direkt dabeisein … lieber gemütlich von daheim aus zuhören, wie ein Mitarbeiter der amerikanischen Wolverine Foundation (sprich: Wulwerien) diesen wilden Burschen aufgenommen hat. Die Szene spielte sich in den tief verschneiten Cabinet-Mountains ab, einer Bergkette, die zu den Rocky Mountains gehört und zwischen Idaho und Montana im Norden der USA verläuft. ATMO 1 hoch SPRECHERIN Das ist richtige Wildnis. Die Kabinett-Berge gehören zu den so genannten Streetless Areas der USA: Gebiete ohne Straßen. BLENDE ATMO 1 / ATMO 2 Vielfraß knurrt, schnüffelt, tapst herum Und hier gibt es sie noch, neben Pumas, Grizzlybären und Wölfen: Die Vielfraße, Wolverines auf Englisch, Gulo gulo auf Lateinisch. ATMO 2 hoch SPRECHERIN Gebiete ohne Straßen bedeutet Gebiete ohne Menschen. Zu Gesicht bekommt man sie deshalb so gut wie nie, weder im Norden der USA, noch in Kanada, Russland oder Skandinavien, wo sie auch leben. Vielfraße sind Einzelgänger. Und sie sind bestens angepasst an die harte Wildnis des Nordens. ATMO 2 hoch etwas stehen lassen, dann BLENDE MUSIK 1 ruhig, etwas düster SPRECHERIN Vielfraße sind unglaublich kräftig und ausdauernd. Und sie sind geschickt und schlau. Sie sind etwa so groß wie Bärenjunge, mit denen sie aus der Ferne verwechselt werden können. Schaut man sich Fotos, Zeichnungen oder Videos aber genauer an, stellt man aber fest: Vielfraße haben nichts Niedliches an sich. Sie haben ein dichtes, langes, dunkles Fell, einen buschigen Schwanz, auffallend große Pfoten, einen kleinen, gedrungenen Kopf mit kleinen Ohren und Augen und stumpfer Schnauze. Sie haben starke Zähne und sehr starke Kiefer. Vom Kopf bis zum Hinterteil können sie einen Meter lang werden, dazu kommen dann nochmal rund 20 Zentimeter Schwanz dazu. Normalerweise wiegen sie um die 15 Kilo. BLENDE MUSIK 1 / ATMO 3 Vielfraß aufgeregt. SPRECHERIN Vielfraße gehören zu den marderartigen Tieren, sind also mit unseren Mardern verwandt, nur viel größer. Auch sie sind nervöse Schnüffler, bewegen sich schnell, werden aufgeregt, wenn ihre Nase etwas entdeckt hat. ATMO 3 etwas stehen lassen, dann BLENDE ATMO 4 Vielfraß frisst Karibu SPRECHERIN … zum Beispiel ein unter einer Lawine begrabenes Karibu – tiefgefroren. ATMO 4 hoch SPRECHERIN Vielfraße halten keinen Winterschlaf. Sie sind das ganze Jahr aktiv, ja sie bevorzugen sogar geschlossene Schneedecken, denn dank ihrer breiten Pfoten können sie sich darauf wie in Schneeschuhen fortbewegen, in einem galoppierenden, sehr leichtfüßig wirkenden Lauf. Sie sinken nicht ein! Und mit den kräftigen Pfoten können sie im tiefen Schnee nach Nahrung graben, denn ihre Spürnase verrät ihnen schon aus großer Distanz, wo ein Happen vergraben liegt – erfrorene Karibus oder Rentiere zum Bespiel. Die steinharten Kadaver zerlegen sie dann mit ihren überaus kräftigen Kiefern. BLENDE ATMO 4 hoch / MUSIK 1 SPRECHERIN Karibus und Rentiere sind mit den Hirschen verwandt und leben rund um den Polarkreis in halbwilder Haltung. Das heißt, die Herden bewegen sich frei, werden aber mehrmals im Jahr von ihren Besitzern eingefangen, um Schlachttiere auszusuchen oder um junge und kranke Tiere zu versorgen. SPRECHERIN … und hier tritt der Vielfraß, der auch lebende Tiere erlegen kann, in Konflikt mit den Menschen. Vielfraße bringen sich auf Ästen in Position und stürzen sich dann von oben auf vorbeiziehende Rentiere oder Karibus, die viel größer sind als sie. Oder sie töten die Huftiere nach ermüdenden Verfolgungsjagden über die verschneite, offene Tundra durch einen ATMO 4 kurz hoch gezielten-Biss-ins-Genick. MUSIK 1 SPRECHERIN Die meisten Menschen mögen die Vielfraße nicht. Jahrhundertelang haben sie sie gejagt, mit Fallen, Speeren oder Gewehren, weil sie Tiere fressen, an denen auch der Mensch Interesse hat. Und wegen ihres dichten, warmen Pelzes. MUSIK 1 SPRECHERIN Heute sind Vielfraße vom Aussterben bedroht und stehen deshalb unter Schutz. Der Konflikt mit dem Menschen scheint gelöst zu sein, zumindest in Schweden, wie Eva Andersson vom Tierpark Nordens Ark weiß: O-TON 1 Eva Andersson In Scandinavia, the wolverine its like a ... SPRECHERIN: OV-weiblich In Skandinavien hat der Vielfraß den Ruf eines zerstörerischen Teufels. Besonders das Samen-Volk, das Rentiere züchtet, will ihn nicht in seinem Lebensraum haben. Aber die schwedische Regierung zahlt den Leuten in ihren Dörfern Geld, damit sie die Fleischfresser in ihrer Gegend tolerieren. SPRECHERIN Andersson schätzt, dass es in Schweden und Norwegen noch rund tausend Vielfraße gibt, in Finnland leben rund 300 Tiere. Sie laufen in den nördlichen, unbewaldeten und gebirgigen Landesteilen über die Grenzen hinweg weit herum, auf der Suche nach Futter oder Geschlechtspartnern. O-TON 2 Eva Andersson Now, the have moved for the south ... SPRECHERIN: OV-weiblich Jetzt ziehen sie auch nach Süden, in die Wälder. Das ist gut für die Samen, dann gibt es keine Konflikte. Wahrscheinlich sind sie einfach nach Süden gezogen, weil wir sie gelassen haben. Und wohl auch wegen des Futters. Sie fressen ja auch Aas und folgen gerne Wolfsrudeln, von denen sie die Reste fressen. Vielfraße sind immer in Bewegung, sie laufen sehr viel. 30 Kilometer am Tag, das ist für sie ganz normal. SPRECHERIN Dementsprechend gedrungen und muskulös ist ihr Körper. Sie gehören neben Luchsen, Bären und Wölfen zu den vier großen Fleischfressern des Nordens. Gibt es in einem Landstrich Wölfe, überleben dort die Vielfraße leichter. Die beiden sind zwar nicht verwandt – obwohl der englische Name Wolverine, „kleiner Wolf“, darauf schließen ließe –, aber Vielfraße und Wölfe gehören immerhin beide zur Überfamilie der hundeartigen Raubtiere, im Gegensatz zu den Raubkatzen. Eva Andersson: O-TON 3 Eva Andersson I mean woolfs hunt in packs … SPRECHERIN: OV-weiblich Wölfe jagen im Rudel, so können sie viele Rentiere auf einmal erlegen. Vielfraße reißen nur eins, sie jagen allein. Aber sie treiben die Rentier- oder Schafherden auseinander. Und wenn sie dabei die Gelegenheit haben, mehrere Rentiere zum Beispiel zu erlegen, dann nehmen sie das Fleisch mit. Sie sind ja sehr aktive Tiere, das heißt, sie brauchen eine Menge Energie. Sie verstecken das Fleisch dann, für spätere Zeiten, man weiß ja nie, wann man wieder an Futter kommt. Im Winter sind sie gute Jäger, weil sie über den Schnee laufen können. Aber im Sommer ist es nicht so einfach. Sie verstecken das Fleisch dann, zerkleinern die Rentiere und vergraben die Teile im Schnee oder in der Erde. SPRECHERIN Vielfraße können in den Herden also auch großen Schaden anrichten. Bei den Samen, dem indigenen Volk Nordeuropas, das von der Rentierzucht lebt, sind deshalb viele Legenden um das „böse“ Tier entstanden, die heute alle Schweden kennen: O-TON 4 Eva Andersson In Sweden we call them … SPRECHERIN: OV-weiblich In Schweden heißt er Järv (sprich: Sherrew), das bedeutet furchtlos, oder mutig. Wir haben viele Vielfraß-Legenden. Eine besagt zum Beispiel, dass wenn eine Bärin vier Junge bekommt, dann ist das vierte ein Mörder-Bär. Damit ist der Vielfraß gemeint. SPRECHERIN Obwohl Vielfraße in Nordeuropa heimisch sind, ist ihr Image in Skandinavien bis heute eher von Legenden als von echten Erlebnissen mit den Tieren geprägt. O-TON 5 Eva Andersson Scandinavian people is normaly in the nature al lot ... SPRECHERIN: OV-weiblich Skandinavier verbringen eigentlich viel Zeit in der Natur, aber die Vielfraße meiden die Menschen. Um Skigebiete oder Gegenden, wo die Leute mit Schneemobilen unterwegs sein, machen sie einen großen Bogen. Das heißt, fast niemand hat sie je in echt gesehen, und auf Fotos wirken sie oft größer, als sie sind. Und weil sie so große Pfoten haben, denken viele, da war der Schneemann unterwegs (lacht). Ja, das ist auch eine Legende: Der Vielfraß ist vielleicht der Schneemann. SPRECHERIN Die Pfotenabdrücke lassen also auf eine falsche Körpergröße schließen. Die schwedische Biologin Eva Andersson ist im Zoo Nordens Ark für Vielfraße zuständig. Und sie leitet im Europäisches Erhaltungszuchtprogramm die Zucht der Vielfraße in Gefangenschaft. Genetische Vielfalt und Arterhalt stehen dabei im Vordergrund. 140 Vielfraße leben derzeit in europäischen Zoos. In Gefangenschaft können sie bis zu 20 Jahre alt werden, in der Wildnis sterben sie deutlich früher. Bei Besuchern sorgen sie immer wieder für Überraschungen: O-TON 6 Eva Andersson Some people think there are bear pups ... SPRECHERIN: OV-weiblich Manche halten sie für Bärenjunge, wenn sie sie zum ersten Mal in echt sehen. Sie können nicht fassen, wie klein sie sind. Die Pfleger gehen problemlos zu ihnen ins Gehege, viele halten sie ja für gefährlich und denken, sie können dich töten. Sie haben einen wirklich schlechten Ruf! Dabei sind sie normalerweise freundlich und überhaupt nicht aggressiv. Neugierig, ja, das sind sie. SPRECHERIN … und gelehrig, wie Eva Andersson weiß: O-TON 6a Eva Andersson A lot of zoos around Europe … SPRECHERIN: OV-weiblich Viele Zoos trainieren mit ihnen. Sie lernen, ihre Pfoten herzuzeigen, oder ihr Maul zu öffnen. Manche lassen sich sogar Spritzen geben, wenn sie geimpft werden müssen oder für Blutproben. MUSIK 3 stehen lassen / Neuer Aspekt SPRECHERIN Auch Lena und Mo sind neugierig und gelehrig. Das Vielfraß-Pärchen lebt im Münchner Tierpark Hellabrunn. Bislang ohne Nachwuchs. Die Fortpflanzung der Tiere ist ungewöhnlich, auch ein Zeichen der Anpassung an Extrembedingungen: Die Paarung ist im Hochsommer, das befruchtete Ei ruht dann wochenlang im Uterus, es entwickelt sich erst am Winteranfang. Ein bis drei kleine Vielfraße kommen dann im März oder April zur Welt, ihre ersten Lebensmonate fallen also mit der warmen Jahreszeit zusammen. Die Weibchen tragen nur alle zwei Jahre Junge aus und ziehen den Nachwuchs alleine auf. Die können deshalb recht lang bei der Mutter bleiben, ein bis eineinhalb Jahre. In Hellabrunn hat die Zucht leider noch nicht geklappt, obwohl sich Lena und Mo schon mehrmals gepaart haben. BLENDE MUSIK 3 / ATMO 5 Gehege Regen Heute steht ihnen der Sinn nach etwas Anderem. Es ist ja auch Winter – keine Paarungszeit. Am Vormittag sind sie besonders aktiv, wie Tierpfleger Thomas Kaindl erzählt. Es sind schöne Tiere. Imposant ist ihr langes, dichtes Fell. Und nein, Vielfraße sind nicht niedlich. Aber sie sind in ihrer Emsigkeit sehr sympathisch. Kein Vergleich zu den benachbarten Raubkatzen, die meistens nur irgendwo herumliegen und Energie sparen. ATMO 5 BLENDE MUSIK 3 / ATMO 5 Gehege Regen SPRECHERIN … der strömende Regen scheint sie null zu stören. Die Tropfen perlen einfach an ihrem dunkelbraunen Fell ab. ATMO 5 hoch O-TON 7 Thomas Kaindl Sie sind sehr gesellig untereinander, wir haben hier ein sehr harmonisches, ein sehr junges Pärchen auch, mit acht Jahren, was sehr viel miteinander macht. Die auch sehr viel miteinander spielen, wo‘s auch immer wieder Reibereien gibt, wie bei uns Menschen auch, sag i mal. Die den ganzen Tag auch immer wieder beschäftigt sind, Futter zu suchen. Die Nase ist stark in Beanspruchung den ganzen Tag, a di Pfoten, weil sie sehr viel mit den Pfoten machen, das heißt sie tasten ab, wie ist der Boden, buddeln sehr viel, des sieht ma auch hier, wenn man von außen schaut. Diese ganzen Löcher die hier sind, des ham alles die Vielfraße g‘macht. Des machen die wirklich in Nullkommanix. ATMO 5 hoch SPRECHERIN Wir stehen außen am Maschendraht, ganz nah dran. Das Mikrofon hat einen großen Windschutz aus langhaarigem Kunstfell. Einer der beiden Vielfraße kommt im Gehege heran und beäugt und beschnüffelt die Situation von der anderen Seite des Maschenzauns. Das haarige Mikro scheint er irgendwie interessant zu finden. O-TON 8 Thomas Kaindl Der ist natürlich jetzt neugierig, weil hier jemand steht und schaut, und i hab ja vorher s‘Gehege a saubergmacht, wir müssen auch die Kotstellen reinigen, weil die natürlich sehr viel Kot machen, weil sie an hohen Stoffwechsel haben, die sind sehr aktiv, das heißt, da kommen andere Gerüche rein und die schauen natürlich, was i g‘macht hab. Wir füttern sehr viele Knochen und die Knochenstücke bleiben über, und die verbuddeln se. Hin und wieder räumen wir halt wieder was raus und da schaut er halt, ob ma net alle g‘fundn ham, ob ma a paar vergessen ham, dann buddelt er‘s wieder aus, wenn er weiß, dass ich drin war und sucht wieder an neuen Platz. ATMO 5 hoch SPRECHERIN Haben Vielfraße also einen Ordnungssinn, oder wollen sie ihre Vorräte vielleicht vor Thomas Kaindl verstecken? O-TON 9 Thomas Kaindl Das liegt immer im Auge des Betrachters (lacht) …. ATMO 5 hoch SPRECHERIN Thomas Kaindl geht jeden Tag zu Lena und Mo ins Gehege, zum Saubermachen, zum Füttern und zur Unterhaltung. Denn für einen Vielfraß gibt es nichts Schlimmeres als sich zu langweilen. Kaindl lässt sich immer wieder was Neues einfallen: O-TON 10 Thomas Kaindl Mia ham verschiedenste Gerüche, Lebkuchen und Nelkengewürz da fahren alle Raubtiere sehr stark drauf ab, auch n Parfüm, wir haben mittlerweile ne halbe Parfümerie bei uns hinten, wo uns die Leut schenken, wo se nimmer brauchen, des verstreuen ma im Gehege, da reiben sie sich dran, da wird dann drüber markiert, oder ganz klassisch an Karton, wo dann a bissl a Futter mit drin ist, mia ham so Lochkugeln, wo‘s Futter rausfällt, mir hängen an den Bäumen mal was auf … ATMO 5 hoch SPRECHERIN Und jetzt muss Thomas Kaindl – er muss es ja wissen – die Frage nach dem Namen beantworten. Heißen Vielfraße so, weil sie viel fressen? O-TON 11 Thomas Kaindl Also der Name hat nix mit der Ernährung zu tun, das ist eine falsche Übersetzung. Des kommt aus dem Skandinavischen, Viel Frett, das heißt eigentlich Felsenkatze, man hat‘s mit Vielfraß übersetzt. Aber sie fressen schon relativ viel, also, die ham ein Körpergewicht, der große Mann, der Mo, wiegt so 16 Kilo und sie kriegen schon ein bis zwei Kilo. Wenn ma des umrechnet: Der Tiger wiegt 170 Kilo und bekommt am Tag so 7 bis 8 Kilo. Im Vergleich zum Körpergewicht fressen die dann deutlich mehr wie a große Katze. Aber jetzt kein Vielfraß in dem Sinn, dass sie bis zum Zerplatzen fressen. ATMO 5 hoch SPRECHERIN Vielfraße fressen also auch in Gefangenschaft nicht mehr, als sie brauchen. Ihren verfressenen Ruf haben sie wohl auch aus dem Nachschlagewerk „Brehms Tierleben“, erstmals erschienen in den 1860er Jahren. BLENDE ATMO 5 / ATMO 4 hoch Zum Vielfraß schreibt der Naturforscher und Zoologe Alfred Brehm Folgendes: ZITATOR drüber „Der Name Vielfraß wurde mir, als ich sie zum ersten Mal füttern sah, urplötzlich verständlich. Winselnd, heulend, knurrend, kläffend, zähnefletschend und sich gegenseitig mit Ohrfeigen und anderweitigen Freundschaftsbezeugungen bedenkend, rennen sie wie toll und unsinnig im Käfig umher, gierig nach dem Fleisch blickend. Der unstillbare Blutdurst der Marder scheint bei ihnen in Fressgier umgewandelt zu sein.“ ATMO 4 kurz hoch, dann BLENDE MUSIK 1 ((SPRECHERIN Es stimmt schon: Zurückhaltend hört sich das nicht an. Auch sein wissenschaftlicher Name Gulo gulo verweist auf das lateinische Gula, Genusssucht. Aber Fressgier, Blutdurst oder gar Völlerei sind nichts als menschliche Phantasien. Der Schweizer Naturforscher Conrad Gessner hat in seinem Werk Historia animalium Mitte des 16. Jahrhunderts auch zum Vielfraß einen Eintrag verfasst, in dem er berichtet, das Tier fresse sich erst voll, dann zwänge es sich zwischen eng nebeneinanderstehenden Bäumen durch, um den Darminhalt möglichst rasch wieder loszuwerden und um danach weiter zu fressen. Auch vor menschlichen Leichen mache der Gierschlund nicht Halt, heißt es.)) BLENDE MUSIK 1 / MUSIK 2 Neuer Aspekt SPRECHERIN Woher hat Brehm ((Gessner)) seine Erkenntnisse? Vielleicht hat er die Tiere beobachtet, als sie noch in Mitteleuropa gelebt haben? Wohl kaum. Denn der Vielfraß ist bei uns viel, viel früher verschwunden. Knochenfunde belegen, dass es einmal viele Vielfraße in Mitteleuropa gegeben hat, und zwar während der letzten Eiszeit, der Würm-Eiszeit. Reste von 188 Exemplaren wurden bis jetzt gefunden, in den Alpenländern und in Belgien, Spanien, Ungarn und Kroatien, in der Slowakei und in Slowenien. Sie zeigen, dass die Tiere damals etwa 15 Prozent größer waren als heute. Auch in Bayern gab es Vielfraße, ihre Reste wurden in der Zoolithenhöhle und der Moggaster Höhle bei Forchheim in Oberfranken entdeckt und in den Weinberghöhlen bei Rennertshofen im oberbayerischen Landkreis Neuburg-Schrobenhausen. Die meisten Vielfraß-Knochen stammen aus der Zeit um 18.000 vor Christus, andere vom Ende der Kälteperiode, um 14 bis 10.000 vor Christus. MUSIK 2 hoch Doch warum leben heute keine Vielfraße mehr in Mitteleuropa? Das Klima spielt wohl eine wichtige Rolle. Es war kalt damals in Mitteleuropa – genau richtig für den Vielfraß. Auch Rentiere lebten bei uns, und an die war der Vielfraß schon damals gebunden. Eine Theorie lautet, dass mit dem Rückzug der Beutetiere nach Nordeuropa am Ende der Eiszeit auch der Vielfraß verschwand. Er ist ihnen nachgewandert. MUSIK 2 hoch Eine andere Theorie vertritt die Wiener Paläontologin Doris Döppes: O-TON 12 Doris Döppes Die Interpretation geht jetzt in die Richtung, dass der Vielfraß rund um die Alpen, sag ich jetzt mal groß, Mitteleuropa, ausgestorben ist, nämlich, dass es verschiedene Unterarten waren und der heutige Vielfraß nicht aus den Alpen kam, sondern dass die dort ausgestorben sind, dieser Genpool, und die neue Einwanderung über Nordamerika beziehungsweise Asien kam. Die haben auch den gleichen Genpool. Also zirkumpolar ist der Vielfraß ein Genpool. SPRECHERIN Doris Döppes hat insgesamt acht Vielfraß-Skelette gefunden. Das erste sozusagen aus Versehen, während sie in der Salzofenhöhle in der Steiermark nach Resten von Höhlenbären suchte: O-TON 13 Doris Döppes Die liegt auf 2.500 Meter Seehöhe, aber es war nicht möglich an das Material der Höhlenbären dieser Höhle zu kommen, die Knochen waren verschollen. Aber es wurde ein fast vollständiges Vielfraßskelett gefunden. Das ist ein Schachtfund. Also das Tier dürfte in einen Schacht gefallen sein und dort verendet. Ein Unfall. Sicher angezogen von toten Tieren. Und er ist ja sehr neugierig. SPRECHERIN Döppes hat das Skelett genau untersucht und sich dann im Laufe der Jahre auf den Eiszeit-Vielfraß spezialisiert: O-TON 14 Doris Döppes Er wird auch oft übersehen, wenn man die Knochen durchsieht. Er hat aber sehr typische Merkmale an den Knochen. Manchmal hab ich neue Knochen gefunden, die zum Vielfraß gehören, manche waren aber auch falsch bestimmt. Er kann leicht verwechselt werden mit dem Wolf. SPRECHERIN: Oder mit dem Bären ... O-TON 14a Doris Döppes ... es sind ja beides Raubtiere, beide sind Allesfresser im Großen und Ganzen und dadurch sind sich die im Körperaufbau ähnlich. Und das Spannende war eben, dass in Unterkiefer auffallend war, zu den heute lebenden Vielfraßen, dass der letzte Molar, also der zweite Molar fehlte. SPRECHERIN: Er hatte einen Backenzahn weniger als seine heutigen Artgenossen. Ein Indiz dafür, warum die eiszeitlichen Vielfraße ausgestorben sind? Konnte er nicht so gut kauen, oder bestimmte Nahrung nicht gut kauen? O-Ton 15 Doris Döppes Für die pflanzliche Ernährung sind breite Zähne und mehr Zähne, sagen wir auch so, von Vorteil. Und der Vielfraß hat ein typisches Raubtiergebiss, also mit einer Brechstange wie man‘s vom Löwen vielleicht kennt, teilweise auch vom Hund, und auch von der Hyäne. Die Hyäne ist angepasst an Knochen-Zerbrechen und das ist auch beim Vielfraß sichtbar. Der Vielfraß hat eine sehr starke Beißkraft im hinteren Bereich. SPRECHERIN Auf die Frage, ob das Gebiss mit dem Aussterben zu tun hat, gibt es noch keine schlüssige Antwort. Wie auch bei vielen anderen Eiszeit-Säugetieren: O-TON 16 Doris Döppes Er gehört zur damaligen Fauna, zu dieser Kältefauna. Wie das Mammut, Wollnashorn, Höhlenlöwe, Höhlenbär, Rentier, Pferd. Ja, manche sind ausgestorben zu unterschiedlichen Zeiten, der Höhlenbär ist ausgestorben, der Höhlenlöwe, die Höhlenhyäne, das Mammut, Riesenhirsch ist ausgestorben. Manche sind noch da wie zum Beispiel der Wolf. Hirsch hat‘s damals gegeben und gibt‘s heute auch noch. Aber Moschusochse gibt‘s auch noch, das Pferd mehr oder weniger, das Rentier, der Vielfraß… SPRECHERIN Könnte er nicht wieder zurückkommen, so wie auch Wölfe oder Bären wieder in Mitteleuropa leben? O-Ton 17 Doris Döppes Also er braucht geschlossene Wälder und die sind in Europa einfach nicht vorhanden. Und wenn man sieht, was jetzt mit Luchs, Wolf etc. oder auch Rothirsch in Europa abgeht, macht‘s keinen Sinn und ist auch nicht zielführend. Eventuell wandert er von selber, so wie ein Wolf oder ein Bär oder ein Luchs. Aber der Fall ist überhaupt nicht gegeben. Also es gibt überhaupt keine Tendenzen, dass der Vielfraß hier südlich abwandert aus Skandinavien oder auch nicht vom Osten rein, von Russland. SPRECHERIN Vielleicht kommt er doch irgendwann zurück, wenn Europa mehr Wildnis zulässt und grüne Korridore heimischen Säugetieren mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen? Bis dahin können wir ihn leider nur im Tierpark erleben, den rauen Gesellen aus dem Norden.

  20. Agnes Heller - 'Du hast immer die Wahl!‘

    31.01.2024 · 24 Min.

    Verfolgt von den Nationalsozialisten, bedroht von den Kommunisten: Die ungarische Jüdin Agnes Heller hat sich zeitlebens als Philosophin der Freiheit und politische Kämpferin für Demokratie gesehen. Autorin: Daniela Remus (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling, Hemma Michel, Peter Veit Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Csaba Olay, Philosoph, Eötvös Loránd Universität Budapest; Dr. Ludger Hagedorn, Philosoph, Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien; Dr. Georg Hauptfeld, Historiker, Edition Konturen Verlag, Wien Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Literaturtipps: Heller, Agnes: Eine kurze Geschichte meiner Philosophie. Edition Konturen, Wien 2017. Hauptfeld, Georg: Der Wert des Zufalls. Agnes Heller über ihr Leben und ihre Zeit. Edition Konturen, Wien 2018. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo (Tagesschau Jingle dann Ausschnitt 2. Mai 1989) „Ungarn hat heute damit begonnen, die seit 40 Jahren zu Österreich bestehenden Grenzbefestigungen abzubauen. Auf mehreren Kilometern wurden elektrische Signalanlagen demontiert und Stacheldraht niedergerissen.” MUSIK 1: Z8035223303 John Frizell: Frank’s Parents 0‘37 Sprecherin: Am 2. Mai 1989 beginnt Ungarn als erstes osteuropäisches Land, den sogenannten ‚Eisernen Vorhang‘, Stück für Stück zu öffnen. Was danach folgt ist allgemein bekannt: Tausende Flüchtlinge verlassen über Ungarn die DDR. Nach und nach löst sich ein Land nach dem anderen aus der sowjetischen Umklammerung. Freies Umherreisen zwischen Ost und West ist wieder möglich. Und davon machen auch viele Emigranten Gebrauch, die Jahrzehnte vorher in den Westen geflohen waren. So wie die ungarische Philosophin Agnes Heller. Take 1 (O-Ton Hagedorn) Sie liebte das Land, sie liebte die Sprache. Ich bin eine ungarische Jüdin und ich liebe die ungarische Sprache! Ist der Satz, den sie immer wieder gesagt hat, das war wichtig für sie. MUSIK 2: Z8035223304 John Frizell: The Blackouts 0‘37 Sprecherin: Agnes Heller kehrt voller Freude und Enthusiasmus nach jahrzehntelangem Exil zurück nach Ungarn, erzählt Ludger Hagedorn, Mitarbeiter am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Und begleitet in den kommenden Jahrzehnten kritisch und meinungsstark die Entwicklung der ungarischen Gesellschaft. Für viele Intellektuelle wird sie so zur Grande Dame der ungarischen Philosophie, für viele Konservative und Rechte dagegen wird sie eine verhasste politische Kommentatorin. Take 2 (O-Ton A. Heller) Das ist meine wichtigste Geschichte, die einzige kontinuierliche Geschichte, ich habe sehr viele Geschichten, ich kann schreiben die Geschichte meiner politischen Engagements, die Geschichte meiner Lieben, sehr viele Geschichten hat man doch … Sprecherin: Erzählt Agnes Heller 2017 in einem Interview mit Ludger Hagedorn im Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Take 3 (O-Ton A. Heller) Aber das ist die einzige kontinuierliche Geschichte, das ist meine Lebensgeschichte, das ist wichtigste Sache in meinem Leben, dass ich eine Philosophin geworden bin und auch geblieben bin! MUSIK 3: ZE002570106 Bela Bartok (Corinna Simon): Spottlied 0‘20 Sprecherin: 1929 wird Agnes Heller in Budapest geboren, als Tochter assimilierter jüdischer Eltern. Ihr Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter Hutmacherin. Kultur, deutsche und ungarische Literatur, Philosophie und Musik sind wichtig im Hause Heller, auch wenn es der Familie finanziell nicht besonders gut geht. Agnes Heller ist ein wissbegieriges Kind, spricht und liest Deutsch und Ungarisch, schreibt Geschichten und diskutiert mit ihrem Vater stundenlang über Politik, schreibt sie in ihren Erinnerungen Der Wert des Zufalls: Zitatorin: „Meine Kindheit war sehr glücklich, meine Eltern verstanden sich wunderbar. Wir waren wirklich arm, es kam vor, dass wir kein Mittagessen hatten. Gehen lernte ich sehr langsam, als ich ein Jahr alt war, konnte ich noch immer nicht richtig laufen. Sprechen konnte ich schon mit neun Monaten, und seither habe ich damit nicht mehr aufgehört.” (S. 11 Zufall) MUSIK 4: Z803522330 John Frizell: Edgewood Arsenal 0‘35 Sprecherin: Ungarn ist damals ein wirtschaftlich erschöpftes und politisch zerstrittenes Land: Nach dem Ersten Weltkrieg, den es an der Seite von Österreich verloren hat, sind rund zwei Drittel seines Territoriums durch die Friedensverträge verloren. Millionen von Ungarn leben in den angrenzenden Ländern. Die kommunistische Räterepublik wird von einer rechten Regierung abgelöst, die diese Folgen rückgängig machen will und sich deshalb mit den Nationalsozialisten verbündet. Atmo (Musik aus Wochenschau G0028030Z00 Deutsch Wochenschau-Fanfaren von 1945) Sprecherin: Aber das Bündnis endet 1944. Weil die Ungarn, die, Zitat „ jüdische Frage” nicht im Sinne der Nationalsozialisten lösen, marschiert die Wehrmacht ins Land. Agnes Heller, mittlerweile 15 Jahre alt, lebt mit ihrer Familie im Budapester Ghetto, als der Vater von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert wird. Dort stirbt er Anfang 1945. Agnes und ihre Mutter sollen mitten in Budapest am Ufer der Donau mit Tausenden anderer ungarischer Juden erschossen werden. Aber durch glückliche Umstände und Zufälle, gelingt ihr gemeinsam mit ihrer Mutter die Flucht - und das Überleben bis zum Eintreffen der Roten Armee. MUSIK 5: R0103330W01 Bela Bartok: Bilder aus Ungarn für Orchester, Sz 97 0‘39 Sprecherin: Nach der Befreiung engagiert sich Agnes Heller zunächst bei den Zionisten, wo sie István Hermann kennen- und lieben lernt. 1948 wird sie ihn mit 19 Jahren heiraten. Kurz davor hat sie begonnen in Budapest Chemie und Physik zu studieren. Aber nachdem sie durch ihren späteren Ehemann eine Philosophievorlesung gehört hat, wech¬selt sie begeistert zur Philosophie. Ihr Lehrer und Mentor ist der ungarische Marxist und Philosoph György oder Georg Lukács. Zitatorin: „Zu jener Zeit war ich noch nicht ganz bei mir, eher ein philosophischer Embryo. Als achtzehnjährige Universitätsstudentin schrieb ich Seminararbeiten unter anderem über Kant, Hegel und Spinoza. Zum Glück sind sie nicht erhalten.” (S. 16 Philosophie) Sprecherin: So selbstironisch beschreibt Agnes Heller Jahrzehnte später in Eine kleine Geschichte meiner Philosophie ihren Einstieg in die Welt der Philosophie, die sie durch György Lukács kennenlernt. Zitatorin: „Seine Schülerin zu werden war das größte Glück meines Lebens. Ohne ihn wäre ich nie Philosophin geworden, sondern wäre bei meinem ursprünglichen Vorhaben geblieben, Chemie zu studieren.” (S. 17 Philosophie) Sprecherin: Agnes Heller ist, wie viele ihrer Zeitgenossen in ganz Europa, zutiefst davon überzeugt, dass der Kommunismus die richtige Antwort auf die Erfahrung des Holocaust und der nationalsozialistischen Ver¬wüstung Europas ist. Take 4 (O-Ton Heller) Wir lebten nach dem Krieg in einer Illusion, wir wollten doch die Erlösung. Nach diesem Krieg mit unseren Erlebnissen, ob es der Holocaust war oder nur der Zweite Weltkrieg gewesen war, wir hatten unsere Toten, wir hatten unsere Wunden. Alle von uns wollten die Erlösung, alle! MUSIK 6: Z9358598008 Moby: Scream Pilots 0‘35 Sprecherin: Aber die Hoffnung auf Erlösung durch den Kommunismus nach marxistisch-leninistischem Vorbild hält nicht lange an. Und als 1956 die Rote Armee die ungarische Revolution mit Panzern blutig niedergewalzt, werden auch Intellektuelle wie Lukács und Heller, die sich den Demonstranten und Reformern angeschlossen hatten, verhört, kurzfristig verhaftet, aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen und als Universitätsdozenten entlassen. Säuberungen durchziehen das Land, viele Demonstranten werden zum Tode verurteilt. Agnes Heller verliert ihre Stelle als Assistentin von Lukács und muss fünf Jahre lang als Lehrerin an einer Schule arbeiten. In dieser Zeit geht auch ihre Ehe mit István Hermann in die Brüche. Der Vater ihrer Tochter Zsuzsa, die 1952 geboren wird, plädiert dafür, sich mit dem Regime zu arrangieren. Für Agnes Heller unmöglich. Nicht nur politisch geht sie einen anderen Weg, auch privat: Sie lernt ihren zweiten Ehemann, den Historiker Ferenc Fehér kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod zusammenlebt. 1963 heiraten sie, 1964 wird ihr Sohn György geboren. Take 5 (O-Ton Hauptfeld) Ich seh es so, dass sie von großen idealistischen Hoffnungen der Revolution 1956 Schritt für Schritt von einem orthodoxen Marxismus weggegangen ist, dann in den 70er Jahren noch gehofft hat, dass eine neue Linke eine bessere Art von Marxismus entwickeln kann und sich dann in den späten 80er und 90er Jahren sich endgültig davon verabschiedet hat. Sprecherin. So zeichnet Georg Hauptfeld, Geschäftsführer des Verlags Edition Konturen in Wien, der seit Jahren die Bücher von Agnes Heller publiziert, ihren intellektuellen Werdegang skizzenhaft nach. Als die ungarische Regierung in den 60er Jahren Lukács und auch Agnes Heller rehabilitiert, geht sie zurück an die Universität und wird Teil der sogenannten ‚Budapester Schule‘, bis heute die einflussreichste Strömung ungarischer Philosophen. Take 6 (O-Ton Olay) Die Budapester Schule ist eine Schule bestehend aus den engeren Schülern von Georg Lukács, der wichtigste Philosoph ungarischer Abstammung ist, und Lukács selber hat (…) vier Denker als die Budapester Schule bezeichnet, das ist Agnes Heller, Michael Vajda, der zweite Ehemann von Heller Ferenc Fehér und György Márkus. Sprecherin: Erklärt Csaba Olay, Professor für Philosophie an der Eötvös Loránd Universität in Budapest. Take 7 (O-Ton Olay) Diese Leute, alle geboren in den 20er und 30er sammelten sich um Lucács herum und bemühten sich um eine Renaissance des Marxismus. (…) Es war ganz klar, dass diese Formel Renaissance des Marxismus und Rückkehr zu den Quellen gegen einen starren Stalinismus gerichtet war, aber was das theoretisch bedeuten sollte, das war viel weniger deutlich. MUSIK 7: Z8035223312 John Frizell: Laurel Canyon 0‘30 Sprecherin: Das Eintreten für eine Renaissance des Marxismus, das Suchen nach Reformen ohne das linke Gesellschaftsmodell völlig aufzugeben, hatte keine Chance in Ungarn. Genauso wenig wie in den anderen Ostblock-Staaten zur Zeit des Kalten Kriegs. Die Intellektuellen der Budapester Schule wurden zu Dissidenten im eigenen Land, mit Publikations- und Lehrverboten. Schließlich konnte Agnes Heller emigrieren, 1977 nach Australien, wo sie eine Professur für Soziologie innehatte, knapp zehn Jahre später erhielt sie einen Ruf auf den Lehrstuhl von Hannah-Arendt in New York. MUSIKENDE Sprecherin: Das Denken von Agnes Heller war und ist untrennbar verwoben mit ihrer Biographie: Als Jüdin von den Nationalsozialisten verfolgt, als abweichende Denkerin zur Dissidentin in Ungarn geworden, ein Star der Neuen Linken in Westeuropa und den USA. Und in ihren späten Jahren die Ikone der Demokraten gegen die europa- und demokratiefeindliche Politik Viktor Orbans. Diese gegensätzlichen Erfahrungen haben ihr philosophisches Denken grund¬legend geprägt, so Csaba Olay: Take 8 (O-Ton Olay) Ich würde das so auf den Punkt bringen, dass wir zwei Hauptthemen bei Agnes Heller finden: Einmal die Ethik, in einem weiten Sinne (…) und zum zweiten die Theorie der Moderne. (…) Und man kann sagen, dass die tragische Erfahrung des Holocaust und des real existierenden Sozialismus eben beide Fragen motivieren können. Und Agnes Heller hat selber kurz und bündig ihr Denken so charakterisiert: Sie suchte Antworten auf die Katastrophen ihres Jahrhunderts! Sprecherin: Und das heißt, sie wollte diese Katastrophen des 20. Jahrhunderts verstehen, sagt Ludger Hagedorn: Take 9 (O-Ton Hagedorn) Verstehen heißt für sie, einen Umgang damit finden, Erklärungen zu finden, vor allem Erklärungen zu finden, wie solche Systeme funktionieren konnten, nicht aber, wie sie immer gesagt hat, die Menschen, die daran beteiligt waren, zu hassen. Sprecherin: Das Feld, auf dem sie diese totalitären Systeme intellektuell durchdringen und verstehen wollte, waren die philosophischen Teildisziplinen Ethik und Moral¬philosophie. In drei Bänden hat Agnes Heller ihre Überlegungen dazu ausgearbeitet. Take 10 (O-Ton Heller) Im ersten Buch beschäftige ich mich mit den Traditionen ethischer Themen, mit Absichten und Konsequenzen, was man in Frage stellen kann, was ist gut was ist böse usw. Im zweiten Buch, (…) was in den verschiedenen Situationen ein Vorbild tat oder tun kann und im dritten Buch, das ist Ethik der Persönlichkeit. Sprecherin: Der Philosoph Csaba Olay, der zehn Jahre lang mit ihr in Budapest an der Universität zusammengearbeitet hat, ordnet Hellers Ansatz philosophiehistorisch so ein: Take 11 (O- Ton Olay) Es ist keine politische Ethik oder keine Ethik für überindividuelle Entitäten oder Größen. Und es ist auch ein weiteres Verständnis von moralischen Phänomenen, in dem Sinne, dass sich Heller nicht nur fragt, was ist (…) das Grundprinzip der Ethik, sondern auch solche Fragen stellt, wie ethische Forderungen in ein gutes, gelingendes Leben einpassen? Wie man ein gerechter Mensch wird? Sprecherin: Dreh- und Angelpunkt in Hellers Philosophie ist der Begriff der Freiheit. Nach Hellers Lesart bedeutet Freiheit, sich zu entscheiden und frei zu wählen. Und zwar als existentielle Möglichkeit zu handeln, die jedem Menschen zukommt, unabhängig von Bildung, Herkunft oder Geschlecht. Jede und jeder hat immer die Wahl! Davon ist die Philosophin überzeugt, selbst in Umständen und Situationen, die äußerlich unfrei erscheinen. Als Beispiel verweist sie auf ihre eigene Erfahrung: Als sie 1944 am Ufer der Donau steht, darauf wartend von den ungarischen Faschisten erschossen zu werden, habe sie sich entschieden, kurz vor ihrer Erschießung in die Donau zu springen. Eine solche Entscheidung treffen zu können, mache die individuelle Freiheit aus, selbst in Unfreiheit. MUSIK 8: Z8035223304 John Frizell: The Blackouts 0‘29 Sprecherin: Aber Agnes Heller hat diesen Freiheitsbegriff nicht zum Bestandteil eines philosophischen Systems gemacht, wie es beispielsweise Spinoza, Kant oder Hegel getan haben. Komplexe und v.a. systematische Theoriegebäude hat sie abgelehnt, sie führten zwangsläufig zu einem totalitaristischen Anspruch, so ihr Vorbehalt, erklärt Philosoph Ludger Hagedorn, vom Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Take 12 (O-Ton Hagedorn) Das ist für sie ein Impuls, der ein philosophischer Impuls gewesen ist, sich nicht einem -ismus zu verschreiben. Sie hatte ja große Schwierigkeiten mit den -ismen hat sie immer gesagt, sogar mit dem Feminismus, der ihr von allen vielleicht noch der sympathischste war und der Humanismus auch. Selbst diese -ismen wollte sie nicht unterschreiben. Wenn du in einem -ismus bist, dann musst du alles unterschreiben oder alles glauben, was die Menschen glauben, die in einem -ismus sind, so hat sie das öfter formuliert. MUSIK 9: Z8035223321 John Frizell: Fake It 0‘53 Sprecherin: Aber nicht nur Hellers Skepsis gegenüber allumfassenden Welt¬er-klärungssystemen hat dazu geführt, dass sie ihr Denken nicht als philosophisches System angelegt hat, sondern auch die Tatsache, dass sie jegliche Art von Metaphysik ablehnte. Eine Welt hinter der sinnlich Erfahrbaren anzunehmen und damit die letzten Fragen nach Sinn und Zweck des menschlichen Lebens beantworten zu können, verneinte sie. Zitatorin: „Gewöhnlich verlassen sich Philosophen bei der Ausarbeitung ihrer Systeme auf eine Grundlage, ein Fundament, auf unbezweifelbare Prinzipien, zum Beispiel den höchsten Gott oder die höchste Wahrheit, und demonstrieren daran ihren Entwurf. Der Trick dabei ist, dass da Ergebnis der Demonstration bereits vorausgesetzt wird, bevor das Verfahren beginnt. ” (S. 80 Philosophie) Sprecherin: Und deshalb sei sie zu der Einsicht gelangt, dass moderne Philosophinnen und Philosophen diesen grundlegenden Welterklärungsansatz nicht mehr erfüllen könnten. Selbst von ihrem Lieblingsphilosophen Immanuel Kant hat sie sich in dieser Hinsicht deutlich distanziert: Take 13 (O-Ton Heller) Ich bin doch ein moderner Mensch, moderne Frau das heißt Metaphysik kann ich nicht annehmen. Dass es zwei verschiedene Welten sind, die Welt der Natur und die Welt der Freiheit, das kann man heute nicht mehr annehmen, das tut mir leid, Kant konnte es annehmen wir können es nicht! Sprecherin: Und das bedeutet, die Kantische Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, vollkommen ernst zu nehmen so ihr Verleger Georg Hauptfeld. Und zwar individuell, auf allen Ebenen des mensch-lichen Zusammenlebens. Take 14 (O-Ton Hauptfeld) Es gibt bei ihr keinen Bezug außerhalb dieser Welt, es gibt da keinen Gott, den man fragen kann, wie man handeln soll, sondern man muss sich das unbedingt selber fragen. Sprecherin: Das bedeutet für Agnes Heller aber nicht, dass alles beliebig ist, dass jedes Verhalten gleichermaßen zu rechtfertigen sei. Oder, dass es lediglich subjektive Wahrheiten geben könnte. Im Gegenteil, so der Budapester Philosoph Csaba Olay, Agnes Heller hat sehr konkrete Vorstellungen davon, was den einzelnen Menschen zu einem gerechten und guten Menschen macht. Take 15 (O-Ton Olay) Die Auszeichnung eines guten Menschen liegt in der existentiellen Selbstwahl. Es liegt darin, dass jemand sich entschließt, ein guter, ein gerechter Mensch zu werden, und das ist das Konzept, was Agnes Heller im Anschluss an Kierkegaard (…) ausführt. Sprecherin: Jeder Mensch könne sich entscheiden, ob er gut oder böse sein wolle. Dazu bedürfe es keiner theoretischen Erkenntnisse, sondern vielmehr einer ethisch-moralischen Praxis das Gute tun zu wollen, so Agnes Heller: Take 16 (O-Ton Heller) Es gibt gute Menschen in allen Gesellschaften und auf diesen guten Menschen stütze ich meine Ethik. MUSIK 10: CD603370024 Polish Military Orchestra: National Anthem Of Hungary 0‘23 Zitatorin: „Der Fall des Eisernen Vorhangs erfüllte mich mit Freude. Endlich änderte sich das Antlitz der Welt, die Eiszeit, die mein Leben viel zu lang geprägt hatte war vorbei. Wir fühlten uns auf der Seite der Wahrheit gegen ein System voller Lügen und Verfälschung der Realität.” (S. 171 Zufall) Sprecherin: 1989 macht Ungarn als erstes osteuropäisches Land seine Grenzen nach Westen auf und beschleunigt damit den Niedergang der sowjetischen Herrschaft über Osteuropa. MUSIK 11: Z8035223306 John Frizell: Studio Z 0‘36 Agnes Heller nutzt diese Möglichkeit und reist neugierig nach Ungarn, das erste Mal seit ihrer Emigration nach Australien. Und ist voller Hoffnung und Vorfreude, weil sie davon überzeugt ist, dass ihr Heimatland jetzt endlich demokratisch, frei und rechtsstaatlich werde. Heller sucht in Budapest eine Wohnung, bekommt eine Stelle als Philosophieprofessorin an der Eötvös Loránd Universität in Budapest und pendelt in den nächsten 20 Jahren zwischen ihrer Professur in New York und der in Budapest hin und her. 2009 zieht sie komplett nach Budapest und begleitet dort meinungsstark und furchtlos die politische Entwicklung Ungarns und Europas. Zitatorin: „Die Regierungen nach der Systemwende und auch wir glaubten, das größte Bedürfnis der Menschen sei die Freiheit, sei ein Rechtsstaat, es würde genügen, liberal-demokratische Institutionen zu schaffen. Doch den Menschen war Wohlstand wichtiger als Demokratie. Sie hatten keine Ahnung, dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand hätten nehmen können. Das Ergebnis war Orbán und der Orbánismus.” (S. 173, Zufall) Sprecherin: In Ungarn machte sie sich dadurch viele Feinde, vor allem seit Viktor Orbán dort das Sagen hatte. Take 17 (O-Ton Hagedorn) Agnes Heller war eine Symbolfigur in Ungarn auch gerade im Ungarn der letzten 15-20 Jahre, hatte häufig auch unter politischen Angriffen und Attacken zu leiden und hat versucht, sie weitestgehend zu ignorieren, denen nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Sprecherin: Agnes Heller wurde antisemitisch verunglimpft, nicht nur privat, sondern auch auf den Titelseiten der regierungsnahen Tageszeitung. Man warf ihr vor, korrupt zu sein und beschimpfte sie als vom Ausland finanzierte Kritikerin der Regierung. Aber Agnes Heller, mittlerweile über 80 Jahre alt, ließ sich nicht einschüchtern. Sie lebte unverdrossen weiter in Budapest, gab Interviews, lehrte an der Universität, reiste auf Kongresse, hielt Vorträge, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und lud einmal pro Monat in ein Szene-Restaurant im jüdischen Viertel, um über Philosophie und Politik zu diskutieren. Take 18 (O-Ton Olay) Zusammenfassend würde ich sagen, dass sie eine sehr liebenswürdige Person war, unbestreitbar war und ist sie die international am meisten bekannte Philosophin von Ungarn, das ist eine Tatsache, mit Büchern, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden, das ist einfach nicht zu leugnen. Sprecherin: Alle, die sie kennenlernen durften, wie Csaba Olay, waren von ihrer Energie, ihrem Mut und ihrer gedanklichen Schnelligkeit, selbst im hohen Alter, maximal beeindruckt. Auch Ludger Hagedorn: Take 19 (O-Ton Hagedorn) Das hat Agnes Heller ganz deutlich ausgezeichnet, diese Distanz, die sie zu ihrem eigenen Denken immer hatte. Und die sie auch geschafft hat glaubhaft zu machen, gerade auch in Gesprächen, wenn man ihr begegnet ist, das hatte immer so einen Witz und eine Schnelligkeit, eine Verve, mit der sie das artikuliert hat, dass man gesehen hat, wie ernst ihr das war und dass ihr das auch gelungen ist diese Distanz zu sich selber zu haben. Sprecherin: Dennoch ist Agnes Heller mit ihrer Philosophie, die sie immer wieder selbstkritisch hinterfragt, revidiert und verändert hat, in der intel¬lek-tuellen Welt weitaus weniger präsent, als mit ihrem politischen Denken. Georg Hauptfeld, ihr Wiener Verleger, ist der Ansicht, dass sie unterschätzt wird, eben deshalb, weil sie die herkömmlichen Spielregeln der akademischen Philosophie nicht wirklich eingehalten habe: Take 20 (O-Ton Hauptfeld) Sie war in der akademischen Welt in vieler Hinsicht ein Quer- und Andersdenkender, die nicht wirklich akzeptiert wurde in vielen akademischen Kreisen. Und sie hat auch andererseits viele Philosophen nicht sehr geschätzt, Habermas, Foucault und Derrida waren für sie ganz große Philosophen, aber sonst war sie in der akademischen Welt nicht wirklich akzeptiert. MUSIK 12: Z8035223320 John Frizell: Frank’s Business Perspective 0‘32 Sprecherin: Zeit ihres Lebens ging Agnes Heller jeden Morgen Schwimmen. So auch am 19. Juli 2019. Die mittlerweile 90jährige Philosophin verbrachte den Sommer am Balaton, dem Plattensee, schwamm auf den See und kehrte nicht zurück. Take 21 (O-Ton Hauptfeld) Das letzte, was man von ihr weiß, ist, dass sie zu ihrer Freundin, die gesagt hat sie will umkehren, gesagt hat, das Wasser ist heute so schön, ich schwimme noch eine Weile. MUSIKENDE