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Bayerischer Rundfunk
2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026
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- Korallen - Das große Sterben
23.07.2025 · 23 Min.
Stein, Holz, Pflanze oder Tier? Die Symbiose aus Korallen, Polypen und Algen hat die Wissenschaftler lange vor Rätsel gestellt. Schützen wir unsere Meere nicht, werden die Wunderwesen bald verschwunden sein. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2020) Credits: Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Xenia Tiling, Jerzy May, Patrick Zeilhofer, Peter Veit, Carsten Fabian, Gudrun Skupin Technik: Regina Staerke Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Weitere hörenswerte Folgen von radioWissen finden Sie hier: Fische - Die unterschätzten Lebewesen JETZT ANHÖREN Es war einmal ein Ozean - Geschichte der Meeresausbeutung JETZT ANHÖREN Mikroplastik - Ein aussichtsloser Kampf? JETZT ANHÖREN Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
- Michel de Montaigne - Skeptiker und Menschenfreund
23.07.2025 · 24 Min.
Den Essay hat der Humanist Michel de Montaigne erfunden, mit seinen philosophischen Versuchen, französisch: essayer. Er war ein Philosoph, der nach der Wahrheit eher tastete, als dass er sie vollmundig verkündet hätte. Autor: Christian Schuler (BR 2020) Credits Autor dieser Folge: Christian Schuler Regie: Irene Schuck Sprecher/in: Beate Himmelstoß,Thomas Loibl, Friedrich Schloffer Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: PD Dr. Dagmar Stöferle, LMU München Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzählerin Es ist die Nacht vom 23. auf den 24. August 1572. In Paris ist soeben mit großem Pomp die Hochzeit des Hugenotten Heinrich von Navarra mit der Katholikin Margarete von Valois gefeiert worden. Ein Fest, das Versöhnung zwischen den verfeindeten Parteien stiften und damit die Einheit des Reiches stärken sollte. Doch es kommt anders. Musik: "Hitchhiker" - Komponist und Ausführender: Jeremiah Cymerman - Album: Badlands Label: 5049 Records – 5049-006 - Länge: 0'51 Erzählerin: Ein gescheitertes Attentat auf den Hugenottenführer Coligny löst Unruhen aus. Augenzeugen berichten von Massakern: Zitator 2 „Da setzte überall in Paris ein Gemetzel ein, dass es bald keine Gasse mehr gab, auch die allerkleinste nicht, wo nicht einer den Tod fand. Und das Blut floss über die Straßen, als habe es stark geregnet ... Schon war der Fluss mit Leichen bedeckt und ganz rot vom Blut.“ Erzählerin Unter dem Namen „Bartholomäusnacht“ sind diese Pogrome in die Geschichte eingegangen. Tausende Menschen fielen ihnen zum Opfer, vor allem protestantische Hugenotten. Und bei den Unruhen, die anschließend auf das ganze Land übergriffen, starben noch einmal einige zehntausend. Die Reformation in Frankreich war damit blutig niedergeschlagen worden, die Versöhnung zwischen den Parteien gescheitert. Hugenotten wanderten in den folgenden Jahren zu Hunderttausenden nach England, in die Schweiz und nach Preußen aus. Frankreich war durch die Aufstände und Verfolgungen zunächst politisch, dann durch die Auswanderungswellen auch wirtschaftlich geschwächt. Auch Bordeaux war von den Unruhen betroffen. Musik: "Hitchhiker" - Komponist und Ausführender: Jeremiah Cymerman - Album: Badlands Label: 5049 Records – 5049-006 - Länge: 0'35 Zitator 1 „O des ungeheuren Krieges! Andere Kriege wirken auswärts, dieser gegen sich selbst, zerfleischt und zerstört sich durch sein eigenes Gift ... Er soll den Aufruhr dämpfen, und ist selbst voller Aufruhr; will den Ungehorsam strafen, und gibt davon ein Beispiel; wird zur Verteidigung der Gesetze geführt, und ist offenbare Rebellion gegen seine eigenen. Wohin ist es mit uns gekommen?“ Erzählerin Der das schreibt, sitzt im Turm seines Schlosses, 60 Kilometer östlich von Bordeaux, wo er bis vor kurzem als Berufungsrichter tätig gewesen war. Mit 38 Jahren hatte er seinen Dienst quittiert und sich auf das Anwesen zurückgezogen, das ihm sein Vater hinterlassen hatte: Schloss Montaigne. Zitator 1 „Genug nun für andere gelebt – leben wir zumindest dies letzte Stück des Lebens für uns.“ Erzählerin Hier, auf Schloss Montaigne, war Michel Eyquem, wie er eigentlich hieß, 1533 zur Welt gekommen; hier hatte er den größten Teil seiner Kindheit verbracht; hier wollte er fortan im Kreise seiner Familie das stille Leben eines gelehrten Landedelmannes führen. Er nahm das Studium der lateinischen Klassiker wieder auf, mit denen er aufgewachsen war - Lukrez, Horaz, Seneca - und begann, das Werk zu verfassen, mit dem sein Name bis heute untrennbar verbunden ist: die drei Bände der „Essais“. Musik: "Bernie Alap" - Ausführende: Hank Roberts, Marc Ducret & Jim Black - Album: Green - Komponist: Hank Roberts Label: Winter & Winter – 910 141-2 Länge: 1'06 Erzählerin: Weit über tausend Seiten mit Aufsätzen, Betrachtungen und anekdotenreichen Reflexionen, die sich im wahrsten Sinn des Wortes um Gott und die Welt drehen. Zitator 1 „Ich trage unausgegorene und nicht zu Ende gedachte Einfälle vor ..., nicht um die Wahrheit zu definieren, sondern um sie zu suchen.“ Erzählerin Montaigne tritt gern unter der Maske des Unwissenden auf, aus Bescheidenheit oder aus Koketterie. Oder auch um etwaige Erwartungen des Publikums von vornherein zu unterlaufen. Denn hier soll kein schlüssiges philosophisches System erdacht werden. Hier verkündet einer nicht mit Pomp eine neue Lehre, die alle anderen widerlegen will. Der Autor der Essais schreibt zunächst zu seinem eigenen Vergnügen. Und was dabei herauskommt, nennt er „Essais“, eine Textgattung, die bis dahin unbekannt war und die sich vom französischen Verb „essayer“, versuchen, ableitet. O-Ton Stöferle (ab 24:50) Der Essai, (wenn man ihn heute definieren müsste,) definiert sich dadurch, dass ein Ich über ein beliebiges Thema versuchsweise sich schriftlich auslässt oder versuchsweise ein Thema erkundet. Ich denke, so muss man das bei Montaigne auch verstehen, mit der Präzisierung, dass der Gegenstand eigentlich sein Ich ist. Erzählerin Sagt Dagmar Stöferle, Romanistin und Dozentin an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Zitator 1 „Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser.“ Erzählerin … heißt es im Vorwort des ersten Bandes der Essais. Zitator 1 „Es warnt dich schon zu Beginn, dass ich mir darin kein anderes Ziel gesetzt habe als ein häusliches und privates. Um deinen Nutzen ging es mir dabei so wenig wie um meinen Ruhm. Ich habe es dem persönlichen Gebrauch meiner Verwandten und Freunde gewidmet. Sie sollen, wenn sie mich verloren haben (und das wird bald sein), darin einige Züge meiner Lebensart und meiner Gemütsstimmung wiederfinden. ... Wäre es mir darum gegangen, die Gunst der Welt zu gewinnen, so hätte ich mich besser herausgeputzt ... Ich will aber, dass man mich darin in meiner schlichten, natürlichen und gewöhnlichen Art sehe, ohne Gesuchtheit und Geziertheit: denn ich bin es, den ich hier darstelle.“ O-Ton Stöferle (ab 6:25) Das ist ja die Kunst des Essais, wie es an manchen Stellen heißt, dass ihm kein Gegenstand zu gering ist und kein Gegenstand zu hoch, dass er immer das Abseitige ins Auge fasst, und gerechtfertigt wird das durch das erklärte Ziel, sich selbst zum Gegenstand zu machen. Erzählerin In den Essais meldet sich also einer zu Wort, der das Leben als Jurist und Parlamentsrat von Bordeaux, als Familienvater und wacher Beobachter des Zeitgeschehens in vielen Facetten kennengelernt hat, der sich nun aber schreibend und denkend auf sich selbst besinnen möchte. In einer Zeit politischer Zerrissenheit und konfessioneller Spaltung erprobt er die Weisheit der Klassiker an sich, seinem eigenen Leben und seiner Zeit. So werden die Essais zu einem Werk der Selbstbehauptung - und zelebrieren zugleich die Lust an der eigenen geistigen Beweglichkeit. Auffallend ist, dass Montaigne in den Jahrhunderten nach seinem Tod bei Schriftstellern und Sprachwissenschaftlern mindestens ebenso viel Resonanz gefunden hat wie bei Philosophen. Und unter den Philosophen schätzten ihn vor allem solche, die - wie Montaigne selbst - mit der systematischen Unabgeschlossenheit ihrer Gedanken gut leben konnten und denen - wie Montaigne - an prägnanter Formulierung ebenso gelegen war wie an gedanklicher Schärfe: Brillante Stilisten also wie Voltaire, Diderot - oder auch Friedrich Nietzsche, der die vielleicht schönste und berühmteste Huldigung an Montaigne formuliert hat: Zitator 2 „Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden ... Mit ihm würde ich es halten, wenn die Aufgabe gestellt wäre, es sich auf Erden heimisch zu machen.“ Musik: "Aurora lucis rutilat" - Orlando di Lasso SC006440011 1'11 Erzählerin Michel de Montaignes Kindheit und Jugend fallen in die Amtszeit von König Franz I., der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus Frankreich eine absolutistische Monarchie machte. Franz war es auch, der damit begann, die Institutionen der Macht in Paris zu bündeln, auf Kosten weitgehend selbständiger Regionen wie etwa der Guyenne und ihres Zentrums Bordeaux. Es gab Unruhen und Aufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. Zeitweise wurden Bordeaux die Stadtrechte aberkannt. Montaignes Vater, Pierre Eyquem, hatte den König auf verschiedenen Feldzügen begleitet, zugleich aber hatte er hohe Ämter in Bordeaux inne, als Jurist und später als Bürgermeister. Es gelang ihm, eine vermittelnde Position zwischen König und Stadt einzunehmen und für Bordeaux, bei aller Loyalität zum König, die Stadtrechte zurückzugewinnen. Diese ausgleichende und diplomatische Haltung, der alles radikale Eiferertum verhasst war, sollte sich auf seinen Sohn vererben. Zitator 1 „Man sieht sehr gewöhnlich, dass gute Absichten, wenn sie ohne Mäßigung durchgesetzt werden, die Menschen zu sehr fehlerhaften Handlungen verleiten.“ Erzählerin Michel Eyquem wurde – wie sein Vater - Jurist und später Bürgermeister von Bordeaux. Auch seine Lebenszeit war gekennzeichnet von Kriegen und Bürgerkriegen, vor allem konfessioneller Art. Und wie sein Vater blieb Montaigne königstreu und katholisch, verabscheute jedoch jede Art des Fanatismus: Zitator 1: „In dem Streit, durch welchen Frankreich jetzt durch den bürgerlichen Krieg beunruhigt wird, ist die beste und sicherste Partei ohne Zweifel diejenige, welche die alte Religion und alte Verfassung des Landes verficht. Gleichwohl sieht man unter den redlichen Leuten, welche daran hängen ... viele, welche durch Leidenschaft die Grenzen der Billigkeit überschreiten und zuweilen ungerechte, gewalttätige und dabei unüberlegte Entschlüsse fassen.“
- "Der Hund oder ich!" - Tiere in der Partnerschaft
22.07.2025 · 23 Min.
Haustiere können in Partnerschaften durchaus für Reibereien sorgen: Der Hund schläft im Bett, der neue Partner hingegen im Gästezimmer. Die Katze pinkelt auf die Klamotten des "Nebenbuhlers", der in ihr Revier eingedrungen ist. Ohne viel Geduld und Kompromissbereitschaft läuft dann gar nichts. Von Karin Lamsfuß (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Karin Lamsfuß Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Julia Fischer, Thomas Birnstiel Technik: Helge Schwarz Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Silke Wechsung, Psychologin Prof. Andrea Beetz, Psychologin Eric Hegmann, Paartherapeut Tanja Brandt, Tierfotografin Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Als das Tier zum Freund wurde - Geschichte des Haustieres JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: WirTier Folge 3: Underdogs Hannah studiert BWL. Bis ihr Hund Schoki einen schweren Unfall hat und danach an Epilepsie leidet. Hannah beschließt, Tierärztin zu werden. Um Hunden zu helfen, die krank oder verhaltensauffällig sind und die sonst keiner mehr haben will. WirTier-Host Vici im Hundehimmel – oder doch nicht so ganz? HIER geht es zum Podcast Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Literaturtipps: Silke Wechsung: Mensch und Hund: Beziehungsqualität und Beziehungsverhalten (Schriftenreihe Psychologie der Mensch-Tier-Beziehung) 2008, S. Roderer Verlag Tanja Brandt: Die Eulenflüsterin. Lübbe Verlag, 2019 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Silke Wechsung (0‘12“) Man kommt abends vom Arbeiten und der Hund wird fröhlich begrüßt und dann kommt erst mal lange nichts. Und irgendwann dann sagt man dann vielleicht auch mal der Ehefrau oder dem Ehemann „Hallo“. O-Ton 2 Eric Hegmann (0‘10“): „Es ist doch ganz normal, dass man sich morgens erst mal küsst und danach den Hund küsst.“ Wer sagt das? Wer sagt, dass das normal ist? O-Ton 3 Tanja Brandt (0‘05“): Für mich sind die Tiere komplett selbstverständlich. Ich denk mir jetzt nicht, dass da jemand Probleme mit haben kann. O-Ton 4 Silke Wechsung (0‘07“) Unabhängig vom Familienstatus ist der Hund für 35 Prozent aller Hundehalter der wichtigste Partner. O-Ton 5 Tanja Brandt (0‘05“): Die Hunde sind schon so ein bisschen Killer. Also ich glaube, die Beziehung wäre harmonischer ohne die Hunde. Sprecher: Tiere in der Partnerschaft: Sie können die Zweierbeziehung bereichern, beide Partner gleichermaßen erfreuen. Mit einem Haustier zusammenzuleben, kann herzerwärmend sein, berührend, tröstend, verbindend und manchmal auch einfach unglaublich lustig. Gemeinsam für ein Lebewesen zu sorgen, kann beide Partner zusammenschweißen. Muss es aber nicht. Musik: Mysterious animal play (reduced) 0‘54 Erzählerin: Es geschah während der Corona-Pandemie. Lockdown. Das Leben stand mehr oder weniger still. Die Tierfotografin Tanja Brandt dachte sich: Ein neuer Partner wäre vielleicht nicht schlecht. Sie meldete sich bei einer Dating App an – mit bescheidenen Angaben: Alter, Ort und ein Bild von ihr, gemeinsam mit einer ihrer Eulen. Dass sie zudem mit zwei Steinkäuzen, zwei Habichtskäuzen, einem Wüstenbussard und zwei großen Hunden zusammenlebt, war ihr zunächst keine Erwähnung wert. Dass ein Mann damit Probleme haben könnte, kam ihr nicht in den Sinn, so selbstverständlich sind die Tiere für sie. Doch Chris hatte genau damit Probleme. O-Ton 6 Tanja Brandt (0‘33“): Irgendwann kam es zu diesem ersten Telefonat, was ja so schrecklich war, wir haben zwei Stunden über Hunde gestritten. Also über Frauen mit Hund. Und da hat er eben gesagt: „Auf gar keinen Fall kommt für ihn ne Frau mit Hund infrage, auf gar keinen Fall mit im Bett, und die Frauen mit Hund, die haben vielleicht psychisch Probleme, und wenn die dann die Hunde auch noch im Bett haben, das sind dann die Hunde, die so gar nicht folgen!“ Und ich hab während dem Telefonat meinen Ingo angeguckt, der so neben mir auf dem Bett lag, gemütlich, und er hat geschlafen, und ich hab gedacht: ‚Was stimmt mit dem Typen nicht?‘ Erzählerin: Für den Paartherapeuten Eric Hegmann entscheidet sich oft schon in der Kennenlernphase, ob das Modell ‚neue Liebe plus Haustier‘ überhaupt eine Chance haben kann. Für ein Online-Dating-Portal hat er eine Studie zu Tieren und Partnerschaft begleitet: O-Ton 7 Eric Hegmann (0‘41“) Dieser urbane Mythos, nach dem männliche Hundebesitzer bei Frauen besonders gut ankommen, das stimmt tatsächlich. Umgekehrt ist es anders: Männer fühlen sich durch Haustiere von Frauen eher bedroht. Und als besonders bedrohliches Tier ist das Pferd. Und meine Vermutung ist: Je zeitintensiver, je pflegeintensiver das Haustier ist, desto eher nimmt es eine Position ein, die mich als neuen Partner vielleicht auf Platz zwei setzt und das buche ich ja nicht, wenn ich eine Beziehung eingehe. Ich möchte ja Prio eins ein. Musik: Discussion points (reduced 2) 0‘14 dann darüber Erzählerin: Tierfotografin Tanja Brand und ihr Internet-Date Chris diskutierten weiter. Nacht für Nacht. Über Frauen und Hunde, und dass das ja gar nicht ginge. O-Ton 8 Tanja Brandt (0‘24“): Und dann sagt er plötzlich mitten in der Nacht „Ja, jetzt haben wir wieder ne Stunde gestritten, in der Zeit hättest du eigentlich hierherfahren können und nen Kaffee trinken. Und mich muss was gebissen haben, dass ich jetzt noch ne Stunde auf die Autobahn fahre zu nem Idioten und mit dem dann noch irgendwie in seiner Wohnung weiterstreite, den ich nicht mal kenne, ja, ich bin tatsächlich gefahren, und seither sind wir eigentlich zusammen. Erzählerin: Der Mann, der nie eine Frau mit Hund wollte. Und die Frau, deren Tiere ihr Lebensinhalt sind. Das birgt ordentlich Zündstoff. Musik: Sparkling curiousity 0‘32 Sprecher: Menschen und ihre Haustiere. Oft eine tiefe Liebesgeschichte. Sie öffnen unsere Herzen und gelangen in Bereiche, in die ein Mensch nie vordringen kann. Sie sind warm und weich und hingebungsvoll. Kein Mensch kann einen so bestechend und herzzerreißend ansehen. 34 Millionen Haustiere leben in deutschen Haushalten. Erzählerin: Prof. Andrea Beetz ist Psychologin und erforscht Mensch-Tier-Beziehungen. Sie weiß aus ihren Forschungen: Ein Haustier ist nicht irgendein Wesen, sondern ein wichtiger Sozialpartner. O-Ton 9 Andrea Beetz (0‘18“): Das basiert darauf, dass in der Mensch-Heimtier-Beziehung die gleichen Mechanismen greifen, die wir auch in anderen engen Beziehungen nutzen. Nämlich das Bindungssystem und das Fürsorgesystem. Und das ist mit ganz vielen Hormonen verbunden, mit Stressregulation, mit der Regulation von Emotionen, sich wohlfühlen, sich sicher fühlen. Sprecher: Das macht klar, warum ein Konflikt um ein Haustier viel tiefer geht als Streit über den Abwasch oder das neue Auto. O-Ton 10 Andrea Beetz (0‘25“): Gerade wenn die Tiere als junge Tiere zu uns kommen, dann versorgt man sie, man kümmert sich, und irgendwann werden die erwachsen, und dann ist es auch so, dass man selber sagt: Wenn es mir mal nicht so gut geht, geh ich da hin, hab den Kontakt und fühl mich irgendwie unterstützt und wird ruhiger. Und bin auch nicht allein. Und dadurch, dass das die gleichen Systeme sind, ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Beziehungen so eng werden und so emotional wichtig für den Menschen. Sprecher: Tiere als Seelentröster, als Sozialpartner, für manche sogar die ganz große Liebe. Erzählerin: Wie wichtig Haustiere für viele Menschen sind, das hat die Psychologin Dr. Silke Wechsung in Bezug auf Hunde an der Uni Bonn erforscht: O-Ton 11 Silke Wechsung (0‘11“): Wir haben die Frage gestellt: Welchen Stellenwert hat der Hund in Ihrem Leben? Und da haben 35 Prozent der Hundehalter gesagt, dass der Hund für Sie der wichtigste, wichtigste Beziehungspartner ist. Musik: Sandbath 0‘19 dann darüber: O-Ton 12 Tanja Brandt (0‘09“): Ich liebe meine Tiere! Ich würde für meine Tiere wahrscheinlich so ziemlich alles aufgeben! Ich leb mein komplettes Leben lang mit Tieren zusammen. Komplett! Und ich kenn das gar nicht anders. Sprecher: Wenn in diese tiefe Liebesbeziehung dann ein neuer Mensch eindringt, kann das eingespielte soziale Gefüge durcheinandergeraten. Denn ob er will oder nicht: Der oder die Neue tritt in Konkurrenz zu einem Lebewesen, das schon lange da ist. Einen festen Platz im Herzen hat und womöglich schon einige Partner kommen und gehen gesehen hat. Erzählerin: Im Fall der Tierfotografin Tanja Brandt verlief das nicht unbedingt reibungslos. O-Ton 13 Tanja Brandt (0‘33“): Er kam dann irgendwann auch mal zu mir, und da musste ich ihm ja die Tiere direkt vorstellen. Ich hab ihm die ganzen Vögel vorgestellt, die fand er auch spannend, den Hund fand er … mittel. Jetzt muss man dazusagen: Der Ingo ist halt nicht so begeistert, wenn da ein Typ reinschneit. Der passt halt schon auf mich auf! Und wenn da ne Hand in meine Richtung kommt, dann freut er sich da nicht so drüber. Er war auch nicht begeistert, dass er aus dem Bett ausquartiert wurde und dass er viele Sachen nicht mehr so machen durfte … Erzählerin: Ingo ist ein Malinois, ein belgischer Schäferhund. Mit stark ausgeprägtem Schutztrieb. Er begleitet Tanja Brandt schon seit 12 Jahren überall hin, posiert auf unzähligen ihrer Fotos. Musik: Simple but complex behaviour 0‘17 Atmo Hund Sprecher: Wenn eine Dreiecksbeziehung zwischen Mensch-Mensch und Tier entsteht, entsteht auch eine neue Ordnung. Oft verbunden mit dem Verlust von Privilegien. Erzählerin: Hund Ingo durfte nicht mehr mit im Bett schlafen. Was er keineswegs klaglos hinnahm. O-Ton 14 Tanja Brandt (0‘31“): Ich sag mal, so Romantik ist ganz schwierig, da schmeißt sich der Ingo nämlich gegen die Schlafzimmertüre, und wenn ich jetzt fünf Mal sag „Ingo, geh jetzt bitte in dein Körbchen“, dann geht er in sein Körbchen, und dann lässt er das auch, aber ich sag mal, so fünf Minuten später sitzt er dann vor der Schlafzimmertür und macht (ahmt Jaulen nach), das lenkt jetzt irgendwie auch ab, und ja, er kam auch tatsächlich einmal in das Bett gesprungen, mit Karacho, das fand er nicht lustig. Er ist halt so ein Schutzhund so ein bisschen. Beschützer. O-Ton 15 Silke Wechsung (0‘19“) Da Hunde eben sehr rang- und statusbewusst sind, werden sie erst mal versuchen, den Rang, den sie sich erarbeitet haben, auch zu erhalten. Das ist ja wie bei uns Menschen. Wenn ich erst mal ein bestimmtes Privileg habe, möchte ich das ja auch nicht ohne Not einfach so schnell wieder abgeben. Sprecher: Doch wer denkt, dass nur Hunde ihren Unmut über den menschlichen Eindringling missmutig kundtun, der täuscht sich. Katzen stehen dem in nichts nach … Musik: Animals playing catch 0‘25 dann darüber: Erzählerin: Alex hatte sich gerade frisch verliebt. In eine Frau mit Katze. Die erste gemeinsame Nacht in der Studentenwohnung. Doch die war gleichzeitig Revier des alteingesessenen Katers. Alles endete mit einer Überraschung am nächsten Tag. Beim Aufwachen roch es irgendwie seltsam: O-Ton 16 Alex (0‘25“) Am nächsten Morgen wachte ich dann auf und dachte so: Mein schönes himbeerfarbenes, vornehmes Hemd zusammengefaltet? Und dann hab ich das ausgefaltet, und was musste ich darin entdecken? Da hatte der Kater einen Haufen da reingemacht. Offensichtlich um mich zu bestrafen für meine Anwesenheit oder um ein deutliches Zeichen seiner Missbilligung zu setzen, das war irre. Musik: Animals playing catch 0‘4 Atmo Katze O-Ton 17 Alex (0‘25“) Also offenbar hat ihm einfach nicht geschmeckt, dass ich da übernachtet hab, dann hat er sich die Mühe gemacht, da erst mal reinzumachen und das dann auch noch ordentlich zusammenzufalten. Also unglaublich, zu was für Aktionen ein solches Tier dann imstande ist, wir haben natürlich herzlich gelacht, und über die Jahre hinweg hat sich zwischen den Kater und mir dann durchaus eine gute Freundschaft entsponnen – tatsächlich beidseitig. Musik: Stork’s walk 0‘22 Sprecher: Das Tier, das eifersüchtig ist auf den Eindringling. Aus tierischer Sicht verständlich: Der neue Partner, die Partnerin sitzt auf dem Lieblingsplatz, bekommt die Aufmerksamkeit, die Zuwendung, die zuvor ausschließlich dem Tier galt. Das, so sagen Tierverhaltenstrainer, löst man am besten mit sehr viel Geduld und vorsichtiger Annäherung. So haben beide die Chance, sich langsam aneinander zu gewöhnen. Doch Eifersucht gibt es auch auf der anderen Seite: nämlich dann, wenn das Haustier Privilegien genießt, die eigentlich dem Menschen zustünden, so die Psychologin Silke Wechsung. O-Ton 18 Silke Wechsung (0‘20“): Wenn man sich immer mal damit beschäftigt, wie viele Stunden am Tag sich eben mit dem Tier beschäftigt wird im Vergleich zu dem, wie viele Stunden am Tag sich mit dem Partner oder den Kindern beschäftigt wird, dann fällt doch auf, dass der Hund einfach unheimlich viel Aufmerksamkeit bekommt. Erzählerin: Paartherapeut Eric Hegmann sagt: Unter zahlreichen Konflikten liegen häufig viel tiefere Themen: O-Ton 19 Eric Hegmann (0‘29“): Es geht bei dem Konflikt um Haustiere häufig um das eigene Bedürfnis nach Anerkennung, nach Gesehenwerden, dieses Gefühl ‚bist du für mich da? Kann ich mich auf dich verlassen?‘ Und wenn ich immer wieder den Eindruck habe: ‚Für dein Haustier machst du alles! Das Tier hustet einmal, und schon sind wir beim Tierarzt. Und du lässt alles stehen und liegen. Ich liege mit Grippe im Bett, und ich bekomme noch nicht mal ne Suppe!‘ Erzählerin: In ihrer Forschungsarbeit über die Mensch-Hund-Beziehung ist Silke Wechsung auch auf einige extreme Ausprägungen gestoßen: O-Ton 20 Silke Wechsung (0‘12“): Wo der Hund dann vorne im Auto mitfährt, auf dem Beifahrersitz und die Partnerin hinten im Auto sitzt. Oder Menschen, die dann eben mit dem Hund das Schlafzimmer teilen, während der Partner in einem Nebenraum schläft. O-Ton 21 Eric Hegmann (0‘14“): Hier würde ich schon fragen „Ist das wirklich eine Rolle, die Sie auf Dauer einnehmen wollen? Kommen Sie damit zurecht? Wie ist das, wenn Sie „Schichtwechsel“ haben: Sie steigen aus dem Bett aus und der Hund kommt da rein. Wie fühlen Sie sich dabei?“ Musik: In this together 0‘17 dann darüber: Erzählerin: Es vergeht kaum ein Tag, erzählt Tierfotografin Tanja Brandt, an dem sie nicht mit ihrem Partner Chris über den Hund Ingo streitet. O-Ton 22 Tanja Brandt (0‘28“): Der Chris, der ist auch selbstständig und hat hier so Online-Kurse. Und diese Online-Kurse, die kennt der Ingo ganz genau. Und dann setzt der sich natürlich in dem Nachbarraum an die Wand und macht die ganze Zeit ahmt Bellen nach. Drei Stunden lang. Der Chris sagt dann auch „super, ich war den ganzen Tag mit dieser Winsel-Stute hier alleine!“ und da kriegen wir dann auch Krach. Weil er dann echt gereizt ist. Erzählerin: Trotz alledem verstehen sich die Tierfotografin und ihr Partner sehr gut, sogar so gut, dass sie sich zusammen ein altes, renovierungsbedürftiges Haus gekauft haben. Dort gibt es klare Regeln. Die wichtigste: Chris hat sein eigenes Zimmer, zu dem Malinois Ingo keinen Zutritt hat. Doch es kam der Tag, an dem der Hund die Tür irgendwie aufbekommen haben muss. O-Ton 23 Tanja Brandt (0‘22“): Er hat dahingepullert, an das Sofa. Das würde der nie machen normalerweise. Das ist so Protest bei ihm einfach. Die Aktion die hab ich gar nicht mitbekommen. Weil ich ja geschlafen hab. Die hat mir der Chris ja wutentbrannt am nächsten Morgen erst erzählt. (…) und wenn ich um die Ecke komme, dann liegt der Ingo natürlich irgendwo in seinem Körbchen und guckt ganz unschuldig! Musik: Cute rodent (reduced) 0‘10 Erzählerin: Mit den Greifvögeln kommt Chris gut klar. Mit dem zweiten Hund, dem Wolfshund Dio auch. Dio verehrt Chris und folgt ihm überall hin. Wenn da nur nicht seine gefühlt Millionen einzelner Haare wären, die wirklich überall rumfliegen. Das Hundehaar-Drama beginnt bereits morgens im Bett, beim Aufstehen: O-Ton 24 Tanja Brandt (0‘23“): Ja, der hat so zarte Füße! Der Chris hat ganz zarte Füße tatsächlich! Und er geht auch so aus diesem Bett raus: Er schwingt die Füße so seitlich und hält die nach oben. Und dann hat er die Socken parat liegen und die Schuhe, und dann schlüpft der da rein in die Socken und in die Schuhe. Und wenn das sein muss, dann wird dann noch abgefusselt. Damit er ja nicht mit den Füßen auf diesen Boden muss, wo vielleicht Hundehaare sind oder so. Also er läuft hier nicht mit Socken rum. Auf gar keinen Fall. Sprecher: Zusammenleben mit Haustieren: Das kann ein Traum sein – vor allem, wenn sich beide bestenfalls gemeinsam ein Tier ausgesucht haben. Und es kann zum Albtraum werden. Wenn es ein eingespieltes Mensch-Tier-Team gibt, eine tiefe Bindung, viel Liebe – und oft auch viele Konflikte. Denn die Intensität dieser besonderen Bindung ist nicht zu unterschätzen: Musik: Sad clown in the rain 0‘48 einbetten: Sprecher: Wenn sie krank sind, kommen wir um vor Sorge. Wenn sie ihren letzten Atemzug machen, dann ist es, als ginge die Welt unter. Auch wenn die Trauer anders ist: In der Tiefe ähnelt sie dem Verlust eines geliebten Menschen, so die Psychologin Andrea Beetz: O-Ton 25 Andrea Beetz (0‘19“): Vor allem wenn wir ein Tier verlieren, im Sinne von es stirbt, dann merken ganz viele, wie eng und wie wichtig dieses Tier ihnen war, und heute wird das viel mehr zugegeben. Das ist heute viel akzeptierter, wenn Sie sagen „ich trauere“. Das war vor 20, 30 Jahren noch nicht so sehr der Fall. Jede dieser Beziehungen ist einzigartig. Musik weg Sprecher: So einzigartig, dass manch ein Tierhalter behauptet: Tiere seien die besseren Menschen. Ja, eigentlich mehr noch: Die idealen Partner: Sie sind treu, immer da, enttäuschen nie. Das Tier als Partnerersatz anzusehen, so Paartherapeut Eric Hegmann, sei jedoch ein Trugschluss: O-Ton 26 Eric Hegmann (0‘24“): Wo gesagt wird „Die bedingungslose Liebe, die ich von meinem Haustier erlebe, die erlebe ich niemals mit einem Menschen. (…) ‚Bedingungslose Liebe‘, das ist ein spannender Gedanke. Der kommt aber auch mit der Frage: Steht vielleicht bedingungslose Liebe für dieses tiefe menschliche Bedürfnis nach Sicherheit in der Liebe? Aber bedingungslose Liebe von Tieren hat in der Realität auch ganz viel mit Abhängigkeit zu tun. Musik: Healing process 0‘31 Sprecher: Die fast kindliche Sehnsucht nach der bedingungslosen Liebe, nach der totalen Akzeptanz. In erwachsenen, ebenbürtigen Beziehungen kaum zu finden. All diese Sehnsüchte in das Tier zu projizieren und es zum Partnerersatz zu machen, mag verlockend sein. Doch die Konflikte sind dann vorprogrammiert. Und wie löst man die? Erzählerin: Paartherapeut Eric Hegmann sagt: Mit Mut. Und Offenheit. Und der Bereitschaft, über die wirklich relevanten Fragen zu sprechen: O-Ton 28 Eric Hegmann (0‘37“): Das Thema Haustier, das steht natürlich noch für ganz andere Sachen: für Selbstwert. Für meine Vorstellung von Beziehungs-Dynamik. Für meinen Wunsch nach Aufmerksamkeit. Für meinen Wert, wie viel gemeinsame Zeit ich mit meiner Partnerin, mit meinem Partner verbringen möchte. Das sind letztlich die Gesprächsangebote, die Partner einander machen können und sollten, wenn es um Konflikte geht. „Erzähl mir mehr, warum dir das so wichtig ist. Ich erleb das anders. Ich erleb das bedrohlich. Ich erlebe da Schmerzen.“ Erzählerin: Und: Konflikte über Haustiere sind manchmal nur stellvertretend für tieferliegende Partnerschafts-Themen: O-Ton 29 Eric Hegmann (0‘28“): Das kommt daher, weil eben das Haustier zum Teil einer Beziehungsdynamik werden kann, wenn beide Partner es lassen. Es ist nicht das Haustier. Das wird schnell zum Gegner. Sondern wie gehen wir damit um, dass ich dieses Bedürfnis, das ich habe: morgens in den Arm genommen zu werden, dass ich das nicht bekomme von dir. Und stattdessen sehe ich: Das bekommt der Hund! Wie gehen wir damit um? Sprecher: Sich diesen Konflikten zu stellen, kann bereichernd für die Beziehung sein, so Eric Hegmann. Musik: Good results 0‘19 darin einbetten Erzählerin: Tierfotografin Tanja Brandt, ihr Freund Chris und ihre vielen Tiere haben sich nach all den Jahren irgendwie arrangiert. Eine Art Burgfrieden geschlossen. Weitgehend. O-Ton 31 Tanja Brandt (0‘14“): Also sie versuchen sich zu akzeptieren. Der Ingo weniger, aber der Chris versucht ihn zu akzeptieren. Also der Chris weiß halt, dass mein Hund mir wichtig ist. Und der weiß auch, wie viel ich mit ihm erlebt habe. Und klar: Der würde natürlich nie sagen „Dieser Hund muss weg!“ Erzählerin: Natürlich wäre es perfekt, wenn Chris die Hunde und die Vögel genauso lieben würde, wie Tanja Brandt es tut. Aber was ist schon perfekt? O-Ton 32 Tanja Brandt (0‘16“): Wir haben wirklich gemeinsam sehr viel zu lachen, sehr viel Humor, ich mach ihm auch schon viel Geschenke und Überraschungen und koch für ihn, ich mach schon viel für ihn. Ich versuche schon, ihm viel angenehm zu machen. Ich weiß das auch total zu schätzen. Und ich versuche, ihm das schon zurückzugeben! Musik: Feeling good 0‘23 Sprecher: Bei allen Eifersüchteleien, Revierkämpfen, Machtspielchen, die in einer Mensch-Tier WG entstehen können, darf eins nicht vergessen werden: Das Zusammenleben mit Tieren kann auch eine ganz große Bereicherung sein und sich positiv auf die Beziehungsqualität auswirken: O-Ton 33 Silke Wechsung (0‘31“) Da ist das Tier sogar eher Beziehungskatalysator, weil man ja, wenn beide Beziehungspartner tierlieb sind und da Spaß haben, natürlich auch ein gemeinsames Hobby haben, gemeinsamen Gesprächsstoff haben, letztlich ein Tier haben, für das sie gemeinsam sorgen können, mit dem sich gemeinsam beschäftigen können. Also das heißt, das gibt es sehr, sehr oft, dass Tiere eher beziehungsförderlich sind. Voraussetzung ist aber: Beide haben Spaß daran. Erzählerin: Und wer weiß: Vielleicht entdecken Chris und Hund Ingo ja eines Tages ihre Liebe füreinander. Nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen… Musik: Cute rodent (reduced) 0‘30 O-Ton 34 Eric Hegmann (0‘27“): Und da habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn das Paar eine gute Lösung gefunden hat, mit der beide Partner zufrieden sind, dann geht es auch dem Tier besser, weil es nicht zum Spielball wird zwischen den Partnern. Dann wäre mein Ratschlag: Versuchen Sie, einen guten Weg zu finden, wie Sie beide glücklich werden mit dem Tier, dann wird auch das Tier glücklich sein!
- Lady Chatterleys Liebhaber - Erotik, Sex, Ehebruch
21.07.2025 · 23 Min.
In seinem Roman "Lady Chatterley's Lover" erzählt D.H. Lawrence die Liebesgeschichte einer englischen Lady und eines Mannes aus der Arbeiterklasse. Das Buch sorgt für einen der größten Skandale der Literaturgeschichte. Es ist ein Plädoyer für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die die Sexualität ganz explizit miteinschließt. (BR 2023) Autor: Frank Halbach Credits Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christiane Roßbach, Christoph Jablonka, Ines Hollinger Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Dr. Stephan Karschay, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft mit Forschungsschwerpunkt Skandal und Zensur Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Kamasutra - Leitfaden für Liebe, Erotik und Lebensweise JETZT ANHÖREN Burlesque - Von der Komik zur Erotik JETZT ANHÖREN Anais Nin - den Traum leben JETZT ANHÖREN Literaturtipps: D.H. Lawrence: Lady Chatterley, Reinbek bei Hamburg 1973. Sybille Bedford: The trial of Lady Chatterley's lover, London 2016. David Bradshaw / Rachel Potter (Hgg.): Prudes on the Prowl: Fiction and Obscenity in England, 1850 to the Present Day, Oxford 2013. Stephan Karschay: Scandals in British Culture. In: Jürgen Kramer / Bernd Lenz (Hgg): How to Do Cultural Studies: Approaches, Ideas, Scenarios, S. 191-220, Würzburg 2019. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 „A Zed and Two Noughts“ auf Schluss; ZEIT: 02:49 ERZÄHLERIN (bewundernd) Einer der bedeutsamsten Romane des 20. Jahrhunderts... SPRECHER (gereizt) Das obszönste Buch in englischer Sprache! ERZÄHLERIN (gelassen) Ein klassisches erotisches Meisterwerk. ZITATORIN (lustvoll) „Lady Chatterley’s Lover” ERZÄHLERIN D. H. Lawrence’s „Lady Chatterley“ gilt als eines der ersten seriösen Werke der Literaturgeschichte, das Sexualität detailliert und explizit schildert. Es geht um Liebe, Ehebruch und weibliche Lust. ZITATORIN Eine Frau konnte sich einem Mann hingeben, ohne zugleich auch ihr inneres freies Wesen hinzugeben. Das schienen die Dichter und alle, die über den Sexus schwatzten, nicht genügend bedacht zu haben. SPRECHER (ablehnend) Ein aufrührerisches, skandalöses und vulgäres Buch! ERZÄHLERIN D. H. Lawrence löste damit einen der größten Skandale der Literaturgeschichte aus: Nicht nur dass eine junge Lady ihren Stand verrät und sich über Klassenschranken hinwegsetzt, sondern sie wagt es auch noch nach einer erfüllten Sexualität zu suchen und sie sogar zu finden. Das puritanische England fühlte sich in seinen Grundfesten erschüttert. Der Roman aus dem Jahr 1928 war über 30 Jahre lang verboten. Der Skandal um die Publikation des Buches würdigte den Namen Chatterley zum Synonym für Schlüpfriges und Pornografisches herab. ZITATORIN Ein Jammer, dass die Männer in dieser Hinsicht so weit hinter den Frauen herhinkten. Gierig wie die Hunde waren sie auf das Sexuelle aus. Und eine Frau hatte nachzugeben. SPRECHER (aburteilend) Die anrüchige Geschichte eines Ehebruchs zwischen einer ebenso frustrierten wie wollüstigen Aristokratin und einem (verachtend) Proletarier. ERZÄHLERIN Der Bruch mit den Moral- und Gesellschaftsnormen seiner Zeit, die Darstellung befreiter weiblicher Sexualität und die scharfe Kritik im Roman des englischen Schriftstellers D.H. Lawrence an der britischen Gesellschaft, kulminierten 1960 in einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren… SPRECHER (sich ereifernd) Ein Obszönitätsprozess! ERZÄHLERIN An dessen Ende die Aufhebung etlicher Zensurbestimmungen stand, und der „Lady Chatterley’s Lover“ zum Vorreiter der „Sexuellen Revolution“ werden ließ, eine Flamme, die in den 1960er Jahren Großbritannien und schließlich ganz Europa erfasste - trotz oder gerade wegen seiner expliziten Sprache. ZITATORIN (lustvoll melancholisch) Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt. Und wenn der wirkliche Frühling kommt, dann können wir die kleine Flamme zu strahlender gelber Helle ficken. MUSIK ENDE O-Ton 1 Karschay (03:33) Also „Lady Chatterley's Lover“ ist mit Sicherheit ungewöhnlich für seine explizite Darstellung von Sexualität. Denn dieser Bereich ist im Liebesroman, in diesem Genre, nicht vorgesehen und gehört eigentlich in den Bereich der Pornografie, also in den Untergrund. ERZÄHLERIN Erläutert Dr. Stephan Karschay, Professor für Britische Literatur- und Kulturwissenschaft. Einer seiner Forschungsschwerpunkte: die Beschäftigung mit Skandalen und Zensur in der britischen Kulturgeschichte. O-Ton 2 Karschay (03:47) Und selbst ein so wichtiger und ja auch im neunzehnten Jahrhundert schon zensierter Roman wie Gustave Flauberts „Madame Bovary“ beispielsweise muss die Darstellungen des körperlichen Ehebruchs zwischen Emma Bovary und Léon ausblenden. Das ist etwas, was völlig der Fantasie der Leser überlassen wird. (…) Und das macht Lawrence anders. Wir sind hier ganz nah mit dabei. Und das ist ungewöhnlich für einen Roman, und das hat letztlich auch dazu geführt, dass dieser Roman zu Lebzeiten Lawrence‘ nicht veröffentlicht werden konnte und tatsächlich erst 30 Jahre nach seinem Tod, also 1960, in der unbereinigten Form veröffentlicht wurde. ERZÄHLERIN Was oft zu sehr in den Hintergrund rückt: Der Roman von D. H. Lawrence bricht nicht nur hinsichtlich der Darstellung und Thematisierung von Sexualität Tabus. „Lady Chatterley“ schlägt auch deshalb ein wie eine Bombe weil Lawrence die Orientierungslosigkeit einer Gesellschaft, den Niedergang des guten alten England, nach dem Ersten Weltkrieg thematisiert. MUSIK 2 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 00:56 ZITATORIN Die Katastrophe ist hereingebrochen, wir stehen zwischen den Trümmern, wir fangen an, neue kleine Gewohnheiten zu bilden, neue kleine Hoffnungen zu hegen. Es ist ein hartes Stück Arbeit: Kein ebener Weg führt in die Zukunft; wir umgehen die Hindernisse jedoch oder klettern über sie hinweg. Wir müssen leben – einerlei, wie viele Himmel eingestürzt sind. Ungefähr in dieser Situation befand sich Constance Chatterley. ERZÄHLERIN Großbritannien befand sich nach dem Ersten Weltkrieg in einer wirtschaftlichen Krise. Viele Arbeiter hatten mit zunehmender Verarmung zu kämpfen. Impulse, Orientierung durch die Upper class? Fehlanzeige. Und dann dieser Roman. MUSIK ENDE SPRECHER (voller Verachtung) Eine Frau von Adel, die ihren kriegsversehrten Mann verlässt zugunsten eines Wildhüters aus der Arbeiterklasse! O-Ton 3 Karschay (05:42) Ich glaube, was die Verstöße gegen die Moralvorstellungen der Zeit angeht, muss man unterscheiden zwischen den Normverstößen der Protagonistin Constance Chatterley, also auf der Ebene der Handlung und den Normverstößen des Autors D. H. Lawrence auf einer ästhetischen Ebene. Was Lady Chatterley angeht, ist es so, dass sie sich gegen die Normen der gesellschaftlichen Oberschicht stellt. Denn was sie eingeht, ist letztlich eine Mesalliance mit dem Wildhüter Oliver Mellors. Und sie führt dadurch auch im Roman gewissermaßen einen Klassenkampf vor. Denn Lady Chatterley's Lover ist auch ein Roman, der die Klassenstruktur der britischen Zwischenkriegsgesellschaft in Frage stellt. ERZÄHLERIN Zugleich stellt der Roman im Kern eine Emanzipationsgeschichte dar. O-Ton 4 Karschay (16:38) Denn die Protagonistin Constance Chatterley emanzipiert sich und die weibliche Sexualität von den verkrusteten sozialen Normen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Man kann schon sagen, dass sie von vorneherein als außergewöhnliche Figur charakterisiert ist. Denn sie wächst als Jugendliche zunächst in einem quasi freidenkerischen Umfeld auf und macht dann auch recht früh als 18-Jährige ihre ersten sexuellen Erfahrungen. MUSIK 3 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 01:03 ERZÄHLERIN 1917 heiratet Constance, Sir Clifford Chatterley. Kurz nach den Flitterwochen zieht Clifford als Offizier in den Ersten Weltkrieg. SPRECHER Schwer verwundet, gelähmt und impotent kehrt Clifford aus dem Krieg zurück zu Connie. ZITATORIN Nichts hatte Substanz – weder sie noch irgendetwas… keine Fühlung, keine Nähe. Nur dies Leben mit Clifford, dies endlose Spinnen von Geweben aus Worten und kleinen Einzelheiten des Bewusstseins. MUSIK ENDE O-Ton 5 Karschay (17:17) Und auch eine erste Affäre mit dem irischen Dramatiker Michaelis ändert daran überhaupt nichts. Das heißt, das Problem ist nicht nur ein Mangel an Sexualität, sondern das Problem besteht vielmehr in der Unfähigkeit der Männer des Romans, für eine erfüllte und letztlich gleichberechtigte Sexualität Sorge zu tragen. ERZÄHLERIN In einer abgeschiedenen Hütte im Wald trifft Connie unversehens auf den Wildhüter der Chatterleys – der sich gerade wäscht MUSIK 4 „A Zed and Two Noughts“ auf Schluss; ZEIT: 02:33 ZITATORIN Sie hatte gesehen, wie die plumpe Hose niederglitt über die reinen, schmalen, weißen Hüften, an denen ein wenig die Knochen hervortraten, und das Gefühl der Einsamkeit hier, das Gefühl ein Geschöpf in reiner, tiefer Einsamkeit vor sich zu haben, überwältigte sie. Die warme weiße Flamme eines Einzellebens, das sich in Konturen offenbarte, die man berühren konnte; ein Leib! SPRECHER Im Laufe der Handlung beginnt Connie mit Mellors ein zutiefst unanständiges Liebesverhältnis, das im Roman ausführlich und anstoßerregend geschildert wird. ERZÄHLERIN Weite Teile des Romans schildern Connies seelische Entwicklung. Schließlich eröffnet sie ihrem Mann: ZITATORIN Ich habe mich in einen anderen Mann verliebt, und ich hoffe sehr, du wirst mich freigeben. SPRECHER Ich für meinen Teil, ziehe vor – da du nun mal meine Frau bist -, dass du in Würde und Ruhe weiterlebst unter meinem Dach. Ganz abgesehen von persönlichen Empfindungen – und ich versichere dir, was mich betrifft, sehe ich von einer ganzen Menge ab -, ist es verdammt hart für mich, mir meine Lebensordnung hier auf Wragby und den geregelten Ablauf des täglichen Lebens kaputtmachen zu lassen, einfach wegen irgendeiner Laune von dir. ZITATORIN Ich kann es nicht ändern. Ich muss gehen. Ich bekomme wahrscheinlich ein Kind. SPRECHER Du gehörst zu diesen halb irrsinnigen, perversen Frauen, die ihrer Verworfenheit nachrennen müssen. Du kannst gehen, wohin du willst, aber ich werde mich nicht von dir scheiden lassen. ERZÄHLERIN Noch in derselben Nacht packt Connie ihre Sachen und verlässt Wragby für immer. Der entlassene Wildhüter Mellors schreibt ihr in einem Brief, wie gern er später mit ihr zusammenleben würde und dass er im Grunde nur für sie lebe. Der Brief endet mit den Worten: ZITATORIN Mit hoffnungsvollem Herzen. ERZÄHLERIN Und so endet auch der Roman von D.H. Lawrence. Vielfach interpretiert als Protest gegen die Verteufelung von Sinneslust und ein Plädoyer für emanzipierte weibliche Sexualität. MUSIK ENDE So äußert beispielsweise die Autorin Catherine Millet, die mit ihrer Autobiografie „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ einen eigenen Literaturskandal provoziert hat: „Lesen Sie mal „Lady Chatterley“. Dort gibt es Stellen, in denen er den weiblichen Orgasmus mit einer Präzision beschreibt, die unglaublich ist. Ich hätte das gern selbst so gekonnt.“ Lawrence ließ sich für seine Schilderungen von seiner Frau Frieda von Richthofen die Empfindungen einer Frau beim Orgasmus präzise beschreiben, erinnert sich Frieda in ihren Memorien. MUSIK 5 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 01:06 ZITATORIN Dann, als er sich zu bewegen begann, in der plötzlichen Hilflosigkeit des Orgasmus, erwachten in ihrem Innern ganz neue, fremde, sie durchflutende Schauer. Sie kamen Welle auf Welle, wie das flackernde Überlappen sanfter Flammen, sanft wie Federn, sie liefen aus in leuchtenden Spitzen, köstlich, so köstlich, und ihr Inneres schmolz dahin, zerfloss. Es war wie Glockengeläut, das sich höher und höher bis zum Höhepunkt aufschwang. MUSIK wegblenden ERZÄHLERIN Lawrence spricht sich vehement für eine freie Entfaltung der Persönlichkeit aus - das schließt die Sexualität mit ein und: Es schließt Frauen mit ein. Connie emanzipiert sich in einer männlich-kapitalistisch geprägten Gesellschaft. Das hat Lawrence nicht davor bewahrt von feministischer Seite kritisiert zu werden. O-Ton 6 Karschay (15:18) Manche sahen in ihm eben ein Plädoyer für ein erfülltes, gleichberechtigtes Sexualleben zwischen den Geschlechtern, aber manch feministische Stimmen, besonders die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Kate Millett hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Sexual Politics“, in dem sie Lawrence vielmehr als einen chauvinistischen Vertreter einer patriarchalen Kultur sah, der den Phallus zum dominanten Symbol einer männlichen Sexualität machte. ZITATORIN So stolz und so gebieterisch. Jetzt weiß ich, warum Männer so anmaßend sind. Aber er ist herrlich, wirklich! Wie ein anderes Wesen! Ein bisschen zum Fürchten. Aber so schön, wirklich! Und er kommt zu mir! ERZÄHLERIN Huldigt Connie Mellors‘ Phallus. Lawrence löst mit „Lady Chatterley“ nicht nur durch die Themen eine Kontroverse aus, sondern auch besonders durch seinen Stil. So vermeidet er in seiner Sprachwahl der Lüsternheit einer bigotten Leserschaft scheinheilig zu entsprechen. Lawrence schildert offen und präzise. Dazu gebraucht er auch Ausdrücke, die ein Mann aus dem Volk wie Mellors verwenden würde. ZITATORIN Fuck! SPRECHER Vulgär einerseits, in pathetischen Beischlafszenen schwülstig und kitschig andererseits. Lächerlich! MUSIK 6 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 00:52 ZITATORIN Und ihr war, als sei sie wie das Meer, nichts als dunkles steigendes und fallendes Gewoge, von einem Strom getragen, und langsam geriet ihre ganze Dunkelheit in Bewegung, und diese war das Weltmeer, das in seiner dunklen Schwere dahinrollte. Und auf dem Grund ihres Inneren teilten sich die Tiefen und wogten auseinander von dem Mittelpunkt sanften Eindringens aus, als der Taucher tiefer eindrang, immer tiefer, (ab hier Text + MUSIK wegblenden) [tiefer wurde sie bloßgelegt und machtvoller rollten die Wogen ihres Seins dahin, einem fremden Ufer zu und deckten sie auf…] (darüber) O-Ton 7 Karschay (19:48) Es ist in der Tat so, dass Lawrence‘ Schreibstil manchmal unangenehm, pathetisch und vielleicht heute, wenn man ihn liest, ungewollt komisch wirkt. Aber man muss ihn auch an seinen eigenen Maßstäben messen. Es bringt also nichts ihn für seine insistierenden Wiederholungen und seine schiefen Bilder zu kritisieren, denn diese stammen letztlich aus einer künstlerischen Überzeugung das Verhältnis des Menschen zu seiner Sexualität, aber auch zur nicht-menschlichen Natur neu und eben emphatisch, mit Nachdruck, zu konzipieren. Und er sah in diesem sehr geordneten, überintellektualisieren und in der asketischen Geistesarbeit letztlich Zivilisationskrankheiten, die zur Unterdrückung der sexuellen Natur des Menschen führen. Und für Lawrence war die Sexualität fast etwas mythisch heiliges, ja, fast eine Religion der Sexualität. ERZÄHLERIN Lawrence kritisiert die Entfremdung des Menschen von sich selbst durch die Allmacht des Kapitalismus. Sir Clifford repräsentiert die zerstörerische und zugleich nicht zeugungsfähige Kraft der Industrialisierung. Bei einem Waldausflug mit Connie zum Beispiel zermalmt er zahllose blühende Blumen unter den Rädern seines Rollstuhls und hinterlässt in der vorher unberührten Natur eine Spur der Verwüstung. SPRECHER Seine Fans haben Lawrence später gar zu einem Vorreiter der Umweltschutzbewegung erklärt. ERZÄHLERIN Davon, dass man ihn zur Ikone von Umweltschutz, Arbeiterklasse und sexueller Revolution erhob, bekam Lawrence freilich nicht mehr mit. Als er seine Arbeit an „Lady Chatterley“ begann, war er bereits schwer krank. Ende November 1926 schloss er die erste Fassung des Romans ab. Zwei weitere sollten folgen. Erfahrungen mit der Zensur wegen zu expliziter Darstellung von Erotik hatte Lawrence schon mit seinem Roman „The Rainbow – Der Regenbogen“ von 1915 gemacht. SPRECHER (pikiert) Er umging daher bei „Lady Chatterley“ die von der Zensur vorgegebenen Grenzen von Sitte und Moral mit einer privaten Erstveröffentlichung von 200 Exemplaren der unbereinigten Fassung in Florenz. Raubkopien davon geraten in Umlauf. O-Ton 8 Karschay (24:13) Und dann gab es eine zweite Fassung, die erst später in den 70er-Jahren in englischer Sprache erschien, als „John Thomas an Lady Jane“. Und hier ist zum ersten Mal erkennbar, wenn man das zurückverfolgt, dass Lawrence in diesem Text vor allen Dingen seine Auseinander-setzung mit der Industrialisierung ausgebreitet hat. (…) Und die Endfassung, die über die wir eigentlich heute sprechen, das ist die von 1928. Und hier haben wir dann eben die zunehmend explizite Darstellung von Sexualität. ERZÄHLERIN Die unzensierte 3. Fassung erschien in Großbritannien erst wieder 1960. Der Taschenbuchverlag Penguin Books, stellte sich damit offen gegen den im Jahr zuvor in Kraft getretenen „Obscene Publications Act“. SPRECHER Ein vom britischen Parlament verabschiedetes Gesetz das die Veröffentlichung von pornographischer Literatur zu verhüten suchte. ERZÄHLERIN Um ein Gerichtsverfahren zu erzwingen, zeigte sich Penguin Books gleichzeitig mit der Veröffentlichung selbst an. Stephan Karschay: O-Ton 9 Karschay (09:34) Die Anklage in diesem Prozess hatte eine ganz klare Agenda: Sie versuchte zu zeigen, dass der Roman geeignet sei, bestimmte Leser*Innen zu korrumpieren. (…) Und dabei spielte auch die Veröffentlichung als billiges Taschenbuch eine Rolle also, dass der Verlag Penguin in Großbritannien diesen Text nicht nur veröffentlichen und einer Leserschaft zur Verfügung stellen wollte, sondern dass auch in einem Format tun wollte, das sich durchaus ein breites Publikum leisten konnte. MUSIK 7 „The Draughtsman's Contract“ auf Schluss; ZEIT: 02:35 SPRECHER Der Prozessendete am 2. November 1960. ERZÄHLERIN Mit einem Freispruch. Das Exemplar der „Lady Chatterley“ das der Richter Sir Lawrence Byrne im Prozess verwendet hatte, erzielte 2018 bei Sotheby’s in London einen Auktionsrekord. ZITATORIN (amüsiert) 56.250 Pfund für das anstößigste Buch der Welt. ERZÄHLERIN Die Frau des Richters hatte ihrem Gatten darin die anzüglichsten Passagen angestrichen und dem Exemplar eine graue Tasche aus Damast genäht – um zu verhindern, dass Pressefotografen ihren Mann mit dem Buch ablichteten. Im Anschluss an den aufsehenerregenden Londoner Prozess wurde der Roman 1960 als Taschenbuch in Deutschland veröffentlicht – vom Rowohlt Verlag, aus dessen Übersetzung in dieser Sendung zitiert wird. Ganz England stürzte sich nach dem Prozess auf die erstmalig unzensierte Fassung von „Lady Chatterley“. Die Folge des Prozesses waren aber nicht nur enorme Verkaufszahlen, sondern vor allem die Aufhebung von Zensurbestimmungen in Großbritannien und auf dem Fuße folgend: eine sexuelle Revolution, die nicht auf die britischen Inseln beschränkt bleiben sollte. SPRECHER (unbehaglich) Ein Wandel der öffentlichen Sexualmoral im Sinne einer Enttabuisierung sexueller Themen. ERZÄHLERIN Der Prozess um Lady Chatterley gewann damit nicht nur eine juristische, sondern eine kulturelle Bedeutung. Die Gesellschaft der westlichen Welt wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine andere. SPRECHER (naserümpfend) Man adaptierte das Buch als Film – als Softporno mit Sylvia Kristel 1981. ERZÄHLERIN Als BBC-Vierteiler 1993, als preisgekrönte Erweckungsgeschichte der französischen Regisseurin Pascale Ferran oder aufwendige Netflix-Produktion mit Emma Corrin in der Hauptrolle. SPRECHER (aburteilend) Nicht wenigen Kritikern wie etwa James Joyce gilt Lawrence’ Werk als trivial. ERZÄHLERIN Mit „Lady Chatterley“ hat eine der imponierendsten Frauengestalten der Literaturgeschichte geschaffen. ZITATORIN Eine Frau muss ihr Leben leben oder leben, um zu bereuen, dass sie es nicht gelebt hat. SPRECHER Selbst Feministinnen kritisieren Lawrence als Chauvinisten, der über die heilige Kraft des Phallus schwadroniert! MUSIK ENDE O-Ton 10 Karschay (28:12) Lawrence ist ein sich selbst widersprechender Schriftsteller, für den die Literatur immer ein Experimentierfeld darstellte. Und Lawrence verdient es auch heute noch kritisch gelesen zu werden. Selbst wenn man dann am Ende zu dem Schluss kommen sollte, dass seine Texte ambivalent und zutiefst widersprüchlich bleiben. Vielleicht ist gerade, dass ihr besonderer Reiz. Man wird dem Roman auch nicht gerecht, wenn man ihn ausschließlich für seine erotischen Passagen liest, dann würde man den gleichen Fehler begehen wie die Zensoren von Literatur vor 1959. Nur wenn man sich auf den Roman letztlich als Ganzes einlässt, erhält man einen Eindruck von D. H. Lawrence als einem der wichtigsten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, der uns auch heute besonders in unserem Verhältnis zur nicht-menschlichen Natur, vieles zu sagen hat. MUSIK 8 M0025854 W03 „Drowning by Numbers“; ZEIT: 00:50 ZITATORIN Und immer weiter rollten die Wogen ihres Seins fort von ihr, ließen sie zurück, bis jäh, in sanftem, schauerndem Erbeben, der Kern all ihres Plasmas getroffen wurde – sie sich getroffen wusste – und die Vollendung über sie kam und sie verging. Sie verging, sie war nicht mehr, sie wurde geboren… MUSIK ENDE
- Der Grönlandhai - Das langlebigste bekannte Wirbeltier der Welt
21.07.2025 · 23 Min.
Grönlandhaie werden bis zu 600 Jahre alt und sind damit die ältesten bekannten Wirbeltiere. Sie sind auch sehr langsam, sie schaffen nur rund drei Stundenkilometer. Ob sie gefährdet sind, weiß man nicht. Mit der Eisschmelze in der Arktis nimmt aber die Fischerei und damit die Bedrohung ihres Lebensraums zu. Von Brigitte Kramer (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Bernhard Kastner Interviewpartner/innen: Jürgen Kriwet, Paläobiologe, Universität Wien; Matthias Schaber, Biologe, Ozeanograph, Thünen-Institut (Institut für Seefischerei), Bremerhaven Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Pottwale - Tauchmeister der Tiefsee JETZT ANHÖREN Artenwandel im Anthropozän - Der Einfluss des Menschen auf die Evolution JETZT ANHÖREN Wale - Faszinierende Wanderer der Ozeane JETZT ANHÖREN Der Narwal - Einhorn des arktischen Ozeans JETZT ANHÖREN Das Walross - Dickhäutiger Koloss der Arktis JETZT ANHÖREN Eisschmelze - Verlorene Lebensräume für viele Tiere JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Katherine Rundell: The golden mole and other living treasure. Faber & Faber Ltd, 2022 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
- Afrikas Ubuntu - Die Philosophie der Menschlichkeit
18.07.2025 · 23 Min.
Die Philosophie 'Ubuntu' steht für Brüderlichkeit, Vergebung, Solidarität, Mitgefühl und gemeinsame Verantwortung. Diese Philosophie der Menschlichkeit wurde durch den früheren Präsidenten Nelson Mandela repräsentiert. Autor: Geseko von Lüpke (BR 2016) Credits Autor/in dieser Folge: Geseko von Lüpke Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Friedrich Schloffer, Ruth Geiersberger, Armin Berger, Beate Himmelstoß Technik: Fabian Zweck Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Augustine Shutte (Professorin; Philosophieprofessorin, Kapstadt); Dirk Louw (Professor; Philosophieprofessor, Stellenbosh); Lesbila Teffo (Professorin; Philosophieprofessorin, Pretoria); Didintle Ntsie (Sozialarbeiterin, Kapstadt); Barbara Nussbaum (Autorin, Stellenbosh); Johan Broodryk (Autor und Philosophie, Pretoria); Elaine Miller (Gastwirtin, Hermanus) Ein Porträt über Nelson Mandela finden Sie ebenfalls auf radioWissen: Nelson Mandela - Der lange Weg zur Freiheit JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN
- Frauen auf Rädern - Wie Radfahren Frauen emanzipierte
17.07.2025 · 23 Min.
Fahrradfahren macht mobil - und damit frei. Das passte Ende des 19. Jahrhunderts nicht zum Bild der passiven, schwachen Frau. Mediziner diskutierten Folgen für die Gebärfähigkeit, Gesellschaft und Kleiderordnung machten die ersten Touren von Pionierinnen zu Spießroutenfahrten. Von Axinja Weyrauch (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Axinja Weyrauch Regie: Irene Schuck Es sprachen: Katja Amberger, Hemma Michel, Peter Weiß, Katja Schild Technik: Stefan Oberle Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Dörte Florack, HistorikerinNoch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Angeline hat nie Fahrradfahren gelernt. Nun sitzt sie auf einem Fahrrad, Trainerin Jess hält sie hinten am Gepäckträger fest. Zsp A Angeline und Jess „nach vorne nach vorne“ Sprecherin Angeline schiebt an, findet die Balance, tritt in die Pedale Und irgendwann, lässt Trainerin Jess einfach los. Zsp A Angeline und Jess „sehr schön, immer nach vorne, und dann Bremsen „Das hast du alleine gemacht“ – Jubel!“ Freude, Kindergarten here I come“ Musik 1 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'26 Sprecherin Die junge Frau aus Kenia ist gerade das erste Mal in ihrem Leben Fahrrad gefahren. Sie macht zusammen mit anderen Frauen mit Migrationsgeschichte einen Fahrradkurs auf der Theresienwiese in München. Jess ist die Trainerin der Organisation Juno, die den Kurs anbietet. OTON B Jess In Deutschland das Fahrrad spielt eine große Rolle, viele lernen als kleine Kinder. So viele Deutsche fühlen sich wohl beim Fahrradfahren. Aber als Migranten… es gibt verschiedene Mobilitätskulturen in verschiedenen Ländern. Und auch für Frauen insbesondere, in vielen Ländern ist Fahrradfahren nicht selbstverständlich oder es ist tabu oder sogar verboten. Und hier darf man das als Frau, ich glaube, es gibt mentale Barrieren als auch psychische, weil das ist als Erwachsene noch schwieriger. Sprecherin Abeer zum Beispiel kommt aus dem Irak. Zsp C Abeer Bei unserer Heimat wir haben nicht Fahrradfahren gelernt, weil einfach es ist keine Fahrrad. Oder viele Familien darf nicht die Mädchen Fahrradfahren oder so. Aber meine Kinder und auch mein Mann alles kann fahren. Und ich will auch mitfahren.“ Sprecherin Das Fahrrad bietet Freizeitwert – ein Erlebnis. Aber auch mehr Möglichkeiten im Alltag. Zsp D Abeer Zum Schule abholen, mit Fahrrad ganz schnell. Zu Fuß ich brauche halbe Stunde, 20 Minuten. Sprecherin Etwas, was den meisten hierzulande recht banal vorzukommen scheint – mal eben schnell mit dem Radl zum Bäcker oder das Kind abholen – bedeutet für diese Frauen eine ganz neue Freiheit. Musik 2 "Is she dead?" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 0'28 Sprecherin Diese Freiheit auf zwei Rädern gibt es etwa seit Ende des 19. Jahrhunderts – in dieser Zeit verbreiten sich die ersten Modelle langsam in der Gesellschaft. Wer sich die damalige Gesellschaft anschaut, wundert sich wahrscheinlich nicht, dass die erste Laufmaschine, später das Veloziped, das Hochrad und auch das erste Niederrad – alles Erfindungen auf dem Weg zum heute bekannten Fahrrad – nicht für Frauen gemacht sind. ZSP OT 01 Florack Als das Fahrrad auf die Welt kam, war es männlich. Sprecherin Die Historikerin Dörte Florack hat ein Buch über die Anfänge des Frauenradfahrens im Deutschen Reich geschrieben. Das war kurz vor der Jahrhundertwende. Alle ersten Modelle … ZSP OT 02 Florack sind entwickelt worden für Männer. In ihrem üblichen, wie darf man sich verhalten und wie darf man sich kleiden und wie kann ich so ein Sportgerät oder so ein Fortbewegungsmittel verwenden. Sprecherin Und das macht es für Frauen zunächst nicht so einfach. Das liegt zum einen an gesellschaftlichen Erwartungen an die Frau – aber zum anderen auch ganz praktisch: An ihrer Kleidung. Musik 3 "Demonstration" - Album: Suffragette (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'58 Sprecherin Mit einem langen Rock auf ein Fahrrad mit hoher Stange zu steigen, ist auch heute nicht besonders praktisch. Damals aber tragen Frauen nicht einfach Röcke, sondern mehrlagige, sehr weite Röcke – an ihnen hingen mehrere Quadratmeter Stoff. Damit auf ein Hochrad zu steigen, dessen Sattel sehr nah am riesigen Vorderrad ist – undenkbar. Zitatorin Amalie Rother Auf den Gedanken, die Kleidung der Maschine entsprechend anzupassen, das heißt, in Hosen zu fahren, wären damals selbst die Kühnsten unter uns nicht geraten. Sprecherin Schreibt Amalie Rother in einem Aufsatz 1897. Sie hat einen Frauen-Fahrradklub in Berlin gegründet. Zitatorin Amalie Rother In Berlin dürften meine Freundin Clara Beyer und ich die ersten Damen gewesen sein, die sich dem entsetzten Volke auf dem Rade zeigten, und zwar auf dem Dreirad. Das war 1890. Sprecherin Zwar beschreibt Amalie Rother es an der Stelle nicht eindeutig – vermutlich tragen die beiden aber lange Kleider und sind deswegen aufs Dreirad gestiegen, das funktioniert mit Rock besser. Trotzdem: Bei ihrer ersten Ausfahrt innerhalb Berlins sind sie eine Provokation. Musik 4 : "Lost" - Ausführende: Ben Salisbury & Geoff Barrow- Album: Civil War (Original Score) - Länge: 0'41 Zitatorin Amalie Rother „Sofort sammelten sich hunderte von Menschen, eine Herde von Strassenjungen schickte sich zum Mitrennen an, Bemerkungen liebenswürdigster Art fielen in Haufen, kurz, die Sache war das reinste Spiessrutenlaufen, so dass man sich immer wieder fragte, ob das Radfahren denn wirklich alle die Scheusslichkeiten aufwöge, denen man ausgesetzt war.“ Sprecherin Und weiter schreibt sie: Zitatorin Amalie Rother „Alles Verweisen auf Reiterinnen, Schlittschuhläuferinnen half nichts, Radfahren war und blieb "unweiblich". Einen vernünftigen Grund, warum, konnte natürlich niemand angeben.“ ZSP 3 OT Florack „Es gab die Vorstellung einer Geschlechterverschiedenheit und einer Geschlechterhierarchie. Und zur Verschiedenheit gehörte, dass Männern und Frauen verschiedene Sphären zugeschrieben waren.“ Sprecherin Als das Fahrrad sich in bürgerlichen Kreisen verbreitet, herrschen klare Rollenvorstellungen. Zsp 4 OT Florack „Dem Mann war die Kultur zugeschrieben, die Erwerbsarbeit, er galt als aktiv, ihm war Kraft zugeschrieben. Während der Frau umgekehrt die Natur, die Hausarbeit, sie galt als passiv und Schwäche zugeschrieben war. Dazu passte es natürlich gar nicht, sich auf ein Fortbewegungsmittel zu setzen, das ja irgendwie auch Sportgerät war.“ Musik 5: "Demonstration" - Album: Suffragette (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'17 Sprecherin Das Fahrrad verbreitet sich zunächst nur in den sozial besser gestellten Kreisen. Es ist eine spannende Zeit: Zwar sind die Rollenbilder extrem starr, doch erste Frauenrechtlerinnen hinterfragen das gesellschaftliche Korsett, in dem sie sich bewegen. MUSIK 6 "Biggest Shagging" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 1'09 Sprecherin Dazu gehört in den USA beispielsweise Caroline, mit Künstlernamen Elsa von Blumen. Sie steigt mit Hosen aufs Hochrad – in einer Zeit, in der Sport für die allermeisten Frauen kein Thema war. Sie beginnt ihre Karriere als Läuferin um ihr Kränkeln zu bekämpfen. Mit dem Hochrad tritt sie zu Wettbewerben an: Zum Jahreswechsel 1885 auf 1886 sind zwei Männer ihre Gegner - die aber als Team fahren und sich so immer abwechseln. Elsa von Blumen fährt 590 Kilometer in 51 Stunden – und gewinnt. Über die Jahre nimmt sie an vielen Wettbewerben teil und stößt auf gemischte Reaktionen. Die Lokalpresse feiert sie oft – aber immer wieder rennen ihr Männer hinterher, sie stürzt mehrere Male. Bei einem Rennen wirft ihr ein Mann einen Stock zwischen die Speichen. Trotzdem wird sie Zweite. In einem Interview sagt Elsa von Blumen: Zitatorin Elsa von Blumen „Indem ich mit meinen Bicycle-Übungen vor Publikum auftrete, biete ich meinem Verständnis nach nicht bloß die aktuell modernste und faszinierendste Unterhaltung, sondern demonstriere auch den großen Bedarf nach Körperkultur und Körpertraining, besonders der jungen amerikanischen Damen.“ Sprecherin Die meisten bürgerlichen Frauen trauen sich nicht sofort, einfach Hosen zu tragen. Durch das Fahrrad wird eine Entwicklung losgetreten, die den langen Rock zumindest etwas praktischer macht – etwas kürzer, etwas weniger weit geschnitten, manche Frauen nähen sich Ziehbänder in den Rock. Und denken sich ganz neue Modelle aus. ZSP 5 OT Florack „Dann gibt es den Rock mit Unterbeinkleidern. Also eine Art Pumphose drunter, das hatte schon die Gefahr, dass sich die Oberschenkel abzeichneten. Dann gab es sowas wie Hosenröcke, sehr weit in den Beinen, da war die Gefahr, dass man den Schritt sehen konnte, sodass mitunter vorne ein Tuch drüber gespannt wurde, damit das eben nicht geschah.“ Sprecherin In Deutschland gibt es in den 1890er Jahren zwei Fahrradzeitschriften speziell für Frauen. In „Der Radlerin“ und der „Draisena“ werden verschiedene modische Möglichkeiten diskutiert, das Radgewand praktisch zu gestalten, aber trotzdem noch den Konventionen zu entsprechen. Eine Idee waren „Verwandlungskostüme“. Beispielsweise eine Pumphose, die mit extra Stoff und Knöpfen schnell zu einem Rock umfunktioniert werden kann. Pumphosen ohne alle Rock-Umbaumöglichkeit sind die gewagteste Form, mit der sich nach und nach Frauen aufs Fahrrad trauen. Neu erfinden müssen sie sie nicht – etwa vier Jahrzehnte vorher schon sind sie Thema in der US-amerikanischen Frauenbewegung. Dort werden sie Bloomers genannt - der Name geht auf die US-amerikanische Frauenrechtlerin Amelia Jenks Bloomer zurück. Sie setzt sich dafür ein, den Dresscode für Frauen zu lockern und praktischer zu gestalten. Eine Entwicklung, die auch in den USA nicht jedem gefällt. Musik 7 "Subliminal" - Album: Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführende: Pascal Gaigne - Länge: 0'35 Sprecherin Allein die Angst davor, dass Lehrerinnen demnächst den langen Rock gegen Hosen eintauschen könnten, treibt die örtliche Schulbehörde zuständig für Flushing auf Long Island in den USA dazu, drei Lehrerinnen das Fahrradfahren zur Schule zu verbieten. Ein Behördenmitarbeiter sagt laut eines Zeitungsartikels: Musik 8 "Full Tense" - Album: Requiem for a Dream (Soundtrack from the Motion Picture) - Komponist: Clint Mansell - Länge: 0'44 Zitator Zeitungsartikel Behördenmitarbeiter „Es ist nicht recht, dass Frauen das Fahrrad fahren. Sie tragen natürlicherweise Röcke, aber wenn wir sie jetzt nicht stoppen, dann wollen sie im Stil der New Yorker Frauen fahren und Bloomers tragen. Wie würden dann unsere Klassenzimmer aussehen, wenn die Lehrerinnen in Bloomers zwischen den Mädchen und Jungen umhergehen. Sie könnten ebenso gut Männerhosen tragen. Ich vermute, dass es so weit noch kommen wird, doch wir sind entschlossen, rechtzeitig unsere Lehrerinnen zu stoppen, bevor sie so weit gehen.“ Sprecherin Doch einige Frauen gehen tatsächlich so weit, ziehen Bloomers an und trauen sich damit aufs Fahrrad. Aber viele von ihnen ziehen sich nach dem Radeln direkt wieder um. Das heißt, das Fahrrad schafft etwas, was dem Pferd mit seinem Damensattel nicht gelang: Zumindest zeitweise tauschen manche Frauen öffentlich sichtbar Rock gegen Hose – aber die gesellschaftliche Konvention wird – vor allem in Deutschland - durch das Fahrrad nicht sofort gebrochen. Auch Amalie Rother, die Pionier-Radlerin aus Berlin, spricht sich gegen Hosen fernab vom Fahrrad aus. Die Radlerinnen erkämpfen sich zwar das Fahrradfahren – aber nicht alle von ihnen wollen auch fernab der zwei Räder Konventionen brechen. Manche Frauen wollen wohl einfach die schöne Ausfahrt ins Grüne genießen und nicht gleichzeitig die Gesellschaft revolutionieren. Die Modefrage ist in Sachen Rock außerdem nicht mehr so wichtig, als sich das Rad mit niedrigem Einstieg verbreitet. Amalie Rother, die Berliner Fahrradpionierin aus Berlin schreibt darüber: Zitatorin Amalie Rother „Ich bin gewiss heute keine Freundin des eben so hässlichen, wie unpraktischen Damenrades, aber das steht fest: Ohne diese Maschine hätte das Damenfahren nie den jetzigen Aufschwung genommen, die besseren Kreise hätten sich viel schwerer zum Fahren entschlossen“. Sprecherin Aber es gibt noch ein anderes Kleidungsstück, dem manche Radlerinnen den Kampf ansagen – auch Amalie Rother: Zitatorin Amalie Rother „Das erste, was unbedingt in die Rumpelkammer muss, ist das Korsett. Tiefes, lebhaftes Atmen, wie es das Radfahren verlangt, kann nur geschehen bei voller Ausdehnung des Brustkorbes.“ Sprecherin Im 19. Jahrhundert gilt die Wespentaille als Schönheitsideal. Vor allem wohlhabendere Frauen greifen zu dem Kleidungsstück mit eingenähten Drähten, was so eine aufrechte Haltung erzwingt. Nicht einfach, damit Fahrrad zu fahren. Der neue Sport entfacht eine Diskussion über das Korsett, die es teilweise schon gab. Manche Mediziner warnen schon länger vor Konsequenzen für die Organe, die Atmung und die Rippen. Als Alternative wird das Reformkorsett empfohlen, etwas weiter geschnitten und dehnbar, oder Büstenhalter. Laut Historikerin Dörte Florack wird die Diskussion um das Korsett vor allem von Medizinern geführt. Dabei geht es zum einen um gesundheitliche Aspekte – aber manche Ärzte kommentieren auch die Ästhetik, beispielsweise, dass auch das Reformkorsett selbst „starken Frauen“ eine hübsche Figur verleihen solle. ZSP 6 OT Florack „Die Mediziner haben die Priester abgelöst als Hauptkommentatoren gesellschaftlicher Entwicklungen. Somit hatten sie Gewicht.“ Sprecherin Und als Hauptkommentatoren haben sie noch ganz anderes beizutragen als nur zum Korsett. Zum Beispiel die Frage, ob lange Touren nicht schädlich für das „schwache Geschlecht“ seien. OT Florack „Ich hatte vielmals nicht das Gefühl, dass Frauen, dass Radlerinnen überhaupt befragt wurden – sondern es wurde halt über sie geschrieben.“ Sprecherin Gewarnt wird vor Haltungs- und Organschäden – das gilt auch für Männer. Insgesamt hält man die Frau aber für weniger leistungsfähig. Ein Arzt empfiehlt allgemein für „Vergnügungstouren“ nicht mehr als 50 Kilometer – die gesunde Jugend könne sich aber auch an das Doppelte heranwagen. Für Frauen schränkt er die Richtwerte aber um ein Viertel ein. Außerdem Gegenstand von Diskussionen – der Unterleib der Frau. Neben der Warnung, das Fahrradfahren könne der Fruchtbarkeit schaden, wird eine These besonders oft zitiert und diskutiert: 1896 schreibt der Arzt Martin Mendelsohn in „Der Einfluß des Radfahrens auf den menschlichen Organismus: Musik 9/10 "Full Tense" - Album: Requiem for a Dream (Soundtrack from the Motion Picture) - Komponist: Clint Mansell - Länge: 0'41 "Subliminal" - Album: Lasa & Zabala (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführende: Pascal Gaigne - Länge: 0'41 Zitator Mendelsohn „Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass, wenn die betreffenden Individuen es wollen, kaum eine Gelegenheit zu vielfacher und unauffälliger Masturbation so geeignet ist, wie sie beim Radfahren sich darbietet. Wenn man, was vorgekommen ist, ganz absieht von denjenigen Fällen, in denen der Sattel auf ganz besonderer Absicht mit einem nach oben gekrümmten Vordertheile versehen wurde, so bietet auch sonst der Sitz, rittlings mit ausgespreizten Schenkeln, ausreichende Möglichkeit, solchem Hange nachzugeben.“ Sprecherin Da Mendelssohn hinzufügt, dass auch Männer ihre Fahrt wegen ständiger Erektionen oft unterbrechen müssen, scheint recht offensichtlich, dass er seine Abhandlung nicht empirisch belegen kann. Zwar will er das Fahrradfahren nicht ganz verbieten, weil er durchaus auch gesundheitlichen Nutzen sieht. Aber seine These wird vor allem von Kritikern des Radfahrens als Argument genutzt. Einer schreibt, dass Frauen und Mädchen das Radfahren zu „verbotenen Zwecken“ nützten und das Frauenradfahren etwas Unsittliches sei. Wie sich eine Radlerin benehmen soll – und vor allem, in welcher Gesellschaft sie fahren durfte, ist immer wieder Thema in Zeitschriften und Büchern. Wenn eine Frau mit Männern unterwegs ist, sollte sie zum Beispiel in der Mitte fahren, damit die Herren die Dame „vor Blicken und sonstigen Gefahren“ schützen können. Um mit nur einem Mann zu fahren, muss es schon ein naher Verwandter oder nahestehender Freund zu sein, der laut einem Text in der Draisena als „ihr Beschützer und Wächter“ schräg versetzt knapp hinter der Frau fahren soll. Ein besonderes Modell stellt besonders herausfordernde Fragen: Das Tandem. Wer sitzt vorne, wer sitzt hinten? ZSP 7 OT Florack „Hier widerspricht sich nämlich einerseits, dass natürlich die Frau vorne zu sitzen hat, weil der Mann ihr doch nicht den Rücken zuwenden darf und sie natürlich den Blick auf die Landschaft haben soll. Und auf der anderen Seite natürlich der Mann derjenige sein muss, der steuert.“ MUSIK 11 "Is she dead?" - Komponist: Alexandre Desplat - Album: Tamara Drewe (Original Soundtrack) - Länge: 0'45 Sprecherin Alle Bedenken von Ärzten, Modevorschriften oder gesellschaftliche Erwartungen können Frauen über kurz oder lang aber nicht aufhalten, auf Fahrräder zu steigen. Zitatorin Susan B. Anthony „Ich denke, es hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als irgendetwas anderes auf der Welt.“ Sprecherin Sagt die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B: Anthony schon 1896 in einem Interview Zitatorin Susan B. Anthony „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich eine Frau auf einem Fahrrad sehe. Es gibt Frauen ein Gefühl von Freiheit und Selbstvertrauen." ZSP 10 OT Florack „Es wird individuell sehr zur Emanzipation beigetragen hatte, weil sie auf einmal einen ganz anderen Bewegungsradius hatte. Sie konnten beim Sport ihre Kleidung anders gestalten, sie konnten raus in die Natur, sie konnten sich leichter mit Freundinnen treffen. Es wurde manches aufgebrochen. Und ich glaube schon oder bin überzeugt, dass es für manche Frauen durchaus stärkend war.“ Sprecherin Allerdings sagt die Historikerin auch, dass nicht jede Fahrradfahrende Frau im Deutschen Kaiserreich ihr Tun gleich als politisches, feministisches Statement versteht. ZSP 11 OT Florack „Man darf sich jetzt aber keine kämpferische Klientel vorstellen, jedenfalls nicht so, wie es aus den Quellen nachvollziehbar ist. Es gab extra Frauenradzeitschriften, da wurde manches diskutiert, da wurden die medizinischen Auseinandersetzungen und so weiter reflektiert, es wurde auch mal gesagt – in meinen Worten – das ist ja Quatsch. Aber es wird nicht verbunden mit einem: So jetzt müssen wir heraustreten aus dem, was uns als Zwängen auferlegt ist als bürgerliche Frauen.“ Sprecherin In Deutschland ist das Fahrrad also nicht Symbol und Mittel einer Frauenrechtsbewegung geworden. Anders ist das in Großbritannien. Alice Hawkins aus Leicester arbeitet um 1900 herum in einer Fabrik – und setzt sich dafür ein, dass Frauen die gleiche Bezahlung erhalten sollen wie Männer. Und: Das Wahlrecht. Sie gründet den Ableger der WSPU in Leicester – also der Women’s Social and Political Union – besser bekannt als Suffragetten. Um ihre Ideen auch in umliegenden Ortschaften zu verbreiten und sich mit Gleichgesinnten zu treffen, benutzt sie: das Fahrrad. So legt sie Strecken zurück, die zu Fuß nicht möglich gewesen wären. 1907 gründet Flora Drummond die WSPU Cycling Scouts. Jeden Samstag trifft sich die Gruppe auf einem Platz in London und fährt los, auch aus der Stadt raus, um ihre Ideen zu verbreiten. Dabei tragen die Frauen lila, weiß und grün – die Farben der Suffragetten und Flaggen der Women’s and Social Political Union flattern am Fahrrad. Nach teils militanten Aktionen ist das Fahrrad auch oft das Mittel zur Flucht – manche Frauen schaffen es so, dem Gefängnis zu entkommen. Auf Fotos der britischen Suffragetten sieht man sie oft mit Fahrrädern. Manchmal ist das Fahrrad beiläufig dabei, manchmal posieren die Frauen damit. Das Rad ist damals das einfachste, schnellste und unabhängigste Fortbewegungsmittel für die Frauen. Arbeiterinnen sind in ihrer knapp bemessenen Freizeit sonst zu Fuß unterwegs, Frauen der oberen Schichten verbringen viel ihrer Zeit in Innenräumen oder werden in Kutschen umhergefahren. Das Beispiel der Suffragetten zeigt, wie wichtig eine unabhängige, schnellere Mobilität für politische Arbeit ist, um sich überhaupt austauschen und vernetzen zu können. Musik 12 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'29 Sprecherin Wie sehr das Fahrradfahren emanzipiert, ist auch schon nach wenigen Tagen beim Kurs für Frauen mit Migrationsgeschichte auf der Theresienwiese spürbar. Mittlerweile drehen fast alle Frauen schon sicher ihre Runden auf der riesigen Fläche. Abeer aus dem Irak ist nicht mehr zu bremsen. Zsp E Abeer „Es ist ein sehr schönes Gefühl, dass ich kann Fahrradfahren. Ich fühle mich wie fliegen, wie Vogel“ Sprecherin Für Angeline aus Kenia bedeutet es Zsp F Angeline „Freedom, you feel the air, coming to your face, it is really nice. I think this week we can go have a look for a bike for me“ Sprecherin OV: Freiheit, man fühlt die Luft im Gesicht, es ist toll. Ich denke nächste Woche können wir nach einem Fahrrad für mich schauen. Sprecherin Was sagen die Frauen hier zu dem Satz der Frauenrechtlerin Susan B. Anthony, das Fahrrad hätte mehr für die Emanzipation der Frau getan als irgendetwas anderes auf der Welt? Zsp G Angeline: „Yeah Yeah, true, it really opens up. Because imagine I take my son from school, I need 15 Minutes, so it is 30 minutes… in 30 minutes I can do a lot oft hings. You get more time to do things that matter.“ Sprecherin OV Ja, das ist wahr, es gibt mehr Möglichkeiten. Wenn ich meinen Sohn zur Schule bringe, brauche ich 15 Minuten, also 30 insgesamt. In 30 Minuten kann ich so viel tun – man bekommt mehr Zeit um wichtige Dinge zu tun.“ Musik 13 "Los mundos sutiles (Part II)" - Album: Los mundos sutiles - Komponist und Ausführender: Pascal Gaigne - Zeit: 0'30 Zsp H Ayyah: „Ich dachte, ich könnte nicht Fahrradfahren, weil man das als Kind lernen muss. Aber besonders in Arabische Kultur, ist nicht normal das viele Leute Fahrradfahren. Aber jetzt danach, ich hab das Gefühl, ich könnte alles machen.“
- Die Kreuzotter - Gut getarnt und giftig
16.07.2025 · 22 Min.
Kreuzottern sind die einzigen Giftschlangen Bayerns. Angst müssen Menschen aber nicht haben: Weil ihre Lebensräume immer kleiner werden, sind die Schlangen mit dem typischen Zickzackmuster inzwischen selten. Von Claudia Steiner (BR 2025) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Frank Halbach Es sprach: Irina Wanka Technik: Anton Wunder Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Paul Hien, Reptilienexperte und Tierfilmer Max Prietzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum am Bayerischen Landesamt für Umwelt Tobias Windmaißer Bund Naturschutz in Bayern Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Schlangengrube - WirTier Markus hat als Tierarzt eine Mission: Reptilien vor Leid bewahren. Er kümmert sich um Schlangen aus Qualzuchten oder auch um exotische Tiere, die als Ware illegal gehandelt und wenig artgerecht gehalten werden. Host Vici nimmt für WirTier ihren Mut zusammen: Schafft sie es, Schlangen auf Augenhöhe zu begegnen? HIER geht es zur Folge. Wildtiere erobern die Großstadt - Waschbär, Fuchs und Fledermaus JETZT ENTDECKEN Das Reh - Scheuer Waldbewohner im Kreuzfeuer JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Die Alpenkreuzotter aus der Zeitschrift für Feldherpetologie HIER Kreuzottern - faszinierend und gefährdet - Website des Bayerischen Landesamt für Umwelt HIER Lebensräume der Kreuzotter kennen und schützen Website NABU Baden-Württemberg HIER Scheue Sonnenanbeterin - Die Kreuzotter im Porträt Website NABU HIER Kreuzotter - Vipera berus Website Herpetofauna.at HIER Achtung Kreuzotter - ARD Mediathek HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Wald 01 Zsp Kreuzotter Paul Hien Kreuzottern sind in mehrerlei Hinsicht Schlangen der Superlative. Also, es fängt schon mal an, dass sie die größte Verbreitung aller Landschlangen der Welt hat. Das reicht von Schottland quer durch Eurasien bis hinter fast bis nach Japan. Und in Europa geht sie zum Beispiel in Norwegen sogar über den nördlichen Polarkreis raus – als einzige Schlange der Welt. Und im Süden bis zum Balkan. Und in ihrem Riesengebiet hat man mittlerweile schon mehrere Unterarten beschrieben. MUSIK „Nomad Theme“; ZEIT: 01:16 SPRECHERIN … sagt der Reptilienexperte und Tierfilmer Paul Hien. Er berät den Nationalpark Bayerischer Wald und gibt dort Kreuzotter-Führungen. In Deutschland begegnet man Kreuzottern unter anderem in der Norddeutschen Tiefebene und in den östlichen Mittelgebirgen. In Bayern kommen die Schlangen mit dem typischen Zickzackmuster auf dem Rücken vor allem im Norden, im Voralpenland und in den Alpen vor, sogar bis auf eine Höhe von über 2.200 Metern, in der Schweiz sogar bis auf 3.000 Höhenmeter. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN 2024 war die Kreuzotter in Deutschland „Reptil des Jahres 2024“. Doch die einzige Giftschlange Deutschlands wird immer seltener. Inzwischen wird sie bundesweit auf der Roten Liste geführt. Sie gilt als stark gefährdet. Im Freistaat ist die Schlange in Gebieten außerhalb des Alpen- und Alpenvorlandes sogar vom Aussterben bedroht. Sie zu töten, steht unter Strafe. Das war nicht immer so. Die gut getarnte Kreuzotter war lange gefürchtet, denn beim Torfstechen, bei der Heuernte oder bei Waldarbeiten kam es immer wieder zu Begegnungen zwischen Tier und Mensch und manchmal auch zu schmerzhaften Bissen. Der Amphibien- und Reptilienexperte Max Prietzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum am Bayerischen Landesamt für Umwelt. MUSIK ENDE 02 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Es wurden tatsächlich auch Kopfgeldprämien auf erschlagene Tiere ausgezahlt. Das lief tatsächlich auch noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts, also nach dem Zweiten Weltkrieg. SPRECHERIN Im 19. Jahrhundert wurden allein um Baiersbronn im Schwarzwald pro Jahr rund 100 getötete Schlangen abgeliefert. Laut NABU Baden-Württemberg sind auf diese Weise im Nordschwarzwald die Bestände in nur 100 Jahren um etwa 90 Prozent zurückgegangen. Hinzu kommt, dass der Lebensraum der Schlangen immer kleiner wird. So wurden zum Beispiel in Bayern zahlreiche Flüsse wie der Lech und die Isar begradigt. Flussauen verschwanden. Auch viele Moore wurden trockengelegt, riesige Flächen versiegelt. Max Prietzel: 03 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Und natürlich kam dann auch noch die land- und forstwirtschaftliche Intensivierung mit dazu, also die Umwandlung gerade von diesen Standorten und Lebensräumen, die davor nicht ganz so in der Nutzung waren. SPRECHERIN So sind nach und nach wichtige Strukturen für die in Bayern etwa 50 bis 70 Zentimeter lange Schlange verlorengegangen. MUSIK „Natural Harmony“; ZEIT:. 00:49 SPRECHERIN Die zur Familie der Vipern gehörenden Reptilien sind wechselwarm. Das heißt, ihre Körpertemperatur hängt von der Umgebungstemperatur ab. Besonders agil sind die Schlangen, wenn es warm ist. Morgens suchen sie gerne lichte Stellen zum Beispiel in der Nähe von Heidelbeersträuchern auf, um sich dort ungestört in die Sonne zu legen. Sie können ihre Rippen abspreizen: Dadurch wird ihre Körperoberfläche größer und sie können noch mehr wärmende Sonnenstrahlen einfangen. Sonst mögen Kreuzottern aber eher kühle und feuchte Lebensräume wie Heide, Torfmoore und Grasland mit Tümpeln. Paul Hien: MUSIK ENDE 04 Zsp Kreuzotter Paul Hien Kreuzottern haben relativ hohe Ansprüche an ihren Lebensraum. Ich nenne sie immer den Mercedes unter den Kriechtieren, also da wo es die Kreuzotter noch gibt, da gibt es eigentlich die anderen Arten auch noch alle und eine Kreuzotter braucht halt richtige Wildnis. SPRECHERIN Als Unterschlupf – auch im Winter - suchen sie sich frostsichere Steinhaufen, Felsspalten, Totholzhaufen, Mäusegänge oder Lücken im Wurzelwerk großer Bäume. Im Bayerischen Wald zum Beispiel wurden früher aus Äckern Steine und Felsbrocken gelesen, um Flächen für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Die Steine wurden entlang der Felder und Äcker aufgeschüttet – diese Haufen waren ideale Sonnenplätze und Rückzugsorte für die Ottern. Doch diese Strukturvielfalt gibt es inzwischen nur noch in wenigen Regionen. ATMO Wald SPRECHERIN Deshalb braucht die Kreuzotter inzwischen Unterstützung. Ein großes Naturschutzprojekt in Deutschland, das auch der Viper zugutekommt, ist das Grüne Band entlang der etwa 1.400 Kilometer langen, ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Hier – entlang des Eisernen Vorhangs – wurde der Grenzstreifen 40 Jahre lang aus militärischen Gründen offengehalten und nicht landwirtschaftlich genutzt. Naturschützer versuchen, den Artenreichtum dort zu erhalten. MUSIK „Roof of the world”; ZEIT: 00:52 SPRECHERIN Und dann gibt es noch das Grüne Band Europa, das vom Eismeer im Norden bis zur Adria und dem Schwarzen Meer reicht. Im Grenzbereich zwischen Bayern und heute Tschechien gab es viele Jahre ein absolutes Sperrgebiet auf tschechischer Seite, in dem die Natur sich selbst überlassen wurde. Der Innere Bayerische Wald wiederum war lange und ist vielerorts immer noch von kleinbäuerlicher Landwirtschaft geprägt. Die Region ist bekannt für ein artenreiches Mosaik aus Kultur- und Naturlandschaften, doch auch hier verändert sich die landwirtschaftliche Nutzung. Deshalb versuchen Naturschützer, die Vielfalt zu bewahren oder wieder aufzubauen. Tobias Windmaißer ist beim Bund Naturschutz in Bayern für die Vernetzung des Grünen Bandes im Inneren Bayerischen Wald zuständig. MUSIK ENDE 05 Zsp Kreuzotter Tobias Windmaißer Wir konnten auf mehreren Flächen die Attraktivität für die Kreuzotter erhöhen, dadurch dass wir Totholzhaufen und Lesesteinriegel angelegt haben. Viele Flächen werden extensiv beweidet und Teilbereiche nur sporadisch gemäht. Das alles führt zu einer höheren Strukturvielfalt auf der Fläche. Und zum Beispiel brauchen junge Kreuzottern als Nahrung die Hüpferlinge, also die Larven von Amphibien wie dem Grasfrosch. Die kommen natürlich nur vor, wenn auf der Fläche auch Tümpel oder kleine Gewässer vorliegen. Und die haben wir aktiv reaktiviert oder neu angelegt. Und das in der Summe führt dann dazu, dass die Flächen für die Kreuzotter besser geeignet sind. SPRECHERIN Solche Maßnahmen zeigen Wirkung: Auf einigen wenigen, besonders abwechslungsreichen Flächen im Bayerischen Wald können Experten zuletzt zur Paarungszeit mehrere Tiere auf einmal beobachten. Tobias Windmaißer: 06 Zsp Kreuzotter Tobias Windmaißer Und mittlerweile ist dieses Gebiet in Anführungszeichen eine Paarungsarena geworden für die Kreuzotter. Und dort wurden schon einmal über zwei Dutzend Exemplare auf einmal gezählt. Sowas ist allerdings wirklich eine Seltenheit. SPRECHERIN In Bayern kommen die Schlangen inzwischen nur noch in abgegrenzten Gebieten vor. Ziel der Umweltschützer ist es, die Lebensräume zu erhalten und falls möglich - die Gebiete wieder zu vernetzen, so dass es zu einem genetischen Austausch kommt. Oft sind die Populationen aber so stark isoliert, dass dies schwierig ist. Max Prietzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum: 07 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Kleine, stark isolierte Populationen, denen fehlt natürlich der genetische Austausch und das kann natürlich durch genetische Prozesse zu einer Verarmung (…) und dementsprechend zu geringerer Reproduktion bis hin zum Aussterben der Population führen. (…) Es laufen tatsächlich Studien, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, unter anderem in Schweden gibt es ein sehr ausführliches Beispiel, da wurde eine Population (…) über mehrere Jahre untersucht und die war eben stark verarmt und man hat dann aus einer nahen Population einzelne Tiere, in dem Fall männliche Tiere, in diese Population eingebracht und konnte eben relativ schnell Erfolge sehen. SPRECHERIN Die Reproduktionsrate stieg, heißt: es gab wieder mehr Jungtiere. Aber auch die Zahl der Tiere insgesamt nahm zu. In Bayern greift man noch nicht zu solchen Maßnahmen, sagt Max Prietzel. 08 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Da ist ein weiteres Problem natürlich, dass wir aktuell tatsächlich noch zu wenig zur Genetik der Art selber wissen, also erst vor relativ kurzer Zeit, (…) ist eine neue genetische Unterart, die Alpenkreuzotter, auch in Bayern festgestellt worden und da ist es natürlich so, dass man, wenn man da Tiere aus sehr stark unterschiedlichen Regionen miteinander verbringt, dass dann natürlich da auch Effekte auf die genetische Diversität wirken, also dass das natürlich auch zu Nachteilen führen kann. Dementsprechend brauchen wir da eigentlich erstmal noch deutlich fundiertere Daten, um in diese Richtung denken zu können. ATMO Donner & Regen, Wind MUSIK privat Take 009 „Dusty Rain”; Album: Mind of Tesla; Label: CD Baby; Interpret: Kim Merlino; Komponist: Kim Merlino; ZEIT: 00:29 SPRECHERIN Je nach Witterung suchen sich die Schlangen im Herbst oder Spätherbst ein Winterquartier – zum Beispiel frostsichere Höhlen oder Hohlräume unter Steinhaufen. Etwa von Oktober bis März verbringen die Tiere, die sonst als Einzelgänger unterwegs sind, dann oft zusammen mit Artgenossen. Sie müssen etwa ein halbes Jahr ohne Nahrung auskommen. Völlig regungslos sind sie aber auch im Winter nicht. MUSIK ENDE MUSIK „Particle“; ZEIT: 01:20 SPRECHERIN Im Frühjahr kommen dann zunächst die Männchen aus ihren Winterquartieren. Sie legen sich in der Nähe ihres Schlafplatzes zum Aufwärmen in die Sonne. In diesen Wochen reifen ihre Spermien. Ab April häuten sich die Reptilien dann. Da die Haut nicht mitwächst, muss die zu klein gewordene Haut regelmäßig abgestreift werden. Dies geschieht vier bis fünf Mal im Jahr, indem die Tiere zum Beispiel über Steine oder Baumstümpfe kriechen. Dabei wringen sie sich aus der zu eng gewordenen Haut wie Menschen aus einer zu engen Jeans. Zurück bleibt das sogenannte Natternhemd. Im neuen, silber-schwarzen Hochzeitskleid steht dann im April und Mai die Paarung an. Kreuzottern werden im Alter von drei bis vier Jahren geschlechtsreif. Die paarungsbereiten Weibchen sondern Pheromone ab. Die etwas kleineren Männchen folgen dem Duft. Sinneszellen auf ihrer gespaltenen Zunge ermöglicht es ihnen, räumlich zu riechen und die Weibchen zu finden. Wenn auch andere Männchen um das Weibchen buhlen, findet ein Ringkampf statt. Dazu richten die konkurrierenden Männchen ihre Vorderkörper auf und umschlingen sich. Jeder versucht, seinen Kopf über den des anderen zu schieben und den Gegner auf den Boden zu drücken. Das unterlegene Männchen bei den ritualisierten Kommentkämpfen ergreift die Flucht. Der Sieger kommt zum Zug. Paul Hien: MUSIK ENDE 09 Zsp Kreuzotter Paul Hien Also die setzen niemals ihre Giftzähne ein. (…) Das sind so rituelle Kämpfe. Da wird nur kurz geschaut, wer ist der Stärkere, ohne dass man jemanden wirklich verletzen will. (…) SPRECHERIN ((Bei der Paarung kriecht das Männchen mit zuckenden Bewegungen über das Weibchen und berührt es immer wieder mit der Zunge. Dann erfolgt die Begattung, indem die sogenannten Kloaken aneinandergepresst werden.)) Der Paarungsakt kann mehr als zwei Stunden dauern, erzählt Reptilienexperte Paul Hien. 10 Zsp Kreuzotter Paul Hien Und es ist so, dass sich ein Weibchen mit mehreren Männchen paaren kann. Und da kann sogar der Wurf mehrere Väter (…) haben. (…) Nach dem Paaren versucht das Männchen, sein Weibchen dann noch eine Weile zu beschützen vor anderen Männchen. Weil je mehr sich damit paaren, desto weniger Chancen hat das erste Männchen, dass seine Gene dann tatsächlich weitergegeben werden. MUSIK „Natural Harmony“; ZEIT: 01:04 SPRECHERIN Kreuzottern gehören zu den ovoviviparen Reptilien. Ovovivipar bedeutet Ei-Lebend-Geburt. Das heißt: Die Weibchen brüten die Eier acht bis zehn Wochen im Körper aus und legen sich dazu jeden Tag in die Sonne. Zwischen August und Oktober kommen dann mehrere Jungschlangen lebend zur Welt, umhüllt von einer dünnen, durchsichtigen Eihülle. Diese müssen die neu geborenen, bis zu zwölf Zentimeter langen Schlangen zerreißen. Kurz darauf häuten sie sich zum ersten Mal. Die Jungtiere sind sofort selbstständig. Sie ernähren sich hauptsächlich von jungen Gras- oder Moorfröschen. Dafür bewegen sie ihren kleinen Schwanz hin- und her. Für die Frösche sieht der winkende Schlangenschwanz wie ein fetter Wurm aus. Wenn die Hüpferlinge in Reichweite sind, beißen die kleinen Jungvipern, die bereits Gift haben, zu. Doch es gibt immer weniger Frösche, sagt Max Prietzel. MUSIK ENDE 11 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Wir haben jetzt in den letzten Jahren, auch klimawandelbedingt, sehr starke Rückgänge, vor allen Dingen von Grasfrosch und diese frisch metamorphierten Hüpferlinge, die spielen eben eine wichtige Rolle bei den jungen Kreuzottern und durch den Rückgang eben des Grasfrosches sind langfristig auch Auswirkungen auf die Kreuzotterbestände zu befürchten. SPRECHERIN Ein weiterer Grund für den Rückgang der Amphibien wie dem Grasfrosch: Sie reagieren sehr empfindlich auf Umweltgifte oder auch Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat. ((Kreuzotter-Experte Paul Hien: 12 Zsp Kreuzotter Paul Hien Amphibien geht es gerade richtig schlecht weltweit. Und wenn es den Amphibien schlecht geht, geht es leider auch den Kreuzottern schlecht. )) SPRECHERIN Adulte, also ausgewachsene Schlangen jagen Eidechsen, Frösche, Feld-, Wald- oder Spitzmäuse. Paul Hien: 13 Zsp Kreuzotter Paul Hien Und die ausgewachsenen Ottern, die sind dann auf Mäuse spezialisiert und dieser langgestreckte Körper von einer Schlange, der ist natürlich perfekt dazu geeignet, dass man in ein Mauseloch hineinschlüpft und die Maus da drin direkt fangt. Das kann natürlich ein anderer Beutegreifer in der Form nicht, wie zum Beispiel ein Fuchs oder der Bussard. Der muss eben warten, bis die Maus rauskommt oder danach graben. SPRECHERIN Über ihre gespaltene Zunge können die Ottern räumlich Geruchsspuren erfassen und potenzielle Beutetiere verfolgen. Max Prietzel: 14 Zsp Kreuzotter Max Prietzel Und dann, wenn sie die Tiere aufgespürt haben, sind sie eigentlich ein Lauerjäger. Also sie warten eigentlich, dass das Tier in Reichweite kommt, um dann eben zum Giftbiss anzusetzen und das Tier zu beißen. SPRECHERIN Dazu werden die beiden im Oberkiefer im Ruhezustand nach hinten geklappten Giftzähne nach vorne aufgestellt. Die beiden hohlen Zähne sind am Kiefer mit einer Giftdrüse verbunden. Von dort fließt das Gift in Sekundenbruchteilen durch die Zähne in die Bisswunde. Nach dem Biss lassen die Schlangen die Beute los und warten einige Sekunden oder Minuten, bis das Gift auf das Herz-Kreislaufsystem des Opfers gewirkt hat. Die Schlangen verfolgen das mit letzter Kraft flüchtende Tier und verschlingen es dann vom Kopf aus im Ganzen. ((Damit die Schlange beim Schlingen atmen kann, stülpt sie ihren Kehlkopf nach vorne.)) Pro Jahr frisst eine ausgewachsene Kreuzotter etwa 20 bis 30 Kleintiere. ATMO (Laubrascheln, Schritte, Menschen im Wald) MUSIK privat Take 003 „Children of Pizzicato”; Album: Perfect Fith Intervals; Label: 2018 Hoshow Mitani; Interpret: Hoshow Mitani; Komponist: Hoshow Mitani; ZEIT: 00:50 SPRECHERIN Menschen werden selten gebissen. Weil die scheuen Kriechtiere Erschütterungen wahrnehmen können, sind sie in der Regel längst geflohen, wenn Menschen in ihre Nähe kommen. Nur wenn man versucht, das Reptil anzufassen, beim Beerensammeln oder bei Waldarbeiten aus Versehen auf sie tritt oder sich die Schlange bedroht fühlt, beißt sie auch bei Menschen zu. Das Gift der Kreuzotter ist zwar stark und bis zu dreimal so giftig wie das der Klapperschlange - aber sie verfügt nicht über große Giftmengen. Für einen gesunden Erwachsenen ist ein Kreuzotterbiss vor allem schmerzhaft. ((Je nach abgegebener Giftmenge und Gesundheitszustand kann es auch zu Übelkeit, Schwindel und Atemnot kommen.)) In der Regel ist ein Biss aber nicht lebensgefährlich. Paul Hien: MUSIK ENDE 15 Zsp Kreuzotter Paul Hien So wie alle anderen Giftschlangenarten auch, kann die Kreuzotter ihr Gift beim Biss dosieren. Es kann sein, dass überhaupt kein Gift eingesetzt wird, das ist dann ein sogenannter Trockenbiss oder man bekommt eine volle Dosis ab oder irgendwas dazwischen. Normalerweise wird eine Kreuzotter immer versuchen, ihr Gift sparsam, so sparsam wie möglich einzusetzen und nicht an den Menschen zu verschwenden, weil den kann sie ja letztendlich nicht fressen. SPRECHERIN Bei den meisten Patienten kommt es nur zu einer Rötung und Schwellung an der Bissstelle. Ein Antiserum, also Gegengift, muss nach einem Kreuzotterbiss nur sehr selten eingesetzt werden, zum Beispiel wenn schwere Herz-Kreislauf-Probleme auftreten. Dennoch empfehlen Mediziner, das betroffene Körperteil nach einem Biss zu schienen und sich nicht anzustrengen. Denn je niedriger die Herzfrequenz, desto langsamer verteilt sich das Gift im Körper. Auch sollten Menschen, die gebissen wurden, zur Sicherheit zum Arzt gehen. Abbinden oder die Wunde auszusaugen wird nicht empfohlen – im Gegenteil, dies kann die Symptome eher verschlimmern. Manchmal kommt es auch zu Bissen, weil die Kreuzotter verwechselt wird, zum Beispiel mit der ungiftigen Ringelnatter. Dabei hat die Ringelnatter kein Zickzackmuster und anders als die Kreuzotter runde und nicht schlitzförmige Pupillen. Doch die sehr unterschiedlichen Färbungen von Kreuzottern führen dazu, dass sie oft nicht erkannt wird. Es gibt silbergraue, hell- und dunkelgraue, braune, blau-graue, orangene, rotbraune oder kupferrote Exemplare. Einfarbig kupferfarbene Tiere werden Kupferottern genannt. Und es gibt auch schwarze Kreuzottern – auch bekannt unter dem Namen Höllenotter oder Bergviper. Paul Hien: 16 Zsp Kreuzotter Paul Hien Die Kreuzotter ist eine polymorphe Art, das heißt, die sind individuell sehr unterschiedlich gefärbt und gezeichnet. Also bei Tieren ist sowas generell sehr selten, weil normalerweise sind die Tiere halt farblich perfekt an ihre Umgebung angepasst und die Kreuzotter besticht aber da durch eine Vielfalt, die ist unglaublich und es gibt kaum eine andere Schlangenart auf der Welt, die derart variabel ist. ((Also die meisten haben ja dieses namensgebende Zickzackband am Rücken, aber auch da gibt es unglaublich viele Varianten, da schauen wirklich keine zwei gleich aus.)) SPRECHERIN Vor allem vor der schwarzen Kreuzotter war die Furcht groß. Lange Zeit glaubten die Menschen fälschlicherweise, dass die schwarzen Exemplare giftiger seien als heller gefärbte Tiere. Atmo (Schrei von Greifvogl) SPRECHERIN Trotz ihres potenten Gifts hat auch die Kreuzotter natürliche Fressfeinde. So werden die Schlangen von Greifvögeln wie dem Mäusebussard oder dem Schwarzmilan, aber auch von Raben erlegt. Auch Marder, Dachse, Füchse und Fischotter fressen die Schlangen. Die Liste der Prädatoren ist lang, sagt Max Pritzel vom Bayerischen Artenschutzzentrum: 18 Zsp Kreuzotter Max Pritzel In letzter Zeit häufen sich auch die Hinweise, dass die erhöhte Schwarzwilddichte lokal sehr stark auf die Kreuzotter-Populationen wirkt. Die Wildschweine können die Kreuzottern vor allen Dingen in den Winterquartieren aufspüren durch ihren guten Geruchssinn und dann natürlich auch ausgraben und fressen ((und dementsprechend ist es vor allen Dingen auch wichtig, dass Kirrungen in kreuzottersensiblen Gebieten natürlich entsprechend verlegt werden. SPRECHERIN Unter Kirrung versteht man einen Ort, an dem Futter ausgebracht wird, um Wild anzulocken und zu bejagen. Kirrungen in offenere Waldbereiche oder an Waldränder sollten deshalb vermieden werden, weil diese Bereiche Hotspots für Kreuzottern sind. Durch die erhöhte Frequenz der Wildschweine aufgrund der Kirrungen steigt die Gefahr, dass die Tiere im Umkreis aus den Winterquartieren ausgebuddelt werden.)) Unter anderem durch den Maisanbau hat sich Schwarzwild, also Wildschweine, stark vermehrt. Wie viele Wildschweine in Bayern in den Wäldern leben, ist unklar. Klar ist nur, dass ihre Zahl über die Jahrzehnte deutlich zugenommen hat und durch Jagd immer wieder reduziert werden muss. Hinzu kommen neue Feinde, sagt Paul Hien: 19 Zsp Kreuzotter Paul Hien Der Mensch hat Waschbär oder Marderhund eingeführt, die gab es vorher überhaupt nicht und es werden auch immer mehr Hauskatzen, Freigängerkatzen, die den Tieren draußen das Leben schwer machen. MUSIK „Wave“; ZEIT: 00:53 SPRECHERIN Weniger Lebensräume, mehr Feinde, mehr Landwirtschaft, mehr Umweltgifte – für die Kreuzotter bei uns wird es eng – und das wirkt sich nicht nur auf das Überleben der Schlangen aus. Paul Hien: 20 Zsp Kreuzotter Paul Hien Reptilien und vor allem Amphibien sind wie eine Art Frühwarnsystem. (...) Das ist wie mit dem Kanarienvogel, den man früher in Kohleminen mit reingenommen hat. Allerdings haben viele Menschen nicht verstanden, dass es dabei eigentlich gar nicht um den Kanarienvogel geht. Also im übertragenen Sinne geht es halt bei dem Schutz von Reptilien und Amphibien eigentlich um unsere eigene Zukunft. Also ohne Tiere funktionieren halt keine Ökosysteme und ohne funktionierende Ökosysteme haben wir ein massives Problem irgendwann.
- Gotische Bilderwelten - "Völlig losgelöst von der Erde"
16.07.2025 · 24 Min.
"Es werde Licht, es geht immer weiter aufwärts", so könnte man einen Stil umschreiben, der sich ab Mitte des 12. Jahrhunderts von England aus in ganz Europa durchgesetzt hat. Die sogenannte "Gotik". Die Gotik brachte, um es ein wenig salopp zu sagen, ein wenig Licht ins vermeintlich dunkle Mittelalter. (BR 2023) Autor: Martin Trauner Credits Autor dieser Folge: Martin Trauner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Johannes Hitzelberger Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Prof. Heidrun Stein-Kecks, Department Medienwissenschaften und Kunstgeschichte - Institut für Kunstgeschichte Erlangen; Dr. Matthias Weniger, Bayerisches Nationalmuseum Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Die Geschichte der Glasarchitektur - Durchlässig für Licht JETZT ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK und evtl. Atmo ZITATOR (Goethe) Als ich das erste Mal nach dem Münster ging, hatte ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntnis guten Geschmacks. Auf Hörensagen ehrte ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen … SPRECHERIN Schreibt im 18. Jahrhundert der damalige Jurastudent Johann Wolfgang Goethe. Er war Anfang zwanzig, einigermaßen gebildet und er war zum Studieren in Straßburg gelandet. Also wollte er, wie man das halt in einer neuen, fremden Stadt so macht, er wollte sich die Kirche, das Münster anschauen… Die Kirche war schon damals vor langer Zeit, für Goethe muss das wohl im finstersten Mittelalter gewesen sein, im sogenannten „gotischen Stil“ erbaut worden… ZITATOR (Goethe) Ich war ein Feind der verworrenen Willkürlichkeiten gotischer Verzierungen. SPRECHERIN Diese Verworrenheit hätte der junge Goethe, der ja auch in seinen jungen Jahren schon alles wusste, natürlich sofort auf den ersten Blick erkannt, aber zur Sicherheit hatte er in einem damaligen Wörterbuch, also einer Enzyklopädie 18. Jahrhunderts nachgeschlagen. Da stand freilich nichts Gutes drin über die Gotik… Das Wörterbuch schreibt (von …) ZITATOR (Goethe) … von Unbestimmtem, Ungeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem… SPRECHERIN Also: Von aufwändig gestalteten Gewölben und von Spitzbögen; von viel zu großen, und viel zu bunten Fenstern; ja: und alles strebt in die Höhe, alles irgendwie vertikal… Alles zusammengewürfelt. Scheußlich. Oder nicht? - Goethe überlegt tatsächlich, ob er das Straßburger Münster überhaupt betreten soll… MUSIK und Atmo aus SPRECHERIN Kurz mal eine Pause. Verlassen wir mal Goethe in Straßburg. – Begeben wir uns - wie der spätere Großdichter Goethe - auf eine Spurensuche und fragen mal bei heutigen Experten nach. - Was eigentlich bedeutet heutzutage der Begriff „Gotik“? 001 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) (Stöhnt) – Schwieriger Begriff, weil er eine lange Geschichte hat und weil er, einerseits, sehr bekannt ist, weil jeder was mit Gotik anfangen kann… aber doch das Ganze differenzierter gesehen werden muss.. SPRECHERIN Sagt Heidrun Stein-Kecks, Professorin für Kunstgeschichte… Wobei? Erkennen wir auch heute noch – so wie Goethe damals – erkennen wir Gotik auf den ersten Blick? 002 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Ja, auf den ersten Blick erkennt’s man freilich an den Spitzbögen und an dem Gewölbe, an den Dimensionen, an der Höhenentwicklung, am bestimmten Vertikalismus, an den Glasfenstern, also alles solche Dinge, die man sehr leicht erkennt und die auch allseits bekannt sind… Aber das alleine bedeutet nicht den Unterschied zwischen Gotik und Romanik SPRECHERIN Nochmals zum Begriff der Gotik. Das klingt ja schon irgendwie nach den Goten? - Gotik und Goten, gibt’s da eine Verbindung? 003 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Also es stimmt tatsächlich, dass der Begriff der „Gotik“ von den Goten abgeleitet wird. Das geht zurück auf einen Autor des 16. Jahrhunderts … SPRECHER (ZITATOR) Auf Giorgio Vasari. Der war ein Italiener. Aus dem 16. Jahrhundert. Er schrieb Künstlerbiographien. Und er teilte die Welt der Kunst in „Stilepochen“ ein. Also erfand er Begriffe wie „Manierismus“, „Renaissance“ oder auch die „Gotik“. Die Gotik oder die Goten, die mochte er freilich nicht. Die Goten, das waren die Deutschen… Er glaubte… 004 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) …dass die Goten diejenigen waren, die das römische Reich zerstört haben. Und zugleich aber auch alles damit Verbundene in der Architektur, also alle antike Architektur im Römischen Reich zerstört haben, in den vielen Kriegen, die sie geführt haben (…) Und niemand wusste mehr, wie man gut baut. Also das Wissen um eine gute Architektur ist vollständig verloren gegangen. Durch den Einfall der Goten und der Zerstörung des Römischen Reiches. MUSIK und ATMO (Straßburger Dom) SPRECHERIN Aber jetzt nochmals zurück zu Goethe, zu dem Moment, als er in das Straßburger Münster reingehen will: Die Goten, die waren also halbwilde Halsabschneider, das dachte auch Goethe seinerzeit. Die Kunst der Gotik, die Kunst des Mittelalters, die muss folglich – Giorgio Vasari hatte es ja so geschrieben - barbarisch gewesen sein… ZITATOR (Goethe) Ich war nicht gescheiter als ein Volk, das die ganze fremde Welt barbarisch nennt. Es hieß alles „Gotisch“, was nicht in mein System passte. Also: „Ganz vom Zierat erdrückt.“ SPRECHERIN Vielleicht kann man Goethes Eindrücke am besten mit Musik nachvollziehen. Eine so alte Kirche wie das Straßburger Münster, die hätte Goethe gerne im Sinne der Romanik gesehen, also die Kunst aus der Zeit vor der Gotik... Dunkel, ein paar Kerzen, bescheiden, gregorianische Choräle, natürlich einstimmige Musik … Also in etwa so… MUSIK „Sederunt“ – „langweilige“ Gregorianik SPRECHERIN Und dann betritt Goethe das Straßburger Münster. Eine „neue Musik“ empfängt ihn, die Kunst der „Ars Nova“. Es ist die Kunst der, ja, nennen wir sie einfach mal so, die Kunst der Gotik. - Mehrstimmige Musik. Die war extra für den gotischen Kirchenraum komponiert worden … MUSIK „Sederunt“ - Perotin SPRECHERIN Es werde Licht! 005 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Es war schon das Gefühl der ganzen Epoche, was sich auch in der Musik natürlich fortgesetzt hat (…) ZITATOR (Goethe) Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davor trat. Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte … SPRECHERIN Der Baumeister des Münsters, erkannte Goethe, muss ein Genie gewesen sein. Denn er brachte den Himmel auf Erden… MUSIK hoch und aus 006 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Mit der Gotik kommt ja Licht in ganz anderer Form in die Kirchen hinein. Und das sieht man den Kunstwerken natürlich auch an. Romanische Kirchen waren sehr dunkel oft, hatten nur kleine Fenster (…) in der Gotik werden die Wände geöffnet, durch die riesigen Fenster. SPRECHERIN Sagt der Kunsthistoriker Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum in München… ATMO Bayerisches Nationalmuseum 007 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Also, wir stehen jetzt hier im Kirchensaal des Bayerischen Nationalmuseums mit viel gotischer Kunst… SPRECHERIN Der sogenannten Kirchensaal sieht aus wie eine kleine gotische Kirche, also halt so mit Spitzbögen und Rippengewölbe, aber voll mit Bildern, Skulpturen und Grabplatten aus der Zeit der „Gotik“… 008 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Man wollte einfach den Gegenständen aus dem christlichen Mittelalter einen entsprechenden Rahmen geben und hat deshalb so eine kirchenartige Halle um die Figuren herumgebaut, die dann tatsächlich als Kirchensaal bekannt ist, nicht nur innerhalb des Hauses … SPRECHERIN Der Kirchensaal, erbaut in den 1890er Jahren in einem neugotischen Stil, hat keine Fenster, ist aber hell erleuchtet, durch Lichtspots an der Decke… 009 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Wenn Sie einmal die Möglichkeit hatten, sich gotische Kunstwerke in gotischen Kirchen ohne künstliches Licht anzuschauen, dann werden Sie merken, wie das Licht spielt… und das geht verloren, wenn Sie da mit Spots drauf leuchten, dann verliert das alle Tiefe und verliert auch alles Leben… MUSIKAKZENT SPRECHERIN Was nun heißt „gotische Kunst“. Bedeutet das mehr als ein paar Verspieltheiten in der Architektur? - Erstmal zurück auf Anfang. Wo hat diese mittelalterliche Kunst ihren Anfang gefunden? 010 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Ja. Entstanden ist das, was wir heute „gotische Architektur“ bezeichnen, als „Stilepoche“, als eine Epoche mit einer bestimmten Stilzuschreibung, das beginnt tatsächlich in Frankreich. SPRECHERIN Also nicht bei den vermeintlichen Goten in Deutschland. Sondern in Frankreich. 011 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Da hat man sogar zeitweise von französischer Kunst gesprochen, was ja auf eine gewisse Weise auch stimmte, weil es wirklich aus Frankreich kam… SPRECHERIN Die Kunsthistorikerin Heidrun Stein-Kecks ergänzt… 012 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) In der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts, in den elfhundert 30er und 40er Jahren. Und zwar nicht in Frankreich, man müsste schon differenzieren, es beginnt tatsächlich in Paris, und in den Kronlanden, also in er Krondomäne des französischen Königtums … SPRECHERIN Krondomäne oder Krongut, das waren und sind schon wirklich sehr spezifische Begriffe für mittelalterliche Herrschaft, also, das was wir heute unter Gotik verstehen, begann in der Nähe von Paris, in Saint Denis. Die Stadt Saint Denis grenzte nördlich an Paris…l 013 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Als man 1140 in Saint Denis den Chorumgang gebaut hat, Abt „Suger“ oder „Suscher“, die Geburtstunde der, was wir heute als Gotik so verstehen, da war hier noch tiefste Romanik, und da war noch hundert Jahre lang Romanik, also noch als die Gotik in Frankreich ihren Höhepunkt erreichte, in Reims, da war immer noch Romanik in Bayern, bei uns. SPRECHERIN Die Kathedrale von Saint Denis wird zum Vorbild für viele neue Sakralbauten. Plötzlich wollten viele Fürsten in ihren Städten solche prächtigen Kathedralen, etwa in Köln, Regensburg oder Straßburg. Denn die Kathedrale ist ja nicht nur Ausdruck der göttlichen Herrschaft, sondern auch ein Zeichen der weltlichen Macht. MUSIK SPRECHERIN Und die Gotik zeigt sich nicht nur in neuen Kirchenbauten … 014 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Gotik bedeutet ja nicht nur die Architektur, sondern das ist ja ein Gebilde aus verschiedenen Künsten, die sich in der Architektur und gemeinsam in der Architektur zusammenfinden… ATMO Nationalmuseum SPRECHERIN Im Bayerischen Nationalmuseum stehen wir vor einer bärtigen, langhaarigen Figur, die sich scheinbar um einen Stock wickelt, auf den Schultern trägt der Wilde, ein Kind… 015 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Also Extravaganz ist sicher ein Aspekt, der wichtig ist, dieses tänzerische, dieses Extrovertierte… SPRECHERIN Aber wer ist jetzt dieser extrovertierte Tänzer? 016 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Das ist der Heilige Christophorus, der wirkte natürlich besonders wild und urtümlich… MUSIK ZITATOR Christophorus ist ein sehr spezieller Heiliger. In der Kunst wurde er als bärtiger Riese dargestellt, der ein Kind auf seinen Schultern über einen Fluss trägt. Der Legende nach soll er zum dem Kind gesagt haben, du bist mir immer schwerer geworden, so als hätte ich die Last der ganzen Welt auf den Schultern getragen. Das Kind habe geantwortet: Du hast sogar den Schöpfer der Welt auf deinen Schultern getragen. Ich bin das Christuskind…. MUSIK aus SPRECHERIN An der Holzfigur des Christophorus im Museum fällt sofort das kunstvoll gestaltete Gewand auf… 017 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Es ist vor allem immer in der Anlage der Gewänder… Also, was wir noch als Kunstgeschichtsstudenten etwas merkwürdig fanden, wenn unsere Lehrer immer nur über die Gewandbildung und über die Falten und über die Schüsselfalten und über die Muldenfalten und über die Röhrenfalten geredet haben… Aber man merkt, dass sich diese Generationen doch darüber definiert haben und dass das doch im Zentrum der künstlerischen Beschäftigung stand. Das kann man halt an den Zeichnungen und den Zeugnissen der Zeit ablesen… SPRECHERIN Der aus Lindenholz gefertigte Christophorus stammt aus dem späten 15. Jahrhundert. – Also weit nach der Zeit der Begründung der Gotik in den Parisern Vororten… Und dann stellt sich doch die Frage, wie lange dauerte eigentlich die „Gotik“ – 018 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Das, was man als Gotik bezeichnet, erstreckt sich über ein halbes Jahrtausend. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber wenn man so möchte, den Beginn in der französischen Gotik des 12. Jahrhunderts bis hin zur spätesten Gotik nördlich der Alpen… SPRECHERIN Gotik zeigte sich in vielen Ländern zu unterschiedlichen Zeiten. Etwa in England, aber auch in Italien oder Spanien. Und auch in Bayern. Doch man muss wegen des großen Zeitrahmens vorsichtig sein, meint Heidrun Stein-Kecks 019 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Deswegen komme ich auf diese zeitliche Differenzierung. Wir haben in der Frühzeit Beispiele in Regensburg mit der Ulrichskirche, eine erste Übernahme von gotischen Formen in einer Kirche neben dem Dom und dann natürlich den Dom selber, der ein schönes Bespiel französischer Gotik in verschiedenen Elementen zeigt… MUSIK ZITATOR Mit dem Bau des Regensburger Doms wurde 1275 begonnen, nachdem die alte Kirche abgebrannt war. Angeblich war der damaligen Bischoff von Regensburg bei einer Reise nach Frankreich auf ein Kirchenkonzil in Lyon von der dortigen Bauweise so beeindruckt, dass er seine neue Kirche im Stile der französischen Gotik bauen wollte… SPRECHERIN Wohl eine Legende, sie erklärt aber sehr schön den Einzug der Gotik nach Bayern. Aber auch der Bischoff von Regensburg durfte damals schon gewusst haben, die Fertigstellung seiner Kirche wird er nicht mehr erleben… 020 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Die Lebensspanne eines Baumeisters ist bei Gott nicht der angemessene Rahmen für die zeitliche Spanne eines solchen Auftraggebers, es sei eines Königs oder Bischoffs oder die wie auch immer… Also wenn es um ein Projekt geht, wie bei einem solchen Kathedralbau oder eine große Abteikirche… Dieser Bau dient nicht nur der Versammlung der Menschen zum Gottesdienst. Sondern diese Architektur ist ja selbst ein Ort, in dem „Gott Wohnung nimmt“ SPRECHERIN Also etwa nach der Apokalypse, wenn die Welt zu Ende geht, wenn der Herrgott wiederkehrt. Wenn alles den Bach runter gegangen ist… 021 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Dann braucht es hier Bauten, die als Wohnstatt Gottes dienen können SPRECHERIN In einer gotischen Kirche, die vielleicht als Abbild des himmlischen Jerusalems dienen könnten? 022 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Sagt sich so leicht dahin, Abbild des himmlischen Jerusalems, aber es ist tatsächlich eben ein Ort, in dem Gott Wohnung nimmt, da gelten andere Spannen als eines menschlichen Lebens. SPRECHERIN Und dieses Denken beeinflusst auch Bayern weiter… 023 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Was wir dann in Bayern natürlich auch haben, ist aus der Spätgotik die Nürnberger großen Pfarrkirchen, Sankt Sebald und Sankt Lorenz, also die Chöre an diesen älteren Kirchen oder in Sankt Lorenz eben auch das ganze Langhaus. - Also, wir haben durchaus Beispiel, die zur gotischen Architektur zu zählen sind. MUSIKAKZENT SPRECHERIN Die Kunst, die heute unter der Rubrik Gotik überliefert ist, scheint dann doch sehr stark auf den sakralen Raum begrenzt zu sein. Also hohe Kirchen mit ihren Heiligendarstellungen. - Gotik in der normalen Welt, also im profanen Bereich, scheint es nicht all zu viel gegeben zu haben. Oder doch? 024 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Das gab’s natürlich auch im profanen Bereich… Der Punkt ist nur, dass die Dinge, die erhalten sind, meistens über Kirchen überliefert worden sind, weil im profanen Bereich die Dinge dann durch Neuausstattung verschwunden sind oder dass auch private Kunst später in Kirchen gestiftet wurde und dadurch überlebt hat… SPRECHERIN Sagt Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum. Und Heidrun Stein-Kecks meint, natürlich ist Gotik in der normalen Welt sichtbar, zumindest in der Architektur. 025 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Was auch dazukommt, dass sich in dieser Spanne der „Gotik“ sich auch die Gesellschaft verändert, die Herrschaftsstrukturen sich verändern. Dass mit einem Erstarken der Städte der neuesten Technik und den neuesten Bauformen errichtet werden, wie zum Beispiel die Rathäuser… MUSIKAKZENT ZUSPIELUNG (ATMO Stufen) „Was ich Ihnen noch zeigen kann, wenn wir hier ein paar Stufen hochgehen…. SPRECHERIN Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum führt in einen Raum… na ja, wie soll man das beschreiben, der Raum ist ein sogenanntes Tonnengewölbe und die holzvertäfelte Decke besteht aus lauter kleinen Bildern. 026 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Wir haben hier zum Beispiel die Zunftstube der Augsburger Weber. Den Versammlungsraum. Das ist also ein profaner Versammlungsraum. Und sicherlich einer der spektakulärsten Raumfüllungen der profanen Gotik überhaupt … MUSIK ZITATOR In der Augsburger Zunftstube trafen sich im Mittelalter die Weber. Ausgestaltet wurde der Raum Mitte des 15. Jahrhunderts von Peter Kaltenhoff. Die Holzverkleidung erwarb das Bayerische Nationalmuseum bereits im Jahre 1864. Und hat es somit gerettet. Denn das Weberhaus wurde anschließend abgerissen, weil es baufällig war und weil es einer neuen Straßenführung im Weg stand... SPRECHERIN Übrigens, der Architekt des Bayerischen Nationalmuseums, Gabriel von Seidl, protestierte seiner Zeit vehement gegen den Abriss des Augsburger Webergebäudes. - Aber zurück in die nachgebaute Zunftstube im Museum: 027 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Sie sehen ja hier auch schon wieder an den Kielbögen über den Darstellungen der Personen, die das ganze Spektrum, alles, was wichtig war in der damaligen Welt, über die antiken Helden bis zu den sieben Kurfürsten, bis zu den regierenden Fürsten, aber auch Alexander der Große, Caesar, alle kommen hier irgendwie vor… ZITATOR Die Augsburger Weber sahen sich als Teil des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“. Also wird auf den Holztäfelchen alles abgebildet, was in diesen großen Kontext passt. Die großen griechischen und römischen Helden, Schöpfungsgeschichte, jüdische und heidnische Propheten. Ein Kunterbunt der Geschichte…. SPRECHERIN Die Augsburger Zunftstube überwältigt. Obwohl nur abgebaut und dann wieder aufgebaut. Denn nun fühlt man sich tatsächlich in die Zeit der Gotik zurückversetzt, was, na ja, und das muss man jetzt mal vergessen, was immer die Gotik in all ihren Differenzierungen auch bedeuten mag… 028 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Also die Weber stellen sich in eine enorme Ahnenreihe, aber überfangen alles mit diesen Bögen, wie wir sie aus der Gotik kennen und mit der Gotik verbinden… Und Sie können es auch mit der Tür, das ist die originale Tür, die dazugehört, mit diesen Beschlägen oder diesen Kastenschlössern, die sind auch gotisch … MUSIKAKZENT SPRECHERIN Die Gotik, also die gotische Kunst hat auch etwas ganz Handfestes. Denn Gotik bedeutet auch schlichtweg Verbesserungen ganz praktischer Art 029 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Und das setzt natürlich auch eine große handwerkliche Perfektion voraus… SPRECHERIN Sagt Matthias Weniger. Denn Handwerker wurden mindestens vier Jahre lang ausgebildet…. 030 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Das führt zu diesem hohen Grad der Perfektion. Und auch in einem Umgang mit dem Material, die wussten genau, was sie machen, das ist in den späteren Jahrhunderten verloren gegangen, aber sie wussten, wie man verhindert, dass das Holz reißt, also hatten noch handwerkliche Kenntnisse, die man später nicht mehr hatte… SPRECHERIN Auch Heidrun Stein-Kecks meint, die gotischen Handwerker, haben ihre Zeit nachhaltig beeinflusst… 031 ZUSPIELUNG (Heidrun Stein-Kecks) Das geht ein als ein, wie soll man sagen, als ein weit verbreiteter und allgemeiner Baustil, beziehungsweise die Elemente und auch die technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die bei dem Bau der ersten frühen gotischen Kathedralen entwickelt wurden, die gehen natürlich in die allgemeine Baukunst über… MUSIK SPRECHERIN Und jetzt muss man auch noch erwähnen, die Kunst der Gotik ist eine Bildsprache, ein Bildprogramm. Natürlich sind die Kirchenbauten, die Illustrationen in Handschriften, die üppig gestalteten Fenster in den Kirchen, die Skulpturen, ein Mittel, ein didaktisches Mittel, um das Göttliche zu begreifen. Aber vor allem geht es in der Zeit der Gotik auch um Emotion. Matthias Weniger führt im Bayerischen Nationalmuseum zu einer Skulptur. Ein Löwe, ja, der ist der König der Tiere, aber darauf sitzt ein Skelett. 032 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) (Und) Hier haben wir die Bekrönung einer Uhr aus einem Kloster, Zisterzienserkloster Heilsbronn bei Nürnberg vor uns … beziehungsweise wir haben die Kopie, das Original steht auf der anderen Seite … ATMO Nationalmuseum MUSIK ZITATOR Genannt wird die Skulptur „Der Tod, auf einem Löwen reitend“. Der Bildschnitzer erhielt für sein Werk aus dem Jahre 1513 ganze sieben Gulden. 033 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) Es soll natürlich symbolisieren, dass selbst über den Löwen, das mächtitigste aller irdischen Wesen, das mächtigste Tier, doch letztlich der Tod regiert und dass auch der Löwe keine Macht gegen den Tod hat.. SPRECHERIN Vielleicht drückt diese Figur am besten den Zeitgeist und das Lebensgefühl der Gotik aus. - Die Ambivalenz zwischen prachtvollem Leben und der Vergänglichkeit des Menschen…. 034 ZUSPIELUNG (Matthias Weniger) … und wir haben versucht, an der Kopie die alte Funktionalität zu zeigen (…) In dem Tod, der auf den Löwen reitet, war eine Glocke eingebaut, und der Tod hat, wenn die Uhr die volle Stunde geschlagen hat, hat er mit dem Knochen auf die Glocke im Inneren des Löwen geschlagen (man hört es!) und dazu hat sich die Zunge des Löwen bewegt und hat auch der Unterkiefer des Todes schaudererregend geklappert … MUSIK
- Traumkulissen - Die Bilderwelten Ludwigs II.
15.07.2025 · 23 Min.
Exzentrisch, verschroben, verrückt - so erschien der bayerische König Ludwig II. schon vielen seiner Zeitgenossen. Sie staunten und stritten wegen der exotisch anmutenden Bilderwelten des jungen Monarchen. (Lernmaterial unter http://www.radiowissen.de)
- Gedächtnisleistungen beim Tier - Was sich Tiere alles merken können
15.07.2025 · 24 Min.
Eine rasant wachsende Anzahl von Studien offenbart erstaunliche kognitive Fähigkeiten von immer mehr Tierarten. Auch bislang unterschätzte Tiere wie Fische oder Insekten zeigen intelligentes Verhalten. Was bedeutet das für den Menschen und sein Selbstverständnis? Von Marko Pauli (BR 2023) Credits Autor dieser Folge: Marko Pauli Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Julia Fischer Technik: Robin Auld Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Lars Chittka, Biologe, Entomologe, Sachbuchautor, Professor für Sinnes- und Verhaltensökologie an der Queen Mary University, London; Ludwig Huber, Verhaltensbiologe, Kognitionswissenschaftler, Sachbuchautor, Professor an der Veterinärmedizinischen Universität Wien; Kristina Horback, Professorin für Tierverhalten an der Universität von Kalifornien Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Regenerationskünstler - Wie Tiere sich selbst heilen JETZT ANHÖREN Queere Tiere? Alles Natur! JETZT ANHÖREN Warum Tiere singen - Alles Natur JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: WirTier. Ein Podcast über die Begegnung von Mensch und Tier. WirTier erzählt von Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben durch diesen einen Moment auf Augenhöhe mit einem Tier. Sie teilen mit uns ihre tiefgreifenden Erfahrungen und Erkenntnisse über unser Zusammenleben auf diesem Planeten und lassen uns teilhaben an ihrem Wissen über Tiere. Denn auch Forscherinnen und Forscher wissen zunehmend: Tiere haben Gefühle, Intelligenz und ein Sozialleben. Und auch Vici und Julius, die Hosts von WirTier, verändern sich durch diese Begegnungen – und stellen sich vielfältigen Herausforderungen auf der Weide, im Garten oder auch in freier Wildbahn. Literaturtipps: Lars Chittka "The Mind of a Bee", erschienen bei Princeton University Press, ab März 2024 auch auf Deutsch unter dem Titel "Im Cockpit der Biene": EXTERNER LINK | https://press.princeton.edu/books/ebook/9780691236247/the-mind-of-a-bee Ludwig Huber, "Das rationale Tier", erschienen beim Suhrkamp-Verlag: EXTERNER LINK | https://www.suhrkamp.de/buch/ludwig-huber-das-rationale-tier-t-9783518587713 Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wild Wild Web - Geschichten aus dem Internet Hier findet ihr Geschichten aus dem Internet, die ihr so noch nie gehört habt. Heute: Orcas spielen Schiffe versenken - und das Netz macht sie zu Kämpfern gegen Klimawandel und Kapitalismus. Aber was steckt hinter den Orca-Begegnungen? Und warum lieben plötzlich alle Killerwale? Meme-Lord El Hotzo hilft uns bei der Suche nach Antworten: ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Biene(n) oder Hummel(n) Musik: Evolutionary science A 0‘37 Sprecherin In aller Welt entdecken Wissenschaftlerteams bei immer mehr Tierarten intelligentes Verhalten. Für Aufsehen sorgen etwa die Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe von Lars Chitttka [ch wie im Wort "richtig" ausgesprochen], Professor für Sinnes- und Verhaltensökologie an der Queen Mary University in London. Der deutsche Biologe und Entomologe beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit den geistigen Fähigkeiten von Bienen und Hummeln. O-Ton 01 Chittka Also, einer der frühen Versuche, die wir so als mehr oder weniger Witz-Projekt während meiner Doktorarbeit gemacht haben, war die Frage danach, ob Bienen zählen können. Sprecherin Bei solchen Forschungsfragen geht es immer auch um menschliche Intelligenz, denn es müssen zunächst die dafür passenden Versuche erdacht und kreiert werden. O-Ton 02 Chittka Und da haben wir große pyramidenförmige Zelte aufgestellt in einer Serie zwischen ihrem Stock, dem Bienenstock und einer Futterstelle. Sprecherin Die Bienen lernten, dass dazwischen eine bestimmte Anzahl von Zelten, von Hindernissen liegt. O-Ton 03 Chittka Und wenn wir mehr aufgestellt haben, sind die Bienen im Schnitt früher gelandet. Und wenn wir weniger aufgestellt haben, sind sie über das gelernte Ziel, über die gelernte Entfernung herausgeschossen und sind weitergeflogen als normalerweise. Und da zeigte sich also tatsächlich, dass sie auf die Zahl dieser Landmarken reagiert haben. Und das hätte damals also in den 90er-Jahren eigentlich noch niemand für möglich gehalten. Musik: Busy concentration 0‘40 Sprecherin Bienen und Hummeln - Insekten insgesamt -, hat man vor dieser Zeit nicht viel mehr zugetraut als automatisiertes, roboterartiges Verhalten. Das Zählen der Hindernisse jedoch war der Start für einen Perspektivwechsel im Denken der Menschen, dem weitere Versuche zur Erforschung der geistigen Fähigkeiten von Bienen und Hummeln folgten. Heute ist Lars Chittka davon überzeugt, so schreibt er in seinem Bestseller "Mind of a Bee", dass jede Biene ein Bewusstsein hat, dass sie ihre umgebende Welt wahrnimmt, dass sie die Folgen ihrer Handlungen abschätzen kann, dass sie über Intelligenz verfügt. O-Ton 04 Chittka Und es haben mich immer wieder auch mal Studenten gefragt, wenn die denn so schlau sind, haben Sie denn auch Gefühle? Und das kam mir immer nach einer etwas absurden Fragestellungen vor und einer Fragestellung, bei der ich dachte, das ist eigentlich gar nicht erforschbar. Und deswegen habe ich das immer so abgetan. Musik: Fearful tearful 0‘41 Atmo Hummeln Sprecherin Doch dann hat das Team um Lars Chittka einen Versuch entwickelt, der eigentlich dafür gedacht war, herauszufinden, ob Hummeln lernen können, bestimmte Fressfeinde zu erkennen und sie in Zukunft zu meiden. Dafür haben die Wissenschaftler Krabbenspinnen nachgebaut - Spinnen, die in der Natur die Farbe von den Blüten, auf denen sie lauern, annehmen. Zwei Arme der Plastikspinne waren mit kleinen Schwämmen versehen, mit denen die Hummeln kurz festgehalten und dann wieder losgelassen wurden. Die Hummeln verhielten sich im Anschluss an diese Erfahrung auffällig. O-Ton 05 Chittka Sie waren also sichtbar nervös, haben vor jeder einzelnen Blüte auch noch Tage nach solchen Attacken sehr lange hin und her gescannt, bevor sie sich entschieden haben, dass das ja sicher sein könnte. Aber was ganz besonders erstaunlich war, war dieses Verhalten von so genanntem False-Alarm, also falschen Alarmen, wo sie eine komplett sichere Blüte inspiziert haben und dann weggeflogen sind. Und das sah uns tatsächlich so aus, als ob da, naja, zumindest schlampig formuliert, so etwas wie eine posttraumatische Stressbelastung vorlag. Nun war das noch keine formelle Diagnose von so einem Phänomen. Aber das deutete in die Richtung einer Art Gefühlswelt. Sprecherin Diese Erkenntnisse zählen wohl zu den vorläufigen Höhepunkten dessen, was Menschen Tieren kognitiv zutrauen. In der Wissenschaft beschäftigt man sich seit mehr als 100 Jahren mit der Erforschung der Intelligenz von Tieren - zunächst, ohne vor dieser großen Respekt zu haben. Musik: Plan of the animals 0‘54 Bevor Jane Goodall in den 1960er Jahren zeigte, dass Schimpansen Äste so bearbeiten, dass sie mit ihnen nach Termiten stochern können, dass sie also in der Lage sind, Werkzeuge zu schaffen und zu nutzen, haben Menschen den Tieren in Sachen Intelligenz so gut wie nichts zugetraut. Intelligenz war - so das vorherrschende Denken - allein dem Menschen vorbehalten. Doch die Schimpansen haben die Türen geöffnet: Heute weiß man, dass viele Tiere Werkzeuge nutzen - diverse Affenarten, aber auch Krähen, Oktopoden oder Delfine, die Schwämme aufsammeln, und sich auf die Schnauze legen, um damit den Meeresboden zu durchpflügen und kleine Tiere aufzuscheuchen. Immer mehr Tierarten bestehen auch den Spiegeltest - seit gut 50 Jahren ein Standard in der Erforschung tierischer Intelligenz: Tiere, die zeigen, dass sie sich im Spiegel erkennen, sind sich ihrer selbst bewusst, so die menschliche Theorie. Raben, Elefanten und manche Fischarten haben im Spiegel Flecken auf ihrem Körper entdeckt und versucht, diese zu entfernen. Zuletzt ist in der Forschung immer mehr in den Fokus gerückt, dass Tiere einer Art sich individuell verhalten - das gilt für große wie für kleine. Atmo Bienen Und damit zurück zu den Bienen und Lars Chittka: Die erste Frage, die ein menschliches Gehirn sich zusammendenken könnte, ist vielleicht: Wie schaffen es Bienen, intelligent zu agieren, trotz ihres - bei allem Respekt - ja eindeutig kleinen Gehirns. O-Ton 06 Chittka Es ist ja so, dass diese Gehirne zwar klein sind, aber das ist natürlich alles sehr, sehr elegant miniaturisiert. Wenn man sich die Struktur anguckt, hat jede einzelne von diesen Nervenzellen mitunter eine so fein verzweigte Struktur wie eine komplette Eiche, nur halt sehr viel kleiner. Und jede dieser Nervenzellen hat bis zu 10.000 Kontakte mit anderen Nervenzellen. Jede einzelne dieser Kontaktpunkte ist zumindest theoretisch erstmal plastisch und kann sich verändern durch Erfahrungen. Und wenn man sich dann die Komplexität dieser Verdrahtung zumindest in Ansätzen vor Augen führt, wird klar, warum wir als Wissenschaftler immer noch keinen kompletten Zugang dazu haben, wie komplex das gesamte Verdrahtungsdiagramm eigentlich ist. Musik: Leaping electrons (reduced) 0‘19 Sprecherin Ein verdichtetes Wunderwerk, geschaffen in Millionen Jahren der Evolution. Davon zeigt sich auch Ludwig Huber begeistert, Professor für vergleichende Kognitionsforschung an der Universität Wien. O-Ton 07 Huber Und das sind vielleicht die aufsehenerregendsten Befunde überhaupt, weil man hier ja auch mit Lebewesen zu tun hat, die nicht nur sehr weit von uns in der Verwandtschaft sozusagen entfernt sind, sondern weil sie auch ganz andere Gehirne haben als wir. Sprecherin Ludwig Huber ist Autor des Sachbuchs "Das rationale Tier", in dem er mit einer vierstelligen Anzahl von Zitaten aus wissenschaftlichen Studien nachweist, dass man auch nichtmenschlichen Lebewesen Rationalität und Bewusstsein in einem anspruchsvollen Sinn zugestehen kann. O-Ton 08 Huber Das ist das Zentrum des Buches, dass sie auch in einer gewissen Art und Weise rational sind, dass sie also Entscheidungen treffen, die effizient sind und die ihr Überleben fördern, also eine Art von praktischer Rationalität. Und dass dabei auch das Gefühl, die Emotion eine Rolle spielt. Musik: Animals playing catch 0‘25 Sprecherin So ein Tier ist auch der Oktopus. Oktopusse gebrauchen Werkzeuge, planen ihr Verhalten, täuschen Artgenossen, spielen gerne und können zählen. Sie gelten als die intelligentesten Weichtiere, verfügen allerdings über kein zentralisiertes Nervensystem, ihre Neuronen befinden sich hauptsächlich in den Armen. O-Ton 09 Huber Ja, also mit der Zentralisierung ist das so eine Sache. Wir wissen, auch in der Neurobiologie des menschlichen Gehirns, dass diese, wenn Sie so wollen, Rechenoperationen nicht in bestimmten Zentren, kleinen Gebieten lokalisiert sind, sondern dass fast überall ein großer Teil des Gehirns beteiligt ist, also ein verteiltes Nervensystem innerhalb eines kompakten Gehirns. Und wenn man an dieses verteilte Rechnen denkt, dann ist es so nicht so weit hergeholt, dass sich in einem Kraken, in einem Oktopus, das auch in die Arme verteilt und dieses Nervensystem im einfach nicht sagen morphologisch Kompakt ist, sondern eben auch anatomisch etwas verbreitet verteilt. Musik: Little fish 0‘56 Sprecherin Mit Intelligenz in Verbindung gebrachtes Verhalten im Tierreich endet nicht bei den Weichtieren. Ein deutsch-dänisches Forscherteam hat Lernverhalten bei Quallen festgestellt. Die untersuchten kleinen Würfelquallen pulsieren normalerweise auf der Jagd nach Wasserflöhen durch trübe Gewässer mit Mangrovenwurzeln. Diese Umgebung wurde in einem Versuchsbecken simuliert. Die Quallen stießen zunächst gegen die vermeintlichen Wurzeln, doch schon nach wenigen Minuten vergrößerten sie den Abstand zu ihnen und prallten durch eine Anpassung der Schwimmrichtung nur noch halb so häufig dagegen. Das kann als assoziatives Lernen bezeichnet werden, d.h. Ursache und Wirkung sind der Qualle unbekannt, doch sie lernt durch Konditionierung. Zwar verfügt diese Qualle über 24 Augen, ein Gehirn aber hat sie nicht. O-Ton 10 Huber Natürlich, wenn wir vom Menschen ausgehen, dann sind wir sehr gehirnlastig unterwegs. Wenn man an wirbellose Tiere denkt, dann schaut die Sache anders aus. Aber es ist ein Nervensystem, das ist das Entscheidende. Es ist ein Nervensystem, es sind Neurone. Die chemisch-physikalische Arbeitsweise dieser Neurone ist sehr, sehr ähnlich wie der unserer Neurone, von daher ist der Unterschied nicht so groß. Aber im Netzwerk, in der Anordnung dieser Nervenzellen gibt es einen großen Unterschied. Musik: Genetics 0‘52 Sprecherin Die kognitiven Fähigkeiten und das damit zusammenhängende Verhalten von Tieren lässt sich allerdings nicht verallgemeinern. Die Forschung heute erkennt immer mehr, dass es große Unterschiede zwischen einzelnen Individuen innerhalb einer Art und innerhalb einer Population gibt. Selbst der Amazonenkärpfling, der Amazon Molly [englisch ausgesprochen], ein kleiner Fisch, der sich selbst klont, bei dem das Genom der Nachkommen, dem der Mutter entspricht, zeigt Individualität. Vom ersten Tag an sind einige der Klone aktiv und sozial und schwimmen weit weg auf der Suche nach Nahrung, andere bleiben lieber ruhig an einem Ort und schnappen dort nach herumfliegendem Futter. Ein Erklärungsmodell ist, dass der genetische Code nur eine Komponente dessen ist, was von den Eltern mitgegeben wird, hinzu kommen weitere unzählige Moleküle, die mit unseren Genen interagieren, die Epigenetik. Diese könnte eine größere Rolle bei der Entwicklung auch des menschlichen Verhaltens spielen, als Wissenschaftler bisher angenommen haben. Individualität hat Lars Chittka jedenfalls auch unter Bienen und Hummeln feststellen können. O-Ton 11 Chittka Also bei allen psychologischen Lernversuchen, die wir gemacht haben, zeigt sich, dass sich unterschiedliche Individuen oft ganz unterschiedlich verhalten. Das bezieht sich auf die Geschwindigkeit, mit der sie Dinge lernen und behalten, aber auch in Bezug darauf, wie offen sie gegenüber neuen Gegenständen sind, die sie noch nicht gesehen haben. Sprecherin Wenn den Bienen beispielsweise neue Blüten präsentiert wurden, zeigten manche Individuen Neugier und steuerten diese an, andere waren vorsichtig und blieben auf Abstand. Atmo Schafe Musik: Building the horse 0‘29 Sprecherin Auch Tiere, die in diesem Sinne für den Menschen lange nicht von Interesse waren, zeigen intelligentes und individuelles Verhalten: die sogenannten Nutztiere. Kristina Horback, Professorin für angewandte Verhaltensforschung an der University of California, Davis, untersucht deren kognitiven Fähigkeiten. Schafe zum Beispiel werden aus ihrer Sicht unterschätzt, zu Unrecht in die belämmerte Ecke gestellt. O-Ton 13 Horback Sheep are often a joke ... makes sense that this type of a social identification has evolved. Overvoice weiblich Über Schafe wird oft gescherzt, dass sie einander immer bloß folgen und sonst nicht viel los ist, aber die Forschung zeigt anderes: Schafe können z.B. die Gesichter von bis zu 50 anderen Schafen erkennen und zwischen einem bekannten und einem unbekannten Schaf unterscheiden. Und sie können sich diese 50 Individuen mindestens zwei Jahre lang einprägen. Das Gesicht ist für Schafe sehr wichtig. Außerdem können sie anhand des Gesichtsausdrucks erkennen, ob sich das andere Schaf in einem gestressten oder in einem ruhigeren Zustand befindet, z. B. anhand der Haltung der Ohren oder der Anspannung der Muskeln um die Augen. Man kann also sagen, dass bei Schafen eine Menge subtiler sozialer Intelligenz im Spiel ist. Dass das überraschend ist, liegt daran, dass Schafe eine bisher ziemlich übersehene Spezies sind. Dabei sind sie sehr gesellig, ein soziales Wesen zu sein ist wichtig für sie. Es macht also Sinn, dass sie diese Fähigkeiten entwickelt haben. Sprecherin Tiere wie Schafe, die in einem komplexen Sozialgefüge leben, sind auf gut entwickelte kognitive Fähigkeiten angewiesen, erläutert Ludwig Huber. O-Ton 14 Huber Dass sich verstehe, wie ein anderes Gruppenmitglied zu einem weiteren anderen Gruppenmitglied steht, wie sich das verändert, wie sich da vielleicht die Rangordnung ändert oder ob die vielleicht jetzt plötzlich eine Allianz schmieden gegen mich, also das sind immer wesentlich umfangreichere Beziehungsnetze, um die es da geht, die ein Tier in der sozialen Gruppe verstehen muss, lernen muss, aufpassen muss aufmerksam sein muss, ein ständiges Monitoring braucht und so weiter. Das hat dazu geführt, dass es tatsächlich die dominante Theorie für die Evolution von Kognition ist, dass man sagt, es ist die soziale Intelligenz mehr als die technische Intelligenz. Musik: Z8032615140 Mysterious animal play 0‘36 Atmo Bienen Sprecherin Die soziale Intelligenz gilt in der Forschung als die Treiberin für die Evolution von Kognition. Auch von Bienen ist bekannt, dass sie sehr soziale Wesen sind. Berühmt ist ihr Schwänzeltanz, mit dem die Kundschafter-Biene den anderen durch Bewegungen mitteilt, was für Nahrung sie gefunden hat, welche Qualität diese hat und wo genau sie zu finden ist. Die Entdeckung dieses Tanzes brachte dem Verhaltensforscher Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis ein. Die Fähigkeit dazu ist der Biene angeboren, doch um möglichst genau tanzen zu können, müssen sie als Jungtiere erfahrenen Tänzerinnen zugeschaut haben, also von ihnen gelernt haben. Lernfähigkeit zeigten auch Hummeln in einem Versuch der Arbeitsgruppe von Lars Chittka. Um an eine Belohnung ranzukommen, mussten sie lernen, an einem Seil zu ziehen. O-Ton 15 Chittka Das ist ja eine völlig neuartige Aufgabe gewesen für die Tiere. Aber es war tatsächlich nicht nur so, dass man das den Hummeln beibringen konnte, sondern auch, dass die sich das voneinander abschauen konnten. Also wenn man einmal ein Tier trainiert hatte mit dieser Aufgabe, dann verbreitete sich ohne weiteres Zutun von uns Verhaltensbiologen, verbreitete sich diese Technik sehr schnell in der gesamten Kolonie. Und fast alle Arbeiterinnen haben das dann irgendwann nachgemacht und diese Technik beherrscht. Und das ist natürlich genau wie bei der Art von Werkzeuggebrauch, die man bei manchen Primatenarten findet, eine Technik, die dann sozial gelernt ist und sich nur auf diese eine Gruppe bezieht. Die von den Individuen dieser Gruppe dann beherrscht wird, aber von anderen Populationen eben nicht. Und so gesehen ist es tatsächlich eine Art von tierischem Kulturverhalten. Atmo Schweine Sprecherin Formen sozialen Lernens zeigen auch Schweine, die eigentlich darauf angewiesen sind in Gruppen von bis zu 20 Tieren zusammenzuleben. Sie sind also sehr sozial und gelten auch als intelligent. Die Verhaltensforscherin Kristina Horback kann das bestätigen. O-Ton 16 Horback Neat cognitive skills ...understand a a perspective. Overvoice weiblich Wenn wir die kognitiven Fähigkeiten anschauen, die erforscht und quantifiziert sind, dann sind da z.B. die Gedächtnisfähigkeiten, ähnlich wie bei einem Hund lassen sich die Schweine auf Substantive und Verben trainieren, auf die sie reagieren; sie lernen auch das Frisbee zu holen oder über einen Stuhl zu springen. Und sie sind dazu in der Lage, zu täuschen. Ein Schwein versteht, dass ein anderes Schwein eine andere Perspektive hat. Wenn das eine Schwein etwa weiß, wo das Futter versteckt ist, dann kann es ein anderes Schwein absichtlich vom richtigen Weg abbringen, damit es in die falsche Richtung läuft. Sprecherin In der Forschung wird die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen zu übernehmen als "Theory of mind" bezeichnet und zählt zu den höchsten Formen der Kognition. O-Ton 17 Huber Ich habe mit Schweinen und Hunden gearbeitet. Wir machen ähnliche Tests, wir finden ähnliche Sachen. Und ich sage immer: Das eine Tier landet am Sofa, das andere am Teller. Und das ist ein eine absolute Schizophrenie. Musik: Almost neutral (red) 0‘56 Sprecherin Hier wird die Intelligenz der Tiere für die Menschen zu einem eher unangenehmen Thema. Viele essen gerne Fleisch, Studien zeigen jedoch, dass die meisten sich dagegen sträuben, Tiere zu essen, die als intelligent gelten. Das wiederum führt dazu, so eine weitere Studie, dass Menschen Tieren den Verstand absprechen, wenn es um den eigenen Fleischkonsum geht; dass das Wissen über die Intelligenz manipuliert wird, Informationen dazu strategisch verzerrt oder ignoriert werden. Doch die Forschung trägt dazu bei, dass das Wissen um die kognitiven Fähigkeiten von Tieren, auch von Nutztieren, wächst, und, so Kristina Horback, dass sich die Haltungsbedingungen verbessern. Auch ihre Forschung zu den kognitiven Fähigkeiten und zur Individualität von Nutztieren trägt dazu bei. O-Ton 18 Horback So if we, for example, know more about personality ... which can really boost immunity. Overvoice weiblich Wenn wir mehr über die Persönlichkeit von Nutztieren wissen, können wir zum Beispiel herausfinden, ob Hyperaggressivität bei einzelnen Individuen vererbbar ist - diese stellt manchmal ein großes Problem dar in der erwünschten Gruppenhaltung von Schweinen - und die Zucht dieser Individuen dann verhindern. Für Tiere, die sehr aktiv und erkundungsfreudig sind, können wir Ausgestaltungselemente wie Bürsten, Seile oder Spielzeuge entwerfen, um ihre Unterbringung zu verbessern; wir können dann zusätzlich die Tiere identifizieren, die weitere Abwechslung benötigen, dass man z.B. die Position der Bürsten oder die Qualität der Ausgestaltungselemente verändert. Andere Individuen wollen Stabilität, sind vorsichtiger, bewegen sich langsamer und wollen die gleiche Bürste an der gleichen Stelle. Wenn wir wissen, wie wir die Qualität der Behandlung und Pflege für jedes einzelne Tier optimieren können, können wir das Wohlergehen der Tiere verbessern. Dadurch können wir höchstwahrscheinlich den Stress dieser Tiere verringern, was auch die Immunität stärken kann. Musik: Z8034319137 Machine like 0‘23 Sprecherin Es hänge sicher mit der intensiven industriellen Landwirtschaft zusammen, so Kristina Horback, dass die Interaktion zwischen Mensch und Tier abgenommen hat und dass man davon abgekommen ist, das Verhalten und die Bedürfnisse von Tieren zu beachten und mehr über deren Intelligenz und auch Emotionen zu erfahren. O-Ton 19 Horback But we're getting back to it now with a lot more research in terms of animal welfare and animal cognition. Overvoice weiblich Aber wir kommen da wieder hin, durch immer mehr Forschung im Bereich des Tierschutzes und der Tierkognition. Sprecherin Und es gibt sicher noch sehr viel mehr Faszinierendes zu entdecken. Der portugiesische Neurowissenschaftler António Damásio [Antonnio Damahssio] beispielsweise ist der Überzeugung, dass alle Tiere über verschiedene Emotionen und ein emotionales Erfahrungsgedächtnis verfügen. Musik: Secret proofs 0‘35 Körper und Geist sind dabei, Damásio nach, nicht so voneinander zu trennen, wie es das menschliche Denken bisher vorsieht. So sei es zunächst der Körper der Hummel, der mit Angst reagiert, wenn die Spinne nach ihr packen will. Ob die Hummel, ob andere Tiere, das Gefühl von Angst auch selbst empfinden, könnte eine der zukünftigen Forschungsfragen sein und auch eine, die eng mit mehr Tierwohl verknüpft ist. Atmo Hummel(n)
- Geschichte der Landschaftsarchitektur: Wie kam das Grün in die Stadt?
15.07.2025 · 23 Min.
Stadtgrün ist Lebensraum, Erholungsort und Klimaschützer. Doch wie kam das Grün in die Stadt? Wie hat sich die Bedeutung von Parks, Alleen und Grünflächen mit der Zeit verändert? In der Geschichte des Stadtgrüns spiegelt sich auch ein Wandel der Gesellschaft. Von Susanne Hofmann (BR 2025) Credits Autorin dieser Folge: Susanne Hofmann Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Maren Ulrich, Johannes Hitzelberger, Heiko Ruprecht Technik: Moritz Herrmann Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Professor Stefan Schweizer, Honorarprofessor am Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wiss. Vorstand der Stiftung Schloss und Park Benrath und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V. PD Dr.-Ing. Sylvia Butenschön, Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin Professor Klaus K. Loenhart, Institut für Architektur und Landschaft der TU Graz Podcast Tipp: Wir helfen Garten-Anfängern zu echten Auskennern zu werden. Egal ob gepachteter Kleingarten oder das erste Hochbeet fürs eigene Gemüse am Häuschen – wir haben die richtigen Tipps und Ratschläge für Euch! ZUM PODCAST Diese hörenswerten Folgen von IQ - Wissenschaft und Forschung könnten Sie auch interessieren: Schwammstadt - Architektur der Zukunft Enge in der Stadt - Alltag und Gesundheit Klimawandel - was soll ich allein schon dagegen tun? Klimarisiken - Wie können wir Europa retten? Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Für praktische Tipps wie Gärten Insekten-freundlich gestaltet werden können empfehlen wir Ihnen Summende Gärten Linktipps: Traktat von Karl Gottlob Schelle „Die Spatziergänge oder die Kunst spatzieren zu gehen“ aus dem „Deutschen Textarchiv“ HIER geht es zu Website Christian Cay Lorenz Hirschfeld 1785, Theorie der Gartenkunst HIER geht es zur Website Literatur: A. Thumfart, B. Hollstein, S. Tänzer (Hg.), Gärten – Von der Naturbeherrschung zur gesellschaftlichen Utopie Ira Diana Mazzoni, 50 Klassiker Gärten und Parks, Gerstenberg Verlag, 2005 Jessica Jungbauer, Urban Oasis, Parks and Projects for a Greener Future, teNeues Verlag, 2023 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN – werbend gesprochen Ihr neues Zuhause wartet! Schmuckes Appartement in Altstadtnähe, nur wenige Schritte zu den grünen Oasen der Stadt mit naturnahen Freizeitmöglichkeiten. Lassen Sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen! ERZÄHLER Städtisch und dennoch im Grünen – das beschreibt für viele Menschen die ideale Wohnlage. Die moderne Stadt ist eine grüne Stadt. Das städtische Grün gilt fast schon als Allheilmittel – gegen die Klimakrise, für die Volksgesundheit, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nicht zuletzt steigert das Grün auch den Wert von Immobilien. Man spricht von grüner Infrastruktur – also vernetzten Grünflächen, die für eine Stadt lebensnotwendig sind. Davon ist auch die Landschaftsarchitektin Dr. Sylvia Butenschön von der TU Berlin überzeugt: 1. ZUSPIELUNG Butenschön 3.05 Heute ist es ein wichtiges Element, um die Städte zu strukturieren, Grün- und Freiraum in die Stadtquartiere zu bringen. Und es ist natürlich aus ökologischer Sicht oder aus naturschutzfachlicher Sicht ein wichtiges Element der Stadt: Wir profitieren von der Frischluftentstehung oder der Kaltluftentstehung in den Grünflächen, davon, dass es großen Raum für Biodiversität in der Stadt bietet, also für Tiere und Pflanzen. Ja, und dann eben in der Folge als Lebensraum, als Aufenthaltsraum, als Erholungsraum für die Bevölkerung geeignet ist. ERZÄHLER Und doch ist die grüne Stadt aus historischer Sicht ein recht junges Phänomen, sagt der Kunsthistoriker Stefan Schweizer, Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Sein Spezialgebiet ist die Gartengeschichte ab dem 17. Jahrhundert. 2. ZUSPIELUNG Schweizer 2.00 Das ist eigentlich eine Anomalie städtebaugeschichtlich seit der Frühneuzeit…. Bis 1600, vielleicht doch bis 1700 und mit den befestigten Städten bis 1800, ist die Stadt eigentlich genau das Gegenteil gewesen von Natur und das Gegenteil von Landschaft. Es war quasi die Ausgliederung von Natur aus dem urbanen Raum. (2.50) Wenn Sie sich historische Altstädte ansehen, … wenn sie an Siena denken oder Arezzo, die hochmittelalterlich geprägt sind, dann werden Sie … mit einer Enge und Dichte konfrontiert, die überhaupt keinen Raum ließ für öffentliches Grün. Musik 2: Begegnung mit Barbarossa - – 1.02 Min+ Atmo Schafweide, später Atmo Wiese ERZÄHLER Natur und Landschaft fanden sich im Mittelalter überwiegend außerhalb der Städte. Auch die Allmenden, also unbebaute Flächen, die allen gemeinsam gehörten – daher der altdeutsche Begriff - , lagen für gewöhnlich außerhalb der Stadtmauern. Man ließ Schafe und Rinder dort weiden und sammelte dort Brennholz. In der Stadt, verborgen hinter Mauern, befanden sich zwar durchaus grüne Oasen: Sorgfältig gepflegte, geometrisch um einen Brunnen angelegte Klostergärten zum Beispiel. Doch zu ihnen hatte das Volk keinen Zugang. Ebenso wenig wie zu den privaten Stadtgärten der besseren Gesellschaft. Die hatte selbst in der dicht besiedelten Stadt ihr eigenes Grün, oft in Form begrünter Innenhöfe. Man konnte sie von der Straße aus nicht einmal sehen. Begrünte öffentliche Plätze oder auch nur Bäume in der Stadt waren rar in Mittelalter und Renaissance, sagt der Kunsthistoriker Stefan Schweizer: 3. ZUSPIELUNG Schweizer 4.30 Kurz nach 1600 beginnen dann die Diskussionen darüber, weil die Städte sich vergrößern, weil die Städte sich verdichten, weil die sozialhygienischen Bedingungen immer prekärer werden, auch für die Oberschicht prekärer werden, also auch die Oberschicht ist vor Pandemien oder Epidemien eben nicht gefeit. …Und daraus lernt man natürlich: Die sozial-hygienischen Bedingungen in der Stadt müssen verbessert werden. Musik 3: 3. Satz: Sarabande en rondeau - CD492710 103 – 1:02 Min ERZÄHLER Man lechzte nach mehr Raum in den engen, überlaufenen Gassen. Auch nach frischer Luft - Schmutzwasser, Küchenabfälle und Fäkalien landeten schließlich oft in offenen Abwasserrinnen und sorgten für einen entsprechend strengen Geruch in der Stadt. Natur wurde dem gemeinen Städter erst peu-à-peu zugänglich gemacht, im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts. In London waren einzelne königliche Parks öffentlich, der St. James’s Park beispielsweise. Mit der Öffnung für das Volk wollte sich der damalige englische König Charles II. als großzügiger Herrscher präsentieren. Ebenso öffentlich zugänglich war in Paris der barocke Garten am Palast der Tuilerien. Dort residierte der Sonnenkönig Ludwig XIV. Bei dem königlichen Garten handelte es sich um eine streng symmetrische Anlage, mit Alleen, Zierbrunnen, Skulpturen, Blumenarrangements und penibel gestutzten Hecken. 4. ZUSPIELUNG Schweizer 9.50 Dort wird so ne Art Stände-übergreifende Nutzung eingeübt, was auch interessant ist, weil Gärten damit überhaupt zu eminenten Orten der bürgerlichen Partizipation auch werden und der Emanzipation. … Also in Kirchen sind sie separiert, in Rathäusern sind sie separiert – überall wird segregiert und separiert, und in Gärten passiert es eben nicht. ERZÄHLER Später bekam das öffentliche städtische Grün sozusagen Schützenhilfe, und zwar aus unerwarteter Richtung: der Waffentechnik. Die Weiterentwicklung der Artillerie führte dazu, dass sich die Art der Kriegsführung grundlegend änderte. Da Kanonenkugeln jetzt Bastionen durchdringen konnten, wurden diese militärisch wertlos. Deshalb baute man ab dem 19. Jahrhundert die Festungen sukzessive zurück und hatte damit auf einmal Platz, viel Platz rund um die Städte. Und den konnte man gut gebrauchen, viele platzten schon aus allen Nähten. Musik 4: 1. Satz aus: Sinfonia concertante (Haydn) – R0115330101 – 55 Sek ERZÄHLER Auf den eingeebneten Festungsringen entstanden großzügige Grüngürtel sowie breite Straßen, Boulevards – ein Wort, das sich aus dem niederländischen Begriff für Bollwerk ableitet. Die Boulevards waren von Bäumen gesäumt. Auch grüne Wege für Fußgänger entstanden rings um die Stadt, sogenannte Promenaden. Zum Beispiel in Wien. Da vermeldeten die Wiener Nachrichten am 14. September 1859: ZITATORIN Die dreißig Klafter ERZÄHLER also gut 50 Meter ZITATORIN breite, mit doppelten Baumreihen besetzte Straße, welche nach dem Stadterweiterungs-Plane gleich einem regelmäßigen Gürtel um die Stadt gezogen werden wird, erhielt den officiellen Namen Ringstraße. Musik aus, Wechsel in Atmo Parkanlange, Schritte, Tauben ERZÄHLER Oder der Leipziger Promenadenring, mit Sitzbänken und Raum für eine neue Kulturtechnik: Das Spazierengehen. ZITATOR Oeftere Spatziergänge im Freyen erhalten den Sinn für die Natur und geben ihr auf das Gemüth wohlthätigen Einfluß. Jeder nicht unedle Mensch fühlt sich im Freyen reiner und menschlicher gestimmt. Alles Gute seiner Natur entfaltet sich da. … Die großen und freyen Ansichten der Natur entfesseln von den kleinlichen Verhältnissen des städtischen Zwanges. ERZÄHLER So lobt der Schriftsteller Karl Gottlob Schelle 1802 in seinem Traktat „Die Spatziergänge oder die Kunst spatzieren zu gehen“. Stefan Schweizer: 5. ZUSPIELUNG Schweizer 26.55 Das Promenieren ist nichts, was der Bürger des 16. Jahrhunderts als normal angesehen hätte, der hat seine Zeit mit wichtigeren Dingen zu verbringen, als zu promenieren. (27.22) Dazu brauchen sie ein gewisses Mindset, … und das hat auch sehr viel mit Freundschaftskult zu tun, der dann in der Romantik eben aufkommt, also unter Freunden gemeinsam in die Natur zu gehen. Und das ist übrigens dann auch eine politische Sache, in Teplitz besucht Goethe Beethoven, diesen schroffen Kerl, der ist da auf Kur und Goethe will sich mal mit ihm unterhalten, und dann gehen die an dem Tag spazieren, außerhalb der Stadt, an dem auch die Kaiserin dort aufschlägt. Und Beethoven und die Kaiserin gehen auf einen schmalen Pfad sich entgegen, und Beethoven weicht nicht. Und Goethe: Um Himmels Willen, Sie müssen doch der Kaiserin Platz machen! Nein – sie muss es für uns tun. Musik 5: Beethoven: Allegro vivace – M00113027Z00- 45 Sek ERZÄHLER Das Erwachen des bürgerlichen Selbstbewusstseins zeigt sich in dieser Kulturtechnik des Promenierens. Der Spaziergang wird zu einem wichtigen Teil der städtischen Freizeitkultur. Die Landschaftsarchitektin Sylvia Butenschön: 6. ZUSPIELUNG Butenschön 7.05 Und dann kommt eben von Hirschfeld Ende des 18. Jahrhunderts erstmal die Idee, zu sagen, wir brauchen eigentlich was Größeres, was Flächenhaftes, wo sich die Leute ausbreiten können, wo man sich erholen kann, wo man andere Leute treffen kann, was wirklich so ein Gegengewicht quasi zur dicht besiedelten Stadt bildet. ERZÄHLER Christian Cay Lorenz Hirschfeld, seines Zeichens ordentlicher Professor der Philosophie und der schönen Wissenschaften auf der Universität zu Kiel, formuliert es 1785 in seiner „Theorie der Gartenkunst“ so: Musik 6: Mozart: Oboenkonzert – 1:21 Min ZITATOR Eine ansehnliche Stadt muss in ihrem Umfang einen oder mehrere große offene Plätze haben, wo sich das Volk in gewissen Zeitpunkten der Freude oder der Noth versammeln und sich ausbreiten kann, wo eine freye und gesunde Luft athmet, und die Schönheit des Himmels und der Landschaft sich wieder zum Genuß eröffnet. Diese Plätze machen eine vorzügliche Zierde der Städte, wenn sie mit Rasen, mit Springbrunnen, mit Bildsäulen geschmückt, und von Baumpflanzungen und den schönern Gebäuden umkränzt sind. ERZÄHLER Die Idee des Volksgartens ist geboren, der Vorläufer des Volksparks und des späteren Stadtparks. Der Gartentheoretiker Hirschfeld zeigt sich in seinen Formulierungen ganz als Kind seiner Zeit, der Aufklärung: ZITATOR Diese Volksgärten sind… als ein wichtiges Bedürfnis des Stadtbewohners zu betrachten. Denn sie erquicken ihn nicht allein nach der Mühe des Tages mit anmuthigen Bildern und Empfindungen; sie ziehen ihn auch, indem sie ihn auf die Schauplätze der Natur locken, unmerklich von den unedlen … Arten der städtischen Zeitverkürzung ab, und gewöhnen ihn allmälig an das wohlfeile Vergnügen… Alle gelangen hier ungehindert zu ihrem Rechte, sich an der Natur zu freuen. (S. 68 Theorie, Band 5) Musik 7: Walzer mit Trio – 23 Sek ERZÄHLER Wenig später, 1789, folgt der Theorie die Praxis. Auf Geheiß des Kurfürsten Karl Theodor wird in München ein riesiger Park angelegt, der Karl-Theodor-Park. Der Volksmund nennt ihn schnell den Englischen Garten. Denn er entspricht in seiner Gestaltung dem englischen Landschaftsgarten, ein Gegenentwurf zu den geometrisch angeordneten, übersichtlichen französischen Herrschaftsgärten der Barockzeit.. 8. ZUSPIELUNG Butenschön 7.40 Es war noch so ein Top-Down-Produkt, wo der Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz ja in Anbetracht der Ereignisse in Frankreich, also der französischen Revolution, den klugen Rat bekommen hat, seinem Volk irgendwas Gutes zu tun … und gesagt hat, okay, wir machen einen großen Park für die Stadtbevölkerung direkt vor den Toren der Stadt und hat diesen Englischen Garten als Stadtpark angelegt, in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Das ist in zwei Jahren gebaut worden, am Anfang mit Fackelbeleuchtung in der Nacht, damit es möglichst schnell geht und damit man also möglichst schnell was präsentieren kann und was zeigen kann. Aber ganz klar das Motiv von dem Herrscher, der seinem Volk irgendwie was Gutes tun wollte, um die ruhig zu halten, sag ich mal so platt. ERZÄHLER Statt auf die Barrikaden zu gehen, sollte das Volk lieber flanieren. Dafür bot der Englische Garten mit seinen über 370 Hektar viel Platz. Er gehört noch heute zu den größten innerstädtischen Parks weltweit. Der erste Volksgarten, den eine Stadt selbst in Auftrag gab, unabhängig von einem adeligen Regenten, entstand in Magdeburg, genauer: unmittelbar vor der Stadt: der Klosterbergegarten. Alle Grünflächen rund um die Festung waren während der napoleonischen Kriege dem Erdboden gleich gemacht worden – damit auch das Stück Natur, zu dem die Magdeburger sonntags gerne strömten. Da beschloss die Stadt: 9. ZUSPIELUNG Butenschön 10.00 Das geht so nicht weiter, wir müssen irgendwie Grünflächen anlegen, weil um die Stadt rum ist alles öde und trist und in der Stadt ist es dicht bebaut und wir haben riesige Festungsanlagen um uns rum. Und 1824 hat dann die Stadt den damaligen Landschaftsarchitekten oder Obergärtner in Preußen, nämlich Peter Joseph Lenné, gebeten, einen Entwurf für einen Stadtpark vorzulegen für die Stadt Magdeburg. ATMO Garten, Schiffshorn ERZÄHLER Am Elbufer, südlich der Altstadt von Magdeburg, legte der Gartengestalter Peter Joseph Lenné den Volksgarten an, auf großzügigen 35 Hektar. 10. ZUSPIELUNG Butenschön 15:00 Er findet total richtig, dass dieser Park ein Ausdruck dessen sei, dass die Stadt sich so etwas leisten könne und wolle. Und damit hängt auch zusammen, dass nicht nur in seinem Stadtpark, sondern dann eigentlich in den meisten Stadtparks des 19. Jahrhunderts, dass immer ein Blick auf die Stadt geboten wird aus diesen Parkanlagen, also von den Spazierwegen. Das Bild der Stadt, die Silhouette mit den Türmen, dem Rathaus ist immer einbezogen und gerne der Ort, wo das Geld verdient wird. Das ist in Magdeburg die Elbe. Also der Blick auf die Elbe, wo die Schiffe fahren und wo der Handel getrieben wird. Das ist ein Bild in diesem Park, was man sehen soll, weil das quasi die Grundlage dafür ist, dass sich die Stadt so eine Anlage leisten kann. Musik 8: Der Tod aus Metropolis – 36 Sek ERZÄHLER Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchsen die urbanen Zentren. Zu Hunderttausenden drängten die Menschen, vor allem Arbeiter, in die Städte, die gar nicht so schnell Mietskasernen hochziehen konnten, um sie alle unterzubringen. Viele Bewohnerinnen und Bewohner hausten in Hinterhauswohnungen ohne Luft und Licht und ohne Grün. Etliche Mieter mussten sich sogar schichtweise eine Schlafstelle teilen. Seuchen breiteten sich aus. Die Enge und die Konkurrenz um Arbeitsplätze führten zu sozialen Spannungen. 11. ZUSPIELUNG Loenhart 2.40 Die Lebensbedingungen der Bevölkerung wurden zunehmend kritischer… ERZÄHLER Der Landschaftsarchitekt und Professor an der TU Graz Klaus K. Loenhart [Lo-enhart]. Er sieht in den Parks 12. ZUSPIELUNG Loenhart 2.55 wirklich ein revolutionäres Konzept, nämlich einen öffentlichen Landschaftsraum zu gestalten, der allen Menschen zugänglich war, unabhängig von ihrer sozialen Stellung. ERZÄHLER Überall in den Ballungsgebieten halten jetzt Parks Einzug, dort wo noch Platz ist, in den Vorstädten und Arbeitervierteln. Das Ideal: soziale Integration mittels gemeinsamer Grünräume. Die Berliner Landschaftsarchitektin Sylvia Butenschön: 13. ZUSPIELUNG Butenschön 3.30 Diese Möglichkeit, einen für alle zugänglichen Raum zu haben, an dem jede Bewohnerin der Stadt sein darf, verschiedenste Dinge machen kann, ohne dass es was kostet, ohne dass man dafür Geld ausgeben muss, die finde ich einfach großartig. Und ich denke, das ist eines der ganz wichtigen Errungenschaften, die kommen aus den Gedanken der Aufklärung und des Humanismus. ERZÄHLER Die Besucherinnen und Besucher der Stadtparks sollten nicht nur aufatmen und ihrer Gesundheit etwas Gutes tun – allein schon, um ihre Arbeitskraft zu erhalten. Man richtete an den Park auch einen moralischen Anspruch. Er sollte die Besucher in gewisser Weise zu besseren Menschen machen. 14. ZUSPIELUNG Butenschön 18.20 Und das fängt in Berlin an. Und zwar genau in den Bereichen, wo die Arbeiterschaft wohnt und wo man sagt, die Leute sollen nicht Geld ausgeben im Park, sondern die sollen dort gesund bleiben, indem sie sich spielerisch, sportlich, wie auch immer betätigen, also an der frischen Luft sind und eben nicht dazu verführt werden, ins Wirtshaus zu gehen und das Geld für Alkohol oder sonst irgendwas auszugeben. Musik 9: False words – 1:58 Min ERZÄHLER Wie ein grüner Faden zieht sich durch die Geschichte des Stadtparks und ihrer Vorläufer: Er soll Begegnung ermöglichen. Damit das gelingt, spielt aus Sicht des Landschaftsarchitekten Klaus Loenhart eine wichtige Rolle, dass sich alle in einem Park zu Hause fühlen können. 15. ZUSPIELUNG Loenhart 16:18 Also wenn wir in den Park gehen, dass wir eben nicht in den Garten eines anderen gehen, sondern wir mitunter wirklich ein Gefühl haben: Ich darf mich da jetzt hinlegen, denn es ist auch ein Stückchen meins, mein Zuhause, mein Garten. ERZÄHLER Als „Benutzerpark und Gebrauchslandschaft“ – so verstand der Landschaftsarchitekt Günther Grzimek seinen Olympiapark in München. Entworfen hat er ihn in Zusammenarbeit mit dem Architekten Günther Behnisch für die Olympischen Spiele 1972: Eine Art Voralpenlandschaft mit einem See, künstlich geschaffen auf einem drei Quadratkilometer großen früheren Militärflugplatz, nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt. Symbolträchtig: Der Trümmerberg aus dem Zweiten Weltkrieg wurde begrünt und zum Olympiaberg transformiert. Grzimeks Kredo: Auf die Parkbesucher oder besser -benutzer und –benutzerinnen und ihre Bedürfnisse kommt es an. Sylvia Butenschön: 16. ZUSPIELUNG Butenschön 35.00 Die Gestaltung muss sich darauf einstellen, dass der Park wie ein guter Gebrauchsgegenstand von allen irgendwie genutzt werden kann, der akzeptiert, dass es Trampelpfade gibt, also dass die Entwicklung von Wegen nicht festgelegt wird von vornherein, sondern dass die Nutzerinnen das festlegen können und dass man auch im Park Blumen pflücken und eben Sträucher oder was abbrechen darf für die Eigennutzung als Gebrauchsgegenstand. ERZÄHLER Grzimeks Wunsch: Die Menschen sollten vom Park Besitz ergreifen, ihn sich aneignen. Klaus Loenhart: 17. ZUSPIELUNG Loenhart 17.30 Grzimek ist so ein Kind der sozialen Revolution, der Aneignung und mir gefällt dieser Begriff sehr, sehr gut, weil es eben ausdrückt auch die Freiheit, sich frei und unbefangen verhalten zu dürfen. Und eben quasi ein bisschen aus der eigenen sozialen Kontrolle, die man vielleicht auch anders lebt, in der Fußgängerzone oder auf dem Gehsteig, loszulassen und einfach mal zu laufen oder zu spielen. ATMO Park, Kinder ERZÄHLER Ein solcher Gebrauchspark ist zum Beispiel auch der Volkspark Friedrichshain in Berlin. Er zieht Freizeitsportler, Anwohner und Anwohnerinnen und Touristen gleichermaßen an. Ob Freiluftkino im Sommer, Rodeln im Winter, Bouldern auf dem Kletterfelsen, Plantschen in einem riesigen Springbrunnen oder Grillen auf dem Rasen, alles ist dort möglich. Diese vielfältige Nutzung ist typisch für Parks des 20. und 21. Jahrhunderts. Hier rückt das gemeinschaftliche Erlebnis im Grünen in den Mittelpunkt, so Klaus Loenhart: 18. ZUSPIELUNG Loenhart 7.27 Was dazukommt und was natürlich ein großes gesellschaftliches Thema heute ist, sind natürlich die ökologischen Funktionen wie Klimaregulierung, Wasser-Retention und beispielsweise die Förderung der Biodiversität, die mir jetzt auch sehr am Herzen liegt, die eben viel stärker in diese Parks integriert wurden und werden. Musik 10: False words – siehe oben – 1:08 Min ERZÄHLER Bäume sorgen für Schatten und Verdunstungskühle, sie reinigen die Luft, dämpfen den Verkehrslärm und halten mit ihren Wurzeln das Regenwasser im Boden. Gerade wenn sich die Stadt im Sommer aufheizt aufgrund der versiegelten und asphaltierten Flächen, sind Bäume für die Menschen dort eine Wohltat. Wo grüne Oasen entstehen und wie sie aussehen sollen, entscheidet heute nicht mehr allein die Stadtverwaltung. Man lässt die Bürger mitreden. Auf die Weise hat auch die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Stadt seit 2014 einer grünen Transformation unterzogen. Ihr Ziel: Paris soll eine nachhaltige, umweltfreundliche Metropole werden, in der die Menschen saubere Luft atmen können. Autos und riesige Parkplatzflächen wurden verbannt, dafür Tausende Bäume gepflanzt und Grünflächen geschaffen. Aus Sicht von Landschaftsarchitekt Klaus Loenhart ist das gelungen: 19. ZUSPIELUNG Loenhart 23.00 Das bedeutet natürlich viel Aufwand, viele Gespräche und Workshops mit den Bürgerinnen und Anwohnerinnen. … es scheint mir aber wirklich das einzig richtige Prinzip zu sein. Man spürt es in Paris, … wie dieses neue Grün gelebt, ganz begeistert angenommen wird von den Bürgerinnen und Bürgern und eben auch wertgeschätzt wird. Man spürt es im Umgang dann auch mit der Nachbarschaft. Die wird dann sehr, sehr wenig auch verschmutzt. ... Also die Tendenz ist geht dahin, von den zentralen Stadtparks hin in die Viertel zu gehen und kleine Garden Pockets auch zu entwickeln. Musik 11: Infinite – 1:40 Min ERZÄHLER Die meisten Städte sind dicht bebaut, es herrscht Konkurrenz um die begrenzte Fläche. Garden Pockets, die Begrünung von Nischen, ist eine Antwort darauf: So werden Verkehrsinseln, Straßenecken, aber auch Fassaden, Innenhöfe und Flachdächer zu kleinen grünen Oasen in der Stadt. Oft gepflanzt, liebevoll gestaltet und gepflegt von Menschen aus der Nachbarschaft. Eine Chance für großflächiges Grün in der Stadt eröffnet sich immer dann, wenn Fabrikgelände, Hüttenwerke, Areale der Bahn, Kasernengelände aufgegeben werden. Der ehemalige Berliner Flughafen Tempelhof – heute ein riesiges, freies, überwiegend grünes Areal für Spaziergänger, Jogger, Inlineskater. Oder die High Line in New York City - eine stillgelegte Hochbahntrasse mitten in Manhattan – heute ein beliebter langgestreckter Garten. Zur Musik: Atmo Parkwiese, Menschen Die grüne Stadt von heute und morgen gibt es nicht, vielmehr ist jede Stadt auf ihre Weise grün. Idealerweise wird sie dem gerecht, was der erste große Gartentheoretiker Christian Cay Lorenz Hirschfeld vor über 250 Jahren schrieb: ZITATOR 1 Alle gelangen hier ungehindert zu ihrem Rechte, sich an der Natur zu freuen.
- Berghütten früher und heute - Schutzhaus in luftiger Höhe
14.07.2025 · 23 Min.
Nur drei Tage brauchte der Hubschrauber, um die neue Olpererhütte im Zillertal zu errichten, Muli-Karawanen waren es beim Becherhaus im Stubai. Bis heute ist es eine Herausforderung, ein Schutzhaus unter Extrembedingungen zu errichten und zu bewirtschaften. Felsstürze und Trinkwasserprobleme machen es zusätzlich schwer. Von Georg Bayerle (BR2024) Credits Autor dieser Folge: Dr. Georg Bayerle Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Thomas Birnstiel Technik: Josef Angloher Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Gabi Braxmaier, Hüttenwirtin Kemptener Hütte Christine Denk, Hüttenwirtin Augsburger Hütte Em. Professor Dr. Hermann Kaufmann, Holzbau TU München Robert Kolbitsch, Ressortleiter Hütten & Wege DAV Professor Dr. Michael Krautblatter, Hangrutschungen TU München Peter Mani, Hüttenreferent SAC Erich Pichler, ehem. Hüttenwirt Becherhaus Mehr Storys, Infos & Tipps vom Berg: Der Instagram-Kanal von BR Berge. Einfach abspeichern und rausgehen! https://www.instagram.com/br_berge/ Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Geschichte der Bergführer - Vom Nebenjob zum Profi JETZT ENTDECKEN Bergsteigerinnen - Unbekannte Heldinnen JETZT ENTDECKEN Philosophie der Berge - Von Höhen und Tiefen JETZT ENTDECKEN Bergsturz - Bedrohte Berge JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER: Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtet Dietmar Berchtold, wie Holzbauteile von Dach und Wänden von den Lastwagen entladen werden. Er koordiniert den Ladeplatz am Schlegeisspeicher im Zillertal. Männer in greller Warnkleidung und Helm wie er, stellen die Bauteile in einer festgelegten Reihenfolge auf. Atmo Hubschrauber Dann schwebt der Hubschrauber heran mit langem Steilseil, sekundenschnell befestigen sie ein meter-langes Wandstück, das jetzt schaukelnd in die Luft gehoben und auf den Berg zur Baustelle geflogen wird. 1.Zsp NO 0.14 Na sollten schnell die ganzen Wände hoch, dass wir bis zum Abend fertig werden. Cirka 50 - 60 Flüge haben wir heut und wenn’s Wetter wärmer wird, haben wir ein Problem, weil der Hubschrauber nicht mehr so viel lupfen kann, drum müssen wir am morgen früh gleich ‚wähla‘. ERZÄHLER: In pausenlosem Pendelflug geht es jetzt so weiter. 600 Höhenmeter weiter oben beobachtet der Architekt dieser Extrembaustelle, Professor Hermann Kaufmann, wie das am Hubschrauber hängende Bauteil gleich an der richtigen Stelle in das Holzskelett des Hüttenbaus eingesetzt wird. 2.Zsp OH 2.16 Das ist wie ein Puzzlespiel. Das muss genau passen und in einer sehr schnellen Taktfrequenz auch, damit das Ganze muss so vorbereitet werden, dass in der Taktfrequenz wie der Hubschrauber heraufkommt, dass es wirklich passt. Die haben keine Zeit, da lange herumzusägen, herumzubasteln. Atmo: sägen ERZÄHLER: 350 Einzelteile sind es, bis zu eineinhalb Tonnen schwer. Sie wurden in der Zimmerei vorgefertigt. Als fliegender Lastesel des 21.Jahrhunderts funktioniert der Hubschrauber dabei gleich als Kran auf der Baustelle in 2400 Meter Höhe. Zimmerleute turnen über die Holzkonstruktion, fangen die schwebenden Holzplatten und passen jedes Teil zentimetergenau ein. 3.Zsp NO 0.42 So etwas habe ich noch nie gemacht. So mit der Dramatik an der Baustelle. Das ist etwas Unbeschreibliches. Musik: Schnelle Schritte (reduced 1) 0‘40 ERZÄHLER: Hermann Kaufmann ist damals Professor für Holzbau an der Technischen Universität München. Die neue Olpererhütte im Zillertal entsteht im Juli 2007 in nur drei Tagen an derselben Stelle, wo die marode, 100 Jahre alte Berghütte, vorher abgerissen worden war. Der Neubau ist etwas vollkommen Neuartiges und stellt aus heutiger Sicht einen historischen Meilenstein dar: die neue Hütte soll so effizient wie möglich gebaut wer-den und besteht praktisch zur Gänze aus Naturmaterialien. Das Vorbild hatte der Architekturprofessor in seiner Heimat, dem Bregenzerwald gefunden: 4.Zsp NO 1.54 Man kann’s vergleichen mit einem altem Blockbau, der ja auch als Blockbau damals gebaut wurde, weil Holz ein Dämmmaterial ist und wir erwarten im Prinzip eine ähnliche Atmosphäre wie bei den alten Blockbauten, die ja im Sommer ein ganz angenehmes Klima haben. Solange das Dach ist, wird das Haus nicht verrotten, es hat einen Schindelpanzer an der Außenseite, solange diese Schindeln dicht sind, wird also auch diese ganze Konstruktion ewig überdauern. ERZÄHLER: Oder sie könnte, weil auf künstliche Isoliermaßnahmen verzichtet wurde, einfach an Ort und Stelle verrotten. Die über Jahrhunderte praktizierte Holzbauweise der Tradition eignet sich als Vorbild für die Anforderungen des 21.Jahrhunderts. Für Robert Kolbitsch, den Ressortleiter für die Hütten beim Deutschen Alpenverein, hat der Münchner Holzbauprofessor damit den Weg vorgegeben: 5.Zsp 001/3.20 Das hat der Kaufmann damals schon erkannt, dass wir bei reinen Sommerhütten schon Einiges reduzieren können. Dass wir die üblichen Baustandards, die wir vom Tal kennen, reduzieren können. ERZÄHLER: Es fängt bei der Hüttenarchitektur und den Baumaterialien an und geht bis in die Details der Installation. Klima, Umwelt und Bewirtschaftungsweise werden hier zusammengedacht. 6.Zsp 001/4.40: Es geht darum, Energieaufwände zu minimieren. Der größte Energieverbraucher ist die Küche, wir wollen dort auch den Aufwand reduzieren, indem wir sagen, wir müssen nicht mehr so viele Speisen anbieten, ich brauche auch weniger Personal, wir haben weiniger Personalunterkünfte, ich habe auch weniger Kühllagerung und das alles hat Auswirkungen auf den Energiebedarf. Musik: Hinter dem Nebel (reduced 1) 0‘46 ERZÄHLER: Das Beispiel zeigt die besondere Komplexität, die in einer Berghütte mit ihrem extremen Umfeld steckt. Wo nichts einfach vorhanden ist, Ver- und Entsorgung mit großem Aufwand verbunden und die Belastungen durch Wind und Wetter extrem sind. In der ersten Blütezeit des Alpinismus, Ende des 19.Jahrhunderts, war den Hüttenbauern kein Hindernis zu hoch, um ihre Schutzhäuser an die aberwitzigsten Stellen zu setzen. Nach einfachsten Anfängen wie der Alten Prager Hütte mit einem Raum und einem Dutzend geschlechtergetrennten Schlafplätzen, wuchsen die architektonischen Träume schnell in die Wolken. Buchstäblich: 3195 Meter hoch steht das Becherhaus als höchste Schutzhütte Südtirols auf einem Berggipfel. Erbaut wurde es vor 130 Jahren von der Alpenvereinssektion Hannover, die Material und Inventar mit Mulis über den sechsstündigen Aufstieg aus dem Tal heraufschaffen ließ. Erich Pichler hat die Hütte so lange wie niemand sonst bewirtschaftet: 7.Zsp BE 0.19 + 1.22 1800 Höhenmeter, das ganze Material hochbringen, hier auf den Gipfel. Erst einmal die Idee zu haben, hier oben eine Hütte hinzustellen. Nicht eine normale Hütte, sondern ein Prestigehaus, weil das sind Mauern mit einem Meter und Korkplatten und Moose und haben es mit roten Samtteppichen ausgelegt. ERZÄHLER: Das bürgerliche Milieu des Alpenvereins verpflanzte die städtische Lebenskultur gleich mit ins Hochgebirge. Dazu gehörte damals auch eine eigene Kapelle: 8.Zsp BE 3.10 Wir sind hier ausgerüstet, wir haben da das ganze Messgewand, das wir können anziehen, Altartuch, alles, was man braucht. Weil 30 Bergführer hier stationiert waren und die mussten sonntags in die Kirche gehen und so wurde die ganze Kirche dazugebaut. Musik: Weiter Blick 0‘39 ERZÄHLER: Ein Bauwerk wie das Schutzhaus auf dem Becher steht am Höhepunkt der Erschließungsphase der Alpen. Von 8 Hütten zur Zeit der Gründung der Alpenvereine um 1870 wuchs die Zahl auf über 300 im Jahr 1914 vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Großbürgerliche Salonkultur mit Ölbildern und roten Teppichen auf der einen Seite, die Einfachheit des modernen Blockbaus auf der anderen Seite: größer könnten die Gegensätze kaum sein. Und dabei müssen sich die Hütten in den Wetterextremen bewähren, so wie sie die Wirtinnen und Wirte oft im täglichen Wechsel erleben. Christine Denk bewirtschaftet die Augsburger Hütte, auf 2300 Metern in den Lechtaler Alpen: 9.Zsp AH 0.27 Ich finde es einfach übermächtig; und man merkt, man kann es nicht beeinflussen, also du kannst dir noch 15 Mal den Wetterbericht anschauen, es stimmt oft nicht, man ist immer ausgesetzt und muss es so nehmen wie es ist. Das ist richtig schön da heroben, finde ich. Musik: Ein neuer Tag (reduced 2) 0‘27 ERZÄHLER: An diesem Tag ist das Wetter schlecht. Es kommen wenig Gäste. Zeit für die Hütten-Chefin, Dinge zu tun, die sonst liegenbleiben. Auch die Augsburger Hütte ist historisch, sie stammt aus dem Jahr 1885 und wurde mehrmals renoviert und umgebaut. Zuletzt 1992. Aus dieser Zeit stammt auch die Toilettenanlage. Die Behälter, in denen die Fäkalien die ganze Saison über gesammelt werden, müssen regelmäßig ge-tauscht werden. Christine steigt über eine Außentreppe in einen Kellerraum; beim Öffnen der Tür schlägt ihr eine Gestankswolke entgegen, dann dreht sie den Plastik-Behälter zur nächsten leeren Kammer. 10.Zsp AH 1.10 Ich hab gottseidank eh einen schlechten Geruchssinn; so, das ist jetzt gedreht. Ich werde oben im Anlagenbuch aufschreiben, dass ich auf die Zahl vier gedreht habe. Und nächstes Jahr, wenn ich es ausleere, schau ich, wie voll die waren und ob man noch hätte warten können oder ob’s überfällig ist. ERZÄHLER: Aber es gibt keine Abwasserleitung, hier, über 1000 Höhenmeter über dem Tal. Und die Zeiten, in denen alles einfach in die Landschaft gespült wurde, sind lange vorbei; die Exkremente werden also in den Behältern gesammelt. Musik: Secret proofs 0‘16 Jedes Jahr im Juni, kurz vor dem Saisonstart muss Christine Denk die unangenehmste Arbeit des Jahres verrichten: das, was die rund 2000 Gäste im Vorjahr hinterlassen haben, muss ins Tal: 11.Zsp TR 16.35 Bei uns ist es baulich leider so, dass es große Behälter sind, die ich nicht nach außen fahren kann, sondern wir schaufeln das aus. Mit so einer kleinen Gartenschaufel steht dann einer vor der Luke und der nächste schüttet es in einen Bigpack. wir sind alle in Schutzanzügen und mit Mundschutz, dauert einen halben Tag und dann schaufelst du die Hinterlassenschaften von einer Saison Hütte aus. ERZÄHLER: Alltagsdinge, über die sich die meisten wenig Gedanken machen, werden auf 2300 Meter Höhe zur Herausforderung. Hier oben kommt das Wasser auch nicht einfach so aus dem Hahn. 12.Zsp TR 17.20 Wir sind eine Hütte, die nicht viel Wasser hat. Wir sind abhängig vom Oberflächenwasser, also Schmelzwasser; Gletscher gibt’s fast nicht mehr, also Schneewasser und dann Regenwasser. Erstes Thema ist, überhaupt zu vermeiden, Wasser zu verbrauchen. Das Ziel ist am Ende, eine Hütte bewirtschaften und dem Gast eine gute Zeit zu bringen, in den Bergen Zeit zu verbringen. Und am Ende musst du mit den Strukturen zurechtkommen, die dir das Umfeld dort bietet. Und wenn du nicht viel Wasser hast, ist eine Trocken-WC-Anlage auch eine Konsequenz daraus. ERZÄHLER: Über einen Schmelzwasserbach, der von einem Gletscher gespeist wird, 500 Höhenmeter weiter oben, war die Augsburger Hütte jahrzehntelang mit Wasser versorgt. Inzwischen ist der Gletscher durch die Klimaerwärmung praktisch verschwunden, in trockenen Sommern ist der Wasserzufluss in den vergangenen Jahren wochenlang ganz versiegt. In der Hüttenabteilung des DAV laufen die Problemberichte bei Robert Kolbitsch zusammen. Auf vielen Hütten müssen Lösungen für den Wassermangel gefunden werden. 13.Zsp 001/5.20 Das ist ein Thema, das uns immer stärker betrifft. Verursacht durch den Klimawandel im Gebirge, das spüren wir da oben zuallererst. Das heißt wir wer-den dort die jetzigen Spültoiletten auf Trockentoiletten umstellen und werden dadurch den Wasserverbrauch um 70% reduzieren. Weil ohne Wasser kann ich die Hütte nicht betreiben. Musik: Handicraft work 0‘19 ERZÄHLER: Die Folgerung liegt auf der Hand; aber gerade das Beispiel Augsburger Hütte zeigt, wie komplex das Thema Trockentoiletten ist. Erst seit kurzem sind Unternehmen richtig aktiv geworden und entwickeln Lösungen für Trockentoiletten auf Berghütten. 16.Zsp 001/6.20 Da tut sich extrem viel. Es gibt in der Schweiz keine neuen Hütten mehr, ohne Trockentoilettensysteme und wir werden die jetzt auf unseren Hütten adaptieren. Es gibt derzeit mehrere Projekte, wo wir Hütten auf Trockensysteme um-stellen. Wir werden die gebauten Beispiele evaluieren, und dann den Sektionen Hilfsmittel zur Verfügung stellen, wie wir künftig die Trockentoilettensysteme auf den Hütten umsetzen können. Musik: Testing procedure (reduced) 0‘41 ERZÄHLER: In der Organisationsstruktur des Alpenvereins sind jeweils die Sektionen die Betreiber der Hütten. Aber die Herausforderungen sind inzwischen zu groß für einzelne Alpenvereinssektionen. Denn der Wassermangel ist nur eines der Symptome des Klimawandels, der in den Alpen doppelt so schnell abläuft, wie im Flachland. Hier ist die Durchschnittstemperatur gegenüber 1880 bereits um 2 Grad gestiegen. Nicht nur Gletscher verschwinden rasend schnell wie über der Augsburger Hütte. Auch der Grund, auf dem Hütten stehen, wird instabil, weil der Permafrost im Fels auftaut. An der TU München erforscht Professor Michael Krautblatter die geologischen Prozesse im Gestein und steigt im Auftrag des Alpenvereins auch auf die Berge. Eines der Sorgenkinder ist die Landshuter Europahütte auf 2700 Meter Höhe über dem Brenner. Mit einem Netzwerk aus Sensoren und elektrischen Leitungen hat Michael Krautblatter durch die Messung der Leitfähigkeit im Untergrund Veränderungen im Permafrost erforscht. 17.Zsp 76/1.55 + 2.50 Bei der Landshuter Europahütte gibt’s sehr massive Setzungen. Und das sind sehr unterschiedliche Setzungsraten innerhalb der Hütte, das heißt, der bisherige Hüttenbau ist nicht zu erhalten. Und wir haben eine neue Fläche vorgeschlagen. ERZÄHLER: Während an dieser Stelle die alte Hütte nicht mehr zu retten ist, konnte Michael Krautblatter für die Stüdlhütte am Großglockner eine einfache Lösung finden: es ging darum, dass das Schmelzwasser vom Dach nicht mehr direkt neben der Hütte in den Boden einsickert und dadurch andauernde Frost- und Tau-Prozesse auslöst, die die Felsen aufsprengen. 18.Zsp 76/0.20 Die Stüdlhütte war für uns ein gutes Beispiel, es geht ja bei Alpen-vereinshütten auch darum, mit geringem Aufwand viel bewirken zu können. Und das ist ein Fall, wo wir gesehen haben, das warme Dachwasser, das in die Permafrost-Nordflanke fließt, ist die Hauptursache. Man hat einen begrenzten Eingriff, man führt dieses warme Dachwasser weg, und hat damit gleich eine ziemlich gute Wirkung. Musik: New discovery 0‘17 ERZÄHLER: Inzwischen greift der Klimawandel massiv in die Schutzhütten-Infrastruktur der Alpen ein. Der Deutsche Alpenverein steht vor einer gewaltigen Herausforderung, sagt Robert Kolbitsch, der Hüttenchef: 19.Zsp 002/2.45 + 4.09 Wir werden uns die Hüttenstandorte sehr genau anschauen, wir werden Risikobeurteilungen machen: wie schaut die Wasserversorgung der Hütte künftig aus, die Murengefahr auf den Hütten, Muren werden zunehmen. Wir müssen die Standorte sehr genau anschauen, macht der Erhalt des Standorts wirklich Sinn, wir müssen über Alternativen nachdenken und darüber nachdenken, einzelne Standorte schließen. ERZÄHLER: Der Schweizer Alpenclub SAC ist in diesem Bereich bereits weiter: durch die größeren Höhen und das extremere Relief treten hier die Klimawandelfolgen noch drastischer zutage. In einer großangelegten Untersuchung wurden gerade alle Hütten auf ihre Klimasensitivität untersucht. Ergebnis: jede dritte Schutzhütte ist vom Klimawandel bedroht, erklärt Peter Mani, Experte des SAC: 20.Zsp 81/1.32 + 2.24 Die Britanniahütte hat Probleme mit dem Zugang, weil der Gletscher dort weggeschmolzen ist. Früher war das ein einfacher Hatsch, heute dis-kutiert man dort, eine große Hängebrücke reinzutun, weil man durch das Gelände nicht mehr kommt. Bei der Oberaletschhütte ist das Problem beim Tourenangebot, die Hochtouren werden dort wesentlich schwieriger und gefährlicher werden. Musik: Disturbing factors 0‘28 ERZÄHLER: Andere Berghütten in der Schweiz wurden in den vergangenen Jahren durch Lawinen oder Muren zerstört. Nach 150 Jahren steht die Kultur der Berghütten vor einer historischen Zäsur. Verglichen mit den geologischen Erschütterungen an exponierten Standorten in der Schweiz, machen sich die Klimawandelfolgen auf der Augsburger Hütte in Tirol eher unspektakulär bemerkbar, dafür aber andauernd. Hier evtl. Archiv-Atmo Küche (nicht in den Zusp. vorhanden) ERZÄHLER: Christine Denk steht mit ihren Mitarbeiterinnen am Herd, um das Abendessen zu kochen. Zu diesem Zeitpunkt laufen praktisch nur die Küchengeräte, um das Stromnetz nicht zu überlasten. Da zeigt die Steuerung der Elektronik plötzlich eine Störung an: 21.Zsp AH 7.02 Scheiße; Unable to read Wasserkraftwerk, 18 Uhr 12.. Atmo Kraftwerk ERZÄHLER: Während das Abendessen für die Gäste gekocht wird, muss jemand aus dem Hütten-team 250 Höhenmeter im alpinen Gelände absteigen zum Kleinwasserkraftwerk am Bergbach, das die Hütte versorgt. Eine halbe Stunde später wird sich dort herausstellen, dass nur eine Sicherung rausgeflogen ist. In trockenen Sommern aber, wenn der Schmelzwasserabfluss versiegt, gibt es oben auf der Augsburger Hütte auch keinen Strom aus dem Kleinwasserkraftwerk mehr. Die Energieversorgung ist eine weitere große Baustelle im Hüttenteam des DAV bei Robert Kolbitsch: 22.Zsp 002/0.25 Wenn ich zu wenig Wasser habe, habe ich auch Probleme, genügend Energie aus Wasserkraft zu bekommen. Die Sonnenenergie ist unsere wichtigste Energielieferant auf unseren Hütten. Die Photovoltaik wird ausgebaut, das ist jetzt nichts Neues. Aber auch die Speichertechnologie wird immer besser, auch daran arbeiten wir. Beides in Verbindung mit reduziertem Verbrauch, dann schaffen wir es, relativ autark die Hütten betreiben zu können. Musik: Precision on demand 0‘28 ERZÄHLER: Die Hütte der Zukunft soll möglichst als in sich geschlossenes System funktionieren, genau abgestimmt auf die natürlichen Ressourcen. Annehmlichkeiten wie warme Duschen, Federbetten oder üppige Speisekarten kann es dann kaum mehr geben. Die Diskussionen um den Komfort auf Hütten sind schon ein Jahrhundert alt und werden jetzt unter den neuen Vorzeichen von Klimaschutz und Umweltverträglichkeit geführt. 23.Zsp TR 02 Duschen ist nicht schlecht, aber mal ein Wochenende geht auch ohne. Brunnen vor der Hütte langt locker. Wolldecken reichen völlig aus ERZÄHLER: Bei Christine Denk auf der Augsburger Hütte erledigen sich viele Komfortfragen durch die Umweltbedingungen von selbst: 24.Zsp CD 53.49 Also wir haben nur Wolldecken, weil ich mit den Wasserproblemen gar keine Chance habe, diese Federbetten regelmäßig abzuziehen und zu waschen. Ich glaube, ein Gast will doch nur, dass sauber ist; das ist wichtig. ERZÄHLER: So zählt auch die Kommunikation zu den wichtigen Aufgaben der Hüttenwirtin: 25.Zsp CD 54.44 Wir haben dieses Umweltgütesiegel und da ist eine Auflage, dass du die Gäste aufklärst, wie funktioniert deine energetische und wassermäßige Versorgung und das fragt auch jeder Gast. Ich glaube, wenn Leute auf der Hütte waren und die Restpfütze am Ferner sehen, das ist sofort transparent, was der Klimawandel macht. Musik: Calculations 0‘25 ERZÄHLER: Im Werkzeugkasten des Berghüttenbetriebs bahnt sich eine tiefgreifende Trendwende an: wenn Hütten umgebaut oder renoviert werden, dann dient es nicht mehr der Komfortsteigerung. Als die Kemptener Hütte im Allgäu vor kurzem renoviert wurde, hat auch die Hüttenwirtin Gabi Braxmaier, die das Schutzhaus auf 1850 Metern seit Jahrzehnten bewirtschaftet, am neuen Konzept mitgewirkt: 26.Zsp TR 1:06:52 Es war Anliegen von uns, dass man die Duschen abschafft, weil einfach das Duschverhalten manchmal ein bisschen krank ist. Wir haben Tagesgäste ghabt, die gekommen sind, geduscht haben. Wir wollten den Gast wieder ein bisserl zurückholen, wir haben keine Duschen mehr, wir haben kein Wlan, kein warmes Wasser. und eigentlich sind wir ganz glücklich damit Musik: New evidence 0‘48 ERZÄHLER: Wie in einem Reallabor wird der Ressourcenverbrauch so weit wie möglich heruntergefahren. Die Berghütten sollen in einer der empfindlichsten Naturlandschaften überhaupt zu einem Modell werden für einen klima- und umweltfreundlichen Lebensstil, wie ihn die Gesellschaft insgesamt braucht. In einer neuen „Hütten-Wege-Vision 2030“ skizziert der Deutsche Alpenverein derzeit den Pfad, wie er mit seinen 320 Hütten in den Alpen klimaneutral werden kann. Als Leiter des Hüttenressorts tüftelt Robert Kolbitsch mit seinen Fachleuten gerade an einem Modellprojekt, das 2025 starten soll: Anlass ist der notwendige Umbau der Hochlandhütte über Mittenwald im Karwendel: 28.Zsp 001/1.45 + 0.30 Wie hoch sind meine CO2-Emissionen, was kann ich sparen. Mit diesem Modellprojekt wollen wir Konstruktionen vorgeben, die künftig die Bau-maßnahmen einfacher darstellen. Wir versuchen anhand dieses Beispiels neue Wege zu gehen, was Baukonstruktion, was Materialität betrifft, dass wir zum Beispiel, was den Schallschutz betrifft, was die Statik betrifft, ans Praktikable gehen, um den Materialeinsatz zu reduzieren. ERZÄHLER: Die Aufgabe reicht vom Dachaufbau bis zur Trockentoilette und den Küchengeräten. An den Planungen ist die Technische Universität in München beteiligt. Technische Lösungen, Verfahrensweisen, Materiallösungen – die neuen Erkenntnisse sollen dann allen Alpenvereinssektionen als Best-Practice-Beispiele für ihre Hütten weiter-gegeben werden. Musik: Handicraft work 0‘15 In ihrer 150-jährigen Geschichte stehen die Schutzhütten in den Alpen mitten in einem spannenden Veränderungsprozess.
- Die Benin- Bronzen Faszinierende Kunst und koloniales Unrecht
11.07.2025 · 22 Min.
Sie sind nicht nur beeindruckende Kunstwerke, sie sind das Gedächtnis eines ganzen Volkes in Westafrika. Was sie genau zeigen, ist allerdings noch nicht vollständig entschlüsselt. Und nach einem Raubzug der britischen Kolonialmacht sind tausende Benin-Bronzen in der ganzen Welt verteilt. Wie soll die Rückgabe ablaufen? Autor: Linus Lüring (BR 2023) Credits Autor/in dieser Folge: Linus Lüring Regie: Martin Trauner Es sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Jerzy May, Katja Schild Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Stefan Eisenhofer, Leiter Leiter der Abteilungen Afrika und Nordamerika im Museum Fünf Kontinente, München; Dr. Oluwatoyin Sogbesan, nigerianische Kulturhistorikerin, Lagos Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Pickelhaube und Kokosnuss - Deutsche Kolonien in der Südsee JETZT ANHÖREN Frantz Fanon - Vordenker des antikolonialen Befreiungskampfes JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: Paula sucht Paula Das Tagebuch der jungen Undercover-Journalistin Paula Schlier gibt uns heute, 100 Jahre später, einen seltenen Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München. Aber wer war diese Frau, was hat sie motiviert, war sie überhaupt eine Heldin? Die BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf Spurensuche. Paula sucht Paula | Folge 1/4 | Alles Geschichte - History von radioWissen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Die afrikanischen Verteidiger sind chancenlos gegen die gewaltige Armee, die sich Anfang des Jahres 1897 an der Westküste Afrikas formiert hat. Rund 1200 schwer bewaffnete britische Soldaten, Begleittruppen und hunderte Träger machen sich auf den Weg ins Landesinnere. Ihr Ziel: Das Königreich Benin und deren Hauptstadt, Benin-City. Als einziges Gebiet in der Region ist es noch nicht von einem europäischen Staat unterworfen und zur Kolonie erklärt worden. SPRECHERIN Zu groß ist die Übermacht der Europäer, die mit Maschinengewehren vorrücken. Nach zehn Tagen ist der Kampf vorbei und Benin-City wird eingenommen. Bevor die Briten die Stadt anschließend niederbrennen, durchsuchen sie systematisch den Palast des Oba, des Herrschers von Benin. Dabei machen sie einen überraschenden Fund. Der britische Marineoffizier Reginald Bacon erinnert sich später so: ZITATOR In den Lagerhäusern war jede Menge Krempel. Alte Uniformen oder hässliche Schirme. Aber in einem Haus befanden sich - bedeckt von Schmutz - einige hundert einzigartige Bronzeplatten - wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs. Es waren wirklich hervorragende Güsse. Die Vielfalt der Details war fantastisch. SPRECHER Zum damaligen Zeitpunkt ist den britischen Soldaten nicht wirklich klar, was sie da vor sich haben. Erstmal nehmen sie alles mit, was sie finden können. Mehrere tausend Kunstwerke werden verschleppt. Vor allem Platten und Güsse aus Bronze und anderen Legierungen, aber auch Schnitzereien aus Elfenbein oder Holz. Für all diese Stücke setzt sich der Sammelbegriff "Benin-Bronzen" durch. SPRECHERIN Als die ersten Stücke nach Europa kommen, lösen sie eine gewaltige Begeisterung aus. Vor allem unter den Museen beginnt ein Wettlauf um die Benin-Bronzen. Ein Mitarbeiter des Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin telegraphiert an den deutschen Konsul in Westafrika, er solle von den erbeuteten Dingen “was immer erreichbar und ohne Rücksicht auf den Preis” kaufen. SPRECHER Etwas später kommen Bronzen auch nach Bayern. Die Münchner Neuesten Nachrichten melden im Dezember 1898: ZITATOR Sämtliche größere Museen Europas, Amerikas, ja selbst Australiens sind alarmiert und haben sich teilweise arm gekauft. Auch in unserem Münchner Ethnographischen Museum ist eben die erste derartige Sendung eingetroffen und wird demnächst zur Ausstellung kommen. SPRECHER Mehr als 120 Jahre später geht der Ethnologe Stefan Eisenhofer die imposante Haupttreppe im Museum Fünf Kontinente nach oben, wie das Ethnographische Museum heute heißt. Er ist Leiter der Abteilungen Afrika und Nordamerika. Sein Ziel: Die ausgestellten Benin-Bronzen in der zweiten Etage. Er bleibt vor einer der Vitrinen stehen. Darin ein Kopf aus dunklem Metall, etwa 30 Zentimeter hoch… ZUSPIELUNG 1 (Eisenhofer Beschreibung Kopf) Also hier sehen wir so einen typischen Ahnen-Gedenkkopf wie er auf den Ahnen-Altären im Reich Benin gestanden ist. Das ist ein menschlicher Kopf, sehr stark stilisiert, Sie sehen um den Hals diese Ringe, sind Korallen, Ketten, Perlenketten, die Ausweis der Majestät und des hohen Ranges des Königs waren. Und da oben auf dem Kopf, sehen Sie so diese Öffnung, da steckte ein Elefantenstoßzahn drin, der in der Regel dann eben noch beschnitzt war mit mythischen oder tatsächlichen Szenen aus der Vergangenheit des Reiches. SPRECHER Etwa 20 Objekte, die zu den Benin-Bronzen gezählt werden, umfasst die Sammlung im Münchner Museum. Ein vergleichsweise kleiner Bestand. Das Ethnologische Museum in Berlin verfügt über mehr als 500 Exponate. Die meisten Benin-Bronzen finden sich in britischen Museen. Und sie alle verbindet die Frage, die Stefan Eisenhofer stellt, als er vor dem kunstvoll gestalteten Kopf aus Bronze steht. ZUSPIELUNG 3 (Eisenhofer Frage) Ja, es ist tatsächlich die die Frage – wo gehören diese Ahnen-Gedenkköpfe hin? In die Museen der Welt, in Museen in Nigeria, in den Königspalast in Benin City, in ein Nationalmuseum von Nigeria oder zu anderen Familien, die vielleicht auch solche Köpfe besessen haben? SPRECHERIN Wie soll man umgehen mit den Benin-Bronzen, die zum großen Teil geraubt wurden und jetzt in Museen und privaten Sammlungen weltweit verteilt sind? Diese Debatte wird seit einigen Jahren hochemotional geführt. Vor allem in Nigeria, dem Staat, in dem sich das Gebiet des Königreich von Benin heute befindet - nicht zu verwechseln mit dem Staat Benin, der weiter westlich liegt. Die Nigerianerin Oluwatoyin Sogbesan [sprich:Olluwateun Schóbessahn, Aussprache auch im Digas-File, wo Frau Sogbesan ihren Namen einspricht] ist Kunsthistorikerin und Spezialistin für Fragen des kulturellen Erbes Afrikas. Die Benin-Bronzen sind für sie nur ein Beispiel für ein größeres Problem. ZUSPIELUNG 4 (Toyin - Afrika ist von außen leichter zu studieren als von innen ) Overvoice weiblich Es ist leichter, afrikanische Kultur in Museen auf der ganzen Welt zu erleben, als in Afrika. Alles wurde geplündert. Wie sollen wir unsere Geschichte zusammenfügen und verstehen? Denn das sind ja eigentlich Dinge, die die Kreativität und Fähigkeiten unserer Vorfahren verdeutlichen. So wird klar, was wir waren und wer wir sind. SPRECHER Es geht also bei der Diskussion um die Benin-Bronzen darum, wie Unrecht aus der Kolonialzeit wieder gut gemacht werden kann und auch um die Frage, wie sehr kolonialistisch geprägtes Denken bis heute wirkt. Auf der Suche nach Antworten muss man erstmal zurück an den Anfang. SPRECHERIN Denn schon im Jahr 1897, kurz nach dem britischen Raubzug, sorgen die Benin-Bronzen für Diskussionen. So heißt es im Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten damals weiter: ZITATOR [Es] wurden Bronzegüsse aufgedeckt in einer Größe und in einer Vollendung… SPRECHER … wie man sie den Schwarzen niemals zugetraut hätte. Die Kunstwerke stellen alte Gewissheiten in Frage. Ja sogar die Argumentation, die der Unterwerfung des afrikanischen Kontinentes zugrunde lag, gerät ins Wanken, als die Benin-Bronzen nach Europa kommen. ZUSPIELUNG 5 (Eisenhofer Kolonialkritik) Der Tenor war ja, wir müssen Afrika kolonisieren, um die an die höheren Weihen der Zivilisation heranzuführen. Und jetzt stieß man auf diese tollen Kunstwerke, und das brachte die Befürworter des Kolonialismus in Erklärungsnot. Und kolonialkritische Kreise hatten halt gesagt, ihr erzählt uns immer Afrikaner, sind ohne unsere kolonisierende Hand ja nicht fähig, großartige Sachen zu schaffen. Wie erklärt ihr uns das jetzt? Und es wurden dann sehr schnell Erklärungsmodelle geschaffen, indem es hieß ja, das ist ja auch nicht von Afrikanern geschaffen worden, sondern wahrscheinlich von Arabern, die irgendwie aus dem Norden da waren, oder vielleicht von Europäern, die dort an Land gingen und dort blieben. SPRECHER So erklärt sich auch die Deutung des britischen Offiziers Reginald Bacon. Er war schnell von ägyptischem Einfluss ausgegangen. Aber es werden nicht nur die Fähigkeiten der Künstler des Königreiches von Benin angezweifelt. Es wird auch verkündet, man müsse die Benin-Bronzen nach Europa bringen und damit “retten”. Würden sie vor Ort in Westafrika bleiben, wären sie bald zerstört und damit Kunst von Weltrang unwiederbringlich verloren. Eine Sichtweise, die überheblicher kaum sein könnte. SPRECHERIN Dass die Benin-Bronzen tatsächlich vor Ort hergestellt wurden, wird inzwischen von niemandem mehr angezweifelt. Die Kunst der Bronze-Guss-Technik wird bis heute in Benin-City in Handwerkerfamilien von Generation zu Generation weitergegeben. SPRECHER Während die Herstellung der Benin-Bronzen also sehr konkret beschrieben werden kann, ist die Antwort auf eine andere Frage komplexer - nämlich warum die Kunstwerke geschaffen wurden. SPRECHERIN Dies ist eines der Schwerpunkte in der Forschung von Oluwatoyin Sogbesan. Die Kulturhistorikerin möchte dabei zuerst ein Missverständnis aufklären. ZUSPIELUNG (8 Toyin – mehr als Kunst) Overvoice weiblich Was oft als afrikanische Kunst bezeichnet wird, sind eigentlich Objekte, die eine wichtige Funktion haben. Sie werden genutzt für rituelle Zeremonien, für traditionelle Verehrung. Für die Menschen in Benin waren Sie ein Zeichen für die Macht des Oba, des Königs. Sie waren heilig, weil sie die früheren Könige ehrten. Viele der Benin-Bronzen stellen einen verstorbenen Oba dar. Sie galten als ein Medium, durch das der amtierende Oba mit seinen Vorfahren kommunizieren konnte. [Auch deshalb mussten sie so hochwertig ausgearbeitet werden.] Nochmal: Die Benin-Bronzen waren viel mehr als nur Kunstwerke. SPRECHERIN Die Benin-Bronzen sollten also vor allem durch ihre prunkvolle Gestaltung die Macht des Oba, also des Herrschers über das Königreich von Benin, symbolisieren. Aber die Objekte hatten noch eine zweite Funktion. Denn während in europäischen Kulturen Ereignisse seit Jahrhunderten schriftlich festgehalten wurden, gab es diese Tradition in den meisten afrikanischen Gesellschaften nicht. Daher spielen die Benin-Bronzen eine besonders wichtige Rolle, vor allem die Reliefplatten. ZUSPIELUNG (9 Toyin - historical recording) Overvoice weiblich Sie waren auch Objekte der Geschichtsschreibung. Das ist sozusagen die Art und Weise, wie Afrika schreibt. Jede Platte ist damit wie eine Seite in einem Geschichtsbuch. Man kann zum Beispiel Leoparden sehen, also Tiere mit denen die Menschen früher zu tun hatten. Die Benin-Bronzen waren also für die Menschen eine Möglichkeit, Ereignisse festzuhalten. SPRECHER Im Münchner Museum Fünf Kontinente erklärt Stefan Eisenhofer, der Kurator der Afrika-Abteilung, wie das konkret aussehen kann. Er zeigt im Ausstellungsraum einer dieser Bronzeplatten. Darauf sind unter anderem portugiesische Seefahrer zu sehen. ZUSPIELUNG 10 (Eisenhofer Portugiesen) Die Portugiesen erkennt man an diesen geraden Haaren, an diesen Schnittlauchhaaren und den sehr geraden Nasen. Also Europäer wurden von den Gießen in Benin sehr stereotyp dargestellt. Lange, glatte Schnittlauchhaare und eben sehr spitze, lange Nasen, während sie die Einheimischen mit sehr breiten Nasen dargestellt haben. Sie sehen hier auch zwei Würdenträger dargestellt auf dieser Benin-Platte. SPRECHERIN Die Erforschung der Benin-Bronzen ist enorm kompliziert. Es ist nicht nur oft schwer zu deuten, was genau auf den Platten zu sehen ist oder wen ein Ahnenkopf darstellen soll - auch eine genaue Datierung ist meist nicht möglich, weil eben weitere Erklärungen oder schriftliche Ergänzungen fehlen. Es wird davon ausgegangen, dass die ältesten Bronzen aus dem 12. Jahrhundert stammen. SPRECHER Dass so wenig bekannt ist, liegt auch daran, dass die Briten 1897 den Palast des Oba weitgehend zerstörten und auch viele Würdenträger ermordeten. Diese gaben oft historisches Wissen mündlich an folgende Generationen weiter. SPRECHERIN Die Folge ist für Oluwatoyin Sogbesan eine Wissenslücke zwischen den Generationen - bis heute. ZUSPIELUNG 12 (Toyin - Gap) Ohne Overvoice SPRECHERIN Gerade weil die Benin-Bronzen so zentral sind für die Geschichtsschreibung eines ganzen Volkes und damit auch für dessen Identität, wurde der Raubzug zu einem zentralen Beispiel für koloniales Unrecht. Die Debatten um eine Restitution, also die Rückgabe, wird international verfolgt. SPRECHER Ein Rückblick: In den 1930er Jahren fordert der Hof von Benin erstmals offiziell von der britischen Krone die Rückgabe der Kulturgüter. Der Erfolg ist gering. Doch der Wunsch bleibt bestehen. 1960 wird Nigeria 1960 unabhängig von Großbritannien. Das Königreich von Benin ist nun Teil dieses neuen Staates. Der traditionelle Herrscher, der Oba, übt wieder großen Einfluss aus. SPRECHERIN 1972 wird in Benin-City ein Museum geplant, in dem auch Benin-Bronzen ausgestellt werden sollen. Nigerianische Diplomaten bitten darum, einige Stücke als Dauerleihgaben aus Deutschland zu bekommen. Sie stützen sich damals auf den Internationalen Museumsrat. Das Gremium hat empfohlen, geraubte Kulturgüter den noch jungen afrikanischen Staaten zurückzugeben. So soll ihnen ein besserer Zugang zur eigenen Kultur ermöglicht werden. SPRECHER Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin lehnt die Anfrage aus Nigeria damals allerdings umgehend ab. Sie besitzt die zweitgrößte Sammlung von Benin-Bronzen weltweit. Das Land habe keinen „moralischen Anspruch“ auf die Objekte und die Erwerbungen der Berliner Museen seien “von jedem Makel frei”. SPRECHERIN An dieser Haltung wird sich in den folgenden Jahren wenig ändern. Es entsteht das, was die Kunsthistorikerin Benedicte Savoy eine “Sperrmauer der Institutionen” nennt. Währenddessen blüht der internationale Markt für die Benin-Bronzen weiter. SPRECHER Noch 2007 ersteigert ein privater Bieter beim Auktionshaus Sotheby`s einen bronzenen Kopf aus Benin für fast fünf Millionen Dollar. Eine Versteigerung ähnlicher Stücke einige Jahre später muss dann allerdings gestoppt werden. Die öffentliche Kritik ist zu groß geworden. SPRECHERIN Auch auf Ebene der Wissenschaft tut sich etwas. 2010 wird in Deutschland die Benin-Dialogue-Group gegründet. Es geht um eine engere Zusammenarbeit zwischen deutschen, britischen oder niederländischen Museen, die Benin-Bronzen besitzen, und Einrichtungen in Nigeria. Die Restitution ist dabei erstmal kein Thema. Stattdessen soll der Austausch von Informationen zu Sammlungen oder einzelnen Objekten intensiviert werden. SPRECHER Nach und nach tritt auch die nigerianische Seite deutlicher auf. Sie bittet nicht mehr. Oluwatoyin Sogbesan und andere fordern die Rückgabe mit Nachdruck ein. ZUSPIELUNG 14 (Toyin Fliegen) Overvoice weiblich Menschen machen sich von Nigeria aus auf den Weg, um die Benin-Bronzen in Museen überall in der Welt zu sehen. Warum können nicht Menschen aus aller Welt nach Nigeria reisen? Ihr könnt ja Kopien haben. Und wenn ihr das Original sehen wollt, dann müsst ihr eben nach Nigeria kommen. Lasst uns den Spieß umdrehen! SPRECHERIN Eine Rede des französischen Präsidenten Emmanuel Macron Ende 2017 beschleunigt dann die Entwicklung. In seiner fast zweistündigen Rede vor Studierenden in Burkina Faso verkündet er ein Umdenken: ZUSPIELUNG 15 (Rede Macron) Overvoice männlich Ich kann nicht hinnehmen, dass sich ein Großteil des kulturellen Erbes vieler afrikanischer Staaten in Frankreich befindet. Es gibt historische Erklärungen dafür, aber keine wirkliche Rechtfertigung. Das Erbe Afrika darf nicht nur in privaten Sammlungen und europäischen Museen zu finden sein. SPRECHER Damit kündigt Macron wohl so deutlich wie kein anderer europäischer Staatschef vor ihm die Rückgabe von Kulturgütern an. Ein Schritt, der auch Museen und Politik in Deutschland unter Druck setzt. Wie soll man weiter mit den Benin-Bronzen umgehen? SPRECHERIN Zur Erinnerung: Jahrzehntelang waren Forderungen aus Nigeria nicht ernst genommen und abgelehnt worden. Anfang der 1970er Jahre hieß es noch, Nigeria habe keinen Anspruch auf die Benin-Bronzen. Auf einmal geht es dann schnell: Im Juli 2022 unterzeichnen die deutsche Bundesregierung und die Regierung Nigerias eine gemeinsame Erklärung. Darin heißt es gleich am Anfang: ZITATOR Wir bekräftigen das Ziel, die Benin-Bronzen ohne Bedingungen an Nigeria zurückzugeben. SPRECHER Und wenige Monate später werden in Nigeria die ersten Objekte feierlich übergeben. Mehrere hundert weitere sollen folgen. Teilweise sollen aber auch Bronzen als Dauerleihgaben in deutschen Museen bleiben - mit dem Hinweis auf die neuen Eigentümer. In allen Erklärungen und Vereinbarungen schwingt die Hoffnung mit, dass mit diesen Regelungen die jahrzehntelangen Debatten beendet werden können. SPRECHERIN Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Innerhalb Nigerias entwickelt sich eine neue Kontroverse um die Benin-Bronzen. Wem sollen sie gehören? Wer soll sich um die Aufbewahrung und Ausstellung kümmern? Und da wird es kompliziert. Dem Staat Nigeria wurden die Bronzen offiziell übergeben. Aber auch der amtierende Oba, der traditionelle Herrscher über das Königreich von Benin, hat Ansprüche angemeldet. SPRECHER Mit Erfolg: Der frühere nigerianische Staatspräsident Buhari hat die Bronzen inzwischen dem Oba übergeben. Die Begründung: Er sei der rechtmäßige Eigentümer, weil seine Vorgänger die meisten Werke in Auftrag gegeben und im Königspalast aufgestellt hatten. Allerdings ist die Sorge vieler Beobachter, dass die Bronzen nun dort verschwinden und nicht mehr in einem öffentlichen Museum gezeigt würden. So war es eigentlich geplant. SPRECHERIN Und eine weitere Partei hat sich eingeschaltet. Denn ein weiterer Aspekt gehört zu den Benin-Bronzen: Ihre Herstellung wurde auch durch einen florierenden Sklavenhandel finanziert. Dieser wiederum wurde vom Königshaus von Benin durch aggressive Eroberungskriege am Laufen gehalten. Die Nachfahren dieser Sklaven bezeichnen die Benin-Bronzen deshalb als “Blut-Metalle” und kritisieren die pauschale Rückgabe an Nigeria. Sie sehen die Kunstwerke auch als Teil des eigenen kulturellen Erbes und möchten mitbestimmen, was mit ihnen passiert. SPRECHER Stefan Eisenhofer vom Münchner Museum Fünf Kontinente wirbt für, eine ruhige Auseinandersetzung. ZUSPIELUNG 16 (Eisenhofer überhastet) Also ich würde allen Parteien eigentlich wünschen, dass man sich nicht von der Politik her treiben lässt, wie das zum Teil im Moment so der Fall ist. Also ich würde mir wünschen, dass man sich viel mehr Zeit nimmt, um Gespräche zu führen mit unterschiedlichen Akteuren in Nigeria, auch um um einfach , ja, zu sehen, die angemessenste Lösungen zu finden, wie man damit umgeht, also so, wie es im Moment so stattfindet, möglichst schnell zurückgeben, um irgendwie Schuld gutzumachen. Und dann haben wir unsere Ruhe - also das ist in meiner Sicht nicht der richtige Weg. SPRECHERIN Oluwatoyin Sogbesan warnt allerdings vor einer weiteren Einmischung. Sie betont, dass die Rückgabe bedingungslos erfolgt sei. Was mit den Bronzen weiter passiere, sei allein eine Angelegenheit Nigerias. ZUSPIELUNG 17 (Toyin in dein Haus kommen) Overvoice weiblich Es ist, als würde ich in dein Haus kommen, ohne zu fragen, die Tür öffnen und dann sage ich, was du mit deinen eigenen Sachen machen sollst. Die Debatte ist zum Teil immer noch nicht an einem Punkt angelangt, wo wir eine gemeinsame Grundlage haben. SPRECHER Es sind also trotz jahrzehntelangen Debatten immer noch zentrale Aspekte ungeklärt. Ein Rätsel konnte aber gelöst werden - mit überraschendem Ergebnis. Es ging dabei um die Frage, woher das Metall kam, das für den Guss der Benin-Bronzen verwendet wurde. Schon länger war vermutet worden, dass es aus einer einzigen Region stammt. SPRECHERIN Wissenschaftler aus Bochum konnten das bestätigen und mit chemischen Analysen nachweisen, dass das Metall für die Benin-Bronzen vor allem aus Deutschland stammt. Genauer aus der Region zwischen Köln und Aachen. Das Messing, das dort hergestellt wurde, war vor allem wegen seiner besonderen Fließfähigkeit begehrt bei Gießern in Benin. SPRECHER Auch wenn die Benin-Bronzen damit eine deutlich größere Verbindung zu Deutschland haben als lange bekannt war - die Restitutionsdebatte verändert die Erkenntnis nicht. Denn ein legitimer Anspruch auf die Kunstgüter lässt sich daraus nicht ableiten.
- Die Pest in Oberammergau - Von der Seuche zum Passionsspiel
11.07.2025 · 23 Min.
Es ist die Nacht vor dem Kirchweihfest 1633. In der Dunkelheit schleicht sich der Oberammergauer Kaspar Schisler von Eschenlohe aus in sein Heimatdorf. Bringt er damit die Pest in den Ort? - Das Unglück vor nahezu 400 Jahren hat die weltberühmten Passionsspiele hinterlassen und eine Menge fromme und skurrile Geschichten. Von Markus Mähner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Franziska Ball, Benedikt Schregle, Frank Manhold Technik: Adele Meßmer, Lorenz Kersten Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Viola Schenz, Journalistin und Autorin des Buches "Ein Dorf begeistert die Welt: Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele" Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Pest im Mittelalter - Europas demographische Katastrophe. Von Ulrike Rückert / Artikel Dorit Kreissl (2010 / 2015) JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Es ist der 11. September 1880. Ein Pferdefuhrwerk quält sich den steilen Ettaler Sattel aus dem Loisachtal kommend empor. Auf seinem Bock: Der lutherische Theologe Alexander von Oettingen von der Universität Dorpat im deutschsprachigen Estland. Neben ihm: Der äußerst gesprächige Murnauer Kutscher, der weiß auf was es bei der Oberammergauer Passion ankommt: ZITATOR 1 Die Hauptsache bei die Gschicht sei, daß viele Wagen voll Bierfässern dort versoffen würden. Ja, die verstehn´s dort halt. SPRECHERIN So Alexander von Oettingen in seinen "Erinnerungen eines Pilgers nach Oberammergau" von 1880. Und tatsächlich: M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 1´15´´) unter: Die Reise zu den inzwischen weltberühmten Oberammergauer Passionsspielen ähnelt eher einer Pilgerreise als eines Kulturausflugs. Denn links und rechts ist die Straße gesäumt von schier zahllosen Fußgängern, die sich keine Kutsche leisten können. Alle wollen sie nach Oberammergau, dem verschlafenen bayerischen Dorf, wie es in Disneyland nicht schöner stehen könnte: Umrahmt von kecken Berggipfeln und sprudelnden Ammerquellen, präsentiert es sich mit Lüftlmalereien und Herrgottsschnitzern an jeder Ecke, "abgeschieden und weltoffen", vor allem dank seiner Passionsspiele, von denen der offizielle Passionsführer von 1880 schreibt: ZITATOR 3 (od 2) Am Mississippi wie an der Spree, an der Donau wie an der Themse, an der Seine wie am Rhein lautet das Losungswort: Nach Oberammergau! Tausende eilen auf Bahnen und Dampfern nach dem sonst so stillen Gebirgsdorfe und scheuen selbst die Beschwerden und Mühseligkeiten und Gefahren einer mehrwöchigen Seereise nicht, um dem alten Mysterium beizuwohnen. SPRECHERIN Doch woher stammt es, das "alte Mysterium"? Der Gründungsmythos der Oberammergauer Passionsspiele ist so bewegt, wie seine nun bald 400jährige Geschichte. M Dakryon (Länge: 1´00´´) SPRECHERIN Es ist das Jahr 1633. In Bayern sieht es düster aus: Vor einem Jahr überquerte der Schwedenkönig Gustav Adolf mit seinen Truppen den Lech und brachte damit den Dreissigjährigen Krieg auch nach Bayern. Das tägliche Leben ist geprägt von Missernten und Hungersnöten, von Inflation und Hexenverfolgung. Galileo Galilei schwört in diesem Jahr in Rom vor der Heiligen Inquisition von seinem besseren Wissen ab. Das Klostergericht Ettal, zu dem Oberammergau gehört, lässt keine Hexenverbrennungen zu. Aber es fallen immer wieder "feindliche Räuber" - wie es in der Dorfchronik heißt - in Ettal und Oberammergau ein und zerschlagen dort den Kirchenschrein. Zu allem Übel grassiert auch noch der Schwarze Tod: Die Pest - im Ammergau glücklicherweise nicht so schlimm wie im Flachland. Musik Bitter intrigues (reduziert) (Länge: 0´53´´) SPRECHERIN Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als der Oberammergauer Tagelöhner Kaspar Schisler Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern bekommt. Es ist der Abend vor Kirchweich 1633. "Der Schisler" hat sich von Eschenlohe im Loisachtal, wo er sich als Knecht verdingt, auf den Weg über einen Bergsattel ins heimatliche Oberammergau gemacht. Überall sieht er Pestwachen. Niemand darf ins Dorf, denn bis jetzt verlief die Pest hier harmlos. Schisler aber stiehlt sich in der Nacht an den Wachen vorbei und bringt das Unglück mit: Innerhalb kurzer Zeit sterben... ZITATOR 2 ...binnen eines Jahres dahier 84 Personen, darunter zwei Pfarrer bald nacheinander. In dem großen Leidwesen traten die Vorgesetzten der Gemeinde zusammen und machten das Verlöbniß, die Passionstragödie alle zehn Jahre zu halten, und von dieser Zeit an ist kein einziger Mensch mehr gestorben, obgleich noch etliche die Pestzeichen an sich hatten. SPRECHERIN So die gut 200 Jahre später verfasste Dorfchronik. Ein Wunder? Schenz 1a Man mag jetzt an ein Wunder glauben, man mag es aber auch nicht. SPRECHERIN Viola Schenz, Journalistin und Autorin des Buches "Ein Dorf begeistert die Welt: Die Geschichte der Oberammergauer Passionsspiele" Schenz 1b Wahrscheinlich ist eben einfach, dass zu dieser Zeit, als dieses Gelübde ausgerufen wurde: die die an der Pest erkrankt waren, einfach schon gestorben waren und die diese überlebt hatten, eben resistent waren, sodass eben weil auch niemand mehr in den Ort gelassen wurde, sodass es einfach keine weiteren Pestfälle mehr gab. Das hat einfach eine rein medizinische, virologische Erklärung. SPRECHERIN Doch war es wirklich der Schisler, der die Pest brachte? Immer wieder tauchten Zweifel auf. Manche meinen, es sei eine Dienstmagd mit dem Namen Agata Lindenauer gewesen, die die Pest mit aus dem benachbarten Kohlgrub brachte. Natürlich können es auch Schwedische Soldaten gewesen sein, wie in vielen anderen Gebieten Bayerns. Fakt ist: der Name Schisler ist im Oberammergauer Pfarrmatrikel aus diesen Jahren nicht unter den Verstorbenen verzeichnet. Schenz 2 Aber es wurde eben diesem Schisler zugeschrieben. Und dass er eben nicht mehr in diesen Todeslisten verzeichnet ist, das kann ein Zufall sein oder ein Versehen oder auch ein bewusster Akt. Das weiß man heute nicht mehr. Aber klar ist: jemand hat die Pest gebracht. Es gab viele Tote, der Rest des Ortes war dann resistent. Die, die erkrankt waren und gestorben waren, waren eben eh tot und insofern fiel eben das Gelübde und des Ende dieses Pestbefalls sehr günstig zusammen. M Achlys (Länge: 0´25´´) unter: SPRECHERIN Bereits ein Jahr später, 1634, findet das erste Oberammergauer Passionsspiel statt. Auf dem Friedhof, wie in vielen anderen Orten Bayerns auch. SPRECHERIN Zurück ins Jahr 1880, knappe 250 Jahre nach dem Gelübde, zu Alexander von Oettingen: ZITATOR 1 Gottlob, das alte Gelübde bringt es mit sich, daß nur alle zehn Jahre gespielt werden soll. Sonst würde die Sache, wie sie schon heuer es zu werden drohte, zu einem lukrativem Geldunternehmen im neuesten Stil. Es war eben Mode geworden, jene "Pilgerfahrt" zu machen. Eine viertel Million Mark soll die Einnahme dieses Jahres betragen haben. SPRECHERIN Die ganze Welt drängt nach Oberammergau. Die Passion ist ihrem Dorfspiel auf dem Friedhof entwachsen. Und, wie so oft, bringt der Erfolg auch viele Trittbrettfahrer mit sich, wie Alexander von Oettingen 1880 aus München zu berichten weiß: ZITATOR 1 Auf meine Erkundigung in den "Vier Jahreszeiten", wo man, wie es hieß, in solider Weise die Vermittlung der Fahrangelegenheit, der Einlaßkarten und der Wohnung übernähme, war der Preis, auch wenn man auf die ersten Plätze verzichtete, 70 bis 80 Mark à Person! Nein, das konnte und wollte ich nicht. SPRECHERIN Die Organisation überlässt der Theologe dann einem Alois Mössl, der im Bierkeller zum Pschorr seine Kundschaft mit einem Preis von 25 Mark ködert - inklusive Fahrt und Eintrittskarte für den zweiten Platz. Zuerst schaut er sich aber noch das gerade erschienene Volkschauspiel "Die Herrgottsschnitzer von Oberammergau" an. 10 Jahre später, 1890, wird der Stoff als Roman von Ludwig Ganghofer dem Ort für immer sein Bild aufdrücken. 1952 bringt ihn Winnetou-Regisseur Harald Reinl ins Kino. M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 0´44´´) unter: SPRECHERIN Am Morgen des 11.September 1880 verlässt der Zug München Richtung Murnau - die Bahnstrecke ist vor einem Jahr erst eingeweiht worden. Es ist neblig, wie so oft hier im Herbst. Erst am Starnberger See, an dem Halt für eine Dampferrundfahrt gemacht wird, klart es auf und ein prächtiges Alpenpanorama empfängt den "Passions-Pilger". Oberammergau hat zu dieser Zeit 1200 Einwohner. Und man kann sagen: Das ganze Dorf ist mit den Spielen beschäftigt, denn schließlich dürfen nur Einheimische mitspielen. Genauso wie heute. Viola Schenz: M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 1´18´´) Schenz 3 Gut die Hälfte des Dorfes steht irgendwann über die Woche verteilt auf der Bühne, und der Rest ist sowieso auch irgendwie dabei: Wir haben die Feuerwehr, wir haben den Notarzt. Wir haben natürlich - ganz wichtig - den Chor und das Orchester. Die sind natürlich auch groß besetzt. Über hundert Mitglieder. Und wir haben die ganzen Garderobieren, wir haben die Einlasser. Und dann gibt es das ganze Drumherum noch. Also es ist eigentlich, es gibt kaum jemanden in Oberammergau, der nicht oder die nicht berührt wäre von diesen Spielen. Alle sind in irgendeiner Form involviert. SPRECHERIN Aber auch Auswärtige verdienen am Spiel. Sei es die Bahn, die Kutscher oder die Schifffahrtsgesellschaften, die die Besucher aus Übersee bringen. Ja, 1880 hat sogar der englische Geistliche Thomas Cook als erster Reiseveranstalter der Welt ein Büro in Oberammergau eröffnet. Die Aufführung dauert 8 Stunden. Bänke gibt es lediglich ohne Lehnen. Und wie heute sind es bereits 5000 Zuschauer pro Aufführung. Das macht bei 23 Aufführungen vom 17. Mai bis zum 26.September gut über 100.000 Zuschauer. Und das bei einer Einwohnerzahl von gerade mal 1200! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´52´´) SPRECHERIN Gut einhundert Jahr zuvor sah es allerdings weniger rosig für das Passionsspiel aus: Die aufklärerischen Tendenzen in der bayerischen Regierung mochten dem "religiösen Jahrmarkt" einen Riegel vorschieben und verboten 1770 die Passion. Szenen, wie jene aus der Oberammergauer Barockpassion, in der kleine Teufelchen dem toten Judas die Gedärme in Form von Straubengebäck aus dem Magen reißen und sie genüsslich verspeisen, kamen nicht gut an in München. Man solle... ZITATOR 4 (od. 2) "...doch heimgehen und sich das Leiden Christi von ihrem Pfarrer predigen lassen. Das sei besser, als wenn sie den Herrgott auf ihrem Theater herumschleppen." SPRECHERIN Doch nach einer Überarbeitung von Text und Inszenierung bekam Oberammergau als einziger Ort für seine Passionsspiele eine Sondererlaubnis. Damit verblieb man der letzte Spielort einer Passion in Bayern! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´24´´) SPRECHERIN Und so gingen die Oberammergauer Passionsspiele in ihre nächste Phase: Die des internationalen Ruhms und - ja man kann es nicht anders sagen - die des Massentourismus: 1830 untersagt zwar der Dorfpfarrer Alois Putz das Spielen auf dem Friedhof, doch da... Schenz 4 …hat man dann das vom Friedhof verlegt, auf einen eigenen Platz im Nordteil des Ortes. Da war eine große freie Wiese. Die hat damals übrigens noch dem Ettaler Kloster gehört, also die hat man den Ettalern quasi abgekauft und hat dann dort erst Vorläuferbauten und dann das endgültige Passionstheater errichtet. M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´42´´) SPRECHERIN Ein Vorteil davon: Nun hat man deutlich mehr Platz für die Heerscharen, die alle zehn Jahre nach Oberammergau strömen. Bereits 1840 reisen selbst der Kronprinz Maximilian von Bayern, und der König und die Königin von Sachsen in das malerische Gebirgsdorf. Für Oktober hat sich sogar Ludwig der Erste angekündigt, doch früh einsetzender Schnee lässt die Reise nicht mehr zu. Für die Passion zehn Jahre später wird eine eigene Pferde-Bus-Direktlinie von München nach Oberammergau eingerichtet. Auch die Passion 1870 scheint wieder alles Vorangegangene zu übertreffen, da kommt just während der achten Vorstellung am 17. Juli die Nachricht: Frankreich hat Preußen den Krieg erklärt! SPRECHERIN Dafür kommen bei den nachgeholten Aufführungen im Jahr 1871 umso mehr Zuschauer, besonders auch aus England und den USA. Das Deutsche Kaiserreich und somit ein vereinigtes Deutschland hat sich nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich am Anfang des Jahres gegründet und präsentiert sich nun auch im Bergdorf Oberammergau stolz der Welt. Doch der unablässig zunehmende Tourismus bringt auch absurde Nebenwirkungen mit sich. Schenz 5 Es gab also etliche Vorfälle, dass das Publikum einfach zwischen Darsteller und seiner Rolle nicht mehr unterscheiden konnte. Und das tatsächlich dann in der großen Pause oder auch am nächsten Tag - das Publikum war ja dann oft mehrere Tage im Ort -, dass dann eben der Judas-Darsteller, wenn er blöderweise auf der falschen Straßenseite ging, niedergeschimpft wurde von irgendeinem Passionsspielbesucher und ausgeschimpft wurde, weil er doch hier Jesus verraten habe. SPRECHERIN Selbst Ludwig II., der 1871 einer Privataufführung beiwohnt, geht es da nicht anders. Schenz 6 Unser Märchenkönig, der ließ es sich nicht nehmen, die Hauptdarsteller alle mal zu einem großen Diner einzuladen. Und zum Ende dieses Dinners hat er allen einen silbernen Löffel als Andenken in die Hand gedrückt. Nur der Judas-Darsteller bekam einen Löffel aus Blech einfach als Missbilligung seiner Rolle und für das, was er Jesus angetan habe. SPRECHERIN Dennoch schenkt er der ganzen Gemeinde auch noch das damals größte Steindenkmal der Welt, eine Kreuzigungsgruppe, die auf einem Hügel oberhalb von Oberammergau errichtet wird. Gleichzeitig beginnt er auch mit dem Bau von Linderhof. M ARD-LAbelmusik Tradition (Länge: 1´15´´) unter: Doch nicht nur der König, auch eine breite Bevölkerungsschicht entdeckt zunehmend die Faszination für die Alpen und den dazugehörigen Charme des einfachen, ländlichen Lebens - als Gegenentwurf zur sich industrialisierenden Großstadt. GERÄUSCH Vogelgezwitscher SPRECHERIN Auch Alexander von Oettingen, der inzwischen in Oberammergau angekommen ist und sein Quartier bezieht, lernt ihn kennen, den "Charme des einfachen Lebens": ZITATOR 1 Mir war gesagt worden, die Interieurs dieser Häuschen seien in ihrer "Armseligkeit voll poetischen Reizes". Mir fehlte offenbar der Sinn dafür. Zur Poesie gehört auch Luft und Licht. Diese höchst ursprünglichen Dorflagerstätten kosteten, obwohl für vier Menschen nur zwei Handtücher disponibel waren, á Person 4 Mark für EINE Nacht! Das "Geschäft" spielt jedenfalls auch bei der gastlichen Nachtunterkunft eine große Rolle. (((SPRECHERIN Auch im Wirtshaus nebenan kommt wenig Entspannung auf: Es ist so voll, dass es kaum etwas zu Essen gibt. ZITATOR 1 Glücklich wer ein Glas Bier erobert. Die Mehrzahl durstet und sehnt sich vergeblich darnach. Eine Flasche Wein läßt sich schon eher erreichen. Die lohnt eben mehr! ))) SPRECHERIN Der auch heute immer wiederkehrende Vorwurf, die Passionsspiele würden schon lange nicht mehr des Gelübdes wegen aufgeführt, sondern einzig, um Geld in die Dorfkasse zu spielen, ist also schon gut 150 Jahre alt. M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´46´´) Dafür bekommt allerdings der Zuschauer auch Einiges geboten. Die Massenszenen und die "Lebenden Bilder" - die recht originalgetreue Nachstellung klassischer Gemälde, die Szenen aus der Bibel zum Thema haben - sind einzigartig. Da befinden sich gut und gern mal mehrere hundert Menschen auf der Bühne – die alle Oberammergauer sind! Und das geht von Babys bis zu 100jährigen. 2020 hat ein Bauer sogar seine Hühner für die Händlerszene im Tempel angemeldet - alles echte Oberammergauer! Die übrigens ab Aschermittwoch ein Jahr vor der Aufführung dem sogenannten Haar- und Bart-Erlass unterliegen. Schenz 7 Das heißt, ab diesem Tag dürfen die Darsteller, also Männer und Frauen, ihre Haare nicht mehr schneiden und die Männer auch nicht mehr die Bärte. SPRECHERIN Einer, der das ganz ernst genommen hat und sich mit seiner Rolle komplett identifizierte, war Anton Lang. Schenz 8 Und dieser berühmte Anton Lang, dieser Darsteller von 1900 und 1910 und 1922, also der große Christus-Darsteller, der dann eben auch zwischen diesen Dekaden-Aufführungen, seine Haare lang wachsen ließ. Also der dann wirklich so als ewiger Christus durch den Ort ging. Zu dem gingen dann die Leute während der Passion tatsächlich hin und baten ihn, ihre Kinder zu segnen. Und als dann sein jüngstes Kind, der Gottfried, 1918 auf die Welt kam, da geht die Legende, dass die Haushälterin der Familie Lang durch Oberammergau rannte und meinte: ein Christuskind ist geboren. Also unglaubliche Szenen! SPRECHERIN Auch die strengen Vorschriften für Mitspieler bringen immer wieder absurde Szenen hervor. So gibt es lange Zeit für Frauen eine Altersbeschränkung, ab der sie nicht mehr mitspielen dürfen. Was 1922 zu einem komischen Bild auf der Bühne führt, als Anton Lang zum letzten Mal den Jesus verkörpert. Schenz 9 Also, wir hatten dann da einen 47-jährigen Jesus am Kreuz hängen und seine Mutter Maria war halt dann irgendwie eine Anfang-20-Jährige. Also grotesker geht's nicht. Aber so war es eben. Diese Regelung aber trieb dann wirklich seltsame Blüten: in einem Fall das war für die 1950er-Passion: Da war eben eine sehr begabte Darstellerin für die Maria vorgesehen. 1948/49, also als schon die ersten Proben liefen und also die Darsteller schon festgelegt waren, hat sie mal - so wurde ihr nachgesagt - auslassend mit amerikanischen Soldaten irgendwo in einer Dorfwirtshaus getanzt. Damals war ja Oberammergau, wie viele Teile Oberbayerns, von den Amerikanern besetzt. Und es wurde ihr natürlich sofort negativ ausgelegt, und der Gemeinderat befand also, dass sie dieser Rolle der Maria nicht würdig war. Und ihr wurde stattdessen die Rolle der Maria Magdalena, also der Sünderin, nahegelegt. Weil das doch ihrem Verhalten viel mehr entspreche. M Dakryon (Länge: 0´47´´) SPRECHERIN Generell stehen die Spiele 1950 unter einem schlechten Stern. Denn es fehlt schlicht an Mitspielern. Viele junge Oberammergauer sind vom Krieg nicht heimgekehrt, die Verbliebenen sind oft zu alt. Und die zahlreichen Flüchtlinge, die im Dorf leben - es sind 2.200 Flüchtlinge auf 3.000 Einwohner - dürfen nicht mitspielen. Zudem muss sich das Passionsspiel mit seinen antisemitischen Tendenzen auseinandersetzen. Die Nationalsozialisten hatten 1934 die "Jubiläumsspiele" - 300 Jahren Oberammergauer Passion - für ihre Zwecke vereinnahmt. Und nun kommen verstärkt Kritiken am veralteten Passionstext auf. Schenz 10 Nicht unbedingt aus dem Ort selber oder aus der Gemeinde, wie man es vielleicht sich denken würde, sondern tatsächlich aus Amerika von prominenten amerikanischen Juden, allen voran Arthur Miller und Leonard Bernstein, die tatsächlich dann auch zu zum Boykott der Spiele aufgerufen haben - was tatsächlich zur Folge hatte, dass bei den 1970er Spielen ganze Blöcke leer blieben im Passionstheater. Aber der eigentliche Donnerschlag war das Zweite Vatikanische Konzil, das sich ewig hinzog, von 1962 bis 1965 in Rom, wo eben sehr viele Reformen beschlossen wurden und unter anderem eben auch ein Aufruf speziell nach Oberammergau ging, das Verhältnis zwischen christlichen und nichtchristlichen Konfessionen zu überdenken und die Spiele zu reformieren. Und was machten die Oberammergauer: Sie machten nichts! Sie scherten sich überhaupt nicht darum! Was dazu führte, dass ihnen quasi der Vatikan die Lizenz entzog für die Spiele. SPRECHERIN Daraufhin fällt das Passionsspiel in eine große Krise, die den ganzen Ort in zwei Lager spaltet: Die Traditionalisten und die, die sowohl Text als auch von der Zeit überholte Regeln und Strukturen aufbrechen wollen. Das dauert allerdings bis 1990, als der noch nicht einmal 30-Jährige Oberammergauer Christian Stückl die Leitung der Spiele übernimmt. Stückl Das Dorf war reif für Reformen und deswegen sind die meisten dann mitgegangen. Ich hab dann die erste verheiratete Frau zur Maria gemacht. Ich hab versucht das Katholische aufzureißen und hab gesagt: Wir müssen auch die Protestanten mit einbeziehen. Wir müssen gemeinsam Gottesdienst feiern, wir müssen ein anderes Verhältnis zum Judentum haben. Also vielleicht hab ich an bestimmten Stellen auch einfach nen riesen Dickschädel und sag: Ich mach´s nur so. Anders mach ich´s nicht! M Passionsspiele Oberammergau (Länge: 0´56´´) SPRECHERIN Was den Passionsspielen allerdings keineswegs geschadet hat. 2014 werden sie in die UNESCO-Liste für Immaterielles Kulturerbe aufgenommen. Die Spiele 2022 - sie wurden wie genau 100 Jahre zuvor wegen einer Pandemie um zwei Jahre verschoben - werden die finanziell erfolgreichste Passion in der Geschichte. Knapp 50 Millionen Euro Umsatz bei 412.000 Zuschauern! Das Losungswort von 1880 gilt also immer noch, am Mississippi wie an der Spree, an der Seine wie am Rhein: Auf nach Ammergau!
- Priming Effekte: Wie unabhängig sind wir in unseren Entscheidungen?
11.07.2025 · 23 Min.
Werbung und Produktpräsentation im Supermarkt nutzen den Priming- Effekt schon lange: Durch äußere Reize wird unser Gehirn und daraufhin unser Verhalten beeinflusst. Die Eiswerbung im Kino ist nur ein Beispiel dafür. Wir alle werden viel öfter vor - beeinflusst als wir glauben. Von Daniela Remus (BR 2024) Credits Autorin und Sprecherin dieser Folge: Daniela Remus Regie: Christiane Klenz Technik: Stefan Oberle Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Prof. Hans-Peter Erb, Sozialpsychologe, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg Prof. Andreas Glöckner, Sozialpsychologe, Universität Köln Dr. Katrin Rothmaler, Sozialpsychologin, Universität Leipzig Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Kennen Sie das? Sie stehen in einem Mode-Laden und überall hängen rote Preisschilder. Dazu die Plakate: „Nur noch heute, super Rabatt Aktion!” Irgendwie fühle ich mich davon angezogen, fast jedes Mal, ich kann es auch nicht richtig erklären. Ich gehe hinein und gucke durch die Regale und Kleiderständer, ganz unverbindlich, denke ich wenigstens. „Kann das sein, kostet der Pulli jetzt wirklich nur noch die Hälfte? Und diese sommerlich gemusterte Bluse aus Leinen, die ist ja auch noch heruntergesetzt, meine Güte, was für ein Schnäppchen..” Eine Verkäuferin kommt dazu, nickt und sagt, „da haben Sie aber Glück, dass die noch da ist. Eine ganz außerordentliche Qualität und das zu dem Preis. Nur noch heute.” Es ist schon später Nachmittag, ich muss also schnell sein, will ich mir das Schnäppchen sichern. Also kaufe ich! MUSIK 2 De-Phazz – Nia en bun om 0’33) ERZÄHLERIN Zuhause bin ich irgendwie ernüchtert. „Eigentlich trage ich doch keine bunten Blusen, und Pullis habe ich auch schon genug. Ich ärgere mich über mich selbst: Warum falle ich immer wieder auf diese Rabattaktionen herein?” Warum kann ich mich nicht gegen das Gefühl wehren, das sei eine super Gelegenheit? MUSIKENDE ERZÄHLERIN Mir ist schon klar, dass ich nicht die einzige Person bin, der das passiert, aber trotzdem wundert es mich. In anderen Situationen nehme ich mir doch auch die Zeit abzuwägen, sorgfältig zu entscheiden. Was führt zu meinem Verhalten? Lasse ich mich von den Rabatten beeinflussen? Mir fallen Berichte ein, dass Menschen, die im Kino eine Eiswerbung sehen, in der Pause häufiger Eis kaufen als ohne Eiswerbung. In der Psychologie heißt dieser Effekt Priming. Die Eiswerbung weckt bzw. stärkt das Bedürfnis ein Eis zu essen. Wirkt der etwa auch bei mir, der Priming Effekt, wenn ich bei einer Rabatt Aktion zuschlage? Um dieses Phänomen zu verstehen, habe ich recherchiert und mich mit Psychologinnen und Psychologen verabredet. Damit sie mir erklären könne, warum ich mich so verhalte und was das eigentlich ist, Priming. TAKE 1 (O-Ton Erb) L: 0, 20 Priming ist ein Begriff aus der Gedächtnispsychologie ursprünglich und auf deutsch würde man vielleicht als Bahnung übersetzen. Es gibt alte Publikationen, wo das noch so genannt wird, aber heute haben wir diesen englischsprachigen Begriff. MUSIK 3 De-Phazz – Mr. Minky 0’26) ERZÄHLERIN Erklärt der Sozialpsychologe Hans-Peter Erb, als ich ihn in seinem Büro in der Helmut-Schmidt Universität in Hamburg treffe. Er forscht seit vielen Jahren zu diesem Phänomen, weil es ihn fasziniert, wie das Gehirn äußere Einflüsse aufnimmt, verarbeitet und wie es darauf reagiert. Das klingt sehr theoretisch, ist es aber nicht, wie ich im Gespräch mit ihm erfahre. TAKE 2 (O-Ton Erb) L: 0, 35 Das kann man sehr leicht demonstrieren. Wenn ich z.B. sage Butter, dann sagen Sie… D.R. Brot. E: Wunderbar es hat geklappt, ich hätte 10 Euro gewettet! Das klappt nicht immer, aber sehr häufig. Wenn man sagt, Werkzeug, dann kriegt man Hammer und wenn man Stuhl sagt kriegt man Tisch usw. Das bedeutet nichts anderes, als dass bestimmte Begriffe im Gedächtnis nah beieinander liegen …und wenn sie nah beieinander liegen, dann sind sie irgendwie verknüpft miteinander. Und wenn das eine aktiviert wird, dann wird das andere gleich mit aktiviert. So ist das bei Butter und Brot, bei Tisch und Stuhl. MUSIK 4 De-Phazz – Mr. Minky 0’02) ERZÄHLERIN Priming ist also, nüchtern ausgedrückt, ein Reiz-Reaktions-Schema. Wir nehmen einen Reiz wahr, wie in meinem Fall eben das Wort Butter, und unser Gehirn hat sofort verwandte Begriffe dafür parat. Bei mir war es Brot, bei anderen Menschen kann es der Butterpreis sein. Mein Gehirn hat also auf den gegebenen Begriff mit einer dazu passenden Assoziation reagiert. Diese Verknüpfung wird aber nicht nur sprachlich durch Wörter oder Begriffe ausgelöst. Auch Geräusche, Gerüche, Bilder oder der Geschmack bestimmter Nahrungsmittel können Erinnerungen, Assoziationen oder Stimmungen auslösen, erklärt der Sozialpsychologe. Am eindrücklichsten beschrieben hat das der französische Schriftsteller Marcel Proust. MUSIK 5 Snorri Hallgrimsson – Avant-dernières pensées: I. Idylle 0’42) ERZÄHLERIN In der weltberühmten Madeleine-Szene. Der Autor des Romans beschreibt, wie er ein Stück Madeleine, das in Tee getunkt ist, in den Mund nimmt und sich durch diesen Geschmack spontan in seine Kindheit zurückversetzt fühlt. Unwillkürlich steigen Erinnerungen in ihm auf und auch das wohlige Gefühl, das er damals in seiner Kindheit empfand, wenn er ein solches Gebäckstück aß. MUSIKENDE ERZÄHLERIN Duft und Geschmack der Madeleine funktionieren in dem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit also als Priming Effekt. Die Madeleine weckt Erinnerungen, die damit verknüpft sind. Welche Assoziationen ein solcher Priming Effekt hervorruft, kann allerdings von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Sie hängen von den Vorerfahrungen ab. Wenn ich beispielsweise klassische Musik höre, dann denke ich unwillkürlich an die Sonntage meiner Kindheit zurück. An diese ganz besondere Stimmung, wenn meine Eltern entspannt und ruhig im Wohnzimmer saßen, Musik hörten und einen Tee dazu tranken. Andere Menschen, die diese Erfahrung so nicht gemacht haben, denken bei klassischer Musik vielleicht eher an den Musikunterricht in der Schule. MUSIK 6 John Lennon – Imagine 0’54) ERZÄHLERIN Und noch ein Beispiel: Bei Imagine von John Lennon fällt mir sofort die erste Party ein, die ich besuchen durfte. Mit 14, in der Turnhalle der Schule, mit Engtanz und ersten Verliebtheiten. MUSIKENDE (Imagine) ERZÄHLERIN Ob Gerüche, Bilder, Geräusche, einzelne Satzfetzen oder Wörter, alles kann also ein sogenannter Prime sein. Ein Reiz, der mein Denken, meine Erinnerung und manchmal sogar mein Handeln beeinflusst. TAKE 3 (O-Ton Erb) L: 0, 30 Im Grunde werden ja ständig irgendwelche Konzepte geprimt bei uns. Sie sehen hier ein Buch liegen, dann ruft das bei Ihnen etwas auf, was mit dem Buch verwandt ist, dagegen können Sie gar nichts tun. Jetzt könnte ich natürlich auch gemein sein und Ihnen bestimmte Primes geben, so nennt man diese Stimuli, mit deren Hilfe man andere aufrufen kann, Primes geben und dann erwarten, dass bei ihnen bestimmte Inhalte aufgerufen werden. MUSIK 7 Henrik Schwarz – Gymnopédie No.3 0‘54) ERZÄHLERIN Im Alltag sind wir solchen Reizen durchgehend ausgesetzt, sagt Hans-Peter Erb. Ob wir mit anderen Menschen reden, ob wir Filme anschauen oder Nachrichten hören. Manche dieser Priming Effekte nehmen wir bewußt wahr, die meisten aber wohl nicht. Ein Prime, der mir schon lange bewußt ist: Ein Krankenwagen mit Sirene fährt laut an mir vorbei. Sofort denke ich darüber nach, wie krank oder schwer verletzt derjenige ist, der damit in ein Krankenhaus gebracht wird, ob die Zeit reichen wird, damit dieser Mensch gerettet werden kann. Diese Situation ist bestimmt schon X-Mal passiert, aber in meinem Kopf läuft trotzdem jedes Mal dasselbe Muster ab. All das sind Priming Effekte, sagt Hans-Peter Erb. Und die können sogar unsere Stimmung beeinflussen. TAKE 4 (O-Ton Erb) L: 0,30 Könnte ihnen z.B. Urlaub sagen, dann denken Sie hoffentlich an einen schönen Urlaub zurück im letzten Sommer oder so. Dann könnte sich etwa Ihre Laune verändern, dass sie gut draufkommen, weil ich Urlaub gesagt haben. Sie können schlecht draufkommen, wenn ich sage, Wurzelbehandlung vielleicht? Da könnte ich damit auch Ihre Stimmung beeinflussen, das funktioniert. ERZÄHLERIN Um zu überprüfen, ob das stimmt, empfiehlt er mir, mich selbst zu beobachten und einzelne Situationen bewußt wahrzunehmen. Und so habe ich nach dem Besuch bei Hans-Peter Erb bemerkt, dass nicht nur ein Gespräch über den nächsten Urlaub meine Stimmung hebt, sondern auch das Lob meiner neuen Frisur oder der zufällige Blick auf Spielzeug, das meine Kinder bei ihrem Auszug bei uns gelassen haben. Dass alle Menschen durch Priming beeinflusst werden, konnte auch in psychologischen Testreihen und Untersuchungen festgestellt werden, erklärt Andreas Glöckner, Sozialpsychologe an der Universität Köln. TAKE 5 (O-Ton Glöckner) L. 0, 25 Der Hintergrund dazu ist die Idee, dass das Gedächtnis nicht so funktioniert wie eine Bibliothek, also dass es so ist, man kann einzelnen Wissensinhalte rausziehen, wie ein Buch, sondern es funktioniert eher wie ein Netzwerk …Sie ziehen also an einem Ende des Netzes und viele Dinge, die damit zusammenhängen, folgen dann mit. MUSIK 8 Manuel Scuzzo: Fliegen 0’53) ERZÄHLERIN Da das Gehirn wie ein Netzwerk funktioniert, kann es gar nicht anders, als bei einem Reiz, an ähnliche Begriffe oder Situationen zu denken. Seit ich mich für diese Sendung mit dem Priming Effekt beschäftige, fällt mir das im Alltag ständig auf: Egal was ich im Laufe eines Tages mache, ob ich dusche, aus dem Fenster gucke, arbeite, Interviews führe oder Fahrrad fahre, permanent werden meine Gedanken angestoßen, umher zu schweifen. Ob ich vom Regen naß werde, mit der Kollegin Mittag esse oder mich auf den Kinobesuch am Abend freue. Aber trotzdem merke ich nicht immer, wie und wovon meine Stimmung oder meine Gedanken angestoßen werden. Viele Impulse sind unterschwellig. MUSIKENDE ERZÄHLERIN So ist es vermutlich auch den Studienteilnehmern gegangen, die an einem der berühmtesten Experimente zum Thema Priming teilgenommen haben. In den 1990er Jahren sollten sie in den USA aus Wörtern wie „Bingo”, „alleine” oder „weise” Sätze bilden. Diese Begriffe waren speziell ausgewählt worden, um Gedanken über das Alter und Altersstereotype anzuregen. Denn die Netzwerkarbeit des Gehirns fördert nicht nur Erinnerungen zutage oder beeinflusst Entscheidungen, sondern prägt auch das soziale Miteinander, zum Beispiel durch das Aufrufen von Stereotypen und Vorurteilen. MUSIK 9 Manuel Scuzzo: Traum 0’36) Als die Studienteilnehmer ihre Aufgaben beendet hatten, liefen sie einen langen Flur entlang, um das Labor zu verlassen. Was sie nicht wussten: Dieser Weg gehörte zum Experiment dazu. Dabei wurde nämlich ihre Gehgeschwindigkeit gemessen. Und tatsächlich soll das Tempo von denen die durch die Aufgaben dazu angeregt worden waren, über das Alter nachzudenken, deutlich langsamer gewesen sein, als bei der Kontrollgruppe, die diese Aufgabe nicht erhalten hatte. MUSIK 10 Gold Panda – New Days 0’20) ERZÄHLERIN Seither haben Psychologen und Psychologinnen in verschiedenen Experimenten untersucht, ob es tatsächlich so einfach ist, Menschen in ihrem Verhalten zu beeinflussen. Aber nur die wenigsten der aufsehenerregenden Experimente ließen sich in den folgenden Jahren replizieren. TAKE 6 (O-Ton Glöckner) L: 0, 25 Das war in der Tat eine große Problematik, in den 2010er Jahren gab es eine große Initiative, an der wir auch mitgewirkt haben, in der eine Vielzahl von Studien noch einmal durchgeführt wurden, um zu überprüfen, ob dasselbe Ergebnis nochmal rauskommt, unter idealen Bedingungen. ERZÄHLERIN Aber: Nur ein Drittel der Studienergebnisse ließ sich durch diese Initiative bestätigen, zwei Drittel nicht. Sozialpsychologe Andreas Glöckner erklärt mir das so: Die aktuellen wissenschaftlichen Standards, , sind heute höher als vor 30 oder 20 Jahren. Das erkläre zumindest einen erheblichen Teil dieser Abweichungen. Aber eben nicht alles. TAKE 7 (O-Ton Rothmaler) L: 0,30 Ich muss zugeben, vor ein paar Jahren hatte ich so einen Moment, wo ich dachte, ach das ergibt doch alles keinen Sinn, wenn sich das alles nicht replizieren lässt, und die eine Studie sagt das, die andere das, was machen wir denn hier eigentlich alle? Dann hatte ich eine ganz tolle Betreuerin, die gesagt hat, du musst dir das große Bild angucken, the big picture. Es ist nicht die eine Studie, sondern es sind viele, viele, viele Studien und wenn man auf alle Studien guckt, …dann ergibt sich schon ein großes Bild davon. ERZÄHLERIN Erklärt die Sozialpsychologin Katrin Rothmaler von der Universität Leipzig. Wenn man sich also die Mehrzahl aller Studien anschaue, die zum Thema Priming erstellt worden sind, dann seien die Erkenntnisse eben doch eindeutig: Es gibt Priming Effekte! Auch wenn sie vielleicht nicht immer so spektakulär ausfallen, wie bei der beschriebenen Alters-Studie. Und noch etwas gibt die Psychologin zu bedenken: Menschliche Reaktionen und Verhaltensweisen lassen sich, selbst bei identischer Versuchsanordnung, nicht immer eins zu eins miteinander vergleichen. Denn jeder Mensch reagiert anders. Der kulturelle Hintergrund spielt dabei eine Rolle, Geschlecht und Alter, aber auch Bildung oder Kindheitserfahrungen. TAKE 8 (O-Ton Erb) L. 0, 35 Das steht fest, dass Leute unterschiedlich beeinflusst werden, das lässt sich pauschal nicht unbedingt sagen, die sind leichter beeinflussbar als die, da würde man darauf gucken, was ist der Einflußeffekt? Und auf manche Effekte sprechen manche Leute besser an als andere. Manchmal gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, wie sie beeinflusst werden können auf welche Art und Weise, z.B. in sozialen Situationen sind Frauen leichter beeinflussbar, weil ihnen das wichtiger ist, die sozialen Beziehungen, so im Durchschnitt gibt es eine Tendenz… MUSIK 11 Gold Panda – New Days 0’30) ERZÄHLERIN Priming Effekten ist also jeder Mensch ausgesetzt, sagt Hans Peter Erb, aber zu welchem Denken, Urteilen oder Verhalten sie führen, das kann stark voneinander abweichen. Was aber sicher ist: Die Gehirne aller Menschen lassen sich durch Priming aktivieren. Und das ist nicht nur negativ, sondern zu einem gewissen Grad sogar hilfreich im Alltag, erklärt Andreas Glöckner. TAKE 9 (O-Ton Glöckner) L: 0, 35 Das hilft ihnen immens weiter. Sonst müssten sie bewußt alle Informationen extern sammeln. Das heißt, im Internet stundenlang nach Informationen suchen, selber nochmal drüber nachdenken, was sie noch alles darüber wissen, das dann alles vielleicht im Computer mit einem komplizierten Modell zusammenrechnen. Und dann hätten sie für jede Entscheidung vielleicht drei Stunden gebraucht, um die zu fällen. Aber im täglichen Leben treffen sie einfach Tausende von Entscheidungen jeden Tag und das System hilft ihnen, sehr schnell recht gute Entscheidungen zu treffen. ERZÄHLERIN Priming Effekte beeinflussen mich also nicht nur, sondern sie helfen mir auch ganz konkret, mich im täglichen Angebot möglicher Entscheidungen und Handlungen schnell zu orientieren. Zum Beispiel wenn ich im Supermarkt vor einem Regal stehe und entscheiden muss, welchen Jogurt ich kaufen möchte, welche Zahnpasta oder wenn ich überlege, welches Shampoo besonders pflegend ist, sagt Hans-Peter Erb: TAKE 10 (O-Ton Erb) L: 0, 35 In dem Augenblick laufen bestimmte Automatismen ab, was ja auch garnicht schlecht ist. Wenn ich z.B. beeinflusst worden bin, bestimmte Zahnpasta zu kaufen, die 2 Euro kostet, (Lachen)wie hoch hätte die Anstrengung denn sein müssen, damit ich jetzt nicht eine beeinflusste Entscheidung treffe sondern irgendwie eine rationale Entscheidung? Dann steh ich vor dem Regal für eine halbe Stunde und les die Packungsbeilagen, völliger Blödsinn, das hat auch eine gewisse Rationalität, dass wir uns auch davon leiten lassen… MUSIK 12 Gold Panda – Joni’s Room 0’41) ERZÄHLERIN Für unser Gehirn ist der Priming Effekt so etwas wie eine Energiesparlampe. Ich muss nicht bei jeder Entscheidung, gerade wenn sie nicht existentiell ist, grundlegend und neu darüber nachdenken, sondern nehme sozusagen die Abkürzung über den Priming Effekt. Das kann Werbung sein, die ich zur besonderen Pflegekraft dieses Shampoos gesehen habe, aber auch die Meinung einer Freundin, die mich neulich auf eine bestimmte Marke hingewiesen hat. TAKE 11 (O-Ton Glöckner) L. 0, 35 Dieser Grundaufbau des Gehirns und des Gedächtnisses hat sehr viele Vorteile evolutionärer Art, …die Idee dabei ist, dass Sie durch so eine Vernetzung von Informationen in der Lage sind, sehr, sehr schnell sehr, sehr viele Informationen zu verarbeiten, ihre Erfahrung dabei zu berücksichtigen und auch die einkommende Situation. Das heißt: Wenn irgendwas das Konzept Tiger aktiviert hat oder Löwe, dann haben Sie eine ganze Reihe von Dingen, die damit zusammenhängen, vielleicht auch eine gewissen Fluchtreaktion die damit zusammenhängt und dann vorbereitet wird. MUSIK 13 Megalomaniac 0’36) ERZÄHLERIN Evolutionsbiologisch betrachtet ist dieses schnelle Reiz-Reaktions-Schema des Gehirns vermutlich sehr vorteilhaft gewesen. Wahrscheinlich ein Aspekt, warum unsere Spezies so lange überlebt hat. Und auch heute noch hilft uns der Priming Effekt ganz konkret, das tägliche Leben zu bewältigen. Das leuchtet mir unmittelbar ein. Dennoch beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Wenn es stimmt, dass ich mir der meisten Reize und Einflüsse gar nicht bewußt bin, denen ich ausgesetzt bin, dann frage ich mich doch, inwieweit ich eigentlich die Herrin in meinem Kopf bin. Oder gleiche ich eher einer Flipperkugel, die von Reizen und Anregungen durch den Alltag getrieben wird? Bin ich doch kein autonomes Individuum, frei und selbstbestimmt? Wie unabhängig bin ich in meinen Entscheidungen? TAKE 12 (O-Ton Glöckner) L. 0, 15 Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich gegen solche Beeinflussungen zu wehren. Das fängt damit an, dass man sich solcher Beeinflussungen bewußt ist, der Mechanismen bewußt ist… ERZÄHLERIN Sagt Andreas Glöckner von der Universität Köln. Jeder Mensch kann sich diesen Effekten entziehen. Allein schon weil kein Prime langlebig ist. Wir müssen uns Priming wie den Kegel einer eingeschalteten Taschenlampe vorstellen, der nur für eine kurze Zeit ein bestimmtes Thema beleuchtet, erklärt die Psychologin Katrin Rothmaler: TAKE 13 (O-Ton Rothmaler) L. 0, 30 Es gibt bestimmte Prozesse, da kann sich niemand gegen wehren, wenn auf der Straße jemand sagt, huch und guckt irgendwohin, dann gucken alle dahin. Das kann man fast nicht unterdrücken. Gleichzeitig kann ich mich ja total gut fokussieren auf meine Arbeit, obwohl vielleicht um mich drumrum total viel passiert. Ich denke, in diesem Bereich bewegen wir uns. …welche Reize ich wie weiterverarbeite, was ich damit mache, wie ich drauf reagiere, das habe ich dann trotzdem immer noch in der Hand. ERZÄHLERIN Und zwar wie? Ich denke an die Frage, die ich am Anfang gestellt habe: Wie kann ich mich gegen den Reiz wehren, bei roten Preisschildern und vermeintlichem Zeitdruck, Kleidung zu kaufen, die ich nicht brauche und in den meisten Fällen später auch kaum anziehe. TAKE 14 (O-Ton Rothmaler) L: 0, 25 Dieses Priming findet superschnell statt und auf einer ganz tiefen, basalen Ebene. Die Entscheidung, die ich dann treffe, also die Kaufentscheidung, die liegt ganz hinten, und dazwischen sind ja tausend Prozesse, die ich noch steuern kann und wo ich jederzeit noch eingreifen könnte. ERZÄHLERIN Aber genau das ist nicht immer so einfach wie es klingt. Denn um bei mir selbst als Beispiel zu bleiben: klar weiß ich, dass Rabattaktionen genau das bewirken sollen: Menschen wie mich zum Kaufen zu überreden. Durch rote Preisschilder, enorme Preissenkungen. Ich weiß es, kann mich diesen Reizen dennoch nicht immer entziehen. Andreas Glöckner gibt mir ein paar praktische Tipps: TAKE 15 (O-Ton Glöckner) L: 0, 30 Wenn Sie Verkäufer betrachten, die versuchen, sie unter Zeitdruck zu setzen, genau aus dem Grund, Sei müssen jetzt entscheiden… Eine simple Strategie ist einfach, sich dem Druck nicht auszusetzen, weil der oft den Hintergrund hat bzw. haben kann, dass man genau diese Beeinflussung erreichen möchte. Also Abstand gewinnen, das ist, wenn man den Mechanismus verstanden hat, eine sehr, sehr simple Möglichkeit. MUSIK 14 De-Phazz – Fellini Score 1’23) ERZÄHLERIN Denn: Priming ist ein kurzer Anreiz, keine andauernde Beeinflussung. Es ist also ausgesprochen sinnvoll, den Laden erstmal zu verlassen und sich selbst zu fragen: Brauche ich dieses Teil tatsächlich? Ist der Preis für mich in Ordnung? Schon wenige Minuten später kann der Priming-Effekt verflogen sein und mir ist völlig klar, eine bunte Leinenbluse möchte ich nicht kaufen! Also ganz banal: Sich Zeit nehmen, sich fragen, bin das wirklich Ich, die das will? Mein Eindruck nach meinen Recherchen ist: Schon allein zu wissen, dass es Priming Effekte gibt und wie unser Gehirn auf sie reagiert, verändert etwas. Und schützt öfter mal vor Verhalten und Handlungen, die wir in Ruhe betrachtet, nicht wollen oder richtig finden. Ich zum Beispiel werde beim nächsten Schlussverkauf auf jeden Fall erstmal den Laden verlassen, wenn ich ein tolles Schnäppchen kaufen möchte. Damit in meinem Kleiderschrank tatsächlich nur noch die Sachen liegen, die ich auch gerne anziehe, in denen ich mich wohl fühle.
- Judy Garland und Shirley Temple - Hollywoods Kinderstars
10.07.2025 · 24 Min.
Sie zählen zu Hollywoods berühmtesten und erfolgreichsten Kinderstars: Judy Garland und Shirley Temple. Die blondgelockte Shirley Temple bot mit ihrem Lachen und mit Optimismus ein Gegenprogramm zum tristen Alltag während der Großen Depression in den 1930ern. Judy Garland begeisterte in Filmen wie "Der Zauberer von Oz" mit ihrer einzigartigen Gesangsstimme, kämpfte aber ihr Leben lang gegen Tabletten- und Alkoholsucht und die Fallstricke des Ruhms. Autor/in dieser Folge: Florian Kummert Regie: Silke Wolfrum Es sprachen: Ariane Payer, Christian Baumann und Rahel Comtesse Technik: Regina Staerke Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literatur: Kristen Hatch: Shirley Temple and the Performance of Girlhood (Rutgers University Press, 2015, engl.) John F. Kasson: The Little Girl Who Fought The Great Depression (W. W. Norton & Company, 2014, engl.) Judy Garland: Ihre Filme – ihr Leben. (Heyne Filmbibliothek, 1980) Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Man nehme 150 Milliliter Ginger Ale, ebenso viel Zitronenlimonade, eine Viertel Zitrone und einen Schuss Grenadine. Alles gut mixen, dann in ein hohes Glas voller Eiswürfel gießen und oben drauf als krönender Abschluss eine Cocktailkirsche. Fertig ist der… Shirley Temple! SPRECHERIN Dass dieser Cocktail keinen Alkohol enthält, kommt nicht von ungefähr. Denn seine Namensgeberin war Hollywoods größter Kinderstar der 1930er Jahre. MUSIK You Gotta SMILE to be HAPPY SPRECHERIN Ein Wirbelwind an Sommersprossen und blonden Locken - angeblich 52 jeden Abend vor dem Bettgehen sorgfältig eingedrehte Korkenzieher-Locken - immer gut gelaunt, immer lächelnd. Lächeln, smile, singt sie in einem ihrer Hits, fein ausbuchstabiert: S M I L E. You gotta Smile to be Happy. H-A-P-P-Y. Du musst lächeln, um glücklich zu sein. MUSIK You Gotta SMILE SPRECHERIN Auf dem Höhepunkt ihres Ruhms ist die immer lächelnde, immer fröhliche Shirley Temple überall - und das ist tatsächlich wortwörtlich zu verstehen. Ihr Bildnis erscheint Tag für Tag in Dutzenden von Magazinen und Werbekampagnen, sie gilt als eine der am häufigsten fotografierten Personen der Welt. Fotos von ihr hängen in ärmlichen Slumbaracken ebenso wie in reichen Vorstadtvillen. Etwa über dem Wohnzimmersims im Jugendhaus von Andy Warhol in Pittsburgh. Oder im Hobbykeller von FBI-Direktor J. Edgar Hoover in Washington, D.C. Sie lacht auch vom Foto im Schlafzimmer des Verstecks von Anne Frank in Amsterdam, als diese mit ihrer jüdischen Familie aus Angst vor den Nationalsozialisten im Verborgenen leben muss. SPRECHER Als Anne Frank im Juni 1942 in ihr Versteck zieht, ist Shirley Temples Karriere bereits wieder am Abklingen. Dafür leuchtet ein neuer Stern am Himmel von Hollywood. Judy Garland, das Mädchen mit der atemberaubenden Stimme, wird 1939 weltberühmt, mit diesem Lied: MUSIK OVER THE RAINBOW Somewhere over the rainbow Way up high there’s a land that I heard of Once in a lullaby, oh… SPRECHER Irgendwo über den Regenbogen träumt sich Judy Garland als Mädchen Dorothy, das gemeinsam mit ihrem kleinen Hund Toto sowie ihrer Tante und ihrem Onkel auf einer Farm in Kansas lebt. Doch die böse Nachbarin sieht den Hund als Bedrohung und will ihn wegnehmen. So sehnt sich Dorothy nach einem Land, wo die Träume wahr werden… MUSIK OVER THE RAINBOW And the dreams that you dear to dream of really do come true-ooh-ooh SPRECHER Schließlich schnappt sich Dorothy ihren geliebten Toto und will weglaufen. Doch ein Wirbelsturm zieht auf und bläst das Mädchen samt dem Farmhaus in das zauberhafte Land namens Oz. Dort macht sie sich auf den Weg zum sagenumwobenen Zauberer von Oz. MUSIK SPRECHERIN Heute zählt „Der Zauberer von Oz“ zu den großen Klassikern der Filmgeschichte und ist Teil des Weltdokumentenerbes der UNESCO. Judy Garland gelingt mit der Rolle der große Durchbruch in Hollywood. Dabei wollte das produzierende Studio MGM für das enorm teure Projekt in der Hauptrolle zunächst einen etablierten Kinderstar, nämlich: Shirley Temple. Doch die war beim Konkurrenzstudio, der 20th Century Fox, unter Vertrag und die Austauschverhandlungen scheiterten. VOICEOVER KRISTEN HATCH 1 Yes, thank God… Judy Garland's vocal range. Gottseidank! Mit Shirley Temple wäre das nie und nimmer so ein Erfolg geworden, und natürlich hatte sie auch nicht den Stimmumfang von Judy Garland. SPRECHER Sagt Kristen Hatch, Professorin für Filmstudien an der University of California in Irvine. Ihr Spezialgebiet: der Hollywoodfilm der 1930er Jahre und die Rolle der Kinderstars, die in diesem Jahrzehnt zu den kassenträchtigsten Publikumslieblingen überhaupt zählten. VOICEOVER KRISTEN HATCH 2 They had made different …tried to make her look more childlike. Vom Kinderbuch „Der Zauberer von Oz“ gab es in der Stummfilmzeit bereits mehrere Verfilmungen. Dorothy wurde dabei von jungen Frauen in ihren 20ern gespielt, auch wenn sie im Buch eher ein kleineres Mädchen ist. Für das Publikum war es also nicht ungewöhnlich, Frauen in Kinderrollen zu sehen. In den 1930er Jahren kam das aber immer seltener vor, und Judy Garland war vom Alter her schon grenzwertig für die Rolle. Maske und Kostüm konnten sie aber noch problemlos jünger wirken lassen. Allerdings klagte Judy Garland über die Kostüme, die ihr die Brüste abschnürten, um ihr ein kindliches Äußeres zu geben. SPRECHER Am Ende der Dreharbeiten ist Judy Garland bereits 17, doch sie schafft es, Dorothy als Mädchen zu portraitieren, das die perfekte Unschuld symbolisiert. Eine Kinder-Figur, mit einem reinen Herzen. VOICEOVER KRISTEN HATCH 3 She also represents … eyes full of hope. Sie verkörpert vor allem: Hoffnung. Ihre Figur verliert nie die Hoffnung, dass es ihr gelingt, wieder nach Hause zu kommen. Sie folgt der Gelben Steinstaße, mit einem Lächeln und Augen voller Hoffnung. SPRECHERIN Hoffnung. Unschuld. Das sind auch die Attribute, die Shirley Temple in den Jahren zuvor zur erfolgreichsten Schauspielerin der 1930er-Jahre haben werden lassen. Denn ihr Karrierestart fällt zusammen mit einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen der Vereinigten Staaten, der „Great Depression“, der „Großen Depression“. Als im Oktober 1929 die Kurse an der New Yorker Börse ins Bodenlose stürzen und einen gewaltigen Börsencrash einleiten, kommt es zu einer weltweiten Rezession. Die Arbeitslosenquote schnellt in den USA bis 1932 auf 25 Prozent hoch. Die, die ihre Arbeit noch haben, erhalten oft einen Hungerlohn, und kämpfen darum, die eigene Familie über Wasser zu halten. Der republikanische Präsident Herbert Hoover gilt in der Bevölkerung als entscheidungsschwach und griesgrämig. Gegen den demokratischen Herausforderer hat er 1932 nicht den Hauch einer Chance. Franklin Delano Roosevelt sitzt zwar seit einer Polio-Erkrankung im Rollstuhl, gilt aber als großer Charismatiker und unermüdlicher Optimist. Bei seiner Amtseinführung brennt sich ein Satz ins kollektive Bewusstsein der Öffentlichkeit ein: OTON REDE ROOSEVELT The only thing we have to fear is fear itself. SPRECHER Die einzige Sache, die wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst. SPRECHERIN Mit seinen New Deal-Programmen startet Roosevelt eine Reihe von Wirtschafts- und Sozialreformen, eine für US-Verhältnisse massive Interventionspolitik, mit Schul- und Armenspeisungen, Hilfen für die Arbeitslosen, einer Regulierung der Finanzmärkte sowie der Einführung von Sozialversicherungen. SPRECHER Ebenso wichtig ist für Roosevelt aber der psychologische Kampf gegen die Krisenstimmung im Land. Er will die Furcht bekämpfen, und - so gut es geht - Optimismus und Zuversicht verbreiten. Dazu nutzt er die Macht der Filmkunst im Kampf gegen die niedergedrückte Stimmung im Land. SPRECHERIN Und setzt dabei vor allem auf ein unerschütterlich lächelndes Mädchen und das wohlige Gefühl, das sie in den Kinosälen verbreitet: Shirley Temple. Von Roosevelt ist das Zitat überliefert: SPRECHER „Wenn die Stimmung der Bevölkerung auf einem Tiefpunkt ist, gibt es nichts Heilsameres für Amerikaner als sich für nur 15 Cents einen Film anzusehen, in das lächelnde Gesicht eines kleinen Kindes zu blicken und die Sorgen zu vergessen.“ MUSIK: You Gotta SMILE to be HAPPY, C1561980122, 0‘13 SPRECHER Shirley Temple, das kleine Mädchen, das die große Depression bekämpfte, wird am 23. April 1928 in Santa Monica, Kalifornien, geboren. Der Vater, George Temple, arbeitet in einer Bank, die Mutter Gertrude, tanz- und filmbegeistert, setzt all ihre Hoffnungen und Ambitionen - nach zwei Söhnen - auf ihr drittes Kind: ihr Mädchen mit den Sommersprossen und den Locken, die sie einrollt und Woche für Woche peroxidblond färbt. Kurz nach Shirleys drittem Geburtstag meldet Gertrude ihre Tochter in Ethel Meglins Tanzstudio an, damals die Topadresse in Hollywood, um Tanzschritte und Gesang zu lernen und möglichst jung vor einer Filmkamera zu landen. Die sogenannten „Meglin Kiddies“ werden regelmäßig für Bühnenauftritte und Filmrollen gebucht. Drei Jahre vor Shirley Temple war auch Judy Garlands Mutter mit ihrer damals fünf Jahre alten Tochter zu den „Meglin Kiddies“ gekommen. SPRECHERIN Im April 1934 gelingt Shirley Temple der große Durchbruch - da ist sie gerade sechs geworden. Der Film „Stand Up and Cheer!“ zeigt sie singend, tanzend, und auch stepptanzend, in der Nummer „Baby Take a Bow“.
- Allen das Gleiche? Die Philosophie der sozialen Gerechtigkeit
10.07.2025 · 23 Min.
Jedem das Seine? Oder allen das Gleiche? In der Philosophie, die sich von Anbeginn mit Fragen der Gerechtigkeit beschäftigt, taucht der Begriff der sozialen Gerechtigkeit erst relativ spät auf. Welche Gedanken und Ideen zum Thema soziale Gerechtigkeit gibt es und wie kann eine Gesellschaft sie erreichen? Autorin: Claudia Heissenberg (BR 2023) Credits Autor/in dieser Folge: Claudia Heissenberg Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger, Caroline Ebner Technik: Susanne Herzig Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Christoph Butterwegge, Armutsforscher und emeritierter Professor für Politikwissenschaft, Universität Köln; Wilfried Hinsch, Professor für Philosophie, Universität Köln Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Gerechtigkeit - Im Wandel der Philosophie JETZT ANHÖREN John Rawls - Vordenker einer gerechten Gesellschaft JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Wilfried HINSCH, Die gerechte Gesellschaft – Eine philosophische Orientierung. Kurze, aber umfassende und gut verständliche Abhandlung über die Idee der sozialen Gerechtigkeit und die Frage, wie sich unser Gerechtigkeitsverständnis entwickelt hat. Richard WILKINSON und Kate PICKETT, Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Die beiden britischen Wissenschaftler haben eine Fülle an statistischem Material ausgewertet und festgestellt, dass Gesellschaften, die weniger Ungleichheit aufweisen, auch weniger Kindersterblichkeit, weniger Kriminalität, weniger Drogenmissbrauch, weniger Gewalt, weniger Krankheiten etc. haben. Thomas MORUS (Sir Thomas More), Utopia. Für alle, die keine Angst vor alten Texten haben (geschrieben wurde das Büchlein 1515) und immer schon mal wissen wollten, wie das Leben in Utopia aussieht. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 (Z8046313101 Tobi Morare: Ghetto Beat 0‘54) ZITATOR: Das S in unserer Partei steht für den sozialen Zusammenhalt und für soziale Gerechtigkeit. (CSU) ZITATORIN: Gerechte Teilhabe am erwirtschafteten Ertrag ist das Gebot sozialer Gerechtigkeit und ökonomischer Vernunft. (SPD) ZITATOR: Deshalb ist es gerecht, dass die Stärkeren einen größeren Beitrag für unser Gemeinwesen leisten als die Schwächeren. (CDU) ZITATORIN: Ausuferndes Gewinnstreben und wachsende materielle Ungleichheit zersetzen die Gesellschaft von innen. (Die Linke) ZITATOR: Für uns ist das Prinzip der Fairness Voraussetzung und Maßstab der steten Suche nach Gerechtigkeit. (FDP) ZITATORIN: Gerechtigkeit meint auch Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. (Die Grünen) O-TON 1: (Butterwegge) Die große Mehrheit der Bevölkerung strebt eigentlich danach, dass eine gerechtere Verteilung stattfindet in der Gesellschaft, und deshalb müssen die Parteien selbst dann, wenn sie beim Regierungshandeln davon wenig erkennen lassen, zumindest programmatisch dieses Ziel der sozialen Gerechtigkeit hochhalten. ERZÄHLERIN: … sagt Christoph Butterwegge, Armutsforscher und emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. O-TON 2 (Butterwegge): Parteien, die sagen würden, wir wollen mehr Ungerechtigkeit und mehr Ungleichheit schaffen, wir wollen das Privatvermögen des reichsten Mannes in der Bundesrepublik, Dieter Schwarz, Eigentümer von Lidl und Kaufland, Privatvermögen 41,8 Milliarden Euro, wir wollen das noch vergrößern und wir wollen gleichzeitig dafür sorgen, dass der Paketzusteller, der Fahrradkurier und der Getränkelieferant noch weniger verdienen, so ne Partei würde höchstens von den am meisten Privilegierten unterstützt. MUSIK 2 (Z8039716115 Louis Edlinger/Tony Delmonte: Stay Calm 0‘48) ERZÄHLERIN: Seitdem Menschen über eine gerechte Ordnung von Gesellschaft und Staat nachdenken, geht es um die Frage: Wie sind Macht und Einfluss, Güter und Einkommen, Lasten und Pflichten zu verteilen? Diese Frage beantwortet allerdings jeder anders. Denn das, was als gerecht oder als ungerecht empfunden wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und hängt ab von der persönlichen Situation. Wo die Verantwortung der Gesellschaft beginnt und wie weit sie gehen soll – beurteilen Menschen in den USA zum Beispiel ganz anders als in Skandinavien. Und für einen Linken bedeutet soziale Gerechtigkeit etwas völlig anderes als für einen Liberalen oder Konservativen. O-TON 3: (Wilfried Hinsch) Die einen sagen, wir müssen mehr Umverteilung vornehmen, die anderen sagen, nein, nein, wir brauchen mehr Ungleichheit, damit mehr produziert wird, dann gewinnen alle. ERZÄHLERIN: Wilfried Hinsch ist Professor für Philosophie und Autor des Buches „Die gerechte Gesellschaft. Eine philosophische Orientierung“. Darin beschäftigt er sich unter anderem mit der Frage, welche Bedingungen gesellschaftliche Einkommens- und Vermögensverteilungen erfüllen müssen, um als gerecht gelten zu können. O-TON 4: (Hinsch) Erstens kann man feststellen, Menschen haben sehr verschiedene Auffassungen, es geht hoch her, wenn angesichts aktueller Probleme über Fragen sozialer Gerechtigkeit gesprochen wird. Denken Sie an diese hohen Extrazahlungen an Top-Manager, also die Emotionen gehen hoch und die Meinungen gehen weit auseinander. Und ich denke auch, dass man philosophisch am Ende keine einhellige Auffassung von sozialer Gerechtigkeit finden wird, so wie man verschiedene Auffassungen davon haben kann, wie man am besten die Gleichberechtigung von Männern und Frauen umsetzt. ERZÄHLERIN: Wenn über soziale Gerechtigkeit gestritten wird, geht es nicht allein um Fakten, sondern auch um die eigenen Wertvorstellungen und ethischen Normen. Jedem das Seine? Oder allen das Gleiche? MUSIK 3 (Z8039716115 Louis Edlinger/Tony Delmonte: Stay Calm 0‘08) ZITATOR: Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. ERZÄHLERIN: Das ist Artikel 1 in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die nach der Französischen Revolution am 26. August 1789 verkündet wurden. Laut Wilfried Hinsch prägt diese Idee der Gleichheit unsere Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft bis heute. Trotzdem vergrößern sich die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten von Jahr zu Jahr. 3,2 Milliarden Menschen mussten 2022 mit weniger als 200 Dollar im Monat auskommen, heißt es im Welternährungsbericht der Vereinten Nationen. Elon Musk, einer der reichsten Menschen der Welt, verfügt über ein Vermögen von über 200 Milliarden Dollar. Ist das gerecht? Ist es gerecht, dass Frauen in gleicher Position oft weniger verdienen als Männer? Ist es gerecht, dass die soziale Herkunft entscheidend ist für den Schulabschluss? Was bedeutet soziale Gerechtigkeit? MUSIK 4 (Z80465531001 Caspar: Intro 0‘15) ZITATOR: Bedarfsgerechtigkeit ZITATORIN: Chancengerechtigkeit ZITATOR: Leistungsgerechtigkeit ZITATORIN: Verteilungsgerechtigkeit ZITATOR: Geschlechtergerechtigkeit ZITATORIN: Lohngerechtigkeit MUSIK 5 (MR027040111 William Byrd: The Woods So Wild. Variations 1‘02) ERZÄHLERIN: Bereits 1515, also 174 Jahre vor der Französischen Revolution, verfasste der englische Jurist, Humanist und Politiker Sir Thomas More ein Büchlein mit dem Titel „Von der besten Staatsverfassung und über die neue Insel Utopia“. Darin beschreibt er das Leben auf einer fiktiven Insel, wo es keine Habgier gibt, weil niemand Wert auf persönlichen Besitz legt. „Das Land, was nirgends ist“, so die Übersetzung seiner Wortschöpfung Utopia ist sein Modell für eine gerechte Gesellschaft und zugleich Kritik an den Zuständen und der Politik seiner Zeit. Auf Utopia arbeiten die Menschen, und zwar Männer und Frauen gleichermaßen, nicht länger als sechs Stunden pro Tag, alle Kinder erhalten Schulbildung, es gibt gemeinschaftliche Mahlzeiten, aber weder Geld noch Handel. ZITATOR: Ebenso wundern sich die Utopier darüber, dass das Gold, das seiner Natur nach so unnütz ist, jetzt überall in der Welt so hochgeschätzt wird, dass der Mensch selbst viel weniger gilt als das Gold selber, und zwar so viel weniger, dass irgendein Dämlack, geistlos wie ein Holzklotz und ebenso schlecht wie dumm, trotzdem eine Menge kluger und braver Diener hat, allein deshalb, weil er zufällig einen großen Haufen Goldstücke sein Eigen nennt. MUSIK 6 (Z8046313101 Megan Thee Stallion: Cobra 0‘45) O-TON 6: (Yvonne) Es sollte eigentlich keine Armut auf der Welt allgemein geben, weil es gibt so viele reiche Leute auf dieser Welt und die könnten was von ihrem Geld abgeben oder so, damit jeder gleich ist. O-TON 7: (Bella) z.B. Altenpfleger oder so, das ist ja eine körperliche sehr anstrengende Arbeit, die werden sogar unterbezahlt, z.B. jetzt Anwälte, die schreiben nur einen Brief und schicken die raus und kriegen dafür 150 Euro oder keine Ahnung wie viel, ich find das gar nicht in Ordnung, ganz ehrlich. O-TON 8: (Ilayda) Also die Reichen kriegen halt immer mehr, und die Armen kriegen halt gar nichts, und das merkt man halt auch. O-TON 9: (Enise) Gib ihnen doch einfach was ab! Ich verstehe nicht, warum es manchen Menschen einfach so schwerfällt, einfach etwas zu teilen. Nicht jeder hatte dieses Glück, was du hattest, die Chance wie du so viel Geld zu verdienen, dann gib doch einfach was ab. Das sind doch auch Menschen, wir sind doch alle Menschen. ERZÄHLERIN: Bella, Enise, Ilayda und Yvonne wissen genau, was es bedeutet, Geldsorgen zu haben – am Ende des Monats, wenn jeder Cent zweimal umgedreht werden muss. Die Designersachen der vier Mädchen, Statussymbole und Sinnbild für den sozialen Aufstieg, sind nicht echt. Die kaufen Enise und Ilayda in den Sommerferien bei Straßenhändlern in der Türkei. Bella und Yvonne fahren fast nie in Urlaub. Von Fernreisen, dem Führerschein oder gar einem eigenen Auto können sie nur träumen. Auch Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge hat als unehelicher Sohn einer alleinerziehenden Mutter schon früh erfahren, dass manche Menschen gleicher sind als andere, weil das, was man hat, einen Unterschied macht. O-TON 10: (Butterwegge) Warum geben Reiche ungern ab? Das ist naheliegend. Durch Reichtum kann man natürlich sich ein schönes Leben machen, man hat dadurch viel mehr Möglichkeiten als je ein Armer hat, und es ist natürlich auch der soziale Status daran geknüpft, man gilt in der Gesellschaft natürlich auch mehr, wenn man reich ist, und deswegen werden die Reichen kaum freiwillig auf den Reichtum verzichten, … ERZÄHLERIN: … sagt der Armutsforscher. Und der Philosoph? O-TON 11: (Hinsch) Es gibt den Eigennutz, es gibt den Egoismus, es gibt dieses mehr haben wollen für sich selber, wobei dieses mehr haben wollen ja auch diese zwei Punkte hat, diese zwei Aspekte, einerseits will man einfach mehr haben, also mehr Kuchen, weil man möchte noch mehr Kuchen essen, aber manchmal will man auch mehr haben, weil man mehr haben will als die anderen. Es kommt einem gar nicht darauf an, jetzt mehr Kuchen zu haben, aber man will mehr Kuchen haben als der Nachbar. MUSIK 7 (Z8038700120 Fatima Dunn / Tony Delmonte /Beda Thornton: Thoughts Through The Window (Main) 0‘38) ZITATOR: Die Gleichheit und Gerechtigkeit wollen, sind immer die Schwächeren, während die Stärkeren sich über diese Dinge keinen Kummer machen. ERZÄHLERIN: … meinte Aristoteles, der vor mehr als 2.000 Jahren die Grundlagen für unser Verständnis von Gerechtigkeit legte. Für den griechischen Philosophen ist sie eine Tugend, die den guten Menschen kennzeichnet. Wer gerecht handelt, tut etwas für andere und denkt nicht nur an sich selbst, strebt also nicht nach persönlichen Vorteilen. Aristoteles unterscheidet dabei: O-TON 12: (Hinsch) Die Gerechtigkeit des Umgangs miteinander, die sogenannte kommutative Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit der Verteilung. Von Gütern, Einkommen, Weizen, aber auch Verteilung von Land, Pflichten und dergleichen, aber das Entscheidende war, dass aus einer aristotelischen Perspektive, Gerechtigkeit eine persönliche Tugend ist und dass damit der Fokus der Diskussion im Grunde auf der Frage: Verhalten sich einzelne Personen gerecht oder ungerecht lag. ERZÄHLERIN: Ein Unternehmer, der seine Angestellten und Arbeiter nicht ausbeutet, sondern ordentlich entlohnt, handelt also im Sinne von Aristoteles gerecht und tugendhaft. Genauso wie Menschen, die Notleidenden wohltätig unter die Arme greifen. Dass aber nicht nur der Einzelne, sondern der Staat, also die Gemeinschaft aller, als übergeordnete Instanz eingreifen könnte oder sollte, um das Problem der ungleichen Verteilung zu lösen, spielte in philosophischen Überlegungen lange Zeit keine Rolle. O-TON 13: (Hinsch) Das eine ist, dass es über weite Strecken der Geschichte, auch bis ins 19. Jahrhundert hinein, doch die vorherrschende Vorstellung gab, besonders verstärkt durch das Christentum, dass Armut im Grunde immer verdiente Armut ist. Also Armut als Strafe Gottes. Und dass es eine ganze Weile brauchte, bis der überwiegende Teil der Bevölkerung und der überwiegende Teil der Politiker zu der Überzeugung kam, dass es unverschuldete Armut gibt. MUSIK 8 (R0011480005 Etienne Nicolas Méhul: Ouvertüre aus „La Chasse du jeune Henri“ 1‘09) ERZÄHLERIN: Einer, der bereits früh erkannte, dass Reichtum und Armut nicht unbedingt auf Verdiensten oder Versäumnissen beruhen, war Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet. Der Philosoph, Mathematiker und liberale Aufklärer setzte sich nicht nur für die Gleichberechtigung von Frauen und die Abschaffung der Sklaverei ein. In seinem 1794 erschienenen „Entwurf eines historischen Gemäldes der Fortschritte des menschlichen Geistes“ fragt sich der Marquis, ob die ungerechten Einkommens- und Vermögensverhältnisse und die Unfähigkeit des Staates, dagegen vorzugehen, eines Tages Vergangenheit sein werden? ZITATOR: „Um jener wirklichen Gleichheit, dem letzten Zwecke der Staatskunst, zu weichen, welche nur noch eine solche Ungleichheit bestehen lässt, die im Interesse aller nützlich ist, weil sie die Fortschritte der Zivilisation, des Unterrichts und der Industrie begünstigt, ohne weder Abhängigkeit noch Herabwürdigung, noch Verarmung nach sich zu ziehen? O-TON 14: Und dann hat er die Idee gehabt, die im Grunde auch allen unseren Versicherungssystemen, also nicht nur der Sozialversicherung, sondern auch der Gesundheitsversicherung zugrunde liegt, nämlich dass wir uns doch versichern können gegen die Lebensrisiken, vor denen wir stehen. Dass wir soziale Gerechtigkeit als eine Versicherungsangelegenheit betrachten. ERZÄHLERIN: Condorcet plädiert für eine Art Pflichtversicherung, in die alle einzahlen. Ausgezahlt wird nur im Fall von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall oder frühzeitigem Tod des Ernährers, damit die betroffene Familie nicht verarmt. Damit war der französische Philosoph ein früher Wegbereiter für den Sozialstaat, wie er heute in vielen Ländern besteht. Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit taucht in der Philosophie allerdings erst rund 150 Jahre später auf. Mitte des 19. Jahrhundert schreibt der Jesuit Luigi Taparelli d’Azeglio, einer der Begründer der katholischen Soziallehre, angesichts der katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen der armen Bevölkerung während der Industrialisierung erstmals über „giustizia sociale“. O-TON 15: (Hinsch) Also Not und Elend derjenigen, die nicht in privilegierten gesellschaftlichen Positionen lebten. Und dann kamen natürlicherweise Forderungen nach größerer Gleichstellung, nach Verhinderung von Verelendung und dergleichen auf und das ist das, was man seitdem mit der Idee der sozialen Gerechtigkeit verbindet. Und diese Idee wurde im Grunde erst mit der großen Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre und mit dem New Deal von Roosevelt in den Vereinigten Staaten wirklich voll erfasst und umgesetzt. ATMO: Börsenglocke + Börsenatmo ZITATORIN: Wall Street in Panic as stocks crash. Billions lost. MUSIK 9 (Z8035054114 Paul Whiteman & His Orchestra: Sweet Sue, Just You 0‘12) ZITATOR: Wallstreet in Panik. Milliardenverluste! ERZÄHLERIN: … titelt der „Brooklyn Daily Eagle“ in der Spätausgabe vom 29. Oktober 1929. MUSIK 10 (Z9457573208 Bix Beiderbecke & His Gang: At The Jazz Band Ball 0‘28) ZITATORIN: (kurz frei, dann als Atmo unter Erzählerin) Wallstreet was in a panic today, with no one to guide it out. Stocks broke terrifically without any support whatever. ERZÄHLERIN: Es ist der Tag, der in Amerika als Schwarzer Donnerstag und in Europa als Schwarzer Freitag in die Geschichtsbücher eingeht. Der Crash der New Yorker Börse markiert den Beginn der schwersten Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts. Innerhalb weniger Stunden stürzen die Aktienkurse ins Bodenlose. Banken sind zahlungsunfähig, Geschäfte und Fabriken schließen ihre Pforten. Millionen Menschen verlieren ihr Vermögen, ihren Besitz, ihren Arbeitsplatz. Dazu kommt eine verheerende Dürre im Mittleren Westen Amerikas, die viele Landwirte in den Ruin treibt und eine Hungersnot auslöst. O-TON 16: (Hinsch) Und diese beiden Ereignisse haben Roosevelt klar vor Augen geführt, dass es Dinge gibt, die sozusagen einzelmenschlich nicht bewältigbar sind und die auch einzelne Wohltätigkeitsorganistionen, Charitys oder christliche Einrichtungen, die sich um notleidende Menschen kümmern, mit denen sie nicht zurechtkommen können, hier muss etwas sehr viel Massiveres geschehen. ERZÄHLERIN: Der sogenannte „New Deal“ bezeichnet eine Reihe von Reformen, die die Not der Menschen lindern und die Wirtschaft ankurbeln sollen. Abgesehen von zinsgünstigen Krediten für Landwirte und Unternehmer und der Erhöhung des Spitzensteuersatzes von 25 auf 79 Prozent, werden den Banken riskante Wertpapiergeschäfte untersagt und Einlagensicherungsfonds für Sparguthaben eingerichtet. Zeitweise arbeiten rund sieben Millionen Amerikaner in Jobs, die der Staat geschaffen hat, und fast jeder Fünfte bezieht staatliche Hilfsleistungen. Wie erfolgreich Roosevelts New Deal am Ende tatsächlich war, ist allerdings umstritten. O-TON 17: (Hinsch) Es wird aber praktisch von niemanden bezweifelt, dass der New Deal insgesamt es geschafft, hat, erstens den Glauben in die Fähigkeit einer liberalen Demokratie, auch mit schweren Krisen zurechtzukommen, bewiesen hat und zweitens, dass ein wesentliches Element darin besteht, dass der Staat massive wirtschaftliche Unterstützung leistet für große Teile der Bevölkerung. ERZÄHLERIN: Die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft korrigierte der New Deal jedoch nicht. Dabei wird längst nicht jede Ungleichheit auch als ungerecht wahrgenommen. Für den Philosophen Wilfried Hinsch ist Ungleichheit in Einkommen und Vermögen zum Beispiel gerechtfertigt, wenn sie nicht nur dem Einzelnen, sondern allen Vorteile bringt. Auch Armutsforscher Butterwegge findet nicht, dass alle gleich viel verdienen und besitzen müssen. O-TON 18: (Butterwegge) Also es soll schon Unterschiede in der Gesellschaft geben, aber sie müssen natürlich im Rahmen bleiben, d.h. wenn der Vorstandsvorsitzende 268-mal so viel verdient wie ein Arbeiter, der in seinem Konzern tätig ist, dann hat das mit sozialer Gerechtigkeit nichts mehr zu tun. Wenn der Arzt, sagen wir mal, weil er eine längere Ausbildung hat, weil er mehr Verantwortung trägt, wenn der doppelt so viel verdient, wie die Krankenschwester dann finde ich das akzeptabel. MUSIK 11 (Z8046363105 Will Dorey: Care About Me 0‘37) ERZÄHLERIN: Erst wenn es für Ungleichheit keine zufriedenstellende Begründung gibt, entsteht der Eindruck, das sei ungerecht. Und dabei geht es nicht nur um die Verteilung von Einkommen und Vermögen, sondern auch um die Möglichkeiten, etwas aus seinem Leben zu machen. Für den Philosophen John Rawls muss soziale Gerechtigkeit darum immer auch das Glück der Menschen berücksichtigen, die am schlechtesten gestellt sind. In seinem 1971 erschienenen Buch „A Theory of Justice“ entwickelt der US-Amerikaner die Idee von Gerechtigkeit als Fairness. O-TON 20: (Hinsch) Dazu gehört auch diese Idee, dass Ungleichheit rechtfertigungsbedürftig ist. Die Idee, dass wir eine Gesellschaft haben wollen, in der sich Menschen gegenübertreten, die mit Selbstachtung und Selbstvertrauen ihr Leben bestreiten können und miteinander umgehen können. ERZÄHLERIN: Soweit die Theorie. Die Realität sieht allerdings anders aus. Dazu ein paar Zahlen aus der Statistik: 2020 schafften 35 Prozent aller deutschen Schüler und Schülerinnen das Abitur. Bei Schülern mit ausländischen Wurzeln waren es 14 Prozent. Also weniger als die Hälfte. Christoph Butterwegge: O-TON 21: (Butterwegge) Es ist nicht so, dass ein Kind aus einer Familie des Paketzustellers die gleichen Chancen hat wie das Kind, das aus einer Großunternehmerfamilie kommt, wo eine Villa ist, ist auch ein Weg zum Abitur, zum Studium und zur beruflichen Karriere, und es ist ganz klar, dass da Kinder aus reichen Familien viel bessere Startchancen haben. ERZÄHLERIN: In kaum einem anderen westlichen Land sind die Bildungserfolge der Kinder so stark mit dem sozialen Status der Eltern verknüpft wie in Deutschland. Niedriges Einkommen oder ein Migrationshintergrund sind die größten Hindernisse für einen erfolgreichen Schulabschluss. MUSIK 12 (Z8045759106 Sensorama: New Aged 1‘00) O-TON 22: (Enise) Diese allgemeine Bildung, Beispiel, wenn deine Eltern Arzt oder Anwalt oder so sind und du wächst dann in so einer Familie auf, dann wachsen diese Kinder schon meistens disziplinierter auf und wissen schon von Anfang an, lernen ist wichtig oder später was zu erreichen und erfolgreich zu werden oder mit dem Beruf Karriere zu machen, das wissen die schon von Anfang an, dass das wichtig ist, weil die ihre Eltern als Vorbild haben. ERZÄHLERIN: Wer nicht über ein akademisches Bildungserbe von Eltern und Großeltern verfügt, hat in der Schule schlechte Karten und braucht auf Chancengleichheit nicht zu hoffen. O-TON 23: (Bella) Ich kann vermuten, was es bedeuten könnte, also Chancengerechtigkeit, dass jeder eine Chance verdient, eine gerechte Chance sozusagen, so wie jeder andere Mensch gleichbehandelt wird, so stelle ich mir das vor. O-TON 24: (Yvonne) Dass jeder die gleiche Chance hat, das zu machen, was er will und das zu erreichen, was er will, dass jeder, egal jetzt ob Junge oder Mädchen, dass die gleichbehandelt werden, und dass nicht einer besser behandelt wird. O-TON 25: (Hinsch) Soziale Gerechtigkeit ist wie viele ethische oder sozial-ethische Ideale eine Frage der Abstufung, also es gibt mehr oder weniger davon, und ganz sicher gibt es auch in Gesellschaften, die wir nicht als himmelschreiend ungerecht betrachten würden, wie die deutsche Gesellschaft, gibt es gleichwohl gravierende Ungerechtigkeiten. Etwa in den Bildungschancen von Menschen, aber auch allgemeiner in den Chancen der Selbstverwirklichung und die Möglichkeiten eigene Lebenspläne zu entwickeln und dann auch zu verfolgen. O-Ton 26: (Butterwegge) Wenn der Gegensatz zwischen Arm und Reich so ausgeprägt wie bei uns, dass auf der einen Seite, 150 oder 200 Multimilliardäre existieren und auf der anderen Seite, die Armut sich immer mehr in die Mitte der Gesellschaft hinein ausbreitet, dann gibt es wenig soziale Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit hieße, es muss Umverteilung von oben nach unten geben, damit der Reichtum gerechter verteilt ist und damit mehr Menschen die Möglichkeit haben in dieser reichen, wohlhabenden Gesellschaft gut zu leben und damit natürlich auch ein glücklicheres Leben zu führen. MUSIK 13 (Z8046012101 Conrad Oleak / Marcel Rainer: Reading The Indictment (full) 1‘12) ERZÄHLERIN: Alle Menschen sind gleich. Aber inwiefern? Als politische Zielsetzung und gesellschaftliche Wunschvorstellung wird soziale Gerechtigkeit von nahezu niemandem in Frage gestellt. Trotzdem ist soziale Ungleichheit schon lange ein Merkmal menschlicher Gesellschaften. Und was konkret unter sozialer Gerechtigkeit zu verstehen ist und inwieweit soziale und ökonomische Ungleichheiten gerechtfertigt sind oder von staatlicher Seite abgefedert werden müssen – darüber gehen die Meinungen weit auseinander. O-TON 27: (Butterwegge) Es sollte ja in der Gesellschaft ein Diskurs darüber stattfinden, was soziale Gerechtigkeit ist und wie man sie am besten verwirklicht, wenn es darüber nicht unterschiedliche Meinungen gäbe, wäre das ja eine sehr langweilige Gesellschaft, gerade im Kapitalismus ist es nötig, dass man sich darüber klar wird, was sozial gerecht wäre und wie man es vielleicht auch politisch in die Wege leitet. ...Darüber sich zu streiten, sich auseinanderzusetzen, das macht eigentlich Demokratie aus.
- Nahtoderfahrungen - Was passiert, wenn wir sterben?
10.07.2025 · 23 Min.
Die meisten Menschen mit Nahtoderfahrungen sind dem Tod knapp entronnen. Während des Sterbemoments haben sie etwas erlebt, das sie oft als die schönste Erfahrung auf Erden beschreiben. Worum handelt es sich? Die Wissenschaft verlässt sich auf Studien und Experimente. Die sind zwar aufschlussreich, aber stoßen an ihre Grenzen. Von Susanne Brandl (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Susanne Brandl Regie: Frank Halbach Es sprachen: Katja Bürkle, Clemens Nicol Technik: Lorenz Kersten Redaktion: Frank Halbach Im Interview: Prof. Dr. Godehardt Brüntrup, Professor für Metaphysik. Philosophy of Mind und Philosophy of Language an der Philosophischen Hochschule München Dr. phil. Ina Schmied-Knittel, Soziologin, Institut für Grenzgebiete der Psychologie Freiburg PD Dr. Christian Hoppe, klinischer Neuropsychologe, Universitätsklinikum Bonn Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Schlafen – wer bin ich in meinen Träumen? JETZT ENTDECKEN Der Tod und wir – Rebellion gegegn die Endlichkeit JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Eins ist sicher: Er ist todsicher, der Tod. Eine Gewissheit, über die wir allerdings nicht viel wissen. Wir wissen nicht, wie er ist, was er ist, wann er kommt, wie lang er dauert, wohin er uns führt. Im Prinzip lässt er sich nicht einmal in Worte zu fassen. Seine Qualität entzieht sich der Forschung. Gäbe es da nicht eine Erfahrung, die uns möglicherweise eine Brücke baut. Hinüber ins Jenseits: Die Nahtoderfahrung. MUSIK ENDE O-TON 1 GODEHARD BRÜNTRUP „Dazu gehört die Erfahrung zu sterben mit der entsprechenden Panik, dazu gehört ein Lebensrückblick - dass man sein ganzes vergangenes Leben detailliert bis in die früheste Kindheit noch mal erlebt unter der Rücksicht, wo habe ich geliebt, wo habe ich verletzt und sehr empathisch die Verletzung, die man bei anderen angerichtet hat, selber empfindet. Dazu gehört eine außerkörperliche Erfahrung. Und dann gibt es ein Element des Übergangs – das wird oft die Tunnel Erfahrung genannt. Und man merkt, dass man irgendwie von einer Dimension in eine andere hinübergleitet und dann das Eintauchen in diese andere Dimension, dass die irgendwie energetisch lichtvoll ist. Und man merkt, dass man nicht allein ist, dass da andere sind. Und schließlich das Eintauchen in eine überwältigende Liebe, die alle Erfahrungen sprengt, die man bisher in seinem Leben - auch die allerschönsten - gemacht hat.“ SPRECHERIN Godehard Brüntrup, Professor für Philosophie an der Philosophischen Hochschule in München. Im Alter von 30 Jahren macht er eine Nahtoderfahrung. Nach einem Herzstillstand widerfahren ihm mehr oder weniger ausgeprägt alle typischen Merkmale eines Nahtoderlebnisses. Auf der sogenannten Greyson Skala, eine Skala, mit der man international die Intensität von Nahtodmomenten misst, gilt seine Erfahrung als tiefgreifend. Warum dieses erschütternde Ereignis manchen widerfährt und anderen wiederum nicht, warum die einen sich nach einem Herzstillstand oder ähnlichen existentiellen Erfahrungen an solche Augenblicke erinnern und andere nicht, das weiß die Forschung bislang nicht. Was sie aber kann: Raster erstellen, die das Phänomen umschreiben. Die Soziologin Ina Schmied-Knittel achtet dabei mehr auf strukturelle als auf inhaltliche Kriterien: O-TON 2 INA SCHMIED-KNITTEL „also zum Beispiel, dass eine lebensbedrohliche Situation in der Regel der Auslöser dieser Erfahrung ist. Und dass die Leute dann das Gefühl haben, auch wirklich ihr eigenes Sterben zu erleben. Und davon sind Sie ganz extrem überzeugt. Obwohl man in der lebensbedrohlichen Situation ist, berichten viele dieser Leute, dass sie dabei sehr angenehme und positive Veränderungen haben, aber eben nicht alle. Wir haben auch solche Nahtodberichte, bei denen die Leute angstbesetzte Erfahrungen schildern.“ SPRECHERIN Letzteres sei untypisch, so Godehard Brüntrup. Er ist inzwischen Experte auf dem Gebiet der Nahtoderfahrung, hat recherchiert, Interviews geführt, Aufsätze und Bücher geschrieben, Vorträge gehalten. Er erklärt sich negative Erfahrungen folgendermaßen: O-TON 3 GODEHARD BRÜNTRUP „Die Nahtoderfahrung fängt ja an mit einem starken Angstgefühl, weil man merkt, dass man stirbt. Man merkt, dass die Beine kalt werden, die Hände und die Arme kalt werden, dass das Leben sich von außen nach innen zurückzieht. Das löst eine Ur-Panik aus. Und wenn man zum Beispiel in dieser Situation zurückgeholt wird, dann ist man auch gar nicht tiefer in die Erfahrung eingedrungen. Dann erinnert man sich nur an Panik. MUSIK privat Take 006 „Stop My Heart“; Album: Flatliners; Label: Sony Classical; Interpret: Nathan Barr; Komponist: Nathan Barr; ZEIT: 00:21 SPRECHERIN Nur etwa 20 Prozent derjenigen, die sich in einer lebensbedrohlichen Situation befinden und überleben, machen eine Nahtoderfahrung. Mit oft massiven Konsequenzen. MUSIK ENDE O-TON 4 GODEHARD BRÜNTRUP Es ist auch durch langfristige Studien mehrfach wiederholt erwiesen, dass sich Menschen, die eine Nahtoderfahrung gemacht haben in ihrer Persönlichkeit tiefgreifend und dauerhaft verändern. Und zwar auch so, dass sie das mehr tun als eine Kontrollgruppe, die nur einen „Herzinfarkt“ oder einen „Herzstillstand“ hatte. Und das betrifft viele Bereiche. Am grundlegendsten in der Werteordnung. Die meisten Nahtoderfahrenen sagen, dass nach der Nahtoderfahrung tiefe zwischenmenschliche Beziehungen, ganz im Zentrum des Lebens stehen. Nicht mehr der berufliche Erfolg, nicht mehr das Geld, nicht mehr der Ruhm. Und das Zweite: Die Erlangung von Weisheit. Und Weisheit ist was anderes als wissen. Und je nachdem, wie sie vorher gelebt haben müssen sie ihr Leben radikal ändern, um diesen beiden Maximen - mehr Liebe, mehr Weisheit - gerecht zu werden. SPRECHERIN Ina Schmied-Knittel vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie erforscht den Umgang mit außergewöhnlichen Erfahrungen. Sie führt an, dass das individuelle Empfinden mit der gesellschaftlichen Reaktion in Konflikt geraten kann, was manche Nahtoderfahrene psychisch enorm herausfordert. O-TON 5 INA SCHMIED-KNITTEL „Nämlich dann, wenn einem nicht geglaubt wird von der Umwelt, beispielsweise, wenn andere Leute diese Erfahrung nicht teilen, ungläubig damit umgehen. Das könnte dann auch zu Problemen im Umfeld führen oder zur kritischen Hinterfragung bisheriger Glaubenssätze, die sich dann plötzlich umkehren und man in eine religiöse oder spirituelle Krise geraten kann.“ SPRECHERIN Der klinische Neuropsychologe Christian Hoppe von der Universität Bonn war ursprünglich katholischer Theologe und hat sich von der christlichen Religion abgewendet. Allerdings nicht durch ein Nahtoderlebnis, sondern durch seine Beschäftigung mit der Hirnforschung. Seitdem beobachtet der Neurowissenschaftler unter anderem das Nahtod-Phänomen, wobei er findet, dass Nahtod im Grunde nicht der richtige Begriff ist für eine derartige Erfahrung. Inhaltlich sehr ähnliche Erlebnisse könnten in gänzlich andersartigen Zusammenhängen und fern jeder Todesbedrohung auftreten, z.B. unter Ketamin-Einnahme: O-TON 6 CHRISTIAN HOPPE „Wenn sie die subjektiven Berichte lesen und die Vergleiche mit den subjektiven Berichten nach spontanen Nahtoderfahrungen, dann sind diese Berichte sich außerordentlich ähnlich, sie können die eigentlich nicht zuverlässig voneinander trennen, das haben Studien ergeben, und die wurden auch repliziert und bei LSD sind es ähnliche Erfahrungen. SPRECHERIN: Eine Hypothese, die Godehardt Brüntrup vertraut ist. Er hat sich mit mehreren Drogen befasst, die in der Lage sind, dem Konsumenten außerkörperliche Erfahrungen vermitteln, die radikal lebensverändernd sein können. O-TON 7 GODEHARD BRÜNTRUP Die sind meistens so: man liegt im Bett und schaut auf sich, dann dreht man so die Achse so und sieht sich selbst vom Fußende her, mit einem ganz langen Bein. Also das Gehirn dreht sozusagen die Bilder bisschen im Raum herum. Es sind offensichtliche optische Täuschungen, Illusionen. Aber dass jemand völlig unverzerrt, ganz glasklar sieht, was in dem Raum passiert, aus einer Perspektive, die er mit seinen Sinnesorganen gar nicht einnehmen könnte. Das ist schon anders als bei der außerkörperlichen LSD-Erfahrung. MUSIK privat Take 006 „Stop My Heart“; Album: Flatliners; Label: Sony Classical; Interpret: Nathan Barr; Komponist: Nathan Barr; ZEIT: 00:22 SPRECHERIN: Brüntrup schaute in seinem Nahtod-Moment aus einer erhöhten Position auf seinen Körper. Von da aus sah er einen Mann mit einer orangefarbenen Jacke neben seinem Bett stehen. MUSIK ENDE O-TON 8 GODEHARD BRÜNTRUP „Ich erinnere mich, dass ich mich gefragt habe, warum neben den weiß und grün gekleideten dieser orangefarbene sei. Später habe ich dann nachgefragt und erfahren, dass der von einem Notarztwagen kam und deswegen die orangefarbene Jacke trug. Ich konnte ihn sicherlich nicht sehen aus der Richtung, aus der ich ihn gesehen habe. Es gibt keine exakten wissenschaftlichen Daten, ob ich zu dem Zeitpunkt vollkommen bewusstlos war. SPRECHERIN: Damit ist Brüntrup nicht der Einzige. Viele Nahtoderfahrene erzählen, sie hätten Dinge gesehen, die aus der Position, in der sie sich befunden haben, gar nicht wahrnehmbar gewesen wären. Für Christian Hoppe noch lange kein Beweis für die Loslösung des Bewusstseins vom Körper. O-TON 9 CHRISTIAN HOPPE „Das wäre möglich, dass es kurze Inseln gab, in denen hinreichend Bewusstsein da war. Es kann sein, dass auch mal kurz die Augen geöffnet wurden, um den Pupillenreflex zu prüfen oder was auch immer Manches wird gehört, manche Dinge stellt man sich eben vor, zum Beispiel einen Notarzt, stellen Sie sich wahrscheinlich nicht in einer hellgrauen Steppjacke vor, sondern wahrscheinlich in so einer signalfarbenen Jacke, wenn sie einfach wissen, hier ist gerade ein Notarzt, der irgendwas bei mir macht. SPRECHERIN: Außerkörperliche Erfahrung sei außerdem im Hirn induzierbar, so Hoppe. Im Rahmen der Epilepsie Diagnostik stimulierte man die Hirnrinde von Epileptikern in den Bereichen des Gehirns, die für Sehen und räumliches Denken verantwortlich sind. O-TON 10 CHRISTIAN HOPPE „Da hatte man eine Patientin, wo man in diesem Bereich Elektroden liegen hatte und testen wollte, ob von dort Epilepsie ausgeht und die Stimulation dieser Elektroden hat dann unmittelbar ein außerkörperliches Erlebnis ausgelöst. Die Patientin hat sich dann teilweise von oben selbst im Bett liegen gesehen und mit dem Abschalten des Stroms war die Erfahrung schon wieder zu Ende und das konnte dann mehrfach repliziert werden durch An- und Abschalten.“ SPRECHERIN: Im Fall eines Nahtodes heißt das: Wenn durch einen Herzstillstand der Gehirnbereich, der das Sehen veranlasst, unterversorgt ist, dann kann eine außerkörperliche Erfahrung eintreten. O-TON 11 CHRISTIAN HOPPE „Dann scheint das visuelle System umzuschalten auf eine objektive Beobachterposition. Statt die perspektivische Mitte im Körper zu verankern, was jetzt nicht mehr möglich ist, wird die perspektivische Mitte nach außerhalb gelegt, wie bei einem objektiven Beobachter, der die Szene von draußen sieht.“ SPRECHERIN In der sogenannten Awarenessstudie haben Ärzte auf Intensivstationen in 15 Kliniken das visuelle Bewusstsein von Patienten getestet, indem sie an der Decke Displays angebracht hatten, die zufallsgenerierte Bilder und Symbole erzeugt haben. Sie waren nur aus erhöhter Position zu sehen. Hätte jemand tatsächlich seinen Körper verlassen und von oben nach unten gesehen, wären ihm die Tablets aufgefallen. Leider aber konnte keine der wiederbelebten Versuchspersonen mit Außerkörperlichkeitserfahrung über entsprechende Bilder berichten. Denn die einen interessierten sich außerhalb ihres Körpers nicht für den Deckenbereich. Andere hatten ihre Nahtoderfahrung nicht in dem OP-Saal, wo die Displays installiert waren. MUSIK privat Take 009 „Unethered“; Album: Flatliners; Label: Sony Classical; Interpret: Nathan Barr; Komponist: Nathan Barr; ZEIT: 00:45 SPRECHERIN Die Erfahrung, aus dem eigenen Körper schlüpfen zu können, ist eines der umstrittensten Phänomene in der Nahtodforschung. Zumal da auch blinde Personen beschreiben, dass sie im außerkörperlichen Nahtod plötzlich sehen konnten. Das allerdings hält die Hirnforschung für ungewöhnlich, wenn nicht gar unmöglich. Vor allem, wenn das Betroffene berichten, die blind auf die Welt gekommen sind. Nahtodberichte gibt es, seit es Menschen gibt. Die Bibel birgt eine Fülle von Erzählungen über wundersame Ereignisse, die Nahtodmomenten ähneln. Der Versuch aber, Nahtoderfahrungen als solche zu klassifizieren und zu erforschen, ist noch nicht alt. MUSIK ENDE Ina Schmid-Knittel: O-TON 13 INA SCHMIED-KNITTEL „Eine der ersten Untersuchungen ist von Achtzehnhundertzweiundneunzig von Albert Heim im Jahrbuch des Schweizer Alpenvereins. (…). Das ist mal nun nicht das womit man rechnet. Und Albert Heim war jetzt auch kein Mediziner, sondern Geologe, aber er war passionierter Bergsteiger und der ist am Berg abgestürzt und hat es überlebt und hat eben währenddessen eine, ich sag jetzt mal klassische Nahtoderfahrung gehabt: ein sehr angstfreies, positives Empfinden, dass er, trotzdem er weiß, er stirbt, sehr schöne Bilder hat. (…) und dann hat er das seinen Bergsteigerkollegen erzählt und stieß dann eben auf Personen, die identische Erfahrung hatten wie er. Und das hat er gesammelt und hat Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauskristallisiert und hat das veröffentlicht.“ MUSIK privat Take 002 „Main Title“; Album: Flatliners; Label: Sony Classical; Interpret: Nathan Barr; Komponist: Nathan Barr; ZEIT: 00:45 ZITATOR ALBERT HEIM „Angesichts des Todes durch plötzlichen Unglücksfall tritt bei fast allen der gleiche geistige Zustand ein. Er lässt sich kurz wie folgt charakterisieren: Es wird kein Schmerz empfunden, ebenso wenig lähmender Schreck (…) Keine Angst, keine Spur von Verzweiflung, vielmehr ruhiger Ernst, beherrschende geistige Sicherheit und Raschheit. Die Gedankentätigkeit ist enorm, wohl auf hundertfache Geschwindigkeit oder Intensität gesteigert, die Verhältnisse werden weit hinaus objektiv überblickt. Die Zeit erscheint verlängert. In zahlreichen Fällen folgt ein plötzlicher Rückblick in die ganze eigene Vergangenheit.“ MUSIK ENDE SPRECHERIN: Die moderne Nahtodforschung begann erst in den 60er und 70er Jahren. Es gab damals einen immensen Fortschritt in der Reanimationstechnik, wodurch immer mehr Leute erfolgreich wiederbelebt werden konnten. In diesem Zusammenhang stieg auch die Zahl der sich ähnelnden Nahtoderfahrungsberichte. O-TON 14 INA SCHMIED-KNITTEL „Mediziner und Medizinerinnen sammelten und publizierten das und diese Bücher wurden sehr, sehr populär. Und ich glaube, das hängt auch damit zusammen, weil es in den 60er und 70er Jahren einen immensen Aufschwung von New Age und esoterischen Themen gab, wo auch die subjektive Einsicht in bestimmte, religiöse oder transzendente Fragen ne sehr, sehr große Rolle spielte. SPRECHERIN: Bis heute halten sich die kulturellen Deutungsmuster der damaligen Zeit, was oft den Blick verengt. In den öffentlichen Diskurs schaffen es vor allem die Bilder vom Tunnel, vom Licht und von Erfüllung. Schmied- Knittel hat in der 90er Jahren mit Kollegen eine Studie durchgeführt, in der sie Nahtodberichte von Ost- und Westdeutschen verglichen hat. O-TON 15 INA SCHMIED-KNITTEL „Es war so, dass in Westdeutschland mehrere oder die meisten der Erfahrungen eben diesem klassischen Muster entsprach: angenehme Erfahrungen, Tunnel, Licht, paradiesische Landschaft. Man traf auf Verstorbene und das Ganze war eben auch schmerzfrei, wunderbar und bedeutsam. Und in Ostdeutschland war es so, dass viele der aus der Literatur bekannten Motive gar nicht auftauchten, sondern zum Teil auch sehr abstrakte, sehr bizarren Landschaften oder unklare, gar nicht identifizierbare Landschaften und Personen oder Wesenheiten und häufiger auch ein angstbesetzter, emotionaler Zustand bei den Ostdeutschen.“ MUSIK privat Take 006 „Stop My Heart“; Album: Flatliners; Label: Sony Classical; Interpret: Nathan Barr; Komponist: Nathan Barr; ZEIT: 00:36 SPRECHERIN: Je nachdem, worauf man sich fokussiert, treten Unterschiede, Schwankungen oder eben Gemeinsamkeiten auf. Schmid-Knittel vertritt eine Soziologie, die vor allem auf die Unterschiede schaut. Godehardt Brüntrup hingegen verweist darauf, dass Nahtoderfahrungsinhalte interkulturell oft überraschend homogen sind, was die Sache nicht einfacher macht. Klar ist, je mehr sich Nahtoderfahrungen über kulturelle Unterschiede hinweg ähneln, desto besser lassen sie sich als allumfassende, überirdische Gottesnähe deuten. Da wiederum stellt sich die Neurologie quer. MUSIK ENDE O-Ton 16 Christian Hoppe „Man muss wirklich in die Details gehen. Wir Neurowissenschaftler, die meisten jedenfalls von uns vermutlich, würden weiterhin behaupten, ja auch die Nahtoderfahrung beruhen auf veränderten Hirnprozessen, aber eben auf Hirnprozessen. Und ohne diese Hirnprozesse vermuten wir, finden gar keine Erfahrungen statt.“ SPRECHERIN Brüntrup, der seine Nahtoderfahrung als mystisches Erlebnis interpretiert, hegt da Zweifel. O-TON 17 GODEHARDT BRÜNTRUP „Also die Wissenschaft hat natürlich zunächst ein Interesse, ihr bestehendes Erklärungsmodell nicht umwerfen zu müssen und das bestehende Erklärungsmodell ist, dass unser bewusstes Leben, das, was wir wahrnehmen, fühlen, empfinden und denken, von unserem Gehirn erzeugt wird. Und die Nahtoderfahrung stellt diese wissenschaftliche Hypothese zumindest teilweise in Frage. MUSIK privat Take 018 „Tessa Visits“; Album: Flatliners; Label: Sony Classical; Interpret: Nathan Barr; Komponist: Nathan Barr; ZEIT: 00:26 SPRECHERIN: Gibt es also eine spezielle Form von Bewusstsein kurz bevor wir sterben? Und falls ja, wann und wo ist noch Bewusstsein, wann passiert die Nahtoderfahrung und wann sind wir tot? In der Forschung steht man vor dem Problem, dass man dieses letzte Aufbäumen der Neuronen nicht mit der Nahtoderfahrung synchronisieren kann. Denn der Patient ist in dem Moment nicht ansprechbar. MUSIK ENDE O-TON 19 CHRISTIAN HOPPE „Die interessante Frage ist wirklich, zu welchem Zeitpunkt genau findet die Nahtoderfahrung statt? Beim Tunnel-Licht-Erlebnis, bei der Wiederbegegnung mit Verstorbenen und so weiter lässt sich der Zeitpunkt in unserer Welt gar nicht festlegen. Beim Außerkörperlichen Erlebnis ist es manchmal so, dass wir ne klare zeitliche Zuordnung haben, die man auch im Nachhinein noch zeitlich zuordnen kann und dann ist wirklich die interessante Frage, ob zu diesem Zeitpunkt eigentlich totale Bewusstlosigkeit bestand oder ob das Gehirn in einem Zustand war, wo man sagt, das ist ausgeschlossen, dass das Gehirn noch irgendein Bewusstsein erzeugt oder so. Und die Theorie der Neurowissenschaftler wäre eben, dass diese Erfahrungen auftreten im Übergang zum Verlust des Bewusstseins oder in der Wiederkehr des Bewusstseins nach einer Bewusstlosigkeit. SPRECHERIN: Der Nahtoderfahrene Godehardt Brüntrup betont, dass Sinn, Gehalt und Bedeutung der Erfahrung nicht reduzierbar sind auf neuronale Prozesse. Die Neurowissenschaften konzentrieren sich sehr auf die funktionalen Aspekte und fragen, wie so eine Erfahrung zustandekommt, welche Rolle das Gehirn spielt. Die Inhalte, die für Nahtod-Betroffene im Vordergrund stehen, sind aus neurowissenschaftlicher Sicht gar nicht der Punkt. Das ist frustrierend für Nahtoderfahrene, die durch und durch erschüttert sind von einer tiefen Grenzerfahrung. Oft fühlen sich die Betroffenen unverstanden und schweigen, selbst fassungslos über den überwältigenden Moment, den sie durchlebt haben. O-TON 22 CHRISTIAN HOPPE: „Wir haben damals, als wir gesammelt haben und solche Berichte zusammengestellt haben, haben wir von einer Person einen Bericht zugeschickt bekommen, die uns dann erzählte, dass sie seit über 40 Jahren jeden Tag an dieses Nahtoderlebnis zurückdenkt, aber noch nie mit der eigenen Ehefrau darüber gesprochen hat. Aus Sorge, dass das nicht ernst genommen wird. Oder dass es irgendwie zerredet wird oder wie auch immer.“ SPRECHERIN: Die Angst, als verrückter Esoteriker abgestempelt zu werden ist groß. Zumal da es unzählige esoterische Schriften gibt, die den Nahtod als willkommenen Beweis für übersinnliche Welten propagieren. Betroffene können auf der Suche nach Antworten in obskure Kreise geraten. O-TON 23 GODEHARDT BRÜNTRUP: „Das sind die Interpretationsversuche der Leute, die geprägt sind durch ihren Bildungsstand. Durch das, was Ihnen gerade zur Verfügung steht. Und das ist nicht immer perfekt gelungen. Aber wenn man dann mit ihnen spricht und sagt, jetzt lass mal deine angelesene Deutung weg und erzähl mal über deine Erfahrung selbst. Dann kommt eine sehr authentische und tiefgreifende, die Persönlichkeit erschütternde Erfahrung raus in praktisch allen Fällen. Also von daher wäre das Wichtigste weniger auf die Interpretationen zu achten, sondern die Erfahrung selbst sprechen zu lassen. SPRECHERIN: Die Nahtoderfahrung findet wahrscheinlich innerhalb der ersten zwei bis drei Minuten nach dem Herzstillstand statt. Nach fünf bis zehn Minuten ohne Sauerstoffzufuhr treten irreversible Schäden ein, was nicht heißt, dass das Hirn tot ist. Eine neue, breit angelegte Studie aus den USA, weist darauf hin, dass das Sterben des Gehirns wohl länger dauert als gedacht. O-Ton 24 Godehard Brüntrup: „Dass man nicht so klar angeben kann - nach dem Hirntodkriterium - hier jetzt genau in der Sekunde ist der Mensch tot, sondern das ist ein Prozess, der sich sehr lange hinzieht. Und das hat diese Studie gezeigt, dass auch von Menschen, die äußerlich tot zu sein scheinen, wo auch die mangelnde Gehirnaktivität in diese Richtung deutet, trotzdem noch Empfindungen haben und geistig aktiv sind. MUSIK privat Take 006 „Stop My Heart“; Album: Flatliners; Label: Sony Classical; Interpret: Nathan Barr; Komponist: Nathan Barr; ZEIT: 00:35 SPRECHERIN: Was passiert also, wenn wir sterben? Vieles bleibt vage, einiges könnte, dürfte, oder wird wohl so sein. Feststeht: Die meisten Nahtoderfahrenen haben keine Angst mehr vor dem Sterben. Naturwissenschaftler entgegnen, die Betroffenen seien dem Tod nie wirklich nahe gewesen, denn sie seien ja nie gestorben. Wann und wo Leben und Tod anfangen und aufhören, darüber lässt sich offensichtlich diskutieren. O-Ton 25 Ina Schmied-Knittel: „Vielleicht ist das auch ein Punkt, wo die Nahtoderfahrungen in den öffentlichen Diskurs hineinsteigt und eben ein Beispiel bringt, dass es eben manchmal nicht so einfach ist wie angenommen und dass bestimmte Kriterien oder Methoden eben auch nicht immer angemessen sind und man ne gewisse Offenheit auch vielleicht zugestehen muss.“ MUSIK privat Take 006 „Stop My Heart“; Album: Flatliners; Label: Sony Classical; Interpret: Nathan Barr; Komponist: Nathan Barr; ZEIT: 00:37 SPRECHERIN Die Forschung ist noch lange nicht abgeschlossen. Und wird es vielleicht auch nie sein. Nahtoderfahrungen zeigen auf, wie es sich anfühlen könnte, das Diesseits zu verlassen. Sie können nicht erklären, was im Sterben tatsächlich passiert. Aber sie erweitern unseren Horizont, indem sie uns ein Beispiel geben, zu welch existentieller Entgrenzung wir fähig sind. Und so laden sie uns ein, dem Unvorhersehbaren zu vertrauen. Im Tod genauso wie im Leben.
- Enge in der Stadt - Alltag und Gesundheit
10.07.2025 · 23 Min.
Machen Städte krank? Tatsächlich ist der Mensch evolutionsbedingt nicht für ein dauerhaftes Zusammenleben auf engem Raum geschaffen. Die Wissenschaft sucht nach (Aus)Wegen für ein gutes Leben in der Stadt. (BR 2021) Autor/in dieser Folge: Lukas Grasberger Regie: Eva Demmelhuber Es sprachen: Andreas Neumann, Andreas Dirscherl, Friedrich Schloffer Technik: Roland Böhm, Monika Gsaenger Redaktion: Thomas Morawetz Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Es gebe, sagt der Professor für Psychologie an der University of Oxford, ein seit der Urzeit sehr tief in unserer Biologie verankertes Limit für die Anzahl der Freunde, die ein Mensch haben kann. O-Ton 2 Dunbar OV Sprecher “Die Größe unserer sozialen Gruppen wird direkt vorbestimmt durch die Größe unserer Gehirne. Wir haben dort eine nur begrenzte Anzahl von ,Slots' in denen die Identitäten unserer näheren Mitmenschen Platz finden können.” SPRECHER Dieses Konzept einer kognitiven Grenze für die Anzahl an Menschen, mit denen eine Einzelperson soziale Beziehungen unterhalten kann - eine Zahl von Individuen, von denen man den Namen und die wesentlichen persönlichen Verhältnisse kennt - hat Robin Dunbar berühmt gemacht. Die sogenannte “Dunbar-Zahl” von 150 hat längst Eingang in psychologische Nachschlagewerke gefunden. Der Oxford-Forscher Dunbar sieht diese Zahl als eine Funktion des Neocortex an, also eines Teils der Großhirnrinde, in der der Mensch einen zusammenhängenden Eindruck seiner Umwelt entwickelt. Die Großhirnrinde ist auch verantwortlich dafür, dass wir Angst wie Stress emotional erleben. Und dieser Stress entsteht, wenn uns unser “Nächster” zu nahe kommt. ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Dieses Manuskript wird ohne Endkorrektur versandt und darf nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem Bayerischen Rundfunk möglich! © Bayerischer Rundfunk 2022 Bayern 2-Hörerservice Bayerischer Rundfunk, 80300 München; kostenlose Service-Nr.: 0800-5900 222 / Fax: 089/5900-3862 service@bayern2.de; www.bayern2.de 4 O-Ton 3 Dunbar OV Sprecher "Du fährst zusammengedrängt in der U-Bahn, die Mitreisenden nerven dich, rammen dir den Ellenbogen in die Seite, klauen dir die Zeitung oder das Sandwich. Hier scheint sich ins Gegenteil zu verkehren, wozu sich Menschenaffen ursprünglich zu Gruppen zusammengeschlossen haben: zum Schutz vor Raubtieren. Der moderene Mensch muss Wege finden, mit diesem sozialen Stress umzugehen.” SPRECHER Ob in der Londoner U-Bahn, in New York oder München: Zu Beginn der Corona-Krise schien der Großstadtstress wie weggefegt: Gähnende Leere auf Straßen, in Bussen und Bahnen. Doch bald mussten die Bewohner der Ballungsräume feststellen: Der Stress, der durch zu viele Menschen auf einem Fleck entsteht, der so genannte Dichtestress: Er ist nicht weg. Er ist nur woanders. Mangels geöffneter Lokale und Läden traten sich die Stadtbewohner in den Parks und Naherholungsgebieten auf die Füße. Und auch der Verkehrsstress hat allem Anschein nach letztlich nicht ab - sondern zugenommen. Einer Greenpeace-Studie zufolge wird in deutschen Städten nun deutlich mehr Auto gefahren, da viele Menschen nun öffentliche Verkehrsmittel aus der Sorge vor Ansteckung meiden. ATMO VERKEHRSLÄRM BERLIN kurz hoch, bleibt liegen Dem Verkehrslärm auf der Spur ist die Berliner Klangforscherin Antonella Radicchi von der TU Berlin. Sie hat sich auf die Bedeutung von Geräuschen für die Stadtplanung spezialisiert. Radicchi führt auf so genannten Soundwalks, zu Deutsch Klangspaziergängen, durch die Hauptstadt. Ergebnis dieser Streifzüge ist eine Karte, die entspannende Orte ausweist – und solche die Lärmstress verursachen. Einer der stressigsten Orte für Anonella Radicchi in dieser Hinsicht: Die Leipziger Straße in Berlin-Mitte. ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Dieses Manuskript wird ohne Endkorrektur versandt und darf nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem Bayerischen Rundfunk möglich! © Bayerischer Rundfunk 2022 Bayern 2-Hörerservice Bayerischer Rundfunk, 80300 München; kostenlose Service-Nr.: 0800-5900 222 / Fax: 089/5900-3862 service@bayern2.de; www.bayern2.de 5 ATMO VERKEHRSLÄRM nochmal kurz hoch O-Ton 4 Antonella Radicchi, Stadtplanerin und Soundforscherin, TU Berlin (OV schon drüber)Sprecherin "Es ist wirklich ein Alptraum, da entlangzugehen. Man hat diese wunderschönen Arkaden, und dann grenzen sie an eine so laute Straße. Dieser überdachte Fußweg ist ein Sammelpunkt für Luft- und Lärmverschmutzung. Die Luft zirkuliert nicht, deshalb strömen die Abgase zwar hinein – kommen aber nicht mehr hinaus. Dasselbe gilt für den Lärm. Und der wird durch die Decke und die Fassade sogar noch reflektiert – und wird immer lauter." ATMO VERKEHRSLÄRM, MIT HUPEN SPRECHER Oft rauben Staus auf der mehrspurigen Straße im Zentrum Berlins dem Autofahrer den letzten Nerv. Auch in der österreichischen Hauptstadt Wien stockte nach der ersten Coronaphase wieder oft der Verkehr. Dies habe nicht nur mit der Sorge vor einer Corona-Infektion im Nahverkehr zu tun, sagt die Wiener Verhaltensbiologin und Stadtforscherin Elisabeth Oberzaucher. O-Ton 5 Elisabeth Oberzaucher, Verhaltensbiologin, Uni Wien "Viele Menschen steigen in ihr eigenes Auto ein, weil sie der Meinung sind: da haben sie ein System verstanden, da kennen sie sich aus..." SPRECHER Denn das Auto garantiere ein abgeschlossenes Territorium und schütze generell die Individualdistanz. ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Dieses Manuskript wird ohne Endkorrektur versandt und darf nur zum privaten Gebrauch verwendet werden. Jede andere Verwendung oder Veröffentlichung ist nur in Absprache mit dem Bayerischen Rundfunk möglich! © Bayerischer Rundfunk 2022 Bayern 2-Hörerservice Bayerischer Rundfunk, 80300 München; kostenlose Service-Nr.: 0800-5900 222 / Fax: 089/5900-3862 service@bayern2.de; www.bayern2.de 6 Dass einem andere im städtischen Raum zunehmend auf die Pelle rücken, ist mehr als eine persönliche Wahrnehmung: Offiziellen Statistiken zufolge nimmt die Stadtbevölkerung zu. Im Jahr 2050 werden nach Berechnungen der Vereinten Nationen 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten wohnen. Im Großraum München lebt bereits heute eine Million Menschen mehr als zu Beginn der 80er-Jahre. Es ist eine zunehmende Beengtheit, die - auch jenseits von Infektionsängsten - als nervenaufreibend oder gar bedrohlich empfunden wird – und für die Fachleute den Begriff “Crowding” ersonnen haben. O-Ton 6 entfällt O-Ton 7 Oberzaucher Und Crowding führt dann dazu, dass damit unterschiedliche negative Konsequenzen verbunden sind, einfach deswegen, weil andere Menschen im Wege sind." SPRECHER Der Mitmensch: Er ist im beengten städtischen Raum selten einfach nur da, betont die Evolutionsbiologin Oberzaucher: Er bewegt sich – wie wir selbst - von A nach B. Wir nehmen den Anderen aus dem Augenwinkel wahr, berechnen bewusst oder unbewusst, wann und ob er unseren Weg kreuzt. Oder spricht er uns womöglich sogar an? O-Ton 8 Oberzaucher "...und das führt dann relativ schnell zu einer kognitiven Überlastung. Also wir können mit unserem Gehirn da gar nicht mehr mithalten, und das ist das, worauf wir dann mit Stress reagieren, und was negative Konsequenzen für uns haben kann.” SPRECHER Ab wann Menschen die zunehmende städtische Enge als Stress erleben - das unterliege indes individuellen wie auch kulturellen Faktoren, betont Oberzaucher. Davor, den Begriff “Dichte” zu eindimensional zu definieren, warnt auch der Stadtforscher Christopher Boyko von der nordenglischen Lancaster University. Dichte auf bloße Kennzahlen wie etwa Gebäude, Personen oder Autos pro Quadratkilometer zu reduzieren - das greife zu kurz, sagt Boyko. O-Ton 9 Christopher Boyko, Stadtforscher, Lancaster University, engl, dt. OV Sprecher “Unsere Wahrnehmung, ob es überfüllt ist, kann sehr stark von unseren persölichen Erfahrungen abhägen. Vielleicht bin ich mit einer großen Familie in beengten Verhältnissen aufgewachsen, oder einer Stadt, die immer schon rammelvoll und hektisch war? Dann stresst mich das weniger. Wir haben die Leute im Zuge einer unserer Forschungsarbeiten gefragt: Was ist für Sie hohe Dichte, was verstehen Sie unter niedriger Dichte? Und die Breite der Antworten war enorm. Manche sagten, bei zwei Häusern pro Hektar gehe für sie eine starke Verdichtung an, bei anderen lag diese Zahl bei eintausend Häusern pro Hektar. Manche von uns brauchen eine Art Schutzzone um sich herum, eine Art Blase, die größer ist, als bei anderen. Und wenn jemand in diese Blase eindringt, dann bekommen sie Beklemmungen, fühlen sich gestresst. Es kann also sein, dass wir jeweils den gleichen Platz in einem Raum zur Verfügung haben, ich mich damit gestresst fühle - und du dich nicht.” SPRECHER Als Wissenschaftler, sagt Christopher Boyko, verfolge er einen ganzheitlichen Ansatz bei der Bewertung urbaner Dichte. Zusätzlich zu den üblichen Indikatoren dafür hat Boyko auch subjektive Faktoren unter die Lupe genommen. Der britische Wissenschaftler spricht hier von “wahrgenommener Dichte”. Für das Forschungsprojekt "lebenswerte Städte" hat sein Team von der Lancaster University nicht nur "harte Zahlen" ausgewertet, sondern Dichte auch in Beziehung zur so genannten Deprivation gesetzt. Also: gibt es in einem Stadtviertel eine Benachteiligung, gibt es Mängel in Punkto Gesundheit, Bildung oder hohe Arbeitslosigkeit? O-Ton 10 Boyko OV Sprecher “Dabei stachen zwei erstaunliche Erkenntnisse heraus: In Gegenden mit hoher Dichte und niedriger Deprivation fühlten sich die Menschen am wohlsten: Solche Gegenden schnitten gut bei der Walkability ab, also der Fußgängerfreundlichkeit. Dichte wirkte dort positiv - und führte dazu, dass Bewohner mehr Möglichkeiten hatten, zu Geschäften zu kommen, fußläufig Gelegenheiten fanden, im öffentlichen Raum zu spielen, oder weiter mobil zu sein: etwa einen Bus oder einen Zug zu erreichen. Dadurch, dass mehr Menschen auf der Straße waren, waren sie auch aufmerksamer, was in ihrer Umgebung passiert - und hatten ein Auge auf potenzielle Störenfriede oder Kriminelle. Es gab dort im Gegensatz zu Gegenden mit geringer Dichte ein spezifisches Gemeinschaftsgefühl.” SPRECHER Dagegen, betont Boyko, war der Wohlfühlfaktor in Gegenden mit geringer Dichte, aber vielen Benachteiligungsfaktoren am niedrigsten. O-Ton 11 Boyko OV Sprecher “Die Menschen dort leben ziemlich versprengt, ziemlich isoliert: Sie haben keinen Kontakt zu ihren Nachbarn, man schaut auch nicht auf sich. Ohne Auto kommen sie nirgendwohin, sie finden dort gleichzeitig aber auch keine angenehmen Treffpunkte vor.” SPRECHER Für sein Buch “Stress and the City” hat der Berliner Psychiater Mazda Adli umfangreiche Daten aus Disziplinen wie Psychologie, Soziologie, Architektur und Stadtplanung zusammengetragen. Eine Erkenntnis: Sozialer Stress wird verstärkt. wenn sich Stadtbewohner Stressfaktoren hilflos ausgeliefert fühlen. O-Ton 12 Adli "Der Stress, der uns in der Stadt krank macht, ist allen Hinweisen nach sozialer Stress. (...), vor allem dann, wenn er chronisch ist, wenn er als unbeeinflussbar oder unvorhersehbar erlebt wird. Wir sprechen dann von geringer environmental mastery. Environmental mastery bezeichnet das Gefühl, die eigene Umwelt den eigenen Bedürfnissen entsprechend beeinflussen zu können.(...) Also alles, was wir tun, das unsere Kontrollerfahrung über eine Lärmquelle verbessert, hilft dabei, diesen Lärm nicht als so belastend zu empfinden." SPRECHER Der Psychologe Mazda Adli hält es grundsätzlich für gesundheitsfördernd, sich genauer mit der Quelle des Übels zu beschäftigen – und damit, was die Alternativen wären. Lärm, sagt Adli, werde zunächst als mögliche Bedrohung registriert, der Körper in Alarmbereitschaft versetzt – mit Flucht oder Angriff als Handlungsoptionen. Wer in einer anonymen Hochhaussiedlung nicht einmal wisse, wer der Krach machende Nachbar ist, an den man sich wenden könnte: Der erlebe einen Kontrollverlust, ein Gefühl der Ohnmacht. O-Ton 15 Mazda Adli, Psychiater, Autor "Stress and the City" (...)Und dann sind die Folgen, psychische Probleme, Konzentrationsprobleme - aber auch Herz-Kreislauferkrankungen wie zum Beispiel Bluthochdruck.” SPRECHER Unter den negativen Begleiterscheinungen des urbanen Lebens leiden besonders diejenigen, die nicht in der Lage sind, wegzuziehen: Alte, Kranke, auch Migranten, die dem Lärm, Luftverschmutzung oder auch Hitzestress in urbanen Betonwüsten nicht entfliehen können. Das Stadtleben mache also nicht jeden gleich krank, betont Mazda Adli. Dabei kommt der Berliner Psychiater auf das Beispiel Schizophrenie zu sprechen. Menschen, die ohnehin eine Veranlagung für psychische Erkrankungen haben, zögen eher in die Stadt, weil sie auf eine bessere Gesundheitsversorgung hofften - oder einer größeren Stigmatisierung auf dem Land entkommen möchten. Dort könnten sie sich dann aber in einer Umgebung wiederfinden, die selbst seelische Störungen begünstige. Im Fall von schizophrenen Psychosen gelte dies etwa, wenn man bereits früh dem Stadtstress ausgesetzt sei, sagt Adli. O-Ton 16 Adli "Ganz besonders gut ist dieser Zusammenhang für die Schizophrenie gezeigt, die Stadtbewohner mindestens doppelt so häufig betrifft. Die diejenigen, die ihre gesamte Kindheit in der Stadt aufgewachsen sind, sogar fast dreimal so häufig betrifft. Und da gibt es sogar einen Dosis-Wirkungs-Zusammenhang zur Anzahl der Jahre, die wir in einer Stadt aufgewachsen sind. Und auch zu der Größe der Stadt, in der wir aufgewachsen sind und dem Schizophrenie-Risiko später im Erwachsenenalter." SPRECHER Wachse ein Mädchen oder ein Bub in der Stadt auf, so nehme die Wahrscheinlichkeit einer schizophrenen Erkranung mit der Größe der Stadt und der Anzahl der dort verbrachten Lebensjahre zwar zu. Ziehe das Kind aber dann von der Stadt aufs Land, so sinke sein Schizophrenie-Risiko wieder. Aber wenn Kinder so stress-resilient sind: Könnte man ihnen dann nicht antrainieren, mit urbanem Stress umzugehen - Stadt also von Klein auf lernen? In der Stadt groß zu werden ist nicht per se schlecht für die Gesundheit, betont Mazda Adli. O-Ton 17 Adli “Man kann sogar sagen, dass das Aufwachsen in der Stadt trotz alledem sehr viele Vorteile in sich vereint. Vielleicht sogar mehr Vorteile als Nachteile. Denn man muss auch sagen, dass wir insgesamt auf Stress empfindlicher reagieren, wenn wir in der Stadt aufgewachsen sind, ist für die meisten Menschen ja auch ein positiver Anpassungsprozess, und zeigt, dass wir trainierter sind, in der Stadt mit der Betriebsamkeit und der höheren Ereignisdichte gut umzugehen.” SPRECHER Der bekannte US-Soziologe Richard Sennett sagt sogar: Kinder, die in der Stad groß werden, haben eine bessere Chance, zu demokratischen Bürgern zu werden. Sie lernten von Klein auf, was kulturelle Vielfalt und gesellschaftliche Komplexität bedeuten. Auch für alleinerziehende Eltern sei das Leben in der Stadt, wo sie leichter Betreuungsplätze finden, womöglich stressfreier als auf dem Land, gibt der Psychologe Amazda Adli zu bedenken. Insgesamt biete die Stadt vielen Menschen mehr Vor- als Nachteile. Adli spricht von urban advantage, dem städtischen Vorteil. Der liegt nicht nur in einem besseren Zugang zu Schulen und Hochschulen, sondern auch in einer größeren Auswahl an Jobs, mehr Freizeitangebot und einer besseren Gesundheitsversorgung.