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2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Zu Gast bei Radiowissen: Der Gorilla Fritz (3/3)
16.09.2025 · 25 Min.
Gorilla Fritz hat schon alles erlebt. Mit 55 Jahren war er der älteste Silberrücken Europas. Er war dabei, als Affen im Zoo noch mit Besteck essen mussten. Er wurde durch Europa gekarrt, um Gorillafrauen zu begatten. Und seine Nachkommen haben Persönlichkeiten wie Michael Jackson und Vitali Klitschko berührt. Das ist die unglaubliche Lebensgeschichte einer faszinierenden Tierpersönlichkeit. Hören Sie die ganze Reihe "Der Gorilla Fritz" (1/3): Der Patriarch: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-1-3/1787477 (2/3): Familienchronik: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-2-3-familienchronik-1/1787476 (3/3): Der Tag X: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-3-3-der-tag-x-1/1787475 Dieser 3-teilige Podcast erzählt die lange Lebensgeschichte von Gorilla Fritz, der 55 Jahre alt wurde - uralt für einen Menschenaffen. Fritz ist ein Zeitzeuge, der miterlebt hat, wie grundlegend sich die Institution Zoo und unser Umgang mit Wildtieren im letzten halben Jahrhundert verändert hat. Aber es haben nicht nur die Menschen Fritz' Lebensweg bestimmt. Auch Fritz hat viele Menschen geprägt, denen er auf seiner langen Reise begegnet ist. Hören Sie die ganze Reihe "Der Gorilla Fritz" : (1/3): Der Patriarch (2/3): Familienchronik (3/3): Der Tag X
- Zu Gast bei Radiowissen: Der Gorilla Fritz (2/3)
16.09.2025 · 25 Min.
Gorilla Fritz hat schon alles erlebt. Mit 55 Jahren war er der älteste Silberrücken Europas. Er war dabei, als Affen im Zoo noch mit Besteck essen mussten. Er wurde durch Europa gekarrt, um Gorillafrauen zu begatten. Und seine Nachkommen haben Persönlichkeiten wie Michael Jackson und Vitali Klitschko berührt. Das ist die unglaubliche Lebensgeschichte einer faszinierenden Tierpersönlichkeit. Hören Sie die ganze Reihe "Der Gorilla Fritz" (1/3): Der Patriarch: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-1-3/1787477 (2/3): Familienchronik: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-2-3-familienchronik-1/1787476 (3/3): Der Tag X: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-3-3-der-tag-x-1/1787475 Dieser 3-teilige Podcast erzählt die lange Lebensgeschichte von Gorilla Fritz, der 55 Jahre alt wurde - uralt für einen Menschenaffen. Fritz ist ein Zeitzeuge, der miterlebt hat, wie grundlegend sich die Institution Zoo und unser Umgang mit Wildtieren im letzten halben Jahrhundert verändert hat. Aber es haben nicht nur die Menschen Fritz' Lebensweg bestimmt. Auch Fritz hat viele Menschen geprägt, denen er auf seiner langen Reise begegnet ist. Hören Sie die ganze Reihe "Der Gorilla Fritz" : (1/3): Der Patriarch (2/3): Familienchronik (3/3): Der Tag X
- Zu Gast bei Radiowissen: Der Gorilla Fritz (1/3)
16.09.2025 · 25 Min.
Gorilla Fritz hat schon alles erlebt. Mit 55 Jahren war er der älteste Silberrücken Europas. Er war dabei, als Affen im Zoo noch mit Besteck essen mussten. Er wurde durch Europa gekarrt, um Gorillafrauen zu begatten. Und seine Nachkommen haben Persönlichkeiten wie Michael Jackson und Vitali Klitschko berührt. Das ist die unglaubliche Lebensgeschichte einer faszinierenden Tierpersönlichkeit. Hören Sie die ganze Reihe "Der Gorilla Fritz" (1/3): Der Patriarch: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-1-3/1787477 (2/3): Familienchronik: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-2-3-familienchronik-1/1787476 (3/3): Der Tag X: https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/der-gorilla-fritz-3-3-der-tag-x-1/1787475 Dieser 3-teilige Podcast erzählt die lange Lebensgeschichte von Gorilla Fritz, der 55 Jahre alt wurde - uralt für einen Menschenaffen. Fritz ist ein Zeitzeuge, der miterlebt hat, wie grundlegend sich die Institution Zoo und unser Umgang mit Wildtieren im letzten halben Jahrhundert verändert hat. Aber es haben nicht nur die Menschen Fritz' Lebensweg bestimmt. Auch Fritz hat viele Menschen geprägt, denen er auf seiner langen Reise begegnet ist. Hören Sie die ganze Reihe "Der Gorilla Fritz" : (1/3): Der Patriarch (2/3): Familienchronik (3/3): Der Tag X
- Hannah Arendt - Die Banalität des Bösen
16.09.2025 · 24 Min.
Was bringt Menschen dazu, Böses zu tun? Aus Sicht von Hannah Arendt braucht es dazu nicht mehr als kollektive Gedankenlosigkeit, jedenfalls in einem Staat, der das Böse zum Ziel erhoben hat. Nichts anderes bedeutet die Banalität des Bösen. (BR 2018) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Arsen - Eine mörderische Karriere
16.09.2025 · 23 Min.
Jahrhundertelang war Arsen das beliebteste Mordgift, auch als "Erbschaftspulver" bekannt. Lange Zeit war es kaum nachzuweisen und konnte an fürstlichen Höfen wie im privaten Familienkreis Misstrauen und Schrecken verbreiten. Das toxische Halbmetall hat allerdings auch andere Seiten. Es verlieh Bildern berühmter Maler leuchtende Farben, steckt in Raumschiffen wie Solaranlagen - und kann sogar Krankheiten heilen. Von Lukas Grasberger (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Frank Halbach Es sprachen: Irina Wanka, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Bettina Wahrig, Lehrstuhl für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Universität Braunschweig; Dr. Gabriele Roider, Pharmakologin am Institut für Rechtsmedizin, LMU München; Simon Brugner, Fotograf und Autor „The Arsenic Eaters – die Arsenfresser“; Prof. Christopher Rensing, Chinese Academy of Agricultural Sciences Fujian, Academy of Agricultural Sciences, Fuzhou Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die Geschichte der Apotheke - Von Mäusezahn bis Aspirin HIER Spinnweben, Kuhfladen, gespaltene Fledermäuse: Sonderbare Zutaten finden sich in Heilmittel-Rezepten früherer Jahrhunderte. Die Entstehungsgeschichte der Apotheke ist geprägt von Kuriositäten. Von Iska Schreglmann Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Kunstverbrechen HIER ENTDECKEN Gestohlene Gemälde, Kunstschmuggel, Fälscherskandale: Bei Kunstverbrechen rollen Lenore Lötsch und Torben Steenbuck spektakuläre Verbrechen in der Welt der Kunst- und Kultur auf. Ohne Blutvergießen, dafür mit spannender Kunst! Sie nehmen euch mit an Tatorte und hinter die Kulissen der Ermittlungen bei True-Crime-Fällen im vermeintlich glitzernden Kunstgeschäft. Sie treffen Zeugen, Experten und Opfer. Unterstützung bekommen sie dabei von Deutschlands bekanntestem Kunst-Kommissar René Allonge vom LKA Berlin. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR 1 „Er ist von schöner Farbe, die an Gold erinnert. Ein künstlicher Stoff, hergestellt durch Alchemie. Aber - er ist wirklich giftig!“ ZITATOR 2 „Das Arsenicum wirkt ähnlich dem Sandarak, aber schärfer, wird daher zum Ätzen und zum Wegbeizen der Haare angewendet. Es nimmt auch die Nagelgeschwüre, die fleischigen Auswüchse in der Nase, die Geschwüre am After und alles wilde Fleisch weg. Seine Kraft wird erhöhet, wenn man es in einem neuen Tiegel so lange röstet, bis es die Farbe verändert hat.“ ZITATOR 1 „Unter der geringsten Menge liegt unermessliche Bosheit verborgen“. MUSIK ENDE Sprecherin Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Angst, die aus diesen Worten über Arsen spricht: Zuerst dem Satz des spanischen Malers Francisco Pacheco, der seine Bilder mit arsenhaltiger Farbe zum Leuchten brachte; dann dem Kommentar des römischen Gelehrten Plinius über kosmetische und heilende Wirkung von Arsenicum; und schließlich einem Satz über das Arsen aus dem ersten deutschsprachigen Lehrbuch der Toxikologie. MUSIK „Discombobulate“; ZEIT: 00:19 Zu Weltruhm gelangte Arsen freilich als Mordgift. Die Karriere dieses chemischen Elements mit der Ordnungszahl 33 indes ist so schillernd wie facettenreich – und reicht zurück bis weit ins Altertum. MUSIK ENDE Bei genauerer historischer Betrachtung zeigt sich: Arsen, dieses meist im Stein verborgene Halbmetall, trägt seinen verruchten Ruf zu Unrecht: Denn schon die alten Griechen machten sich Arsen zwar vor allem seiner Giftigkeit wegen zu Nutze, wie die Braunschweiger Wissenschaftshistorikerin Bettina Wahrig weiß... O-Ton 1 Prof. Bettina Wahrig, Wissenschaftshistorikerin, Uni Braunschweig „Also man hatte das ganz, ganz breit eingesetzt, und eine der wichtigen Einsatzmöglichkeiten war natürlich die Bekämpfung von Insekten, Schadinsekten - oder auch eben Ratten und Mäusen.“ Sprecherin Arsen war im Altertum aber auch eine wichtige Arznei. In Griechenland und dem alten Rom zerrieb man arsenhaltiges Gestein zu Pulver, mischte es zu Salben, und kurierte damit Asthma genauso wie Hautkrankheiten. Die augenfälligste Anwendungsform von Arsen, sagt Bettina Wahrig, war bis in die Neuzeit aber eine andere. O-Ton 2 Wahrig „Also einmal als Farbe: Einmal ist es ne Schwefel-Arsen-Verbindung, die ganz rot ist. Die heißt dann in der frühneuzeitlichen Sprache dann auch „Realgar“, also „das königliche Rot“, eigentlich. Und eine sehr schöne gelbe Tönung, Auripigment, also ne goldene Färbung, und die wurde auch zu Farben eingesetzt.“ MUSIK „Lucy's party”; ZEIT: 00:18 Sprecherin Silber bekam in Verbindung mit Arsen eine goldartige, Kupfer eine weiße Farbe. MUSIK ENDE In der Natur kommt Arsen nur selten in seiner Reinform vor, die wenig giftig ist. Meist tritt es auf in Gestein, in Verbindung mit Metallen oder Schwefel – und ist dann hochtoxisch, sagt die Pharmakologin Gabriele Roider vom Institut für Rechtsmedizin der LMU München. O-Ton 3 Dr. Gabriele Roider, Institut für Rechtsmedizin, LMU München „Das gibt es so als kristalline Form... Also, wenn ich jetzt von Arsen spreche, meine ich jetzt immer Arsenik, also Arsentrioxid. Es gibt auch noch metallisches Arsen, und es gibt auch organisch gebundenes Arsen, was viel zum Beispiel in Fischen und Meerestieren drin ist. Und aber ich spreche jetzt dann von Arsenik. Also das ist die toxischste Verbindung, damit die toxikologisch relevanteste Verbindung - und auch die wirtschaftlich interessanteste Verbindung.“ Sprecherin Bis heute ist Arsentrioxid ein Ausgangsstoff für industrielle Anwendungen – etwa zur Herstellung von Batterien. Arsenverbindungen stecken aber auch in Halbleiter-Chips für Solaranlagen wie für Satelliten oder Raumschiffe. Die Entwicklung von Arsen als wichtigem Wirtschaftsgut begann im Mittelalter. Es war der Regensburger Bischof Albertus Magnus, der 1240 erstmals die Herstellung metallischen Arsens durch Erhitzen von Arsenkies beschrieb. Um den Stoff in größeren Mengen wirtschaftlich zu nutzen, brauchte es eine geradezu fabrikmäßige Herstellung: Zu Beginn von Bergbau und Hüttenwesen im frühen Mittelalter fiel Arsen zunächst einmal als Abfallprodukt an. Etwa bei der Verhüttung von Metallen wie Kupfer, Zinn, Silber oder Gold in den Bergbauregionen der Steiermark. Dabei erhitzte man arsenhaltige Steine in Brenn-Öfen. O-Ton 4 Simon Brugner Fotograf + Autor „Die Arsenfresser“ Teil 1 „In Schmelzprozessen verdampft das Arsenik, das verflüchtigt sich ziemlich schnell, und das Arsen, das im Gestein drinnen ist, wird zu Arsentrioxid. Und das ist das giftige… Sprecherin sagt der österreichische Fotograf und Autor Simon Brugner, O-Ton 4 Brugner Teil 2 „...deswegen immer auch die ganzen Brennöfen hoch bauen – weil wenn dich so ein Schwaden trifft, ist die Gefahr für Leib und Leben sehr hoch. Man hat dann – nachdem es am Anfang ein unerwünschtes Nebenprodukt war - bald auch Arsen bewusst produziert. Das ist in so genannten Gifthütten passiert, die keine nach oben gerichteten Schornsteine hatten, sondern das waren horizontale Kammern, durch die der Rauch durchgeleitet wurde. Das Arsen hat sich verflüchtigt, hat sich in diesen horizontalen Rauchfängen als weißes Pulver abgesetzt.(…) Die Bergarbeiter, also die in der Verhüttung Tätigen, haben einfach den Beschlag abgeklopft, und so hat man dann wirklich reines Arsen gewonnen. Auch als wirtschaftlich wichtiges Handelsgut.“ Sprecherin Vor allem Orte in der Ober- bis zur Oststeiermark waren in den vergangenen Jahrhunderten Hotspots der Arsen-Produktion. Die dortigen Minen waren strategisch günstig gelegen. Zum einen unweit von Ungarn, wo man Arsen als Heil- und Dopingmittel für Pferde nutzte. Die Hauptabnehmer für das steirische Arsen saßen jedoch südlich der Alpen. Simon Brugner: O-Ton 5 Brugner „Wo es wirklich zu großen Mengen verwendet wurde, ist in der Glasherstellung…. also das meiste. Der Großteil vom steirischen Arsenik wurde nach Venedig für die Muranoglas-Erzeugung verkauft. Also da gingen zig Tonnen jährlich nach Venedig.“ Sprecherin Bald war Arsen vom Abfallprodukt zu einem wirtschaftlich wichtigen Handelsgut der K.u.K.-Monarchie geworden. Die österreichische Herrscherin Maria Theresia hatte ein genaues Auge auf die Arsen-Produktion ihrer Untertanen. Steuern und Zölle für Erzeugung und Transport waren zu entrichten. Doch die penible Reglementierung von Herstellung und Handel hatte einen weiteren Grund: O-Ton 6 Brugner „Arsen ist hochpotentes Gift. Es wurde immer stark kontrolliert. Also der Umgang mit Giften, der war immer schon rechtlich reglementiert.“ MUSIK „The game is on”; ZEIT: 00:50 Sprecherin Dennoch sollte Arsen für die Herrschenden im 18. Jahrhundert zunehmend zum Problem werden. Denn trotz der genauen Kontrolle war der hochgiftige Stoff leicht zu haben, er wurde „legal“ vielfältig verwendet. Gleichzeitig gelangten zunehmend Nachrichten von Giftmorden mittels Arsen in Italien und Frankreich ans Licht der Öffentlichkeit. Mit der Aufklärung hatte die Bevölkerung hierzulande lesen gelernt - und verschlang aktuelle wie historische Berichte von Mord und Totschlag, Schuld und Sühne begierig. Man erfuhr von in Serie verübten Giftmorden der Borgia und der Medici, begangen mutmaßlich mit Arsenik. Später war in den Zeitungen von aqua tofana zu lesen, einer Arsen-Mischung, die jenseits der Alpen dutzenden Männern den Tod brachte. MUSIK ENDE O-Ton 7 Wahrig „In der Tat gab es in Italien einen sehr, sehr großen Giftmordprozess gegen [00:09:00] eine relativ große Zahl auch an Frauen, die mit der sogenannten Aqua Tofana gehandelt haben. Und das soll eben ein sehr... raffiniert zubereitetes Gift gewesen sein, das so gewirkt haben soll, dass man der Person, die man gerade loswerden wollte, über längere Zeit kleine Mengen von diesem Gift untergejubelt hat und dass die dann irgendwann mal gestorben sind, ohne dass man wirklich Krankheiten oder andere Ursachen erkennen konnte.“ Sprecherin Das berüchtigte Arsen-Elixier raffte Dutzende, wenn nicht gar Hunderte dahin, sagt die Professorin für Wissenschaftsgeschichte und Pharmazie, Bettina Wahrig. Dass vor allem Frauen schwunghaften Handel mit dem Gift trieben und bandenmäßig mordeten – dies, sagt Bettina Wahrig, war auch den gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet. O-Ton 8 Wahrig „Wenn wir das heute lesen, dann denken wir, naja gut, da gibt es eben eine Partnerschaft Mann-Frau, also die Frau hat ihn satt - und weg damit! Aber die sozialen Beziehungen am Hof waren ja viel, viel komplizierter. Deswegen...also es gab [00:11:00] jedenfalls ein Netzwerk von Leuten, die dieses Giftwissen verbreitet haben und die so gefährlich erschienen, dass extra eine Serie von Gerichtsverhandlungen abgehalten wurde, um diese Leute abzuhandeln, abzuurteilen. Natürlich ging es da auch darum, wieder zu zeigen: Der König, die Souveränität, bemerkt das und richtet die Leute deswegen dann hin oder verurteilt sie deswegen.“ MUSIK „My Mind Rebels At Stagnation”; ZEIT: 00:43 Sprecherin Arsen war also zur Bedrohung der patriarchalen politischen und sozialen Ordnung geworden – gegen die die Herrschenden infolge energisch vorgingen. Der „Geist des Gifts“ war dennoch aus der Flasche – und sorgte auch in deutschen Landen zunehmend für Verwerfungen. Hier waren es vor allem Ärzte und Apotheker, die vor einem allzu sorglosen Umgang mit Arsen warnten. Und die dafür warben, den Zugang zu Giften zu beschränken, sowie die Bevölkerung aufzuklären, um unabsichtliche – oder auch absichtliche -Tötungen durch Arsen zu vermeiden. MUSIK ENDE Sprecherin War dies wirklich ein Unfall? War es Mord? Oder war es gar keine Vergiftung? Diese Fragen mussten sich Rechtsmedizinern wie Richtern seinerzeit häufig stellen, sagt die Apothekerin Gabriele Roider. Klare Antworten aber fanden sie selten... O-Ton 10 Roider „Weil die Symptomatik, die wurde damals viel mit der Cholera verwechselt. Die hygienischen Verhältnisse waren ja vor bis vor 200 Jahren sehr, sehr schlecht. Das heißt, die Leute hatten häufig Brechdurchfall, und das ist auch so die typische Vergiftungserscheinung bei einer akuten Arsen-Intoxikation (…)eben MUSIK „My Mind Rebels At Stagnation”; ZEIT: 01:29 Sprecherin Dass der kenntnisreich ausgeführte Giftmord kaum nachzuweisen war; dass breite Gesellschaftsschichten mittlerweile Zugang zu umfangreichem Giftwissen hatten: Dies trieb auch die Schriftsteller der Aufklärung um. ETA Hoffmann etwa zeichnete in seiner Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ das dystopische Bild einer Gesellschaft, in der die Allgegenwart von Giften wie Arsen letztlich zu einer völligen Zersetzung des sozialen Zusammenhalts führt: ZITATOR 1 Man sah Familienväter ängstlich in entfernten Gegenden Lebensmittel einkaufen, und in dieser, jener schmutzigen Garküche selbst bereiten, in ihrem eigenen Hause teuflischen Verrat fürchtend. Und doch war manchmal die größte, bedachteste Vorsicht vergebens.“ Sprecherin Auch für die Ärzte hierzulande galt letztendlich, was ein französischer Kollege angesichts der nur zufälligen erfolgten Entdeckung des Giftmischers Godin de Sainte-Croix schrieb: ZITATOR 1 „Bey diesen Giften ... werden die Erfahrungen falsch, die Regeln ungewiss, und die Aphorismen lächerlich. Sie schwimmen auf dem Wasser; sie lassen in der Feuerprobe bloß eine süße unschädliche Materie zurück, und liegen in den tierischen Körpern so künstlich versteckt, dass man sie unmöglich erkennen kann.“ MUSIK ENDE Sprecherin An einem gerichtsfesten Nachweis von Arsen forschten Wissenschaftler jahrzehnte-, ja, jahrhundertelang. Fand man verdächtige Materie, so gab man sie Tieren, um zu sehen, ob diese verendeten. Zuweilen warf man eine Probe auf glühende Kohlen. Enthielt diese Arsen, so entwickelte sich ein Geruch nach Knoblauch. MUSIKAKZENT „Discombobulate“; ZEIT: 00:04 Es sollte bis 1836 dauern, dass der britische Chemiker James Marsh einen Apparat entwickelte, mit dem sich selbst kleine Mengen von Arsenik im Mageninhalt oder an Teilen einer Leiche wissenschaftlich nachweisen ließen. Dazu gab man zunächst Schwefelsäure und Zink in ein Reagenzglas und erzeugte so Wasserstoff. Dann gab man die Probe hinzu. Schließlich erhitzte man das Gemisch und hielt ein Porzellanstück hinein. Enthielt die Probe Arsen, so bildete sich am Porzellan ein gut sichtbarer, schwarzer Film. O-Ton 11 Wahrig Und das konnte man dann in den Gerichtssaal tragen. Und damit war es in der Tat auch für Juroren, also wenn man Schöffen hatte - oder eben Geschworene oder Richter - ein [00:17:00] glaubhafter Beweis.“ Sprecherin Die Zahl der Morde mit Arsen gingen mit Etablierung des Marsh-Tests schlagartig zurück. Und doch: Die letzten Geheimnisse von und um Arsen waren damit noch immer nicht gelüftet. MUSIK „The game is on”; ZEIT: 00:12 Bis nach Übersee drang Ende des 19. Jahrhunderts die Kunde von tollkühnen Pferdeknechten aus der Steiermark, die Arsen ganz freiwillig und in beträchtlichen Mengen als Droge konsumierten. MUSIK ENDE O-Ton 12 Brugner Kokain, Methamphetamin. Das ist wahrscheinlich das vergleichbarste mit Arsenik. (...) Man hat quasi klarere Gedanken, man kriegt leichteren Atem, man steigt leichter die Berge hinauf. Es wird auch beschrieben, die Leute hatten mehr Courage, waren rauflustiger. Das Sexualdrang wurde gesteigert. Also es war eigentlich ein Aufputschmittel.“ Sprecherin Arsenesser waren zuerst die Berufsgruppen, die durch ihren Job mit der Substanz in Berührung kamen: Bergleute, Beschäftigte in Schmelzhütten - aber auch hart schuftende Holzarbeiter, die Arsenpulver gewissermaßen als Dopingmittel zu sich nahmen. Arsen brachte die Wangen von Pferdeknechten zum Glänzen, und das Fell ihrer Tiere zum Leuchten. „Man trank es, wurde jung - und nach einiger Zeit vom Teufel geholt“, schrieb der Volksdichter Peter Rosegger über seine arsenessenden Landsleute: Denn Arsen kann sich im Körper einlagern und bei Langzeitkonsum Krebs oder Nervenschäden verursachen. Und nicht selten ging die genaue Dosierung schief bei Konsumenten, die ohnehin eine geringe Lebenserwartung und wenig zu verlieren hatten. Doch warum überlebten andere gar jahrzehntelang den Konsum von Arsen, einem Gift, dessen tödliche Dosis zwischen 60 und 170 Milligramm – in etwa der Größe einer Tablette – liegt? MUSIK „Discombobulate“; ZEIT: 00:13 Die Kunde von diesen geheimnisvollen Bergbewohnern, die ein hochpotentes Gift aus reinem Spaß am Genuss konsumierten, machte europaweit die Runde. MUSIK ENDE Sprecherin Wie konnte es also sein, dass eine Person an einer minimalen Dosis Arsen qualvoll verendete - sich eine andere aber mit der drei- bis vierfachen Menge Hochgefühle verschaffte? Gab es schlicht einen Gewöhnungseffekt? Oder war es die Art der Aufnahme von Arsenik, das man wie Kandiszucker lutschen oder als feingemahlenes Pulver schlucken konnte? Die Wissenschaftlerin Gabriele Roider glaubt, dass dies am Mikrobiom der Arsenesser liegen könnte…. O-Ton 14 Roider „...also die mikrobielle Besiedelung des Magen-Darm-Traktes sozusagen. Das ist das Mikrobiom, das setzt sich aus ganz vielen verschiedenen Bakterien und Mikroorganismen zusammen. Und da gibt es tatsächlich auch welche, die (…) das metallische Arsen in organisch gebundenes Arsen überführen. Dann ist es ungiftiger und kann auch besser über die Nieren ausgeschieden werden. Und so können auch bestimmte Bakterien im Mikrobiom tatsächlich Arsen entgiften, sodass es also vorstellbar ist, dass das möglicherweise der Mechanismus ist…. Dass die vielleicht ein bestimmtes Mikrobiom hatten und vielleicht das auch so ein bisschen gefördert haben durch diese relativ häufigere oder einigermaßen regelmäßige Arsen-Aufnahme und das Mikrobiom also die Bakterien im Magen-Darm-Trakt dann schon viel davon entgiftet haben, sozusagen und dann gar nicht so viel von dem Gift tatsächlich im Körper von diesen Arsenik-Essern angekommen ist.“ Sprecherin Wie Arsen im menschlichen Organismus wirkt – das ist bis heute nicht bis ins Letzte verstanden. Aktuell konzentriert sich die Arsenforschung auf Kleinstmengen, die aus Gesteinsschichten unter der Erde ins Trinkwasser gelangen – und die Gesundheit von Millionen Menschen in Indien und Bangladesch, aber auch in den USA, Asien und Europa gefährden. MUSIK „Lucy's party”; ZEIT: 00:20 Doch Arsen hat - heute wie damals – nicht nur Schattenseiten. Als Mordgift und Aufputschmittel weitgehend passé, schickt sich das schillernde Halbmetall an, erneut Karriere als Arznei zu machen. MUSIK ENDE O-Ton 16 Prof. Christopher Rensing „Was einen am meisten wundert, ist, wie viele Gene es gibt, die irgendwie was mit Arsen zu tun haben.“ Sprecherin ...sagt der Mikrobiologe Christopher Rensing, der zu Arsen in Stoffwechselprozessen forscht. Seit dem 19. Jahrhundert erforscht die moderne Medizin die Mechanismen, wie Arsen auch heilend in den menschlichen Stoffwechsel, den Metabolismus, eingreifen könnte. Die so genannte Fowler´sche Lösung, die Kaliumarsenit enthielt, senkte erfolgreich das Fieber von Patienten und wirkte als Heilwasser gegen Schuppenflechte. Schließlich wurde das „heilende Arsen“ ab 1910 zum ersten Mittel der modernen Chemotherapie. Mit „Salvarsan“ hatte der Mediziner und Nobelpreisträger Paul Ehrlich das erste wirksame Medikament gegen die Volksseuche Syphilis gefunden. Wegen starker Nebenwirkungen geriet das vermeintliche Wundermittel jedoch bald wieder in Vergessenheit. Heute sehen Forscher wieder großes Potenzial für Arsen als Arznei. O-Ton 18 Rensing „Arsenid-Trioxid, zusammen mit so einem Vitamin A-Derivat, wird das in der Krebsbekämpfung bei akuter promyelozyter Leukämie eingesetzt. (…) Da kann man dann fragen: Ja, aber wenn das da funktioniert, warum soll das nicht dann bei Brustkrebs oder bei Lungenkrebs... warum soll das da nicht funktionieren? Aber dann ist da das Problem, wenn man da jetzt Arsen so einsetzen würde, dann wird die toxische Wirkung irgendwann zu viel sein. Und deshalb, dann, jetzt wird halt versucht, das Arsen gezielt an den Wirkungsort zu bringen. Also, wenn man jetzt in Liposomen, also so kleine Fettkügelchen, wenn man da die Arsenverbindung reinbringt und dann so Moleküle da rein tut, dass die halt den richtigen target finden, dann ist natürlich die Hoffnung, dass man den Krebs auch gezielt dann bekämpfen kann.“ Sprecherin Gemeinsam mit Kollegen fand der Professor Christopher Rensing außerdem heraus, dass Arsenpräparate auch dort wirken, wo herkömmliche Medikamente versagen: Etwa gegen einen Krankenhauskeim, der lebensbedrohliche Lungenentzündungen auslösen kann. MUSIK „Lucy's party”; ZEIT: 00:45 O-Ton 19 Rensing „Das, denke ich, wird auch viel Zukunft haben. weil es wird immer mehr zunehmen, dass Leute halt ins Krankenhaus kommen und nicht mehr behandelt werden können, weil die Antibiotika nicht mehr wirksam sind...da wird das natürlich dann auch wieder interessant dann, weil man natürlich eine Alternative auch braucht.(…) Sprecherin So könnte Arsen - über Jahrhunderte als Werkzeug der Gift-Mörder verrufen - vielleicht dabei helfen, zwei gegenwärtige Geißeln der Menschheit zu besiegen – und vom verruchten Killer künftig vielleicht zum anerkannten Lebensretter werden.
- Gut oder giftig? Welcher Pilz zum Sammeln taugt
15.09.2025 · 23 Min.
Marone, Champignon oder Steinpilz; Parasol, Rotkappe oder Hexenröhrling: In oft kürzester Zeit entwickeln sich bei feucht-mildem Wetter ihre vielgestaltigen Fruchtkörper. Speisepilze sind schmackhaft und gesund - haben aber oft giftige Doppelgänger. Was darf ins Körbchen? Und worauf kommt es beim Pilze-Sammeln sonst noch an? Von Inga Pflug. (BR 2024) Credits Autor/in dieser Folge: Inga Pflug Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Thomas Birnstiel und Julia Fischer Technik: Stefan Oberle Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Ursula Hirschmann, Pilzberaterin und Obfrau der Abteilung Pilz- und Kräuterkunde bei der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg (NHG) Diana Härpfer, Diplom-Biologin und Pilzexpertin, u.a. im Botanischen Garten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) Professor Dr. Alexander Dechêne, Facharzt für Innere Medizin, Klinikdirektor Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Runzelige Rinden und bunte Borken - Die Haut der Bäume - radioWissen | BR Podcast radioWissen · Harze - Das Blut der Bäume · Podcast in der ARD Audiothek Der Wald - Rückzugsort für Natur und Seele - radioWissen | BR Podcast Bayerns Wälder - Von der Wildnis zum Forst - radioWissen | BR Podcast radioWissen · Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im Klimatest · Podcast in der ARD Audiothek Linktipps: Pilz- und Kräuterkunde bei der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg EXTERNER LINK Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER/IN 1: Ein Wanderparkplatz in der Nähe von Nürnberg. Mit festem Schuhwerk an den Füßen und ausgestattet mit kleinen Körbchen oder Eimern in der Hand wollen um die 20 angehende Schwammerl-Sammler hier zur Pilzexkursion mit der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg starten: Pilzwissen auffrischen und neue Pilzarten kennenlernen – unter fachkundiger Anleitung von Pilzberaterin Ursula Hirschmann: 01 HIRSCHMANN: Was für uns jetzt gilt, wenn Sie einen Pilz finden, dann bitte schneiden Sie den nicht ab, sondern drehen den vorsichtig ganz heraus, damit man alle Merkmale sehen kann. Bei vielen Pilzen ist es wichtig, dass man sieht, wie die Stielbasis aussieht. Das ist vor allen Dingen bei allen Knollenblätterpilzen, aber auch bei Champignons wichtig, weil da oft Merkmale an der Basis, also ganz unten am Stiel sind. Wenn die fehlen, ist die Bestimmung schwieriger oder vielleicht, wenn weitere Merkmale fehlen, sogar ganz unmöglich. SPRECHER/IN 1: Und die richtige Bestimmung ist das A und O beim Pilze-Sammeln. 01b HIRSCHMANN: Unter den Knollenblätterpilzen gibt es ja tödlich giftige, wie Sie wahrscheinlich alle wissen. Es gibt aber auch einige Speisepilze da drunter. Und die unterscheiden sich häufig an der Stiel-Basis, deswegen ist es da so wichtig. SPRECHER/IN 2: Mindestens 100 giftige Pilzarten gibt es in Bayern, einige sind sogar tödlich. SPRECHER/IN 1: Deshalb stellt Ursula Hirschmann gleich zu Beginn der Pilzlehrwanderung eines klar: 02 HIRSCHMANN: Ein Pilz, den man nicht hundertprozentig sicher erkannt hat, ist kein Speisepilz. MUSIK: „Stork‘s walk (reduziert)“ – C158779#108 (0:29) SPRECHER/IN 1: Und gegessen wird nur, was nach allen Merkmalen als Speisepilz identifiziert wurde. SPRECHER/IN 2: Was nicht immer ganz einfach ist: Pilze verändern ihr Aussehen häufig auch je nach Alter, Witterung oder Standort. SPRECHER/IN 1: Umso wichtiger ist es der Pilzexpertin, dass die Sammlerinnen und Sammler im Wald wissen, anhand welcher Merkmale sie einen guten Pilz und einen womöglich giftigen Doppelgänger sicher auseinanderhalten können – und diese Bestimmungsmerkmale sind so vielfältig wie die Pilze selbst: 03 HIRSCHMANN: Das kann die Huthaut sein, das können die Lamellen oder Röhren sein. Das kann das Fleisch sein. Das kann der Stiel sein, die Stiel-Basis. Ob ein Stiel einen Ring hat oder nicht, wie der geformt ist, ob der Pilz Velum hat, bei den Schleierlingen. Das sind also ganz, ganz unterschiedliche Merkmale, teilweise auch Geruch, Geschmack, die Farbe von der Milch – kann man nicht generell sagen. Das ist wirklich von der jeweiligen Art individuell abhängig.
- Der tropische Regenwald - Bedrohter Klimapuffer
14.09.2025 · 23 Min.
Der Dschungel braucht Hilfe! Denn die Menschheit zerstört das einzigartige Ökosystem und seine enorme Artenvielfalt. Durch illegale Abholzung, Minen- und Staudammbau, Plantagen- und Weidewirtschaft. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2020) Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Christian Baumann, Jörg Puls, Julia Cortis, Johannes Hitzelberger Technik: Fabian Zweck Redaktion: Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Feuer weltweit - Der "normale" Ausnahmezustand JETZT ANHÖREN Tipping Points in der Klimakrise - Es gibt kein zurück JETZT ANHÖREN Kampf gegen Klimawandel - Warum tut sich der Mensch so schwer? JETZT ANHÖREN Das Volk der Yanomami - Ihr Kampf ums Überleben JETZT ANHÖREN Interviewpartner/innen dieser Folge: Prof. Dr. Anja Rammig, Biologin, TU München Rita Mamallacta, Quechua, Ecuador Angel Fernandez, Geologe, Nationalpark La Gomera Diego Restrepo, Minenarbeiter, Kolumbien Chris Kaiser, Bedandtree.com Chris Rials-Seitz, Umweltaktivistin, Ecuador Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
- Sepsis - Wenn jede Minute zählt
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- Schrittweise frei - Die jüdische Bevölkerung Bayerns im 19 Jahrhundert
12.09.2025 · 21 Min.
Jahrhundertelang war die jüdische Bevölkerung in Bayern benachteiligt. Mit der Aufklärung wurde die Diskriminierung schrittweise beseitigt, bis mit der Reichsgründung 1871 die Emanzipation abgeschlossen war - vor dem Gesetz, jedoch noch lange nicht in den Köpfen. Von Julia Devlin Credits: Autorin: Julia Devlin Regie: Anja Scheifinger Sprecher:innen: Hemma Michel, Christian Baumann Redaktion: Thomas Morawetz Interviews: Dr. Julia Schneidawind, Ludwig-Maximilians-Universität München Literatur (Beispiele): - Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin 2019 - ausführliches wissenschaftliches Standardwerk. - Michael Brenner, Sabine Ullmann: Die Juden in Schwaben. München 2013 - interessante regionale Studie zu Schwaben, das zum bedeutendsten jüdischen Siedlungsgebiet Deutschlands gehörte. - Michael Brenner, Daniela Eisenstein: Die Juden in Franken. München 2013 - seit dem 11. Jahrhundert lebten Juden in Franken, weshalb sich dort eine vielfältige jüdische Kulturtradition entwickelte. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Weiterführende Links: Das Judentum im 19. Jahrhundert in Bayern Sabine Ullmann, Judentum (19. Jahrhundert), publiziert am 23.05.2023; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Judentum_(19._Jahrhundert)> Jüdisches Leben in Bayern https://hdbg.eu/juedisches_leben/ Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher Bayern um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Eine Umbruchzeit, die stark von der Aufklärung geprägt wurde. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, diese Forderungen der französischen Revolution verhallten auch in Bayern nicht ungehört. Freiheit, seine Religion auszuüben, Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, Brüderlichkeit als gesellschaftliche Teilhabe für Alle. Auch für eine Minderheit, die bisher in Bayern nur in Ausnahmefällen geduldet war: die Juden. Sprecherin Die Wittelsbacher hatten jahrhundertelang keine Juden in ihren Landen geduldet. Im 15. Jahrhundert war diese religiöse Minderheit aus Alt-Bayern vertrieben worden. Nur in wenigen Fällen wurden Ausnahmen gemacht. Hoffaktoren beispielsweise, die den Herrschenden nützlich waren, wurden geduldet. Nun rüttelte nicht nur die Aufklärung an dieser Haltung, sondern Bayern gewann darüber hinaus bis 1815 große Territorien in Franken und Schwaben hinzu. Und damit auch jüdische Untertanen. Denn nachdem sie im späten Mittelalter aus den Städten vertrieben worden waren, hatten sich Juden häufig im ländlichen fränkischen und schwäbischen Bereich niedergelassen und hier Gemeinden gegründet. Diese Gebiete fallen nun an das Königreich Bayern. Dort hat zu diesem Zeitpunkt Maximilian von Montgelas großen Einfluss. Schneidawind O-Ton 1 3:57 Die sogenannten Montgelas'schen Reformen, die eben auch das sogenannte Juden Edikt von Achtzehnhundertdreizehn, die sind sehr stark gekennzeichnet, eben auch von diesem Gedanken, ja, Juden so, sofern sie sich nützlich machen für den Staat, können wir überlegen, ihnen schrittweise Zugeständnisse zu machen und ihnen auch mehr Rechte einzuräumen. Jetzt muss man natürlich dazu sagen, dass dieses Judenedikt von Achtzehnhundertdreizehn eben stark von diesen Nützlichkeitsgedanken geprägt war und also natürlich, also gerade für das Gebiet Altbayerns, also auch der jüdischen Gemeinde Münchens durchaus Vorteile hatte, einfach weil es sozusagen eine erstmal so eine gewisse Form der Rechtssicherheit mit sich brachte. Also es war erstmals geregelt, gewisse wirtschaftliche Einschränkungen wurden aufgehoben, man durfte sich, wenn man gewisse Voraussetzungen erfüllt, auch mit diesem sogenannten Matrikeleintrag niederlassen. Sprecher Dr. Julia Schneidawind ist Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der erwähnte Maximilian von Montgelas war der umtriebige und einflussreiche Modernisierer im Ministerium von König Maximilian. Sprecherin Das "Edikt über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreiche Baiern", das Montgelas federführend gestaltete, garantierte freie Religionsausübung und Rechtssicherheit, hob die alten Berufsverbote auf, verpflichtete die jüdischen Kinder zum Schulbesuch und die jungen Männer zum Militärdienst, ermöglichte ihnen höhere Bildungswege. Erste Schritte zur Integration waren damit getan. Doch der Staat wollte weiterhin die Kontrolle behalten, und so wurde mit dem Edikt gleichzeitig die Anzahl der jüdischen Familien in Ortschaften und Städten begrenzt. Sprecher In Verzeichnissen, sogenannten Matrikeln, erfasste die örtliche Polizeibehörde die jüdischen Mitbürger, und wenn die streng festgelegte Zahl erreicht war, durfte niemand mehr zuziehen. Dies war in Alt-Bayern weniger ein Problem als in den neu-bayerischen Gebieten, Schwaben und Franken. Julia Schneidawind: Schneidawind O-Ton 3 7:29 Gerade dieses Gebiet ist sehr stark davon betroffen, weil man eben unter diesen Obergrenzen sich nicht niederlassen konnte, wo man wollte und vor allem auch nicht dort bleiben konnte, wo man vielleicht sehr lange war, sondern man musste sich anders orientieren... Sprecherin Das bedeutete, dass in Schwaben und in Franken Jüdinnen und Juden wegziehen mussten. Eine Art, dieses Problem zu lösen, war durch Wegheiraten. Schneidawind O-Ton 4a 37.27 Ich denke innerhalb der Familien gab es schon so ne gewisse Praxis, dass der älteste Sohn dann praktisch den Hof übernimmt, oder was auch immer eben da war … Sprecherin Juden, die im Viehhandel oder als Metzger tätig waren, durften regional in kleinem Umfang Land besitzen oder pachten. Schneidawind O-Ton 4b … und dann die Jüngeren, die hat man dann vor allem versucht über Heiratspolitik anderweitig unterzubringen und da musste man auf diese Netzwerke auch zurückgreifen und da gab es ja auch so was wie Heiratsvermittlung, was jetzt nichts mit Zwangsehe zu tun hat, sondern da gab es Personen, die sozusagen da irgendwie auf dem Schirm hatten, wer ist gerade im Alter, wer sucht gerade? Und dann gab es da wirklich so Netzwerke, wo man versucht hat, auch über Familienbanden natürlich zu gucken, wo können wir XY am besten unterbringen und das ist natürlich mit sehr viel Unsicherheit und ja, auch Problemen in der Lebenswirklichkeit verbunden war, das ist auf jeden Fall so. Sprecher Zusätzlich kam es zu einer großen Auswanderungswelle. Über 11.000 jüdische Menschen aus Franken und Schwaben suchten ein besseres Leben in Übersee. Viele von ihnen wurden sehr erfolgreich. Denn sie hatten ja dank des „Judenediktes“ bereits eine Schul- und Berufsausbildung absolviert und konnten sich in den USA als freie und gleichberechtigte Bürger eine Existenz aufbauen.
- Modernes Hebräisch - Wie aus der Sakralsprache Ivrit wurde
11.09.2025 · 24 Min.
Hebräisch ist eine der ältesten und gleichzeitig jüngsten Sprachen der Welt. Über Jahrhunderte als Sakralsprache verwendet, wird sie im 19.Jahrhundert als alltäglichen Umgangssprache wieder belebt. Modernes Hebräisch: Wie aus der Sakralsprache Ivrit wurde. Autorin: Ulrike Beck Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Jerzy May Technik: Roland Böhm Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Michael Brenner, Historiker, Inhaber des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München; Daphna Uriel, Dozentin für Modernes Hebräisch am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: CUT - Das Silvester, das uns verfolgt | ARD Audiothek In diesem Podcast gehen wir auf eine Reise: Von 2015 bis Heute. Und sehen: Diese Nacht hat einen Riss in der Gesellschaft hinterlassen. Damals wurden mehr als 600 Frauen Opfer von sexuellen Straftaten. Die Täter: Meist Männer aus Nordafrika. Dieses Täterprofil hat Debatten über Integration, Flucht und Sicherheit verändert. Bis heute. Was haben wir in Sachen Migration und Asyl gelernt, ignoriert und verpasst seit der Kölner Silvesternacht 2015? Wir reden über Ängste und Angstmacher, Täter und Opfer, die AfD und über ein kleines Dorf in der Eifel, Marmagen. Wir hören die Geschichten derer, die von der Nacht nicht losgelassen werden. So wie uns alle die Silvesternacht 2015 bis heute nicht loslässt. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik: C1028320014 Kol Nidrei 1‘12 Zitator Wenn Moses heute zurückkäme und um ein Stück Brot bäte, verstünde man ihn. Erzählerin Das behauptet David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident des 1948 gegründeten Staates Israel. Musikakzent Erzähler Hebräisch ist im Laufe des 1.Jahrtausends v. Chr. entstanden - als Sprache, in der die heiligen Schriften des Judentums verfasst wurden. Bis heute ist das Hebräische die globale liturgische Sprache für das Judentum geblieben, die Sprache fürs Gebet. Erzählerin Dass diese Sprache als lebendige Sprache die Jahrtausende überdauern wird und erfolgreich ins alltägliche Leben zurückgeholt wird, danach sieht es ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus nicht aus. Denn nachdem die Römer Jerusalem und den Zweiten Tempel bereits zerstört hatten, verhängt 135 n.Chr. Kaiser Hadrian ein Ansiedlungsverbot für Juden in Jerusalem. Erzähler Damit beginnt die Zeit des Exils, in der Juden auf der ganzen Welt verstreut leben. Fast zweitausend Jahre lang spricht niemand mehr hebräisch, um ein Brot zu kaufen oder sich zu unterhalten. Erzählerin Dennoch stirbt die Sprache nicht aus, sondern wird als Mittelhebräisch von gebildeten Juden weiterhin benutzt. Wie der Historiker Michael Brenner erklärt. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München: 1.O-Ton (Brenner ab 2:16) Hebräisch war eine Sprache, die im Alltag durchaus vorhanden war, aber eben zum einen im Gebet und zum anderen im Studium. (…) Und so muss man sich vorstellen, dass viele Juden über viele Jahrhunderte hinweg - und das betrifft vor allem die Männer, weil die studiert haben - durchaus mit dem Hebräischen vertraut waren. Und das sieht man auch daran, dass sich auch im Mittelalter manchmal Juden, die auf der einen Seite in Ägypten und dann in Polen lebten oder sagen wir mal in Deutschland lebten, dass die sich auch Geschäftsbriefe auf Hebräisch schreiben konnten. Wenn das die einzige Sprache war, die sie miteinander verband. Erzähler In der Zeit der Diaspora beginnen Juden in den jeweiligen Ländern des Exils neue Sprachen zu entwickeln. Die bekannteste davon ist Jiddisch. 2.O-Ton (Brenner ab ca. 5:00) Das heißt, der Großteil der Juden etwa um 1900 sprach Jiddisch, denn die meisten Juden lebten in Osteuropa. Ihre Wurzeln waren aber in Deutschland, und man nahm sozusagen bei der Vertreibung aus den deutschen Territorien am Ende des Mittelalters zu Beginn der Neuzeit die deutsche Sprache mit. Aber sie blieb auf dem Stand des etwa vierzehnten, fünfzehnten Jahrhunderts stehen und entwickelte sich weiter, aber mit dem eben Einsprengseln Hebräisch und slawische Sprachen, sodass die jiddische Sprache entstand, die auch in hebräischen Buchstaben geschrieben wird. Erzählerin Ähnlich ist es mit den Juden, die am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aus Spanien und Portugal vertrieben werden und sich in Nordafrika, in der heutigen Türkei oder auf dem Balkan niederlassen. Auch sie entwickeln eine eigene Sprache: das Judäo-Spanisch bzw. Ladino. Musik: Z8015143113 Julitschka 1‘07 Erzähler Die Idee, die hebräische Sprache neu zu beleben, entsteht in der Zeit der Aufklärung. Bereits 1771 beginnt der deutsch-jüdische Philosoph Moses Mendelssohn in Berlin, die Psalmen und die fünf Bücher Mose ins Deutsche zu übersetzen. Erzählerin Mendelssohn besteht darauf, dass seine Übersetzung der Tora ab 1780 auch in hebräischen Buchstaben gedruckt und ausführlich auf Hebräisch kommentiert wird. Wenige Jahre später legen Mendelssohns Schüler den Grundstein für eine säkulare Dichtung auf Hebräisch. Indem sie die erste kontinuierlich erscheinende Zeitschrift gründen, die unter dem Titel „Hameassef“, „Der Sammler“ in Berlin und Königsberg erscheint. Musikakzent Erzähler Dass Hebräisch nicht nur die Zweit- oder Drittsprache von gebildeten jüdischen Männern bleibt, das macht sich der Sprachwissenschaftler Eliezer Ben Yehuda ein Jahrhundert später zur Lebensaufgabe. Er gilt als der Vater des modernen Hebräisch, dem Ivrit. Musikakzent Erzählerin 1858 im russischen Zarenreich, im heutigen Litauen als Eliezer Perlman geboren, begeistert er sich schon während seiner Schulzeit für jüdische Aufklärungsliteratur. Die er auf Hebräisch liest. Bald benennt er sich um in Eliezer Ben Yehuda. Neben seiner Liebe zur jüdischen Literatur und Sprache begeistert ihn der aufkommende Zionismus. Erzähler Also der jüdische Nationalismus, der davon ausgeht, dass die Juden nicht nur eine religiöse Gemeinschaft sind, sondern auch eine politische. Und insofern genau wie andere Völker auch den Anspruch haben, einen eigenen Staat zu bilden. Erzählerin Die Frage nach einer eigenen Nation wird 1881 nach dem Attentat auf den russischen Zaren Alexander II. existentiell. Denn die Schuld an dem Attentat wird „den Juden“ angelastet. In der Folge kommt es ab 1881 zu einer Welle von Pogromen in Russland und Polen. Musik: C1028320025 Der jiddische Fidler 0‘33 Erzähler Eliezer Ben-Yehuda ist einer der ersten von rund 30.000 osteuropäischen Juden, die wegen der antisemitischen Übergriffe in Russland und Polen mit der sogenannten ersten Aliyah nach Palästina auswandern. Erzählerin 1881 verlässt er Russland und lässt sich in Jerusalem nieder. Angetrieben von seinem Ziel: Ivrit, also ein modernes Hebräisch, als Umgangssprache für das Leben in einem neuen säkularen jüdischen Staat zu etablieren. 3.O-Ton (Brenner ab 6:16) Eliezer Ben Yehuda war ein Hebräisch Enthusiast und ein früher Zionist, der sagte: Wir sollten uns in unserer alten Heimat wieder ansiedeln, vor allem auch, weil wir dazu gezwungen werden aufgrund des Antisemitismus, der Pogrome in Russland. Und der sagte wir brauchen auch unsere alte Sprache wieder. Und zwar nicht nur als Sprache fürs Studium und als Sprache für das Gebet, sondern als gesprochene Sprache. Und er machte sich daran, ein hebräisches Lexikon zu schreiben und die hebräische Sprache in dem Sinn wiederzubeleben, dass er eben Ausdrücke kreierte, die im modernen Hebräisch nicht existierten. Denn viele Begriffe des neunzehnten Jahrhunderts existierten natürlich in der Bibel und demnach im biblischen Hebräisch nicht. Also musste man diese Begriffe neu schaffen und diese Sprache wiederbeleben als Alltagssprache. Erzähler Ben-Yehudar macht sich in Jerusalem an die Aufgabe, mit Ivrit eine Sprache zu schaffen, die sich einerseits in Schriftbild und Morphologie am biblischen Hebräisch orientiert und für die gleichzeitig ein zeitgemäßes Vokabular kreiert werden muss, damit sie überhaupt als Alltagssprache taugt. 4.O-Ton (Brenner 7:42) Ja, das war gar nicht so einfach, denn so ein richtiges Beispiel dafür gab es nicht. Sodass er erstmal versuchte, aus den existierenden Worten - im Hebräischen zum Beispiel haben die Verben jeweils eine Wortwurzel, die meistens aus drei Buchstaben besteht - dass er versuchte, aus diesen bestehenden Wurzeln neue Worte zu schaffen. Und das andere war, dass er dann in manchen Fällen eben auch versuchte, aus europäischen Sprachbeständen - Deutsch, Französisch, Englisch auch wiederum neue Worte zu schaffen. Und so entstand also ein neues Vokabular - einmal aufbauend auf dem alten biblischen Hebräisch und auf der anderen Seite aufbauend, auf modernen europäischen Sprachen. Musik: Z8015897108 Kirkja 0‘25 Erzählerin Es entstehen Vokabeln wie „sabon“ für Seife, das vom französischen „savon“ kommt. Oder iton, in dem das deutsche Wort Zeitung steckt, weil das hebräische „et“ übersetzt Zeit bedeutet. Im Laufe der Jahre werden zig Lehnwörter fester Bestandteil des Ivrit-Vokabulars. Erzähler Darunter auch viele deutsche, wie Daphna Uriel ausführt. Sie ist Dozentin für Modernes Hebräisch und unterrichtet Studierende am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der LMU München. 5.O-Ton (Uriel ab 26:51) Vor allem in Disziplinen wie Architektur, Bau, Maschinen. Wir haben Kugellager, wir haben Installator (…) wir haben Zimmer bis heute ist genutzt „Zimmer frei“. (…) Es gibt Schilder mit Zimmer frei - das schreibt man auf Hebräisch. Es gibt Schalter, Stecker, alle diese Sachen sagen wir auf Hebräisch. Erzählerin Und Vokabeln, die bis heute in der hebräischen Verbform durchkonjugiert werden, wie Michael Brenner veranschaulicht: 6.O-Ton (Brenner ab ca. 9:00) Zum Beispiel das Wort Spritzen also mit Wasser spritzen. Also Le ha spritz, hu Spratz und so weiter kommt alles von Spritzen aber wird dann hebräisch durchkonjugiert. Und es gibt natürlich auch Worte wie Fernseher, der erstmal wörtlich übersetzt wurde wie im Deutschen auch. Aber was die Leute verwenden - heute und seit vielen Jahrzehnten - ist der englische Begriff Televizija - also kein Mensch, sagt Fernseher, auf Hebräisch übersetzt. Erzähler 1881 sind längst nicht alle diese Worte Bestandteil des Ivrit-Vokabulars, denn Ben-Yehuda muss die Sprache erst erschaffen, die sich so schnell wie möglich als alltagstauglich etablieren soll. Um dieses Ziel schneller zu erreichen, benutzt er seine Familie als Übungsfeld. Erzählerin Die Devise im Hause Ben-Yehuda lautet: Rak Ivrit - nur Hebräisch. Seiner Familie mutet er damit sehr viel zu, denn außer ihnen spricht zu dieser Zeit niemand Hebräisch auf der Straße. Michael Brenner: 7.O-Ton (Brenner ab 11:18) Sein Sohn hat Memoiren veröffentlicht, geschrieben, und da spricht er unter anderem darüber, wie er als Kind von seinem Vater angehalten wurde, er dürfe nur Hebräisch sprechen. Nun hatte der arme Junge aber keine anderen Kinder, mit denen er Hebräisch sprechen konnte. Und auch mit der Mutter, also im Haushalt, dürfte nur Hebräisch gesprochen werden. Aber es gab noch nicht für alles Worte. Der Vater kreierte sozusagen gerade das hebräische Wörterbuch, und die Mutter sagte dann manchmal so Sätze wie ja, bring mir das und gibt mir das. Und ich gebe dir das, weil sie nicht wusste, was die Worte dafür waren. Musik: C1028320020 Doina 0‘21 Erzähler Ben-Yehudas ältester Sohn Ben-Zion, der sich später Itamar Ben-Avi nennt, gilt als das erste Kind, dass nach fast 2000 Jahren wieder mit Hebräisch als Muttersprache aufgewachsen ist. Wenn auch zu einem hohen Preis für die ganze Familie. Daphna Uriel: 8.O-Ton (Daphna ab ca. 11:40) Die wurden aus der Gemeinde in Jerusalem ausgeschlossen, weil die Gemeinde in Jerusalem war orthodox. Und die Orthodoxen meinten man dürfe kein Hebräisch sprechen, weil das ist die heilige Sprache, das ist nicht für Alltag gemeint. Ich denke, er wurde berühmt, auch weil er so ein Fanatiker war. Aber auch wegen seiner zweiten Frau. Das war die Schwester seiner ersten Frau. Sie kam aus Russland und die war richtig die Motor hinter ihm. Die war eine sehr starke Frau, hat viele Spende gesammelt, damit er konnte einfach setzen und das Wörterbuch schreiben. Erzählerin 1891 stirbt Ben-Yehudas erste Frau Debora an Tuberkulose. Kurz darauf heiratet Eliezer Deboras Schwester Paula. Eine jüdische Journalistin und Autorin, die sich in Jerusalem angekommen Hemda nennt. Musikak: C1028320024 Kinneret 0‘59 Erzähler Trotz aller Anfeindungen und Schicksalsschläge arbeitet Ben-Yehuda unermüdlich weiter an seinem Ziel, in Palästina eine säkulare jüdische Nation zu errichten, in deren Mittelpunkt die hebräische Sprache steht. Nach seiner Überzeugung die einzige Sprache, die alle Juden emotional und historisch miteinander verbindet. Erzählerin Er gibt Zeitungen in modernem Hebräisch heraus, gründet die Akademie für hebräische Sprache und arbeitet fieberhaft an seinem Gesamtwörterbuch der hebräischen Sprache, dessen erste sechs Bände 1910 erscheinen. Erzähler Er schafft die theoretischen Grundlagen für ein neues Hebräisch, das bis auf seine Familie und wenige andere aber praktisch niemand in Palästina spricht. Das bedeutet, dass er die jüdische Bevölkerung in Palästina dazu bringen muss, Ivrit zu lernen, um sich bald in dieser Sprache zu verständigen. Doch wie soll das gehen? Michael Brenner: 9.O-Ton (Brenner ab 15:06) Ja, das war kein einfaches Unternehmen. Und der Begründer der zionistischen politischen Bewegung, Theodor Herzl, war selber kein Anhänger der Wiederbelebung des Hebräischen. (…) Er sagte: Ja, wir können ja nicht mal ein Bahnticket in hebräischer Sprache kaufen. Wie sollen wir denn Hebräisch im Alltag sprechen? (…) Und das war eine große Herausforderung, die letztlich nur gelingen konnte, weil viele der osteuropäischen Zionisten, die eben wie Ben Yehuda aus Russland oder Polen kamen, auch die Notwendigkeit sahen: Eine Sprache muss in diesem Staat gesprochen werden, die alle Juden miteinander verbindet. Und dann wurde das teilweise auch mit Gewalt durchgesetzt. Es gab sogenannte Brigaden für die hebräische Sprache, die dann auch schonmal Leute, die in Tel Aviv am Strand entlang gegangen sind und jiddisch gesprochen haben, angehalten und sagten: Sprecht Hebräisch, kein Jiddisch, also da war man auch sehr streng. Erzählerin Bei der Mammutaufgabe, Hebräisch als gesprochene Alltagssprache zu etablieren, ist Ben-Yehuda nicht allein. Es sind die zionistischen Einwanderer, die - genau wie er - ab 1882 wegen der Pogrome in Russland aus Osteuropa nach Palästina kommen. Und die Voraussetzungen schaffen, dass diese Herausforderung gelingt. Erzähler Denn die Neueinwanderer gründen landwirtschaftliche Siedlungen und errichten Schulen, in denen ausschließlich auf Hebräisch unterrichtet wird. Als erste hebräische Schule der Neuzeit nimmt 1886 die Grundschule Havv in der Siedlung Rishon LeZion den Unterricht auf. Erzählerin Es entstehen immer mehr Schulen, Kindergärten und ab 1905 werden in Jaffa auch die ersten High-School-Klassen auf Hebräisch unterrichtet. Es sind die Kinder, die zu Hause das Neuerlernte ihren Eltern beibringen. Und zwar über viele Jahrzehnte: 10.O-Ton (Brenner ab 17:36) Denn die meisten ihrer Eltern waren noch in den 60er-Jahren Einwanderer, die aus den verschiedenen Ländern kamen, und die Kinder bekamen es in der Schule. Aber schwierig war es tatsächlich, vor allem zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, diese hebräischen Schulen in Israel durchzusetzen. Gefördert wurden sie nämlich oft von Geldgebern aus Europa, aus Frankreich, aus Deutschland. Und zum Beispiel gab es den Hilfsverein deutscher Juden, der eine Schule in Haifa eingesetzt hat. Einmal gab es einen richtigen Sprachenstreit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Geldgeber aus Deutschland drangen darauf, dass die Unterrichtssprache Deutsch sei in Haifa. Während die Lehrer dann einen Streik ankündigten, sagten, wir wollen Hebräisch unterrichten. Letztlich haben Sie das dann auch gewonnen. Erzähler Die „Gesellschaft zur Hilfe für deutsche Juden“ besteht 1913 darauf, dass in der geplanten Ingenieursschule, dem späteren Technion in Haifa, der Unterricht auf Deutsch abgehalten wird. Da - so die Argumentation - das notwendige technische und wissenschaftliche Vokabular auf Ivrit noch zu dürftig sei. Musik: C1028320020 Doina 0‘38 Erzählerin Dabei macht schon zu Beginn des 20.Jahrhunderts die Wiederbelebung der Sprache deutliche Fortschritte. Auch, weil die erste Generation der Kinder, die in den Schulen Hebräisch gelernt hat, erwachsen ist. Und nun mit ihren eigenen Kindern hebräisch spricht. Damit wächst eine neue Generation von Muttersprachlern auf, die das moderne Hebräisch daheim, statt in der Schule lernt. Erzähler Als 1909 die erste hebräische Stadt Tel Aviv gegründet wird, ist Ivrit als Alltagssprache nicht nur auf den Straßen und in den Cafés zu hören, sondern wird dort auch als Verwaltungssprache verwendet. Sämtliche Straßenschilder und öffentliche Ankündigungen werden auf Hebräisch geschrieben. Erzählerin Diejenigen, die noch kein Hebräisch sprechen, werden nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Zeit des Britischen Mandats dazu angehalten, in der Öffentlichkeit ausschließlich Ivrit zu sprechen. Durch die Kampagne „Jude, spreche Hebräisch“, die Ben-Yehudas Sohn Itamar Ben-Avi 1919 ins Leben ruft. Erzähler Die freiwilligen Wächter der sogenannten Legion der Verteidiger der Sprache kennen dabei kein Pardon. Auch nicht für den Nationalpoeten Chajim Nachman Bialik, wie Daphna Uriel erzählt: 11.O-Ton [Daphna ab ca.13:50] Einmal folgten die Bialik auf die Straße. Sie haben gehört, dass er jiddisch gesprochen hat, und (…) es gab (…) einen Prozess: „Warum haben Sie Jiddisch auf die Straße gesprochen?“ Und Bialik hat sich verteidigen, und am Ende wurde er freigesprochen. Weil und warum? Weil am Ende des Gespräches hat er ein Fluch auf Hebräisch gesagt auf diesen Mann, der ihn verfolgte. Und deswegen wurde er freigesprochen, weil er Hebräisch doch benutzt hat. Erzählerin Nur einen Monat vor seinem Tod gelingt es Eliezer Ben-Yehuda, 1922 den Hochkommissar des britischen Mandats für Palästina davon zu überzeugen, dass Hebräisch neben Arabisch und Englisch zur dritten offiziellen Amtssprache erhoben wird. Dazu wäre es nicht gekommen, hätte es fünf Jahre früher nicht eine wegweisende Deklaration gegeben. Michael Brenner: 12.O-Ton (Brenner ab 19:25) Ja, das hängt natürlich auch mit den Versprechen der Briten zusammen, die schon 1917 in der Balfour-Deklaration gegeben wurden, nämlich den Juden eine nationale Heimstätte - es hieß nicht Staat - aber nationale Heimstätte in Palästina zu geben. Und zu diesem Nationalen gehört natürlich auch die Sprache. Und man war tatsächlich sehr stolz darauf, auf der Seite der aus Europa eingewanderten Juden, dass nun etwa auf den Briefmarken oder auf den Geldscheinen, also auf allen offiziellen Symbolen, auch Hebräisch verwendet wurde und etwa auf den Briefmarken das Wort Eretz Israel zumindest abgekürzt also das Land Israel in hebräischen Buchstaben auch erscheinen durfte. Erzähler 1948 wird Hebräisch neben Arabisch endgültig zur Amtssprache des neu gegründeten Staates Israel. Dass es gelungen ist, Hebräisch als antike Bildungssprache nach Jahrtausenden als Alltagssprache wiederzubeleben, ist eine einzigartige kulturelle Leistung. 13.O-Ton (Brenner ab 20:42) Man kann das in der Tat nicht mit dem Griechischen vergleichen, denn das biblische Hebräisch und das moderne Hebräisch sind zumindest so miteinander verwandt, dass jeder Israeli jede Israelin heute ganz gut die Bibel verstehen kann. Während natürlich, wenn jetzt König David auferstehen würde, er wahrscheinlich nicht jedem Wort folgen könnte, das in Israel gesprochen würde. Und Ben Yehuda und seine Nachkommen haben es geschafft, eine moderne Sprache zu schaffen, die im Alltag völlig kompatibel ist und trotzdem die Wurzel des biblischen Hebräisch zu bewahren und in diese Sprache zu integrieren. Erzählerin Ivrit bedeutet übersetzt nichts anderes als „hebräisch“. Als Ausdruck einer Sprache, mit der es gelungen ist, im Laufe der Jahrtausende einen historischen Bogen zwischen völlig verschiedenen Zeitaltern zu spannen. Musik: C1028320024 Kinneret 0‘52 Erzähler Es ist daher kein Zufall, dass die Bezeichnung Ivrit für das heute gesprochene Hebräisch sich auf ein lange zurückliegendes Ereignis in der biblischen Geschichte bezieht: den Turmbau zu Babel. Daphna Uriel: 14. O-Ton (Daphna ab ca. 37:00) Ivrit kommt eigentlich von Ever, war ein so mythologische Figur in der Bibel. Der war so diese Uralt-Vater von vielen Nationen in der Region. Und die Geschichte mit Ever ist, dass er war so eine gute Mann und hat verweigert mitzumachen mit dem Bau von Turm von Babel. Und deswegen wurde er und seine Nachkommen nicht bestraft und ihre Sprache hat sich nicht verwirrt.
- Das Gipfelkreuz - Eine Geschichte von Aufstieg und Fall
10.09.2025 · 23 Min.
Auf rund 4000 Alpengipfeln steht heute ein Gipfelkreuz. Oft stecken in den paar Balken aus Holz oder Metall dramatische Geschichten. Obwohl viele dieser Gipfelzeichen für Frieden, Freundschaft und Versöhnung stehen, scheiden sich an ihnen die Geister. Um die Deutungshoheit ist ein harter Kulturkampf entbrannt. Von Rainer Firmbach (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Rainer Firmbach Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Andreas Neumann Technik: Daniela Röder Redaktion: Karin Becker Besondere Empfehlung der Redaktion [Extern]: Mehr Storys, Infos & Tipps vom Berg: Der Instagram-Kanal von BR Berge. Einfach abspeichern und rausgehen! https://www.instagram.com/br_berge/ Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Philosophie der Berge - Von Höhen und Tiefen HIER Die Geschichte der Bergretter - Helden und Heldinnen der Alpen HIER Literaturtipps: Walter Bonatti: Große Tage am Berg. Zürich, Rüschlikon, 1972. Hans Joachim Löwer: Gipfelkreuze. Innsbruck, Athesia, 2019. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER: Wie eine Kathedrale thront das Gaishorn über dem Vilsalpsee. Die mächtige Felspyramide gehört - neben Hochvogel und Trettachspitze - zu den auffälligsten Berggestalten der Allgäuer Alpen. Auch bietet das Gaishorn dem rüstigen Gipfelstürmer eine phantastische Rundschau, nach allen Himmelsrichtungen. SPRECHERIN: Von frühester Jugend an hat Edmund Abel das Gaishorn immer wieder bestiegen. Stundenlang, sagt der Mann aus Legau, kann er dort oben am Gipfel, in 2249 Metern Höhe, nur dasitzen und schauen. SPRECHER: Abels Hauptaugenmerk gilt dabei dem imposanten Gipfelkreuz, mit seinem schmiedeeisernen Strahlenkranz. Aus gutem Grund. Zähe Legauer Naturburschen haben dieses neue Kreuz 2011 hier heraufgetragen, Seite an Seite mit Bergwachtlern aus dem Tannheimer Tal, als Ersatz für das alte Legauer Holzkreuz, das ein Wintersturm beschädigt hatte. Musik weg SPRECHERIN: Im Kreuz auf dem Gaishorn-Gipfel sieht Edmund Abel mehr als nur eine Selfie-Kulisse, für das zeittypische Gipfelfoto auf Social Media: 1. O-Ton: „Aufm Gipfel vom Gaishorn is es e bissle wie hoim komma. Es is a bissle die verlängerte Flur von Legau. Weil ja da dieses Gipfelkreuz von der Kolpingsfamilie und jetzt auch von der Bergrettung Tannheim steht. Und es is e schönes Gefühl, wenn man weiß, dass da schon vor 80 Jahren aus unserem Ort Menschen sich genau für diesen Gipfel begeistert ham. Und es is einfach a tolles Gefühl, wenn man da oben steht, und auch diesen Gedanken mittragen kann.“ SPRECHER: Die Liebe zu den Bergen, regionale Verbundenheit und Ehrfurcht vor dem tief in christlichen Glaubensvorstellungen verwurzelten Kreuzsymbol verbinden sich zu einem Narrativ, von dem sich auch heute noch eine große Zahl an Menschen angezogen fühlt - aufgeklärte Moderne hin oder her. SPRECHERIN: Warum das so ist, erklärt sich Hans-Joachim Löwer, Autor des Buches: „Gipfelkreuze“, so: 2.O-Ton: „In der Tat, Kirche ist „out“, aber Gipfelkreuze sind „in“, seltsamerweise. Es werden ja immer wieder neue aufgestellt. Sie sind Symbole des Christentums. Die meisten Erbauer, und die meisten Alpinisten, die vor den Kreuzen stehen, empfinden so ein Kreuz aber eher als ein Zeichen, dass diese Stelle etwas Besonderes ist. Wer am Gipfel steht, hat sich über die Niederungen erhoben. Das Kreuz, vor dem du da stehst, führt dir vor Augen: das hier ist ein ungewöhnlicher, herausragender, feierlicher Platz.“ SPRECHER: (( Löwer hat für seine vielstimmige Sammlung an Gipfelkreuzgeschichten akribisch recherchiert. Und gut 60.000 Höhenmeter zurückgelegt. Zu Fuß, mit Rucksack, Notizblock und Kamera. 3.O-Ton: „Es hat bei mir ja ein halbes Jahrhundert gedauert, bis ich auf die Idee gekommen bin, über Gipfelkreuze zu schreiben. Vorher, bis dahin, habe ich, wie tausende andere Alpinisten auch, am Gipfelkreuz gesessen, meinen Rucksack ausgepackt, ne Flasche Wasser hergenommen und die Aussicht genossen. Und irgendwann, an einem Tag, das war ein ganz unscheinbarer Gipfel, in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen, gleitet mein Blick über das Gipfelkreuz. Und die Frage schießt mir durch den Kopf: wieso steht das Kreuz eigentlich da? (( Wer hat das denn gebaut? Wer hat das denn erdacht? Wie ham die das denn hier hochgebracht? Und warum? )) Und meine Vermutung war: dass in diesen Kreuzen dramatische Geschichten stecken.“ )) SPRECHERIN: Auf rund viertausend Alpengipfeln steht heute ein Gipfelkreuz. Oder auch eine Madonna, wie in Italien und in Frankreich häufiger der Fall. Musik darüber SPRECHER: Viele von diesen Gipfelzeichen stehen für faszinierende, oft jahrhundertealte Geschichten. SPRECHERIN: Diese Geschichten erzählen von Päpsten, Bischöfen und Priestern, die gegen den „Ungeist der Welt“ zu Felde zogen, indem sie Bergspitzen mit Kreuzen „besetzen“ ließen. Oder von eigenwilligen Künstlern, die Berggipfel zu einer Spielwiese für ihre extravaganten Ideen machten. SPRECHER: Sie handeln von gottesfürchtigen Bergbauern, und ihrem - von alten, heidnischen Vorstellungen mitgeprägten - Volksglauben. Wetterkreuze sollten den „heiligen Berg“ - vormals Sitz der Götter, Geister und Dämonen - besänftigen, sollten Hagel, Blitz und Sturm bannen. SPRECHERIN: Nicht zuletzt auch erinnern Gipfelkreuzgeschichten an wagemutige Bergpioniere. Alte Fotos zeigen diese tollkühnen Erstbegeher, mit ihrer vorsintflutlich aussehenden Bergsteigerkluft: Filzhut und Lodenjacke, dazu Holzschaftpickel und genagelte Schuhe. Ihre Triumphe und Tragödien schrieben Alpingeschichte. Musik weg SPRECHER: In der Entwicklungsgeschichte des Gipfelkreuzes markiert das Jahr 1800 eine Art „Quantensprung“. Wird jetzt doch zum ersten Mal auf einem Alpenberg von beträchtlicher Höhe: auf dem 3798 Meter hohen Großglockner, dem höchsten Berg von Österreich, ein mächtiges Gipfelkreuz aufgestellt. SPRECHERIN: Treibende Kraft bei diesem kühnen Projekt ist ein Mann im Bischofsgewand: Franz II. Xaver Altgraf von Salm-Reifferscheidt, Oberhirte der Diözese Gurk. SPRECHER: Eine Zeitenwende bahnt sich damals an in Europa. Nur sechs Jahre noch, und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wird zusammenbrechen. Auch blühen die Wissenschaften auf: es ist das Zeitalter der „Vermessung der Welt“. Und ein säkularer Geist, geprägt von Aufklärung, Rationalismus und Französischer Revolution, hat damit begonnen, die religiösen Autoritäten zu erschüttern. SPRECHERIN: Dieser versinkenden Welt will der couragierte Geistliche eine Art Denkmal setzen. Er finanziert daher die größte Expedition, die es bislang in den Alpen gegeben hat. Musik darüber SPRECHER: Außer ihm nehmen ein Arzt, ein Landvermesser, ein Mineraloge und ein Botaniker an diesem abenteuerlichen Unternehmen Teil. Dazu kommt eine Karawane aus 26 Trägern, nebst Reit- und Packpferden. Auch schleppt man ein ganzes Arsenal von wissenschaftlichen Instrumenten mit. SPRECHERIN: Während die Honoratioren im letzten Hochlager, auf 3454 Metern Höhe, zurückbleiben, kämpfen sich im Juli 1800 fünf einheimische Führer, unter Zuhilfenahme von langen Holzstöcken, Schritt für Schritt, den steilen Gipfelaufbau hinauf. Sie hacken Stufen in die abschüssigen Rinnen aus Schnee und Eis. Spannen Sicherungsseile über halsbrecherische Felspassagen. Tatsächlich gelingt ihnen am Ende die Erstbesteigung des Gipfels. Dort verankern sie das fast vier Meter hohe Kreuz. SPRECHER: Die Einwohner in dem nahegelegenen Dorf Heiligenblut feiern das spektakuläre Ereignis mit Böllerschüssen. 79 Jahre lang wird dieses Kreuz auf dem Großglockner stehen: als „Wächter einer ewigen Ordnung“, wie die Kirche es sieht. Und zugleich als ein Symbol des menschlichen Forschungs- und Eroberungswillens. Musik weg (( 4.O-Ton: „Neben dem Kreuz wurde ein überdachter Holzkasten aufgestellt, in dem ein Thermometer und ein Barometer eingeschlossen wurden. Den Schlüssel erhielt der Pfarrer des Dorfes Heiligenblut, mit der Maßgabe, ihn nur an Leute herauszugeben, die am Großglockner Messungen machen wollten.“ SPRECHERIN: Tatsächlich lieferten die Messungen vom Großglocknergipfel vor allem Meteorologen viele wertvolle Erkenntnisse. )) SPRECHER: Erst 1880, anlässlich der Silberhochzeit des österreichischen Kaiserpaares, Franz Joseph und Elisabeth, wird das alte Kreuz durch ein neues, das so genannte „Kaiserkreuz“, ersetzt. SPRECHERIN: Mit dem Großglocknerkreuz ist das Zeitalter der Gipfelkreuze eingeläutet: abertausende solcher Gipfelzeichen werden jetzt, im Laufe der Zeit, im gesamten Alpenraum aufgestellt. SPRECHER: Die unterschiedlichsten Hoffnungen, Ängste und Schicksale ranken sich fortan um die paar Balken aus Metall oder Holz. Und nicht nur das. Mehr und mehr werden Gipfelkreuze auch zum Spielball weltanschaulicher Auseinandersetzungen. SPRECHERIN: Geradezu mustergültig zeigt sich das am Beispiel des Zuckerhütl, dem höchsten Berg der Stubaier Alpen, in Österreich. SPRECHER: Dankbare Kriegsheimkehrer hatten auf diesem Berg, im Jahre 1947, ein Kreuz errichtet. In Erinnerung an die Schrecken des 2.Weltkriegs, sollte es eine Art Neuanfang symbolisieren. Wobei es aber, so Hans-Joachim Löwer, nicht blieb. 5.O-Ton: Da gibt es im Stubaital einen engagierten, umtriebigen Kaplan namens Karl Loven. Der will ein Zeichen setzen, dass die alten, christlichen Tugenden wieder Einzug halten in das Tal, und in die ganze Welt. Er macht das Gipfelkreuz zum Thema eines Films, der ein Jahr später in Innsbruck uraufgeführt wird. Er schreibt ein Buch, in dem das Zuckerhütlkreuz an den heldenhaften Widerstand erinnert, den junge Katholiken gegen den Ungeist der Nazis geleistet haben. Es ist die Zeit, in der die Kirche ihren letzten, großen Kulturkampf um die Köpfe und Herzen der Menschen führt. In Deutschland gehen tausende von Christen gegen den Film die „Sünderin“ auf die Straße, in dem Hildegard Knef sich vor der Kamera nackt auszieht. Viele Gipfelkreuze, die aus dieser Zeit stammen, sind als Demonstration gegen die sich ausbreitende Säkularisierung gedacht.“ SPRECHER: Auch das Zuckerhütlkreuz wurde in diesem Sinne weltanschaulich vereinnahmt. Karl Loven predigte nämlich seiner Anhängerschaft, über – Zitat – „frivole Filme nicht auf der Straße zu schimpfen“. Vielmehr helfe gegen den um sich greifenden Sittenverfall „nur das Gebet am Gipfelkreuz“. SPRECHERIN: Mitunter nimmt der „Kulturkampf“ ums Gipfelkreuz auch aberwitzige Züge an. Wie etwa, im Jahre 1943, in den Freiburger Voralpen, in der Schweiz. SPRECHER: Dort sehen wortgewaltige Gottesmänner, vom Kapuzinerorden, im Berggipfel des 1858 Meter hohen Les Millets gar eine, Zitat, „letzte Bastion der Moral“. Durch den Bau eines Gipfelkreuzes will man, dementsprechend, ein Zeichen setzen. SPRECHERIN: Sozialismus, Geld- und Machtgier, Sportsgeist, Tourismus oder Modeverrücktheiten - alles das ist in den Augen der Ordensbrüder „heidnischer Kram“. SPRECHER: Das Landleben hingegen wird von den Mönchen verklärt. Für die „feinen Städter“ kennt man daher im „Volkskalender“, ihrem offiziellen Presseorgan, nur Hohn und Spott: Musik darüber (Jodler) ZITATOR: „Immer mehr solcher Sommervögel flattern jetzt in unsere Bergdörfer hinauf. Mit Jazz und Swing, all Abend Ball (…). Aber es ist nicht gut, wenn dem einfachen Bergvolk solche Stinkkäfer und Grillen der Unzufriedenheit im Kopf herumsummen.“ SPRECHER: An anderer Stelle mokiert man sich auf Schwyzerdütsch. ZITATOR: „Lueget auch, wie die Stadtweibervölker daherkommen: Es Müli zündrot verrandet. Die Fingernägel feurig wie Teufelskrallen.“ SPRECHERIN: 33 Jahre wird dieses „moralische Bollwerk wider den Zeitgeist“ auf dem Les Millets stehen, ehe es ein Blitzschlag zerstört. Musik weg SPRECHER: Auf andere Art macht der nur 1205 Meter hohe Heigelkopf „Karriere“. Gehört doch dieser eher unscheinbare Berg, im Bayerischen Voralpenland auf dem Gebiet der Gemeinde Wackersberg gelegen, zum düsteren Erbe der Nazi-Zeit. Musik darüber („Die Fahne hoch!“) SPRECHERIN: 1933 - Adolf Hitler ist gerade erst an die Macht gekommen - taufen dort regimetreue Wackersberger Bürger - in vorauseilendem Gehorsam - den Heigelkopf um, in „Hitlerberg“. Und ersetzen das Gipfelkreuz durch ein Hakenkreuz. Mit Fackeln bestückt, leuchtet es bei Nacht ins Land hinaus, als ein „glühendes Bekenntnis zum Führertum“. SPRECHER: Der „Führer“ selbst steigt freilich nie auf diesen Berg. Bis heute aber werfen die Gespenster der Vergangenheit auf die Dorfgemeinde lange Schatten. Musik weg 6.O-Ton: „Im Frühjahr 1945, als Hitlers Reich in Trümmer sinkt, fürchten die Wackersberger, dass dieses Hakenkreuz ihnen Ärger bringen wird. So schleicht sich, kurz vor Ankunft der amerikanischen Truppen, nachts ein Trupp von Männern mit einem Schweißgerät hoch zum Hitlerberg. Die knicken das Nazi-Symbol, lassen es auf dem Gipfel liegen. Damit man beim Schweißen den verdächtigen Funkenflug nicht sieht, sind die Männer in Wettermäntel eingehüllt. Der Hitlerberg heißt seither natürlich wieder Heigelkopf. Das Internet aber vergisst ja bekanntlich nichts. Wer bei Google Maps oder Google Earth den Namen Hitlerberg eingibt, landet schnurstracks und zielsicher beim Heigelkopf. Jahrelang hat sich die Gemeinde Wackersberg darüber aufgeregt. Wütende Briefe an Google geschrieben, aber vergebens.“ MUSIKAKZENT SPRECHERIN: Gipfelkreuze werden von Stürmen gebeutelt, vom Blitz zertrümmert, unter Schneemassen begraben. Oder fallen neuerdings auch dem Klimawandel zum Opfer. SPRECHER: So geschehen am Ortler, in Südtirol, im Jahre 2012. Selbst auf dem Fastviertausender war der Permafrostboden aufgetaut, das Gipfelkreuz daher aus seinem Betonsockel gebrochen und mit wildem Getöse den Berg hinab gedonnert. 7.O-Ton: „Nach dem 2. Weltkrieg haben amerikanische Besatzungssoldaten das Kreuz der Zugspitze zum Ziel von Schießübungen gemacht. Auf der Mondspitze, im Österreichischen Rätikon, lag eines Tages ein Gebiss in dem Kupferkasten am Kreuz, der eigentlich nur für das Gipfelbuch bestimmt war. Und im Gipfeltuch stand etwas von einer “bissigen Tour“. Und auf dem Monte Bregagno, am Comer See, in Italien, habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass junge Leute ihre schweißnassen T-Shirts über das Gipfelkreuz hängten, damit die Outdoor-Wäsche in der Sonne trocknen konnte. Mir tat das schon ein bisschen weh. So einen Mangel an Respekt und Sensibilität zu sehen.“ SPRECHER: Allein, braucht es überhaupt Gipfelkreuze? Diese provokative Frage wird neuerdings immer öfter gestellt. Und in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. 8.O-Ton: „Gipfelkreuze haben ja nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Und die gehören zu einer Gruppe von Menschen, die der Ansicht sind, dass religiöse Symbole im öffentlichen Raum eigentlich nichts zu suchen haben. Vor allem in der Schweiz hat es spektakuläre Protestaktionen gegen Gipfelkreuze gegeben. Auf dem Berg Freiheit, in den Appenzeller Alpen, stand eines Tages plötzlich ein drei Meter hoher Halbmond, aus weißem Acrylglas. Ein Hubschrauber hatte das islamische Symbol auf den Gipfel geflogen. Sein Schöpfer war der Künstler Christian Meier, ein überzeugter Atheist, dem die vielen Gipfelkreuze auf die Nerven gegangen waren. „Ich mag Dinge, die beim Betrachter anecken“, sagte er, „ich wollte endlich einmal ein Gegengewicht schaffen.“ Er musste sein Objekt natürlich schnell wieder abräumen. Aber der Wirbel, den er entfachen wollte, den hat er gehabt.“ SPRECHERIN: Selbst Nacht- und Nebel-Aktionen, von sichtlich härterer Gangart, bleiben nicht aus: 9.O-Ton: „Etwas rabiater ging der Schweizer Bergführer Patrick Bussard vor. Er brachte in den Bergen des Kantons Fribourg gleich drei Gipfelkreuze zu Fall. Einmal löste er die Schrauben, mit denen das Monument befestigt war. Zweimal war er mit einer Säge zugange. Er wurde dafür von einem Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt, stand aber auch nach dem Prozess zu seiner Tat. „Christliche Kreuze sind Symbole des Todes, der Gewalt und der Macht!“ sagte er. „Sie haben in den Bergen nichts zu suchen.“ Seine Kreuzfällerei löste landesweite Empörung aus. Der Schweizer Alpenclub schloss ihn aus seinen Reihen aus. Ein harter Schlag für einen Bergführer.“ SPRECHER: Als es 2016 vermehrt zu aggressiven Attacken eingefleischter Gipfelkreuz-Gegner kommt, meldet sich Reinhold Messner, Bergsteiger-Ikone aus Südtirol, zu Wort. Er fordert einerseits: ZITATOR: „Man sollte die Berge nicht zu religiösen Zwecken „möblieren“. Denn sie gehören der ganzen Menschheit.“ SPRECHER: Andererseits sollten alle bestehenden Gipfelkreuze, so Messner, erhalten bleiben. Immerhin seien sie „ein Stück Kulturgeschichte“. Und ihr gewaltsames Entfernen daher ein „Akt von Vandalismus“. (( SPRECHER: Vom Kreuz als Verweis auf eine höhere Sphäre hält der berühmte Achttausenderbezwinger hingegen nicht viel. Messners Credo lautet daher: ZITATOR: „Die Berge selbst haben etwas Erhabenes - da braucht es kein Zeichen für etwas Übernatürliches.“ )) Musik darüber SPRECHERIN: Fehlt noch ein Blick auf Kreuze, die mit den Schicksalen einzelner Menschen verbunden sind. SPRECHER: Das ist das Gedenkkreuz Croce Carrel. Es erinnert an die selbstlose Heldentat von Jean Antoine Carrel, dem Matterhornpionier, aus Cervinia im Aostatal. Obwohl er in einen verheerenden Wettersturz geraten war, brachte Carrel die ihm anvertraute Seilschaft wieder heil zurück ins Tal. Erst dort starb der alte Bergführer dann an Erschöpfung. SPRECHERIN: Da ist das Gipfelkreuz auf dem Stecknadelhorn, einem Viertausender im Wallis. Als ein „Glückszeichen“ will es sein Stifter, der Schweizer Bergführer Jan Schnidrig, verstanden wissen. Hat er doch nur um ein Haar ein Lawinenunglück, am Achttausender Gasherbrum II, im Karakorum, überlebt. SPRECHER: Da sind die vielen, schlichten Holzkreuze, auf einsamen Inselbergen in Südtirol. Alle im Stil der alten Wetterkreuze: mit drei Querbalken also, konstruiert. Und versehen mit den Initialen: U und K. Musik weg SPRECHER: Diese Initialen stehen für einen bescheidenen, eher wortkargen Einzelgänger, wie Hans-Joachim Löwer herausgefunden hat. 10.O-Ton: „Ulrich Kössler aus Meran hat als Hobby, all seine Gipfelkreuze selber zu schnitzen. Als ich ihn kennen lernte, hatte er es schon bis zu 28 Stück gebracht. Die sind gerade mal so groß, dass er sie in seinen Rucksack stecken kann. Und er sucht sich bewusst Gipfel aus, die außerhalb des alpinistischen Mainstreams liegen. Und läuft dann im Abstand von ein paar Jahren seinen eigenen Kreuzen noch mal nach. Er schaut im Gipfelbuch nach, wer ist denn zu diesem Kreuz gekommen, wie heißt der Mensch, kenn ich ihn vielleicht, oder war vielleicht überhaupt niemand da.“ Musik darüber SPRECHERIN: Bedeutsamer denn je aber sind gerade heute, in einer von Kriegen und Krisen erschütterten Welt, völkerverbindende Gipfelkreuzinitiativen. SPRECHER: Wie etwa die auf der Großen Kinigat, in den Karnischen Alpen, in Osttirol. Hier steht, in 2689 Metern Höhe, ein mächtiges Kreuz: als ein Mahnmal für Frieden, Freundschaft und Versöhnung. SPRECHERIN: Im Alpenkrieg, von 1915 bis 1918, zwischen Österreich-Ungarn und Italien, war - neben den Dolomiten - die Große Kinigat Schauplatz von besonders blutigen Gefechten. Eingedenk dieser alten Kriegswunden wird hier jedes Jahr, an einem Sonntag im August, eine gemeinsame Bergmesse zelebriert. SPRECHER: Eine große Menschenmenge strömt zusammen an diesem Tag: die einen kommen aus Österreich, die anderen aus Italien. Symbolisch reicht man sich unter dem Gipfelkreuz die Hände - zum Friedensgruß. SPRECHERIN: Das Kreuz trägt die 12 Sterne der Europa-Flagge. Nicht ohne Grund: die Zahl 12 steht für Vollkommenheit und Einheit. SPRECHER: Zusätzlich steht auf einer Gedenktafel zu lesen: „Nie wieder Krieg!“ Die berühmten Worte von Papst Paul dem VI., gesprochen vor der UN-Vollversammlung 1965 in New York. Musik weg SPRECHERIN: Bleibt als Fazit: bei allem Hickhack um die Deutungshoheit in Sachen Gipfelkreuz - die mystische Strahlkraft dieses Symbols, sie scheint ungebrochen. SPRECHER: Eindrucksvoll zeigt das ein Blick in das Buch: „Große Tage am Berg“. Geschrieben hat es der berühmte, italienische Extrembergsteiger, Walter Bonatti. SPRECHERIN: Rückblickend schildert Bonatti darin seinen aufsehenerregenden Alleingang durch die gefürchtete Matterhorn-Nordwand. Er durchstieg diese eisgepanzerte Wand im Februar 1965, mitten im Winter also. Musik darüber SPRECHER: Nach einem zähen Ringen erreicht Bonatti schließlich den 4478 Meter hohen Gipfel. Er schreibt: ZITATOR: „Gegen drei Uhr nachmittags erblicke ich unerwartet das Gipfelkreuz. Die Sonne bestrahlt es von Süden her; es leuchtet, als ob es in Weißglut stände. Ich muss an den Glorienschein eines Heiligen denken. Selbst die Pressefotografen, in ihren Flugzeugen, scheinen die Feierlichkeit dieses Augenblicks zu fühlen. Sie entfernen sich eine Weile und lassen mich die letzten Meter in völliger Stille erklimmen. Mit Tränen in den Augen umfasse ich das eiserne Skelett des Kreuzes und drücke es an meine Brust, allein mit mir und der Unendlichkeit.“
- Das Recht auf Urlaub - Wie es zur bezahlten Freizeit kam
08.09.2025 · 23 Min.
Sommer ist Urlaubszeit. Aber das Recht auf bezahlte Freizeit zum Ausspannen und Erholen war besonders für Arbeiter und Arbeiterinnen lange die Ausnahme. Vorreiter waren Brauereimitarbeiter in Stuttgart, die sich 1903 einen der ersten Tarifverträge mit einem bezahlten Jahresurlaub erstritten - allerdings nur drei Tage.Autor: Georg Gruber (BR2025) Credits Autor/in dieser Folge: Georg Gruber Regie: Irene Schuck, Christian Baumann, Marlen Reichert Es sprachen: Berenike Beschle Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Hasso Spode, Historiker, langjähriger Leiter des „Historischen Archiv Tourismus“ an der TU Berlin Dr. Holger Starke, Historiker für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, im Vorstand der Gesellschaft für Geschichte des Brauwesens (https://ggb-berlin.de/de) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Alles Geschichte - Der History-Podcast · URLAUB! Die Erfindung der Ferien · Podcast in der ARD Audiothek Ferien sind eine wunderbare Zeit, und das Bedürfnis danach ist nur menschlich. Dennoch ist die Idee, sich jedes Jahr einige Wochen Auszeit zu nehmen, ziemlich neu. Vor zweihundert Jahren war sie den Menschen so fremd wie der Gedanke, in einer großen Blechkiste um die Welt zu fliegen. (BR 2017) Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Literatur: Hasso Spode, Traum Zeit Reise, Eine Geschichte des Tourismus, BeBra-Verlag 2025 Hasso Spode, Urlaub Macht Geschichte, Reisen und Tourismus in der DDR, BeBra-Verlag 2022 (Hasso Spode ist der Historiker, der sich am längsten und intensivsten mit der Geschichte des Urlaubs, des Tourismus und des Reisens beschäftigt hat. Er war viele Jahre Leiter des Historischen Archiv zum Tourismus an der TU Berlin) Rüdiger Hachtmann, Tourismus-Geschichte, Vandenhoeck & Ruprecht 2007, (Umfassende kompakte Einführung zum Thema Tourismus mit kurzem Abschnitt über den Aspekt des bezahlten Urlaubs) Jürgen Reulecke, Die Entstehung des Erholungsurlaubs für Arbeiter in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg, in: Dieter Langewiesche und Klaus Schönhoven, Arbeiter in Deutschland, Studien zur Lebensweise der Arbeiterschaft im Zeitalter der Industrialisierung, Schöningh-Verlag, 1981, S. 240-268 (Jürgen Reulecke hat sehr genau und detailreich die Geschichte des Urlaubs für Arbeiter bis zum Beginn des ersten Weltkrieges untersucht) Jürgen Reulecke, Vom blauen Montag zum Arbeiterurlaub, Vorgeschichte und Entstehung des Erholungsurlaubs für Arbeiter vor dem ersten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte 16 (1976). Jürgen Reulecke, Die Anfänge des Erholungsurlaubs für Arbeiter, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 31 (1980) S. 716-727 Sina Fabian, Geschichte des Reisens, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2024 (Eine kurze kompakte Einführung in die Geschichte des Reisens) Christine Keitz, Reisen als Leitbild. Die Entstehung des modernen Massentourismus in Deutschland, dtv 1997. (Lesenswerte Untersuchung über die Ursprünge des Massentourismus) Karl Ihmels, Das Recht auf Urlaub. Sozialgeschichte Rechtsdogmatik Gesetzgebung, Athenäum Verlag 1981, (Eine der wenigen Abhandlungen aus juristischer Perspektive über das Recht auf Urlaub, Promotionsarbeit) Michael Schneider, Streit um Arbeitszeit. Geschichte des Kampfes um Arbeitszeitverkürzung in Deutschland, Bund-Verlag 1984 (Übersicht zum Thema Arbeitszeitverkürzung, mit interessanten Dokumenten im Anhang) Thomas Hofmann, Das Recht der Brauereiarbeiter am Ende des 19. und 20. Jahrhunderts, dargestellt insbesondere am Beispiel der Kulmbacher Brauereien, Verlag Dr. Kovac 2001. (Dissertation über die rechtliche Lage der Brauereiarbeiter, interessant auch mit Bezug auf Bestimmungen zu bezahltem Urlaub) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Das muss man sich mal vorstellen: Da hat man zum Beispiel monatelang am Bau Zementsäcke geschleppt und Gräben ausgehoben oder in Häusern Rohre verlegt. Und dann geht man mit seinem Urlaubsantrag zum Chef und erfährt: Urlaub? Völlig unnötig. Man habe sich ja bei der Arbeit schon erholt, so von wegen frische Luft und Bewegung. Undenkbar? Nein. Gar nicht. Denn so ähnlich war das früher. Aber der Reihe nach. Urlaub - das war ursprünglich ein Gnadenakt, auf den man keinen Anspruch hatte. Nachzulesen zum Beispiel in einem Universallexikon aus dem Jahr 1747: Zitator „Urlaub, Orlaub oder Verlaub heißt überhaupt nichts anders als die Erlaubniß, Nachsicht oder Vergünstigung derer Obern, daß ihre Untergebenen etwas thun oder unterlassen mögen, welches diesen sonst nicht frey gestanden hätte.“ 1. O-Ton Hasso Spode Erlaubnis bedeutete, sich von dem Hof, also dem Königshof oder vielleicht auch der Truppe für ein paar Tage zu entfernen. Und das machte man nicht aus reinem Vergnügen, sondern hatte man Familienangelegenheiten oder Geschäfte zu erledigen, oder was weiß ich. Sprecherin Erklärt der Historiker Prof. Hasso Spode, langjähriger Leiter des „Historischen Archivs Tourismus“ an der TU Berlin 2. O-Ton Hasso Spode Urlaub war Erlaubnis, sich irgendwo vom Hof zu entfernen. Aber bezahlt war da gar nichts. Musik 2 "After the Circus" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'45 Sprecherin Der Radius der meisten Menschen war lange klein, oft nicht sehr viel weiter als bis zum nächsten Dorf oder zur nächsten Stadt. Weiter herum kamen Kaufleute und Hausierer sowie Handwerksburschen auf der Walz oder Pilger und Pilgerinnen. Zum Vergnügen zu verreisen oder zu Bildungszwecken ist bis ins 19. Jahrhundert ein Privileg des Adels und gehobener bürgerlicher Kreise. Die meisten anderen Menschen konnten sich das Reisen auch finanziell gar nicht leisten. Da sogar höhere Staatsbeamte keinen Urlaub erhielten, wurde es Mode, sich mit einem ärztlichen Attest eine Bäderreise genehmigen zu lassen in Kurorte mit heilenden Thermalquellen, wie Aachen, Wiesbaden oder Baden-Baden. 3. O-Ton Hasso Spode Da hat dann irgendwann die Reichsregierung, ich glaube es war 1873 kurz nach der Gründung des Kaiserreichs gesagt: Okay, wir machen jetzt Urlaubsregelungen für Beamte reichsweit. Die gab es ab 1873. Und bis zum Ersten Weltkrieg, dann also bis 1914, hatten praktisch alle Beamte Urlaub, und zwar von zwei Wochen, vier Wochen, teilweise sechs Wochen in den höheren Chargen. Sprecherin Das Beispiel der Reichsbeamten machte Schule, auch Landes- und Gemeindebeamte erhielten bald bezahlten Urlaub, gestaffelt nach Dienstgrad und Lebensalter. Ebenso in Handel und Industrie setzte sich die Idee durch, leitende und mittlere Angestellte so enger an das Unternehmen zu binden - damals wurden sie auch „Privatbeamte“ genannt. Siemens beispielsweise gewährte seinen Angestellten bereits 1873 zwei Wochen Erholungsurlaub, worauf die Arbeiter dort noch 35 Jahre warten mussten. Eine Begründung lautete lange: Arbeiter und Arbeiterinnen brauchen keinen Urlaub. Musik 3 "The Beginning" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'43 Zitator „Es geht viel zu weit, einen Erholungsurlaub für Leute einzuführen, die nur körperlich tätig sind und unter die Gesundheit nicht schädigenden Verhältnissen arbeiten.“ Sprecherin Argumentierte etwa die Chemnitzer Handelskammer im Jahr 1906. Zitator „Für Beamte, die geistig tätig sind und häufig Überstunden arbeiten müssen, die auch keine körperliche Ausarbeitung bei ihrer Tätigkeit haben, erscheint die Erteilung von Erholungsurlaub gerechtfertigt. Für Arbeiter dagegen ist ein solcher Urlaub in der Regel nicht erforderlich. Die Beschäftigung dieser Personen ist eine gesunde. Eine geistige Anstrengung kommt nicht vor, auch von körperlicher Überarbeitung kann man nicht reden.“ 4. O-Ton Hasso Spode Sie müssen sich vorstellen, diese Klassengesellschaft im Kaiserreich: Es gab zehn Prozent der Bevölkerung, da hat man gesagt, die haben den weißen Kragen, das sind die, die in den Büros sitzen und dann an die 90 Prozent haben mit den Händen gearbeitet. Die hatten die blauen Kragen. Und diese Kragen-Linie, die zeigt sich wunderbar in der Urlaubsgewährung. Man hatte damals natürlich auch Ärzte, die das legitimiert hatten, dieses Privileg zu verreisen zu dürfen, die haben gesagt ja, dieses Arbeiten im Büro, das zerrüttet sozusagen die Nerven. Es gab dann eine Krankheit, die erfunden wurde, die hieß Neurasthenie. Die gibt es heute nicht mehr. Aber man könnte vielleicht dazu sagen Burn-out, so in der Art. Und das befällt nur diese armen Menschen, die im Büro sitzen und die anderen also, die mit den Händen arbeiten, die arbeiten ja super gesund. Die sind ja entweder an der frischen Luft auf dem Lande oder in schönen Fabriken können Sie sich den ganzen Tag ausarbeiten. Das war natürlich zynisch. Sprecherin In einigen kleineren Betrieben erhielten Arbeiter zwar schon ein paar Tage Urlaub, allerdings nur als Belohnung: für Fleiß, besondere Leistungen, Pünktlichkeit oder lange Betriebszugehörigkeit. Oft waren Firmenjubiläen, ein Geburtstag oder die öffentliche Ehrung des Inhabers der Anlass. Doch profitierten davon nur wenige: Schätzungen zufolge hatten im gesamten Deutschen Reich vor 1900 nur rund 10.000 Arbeiter irgendeine Form von Erholungsurlaub bekommen, also nicht einmal ein Prozent der gesamten Arbeiterschaft. Und meist nicht mehr als drei bis höchstens sechs Tage im Jahr. Vorreiter war das Buchdruckergewerbe. Aber: man war von der Gunst der Chefs abhängig, ein Rechtsanspruch bestand nicht. Zu den ersten Branchen, in denen ein Tarifvertrag abgeschlossen wurde, der auch bezahlten Urlaub beinhaltete, gehörten die Bierbrauereien. Hier war der Arbeitsalltag besonders hart. 5. O-Ton Starke Der Betrieb erfolgte im Prinzip rund um die Uhr, also es gab oft keine freien Sonntage. Urlaub auch nicht. Die Arbeitszeiten waren im Prinzip ungeregelt. Sprecherin Erklärt der Historiker für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Holger Starke. Er ist im Vorstand der Gesellschaft für Geschichte des Brauwesens. 6. O-Ton Starke Die Brauereiarbeiter wohnten in ihrer Mehrzahl innerhalb der Brauerei, wurden dort auch beköstigt. Und waren dann zu Stoßzeiten immer gehalten, den Betrieb aufrechtzuerhalten, beziehungsweise wenn es dort Unregelmäßigkeiten gab. Der Monatslohn inkludierte die ganzen Überstunden und Sonntagsarbeit und so weiter. Und die Arbeitszeit war weit weg von den Forderungen der Arbeitnehmerorganisationen, die ja damals schon acht Stunden forderten. Aber die waren üblicherweise 13 Stunden oder noch höher. Und das rund um die Uhr an sieben Tagen. Musik 4 "Kite" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'43 Sprecherin 1903 wurde in Stuttgart der erste Tarifvertrag mit bezahltem Urlaub abgeschlossen. Einer der Gründe war, so vermutet Holger Starke, ein großer Gewerkschaftskongress, der dort ein Jahr vorher stattgefunden hatte. Damals war innerhalb der Arbeiterbewegung umstritten, ob man überhaupt Tarifverträge mit Unternehmen abschließen sollte. Die Reformer in den Gewerkschaften sagten ja, um die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Die Vertreter einer revolutionären Richtung sagten nein, denn solche Verträge würden die Arbeiterbewegung in das kapitalistische System integrieren und den revolutionären Elan abschwächen. 7. O-Ton Starke Die ersten Tarifverträge, die modernen Tarifverträge, die so um 1900 bis 1903 abgeschlossen wurden, die sind gewissermaßen genau in dieser Übergangszeit entstanden als die inneren Auseinandersetzungen in der Arbeiterbewegung noch nicht entschieden waren. Sprecherin Auch wenn der Stuttgarter Tarifvertrag nur drei Tage Jahresurlaub festschrieb, hatte er dennoch eine hohe Symbolfunktion: Er stärkte das Selbstbewusstsein der Brauereimitarbeiter und diente als Blaupause für weitere Verträge, etwa in Greiz in Thüringen oder in Sachsen, wo zeitgleich für bessere Arbeitsbedingungen gekämpft wurde. 8. O-Ton Starke Ende 1902 machte der Leipziger Brauereiverein schon einen Vorschlag an die Brauereiarbeiterschaft in Leipzig, einen Vertrag abzuschließen, der auch schon Urlaubsbestimmungen enthielt als Anspruch, den aber gerade die in Leipzig ja revolutionär gesinnte Sozialdemokratie vorerst noch ablehnte, das wurde dann 1903 im Sommer abgeschlossen, dieser Vertrag, also nach Stuttgart, nach Greiz. Sprecherin Und um diese Tarifabschlüsse durchzusetzen, wurde auch gestreikt. Und sogar zum Bierboykott aufgerufen: Wir trinken kein Bier mehr, wenn ihr nicht einlenkt! In den Folgejahren wurden auch in vielen anderen Orten Brauerei-Tarifverträge mit bezahltem Urlaub abgeschlossen, meist abhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Musik 5 "Kite" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'40 Zitator Im Tarifvertrag für München und Umgebung von 1905 erhalten Brauer nach einem Jahr eine Woche Urlaub. Maschinisten, Heizer, Bierführer und Reservebierführer, also die Arbeiter, die für den Transport der Bierfässer zuständig sind, müssen dafür hingegen drei Jahre beim gleichen Betrieb sein. Erst beim nächsten Tarifabschluss vier Jahre später bekommen auch Hilfsarbeiter, Ochsenknechte, Stallwärter, Tagelöhner, Flaschenfüllereiarbeiter sowie die Arbeiterinnen bezahlten Urlaub. Die Dauer: allerdings nur vier Tage. Sprecherin Aber selbst diese rigiden Regelungen blieben vor dem Ersten Weltkrieg noch die Ausnahme. Die Gewerkschaften selbst standen bezahltem Urlaub lange skeptisch gegenüber, auch weil er als ein Instrument zur Ruhigstellung der Arbeiter angesehen wurde, ein Mittel um - Zitator „Arbeiter und Angestellte an den Betrieb zu fesseln, sie in Abhängigkeit und Anspruchslosigkeit zu erhalten und dem gewerkschaftlichen Gedanken zu entfremden.“ Sprecherin Wie es in einem Artikel in der SPD nahen Zeitschrift „Die Neue Zeit“ von 1912 heißt. Wichtiger waren ihnen höhere Löhne, die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit und bessere Arbeitsbedingungen. Auch auf politischer Ebene gab es nur wenige, die sich für das Thema einsetzten. 1909 hielt der sozialdemokratische Abgeordnete Emanuel Wurm das einzige ausführliche Plädoyer für Arbeiterferien vor dem Ersten Weltkrieg im Reichstag. Er forderte: Zitator (Emanuel Wurm, Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages, Bd. 271, S. 325 f.) „Ruhepausen, die tagelang dauern, Ferien! Man darf heute das Wort aussprechen, das vor Jahrzehnten noch mit einem Hohngelächter aufgenommen worden ist. Wir verlangen, dass die Arbeiter Ferien bekommen, Urlaub mit voller Zahlung des Lohns.“ Sprecherin Aber noch gab es für eine gesetzliche Regelung keine Mehrheiten im Parlament. Zitator Emanuel Wurm „Aber die Zeit wird um so eher kommen, je stärker wir werden, wo auch auf diesen Gebieten von Ihnen Zugeständnisse gemacht werden müssen.“ Sprecherin Manchem Arbeiter war es schließlich auch nicht ganz geheuer, als er endlich Urlaub bekam. So wie jenem Vorarbeiter im AEG-Werk in Berlin, der 1916 nach zwanzigjähriger Betriebszugehörigkeit erstmals vier freie Tage erhielt und dennoch jeden Mittag vorbeikam, um nachzuschauen, ob nicht inzwischen jemand anderes an seinem Arbeitsplatz stand. Erst nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Anzahl der Branchen, in denen Tarifverträge mit Urlaubsanspruch abgeschlossen werden konnten. Die gesellschaftliche Stimmung hatte sich verändert, erklärt der Historiker Hasso Spode: 9. O-Ton Hasso Spode In der Tat haben dann die Gewerkschaften in den 20er-Jahren für fast alle tariflich Beschäftigten einen Urlaubsanspruch durchgesetzt. Der war allerdings relativ gering, der war geringer als für Angestellte und Beamte, der dauerte so drei bis sechs Tage Urlaub im Jahr. Und dazu muss man sagen, dass erstens über ein Drittel der Arbeiter nicht tarifvertraglich erfasst waren. Das heißt, sie haben überhaupt keinen Urlaub gekriegt. Dann Saisonarbeiter, also Bauarbeiter vor allem kriegten keinen Urlaub. Heimarbeiterinnen waren es ja meistens, die kriegten auch kein Urlaub, und das Geld war superknapp, das weiß jeder. Die Weimarer Republik taumelte von einer Wirtschaftskrise in die nächste. Und da gab es die Regelung, der Abgeltung, davon haben ganz viele Arbeiter Gebrauch gemacht. Das hieß, nehmen wir mal an, die hatten sechs Tage Urlaub im Jahr, dann sind sie die sechs Tage trotzdem arbeiten gegangen und haben das doppelte Geld bekommen, also hatten die faktisch auch keinen Urlaub. Und die Reiseintensität, also der Anteil der Menschen, die jedes Jahr verreist sind, hat sich in der Arbeiterschaft eigentlich nicht groß erhöht, in den 20er-Jahren. Sprecherin Trotzdem wurde bezahlter Urlaub als große Errungenschaft gefeiert. Musik 6 "Kite" - Komponist: Pawel Mykietyn - Album: EO (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'25 Zitatorin „Wenigstens einmal im Jahr eine oder mehrere Wochen ausspannen, der ohne Unterbrechung unerträglichen Arbeitsfron entfliehen und sich als freier Mensch fühlen zu dürfen, das ist ein Ereignis im Leben des Arbeitnehmers, das seine Freude am Leben hebt und ihm Kraft gibt, sein im übrigen ernstes und schweres Dasein zu ertragen.“ Sprecherin Heißt es in einem Artikel aus der „Gewerkschaftlichen Frauenzeitung“ vom September 1925. Zitatorin „Eine tiefgehende Erbitterung würde alle um Lohn und Gehalt fronenden Menschen erfassen, wenn Ihnen der Urlaub, den sie sich so schwer erkämpft haben, genommen werden sollte, wie es die Absicht des Unternehmertums ist.“ Musik 7 "1l" - Album: Equilirium - Komponist: Peter Votava - Länge: 0'25 Sprecherin Die Weimarer Republik endete mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Die Gewerkschaften wurden zerschlagen, SPD und KPD verboten, also die Parteien, mit denen die meisten Arbeiter sympathisiert hatten. Urlaub war hier für die Nationalsozialisten ein Weg, die Arbeiter an das neue Regime zu binden. 10. O-Ton Hasso Spode Da hatte der Gründer der Kraft-durch-Freude Organisation beziehungsweise der Pseudogewerkschaft - die hieß Deutsche Arbeitsfront - Robert Ley hatte gesagt: Wir müssen das Herz der heimatlos gewordenen Arbeiter gewinnen. Das bringt es eigentlich genau auf den Punkt. Die sind heimatlos geworden. Man hat ihnen ihre ganzen Vereine zerschlagen, hat ihre Parteien und Gewerkschaft zerschlagen, und man musste ihnen was Positives bieten. Und da hat sich das Thema Urlaub und Urlaubsreisen angeboten. Und in diese Lücke ist das Regime reingestoßen mit sehr viel Erfolg zunächst. Also der Hauptgrund, weshalb sie das gemacht haben war die noch anfangs fragile Herrschaft zu stabilisieren und haben tatsächlich einiges auf die Beine gestellt in der Hinsicht. Sprecherin Die Kraft-durch Freude-Organisation KDF bot Reisen durch Sonderkonditionen für Bahnfahrten und große Gruppen so günstig an, dass sie auch für Arbeiter und Arbeiterinnen erschwinglich waren - zumindest die Tages- oder Wochenendausflüge. Bis Kriegsbeginn 1939 fanden über 40 Millionen solcher Fahrten statt, darunter etwa sieben Millionen längere Urlaubsreisen. Rund 700.000 Menschen nahmen sogar an einer der bergehrten Kreuzfahrten teil, etwa nach Norwegen, Madeira oder ins Mittelmeer. Ein Recht auf bezahlten Urlaub wurde von den Nationalsozialisten zwar nicht gesetzlich verankert, aber in zahlreiche Tarifordnungen aufgenommen. 11. O-Ton Spode Also fast jeder Arbeiter hatte jetzt Anspruch auf ein bis zwei Wochen, also auch die Bauarbeiter, auch die Frauen und Heimarbeiterinnen, auch die Jung-Arbeiterinnen und Arbeiter, die ursprünglich auch kaum Urlaub bekommen hatten. Also man kann sagen, sie haben bis zum Kriegsbeginn das Recht auf Urlaub in Deutschland durchgesetzt. Sprecherin Seit 1948 ist das Recht auf bezahlten Urlaub sogar in der UN-Menschenrechtscharta verankert, im Artikel 24.
- Die Befreiung vom Korsett - Frische Luft und neue Zwänge
08.09.2025 · 23 Min.
Das Korsett sorgte Jahrhunderte lang dafür, dass der Oberkörper zeitgemäß in Form gebracht wurde. Das ist lange her - doch trotzdem scheint das Korsett auch heute nicht ganz verschwunden. Wie befreit sind unsere Körper wirklich? Von Caro Matzko Credits Autorin dieser Folge: Caro Matzko Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Dorothea Anzinger, Katja Schild, Sven Hussock, Susi Weichselbaumer, Jerzy May Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: MAG. KERSTIN JESSE, LEOPOLDMUSEUM WIEN DR. MELANIE HALLER, AMD AKADEMIE MODE&DESIGN HAMBURG Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Alles Geschichte: Einfach Mode! Wer hat die Hosen an? HIER entdecken Einfach Mode! Die Unterwäsche, präsentiert von ICONIC - Alles Geschichte HIER entdecken Die Kunstfaser - die Erfindung der Synthetik und ihre Mode HIER entdecken Bodyshaming - Mein Körper und der Blick der anderen HIER entdecken Literaturtipps: Sandra Lembke, „Scheuersand und Schnürkorsett. Wie Frauen lebten und litten: eine kleine Kulturgeschichte über Mode, Kochen, Körperpflege und Haushalt von 1850 – 1918“ Margret Greiner, „Auf Freiheit zugeschnitten. Emilie Flöge: Modeschöpferin und Gefährtin Gustav Klimts“, btb Verlag Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN 2 „Fester, fester“ ZSP 1 Atmo Korsett binden - darüber SPRECHERIN Als Kaiserin Elisabeth von Österreich noch lebte, also Mitte des 19. Jahrhunderts, galt das Wiener Hofzeremoniell, das sich an der gestrengen spanischen Tradition orientierte. Kaiserin Sisi soll es zeitlebens als goldenen Käfig erlebt haben – auch weil sie sich durch ihre rein repräsentative Aufgabe als schillernde Schönheit an der Seite ihres Franz Josef sehr eingeengt gefühlt haben soll. SPRECHER Wie sieht sie aus, was hat sie an, mit wem hat sie eine Affäre und ist sie dicker und älter geworden? SPRECHERIN So tratschte das Volk und klatschte die Presse. Die Kaiserin hungerte zeitlebens und turnte wie besessen, um ihr Gewicht auf gerade mal 45 Kilo zu halten. Mehr durfte sie nicht wiegen, damit sie sich die Taille jeden Tag von ihren Zofen mit einem Korsett auf 48 cm Umfang schnüren lassen konnte. SPRECHERIN 2: Fester! Fester! SPRECHER Das Korsett und das Ideal der Wespentaille hat die europäische Modegeschichte Jahrhunderte lang bis zum Beginn des ersten Weltkriegs geprägt, sagt Dr. Melanie Haller, Soziologin und Dozentin an der Akademie für Mode und Design in Hamburg. MUSIK Animals in nap 0.58 min. SPRECHER Und wie das gestrenge Hofzeremoniell beginnt auch die Karriere dieses Kleidungsstückes in Spanien. ZSP 2 Dr. Melanie Haller - Die ersten Korsette „Also die ersten Korsette gibt es mit der sogenannten spanischen Mode im 15. Jahrhundert als Kleidungsstück, das den Körper einzwängt. Wobei es die nicht nur für Frauen gab, sondern die gab es auch für Männer. Im 15. Jahrhundert waren es Bleiplatten, die den Busen plattdrücken, weil das Ideal der Zeit eine konische Körperfigur ist. Das heißt auch die Männerbrust wurde niedergedrückt, damit dieser Idealkörpertypus entsteht.“ SPRECHER Das Korsett markiert die Entdeckung der Dreidimensionalität des Körpers: Waren im Mittelalter die Schnitte der Kleidung noch gar nicht an den Körper angepasst, fand man im Spanien des 15. Jahrhunderts große Freude an der Modellierung des Körpers mit Hilfe der Kleidung. ZSP 3 Haller - Modellierung des Körpers „…weil mit der Schnittkonstruktion es plötzlich möglich war den Arm zu isolieren, die Brust hervorzuheben oder zu negieren, wie in der spanischen Mode oder wir im Rokoko die Büste hervorzuheben und die Taille einzudrücken. Das heißt wir haben historisch gesehen unfassbar viele unterschiedliche Formen von Korsetten. Das ist nie das eine gleich oder ganz unterschiedliche Formen.“ MUSIK Animals playing catch 0.57 min. SPRECHER Bis Anfang des 20. Jahrhunderts stützt, formt oder zwängt das Korsett - auch Mieder oder Schnürbrust genannt - den Körper und verleiht ihm Haltung und Würde: mit Walfischbein, indischem Büffelhorn oder Stahlfedern verstärkt war es ein wichtiges Kleidungsstück für Adelige beiderlei Geschlechts. Denn auch Männer trugen im Biedermeier zuweilen ein Korsett - häufig im Militär, damit die Uniform wie angegossen saß und sie so Breitschultrigkeit und Autorität verkörperten. Mit der Industrialisierung wurde das Ideal dann durch den Typus „Geschäftsmann“ – heute würde man Dandy sagen - abgelöst. Mit einem Schnürgürtel banden die Herren ihren Bauch auf Taille und ließen die Schultern schmal hängen. Dieses neue Körperideal sollte zeigen: Ich bin so erfolgreich, dass ich für mein Geld nicht körperlich arbeiten muss. SPRECHERIN Die Modegeschichtsschreibung hat nur leider einen Haken, findet Melanie Haller von der Akademie für Mode und Design Hamburg. Denn alles, was heute im Museum zu bewundern ist, sind hochwertige Stücke, die sich Adelige oder das gut betuchte Bürgertum leisten konnten. ZSP 4 Haller: Was trug der normale Mensch? „Was wir hingegen wenig wissen, was hat die breite Bevölkerung getragen. Die breite Bevölkerung hat sich über Second Hand Kleidung bekleidet, über abgetragene Kleidung und da wird es dann schwierig, da wurden natürlich Korsette übernommen, weil sie aussortiert wurden von den oberen Schichten. Da ist die Forschung aber dünner als aber der Oberschichtskleidung, die in modehistorischen Büchern zu sehen ist, wo man sagt: 15 Jh hat man das getragen, im 16. das, im 17. Jahrhundert das… da kann man schon sagen, dass es unterschiedliche Arten und Weisen gab wie der Körper geformt wurde.“ MUSIK Mysterious animal play 1.50 min. SPRECHERIN Geschlechterformen wurden so stereotypisiert. Welche Form populär war, das prägten die zur jeweiligen Zeit tonangebenden Königshäuser. Im 15. Jahrhundert war das der spanische Hof mit der konischen Form, im 16. Jahrhundert der französische, der die Sanduhrsilhouette zelebriert, die lange en vogue bleibt - von Barock bis Rokoko. ZSP 5 Haller - Königshäuser als Stylereferenten „…wo dann wirklich mit Marie Antoinette und solchen Figuren der Busen und die Taille betont wird in den Korsetten und das endet dann erst Anfang des 19. Jahrhundert mit dem Klassizismus wo dann die Empirelinie kommt, aber auch die hatte Korsette allerdings, die waren nicht ganz so steif, die haben versucht den Busen ein bisschen zu betonen und der Rest ging grade nach unten. Das ändert sich mit dem Entstehen der Haute Couture also mit einer Produktionsweise mit deren Hilfe sich die oberen Schichten ganz klar abgrenzen wollten von der Masse. Man muss sich überlegen, dass im 19. Jahrhundert parallel dazu die Bekleidungsindustrie entstanden ist. Das heißt, es gab die Möglichkeit für viel mehr Menschen sich neue Kleidung zu kaufen.“ SPRECHER War das Korsett lange Zeit für die breite Bevölkerung noch ein teures Unterwäschestück, das den feinen Damen vorbehalten war, entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa viele Korsett-Webereien, durch die die Schnürmieder erschwinglicher wurden. MUSIK Der fröhliche Landmann 0.42 min. SPRECHER Nun mussten sich alle Mädchen ab dem 7. Lebensjahr unter ihren Kleidchen an eine Schnürung gewöhnen, die die Taille schmal halten sollte. An wildes Spiel oder gar Sport war nicht zu denken, doch Mädchen hatten damals vor allem eine Zierde zu sein, um schließlich gut verheiratet werden zu können. SPRECHERIN Eine längere Schulbildung konnten sich nur die höheren Töchter erlauben: Die Backfische lernten Klavier spielen, tanzen und Handarbeiten. Bücher waren nur etwas für Männer, wenn Frau doch zu eigener Lektüre kam, dann um besser parlieren zu können und die Herren in den Salons gut zu unterhalten. SPRECHERIN Das Vorbild in der Belle èpoque war die Pariser „sans ventre“ Linie: Sans heißt ohne und Ventre Bauch, der Name war Programm, so Melanie Haller. ZSP 6 Melanie Haller - sans ventre Korsett „Das Sans Ventre Korsett wie das der Begriff schon sagt, geht es darum den Bauch wegzudrücken und eine S-Linie herzustellen. Der Busen wird sehr hochgedrückt, die Taille eingeschnürt und hinten kommt ein großer Aufbau aus Stoffmassen drauf, das wurde durch die Tournüre erzeugt, eine Art Teilreifrock, den man sich um die Taille gebunden hat.“ MUSIK Die Kaiserin der Herzen 0.30 min. SPRECHERIN Über das Korsett kamen Unterröcke, Polster oder bienenkorbartige Gestelle für Brust und Popo – darüber wölbte sich dann irgendwann das eigentliche Kleid mit Volants und Rüschen. Eine bürgerliche Frau schleppte um 1900 nach zeitgenössischen Berechnungen rund 4,5 Kilogramm an Unterwäsche mit sich herum - die schweren Überkleider kamen dann noch dazu. MUSIK Kaiserwalzer 0.54 min. SPRECHER Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildete sich Widerstand: In Großbritannien und den Vereinigten Staaten demonstrierten die Suffragetten für das Wahlrecht und auch auf dem europäischen Kontinent schieden sich am Korsett plötzlich die Geister. Und für diese neue geistige Beweglichkeit brauchte es auch mehr körperliche Bewegungsfreiheit. Also weg mit der zentnerschweren Stofflast und den engen Korsetts. Großen Anteil daran hatte auch die Entwicklung des Breitensports. SPRECHERIN Doch bis sich die Idee durchsetzte, dass Sport auch für den Frauenkörper gesund sein könnte, dauerte es lange. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es Frauen offiziell gestattet, Sport zu treiben. Melanie Haller von der Akademie für Mode und Design Hamburg ZSP 7 Haller - Sport „Es gab lange die These, dass Frauen nicht hüpfen sollen, damit ihre Gebärmutter nicht herausfällt. Es gab auch lange die Auffassung, dass der Frauenkörper sich gar nicht halten könnte, ohne Korsett. Darum gab es auch Kinderkorsette – weil es ganz lang die Überzeugung gab, dass die Frauen diese Stütze von außen brauchen. Und daran sieht man, dass Kleidungsgeschichte eben nie nur Modegeschichte, sondern immer auch die Geschichte der Medizin, der Gesundheit, der Überzeugung der Geschlechterbilder. “ SPRECHERIN Es bildete sich eine Allianz aus drei illustren Lagern: Mediziner, Moralisten und Feministinnen. Sie alle hatten ihre ganz eigene Motivation, warum sie dem Schnürmieder den Kampf ansagten. SPRECHER Die Mediziner sorgten sich um die Gesundheit der Frauen und forderten mehr Bewegungsmöglichkeiten für den gesunden Körper. SPRECHERIN Den Moralisten war die Überbetonung der Taille mit herausgeputztem Hinterteil zu aufreizend. Einige hielten das Korsett sogar für einen verführerischen Köder der Prostituierten. SPRECHER Die Frauenrechtlerinnen wiederum verdammten es, weil es ihrem Ideal der beruflich und politisch aktiven, sportlich-emanzipierten Frau im Wege stand. MUSIK Animals playing catch 0.45 min. SPRECHERIN Zur letzten Gruppe gehörte auch Emilie Flöge aus Wien. ZSP 8 Jesse über Flöge 1 „Die Emilie Flöge ist eine moderne Frau gewesen aus meiner Sicht, eine selbständige Frau, eine Unternehmerin, eine Modedesignerin und ja eigentlich auch eine Geschäftsführerin.“ SPRECHERIN Kerstin Jesse ist Expertin für die Wiener Kunstszene des 19. und Anfang 20. Jahrhunderts - zu der auch Emilie Flöge gehörte. Kerstin Jesse hat die Modeschule in Klagenfurt besucht und ist heute Kuratorin am Leopoldmuseum in Wien. Sie bedauert, dass Emilie Flöge häufig nur als „Lebensmensch“ von Gustav Klimt genannt wird, die der Malerfürst kurz vor seinem Tod ans Sterbebett zitierte: ZITATOR 1 (Klimt, ächzend) Die Emilie soll kommen. SPRECHERIN Emilie war dabei als Klimt die Kunstbewegung Secession mitbegründete und kannte auch die Gründerväter der Wiener Werkstätten, die sich allesamt eine Reform des Kunstverständnisses auf die Fahne geschrieben hatten. Dazu gehörte auch die Mode: MUSIK Animals in nap 1.42 min. SPRECHERIN Die gelernte Schneiderin Emilie wollte Kleider nähen, die der Frau mehr Bewegungsfreiheit schenken sollte und die Trägerinnen nicht nur zur attraktiven Begleiterin, wenn nicht Beutetier für die Herren zusammenschnürte. SPRECHER In der Flöge-Biographie „Auf Freiheit zugeschnitten“ bei btb erschienen, beschreibt die Autorin Margret Greiner die Entwürfe Emilies: ZITATORIN (gern junge Frauenstimme) „Sie alle waren ja von den Reformideen angesteckt, die im Zuge der Wiener Werkstätten seit einigen Jahren aus England und Belgien nach Wien herübergeschwappt waren, aber niemand war so begeistert auf die neue Welle aufgesprungen wie Emilie. Zumindest was die Mode anging. Emilie war wirklich radikal – zumindest für sich selbst machte sie keine Kompromisse. Nicht nur die Hand, ihr ganzer Körper vibrierte, wenn sie zum Bleistift griff und ein Modell entwarf, das am Hals hochgeschlossen war mit einem Kragen wie ein textiles Kropfband, und vom Hals aus in weitem Fluss wie eine Tunika über den Körper fiel. Auch die Ärmel waren weit, öffneten sich sichelförmig. Nichts engte den Körper mehr ein, nichts stellte Körperteile als Signalmasten aus, nichts korrigierte mehr die Natur. Und wenn Emilie die Schere an den Stoff anlegte, sagte sie: Jetzt schneiden wir mal auf Freiheit zu! (S. 100))) SPRECHERIN Und Emilie wollte mehr: Sie wollte frei, kinderlos, unverheiratet und finanziell unabhängig sein und bleiben. Sie wollte einen eigenen Modesalon – für sich und ihre Schwestern. Beinahe undenkbar in der damaligen Zeit! MUSIK Wild mammoth reduced 1.17 min. ZSP 9 Jesse über Flöge 2 „Man musste ja damals wenn man verheiratet war, den Mann um Erlaubnis bitten, wenn man arbeiten gehen wollte. Man durfte nicht über das eigene Geld verfügen, den Wohnort bestimmen auch nicht. Also eigentlich war alles von der Einwilligung des Mannes abhängig. Sehr schwierige Zeiten für die Frauen. Und wenn dann eine Frau wie Emilie Flöge ihren eigenen Salon eröffnet, sich auch entscheidet nicht verheiratet zu sein, ihren Zielen und Wünschen nachgeht und sicher auch mit viel Neid und mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hat, trotzdem hier mit Mut und Entschlossenheit vorangegangen ist und ihren Salon erfolgreich geführt hat.“ SPRECHERIN 1904 war es soweit: Der Salon „Schwestern Flöge“ öffnet seine Flügeltüren - eingerichtet in schlichtem schwarz-weiß im strengen Stil der Wiener Werkstätten, mit grauem Teppich über dem Fischgrät, einem langen Tisch mit schmalen Stühlen, auf die man sich mit Korsett und ausgestopftem Entenpopo gar nicht hätte setzen können. Hier sollten die modernen und gut betuchten Damen Wiens Haute Couture gewürzt mit einer Prise Widerstand einkaufen. Wer sich bei Flöges ankleiden ließ, der zeigte sich danach auch gern im Café Casa Piccola, las ein Magazin und rauchte demonstrativ tagsüber und dann auch noch in der Öffentlichkeit. Was damals für Frauen noch skandalös war. Bis zu 80 Näherinnen arbeiten für die Flöge Schwestern – teilweise im Homeoffice, wie man heute sagen würde. MUSIK Cute rodent 0.54 min. SPRECHERIN Und Emilie freut sich, dass sich ihre privaten Französischstunden rentierten: Dank ihnen konnte sie souverän die Pariser Modenschauen besuchen und mit renommierten Stoffhändlern verhandeln. SPRECHER Inspiriert war sie natürlich auch von den korsettfreien Entwürfen von Designer Paul Poiret, der zu Beginn des 20. Jahrhundert das Schnürmieder aus der Haute Couture verbannt hatte. Seine Kreationen waren farbenfroh, mit großen Mustern, Pailletten und Federhüten. Poiret, der Party Boy der damaligen Fashionszene, erfand eine neue Silhouette – kleiner Busen, schmale Schultern, wallende Stoffkaskaden und orientalische Haremshosen. Die Hosen kamen bei den Käuferinnen nicht allzu gut an, aber die Silhouette setzte sich durch. Barbara Vinken, Romanistin und Modeexpertin an der LMU weiß aber um die Kehrseite der Medaille. ZSP 11 Prof. Barbara Vinken, Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin: Paul Poiret (00:25 Sekunden) „Poiret hat die Korsage abgeschafft, da musste jetzt aber der Körper seine Gestaltbarkeit im Kleid das heißt sein anderes Sein im Raum eigentlich durch Gymnastik kompensieren. Weil dieser Körper musste jetzt geschmeidiger sein, der musste schlanker sein und er konnte sich nicht mehr durch den äußeren Zwang der Korsage verlassen. Er musste im Prinzip, das was sonst am Körper nicht in Muskeln angelagert war, jetzt in Muskeln verändern.“ MUSIK Tanz der Zuckerfee 0.55 min. SPRECHERIN Inspiriert vom Balletts Russe (Aussprache: Ballé Rüss) eines der einflussreichsten, exotisch-erotischen Ballettensembles des 20. Jahrhunderts, war Poirets Ideal nun die gertenschlanke Tänzerin, die in leichtfüßigen Arabesken durchs Leben balanciert. Jeder Theaterabend war ein ausverkauftes Ereignis und die Besucherinnen kleideten sich „à l’orientale“, mit Turban, Federn. Auch Emilie Flöges Entwürfe waren in diesem Sinn Französisch, also für Frauen, die so schlank und flachbrüstig waren wie die Tänzerinnen des Balletts Russe - und auch wie sie selbst. Das so genannte Pariser Mode-Diktat erregte jedoch zuhause in Wien die Gemüter - als quecksilbrig und hüftlos wurden die Poiret- und Flöge-Mannequins tituliert. So wetterte der Maler Paul Sieger bei einem Vortrag in Richtung Emilie: ZITATOR 2 (älter und gern Österreicher) „Die welsche Mode passt nicht nach Wien. Arbeiten Sie daher mit uns zur Ehre des Vaterlandes, der Kunst und des Gewerbes, damit die Wienerin wieder als das erscheint, was sie ist und war, die Perle der Schöpfung, ein mudelsauberes, molliges und humorvolles Weib. MUSIK Little Jumpers 1.20 min. SPRECHERIN Ob mudelsauber, sprich ordentlich oder nicht, ob vollbusig oder flach, ob Haute Couture oder Massenware – der erste Weltkrieg beendete schließlich viele Modediskussionen: Stoffknappheit, Arbeitskräftemangel sowie die neue Selbständigkeit der Frauen, die ihre Männer in der Fabrik und auf dem Acker ersetzen mussten, lockerten das Korsett des Kaiserreichs zunächst in Form des Reformkleides, um es schließlich hinwegzufegen - ebenso die bodenlangen Röcke, die langen Unterhosen, zahlreichen Unterkleider und Unterröcke und die aufwendigen Frisuren für die frau lange Haare brauchte. Ab dem 20. Jahrhundert nehmen die Unterkleider ab und die moderne Unterwäsche entsteht: Zwischen 1887 und 1914 meldeten allein sieben Tüftler aus fünf verschiedenen Ländern eine Art BH beziehungsweise „Brustverbesserer“ oder „Brustträger“ zum Patent an. Der Korsettfabrikant Sigmund Lindauer aus Stuttgart-Bad Cannstatt war der erste, der das revolutionäre Dessous in großem Stil industriell herstellte und professionell vermarktete. SPRECHER Das neue Ideal war die "Garçonne" – ein androgyner Frauentyp, propagiert von Modemacherin Coco Chanel, die die orientalischen Entwürfe ihres Konkurrenten Paul Poiret als „barbarisch“ tituliert hatte. Doch ohne Poirets Verbannung des Korsetts wären Chanels knabenhafte Mode, also schlichte Kostüme, günstige Stoffe und Matrosenhemden nicht möglich gewesen. Chanels Mode spielte mit den Geschlechtern - ihre Frauen wurden männlicher kostümiert, um sich im Business behaupten zu können. Was wiederum der Nährboden für Christian Diors femininen Nachkriegs-New Look war, den Chanel verabscheute und gar die Rückkehr der Korsage witterte. SPRECHERIN Und so variiert das Ideal, je nach Zeitgeist, zwischen mütterlich gerundet, androgyn flach oder barock und üppig. Jeder Trend evozierte einen Gegentrend. Die Hippiemädchen rissen sich die Büstenhalter vom Leib und feierten die neue radikale Natürlichkeit. Bis die Industrie dank Push Up-BHs die Rückkehr des virtuosen Dekolletés feierte. Je sichtbarer der Körper wurde, desto mehr stellt sich die Frage: Wie gestalten wir ihn? Melanie Haller von der Akademie für Mode und Design findet: Das Korsett ist in Wahrheit nie wirklich verschwunden. MUSIK Plan of Animals 0.45 min. ZSP 13 Haller - heute und Ideal „Also das berühmte Lycra in den 60er Jahren ist dann ein ganz starkes Phänomen, oder eben das, was wir heutzutage die Shapewear nennen, ein hochelastisches Material oder was ich immer gern sage der Thrombosestrumpf für den Körper. Und eine Bewegung wäre dann in den letzten Jahren die Athleisuremode, dass wir alle Sportkleidung tragen, die sehr genau zeigen, ob ein Körper definiert ist oder nicht. Und diese Art der Ästhetiken reproduzieren sich auf Social Media, wenn es darum geht: ich habe durch die und die Bewegungsart meinen Körper in die und die Form gebracht und das ist ein neues Narrativ und eine neue Norm für Menschen, an denen sie sich immer abarbeiten müssen und sich denken, bei mir ist das wieder nicht optimiert oder jenes nicht. Wir haben einen unglaublich zugespitzten normativen Blick auf unsere eigenen Körper. SPRECHERIN Heute wissen wir, dass unsere Körper bewegt werden müssen, um gesund zu sein. Doch diese Erzählung hat sich zugespitzt - und so trainieren viele Frauen von heute wie einst Elisabeth von Österreich, um der schlanken Ästhetik der Jetzt-Zeit zu entsprechen. ZSP 14 Haller - Schlussworte Die Gestaltung des Körpers ist immer Kultur. Aber wir sollten schauen, welche Normen wir setzen und welche Einschränkungen, welche Diskurse, Umgangsweisen und Anmaßungen über andere Körper entscheiden zu können, in dieser Kultur immer noch präsent sind. MUSIK Cute rodent 0.24 min. ZSP 14 Haller - Schlussworte Und ich würde sagen: Wir müssen dagegen kämpfen. Gerade für eine junge Generation. Was macht das eigentlich mit Menschen, wenn sie glauben, ihr Körper ist der falsche Körper? Dann ist es sehr schwer durchs Leben zu gehen. Ich fände es gut, wenn wir da ein bisschen offener werden würden.
- Flechten, Meister der Extreme
07.09.2025 · 25 Min.
Flechten sind faszinierende Mischwesen aus Pilz und Alge. Die etwa 18.000 Arten können bis zu 1.500 Jahre den schwierigsten Lebensbedingungen trotzen, doch auf die menschengemachte Luftverschmutzung reagieren sie sehr empfindlich. Viele Flechten produzieren wirksame Inhaltsstoffe, die auch für die Medizin interessant sind. Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. Credits Autor dieser Folge: Bernhard Kastner Es sprachen: Bernhard Kastner im Gespräch mit Dr. Thassilo Franke Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Dr. Thassilo Franke, Biologe am BIOTOPIA Lab in München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Neophyten, die eingeschleppten Pflanzen - Alles Natur JETZT ANHÖREN Queere Tiere? Alles Natur! JETZT ANHÖREN Was macht Moore so wertvoll? - Alles Natur JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Thassilo Franke: Flechten sind wahre Fundgruben für neue Arzneimittel. Thassilo Franke: Einerseits kommen Flechten mit den widrigsten Umweltbedingungen zurecht, andererseits zählen sie zu den Lebewesen, die am empfindlichsten auf Luftverschmutzung reagieren. Thassilo Franke: Flechten sind Lebensgemeinschaften aus Pilzen und Algen. Bernhard Kastner: Alles Natur Thassilo Franke: Flechten - Meister Extreme Musik hoch Bernhard Kastner: Der Biologe Thassilo Franke vom BIOTOPIA LAB in München und ich, wir sind hier auf einem Feldweg bei Oberschleißheim in der Nähe von München. Wir stehen an einem Gebüsch-Hein, überall um uns herum sind Felder, Wiesen und Äcker. Und hier, in diesen Büschen an den Ästen, da sind wir auf der Suche nach den heutigen Protagonisten unseres Gesprächs. Thassilo Franke: Wir befinden uns hier an einem Feld-Hein und die ganzen Gehölze, die wir hier zu unserer Rechten sehen, die haben vollkommen gelb überkrustete Zweige und diese gelbe Kruste, das ist genau das, worum es in unserem heutigen Beitrag geht. Das sind nämlich Flechten. Bernhard Kastner: Also wenn ich die mir jetzt so anschaue, die haben so eine ganz satte curry-gelbe Farbe, die sind wie so Inseln, die sich um die Äste oder um die kleinen Stämme wickeln. Schaut ein bisschen trocken, schuppig aus … Thassilo Franke: Ja, genau, und was man hier sieht und auch auf den ganzen Sträuchern hier in der Umgebung, was hier alles so gelb einkrustet, das ist die Gemeine Gelbflechte. Und sie gehört zu einer riesigen Verwandtschaft von Lebewesen, von denen man bisher ungefähr 18.000 Arten kennt und die auf der ganzen Welt verbreitet sind, die schon seit über einer halben Milliarde Jahre auf unserer Erde zu Hause sind. Und es gibt ganz winzige Flechtenarten, die im Inneren vom Gestein leben, die auf der Oberfläche von Blättern leben. Und auf der anderen Seite gibt es auch Riesen-Flechten, die wie Girlanden meterlang von den Bäumen herunterhängen. Und überhaupt ist diese Gruppe dafür bekannt, dass sie die Meister der Extreme sind. Also sie kommen wirklich in den Kältewüsten der Antarktis vor, sie kommen auf entlegenen atlantischen, ozeanischen Inseln vor, wo es sonst kaum andere Lebewesen gibt. Sie kommen in Hochgebirgen vor bis über 7.000 Meter, und man findet sie auch in den Tieflagen des Amazonas-Regenwaldes. Bernhard Kastner: 2.25 Sie haben jetzt gerade gesagt ‚eine Gruppe von Lebewesen‘, wir wollen es natürlich genauer wissen: welche Gruppe? Sind es Pflanzen, sind es Pilze, sind es Tiere, sind es Moose? Thassilo Franke: Flechten sind keine Moose, also das können wir schon mal ausschließen. Was die anderen Gruppen, die Sie erwähnt haben, betrifft, nämlich die Pilze und die Algen, da wird die Sache schon komplizierter. Also, wenn wir die Flechten jetzt rein taxonomisch betrachten, dann würde ich sie folgendermaßen definieren: wir haben es hier mit Pilzen zu tun, und zwar genau genommen mit ‚Schlauchpilzen‘, die mit Algen in einer Lebensgemeinschaft leben. Und wenn man aber das Ganze ökologisch sieht, weil nämlich diese Lebensgemeinschaft von wirklich essenzieller Bedeutung ist, da kann man dann von ‚Mischwesen‘ sprechen oder von ‚Doppellebewesen‘, weil nämlich das zwei Partner sind, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind und auch ganz neue Formen hervorgebracht haben, die es ohne diese Lebensgemeinschaft so gar nicht gegeben hätte. Bernhard Kastner: 3.22 Ich schaue mir jetzt aber gerade diese gelben Flechten hier in den Ästen an: Wo genau ist der Pilz? Und wo ist die Alge? Algen sind grün. Ich sehe hier nur eine gelbe Oberschicht. Wo ist Pilz und Alge? Thassilo Franke: 3.04 Das, was Sie auf den ersten Blick sehen, ist immer der Pilz. Und der Pilz trägt eigentlich auch den Namen, der für die ganze Flechte gebräuchlich ist. In dem Fall ist es die Gemeine Gelbflechte. Und da ist der Name des Pilzes oder der wissenschaftliche Name der Flechte Xanthoria Parietina. Und diese Flechte beherbergt in ihrem Inneren Algen und diese Algen, das sind winzig kleine, kugelförmige, mikroskopisch kleine Grünalgen, Und man sieht von den eigenen natürlich erst mal auf den ersten Blick nichts, weil die sind, wie gesagt, mikroskopisch klein im Inneren der Flechte. Aber wenn man mal schaut, also, wenn Sie sehen, ich habe hier am Boden so einen nassen Ast gefunden. Wenn man ihn danebenhält, dann ist er doch ganz grün?! Bernhard Kastner: Ja total – und zwar giftgrün… also richtig grün! Thassilo Franke: 3.04 Und das liegt einfach nur daran, dass hier die ganzen Hohlräume in der Flechte von Feuchtigkeit vollgesogen sind und auf die Art und Weise dieses pilzliche Fadengeflecht durchsichtig erscheint. Und dadurch sieht man eben, dass da was Grünes drin ist, und das Grüne sind die Algen. Bernhard Kastner: Also kann ich mir das so vorstellen, dass der Pilz die Hülle, den Deckel und die Umrandung, von der Alge bildet?! Thassilo Franke: Das Gehäuse dieser Alge! Also die Algen wohnen im Inneren dieser Flechte. Und das ist eigentlich auch das, was diese diesen Flechten-Pilz für die Alge so wertvoll macht, weil er ihr praktisch Logis bietet. Das heißt, die Alge haust im Inneren der Flechte. Und dann fragt man sich natürlich, woher kommt die Kost, wenn die Logis vom Flechten-Pilz für die Alge kommt, die Kost für beide? Die liefert die Alge, weil die Alge ist imstande, Photosynthese zu betreiben, Zucker zu produzieren. Einen Teil des Zuckers, den behält sie für sich selbst und einen weiteren Teil des Zuckers kann sie an ihren Vermieter praktisch, an den Pilz abgeben. Und dadurch ist es eben eine hervorragende Lebensgemeinschaft. Bernhard Kastner: 5.26 Also der Pilz profitiert, weil er sich die Nährstoffe von der Alge zieht. Die Alge ernährt den Pilz. Aber was hat die Alge davon? Thassilo Franke: Die Alge profitiert in vielerlei Hinsicht davon. Auf der einen Seite ist natürlich dieses Pilzliche, man spricht da von einem Myzel, von Farben-Geflecht oder bei den Flechten, weil das so kompakt ist, nennt man dieses pilzliche, ganz dichte Fadengeflecht auch ‚Lager‘, also dieses Pilzlager ist wie eine schützende Hülle. Das heißt, es schirmt die Algen in ihrem Inneren vor UV-Strahlung ab, vor extremen Temperaturunterschieden, auch vor Fressfeinden und Krankheitserregern. Bernhard Kastner: Und dieses System, das Sie so beschrieben haben, also, dass der Pilz die Hülle bildet, dass der Pilz die Alge schützt, umhüllt … diese Symbiose der beiden, dieses wechselseitige Geben und Nehmen, das betrifft nicht nur diese flachen Flechten, sondern alle Flechten? Es gibt ja wohl mehrere Arten von Flechten. Ich kann mich erinnern, wenn wir beim Bergwandern früher waren oder auch beim Skifahren, da sieht man ja diese Flechten, die so ganz wie so lange graue Haare von den Bäumen hängen. Ist da das gleiche System, dass eine Hülle der Pilz und innen eine Alge ist? Thassilo Franke: 6.35 Ja genau! Was Sie da ansprechen, was Sie da beim Skifahren beobachtet haben, das sind sogenannte ‚Bartflechten‘. Die heißen auch auf Englisch ‚Methusalems Bart‘, also die hängen wie Bärte von den Ästen runter. Und der Grund, warum sie so wachsen, ist, dass sie eine Oberflächenvergrößerung haben, auf der einen Seite und dann eben auch als Nebelkämmer. Sie kommen also in sehr feuchten Tälern vor normalerweise diese Bartflechten, als Nebelkämmer, den Nebel, deren diesen Tälern aufsteigt, regelrecht auskämmen können und auf die Art und Weise das gesamte System mit Feuchtigkeit versorgen können. Also das sind Bartflechten, die gehören mit den Strauchflechten in eine Gruppe. Es gibt aber auch noch andere Formen, Sie haben die beim Skifahren wahrscheinlich oder beim Bergsteigen auch schon oft gesehen. Die Krusten-Flechten, das sind Flechten, die auf Felsoberflächen wachsen, die also mit einer mit der Unterseite fest auf der ganzen Fläche mit dem Felsen verbunden sind. Und auf der anderen Seite gibt es dann noch Laub-Flechten, das sind Flechten, zu denen auch die Flechten hier gehören, einige der Flechten, die man hier sieht, die nur an einer Stelle mit der Unterlage verwachsen sind und auf die Art und Weise, Ober- und Unterseite gleichzeitig dem Licht entgegen richten können und so mehr Photosynthese betreiben können. Und solche Laub-Flechten findet man vor allem an der Rinde der Bäume oder auch auf dem Boden. Und dann gibt es noch eine weitere Gruppe, die Gallert-Flechten, die ganze gelatinös sind und die hauptsächlich nicht mit Algen zusammenleben, sondern mit Zualo-Bakterien. Bernhard Kastner: 7.35 Aber wir gehen jetzt zurück zu diesen kleinen gelben Flechten. Ich kenne die ja von mir zu Hause. Ich wohne in der Nähe vom Ammersee. und in den letzten Jahren habe ich das beobachtet, wenn dann die Blätter runterfallen, dass die Äste, die früher so braun-grau waren, heute immer mehr wirklich auch diese gelb-grüne Farbe annehmen. Und ich dachte bis jetzt, das ist ein Schädling, der dem Baum schadet. Aber das ist ja anscheinend nicht so?! Thassilo Franke: 8.23 Also Flechten, auch wie hier, wenn man hier mal hinschaut, da sind ja die Äste bis zu den Ansatzstellen der Blätter komplett eingekrust, da könnte man wirklich meinen, wir hätten es mit Parasiten zu tun. Aber in Wirklichkeit schaden die Flechten den Bäumen und Sträuchern, auf denen sie wachsen, nicht. Sie sind vollkommen autark. Also sie haben auch überhaupt keine Saugorgane, mit denen sie jetzt irgendwie Pflanzensaft saugen könnten, sondern sie versorgen sich ja durch ihre gelungene Lebenspartnerschaft mit den Algen komplett selbst. Also, was Sie da beobachtet haben, das ist wahrscheinlich auch die Gemeine Gelbflechte und warum wir hier an diesem Feld-Hein stehen, wo auch alle Äste der Sträucher dick gelb überkrustet sind, das hat einen ganz bestimmten Grund. Und zwar hat diese Flechtenart eine besondere Vorliebe für Ammoniak. Und Ammoniak ist ja ein Gas, was entsteht, wenn Gülle ausgebracht wird, also im Urin von unseren Nutztieren, da ist ja sehr viel Harnstoff enthalten, und wenn dann dieser Harnstoff abgebaut wird, dann wird dieses stechend riechende Gas dieser Ammoniak freigesetzt. Und dieser Ammoniak in Form von Ammonium-Ionen, der wird dann von dieser Gelbflechte aufgenommen und ist für deren Überleben wichtig. Und was auch noch hinzukommt, dass es eben ganz viele andere Flechtenarten gibt, die mit Ammonium nicht zurechtkommen, also für die Ammonium schädlich ist und deswegen hat sie einen unglaublichen Konkurrenzvorteil und ist mit Ausnahme einiger anderer Flechten, die auch gerne Ammonium mögen, eine der wenigen Flechten, die hier in diesen Feld-Reihen oder auch ein Gärten zurechtkommt mit der Situation. Und deswegen ist hier eben alles so gelb überkrustet. Bernhard Kastner: 9.40 Das finde ich jetzt total spannend, denn wir haben ja am Anfang gehört, dass die Flechten, wie der Titel der Sendung ja auch schon sagt, wahre Meister der Extreme sind. Sie können also unter extremen Lebensbedingungen im Eis, in der Hitze, in der Kälte in der Trockenheit überstehen. Auf der anderen Seite scheinen sie, was die Zunahme von dieser Gelbflechte hier zeigt, sehr empfindlich auf Umwelteinflüsse, auf Luft-Veränderungen zu reagieren?! Thassilo Franke: 10.23 Was Sie ansprechen, das ist ja eigentlich wirklich ein Paradox. Auf der einen Seite haben wir es mit den robustesten Lebewesen überhaupt zu tun. Auf der anderen Seite sind aber genau diese Lebewesen, die, die am empfindlichsten auf Luftverschmutzung reagieren. Also man kennt einige Flechtenarten, wie zum Beispiel die Riesen-Bartflechte, die früher in den Alpen weit verbreitet war und zum Teil sogar bis ins Flachland runterging. Und diese Flechte ist mittlerweile in Deutschland komplett verschwunden. Sie ist bei uns ausgestorben. Und da fragt man sich, warum? Und die Ursache dafür ist eine Substanz, nämlich das Schwefeldioxid. Schwefeldioxid ist ein Gas, was vor allem bei der Verbrennung von fossilen Rohstoffen freigesetzt wird, und was sich dann über chemische Reaktionen umwandelt in schwefelige Säure. Und die, das kennen Sie sicher noch aus den 80er-Jahren, die verantwortlich ist für den berühmten Sauren Regen. Und dieser Saure Regen, der ist natürlich schädlich für Bäume, aber der Saure Regen ist der Tod für die allermeisten Flechten und besonders für so empfindliche Arten wie die Riesen-Bartflechte. Bernhard Kastner: 11.38 Und wie kommt dieses Schwefeldioxid in die Alpen? Thassilo Franke: Ja also wie das Schwefeldioxid in die Berge kommt, klar mit dem Fernverkehr natürlich, damals gab es ja auch schon Eisenbahnen, die durch die Berge gefahren sind und dort wurde auch Kohle verheißt. Und da ist das dann sehr viele Schwefeldioxid freigesetzt worden, aber natürlich nicht ansatzweise so viel wie in den Industriegebieten oder in den Städten. Aber die Riesen-Bartflechte hat eine gewaltige Oberfläche, weil sie als ‚Nebelkämmer‘ dort eben auch den Nebel auskämmt, und mit dieser feuchten Luft natürlich riesige Mengen von dieser schwefeligen Säure auch aufgesaugt hat. Und das hat ihr einfach sehr schnell den Garaus gemacht. Ja, aber ganz geballt tritt dieses Problem natürlich in den Städten auf. Also früher hat man viel mit Kohle geheizt und auch die Industriegürtel um die Städte rum, da wurden sehr viele fossile Rohstoffe zur Energiegewinnung verbrannt, und man hat ja auch immer so Smog-Glocken über den Städten gehabt. Und das hat dazu geführt, dass in den Stadtzentren, die haben sich in wahre Flechten-Wüsten verwandelt, sodass die gesamte Flechten-Flora zusammengebrochen ist, bis auf ein, zwei Arten, die das vielleicht irgendwie noch ausgehalten haben. Und das wurde aber sehr schnell bemerkt von Spezialisten. Und die haben dann die Idee entwickelt, man könnte ja die Flechten nutzen, um die Luft-Güte zu bestimmen. Und da entstand dann in den 70er-Jahren die Flechten-Kartierung. Man hat also an bestimmten Stellen im Untersuchungsgebiet dann immer die gleichen Stellen wieder besucht und die die Flechten dort kartiert und ist zu den Stellen wieder zurückgekehrt und hat geschaut, ob es weniger geworden sind, ob es mehr geworden sind und vor allem auch qualitativ, was für Flechtenarten überhaupt da sind, ob wieder eine Art verschwunden ist aus einem Sampling, oder ob vielleicht sogar einer dazugekommen ist. Es kann auch sein, dass die Luftqualität sich verbessert, und man hat dann tatsächlich auch so nach einer Weile erkannt, vor allem in der Mitte der 90er-Jahre, dass plötzlich Flechten wieder in die Städte zurückgekommen sind, also auch in Gebiete, wo es früher gar keine Flechten mehr gegeben hat. Man hat ja Maßnahmen ergriffen: Man hat Rauchgasentschwefelungsanlagen eingebaut, in die die Verbrennungsanlagen in den Kraftwerken. Man hat Treibstoffe, auch entschwefelt, bevor sie überhaupt verbrannt wurden. Und man kann wirklich sagen, also die Schwefeldioxidbelastung ist in den letzten 20 Jahren irrsinnig zurückgegangen, und das hat natürlich zur Folge gehabt, dass dann die Flechten, die so empfindlich auf Schwefeldioxid reagieren, dann auch wieder in diese freigewordenen Habitate wieder zurückgekehrt sind und die Städte wieder besiedelt haben. Bernhard Kastner: Also ist die Fläche ja wirklich ein Bioindikator für gute Luft?! Thassilo Franke: 14.09 Genau, man kann sagen, ein Bioindikator für gute Luft, aber eigentlich nur eingeschränkt. Also es ist ja so, die Flechten kamen zurück, und man hat aber dann sehr schnell gemerkt, Moment, das sind aber nicht die Flechtenarten, die vorher da waren. Man hatte ja die Herbarien in den Staatssammlungen, da konnte man ja sehr genau nachschauen, was die Leute früher im neunzehnten Jahrhundert zum Beispiel in den Städten gesammelt haben und was man jetzt dort auf den Baumstämmen hatte. Und auf den Hauswänden waren ganz andere Flechtenarten als früher, und zwar, man hat festgestellt, diese Flechten sind Flechten, die man sonst eher aus der Umgebung von landwirtschaftlichen Betrieben kannte, wie zum Beispiel diese Gemeine Gelbflechte hier hinter uns. Und da stellte sich die Frage, warum kommen denn die in die Städte zurück? Und die Antwort war die: Die sind zwar jetzt zurückgekehrt, weil das Schwefeldioxid-Problem gelöst war, aber sie waren Indikatoren, also Zeiger für ein anderes Problem, was sich in Städten breitgemacht hat, nämlich die Stickstoffbelastung. Bernhard Kastner: 15.10 Und wo kommt die Stickstoffbelastung her? Thassilo Franke: Also 95 Prozent der Stickstoffbelastung durch Ammoniak kommt ja aus der Landwirtschaft, und nur fünf Prozent hat man in diesen städtischen Gegenden eigentlich gemessen. Und da fragt man sich: wo kommen denn diese fünf Prozent her? Und die die Entdeckung, die war eigentlich sehr überraschend. Der Ammoniak kommt aus den Katalysatoren der Autos, also ein Nebenprodukt bei diesen Reaktionen, die in dem Katalysator ablaufen, ist dieser Ammoniak. Und eine Aufgabe ist ja, dass man eben Stickoxide vermeidet. Auf der anderen Seite kommt aber eben Ammoniak hinten aus dem auf Auspuff raus. Und jetzt passiert Folgendes: jetzt geht dieser Ammoniak in die Luft, und gleichzeitig gehen auch Stickoxide in die Luft. Und wenn die sich dann in der Atmosphäre in Gegenwart von Ozon und Wasserdampf begegnen, dann bildet sich ein Salz, und zwar das Ammoniumnitrat und das Ammoniumnitrat ist ein Feststoff und als Feststoff bildet er Staub. Und das ist dann der berühmte Feinstaub, der sich dabei den Städten bildet, Also 50 Prozent - die Hälfte - müssen Sie mal bedenken von dem Feinstaub ist nicht Reifenabrieb, Ruß oder Bremsbelege-Abrieb, was man sonst immer so unter Generalverdacht hat, sondern die Hälfte des Feinstaubs, ist Ammoniumnitrat! Und dieser Feinstaub, der rieselt natürlich dann wieder auf die auf die Erde runter. Da schwebt nach unten, der setzt sich hier auf den Ästen der Bäume fest, und wenn dann dort diese Gemeine Gelbflechte, wächst, dann ist die wie im Schlaraffenland. Musik Bernhard Kastner: 16.56 Sie hören radioWissen hier auf Bayern2 und ich unterhalte mich heute in unserer Gesprächsreihe ‚Alles Natur‘ mit dem Biologen. Dr. Thassilo Franke von Biotopia LAB in München, und wir sprechen über die Flechten, und die haben sie ja wirklich in sich. Thassilo Franke: Ja, das kann man wirklich so sagen. Also Flechten, die Pilzpartner von Flechten, das sind reine Fabriken für interessante chemische Substanzen, die dort erzeugt werden von dem Organismus. Und diese Substanzen sind zum Beispiel tumorhemmende Substanzen, die die arzneiliche interessant sind. Es sind Substanzen dabei, die antibakteriell wirken, entzündungshemmend wirken. Und das weiß man auch schon sehr lange. Man weiß zum Beispiel auch, dass in sehr vielen verschiedenen Kulturen auf der Welt Flechten als Wundverband früher verwendet wurden, aber auch heute noch, zum Beispiel im Himalaja, eine ganz wichtige Bedeutung haben. Es heißt, wenn sich jemand verletzt und die Wunde anfängt zu eitern, dann wird dann eine Flechte draufgelegt und das Ganze gut verbunden, weil man eben weiß, dass diese Flechte entzündungshemmende antibakterielle Wirkungen hat. Und diese Wirkung, das Flechten, Inhaltsstoffe Bakterien abtöten können, das wussten auch schon die Alten Ägypter. Und die haben zum Beispiel die Leibeshöhle von mumifizierten Toten mit Flechten ausgefüllt, aber auch Flechten auf dem Körper verteilt und zwischen den Bandagen. Und das hat dann eben dazu geführt, dass diese einbalsamierten Körper nicht von Bakterien zersetzt wurden, weil sie eben von diesen Flechten davor geschützt wurden. Und eine der Flechten, die da immer wieder nachgewiesen werden konnte, das ist eine Flechte mit dem etwas irreführenden Namen Baummoos. Und dieses Baummoos hat auch noch andere interessante Inhaltsstoffe. Und die sind auch schon seit vielen, vielen Jahrhunderten als Parfümstoffe bekannt und vor allem in Südfrankreich, da, wo ja die meisten Parfüms herkommen, werden die schon seit langer Zeit aus diesen Flechten herausisoliert. Und das sind die Grundsubstanzen eigentlich in einer ganzen Reihe von sehr gängigen klassischen Parfüms. Bernhard Kastner: Ja, und teilweise sind die Inhaltsstoffe von Flechten ja auch ziemlich giftig?! Thassilo Franke: Ja, also, was Sie da ansprechen, das ist die Wolfsflechte, die den schönen wissenschaftlichen Namen Letharia Vulpina hat. Letal, Sie kennen den Ausdruck letal, Letharia, die Tödliche; Vulpina heißt, die den Fuchs tötet, wenn man so will. Vulpius ist der Fuchs, weil man eben früher damit Wölfe und Füchse vergiftet hat, indem man die Flechten pulverisiert hat und dann Fleischköder eben da damit behandelt hat. Und wenn dann der Wolf kam oder der Fuchs kam und von dem Fleisch gefressen hat, dann ist er gestorben. Und die Ursache dafür war ein ganz heimtückisches Gift, nämlich die Vulpin-Säure. 19.54 Bernhard Kastner: Und einen dieser vielen, vielen Inhaltsstoffe kennen wir alle wohl. Oder die meisten von uns gerade jetzt in der Erkältungszeit. Das sind Präparate aus dem sogenannten Islandmoos. Aber Achtung der Name leitet in die Irre: Es ist kein Moos?! Thassilo Franke: 20.01 Ja, da haben wir schon wieder Baummoos, Eichenmoos und jetzt ist Islandmoos alles keine Moose, sondern Flechten. Aber das sind genau diese kleinen, bräunlichen Pastillen, die wahrscheinlich jeder schon mal gelutscht hat, die dann so angenehm, gerade wenn man einen kratzigen Hals hat, so eine schöne Schleimschicht dort auf den auf den wunden Stellen in der Luftröhre dort verteilen. Und dieser Schleim - es ist wirklich Schleim, der da drin ist. Es ist der sogenannte Lichnin. Lichnin wird auch ‚Flechten-Stärke‘ genannt, und in diesem Schleim sind dann auch noch antiseptische, antibakterielle Substanzen, die enthalten, legen sich schön über die entzündete Stelle und führen dann zu einer schnellen Abheilung eben dieses Problems. Bernhard Kastner: 20.47 Das sind ja jetzt schon einige hochwirksame Wirkstoffe, über die Sie hier gesprochen haben. Aber es sind noch längst nicht alle in den Flechten vorhandenen Stoffe entdeckt worden?! Thassilo Franke: 20.55 Ja, genau. An den staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns hat eine Forschergruppe vor kurzem eine ganz interessante Entdeckung gemacht. Und zwar, sie haben sich die Erbinformationen von verschiedenen Flechtenarten genauer angeschaut und haben dann Gene entdeckt, die bestimmte arzneilich interessante Substanzen codieren. Also ganz einfach formuliert, haben sie in der Erbinformation verschiedene Rezepte gefunden, die für diese arzneilich interessanten Inhaltsstoffe die Ursache sind. Und sie haben mehr solche Rezepte gefunden, als Inhaltsstoffe bekannt sind. Und das hat ihnen natürlich dann wiederum den Rückschluss erlaubt, dass man noch erwarten kann, sehr viele arzneilich interessante Stoffe in Flechten zu finden, die man heute noch gar nicht kennt, aber von dem man schon weiß, dass sie da sein müssen, weil man ihre Rezepte gefunden hat. Bernhard Kastner: Also, auf der einen Seite sind Flechten noch längst nicht erforscht, noch längst wissen wir nicht alles über die Inhaltsstoffe von Flechten. Auf der anderen Seite wissen wir, dass viele Flechten schon ausgestorben sind oder in ihrer Existenz bedroht sind. Das ist jetzt also ein Wettlauf mit der Zeit. Da frage ich mich kann man Flechten nicht gezielt züchten oder sie kultivieren, vermehren, anpflanzen wie zum Beispiel andere Arzneimittelpflanzen auch?! Thassilo Franke: 22.15 Ja, so dass mit den Flechten züchten ist in der Tat ein Problem also großflächig züchten sowieso eigentlich ausgeschlossen und hat tut sich ja schon im Labor schwer, die zu züchten, weil man einfach diese Wachstumsbedingungen sehr schwer simulieren kann, die Flechten zum Leben brauchen. Außerdem ist es so, dass die meisten Flechtenarten auch sehr, sehr langsam wachsen. Es gibt Flechten, die wirklich nur einen Bruchteil von einem Millimeter pro Jahr Zuwachs haben und die weit über tausend Jahre alt werden können, trotzdem nur die Größe von meiner Handfläche vielleicht haben. Und solange kann man natürlich nicht warten, wenn man einen Organismus züchten will, den man eben auch wirklich nutzen möchte. Es heißt hier ist man tatsächlich immer noch auf die Wild-Flechten angewiesen. Bei Flechten ist es ja so, dass sie sich einerseits über Born formieren sowie Pilze, die dann natürlich aber da, wo sie landen, dann auch den passenden eigenen Partner finden müssen, was gar nicht so einfach zu sein scheint. Musik Bernhard Kastner: Also mit der Zucht und der Kultivierung von Flechten sieht's noch nicht so rosig aus. Umso wichtiger ist es, dass wir die Flechten, die wir kennen und die wir haben und noch längst nicht erforscht und verstanden haben, schützen. Ich danke Ihnen für dieses wirklich interessante Gespräche. Ich hab wieder sehr viel gelernt, und ich freue mich schon auf das nächste Mal. Thassilo Franke: Ja, ich freue mich schon sehr auf die nächste Sendung Musik out
- Der Schulweg - früher und heute, hier und anderswo
05.09.2025 · 22 Min.
Elterntaxi, Schulbus oder stundenlanger Fußmarsch - allmorgendlich machen sich zig Kinder auf den Weg zur Schule. Wie hat sich dieser Weg im Laufe der Jahrhunderte verändert? Und wie sieht er in anderen Ländern aus? Credits Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann Regie: Frank Halbach Es sprach: Stefan Wilkening Redaktion: Maike Brzoska Im Interview: Prof. Dr. Rudolf Egger, Professor für Pädagogik am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz, Fachbereichsleiter Empirische Lernweltforschung Saskia Haspel, Gründerin und Leiterin der österreichischen Montessori-Akademie in Wien Malte Pfau, Campaigner für Bildung der Kindernothilfe Linktipp: - Malte Pfau: Zur Schule ohne Hindernisse – Was Schulwege weltweit mit dem Kinderrecht auf Bildung zu tun haben, 2023: https://www.bildungskampagne.org/zur-schule-ohne-hindernisse-was-schulwege-weltweit-mit-dem-kinderrecht-auf-bildung-zu-tun-haben HIER gehts zur Website Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Einschulung: Tipps für den perfekten Schulanfang auf ARD alpha HIER ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Wenn Frieda Specker, geboren 1932 in Augsburg, von ihrem Schulweg erzählt, blitzen ihre Augen vergnügt. Sie erinnert sich noch genau an ihre Erlebnisse, damals vor mehr als 80 Jahren: MUSIK ENDE 1. ZUSPIELUNG Frieda Specker „Also wir sind mit Freundinnen und mit meiner Schwester immer gemeinsam in Schule gegangen, haben Blödsinn gemacht. Und es war immer schön. Im Winter haben wir Schneeballen in die Kirch nei geschmissen oben, und wenn meine Mutter kein Brot mehr hatte, dann haben wir zehn Pfennig gekriegt. Und dann hat sie gesagt: Aber nicht mit Kuchen vertun, sondern wir sollten uns zwei Brezen kaufen. Ja, was haben wir uns gekauft? Boxer! Boxer waren Amerikaner, die unten mit Schokolade bepinselt waren oder mit Zuckerguss. Ja, und da war man natürlich als Kind ganz wild drauf. Und dann sind wir weiter die Karmelitengasse hoch und da war links das Gefängnis. Und da sind wir immer mit Ehrfurcht vorbei gegangen und haben Mitleid gehabt und Angst gehabt, was da für Räuber drin sind. Und am Rückweg da war dann ein Schuster, der immer so blöd geschaut hat, da haben wir immer an die Scheibe hingehauen, und da habe ich mal zu fest hingehauen, das war eine Katastrophe! Ja, da kann ich mich gut erinnern. Ja, freilich ja, ja, meine Eltern mussten das ersetzen, und: So ein freches Kind! MUSIK „Sophies Thema“; ZEIT: 00:31 ERZÄHLER Kleine Abenteuer erleben, Streiche spielen, auch einmal über die Stränge schlagen – das ist es, was auch Waltraud Fischer, geboren 1943 im Allgäu, von ihrem Schulweg in Erinnerung geblieben ist. Noch heute weiß sie, wie sie die Kinder beneidet hat, die in den Einödhöfen hoch oben auf dem Berg lebten – denn deren Schulweg war besonders lang. MUSIK ENDE 2. ZUSPIELUNG Waldtraud Fischer Und drum sind wir öfter mal mitgegangen mit denne, das war einfach toll. Freiheit! Du bist nicht so schnell heimgekommen. Im Winter sind sie mit dem Schlitten gekommen. Und man hat gestritten miteinander, und man hat auch die Buben geärgert. Das hat dazu gehört, und es war einfach schön. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:34 ERZÄHLER Den Schulweg umgibt ein Hauch von Freiheit, nicht nur in der Erinnerung der beiden älteren Damen. Er bietet von je her für viele Kinder und Jugendliche einen Freiraum zwischen den Anforderungen der Schule und den Anforderungen der Eltern, eine Nische, in der sie sich weitgehend ohne Erwachsene bewegen können – jedenfalls wenn sie es dürfen, sagt die Montessori-Pädagogin Saskia Haspel, Gründerin und Leiterin der österreichischen Montessori-Akademie in Wien: MUSIK ENDE 3. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Der Schulweg ist in mehrfacher Hinsicht etwas ganz Besonderes für Kinder. Einerseits kann er eine sehr gute Brücke darstellen zwischen dem Zuhause und umgekehrt. Das heißt, das Kind hat Zeit, Eindrücke zu verarbeiten, sich auch einzustellen darauf, was jetzt Neues kommt. Menschen brauchen ja Zeit für viele Übergänge aus einer Situation in die andere. Und das leistet der Schulweg schon einmal sehr, sehr gut, da Zeit zu geben. Das zweite, und für uns als Pädagoginnen vielleicht immer das Wichtigste ist, dass Kinder durch die selbständige Bewältigung des Schulwegs einfach eine ganz andere Möglichkeit haben, sich draußen in der Welt zu bewähren. Also nicht nur einfach in die Schule zu gehen, sondern natürlich auch Situationen vorzufinden, mit denen sie vielleicht nicht gerechnet haben oder die vielleicht auch an einer Stelle mal ein bisschen herausfordernder sind, und dann auch dieses Gefühl haben zu können: Ich habe etwas selbständig bewältigt – sei es jetzt leicht gewesen oder auch einmal bisschen schwieriger. ERZÄHLER Eine Straße überqueren, sich vielleicht an einem finsteren Eck oder einem kläffenden Hund vorbeitrauen, mit anderen ins Gespräch kommen, in der Schule Erlebtes besprechen, sich mit dem Taschengeld eine Kleinigkeit kaufen – Kinder, die solche Situationen ohne Eltern meistern, bekommen die Chance, sich als selbständig und erfolgreich zu empfinden. Für ihre Entwicklung ein wichtiger Schritt, ist die Pädagogin Saskia Haspel überzeugt. Das entscheidende Ziel nennt sich Selbstwirksamkeit: 4. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Also ich fühle mich mächtig, etwas in dieser Welt zu schaffen oder zu verändern. Und je älter das Kind wird, desto größer ist natürlich der Spielraum. Je mehr wir es behindern, desto weniger kann es das Gefühl aufbauen: Ich kann etwas schaffen. Vielleicht nicht beim ersten Mal, vielleicht beim zehnten Mal. Also es hat sehr viel zu tun mit Selbstvertrauen, ja, aber auch mit Selbstwertgefühl. ((Wenn ich mich als handelnde Person fühlen kann, die etwas bewirken kann in dieser Welt, ja, ich glaube, was wünschen wir uns mehr für unsere Kinder als, dass sie sich zu solchen Menschen entwickeln?)) ERZÄHLER Auf dem Schulweg sind das viele kleine unscheinbare Situationen, in denen sich Kinder selbstwirksam fühlen können, sagt Rudolf Egger, Professor für Pädagogik am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz. Und dennoch prägt sich diese Erfahrung ein, auch unbewusst: 5. ZUSPIELUNG Rudolf Egger Ein kleines Beispiel: Ein Mädchen kommt an eine Kreuzung, und dort ist ein Fußgängergang in Zebrastreifen. Sie schaut nach links, sie schaut nach rechts, so wie sie das gelernt hat, wieder nach links, und da kommt ein Riesen SUV daher, und sie schaut dem Fahrer in die Augen, und der Fahrer wird langsam, und nur durch den Augenkontakt merkt dieses Mädchen, dass es einen riesengroßen Volvo abbremsen kann, wir nennen das Joint Attention, das sind die Begegnungsflächen, wo ich merke, ich brauche nicht immer eine Druckknopfampel oder Schülerlotsinnen und -lotsen. Ich kann selber, durch so etwas Bescheidenes wie den Augenkontakt, was eigentlich was Großartiges ist, in die Gesellschaft eingreifen und dort meinen Platz finden. ERZÄHLER Doch der Pädagogik-Professor Rudolf Egger beobachtet, dass Kindern die Möglichkeit, solche Erfahrungen zu machen, inzwischen oft genommen wird. Das habe mit der Motorisierung und mit der getakteten Arbeitswelt ihrer Eltern zu tun. 6. ZUSPIELUNG Rudolf Egger Vielleicht haben Sie das auch schon festgestellt – so 20 Minuten vor Schulbeginn ist quasi Großkampf-Arena vor den Schulen. Die Eltern würden ihre Kinder am liebsten mit dem SUV in die Klasse führen, weil sie Angst vor dem Verkehr haben, den sie selber verursachen. Und das ist der Teil, wo wir uns gefragt haben: Was hängt eigentlich am Schulweg, wenn immer weniger Kinder quasi einen selbstgestalteten Schulweg haben - wie hängt es dann mit dem Erleben der Umwelt, mit dem Erlernen von Demokratie, mit dem Erlernen des Miteinander - wie hängt das zusammen? MUSIK „“I need exile; ZEIT: 00:50 ERZÄHLER Rudolf Egger forscht zu Lernprozessen, die außerhalb von Institutionen, beispielsweise der Schule, stattfinden und untersucht, was informelle Lernprozesse fördert. Auch der Schulweg ist so eine Lernwelt – oder könnte es sein, sagt Egger: Hier können sich Kinder, zumindest in einem gewissen Rahmen, ausprobieren, sich selbst ihren Weg bahnen, anderen Menschen begegnen, Unvorhergesehenes erleben und auch einmal Umwege machen. All das kennzeichnete über Jahrzehnte den Schulweg, und machte ihn zu einer eigenen kleinen Lernwelt. Egger beobachtet jedoch, dass sich die Spielräume von Kindern zunehmend verengen. Viele Eltern stehen aufgrund ihrer Berufstätigkeit unter Druck. Insbesondere morgens gilt es, alle Familienmitglieder auf die Spur zu bringen, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen und alle anstehenden Aufgaben zu bewältigen. MUSIK ENDE 7. ZUSPIELUNG Rudolf Egger Man versucht, das sehr strikt zu handhaben, aber was dabei eben, wenn das so reglementiert ist, auf der Strecke bleibt, ist, dass es kaum mehr Begegnungsflächen zwischen den Menschen gibt, sondern es gibt in der Früh Stress bis alle im Auto sitzen, und dann sind sie quasi kleine Monaden, die zugestöpselt sind mit Kopfhörern - dieses Phänomen gibt es schon sehr lange und ist jetzt in den letzten 15 Jahren viel, viel stärker geworden. MUSIK „Familiar things disappear”; ZEIT: 00:46 ERZÄHLER Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten tobt heute in vielen Städten der Verkehr und stellt insbesondere für junge Schüler, die damit noch wenig Erfahrung haben, eine Gefahr dar und schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein. Der Tag von Kindern gleicht außerdem zunehmend dem von Erwachsenen. Er ist von früh bis spät durchorganisiert: Auf den regulierten Schulalltag folgt die durchgeplante Freizeit. Betreuungs- und Freizeiteinrichtungen sowie TÜV-geprüfte Spielplätze und wohlgeordnete Parkanlagen sind an die Stelle von unbeaufsichtigten Hinterhöfen, Straßen, öffentlichen Plätzen, Fabrikgeländen und Wäldern getreten, in denen sich Kinder noch vor wenigen Jahrzehnten weitgehend nach ihrer eigenen Vorstellung bewegen konnten. Zeiten, in denen sie niemand unbeobachtet, sind rar geworden für die Kinder von heute. MUSIK ENDE Ein wichtiger Lernschritt auf dem Weg zum Erwachsenenalter ist aus Sicht der Pädagogen auch, dass Kinder mit anderen Kindern zusammen sein können, und zwar ohne die Aufsicht von Erwachsenen. Dass sie sich als Mitglied einer Gruppe fühlen und Verantwortung übernehmen, für sich selbst und für andere. Auch dafür eignet sich der Schulweg. ((Zugleich sei ihre Aufgabe, so Saskia Haspel, 9. ZUSPIELUNG Saskia Haspel dass sie aufmerksam bleiben, dass sie fokussiert sind auf den Straßenverkehr, dass sie genug Selbstsicherheit haben, nicht mitzumachen, wenn andere Kinder auf Ideen kommen, die vielleicht gefährlich sein könnten.)) ERZÄHLER Aber im gleichen Maße, wie der Schulweg ein wichtiger Schritt eines Kindes zu mehr Autonomie ist, ist er eine Herausforderung für die Eltern. Sie müssen eine Balance finden zwischen ihrem Sicherheitsbedürfnis und dem Selbständigkeitsdrang des Kindes. Die Eltern haben dabei die Verantwortung, dem Kind zu zeigen, wie es sicher zur Schule kommt, müssen es dann aber schrittweise in die Unabhängigkeit entlassen, findet die Montessori-Pädagogin Saskia Haspel: 10. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Also wichtig ist, wirklich aufs Kind zu schauen. Manche Kinder brauchen länger, manche Kinder sind unsicherer, die brauchen danach wirklich länger die Begleitung, und die müssen wir ihnen geben. Natürlich. Was wir nicht machen dürfen, ist aus falsch verstandener Fürsorge vielleicht oder aus eigener Bequemlichkeit, wenn man länger schlafen kann, wenn man das Kind mit dem Auto vor die Schule führt, ihm diesen Schulweg wegzunehmen. Das ist sehr, sehr schade und des verhindert die Entwicklung die Selbständigkeit in diesem Bereich. ERZÄHLER Beim Loslassen können Eltern auf das bauen, was sie ihrem Nachwuchs in den ersten sechs Lebensjahren mitgegeben haben, so Saskia Haspel. Normalerweise unternehmen Kinder in dieser Zeit auch schon kurze Wege alleine, besuchen vielleicht Freunde um die Ecke oder gehen auch schon einmal alleine zum Bäcker. Dadurch können das kindliche Selbstvertrauen und das Vertrauen der Eltern in die Kinder gleichermaßen wachsen. Wenn Kinder dagegen viel Zeit im Auto sitzen, anstatt selbst zu laufen oder mit dem Fahrrad zu fahren, hat das sichtbare Folgen für ihre motorische Entwicklung, beobachtet Saskia Haspel im Schulalltag: Beim Treppensteigen gingen viele Schulanfänger noch jede einzelne Stufe mit zwei Füßen oder auch seitwärts. 11. ZUSPIELUNG Saskia Haspel Und ja, da würden wir uns natürlich wünschen, dass sie mehr Gelegenheit gehabt hätten, sich zu bewegen, und jede Bewegung, die ein Mensch macht, ist gut, wenn sie strukturiert ist und somit natürlich auch ein Schulweg, der zu Fuß bewältigt wird oder ein Teil davon zu Fuß bewältigt werden kann, sehr hilfreich auch für die weitere Entwicklung. Von einer Gehsteigkante hinuntersteigen, braucht Bewegungskoordination, oder links und rechts zu schauen und dann loszugehen. Also man muss gut in seinem Körper zu Hause sein, ein gutes Körperbild haben, seinen Körper gut kennen, auch wissen, was kann ich mir denn zutrauen an Bewegung, und ein wirklich stabiles reifes Gleichgewichtssystem entwickelt zu haben, sind wesentliche Voraussetzungen dafür, unter anderem den Schulweg sicher bewältigen zu können. ERZÄHLER Die Eltern müssen sich zudem darauf verlassen können, dass sich ihr Nachwuchs an Regeln hält. Sie brauchen aber auch das Vertrauen in die Kinder und insbesondere in die Jugendlichen, dass sie auch dann zurechtkommen, wenn sie einmal vom vorgegebenen Pfad abweichen, meint Saskia Haspel: 12. ZUSPIELUNG Saskia Haspel 9.30 Menschen probieren neue Dinge aus, auch Kinder probieren neue Dinge aus. Und manchmal ist es doch ein bisschen gefährlich oder manchmal ist es keine besonders gute Idee. Aber auch das gehört dazu und auch daran wächst man. Wir hatten ja noch Samstagsschule, und ich ging an einer Kirche vorbei, und samstags wird häufig geheiratet. Ich hatte die Freiheit, ich hatte noch kein Handy, mir hat nicht nach 10 Minuten schon jemand nachtelefoniert: Wo bleibst du?, wenn ich mich ein bisschen verspätet hab, ich konnte dort Braut schauen, bei der Kirche stehen bleiben, wenn da gerade eine Hochzeit war. Niemand hat sich damals Sorgen gemacht, wenn ein Kind 10 Minuten später dran war. Oder wenn man einen Bus später gekommen ist. Also auch da wird Kindern sehr viel Freiheit genommen. Heutzutage diese Handy-Nabelschnur, dass sofort angerufen wird. Wo bleibst du denn? Was ist denn los? ERZÄHLER Saskia Haspel und Rudolf Egger erkennen einen Hang zur Überfürsorge bei heutigen Eltern – das spiegelt sich auch im Begriff Helikoptereltern. Daran, wie Kinder zur Schule kommen, lasse sich ablesen, wie sich die Gesellschaft und auch die Beziehung zwischen Eltern und Kind in den vergangenen Jahrzehnten verändert hätten. Rudolf Egger: 13. ZUSPIELUNG Egger Kind ist natürlich Statussymbol Nummer eins, also für den Großteil der Eltern – hängt natürlich von der sozioökonomischen Situation ab – ist Kind Identifikationsmerkmal. Also Kinder werden immer wichtiger, Kinder sind ganz wesentliche Elemente der eigenen Lebensplanung, und auf der anderen Seite hat sich das auch eben durch die strukturelle Berufstätigkeit auch verändert, diese Beziehung, wo wir eben vieles organisieren müssen. Und man ist froh, wenn die Kinder hinten im Auto eben zugestöpselt sind. Weil da kann man sich selber konzentrieren, was man alles zu tun hat. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:16 ERZÄHLER Der Weg zur Schule unterscheidet sich nach der Beobachtung von Rudolf Egger deutlich vom Heimweg, vor allem, was die emotionale Verfassung der Schülerinnen und Schüler angeht: MUSIK ENDE 14. ZUSPIELUNG Egger Der Weg von der Schule nach Hause dauert in der Regel ungefähr acht bis zehn Minuten länger, weil sie langsamer gehen, nicht so zielbezogen gehen, vielleicht einmal einen Umweg auch noch machen und Möglichkeiten finden, quasi diesen Ballast der Schule auch abzulagern. Weil Schule ist - da darf man sich auch nichts vormachen - ist Druck auch schon für die ganz Kleinen. Schule ist soziales Miteinander, kognitives Lernen, Forderung, und mit dem muss auch umgehen lernen, das Fading-Out von der Schule - auch dafür ist der Schulweg ganz, ganz wichtig. MUSIK privat Take 016 „Interlude II”; Album: Prince of Persia: The Forgotten Sands; Label: Ubisoft 2010; Interpret: Tom Salta; Komponist: Tom Salta; ZEIT: 00:51 ERZÄHLER In den Weiten der Savanne im Süd-Westen Kenias: Wenn sich der 8-jährige Musega auf den Weg zur Schule macht – die einzige im Umkreis von 20 Kilometern -, hat er einen ständigen Begleiter: Die Angst vor wilden Tieren wie Hyänen, Löwen und Elefanten. Exotisch anmutende Schulwege wie der von Musega werden gerne in Dokumentationen gezeigt, beobachtet Malte Pfau von der Kindernothilfe, einem der größten christlichen Hilfswerke in Deutschland. Der gelernte Lehrer setzt sich seit Jahren auf der politischen Ebene für Kinderrechte ein. Sein Schwerpunkt-Thema: Das Recht auf Bildung und die Frage, wie man mehr Kindern eine Schulbildung ermöglichen kann. MUSIK ENDE 15. ZUSPIELUNG Malte Pfau Dass Kinder mit einer Seilbahn über Schluchten fahren oder mit einem Esel über Gebirgspässe gehen, das ist natürlich auch alles da, aber ich denke immer, das romantisiert das so ein bisschen, das stellt das so dar, als wären das Abenteuer auf dem Weg zur Schule. Und ich glaube, für 99,99 Prozent der Kinder gilt einfach nur, dass die Entfernung die Einschränkung, Gefahren diese Länge des Weges mit sich bringt. ERZÄHLER Malte Pfau war für die Kindernothilfe selbst viel in fernen Ländern unterwegs, unter anderem in Indien und mehreren afrikanischen Ländern und hat dort erfahren: Ein großes Hindernis für Kinder und ihr Recht auf Bildung ist die Distanz zur nächsten Schule. Insbesondere in ärmeren, weniger entwickelten Ländern ist der weite, oftmals beschwerliche Weg zur Schule ein großes Problem. 16. ZUSPIELUNG Malte Pfau Schulwege von einem bis zwei Stunden – also hin und zurück sind es dann eher drei bis vier – sind schon eher die Regel, aber das sind zumindest noch Schulwege, die ja bewältigt werden können. Die weiterführende Schule ist dann ja häufig eher in Oberzentren oder in Städten angesiedelt. Das heißt, wenn Kinder oder Jugendliche dann die Grundschule verlassen und auf eine weiterführende Schule gehen, bedeutet das häufig, dass das Kapitel Schule zu Ende ist, einfach weil gar nicht mehr erreichbar ist, oder aber dass Kinder schon sehr früh das Elternhaus verlassen, um dann in Städten bei Verwandten zu leben oder aber auch teilweise auch allein zu leben, um die weiterführende Schule wahrnehmen zu können. MUSIK „The game has changed”; ZEIT: 00:18 ERZÄHLER Auch in den Großstädten des globalen Südens machen sich unzählige Kinder jeden Tag auf den Weg zur Schule. Erschwert wird ihnen der Weg dort vor allem durch den Verkehr und die unzureichenden Öffentlichen Verkehrsmittel, sagt Malte Pfau. MUSIK ENDE 17. ZUSPIELUNG Malte Pfau Also wenn man sich jetzt solche Millionenstädte wie Addis Abeba anguckt oder Nairobi, Kapstadt, Johannesburg, das sind ja alles Städte, wo wir ja in den Townships oder Slums arbeiten, wo es zwar natürlich häufig auch Schulen gibt, aber auch da ist es ja so, dass Kinder innerhalb dieser Städte wahnsinnige Distanzen zurücklegen, die auch nicht vergleichbar sind mit Leben in der Großstadt bei uns, weil es halt einfach kein öffentliches Transportsystem gibt, was man so nutzen kann oder teilweise Schnellstraßen oder Hindernisse innerhalb einer Stadt darstellen, die bedeuten, dass man kilometerweit erst einmal gehen muss, um überhaupt einen Weg zu finden, um diese fast schon Flüsse ohne Brücken innerhalb der Städte überwinden zu können. ERZÄHLER Weltweit sterben täglich 500 Kinder bei Verkehrsunfällen, die meisten von ihnen vermutlich auf ihrem Schulweg. Das heißt, für junge Menschen auf der ganzen Welt ist der Straßenverkehr die Todesursache Nummer eins, noch vor Naturkatastrophen, Kriegen oder Seuchen. Dazu kommt insbesondere für Mädchen in vielen Ländern die Gefahr, auf ihrem Schulweg Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. 18. ZUSPIELUNG Malte Pfau Weil Raubüberfälle aber auch sexueller Missbrauch an der Tagesordnung ist, und das weiß ich auch aus dem südafrikanischen Kontext, dass da der Missbrauch von Mädchen massiv steigt, wenn die Ferienzeit vorbei ist, weil Schule und Schulweg für Mädchen einfach grundsätzlich sehr gefährlicher Ort ist, wo Übergriffe tagtäglich leider sind. ERZÄHLER Nicht wenige Eltern behalten ihre Kinder auch deshalb lieber zuhause, wo sie dann von jeglicher Schulbildung abgeschnitten sind. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:27 ERZÄHLER Aber trotz aller Gefahren, die auf dem Schulweg insbesondere in den Ländern des globalen Südens lauern: Für Kinder weltweit ist der Schulweg nicht nur ein Weg zu einer Bildungsstätte. Er ist auch ein wichtiger Schritt auf ihrem Weg ins selbständige Leben und bietet die Chance auf eine ganz eigene wertvolle Erfahrung. Davon ist Malte Pfau überzeugt. MUSIK ENDE 19. ZUSPIELUNG Malte Pfau Für viele Kinder ist das ja auch nur der einzige unbeobachtete Moment, den sie am Tag haben – die Schule ist wahnsinnig streng, das Elternhaus ist wahnsinnig streng. Im Elternhaus sind die auch voll eingebunden. Das ist ja nicht so, dass sie da irgendwie ihr eigenes Zimmer haben, sondern auch häufig ist das irgendeine Lehmhütte, wo man irgendwie zu acht in einem Raum wohnt. Das heißt, dieser Schulweg ist ja für die so der einzige Moment am Tag, wo sie vielleicht auch für sich mal mit anderen Kindern Quatsch machen können oder so ein bisschen, ja, Kind sein können. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner; Label: 2013 Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 00:47 ERZÄHLER Kind sein, Quatsch machen, ein kleines Stückchen Freiheit genießen zwischen Schule und Elternhaus – das haben wohl die meisten Schulwege dieser Welt gemeinsam, auch wenn sie sonst sehr verschieden sind. Und auch die beiden älteren Damen Frieda Specker und Waldtraud Fischer sind sich einig: 20. ZUSPIELUNG Es war schön, es war lustig, ich möchte‘s nicht missen. Ein Kind braucht den Kontakt mit anderen Kindern, kann über Lehrer schimpfen und, ja, kann einfach sich ausdrücken lernen. Und das finde ich sehr wichtig.
- Kumari - Nepals kindliche Göttin auf Zeit
04.09.2025 · 21 Min.
Kumaris gelten in Nepal als kindliche Göttinnen auf Zeit und sind für eine Vielzahl religiöser Rituale zuständig. Mit dem ersten Tropfen Blut, den sie vergießen, müssen die Mädchen in ihre Familien zurückkehren und versuchen, sich wieder in die Realitäten der nepalesischen Gesellschaft einzufinden. Autorin: Margarete Blümel (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Margarete Blümel Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Katja Amberger, Hemma Michel, Peter Weiß Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Scott Berry, Lehrer und Autor einer Kumari-Biografie; Rashmila Shakya, Ex-Kumari; Prof. Axel Michaels, Indologe und Religionswissenschaftler; Prof. Horst Brinkhaus, Indologe Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Nepal - Vielfalt der Religionen HIER Lebende Götter - Und das Wort ist Fleisch geworden HIER Literaturtipps: - Berry, Scott: From Goddess to Mortal: The True Life Story of a Former Kumari. Vajra Publications, Kathmandu 2005. Einfühlsames Porträt der ehemaligen Kumari Rashmila Shakya, die ihre Erfahrungen als Kindgöttin schildert und in den religiösen Kontext ihres Heimatlandes Nepal einordnet. - A Study of Living Goddess Kumārī: The Source of Cultural Tourism in Nepal by Him Lal Ghimir. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN: Auf einem mit Brokat überzogenen Stuhl sitzt ein kleines, sehr ernst blickendes Mädchen, das die Aufgabe hat, sein Land zu beschützen. Bei der nun folgenden, Stunden währenden, Tempelzeremonie wird ein Büffel sein Leben lassen, Trommler werden ihre Klangkörper bearbeiten und Gläubige ihre Köpfe bis zum Boden vor der kindlichen Göttin verneigen. Musik hoch ERZÄHLERIN: Das Mädchen ist stark geschminkt und in ein bis zu den Knöcheln reichendes Gewand gehüllt, das von Goldfäden durchwirkt ist. Manchmal ist diese Berufsbekleidung der Kumari, Nepals ”kindlicher Göttin”, auch tiefrot. Und: Die Kumari trägt einen mit Diamanten versehenen, in allen Farben schimmernden Kopfputz dazu. Eines aber ist immer gleich: Die lebende Göttin hat zwar das Gesicht eines Kindes. Doch ihre Würde und Bestimmtheit, die sie an den Tag legt, lassen sie um Jahre älter erscheinen. Musik mit Atmo 1 Tempelzeremonie verbinden O-TON 1: EX-KUMARI RASHMILA SHAKYA At the age of four, I became a Kumari. At the age of twelve, I retired from the Kumari house. VO-Sprecherin-weiblich: Ich war vier, als ich zur Kumari erhoben wurde. Und zwölf, als ich wieder ins weltliche Leben zurückkehrte. ERZÄHLERIN: Heute ist Rashmila Shakya 37 Jahre alt. Als sie das Kumari-Amt innehatte, war der König noch das Staatsoberhaupt Nepals. Damals kniete der königliche Regent vor der vierjährigen Rashmila nieder, um aus ihrer Hand den sogenannten ‚Tika‘ zu empfangen. O-TON 2: RASHMILA SHAKYA It’s become used to for me, because every time the king came to get the bless ...I know that I used to give the Tika to the king. I feel proud. VO-SPRECHERIN-weiblich: Ich hatte mich schnell daran gewöhnt, meinen Aufgaben ruhig und besonnen nachzukommen. Auch dann, wenn ich dem König den Tika, das hinduistische Segenszeichen, auf die Stirn tupfte. Bis heute macht mich das immer noch ein wenig stolz. ATMO 1 Tempelzeremonie O-TON 3: PROF. HORST BRINKHAUS Manchmal werden sie mit sechs Jahren erst geweiht oder eingeführt, manchmal auch schon mit zwei Jahren, das ist sehr unterschiedlich. Es ist ja an eine ganze Reihe von Kriterien geknüpft, wer Kumari sein kann. ERZÄHLERIN: … sagt der Indologe Professor Horst Brinkhaus. O-TON 4: PROF. HORST BRINKHAUS Da werden Tests gemacht und einiges auf die Beine gestellt, um festzustellen, wen hat sich die Göttin Durga - oder Taleju, wie sie in Nepal genannt wird – ausgesucht als Inkarnation? Das gilt es ja herauszufinden. Man macht ja keine Kumari, das ist nicht Menschenwerk, sondern die Göttin ist sozusagen übergegangen in einen Mädchenkörper. ERZÄHLERIN: Es gibt mehrere Kumaris in Nepal. Die bedeutendste unter ihnen ist die in Kathmandu lebende ‚Royal Kumari‘. O-TON 5: PROF. HORST BRINKHAUS Es wird selten über die weniger bekannten Kumaris berichtet. Berichtet wird fast immer nur über die Royal Kumari in Kathmandu und es gab auch einige Berichte über eine Bhaktapur-Kumari, die nämlich in Amerika war mit elf Jahren - als Kumari noch, wohlgemerkt, nicht erst danach. MUSIK m03 (Holiya Mela, Traditional Nepal Folk Tunes, K:= Bharat Nepali, 0:34 Min) ERZÄHLERIN: Etwa zehnmal im Jahr verlässt die Royal Kumari den Palast, um religiösen Zeremonien beizuwohnen. Die inzwischen meist als ‚Kathmandu-Kumari‘ bezeichnete lebendige Göttin wird bei diesen Gelegenheiten stets in einer Sänfte befördert, da sie sonst Gefahr liefe, sich zu verunreinigen oder sich zu verletzen, sagt der Indologe und Religionswissenschaftler Professor Axel Michaels: O-TON 6: PROF. AXEL MICHAELS Es ist schon etwas schwieriger für die Kathmandu-Kumari, weil die eine so herausragende Stellung hat. Sie gab ja früher dem König den Tika und hat ihn gewissermaßen dadurch legitimiert für ein Jahr. Aber in Bhaktapur etwa ist die Kumari ja ein ganz normales Mädchen, die auch nicht so eine isolierte Stellung hat wie die Kathmandu-Kumari, die ja in einem eigenen Haus wohnt und eigentlich nicht auf die Straße darf. Sie kann nur getragen werden. Die auch nicht mit anderen Kindern einfach so spielen kann. Das gilt aber eigentlich nur für die Kathmandu-Kumari. ERZÄHLERIN: Aber selbst hier bestätigen Ausnahmen die Regel, weiß der Lehrer und Autor Scott Berry, der die Biografie der Kathmandu-Kumari Rashmila Shakya geschrieben hat: O-TON 7: SCOTT BERRY We had two daughters who were eight and six at the time... And they got to be friends that way. VO-SPRECHER-männlich: Unsere Mädchen waren acht und sechs Jahre alt, als wir nur ein paar Straßen weit entfernt vom Tempelpalast wohnten, in dem die Kumari ihre Wohnstatt hatte. Meine Töchter waren fasziniert davon, dass ganz in ihrer Nähe ein Mädchen lebte, das eine Göttin war. Und sie gingen jeden Tag zu ihrem Haus und saßen im Hof. Eines Tages stand sie oben auf der Treppe und rief: „Ich habe einen Ball. Wollt ihr spielen?“- „Ja“, sagten meine Töchter. Aber natürlich durften sie nicht nach oben gehen, schon allein, weil sie keine Hindus sind. Und sie durfte nicht nach unten kommen. Also blieb sie oben auf der Treppe, und meine Töchter standen unten und warfen den Ball hin und her. So wurden sie zu Freundinnen. MUSIK m04 (Rato Bhale, Traditional Nepal Folk Tunes , K:= Krishna Gurung, 1:15 Min) ERZÄHLERIN: Diese Erinnerung hat die ehemalige Kathmandu-Kumari Rashmila Shakya in Scott Berrys „From Goddess to Mortal“ preisgegeben. Ebenso wie die Auswahlkriterien für die Kandidatinnen, die ihr noch heute leicht über die Lippen gehen: ein günstiges Horoskop, die körperliche Unversehrtheit der Kandidatinnen und die richtige Kaste. O-TON 8: RASHMILA SHAKYA Shakya caste, sacred Shakya. Yeah. And … are taken out from the Kumari house in the festival in a year. VO-SPRECHERIN-weiblich: Wir müssen aus der Shakya-Kaste kommen. Und unser Horoskop muss klar zeigen, dass wir gute Eigenschaften aufweisen und unserem Land nützlich sein können. Wenn Astrologen und Priester das herausgefunden haben, kommt die Frau aus der Familie, die mit der Kumari unter einem Dach lebt und sie betreut. Sie schaut sich den Körper und das Gesicht des Mädchens genau an und untersucht alles nach Wunden oder Kratzern. Wenn auch dieser Test bestanden ist, zieht das Mädchen als lebendige Göttin in den oberen Trakt des Kumari-Hauses ein, den sie nur verlässt, wenn sie zu Zeremonien und religiösen Festen abgeholt wird. Atmo 2 Tempel Kathmandu ERZÄHLERIN: Die Kumaris stammen aus den Reihen der Newars, einer vor allem im Kathmandu–Tal beheimateten Volksgemeinschaft. Die Newars pflegen eine weltweit einzigartige Sonderform des Buddhismus, den nach ihnen benannten ‚Newar-Buddhismus‘. Die lebende Göttin wiederum wird seit Langem als Reinkarnation einer Hindu-Gottheit betrachtet: Durga, die sich in Nepal als ‚Taleju‘ manifestiert hat. Taleju soll vor einigen Jahrhunderten ins Kathmandu-Tal gekommen sein und sogleich zur Schutzgöttin der nepalesischen Königsfamilien und des Landes aufgestiegen sein. Schließlich aber nahm Durga/Taleju die Gestalt eines kleinen Newarmädchens an. So entstand ein göttliches Amt, das seitdem von einer wechselnden Schar auserwählter Kumaris versehen wird. O-TON 9: PROF. HORST BRINKHAUS Die Kumari wird von Buddhisten wie auch von Hindus verehrt, übrigens nicht nur von Newars, sondern natürlich auch von den Nepalisprechern. Sie ist auch ein - wie der König ja auch in der Vergangenheit war - ein Integrationsfaktor. Nepal ist ein Vielvölkerstaat. Es gibt ungeheuer viele Sprachen in Nepal, ethnische Gruppen, von Tal zu Tal sozusagen häufig verschiedene Gruppen. Und irgendwo muss ja eine Klammer sein, die eine gemeinsame Identität begründet. Atmo 2 Tempel Kathmandu O-TON 10: SCOTT BERRY The main thing it does, it symbolizes the unity, or at least...And Kumari comes from a Newar caste. VO-SPRECHER-männlich: Das Kumari-System symbolisiert, wenn nicht die Einheit, so zumindest doch die nicht vorhandene Feindschaft zwischen den Buddhisten und Hindus in Nepal. Die Newars sind die ursprünglichen Bewohner von Kathmandu. Sie haben ihre eigene Sprache, ihre eigenen Bräuche. Und die Kumari stammt eben aus einer Newar-Kaste. ERZÄHLERIN: … betont Scott Berry. Der Lehrer und Verfasser der Lebensgeschichte Rashmila Shakyas, von „From Goddess to Mortal“, hat mit Frau und Kindern viele Jahre im Nachbarhaus von Rashmilas Eltern gelebt. So konnte Scott Berry nicht nur den Werdegang der Ex-Kumari, sondern auch die Bedeutung der Kumari-Tradition verfolgen. Atmo 2 Tempel Kathmandu O-TON 11: SCOTT BERRY The Newars actually share temples. They're divided between buddhists and hindus... she's a buddhist girl who becomes a hindu goddess. VO-SPRECHER-männlich: In der Tat nutzen die Newars Tempel, die von Buddhisten und Hindus gleichermaßen aufgesucht werden. In einer dieser nepalesischen Kultstätten wird zum Beispiel eine Inkarnation Shivas von Hindus verehrt, während Buddhisten am selben Ort Lokeshwar anbeten, einen spirituell sehr fortgeschrittenen Bodhisattva. Und, zurück zur Kumari: Sie stellt ein wichtiges Symbol für all das dar, weil sie ein buddhistisches Mädchen ist, das zu einer hinduistischen Göttin wird. Atmo 2 Tempel Kathmandu bitte in Kreuzblende mit Atmo 3 Durga Sloka verbinden ERZÄHLERIN: Im Vielvölkerstaat Nepal werden Kultur und Politik seit jeher von der Religion mitbestimmt. Literatur, Kunst, Sitten und Gebräuche, alle Abläufe des täglichen Lebens, sind von den religiösen Überzeugungen der Nepalesen durchdrungen. Und umgekehrt: Die wechselvolle politische Geschichte des Kathmandu-Tals hat entscheidend auch die Religion beeinflusst und so eine ureigene Beziehung zwischen Buddhismus und Hinduismus im Lande bewirkt. Atmo 3: Durga-Sloka ERZÄHLERIN: Im nur in Nepal praktizierten Newar-Buddhismus vereinen sich verschiedene Richtungen des Buddhismus: Die Newar streben zwar nach Erlösung, stellen aber ihre Suche nach dem Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten hintan, um anderen, bedürftigen Lebewesen zur Seite zu stehen. Zusätzlich betreiben sie magische Rituale, die ihnen auf ihrem spirituellen Weg weiterhelfen sollen. O-TON 12: PROF. HORST BRINKHAUS Wenn man sich Nepal mal jetzt als diesen Streifen von Ost nach West vorstellt – der Norden ist sehr stark buddhistisch geprägt, aber nicht newarbuddhistisch, sondern lamaistisch. Der Süden, insbesondere das Terai-Gebiet, der Teil, der zum Gangesflachland gehört, ist sehr stark hinduistisch geprägt. Da gibt es auch Muslime und wirkt ja sowieso ganz indisch, ganz nordindisch. MUSIK m01 ((Morning Song, Byanchuli, Traditional Music Of Nepal, Interra Records, 1:24 Min) ERZÄHLERIN: In diesem Schmelztiegel der Religionen, in einem Land, dessen Könige als Wiedergeburt des Hindu-Gottes Vishnu galten, besteht inzwischen ein Parlamentarisches Mehrparteiensystem. Doch obwohl die Monarchie seit Mitte des Jahres 2008 der Vergangenheit angehört, und obschon die Maoisten im politischen Gefüge eine große Rolle spielen und Kritik an einigen Traditionen laut wird – religiöse Bräuche wie die der Verehrung der Kumari bestehen fort. Auch die Voraussetzungen für das Ausscheiden der „kommissarischen Göttinnen“ aus ihrem Amt sind nahezu unverändert geblieben. Um ausgeschlossen zu werden, genügen ein paar Tropfen Blut: Sobald die Kumari blutet, sei es im Zuge einer Verletzung oder durch Einsetzen ihrer Periode, muss die Kindgöttin das Zepter an ein anderes Mädchen abgeben. O-TON 13: PROF. AXEL MICHAELS Der Jungfrauenkult ist natürlich auch in Indien immer wieder einmal da gewesen - also die Verehrung einer Jungfrau als Göttin. ERZÄHLERIN: … sagt der Indologe und Religionswissenschaftler Professor Axel Michaels. Aber …. O-TON 14: PROF. AXEL MICHAELS Aber es ist sehr spezifisch im Grunde genommen bei den Newars. Sowohl in Kathmandu wie auch in anderen Orten des Kathmandu Tals. Weil die daraus einen regelrechten Kult gemacht haben, mit eigenen Ritualen, mit eigenen Häusern und der Notwendigkeit, dass die Kumari bestimmte Rituale eröffnen muss oder dabei sein muss oder Leute segnen muss. Atmo 4 Ritual ERZÄHLERIN: Am Durbar Square, im Zentrum Kathmandus, steht ein blutüberströmter Omnibus. Dach, Fenster, Türen und die Front des alten Vehikels, dessen Reifen kurz davor sind, mit den Felgen eins zu werden, sind mit dem Blut einer soeben geschlachteten Ziege beschmiert. Die Sitze des Busses sind aufgerissen, die Fenster sind längst den Weg alles Irdischen gegangen. Im Fahrerraum prangt unter einem Wirrwarr von Girlanden eine Darstellung der Durga. Sie vollführt einen Kriegstanz, schwingt Lanzen und Schwerter in ihren vielen Armen. Ihr Gesicht ist zu einer Grimasse grausamen Triumphs erstarrt. Zu ihren Füßen liegt der Büffel-Dämon Mahisasura, den die große Göttin zertreten hat. Heute nimmt sie in Kathmandu ihr Festmahl. Atmo 4 Ritual ERZÄHLERIN: Einmal im Jahr wird Durga-Puja, das große Opfer- und Erntefest, gefeiert. Busse, Lastwagen und Privatfahrzeuge werden mit frischem Tierblut geweiht, damit die Insassen in Zukunft nicht zu Schaden kommen mögen. In Innenhöfen, Häusern, Gassen und in großen Festzelten sind für die Göttin Durga Altäre aufgebaut. Die Frauen haben besonderes Essen für den Anlass vorbereitet. Kinder werfen einander Luftballons zu und warten aufgeregt darauf, dass der Prozessionszug mit der Kumari, der lebendigen Vertreterin Durgas, endlich eintrifft. Dass die kindliche Göttin kommt, ihnen ein ernstes Lächeln schenkt und dem einen oder anderen vielleicht auch ein Segenszeichen auf die Stirn malt. Atmo 4 Ritual bitte kurz hoch, dann blenden O-TON 15: PROF. HORST BRINKHAUS Die Royal Kumari hängt ja stark mit dem Königtum zusammen. Sie wurde ermittelt, unter anderem von dem Astrologen und dem Familienpriester des Königs und anderen hohen Beamten. Die sind natürlich mit der Abschaffung des Königtums nun auch entfallen. Und das heißt, die Kumari muss immer wieder auf neue Grundlagen gestellt werden, wie man sie herausfindet, wer für sie eigentlich sorgt, wer zuständig ist für diese Institution. ERZÄHLERIN: Inzwischen gewährt der Staat den kommissarischen Göttinnen zumindest eine kleine Rente – und eine Schulausbildung. O-TON 16: PROF. HORST BRINKHAUS In der Vergangenheit war ja ein Problem, dass sie in keine Schule gehen konnte oder durfte, dass sie also nicht ausgebildet wurde. Immerhin ist man Kumari bis zum zwölften, dreizehnten Lebensjahr, je nachdem. MUSIK m05 ( Yantra, Jens Buchert, 2:21Min) O-TON 17: RASHMILA SHAKYA I have to struggle so much in the normal life. Mostly in the study...At the age of twelve I started my school career. VO-SPRECHERIN-weiblich: Ich hatte anfangs wirklich schwer zu kämpfen. Vor allem mit dem Lernen, weil es zu meiner Zeit keine formale Bildung für Kumaris gab. Erst im Alter von zwölf Jahren habe ich meine Schullaufbahn begonnen. ERZÄHLERIN: Ihr Biograph Scott Berry erinnert sich noch sehr gut an das, was Rashmila damals durchgemacht hat. O-TON 18: SCOTT BERRY Well, this is something that's changed considerably since Rashmila’s time...and they're able to go to their proper grade when they stop. VO-SPRECHER-männlich: Nun, das ist etwas, das sich seit Rashmilas Zeit stark verändert hat. Sie hatte große Schwierigkeiten, ins normale Leben zurückzukehren. Sie musste in die erste Klasse gehen, obwohl sie schon zwölf Jahre alt war. Einmal hat sie versucht, wegzulaufen und ins Kumari-Haus zurückzukehren, aber da stand sie dann natürlich vor verschlossenen Türen. Doch schließlich hat sie es geschafft. Ihre Familie hat Rashmila bedingungslos unterstützt. Und heute ist es so, dass vor allem ihretwegen Kumaris lernen und studieren. Sie haben Tutoren und werden darauf vorbereitet, die zu ihnen passende Klasse zu besuchen, wenn es soweit ist. ERZÄHLERIN: Noch etwas kommt erschwerend hinzu, das über lange Zeit hinweg manchmal wie ein Fluch über den ins irdische Leben zurückkehrenden Mädchen lag: der alte Irrglaube, Kumaris fänden keinen Ehemann. O-TON 19: RASHMILA SHAKYA This is only a misconcept about the Kumari. And this misconcept.. Before that the guy had little bit hesitate ad to marry the ex Kumari. VO-SPRECHERIN-weiblich: Diesem Aberglauben nach soll ein Mann, der eine ehemalige Kumari zur Frau nimmt, eines unnatürlichen und viel zu frühen Todes sterben. Die jüngere Generation hat sich da inzwischen bewegt und schenkt dem keinen Glauben mehr. Aber ich erinnere mich noch der Zeiten, als Männer einer Verbindung zu einer Ex-Kumari deshalb ziemlich zurückhaltend gegenüberstanden. O-TON 20: SCOTT BERRY Traditionally, they're not supposed to get married. The husband's supposed to die... and they seem very happy together. VO-SPRECHER-männlich: Traditionell ist es nicht vorgesehen, dass sie heiraten. Und, ja, angeblich soll der Mann sogar innerhalb des ersten Jahres der Ehe sterben. Aber das ist völlig falsch. In der Vergangenheit gab es mehrere Kumaris, die geheiratet haben - und auch Rashmila ist den Bund der Ehe eingegangen. Wir waren sogar auf ihrer Hochzeit. Inzwischen hat sie einen Sohn, und sie scheinen sehr glücklich miteinander zu sein. ATMO 5 Kumari-Ritual O-TON 21: RASHMILA SHAKYA Yeah, I have married before eight years. And I have one son and he is became a five years old. VO-SPRECHERIN-weiblich: Seit unserer Hochzeit sind acht Jahre vergangen. Und unser Sohn ist jetzt fünf Jahre alt. Musik m01 ((Morning Song, Byanchuli, Traditional Music Of Nepal, Interra Records, 1:40 Min) Erzählerin: Über dreißig Jahre liegen zwischen den fundamentalen Ereignissen, die das Leben der Ex-Kumari nachhaltig beeinflusst haben. Rashmila Shakya erinnert sich noch sehr genau daran, wie das damals war: Als sie als vierjähriges, sehr ernst dreinschauendes Mädchen auf einen Thron stieg, um als kindliche Göttin ihren König und ihr Land zu beschützen. Und dann, acht Jahre später, als die Zeit gekommen war, das Kumari-Haus zu verlassen …. O-TON 22: RASHMILA SHAKYA At the time? I became sad and happy. Also sad because that I have left the Kumari house and happy that I have returned to the own house and lived a normal life. VO-SPRECHERIN-weiblich Da war ich froh und bedrückt zugleich. Traurig, weil ich das Kumari-Haus hinter mir lassen musste. Und froh, weil ich nach Hause zurückkehren und ein normales Leben führen konnte. Erzählerin: Nichts von alldem möchte Rashmila missen. Wie viele andere Ex-Kumaris auch, mit denen sie gesprochen hat, ist da das nachhaltige Gefühl, ein Privileg genossen zu haben. Einen Lebensweg beschritten zu haben, der schwierig, steinig und ungemein erfüllend gewesen ist. O-TON 23: RASHMILA SHAKYA I got two life in one born. One is normal life and one is God. Is life. VO-SPRECHERIN-weiblich: Ich habe zwei Leben geführt. Das eine ist das normale, das irdische Leben und das andere ist mein Dasein mit Gott.
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- Staatenlosigkeit - Ohne Schutz und Rechte?
03.09.2025 · 21 Min.
Die meisten haben sie ohne darüber nachzudenken: Eine Staatsangehörigkeit. Wer sie dagegen verliert oder nie hatte, kommt immer wieder in Schwierigkeiten - zum Beispiel beim Reisen. Autor/in dieser Folge: Linus Lüring Regie: Irene Schuck Es sprachen: Christian Baumann, Andreas Neumann Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Geschichte des Reisepasses - Ein Papier öffnet Grenzen JETZT ANHÖREN Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Arendt, Hannah (1955): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt/Main: Europäische Verlagsanstalt. Beyer, Judith (2022): The common sense of expert activists: practitioners, scholars, and the problem of statelessness in Europe. In: Dialectical Anthropology (2022). Gosewinkel, Dieter (2021): Struggles for Belonging. Citizenship in Europe, 1900-2020. Oxford: Oxford University Press. Interviewpartner/innen dieser Folge: Dr. Judith Beyer, Professorin für Ethnologie, Universität Konstanz; Dr. Roland Bank, Leiter Rechtsabteilung UNHCR Deutschland; Christiana Bukalo, Staatenlose und Gründerin von „Staatefree e.V.“; Dr. Dieter Gosewinkel, Professor für neuere Geschichte an der FU Berlin, Wissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Aquakulturen - Fluch oder Segen?
03.09.2025 · 23 Min.
Seit 30 Jahren stagnieren die Fänge der Wildfischerei. Schon jetzt stammt jeder zweite weltweit konsumierte Fisch aus Aquakulturen. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung gewinnt die Aquakultur als Lebensmittellieferant enorm an Bedeutung. Credits Autoren dieser Folge: Jörn Breiholz und Michael Marek Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Amberger, Peter Veit Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Reinhold Hanel, Direktor des Instituts für Fischereiökologie am "Johann Heinrich von Thünen-Institut" für Fischerei in Bremerhaven Ulfert Focken, Fischerei-Ökologe, "Thünen-Institut" Jón Kaldal, Journalist, Icelandic Wildlife Fund, NGO Island Daniel Jakobsson, Geschäftsführer Arctic Fish, Lachszuchtunternehmen Elvar Friðriksson, Geschäftsführer North Atlantic Salmon Fund, NGO Island Sigurdur Thorvsalds, Biologe und Naturschützer, Island Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Schlangengrube - WirTier Markus hat als Tierarzt eine Mission: Reptilien vor Leid bewahren. Er kümmert sich um Schlangen aus Qualzuchten oder auch um exotische Tiere, die als Ware illegal gehandelt und wenig artgerecht gehalten werden. Host Vici nimmt für WirTier ihren Mut zusammen: Schafft sie es, Schlangen auf Augenhöhe zu begegnen? HIER geht es zur Folge. Überfischung - Wenn das Meer leer wird HIER Fische - Die unterschätzten Lebewesen HIER Der Aal - Ein Fisch voller Rätsel HIER Hör-Tipp: Lost - Björk & Rosalia, 2023 auf YouTube Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Bremerhaven an der deutschen Nordseeküste: Im beschaulich-historischen Fischereihafen riecht es nach Fish and Chips. Fangschiffe gibt es hier schon lange nicht mehr. Stattdessen: Räuchereien, Restaurants und Souvenirläden. Einen Steinwurf entfernt steht ein neues, modernes Glas-und-Stahl-Gebäude. O-Ton 1: Ulfert Focken "Wir sind hier in der Aquakultur Forschungsanlage des Thünen-Instituts für Fischereiökologie in Bremerhaven." ATMO: Thünen-Institut / Sicherheitsschleuse Sprecherin: Sagt Professor Ulfert Focken. Wir stehen mit dem Spezialisten für Aquakultur und Fischernährung hinter der Sicherheitsschleuse im Erdgeschoss. Ein leicht muffiger Geruch liegt in der Luft – wegen der Feuchtigkeit, erklärt der Wissenschaftler. In gut einem Dutzend Wasserbassins schwimmen verschiedene Fischarten unterschiedlicher Größe: O-Ton 2: Ulfert Focken "Hier sind verschiedene Becken von zahlreichen Aquarien mit circa 50 Litern bis hin zu Becken mit zwei Meter 50 Durchmesser, wo wir Tiere des warmen Bereiches halten. Das sind hier bei uns in erster Linie Karpfen und daneben auch tropische Garnelen, die sogenannte Pazifische Weißwein-Garnele. Wir machen hier Forschung in erster Linie zur Haltung und Fütterung dieser Arten." MUSIK 1 ( SINE - Lost And Never Found 0’37) Sprecherin: Seit gut 30 Jahren beschäftigt sich Focken mit Aquakulturen, also der Erzeugung von Organismen, die im Wasser leben. Im Gegensatz zur Fangfischerei werden in der Aquakultur Fische wie zum Beispiel Lachse, Karpfen oder Doraden, aber auch Krebstiere, Muscheln und Algen unter kontrollierten Bedingungen aufgezogen. Aquakultur ist sozusagen Landwirtschaft unter Wasser. Für Focken wie auch für seinen Kollegen Professor Reinhold Hanel sind Aquakulturen für die Welternährung unverzichtbar: O-Ton 3: Reinhold Hanel "Wir werden sehr oft gefragt: Aquakultur - ja oder nein? Diese Frage wird immer nur in Deutschland gestellt. Weltweit würde die niemand stellen, weil man müsste, um sozusagen dieselbe Frage auf die Landwirtschaft umzumünzen, zu sagen, Landwirtschaft ja oder nein. Und die Frage würde niemand ernsthaft stellen. Sondern man redet dann über Schweinezucht oder über Geflügel oder irgendwelche Ackerfrüchte. Aber man stellt nicht grundsätzlich die Ernährungsproduktion des Menschen infrage. Und die Aquakultur hat in vielen Kontinenten, gerade in Asien, einen Stellenwert, der dem der Agrikultur, der Landwirtschaft, entspricht." MUSIK 2 ( SINE - Lost And Never Found 0’36) Sprecherin: Reinhold Hanel leitet das Thünen-Instituts für Fischereiökologie; es ist eines von drei Instituten, die im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft die Fischerei erforschen. Er ist Experte für den europäischen Aal, für Biodiversität, Populationsgenetik und Aquakultur: O-Ton 4: Reinhold Hanel "Und ohne Aquakultur hätten wir keine Chance, den Menschen zu ernähren. Und eine steigende Weltbevölkerung, also die Zunahme an Nahrungsmitteln, sieht die Welternährungsorganisation fast ausschließlich über eine Zunahme der Aquakultur. Wir müssen also Wasser, Meeresflächen, aber auch Binnengewässer teilweise noch stärker als bisher für die Nahrungsmittelproduktion nutzen, wenn wir eine steigende Weltbevölkerung in ausreichendem Maße mit Nahrung beliefern wollen." ATMO Thünen Institut / Aquakulturanlage Sprecherin: Aber ist die Produktion jeder Fischart sinnvoll und nachhaltig, um alle Menschen satt zu bekommen? Was ist etwa mit dem in Deutschland und vielen anderen Ländern beliebtesten Speisefisch, dem Lachs? O-Ton 5: Reinhold Hanel "Der Lachs hat nun mal ein relativ hohes Grundbedürfnis an Nahrungsqualität als Fleischfresser. Aber dasselbe gilt natürlich auch für den Thunfisch - vor allem der aus dem Farming kommt, also der sozusagen gemästet wird. Und dasselbe gilt natürlich auch für die Dorade und für den Wolfsbarsch. Das sind alles Fische, die nicht für die Welternährung gezüchtet werden, sondern um einen Nischenmarkt zu bedienen." ATMO Thünen Institut / Aquakulturanlage Sprecherin: Das Futter ist das mit Abstand wichtigste Instrument, mit dem die Fischfarmen Wachstum und Gesundheit der Tiere steuern können. Auch deswegen erforscht das Thünen-Institut hier in Bremerhaven vor allem das Futter und seine Auswirkungen auf Zuchtfische: O-Ton 6: Ulfert Focken "Das Erkenntnisinteresse aktuell liegt nicht in der Züchtung. Das sind zwar die Ursprünge dieser Arbeitsgruppe von Anfang der 1960er-Jahre, wo man versucht hat, den grätenarmen Karpfen zu züchten. Bei uns geht es um die Untersuchung zur Fütterung und zur Umweltwirkung. Denn ein Futter, was schlecht verwertet ist, produziert natürlich mehr Ausscheidungen als ein hochwertiges Futter." MUSIK 3 ( SINE – Always 0’48) Sprecherin: Haben die Fischfarmen die Jungfische erst einmal von der Brutstation zum Mästen in die Käfige im Meer, Fluss oder in den Teich transportiert, können sie die Wassertemperatur nicht mehr regulieren, die Fische nicht mehr impfen – und: auch einzelne Tiere nicht mehr isolieren. In der Mäst-Phase bestimmen vor allem Wassertemperatur und -qualität das Wachstum der Tiere – aber eben auch und vor allem das Futter. Das hat heute eine ganz andere Zusammensetzung als noch vor einigen Jahren, erklärt Ulfert Focken: O-Ton 7: Ulfert Focken "In den 1980er-Jahren, als die industrielle Lachszucht in Norwegen begann, bestand das Lachsfutter noch zu circa 50 Prozent aus Fischmehl und 10 bis 15 Prozent Fischöl. Und zu dieser Zeit wurden, um ein Kilogramm Lachs zu produzieren, vier bis fünf Kilogramm Sardinen, Sardellen und ähnliche Fische gebraucht, die dann zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet wurden. Inzwischen ist die Lachsproduktion weltweit aber größer als der Fang von Fischen zur Fischmehl-Erzeugung. Und im Laufe der Zeit ist der Fischmehl-Anteil im Futter auf unter zehn Prozent gesunken." MUSIK 4 ( SINE – Always 0’32) Sprecherin: Raubfische wie Thunfisch, Dorade, Wolfsbarsch oder Lachs ernähren sich in ihrem natürlichen Habitat von anderen Fischen und Krebsen. Wenn der Lachs aber in der Aquakultur nicht einmal mehr zehn Prozent Fischanteil im Futter bekommt, woraus bestehen die anderen 90 Prozent seiner Nahrung in der Mästung? Ulfert Focken: O-Ton 8: Ulfert Focken "Es sind einerseits in gewissen Mengen Tiermehle, aber der überwiegende Teil sind Pflanzenproteine. Und da in erster Linie eben Soja basierende Proteine. Das ist natürlich keine natürliche Nahrung für den Lachs. Und wenn wir den Lachsen wie auch vielen anderen Fischen einfach rohes Sojamehl geben, dann führt es zu chronischer Darmentzündung." ATMO Hafen / Möwen Sprecherin: Das bedeutet: Das pflanzliche Futter muss industriell aufbereitet werden, um die Proteine zu isolieren – und um das Sojafutter vom anderen Ende der Welt, aus Südamerika, in die Fischzuchtanlagen in Norwegen, Island oder dem Mittelmeer zu transportieren. Zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung sind Raubfische daher wenig nachhaltig. Gleichwohl haben die wissenschaftlichen Untersuchungen des Thünen-Instituts die Vorzüge von Fischzucht ganz grundsätzlich nachgewiesen – vor allem, was die Nachhaltigkeit betrifft, sagt Fischerei-Ökologe Hanel. Denn für Aquakulturen … O-Ton 9: Reinhold Hanel "… braucht man deutlich weniger Ressourcen als für terrestrische Organismen, also für Rind, Schwein, Huhn. Eine bessere Energiebilanz haben teilweise Insekten als Fisch. Aber Fisch eignet sich sehr gut, um mit relativ wenig Energie-Input relativ viel an Nahrung zu produzieren." ATMO: Musikakzent Sprecherin: Ortswechsel. Die Westfjorde im Nordwesten von Island: eine Halbinsel mit zerklüfteten Küsten, knapp 400 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Reykjavik. ATMO Meer + Verkehr Sprecherin: Jón Kaldal steht am Arnarfjörður Fjord. Der Isländer arbeitet für den Icelandic Wildlife Fund. Die Nicht-Regierungs-Organisation engagiert sich für den Umweltschutz, vor allem für Meer und Fische. Kaldal schaut besorgt auf die Fischfarm: 12 kreisrunde Netze, jedes 200 Meter im Durchmesser, die 400 Meter vom Ufer entfernt im Wasser liegen: O-Ton 10: Jón Kaldal "In this small location … whole Iceland wild population." VO 1.1: Allein an diesem kleinen Standort gibt es etwa 1,2 Millionen Zuchtlachse. Das ist 20-mal mehr als die gesamte isländische Wildpopulation. ATMO Fjord + Blubbern Sprecherin: Wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht, schaukeln die nach oben offenen, kreisrunden Plastikgehege auf den Wellen. Von oben sieht das alles unspektakulär aus, doch das täuscht. ATMO Collage Musikakzent + Geräusche Fjord Sprecherin: Unter der Meeresoberfläche ist es eine unterseeische Industrie-Mastfarm. In jedem einzelnen der zwölf Netze schwimmen 100.000 Lachse. Jón Kaldal zeigt auf einen Ponton inmitten der Anlage. Darauf befindet sich ein containerartiges Gebäude: ein Futterautomat, der über Plastikrohre industriell produziertes Fischfutter in die riesigen Netze schießt: O-Ton 11: Jón Kaldal "They put the juveniles … this fast-growing rate." VO 1.2: Sie setzen die Jungtiere ins Netz, wenn sie zwischen 120 und 200 Gramm wiegen. Danach bleiben sie 18 Monate in der Zuchtanlage. Wenn die Lachse zwischen sechs und acht Kilo wiegen, werden sie geschlachtet. Davor werden sie unentwegt gefüttert. Die Zuchtlachse wachsen derart schnell, dass einige von ihnen missgebildet sind. Denn das Skelett kann mit dem schnellen Wachstum nicht mithalten. ATMO Vögel + Schritte Sprecherin: Umweltschützer Kaldal greift in seine Jackentasche und holt sein Smartphone heraus. Er zeigt uns Fotos von Lachsen in einer Fischtreppe, aufgenommen von einer Fotofalle. Auf dem ersten Bild kehrt ein ausgewachsener wilder Lachs aus dem Atlantik zur Paarung zurück – in genau den Fluss, in dem er selbst vor Jahren geboren wurde. Auf dem zweiten Foto schwimmt ein Zuchtlachs. Er ist noch nie über das Plastiknetz im Fjord hinausgekommen – bis er fliehen konnte und die Fotofalle auslöste: O-Ton 12: Jón Kaldal "The main thing is… as a healthy one." VO 1.3: Was man sofort erkennt: Der Wildlachs ist lang, sieht ein bisschen wie ein Torpedo aus. Am selben Tag wurde der entkommene Zuchtlachs aufgenommen. Und Sie können ganz deutlich sehen, wie er sich unterscheidet: Er ist viel gedrungener. Die Schwanzflosse des Zuchtlachses ist missgebildet und klein; dieses Tier sieht einfach nicht gesund aus. MUSIK 5 ( Slagr – First Frost 0’50) Sprecherin: Der wilde Lachs ist lang und muskulös: ein Raubfisch mit kräftiger, breiter Schwanzflosse, die er auf den vielen tausend Kilometern Reise durch Islands Flüsse und den Atlantik herausgebildet hat. Die braucht er auch, um die isländischen Flüsse hinauf ins Brutgebiet schwimmen zu können. Ganz anders der von Menschenhand gezüchtete Lachs auf dem zweiten Foto: Seine Schwanzflosse ist viel kleiner und nicht sehr ausgeprägt. Er hat sein gesamtes Leben in Gefangenschaft verbracht: erst in der Aufzuchtstation an Land, später in dem Plastiknetz der Zuchtlachsfirma. Gejagt hat dieser Raubfisch nie. Für Jón Kaldal sind Zucht- und Wildlachs zwei komplett verschiedene Fische, die auf keinen Fall Nachfahren zeugen sollten: ATMO Bach O-Ton 13: Jón Kaldal "You have an offspring … of the salmon industry." VO 1.4: Du hast dann Nachkommen, die nicht an ein Leben in der Wildnis angepasst sind. Ähnlich wie die Nachkommen eines Pudels und eines Wolfs: Die wären auch nicht in der Lage, in der freien Wildbahn zu leben. Und das würde auch mit den Lachsen passieren: Es handelt sich ja um ein domestiziertes Tier mit domestizierten Genen, das sich trotzdem fortpflanzen und mit dem Wildtier vermischen kann. Das ist die schreckliche Seite der Lachsindustrie. ATMO Bach Sprecherin: Was die Isländerinnen und Isländer vor allem beunruhigt: Dass die aus den Unterwassergehegen entkommenen Zuchtlachse sich in den Flüssen Islands mit dem wilden Lachs paaren – mit der Folge, dass die Zuchtlachse sich in die Population der freilebenden Island-Lachse einkreuzen. Die genetischen Eigenschaften der Zuchtfische sind zwar für die Massenproduktion geeignet, reichen aber nicht für das Überleben in der Natur. Denn es sind unterschiedliche Lachsarten: Der Zuchtfisch stammt aus Norwegen, die Lachsfarmen befruchten und vermehren ihn seit vielen Jahren künstlich - in Brutstationen an Land. Etwa 3.500 geschlechtsreife norwegische Zuchtlachse sollen entkommen sein. ATMO Auto + Kirchenglocken Sprecherin: Ísafjörður, ganz im Norden der Westfjorde: Hier ist das Büro von Arctic Fish. Das Unternehmen gehört mehrheitlich dem norwegischen Mowi-Konzern – es ist der Betrieb, aus dem die Zuchtlachse entkommen sind. Vor 50 Jahren gelang es dem größten Zuchtlachskonzern der Welt, Lachsbrut künstlich zu befruchten und sie in Meeresnetzen aufzuziehen. Seitdem ziehen die Norweger mit ihrem lukrativen Geschäftsmodell durch die Lachsreviere der Welt. Doch wie konnten die Zuchtlachse überhaupt aus den Gehegen entweichen – und wie schädigt das den Wildbestand? Geschäftsführer Daniel Jakobsson antwortet ausweichend: O-Ton 14: Daníel Jakobsson "I am not a biologist … sea pens." VO 2.1: Ich bin kein Biologe, aber das isländische Meeresforschungsinstitut sagt uns: 3.500 entkommene Zuchtlachse würden dem Wildlachs auf Island nicht schaden. Das heißt aber nicht, dass es in Ordnung ist, wenn unsere Lachse entweichen. Unser Ziel ist es, die Tiere sicher in den Gehegen zu halten. Das tun wir nun schon seit zehn Jahren mit guten Ergebnissen. Natürlich sind wir nicht stolz darauf, dass Lachse entkommen konnten. Es gab Unzulänglichkeiten – und ein Risiko, das mit den Unterwassernetzen aus Plastik verbunden ist. ATMO Collage Musikakzent "Iceland" + Atmo Sprecherin: Arctic Fish habe alles im Griff, das zumindest suggeriert Daníel Jakobsson. Naturschutzorganisationen sehen das anders – und weisen auch auf die Lachslaus hin. Dieser kleine, acht bis 12 Millimeter lange Parasit breitet sich in Norwegens Zuchtlachsgehegen aus, lebt von Schleim, Haut, Muskeln und Blut der Lachse. ATMO Auto innen Sprecherin: Zwei Autostunden von Ísafjörður entfernt: Wir treffen Elvar Friðriksson am Ufer des Langadalsá. Ein paar Meter neben dem Fluss steht eine Anglerhütte mitten in der Wildnis. Vor der Tür zeigt uns Friðriksson ein Dutzend toter Lachse: O-Ton 15: Elvar Friðriksson "This is lice … rivers." VO 3.1: Das sind Lachsläuse; seht Ihr, wie sie sich bis in den Schädel gefressen haben? Und schaut euch die Flosse an, die ist ganz zerrissen. Das ist ein untrügliches Zeichen für einen Zuchtlachs. Und wenn ihr euch die Flosse genauer anschaut: Bei einem Wildlachs wäre diese erheblich größer und spitzer. Schließlich ist sie für das Schwimmen gegen starke Strömung und in Flüssen gemacht. ATMO Leute Sprecherin: Elvar Friðriksson ist Geschäftsführer des North Atlantic Salmon Fund, einer Nicht-Regierungs-Organisation. Der Naturschützer erklärt uns, was es mit den Tierkadavern auf sich hat: Es handelt sich um die entflohenen Zuchtlachse aus den Netzen von Arctic Fish. Das Unternehmen hat extra norwegische Taucher einfliegen lassen, die diese Zuchtlachse aufspüren und töten sollen. So will man verhindern, dass sich Zucht- und Wildlachs paaren. Sigurdur Thorvsalds steht neben Elvar Friðriksson vor der Anglerhütte. Er betreut Angeltouristen, die viel Geld bezahlen, um wilde Lachse zu fangen. Sigurdur Thorvsalds hat Angst, dass erst der wilde Lachs und dann die Touristen ausbleiben könnten: O-Ton 16: Sigurdur Thorvsalds "We took a picture … we have to stop it now." VO 4.1: Wir haben ein Foto gemacht. Darauf kann man erkennen, dass ein Wild- und ein Zuchtlachs sich paaren. Das ist schrecklich. Versteht Ihr? So könnte uns der Wildlachs verloren gehen, durch das Meer wandern und vielleicht nie mehr hierherkommen. Das müssen wir jetzt stoppen! Sprecherin: Nicht nur Sigurdur Thorvsalds, auch Wissenschaftler und Naturschützer sind überzeugt: Wenn sich der norwegische Zuchtlachs immer weiter mit dem isländischen Wildlachs kreuzt, dann verliert der heimische Lachs Teile seiner Eigenschaften als kräftige, wilde Fischart. Und der Wildlachs würde es dann womöglich irgendwann nicht mehr durch den Atlantik zurück in die isländischen Flüsse schaffen. ATMO Musikakzent "Permafrost" Sprecherin Auch wenn die Lachszucht mit ihren Absatzmärkten in Europa und den USA ein äußerst profitables Geschäft ist: Zur Welternährung trägt sie vergleichsweise wenig bei. Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich der weltweite Fischkonsum mehr als verdoppelt. Das liegt ausschließlich an der Aquakultur: Vor 40 Jahren hatte Aquakultur einen Anteil von nicht einmal zehn Prozent am weltweiten Fischkonsum. 2020 stammte bereits jeder zweite weltweit konsumierte Fisch aus Aquakultur. Vor allem in Asien boomt sie: 2020 produzierte Asien neunzehn Mal mehr Fisch aus Aquakultur als Europa. China züchtete mit etwa 37 Millionen Tonnen mit Abstand den meisten Fisch aus Aquakultur. Und während in Europa die Fischzucht im Meer deutlich größer ist als die inländische Fischproduktion, ist es in Asien genau andersrum: Hier dominiert die inländische Fischzucht, vor allem von Graskarpfen, auch Weißer Amur, Grasfisch oder Chinakrapfen genannt: ein Pflanzenfresser, der in China schon seit dem zehnten Jahrhundert gezüchtet wird. ATMO Fischerei-Hafen Bremerhaven / Thünen Institut Sprecherin: Zurück in Bremerhaven im Thünen-Institut für Fischereiökologie: Wir wollen wissen, was die Forschung darüber weiß, wie sich Lachse in der Aquakultur fühlen. Für die Fischindustrie ist es hoch profitabel, wenn 100.000 Exemplare einer Art monatelang dicht zusammengedrängt in einem kleinen Netz leben und dann geschlachtet werden. Doch wie geht es den Fischen selbst? Institutsleiter Reinhold Hanel: O-Ton 17: Reinhold Hanel "Das Thema Tierwohl wird immer bedeutender und ist auch ein Hauptgegenstand unserer Forschung. Das Fühlen ist ein schwieriger Begriff in der biologischen Forschung. Es ging sehr lange darum, ob Fische Schmerz empfinden können, beispielsweise. Auch ein sehr, sehr schwieriger Begriff in der Biologie, weil Schmerz über lange Zeit nur dem Menschen zugestanden wurde. Aber mittlerweile hat sich doch bei vielen Wissenschaftlern zumindest der Gedanke durchgesetzt, dass Tiere sehr wohl zu Schmerzempfinden fähig sind. Und dann ging es darum, ob das auch Fischen zugestanden wird. Und mittlerweile geht die Diskussion doch oder die weitläufige Meinung doch eher dahin, dass auch Fischen ein Schmerzempfinden nachgesagt wird." MUSIK 6 ( Slagr – Quiet Rain 0’50) Sprecherin: Allerdings, schränkt Wissenschaftler Hanel ein, gebe es in der Science-Community Stimmen, die der Meinung sind: Bei Reaktionen, die Fische auf Verletzungen zeigen, handele es sich nicht um Schmerz im menschlichen Sinne, sondern eher um eine Reaktion des Körpers. Und von daher gehe die Diskussion: Schmerz Ja oder Nein eher in die philosophische Richtung. Weil Schmerz oder Stress setze eigentlich Bewusstsein voraus. Und Bewusstsein gestehen manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Tieren nicht zu, so Hanel. Andere sehen das anders und forschen inzwischen sogar zur Individualität unter Fischen und der Frage, ob es in einem Fischschwarm unterschiedliche Charaktere gäbe. O-Ton 18: Reinhold Hanel "Aber das andere ist die Konsumentenwahrnehmung. Das hat nicht immer nur etwas mit Rationalität zu tun, sondern auch viel mit Psychologie. Das heißt, es werden dann Dinge, die man von anderen Nutztieren kennt, zum Beispiel aus der Hühnerhaltung, also Haltungsdichte, werden sehr häufig auf Fische projiziert. Da kommen auch sehr häufig falsche Wahrnehmungen dazu - in dem Glauben, dass je weniger dicht zum Beispiel Fische gehalten werden, umso besser geht es ihnen, was nicht immer der Fall ist, sondern das hängt sehr, sehr stark von der Art ab und der speziellen Biologie einer Art. Es geht nicht um das Wohlfühlverhalten von einzelnen Fischen. Wobei das auch vielen Menschen ein Anliegen ist. Sondern es geht auch darum: Die Einhaltung des Tierwohls führt zu einer Verbesserung der Tiergesundheit, unter Umständen zu einer Reduktion von Arzneimitteln und ähnlichem und damit auch direkt in die Produktqualität und damit auch für wirklich etwas Messbares und Verständliches auch für den Konsumenten." ATMO Collage Atmo Aquakulturanlage + Musikzent Sprecherin: Und wenn man das alles bedenkt: Welcher Fisch ist tatsächlich nachhaltig – wenn man als Konsument die Auswirkungen auf Natur und Fische berücksichtigen will? O-Ton 19: Reinhold Hanel "Wer ihn unter ökologischen Gesichtspunkten konsumiert, der landet dann beim Karpfen, der auch nicht modrig sein muss. Oder eben auch bei importierten Fischarten wie der Tilapia. Die kann ich genauso gut auf den Grill tun wie eine Dorade. Aber der ökologische Fußabdruck von einer Tilapia, die im Süßwasser, in Teichen produziert worden ist, ist deutlich geringer als von einer Dorade aus der Netz-Käfighaltung im Mittelmeer." Sprecherin: Auch Karpfen und Tilapia können in der Massenhaltung Krankheiten bekommen und müssen dann medikamentös oder mit Impfstoffen behandelt werden. Aber generell, sagt Wissenschaftler Reinhold Hanel, essen Verbraucher mit diesen beiden Süßwasserfischen aus der Teichhaltung gesund und schonen obendrein die Umwelt.
- Bergbauern - Nachhaltig aus Tradition
03.09.2025 · 23 Min.
Bergbauern haben die einzigartige alpine Landschaft entscheidend geprägt - und pflegen diese bis heute. Doch was auf den ersten Blick einfach und ursprünglich wirkt, ist ein komplexer und vielfältiger Job, der auf der Erfahrung vieler Generationen fußt. Credits Autor dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Schild, Johannes Hitzelberger Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Regina Hölzl, Bergbäuerin und Sennerin auf der Schellenbergalm, Waakirchen Nikolaus Schreyer, Bergbauer, Fischbachau Klaus Einwanger, Fotograf und Autor des Bandes „Bergbauern“, Rosenheimem. Prof. Markus Schermer, Arbeitsgruppe Agrar- und Regionalsoziologie und früher stv. Leiter des Forschungszentrums Berglandwirtschaft Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Der Beginn der Landwirtschaft - Alles Natur HIER Berghütten früher und heute - Schutzhaus in luftiger Höhe HIER Nutztierställe im Wandel - Eine Frage der Haltung HIER Was bringt nachhaltige Ernährung? HIER Die Geschichte der Bergretter - Helden und Heldinnen der Alpen HIER Bergsturz - Bedrohte Berge HIER Der Berg - Abgründige Erhabenheit HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: IQ Wissenschaft und Forschung - Alles Natur: Bergwelten HIER Linktipps: Berglandwirtschaft , Universität Innsbrung HIER Artenvielfalt dank Almbewirtschaftung, Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein HIER Literaturtipp: Bergbauern - Fotografien von Klaus Maria Einwanger HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Es ist ein Samstag-Nachmittag wie gemalt im oberbayerischen Mangfallgebirge: Markant ragen Bergspitzen in den wolkenlosen Himmel, darunter Wald, dazwischen saftiggrüne Wiesen, auf denen gemächlich Braun- und Fleckvieh grast. Atmo Kuhglocken auf Alm, Wanderer unterhalten sich Sprecher: Mittendrin im Alpen-Panorama, auf der Schellenbergalm, hat serviert die Bergbäuerin Regina Hölzl einem halben Dutzend Wanderinnen und Wanderern ihre letzten Getränke. Von dem Kaffee, den Regina Hölzl frühmorgens aufgebrüht hat, sind nur noch ein paar Schluck in der alten Plastikkanne - die sich die Wanderer dennoch dankbar teilen. O-Ton 1 Regina Hölzl, Bergbäuerin, Sennerin auf der Schellenbergalm „Fließend heißes Wasser,ein Wasserkocher, Kaffeevollautomat, ist halt ned so! Auch wenn ich eine Tasse Tee will: Feuermachen! Der muss eine Stunde warten, bis ich wieder Feuer gemacht hab. Und dann denke ich mir: Das mache ich aber auch ned, weil: Dieser Energieaufwand! Dass ich für eine Tasse Kaffee - nur weil dieser Wanderer jetzt den Wunsch äußert…. Ich denke, das schadet gar net, wenn man sich mit den Ressourcen ein bisserl auseinandersetzt, und nicht immer in Hülle und Fülle lebt. Das ist auf 1500 Meter Höhe eine ganz andere Liga...ganz andere Gedanken, die man sich da machen muss“ Sprecher Der Blick der Bergbäuerin wandert über die Almlandschaft. Wie auch der der Urlauber, die sich kaum an der Natur sattsehen können. Und doch: Es ist kein schweigendes Einvernehmen, kein gemeinsames Genießen des Almweide-Idylls. Denn Regina Hölzl sieht die Kühe mit anderen Augen, nimmt deren Glockengeläut anders wahr als die Ausflügler neben ihr, auf der Holzbank des Almbauernhofs. O-Ton 2 Hölzl „Das Gebiet ist so groß und unübersichtlich, durch die Buckel und Leiten, du siehst sie ja nicht….Dann schau ich zuerst einmal mit dem Fernglas. Ich sehs ja zuerst einmal nur von der Farbe - oder der Glocke her. Die haben alle Glocken dran, das ist ohne Glocken dran da heroben absolut nicht zu bewältigen. Dann spitze ich die Ohren: „Wo ist das Geläut von den Kuhglocken?“ Sprecher Ein gutes Gehör, Voraussicht und Weitblick, die seien das A und O in der Almwirtschaft, sagt Regina Hölzl. Dazu komme ein Gespür für Gefahr. O-Ton 3 Hölzl „Das ist auch ein ganz wichtiger Job für den Senner – oder denjenigen, der da heroben die Tiere anvertraut kriegt, dass der im Blick hat: Ups, das könnte gefährlich werden, da muss ich einschreiten, die muss ich jetzt da herunterholen. Die jungen Viecher am Steilgelände...weil das schönste Graserl wächst am Stoa... da fangen die an, dass sie mehr steigen, dass sie sich verzetteln und noch höher wollen. Und dann kommt´s auch vor, dass die nimmer rauskommen. “ Sprecher: Es kommt vor, dass eine Kuh am Steilhang stolpert und abstürzt. Da Zufahrtswege zu hochgelegenen Almen selten sind, muss zuweilen ein Hubschrauber kommen, um das verletzte oder tote Tier zu bergen. M The good, the bad, the ugly 1 Länge: 1´00´´ Sprecherin: Um dies zu vermeiden, wird Jungvieh bereits im Tal in eine Art Weide-Schule geschickt, erklärt Klaus Schreyer. Der Bergbauer hat einen Hof in Fischbachau, bewirtschaftet gemeinsam mit einem Kollegen - aber auch eine Hochalm im Rotwandgebirge. O-Ton 4 Klaus Schreyer, Bergbauer, Fischbachau „Ich hab zur Leitzach hin eine Hanglage mit fünf Hektar, und da werden die zum Vortraining geschickt, für die Alm. Die Viecher müssen lernen, aus einem Wassergefäß zu trinken, oder, ich hab darunten einen Bach, dass sie auch mal aus einem Bach raustrinken. Und müssen sich rein in der Fläche fortbringen mit dem Fressen. Man muss sich Zeit nehmen, und sie zum richtigen Zeitpunkt rausbringen, dass sie das auch erlernen. Sprecherin Im September endet der Almsommer. Bis dahin müssen Bergbauern es schaffen, dass ihre Kühe die Weideflächen gleichmäßig abfressen. Doch auch zu früh dürfen sie die Tiere nicht auf die Alm treiben. O-Ton 5 Schreyer „Dann passiert das, dass ich eine Überbestoßung hab, das heißt, eine zu große Viehdichte. Dann wächst mir zu wenig nach, und dann mache ich meine Fläche kaputt. Das ist so schwierig, da muss man selber ein Fingerspitzengefühl dafür kriegen. Ich muss so viel raufkriegen, dass meine Fläche nicht kaputtgeht. Und so viel auch, dass kein Überbestand kommt, vom Grasbestand her. Weil wenn das nimmer abgefressen wird, dann kommen Unkräuter, und die dürfen ja nicht kommen.“ M Im stillen Tal Länge: 0´34´´ Sprecher Klaus Schreyer hält auf dem Sunnara-Hof und seiner Alm 50 Kühe, seine Kollegin Regina Hölzl ist auf der Schellenbergalm verantwortlich für zwei ausgewachsene Milchkühe, 16 Stück Jungvieh und zwei Kälbchen. Dazu kommen fünf Ziegen, zwei Hennen und ein Hahn. Doch als Sennerin hilft Hölzl nur aus. Sonst bewirtschaftet die sehnige, temperamentvolle Frau mit ihrer Familie einen Bergbauernhof im nahen Waakirchen, mit 30 Milchkühen und kleinen Kälbern. Sprecherin Damit ist der Hölzl-Hof einer von gut 14.000 Bauernhöfen mit „Betriebssitz in den Alpenlandkreisen und Flächen innerhalb der Berggebietskulisse“, wie es das bayerische Landwirtschaftsministerium in seinem Agrarbericht 2024 formuliert. Die Zahl der Bergbauern im engeren Sinn dürfte indes deutlich geringer ausfallen, sagt Klaus Maria Einwanger. Der Fotograf aus Rosenheim hat acht Bergbauernfamilien über mehrere Jahre begleitet – und dazu ein Buch veröffentlicht. O-Ton 6 Klaus Maria Einwanger, Fotograf und Herausgeber Bildband „Bergbauern“ „Es gibt ja diesen EU-Begriff...Also Bergbauer ist entweder über 700 Meter oder über 500 Höhenmeter mit einer gewissen Hangneigung. Manche sind wirklich so, dass sie einfach ihren Hof am Hang haben. Das heißt, die haben natürlich ganz andere Voraussetzungen wie jemand in der Ebene drin und ergänzen ihren Betrieb dann nochmal mit Almbetrieb. Das ist einmal der offizielle Begriff. Trotzdem hat natürlich jeder Landwirt eine gewachsene Struktur, und lebt das auch komplett unterschiedlich. Jeder Landwirt ist komplett anders sozialisiert, aufgestellt von der Alm, von dem Hof und von der Familienstruktur.“ Sprecher Die Geschichte des Hofs von Klaus Schreyer, den Klaus Einwanger in seinem Buch porträtiert hat, ist bis zum Jahr 1452 dokumentiert. M Little adventures Länge: 0´34´´ Sprecherin Einzelne Bauern indes wagten sich bereits vor 4000 Jahren in die Berge. Doch erst die wachsende Bevölkerung vom 13. bis zum 16. Jahrhundert führte dazu, dass landwirtschaftliche Flächen im Tal knapp wurden – und Bauern in größerer Zahl ihr Heil in den Bergen suchten. Dazu forschte der Professor für Agrar- und Regionalsoziologie Markus Schermer, früher am Forschungszentrum Berglandwirtschaft der Universität Innsbruck: O-Ton 7 em. Prof. Markus Schermer, Forschungszentrum Berglandwirtschaft, Uni Innsbruck „Der Mensch hat mit den Almen die natürliche Waldgrenze ungefähr um 100 Meter heruntergesetzt. Und hat da eben gerodet. Und hat da oben eben möglichst viel Fläche freigemacht, damit möglichst viele Tiere im Sommer da oben ihr Futter finden“ O-Ton 8 Einwanger „Und dann ging es wirklich darum, dass man jetzt nicht mehr aufhören darf, die Berge zu pflegen. Weil das sonst letztendlich sehr, sehr schnell und sehr, sehr stark in Murenabgängen, in Lawinenabgängen münden wird. Weil selbst Wiesenflächen, die nicht benutzt werden, müssen gepflegt werden, damit das Gras nicht zu lang wird - und das nicht zu einer Rutschpartie für den Schnee wird.“ Atmo Kühe Sprecherin Die Almweiden der Schellenbergalm sind keine monotonen, robusten Wiesen, die für den Landwirt leicht zu pflegen sind. Die Weideflächen ziehen sich über steile Hänge, werden immer wieder durchbrochen von Wanderwegen oder Trampelpfaden der Kühe. Der Almboden ist wie eine dünne, sensible Haut der Erde, die sich durch Wind, Wetter und Steinschlag im alpinen Gelände ständig verändert. Und den ein Bergbauer – oder eine Sennerin wie Regina Hölzl - zum Wohl der Weide wie zum Schutz seines Viehs ebenso ständig im Blick haben muss. M Little adventures Länge: 0´39´´ Sprecher Dazu gehören auch regelmäßige Kontrollgänge entlang der Zäune und zu den Wasserstellen. Ist nach einem Regen Geröll hineingeraten, sind sie verschlammt, oder durch den Kot von Wild verschmutzt? Dann muss Regina Hölzl sie sauber machen. Oft sind Zäune durch Wind und Wetter oder übermütiges Vieh beschädigt – und müssen repariert werden. Doch die mühevolle Kleinarbeit, die die Almbauern täglich vollbringen, um die Weiden frei und sicher zu halten – sie allein reicht nicht aus. Um die Berglandschaft zu pflegen, bedarf es zusätzlich einer ganz speziellen Kulturtechnik. O-Ton 9 Hölzl „Schwenden sagt man da, was gemacht wird auf den Almen. Das ist ein richtig schöner Ausdruck, ((gibt gar keinen Ersatzausdruck für „Schwenden“.)) Schwenden heißt, dass diese Latschen, Büsche, Fichten, die diese Weiden verwuchern, weil man´s einfach nicht geschafft hat an der Größe, an der Weite der Flächen – macht man so Aktionen...und die werden wieder freigelegt, Almflächen meistens verbrannt!“ M Alptraumpanorama Länge: 0´45´´ Sprecher Gleich Fackeln ragen die Feuer zur Zeit des Schwendens aus den Berghängen. Rauchschwaden durchwabern den Wald, und tauchen die Almlandschaft in unwirkliches Licht. Der Fotograf Klaus Einwanger war beim Schwenden dabei – und beeindruckt davon, mit wie viel Aufwand und Know-How die Almbauern die Urgewalt des Feuers zähmen. O-Ton 10 Einwanger „Das ist unglaublich aufwendig. Da gehen zehn, zwölf, 15 Mann los in dem Fall und machen einen Tag das „Schwenden“. Also die fällen Bäume. Diese Stämme, wir waren ungefähr 40 Minuten von der Hütte weg, müssten alle per Hubschrauber ausgeflogen werden. Und das ist natürlich ökologisch ein gleicher Wahnsinn. Sie müssen aber auch verbrannt werden, weil wenn sie zum Verrotten dagelassen werden würden, dann würde das genauso wieder zuwuchern. Wir hätten Käferbefall und wir hätten einfach Oasen des Verfaulens. Und dann gehen die vier, fünf Wochen später hoch und brennen diese Holzhaufen, die sie gebildet haben, ab, um eben diesen Recyclingprozess, dass das Holz wieder zu Asche wird, somit auch wieder zurückgeführt werden kann in die Natur.“ (sehr abgerissen!) M Alptraumpanorama Länge: 0´28´´ Sprecherin Die Almwirtschaft erfordert spezielle Kenntnisse, dem fragilen kleinteiligen alpinen Lebensraum angepasst, oder ihm abgerungen. Einem Wissen, das auf den Erfahrungen der Vorfahren beruht. Sprecher Ein Wissen, das angehende Bergbauern in Schule oder landwirtschaftlichem Studium oft nicht lernten, sagt Klaus Schreyer. Ein Wissen, das man über Generationen bewahrt habe - und das sich bewährt hat, ergänzt Regina Hölzl: Die Bewirtschaftung von Alm und Alp zwängen Bergbauern seit Jahrhunderten dazu, innovativ zu denken. Wie etwa schafften es frühere Generationen auf der Schellenbergalm, dass ihnen die Milch auch ohne Kühlschrank nicht schlecht wurde? Die Sennerin führt eine steile Holztreppe hinab, in den Keller der Almhütte. Atmo Schritte, gehen auf hölzerner Kellertreppe O-Ton 11 Hölzl „Ich hab einen Keller mit Wasserfall. (lacht) Des hoast so: Der Keller hat keinen Boden ned. Der hat nur einen Kiesboden drin, da kommt vom Berg her zu 90 Prozent immer natürliches Wasser eina. Und je höher die Luftfeuchtigkeit, um so kühler das Ganze... Sehr schlau gedacht, sehr innovativ, mitdenkt. Wie bringe ich das hin, dass ich auch auf 1500 Meter ohne Strom Lebensmittel haltbar machen kann?“ Sprecher Dass es sich bei „ihrer“ Milch um ein besonders kostbares Lebensmittel handelt – das steht für die Bäuerin außer Frage. Nach Analysen der Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein, einer Einrichtung des österreichischen Landwirtschaftsministeriums, enthält die Milch von Kühen, die auf Bergwiesen und Almen weiden, tatsächlich einen besonders hohen Anteil an gesunden Omega-3-Fettsäuren sowie an Vitaminen und Mineralstoffen. M Im stillen Tal 0´52´´ Sprecherin: Die Art und Weise, wie Almkühe fressen, befördert Forschern zufolge auch die Artenvielfalt. Demnach halten die grasenden Kühe, Schafe und Ziegen den Pflanzenbestand niedrig. Das Gros der lichtbedürftigen Blumen und Kräuter bekommt dadurch genug Sonne, um zu wachsen und zu gedeihen. Werden diese von Kühen gefressen und wieder ausgeschieden, so versorgt dies den Almboden mit wichtigen Nährstoffen. Treten Kühe Löcher in diesen Boden, so können darin eingetragene Pflanzensamen keimen. Schließlich transportieren die Tiere Samen in ihrem Fell bis in die entlegensten Winkel der Alm, an Raine, in Übergänge zu Wald und Fels, die unwegsam sind, aber ein wahres Refugium der Biodiversität. Der Innsbrucker Professor Markus Schermer: O-Ton 12 Schermer „Wir wissen, dass in den Rändern von bestimmten Landschaftsteilen die höchste Biodiversität ist. Also am Waldrand, oder den Feldrändern...diese Randbereiche sind ganz besonders wichtig. Und deswegen auch diese Flurgeholzstreifen und solche Dinge die eben wichtige Lebensräume darstellen. Dass diese offenen Flächen ganz wichtig für das Wasserregime sind, dass da mehr Wasser in den Boden hineinsickern kann, als wenn das Waldflächen sind, weil in den Waldflächen die Verdunstung auch höher ist.“ Sprecher Markus Schermer, der lange am Forschungszentrum Berglandwirtschaft der Universität Innsbruck geforscht hat, spricht es aus, dieses: „Was wäre wenn?“ Sprecherin Was wäre, wenn die Almgegenden nicht mehr von Bauern bewirtschaftet würden: Wie würden sie aussehen? Welche Folgen hätte dies für Fauna und Flora von Alpen und Voralpenland, welche für diese gewachsene Kulturlandschaft von und mit der Menschen seit hunderten von Jahren leben? Atmo Hof/Alm Sprecher Klaus Schreyer steht vor seinem Hof, auf einer leichten Anhöhe, so dass er seine Streuobstwiesen überblickt, dahinter sanft-hügelige, voralpine Landschaft wie aus dem Fremdenverkehrsprospekt. Ganz zufrieden ist er dennoch nicht. O-Ton 13 Schreyer „Es ist halt dann ein enormer Strukturwandel in der Gegend, weil die ganze Landschaftsprägung ändert sich dann. (…) Vor mir ist der Schwarzenberg. Wo ich jetzt Wald sehe bei mir, bis rauf zum Gipfel war das Weidelandschaft. Ich unterhalt mich ja auch oft mit norddeutschen Touristen, wenn die bei uns da sind, also Gäste, und die sagen: Das einmalige an der Gegend ist halt, weil der Übergang so ist. Man hat eigentlich schon relativ kleinstrukturierte Flächen, und hat auch die Waldränder. Haglandschaft heißt das bei uns. Und das gibt’s ja da oben fast nicht“ Sprecherin Dass einzigartige Berg-Landschaften nach und nach verschwinden – es ist ein nicht weit hergeholtes Szenario. Ihr Rückgang begann Markus Schermer zufolge, als die Almwirtschaft, vor gut 50 Jahren, unter Druck geriet. O-Ton 14 Schermer „Das war an und für sich schon etwas, was man in den frühen 70er Jahren beobachten konnte, dass die Bergbetriebe die Modernisierungsverlierer sind. Dass sie also nicht so mit der Mechanisierung, Intensivierung, Spezialisierung mithalten konnten, die man also nach dem Zweiten Weltkrieg allgemein in der Landwirtschaft durchgeführt hat.“ Sprecher Klaus Schreyer hat das Sterben der Höfe in seiner Nachbarschaft hautnah miterlebt. O-Ton 15 Schreyer „Brunnfeld heißt der ganze Ort, und das waren einmal acht Bauern in Brunnfeld. Und jetzt sind wir noch der Einzige.“ Sprecher Dass es seinen „Sunnara“-Hof noch gibt: Das hat Schreyer der Um- und Weitsicht seiner Vorfahren zu verdanken, die das Anwesen nach und nach bis zu einer überlebensfähigen Größe erweiterten: Von 5 Kühen in der Frühzeit des Hofs auf heute fast 50. Klaus Schreyer schließlich investierte weniger in Quantität - sondern in die Qualität der Tierhaltung. O-Ton 16 Schreyer „Wir haben dann einen neuen Stall gebaut, der ist auch jetzt wieder 34 Jahre all. Und dortmals habe ich natürlich schon eine riesige Revolution gebrochen, da im Leitzachtal, weil ich hab den ersten Laufstall gebaut. Also bei mir laufen die Kühe schon frei. Weil ich hab kein Anbindehaltesystem gefunden, wo sich eine Kuh richtig wohlfühlt.“ Sprecherin Die Anbindehaltung, bei der Vieh das ganze Jahr über im Stall angebunden bleibt, soll aus Tierschutzgründen in einigen Jahren nicht mehr erlaubt sein. Dies schreckte zunächst auch Bergbauern auf, die Kombihaltung betreiben. Dabei haben die Kühe im Sommer – wie bei Regina Hölzl auf der Schellenbergalm – Weidegang. Im Winter im Tal, oder abends und nachts, werden sie im Stall angebunden. Atmo Jungkuh kommt in Stall der Schellenbergalm getrottet O-Ton 17 Hölzl „Da kommt die Guggi, die will in den Stall… Das ist eins von den Kälbern, die am Spätnachmittag selber heimgeht...“ Sprecher Eine junge Kuh kommt in den niedrigen Stall getrottet, stellt sich an ihren Platz – und wartet darauf, von Regina Hölzl angebunden zu werden. O-Ton 18 Hölzl „Das ist ein Braunvieh, und die weiß auch, dass sie schön ist. Die ist sehr eitel, ja. Die wird jetzt über Nacht in dem Stall angehängt, damit sie ihren festen Platz hat, damit sie ihre Ruhe hat, damit sie die großen Kühe einfach in Ruhe lassen. (…) Des sind Alphatiere, das sind Herdentiere. Die große Kuh neben dem kleinen Kaibal: die schafft da drin an. Das Kälbchen kann nicht aus. Und so hat sie ihren Platz, darf da bleiben über Nacht, und kriegt ihre Portion Heu.“ Sprecherin Eine solche Kombihaltung soll auch nach einer Neufassung des Tierschutzgesetzes möglich sein. Unmut gab es zuletzt darüber, den Winterauslauf von Rindern verpflichtend zu regeln. Für Almbauern, die ihr Vieh ohnehin wann und wo möglich ins Freie ließen, noch eine Regulierung mehr, klagt Regina Hölzl. Sie berät mittlerweile Kolleginnen und Kollegen im komplizierten Klein-Klein der Düngeverordnung. O-Ton 19 Hölzl „Es sind diese Vorschriften, die´s einem so leidig machen. Es ist enger geworden, es sind viel mehr Vorschriften geworden. Oder dieser Bleistift, die Subventionen, es wird immer wieder minimalisiert: Dabei muss ich ja investieren, Rücklagen bilden. Die allermeisten Betriebe haben noch irgendein Standbein: Ein Schankrecht, eine Ferienwohnung im Tal, damit man „Urlaub auf dem Bauernhof“ noch mitnehmen kann.“ Sprecherin Sich breiter aufstellen, etwa durch touristische Angebote: Dies sei eine Möglichkeit für Bergbauern, das Überleben zu sichern, sagt Agrarsoziologe Markus Schermer. Eine andere liege in mehr Spezialisierung. Durch Direktvermarktung oder ökologisches Wirtschaften könnten sie höhere Preise erzielen. Schließlich könnten sie ihre Betriebskosten geringer halten: Etwa durch Zusammenschlüsse wie Maschinenringe oder Genossenschaften. Doch so gut sich ein Bergbauer neu aufstellt - ohne einen weiteren Faktor würde es laut Schermer wohl nicht gehen: Ohne Subventionen, mit denen die EU - wie auch das Land Bayern mit einem speziellen Bergbauernprogramm – die Almwirtschaft fördern. Sprecher Der Wert der Subventionen für die Bergbauern: Er lasse sich nicht in Heller und Pfennig berechnen, sagt Markus Schermer. Denn die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Alpen und Voralpen sei vernetzt, bilde eine bäuerliche Subkultur, einen Kitt auch für die Gemeinschaft, und eine gemeinsame Identität in den Dörfern. O-Ton 20 Schermer „Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass wir neben einer Biodiversitätsförderung auch eine Soziodiversitätsförderung brauchen. Das heißt, wir sollten gesellschaftliche Organisationsformen und Lebensformen erhalten und deren Habitat erhalten, die eine Alternative zu unserem Leben und Wirtschaftsweisen, zu unserer kapitalistischen Lebens- und Wirtschaftsweise bieten. Ob das jetzt regional ist, wie die Bergbauern und Bergbauerninnen, oder ob das global ist. Aber im Prinzip ist es etwas, was mich in den letzten Jahren etwas mehr beschäftigt, dass wir mit unserer Wirtschaftsweise eigentlich die letzten Bereiche, die Alternativen dazu böten, kaputt machen. Dass unsere dominante Wirtschaftsweise eigentlich die Alternativen ausradiert, die wir so sehr brauchen würden für eine Transformation in Richtung sozial-ökologischer Nachhaltigkeit.“ M Weltverdruss 1´27´´ Sprecher Sie verspüre den Auftrag, das Wissen und die Erfahrung der Ahnen weiterzugeben, sagt die Bergbäuerin Regina Hölzl: Nicht nur an die nächste Generation der Bergbauern, sondern auch an die Gesellschaft. Als „Erlebnisbäuerin“ bringt sie Schülerinnen und Schülern das Leben der alpinen Landwirtschaft näher. Aber auch Wanderern auf der Schellenbergalm, die bei der Bergbäuerin Regina Hölzl Nachhaltigkeit hautnah erleben können. O-Ton 21 Hölzl „Das, was gottseidank wieder moderner geworden ist: Dass man sich wieder bewusster mit den Ressourcen auseinandersetzt, umgeht und die auch schätzt. Das erlebe ich da oben immer wieder: wenn ich die Butter jetzt rühre in diesem Butterfass, und es sind zufällig Wanderer da, und die sagen: Was machst du den Da? Ja ich mach einen Butter. Woah, dürfen wir zuschauen? Woah schmeckt die gut! Und es geht einem selber auch so, dass man das leider ein bisschen vergessen hat: Dass das von einer gesunden Kuh ist, die frisches Wasser braucht. Und wie viel Energie, wie viel Liebe, wie viel Handarbeit da dahintersteckt. Wie gern man das macht, und mit was für einem souveränen Wissen das auch gemacht wird. Es wird einem schon bewusst, was das für ein bereichernder Aufwand ist, bis man das Stückerl Butter dann da hat. Und das kriegt dann einen ganz anderen Stellenwert.