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Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


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Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

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  1. Der Stockfisch - Eine geschichtsträchtige Delikatesse

    02.04.2025 · 23 Min.

    Seit der Wikingerzeit ist Stockfisch, getrockneter Kabeljau, ein wichtiges Handelsprodukt. Von den Küsten des Nordens bis zu den Märkten Südeuropas und Amerikas prägte er Wirtschaft, Kultur und Küche vieler Länder. Von Andreas Pehl Credits Autor dieser Folge: Andreas Pehl Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Julia Fischer Technik: Adele Meßmer Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Klaus Adelt (Stockfischhändler, Selbitz) Sören Affeldt (Kommunikationsleiter Europäisches Hansemuseum, Lübeck) Bart Holterman (Wissenschaftlicher Mitarbeiter FGHO, Lübeck) Hans Christian Küchelmann (Archäozoologe, Bremen) Bjørg Helen Nøstvold (Stockfischproduzentin, Torsvåg/ Vannøya) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Der Aal - Ein Fisch voller Rätsel JETZT ENTDECKEN Fische - Die unterschätzten Lebewesen JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Europäisches Hansemusem Lübeck HIER Forschungsprojekt über Stockfischhandel des Deutschen Schifffahrtmuseum - Leibniz-Institut für maritime Geschichte HIER Genussregion Franken: Stockfisch in Bayern HIER ENTDECKEN Blog "Fish and Ships" HIER ENTDECKEN Literatur: Küchelmann, Hans Christian (2023): „Men schall ock berger, yslander, und hidlander vysch, elcken under synen namen unde vor syne werde, vorkopen“. Zur hansischen Versorgung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte mit Stockfisch. in: Benecke, Norbert (Hrsg.): Leben in der mittelalterlichen Stadt. Neue archäobiologische Forschungen, Archäometrische Studien 2, 111-158, Berlin (https://www.knochenarbeit.de/berger-yslander-und-hidlander-vysch/) – wissenschaftlicher Artikel zum Stockfischhandel Magra, Christopher P.: The Fisherman's Cause: Atlantic Commerce and Maritime Dimensions of the American Revolution, 2009. Hintergründe zur Amerikanischen Revolutuion und der Fischindustrie. Kochbücher aus Bayern mit Stockfischrezepten: "Buoch von guoter Spise" Würzburg (ca. 1350), "Kochbuch des Meister Eberhards" Landshut (1404-1450) "Kochbuch des Meister Hannsen" Amberg (1460), „Kuchenmeisterey" Passau (1487), "Kochbuch der Sabina Welserin" Augsburg (1553) Kochbuch des Balthasar Staindl Augsburg (1569). Prilloff, Ralf-Jürgen (2022): Frühneuzeitliche Tierreste von der Herreninsel im Chiemsee. Einblicke zur Tierhaltung, -nutzung und Ernährung in einem Chorherrenstift. in: Dannheimer, Hermann (ed.): Kloster und Stift Herrenchiemsee – Archäologie und Geschichte (um 620–1803). Band 2: Historische und Naturwissenschaftliche Beiträge, Abhandlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Neue Folge 148, 291-325, München Mark Kurlansky: Kabeljau. Der Fisch, der die Welt veränderte. Claassen Verlag, 1999. – Schwerpunkt auf Klippfisch und Bedeutung des Kabeljaus für Amerika. Holterman, Bart: The Fish Lands. German Trade with Iceland, Shetland and the Faroe Islands in the late 15th and 16th Century. De Gruyter Oldenbourg, 2020. https://doi.org/10.1515/9783110655575 - Stockfischhandel zwischen Deutschland und Island/ Shetland und den Faröern Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Zugansage: „Nächster Halt Selbitz. Ausstieg in Fahrtrichtung links“ ERZÄHLERIN Selbitz in Oberfranken. Ganz im Norden Bayerns. 02 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Aussteigen, Schritte am Bahnsteig, Begrüßung ERZÄHLERIN Die Heimat von Klaus Adelt. Hier beginnt die Reise zu einer fast vergessenen geschichtsträchtigen Delikatesse: dem Stockfisch. 03 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 736a Ich persönlich nehme eine starke Astschere. Wenn ich das geschäftlich machen würde, müsste ich so eine große Schere nehmen, wie es die Orthopäden beim Operieren von der Hüfte nehmen. ERZÄHLERIN Auf der Küchenzeile liegt etwas, das aussieht wie eine überdimensionale Trockenpflaume in Fischform. Nicht ganz Fischform, der Kopf fehlt. Es ist ein getrockneter Kabeljau, von Klaus Adelt aus Norwegen nach Franken importiert. 04 Zsp. Stockfisch ATMO aus 737 Flossen abschneiden 05 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 736b Der Fisch wird meistens in drei Teile geteilt und kommt dann mindestens acht Tage ins Wasser. Im Wasser nimmt er noch mal das Doppelte an Gewicht an und muss dann irgendwann mal von seiner Haut befreit werden. 06 Zsp. Stockfisch ATMO aus 738 Haut vom Fisch ziehen ERZÄHLERIN Mit einer Zange beginnt Klaus Adelt, die Haut vom Fisch zu ziehen. Darunter: das helle, trockene Fleisch. 07 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 712a Stockfisch hat es gegeben um Karfreitag. Mit all den Dingen, die dem Stockfischessen vorausgehen, sprich der Geruch im Haus, wo er gelagert war. Das Einwässern und all die Geschichten. 08 Zsp. Stockfisch ATMO aus 738 Haut vom Fisch ziehen 09 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 717 In jedem Haushalt wird der Stockfisch etwas anders zubereitet. Grundbestandteil ist immer der getrocknete Kabeljau, der Stockfisch, Speck, Zwiebeln, und dann kommt es auf die Brühe an, auf die Sauce: Weiße Brühe mit Milch, Eierbrühe. Jede Familie schwört auf ihr Rezept: Unser Rezept ist das beste. Und so hat es die Oma und die Uroma gemacht und so sollen es die Enkel auch mal machen. 10 Zsp. Stockfisch ATMO aus 739 Wasser in einen Eimer 11 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 720 Ludwigstadt, Teile von Kronach. Und dann geht es rüber in den Münchberger Raum. Der Hofer Raum vollständig. Das sind die typischen Stockfischgebiete. ERZÄHLERIN Ein Eimer Wasser, ein Löffelchen Natron über den Fisch, damit er beim Kochen schön weiß bleibt, viel Fischaroma im Keller von Klaus Adelt. 12 Zsp. Stockfisch ATMO aus 739 Fisch herrichten 13 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 711 Durch das, dass die Eltern das Lebensmittelgeschäft hatten und der Stockfisch in der Osterzeit eine ganz entscheidende Rolle gespielt hat, er wurde damals in Ballen angeliefert, mit Draht fest verbunden, in Jute eingenäht und war für unsere Leute der ideale Fisch für die Fastenzeit. Und als wir das Geschäft aufgegeben haben, haben wir keinen Stockfisch mehr verkauft. Es gab auch eine Zeit lang, in der der Stockfisch etwas in Vergessenheit geraten ist. Musik: Time traveller red 0‘42 ERZÄHLERIN Mitte der 1990er Jahre hat Klaus Adelt dann die alten Traditionen wieder aufleben lassen und eine Karriere als nebenamtlicher Stockfischhändler begonnen. Er trat in die Fußstapfen vieler Kaufleute, an deren Ware sich in Bayern heute kaum mehr jemand erinnert. Um im Frankenwald oder im Fichtelgebirge auf den Tellern zu landen, hatte der Fisch eine lange Reise hinter sich. Eine der wichtigsten Etappen auf seiner Route von Nord nach Süd war die Hanse, ein Bund von Städten rund um die Nord- und Ostsee, der im 13. bis 17. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. 14 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 715 Es gab die Handelswege über die Hansestädte. Von dort aus ging dann der Fisch weiter über die Handelsrouten nach Mitteldeutschland, nach Franken. Hansestädte, über Magdeburg, Leipzig und die Händler hierher, die dann auch nach Nürnberg geliefert haben. 15 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Zugansage: „Nächster Halt Lübeck“ ERZÄHLERIN Die Reise auf den Spuren des Stockfischs geht gut 500 Kilometer nach Norden. Lübeck, eine der führenden Hansestädte, spielte eine Schlüsselrolle beim Stockfischhandel. 16 Zsp. Stockfisch ATMO 854 Museumsführung 17 Zsp. Stockfisch O-TON Affeldt 855 Hanse – der Wortursprung ist nur „Schar“: eine Gruppe von Leuten, die unterwegs sind. Das kommt aus dem Althochdeutschen. Und ursprünglich ist es so, dass die Hansen von niederdeutschen Kaufleuten sich in Europa umtun und Handel treiben, Privilegien aushandeln, Sonderrechte mit Grafen vereinbaren, um ihren Handel voranzubringen. ERZÄHLERIN Sören Affeldt ist Kommunikationsleiter im Europäischen Hansemuseum in Lübeck. Für Händler aus Oberdeutschland, also Süddeutschland war es fast unmöglich, ohne die Hanse an deren privilegierte Handelsgüter zu kommen, etwa an den Stockfisch. 18 Zsp. Stockfisch O-TON Affeldt 852 Handelsverbindungen gibt es natürlich zu den oberdeutschen Städten. Da handelt man, aber die werden nie Hanseprivilegien nutzen können an anderen Orten. Bei Hanse ist es so, dass wir Kaufleute haben, die haben Freundschaften, Verwandte. Und die tauschen Informationen aus: wo kann ich was gut einkaufen oder teuer verkaufen. 19 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 864 Das Spätmittelalter, die frühe Neuzeit ist eine Zeit, wo eine gewisse Urbanisierung in Europa sich durchsetzt. Die Städte werden im Laufe des Hochmittelalters gegründet und die wachsen. Es gibt eine größere Bevölkerung, die sich selbst nicht mehr ernähren kann. Da müssen Produkte gehandelt werden, um sie zu ernähren. Und dann gibt es nur ein paar Produkte, die infrage kommen, die man so lange haltbar machen kann, dass man sie über Tage oder Wochen oder Monate transportieren kann, ohne dass sie schlecht werden. ERZÄHLERIN Bart Holterman ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums am Lübecker Hansemuseum. Musik: Needle and twine 0‘35 ERZÄHLERIN In Küstenstädten wie dem norwegischen Bergen entwickelte sich eine blühende Wirtschaft rund um den Kabeljau. Fischer, Hafenarbeiter, Schiffsbesatzungen und Kaufleute verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Stockfischhandel. Der Wohlstand, der dadurch erwirtschaftet wurde, floss in den Bau von Kirchen, Schulen und öffentlichen Gebäuden, was das Stadtbild vieler Handelszentren bis heute prägt. Doch was ist dieser Stockfisch denn eigentlich? 21 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 860 Der Stockfisch ist getrockneter Fisch, meistens Kabeljau, der rein luftgetrocknet ist. Das geht eigentlich nur im hohen Norden, in Polargebieten. Und da reden wir über Nordnorwegen aber auch Island. Da sind die Lofoten ein sehr berühmtes Gebiet, wo das produziert wurde, aber auch in anderen Regionen. 22 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre Bugwelle ERZÄHLERIN Die Reise geht weiter nach Norden. Viel weiter. In den Küstenregionen Nordnorwegens lebten unzählige Menschen von der Kabeljaufischerei und der Stockfischproduktion. Auf den Lofoten trafen sich in der Kabeljausaison im Winter viele tausend Fischer aus ganz Norwegen. Die heute bei Touristen so beliebten Rorbuer, Holzhäuser, die auf Stelzen ins Meer hinausgebaut sind, boten den saisonal tätigen Fischern aus ganz Norwegen ein Dach über dem Kopf. 23 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre mit Ansage auf Norwegisch ERZÄHLERIN Rund 2.500 Kilometer nördlich von Lübeck liegt die Insel Vannøya. Schneebedeckte Berge ragen steil aus dem grauen Meer. Die tiefstehende Wintersonne färbt den Himmel rosa. 24 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Fähre legt an ERZÄHLERIN Ein paar sturmgewöhnte Holzhäuser, ein Leuchtturm auf rundgewaschenen, schwarzen Felsen, baumlose, tiefverschneite Landschaft, ein Kai mit kleinen Fischerbooten. 25 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Schiffsbeladung und Produktion 26 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 902 Musik: Tradition 0‘30 ERZÄHLERIN Im Fischerdorf Torsvåg entlädt ein kleines Boot seinen Fang in der Fischverarbeitung von Norfra. Bjørg Helen Nøstvold ist Firmenchefin. Der Kabeljau werde an Bord der Boote geschlachtet und müsse sofort ausbluten, das sei sehr wichtig für die Qualität und die Haltbarkeit. Rund 120 selbstständige Fischer liefern hier ihren Fang ab. 27 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 903 OV weiblich Die haben bessere Qualität als die großen Schiffe. Weniger Fang ist leichter zu hantieren und sie können auf die Qualität achten. Die meisten Fischer wohnen hier auf der Insel, sie fahren nicht weit raus, maximal zwei Stunden zu den Fischgründen. Dadurch bringen sie täglich frischen Fisch, der liegt nicht ewig an Bord. 28 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Meeresrauschen am Strand ERZÄHLERIN Hier im Norden Norwegens spielt die natürliche Wanderung des Kabeljaus den Fischern gewissermaßen in die Netze, erzählt Bjørg Helen Nøstvold. 29 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 912 OV weiblich Ganz vereinfacht: Der Kabeljau schlüpft auf den Lofoten. Dann schwimmt er mit der Meeresströmung nach Norden, Richtung Russland, wo er aufwächst. Wenn er größer wird, schwimmt er in die Barentssee, und wenn er dann geschlechtsreif wird, geht seine Reise zurück auf die Vesterålen und die Lofoten. Auf diesem Weg kommt er zuerst hier bei uns vorbei. ERZÄHLERIN An Land wird der Fisch komplett verarbeitet. Aus der Leber wird Fischöl hergestellt, aus den Rogen Kaviarersatz. Kinder schneiden die Zungen heraus, die hier im Norden als saisonale Spezialität gebraten auf den Tellern landen. Die Schwimmblase ist in Asien eine Delikatesse, der getrocknete Kopf gilt in Nigeria als Spezialität. Aus den Därmen wird Dünger hergestellt. 30 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 906 OV weiblich Den Fisch selber können wir entweder frisch verschicken oder wir können ihn salzen, dann wird es Klippfisk, Klippfisch, der als Bacalao vor allem nach Portugal geliefert wird, oder wir hängen ihn auf, dann wird es Stockfisch, der geht vor allem nach Italien und Kroatien. 31 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Trockengestelle ERZÄHLERIN Hinter dem Fabrikgebäude steht eine fast endlose Reihe von Holzgestellen. Ein bisschen erinnert das Ganze an ein überdimensionales Klettergerüst. 32 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 937 OV weiblich Hier sind unsere Gestelle zum Trocknen der Fische. Oben drüber haben die ein Netz, damit die Vögel die Fische nicht fressen. Möwen sind nicht so klug, aber Krähen finden schnell raus, wie man Fisch stehlen kann. Musik: Cold spell (b) 0‘53 ERZÄHLERIN Die geköpften und ausgenommenen, ansonsten aber unbehandelten Fische werden zwei und zwei am Schwanz zusammengebunden und über die Holzstangen gehängt. Vielleicht hat der Stockfisch von diesen Trockenstangen seinen Namen. Eng an eng baumeln die Fische im arktischen Wind. Die Temperaturen rund um den Gefrierpunkt trocknen den Fisch langsam aus. Schnee beeinträchtigt in diesem Prozess nicht, nur zu starker Frost zerstört das Fleisch. Doch den gibt es hier am Meer so gut wie nie. Insekten sind hier im hohen Norden im Winter kein Thema, nur zu hohe Feuchtigkeit und Regen sind eine Gefahr für den künftigen Stockfisch: dann könnten sich Stockflecken bilden oder der Fisch faulen. 33 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 943 OV weiblich Wir hängen ihn raus und dann klopfen wir auf Holz, dass es nicht zu warm und nicht zu kalt ist und es nicht zu viel regnet. Und dann warten wir drei Monate und holen ihn wieder rein. Dann sehen wir, wie das Ergebnis ist. ERZÄHLERIN Nach rund drei Monaten wird geprüft, ob der Fisch trocken genug ist. Das übernehmen erfahrene Mitarbeiter wie Ola. 34 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Klopfprobe 35 Zsp. Stockfisch O-TON Ola 945 Erklärung auf norwegisch ERZÄHLERIN Ola nimmt zwei Fische, die genau so aussehen wie die in Selbitz, in der Küche von Klaus Adelt, und klopft sie gegeneinander – gut getrockneter Stockfisch müsse klingen, wie wenn man zwei Holzstücke gegeneinanderschlägt, zwei Stöcke. 34 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Klopfprobe ERZÄHLERIN Aus rund 1.200 Kilo fangfrischem Fisch sind nach dem Ausnehmen und Trocknen rund 300 Kilo Stockfisch geworden. Die Qualitätskontrolle steht an: ist das getrocknete Fleisch weiß und fest, frei von Stockflecken oder Moosansatz? 36 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Trockenfisch umräumen, knackt, schön! 37 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 951 OV weiblich Dann wird nach Gewicht sortiert, nach Länge und Qualität. ERZÄHLERIN Und dann macht sich der Stockfisch auf die Reise. 38 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre, Bugklappe schließt Musik: Time traveller red 0‘20 ERZÄHLERIN Zurück nach Deutschland. Rund 3.000 Kilometer hat der Stockfisch auf dem Rücken, bevor er in Franken ankommt, heute im Kühlanhänger von Klaus Adelt – früher per Schiff über Bergen und die Hansestädte. Bart Holtermann vom Europäischen Hansemuseum in Lübeck: 39 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 880 Sobald der Fisch getrocknet ist, wird er vor den norwegischen Kaufleuten von Nordnorwegen nach Bergen gebracht. Da waren die Hanse-Kaufleute sehr dominant. Die hatten dort ihr Kontor, ihre Niederlassung. Und die Hanseaten haben es dann gekauft und dann weiter auf die britischen Inseln, aber auch auf den Kontinent exportiert. ERZÄHLERIN Von den Hansestädten im Norden Deutschlands und der Niederlande aus führte der Weg des Stockfischs über Flüsse oder über Land in den Süden. 40 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 872 In den Süden, das geht sehr weit, dass dieser Stockfisch weiter transportiert wird. Es gibt einige Quellen, die sogar explizit sagen, dass Stockfisch typisch etwas für Schwaben ist oder für Süddeutsche. 41 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 806 Stockfisch hat eine sehr standardisierte Herstellungsgamemethode. Und an den Produktionsorten findet man deswegen andere Dinge als an den Orten, wo er verhandelt und konsumiert wurde. Konkret werden bei der Produktion die Köpfe abgetrennt. Die findet man in Skandinavien. ERZÄHLERIN Hans Christian Küchelmann aus Bremen ist Archäozoologe. Er beschäftigt sich mit der Beziehung von Menschen und Tieren über die verschiedenen Kulturen und Zeiten. Neben schriftlichen oder bildlichen Quellen untersucht er archäologische Funde von tierischen Überresten. 42 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 807 Ein Hinweis auf Stockfisch ist tatsächlich, wenn man relativ große Kabeljauknochen hat und eine Ungleichverteilung der Skelettelemente. Also wenn man zum Beispiel überhaupt keine Kopfelemente hat und nur Knochen von großen Individuen. Es gibt Fundstellen an der Nordseeküste, wo man sowohl frischen Kabeljau als auch Stockfisch hat. Der frische Kabeljau zeichnet sich dadurch aus, dass er meistens kleiner ist. Wenn die groß werden, wandern sie in den Norden ab. Da findet man dann auch die Kopfelemente von kleineren Individuen. Und um das abzusichern, kann man biomolekulare Methoden anwenden wie DNA-Analysen. Mit denen kann man nachweisen, aus was für einer Population der Kabeljau stammte. ERZÄHLERIN Mit solchen Methoden können Archäozoologen untersuchen, wann die Erfolgsgeschichte des Stockfischs begann. 43 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 809 Seit ungefähr 2.000 Jahren – also um Christi Geburt findet man in Nordnorwegen Veränderungen in der Nahrungszusammensetzung der Menschen. Man kann sehen, dass da eine Standardisierung der Fischverarbeitung stattfindet und dass es mehr wird. D.h., es sieht so aus, als ob so circa in der Eisenzeit damals in Norwegen die ersten Anfänge dieser Methode der Stockfischherstellung beginnen. Musik: Mystic tendency (b) 0‘17 ERZÄHLERIN Zunächst wird der Stockfisch regional gehandelt. In der Wikingerzeit dient er den Seefahrern als gut haltbares Nahrungsmittel auf ihren langen Reisen in Richtung Island, Grönland und Vinland/ Amerika. 44 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 815 Island ist von Norwegen aus im Wesentlichen besiedelt worden. Und die norwegischen Siedler haben diese Methode mitgenommen nach Island. Die Westfjorde, die für Landwirtschaft nicht so gut geeignet sind, waren mit die am ersten besiedelten Orte. Und die Vermutung ist, dass sie gezielt ausgesucht wurden als Siedlungsplätze, weil dort auch Kabeljaupopulationen sind, die sich leicht befischen lassen. Und dann wurde auch in Island Stockfisch hergestellt. ERZÄHLERIN Die Nachfrage nach Stockfisch wuchs und damit auch die Professionalisierung der Produktion. 45 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 813 Ab dem Hochmittelalter, elftes, zwölftes Jahrhundert, lässt sich eine Standardisierung der Produktion feststellen und ein Handel in den Süden. Am Anfang waren auch die Engländer und schottische Händler sehr involviert, die sind dann relativ bald durch die Hanse verdrängt worden und haben nur noch eine untergeordnete Rolle eingenommen. ERZÄHLERIN Salz um Fisch haltbar zu machen war zu teuer. Nur wenige Orte konnten überhaupt lebensmitteltaugliches Salz liefern. Daher war die reine Trocknung die bevorzugte und billigste Methode für Kabeljau. Immer weiter in den Süden ging der Siegeszug des Stockfisches, wie archäologische Funde zeigen. Und so landet der Stockfisch schließlich auch in Süddeutschland. 47 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 823 Es gibt mehrere Funde aus Österreich, Salzburg, zum Beispiel, da gibt es die Residenz, ein Gasthaus, da hat der Kollege Pucher Kabeljaufunde gemacht. In Mauerbach im Kloster gibt es Funde und auch historische Inventarlisten, wo Stockfisch vorkommt. Und Süddeutschland ist das neueste Fundmaterial aus Herrenchiemsee, auch ein Kloster. ERZÄHLERIN Stockfisch also auch auf Herrenchiemsee, nicht nur Saibling, Renke, Hecht? 48 Zsp. Stockfisch O-TON Küchelmann 828 Süßwasserfisch war damals eine relativ teure Ressource im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Und da kommt der Stockfisch ins Spiel, mit dem man Profit machen konnte, der aber immer noch bezahlbar war. Musik: Curious question 0‘25 ERZÄHLERIN Der Grund, warum er so reißenden Absatz fand, war wohl aber nicht unbedingt der Preis. Je weiter der Fisch transportiert wurde, desto teurer wurde er. Von einem „Arme-Leute-Essen“ kann daher wohl nur in den mitteleuropäischen Küstenregionen die Rede sein, nicht unbedingt in Süddeutschland. Was war also der Grund für den hohen Stockfischkonsum? 49 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 856 Dazu gibt es immer die Theorie, dass die katholische Kirche eine Rolle spielt, weil der Verzehr von Fleisch an Fastentagen untersagt ist. Und deswegen ist man an Fastentagen, teilweise war das echt ein großer Teil des Jahres, auf Fisch umgestiegen. Ich hab persönlich ein bisschen ein Problem mit dieser Erklärung, ich weiß, dass sie sehr gängig ist. Aber mich stört immer ein bisschen daran, dass vorausgesetzt wird, als ob Leute nur Fisch essen, wenn sie dazu gezwungen werden. Wenn es die katholische Kirche nicht gegeben hätte, denke ich nicht, dass die Leute keinen Stockfisch gegessen hätten. Es ist eher die lange Haltbarkeit von tierischen Proteinen, die entscheidend ist. ERZÄHLERIN Erzählt Bart Holterman aus Lübeck. 50 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 869 Die Entwicklung von Städten, da hat man immer das Problem, dass die Leute, die da wohnen, nicht ihr eigenes Essen produzieren, weil zu viele Leute auf einer kleinen Fläche sind. Und je größer die Stadt wird, desto mehr Leute dort wohnen, desto schwieriger das Problem. ERZÄHLERIN Schwankungen bei der Ernte, Hungersnöte, Kriege und Seuchen erschwerten die Ernährungslage zusätzlich. Musik: Highwaymen B 0‘30 ERZÄHLERIN Ein Fisch, der die Welt veränderte, lautet der überspitzte Titel eines Buchs zum Kabeljau von Mark Kurlansky. Mit der Entdeckung der Neuen Welt und der Entwicklung transatlantischer Handelsrouten im 15. und 16. Jahrhundert wurde der Stockfischhandel zu einem globalen Phänomen. 52 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 861 Neufundland, das hat man Ende des 15. Jahrhunderts entdeckt und herausgefunden, dass es da große Fischbestände gibt, Kabeljau war sehr reich vorhanden, und da sind die Europäer selbst hingefahren und haben vor Ort gefischt. Die haben nicht nur den vorhandenen Stockfisch aufgekauft, sondern selbst produziert. Und die haben die Fische dort eingesalzen und dann auf den Stränden trocknen lassen und dann zurückgenommen. ERZÄHLERIN Stockfisch und mit der besseren Verfügbarkeit des Salzes auch die gesalzene Variante, der Klippfisch, wurden so auch quer über den Atlantik ein bedeutendes Handelsgut. Der sogenannte atlantische Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und den amerikanischen Kolonien war ein zentraler Bestandteil der europäischen Expansion: getrockneter Kabeljau, Sklaven, Zucker. Stockfisch und Klippfisch waren eine preiswerte Möglichkeit, die Plantagenarbeiter und Sklaven zu ernähren. Kriege wurden um die besten Fischgründe geführt, Fischereirechte und Kabeljau spielten bei der Amerikanischen Revolution eine wichtige Rolle. Und immer noch streiten die Staaten um Fischgründe und Quoten zwischen Profit und dem Versuch, die schwindende Kabeljaupolulation zu erhalten. Der Stockfisch spielt heute dabei nur noch eine kleine Rolle. Und dennoch gehört er immer noch dazu – auch in der traditionellen Küche Frankens. Musik Optimistic prospects (reduced 2) 0‘52 53 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 879 Es gibt ganz viel Essen, was entstanden ist, weil man irgendwelche Wege versucht hat, es haltbar zu machen, aber die zur Delikatesse geworden sind. So ist es mit dem Stockfisch auch: Delikatesse oder Tradition. ERZÄHLERIN Und auch wenn der Aufwand höher ist als bei anderen Fischgerichten: der Stockfisch ist es wert, meint Klaus Adelt aus Selbitz: 54 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 725 Schlemmerfilet à la Bordelaise ist viel einfacher. Raus aus der Schachtel, rein mit der Aluschale und fertig ist es. Aber der Geschmack! Und der typische Karfreitag-Geruch, wenn der Hauch von Stockfisch durchs Haus zieht. Weihnachten riecht es nach Stollen und Plätzchen und am Karfreitag nach Stockfisch!

  2. Treue - Vom Wert der Loyalität

    01.04.2025 · 24 Min.

    Treue in Beziehungen klingt in den Ohren mancher Menschen beinahe antiquiert. Ist der moderne Mensch doch frei, selbstbestimmt und unabhängig. Und wieso sollte er das dann nicht auch in seinen Beziehungen sein?Natürlich waren sich Menschen in allen Zeiten zeitweise oder auch grundsätzlich untreu. Aber nur weil das so ist, muss das nicht heißen, dass die Treue wertlos geworden ist. Von Andreas Hauber (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Andreas Hauber Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Friedrich Schloffer Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Dr. Victor Chu, Arzt und Diplom-Psychologe, Kirchzarten; Dr. Nikolaus Buschmann, Historiker, Soziologe, Politikwissenschaftler, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Recht auf Widerstand - Wer sich nicht wehrt JETZT ANHÖREN Gehorsam - Zwischen Pflichtgefühl und Hörigkeit JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Treue. Politische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne (Hg. mit Karl Borromäus Murr). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. Die Erfindung der deutschen Treue. Von der semantischen Innovation zur Gefolgschaftsideologie. In: Nikolaus Buschmann / Karl Borromäus Murr (Hg.): Treue. Politische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008, S. 75-109. Georg Simmel Treue – Ein sozialpsychologischer Versuch,In: Der Tag, Nr. 225, 10. Juni 1908, Berlin, 1908. Dr. Chu, Victor: Von der schwierigen Kunst treu zu sein – Warum wir betrügen, was wir lieben, München, Kösel Verlag, 2008. Krüger, Wolfgang: Treue - Der Konflikt zwischen Vertrauen und Begehren, Norderstedt, BoD 2019. Hier noch besondere Podcast-Empfehlungen der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Bromance Daddys - Der Podcast für junge Eltern Die Bromance Daddys - das sind Nick und Leon, beste Buddies, die zufällig gleichzeitig Papa geworden sind. Mit diesem Podcast wollen sie einen ehrlichen Einblick in väterliche Gefühlswelten geben. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Es gibt diese Geschichte von Hachiko (ausgesprochen: Hadschiko), einem japanischen Akita Hund. Sein Herrchen war Professor an der Universität Tokio und fuhr jeden Morgen mit dem Zug zur Arbeit. Hachiko begleitete ihn täglich bis zum Bahnhof und holte ihn dort auch wieder ab. Am 21. Mai 1925 jedoch starb der Professor während seiner Vorlesung an einer Hirnblutung und kam nicht mehr nach Hause. Hachiko aber wartete weiter. Zehn Jahre lang kam er bis zu seinem eigenen Tod jeden Tag zum Bahnhof und hoffte auf sein Herrchen. Er wurde schon zu Lebzeiten in ganz Japan bekannt. Als er gestorben war, errichtete man ihm eine Statue. Hachiko gilt als das Sinnbild für Treue. Sprecher Die Geschichte wurde mehrmals verfilmt. Am bekanntesten ist die anrührende Adaption „Hachi – a dogs tale“ des Regisseurs Lasse Hallström, der die Handlung in die USA verlegt hat. Der Film ist sehr bewegend und wer ihn sieht ist ergriffen von diesem Hund und seinem Verhalten. Sprecherin Das ist nicht sehr verwunderlich. Denn wünschen wir uns das nicht alle? Einen Gefährten, der bei uns bleibt. Der uns annimmt, wie wir sind. Der uns nicht vergisst auch über den Tod hinaus. Der eben treu ist … Musik: The second dance 0‘20 (leichtes Zögern) Aber ... was ist das eigentlich: Treue? Geht es dabei wirklich um die bedingungslose Hingabe, die ein Hund in der reinsten Form geben kann? Oder ist es nicht etwas komplizierter und vielschichtiger? Schauen wir doch mal genauer hin... Sprecher Von seiner Grundbedeutung her meint das Wort Treue: „fest“, „teuer“ oder „tapfer sein“. Verwandt mit der Treue sind Wörter wie „Vertrauen“, „Zutrauen“ oder jemandem etwas „anvertrauen“. Auch das englische Wort für wahr: „true“ ist mit der Treue verwandt. O-Ton 1 Chu Treue hat ja den Wortstamm von Wahrheit – von true- und das bedeutet eigentlich, dass man wahrhaftig gegen sich selber und gegenüber seinem Gegenüber – Beziehungspartner/ Partnerin – ist. Sprecherin Der Arzt und Diplom- Psychologe Dr. Victor Chu hat sich in einigen Büchern mit der Treue beschäftigt. O-Ton 2 Chu Das beinhaltet also Wahrhaftigkeit, auf der anderen Seite aber auch Bindung. Bindung zu einem Verhältnis zwischen den beiden. Sprecherin Treue selbst und alle Bereiche, die sie berührt, betreffen zunächst einmal unser Innerstes: Wahrheit, Vertrauen, Bindung. Da geht es um Grundbedürfnisse des Menschseins. Treue ist also offenbar etwas sehr Intimes. Musik: Loved ones 0‘29 Sprecher Vermutlich denken wir deshalb bei dem Wort „Treue“ zuerst immer an eine Liebesbeziehung. Treue ist noch in ganz anderen Bereichen wichtig -dazu kommen wir noch- aber bleiben wir erst einmal bei der Liebe, denn hier ist Treue unmittelbar erfahrbar und spürbar. Sprecherin Ein Treueverhältnis hat drei Elemente: Zwei Partner und etwas drittes, das die beiden verbindet. O-Ton 3 Chu (Und) Treue bedeutet dann, dass man wahrhaftig ist zu sich selber und zu dem anderen und gleichzeitig eben zu dem Dritten. Zu dem dritten Sachverhalt, worauf sich beide geeinigt haben. (…) Das dritte wäre beispielhaft: wir heiraten und leben zusammen (…) Sprecher Zwei Menschen einigen sich auf etwas. Sie treffen eine Entscheidung und gehen ein Treueverhältnis ein. Ganz unromantisch ausgedrückt: Sie schließen einen Vertrag. Zitator Der Soziologe Georg Simmel hat die Treue deshalb „Pflicht aus Liebe“ genannt. Sprecherin Der Historiker, Soziologe und Politikwissenschaftler Dr. Nikolaus Buschmann, dessen Stimme hier nachgesprochen ist, hat über die Treue aus historisch-soziologischem Blickwinkel gearbeitet. Zitator Treue ist für Simmel eine Art „Beharrungsvermögen der Seele“, das auch dann noch wirksam ist, wenn der Impuls, der zu einer zwischenmenschlichen Bindung geführt hat, nicht mehr so stark ist, dass er die Bindung aufrechterhalten könnte. Musik: Orphans 0‘21 Sprecher Treue hängt immer mit einer bewussten Entscheidung zusammen und ist auf die Verstetigung einer Beziehung angelegt. Man bekennt sich zueinander, auch wenn es nicht gut läuft, darum heißt es ja auch bei der Hochzeit: „In guten und in schlechten Zeiten“. Zitator Das zeigt auch der Umstand, dass Treueverhältnisse mit einem Eid oder zumindest mit einem Versprechen begründet werden, nicht selten unter Berufung auf Gott, der gleichsam als Zeuge oder auch bestrafende Instanz fungiert. Sprecherin Zwei Partner entscheiden sich frei füreinander und für das gemeinsame Projekt Beziehung. Die Freiwilligkeit ist dabei entscheidend. Zur Treue kann man nicht gezwungen werden. Sprecher Bei einer Liebesbeziehung handelt es sich – wenn wir die emotionalen Motivationen einmal zurückstellen - also im Grunde um eine freiwillige Selbstverpflichtung. Und diese findet in einem sensiblen Spannungsfeld statt. O-Ton 5 Chu (...) dieses Feld ist außerordentlich differenziert und tief. Dann begibt man sich in ein Feld zwischen Liebe – Hass, zwischen Bindung und Freiheit, das sind alles Polaritäten, zwischen „sich Abgrenzen“ und „Entgrenzen“. Musik: Home is with me 0‘25 Sprecherin Wir Menschen haben einerseits ein tiefes Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Sicherheit und Vertrauen. Vermutlich ist das von frühster Kindheit an in uns angelegt. Als Säugling sind wir vollkommen abhängig und auf einen geschützten Raum, in dem wir wachsen können und auf Menschen, denen wir unbedingt vertrauen können, angewiesen. O-Ton 6 Chu Ich glaube, es liegt an der menschlichen Natur, dass wir tatsächlich nach der Intimität suchen. Dass das eine große Sehnsucht ist, also Nähe, Verständnis, Mitgefühl, dass wir doch danach suchen und uns sehnen. (…) Sprecherin Andererseits haben wir – heute vielleicht mehr denn je – das Bedürfnis nach Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Diese beiden Pole können leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn der eine Partner mehr Freiheit, der andere mehr Nähe braucht. Wenn Eifersucht oder Misstrauen ins Spiel kommen. Musik: A glimmer of hope 0‘36 Sprecher Diese Schwankungen und Konflikte kennt jeder, der schon einmal eine ernsthafte Beziehung gehabt hat. Sie sind bis zu einem gewissen Grad normal und gehören dazu. Mit der einmal getroffenen Entscheidung ist es nicht getan. Eine Beziehung erfordert auch Arbeit. Vor allem, weil wir uns verändern. Nach einer gewissen Zeit ist der Partner oder die Partnerin nicht mehr genau derselbe Mensch, der er oder sie zu Beginn gewesen ist. Es ist also wichtig, dass eine Beziehung nicht starr ist. O-Ton 7 Chu Und jetzt führ ich vielleicht noch einen anderen Faktor rein: Flexibilität. Also Anpassungsfähigkeit, also ob man nur ein ganz bestimmtes Konzept von Beziehung hat oder haben will, oder ob man flexibel genug ist, ob man diesen Vertrag, den man anfangs miteinander geschlossen hat, ob man diesen Vertrag abändern kann, modifizieren kann, anpassen kann. Sprecherin Hier zeigt sich wieder die Wahrhaftigkeit. Es ist wichtig zu wissen und zu formulieren, was ich will und brauche, dass ich meine Bedürfnisse und Wünsche kenne, und dass ich die des Partners höre und akzeptiere. Musik Unfolding feelings (a) 0‘35 Sprecher Das hört sich schön an und leuchtet ein. Aber es ändern sich ja nicht nur die Persönlichkeiten in einer Beziehung, sondern auch die Verhältnisse. Man hat sich etwas aufgebaut, einen gemeinsamen Freundeskreis, ganz konkret materiell vielleicht ein Haus. Vielleicht hat man Kinder, die dann auch einen Anspruch auf die Erfüllung des von den Eltern geschlossenen Vertrages haben. Die sogar davon abhängig sind, dass das elterliche Verhältnis funktioniert. Man wächst über die Jahre immer mehr zusammen, es wird immer schwerer die eigene Persönlichkeit frei zu entfalten. Sprecherin Ganz besonders brisant wird es, wenn es um Sexualität geht. Sie ist der sensibelste Bereich einer Beziehung. Letztendlich ist, wenn von Treue in einer Beziehung die Rede ist, die Sexualität gemeint. Wenn jemand sagt, dass der Partner untreu ist, dann heißt das, dass er mit jemand anderem schläft. Sprecher Warum ist das eigentlich so? Wir haben doch festgestellt, dass alles was mit Treue zusammenhängt unser Innerstes angeht. Es geht um Sicherheit, Vertrauen, Geborgenheit. Alles Dinge, die man auch in Freundschaften finden kann. Wieso ist man nicht untreu, wenn man einen besten Freund hat, wohl aber bei einem Seitensprung? Wozu diese Fokussierung auf die Sexualität? Ist sie nicht nur ein Aspekt von vielen? Musik Fragile life 0‘40 Sprecherin In der Tat gibt es immer mehr Menschen, die so denken und es gibt auch immer mehr Beziehungskonzepte, die die Sexuelle Exklusivität zwischen Partnern auflockern wollen. Es mag sein, dass der monogame Ansatz stark kulturell, besonders von Kirchlichen Wertvorstellungen geprägt ist und durchaus auch hinterfragt werden kann. Und es spricht nichts dagegen, dass zwei Partner, wenn sie es können, in ihrer Beziehung eine sexuelle Offenheit integrieren. Dennoch darf man nicht übersehen, dass in der sexuellen Untreue die größte Gefahr für eine intime Vertrauensbeziehung liegt. Dr. Victor Chu: O-Ton 8 Chu Sexualität kann man ja oberflächlich begreifen als Lustgewinn, als Abfuhr von sexueller Energie, oder eben, man kann in der Sexualität etwas erleben, was man sonst eben nicht oder nie erlebt, also ne Hingabe, ein sich Fallenlassen. Sprecher Schläft man wirklich mit jemandem, so ist man nicht nur körperlich nackt voreinander. Der Sex geht irgendwie das ganze Wesen an. Nicht umsonst spricht man hier oft von Verschmelzung, Vereinigung oder Hingabe. O-Ton 9 Chu D.h. wenn wir Sexualität erleben mit einem anderen, dann entsteht eine ganz neue Bindung, und zwar eine sehr exquisite, eine sehr intensive Verbindung und Bindung zu diesem Menschen. (...) Sprecherin Das ist etwas Wunderbares. Und man könnte fragen, warum das nicht jeder Mensch so oft wie möglich erleben sollte. Aber wenn man zugleich das Bedürfnis nach einer tiefen, geschützten und intimen Beziehung hat und in einer lebt, wird es schwierig. O-Ton 10 Chu Und das Gefährliche eben - wenn einer der Partner sich einlässt auf jemand anderes - ist, dass so etwas entstehen könnte, was eine ganz tiefe intime Beziehung darstellt. Und dann wird die ursprüngliche Beziehung in Frage gestellt. (...) Musik: Sanzhi Pod City 0‘23 Sprecher In der Sexualität liegt also tatsächlich die größte Gefahr für eine Beziehung. Vor allem, weil ein sexueller Seitensprung meist aus einer Situation der Unzufriedenheit in der bestehenden Beziehung heraus entsteht. Die ist ohnehin schon geschwächt. Sprecherin Egal was die Beweggründe sind, sich sexuell auf einen anderen einzulassen. Das Ergebnis ist nicht vorhersehbar. Man weiß nicht, was daraus entsteht. Nicht direkt die Befriedigung der körperlichen Lust ist das Problem. Sondern wir haben Angst davor, dass unser Partner uns betrügt - und sind am meisten verletzt, wenn er es tut -, weil es hier am wahrscheinlichsten ist, dass er uns verlässt und das gemeinsame Vertrauensverhältnis somit zerstört wird. Musik: Glück 0‘40 Sprecher Die Sehnsucht nach Treue entspringt aus unserem Bedürfnis nach Sicherheit, nach Bindung und Verlässlichkeit. Sie steht in dem Spannungsfeld zwischen Geborgenheit und Freiheit, zwischen Selbstbestimmung und Unterordnung. Ein gültiges Treuebündnis kann nur auf Augenhöhe und aus freier Entscheidung heraus getroffen werden. Es ist auf Gegenseitigkeit angelegt. Das alles kann man an einer Liebesbeziehung gut ablesen. Aber Treue ist nicht nur hier relevant. Sprecherin Treue taucht in allen möglichen Bereichen auf. Ganz simpel zum Beispiel im Supermarkt. Überall bekommt man einen Treuebonus oder Treuepunkte. Firmen wollen ihre Kunden an sich binden. Sprecher Ernsthafter wird es, wenn es um große Gemeinschaften geht. Das können Firmen, Vereine, Verbände oder Parteien sein. Sie alle haben ein Interesse daran, dass ihre Mitglieder treu, oder besser: loyal sind. Ebenso wie der ganze Staat, der im Grunde auch auf ein Treueverhältnis mit seinen Bürgern angewiesen ist. Zitat: Dr. Nikolaus Buschmann: Zitator (Buschmann) Allgemein gesprochen benötigt jedes Gemeinwesen ein Bindemittel, das für Stabilität und Dauerhaftigkeit sorgt. Entscheidend für die politische Verfassung eines Gemeinwesens ist jedoch das, was man die implizite Normativität dieses Bindemittels nennen könnte: In einer offenen, demokratisch verfassten Gesellschaft bedarf es staatsbürgerlicher Loyalität, die von der Vorstellung getragen ist, dass Konflikte friedlich und regelgeleitet zwischen gleichberechtigten Staatsbürgern ausgetragen werden. Musik: Complex questions 0‘19 Sprecherin Staatsbürgerliche Loyalität kann man in unserer modernen Gesellschaft in etwa mit „Gesetzestreue“ übersetzen. Sie basiert darauf, dass sich beide Seiten, also der Staat wie seine Bürger, an den demokratisch legitimierten Rechtsstaat halten und ihm verpflichtet sind. Sprecher Das dritte, von dem wir eingangs bei der Beziehung gesprochen haben, ist hier also die Einigung auf den Rechtsstaat, der jeder Seite garantiert, dass ihr Recht und ihre Würde gewahrt bleiben. Konflikte werden friedlich ausgetragen und ausgehandelt. Sprecherin Das ist nicht so selbstverständlich und auch nicht so einfach. Treue und Loyalität sind ein hohes Gut, bewegen sich aber auf einem schmalen Grat. Gerade in den letzten Jahren hat die Protestkultur in Deutschland ganz neue Formen angenommen. Musik: Foreboding of war (reduziert) Vor allem Akteure aus dem rechten Spektrum treten immer mehr in Erscheinung. Sie lehnen den Staat als illegitim ab und fühlen sich ihm nicht verpflichtet. Der Ton wird rauer. Sprecher In Israel gingen im Jahr 2023 Millionen Menschen auf die Straße, um gegen eine geplante Justizreform zu protestieren. Weil sie die berechtigte Gefahr sahen, dass die Regierung den Rechtsstaat zu ihren eigenen Gunsten aufweicht, was einen Bruch des Treueverhältnisses zu ihren Bürgern darstellt. Sprecherin Von beiden Seiten kann das Treueverhältnis bedroht sein. Deshalb ist ein funktionierender Rechtsstaat, der sich bei uns in Deutschland am Grundgesetz orientiert, so wichtig und es gilt ihn zu schützen. Er gewährleistet, dass sich die beiden Partner auf Augenhöhe begegnen und Konflikte friedlich ausgetragen werden können. Musik: Pensive pondering 0‘25 Sprecher Ist ein demokratisch legitimierter Rechtsrahmen nicht gegeben, so kippt das ganze Gefüge: Die Augenhöhe geht verloren, das Machtgefälle ändert sich und der Begriff Treue bekommt eine ganz andere Bedeutung. Das musste die Menschheit in der Zeit des Nationalsozialismus leidvoll erfahren. O-Ton 12 Treueeid Wir kommen zum Eid: Ich schwöre Dir, Adolf Hitler Alle: Ich schwöre Dir, Adolf Hitler Als Führer und Kanzler des Reiches Alle: Als Führer und Kanzler des Reiches Treue und Tapferkeit Alle: Treue und Tapferkeit Ich gelobe Dir und den mir von Dir bestimmten Vorgesetzten Alle: Ich gelobe Dir und den mir von Dir bestimmten Vorgesetzten Gehorsam bis in den Tod Alle: Gehorsam bis in den Tod Sprecherin „So wahr mir Gott helfe“, so endet dieser Treueschwur, den die Mitglieder der SS auf Hitler leisten mussten. Im Führerstaat der Nationalsozialisten war alles, was wir über Treue und Loyalität gehört haben, ausgehebelt. Zitator Treue ist immer an wechselseitige Bedingungen geknüpft, auch wenn sie asymmetrisch ist, also ein Machtgefälle konstituiert, wie in einer Monarchie. So kann beispielsweise die Verpflichtung auf Gehorsam und Unterordnung an Schutzverpflichtungen oder Fürsorgeleistungen gebunden sein. Im nationalsozialistischen Herrschaftsverständnis wurde dagegen unter Treue bedingungsloser Gehorsam verstanden, was nichts anderes bedeutet als totale Unterordnung unter den Willen eines Führers. Musik: Foreboding of war (reduziert) 0‘41 Sprecher Es ist auch heute, beinahe 80 Jahre nach Kriegsende noch erschreckend, wie erfolgreich die Nationalsozialisten darin waren, den größten Teil des Volkes unter diesen Gehorsam zu stellen. Treue und Gehorsam wurden idealisiert, romantisiert und für die Ideologie der Rassegemeinschaft missbraucht. „Unsere Ehre sei Treue“ war der Wahlspruch der SS. In Propagandafilmen und Liedern wurde den Menschen der unbedingte Gehorsam immer wieder eingetrichtert. Wie in einem von Franz Baumann getexteten Lied für die Nürnberger Reichsparteitage: O-Ton 13 Lied: Deutschland Du Land der Treue Deutschland Du Land der Treue Oh, Du mein Heimatland Dir schwören wir aufs neue treue mit Herz und Handlung Strahlend erstehst Du wieder Herrlich nach banger Nacht. Jubelt ihr deutschen Brüder Deutschland ist neu erwacht Hakenkreuzfahnen Schwarz, weiß und rot Grüßen und mahnen: Seid getreu bis zum Tod! Sprecherin „Seid getreu bis zum Tod“ – wenn man das heute hört, wird es einem ganz anders. Aber das war staatliches Programm und Propaganda, die verfing. Gepaart mit dem schon genannten nationalsozialistischen Rassenwahn führte der bedingungslose Gehorsam eines Großteils der Bevölkerung in den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg, der bis zu 80 Millionen Menschen das Leben kostete. Musik: Dark operation red. 0‘22 Sprecher Im Nationalsozialismus wurde der Begriff der ‚Treue‘ korrumpiert und missbraucht. Und im Zusammenhang mit Staat und Gesellschaft hat er seither einen gewissen Beigeschmack. In Deutschland wird er heute hauptsächlich in Kreisen der Neuen Rechten noch - oder besser - wieder benutzt. Zitator Wenn heutzutage Treue gegenüber einem politischen oder militärischen Führer gefordert wird, ich denke etwa an Putin oder Trump, handelt es sich um Ideologien, die sich gegen das Prinzip des Rechts- und Verfassungsstaates richten. Um hier noch einmal auf die Unterscheidung zwischen Treue und Loyalität zurückzukommen: Ein demokratisches Gemeinwesen ist auf staatsbürgerliche Loyalität zu den grundlegenden Normen angewiesen, die das Gemeinwesen ausmachen. Treue und Gehorsam gegenüber einer Person oder einer Volksgemeinschaft einzufordern, ist dagegen ein Kennzeichen autoritärer, faschistischer oder totalitärer Gesellschaften. Musik: Talking to my father 0‘31 Sprecherin Die Treue geht unser Innerstes an. Das Verlangen nach ihr entspringt unserer Sehnsucht nach Geborgenheit, aber auch aus unserem Recht darauf. Im öffentlichen Bereich geht es um Heimat und Zugehörigkeit, im Privaten um eine geschützte, intime Beziehung. Aber ob im Großen oder im Kleinen, Treue bewegt sich immer zwischen zwei Polen und kann leicht in die eine oder andere Richtung abrutschen. Sprecher Treue und Loyalität sind hohe Werte. Sie sind unerlässlich für das Funktionieren einer Beziehung oder einer Gesellschaft. Nur wenn man sich aufeinander verlassen kann, lässt sich etwas Gemeinsames aufbauen. Aber die Treue ist kein Selbstläufer. Sie fordert eine gewisse Anstrengung von allen ein und braucht vor allem einen Rahmen und Regeln. Das ist auf der Staatsebene nicht anders als in der Liebe. Besonders aus der Erfahrung des Nationalsozialismus heraus hat sich in Deutschland ein funktionierender demokratisch legitimierter Rechtsstaat etabliert, in dem auch die Möglichkeit mitgedacht ist sich gegen Missstände zu wehren. Allerdings ist es wichtig darauf zu achten, wogegen sich Protest richtet. Staatsbürgerliche Loyalität wird nicht gegenüber den jeweiligen politischen Akteuren gefordert. Sondern gegenüber einer Staatsform, die diesen Protest ermöglicht. Musik: Treats from cate 0‘44 Sprecherin So schön die Geschichte von Hachiko, dem treuen Akita Hund auch sein mag. Seine Art der Treue ist sicher nicht für uns Menschen erstrebenswert. Denn wenn wir ehrlich sind, wollen wir doch in der Liebe keinen Partner, der sich uns vollkommen unterordnet. Ebenso wenig wollen wir einen Staat, der sich zum Herren über uns aufschwingt und unsere Rechte beschneidet. Treue ist etwas sehr Wichtiges und Grundlegendes. Aber sie muss auch auf etwas zielen, für das es sich lohnt, treu zu bleiben.

  3. Chet Baker und der Cool Jazz - Von der Westcoast in die Welt

    01.04.2025 · 24 Min.

    Zu Beginn der 50-er Jahre hat der Trompeter Chet Baker in Kalifornien den Cool Jazz vorangetrieben, eine Spielweise, die Techniken der klassischen Musik nutzt. Trotz schwerer Karriereeinbrüche - Baker war heroinabhängig - blieb er stets der Kunst der Ballade und den leisen Tönen treu. Von Markus Mayer (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Markus Mayer Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Kathrin von Steinburg, Thomas Loibl Technik: Tim Höfer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Hans-Jürgen Schaal, Münchner Musikjournalist Literaturtipps: Als hätte ich Flügel. Verlorene Erinnerungen. Von Chet Baker. Mit einem Vorwort von Carol Baker. Aus dem Amerikanischen von Bernd Oehler. Hannibal. Wien. 1998. Chet Baker Blue Notes – Engel mit gebrochenen Flügeln. Eine Hommage. Von Lothar Lewien. Hannibal-Verlag Wien. 1991. All That Jazz – Die Geschichte einer Musik. Von Michael Jacobs. Reclam Leipzig. 2. Auflage 2003. Darin: Birth Of The Cool – Cool Jazz. S. 218- -247. Jazz-Klassiker, 2 Bde. Hg. V. Peter N Wilson. Reclam 2005. Darin: Band 1. Chet Baker. Von Hans-Jürgen Schaal. S. 482 – 488. Chet Baker – Jeroen de Valk. Oreos Jazz Collection. Schaftlach 1991. Aus dem Holländischen übertragen von Peter Niklas Wilson. Cool Jazz – Grundzüge seiner Entstehung und Entwicklung. Von Herbert Hellhund. Mainz 1985. Schott-Verlag. Veröffentlichung des Musikwissenschaftlichen Instituts der Justus-Liebig-Universität Gießen. That‘s Jazz – Der Sound des 20. Jahrhunderts. Eine Musik-, personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. HG. V. Klaus Wolbert. Zweitausendeins. Frankfurt a. Main 1997. Ausstellungskatalog. Jazzgeschichten aus Europa – Von Ekkehard Jost. Wolke Verlag Hofheim. 2012. Das Lexikon der prominenten Selbstmörder. Von Gerald Grote, Michael Völkel und Karsten Weyershausen unter Mitarbeit von Klaus Rathje und Holger Reichard. Schwarzkopf Verlag Berlin 2000. Chet Baker S. 24 – 25. Filmographie: Chet Baker: Let‘s Get Lost. Dokumentarfilm von Bruce Weber. 1 Stunde 49 Minuten. Auf DVD 2009. Born To Be Blue. Spielfilm/ Bio-Picture. 1 Stunde & 33 Minuten. Auf DVD Oktober 2017. Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: COSMO Iran im Herzen | ARD Audiothek Persönliche Geschichten zur #IranRevolution aus Deutschland. Weil die Themen Feminismus, Empowerment und Kampf um Demokratie dort, uns auch hier bewegen. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Der Reisende, der an einem Donnerstag im Mai 1988 mit dem Zug in Amsterdam eintrifft, kennt die Stadt. Er hat hier schon viele Konzerte gegeben, er weiß, wie man hier an Drogen kommt, an harten Stoff wie Heroin und Kokain. Weil die Hotels, die er sonst nutzt, ausgebucht sind, versucht er es im Prins Hendrik, einer nicht ganz so eleganten Adresse. Der Mann hat Glück, im zweiten Stock ist noch ein Zimmer frei, er geht nach oben und macht es sich in Raum C-20 bequem. Er injiziert sich den Stoff, den er am Nachmittag gekauft hat. Sprecher Eigentlich hätte der Musiker in einem anderen Hotel absteigen sollen, so war es geplant. Ein Mitarbeiter seiner Konzertagentur sollte ihn abholen und zu einem Auftritt fahren, aber Chet Baker ist nicht aufgetaucht. Kein Mensch weiß, wo er steckt, was nicht ungewöhnlich ist für den Künstler. Irgendwann wird er sich schon melden, denkt der Leiter der Konzertagentur, nur diesmal kommt es anders. Sprecherin Nachts, gegen drei Uhr im Prins Hendrik. Draußen ist es ungewöhnlich warm, Chet Baker will wohl noch ein wenig spielen, wie er es früher getan hat, am offenen Fenster, zwischen Innenraum und Außenwelt. Das Schiebefenster lässt sich allerdings schwer öffnen. Baker, berauscht vom Heroin, muss viel Kraft aufwenden, um das Fenster hoch zu drücken. Als es gelingt, verliert er das Gleichgewicht und fällt hinaus - mitsamt seiner Trompete. Er stürzt und schlägt mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf. Sprecher Passanten, die ihn liegen sehen, halten ihn für einen Betrunkenen, bis jemand die Blutlache am Schädel bemerkt. Die Nachtglocke wird gedrückt, der Portier verständigt. Herbeigerufene Polizisten stufen die schmächtige Gestalt als die eines ungefähr 30-jährigen ein. Wahrscheinlich haben sie den Toten nicht richtig gesehen, es ist schließlich noch stockdunkel an diesem Freitag, den 13. Mai 1988. MUSIK 2 ( Chet Baker: Let’s Get Lost 1‘01) Sprecherin Wer war Chet Baker, der mit 58 Jahren in Amsterdam bei einem Unfall starb? Ein schöpferischer Mensch, der dunkle Mächte herausforderte, weil er selbstbestimmt leben wollte? Sprecher Ein talentierter Künstler, der als James Dean des Jazz bezeichnet wird? Oder ein gefallener Engel, der uns mit unglaublich schöner Musik beschenkt hat? Nicht nur sein Tod erinnert an eine antike Sagengestalt. ZSP Hans-Jürgen Schaal – Charakterisierung Ich glaube, da war ein großer, positiver Kern in ihm, eine große Lebensbejahung in ihm, er ist ja mit 50 Jahren noch nach Europa gegangen und hat da praktisch ein neues Leben angefangen. Ich glaube nicht, dass er sterben wollte, als er dann aus dem aus dem Hotelzimmerfenster gefallen ist. Sprecherin findet Hans-Jürgen Schaal, Produzent und Jazzpublizist aus München. MUSIK 3 ( Jack Guthrie: Oklahoma Hills 0‘41) Sprecher Chesney, genannt Chet, Henry Baker Jr. wird am 23. Dezember 1929 in Yale, Oklahoma geboren. In der postum erschienenen Autobiographie „Als hätte ich Flügel“ erfährt man wenig über seine Kindheit, die anfangs in einem ländlichen Idyll spielt. Chesney wird in eine Bauern-Familie geboren, auf einer Farm mit vielen Tieren. Der Vater habe seine Mutter kennen gelernt, erinnert sich Baker, weil er Gitarre spielte bei Tanzvergnügen am Samstagabend. Die Weltwirtschaftskrise am Ende der 20-er Jahre macht jedoch nicht Halt vor dem flachen Land, die Familie muss die Farm verlassen und zieht nach Oklahoma City, in die Stadt. Chesney wird zu Onkel Jim und Tante Agnes gegeben, während seine Eltern als Aufseher und in einer Eiscremefabrik schuften. Im Sommer darf er zu Opa auf die Farm. In der Schule ist der Junge gut, bis die Eltern 1940 umziehen - an die Westküste. ATMO Meeresrauschen, Brandungswellen Sprecherin In der Schule von Glendale, Kalifornien läuft es anfangs noch gut für Chet, als sich seine Eltern zu einem weiteren Umzug entscheiden, verliert er jedoch das Interesse am Unterricht. Die neue Adresse liegt am Redondo Beach, einem der attraktiven Strände von Los Angeles. Seine Tage verbringt der Junge jetzt oft am Meer und zwar an dem Strand, der später der kalifornischen TV-Serie Baywatch als Kulisse dient. Sprecher Der Teenager schwänzt die Schule, bleibt aber einer Leidenschaft treu. Sein Vater hat ihm, als er 13 war, eine Posaune geschenkt, aber er war zu klein, um das Instrument richtig bedienen zu können, deshalb schwenkte er auf Trompete um. Die passte besser. Chet hat sich das Spielen selbst beigebracht, Notenlesen fällt ihm schwer, Melodien spielt er nach Gehör. Journalist Hans-Jürgen Schaal, der sich intensiv mit Bakers Musik beschäftigt hat, erklärt: ZSP Hans-Jürgen Schaal - Baker als Jazzkünstler I + Autodidakt Chet Baker war nun einer, der nicht komponiert hat, der keine Noten geschrieben hat. Aber man kann sagen, er hat in seinem Improvisieren komponiert, hat immer sehr fantasievoll und sehr melodisch und sehr stimmig improvisiert. MUSIK 4 ( Stan Kenton & His Orchestra: Artistry In Rhythm 0‘52) Sprecherin Mit 16 geht Baker zum Militär. Er wird dem Musikkorps zugeteilt und 1946 nach West-Berlin versetzt. In der fast vollständig zerstörten Metropole hat sich ein florierender Schwarzmarkt etabliert, Luxusgüter wie Zigaretten, Kaffee, Seife und Schokolade dienen als Währungen. In den Unteroffiziersclubs, in denen der Trompeter spielt, läuft, wie er sagt, moderne Musik: Bebop von Dizzy Gillespie, progressiver Swing von Stan Kenton. Gierig nimmt der junge Mann die neuen Klänge in sich auf. Sprecher Der Kalifornier ist kein Hochgeschwindigkeitsvirtuose, kein Stratosphärentrompeter. Was Bakers Spiel von Anfang an kennzeichnet, ist, dass es leise, langsam und sanft klingt. Für Hans-Jürgen Schaal hat dieser Stil, der Chet-Baker-Sound, mit einem Verlust zu tun. ZSP Hans-Jürgen Schaal - Chet Baker Sound auf der Trompete … Er hat als Jugendlicher einen oberen Schneidezahn verloren, der ist eben ausgeschlagen worden. Jetzt braucht man natürlich die Schneidezähne, um einen starken Ansatz zu haben auf der Trompete. Den hatte er nicht. Seine ersten Aufnahmen wurden oft bemängelt, weil eben wegen des fehlenden starken Ansatzes, er konnte keine virtuosen Höhenflüge auf der Trompete machen, er musste sanft, leise und tief spielen auf der Trompete. Und auch später, als er dann virtuoser spielen konnte, lauter spielen konnte, hat er das einfach beibehalten als sein Markenzeichen. Das war seine Art, die Trompete zu spielen und sie entsprach wohl auch mehr seinem Temperament. MUSIK 5 ( Chet Baker: Un poco loco 0‘45) Sprecherin Nach dem Militär kehrt Baker nach Kalifornien zurück. Er spielt, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Man wird aufmerksam auf ihn. Als der New Yorker Bebop-Saxophonist Charlie Parker nach L. A. kommt, sucht er für seine Begleit-Band einen Trompeter und verpflichtet den gerade mal 22-jährigen Nobody. ZSP Hans-Jürgen Schaal - Charlie Parker Session … Charlie Parker war ja auch immer auf der Suche nach Spielern, die nicht unbedingt mit ihm konkurrierten, sondern einen Gegensatz bildeten, einen Kontrast. … Charlie Parker war sich gleich sicher, er möchte mit Chet Baker spielen, hat die anderen Trompeter, die da zum Vorspielen angetanzt waren, dann nach Hause geschickt. MUSIK 6 ( Chet Baker: Irresistible You 0‘49) Sprecher Charlie Parker ist die zentrale Figur des Bebop, ein Stil, der den populären Swing-Jazz der 30- und frühen 40-er Jahre ablöst. Hohe Geschwindigkeit und ungewöhnliche Tonschritte zeichnen ihn aus, genüsslich werden Melodien und Konventionen zerpflückt. Gespielt wird das hochvirtuose Idiom vor allem von kleinen Ensembles, von Bands und Combos. Entstanden ist die artistische Spielweise in den Clubs von New York, dem kulturellen Zentrum an der Ostküste der USA. Die 20-Millionen-Metropole gibt vor, was läuft in Mode, Musik, Kunst und Literatur. Wer etwas werden will als Jazzkünstler, muss sich in New York beweisen, lautet ein ungeschriebenes Gesetz. Sprecherin Die Westküste der USA mit Los Angeles als ausuferndem, urbanem Zentrum steht dagegen für die Sonnenseite des Lebens, weniger für Härte oder Leistungsdruck. In Kalifornien stießen die Siedler, die nach Westen zogen, auf den Pazifik - der Ozean als natürliche Barriere. Hier musste es sein, das Gelobte Land, das in der Bibel verheißen worden war, denn weiter ging es nicht. Kein Wunder, dass Hollywood in Kalifornien entstanden ist, die Traumfabrik mit unzähligen Stars und Sternchen. An der Westküste mit ihren weiten Küsten lebt es sich angenehm und entspannt, das Klima ist wesentlich milder, südlicher als das von New York, dessen bitterkalte Winter gefürchtet sind. In Kalifornien sind Körperkult, Fitness und Strandaktivitäten wie Wellenreiten angesagt. MUSIK 7 ( Miles Davis –Moon Dreams 0‘36) Sprecher Der Gegensatz zwischen der Ostküste mit seiner scharfen Rationalität und der sonnenverwöhnten, lässigen Westküste spiegelt sich, meinen Kenner, auch in vielen Musikstilen. Der Bebop aus New York, der innovative Jazz der Ostküste, gilt als virtuos, kühn und herausfordernd. Sprecherin Wird der geographische Hinweis West Coast auf Musik angewandt, bedeutet das, dass sie modern und urban, aber auch sinnlich und locker klingt, voller angenehmer Vibrationen ist. Das Gütesiegel West Coast wird höchst unterschiedlichen Stilen verliehen – vom Surf Rock der Beach Boys und den epischen Folk-Balladen von Crosby, Stills, Nash & Young über den Countryrock der Eagles bis hin zu Warren G., einem Hiphopkünstler der Westküste. Für viele spiegelt die Musik dieser Künstler und Bands die Weite der Landschaften der Westküste wider. MUSIK 8 ( Mulligan Quartet - Love me or leave 0‘25) Sprecher Der Cool Jazz, den der junge Chet Baker wesentlich mitgestaltet, wird ebenfalls oft unter West Coast subsumiert - offene, leichte Musik, die sich nicht anbiedert. Ganz so simpel, findet Hans-Jürgen Schaal, ist es allerdings nicht. ZSP Hans-Jürgen Schaal - - West Coast Jazz vs. Cool Jazz Also der Cool Jazz ist durchaus auch eine Erfindung der afroamerikanischen Musiker. Aber er kam natürlich den weißen Musikern sehr entgegen, weil man nicht diese enorme Virtuosität gebraucht hat, … weil das mehr in Richtung europäische Klanglichkeit ging. … und man sprach dann später von West Coast Jazz, weil dieser Cool-Jazz an der Westküste natürlich eigene Schwerpunkte gesetzt hat. Er gilt ja manchen so als besonders entspannend und besonders sonnig. Ich höre ihn eigentlich mehr als sehr verkopft. Der Westcoast Jazz hat gerne mit besonderen Kompositionstechniken gearbeitet, also viel mit Kontrapunktik, mit Kanon, Fuge, auch mit Zwölftontechnik, mit Polytonalität, Quarten, Harmonik und all das. MUSIK 9 ( Miles Davis – Rocker 0‘53) Sprecherin Entstanden ist der Cool Jazz aber tatsächlich in New York, also an der Ostküste. Der Trompeter Miles Davis, ein Künstler, der für extrem reduziertes Spiel steht und sich so von der Expressionswut der Bebop-Künstler abgrenzt, gründet Ende der 1940-er Jahre für Aufnahmen die Capitalband, mit Flügelhorn und Baritonsaxophon ungewöhnlich besetzt. Die Bläser müssen umsichtig intonieren, damit alle zu hören sind. Der Rhythmus spielt bei den Aufnahmen, die später auf der Langspielplatte „Birth Of The Cool“ erscheinen, eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht der Misch-Klang der verschiedenen Blasinstrumente. Sprecher Davis‘ Cooljazz-Versuche werden zwar von der Kritik gefeiert, richtig populär aber sind sie nicht. Das ist anders bei der Musik, die Gerry Mulligan, der Miles Davis in der Capitolband in New York unterstützt hat, schreibt und arrangiert, nachdem er 1952 nach Kalifornien gezogen ist. Der Baritonsaxofonist gründet mit Chet Baker ein Quartett - ohne Klavier oder Gitarre, ohne schmeichelnde Harmonien. Kontrabass und Schlagzeug strukturieren die Zeit, über die Mulligan und Baker sanft Melodielinien weben. MUSIK 10 ( Gerry Mulligan Quartet – Walkin‘ Shoes 0‘45) Sprecherin Cool Jazz nennen Kritiker und Fans den neuen Stil, um ihn abzugrenzen vom Bebop. Das Tempo im Cool Jazz ist ruhig und zurückgenommen, die Anmutung eher lyrisch und leise als schreiend-laut. Bebop ist hot Jazz, aggressive, feurige Musik. Cool Jazz, wie ihn Mulligan und Baker betreiben, wirkt dagegen taghell, überlegt und weltabgewandt: als würden die Musiker der Hektik bewusst den Rücken kehren und sich ganz und gar versenken in ein Artefakt aus Klängen und Tönen. Sprecher Als Mulligan wegen eines Drogendelikts ins Gefängnis kommt, gründet Chet Baker ein eigenes Quartett. Der Pianist Russ Freeman übernimmt jetzt Mulligans Rolle, er schreibt und arrangiert die Stücke, kümmert sich um Engagements, verwaltet die Finanzen. Chet Baker vergnügt sich derweil anderweitig. ZSP Hans-Jürgen Schaal – über den Fall des Engels … Baker hat eigentlich nie gelernt, für sich oder für die Band Verantwortung zu übernehmen. Er hat eigentlich nur Party gefeiert, schnelle Autos, schöne Frauen, Drogen, das war das Ding. Und es gab eben immer genug junge Leute um ihn herum, die ihn darin bestärkt haben. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum er dann in den 50-er-Jahren diesen großen Absturz erlebt hat - nach diesem sehr schnellen Aufstieg. MUSIK 11 ( Chet Baker – Not For Me 0‘47) Sprecherin Noch ist der junge Mr. Baker unverkennbar auf dem Weg nach oben. Seine Popularität steigt, als er den Rat eines Labelbetreibers befolgt und singt. Bis dahin hatte er nur aus Verlegenheit gesungen, doch Gesangs-Aufnahmen sprechen nicht nur Jazzfans an, sie werden zudem von populären Radiosendern gespielt. Die Platte Chet Sings! wird 1956 ein Erfolg. Die Ballade My Funny Valentine avanciert zu Bakers signature song, seinem Erkennungslied. MUSIK 12 ( Chet Baker – My Funny Valentine (Live) 0‘44) ZSP Hans-Jürgen Schaal – Über Sänger Chet B. Also für meine Ohren singt er genauso wie er Trompete spielt: sanft, leise und in diesem Trompetenregister, das wirkt natürlich irgendwie androgyn. Ja, also, das kam gut an in den 1950er-Jahren, speziell beim weiblichen Publikum. Da wirkt er einfach jünglingshaft, ein bisschen unschuldig auch. … Wer jetzt heute diese Stimme zum ersten Mal hört, der denkt vielleicht, der klingt ja wie eine Frau. … Also er hatte sicherlich keine wirkliche Singstimme, aber er hatte natürlich eine sichere Intonation. … Und er hat natürlich auch immer nur Lieder gesungen, die zu dieser weichen, sanften Stimme gepasst haben. (Er hat also keine Macho-Songs gesungen, sondern) er hat nur sensible Balladen gesungen. MUSIK 13 ( Chet Baker – I Get Along Without You Very Well 1‘11) Sprecher Ein weiterer Faktor der Ikonografie sind die Portraits, die Fotokünstler William Claxton anfertigt. Obwohl Baker auf den stilvollen Schwarz-Weiss-Fotos nie lächelt, ist er ungeheuer fotogen. Ein hübscher junger Mann, in sich gekehrt, verletzlich, etwas verloren. Der ehemalige Modefotograf Claxton weiß, wie man den Jungstar inszenieren muss, damit er Starqualitäten, oder anders gesagt, das nötige Charisma entfalten kann. Chet Baker hat also in mehrfacher Hinsicht Glück. Er verkörpert den Zeitgeist, das weibliche Publikum findet ihn attraktiv - und der Jazz in den USA, wo im Süden die sogenannte Rassentrennung immer noch gesetzlich festgeschrieben ist, braucht saubere, weiße, junge Stars wie ihn. Für Baker-Fans ist es jedenfalls ein Schock, als der Künstler 1959, kurz vor Drehbeginn eines Spielfilms, wegen Drogen verhaftet wird. Die Dreharbeiten mit Natalie Wood und Robert Wagner als Ersatz für Baker finden trotzdem statt. Titel des Films: All The Fine Young Cannibals. MUSIK 14 ( Chet Baker – (Somewhere) Over The Rainbow 0‘46) Sprecher Nach der Entlassung aus dem Strafvollzug geht Baker nach Italien. Auch hier muss er wegen Drogen-Konsums für anderthalb Jahre ins Gefängnis. 1962 nimmt er dann in Italien das Album Chet Is Back auf, es gilt als eines seiner besten. Sprecherin Was folgt, ist eine regelrechte Hetzjagd durch Europa. Baker, der im Sportwagen zu Auftritten braust, wird an nahezu jeder Grenze festgenommen, in Gefängnisse oder Psychiatrien gesteckt, von Boulevardblättern zum Monstrum erklärt. Die Öffentlichkeit interessiert sich anscheinend nicht dafür, dass er sich als Künstler weiterentwickelt hat, seinen Ansatz verfeinert hat. Der Musiker ist zur Negativfigur geworden. ZSP Hans-Jürgen Schaal – Baker & die Drogen II Das war im Grunde die Tragik seines Lebens, dass viele Leute eben nur noch über den Junkie geredet haben und nicht über den Musiker. Gerade in dieser ersten Zeit in Europa war es ja so, dass die Medien gerade die die Boulevardpresse sich darauf gestürzt hat … Dass er eine Gefahr wäre für die Allgemeinheit. Dabei hat er ja niemandem geschadet außer sich selber. … Inwieweit das jetzt in seine Musik eingegangen ist? Wenn man seine frühen Aufnahmen hört, würde ich sagen, er hat schon immer so gespielt. Er ist nur besser geworden. MUSIK 15 ( Elvis Costello – Shipbuilding 0‘24) Sprecher Als der Trompeter Ende der 60er Jahre in die USA zurückkehrt, will man nichts mehr von ihm wissen. Er ist nicht mehr der strahlende junge Held, durch die Sucht sieht er abgezehrt aus, um Jahrzehnte gealtert. In den Staaten gilt er deswegen als abgehalftert, seine Musik als überholt, stigmatisiert als Junkie, als Drogenabhängiger. Sprecherin Hinzu kommt: Jazz wird nun verstärkt und verfremdet, junge Jazzmusiker setzen jetzt gerne E-Pianos und E-Gitarren ein, sie verbinden lauten Rock mit Jazzimprovisationen. Fusion nennt sich das - nichts für einen Leisetreter wie Chet Baker. Als man ihm weitere Zähne ausschlägt, weil er seine Drogenrechnungen nicht begleichen kann, ist der absolute Karriere-Tiefpunkt erreicht. Sprecher Aber Baker kämpft sich zurück. Er bekommt ein künstliches Gebiss und arbeitet mehrere Jahre daran, damit einen guten Ansatz für sein Instrument hinzubekommen. 1972 wagt er in New York ein Comeback. Im Publikum bekunden Dizzy Gillespie und Miles Davis ihre Sympathie für den Kollegen. Sprecherin Ende der 70-er Jahre ist er zurück in Europa. Er gastiert vor allem in Metropolen wie Paris, London, Brüssel, Berlin und Stockholm. Jahrelang verzichtet er in seinen Bands auf ein Schlagzeug. Tausend Dollar verlangt er für ein Live-Konzert, 5000 für eine Albumproduktion - auszuzahlen in bar nach der Veranstaltung, dann ab ins Hotel oder ins Auto und weiter durch die Nacht. Sprecher Dass ein derartiger Freigeist kein verantwortungsvoller Vater ist und auch kein zuverlässiger Liebhaber, dürfte klar sein. Gegen Ende seines Lebens hat Baker nicht einmal ein Bankkonto, er übernachtet in Hotels und fährt mit Zug oder Auto von Auftritt zu Auftritt. Luxusnomade nennen ihn seine Kinder, die er mit mehreren Frauen hat, aber nur selten sieht. Nicht alle seine Konzerte sind großartig, aber doch viele. Sprecherin Von Cool Jazz spricht nun kaum noch jemand, wird ein Konzert von ihm angekündigt. Modern, contemporary oder kammermusikalischer Jazz passt ja auch besser. Sein Name bürgt jedenfalls für kunstvoll vorgetragene, lyrische Balladen. MUSIK 16 ( Chet Baker – Moon Love 1‘11) Sprecher Was wird bleiben von Chet Baker, dem Künstler, der 1988 im Alter von nur 58 Jahren wie ein gefallener Engel in Amsterdam aus dem Hotelfenster gestürzt ist? Hans-Jürgen Schaal fasst zusammen. ZSP Hans-Jürgen Schaal - Einmal ein Feeling, eine Emotion, die eigentlich in vielen Lebenslagen passt. Eine Emotion, die etwas melancholisch ist, aber nicht traurig, die etwas positiv ist, aber nicht verklärend. Und es bleibt einfach eine große musikalische Fantasie, ein wunderschöner Trompetenton, eine unglaubliche Intonationssicherheit, Ja, es wird einfach schöne Musik.

  4. Die Geschichte des Fernsehens - Von zwei Stunden in schwarz-weiß bis zu digital nonstop

    31.03.2025 · 26 Min.

    Vom Fernsehprogramm der NS-Zeit wissen die wenigsten. Zum geliebten und gescholtenen Massenmedium und Fixpunkt des Familienlebens wurde "die Glotze" dann ab der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Fernsehen hat sich und die Gesellschaft beständig verändert und unseren Alltag entscheidend geprägt. Von Karin Becker (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Karin Becker Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christian Baumann, Florian Schwarz Technik: Tim Höfer Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Michaela Krützen, Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München; Klaudia Wick, Bereichsleiterin Fernsehen bei der Deutschen Kinemathek Berlin Diese hörenswerten Folgen könnten Sie auch interessieren: Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Die Anfänge in Deutschland JETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Werbung, Propaganda, Aufklärung JETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · WIE WAR DAS DAMALS...? Als das Radio in die Welt kam? 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Klaudia Wick: Je später der Abend. Über Talkshows, Stars und uns. Interessanter Beitrag zur Formatgeschichte. Knut Hickethier, Peter Hoff: Die Geschichte des deutschen Fernsehens. Überblick über das 20. Jahrhundert. Albert Abramson: Die Geschichte des Fernsehens. Standardwerk, insbesondere frühe TV-Geschichte, internationale Perspektive. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Geräusch TV einschalten + MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15 OTON 1 WICK „Es gibt ja auch Erzählungen noch bis in die 60er-Jahre hinein, dass Leute gesagt haben: wir waren dann ab dem Moment, wo wir einen Fernseher hatten, in der Nachbarschaft sehr beliebt. Und dann kamen die Leute und klingelten so kurz vor acht und wollten was von uns, weil sie eigentlich gerne mitgucken wollten … (…)“ MUSIK ENDE ZUSPIELER 1 Tagesschau Spot von 1960 (15‘‘) „Hier ist das deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Anschließend: die Wetterkarte.“ OTON 2 WICK „Das Interessante ist in den 60er-Jahren, dass die Leute anfangen, ihre Lebensrhythmen nach dem Fernseher auszurichten. Also das, was wir in Deutschland kennen, ist ja gar nicht überall auf der Welt so, dass um 8 Uhr das Abendprogramm anfängt. Das hat einfach was damit zu tun, dass die Tagesschau um 8 Uhr angefangen hat und dass die Leute sozusagen ‚davor und danach‘ gesagt haben. Was machen wir mit dem Abend? Davor essen wir zu Abend und danach gucken wir Fernsehen.“ MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:32 SPRECHER Das Fernsehen als Taktgeber des Alltags – in heutigen Zeiten rückt diese Vorstellung immer weiter in geschichtliche Ferne. Dank Internet können wir mittlerweile das Programm genau dann beginnen lassen, wenn wir Zeit dazu haben. Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin spricht über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Fernsehgerät im Wohnzimmer neu ist und sich schnell und unübersehbar im deutschen Alltag breitmacht. MUSIK ENDE OTON 3 WICK „Es gibt auch viele soziologische Texte darüber, dass die Möbel im Wohnzimmer sich veränderten, dass eben plötzlich der Fernseher eigentlich das Lagerfeuer war, um das sich alle herumgruppiert haben. Dass es eben nicht mehr diese geschlossene Sitzgruppe gibt, in der wir uns anschauen, sondern: alle schauen auf diesen Fernseher.“ ZUSPIELER 2 Jingle von „Was bin ich“ (instrumental) 35‘‘ (ÜBERBLENDUNG MIT FOLGENDEM SPRECHERTEXT) MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15 SPRECHER In diesem Fernseher gibt es schon in den Fünfzigern die ersten Spiel- und Quizshows zu sehen – in Ost wie West. Der Bayerische Rundfunk etwa produziert: „Was bin ich?“, das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, Erstsendung 1955. „Welches Schweinderl hätten’s denn gern?“ Lembkes Frage wird bald legendär. MUSIK ENDE Das Fernsehen als „Lagerfeuer“ der Wirtschaftswunderzeit bietet den Gemütern Abkehr vom Krieg. Es bedeutet Zukunft, Leichtigkeit und Wohlstand. Es wird verspottet als „Pantoffelkino“, später geschmäht als „Glotze“. In der DDR ist es in Verruf als bekanntermaßen langer Arm des Politbüros der Staatspartei SED. Dennoch: Das Fernsehen legt in ganz Deutschland ab den Sechzigern einen historischen Aufstieg hin, es wird zum wirkmächtigen Massenmedium. ENDE INTRO SPRECHER Von einer „schnellen“ Erfolgsgeschichte aber kann hier nicht die Rede sein. Die ersten technischen Versuche, ein Bild zu zerlegen und an einen entfernten Ort zu übertragen, gehen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Diese fernsehtechnischen Anfänge wurden von einer Vision getragen, die mit der späteren Nutzung nur bedingt zu tun hat, so Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München: OTON 4 Krützen „Die Idee, die da im neunzehnten Jahrhundert kam, ist die Direktübertragung. Nicht irgendwie, wofür wir heute das Fernsehen vielfach nutzen, um eine Kochsendung anzugucken oder Nachrichten, sondern eigentlich: mit anderen sprechen. Andere sehen. Also die Direktübertragung. Das ist der Traum, der dahintersteht. Das ist die Ur-Idee (…) des Fernsehens.“ SPRECHER Die technische Umsetzung dieser Idee zieht sich über Jahrzehnte. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, treiben sie die Entwicklung der Fernsehtechnik stark voran. Ihr Ziel ist Propaganda: Sie wollen den ersten, regelmäßigen Fernsehbetrieb der Welt für sich reklamieren können. Tatsächlich gelingt das: Im März 1935 beginnt der „Fernsehsender Paul Nipkow“ vom Berliner Funkturm live auszustrahlen, fast ein Jahr vor der BBC in Großbritannien. Mit entsprechend triumphalen und pathetischen Worten eröffnet Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky das Programm: ZITATOR „Während wir hier im Saale atemlos lauschen und schauen, hat die Zeit eines neuen, unbegreiflichen Wunders begonnen. (…) In dieser Stunde wird der Rundfunk berufen, die größte und heiligste Mission zu erfüllen: nun das Bild des Führers unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen.“ SPRECHER Die Realität dieses „neuen, unbegreiflichen Wunders“ fällt dann allerdings eher karg aus. Das beginnt schon damit, dass verschwindend wenige Leute das Fernsehen überhaupt zu sehen bekommen. OTON 5 Krützen „Von einer nationalen Verbreitung sind wir ganz, ganz, ganz, ganz weit entfernt. Ein paar wenige Leute konnten im Dritten Reich fernsehen. Und es war eher so eine Attraktion, als wirklich ein Massenmedium.“ SPRECHER An anfangs drei Abenden die Woche gibt es damals zwei Stunden Programm – und das zunächst nur in Berlin. Zudem stehen die Fernsehgeräte noch nicht in den Wohnzimmern. Michaela Krützen: OTON 6 Krützen „Zuhause hatte praktisch niemand einen sogenannten Heimfernseher. Das sind ein paar Dutzend Geräte, 75 oder so was, so ungefähr um 37. Das ist praktisch nichts. (…) Eigentlich haben die Menschen in sogenannten Fernsehstuben, ganz toller Begriff, Fernsehen geguckt. Da war freier Eintritt (…) und dann sah man halt auf so einem kleinen Bildschirm vorne so ein kleines bisschen Programm, bisschen verrauscht. Ich habe da so einen Techniker daneben, der das ab und zu so justierte, dass man es genauer sehen konnte. (…) Stellen Sie sich ein etwa Schuhschachtel-großes Bild vor, relativ klein, (…). Das ist schwarz-weiß, und (…) ne Bildqualität, die eher im bescheidenen Bereich liegt. Also, das ist schon ein armes Bild im Verhältnis zum reichen Bild des Kinos.“ SPRECHER In seinem ersten Sendejahrzehnt ist das Fernsehen ein unausgereiftes Medium und seinen zwei nächsten Verwandten Kino und Radio deutlich unterlegen. Das riesige Propagandaspektakel der Nationalsozialisten um die olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin bietet dem Randmedium die Chance, etwas zu glänzen. In den 16 Tagen der Spiele werden um die 100.000 Menschen durch die Fernsehstuben geschleust. Das tägliche Live-Programm aus dem Olympiastadion macht das Fernsehen populärer – eine Funktion, die Sportveranstaltungen in der deutschen TV-Geschichte noch häufiger übernehmen sollten. ZUSPIELER 3 kurzer Schnipsel: Reportage vom 4x100m Staffellauf „Deutschland muss vor den Amerikanerinnen laufen, das ist ein kleiner Nachteil (Startschuss), davor Kanada, davor Holland, wunderbar! Die erste Deutsche losgegangen…“ SPRECHER Propaganda hin oder her - von führenden Nationalsozialisten ist kein einziger Auftritt im verwaschenen Fernsehbild ihrer Zeit bekannt. Ein 1939 auf der Funkausstellung vorgestellter Volksfernseher für Zuhause kommt doch nicht – die Fertigungsanlagen werden nun für die Rüstungsproduktion benötigt. Der Krieg beginnt. Für einige Jahre werden die verbleibenden Fernsehgeräte in Lazaretten aufgestellt. Im November 1943 wird der Berliner Sender durch Bomben zerstört. Das NS-Projekt Fernsehen kommt zum Erliegen. MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:04 SPRECHER Sprung ins Nachkriegsdeutschland. Der Neu-Start des Fernsehens wird wieder von einem Wettlauf vorangetrieben, diesmal zwischen den beiden deutschen Staaten. Die DDR strahlt zu Stalins 73. Geburtstag im Dezember 1952 erstmals die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ aus. Offiziell startet der „Deutsche Fernsehfunk“ im Januar 1956, kontrolliert von der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der Staatspartei SED. Im Westen haben die Alliierten den Rundfunk dezentral und öffentlich-rechtlich angelegt: Die über die BRD verteilten Landesrundfunkanstalten sind nichtstaatlich und nichtkommerziell. Sie schließen sich 1950 in der ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten in Deutschland, zusammen und planen für das Fernsehen ein gemeinschaftliches Programm: MUSIK ENDE OTON 7 Wick „Das war, glaube ich, tatsächlich den Kapazitäten geschuldet. (…) Sie müssen sich ja auch vorstellen, es musste Leute geben, die das überhaupt erst mal lernen, wie die Technik funktioniert, die Lust haben, was Neues zu machen. Viele haben gesagt: da in diesen neuen Kasten, (…) da glaube ich gar nicht dran. Es gab viele Leute, die nicht ans Fernsehen geglaubt haben. Und so hat man sehr viel improvisieren müssen.“ SPRECHER Nach jahrelangem Testbetrieb und dem BRD-weiten Aufbau eines engen Sendernetzes wird am 1. November 1954 das ARD-Programm offiziell aufgenommen – das so genannte „Deutsche Fernsehen“ startet sein Gemeinschaftsprogramm. Der Bayerische Rundfunk bestückt seinen ersten Abend unter anderem mit dem Singspiel „Gärtnerin aus Liebe“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Eine für die Zeit nicht untypische Wahl, so Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin: OTON 8 Wick „Das ist auch etwas, was wir, glaube ich, aus anderen Medienzusammenhängen kennen, dass man erst mal der Sache Glanz verleihen will, indem man aus einem anderen Medium entlehnt und sagt: wir machen hier übrigens Kultur.“ SPRECHER Auch beim Radio bedient sich das Fernsehen. Formate werden übernommen, und auch Personal: große Fernsehnamen der ersten Jahre, wie Peter Frankenfeld oder Hans Joachim Kulenkampff, kommen vom Hörfunk und sollen ihr Publikum am besten gleich mitnehmen. Denn Zuschauer und Zuschauerinnen gibt es in den Fünfzigern noch nicht viele: OTON 9 Wick „Wenn sie geschaut haben, haben sie meistens in einer Gruppe geschaut, in einer Kneipe oder vor der Fensterscheibe. Es gibt da ja zwei wichtige Ereignisse. Das ist einerseits die Fußball-Weltmeisterschaft in Bern, die viele Leute dann gesehen haben. Und dann die Krönung von Elisabeth II., was auch so ein Event war, wo man sagte: Ah, jetzt wäre es schon ganz schön, einen Fernseher zu haben“ SPRECHER Dieser Fernseher kam in der Zeit gleich als eigenes Möbelstück daher, genannt „Fernsehtruhe“: OTON 10 Wick "Die Fernsehtruhe war ein Monstrum, das war so groß wie vielleicht mein Büroschreibtisch jetzt hier. (…) Und die Mattscheibe (…) wurde versteckt in einem Schrank, den man erst mal aufmachen musste. Also (…) wie das häufig so ist: Wenn Dinge Statussymbole sind, dann sollen sie auch schön aussehen. (…) Was ich sehr lustig finde. Die Statistik weist aus, dass in den ersten Jahren vor allem besondere Berufsgruppen einen Fernseher besaßen. Das waren die Radio- und Fernsehtechniker – da ahnen wir, warum. Dann war es die Kneipen- und Gaststättenbesitzer und als dritte Gruppe die Zahnärzte. Ich denke mir, dass die Zahnärzte (lacht nett) das aus Prestige gekauft haben (…) wer es zu was gebracht hatte, der hatte dann irgendwann einen Fernseher.“ SPRECHER Schon im Jahr 1963 konnte der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, Christian Wallenreiter, den Millionsten Fernsehteilnehmer in Bayern beglückwünschen. ZUSPIELER 4 der Millionste Fernsehteilnehmer in BY 1963 (ab Sek 41), (Gespräch zwischen Intendant, Moderatorin und Fernsehteilnehmer) „Eine Million Fernsehgerätebesitzer in Bayern (…) bedeutet ja etwas. Und deshalb habe ich mich gefreut heute Herrn Kiessling eine Ehrengabe überreichen zu können. / Herr Kiessling, Sie haben 2000 Mark bekommen, das ist also eine ganze Menge Geld, was tun sie damit? / Ja, vorläufig kommen sie einmal auf ein Sparkassenbuch. Für die Kinder ist das gedacht, ne! / (…) Hören Sie gerne Nachrichten? / Ja, Nachrichten: alle Tage. / (…) Mich würde noch etwas anderes interessieren: in welchem Tempo wächst eigentlich die Zahl der Fernsehteilnehmer? (…) / In jedem Monat so ungefähr 10.000.“ SPRECHER Das sich ausbreitende Fernsehen synchronisiert die Lebenswelten der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland: es drängt die Dialekte zugunsten eines einheitlichen Hochdeutsch zurück, es etabliert 20 Uhr als landesweite Grenze zum privaten Teil des Abends, und es bringt überallhin die exakt gleichen Sendungen, egal ob in die Stadt oder auf’s Land. MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:56 Nach Anfangsjahren mit genau einem Programm wächst das Angebot in den 1960ern. Das Bundesverfassungsgericht untersagt 1961 die Einrichtung eines staatlichen Fernsehprogramms, das die Regierung Konrad Adenauers plant – das Fernsehen soll Ländersache und öffentlich-rechtlich bleiben. Kurz darauf gründen die Ministerpräsidenten der Länder das Zweite Deutsche Fernsehen, ZDF. Programmstart ist 1963. Zudem beginnen die Landesrundfunkanstalten jetzt in ihren Regionen, eigene Programme auszustrahlen. Bayerischer und Hessischer Rundfunk sind im Jahr 1964 die ersten. Die neuen Dritten Programme werden als Kultur- und Bildungsfernsehen angelegt. Beispiel: Das Telekolleg des Bayerischen Rundfunks: MUSIK ENDE ZUSPIELER 5 Telekolleg (1.12 Jingle Musik könnte über Text vorlappen) „How do you do? Let’s learn english together! I am Paul Dine.“ SPRECHER ARD, ZDF, Dritte: Ab Mitte der 60er gibt es Konkurrenz auf dem Fernsehmarkt und das Publikum hat die Wahl. Aber „gezappt“ wird noch nicht. Wer umschalten will, muss anfangs noch aufstehen. Denn die Fernbedienung kommt erst Mitte der 1970er Jahre. SOUNDAKZENT UMSCHALTGERÄUSCH SPRECHER Im Jahr 1967 folgt ein weiterer Meilenstein der Fernsehgeschichte. Die Fernsehbilder werden farbig. In einem feierlichen Akt spricht der damalige Vizekanzler Willy Brandt auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin: ZUSPIELER 6 Schmidt „In der Hoffnung auf viele friedlich-farbige, aber auch spannend-farbige Ereignisse, über die zu berichten und die darzustellen sich lohnt (…) gebe ich jetzt gewissermaßen den Startschuss für das deutsche Farbfernsehen.“ (Applaus) MUSIK „Inventions“; ZEIT: 00:56 SPRECHER Zu diesen Worten drückt Willy Brandt auf einen Knopf, um das Fernsehbild auf Farbe umzustellen. Der Knopf allerdings ist nur eine Attrappe und ein nervöser Techniker hat das Bild schon bunt gestellt, bevor Brandt überhaupt zudrückt. Eine Panne, die kaum jemand bemerken kann – denn die wenigsten haben in dieser Zeit farbfähige Fernseher zu Hause stehen. Das sollte sich allerdings schnell ändern. Fussballmannschaften besser auseinanderhalten zu können oder die olympischen Spiele 1972 in München in Farbe zu sehen – solche Wünsche verschaffen den neuen Geräten bald guten Absatz. Die erste Sendung, die der Bayerische Rundfunk in Farbe ausstrahlt, ist übrigens „Was bin ich?“, aufgezeichnet unmittelbar auf der Berliner Funkausstellung 1967. Wie Robert Lembke gleich zur Begrüßung ankündigt: MUSIK ENDE ZUSPIELER (TC 03.09) „Das ist übrigens ein einmaliger Exzess, schon bei der nächsten Sendung kehren wir reumütig zu Schwarzweiß zurück. Der Bayerische Rundfunk hat nämlich noch keine Farbelektronik. Im Übrigen ist Farbe schon eine feine Sache, auch wenn man im Lauf der Zeit draufkommen wird, dass es Schwarzweiß Sendungen gibt, die recht farbig, und bunte Sendungen, die ziemlich fad sind. Aber noch viel wichtiger, als das farbige Sehen wäre es ja, wenn wir uns das Denken in Schwarzweiß-Kategorien abgewöhnen und ein bisschen mehr Gefühl für Zwischentöne entwickeln könnten.“ Oton 11 Wick „Was ich auch immer noch sehr lustig finde, ist, dass das Feuilleton geschrieben hat: Man wäre sich gar nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist mit der Farbe, weil in Schwarz-Weiß, sei das doch alles konzentrierter und viel kunstvoller. Also, das ist etwas, was sich ständig wiederholt und auch an anderen Medien sich zeigt, dass man immer sagt: früher war es auf jeden Fall besser. Erst ist das Fernsehen überhaupt nicht kulturell, und dann ist es nur kulturell, wenn es schwarz-weiß ist.“ SPRECHER Im Jahr 1970 besitzen 68 Prozent aller bundesrepublikanischen Haushalte ein Fernsehgerät. Das Fernsehen tritt in die Phase seiner größten Wirkmacht ein, es wird zum Leitmedium der BRD. OTON 12 Wick „Dann kam die Zeit, die würde ich sagen bis in die 90er-Jahre hineingereicht hat, dass, wenn Sie eine Platte rausbringen wollten, wenn Sie Karriere machen wollten. (…) wenn Sie als Partei eine Wahl gewinnen wollten, dann müssen sie im Fernsehen sein, weil da alle Leute es mitbekommen. Und weil am nächsten Tag darüber geredet wird und sie deswegen auch die Kultur und die Gesellschaft, den gesellschaftlichen Diskurs prägen können.“ MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:39 SPRECHER Das Fernsehen der DDR genießt nicht das gleiche Vertrauen. Den Bürgerinnen und Bürgern ist der staatliche Einfluss aufs Programm des Deutschen Fernsehfunks wohlbewusst. So muss etwa das Pendant zur Tagesschau, die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, teils tagelang auf die Sprachanweisung aus dem Politbüro der SED warten, bis sie über ein Ereignis überhaupt berichten kann– in politisch gewollten Worten. Doch auch das Fernsehen aus dem Westen, das in vielen Teilen der DDR empfangbar ist, beeinflusst implizit, was die Menschen im DDR-Fernsehen zu sehen bekommen: MUSIK ENDE OTON 13 Wick „Weil ja Berlin mitten in der DDR lag, konnte man sehr viel Westfernsehen sehen, was dann wiederum das Fernsehen der DDR dazu gebracht hat zu sagen: das wollen wir natürlich nicht, sondern wir machen jetzt ganz ähnliche Programme. Und deswegen: es gab den Tatort. Und dann gab es den Polizeiruf im Osten. Es gab die großen Unterhaltungsshows im Westen. Es gab dann auch die großen Unterhaltungsshows aus dem Friedrichstadtpalast im Osten. Man hat schon versucht, in diesen ganzen Unterhaltungsformaten, Serien, Krimis, alles, was das Fernsehen eben populär gemacht hat, auch mitzuhalten und die Leute in den eigenen Äther zu ziehen.“ SPRECHER Auch in der DDR wird das Fernsehen so zum Massenmedium, das die Gesprächsthemen und den Alltag der Menschen prägt. Vor der deutschen Wiedervereinigung beeinflusst es den Lauf der Geschichte sogar ganz unmittelbar. OTON 14 Wick „Ja, das ist natürlich auch ein eigener Bereich, nämlich die Frage, was das Fernsehen dazu beigetragen hat, dass bestimmte Ereignisse so waren und nicht anders waren. Und die Öffnung der Mauer ist ja etwas gewesen, was im Pingpong (…) zwischen DDR und BRD passiert ist. Die Leute haben das eigentlich in der Tagesschau gesehen, an diesem 9. November (…), dass die Mauer geöffnet worden ist, (…). Und wenn es diesen Tagesschau-Bericht nicht gegeben hätte, wären sie nicht an die geschlossene Mauer gegangen und hätten nicht in der Bornholmer Straße gesagt: Wir wollen jetzt aber rüber. (…) das Fernsehen, (…) hat sehr viel dazu beigetragen, dass diese friedliche Revolution so gewesen ist, wie sie gewesen ist.“ MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:01 SPRECHER Im wiedervereinten Deutschland findet sich eine noch einmal stark gewandelte Fernsehlandschaft. Die Vorgeschichte: Schon 1981 lässt das Bundesverfassungsgericht kommerzielle Fernsehprogramme zu, da die neuen Verbreitungstechnologien Kabel und Satellit nun die technischen Voraussetzungen für eine Vielfalt an Programmen geschaffen haben. Der Regierung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl kommt dies zupass – Kohl fühlt sich als Opfer eines „Meinungskartells“ der öffentlich-rechtlichen Sender und treibt den Ausbau der neuen Technik voran. 1984 nehmen dann die beiden ersten privaten Sender Deutschlands, Sat.1 und RTL plus, ihr Programm auf – können jedoch anfangs nur eingeschränkt empfangen werden. Die Umwälzungen, die das so genannte „Duale System“ aus öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern bringt, beginnen anderswo: MUSIK ENDE OTON 15 Wick „Die bestehenden Sender ARD und ZDF hatten große Angst, dass jetzt etwas kommt, was sie aus Amerika ja kannten, nämlich das Privatfernsehen, das sehr laut, sehr lärmig, sehr, sehr reich auch ist, weil es ja werbegetrieben ist, und haben angefangen, ihr eigenes Programm zu verändern. Sozusagen in vorauseilendem Gehorsam und haben neue Spielkonzepte entwickelt. Haben andere Talkformate eingeführt, wurden selber, kurz gesagt, ein bisschen lärmiger.“ SPRECHER Das „Duale“ System verändert das deutsche Fernsehprogramm tiefgreifend. So bringt es auch die Dritten dazu, sich auf das zu besinnen, was nur sie bieten können: Das Regionale. Ihr Programm beschäftigt sich nun verstärkt mit regionaler Identität und der Frage, was Heimat eigentlich ausmacht. Die Antwort darf auch kritisch ausfallen, wie die BR-Doku-Serie „Unter unserem Himmel“ beweist. Ein Ausschnitt aus ihrem legendären Architektur-Film „Der Jodlerstil“ von Dieter Wieland aus dem Jahr 1985: ZUSPIELER 7 UNTER UNSEREM HIMMEL „Jodlerstil“ „Kennen’s das neue Bayern? Bayern im Landhausstil? Oberbayern? Hochglanzbayern? Superbayern? (…) 52Sek Die Häuser mit der besonderen Oberweite. Unübersehbar viel Holz vor der Hüttn. Balkone wia für an Dampfer, sakrisch hergfräst, dass ma’s im Winter in Plastikfrischhaltebeutel einwickeln muss. Bayern griabig und mit viel Schmalz, Bayern rustikal. Die Häuser in der Lederhosen, Bayern im Jodlerstil.“ (1.17) OTON 16 WICK „Das war etwas, was man in den dritten Programmen machen konnte und was eben dann im ersten Programm schon weniger durchsetzbar war. Und das war für viele Leute ein wichtiger Hafen, um Programm zu machen, das wir heute eben in den Museen auch sammeln und das wir für Kulturerbe halten und das eben da eine Nische gefunden hat.“ SPRECHER Das Privatfernsehen selbst wird in Deutschland dank seiner gewachsenen Verbreitung dann Anfang der 90er wirklich sichtbar: OTON 17 Wick „In der Zeit gab es dann „gute Zeiten. Schlechte Zeiten“, diese Daily-Soap. Hans Meiser machte die erste Talkshow. Also es gab eine ganze Reihe von neuen Formaten, und die haben dann eigentlich die Fernsehlandschaft überhaupt erst verändert. (…) Dann fingen auch die Leute an, darüber zu reden, und „Glücksrad“ gucken und „der Preis ist heiß“ gucken wurde dann auch Mode. (…) Und deswegen gab es plötzlich dann halt auch noch mal Fights zu Hause, wer eigentlich wann was gucken darf. (…) Und man konnte dann sogar als Intellektuelle auch schon diese ganzen Sachen sehen (…), das war wirklich interessant zu beobachten, wie das auch zum guten Ton gehörte, plötzlich, dass man keine Scheu vor den Programmen der Privatsender hatte.“ MUSIK „Inventions“; ZEIT: 00:23 SPRECHER Von der veränderten Sitzordnung dank Fernsehtruhe im Wohnzimmer der 1950er Jahre bis zum Zweitfernseher im Kinderzimmer, damit jeder zappen kann, wohin er oder sie mag: Die Geschichte des Massenmediums Fernsehen hat das Leben in Deutschland stark geprägt – in den Häusern und Köpfen, in Freizeit und Politik, im Großen und Kleinen. MUSIK ENDE Heute muss sich das Fernsehen die Aufmerksamkeit seines Publikums wieder härter erkämpfen. Es hat durch soziale Medien und Streaming-Portale starke Konkurrenz. Auch die bedient sich bewegter Bilder, bietet aber eben kein Vollprogramm, nie das ganze, mit Bedacht kuratierte Sortiment aus Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Und genau deswegen bleibt die Leiterin des Bereichs Fernsehen in der deutschen Kinemathek Berlin, Klaudia Wick, ihrem Lieblingsmedium treu: MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:25 OTON 18 WICK „Für mich ist Fernsehen eben dadurch gekennzeichnet, dass es gleichzeitig unterhalten und informieren will. Das sind für mich die Streamer eben nicht. (…) Das Großartige am Fernsehen - also ich mache jetzt mal einen kleinen persönlichen Werbeblock, ist eben - dass wir ein sehr emotionales Verhältnis zu diesem Apparat haben und es gleichzeitig aber auch ein Wissensvermittler ist, das finde ich ganz großartig.“

  5. Geschichte des Schuhs - Von Schnabelschuhen und mörderischen Absätzen

    31.03.2025 · 22 Min.

    Ein Schuh ist nicht einfach ein Schuh. Die anfängliche Schutzfunktion, zu der man sich Gras und Rinde um die Füße wickelte, wurde mit raffinierteren Aufgaben aufgeladen. Schuh erzählt von Politik und Macht, von Wahn, Obsession und Erotik - er verlangt präzises Handwerk und ist skulpturales Bauwerk für den Fuß. Von Barbara Knopf Credits Autorin dieser Folge: Barbara Knopf Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Katja Bürkle, Friedrich Schloffer Technik: Adele Messmer Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Isabella Belting, Kunsthistorikerin Albert Bertl Kreca – „Schuh-Bertl“ Diese hörenswerte Folge von Alles Geschichte könnte Sie auch interessieren: Einfach Mode! Wer hat die Hosen an? JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZSP Der Schnabelschuh stammt jetzt aus dem Mittelalter, 12., 13. Jahrhundert. Der hat sich übrigens sehr lange tatsächlich gehalten, immer wieder in verschiedenen Formen. Damals war noch nicht der Absatz das Dominante, sondern wirklich die Schuhspitze. Und die hat sich dann in einer Art verlängert, die irgendwann natürlich nicht mehr von alleine stand, sondern ans Knie gebunden werden musste, damit der Herr überhaupt mit diesen Schuhen laufen kann. Man hat es ernst genommen, weil es eben ein Symbol war für jemanden, der nicht arbeiten muss. 0.32 Erzählerin So erzählt es die Kunsthistorikerin Isabella Belting. Sie leitet die Sammlung Mode/Textilien im – derzeit geschlossenen – Münchner Stadtmuseum. These boots are made for walking? Ein sehr funktional gedachter Satz. MUSIK 2 ( Diamonds (Bridgerton - Season Two) 1’05) In Wirklichkeit betreten wir mit dem Schuh sofort symbolisches Terrain. Es geht um Status. Ansehen. Macht. Reichtum. Spiel. Erotik. Und um Wahn. Ein irrationaler Faktor lauert in diesen Objekten am unteren Ende des Körpers. All diese Schnallen und Schleifchen, das noppenhäutige Krokodilleder, die pergamentene Schlangenhaut, der Samt, die Seide, der Lack, die hauchdünnen Riemchen über all den Aussparungen für die Haut, das nackte Fleisch, an Ferse, Fessel, Zehen oder anderen Wölbungen des Fußes, geformt wie ein Dekolleté. Eine Spiegelung des Körpers eigentlich, ein Abbild en miniature. 2 ZSP: Gerade bei den Damen im Barock und Rokoko fing es dann an, dass der Absatz in dieser ganz besonders eleganten, geschwungenen Form modern wurde. Das war dann eben auch ein Absatz, der in der Mitte schmal wird und nach unten ein bisschen breiter wird. Man kann sich fast vorstellen, dass das wie so ein kleiner Körper ist, der in der Korsage steckt. Man kann sagen, dass der Fuß, der in diesen Schuh schlüpft, wie der Körper ist, der in ein Kleid schlüpft. Also der Absatz hat damit auch ein sehr erotisches Aussehen bekommen. MUSIK 3 ( Eloise & Theo („Bridgerton“ – Season Two) Erzählerin Der Schuh ist eine Skulptur, an deren Ausformungen seit Jahrtausenden gefeilt wird. Gesellschaftliche Vorstellungen lassen sich darin ablesen, Konstrukte von Schönheit, auch quälerische wie im Märchen, wo die bösen Stiefschwestern des armen Aschenputtels sich Ferse und Zehen abhieben, um in den anmutig kleinen Pantoffel zu passen und den Prinzen zu bekommen. Form Follows Gewohnheiten. Den wechselnden Bedürfnissen einer Gesellschaft. So hatten Ritter, Reiter, in Sänften Getragene oder Fußgänger höchst unterschiedliche Schuhbedürfnisse. Für die Gegenwart müsste man hinzufügen: auch Radler, Bergsteiger, Sportler oder Astronauten. Eine Rückwirkung auf die Form unserer Füße blieb da nicht aus, schrieb der Architekt und Gesellschaftskritiker Adolf Loos aus Wien in seinen satirischen Essays Ornament & Verbrechen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts – der noch nichts wissen konnte von der modernen Schuhindustrie und ihren mannigfaltigen Produkten: ZITAT: „Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen. Und so tun es auch unsere Füße. Bald werden sie klein, bald groß, bald spitz, bald breit. Und der Schuster macht nun bald große, bald kleine, bald spitze, bald breite Schuhe. Das geht allerdings nicht so einfach. Von Saison zu Saison wechseln unsere Fußformen nicht. Dazu braucht es Jahrhunderte oder zum Mindesten eines Menschenalters. (…) Aber der Schuster muß sich streng an die jeweilige Fußform halten. Will er kleine Schuhe einführen, so muss er geduldig warten, bis das großfüßige Geschlecht abgestorben ist.“ (Ornament und Verbrechen, Metro Verlag, Seite 29) MUSIK 4 ( Jane Monheit: A Shine On Your Shoes 0’10) Erzählerin Genau das ist der Zwiespalt: Geht es nach der konkreten Anlage des Fußes? Oder nach einer abstrakten Idee? So, wie erst ein linker und ein rechter Schuh ein Paar ergeben – und ein Fuß trotzdem nie dem anderen gleicht, so liegt in den Schuhen selbst eine Ambivalenz: Sind sie doch einerseits phantastische Schöpfungen -andererseits bodenständiges Handwerk. Selten beides gleichzeitig. ATMO Schleifen 3 ZSP Da mache ich jetzt gerade einen Schuh, der asymmetrisch ist, also fußkonform ist. Das ist eigentlich auch eine alte Technik. Und die meisten Schuhe sind heute nicht mehr fußkomform. Also die schaden eigentlich dem Fuß. MUSIK 5 ( G.Rag y Los Hermanos Patchekos: Ein Mann sieht Sand 0’40) Erzählerin Besuch beim „Schuh-Bertl“ in München. Der Schuh Bertl hat eine gewisse Prominenz, weil er dem bayerischen Papst Benedikt seine roten Schuhe angefertigt hat. Auch der britische König bekam, als er noch Prinz Charles war, bayerische Haferlschuhe geschenkt aus Bertls Werkstatt, in der der Himmel voller Leisten hängt. ATMO Schleifen Erzählerin Wenn man mit Albert Bertl Kreca, dem Schuster und Schuhmacher in der schwarzen Cordhose spricht, inmitten der alten Hämmer, Zangen, den Ambossen und Nähmaschinen, einem Chaos, in dem sich der große Mann schlafwandlerisch bewegt, bekommt man eine Vorstellung von der Sorgfalt und der Handwerkskunst, mit der aus einem Stück Leder und einer Sohle ein schöner, haltbarer Schuh entsteht, an einer Nähmaschine, angetrieben von Hand und Fuß: ATMO Nähmaschine 4 ZSP Ich mache Schuhe seit 40 Jahren. Meine Spezialität sind genähte Schuhe, also ich mache rahmen- und zwiegenähte Schuhe. Ein zwiegenähter Schuh, sagt ja der Name schon, ist zweifach genäht. Ein rahmengenähter ist eigentlich auch zweifach genäht, aber du siehst nur eine Naht, also die Naht hier. Ein guter Schuh ist für mich, so ist auch meine Philosophie, ein Schuh, der so regional wie möglich gebaut wird. Langlebig ist, reparabel ist. Das ist ein guter Schuh, der gut passt. Und immer noch aus Leder. Ganz klassisch. Aber reparabel sein muss. MUSIK 6 ( Achim Zweschper: Walking Tension 0’55) Erzählerin Wie wird nun ein Schuh draus? Am Anfang, vor Zehntausenden von Jahren, in der späten Steinzeit, wickelte man sich Gras, Schnur oder Fell um die Füße, zum Schutz. Lange gingen die meisten barfuß, der Schuh war ein Luxusobjekt. Die Sandale gilt als die älteste erhaltene Schuhform, ihre Blütezeit lag in der griechischen Antike, aber mit der dünnen flachen Sohle und einem einfachen Riemen hat sich dieses Urmodell bis heute als Flip-Flop erhalten. Der reine Schutz wurde schnell zum Schmuck und die Fußbekleidung wechselte ihr Aussehen entsprechend nach den jeweiligen kulturellen Einflüssen der Ägypter, Assyrer, Phönizier, Perser oder Hebräer. Mal bog man die Sohle vorne hoch zum Schutz der Zehen, mal schnürte man sich Riemen die Wade entlang, mal bestickte man die neuen Schlupfschuhe, die Pantoffeln, mit denen sich in der westlichen Wahrnehmung der Reiz des Orientalismus verband. Halbschuhe boten Halt. Stiefel kamen in Mode, Postillonstiefel, Stulpenstiefel und natürlich Reiterstiefel. An ihnen lässt sich gut zeigen, wie sich in einer offenbar schon früh vernetzten Welt kulturelle Erfindungen und Einflüsse kreuzten und wie sie weiterentwickelt wurden. Als Reiter in Persien in ihren Steigbügeln Halt suchten, wurde eine Form entwickelt, um nicht abzurutschen: eine Art Absatz. Und der fand bald reißenden Absatz am französischen Hofe, erklärt Isabella Belting: 5 ZSP Im Rokoko ist es so, und davor im Barock, dass tatsächlich der Absatz aufkommt, der die Männer erhöhen soll über die andere Gesellschaft. Dieser Absatz hat bei Männern ein gewisses Stolzieren bewirkt. Und so hat sich das dann langsam auch in die Mode entwickelt, dass der Herr bei Hofe – und die Herrscher – gerne Absätze getragen haben. Und wenn es der Herrscher direkt war, dann eben auch mit rotem Absatz. Rot war immer ein Zeichen sozusagen der ganz oberen Hierarchie und der Monarchie. Erzählerin Nach der Französischen Revolution war die Farbe Rot mit dem Blut der Guillotinen verknüpft, und die Epoche der hohen Schuhe für Männer, Herrscher wie Bürger, war ein für alle Mal passé. Bis heute eigentlich. Mal abgesehen von einigen Dragqueens oder auch experimentierfreudigen Männern. Und jenen die lieber versteckte Absätze im Innenschuh tragen, um größer zu wirken. Aber wie das immer so ist in der Mode und eben auch bei der Fußbekleidung: nichts verliert sich ganz. Auch das Rot ist wieder aufgetaucht. Als signalrote Schuhsohle in den Kreationen von Christian Louboutin. Sie kommunizieren: Ich bin erotisch, begehrenswert und teuer. Ein absolutes Statussymbol. Der Schnabel ist sozusagen auf die Sohle gewandert. MUSIK 7 (Lady Gaga: Yoü And I (You And I) 0‘15 MUSIK 8 (Sign Of The Times (stripped)(„Bridgerton“ – Season Two) 1’10) Erzählerin Zeig mir Deinen Schuh, und ich sag Dir, wer Du bist, was Du zählst und was Du tust, ob Du Bauer bist oder Arbeiter, Handwerker, Patrizier oder Adeliger. Selbst auf der Bühne steckte jeder Rollentypus im eigenen Schuhtyp: Der Komödiant trug den sogenannten Soccus, der tatsächlich aussah wie eine heruntergerollte Socke, während der Tragödiendarsteller seine Verse auf hohen Kothurnen deklamierte. Heute lautet die Devise: Anything goes -und man wundert sich, was alles geht. Die britische Designerin Vivienne Westwood kreierte so mörderisch hohe Plateauschuhe, dass das Supermodel Naomi Campbell auf dem Catwalk herabstürzte. Und Lady Gaga, die auf ebensolchen Plateauhufen auftrat, aber ohne hinteren Absatz, die Ferse also nicht abgestützt, musste über Wadenmuskeln verfügen wie ein bayerischer Schuhplattler. Letztlich aber sind auch diese Plateau-Gebilde nur eine Variation bereits vergangener „Extrem“mode wie sie im Venedig des 16. Jahrhunderts aufkam, erläutert die Kunsthistorikerin Isabella Belting: 6 ZSP Es gibt die Chopinen oder Zoccoli aus Venedig. Man sieht, dass der Absatz also wirklich schon eine Höhe hat. Bei diesem Modell etwa 30 Zentimeter. Diese Absätze waren oft aus Holz oder Kork und dann mit Leder praktisch umkleidet und auch schön geschmückt und bedruckt und bestickt, je nachdem. Und oben schlüpfte man einfach nur ganz oben in so eine Art Lasche wie in einem Pantoffel. Die Damen in Venedig, allen voran die Kurtisanen, sind mit denen durch Venedig stolziert. Natürlich am Arm einer Zofe, weil alleine konnte man damit nicht laufen. Man ist aufgefallen; man hat natürlich auch durch die Höhe von dem Absatz sich ein bisschen von dem Straßenschmutz geschützt…Nachttöpfe, Pferdedreck, aller Schmutz landete auf der Straße. Es hat sich eine ganze Weile erhalten, weil es eben auch ein Machtsymbol war, sich über die anderen zu erheben. Erzählerin Immer neue Kaprizen, Entwürfe, Zumutungen, Kunstwerke. Designer meißeln millimetergenau an ein paar Quadratzentimeter Raum. Andere schaffen für den Fuß ein Bett. Skulpteure die einen, Handwerker die anderen. MUSIK 9 ( G.Rag y Los Hermanos Patchekos: Jazz di Monaco 0‘15) In jedem handwerklich gearbeiteten Schuh steckt ein Universum des Wissens. Der Schuh Bertl hat vier Bücher geschriebenen, das über Haferlschuhe gilt als Standardwerk. Und er zieht alte Bücher zu Rate, 2000 hat er gesammelt: 9 ZSP (endet mit Atmo/ Blättern zum Drübergehen, hinten spielen mit dieser sehr kurzen Atmo, er ist noch mal zu hören): Original 1763, so wie das das Original von1604 ist oder diese Bücher fünfzehnhundertnochwas . Da ist die Enzyklopodie von Diderot, das ist Band C, Cordonnier… also Schuster im Französischen heißt Cordonnier. BLÄTTERN noch mal kurz Wort Erzählerin Die Enzyklopädie des französischen Universalgelehrten Denis Diderot, der auch dem Schuster, dem Cordonnier, eine Seite darin gewidmet hat. Der Bertl schlägt sie auf. Originalausgabe, 18. Jahrhundert, schwerer Ledereinband, goldgeprägtes Muster, altes Papier. Eine Zukunft sieht Albert Bertl Kreca nicht für seinen Beruf: 10 ZSP Ich glaube das Handwerk, das Schusterhandwerk wird aussterben. Es wird immer noch ein paar Schuster geben, so Edelschuster. Wenn du im Internet schaust, da gibt es einige, dann kosten auch die Schuhe 3,5,4.000 Euro. Die versuchen, Fuß zu fassen und Business zu machen. Aber allgemein, der Schuster wird aus unserem Stadtbild verschwinden. MUSIK 10 ( Andreas Suttner: Walking 1 0’35) Erzählerin In den Händen eines Schusters offenbart ein Schuh nicht nur seine Stabilität oder Schönheit, sondern auch seine Fragilität. Die Lederzunge kann ihm arg beansprucht raushängen. Abgetreten und ramponiert ist er. Löchrig vielleicht. Die Ösen für die Bänder zerrissen, die Riemchen baumelnd. Das Leben hat ihm mitgespielt. Ob sein Lebenszyklus noch mal verlängert wird, hängt von der pflegenden Liebe seines Besitzers und vom Material ab. Apropos Material: Verlagert in Billiglohnländer in Asien, unter Missachtung von Arbeitsschutz und Umweltbelastungen, kommen in der globalen Schuhherstellung immer wieder hochgiftige Chemikalien zum Einsatz – zum Beispiel beim Gerben von Leder. Arbeiter, häufig auch Kinder, sind diesen in schuhproduzierenden Ländern wie Indien oft ohne Schutz ausgesetzt. Nachhaltige Produktion in Europa oder gar der Region hilft da nur zum Teil. Pflanzlich gegerbtes Leder und Materialien wie Naturkautschuk, Fasern von Bananen, Kaktus oder Ananas, können die Schwemme von Billigprodukten nicht ausgleichen. MUSIK 11 ( Nancy Sinatra: These Boots Are Made For Walking 0’20) MUSIK 12 (Son Lux: Switch Shoes To The Wrong Fell 1’00) Erzählerin Das ist die ökologische Seite des Themas. Und dann gibt es noch die psychologischen Deutungen. Schuhe entfesseln Phantasien, kokettieren mit Schlüsselreizen, in vielen Schattierungen, vom Puderquasten-Pantöffelchen der 1950er Jahre bis zu den Schnürungen und Latexinszenierungen und auf die Spitze getriebenen Requisiten der Fetischszene. Ein Spiel um sexuelle Dominanz oder Unterwerfung. Manche Menschen erregen sich am Geruch getragener Damenschuhe. Der Übergang vom Fetisch zum modischen Accessoire ist fließend. Modedesigner frönen ihm, Künstler setzen ihn visuell in Szene. Helmut Newtons „Nudes“, die nackten Frauen in High Heels, Rudolf Schlichters Frauenakte in hochgeknöpften Stiefeln. Der Maler der Neuen Sachlichkeit soll seine Frau und Muse „Stiefelchen“ genannt haben. Was für eine Freiheit, Schuhe zu tragen, wie man will! Männer, Frauen, ob hetero oder queer, cis, nonbinär oder trans, können hochhackige Highheels tragen oder Sandalen, deren Fußbett aussieht wie ein trockengelegtes Schlammflussbett. Und in beiden sexy aussehen. Oder eben nicht. Ganz nach Belieben. An der Absatzhöhe und dem Klackklack der Stilettos muss sich jedenfalls kein Emanzipationsstreit mehr entzünden. Und kollektive Zwänge bleiben hoffentlich historisch. MUSIK 13 ( Michi Koerner: Glassy Drop 0’15) 12 ZSP Also für uns jetzt aus westlichem Blick findet man das natürlich ganz schrecklich, so einen winzigen kleinen Schuh in der Hand zu haben, wie wir hier sehen, der nicht mal die Länge einer Handfläche hat – und da passte der Fuß rein, er passte natürlich nicht rein, weil auch der Fuß von Chinesinnen von Natur aus nicht so klein war, das ist natürlich ein völlig verkrüppelter Fuß. Dass ein Schuh sozusagen eine Art ist, jemanden zu unterwerfen oder zu knechten, sieht man ja dann an diesen doch ja sehr gruseligen Lotus-Schuhen. MUSIK 14 ( Michi Koerner: Glassy Drop 0’30) Erzählerin Isabella Belting hält eine Art Seidentäschchen in der Hand, mit denen die Chinesinnen, denen die Füße gebunden wurden, in kleinen Schritten tippeln konnten. Sie kaschierten eine brutale Methode, die bis ins 20. Jahrhundert hinein noch praktiziert wurde: Das Binden der Füße war jahrhundertelang ein Ritual der gehobenen Gesellschaft in China. Eine Demonstration von Wohlstand, eine Frau mit gebundenen Füßen musste nicht arbeiten -sie konnte ja kaum gehen. 13 ZSP Es ist tatsächlich eine Folter, wenn man sich das durchliest. Die 4 Zehen, wurden gebrochen und nach innen gebunden, und das einzige, das noch als stabiles Glied da war, war nur der große Zeh. Und die wurden extrem gebunden und geschnürt, es muss sehr, sehr schmerzhaft gewesen sein. Aber die Mütter haben es im besten Glauben gemacht, weil sie dachten, ihre Töchter haben dann ein besseres Leben, ein gutes Leben - also ausgewickelt hat man den Fuß nie gezeigt. Erzählerin Schuhe sind Lebensbegleiter. Wenn es gut läuft, baut man eine Beziehung zu ihnen auf. Sieht man irgendwo Schuhe, die liegengeblieben sind, ist das eine Irritation, die sofort Gedanken in Gang setzt, wem diese Schuhe wohl gehören mögen und warum sie da alleine stehen. Noch schlimmer, wenn es nur ein einzelner ist. MUSIK 15 ( Giora Feidman: Main shikhelekh varfoylt – Mkh tsudieygelekh 0’45) Und geradezu erschütternd ist der Anblick jener Fotodokumente auf denen haufenweise zurückgebliebene Kinderschuhe zu sehen sind. Sie gehörten jüdischen Kindern, die im KZ Auschwitz ermordet wurden. Hier zeigt sich am deutlichsten, dass der Schuh ein Gegenstand ist, der nahezu als ein Teil des Körpers empfunden werden kann. Die Geschichte einer Gesellschaft lässt sich an ihrer Fußbekleidung erzählen. Soziale Entwicklungen, ästhetische Vorstellungen, Überfluss -oder auch Not, wie manche Exemplare verdeutlichen, die in die Sammlung des Münchner Stadtmuseums gewandert sind, wie Isabella Belting erklärt: 14 ZSP Dass diese Kriegs- und Nahkriegsschuhe was ganz Besonderes sind, hat man sicher in dem Moment erkannt, wenn man es in der Hand hatte – die jetzt mal erstmal per se materiell kein Wert haben, sondern wirklich aus Resten zusammengestückt und zusammengeflickt wurden. Alte Autoreifen, Nägel, aus Gummi, aus irgendwelchen Pappedeckeln zusammen gehämmert, genäht -und wir sehen den und freuen uns riesig, weil das so ein wahnsinnig interessantes Stück Kulturgeschichte ist und eben so etwas Berührendes hat. Erzählerin Der Schuh ist Indikator dynamischer Veränderungen, durch die Jahrhunderte hindurch -und mit ihm unser Fuß, wie der stets zu mokanten Beobachtungen aufgelegte Wiener Architekt Adolf Loos in seinem Buch Ornament und Verbrechen um 1908 herum notiert: MUSIK 16 ( Mortage Stomp 0’40) ZITAT „Aber schon im Laufe dieses Jahrhunderts begann der menschliche Fuß eine Wandlung durchzumachen. Unsere sozialen Verhältnisse haben es mit sich gebracht, dass wir auch von Jahr zu Jahr schneller gehen. (…) So langsam zu schreiten, als sich die Leute in früheren Zeiten fortbewegten, wäre uns heute unmöglich. Dazu sind wir zu nervös. (…) Also gehen wir schneller. Das heißt mit anderen Worten, daß wir uns mit der großen Zehe immer stärker vom Erdboden abstoßen. Und tatsächlich wird unsere große Zehe immer kräftiger und stärker. (…) Durch eigene Kraft vorwärts kommen heißt die Parole für das nächste Jahrhundert.“ Ornament und Verbrechen, Metro Verlag, Seite 31 ff) Erzählerin Adolf Loos konnte nicht ahnen, dass gut 100 Jahre nach seinen Betrachtungen die Verkörperung eines einzigen Schuhs zum Vollstrecker unserer Lebensweise geworden ist: bequem, schnell und allzeit mobil voranzukommen. MUSIK 17 ( Dr. Der: Still D.R.E. 0’55) Der Turnschuh, der Sneaker, hat sich in alle Bereiche hineingeschlichen. Wird zu jedem Style getragen. Jederzeit. Überall. Von allen. Der Sneaker ist Wegwerfware, Kultobjekt, Sammlerfetisch. In den Luxusboutiquen nahe der Piazza San Marco in Venedig wird er auf Säulchen und Sockeln inszeniert wie Diamantware oder die finale Goldreserve. Ein Schuh, der nicht mehr Handwerk ist und nicht mehr architektonische Skulptur. Mögen Soziologen der nahen und ferneren Zukunft herausfinden, welche Essenz unserer Zeit darin fußt.

  6. Tempo! Immer schneller, immer mehr

    31.03.2025 · 22 Min.

    Kurz etwas essen, dabei Mails checken, noch schnell eine SMS schreiben - und schon geht's weiter zum nächsten Termin. Viele Menschen fühlen sich ständig gehetzt, Zeit ist irgendwie immer knapp. Was genau hat unser Leben so beschleunigt? Und könnten wir etwas dagegen tun? Wollen wir das überhaupt? Von Maike Brzoska (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Martin Trauner Es sprachen: Katja Amberger, Benjamin Stedler Technik: Christine Frei Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Gerhard Bosch, Arbeitssoziologe, Professor an der Universität Duisburg-Essen; Jürgen Rinderspacher, Zeitforscher, Dozent an der Universität Münster; Dietrich Henckel, Zeitforscher, emeritierter Professor der TU Berlin Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Leistungsmaschine Körper - Als wir zur Maschine wurden JETZT ANHÖREN Literaturtipp: Hartmut Rosa, „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“, 2005, Suhrkamp Verlag – ein Klassiker der Zeitforschung, der die Steigerungslogik moderner Gesellschaften anschaulich macht. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Eine Fußgängerzone vormittags an einem klaren Sommertag: Viele Menschen sind unterwegs, einige flanieren, andere hasten durch die Einkaufsmeile, tragen Tüten von Geschäft zu Geschäft. Auf den ersten Blick wirkt alles wie immer – wäre da nicht die kleine Gruppe Forschender, die unauffällig am Gehsteig-Rand mit Stoppuhren hantiert. Denn die Fußgänger sind Teil eines Experiments, sagt der Zeitforscher Dietrich Henckel. Er ist emeritierter Professor der TU Berlin und war selbst nicht an dem Experiment beteiligt. 01 O-TON (Henckel) Da haben sie bestimmte Straßen in den Innenstädten ausgewählt und haben tatsächlich gemessen, wie schnell die Leute bestimmte Strecke zurücklegen. Und das haben sie mit einer Vielzahl von Leuten gemacht und dann eben die Durchschnittsgeschwindigkeit daraus berechnet. SPRECHERIN Die Messung der Gehgeschwindigkeit war Teil eines größeren Projekts. Ein Forschungsteam um den amerikanischen Sozialpsychologen Robert Levine wollte wissen, wie sich das Lebenstempo in Städten weltweit unterscheidet. Dafür reiste das Team in 31 Länder, um mehrere Indikatoren zu erheben. Neben der Gehgeschwindigkeit ermittelten sie auch, wie lange es in einem Land dauert, eine Standard-Dienstleistung zu erbringen. 02 O-TON (Henckel) Das war der Verkauf einer Briefmarke. SPRECHERIN Das Forschungsteam überprüfte auch, wie genau die Uhren in der Öffentlichkeit gehen. Das werteten sie als Indiz für Pünktlichkeit und Zeitspannen, die toleriert werden. Heute dürfte dieser Indikator veraltet sein. 03 O-TON (Henckel) Weil die öffentlichen Uhren verschwinden zunehmend aus dem öffentlichen Raum. Es gibt sie immer weniger, weil jeder das Handy in der Tasche hat und an Fahrplananzeigen und so weiter und so fort ist immer die Zeit auch angezeigt und wesentlich genauer. SPRECHERIN Das breit angelegte Forschungsprojekt ist auch schon einige Jahre her. Es fand Mitte der 1990er Jahre statt. Dennoch gilt es in der Zeitforschung immer noch als wegweisende Studie, die immer wieder zitiert wird, weil sie einige interessante Zusammenhänge aufgedeckt hat. Es zeigte sich beispielsweise, dass die wichtigste Determinante für das Lebenstempo der Wohlstand ist. Genauer gesagt: Je höher das Tempo in den Städten, desto reicher die Menschen. So landeten auf den ersten Plätzen des Tempo-Rankings die Schweiz, Irland und Deutschland. Japan kam auf den vierten Platz – aber nur weil am Postschalter die Briefmarke noch in aller Ruhe eingepackt und hübsch umwickelt wurde. Auf den letzten Plätzen landeten Mexiko, Brasilien und Indonesien. Rund zehn Jahre danach, also Mitte der Nuller Jahre, hat ein britisches Forschungsteam die Gehgeschwindigkeit in den Städten erneut gemessen. Das Ergebnis: Im Schnitt hat das Tempo um zehn Prozent zugenommen. Das Leben in den Städten ist also tatsächlich schneller geworden. Obwohl schon einige Jahre alt, werden die Tempo-Studien immer wieder zitiert. Vielleicht weil sie ein Gefühl vieler Menschen bestätigen: Dass sich ihr Alltag beschleunigt, dass alles immer hektischer wird. Doch warum überhaupt? Wer oder was steckt dahinter? Und wer ist besonders betroffen? 04 O-TON (Rinderspacher) Davon betroffen sind vor allen Dingen die, die man so als die Menschen bezeichnet, die in der Rushhour des Lebens stehen. Das sind eben Menschen, die gleichzeitig berufliches Fortkommen und Familie bewerkstelligen müssen und da natürlich in die üblichen Zeitprobleme geraten und einfach in einer Phase sind, in der sich sehr viele Anforderungen stauen. Das sind aber auch Menschen, die viele Überstunden machen müssen. SPRECHERIN Sagt der Zeitforscher Jürgen Rinderspacher. Er ist Dozent an der Universität Münster. Ein guter Teil des Stresses entsteht also am Arbeitsplatz. Dort jagt ein Termin den nächsten, nebenbei werden schnell Mails beantwortet, beim Mittagessen das Projekt besprochen und abends geht’s dann noch zur Weiterbildung. Man will ja beruflich fortkommen. Im privaten Bereich geht’s dann weiter: Nach der Arbeit zur Kita oder zum kranken Vater hetzen, unterwegs noch ein Geschenk besorgen, eine SMS an die Freundin wegen der Feier am Wochenende, und später zu Hause noch was kochen und die Wäsche aufhängen. Gefühlt tausend Dinge müssen an einem Tag erledigt werden. Man nennt das Zeitverdichtung. 05 O-TON (Rinderspacher) Der Begriff der Zeitverdichtung kommt eigentlich aus dem Erwerbsbereich und das bedeutet, dass man Dinge, die man vorher mit mehr Zeit getan hat, jetzt in kürzerer Zeit tun muss. ((Also das ist das Klassische, was wir unter Rationalisierung verstehen im Erwerbsbereich. Wir haben das aber auch im Bereich der Hausarbeit, dass man Dinge, für die man früher mehr Zeit hatte, nun weniger Zeit sich nimmt oder gezwungen ist, Dinge in kürzerer Zeit zu tun.)) Das ist also eine Verdichtung sozusagen der Poren des Tages. Und die wird eben auch sehr stark als Zeitstress empfunden. SPRECHERIN ((Eine Verdichtung des Arbeitstages gibt es in vielen Bereichen.)) Ein krasses Beispiel ist die Logistikbranche. Paketbotinnen und -boten stehen heute sehr oft unter einem enormen Zeitdruck. 06 O-TON (Henckel) Was dann dazu führt, dass die gar nicht mehr klingeln, sondern gleich die Benachrichtigungskarte in den Briefkasten werfen oder gleich beim Nachbarn im ersten Stock klingeln und das abgeben. Weil die unter einem elenden Druck stehen und dann im fünften Stock laufen und dann ist da niemand. Und gleichzeitig haben sie eben ein unglaubliches Pensum zu erfüllen. SPRECHERIN Zeit ist eben Geld, das gilt auch für andere Bereiche, zum Beispiel die Forschung. 07 O-TON (Henckel) Ich war früher in einem Forschungsinstitut. Und das, was ich damals dort an Forschung gemacht habe und die Art und Weise, wie ich das mit meinen Kolleginnen und Kollegen gemacht habe, das wäre heute nicht mehr denkbar. Wir haben damals auch schon über die Beschleunigung gesprochen und wie viel stärker der Produktionsdruck damals wurde. Also ich rede von den 80er Jahren. Und im Rückblick ist das ein Kinderspiel gegen das, was sich danach abgespielt hat. SPRECHERIN Dietrich Henckel gehörte hierzulande zu den ersten Hochschullehrenden, die Zielvereinbarungen bekamen. Für viele Forschende ist das heute Standard. 08 O-TON (Henckel) Ihr müsst so und so viele Aufsätze in referierten Journals veröffentlichen in der und der Zeit. Und die ganzen Evaluationen der Institute, die funktionieren alle nach diesen Geschichten; wie viele Publikationen in referierten Zeitschriften veröffentlicht werden, wie ist der Output dieser Institution dann abteilungsweise und so weiter und so fort. Also da ist ein unglaublicher Beschleunigungsdruck überall drin. SRECHERIN Man kann also festhalten: In vielen Bereichen gibt es einen starken Produktions- und Leistungsdruck – und der führt dazu, dass tatsächlich immer mehr in kürzerer Zeit erledigt werden muss. Wobei wir auf der anderen Seite heute auch sehr viele Hilfsmittel haben. Dinge, die uns Arbeit abnehmen oder schneller erledigen lassen. Zuhause übernehmen Wasch-, Spül- und Küchenmaschinen einen großen Teil der Hausarbeit. Mit Auto, Zug oder Flugzeug kommen wir sehr viel schneller ans Ziel. Und dank Computer und Internet können wir binnen Sekunden Emails schicken, komplizierte Berechnungen anstellen oder ganze Bibliotheken durchforsten. Im Prinzip „sparen“ wir also jede Menge Zeit – und haben trotzdem keine. Woran liegt das? 09 O-TON (Rinderspacher) Ich habe das mal genannt: die infinitesimale Verwendungslogik der Zeit. Wir versuchen eben Zeit zu gewinnen, um dann in diese gewonnenen Zeiträume immer mehr reinzutun. Und das bedeutet natürlich, dass wenn ich jetzt durch eine Geschirrspülmaschine Zeit spare, dann werde ich mir in der Zeit, die ich gewonnen habe, irgendwas vornehmen. Damit wachsen dann auch die Anforderungen an uns selbst. Wir haben ja dann Zeit erspart und diese ersparte Zeit wollen wir irgendwie dann – jetzt kommt das Stichwort – sinnvoll nutzen. Das ist eben eine Folge der infinitesimalen Verwendungslogik der Zeit. SPRECHERIN Es sind also nicht nur die Anforderungen im Beruf, die vielerorts gestiegen sind, sondern auch die Erwartungen an uns selbst. Die Wohnung soll tiptop aussehen – man kann schließlich, während die Spülmaschine läuft, schon mal aufräumen. Oder während der Konferenz online neue Gummistiefel für den Urlaub bestellen. Wieder Zeit gespart, denken wir zumindest. Denn einige Studien zeigen, dass Multitasking oft dazu führt, dass wir letztlich sogar länger brauchen. Auch einige Haushaltsgeräte, die Zeit sparen sollten, hatten letzten Endes einen gegenteiligen Effekt. 10 O-TON (Henckel) Also die Waschmaschine ist ein typisches Beispiel dafür, dass es den damals noch rein den Hausfrauen die Arbeit erleichtern sollte und ihnen ein hohes Maß an Zeitersparnis bringen sollte, weil sie jetzt nicht mehr die Wäsche in den Topf, nicht kochen müssen, das läuft nebenher. Damit einhergegangen sind aber völlig andere Hygiene-Vorstellungen und Sauberkeitsvorstellungen, was Kleider angeht. Man wäscht viel häufiger. Das ist mit Geschirrspülmaschinen genau das gleiche. Man verbraucht einfach auch viel mehr als früher. Man ist früher viel sparsamer mit Geschirr umgegangen, also dem Schmutzigmachen von Geschirr, als das heute der Fall ist. Und das sind so Sachen, die die Zeit, die eingespart wird, auch wieder auffressen. SPRECHERIN Die Teller kommen wegen ein paar Krümeln in die Spülmaschine. Die T-Shirts nach einmal Tragen in die Wäsche. Die Folge ist, dass sich die Dinge schneller abnutzen – und wir wieder schneller neue brauchen. Ein durchschnittlicher Konsument, eine durchschnittliche Konsumentin kauft heute sehr viel mehr Dinge als in früheren Zeiten, sagt der Arbeitssoziologe Gerhard Bosch. Er ist Professor an der Universität Duisburg-Essen. 11 O-TON (Bosch) Man kauft nicht mehr das Porzellan, die Möbel fürs Leben, wie das früher mit der Aussteuer war, sondern das wird mehrfach im Leben dann neu gekauft. SPRECHERIN Das liegt zum Teil auch daran, dass die Dinge nicht so lange halten. Für ein zehn Jahre altes Handy gibt es oft keine Ersatzteile mehr. Das Fernsehgerät braucht einen neuen technischen Standard, also muss ein neues her. Und eine kaputte Uhr zu reparieren, lohnt sich oft gar nicht. Eine neue zu kaufen ist günstiger – und dauert auch nicht so lang. Heute bestellt, morgen geliefert – in einigen Städten sogar noch schneller. 12 O-TON (Henckel) Amazon wirbt damit, in einer Stunde irgendwas auszuliefern. Und diese Erwartung: Wir kriegen alles sofort oder ganz, ganz schnell, das ist einerseits nachfrageseitig bestimmt, aber andererseits auch angebotsseitig, wo die Wettbewerber dann sagen: Aber wir sind noch schneller und wir liefern euch das Zeug noch schneller, und das paust sich dann auch durch auf die Fahrer. SPRECHERIN Man kann natürlich sagen: Das mache ich nicht mit. Man kann schließlich die Küchenmaschine auch reparieren lassen. Warten, bis der Pullover deutlich müffelt, bevor er in die Wäsche kommt. Und erst neue Hosen kaufen, wenn die alten durchgescheuert sind. Aber das machen eher wenige. Die meisten Menschen passen sich dem Tempo des modernen Lebens an. Warum? 13 O-TON (Rinderspacher) Der Mensch ist ja ein Herdentier, sage ich mal ganz einfach. Wissenschaftlich ausgedrückt wäre das der soziale Vergleich. SPRECHERIN Der Nachbar hat so tolle Möbel, die Schwester schon wieder neue Klamotten und der Sohn will, wie sein bester Kumpel, auch mal nach Spanien fliegen. Das alles auszusuchen, zu vergleichen, zu probieren, zu bestellen und vielleicht zu retournieren, kostet Zeit. Wobei man den Stress im Privaten noch selbst dosieren kann. Anders ist das im Erwerbsleben, dort haben viele Menschen gar keine andere Wahl, als das zunehmende Tempo mitzumachen. 14 O-TON (Bosch) Die wollen ihren Lebensunterhalt verdienen, die Miete muss bezahlt werden, man will vielleicht noch mehr, man hat eine Familie, man will auch seine Fähigkeiten nutzen und das kann man eigentlich nur innerhalb des Systems. Außerhalb des Systems können das ein paar Künstler machen, ein paar Aussteiger, die aber massive Einbußen des Lebensstandards dafür in Kauf nehmen. SPRECHERIN Deshalb machen viele das zunehmende Tempo mit. Sie hetzen durch den Alltag, versuchen Schritt zu halten, vielleicht sogar die Nase vorn zu haben im kollektiven Wettlauf gegen die Zeit. Auch wenn es einem hin und wieder so vorkommt, als finde das Rennen im Hamsterrad statt. Aber wer dreht dieses Rad eigentlich immer schneller? Was beschleunigt unser Leben? Warum muss oder will man immer mehr erledigen? Um das zu verstehen, hilft ein Blick zurück in die Geschichte. In früheren Jahrhunderten gab die Natur den Rhythmus vor, und der war deutlich langsamer. Gesät wurde im Frühjahr, geerntet im Herbst, wenn das Korn reif war. Beschleunigen ließ sich das nicht. Es gab sicherlich auch damals stressige Phasen, aber auch Zeiten der Muße. 15 O-TON (Bosch) Auch die Arbeiter in den Manufakturen hatten immer ihre Pausen, weil die Produktion hing ja ab von Windkraft und von Wasserkraft. Das lief nicht kontinuierlich. Und das hat sich dann aber geändert mit der Industrialisierung. SPRECHERIN Die Industrialisierung begann vor gut 250 Jahren. Damals fingen die Menschen an, Dinge mithilfe von Maschinen herzustellen. Anfangs waren das automatisierte Webstühle. Nach und nach gab es immer mehr Maschinen und automatisierte Abläufe. Das veränderte die Art zu arbeiten grundlegend. 16 O-TON (Bosch) Es wurden große Fabriken gebaut und der eigentliche Durchbruch kam mit der Dampfkraft und der Elektrizität, weil mit diesen Energiequellen konnte man sicherstellen, dass kontinuierlich auch rund um die Uhr und ohne große Ausfälle produziert wurde. SPRECHERIN Statt dem Rhythmus der Natur gaben nun Maschinen den Takt vor. Und der war anfangs gnadenlos. 17 O-TON (Bosch) Zwölf Stunden am Tag war üblich, sechs Tage die Woche auch. Am Sonntag wurde den halben Tag noch gearbeitet. Es gab keine bezahlten Feiertage, Urlaub eh nicht. SPRECHERIN Und noch etwas Anderes half, die Arbeit in den Fabriken zu organisieren. Eine Erfindung, die unser modernes Leben im wahrsten Sinne des Wortes „einläutete“: die Uhr. Erste Exemplare gab es schon im Mittelalter, aber mit der Industrialisierung bekamen sie eine deutlich größere Bedeutung für jeden und jede Einzelne. Denn damit konnte man zum Beispiel feste Zeiten für Arbeitsbeginn und Ende vorgegeben. Damals eine neue Erfahrung für die Menschen. 18 O-TON (Rinderspacher) Das war zunächst ein sehr großes Problem, die Arbeitsbevölkerung so zu erziehen, in Richtung Pünktlichkeit zu erziehen, dass sie dann auch pünktlich zur Arbeit kam, dass sie dann in bestimmten Zeiten auch bestimmte Dinge erledigt haben. Das ist ein großer kollektiver Sozialisationsprozess geworden. Die Umerziehung ganzer Kulturen, kann man sagen, hin zu einer industriellen Zeit-Kultur. Und dann wird die Uhr zu einem Ordnungssystem. SPRECHERIN Bevor Uhren den Takt vorgaben, traf man sich zur „Zeit der größten Mittagshitze“. Oder „vor Sonnenuntergang“. Pünktlichkeit war da Ansichtssache. Man wartete halt. Die Uhren veränderten das Erwerbs- aber auch das soziale Leben. Man konnte sich nun zu einer bestimmten Zeit treffen. Wobei anfangs noch jeder Ort seine eigene Uhrzeit hatte, die sich nach dem Stand der Sonne richtete. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das vereinheitlicht. Das Deutsche Kaiserreich schloss sich der mitteleuropäischen Zeitzone innerhalb der Weltstandardzeit an. Im Gesetzesblatt hieß es: ZITATOR Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen, verordnen im Namen des Reichs: Die gesetzliche Zeit in Deutschland ist die mittlere Sonnenzeit des 15. Längengrades östlich von Greenwich. SPRECHERIN Hintergrund dafür waren die Eisenbahnfahrpläne. 19 O-TON (Henckel) Damals war in jeder Stadt eine lokale Zeit und dann kann man natürlich die Fahrpläne nicht vernünftig aufeinander abstimmen. Und deshalb wurde die Eisenbahnzeit eingeführt, um in größeren Räumen eine Standardzeit zu haben, um das zu verbinden. SPRECHERIN Mit der Eisenbahn wurden damals zunehmend auch Waren und Güter transportiert. Es lohnte sich deshalb bald, größere Fabriken zu bauen, um mehr zu produzieren und die Waren anderswo zu verkaufen. Das veränderte wiederum die Arbeitsweise. Die Effizienz nahm zu, und gleichzeitig auch die Geschwindigkeit. 20 O-TON (Bosch) Mit der großen Fabrik entstand natürlich dann auch eine Form der Organisation, wo komplexere Arbeit in kleine Schritte zerlegt wurde und diese einfachen Tätigkeiten in hohem Tempo verrichtet werden mussten. Also was man allgemein die Verdichtung der Arbeitszeit nennt. SPRECHERIN Die Rationalisierung setzte sich nach und nach durch. Denn sie machte die Ware günstiger, was für andere Fabrikantinnen und Fabrikanten bedeutete, dass sie nachziehen mussten. Sonst drohte die Pleite. 21 O-TON (Bosch) Der Kapitalismus ist ein Konkurrenzsystem und die Unternehmen versuchen natürlich, möglichst große Marktanteile zu gewinnen. SPRECHERIN Das gelang auch über neue Maschinen – oder allgemeiner gesprochen: Innovationen. Manche davon sparten Arbeitskraft ein. Andere brachten ganz neue Produkte hervor: Autos, Flugzeuge, Waschmaschinen, Computer, Handys. Wobei sich im Laufe der Zeit auch der Innovationszyklus selbst beschleunigte. Immer schneller kamen und kommen neue Produkte auf den Markt. 22 O-TON (Bosch) Man kann sagen, dass die Innovationszyklen, also die Entwicklung neuer Produkte, sich auch beschleunigt hat. Die Einführung etwa neuer digitaler Instrumente, die geht viel schneller als die Einführung des Autos oder des Radioapparats in der Vergangenheit. SPRECHERIN Über die Jahrhunderte hinweg führte dieses System aus Rationalisieren, Innovieren, Marktanteile gewinnen, Konkurrenten abhängen zu enormen Produktivitätsgewinnen. 23 O-TON (Bosch) Unsere Produktivität ist zwischen 1870 und 1990 um 700 Prozent gestiegen. Das heißt pro Kopf 17 Mal so viel. SPRECHERIN Und deshalb haben wir heute auch ein Vielfaches an Waren und Dienstleistungen im Vergleich zu früheren Jahrhunderten. Ein modernes Leben mit einem enormen Wohlstand – aber eben auch einem deutlich höheren Tempo. Wobei es immer auch Zeiten gab, wo die Geschwindigkeit gedrosselt wurde. Denn der gnadenlose Takt der Maschinen in den Fabriken führte dazu, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter Pausen einforderten. Sie legten die Arbeit kollektiv nieder und schalteten die Maschinen ab. Es waren sprichwörtliche „Aus-Zeiten“. Und sie schlossen sich zu Gewerkschaften zusammen und kämpften für den 8-Stunden-Tag oder den freien Samstag. Man könnte auch sagen: Sie kämpften für mehr Zeitwohlstand. 24 O-TON (Bosch) Samstags gehört Papi mir. War ja nichts anderes als ein Zeitwohlstand, der wirklich auch funktioniert hat. ((Und wenn sich eine Arbeitszeitverkürzung mal durchgesetzt hat, dann stellen die Leute ihr ganzes Leben um und genießen diesen Zeitwohlstand und bauen den in ihre Lebensplanung ein. Der freie Samstag und der freie Sonntag sind ja heute selbstverständlich. Mein Vater musste noch samstags arbeiten und ich bin noch samstags zur Schule gegangen, was heute auch nicht mehr der Fall ist.)) SPRECHERIN Daneben gab es aber auch Zeiten, in denen das Tempo schneller zunahm. Oft waren es politische Entscheidungen, die den Startschuss dafür gaben. 25 O-TON (Bosch) Die Regeln des Systems haben sich so verändert, dass das System beschleunigt wurde. In den letzten Jahren also zum Beispiel die Privatisierung vieler öffentlicher Dienstleistungen. Früher war die Bahn ein Monopol Unternehmen, die Post auch. Und heute gibt es viele Konkurrenten und die setzen sich gegenseitig unter Druck. SPRECHERIN Ausbaden müssen das in erster Linie die Paketbotinnen und Paketboten. Zumindest wenn politisch nicht gegengesteuert wird, um das Tempo in der Branche zu drosseln. Ohnehin drehen sich viele politische Debatten eigentlich um Zeit, auch wenn vordergründig um Geld gerungen wird. Die Lokführer bei der Bahn zum Beispiel streikten zuletzt dafür, nur noch 35 statt 38 Stunden in der Woche arbeiten zu müssen. Auch beim Elterngeld oder der bezahlten Pflege von Angehörigen geht es letztlich um Zeitwohlstand. ((26 O-TON (Bosch) Das ist ja auch eine Form von Arbeitszeitverkürzung in einer bestimmten Lebensphase, wo man Kinder hat, und auch die Option, freie Tage für Pflege zu bekommen.)) SPRECHERIN Am Ende kann man festhalten: Es hängt alles zusammen: Die Gehgeschwindigkeit in den Innenstädten und der Wohlstand. Die Genauigkeit der Uhren und die Effizienz. Der Leistungsdruck und die rationalisierte Standard-Dienstleistung. Vielleicht sollte man es deshalb hin und wieder machen wie die Japaner: Sich Zeit nehmen und in aller Ruhe eine schöne Schleife um die Briefmarke binden. Auch wenn man dann nicht auf dem ersten Platz landet.

  7. Stanley Kubrick - Meister der Kinoklassiker

    28.03.2025 · 23 Min.

    Stanley Kubrick gilt als Meisterregisseur, der mit Titeln wie "2001 - Odyssee im Weltraum", "Uhrwerk Orange" und "Shining" Werke für die Ewigkeit geschaffen hat. Der New Yorker, Jahrgang 1928, schaffte es von den Hollywood-Studios nahezu unbegrenzte kreative Kontrolle zu erhalten. Von Florian Kummert (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Florian Kummert Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Hemma Michel, Thomas Loibl, Jerzy May Technik: Simon Lobenhofer Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Sedat Aslan, Filmwissenschaftler und Kubrick-Experte; Christiane Harlan, Ehefrau von Stanley Kubrick (Archivinterview v. F. Kummert für BR, frei verwendbar); Jan Harlan, Schwager und Assistent von Stanley Kubrick (Archivinterview v. F. Kummert für BR, frei verwendbar) Literaturtipp: Alison Castle (ed.): The Stanley Kubrick Archives (Taschen); Andreas Kilb/Rainer Rother u.a.: Stanley Kubrick (Bertz Verlag); Georg Seeßlen/Fernand Jung: Stanley Kubrick und seine Filme (Schüren Verlag) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1: R. Strauss, Also sprach Zarathustra - 1:31 Min SPRECHERIN Es gibt Momente der Filmgeschichte, in denen Musik und Bilder magisch verschmelzen, zu einem Gesamtkunstwerk, das weit mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Dann entstehen Gänsehaut-Momente, die das Publikum in ihrem Bann ziehen und sich in die Erinnerung einbrennen. MUSIK Also sprach Zarathustra kurz frei SPRECHER Der Auftakt von „2001 - Odyssee im Weltraum“ gehört dazu. Eine astronomische Konstellation baut sich auf, Mond, Erde und Sonne liegen wie aufgereiht hintereinander, erhaben, majestätisch. Und auf der Tonspur „Also sprach Zarathustra“, das Richard Strauss bereits 1896 komponiert hat. Weltraum und Strauss - seit „2001 - Odyssee im Weltraum“ für immer untrennbar verbunden. MUSIK Also sprach Zarathustra, kurz frei SPRECHERIN Ein Geniestreich von Regisseur Stanley Kubrick. Wie nur wenige andere hatte er ein Gespür dafür, die perfekt passende Musik für seine Bilder zu finden. So entstand ein einzigartiges Erlebnis für alle Sinne. „2001 - Odyssee im Weltraum“ - ein Meilenstein der Filmgeschichte. MUSIK 2: Schieflage - 18 Sek SPRECHER Das Publikum bei der Weltpremiere war allerdings ganz anderer Meinung. Stanley Kubrick erlebte einen Höllenabend, wie sich seine Frau, Christiane Kubrick, erinnert. OTON Christiane Kubrick Er wurde zur Sau gemacht und gleich so grantig und fies und voller Schadenfreude. Es war sehr - ohh - eine furchtbare Lehre für Stanley. Und alle gleich: ja, da werden nur die Menschen, die Drogen nehmen, hingehen. SPRECHER Dabei machte das Studio MGM auf den Filmplakaten selbst Werbung mit dem Slogan „Der ultimative Trip“. Viele sahen sich „2001“ mehrfach hintereinander im Kino an, ganz vorne in der ersten Reihe, ganz nah dran am psychedelischen Bilderrausch. Ältere Zuschauerinnen und Zuschauer konnten mit dem Film meist nichts anfangen. Das jüngere Publikum aber machte „2001“ zu einem Kassenerfolg, und schickte Stanley Kubrick tonnenweise Fanpost. Er schuf einen popkulturellen Mythos, der unzählige Interpretationsmöglichkeiten eröffnete. Denn in seinem Science-Fiction-Epos über die Evolution und Herkunft unserer Intelligenz hielt sich Kubrick an das Motto „Erklär nie etwas, was du selbst nicht verstehst.“ OTON Jan Harlan 1 Ich werde manchmal gefragt, ob es irgendetwas gibt wovor Kubrick Angst gehabt hätte, und halb ernst antworte ich dann: in einen Raum zu gehen mit lauter Fremden, die sich da auf ihn stürzen und nach der Bedeutung von 2001 fragen. Diese Gespräche, die scheute er sehr. Er wollte nie nach seinen Filmen gefragt werden. SPRECHERIN Sagt Jan Harlan, Schwager von Stanley und der jüngere Bruder von Christiane Kubrick. Jahrzehntelang arbeitete er als Assistent des öffentlichkeitsscheuen Regisseurs, der nur äußerst selten Interviews gab und seine Filme auch nie erklären oder interpretieren wollte. Bis zu seinem Tod 1999 hat Stanley Kubrick nur 13 Spielfilme gedreht. Viele davon sind aber einzigartige Meisterwerke, die von jeder Generation immer wieder neu rezipiert und verehrt werden: MUSIK 3: Fanfare for 2001 – 16 Sek SPRECHER 2001 - Odyssee im Weltraum SPRECHERIN A Clockwork Orange SPRECHER Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben SPRECHERIN Shining SPRECHER Full Metal Jacket SPRECHERIN Eyes Wide Shut OTON Sedat Aslan 1 Ich denke, das Wichtigste ist, dass man die Filme immer wieder neu entdecken kann, immer wieder anders lesen kann, sich auch mit steigendem Lebensalter der Blick auf die Filme, die Perspektive von einem selbst da drauf verändert. Und dass die Filme so reich sind an Gedanken, an Ideen, aber eben auch an ästhetischen Verfahren, die von einem großen Geist da hineingeflossen sein müssen, dass man eigentlich ihrer nicht überdrüssig wird. SPRECHERIN Sagt der Filmwissenschaftler und Kubrick-Experte Sedat Aslan. Ihn fasziniert, dass der heute so hochverehrte Kubrick von der zeitgenössischen Filmkritik oft heftig verrissen wurde. So nannte Pauline Kael, die Grande Dame des US-Film-Feuilletons, „2001“ einen Film von „monumentaler Ideenlosigkeit“. OTON Sedat Aslan 2 Eines der Merkmale, die Kubrick-Filme auszeichnen, ist, dass sie eben auch sich einer vorschnellen Beurteilung entziehen. Also ich denke mal, dass das zusammenhängt mit der Abkehr von einem klassischen Erzählkino. Das sind Filme, die den Zuschauer herausfordern, die ihn auch mal ratlos zurücklassen. Die sind ein ästhetisches Erleben, die nicht mit einer Gebrauchsanleitung daherkommen, sondern eben dich auch überfordern sollen. SPRECHER Mit Kubrick zu drehen, war für das gesamte Team eine enorme Herausforderung. Der Perfektionist nahm sich Zeit. Viel Zeit. Die Arbeit an „Eyes Wide Shut“ erstreckte sich über 400 Drehtage und hat einen Eintrag im „Guinness Buch der Rekorde“ als „längste durchgehende Dreharbeiten“. Viele Einstellungen ließ Kubrick wiederholen, immer und immer wieder, bis zu 127 Mal. MUSIK 4: Die diebische Elster – 30 Sek SPRECHER Für die einen war er ein Meister der Präzision, der an jedem Detail bis zur Perfektion arbeitete. Für andere war er ein Pedant, der seine Crew an die Grenzen brachte, und manchmal darüber hinaus. Jan Harlans Dokumentarfilm „Stanley Kubrick - A Life in Pictures“ beginnt mit Zeitungsausschnitten, die Kubrick mal freundlich, mal weniger freundlich beschreiben. SPRECHERIN Genial. Rätselhaft. Kontrovers. Obsessiv. SPRECHER Megalomane. Eigenbrötler. Kontrollfreak. MUSIK Rossini hoch und weg OTON Jan Harlan 2 Er war eine ganz, ganz starke Persönlichkeit. Dem konnte sich niemand entziehen. Das war ein Mann, wenn er ins Zimmer kam, dann ging das Licht an. Ein enormes Talent, ein richtiger Künstler. Es war aber gleichzeitig ein sehr schwieriger Mann. Also war keineswegs alles ganz einfach. Aber das ist nun mal so bei Künstlern, die immer wieder was Neues beginnen und immer wieder völlig andere Türen aufreißen, thematisch und aber auch in der Darstellung. Musik 5: Hypnose – 46 Sek SPRECHERIN Geboren wird Stanley Kubrick am 26. Juli 1928, im New Yorker Stadtteil Bronx. Sein Vater bringt dem Jungen früh das Schachspielen bei, das ein Leben lang zu Kubricks Passion bleiben wird. Eine weitere Leidenschaft erwächst aus dem Geschenk, das Stanley zu seinem 13. Geburtstag erhält: eine Fotokamera. Die Begeisterung für die Schule und vor allem die Hausaufgaben hält sich in Grenzen, viel lieber streunt Stanley durch Manhattan und die Bronx, um besondere Momente mit der Kamera festzuhalten. SPRECHER Am Todestag von Präsident Franklin D. Roosevelt gelingt ihm im Juni 1945 eine besondere Aufnahme: der traurige Blick eines Zeitungsverkäufers auf die Schlagzeilen, die ihn in seinem Kiosk umrahmen. Er verkauft das Bild ans „Look Magazine“, eine großformatige Zeitschrift, die vor allem mit ihren Fotostrecken eine breite Leserschaft anzieht. 16 Jahre jung ist Stanley Kubrick damals, und wird nach der High School festangestellter Fotograf bei Look. Ab 1950 dreht er erste kurze Dokumentarfilme und widmet sich immer mehr dem Filmemachen. Sedat Aslan über Kubricks erste Gehversuche in der Branche: OTON Sedat Aslan 3 Er hat sehr viele kinematografische Kompetenzen entwickelt, aus der Fotografie heraus, später dann im Film, hat sich selber Filmkameras angeschafft, 16 Millimeter-Kameras, und ist dann immer weiter durch die Beschäftigung damit zu so einem Art Wunderkind avanciert, der dann auch selbstfinanzierte Filme gedreht hat, von denen er später dann Abstand genommen hat, weil er natürlich zu dem Zeitpunkt noch nicht die Meisterschaft aufweisen konnte wie in seinem späteren Werk. MUSIK 6: Debris Field – 1:10 Min SPRECHERIN Bei seinen ersten Filmen führt er nicht nur Regie, sondern ist sein eigener Kameramann, Drehbuchautor und Editor, er kümmert sich um die Nachvertonung und um die Finanzen. Bald wird Hollywoodstar Kirk Douglas auf Kubricks Talent aufmerksam und übernimmt die Hauptrolle im Kriegsfilm „Wege zum Ruhm“, der 1957 bei München in den Bavaria-Filmstudios und rund um Schloss Schleißheim gedreht wird. SPRECHER In der letzten Szene von „Wege zum Ruhm“ tritt eine junge deutsche Kriegsgefangene auf. Sie wird auf eine Bühne gezerrt, soll vor den johlenden französischen Soldaten zur Belustigung singen. Doch je länger sie singt, desto mehr verstummen die Männer, und sie beginnen mitzusummen, mit Tränen in den Augen. Aus Feindschaft wird hier ein gemeinsames Gefühl der Humanität und der Trauer über die schier ausweglose Situation an der Front im Ersten Weltkrieg. Für die Schauspielerin, die Deutsche Christiane Harlan, und ihren Regisseur, Stanley Kubrick, wird es Liebe auf den ersten Blick. Nach Ende der Dreharbeiten heiraten sie und ziehen nach England. SPRECHERIN „Wege zum Ruhm“ verhilft Stanley Kubrick zum Durchbruch. Trotz mancher Differenzen ist vor allem Hauptdarsteller Kirk Douglas beeindruckt, der im Hollywood der 1950er und 60er Jahre auch als Produzent großen Einfluss ausübt. OTON Sedat Aslan 4 Kirk Douglas hat diesen Wunderknaben geschätzt und hat auch gesehen, dass er so eine Produktion stemmen kann. Da gibt es eine Anekdote, in der ein Schauspieler nach dem 25. Take sagt, jetzt habe ich genug, und jetzt sollten wir Mittagessen gehen und Kubrick dann sagt, er möchte noch einen Take haben und dann dieser Schauspieler unglaublich wütend wird und einen rasenden Monolog hält und Kubrick ihn aussprechen lässt und dann, als er fertig war mit seiner Tirade, sagt: „Alright, now let’s do another take“. Und das hat Kirk Douglas sehr beeindruckt, dass er gesehen hat, dass dieser junge, autodidaktische Filmemacher ebenso ein Set stemmen kann. Musik 7: Spartacus –51 Sek SPRECHERIN Kirk Douglas feuert bei seinem Großprojekt „Spartacus“ kurz nach Drehstart den ursprünglichen Regisseur, wegen künstlerischer Differenzen. Dann bietet er den frei gewordenen Regiestuhl Stanley Kubrick an. Der akzeptiert, und leitet als 31jähriger plötzlich eine millionenschwere Produktion über den Sklavenaufstand im Römischen Reich, mit Tausenden von Komparsen und Stars wie Laurence Olivier, Peter Ustinov, Tony Curtis und Jean Simmons. „Spartacus“ katapultiert Kubrick in die Liste der Top-Regisseure Hollywoods. Doch er hat kein Mitspracherecht über die finale Fassung des Films und schwört sich, nie wieder ein Projekt anzunehmen, bei dem er nicht die volle künstlerische Kontrolle hat. MUSIK 8: LOLITA YA YA (aus Soundtrack Lolita) - 54 Sek SPRECHERIN Aufrechte Helden mit Identifikationspotential - so wie noch bei „Spartacus“ - verschwinden aus Kubricks Werk. Stattdessen zeigt er eine oft kalt wirkende Welt, die auf das ewige Scheitern der Menschheit blickt. Und er scheut nicht vor riskanten Stoffen zurück. SPRECHER 1962 wagt sich Kubrick an die Verfilmung des Skandalromans „Lolita“ von Vladimir Nabokov, weicht dabei erheblich von der Buchvorlage ab und macht daraus eine mit bissigem Humor durchtränkte Geschichte über Abhängigkeit und Täuschung. Der Brite Peter Sellers schlüpft in eine prägnante Nebenrolle, wechselt darin Dialekte und Verkleidungen und begeistert Kubrick so sehr, dass er mit ihm 1964 auch den nächsten Film realisiert, die Atomkriegs-Satire „Dr. Seltsam - oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben“. SPRECHERIN Hier ist Sellers in gleich drei Rollen zu sehen: als US-Präsident, als britischer Adjutant bei den amerikanischen Streitkräften und als titelgebender Wissenschaftler Dr. Seltsam mit Nazivergangenheit und widerspenstiger Hand, die ständig mit dem Hitlergruß salutieren will. Kubrick greift das Gefühl der Unsicherheit und Paranoia mitten im Kalten Krieg auf, mischt Logik und Wahnsinn zu einer - wie er es nannte - „Albtraumkomödie“. Ein durchgedrehter amerikanischer Militär gibt den Befehl zum atomaren Angriff auf die Sowjetunion und setzt so eine absurde wie unumkehrbare Kettenreaktion in Gang. MUSIK 9: WE’LL MEET AGAIN von Vera Lynn - 26 Sek SPRECHERIN Am Ende überziehen Atompilze den Planeten, erblühen pittoresk zu den Klängen von Vera Lynns „We’ll Meet Again“. Ursprünglich als Trost-Lied für Soldaten und ihre Liebsten im Zweiten Weltkrieg geschrieben, nutzt es Stanley Kubrick als Untermalung für ein höllisches Finale. OTON Sedat Aslan 5 In seinem früheren Werk hat er schon klassisch komponierte, orchestrale Musik verwendet. Erst ab einem gewissen Punkt ging er dazu über, klassische Musik oder Popmusik zu verwenden, die auch immer stärker kontrapunktisch eingesetzt wurde oder wo es um Musik geht, die eher eine Dissonanz darstellt als eine Vermählung, was man aus dem „classical cinema“ kennt, wo quasi jede Emotion durch die Musik auch unterstrichen, vielleicht sogar vorgegeben werden soll. Das wird ja in seinen Filmen komplett aufgehoben. MUSIK 10: An der schönen blauen Donau – 19 Sek SPRECHER Musik wirkt bei Kubrick oft wie eine eigene dominante Figur. In „2001 - Odyssee im Weltraum“ schneidet er zu den Klängen des Johann Strauß-Walzers „An der schönen blauen Donau“ die Reise eines Raumschiffs zu einer sich drehenden Raumstation. MUSIK 11: Ligeti, Atmosphères – 31 Sek SPRECHER Die dissonanten Klänge des Ungarn György Ligeti nutzt Kubrick in 2001 für die halluzinogenen Bilder bei der Reise durch das Sternentor. Nachdem die Finanzierung eines lange bis ins Detail vorbereiteten, monumentalen Projekts über Napoleon scheitert, verfilmt Kubrick Anthony Burgess’ dystopischen Roman „Uhrwerk Orange“. Es wird sein kontroversester und umstrittenster Film. MUSIK 12: Title Music Clockwork Orange - 55 sek SPRECHERIN „A Clockwork Orange“ folgt den Gewalttaten von Alex und seiner Jugendbande. In weißen Hemden, Hosen und Hosenträgern, dunklen Springerstiefeln, mit Stöcken in der Hand und Melonenhut auf dem Kopf ziehen sie durch ein von brutalistischen Betonbauten geprägtes London. Tagsüber schwänzt Alex die Schule, geht in den Plattenladen und hat Sex mit Zufallsbekanntschaften. Nachts vertreibt er sich die Zeit mit Diebstahl, Vergewaltigung und sogar Mord, ehe er glückselig nach Hause kommt. Schließlich wird Alex von der eigenen Gang hintergangen und verhaftet. Im Gefängnis nutzt ihn die Regierung als Versuchskaninchen: mit einer neuartigen Therapie soll Alex so umkonditioniert werden, dass er körperliche und sexuelle Gewalt nicht mehr erträgt. OTON Malcolm McDowell 1 The thing is when it first came out, it was futuristic. People were mesmerized by the look and also the violence. VOICEOVER: Als der Film 1972 in die Kinos kam, war das Publikum wie hypnotisiert vom futuristischen Stil, aber auch von der Gewalt. SPRECHERIN Erinnert sich Hauptdarsteller Malcolm McDowell, dessen Look im Film einen großen Einfluss auf die Populärkultur der 1970er Jahre hatte, vor allem auf die Punk- und die spätere Skinhead-Szene. Die verstörende Wirkung hat „Uhrwerk Orange“ bis heute behalten. Nicht wegen der Gewaltdarstellung, sondern weil der Film auf eine moralische Stellungnahme verzichtet. Alex vertraut sich als Erzähler dem Publikum an, ist Charmeur und Monster zugleich, übt Gewalt aus und wird selbst Opfer staatlicher Gewalt, in einer zunehmend entmenschlichten Welt. Am Ende scheitert seine Therapie und er wird wieder in seine Gewalttätigkeit entlassen. OTON Malcolm McDowell 2 „Today’s audiences, they see the humor, … but at least he has the choice.“ VOICEOVER „Das Publikum heute versteht den dunklen Humor, der im Film steckt, aber auch die immer noch relevante politische Ebene. Deshalb entdeckt jede Generation „A Clockwork Orange“ für sich aufs Neue. Letztlich geht es um die Freiheit selbst bestimmen zu können. Wir mögen uns für den Weg des Guten oder des Bösen entscheiden, aber wir haben die freie Wahl.“ MUSIK 13:Title Music Clockwork Orange – siehe oben - 1:12 Min SPRECHERIN Für Kubrick wird der Film Segen und Fluch zugleich. Ein massiver Erfolg, der über Monate hinweg die Kinosäle füllt. Aber es kommt in Großbritannien auch zu Gewalttaten, die angeblich von „Uhrwerk Orange“ inspiriert sind. In der Regenbogenpresse hagelt es schwere Vorwürfe, der Film und sein Regisseur würden zu Mord und Totschlag anstiften. Kubrick erhält Hassbriefe, auch Todesdrohungen. Er hat Angst um seine Frau und Kinder, immer wieder tauchen Leute vor dem Anwesen der Kubricks auf. SPRECHER Stanley Kubrick zieht die Reißleine. Nach 61 Wochen lässt er - mit dem Einverständnis von Warner Brothers - den Film aus den britischen Kinos nehmen. Bis zu Kubricks Tod gilt „A Clockwork Orange“ in Großbritannien als „verbotener Film“, wird nicht auf der Leinwand oder im Fernsehen gezeigt und ist nur unter dem Ladentisch als illegal importierte Videokassette zu beziehen. So wächst der Mythos um den Film und seine Wirkung. MUSIK Title Music Clockwork Orange hoch und weg SPRECHER Gerade das populäre Hollywood-Kino nimmt das Publikum gerne an die Hand. Gut und Böse sind klar gekennzeichnet. Filme als moralischer Kompass, oft mit Happy End. Nicht so das Kino des Stanley Kubrick, obwohl es auch von großen Hollywood-Studios finanziert wurde. Kubrick blickt distanziert und kühl auf unseren menschlichen Daseinskampf, legt den Finger in Wunden, fordert heraus, verstört. Und schafft so Kunstwerke, die lange nachhallen. Doch für neue Projekte lässt sich der Meister jahrelang Zeit. Mit jedem Film wechselt er die Genres, deren Konventionen er zerlegt und mit dem „Kubrick-Touch“ neu zusammenfügt. MUSIK 14: Sarabande (Main Title Barry Lyndon) - 24 Sek SPRECHERIN 1975 der Historienfilm „Barry Lyndon“. Um die realistischen Lichtstimmungen des 18. Jahrhunderts auf die Leinwand zu zaubern, dreht Kubrick viele Szenen nur bei Kerzenlicht, verwendet dabei die lichtstärksten Objektive der Welt, die die Firma Zeiss eigentlich für den Einsatz bei der NASA entwickelt hat. MUSIK 15: Main Title (Shining) – 24 Sek SPRECHER 1980 der Horrorfilm „Shining“, nach der Romanvorlage von Stephen King. Kubrick entfaltet das Grauen nicht genretypisch in finsterer Nacht, sondern bei Tageslicht. In den Räumen eines einsamen Hotels in den verschneiten Rocky Mountains verfällt Jack Nicholson als Autor immer mehr dem Wahnsinn und wird zur tödlichen Bedrohung für seine Frau und seinen Sohn. MUSIK 16: Ruins (aus Full Metal Jacket) - 28 Sek SPRECHERIN 1987 der Vietnam-Kriegsfilm „Full Metal Jacket“, den Kubrick in zwei Hälften teilt: erst die gnadenlose Ausbildung von Rekruten, ihre Erniedrigung und Entmenschlichung hin zu Killermaschinen. Dann ein harter Schnitt zum Kriegseinsatz in Vietnam, wo eine Einheit von US-Soldaten in den Hinterhalt einer vietnamesischen Heckenschützin gerät. MUSIK 17: Walzer Nr. 2 -20 Sek SPRECHER Es vergehen weitere 12 Jahre, bis zu Stanley Kubricks letztem Film, dem Erotik- und Beziehungsdrama „Eyes Wide Shut“, eine ins New York der Gegenwart verlegte Version von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. In den Hauptrollen: Nicole Kidman und Tom Cruise, damals auch im wahren Leben verheiratet. (Ab hier Walzer aushallen lassen) Im März 1999, eine Woche, nachdem Stanley Kubrick die finale Schnittfassung von „Eyes Wide Shut“ fertig gestellt hat, stirbt er an einem Herzinfarkt, im Alter von 70 Jahren. Den finanziellen Erfolg von „Eyes Wide Shut“, die wie immer zwiespältigen Kritiken bei der Premiere so wie die im Lauf der Jahre immer wohlwollender werdende Neubewertung: all das erlebt Stanley Kubrick nicht mehr. Musik 18: William Tell overture – 1:07 Min. SPRECHERIN Doch sein einzigartiges und vielschichtiges Gesamtkunstwerk bleibt so präsent und lebendig wie bei nur wenigen anderen Filmemachern. Er wird analysiert, diskutiert, zitiert. Filme wie „2001 - Odyssee im Weltraum“ und „Uhrwerk Orange“ zeigen keine Altersmüdigkeit und haben über ein halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen nichts von ihrer Relevanz verloren. Das ist für Filmwissenschaftler Sedat Aslan das große Vermächtnis von Stanley Kubrick: OTON Sedat Aslan 6 „Diese Filme bieten so viel Stoff zur Diskussion und haben technisch, aber auch inhaltlich so viel zu Filmgeschichte beigetragen, dass es einen nicht ermüdet darüber zu sprechen. Und diese Filme sind geblieben, und die werden auch noch bleiben. Da ist also was da, was immer noch zu uns spricht. Ich glaube, das sind Filme, die auch noch in 100, 200 Jahren zu uns sprechen werden. Und das kann ich nicht über viele Regisseure der Filmgeschichte sagen.“ Musik aus. / STOPP

  8. Die Meeresbrandung - Ein Küsten-Schauspiel voller Überraschungen

    28.03.2025 · 22 Min.

    Brandung entsteht, wenn eine aus dem offenen Meer heranrollende Welle das flache Wasser erreicht. Die Bewegung der Welle wird am Grund gebremst; die Welle türmt sich auf, bevor sie tosend bricht ? zur Freude vieler Surfer. Den Küstenschutz stellt die Meeresbrandung allerdings vor große Herausforderungen. Von Claudia Steiner (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Ditte Ferrigan Technik: Monika Gsaenger Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Dr. Jochen Horstmann vom Helmholtz-Zentrum Hereon; Alexander Paffrath von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG); Dr. Theide Wöffler vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Ebbe und Flut - Zwischen Sonne und Mond JETZT ANHÖREN Weitere Linktipps: Wie Klimadeiche uns vor dem steigenden Meeresspiegel schützen sollen Das Erste | W wie Wissen JETZT LESEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 ( Jack Johnson: You Can’t Controll It 0‘40) / ATMO (Wellen) SPRECHERIN An der portugiesischen Atlantikküste bei Nazaré türmen sich jeden Herbst und Winter haushohe Wellen auf. Die heimischen Fischer nennen die bis zu 30 Meter hohen Monsterwellen „Witwenmacher“. ATMO (Wellen) SPRECHERIN Die einen meiden die Giganten, andere werden von ihnen magisch angezogen. Big Wave-Surfer aus der ganzen Welt lassen sich von Jetskis in die Wellen ziehen und rasen dann die steil abfallenden Wasserberge, die in Strandnähe laut krachend brechen, hinab. ATMO (Wellen) O-TON 1 (Steudtner) Es gibt für mich nichts Faszinierenderes als so eine mächtige Wand im Rücken zu haben, da runterzufahren und das durchzuziehen. MUSIK 2 ( Jack Johnson: You Can’t Controll It 0‘30) SPRECHERIN …erzählte der Nürnberger Big Wave-Surfer Sebastian Steudtner vor einiger Zeit in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Vor Nazaré, das rund 120 km nördlich von Lissabon liegt, befindet sich ein Unterwassergraben, der die Wellen zusammenführt und die Energie des Wassers kanalisiert. An der Wand des Grabens werden die Wellen gestoppt, die Länge der Wellen wird kleiner, sie wachsen in die Höhe –auch durch eine entgegenkommende Küstenströmung. Sebastian Steudtner: O-TON 2 (Steudtner) Also die Saison geht jetzt von September bis Ende März. Und in der Zeit, wenn auch immer große Wellen sind, die das Zeug haben – von den Windbedingungen her, von den Gezeiten her, von der Wellenrichtung, vom Wetter, ob’s jetzt regnet oder nicht regnet, die Sonne scheint. MUSIK 3 ( Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20) / ATMO (Wellen) SPRECHERIN Big Wave-Surfer tragen einen Airbag, so dass sie bei einem Sturz, wenn sie von tonnenschweren Wellen umhergewirbelt und unter Wasser gedrückt werden, wieder schneller an die Oberfläche kommen. Ähnlich riesige Wellen wie an der portugiesischen Küste gibt es auch vor der Insel Maui auf Hawaii, in Nordkalifornien und an der Küste von Tahiti, wo die Wellen über einem Korallenriff brechen. Big Wave-Surfen ist ein gefährlicher Sport: Anfang 2023 kam es zu einem tödlichen Unfall. Damals starb der brasilianische Extremsurfer Marcio Freire in der Brandung vor Nazaré. weiter MUSIK 3 (Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20) SPRECHERIN Wind, Wetter, Gezeiten, Strömungen, der Meeresboden, die Beschaffenheit der Küste – all das bestimmt, ob eine Brandung stark ist, oder ob die Wellen sanft an den Strand plätschern. Jochen Horstmann vom Helmholtz-Zentrum hereon in Geesthacht in der Nähe von Hamburg befasst sich mit der Oberflächendynamik der Ozeane und erklärt, wie sich Wasserteilchen in Wellen bewegen. O-TON 3 (Horstmann) Viele denken ja, dass eine Welle so eine Art Massentransport ist. Also, dass sich dieser Wellenkamm vielleicht bewegen würde. Aber letztendlich bewegt sich ein Partikel, das in der Welle oder auf der Welle schwimmt, immer nur hoch und runter und bisschen nach vorn und zurück - letztendlich auf sogenannten Orbital-Bahnen, die im tiefen Wasser Kreisbahnen beschreiben. Also so ein Korken würde dann wirklich einen Kreis beschreiben, während diese Welle da durchläuft. Und wenn es jetzt ins flache Wasser kommt, dann würde diese Kreisbahn ja unten den Boden anfangen zu spüren. Und an dem Boden wird dann die Geschwindigkeit zum Beispiel des Korkens oder eines Partikels im Wasser abgebremst. Und dadurch beschreiben die Partikel dann nicht mehr eine Kreisbahn, sondern so eher eine flachgedrückte Ellipse. MUSIK 4 (Findus Engelbrecht / Tony Delmonte: By The Ocean 0‘55) SPRECHERIN Also im tiefem Wasser – auf dem offenen Meer - sind die Bahnen der Wasserteilchen beim Passieren einer Welle fast kreisförmig, im flachem Wasser – also in Küstennähe - elliptisch. Transportiert wird vor allem Energie. Es ist ein bisschen als würde man eine Decke aufschlagen. Die Decke bleibt an derselben Stelle, der Stoff bildet Wellen. Den Effekt kann man auch im flachen Wasser beobachten, sagt Jochen Horstmann: O-TON 4 (Horstmann) Wenn man am Strand ist, im flachen Wasser, da sind oft so kleine Rippelwellen unten am Sand. Und dann sieht man, wenn man da mal reinguckt ins Wasser, (…) da sieht man wirklich, wie diese kleinen Sandpartikel immer hin und her sich bewegen, so kleine Wirbel über diesen Kämmen entstehen und das ist eben wirklich ein Effekt von den Orbitalbewegungen, die durch die Wellen induziert werden. ATMO (Wellen) SPRECHERIN Wenn heranrollende Wellen vor Küsten auf die Wand eines Unterwassergrabens, auf Korallenriffe oder auf eine Sandbank treffen, werden die Bewegungen gebremst. Jochen Horstmann: O-TON 5 (Horstmann) Durch dieses Abbremsen der Welle unten wird eben oben die Geschwindigkeit höher sein als unten. Und wenn die Geschwindigkeit oben dann die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Welle erreicht, dann ist sozusagen eines der Brecher-Kriterien erfüllt. SPRECHERIN Die Welle bricht, es bildet sich weißer Schaum und ein Wasser-Luft-Gemisch. ATMO (Wellen, Brandung) SPRECHERIN Ob Wellen sich hoch auftürmen oder eher klein sind, hängt unter anderem auch mit der Küstenform zusammen, auf die die Meeresbrandung trifft, erklärt der Experte für physikalische Ozeanographie. O-TON 6 (Horstmann) Wenn man zum Beispiel eine Bucht hätte, die ganze Wellenenergie verteilt sich dann wirklich an den Stränden in dieser Bucht – die läuft dann auseinander. Und das nennt man dann Divergenz, also die Wellen sind dann divergent. Das heißt: In der tiefen Bucht dort würde man weniger Seegang haben, während so an solchen Nasen (…) kommen die Wellen dort zusammen und dann nennt man das konvergent. SPRECHERIN Dort laufen die Wellen aufeinander zu, die Energie addiert sich – die Welle wächst in die Höhe. Und natürlich spielt es für die Größe einer Welle auch eine Rolle, welche Wellen überhaupt an der Küste ankommen, erklärt der Forscher Jochen Horstmann. O-TON 7 (Horstmann) Also man braucht eine lange Wirklänge. Sprich: ein großes Gebiet, in dem der Wind die See auffachen kann, so dass sich Wellen aufbauen können. Und man braucht auch eine lange Wirkdauer, also eine lange Dauer von dem Sturm. SPRECHERIN Die Wellen, die sich dann vor Nazaré oder auch vor Hawaii zu Giganten entwickeln, sind oft weit entfernt entstanden, bei einem Sturm mitten im Ozean – und Hunderte oder Tausende Kilometer über das Meer gewandert. Es braucht also viele Parameter, um eine starke Brandung entstehen zu lassen. MUSIK 5 ( M. Ward: Tranfiguration No 1 0‘35) / ATMO (Wellen an Küste – Badegäste am Strand) SPRECHERIN Manche Badende fühlen sich von Wellen magisch angezogen. Jeden Sommer sieht man am Meer Urlauber, die - wie im Wellenbad - den Wellen entgegenspringen und sich dann wieder Richtung Land treiben lassen. Doch viele unterschätzen die Kraft der Brandung – und die damit verbundenen Gefahren. Problematisch ist vor allem das Phänomen des Brandungssoges, sagt Alexander Paffrath von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, kurz DLRG: O-TON 8 (Paffrath) Der entsteht beispielsweise, wenn das mit den Wellen in Richtung Ufer geströmte Wasser am Meeresboden zurückläuft. Und je größer da die Wassermassen sind, also je höher die Intensität ist, die da an Energie zum Ufer transportiert wird, desto stärker kann dieser Brandungssog ausfallen. Und dann werden den in der Brandung Stehenden regelrecht die Beine weggezogen. Und gerade Kinder oder unsichere Schwimmer werden von dem Phänomen oftmals überrascht. Die landen dann halt unvermittelt im Wasser. Und dann kommt es zu brenzligen Situationen und das teilweise schon im brusttiefen Wasser. Das wird halt vielfach unterschätzt. Und ich sehe halt immer wieder im Sommer, dass dann da auch Eltern mit ihren Kindern im Spülsaum stehen und die Hand nicht am Kind haben. Und letztlich kann es dann alleine dadurch, dass man noch zupacken müsste und das Kind eben nicht dann an der Hand hat, einfach schon zu spät sein, weil die Kinder gegen diesen Sog sich nicht mehr wehren können. ATMO (Kinder im Wasser) / MUSIK 6 ( Akademisches Blasorchester München: Alfred Reed – Suite Nr. 7 0‘40) SPRECHERIN Wenn Kinder oder ungeübten Schwimmer, denen die Beine weggezogen wurden, dann wieder auftauchen, werden sie manchmal schon von der nächsten, anrollenden Welle wieder umgerissen oder überspült – denn Wellen treten in Gruppen auf. Alexander Paffrath: O-TON 9 (Paffrath) Dann kommt noch eine Panikreaktion, ein Schockmoment dazu. Und das ist halt das Problem, was da auftreten kann. Und je nachdem, wie hoch die Wellen sind, haben wir ja dann da auch noch eine gewisse Gischt. Wenn man dann in dieser Gischt einatmet, dann atmet man letztendlich auch Wasserpartikel ein. Und gerade bei einem ungeübten Schwimmer führt das einfach zu Panikreaktionen und dann im worst case auch tatsächlich zu einem potenziellen Ertrinkungsfall. MUSIK 7 ( Mathias Mersch: Oceans Deep 0‘25) SPRECHERIN Auch Gezeitenströmungen, also Strömungen, die durch Ebbe und Flut ausgelöst werden, können für Schwimmer gefährlich werden. O-TON 10 (Paffrath) Und gerade bei Ebbe kann man natürlich rausgezogen werden ins offene Meer. Und daher sind die Badezeiten an den bewachten Badestellen an der Nordsee in aller Regel auch so kurz vor oder ein, zwei Stunden vor dem Hochwasser. Das heißt also mit dem auflaufenden Wasser, sodass man in diesen Sog der Ebbe eigentlich gar nicht reingeraten kann. An allen unbewachten Badestellen sollte man es tunlichst vermeiden, dann tatsächlich ins Wasser reinzugehen. SPRECHERIN Besonders viele Rettungseinsätze gibt es für die DLRG aufgrund der tückischen Rip-Strömung, die auch unter dem Namen Trecker-Strömung bekannt ist. Dabei strömt Wasser vom Strand in Vertiefungen im Meeresboden zurück aufs Meer. Es ist eine oft mehrere Meter breite, sehr schnelle Strömung, gegen die Schwimmer nicht ankommen. Das Gefährliche: Rippströmungen können plötzlich und an unterschiedlichen Stellen auftreten – also auch an Stellen, an denen es kurz vorher noch ungefährlich war. Gerät man in diese Strömung, sollten Schwimmer keinesfalls versuchen, gegen die Strömung anzukämpfen. Die Ursache tödlicher Unfälle in Rippströmungen ist fast immer Ertrinken durch Erschöpfung. Vielmehr sollten Schwimmer quer zur Strömung aus dem Hauptstrom rausschwimmen, rät Alexander Paffrath von der DLRG: O-TON 11 (Paffrath, 7.14) Mit dem geübten Auge kann man schon einigermaßen erkennen, wo denn eine Trecker-Strömung ist. Also zum Beispiel, dass man sieht, dass in einem Bereich das Wasser aufgewühlter ist als in einem anderen. Oder die Oberfläche sieht völlig anders aus als im umgebenden Wasser, zum Beispiel im Gegensatz zur flachen Umgebung ist da dann so eine leicht gekräuselte Wasseroberfläche. Oder aber, dass die Wellen, wenn man da ein bisschen länger draufguckt, in einem anderen Winkel brechen als in dem restlichen Brandungsbereich. Aber das sind Dinge, die sind halt für Otto-Normal-Urlauber in Anführungszeichen nicht wirklich einfach zu erkennen. SPRECHERIN Nicht nur für Menschen, auch für Tiere können Stürme mit starken Strömungen und hohen Wellen tückisch werden. So wurde 2023 nach dem Sturm „Zoltan“ auf Sylt eine geschwächte Karettschildkröte angespült, die eigentlich im Mittelmeer heimisch ist. MUSIK 8 (Petra Eisend & Band: Under Water 1‘05) / ATMO (Wellen, Sturm) SPRECHERIN Auch der Küstenschutz muss die Brandung immer ganz genau im Blick haben. Denn die Wucht der Brandung ist gewaltig und kann ganze Küstenabschnitte verändern: Wellen können Sandbänke verschieben, Strandabschnitte neu anspülen oder auch abtragen. Bei jeder Sturmflut ist eindrucksvoll zu erleben, wie Wind und Wasser an den Küsten nagen. Beispiel Sylt: Die Wellen tragen den Sand an der Westküste nach und nach ab. „Der Kampf um Land und Sand ist für Sylt eine Überlebensfrage“, heißt es auf der Webseite der Insel. Theide Wöffler vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein: O-TON 12 (Wöffler) Im Mittel verlieren wir auf der Insel Sylt eine Million Kubikmeter Sand pro Jahr infolge von Brandung und auch Gezeitenströmung. SPRECHERIN Das Meer reißt Sandmassen mit sich, die zum Teil im Seegebiet zwischen Sylt und Amrum wieder abgelagert werden. Vor allem das Süd- und Nordende von Sylt sind gefährdet, die Inselenden sind am stärksten von der Erosion betroffen. MUSIK 9 (Claude Debussy: 2.Satz aus Sonate F-Dur 0‘45) /ATMO (Wind Wellen) SPRECHERIN Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts unternahmen die Bewohner von Sylt erste Versuche, ihre Insel vor der Brandung zu schützen. Damals wurden sogenannte Buhnen errichtet. Das waren zunächst Holzpfahlbuhnen, später dann auch Stein-, Stahlspundwand- und Betonpfahlbuhnen, die in langen Reihen rechtwinklig zur Küste ins Meer geschlagen wurden. Diese sollten die Brandungs- und Gezeitenströmungen vom Ufer fernhalten. Sehr effektiv ist diese Methode auf Sylt allerdings nicht gewesen. Eine nachhaltige Verminderung des Küstenrückganges konnte durch die Buhnen nicht erreicht werden. Daher wurden die Buhnen an der Westküste von Sylt in den letzten Jahren fast vollständig zurückgebaut. ATMO Möwen / MUSIK 10 ( Astor Piazzolla: Vuelvo al sur 0‘45) SPRECHERIN In Westerland wurde eine Ufermauer errichtet – doch die Erosion ist stark, immer wieder stehen aufwändige Reparaturarbeiten an. Um Landabbrüche an der Westseite der 38 Kilometer langen Insel zu verhindern, wurden ab den 1960er Jahren am Strand von Hörnum im Süden von Sylt Tetrapoden ausgebracht – das sind riesige, vierfußige Steine aus Beton. Mit Hilfe von Tetrapoden wird vor der Küste eine Art künstliches Riff geschaffen, erklärt Jochen Horstmann: O-TON 13 (Horstmann) Die sorgen für immense Turbulenzen. Dann brechen die Wellen zusammen und brechen sich dann an diesen Tetrapoden, die ja auch aus Beton sind und deshalb den Kräften gut widerstehen können, dass wird oft gemacht, insbesondere auch an den Küsten von Taiwan, aber auch vor Sylt gibt es Tetrapoden. SPRECHERIN Die Wellenbrecher aus Beton sind mit rund sechs Tonnen allerdings so schwer, dass sie je nach Untergrund einsinken und dann nicht mehr den gewünschten Effekt erfüllen. Auch auf Sylt stecken einige der Riesensteine schon tief im Sand. Damit Sylt nicht weggespült wird, werden auf der Insel zusätzlich seit 1972 Sandaufspülungen vorgenommen. Dabei entnehmen Baggerschiffe etwa acht Kilometer vor der Westküste ein Sand-Wasser-Gemisch und pumpen dies über Rohrleitungen an den Strand. Das Wasser fließt ab, der Sand bleibt zurück und wird von Bulldozern verteilt. Am Meeresboden bleiben Vertiefungen zurück. Theide Wöffler. O-TON 14 (Wöffler) Bei den Sandvorspülungen haben wir auch ein wenig die Strategie in den letzten Jahren verändert. Also wenn man sich anguckt, wie am Anfang der Sandvorspülung gearbeitet wurde: Da wurde eine große Menge Sand auf einen Strandabschnitt vorgespült. Und in den letzten Jahren sind wir einfach zielgerichteter geworden, was die Sandvorspülung angeht. Also das heißt: Wir verteilen unsere Sandmengen auf eine größere Länge des Strandabschnitts, also weniger Sand, verteilt auf einen längeren Strandabschnitt und setzen so den Sand zielgerichtete ein. ATMO (Wellen auf Meer) SPRECHERIN Vor Sylt befindet sich etwa 300 bis 400 Meter vor der Küste ein natürlicher Wellenbrecher, ein Sandriff. Es ist ein dynamisches Gebilde, dass sich durch die Brandung immer wieder verändert. Theide Wöffler. O-TON 15 (Wöffler) Also dieses Sandriff wandert auch im Laufe des Jahres auf die Küste zu und entfernt sich auch wieder. Also in Abhängigkeit der Wellengröße, wandert dieses Sandriff in den Herbst und Wintermonaten etwas weiter nach draußen. Und in ruhigeren Monaten, wandert dann dieses Sandriff näher auf die Küste zu. Und das hat eine ganz entscheidende Funktion für den Küstenschutz auch. Also ist eine Art natürlicher Wellenbrecher, den wir vor der Insel Sylt einfach liegen haben – in Form dieses Sandriffs. SPRECHERIN Auf Sylt wird aber auch vor dem Strand – also im Meer - Sand aufgespült und so das vorgelagerte Sandriff verstärkt. Dadurch wird die Brandung abgeschwächt, bevor sie auf Land trifft. In der Fachsprache heißt diese Maßnahme Vorstrandaufspülung: O-TON 16 (Wöffler) Das heißt, wir spülen den Sand nicht mehr auf den Strand vor, sondern verstärken das Riff vor dem Strand und verklappen dort den Sand auf der seewärtigen Seite des Riffs. Und haben da einfach die positive Erfahrung gemacht, dass durch diese Riff-Verstärkung die Strände sich dahinter einfach sehr stabil verhalten und wir so letzten Endes eine wirtschaftlichere Methode haben, den Strand zu schützen. ATMO (Meer) / MUSIK 11 ( Astor Piazzolla: Vuelvo al sur 1‘00) SPRECHERIN An Land soll mit Sandfangzäunen, die oft aus Birken oder Weiden gebaut werden, der Sand gehalten werden. Dazu werden Reisigbündel in den Sand gesteckt, so dass Zäune entstehen, in deren Windschatten sich der Sand ablagern soll. Auch mit dem Anbau von Strandhafer auf den Dünen wird versucht, Sandflug zu vermeiden. Ammophila arenaria – so der lateinische Name von Strandhafer - hat bis zu fünf Meter tiefe Wurzeln. Die Wurzeln der Pflanzen verflechten sich zu einem unterirdischen Netz, das die Düne und den Sand festhält. Gerade nach neuen Sandaufspülungen werden Sandfangzäune gebaut, damit der mühsam ausgebrachte Sand nicht gleich wieder vom Wind weggeweht wird. Wenn Wellen auf Land treffen, sind Dünen das erste Bollwerk gegen die Brandung. ATMO (Wellen) SPRECHERIN Seegang und Wellenschlag gefährden auch die Deiche, die Küstenbewohner vor Überflutungen schützen sollen. Bereits jetzt wohnt in Schleswig-Holstein etwa ein Drittel der Einwohner in potenziell überflutungsgefährdeten Gebieten. Angesichts des Klimawandels steht der Küstenschutz vor neuen Herausforderungen, so Theide Wöffler vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz: O-TON 17 (Wöffler) Also eines ist sicher, dass infolge des Klimawandels der Meeresspiegel weiter ansteigt. Und ganz sicher ist dann auch, dass zukünftige Sturmfluten auf diesen gestiegenen Meeresspiegel aufsatteln, also sprich: der Meeresspiegelanstieg von einem Meter und dementsprechend laufen dann zukünftige Sturmfluten auch mindestens einen Meter Höhe auf. Und dann haben wir es natürlich auch noch damit zu tun, dass in größeren Wassertiefen auch ja einfach eine größere Seegangs-Energie steckt. Also es können sich größere Wellen bilden in tieferem Wasser. Die Wellen können eine größere Periode haben. Und somit haben wir es dann einfach mit einer größeren Brandung-Energie zu tun, die auf unsere Deiche und auf unsere Küsten trifft. SPRECHERIN Deshalb werden in Schleswig-Holstein die Deiche verstärkt und ausgebaut. Die sogenannten Klimadeiche sind höher, breiter und flacher. Theide Wöffler: O-TON 18 (Wöffler) Das Profil verfügt über eine wesentlich breitere Deichkrone, auf die dann die nachfolgenden Generationen eine sogenannte Kappe aufsetzen können - mit vergleichsweise geringem Aufwand. Und die nächste Generation, die den Deich dann wiederum verstärkt, kann dann halt - wenn sie diese Kappe aufgesetzt haben - einen Meeresspiegelanstieg von 1,5 Meter schon mal entgegenwirken, (…) dadurch, dass einfach der Deich so breit jetzt ausgestaltet ist, dass man dann letzten Endes nur noch eine Kappe obendrauf setzt. Und dann gibt es noch die zweite Ausbauoption bei diesem Klimadeich, das dann wiederum das Profil noch mal abgeflacht werden kann, dass letzten Endes dann auch wiederum mit sehr gering bautechnischen Aufwand Wasserstände bei einem Meeresspiegel von bis zu zwei Meter gekehrt werden können. Also das ist so das neue Deichprofil, was wir in Schleswig-Holstein umgesetzt haben und was es dann den nachfolgenden Generationen erleichtert, mit dem Meeresspiegelanstieg umzugehen. SPRECHERIN Einer der ersten Klimadeiche wurde 2016 auf Nordstrand im Kreis Nordfriesland fertig gebaut. Dafür wurde der Deich auf zweieinhalb Kilometern um 70 Zentimeter erhöht und um zweieinhalb Meter verbreitert. Auch in anderen Gegenden an der Küste wurden Deiche schon verstärkt. MUSIK 12 ( Die Fantastischen Vier – Tag am Meer 1‘20) SPRECHERIN Nicht nur die deutsche Küste und Inseln in der Nord- und Ostsee, weltweit sind viele Regionen gefährdet – durch den steigenden Meeresspiegel, höher auflaufende Sturmfluten, höhere Wellen, zunehmende Wetterextreme und geänderte Strömungs- und Tidebedingungen. Viele Inselstaaten auf der Südhalbkugel sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Weltweit versuchen deshalb Forscher, die Entstehung von Wellen, Strömungen und die Brandung besser zu verstehen, um mögliche Folgen besser einschätzen und die Küsten noch besser schützen zu können. MUSIK / ATMO (Wind, Wellen)

  9. Fische in Bayern - Wie geht es ihnen?

    27.03.2025 · 23 Min.

    Nährstoffmangel, giftige Algen und die Klimaerwärmung machen den Fischen in Bayern zu schaffen. Auch Kormorane oder Gänsesäger setzen den Beständen zu. Vom Fischfang allein kann an den Seen niemand mehr leben. Von Claudia Steiner Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Rahel Comtesse Technik: Josef Angerloher Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Dr. Jürgen Geist, Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie an der TUM in Freising Susanne Huber, Fischwirtschaftsmeisterin in St. Heinrich am Starnberger See Dr. Michael Schubert, Institut für Fischerei in Starnberg Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Fische - Die unterschätzen Lebewesen JETZT ENTDECKEN Der Aal - Ein Fischer voller Rätsel JETZT ENTDECKEN Aquakulturen - Fluch oder Segen? JETZT ENTDECKEN Meerestiere im Klimawandel - Wenn das Wasser immer wärmer wird JETZT ENTDECKEN Der Fisch im Menschen - Unser evoltuionäres Erbe JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Institut für Fischerei HIER Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie, TUM HIER Bayerisches Landesamt für Umwelt, Kormoranmanagement HIER Bayerisches Landesamt für Umwelt, Fische HIER Verbraucherportal Bayern, Heimischer Fisch HIER ARD Mediathek: Fischmangel - Wie retten wir unsere Flüsse HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Susanne Huber ist Fischwirtschaftsmeisterin am Starnberger See. Eben hat sie noch einmal zwei Sätze ausgebracht – so nennt man die aneinander geknoteten Netze. Nun heißt es warten. Die Fischerin aus St. Heinrich hofft, dass am nächsten Morgen einige Karpfen in ihren Netzen zappeln. O-TON 1 Ich habe jetzt heute einen relativ guten Tag gehabt. Schön. Also man spricht sich ja mit den Kollegen ab. Man weiß dann schon immer: 25 Stück können super sein, wenn man Kollegen hat, die einfach mit null heimfahren. 25 Stück können super mies sein, wenn der Kollege neben einem 60 hat. Da muss man halt schauen: Was hat der anders gemacht? Oder man hat einfach Pech. Man hat auch Wochen, in denen man einfach immer daneben liegt, einfach ein Stück daneben. Es ist brutal frustrierend. SPRECHERIN 2024 war am Starnberger See ein nicht allzu erfolgreiches Jahr für die gut 30 Berufsfischer. Manchmal blieben die Netze leer. ATMO (Wasserplätschern) SPRECHERIN Warum es für Fischer starke und manchmal schwache Jahre gibt, ist oft unklar – auch für Profis wie Susanne Huber. Denn die Fortpflanzung, das Wachstum und die Entwicklung von Fischen hängen von vielen Faktoren ab: Der Wassertemperatur, dem Algenwachstum, dem Fraßdruck und auch den Nährstoffen. ATMO (See) SPRECHERIN Beispiel Renken. Der beliebte Speisefisch gehört zur Familie der lachsartigen Fische. Regional werden sie auch Felchen oder Maränen genannt. Im Bodensee, aber auch in anderen Seen, variierte ihre Größe über die Jahrzehnte erheblich. Professor Jürgen Geist vom Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie an der Technischen Universität München in Freising. O-Ton 3 Es ist dann im Laufe der Zeit so, bis zu den 70er-Jahren 80er-Jahren sind immer mehr Nährstoffe, vor allem Phosphat, eingetragen worden in das Gewässer. Die Phosphatkonzentration ist fast um den Faktor zehn dort angestiegen und das hat die Produktivität natürlich erhöht. Das heißt, die Renken sind dort deutlich schneller gewachsen, was natürlich aus Sicht zum Beispiel der Berufsfischerei sehr erwünscht war, was aber andere Probleme in Bezug auf die Wasserqualität nach sich gezogen hat. SPRECHERIN Die Renken wurden damals zwar schnell groß, doch die Startbedingungen für die Fische wurden immer schwieriger. Renken legen ihre Eier nämlich im Freiwasser ab. Die Eier sinken auf den Gewässergrund und sind darauf angewiesen, dass dort genügend Sauerstoff vorhanden ist. Jürgen Geist: O-TON 4 In diesen Zeiten des Nährstoffreichtums hat es häufig in Gewässern wie in den Bodensee natürlicherweise gar nicht mehr geklappt. Man hat also Brutanstalten gebaut. Hat diese Renken dann dort künstlich vermehrt, hat also die Laichfische gefangen, die Geschlechtsprodukte gewonnen, hat diese Fische aufgezogen und dann wieder ausgesetzt. Musik: Delicate information 0‘31 SPRECHERIN Inzwischen ist die Wasserqualität in vielen bayerischen Seen sehr gut, der Phosphorgehalt viel geringer als früher, als Waschmittel bei uns noch phosphathaltig waren. Gut für die Wasserqualität, nicht so gut für das Nahrungsangebot für Fische. Vor allem weil ein Element, nämlich Stickstoff über die Atmosphäre, das Grundwasser und die Landwirtschaft weiter in die Gewässer gelangt, erklärt Michael Schubert vom Institut für Fischerei in Starnberg. O-TON 5 Das Verhältnis von Phosphor zu Stickstoff passt eben nicht mehr so. Denn Stickstoff ist übernatürlich viel noch im Gewässer, und somit wächst eben nicht mehr diese Nahrung heran, was die Renken gerade brauchen: Plankton. Deswegen beobachtet man auch seit vielen Jahren eben, dass die Renken, um die geht es in Bayern hauptsächlich, dass die deutlich schlechter wachsen. SPRECHERIN Das beobachtet auch Susanne Huber, deren Familienbetrieb „Beim Fischer“ seit 1811 besteht. O-TON 6 Es gibt Jahre, da haben sie fast kein Futter. Man weiß aber nicht, wo die Ursachen liegen. Ist es jetzt nur die Strömung, nur der Nährstoffgehalt, das Wetter oder die Kombi? (…)Wir hatten es heuer im frühen Frühjahr so, dass wir bisschen Fische gefangen haben, weil es ein bisschen Futter geben hat. Dann kam der nächste Wind. Dann war das Plankton wieder weg. Plankton schwebt ja. Wind. Strömung. Aus. Vorbei. Eine Woche warten. Also, es ist unheimlich filigranes, empfindliches Gleichgewicht. ATMO (Fluss-Atmo, Schallarchiv) SPRECHERIN Und dieses Gleichgewicht wird immer öfter gestört, nicht nur in Seen, sondern auch in Flüssen, sagt der Wissenschaftler Jürgen Geist. O-TON 7 Der Zustand der Fische in Bayern (…) ist schon besorgniserregend, kann man sagen. Wir sehen, dass viele Arten, die früher wirklich Allerwelts-Arten waren, die sehr häufig waren, sehr stark zurückgegangen sind. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Arten, die häufiger geworden sind. Und wenn man das mal vergleicht oder analysiert, was sind denn die Eigenschaften, die dazu führen, dass Arten stark zurückgehen oder was sind Eigenschaften, die dazu führen, dass Arten stark zunehmen, dann kann man sehr schnell erkennen, wo die Knackpunkte liegen. Musik: Take off 0‘50 SPRECHERIN Ein Blick auf die Fließgewässer, also Flüsse wie die Donau, den Inn oder die Isar. Aufgrund des Klimawandels kommt es vermehrt zu Starkregenereignissen. Dadurch werden mehr Sedimente in die Flüsse gespült, die sich auf das kiesige Substrat am Grund legen. Die Folge: Es gibt immer weniger Zwischenräume im Kies für die Eier von Huchen, die ausgewachsen mehr als einen Meter lang werden können, oder Äschen, die nur etwa halb so lang werden. Wenn sich die Lebensbedingungen so stark verändern, klappt es oft nicht mehr mit dem Fisch-Nachwuchs. ATMO (Wasserrauschen Schallarchiv) SPRECHERIN Hinzu kommt: Diese hochspezialisierten Arten sind an starke Strömungen angepasst. Sie mögen frisches, kühles Wasser. Doch inzwischen werden viele Flüsse gestaut, im Oberwasser nimmt dadurch die Strömung ab. Die Bauten in den oft begradigten und ausgebauten Fließgewässern sind für junge Fische, aber besonders auch für wandernde Arten ein Problem. Sie können nämlich die künstlich geschaffenen Barrieren nicht überwinden. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts – als man in Bayern noch Flusslandschaften mit weit verzweigten Armen, Schotterbänken und Kiesflächen fand - gab es örtlich sogar noch Lachse und Störe. Michael Schubert. O-TON 8 Verschwunden sind so die Langdistanz-Wanderfischarten. Also Lachse gibt es natürlich in Bayern nicht mehr im fränkischen Gebiet. Auch die Störe sind weg, weil die mit dem ersten Wehr, mit dem ersten Kraftwerk, das gebaut wurde, eigentlich den Zuzug nach Bayern nicht mehr geschafft haben. SPRECHERIN Inzwischen findet man mehr als 4.200 Wasserkraftanlagen im Freistaat. In der Donau zum Beispiel gibt es im Schnitt alle vier Kilometer einen Staubereich, sagt Jürgen Geist. O-TON 9 Wenn jetzt ein Querbauwerk, also ein Damm in ein Fließgewässer gebaut wird, dann verändern sich natürlich diese Bedingungen. Die Strömungsgeschwindigkeit sinkt oberhalb des Damms ab, (…) das Geschiebe und Sediment wird nicht mehr transportiert, sondern lagert sich ab. Es kommt zur Verschlammung, und es kann natürlich auch dazu kommen, dass sich solche Gewässerbereiche stärker erwärmen als das in einem fließenden System der Fall wäre. Die Lebensgemeinschaften stellen sich darauf ein, und wir sehen dann eben, dass die Arten, die eigentlich auf diese strömenden Fließgewässer spezialisiert wären, dass die verschwinden oder zumindest weniger werden in diesen Systemen. Und auf der anderen Seite Arten, die man eigentlich gar nicht in diesen Fließgewässer-Regionen finden würde, hochrückige Arten wie der Karpfen, (…) dass die dann plötzlich eben in solchen Staubereichen auch vorhanden sind. SPRECHERIN Nicht nur Karpfen, auch Waller profitieren von den veränderten Lebensbedingungen. Waller, die am Maul markante Barteln haben, fressen andere Fische, Schnecken, Krebse oder auch Insekten und können Rekordlängen über zwei Meter erreichen. ATMO (Wasserkraft, Schallarchiv) Musik: Secret proofs 0‘42 SPRECHERIN Wasserkraft gilt als umweltfreundliche Energiegewinnung. Für die meisten Fische aber ist die Passage lebensgefährlich. So können Druckveränderungen die Schwimmblase platzen lassen. Das Organ dient Fischen unter anderem zur Stabilisierung im Wasser. Kommt es zu direktem Kontakt mit den Turbinenschaufeln werden die Tiere verletzt oder gar getötet. Dokumentiert sind leichtere Verletzungen wie Schuppenverlust, aber auch Einblutungen an den Augen, Quetschungen, Wirbelbrüche und das Abtrennen von Körperteilen. Viele Wasserkraftwerke wurden nachgerüstet. Neue Anlagen sollen die Fische noch besser schützen. Doch die Passage bleibt gefährlich, sagt Jürgen Geist, der unterschiedliche Anlagen untersucht hat. O-Ton 10 Wir haben gesehen, dass auch bei einigen der innovativen Wasserkraftanlagen deutliche Sterblichkeiten auftreten. Ja, die bewegen sich im optimalsten Fall im einstelligen Prozentbereich direkter Sterblichkeit der Fische bei der Passage von solchen Anlagen, können aber auch deutlich über 40, bei manchen Arten und Größenklassen sogar bis 50, 60, 70 Prozent liegen. SPRECHERIN Besonders groß ist die Gefahr für den Aal mit seinem schlangenhaften Körper. Aale schlüpfen in der Sargassosee östlich von Florida. Die jungen Fischlarven treiben mit den nordatlantischen Strömungen bis vor europäische Küsten, leben im Süßwasser und wandern Jahre später zur Fortpflanzung gut 8.000 Kilometer zurück in die Sargassosee. Um Verletzungen zu vermeiden, werden vor den Wasserkraftwerken oft sogenannte Feinrechen angebracht, also eng beieinander stehende Stäbe. Sie sollen größere Fische abhalten. Doch Wissenschaftler haben beobachtet, dass es viele Arten trotzdem schaffen, sich durch die Stäbe zu quetschen. Für kleinere Fische stellen die Rechen sowieso keinen Schutz dar, betont Jürgen Geist. O-TON 12 Wenn man sich mal die Größenverteilung von Fischen in einem Gewässer anschaut, dann ist es einfach aufgrund der Gesetzmäßigkeiten, der Nahrungspyramide (…) so, dass die überwiegende Mehrzahl der Individuen relativ klein ist und nur sehr wenige sehr groß sind. Diese großen Individuen, die können geschützt werden, durch solche Rechen. Aber der überwiegende Anteil dieser kleineren Fische ist in der Lage, diese Anlagen zu passieren. SPRECHERIN Eine andere Möglichkeit, um Verletzungen zu vermeiden, ist das Abschalten der Turbinen zur Hauptwanderzeit. Teilweise werden den Fischen auch sichere Bypässe angeboten, also Umgehungswege, die um Kraftwerke führen. Zudem wird mithilfe von Artenhilfsprogrammen immer wieder versucht, bedrohte Fischarten zu züchten und wieder anzusiedeln – doch das gelingt nur, wenn das Habitat passt. ATMO (Wind, Wasser, See) Musik: climate change A 0‘22 SPRECHERIN Auch der Klimawandel setzt den heimischen Fischen zu. Flüsse führen im Sommer oft nur wenig Wasser, das Wasser erwärmt sich schneller, der natürliche Lebensraum wird kleiner. Auch die Wassertemperaturen in Seen nehmen zu. Vor allem kleinere, nicht so tiefe Gewässer überhitzen. Michael Schubert. O-TON 13 Das große Problem ist, dass die Fische wechselwarm sind. Also sie können nicht wie wir ihre Temperatur regulieren. Sie sind also auf die Umgebungstemperatur angewiesen. Dementsprechend wenn es zu warm wird, müssten sie auch dem ausweichen. SPRECHERIN In tieferen Seen haben kälteliebende Fische wie Renken die Möglichkeit, nach unten, in kühlere Bereiche abzuwandern. Doch dann tummelt sich eine große Zahl von Fischen in bestimmten Wasserschichten und konkurriert dort um Nahrung und Sauerstoff. In kleineren, flachen Seen ist ein Ausweichen dagegen nur schwer möglich. Hitze bedeutet Stress für die Tiere. Auch nimmt in heißen Sommern oft der Sauerstoffgehalt des Wassers dramatisch ab. In kleinen Seen rücken dann Feuerwehren an, die mit Pumpen Wasser entnehmen und über Werfer wieder in das Gewässer zurückleiten. Manchmal sind – wie am Weßlinger See im Landkreis Starnberg – auch feste Anlagen installiert. Durch das Aufwirbeln soll das Wasser mit Sauerstoff angereichert und die Umwälzung verbessert werden MUSIK: Prayer wheel (red) 0‘52 SPRECHERIN Höhere Temperaturen verändern aber auch in tieferen Seen das filigrane Gleichgewicht. Der Starnberger See ist bis zu 128 Meter tief, der Bodensee bis zu 251 Meter. Vier Grad kaltes Wasser ist am schwersten und befindet sich am Grund. Je wärmer das Wasser, desto geringer die Dichte, desto stabiler die Schichtung. Im See bilden sich deshalb unterschiedliche Wasserschichten aus. Im Hochsommer kann sich das oberflächennahe Wasser im Starnberger See auf bis zu 26 Grad erwärmen. Normalerweise werden die unterschiedlichen Schichten im Herbst und Frühjahr – unterstützt durch Stürme - durchmischt. Frischer Sauerstoff gelangt in die Tiefe. Doch die Sommer sind länger und heißer als früher, die Winter milder. Michael Schubert: O-TON 14 In so tiefen Seen wie dem Starnberger See oder Bodensee durchmischt sich das Wasser nicht mehr so häufig und so gut, wenn das Wasser eben durch diesen Klimawandel zu lange warm ist und sich zu stark einschichtet. ATMO (Badende) SPRECHERIN Eine weitere Gefahr: Langanhaltend hohe Temperaturen, viel Sonnenschein und wenig Wind fördern das Algenwachstum. Kommen dann noch Nährstoffe aus landwirtschaftlicher Düngung in die Gewässer, kann das zu einer Massenentwicklung der sogenannten Blaualgen führen. Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Algen, sondern um Cyanobakterien. Diese Bakterien bilden im Wasser grüne Schlieren und produzieren Gifte. Bei hoher Konzentration können die Toxine bei Badenden unter anderem Hautreizungen verursachen. Fische verenden. ATMO (Wind, Wellen – Schallarchiv) Musik: Surgery 0‘37 SPRECHERIN An einigen bayerischen Seen wird angesichts des Klimawandels inzwischen über Seethermie nachgedacht. Das Prinzip: Warmes Wasser wird entnommen, die Wärme zum Heizen genutzt und das kalte Wasser wieder zurückgeleitet. In Prien am Chiemsee soll so zum Beispiel ein Thermalbad geheizt werden. Laut Planern kann man auf diese Weise knapp 100 Tonnen CO2 im Jahr einsparen. Auch am Ammersee, Starnberger See und Tegernsee gibt es entsprechende Überlegungen. Jürgen Geist: O-TON 15 Vom Prinzip her hört sich das ja zunächst mal logisch an und auch nach einer guten Idee an. Dass man sagt, wenn die Gewässer ohnehin wärmer werden, warum sollte man das nicht nutzen und zeitgleich sozusagen eine Maßnahme haben, wie man hier auch wieder eine Abkühlung schaffen kann in dem Gewässer. In der Realität ist es aber natürlich deutlich komplexer, weil man das noch einmal in der Wirkung während verschiedener Jahreszeiten beleuchten muss. Weil man das im Fall der Seen auch beleuchten muss vor dem Hintergrund, wie verändert das diese grundlegenden Prozesse in den Seen. Und da haben wir aus der Praxis heraus schon häufig Erfahrungen gemacht in unseren fischbiologischen, gewässerökologischen Projekten, dass eben die Theorie und die Praxis sich dann doch manchmal unterscheiden. ATMO (Segelflattern, paddeln, Badegäste) SPRECHERIN Seen wie der Starnberger See, der Ammersee oder der Chiemsee sind bei Freizeitsportlern beliebt. An sonnigen Tagen tummeln sich Hunderte Badende, Stand Up-Paddler, Wind- und Kite-Surfer, Ruder-, Tret- und Segelboote auf den Voralpenseen. Der Freizeittourismus kann zum Problem für die Fischbrut werden, sagt Michael Schubert vom Institut für Fischerei. O-TON 16 Die halten sich halt über einen artspezifischen Zeitraum in ganz, ganz seichten Regionen auf, das sind wenige Zentimeter teilweise. Weil sie’s recht warm lieben. Und wenn man da rumtrampelt, möchte ich schon sagen, ist es halt schon ein Problem, weil die Fische entweder wirklich zertrampelt werden oder auch einfach dauernd aufgescheucht. Musik: Obscure intrigue 0‘54 SPRECHERIN Auch besteht die Gefahr, dass durch die Schifffahrt in Flüssen und durch Wassersportler an Seen invasive Arten eingeschleppt werden. Am Bodensee zum Beispiel bereitet Biologen die Quagga-Muschel Sorgen. Sie wurde möglicherweise über Boote eingetragen, vielleicht auch durch Vögel. Ursprünglich ist die Muschel mit der gestreiften Schale im Aralsee und dem Schwarzmeerraum beheimatet. Am Bodensee breitet sich die invasive Art inzwischen stark aus und stellt zunehmend eine Gefahr für andere Lebewesen dar. Die Muschel filtert Plankton aus dem Wasser – so dass Fische oft nicht mehr genügend Nahrung finden. Berufsfischer beklagen zudem, dass sich die Quagga-Muschel in Reusen, Leinen und Netzen festsetzt. Am Starnberger See wurde die Muschel nicht nachgewiesen – noch nicht. Michael Schubert. O-TON 17 Wahrscheinlich muss man so realistisch sein. Irgendwann wird diese Art überall vorhanden sein. Sie können sich vorstellen, mit diesen Stand-up-Paddlern und wer alles Kreuz und quer unterwegs ist und sein Sportgerät vom Wasser zu Wasser transportiert. Das kann man fast wahrscheinlich nicht mehr aufhalten. SPRECHERIN Auch Fischerin Susanne Huber ist alarmiert: O-TON 18 Wir haben im übertragenen Sinne die Quagga-Muschel vor der Tür stehen. Und wenn wir die im See haben, (…) am Bodensee und auch in den Schweizer Seen wächst die halt unheimlich, dann haben wir noch mal einen Futterkonkurrenten für die Renken und nochmal ein Tier, das sich ohne Feind vermehren kann. SPRECHERIN Die Quagga-Muschel wird zwar von Sandfelchen, Schleien und auch von Rotaugen gefressen – doch nicht in ausreichender Menge. Studien gehen davon aus, dass sich die Muschel im Bodensee weiter ausbreiten wird. Es werden Verhältnisse wie im US-amerikanischen Lake Michigan befürchtet. Dort stellt die Muschel inzwischen 90 Prozent der Biomasse. ATMO (Angelrute auswerfen – Schallarchiv) Musik: Undercover investigations red 0‘24 SPRECHERIN Probleme bereiten auch überschüssige Köderfische oder auch freigelassene Tiere aus Aquarien. Auch sie können eine Gefahr für die heimische Fauna darstellen. So verdrängen Sonnenbarsche, die ursprünglich aus Nordamerika stammen und als Zierfische populär sind, Flussbarsche. Fischerin Susanne Huber: O-TON 19 Man hat ab und zu mal irgendwelche, wirklich komischen Fische, die nicht hergehören. Und wenn man jetzt vermeintlich irgendein Fischlein aus einem Teich, aus einem Gartenteich, aus einem Aquarium in den See setzt, um das arme Fischlein am Leben zu halten, dann richtet man vielleicht eine ganze Population im See zugrunde. ATMO (Kormorane – Schallarchiv) SPRECHERIN Eine weitere Gefahr für heimische Fische - Fraßdruck zum Beispiel durch Kormorane. Der Fisch fressende Beutegreifer war in den 1920er Jahren in Mitteleuropa fast ausgerottet. 1979 wurde der dunkel bis schwarz gefärbte Vogel mit dem langen Hals unter Schutz gestellt. Laut Bayerischem Landesamt für Umwelt wuchs die Zahl der brütenden Paare in Bayern seit den 1980er Jahren an. In den letzten Jahren wurden - mit Schwankungen – um die 600 Brutpaare gezählt. Fischwirtschaftsmeisterin Susanne Huber: O-TON 20 Ich glaube, dass die ganzjährigen Kormorane bei uns am See nicht so schlimm sind oder nicht so gravierend wie zum Beispiel am Ammersee. Die haben halt auch Brutkolonien. Aktuell haben wir einen Schwarm Kormorane da. Ich glaube, das waren so 200 Stück. Und wenn ich mir dann überleg, wieviel die fangen. Musik: Rivalry fight 0‘32 SPRECHERIN Denn die Zugvögel sind geschickte Jäger, die sich gemeinschaftlich auf Beutefang machen. Während ein Teil der Vögel durch Flügelschlagen einen Fischschwarm zusammentreibt, fischt der andere Teil. Nach einiger Zeit wechseln sich die Gruppen ab. Um fischereiwirtschaftliche Schäden abzuwenden, dürfen Kormorane zu bestimmten Zeiten außerhalb von Naturschutzgebieten, Nationalparks und Vogelschutzgebieten in der Nähe von Gewässern abgeschossen werden. ATMO (Wasser, Wind) SPRECHERIN Noch gibt es im Starnberger See knapp 30 Fischarten. Im Schilfbereich am Ufer findet man zum Beispiel Raubfische wie Hechte, die dort auch ihre Kinderstuben haben. Außerdem tummeln sich Renken, Saiblinge, Seeforellen, Brachse und Karpfen im Wasser. Und nur weil Fischer manchmal leer ausgehen, heißt es nicht, dass es keine Fische gibt. Die Experten vom Institut für Fischerei fahren regelmäßig mit dem Echolot über die bayerischen Voralpenseen. Michael Schubert. O-TON 21 Die meisten Fische haben wir im Chiemsee, im Tegernsee, im Kochelsee, während der Ammersee zum Beispiel sehr, sehr Fisch-arm ist und der Starnberger See, solche Seen landen vielleicht im Ranking dazwischen. / Insgesamt fangen die Fischer sehr nachhaltig. Das möchte ich betonen, auch wenn es vielleicht einmal an dem ein oder anderen See weniger Fisch gibt. Das ist über die Fanggeräte so geregelt, über den Einsatz, dass da kein Raubbau betrieben wird. SPRECHERIN Der Verzehr von heimischen Fischen ist gesund und angesichts geringer Transportwege auch gut für die Umwelt. Susanne Huber würde sich wünschen, dass die Kunden offener werden, nicht nur Renken nachfragen. Sie betreibt die Fischerei nur im Nebenerwerb, ihre Familie vermietet noch Zimmer und Ferienwohnungen. Doch obwohl das alte Handwerk nicht sehr viel abwirft, möchte Susanne Huber die Tradition fortführen. Fischen darf am Starnberger See, wer Mitglied in der „Fischereigenossenschaft Würmsee“ ist und die Qualifikation des Fischwirtschaftsmeisters hat. Hier kann die Erlaubnis zum Fischen nur weitervererbt werden. In Susanne Hubers Betrieb wird es weitergehen – ihre Tochter fährt bereits mit auf den See. Musik: Green planet red 0‘42 O-TON 22 Es ist viel Aufwand. Aber es ist eben auch ein Privileg, (…) dass man es machen darf, dass man in der Lage ist, hier die Fischerei auszuüben. (…), dass man in der Situation ist, das alles zu haben. (…) Es ist schon auch ein gewisser Reichtum, einen Beruf zu haben, wo man so ausgeliefert ist, wo man sich einfach schon oft fügen muss, wo man nicht alles ausrechnen kann. (…) Licht, Wolken, Wasser, Tiere, das ist auch eine Art Reichtum

  10. Gian Lorenzo Bernini - Ein barocker Stararchiktekt

    26.03.2025 · 22 Min.

    Gian Lorenzo Bernini war einer der bedeutendsten italienischen Architekten und Bildhauer des Barock. Er prägte das Erscheinungsbild Roms wie kein zweiter. Bernini verließ die Stadt so gut wie nie und arbeitete für insgesamt acht Päpste. Von Gabriele Knetsch (BR 2022) Autorin dieser Folge: Gabriele Knetsch Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Irina Wanka, Jerzy May Technik: Michael Krogmann Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Diese Folge von Radiowissen könnte Sie auch interessieren: Artemisia Gentileschi - Malerin des Barock JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Gut geschriebene Biographie, die auch die historischen Umstände der Päpste in Rom mitberücksichtigt: Arne Karsten, „Bernini – der Schöpfer des Barocken Rom“, München 2017. Umfangreicher Ausstellungskatalog mit zahlreichen Abbildungen, der Einblicke in Motive und Denkmuster barocker Kunst gibt: Sabine Haag, Taco Dibbits, „Caravaggio – Bernini, Entdeckung der Gefühle“. Schöner kleiner Bildband, der Skizzen und Zeichnungen des Künstlers zu seinen großen Auftragsarbeiten dokumentiert: Gianlorenzo Bernini, „Zeichungen“, Hg. Karl-Heinz Mehnert, Insel, Leipzig 1982.

  11. Die Frauen der Familie Curie - Marie, Irène und Eve

    26.03.2025 · 24 Min.

    Als Naturwissenschaftlerin ist Marie Curie weltberühmt - und sie ist die Begründerin einer Dynastie bedeutender Forscherinnen: Ihre ältere Tochter Irène wird ebenso Nobelpreisträgerin. Die Enkelin wird eine bekannte Kernphysikerin. Maries jüngere Tochter Eve hingegen macht sich als Kriegsreporterin einen Namen. Von Steffi Illinger Credits Autorin dieser Folge: Steffi Illinger Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka, Berenike Beschle, Katja Amberger, Jenny Güzel Technik: Helge Schwarz Redaktion: Yvonne Maier Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Claudine Monteil, Autorin, Historikerin; Alina Schadwinkel, Wissenschaftsjournalistin, Autorin Linktipps: Ein spannender Artikel von ARD alpha: Marie Curie: Physikerin, Forscherin, Pionierin - Die Frau mit den zwei Nobelpreisen ZUM ARTIKEL Vierteiler zu Marie Curie in der ARD Mediathek: Das Geheimnis der Radioaktivität (1/4) JETZT ANSEHEN Kalenderblatt zur Entdeckung der künstlichen Radioaktivität durch Irène und Frederic Joliot-Curie: Entdeckung künstlicher Radioaktivität veröffentlicht JETZT ANHÖREN Der Instagram-Kanal „FrauenGeschichte“ hat auch schon über die Frauen der Familie Curie berichtet: Marie Curie: EXTERNER LINK | https://www.instagram.com/p/CquWCKyKAzt/ Irène Curie: EXTERNER LINK | https://www.instagram.com/p/Cqw6zi4O-m-/ Eve Curie EXTERNER LINK | https://www.instagram.com/p/Cqzfll8qYVm/ Literaturtipps: Claudine Monteil: Marie Curie und ihre Töchter. Suhrkamp Verlag 2023, ISBN 978-3-458-68278-3. Alina Schadwinkel: Marie Curie. Reclam 2014, ISBN: 978-3-15-020428-3. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. WIE WIR TICKEN - EUER PSYCHOLOGIE-PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  12. Der Wombat - Relikt aus Australiens Urzeit

    24.03.2025 · 20 Min.

    Wombats sind nachtaktive Beutelsäuger, die in Australien leben und in selbst gegrabenen Höhlen wohnen. Ihr Territorium, das sie durch Kotmarkierungen kennzeichnen, verteidigen die stoischen Beuteltiere vehement. Von Margarete Blümel (BR 2021) Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

  13. Kalevala - Das finnische National-Epos

    24.03.2025 · 20 Min.

    In wenigen Tagen, am 28. Februar wird in Finnland der Kalevala-Tag begangen. Denn der Sammler des Kalevala, der Arzt Elias Lönnrot, datierte das Vorwort der Erstausgabe auf den 28. Februar 1835. Von Julia Devlin Credits Autorin dieser Folge: Julia Devlin Regie: Martin Trauner Es sprachen: Hemma Michel, Stefan Wilkening, Sven Hussock Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Christian Niedling, Universität Turku Arnika Groenewald-Schmidt, Belvedere Wien Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Europas indigenes Volk in Sapmi - Leben in 8 Jahreszeiten JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Weiterführende Links: Die Gesellschaft für Finnische Literatur bietet das Epos in mehreren Sprachen auf ihrer Webseite an HIER Literatur: Hans und Lore Fromm, Kalevala - Das finnische Epos des Elias Lönnrot. Mit einem Nachwort von Hans Fromm. Wiesbaden 2005 - gute zeitgenössische Übersetzung Christian Niedling, Zur Bedeutung von Nationalepen im 19. Jahrhundert. Das Beispiel von Kalevala und Nibelungenlied.Köln 2007 - eine Rezeptionsgeschichte des Kalevala Stella Rollig, Arnika Groenewald-Schmidt, Akseli Gallen-Kallela. Finnland erfinden. Köln 2024 - Ausstellungskatalog mit fundierten Aufsätzen zur Motivik des Künstlers und der Bedeutung des Kalevala für ihn Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zuspielung Lemminkäinen-Suite, III. Der Schwan von Tuonela, erste Takte, dann dem Sprecher unterlegt. Zitator (ältere Stimme, raunend) Hoch im Nordland liegt Tuonela, das Reich der Toten, getrennt von der Welt der Lebenden durch einen tiefen, dunklen, reißenden Fluss. Auf diesem Fluss zieht ein schwarzer Schwan seine Kreise und singt; singt seinen wunderschönen Gesang vom Todeszauber, lockt die Seelen der Verstorbenen ins Totenreich. Sprecherin Der Held Lemminkäinen, ein junger Recke, will den Schwan töten. Denn Louhi, die Herrscherin des Nordlands, stellt ihm mehrere Aufgaben, bevor sie ihm gestattet, ihre schöne Tochter zu heiraten. Zitator Dann erst geb' ich meine Tochter, Geb' ich dir zur Braut die Jungfrau, Wenn den Schwan im Fluß du schießest, In dem Strom den starken Vogel Sprecherin Doch Lemminkäinen wird bei dem Versuch, das heilige Tier zu erlegen, selbst durch einen vergifteten Pfeil getötet. Der Mörder zerstückelt ihn und wirft die Leichenteile in den Fluss. Seine Mutter jedoch recht die Teile aus dem dunklen Wasser und setzt sie wieder zusammen. Zitator Füget Fleisch dann zu dem Fleische, Paßt die Knochen aneinander, Bindet ein Glied an das andre, Preßt die Adern fest zusammen. Sprecherin Mit Zaubersprüchen und einem magischen Honig erweckt sie dann Lemminkäinen wieder zum Leben. Zitator Lemminkäinen leichtgemutet Ging gerades Wegs nach Hause Mit der vielgeliebten Mutter, Mit der übermächt'gen Alten. Sprecherin Dies ist eine Legende aus dem finnischen Epos Kalevala. 1835 erschien es erstmals als gedrucktes Werk, gesammelt und zusammengestellt von dem Landarzt Elias Lönnrot. Er reiste durch die abgelegenen Regionen des östlichen Finnland und durch Karelien, eine Region, die sich zwischen der Ostsee und dem Weißen Meer auf beiden Seiten der russisch-finnischen Grenze erstreckt, um aufzuschreiben, was bis dahin nur mündlich weitergegeben worden war. Sprecher Die Verse erzählen von einem Land voller Magie und Geheimnissen, bevölkert von Helden. Sie beschreiben die Entstehung der Welt und des Alls und den Beginn des Ackerbaus, sie erklären, warum es Krankheit, Leid und Tod gibt, warum Wohlstand und Reichtum oder Armut und Hunger herrschen, sie geben - wie viele Mythen - eine Antwort auf die ängstlichen und suchenden Fragen der Menschen. Sprecherin Lemminkäinen ist einer der zentralen Helden, ein schöner, starker junger Mann, ein Draufgänger und womanizer. Ein weiterer Held ist Väinämöinen, ein alter, weiser Barde mit magischer Stimme, und der mit Zauberkräften ausgestattete Schmied Ilmarinen. Sie leben in dem Land Kalevala. Im Norden von Kalevala liegt Pohjola, in dem die furchteinflößende, unheilbringende Hexe Louhi herrscht. Beide Länder begegnen sich immer wieder, mal im Frieden, mal im Krieg. Sprecher Finnland war über 700 Jahre lang ein Teil des Königreichs Schweden gewesen. Das Finnische galt als die Sprache der Bauern, die gebildete Oberschicht sprach Schwedisch. Doch im Jahr 1809 verlor Schweden den Krieg gegen Russland und musste Finnland an den Zaren abtreten. O-Ton Niedling 1 13.20 und man hat dann versucht, irgendetwas zu finden, das gezeigt hat, dass man eben eine eigenständige Gruppierung ist, man hatte die Angst, dass man sich in Russland assimiliert oder dass man aufgeht, und das wollte man unter allen Umständen verhindern. Es gab einen Historiker zu dieser Zeit, Adolf Ivar Arwidsson, der hat ein geflügeltes Wort gesagt, oder zumindest wird es ihm zugeschrieben, das heißt auf Deutsch übertragen: Wir sind keine Schweden mehr, Russen wollen wir nicht werden, lasst uns also Finnen sein. Sprecherin Dr. Christian Niedling ist Germanist an der Universität Turku in Südfinnland. Er hat zu Epen, besonders zum Kalevala intensiv geforscht. Er erläutert, dass Johann Gottfried Herder, der deutsche Philosoph der Aufklärung, großen Einfluss auf die gebildeten Stände in Schweden hatte. O-Ton Niedling 2 16:06 Da kommen jetzt die ganzen interessanten Gedanken von Herder ins Spiel, weil Herder hat unter anderem die Nation als Gemeinschaft dargestellt und für ihn war es wichtig, dass sich der Charakter einer Nation in ihrer Sprache und in ihrer Dichtung manifestiert. O-Ton Niedling 3 16:48 Und dann begann man eben in großem Stil, die finnische Volksdichtung zu sammeln. Sprecherin Auf elf entbehrungsreichen Forschungsreisen schrieb Elias Lönnrot nieder, was ihm die Menschen vorsangen. Er ordnete die Verse und arrangierte sie zu zusammenhängenden Narrativen. Die Veröffentlichung im Jahre 1835 traf einen Nerv. O-Ton Niedling 4 21:24 Das ist dann sozusagen der Beginn, wo die gebildeten Leute gesagt haben, OK, das ist jetzt unser Beweis, wir Finnen haben etwas Eigenständiges, wir haben unsere eigene epische Tradition, wir haben unsere eigenen Gesänge, wir haben eine Sprache, die zur Dichtung fähig ist. Wir haben auch eine eigene Geschichte, eben manifestiert auch in diesem Epos, und sofort hat man dann die Idee bekommen, dass eben dieses Kalevala, das Nationalepos ist. Sprecherin Die lutherischen Reformatoren im 16. Jahrhundert verpönten die Gesänge des Kalevala als heidnisch und abergläubisch. Nicht verwunderlich, lassen sich doch im Kalevala Aspekte von Schamanismus und Götzenverehrung entdecken. So verkümmerte die Liedertradition im westlichen Finnland. Anders in der östlichen Peripherie, weit entfernt von den gesellschaftlichen Zentren. Dr. Christian Niedling: O-Ton Niedling 5 29:18 Aber so richtig erhalten hatte sie sich nur noch in den karelischen Gebieten. Und auch da hat Lönnrot selbst gemerkt, dass da eigentlich diese alte epische Tradition langsam schon am Verblühen war. Also er kam praktisch gerade recht, um noch diese, die die Reste der reichhaltigen Sänger Tradition eben mit diesen mythenhaften Themen dann noch sammeln zu können, also wenn das ein paar 100 Jahre später gewesen wäre, wäre das auch dort dann verkümmert. Sprecherin Und so holte Elias Lönnrot aus der Peripherie das, was als "unverdorben" und "ursprünglich" die Identität des finnischen Volkes prägen sollte, eine Verbindung zu seinem archaischen, jahrhundertealten Erbe. O-Ton Niedling 7 38:37 Und Elias Lönnrot hat eben mit diesem Epos auch zur Schriftsprache einen einen wichtigen Teil geleistet. Es gab vorher vielleicht das Neue Testament auf Finnisch und es gab so einzelne religiöse und zum Teil auch profane Literatur. O-Ton Niedling 8 40:00 Man wollte also möglichst schnell den Status der finnischen Sprache heben und verbessern, es war ja keine Amtssprache, es war eben nur die Sprache der der ländlichen Schichten, auch wenn es die Mehrheitensprache war. Und diese ganzen schwedischen schwedischsprachigen Gebildeten in Finnland, die haben sich dann eben mehr oder weniger in Form der der Fennomanie, auf sprachliche Programme geeinigt und hat dann eben versucht, Finnisch als eine offizielle Sprache zu etablieren und das ist dann auch 1863 mit dem Sprachedikt gelungen. Zuspielung Sibelius, Lemminkäinen Suite, Der Schwan von Tuonela, unterlegt Sprecherin Das Kalevala wurde in Finnland mit Begeisterung aufgenommen. Es inspirierte die bildenden Künste, Architektur, Möbeldesign, Dichtung und Musik. Der finnische Komponist Jean Sibelius beispielsweise setzte immer wieder Episoden aus dem Kalevala in Tondichtung um, so mit der Lemminkäinen-Suite, in der er nicht nur die Abenteuer des schönen, draufgängerischen Helden musikalisch beschreibt, sondern auch den majestätischen Schwan, der auf dem dunklen Fluss des Totenreiches seine Bahnen zieht und dabei seinen wunderschönen Totenzauber singt. Zuspielung Sibelius, Lemminkäinen Suite, Der Schwan von Tuonela, ausblenden Sprecher Und auch auf die Malerei hatte das Kalevala großen Einfluss. Dem finnischen Künstler Akseli Gallen-Kallela war das Epos lebenslange Inspiration. Seine Darstellungen der Episoden des Kalevala und seine mythisch überhöhten Naturdarstellungen waren prägend und gaben Finnland ein Gesicht. O-Ton Groenewald-Schmidt 10 53:35 In der Zeit war sozusagen ein Repräsentant Finnlands, aber es wurde auch gesagt, dass er auch sehr weltmännisch auftrat. Also er sprach verschiedene Sprachen, sprach wohl auch Deutsch und auch das sozusagen konnte sein Land dadurch dann sehr gut repräsentieren, weil er eben genau eigentlich diese zwei Stränge, die man in Finnland eigentlich für sich als in der Nationwerdung als Bedeutung erfuhr, also dass man zum einen durch die eigene Kultur hat, eine sehr weit zurückreichende eben Geschichte mit dem Kalevala, aber dass man auf der anderen Seite auch durchaus international ist und in die andere Richtung schaut und Teil des westlichen Europas sein möchte als eine der Nationen, und das vereint er eigentlich in sich, in seiner Person, wie er war, wie er sich gegeben hat und was er malte. Sprecher Arnika Groenewald-Schmidt ist Kunsthistorikerin am Belvedere in Wien. Sie hat dort die Ausstellung "Akseli Gallen-Kallela. Finnland erfinden" kuratiert. Das Kalevala war aber nicht nur aus Gründen der nationalen Identität für Gallen-Kallela wichtig. O-Ton Groenewald-Schmidt 1 4:29 Also diese Suche nach dem Spirituellen ist auch etwas, was sich bei ihm durchzieht, ein ewig Suchender in verschiedenen Bereichen seines Lebens und ja, auch dort hat eben das Kalevala ihm viel Quellen der Inspiration geliefert. Sprecher So hat er 1893 das Gemälde "Das Schmieden des Sampo" geschaffen. Ilmarinen, der Schmied, starrt gebannt ins Feuer seiner Schmiede, in der der mythische Sampo Gestalt annimmt. Der Sampo? O-Ton Groenewald-Schmidt 3 26:19 Das oder der Sampo ist eben so die Frage, was ist das? Ist es jetzt ein Gerät, ist es ein Instrument? Es wird beschrieben als ein Objekt, was Reichtum und Macht bringt, und das wird eben geschmiedet von dem Schmied Ilmarinen auch wieder eben für die Herrscherin des Nordens Louhi. Eigentlich hat sie ihm dafür die Hand ihrer Tochter versprochen. Und wir sehen eben hier in diesem Bild, wie Ilmarinen mit seinen Gehilfen in einer Schmiede im Wald eben dieses geheimnisvolle Objekt schmiedet, aber man sieht es eben nicht. O-Ton Groenewald-Schmidt 4 27:11 Und Gallen-Kallela hat es auch nie, er hat ihm keine Form gegeben. Also hier sieht man eben nur das Feuer und man sieht hinten eine Kiste. Und dieselbe Kiste sehen wir dann auch bei der Verteidigung des Sampo auf dem Boot. Auch da sieht man eben nicht den Sampo an sich, sondern eben diese Kiste, wo das etwas drin ist. Sprecher Auf dem Gemälde "Die Verteidigung des Sampo" sieht man den Helden Väinämöinen, der mit hoch erhobenem Schwert den in einer Kiste verpackten Sampo gegen Louhi, die zauberkräftige Herrscherin des Nordlandes verteidigt. Er hat ihr den Sampo geraubt, damit auch das Land Kalela einmal von seinen Segnungen profitiert. Louhi hat sich in einen mächtigen Adler verwandelt und greift aus der Luft an. Im Kampf zerbricht der Sampo und versinkt im Meer. Doch seine Trümmer sorgen für den Reichtum des Wassers. Einige Bruchstücke werden an Land gespült, wo sie Väinämöinen aufsammelt. Denn er weiß, dass selbst diese Bruchstücke noch fruchtbar wirken. Zitator "Daraus kommt des Samens Sprießen, Wechselloser Wohlfahrt Anfang, Daraus Pflügen, daraus Säen, Daraus Wachstum jeder Weise, Daraus kommt der Glanz des Mondes, Kommt das Freudenlicht der Sonne Auf den weiten Fluren Finnlands, Auf Suomis Heimatsstrecken." O-Ton Groenewald-Schmidt 5 27.38 Also auch für Gallen-Kallela war wohl dieses Objekt auch wirklich so etwas Heiliges, dem man halt keine Form geben konnte sollte, und deswegen haben wir es immer nur in der Kiste bei ihm dargestellt. Sprecher Eines der bekanntesten und beliebtesten Gemälde von Akseli Gallen-Kallela ist die Ansicht des Keitele-Sees. Es zeigt die silbrige Wasserfläche des Sees im Licht des Mittsommers, die sich in einem Zickzackmuster kräuselt, am Horizont eine Insel und das bewaldete Ufer. Eine ganz normale finnische Landschaft. O-Ton Groenewald-Schmidt 7 45:14 Aber es gibt etwas, was eben an dieser Komposition unglaublich anziehend ist. Und es ist eben zum einen, es ist noch erkennbar, was es ist. Es ist ein See. Es ist hauptsächlich Wasser, eben mit dieser Insel und eben dann diesen hohen Horizont mit den Wolken und eben diesen niedrigen Ufer. O-Ton Groenewald-Schmidt 8 45:37 Aber zum anderen ist es auch schon in gewisser Weise eine Abstraktion von dem, was er sieht, von den Farben, von dem Gefühl, was man in der Landschaft hat. Sprecher Und es ist eine mythisch aufgeladene Landschaft. O-Ton Groenewald-Schmidt 9 46.18 Und wenn man noch mal zum Kalevala zurückkehrt, für Gallen-Kallela war eben ganz stark auch diese Verbindung Natur-Mensch was sich auch im Kalevala immer wieder in den Geschichten zeigt, ganz wichtig. Und da hat er sich eben auch selber drin wiedergefunden und deswegen ist auch in seinen, sagen wir mal puren Landschaften wie jetzt im Keitele-See ist für ihn auch der Mythos, die mythologischen Figuren präsent und hier beschreibt er eben selbst, dass diese Bahnen, die eigentlich ein meteorologisches Phänomen von Strömungen sind, hier eben in diesem Silbergrau gemalt, dass für ihn das die Spuren des Bootes von Väinämöinen sind, der eben am Ende von Kalevala Abschied nimmt, dann sozusagen für die neue Generation den Weg freimacht. Zitator Doch zurück ließ er die Harfe, Ließ das schöne Spiel in Suomi, Seinem Volk ließ ew'ge Freude, Großen Sang er seinen Kindern. Sprecherin So verlässt Vänämöinen das Land Kalevala. Er weiß, dass sein Zeitalter, die heidnische Welt der Mythen, an ihr Ende gelangt ist, dass mit der Christianisierung eine neue Ära anbricht, und er segelt davon, hinterlässt aber dem finnischen Volk seine Harfe und seine Gesänge. Sprecher Mit der Begeisterung für das Kalevala erwachte auch ein Interesse an Karelien, das als Schatzkammer der authentischen finnischen Kultur verklärt wurde. Und so erhielt die nationalromantische Bewegung, die das Kalevala auslöste, die Bezeichnung "Karelianismus". Hier glaubte man die versunkene Welt des Kalevala wiederzufinden. Hierhin pilgerte man, um dem Ursprünglichen zu begegnen. Auch Akseli Gallen-Kallela reiste nach Karelien, um seine Motive zu finden. O-Ton Groenewald-Schmidt 6 33:48 Das hat er eben wirklich dort gesehen und gemalt. Also das war für ihn dann wichtig, dass er eben das Kalevala, den Kalevalamythos auch wirklich dort verortet, wo sozusagen der Ursprungsort des Kalevala ist. Sprecher Nach dem Sturz des russischen Zaren erlangte Finnland 1917 endlich die ersehnte Unabhängigkeit. Zwei Jahrzehnte später tobte der Zweite Weltkrieg. Sowjetische Truppen griffen 1939 Finnland an. Finnische Streitkräfte konnten in dem sogenannten Winterkrieg die Invasion stoppen, mussten aber im Friedensvertrag 1940 große Areale von Finnisch-Karelien an die Sowjetunion abtreten. Im Fortsetzungskrieg, den die Finnen ab 1941 zusammen mit der deutschen Wehrmacht führte, eroberten finnische Truppen nicht nur die im Winterkrieg verlorenen karelischen Gebiete zurück, sondern besetzte auch weite Teile Ostkareliens, mit dem Ziel, die hier wohnende finnischsprachige Bevölkerung mit Finnland zu vereinen. Sprecherin Der Anspruch auf diese Gebiete wurde von der kulturellen und politischen Führungsschicht propagandistisch mit dem Kalevala und Elias Lönnrots Sammelreisen untermauert. Der epische Kampf zwischen dem Nordreich Pohjola und dem Land Kalevala wurde gleichgesetzt mit dem Kampf zwischen Russen und Finnen. Und so, wie die Helden des Kalevala die dunklen Kräfte durch ihren Mut zurückdrängen konnten, so sollten auch die Finnen gegen die übermächtige Sowjetunion ankämpfen und das gelobte Land Karelien, das das Kalevala bewahrt hatte, in Gänze heimholen. Sprecher Doch die Eroberungen ließen sich nicht auf Dauer halten, und 1944 war der Traum von einem mit Finnland vereinten Karelien ausgeträumt. Finnland musste harsche Bedingungen der Sowjetunion akzeptieren. So verlor es weitere Teile Kareliens. Musikalischer Akzent Sprecherin Heute ist das Kalevala immer noch starker Teil der finnischen Identität und Selbstvergewisserung. Was nicht unbedingt heißt, dass das Epos tatsächlich von vorne bis hinten gelesen wird, doch alle kennen es. O-Ton Niedling 6 37:31 Aber die Motive, die aus dem Kalevala, die sind wirklich vollgegenwärtig, die gehören überall dazu. Also zum Beispiel, dass das Sampo, dieses Wunderding, das Wohlstand schafft. Da gibt es berühmte Eisbrecher, die so heißen, oder es gibt Banken, die so heißen. Es gibt Streichhölzer, die so heißen. Und dann eben auch in jeder Stadt gibt es Sampo Straßen und es gibt Versicherungen, die danach genannt werden also der Einfluss von dieser Kalevala- Motivik, der ist wirklich ganz ganz ganz enorm. Sprecherin sagt Dr. Christian Niedling. Nach wie vor ist das Kalevala Inspiration und Projektionsfläche für die verschiedensten Genres, wird stets aufs Neue interpretiert. Es gibt Kalevala-Schmuck, es gibt einen Comic, der das Kalevala mit Hunden darstellt, es gibt Radio Kalevala. Und es gibt seit den 1990er Jahren mehrere Heavy-Metal-Bands, die sich in ihrem optischen Erscheinen, in ihrer Musik und ihren Texten auf das Kalevala beziehen. Zuspielung Ensiferum, Old Man (Väinämöinen), erste Takte, dann unterlegen Sprecher Die Band Ensiferum beispielsweise besingt in "Old Man" die Einsamkeit von Väinämöinen - die Anfangstakte sind im Kalevala-Metrum. Auf dem Cover sieht man einen alten bärtigen Krieger mit gezücktem Schwert in einem Boot, natürlich in einer finnischen Seen- und Waldlandschaft. Sprecherin Mythen sind zugleich stetig und wandelbar, offen für Interpretationen. Das macht ihre Langlebigkeit aus. Und es heißt ja auch in den letzten Zeilen des Kalevala: Zitator Hier nun führt der Weg in Zukunft, Hier eröffnet sich der Fußpfad Für die kundigeren Sänger, Für die reichern Runensprecher In der Jugend, die emporsteigt, In dem wachsenden Geschlechte.

  14. Wie Bäume sich verteidigen - Alles Natur

    21.03.2025 · 23 Min.

    Bäume haben eine beruhigende Wirkung auf uns - ein Spaziergang durch den Wald reduziert Stress. Doch Bäume können auch wehrhaft und angriffslustig sein: Sie kämpfen um Platz, Licht und Ressourcen. Von Claudia Steiner (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Martin Trauner Es sprachen: Irina Wanka Technik: Ruth-Maria Ostermann Redaktion: Bernhard Kastner Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Prof. Joachim Kadereit, Evolutionsbiologe; Christine Messineo-Gleich, Botanischer Garten Augsburg; Markus Bennemann, Wissenschaftsjournalist und Buchautor. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Lianen - Unverwüstliche Kletterkünstler JETZT ANHÖREN Symbiosen - Vom Miteinander in der Natur JETZT ANHÖREN Der Borkenkäfer - Der Schädling, der Trockenheit und Fichten liebt JETZT ANHÖREN Linktipp: Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Literaturtipps: Markus Bennemann, Böse Bäume, Goldmann; Peter Wohlleben, Das geheime Leben der Bäume, Heyne Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  15. Josef Guggenmos - Der "Poet für kleine Leute"

    21.03.2025 · 23 Min.

    Schreiben für die kleinen Leute, das versprach Mitte des 20. Jahrhunderts wenig Renommee. Josef Guggenmos hat das geändert. Mit sprachspielerischem Witz, naturkundlichem Wissen und Liebe zur Beobachtung hat er Meisterwerke der Kinderlyrik geschaffen, die Generationen von Schülern prägen. Von Katharina Hübel (BR 2022) Credits: Autorin dieser Folge: Katharina Hübel Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Hemma Michel, Frank Mahnhold, Stefan Wilkening Technik: Daniela Röder Redaktion: Andrea Bräu Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Literaturtipps: Ein Dichter, der für Kinder schreibt. Hg. von Hans-Joachim Gelberg. 1992 Beltz Verlag. Weinheim. Zeile, Dieter: Josef Guggenmos 1922-2003. Vergil für Kinder – Gugummer – Meister des Haiku. In: Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben. Bd. 17. Hg. von Wolfgang Haberl. 2010. Anton H. Konrad Verlag. Weißenhorn, S. 381-412. Guggenmos, Josef: Gugummer geht über den See. 1957. Mitteldeutscher Verlag. Halle (Saale). Guggenmos, Josef: Der junge Naturforscher. Von Tieren und Pflanzen. 1967. Verlag Carl Ueberreuter. Wien, Heidelberg. Guggenmos, Josef: Wer nie ein Nilpferd gähnen sah… Tiere, dünn und dick, vier Dutzend Stück. 1969. Georg Bitter Verlag. Recklinghausen. Guggenmos, Josef: Was denkt die Maus am Donnerstag? 1971. DTV. München. Guggenmos, Josef: Gorilla, ärgere dich nicht! Ein Lachkabinett in Versen. 1971. Beltz&Gelberg. Weinheim und Basel. Guggenmos, Josef: Oh, Verzeihung, sagte die Ameise. 1990. Beltz&Gelberg. Weinheim und Basel. Guggenmos, Josef: Rundes Schweigen. Ausgewählte Haiku 1982-2002. 2016. BoD. Norderstedt.

  16. Westliche Forschende und indigene Völker - Wie sie gemeinsam Wissen schaffen

    21.03.2025 · 23 Min.

    Westlich geprägte Naturwissenschaftler erforschen die Welt nach allgemein anerkannten Regeln. Indigene Völker besitzen generationenaltes, traditionelles Wissen über ihre Umwelt, doch das funktioniert völlig anders als in "der Wissenschaft". Wie kann eine Zusammenarbeit gelingen, damit beide Seiten profitieren? Von Dagmar Röhrlich (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Dagmar Röhrlich Regie: Ron Schickler Es sprachen: Katja Amberger, Peter Veit Technik: Laura Picerno, Regina Staerke Redaktion: Yvonne Maier Im Interview: Dr. Helmut Groschwitz, Bayerische Akademie der Wissenschaften, Institut für Volkskunde; Tyler Jessen, Wildtierökologe von der Universität Victoria in British Columbia; Prof. Tero Mustonen, Ökologe, Gründer der Snowchange Cooperative; Dr. Henry Huntington, Direktor für die Arktis bei Ocean Conservancy; Ray Pierotti, Biologie-Professor an der Universität von Kansas Linktipps: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung: BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo laufendes Wasser Sprecherin Mehr als 600 Jahre. So alt ist die Tradition der Wässerwiesen in Oberfranken: Damals erdachten die Bauern ein System aus Schöpfrädern, ausgeklügelten Grabensystemen und Wehren, um mit zwei großen Nachteilen ihrer Region fertigzuwerden: ZSP 01 Helmut Groschwitz [14:57 – 15:46 ] „Es ist eine Region, die relativ niederschlagsarm ist und hat gleichzeitig sandige, wasserdurchlässige Böden, also eigentlich ganz schlechte Voraussetzungen für eine Wiesenwirtschaft.“ Sprecherin Die Bauern entwickelten und pflegten ihr ausgeklügeltes System, das Wasser aus Flüssen wie der Regnitz, Pegnitz oder Wiesent abzweigt. ZSP 01a Helmut Groschwitz [14:57 – 15:46 ] „Wenn der Boden zu trocken wird, zapft man quasi die Flüsse an, die dort durchlaufen, und überflutet die Wiesen ganz gezielt für ein paar Stunden. Durch die Gräben kann das Wasser wieder abfließen. Und in trockenen Jahren, sagen wir mal, so fünf- bis sechsmal muss dort gewässert werden. Und auf die Weise gibt es einen deutlich höheren Ertrag.“ MUSIK Aukai: "Colorado" (aukaimusic/ak-04) 01:12min Sprecherin Die alte Tradition wurde aus wirtschaftlichen Gründen entwickelt, damit auch im Sommer Gras wächst als Grünfutter für das Vieh. Doch sie brachte mehr als Grünfutter: Erst durch dieses Bewässerungssystem konnte eine artenreiche und ökologisch wertvolle Wiesenlandschaft entstehen, erläutert Helmut Groschwitz vom Institut für Volkskunde der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: ZSP 02 Helmut Groschwitz: [00:16:04] „Wenn gewässert wird, dann stehen teilweise die Wiesen voller Störche, weil: Die freuen sich natürlich, weil viel von dem Bodengetier auch nach oben kommt. Weitere Effekte sind, dass der Grundwasserspiegel dort deutlich höher ist, dass man in der Region tatsächlich wenig Probleme mit Grundwasser hat.“ Sprecherin Im Dezember von der Unesco als immaterielles Kulturerbe der Menschheit geadelt, praktiziert heute kaum noch jemand die alte Technik. Dabei ist sie Teil eines uralten ökologischen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sprecherin Traditionelles Wissen darüber, wie natürliche Ressourcen geschützt und nachhaltig genutzt werden können, ist in allen Kulturen vorhanden. Doch bei indigenen Völkern ist dieser Schatz besonders groß. ZSP 03 Tyler Jessen [00:03:59] So generally indigenous knowledge tends to focus immediately on the areas in which these particular people might live. Right. They've been in these areas for a very long time and they have a lot of that intergenerational wisdom that accumulates. VO „Im Allgemeinen konzentriert sich dieses indigene Wissen unmittelbar auf die Gebiete, in denen diese Menschen leben. Denn sie leben schon sehr lange dort und haben über die Generationen hinweg viel Wissen angesammelt.“ Sprecherin Dieses Wissen sei durch genaue Beobachtung erworben worden, erklärt der Wildtierökologe Tyler Jessen von der Universität Victoria in British Columbia. ZSP 04 Tyler Jessen [00:03:59] The way in which indigenous peoples accumulate knowledge can be valuable actually for science. So in this in a sense, it is very place based and it is very specific. But at the same time, there are lessons that everybody can learn from different indigenous cultures around the world. VO „Die Art und Weise, wie indigene Völker Wissen ansammeln, kann sogar für die Wissenschaft sehr wertvoll sein. Auf gewisse Weise ist alles sehr ortsbezogen und sehr spezifisch. Aber gleichzeitig gibt es Lektionen, die jeder von verschiedenen indigenen Kulturen auf der ganzen Welt lernen kann.“ MUSIK Aukai: "Alto Paraíso" (aukaimusic/ak-01) 00:45min Sprecherin Deshalb ist dieses überlieferte Wissen ins Zentrum des Interesses der modernen Wissenschaft gerückt. Dabei prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite die messwertgetriebene, exakte Forschung, die genau bestimmt, wieviel Kohlendioxid in der Atmosphäre ist oder wie schnell die Meere versauern. Auf der anderen Seite steht das Erfahrungswissen der Menschen, deren Überleben seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden von ihrem Wissen über die Umwelt abhängt. Doch beide können sich ergänzen. ZSP 05 Tero Mustonen [17:40 bis 18:17] I have personally found it to be very rewarding when we have been able to work with Sami elders, for example, on 100 years of change, looking at the place names, how vegetation and tree line, for example, has been changing. So that... They were able to identify habitats that were there 80 years ago. And now we have the greening of the Arctic and species on the move. So many of the southern species are moving to the tundra to the... From temperate areas into the boreal forest and so on. VO „Ich fand es persönlich immer sehr bereichernd, wenn wir mit den Ältesten der Samen zusammenarbeiten konnten, um zum Beispiel den Wandel in der Arktis während der vergangenen 100 Jahre nachzuvollziehen. Allein in ihren Ortsnamen kann man erkennen, wie sich die Vegetation verändert hat. Sie sagen uns, wie es vor 80 Jahren an Orten ausgesehen hat, in denen heute Arten aus gemäßigten Zonen einwandern.“ MUSIK CBAWZ2101520 Time On Saturn 01:43 Sprecherin Sagt der Professor Tero Mustonen (Terro Muss-to-nen). Der Ökologe ist selbst Finne, und einer der prominentesten Vertreter der Zusammenarbeit von Naturwissenschaft und indigenen Völkern. Er ist Gründer der Snowchange Cooperative, die im gesamten Arktisraum für den Erhalt der Ökosysteme und der lokalen Kultur eintritt. ZSP 06 Tero Mustonen [22:55 bis 23:45] For example, in northern Sweden, in an area close to Jokkmokk there's a place name called Biehtsiesjaure which means in translation, Scots Pine or Pine Lake. But it's today all filled with birch trees because of the ecosystem changes. And then I worked with some of the ladies in the area to ask them why is it called Scots Pine Lake in Sami language? And they started to explain, that when they were young, in their parents time, that was mostly dominated by scots pines, which is completely different boreal ecosystem than the birch forests that are there now. VO „Zum Beispiel gibt es in Nordschweden bei Jokkmokk einen Ort, der auf Samisch Bietsiesjaure [Pi-etsches-jauri] heißt. Übersetzt bedeutet das Kiefern oder Kiefernsee. Aber das gesamte Gebiet ist heute ein Birkenwald. Ich habe die samischen Frauen, mit denen ich dort zusammenarbeite, gefragt, warum es Kiefernsee heißt. Und sie haben mir erklärt, dass die Gegend zur Zeit ihrer Eltern und noch in ihrer Jugend von Kiefern geprägt war. Das ist ein völlig anderes Ökosystem als die Birkenwälder von heute.“ Sprecherin Dieses Umweltwissen der samischen Frauen ermöglicht einen Blick zurück in Zeiten ohne Messwerte und Aufzeichnungen – das ist ein unschätzbarer Vorteil in Gebieten wie der Arktis, die sich durch den Klimawandel schnell verändern. Außerdem kann dieses traditionelle Wissen über ökologische Zusammenhänge der Forschung ganz neue Dimensionen eröffnen, sagt Henry Huntington. ZSP 07 Henry Huntington [00:09:19] So, in the in 1995, I was doing my my first project documenting indigenous knowledge. And this in this case we're talking about beluga whales in western Alaska and three elders from the communities of Elim, Shaktoolik and Koyuk had had come together, were sitting around a table talking about belugas. VO „1995 führte ich mein erstes Projekt durch, um indigenes Wissen zu dokumentieren. Es ging um Belugawale im Westen Alaskas, und aus den Gemeinden Elim, Shaktoolik and Koyuk waren drei Älteste zusammengekommen, saßen an einem Tisch und sprachen über Belugas.“ Sprecherin Dr. Henry Huntington ist wissenschaftlicher Direktor für die Arktis bei der gemeinnützigen Organisation Ocean Conservancy. Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er mit indigenen Völkern in Alaska zusammen: ZSP 08 Henry Huntington [00:09:19] And in the conversation about beluga whales somehow the conversation turned to beavers instead and I thought, okay, that means they're mammals, they swim. But you know, this is the wrong species. Why are we talking about beavers and and so on? And one of the elders looked at me and said, do you understand why we're talking about beavers? I said, Well, no, not really. And he said, well, the point is that the beavers around here, the population is increasing. That means they're damming up more streams. And those are the streams where the fish spawn that the belugas are eating down in the bay. And once he explained it, of course the connection is very clear. VO „Und während wir über die Belugawale sprachen, kam das das Gespräch stattdessen irgendwie auf Biber und ich dachte, okay, das sind Säugetiere, sie schwimmen, aber das ist die falsche Art. Warum reden wir über Biber? Und einer der Ältesten sah mich an und sagte: ‚Verstehst du, warum wir über Biber sprechen?‘ Ich sagte: ‚Na ja, nein, eigentlich nicht.‘ Und er sagte: ‚Na ja, es geht darum, dass die Biberpopulation hier in der Gegend zunimmt. Das bedeutet, dass sie immer mehr Bäche aufstauen. Und das sind die Bäche, in denen die Fische laichen, die die Belugas unten in der Bucht fressen.‘ Und nachdem er es erklärt hatte, war der Zusammenhang natürlich sehr klar Sprecherin Die Biberdämme verhindern, dass Fische zu ihren Laichgründen gelangen, was dann wiederum weniger Beute für die Belugas und damit weniger Wale bedeutet. ZSP 09 Henry Huntington [00:09:19] But I at least never would have anticipated talking about beavers in relevance to belugas. And I think most scientists wouldn't have. One is the freshwater sort of land associated animal. The other is a saltwater animal. And it took people who spend time in both domains, who understand the entirety of their local environment to see those kinds of connections. And to me, that was a huge eye opener. That boy, there's just so much more so much richer, deeper, richer knowledge here to be gathered from people who see this whole area as one complete system. VO „Doch ich zumindest hätte nie erwartet, dass man im Zusammenhang mit Belugas über Biber spricht – und die meisten Wissenschaftler hätten das wohl auch nicht: Das eine ist ein an Land lebendes und mit Süßwasser assoziiertes Tier, das andere ein Salzwasserbewohner. Es brauchte Menschen, die viel Zeit in beiden Bereichen verbringen, um diese Art von Verbindungen zu erkennen. Für mich war das ein Augenöffner. Es gibt hier so viel mehr, so viel tieferes, reichhaltigeres Wissen, das von den Leuten gesammelt werden kann, die dieses ganze Gebiet als ein komplettes System sehen.“ MUSIK Aukai: "Turning Days" (aukaimusic/ak-04) 01:06min Sprecherin Inzwischen wird dieses traditionelle Wissen nicht mehr nur von „exotischen“ Disziplinen wie der Ethnobiologie untersucht, sondern auch von – wenn man so will – Mainstream-Forschern. Mit Fernerkundung lässt sich zwar problemlos messen, wie sich Baumkronen durch den Klimawandel verändern. Doch was es wirklich bedeutet, wie sich die Umwelt dadurch verändert, das wissen die Jäger und Fischer am besten: Sie bekommen selbst in entlegenen Gebieten mit, was passiert – etwa, dass Rentiere andere Wanderrouten wählen. Die Zusammenarbeit dieser beiden Wissenswelten funktioniere jedoch nur, wenn die Partnerschaft auf Augenhöhe sei, urteilt Tyler Jessen. Dabei muss in den meisten Fällen erst einmal tief sitzendes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft abgebaut werden. Denn deren Ruf ist bei vielen indigenen Völkern alles andere als gut. ZSP 10 Tyler Jessen [00:10:30] So, in the past, there has been a difficult relationship between a lot of indigenous peoples and Western scientists. And that stems from the the, you know, the bad reputation that science might have in a lot of these communities in that it was oftentimes very extractive in a sense. There was the the scientist would come into the community and would, you know, ask their questions for their own purposes, for their own research needs, then they would leave. And there was really no benefit to the community. In fact, there could be harm to whatever community they might be working with. So, as far as the relationship at least It is moving towards a more beneficial, mutually beneficial that is relationship between indigenous communities and scientists. VO „In der Vergangenheit war die Beziehung zwischen westlichen Wissenschaftlern und indigenen Völkern oft sehr schwierig. Die Wissenschaft hat in vielen dieser Gemeinschaften einen schlechten Ruf, weil sie die Menschen ausgebeutet hat. Die Forscher kamen, stellten Fragen für ihre eigenen Zwecke und verschwanden wieder. Für die Gemeinschaft gab es keinen wirklichen Nutzen. Im Gegenteil, es konnte ihnen sogar schaden. Inzwischen entwickeln sich die Beziehungen häufig mehr zum gegenseitigen Nutzen.“ Sprecherin Für die Wissenschaftler bedeutet das, dass ihre Forschungsziele durchaus hinterfragt werden, allgemeine Verweise auf „Fortschritt“ reichen oft nicht aus. Was am Ende zählt, sind Vertrauen und persönliche Verbindung. ZSP 11 Tyler Jessen [00:27:26 bis 28:08; 24:04 bis 25:13] The first thing that I'd say that is that it just does take time. It does take a long time. I'm, I'm... There can be years that go by for for this kind of research. And that is just the nature of it. There is a saying that says that we don't there is a saying that says that we operate at the speed of trust. And I think that that's a very important thing to consider. // Relationships matter a lot with these indigenous communities. They matter a lot. It's it's that kind of transparency and reciprocity and working towards mutually beneficial research agreements is very, very important to Indigenous communities. VO „Meiner Meinung nach ist Zeit das Wichtigste, viel Zeit. Bei solchen Forschungsprojekte können Jahre ins Land gehen. Das ist einfach so. Es gibt eine Redensart: Wir arbeiten mit Vertrauensgeschwindigkeit. Und ich glaube, das ist sehr wichtig im Kopf zu behalten. Im Kontakt mit indigenen Gemeinschaften bedeuten Beziehungen viel. Transparenz, Gegenseitigkeit und gemeinschaftliches Arbeiten auf Vereinbarungen zu gegenseitigem Nutzen hin ist diesen Gemeinschaften sehr wichtig.“ MUSIK Aukai: "Turning Days" (aukaimusic/ak-04) 00:33min Sprecherin Allerdings erleben westliche Wissenschaftler oft zunächst eine Art „Kulturschock“. Anstatt der gewohnten Daten und Formeln kann ihnen die Überlieferung des indigenen Erfahrungswissens „fremdartig" und „unwissenschaftlich“ und damit „unbrauchbar“ erscheinen. ZSP 12 Henry Huntington [00:05:27] So the the many of the observations are, you know, people have been out on the land and see they've seen things, but some of the observations come from sources like dreams. And for the shamans that's seen as sort of a spiritual journey, they may have become a salmon or a whale or a moose and experienced the world from the perspective of that animal and of see how they see things. And that becomes an important part of the way they understand the world. VO „Viele Beobachtungen stammen von Menschen, die draußen etwas gesehen haben, aber einiges stammt aus Quellen wie Träumen. Für die Schamanen beispielsweise ist das eine Art spirituelle Reise. Sie sind vielleicht in einen Lachs, einen Wal oder einen Elch verwandelt worden und haben die Welt aus der Perspektive dieses Tieres erlebt. Und das wird zu einem wichtigen Teil ihres Weltverständnisses.“ MUSIK CBAWZ2101547 Overt Mission 01:13min Sprecherin Wissenschaftler könnten diese spirituelle Seite leicht abtun. Das sei ein Fehler, man sollte vielmehr fragen: ‚Okay, wie verstehen Sie die Umwelt und wie beeinflusst das, was Sie tun und wie Sie es tun‘, erklärt Henry Huntington. Eine wertvolle Quelle sind auch die Legenden der Indigenen. Wenn sich solche Erzählungen über Jahrtausende des Zusammenlebens in und mit der Natur solche Erzählungen verbreitet und vor allem erhalten haben, steckt in all den Ausschmückungen oft ein wahrer Kern. Ein Beispiel sind die sagenhaften Feuerfalken, von denen australischen Aborigines vor allem im Norden des Landes erzählen. Sie berichten von Raubvögeln, die Feuer vom Himmel fallen lassen und so das Buschland in Brand setzen. Tyler Jessen: ZSP 13 Tyler Jessen [21:26 bis 22:15] It wasn't until just recently that some scientists decided to investigate this further and they asked people about this. And in this case, they what they with these scientists eventually found was that the various Australian raptors, these birds of prey might grab sticks from wildfires in Australia, these burning sticks and they would carry them to new areas and they would drop these sticks in order to spread the wildfire. And in doing so, that flushes out the small prey items that they could then prey upon. What it changed is that it sort of added a new dimension of how fire dynamics can operate, a new, a new method by which wildfires can spread. VO „Erst kürzlich haben Wissenschaftler diese Legende überprüft, und sie haben tatsächlich Raubvögel verschiedener Arten dabei beobachtet, wie sie brennende Zweige von einem Buschfeuer aufnahmen und in andere Gebiete trugen, wo sie sie wieder fallen ließen und ebenfalls Feuer entfachten. Der Zweck war, ihre Beutetiere aus den Löchern zu treiben. Das Verhalten hat aber auch der Ausbreitungsdynamik von Buschbränden eine neue Dimension hinzugefügt, einen neuen Verbreitungsweg für Feuer.“ MUSIK CBAWZ2101509 Celestial Dream 01:23min Sprecherin Der Biologe Ray Pierotti, Professor an der Universität von Kansas, nutzt Erzählungen der nordamerikanischen Indigenen, wenn er nach optimalen Methoden sucht, um Wildtierpopulationen oder ganze Ökosysteme in Nationalparks zu managen. Eine bedeutende Rolle spielt bei vielen Prärievölkern der Wolf. Sie betrachten ihn als eine positive, dem Menschen wohlgesonnene Kraft, die das Ökosystem der Prärie entscheidend prägt. ZSP 14 Ray Pierotti [38:40 bis 39:18] If you look at some of the stories from the the Blackfoot and the Cheyenne, they were actually hunting from wolves and learning to hunt from watching and interacting with wolves and that they noticed the impact that wolves were having on their environment. And that's why they then decided, okay, this environment that we're living in and seem to be having a good life in seems to be a result of the activities of these wolves. Therefore, we're going to regard them as the shapers of the environment, which from our perspective is creator. VO „Wenn man sich Erzählungen der Blackfoot oder der Cheyenne ansieht, dann stellt man fest, dass diese Völker sich ihre Jagdmethoden von Wölfen übernommen haben und dass sie den Einfluss der Wölfe auf das Ökosystem sehr genau erkannt haben. Deshalb wird in ihren Erzählungen sehr deutlich, dass die Umwelt, in der sie leben und von der sie sehr gut leben, dass diese Umwelt das Ergebnis der Aktivitäten der Wölfe ist, und dass sie deshalb den Wolf als Gestalter und in gewisser Weise sogar als Schöpfer ehren.“ CAONA2250732 Around every corner 00:32min Sprecherin Im Gegensatz dazu stand die Haltung der weißen Einwanderer. Sie betrachteten den Wolf als Feind und Konkurrenten und jagten ihn unerbittlich. Selbst in Yellowstone, dem ältesten Nationalpark der USA, wurden die Wölfe in den 1930er Jahren ausgerottet. Vor einem Vierteljahrhundert siedelte man dort wieder Wölfe an, nicht zuletzt, weil man erkannte, dass die Wapiti-Hirsche mangels Fressfeinden zu einer Plage geworden waren. ZSP 15 Ray Pierotti [36:35 bis 37:03] The presence of the wolfs has completely transformed Yellowstone. The ecology of the park is completely different than it was when there were no wolfs at all. It seems like almost all of the populations of other species are doing better, including the ones they hunt. The only one that's not as abundant is the elk population, which is their primary prey. But even they are a healthier population than they used to be. VO „Die Anwesenheit der Wölfe hat Yellowstone komplett verändert. Die Ökologie ist völlig anders. Es scheint, als ginge es allen Tier-Populationen besser, die eingeschlossen, die zum Beutespektrum der Wölfe zählen. Die einzige Art, deren Zahl drastisch zurückgegangen ist, ist der Wapiti, der die Hauptbeute der Wölfe ist. Aber selbst diese Population ist heute offenbar gesünder als früher.“ Sprecherin Ray Pierotti ist bekannt dafür, dass er die indigenen Erzählungen und ihre rituellen Zeremonien auswertet, darin nach Hinweisen sucht, wie sich das Wildtiermanagement verbessern lässt. Dieser Ansatz ist bei einigen seiner Kollegen umstritten, aber er erklärt den Gewinn dieser Herangehensweise an einem Beispiel: ZSP 16 Ray Pierotti [14:22 bis 14:58] the indigenous nations of the Pacific Northwest, they have what they call a first salmon ceremony, which is at a certain time of year when the salmon is starting to come in. They take one salmon out and then they go through a ritual that takes several days during which nobody is allowed to take any more salmon. And so what they're doing is that they have at a key point in the migration pattern of the fish they are leaving the population alone to let the biggest, most experienced individuals get upstream to breed. MUSIK aukaimusic/ak-04 - Aukai "Oars" 01:07min VO „Unter den indigenen Völkern des pazifischen Nordwestens gibt es ein Ritual, das sie die ‚Zeremonie des ersten Lachses‘ nennen und zu der Zeit durchführen, wenn die Lachse ihre Wanderung zurück in die Flüsse beginnen. Sie fangen einen Lachs und beginnen mit einer Zeremonie, die mehrere Tage dauert. Während dieser Zeit darf niemand Lachse fischen. Im Endeffekt lassen sie damit die Lachspopulation in einem kritischen Moment ungestört. Nämlich dann, wenn die größten, erfahrensten und damit für den Fortbestand der Population wichtigsten Tiere in die Flüsse einwandern.“ Sprecherin Wenn nach dem Ende der Zeremonie der Lachsfang beginnt, gehen den Fischern die jüngeren, weniger fortpflanzungsstarken Tiere ins Netz oder an die Angel. Die sind für den Bestand einer gesunden Population weniger entscheidend als die Alten. ZSP 17 Ray Pierotti [16:11 bis 16:48] Western science and especially Western game management tend to focus on the largest individuals, which is why we have all this record keeping in the Boone and Crockett Club and and stuff like that, that focus on the largest individuals is going to be taken, whereas Indigenous people seem to want to avoid taking the largest and oldest individuals in the population. And the interpretation that come on, that is they understand that those are the individuals that are really responsible for the success of the population. VO „Westliche Wissenschaftler und insbesondere die Wildbewirtschafter neigen dazu, sich auf die größten Individuen zu kaprizieren. Nicht umsonst ist in den Ranglisten der Jäger die Größe immer Trumpf. Während indigene Völker es anscheinend vermeiden wollen, die größten oder ältesten Tiere einer Population zu schießen. Ich vermute, sie tun dies, weil sie wissen, dass diese Individuen für den Bestand der Population sehr wichtig sind.“ MUSIK CBAWZ2101550 Floating Weapons 00:47min Sprecherin Die Karibu-Jäger der Inuit oder dem Volk der Cree im Norden Kanadas hätten laut Ray Pierotti sogar eine strenge Regel: Never shoot the leaders. Schieß niemals die Leittiere. Sie sind zum einen diejenigen, die den Fortpflanzungserfolg der Herde maßgeblich beeinflussen. Sie sind aber auch so etwas wie die Lehrer der Herde, indem sie ihre Erfahrungen an die jüngeren Tiere weitergeben. Tero Mustonen von der Kooperative Snowchange betont: ZSP 18 Tero Mustonen [36:22 bis 37:13] We have to accept the fact that 80% of world's remaining biodiversity is on indigenous lands. Why this is the case? // Indigenous communities often have relations with the surrounding landscapes and species and therefore when they have relations, they care about those resources and it's in their interest to make sure that they don't overhunt, they don't pillage, they don't wipe out a resource, even though they have to use it for living. VO „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass 80 Prozent der verbliebenen Artenvielfalt auf Gebieten vorkommt, die von indigenen Völkern gemanagt werden. Und warum ist das so? Diese Völker haben oft eine enge Beziehung zu den sie umgebenden Landschaften und zu den Tierarten darin. Deshalb haben sie ein Interesse am Erhalt dieser Ressourcen. Ihnen ist daran gelegen, dass sie nicht überjagt, geplündert oder ausgelöscht werden, auch wenn sie Tiere für ihren eigenen Lebensunterhalt bejagen.“ Sprecherin Es gebe also viele gute Gründe, von diesem Erfahrungswissen zu lernen, urteilt Henry Huntington. Noch allerdings werde in der Wissenschaft der Wert nicht allgemein anerkannt. Es gelte dann als anekdotisch, nicht schön systematisch erforscht und mit Statistiken unterfüttert, beklagt Henry Huntington. Aber: ZSP 19 Huntington [00:13:37] we'd be foolish to ignore something that a system that has allowed people to thrive for thousands of years in the same environment without overusing things. And they're the people who are also most most dependent on on that. And who test that knowledge year after year. If it wasn't accurate, people wouldn't be there. That's a that's a pretty severe test. VO „Wir wären dumm, etwas zu ignorieren, das es den Menschen ermöglicht hat, seit Tausenden von Jahren in der gleichen Umgebung zu leben, ohne ihre Ressourcen zu überstrapazieren. Diese Menschen sind am meisten von ihrer Umwelt abhängig, und ihr Wissen wird Jahr für Jahr auf die Probe stellen. Wenn es nicht korrekt wäre, hätten die Menschen nicht überlebt. Das ist ein ziemlich harter Test.“ Sprecherin Inzwischen scheint Bewegung in das Verhältnis von Wissenschaft und Traditionellem Ökologischen Wissen zu kommen. So arbeitet der Wildtierökologe Tyler Jessen mit dem Volk der Kitasoo Xai'xais [Kitesu: he he] im Fjordland nördlich von Vancouver zusammen. Es geht um Schneeziegen, eine Tierart, die abgeschieden im Hochgebirge lebt: ZSP 20 Tyler Jessen [13:10 bis 15:04] the Kitasoo Xai'xais nation, they invited myself and, you know, the research team up into their territory in order to study the Mountain Goats because they wanted to have a scientific understanding of what was going on to complement their traditional knowledge associated with mountain goats. //So So to give a brief example, their knowledge of how many goats they would see on any given day is very important knowledge. And it's something that is that can be, you know, assessed in sort of science through a scientific lens as well. So we know, for example, that going back to about 1970 or so that people used to see goats more often than not on any given day working out on the landscape, you know, going out by boat, walking through a creek and things like that. They would see these mountain goats and they would see them more often than not. And you compare that to 2019, which was, I believe, the most recent date in which we we asked people for their observations of mountain goats, and it was zero Mountain goats. VO „Das Volk der Kitasoo Xai'xais hat mich und das Forschungsteam in ihr Gebiet eingeladen, um die Bergziegen zu untersuchen, denn sie wollen ihr traditionelles Wissen über die Bergziegen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ergänzen. Also haben wir erst einmal versucht herauszufinden, wie oft am Tag die Menschen Schneeziegen gesichtet haben, wenn sie im Gelände oder mit dem Boot unterwegs waren – heute und früher. Die Erinnerungen reichten bis etwa in die 70er Jahre zurück. Und damals war die Wahrscheinlichkeit, jeden Tag eine Schneeziege zu sehen, höher als gar keine zu sehen. Und im Jahr 2019 war die Wahrscheinlichkeit, eine Schneeziege zu sehen, praktisch gleich Null.“ MUSIK Aukai: "Alto Paraíso" (aukaimusic/ak-01) 00:52min Sprecherin Und das finnische Volk der Skoltsamen beteiligte sich an einer Studie, in der Indikatoren für Umweltveränderungen in der Arktis festgelegt wurden - auf der Grundlage von Traditionellem Ökologischen Wissen. Die Sami haben beispielsweise im Fluss Njauddâm (ɲɑudːɐm) den Rückgang der Lachse beobachtet und dokumentiert. Auf der Grundlage ihres Wissens passen sie sich nun an - sie reduzieren die Anzahl der Netze, die sie zum Fischfang verwenden, stellen Laichplätze wieder her und fischen mehr Hechte ab, die die jungen Lachse fressen. Das Projekt ist Teil eines Co-Management-Prozesses zwischen den Sami und der finnischen Regierung. Der Aufsatz, wurde im sehr renommierten Fachmagazin Science veröffentlicht. Und so dringt also das Traditionelle Ökologische Wissen in die westliche Spitzenforschung ein. Und auch in die Konzepte, um mit den Herausforderungen der Zukunft fertig zu werden.

  17. Der große Zapfenstreich - Nationale Machtfantasie oder Einheitssymbol?

    20.03.2025 · 25 Min.

    Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet die Bundeswehr feierlich hohe Würdenträger der Bundesrepublik. Dass dazu neben Militärmusikern sowohl Bewaffnete als auch Fackelträgern aufmarschieren, erfüllt heute nicht Wenige mit Unbehagen. Kritiker fordern immer wieder, den Großen Zapfenstreich abzuschaffen. Von Frank Halbach (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Frank Halbach Regie: Frank Halbach Es sprachen: Rahel Comtesse, Christoph Jablonka Technik: Ursula Kirstein Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Prof. Dr. Urban Bacher, Autor des Buches „Deutsche Marschmusik. Hintergründe, Geschichte und Tradition der Musik der Soldaten“. Linktipps: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Urban Bacher: Deutsche Marschmusik. Hintergründe, Geschichte und Tradition der Musik der Soldaten. 2. erweiterte Auflage, Konstanz 2019. Markus Euskirchen: Militärrituale. Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments, Köln 2005. Manfred Heidler (Hg.): Militärmusik im Diskurs. Eine Schriftenreihe des Militärmusikdienstes der Bundeswehr. Militärmusik und bürgerliche Musikkultur. Dokumentationsband zum gleichnamigen Symposium von 4. Bis 5. September 2018, Bonn 2018. Bernhard Höfele: Großer Zapfenstreich der Bundeswehr von Wilhelm Wieprecht, Bonn 2012. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 „Yorckscher Marsch“; ZEIT: 00:54 SPRECHERIN (leicht ergriffen) Fackellicht erhellt flackernd die Nacht, taucht die Musiker, die zu einem würdevollen Zeremoniell antreten, in schimmerndes Licht – eindrucksvoll, feierlich… SPRECHER (kritisch) Sie marschieren auf: Behelmte Fackelträger, blinkende Waffen – martialisch, antiquiert, überholt. SPRECHERIN (zugewandt) Ein Staat brauchen Traditionen, Symbole und Zeremonielle. Sie prägen auch das Bild der Bundeswehr in der Gesellschaft. SPRECHER (kritisch) Militärischer Mummenschanz mit Fackelmärschen deutscher Soldaten vor dem Reichstag – das erinnert an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. SPRECHERIN (unterbricht) Das „Hochamt“ deutscher Militärmusik sorgt – wie zum Beispiel bei der Ehrung der Afghanistan-Veteranen der Bundeswehr 2021 - immer wieder für hitzig geführte Debatten. MUSIK ENDE MUSIK 2 „Meldung“ ; ZEIT:00:05 SPRECHERIN Der Große Zapfenstreich. SPRECHER Das in der Gesellschaft bekannteste militärische Zeremoniell der Bundeswehr. Mit dieser musikalischen Abendzeremonie werden scheidende Amtsträgerinnen und Amtsträger der Bundesrepublik Deutschland geehrt, aber auch besondere Jubiläen oder Anlässe feierlich begangen. SPRECHERIN Heißt es auf der Website der Bundeswehr. O-Ton 1 Bacher (01:39) Der Zapfenstreich hat eine sehr alte Tradition. Im Prinzip ist es ein Abendritual, dass die Preußen perfektioniert haben und zum besonderen Anlässen in der Abenddämmerung aufführen. SPRECHER Erklärt Dr. Urban Bacher, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Bankmanagement. In seinem 2019 in erweiterter zweiter Auflage erschienenem Buch „Deutsche Marschmusik“ hat sich Urban Bacher intensiv mit den Hintergründen, der Geschichte und der Tradition der deutschen Militärmusik auseinandergesetzt - vom Mittelalter über Preußens Blüte, von der Wehrmacht bis hin zur Bundewehr. O-Ton 2 Bacher (03:46) Im späten Mittelalter gab es noch keine stehenden Heere oder auch Kasernen. Die Soldaten waren oft Söldner, die am Abend Karten spielten oder sich betrunken in Wirtshäusern vergnügten. Ein besonderer Feldwebel der Profos - heute wurde man Spies sagen, oder noch besser die Feldjäger - der musste für Ordnung sorgen: Er strich mit seinem Stock oder mit seinem Säbel über den Zapfen des Bier- oder Weinfasses. Damit war jeder Ausschank sofort beendet. Jeder Soldat musste unverzüglich sein Bett aufsuchen. Oft war der Profos in Begleitung eines Trommlers und Pfeiffers - Spiel genannt - und sie spielten das letzte Stück eben: Zapfenstreich. MUSIK 3 „Marsch der Querpfeifer“; ZEIT: 00:26 SPRECHERIN Urkundlich erwähnt wird solch ein musikalisches Abendsignal in Verbindung mit dem „Zapfenschlag“ erstmals 1596. SPRECHER In großen Feldlagern gab es statt Musik zur Guten Nacht auch schon mal einen Kanonenschuss als ultimative Aufforderung zur Nachtruhe. Geräusch Kanone – Musik ENDE SPRECHERIN Die heutige musikalische Zeremonie des Großen Zapfenstreichs hat sich zu einer rituellen Verabschiedung entwickelt. Zugleich ist sie die höchste Auszeichnung, die die Bundeswehr einer Zivilperson zollen kann. SPRECHER Vorbehalten den Ämtern von Bundespräsident, Bundeskanzler und Verteidigungsminister. SPRECHERIN Doch werden keineswegs nur Zivilisten, sondern auch Militärs im Rang von General, Generalleutnant, Admiral oder Vizeadmiral beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienst mit Großen Zapfenstreich verabschiedet. O-Ton 3 Bacher (07:55) Dann wird der Zapfenstreich bei großen Jubiläen des Staates aufgeführt, zum Beispiel 60 Jahre Bundeswehr oder bei Ende eines großen Einsatzes. SPRECHER So dass das etwa 20-minütige Zeremoniell von der Bundeswehr in Deutschland auch ohne größeres Medieninteresse jährlich etwa 20- bis 30-mal durchgeführt wird. MUSIK 4 „Fanfaren der Feldtrompeter“; ZEIT: 01:25 SPRECHERIN Vom spätmittelalterlichen Zapfenstreich bis zur großen musikalischen Zeremonie war es freilich ein weiter Weg. SPRECHER Seit jeher dienen Soldaten auch dazu, die Mächtigen zu repräsentieren: So begannen einst zunächst einzelne Bläser, mit ihren Signalen die Befehle der Machthaber eindringlich, hoheitsvoll und weithin hörbar kundzutun. Daraus entwickelte sich die Militärmusik. SPRECHERIN Die spätestens seit dem 19. Jahrhundert durch die Besetzungen der Militärorchester, die Professionalisierung der Musiker sowie der Ausweitung des Repertoires auch darauf abzielt, ein Gefühl von Verbundenheit, Einheit und Zusammenhalt in den Nationalstaaten zu erzeugen. SPRECHER In der höfischen Gesellschaft sind der fürstlich musizierende Hoftrompeter und der militärisch blasende Feldtrompeter oft ein und dieselbe Person. Signale als akustische Befehle gehören als hörbare Aufforderungen im höfischen Leben ebenso zum Alltag wie rein repräsentative Musik zur Routine des Heers. MUSIK ENDE SPRECHER In der Antike berichtet unter anderem Gaius Julius Cäsar in seinen Aufzeichnungen zum Gallischen Krieg vom „classicum“. Das bezeichnet erstens ein Instrument, die Kriegstrompete der Römer, zweitens Signale, die mit dieser Trompete gegeben werden und drittens einen Ablauf von Signalen, die als Abendmusik zur Ehrung eines Feldherren gespielt werden. SPRECHERIN Musik also, die Respekt, Anerkennung und Würdigung zum Ausdruck bringen soll. SPRECHER Zwar gibt es Quellen aus dem 16. Jahrhundert über Militärmusik, der Begriff „Zapfenstreich“ im Zusammenhang mit Musik im Rahmen solcher Abendveranstaltungen findet sich aber das erste Mal erst 1726. An gleicher Stelle finden sich auch Schilderungen über Predigten und Betstunden, die abends im Lager der Soldaten abgehalten wurden. Getrennte Veranstaltungen, die zusammenwachsen sollten. MUSIK 6 „Gebet“; ZEIT: 01:21 O-Ton 5 Bacher (22:43) 1813 gab es ein Schlüsselereignis. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. War vom russischen Zaren Alexander I. zum Truppenbesuch in ein Feldlager bei Leipzig eingeladen. Nach dem Signal zum Zapfenstreich haben die Soldaten dort einen Choral gesungen. Dieses Abendsignal hat den König ergriffen. Sofort hat er seinen Generalleutnant befohlen, dass er das auch will. Seine Soldaten sollen jeden Abend nach dem Signal zum Zapfenstreich ihre Kopfbedeckung abnehmen. Innehalten für ein kurzes Gebet und bei feierlichen Anlässen sollen die Trompeter ein Abendlied blasen. (…) 13:26 Seither wird das Abendsignal Preußischer oder Russischer Zapfenstreich genannt. SPRECHERIN Ein deutlicher Ausdruck des religiösen Selbstverständnisses der sogenannten „Heiligen Allianz“ von Preußen, Österreich und Russland während der antinapoleonischen Befreiungskriege. Die Melodie, die bis heute zum Gebet im Großen Zapfenstreich erklingt, ist der Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“ des ukrainischen Komponisten Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski. MUSIK kurz hoch O-Ton 6 Bacher (23:40) Der Choral ist der eigentliche Höhepunkt des Großen Zapfenstreichs. Mehrfach wurde versucht, das Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“ zu ersetzen. Vergeblich - zu zart, zu melodisch zu ausdrucksstark ist dieser Choral unter freiem Himmel im Fackelschein. SPRECHER Als fester Bestandteil etabliert sich die Melodie Bortnjanskis, seit sie im Rahmen eines öffentlichen Konzertes innerhalb des Großen Zapfenstreichs erklungen ist: Am 12. Mai 1838 besucht Zar Nikolaus I. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Beauftragt mit „allen in Berlin stationierten Militärkapellen“, zu diesem Anlass ein eindrucksvolles Konzert zu veranstalten, wird der Musikdirektor des Musikkorps des preußischen Gardekorps: Wilhelm Friedrich Wieprecht. MUSIK ENDE O-Ton 7 Bacher (15:02) Er war Opernmusiker und spielte Violine, Posaune und Klarinette. Sein Vater war Kavallerietrompeter, dann Stadtmusikdirektor in der Nähe von Halle. Wieprecht war ein Tausendsassa. Bereits mit 25 Jahren hatte er sein Herz an die Militärmusik verloren. Ohne militärische Ausbildung wurde er preußischer Generalmusikdirektor. Er kümmerte sich um die einheitliche Stimmung der Kapellen und um die professionelle Ausbildung der Musiker. MUSIK 5 Privat Take 021 „Parademarsch Nr.1”; Album: Berliner Schlossmusiken; Label: Capriccio – 2545385; Interpret: Berlin Radio Symphonie Orchester/ Sebastian Weigle; Komponist: Wilhelm Wieprecht; Zeit: 00:30 + Atmo Feuerwerk SPRECHERIN Zum Besuch des Zaren bietet Wieprecht über 1.000 Musiker mit 200 Tambouren, Trommlern und Pfeifern und 50 Schellenbäumen auf - umrahmt von einem pompösen Feuerwerk. SPRECHER Sich selbst lässt der Maestro zu solch besonderen Anlässen später übrigens gerne mit Kanonendonner ankündigen. MUSIK ENDE SPRECHERIN 1867 gewinnt Wieprecht den Wettbewerb der Militärkapellen auf der Weltausstellung in Paris vor einer Jury, der unter anderem aus Ambroise Thomas, Hans von Bülow und Léo Delibes angehören. Napoleon III. lädt ihn zweimal nach Versailles ein und verleiht ihm das Ehrenkreuz der französischen Ehrenlegion. SPRECHER 1856 formt Wieprecht einen festen militärischen und musikalischen Ablauf des Zapfenstreichs. Seine Form wird für alle Preußischen Armeen angeordnet. Wieprechts Zapfenstreich wird zwar bis zum Jahr 1918 vielerorts variiert, bleibt aber das maßgebliche Fundament bis zum heute noch verbindlichen Ablauf. Wobei zunächst die exakte Festlegung, welches Musikstück genau denn mit Bezeichnungen wie „Retraite“ oder „Abendlied“ gemeint sei, erst mit dem Erscheinen der gedruckten Partitur im Jahr 1872 zweifelsfrei geklärt ist. SPRECHERIN Ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs, das den Preußischen Zapfenstreich zum Zapfenstreich des „geeinten“ Deutschland macht. MUSIK 7 „Heil dir im Siegeskranz“; ZEIT:00:41 SPRECHER Im Ablauf des Großen Zapfenstreichs wurde fortan bei Anwesenheit des Monarchen vor dem Gebet die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ intoniert. SPRECHERIN Deren Melodie identisch mit der britischen Nationalhymne ist –eine offizielle Nationalhymne hatte das Deutsche Kaiserreich nicht. MUSIK ENDE Die gibt es erst 1922 in der ersten parlamentarischen Demokratie Deutschlands: MUSIK 8 F100090 101 „Deutschlandlied“; ZEIT: 00:12 das Deutschlandlied mit dem von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 verfassten Text zur Musik Joseph Haydns. MUSIK ENDE SPRECHER Die Nationalhymne ersetzt die Kaiserhymne und soll auch so die Symbolkraft des Großen Zapfenstreichs einerseits für den Zusammenhalt und die Gemeinschaft der Streitkräfte festigen und andrerseits zugleich die Verbundenheit zwischen Bundeswehr und den Bürgerinnen und Bürgern fördern. SPRECHERIN Deswegen erscheint es umso wichtiger, über den Zeitraum zwischen Weimarer Republik und Bundesrepublik Deutschland bzw. Deutscher Demokratischer Republik zu sprechen. O-Ton Bacher 8 (25:12) Hitler und seine Parteifreunde haben die Wirkung von Trommeln und Pfeifen, Fanfaren und Pauken schnell erkannt und Marschmusik für ihre Zwecke instrumentalisiert. Der Rundfunk damals begann in der Nazizeit schon früh am Morgen mit Marschmusik. Die Wochenschau wird von Militärmusik gewöhnlich untermalt. Die Zeit ganz großer Appelle und Aufmärsche war gekommen. Der einfache Soldat lernte Soldatenlieder. Um der Welt zu imponieren gab es Groß-Konzerte zum Beispiel anlässlich der Olympiade 1936. Und ganz große Aufmärsche gab es zum Beispiel zu Führers Geburtstag. Der Große Zapfenstreich wurde zwar auch aufgeführt, ein Abendsignal mit einem Choral im Zentrum, setzte aber nicht das ideale Zeichen für die Partei. Für die Propaganda und für einen Aufbruch eigneten sich Appelle zackige Wachaufzüge und große Vorbeimärsche viel besser. SPRECHER Erläutert der Militärmusikexperte Urban Bacher. SPRECHERIN Die Nationalsozialisten konnten ihre Finger vom Zapfenstreich ebenso wenig lassen wie von allem anderen, das pathetisch, und eindrucksvoll genug schien, der Ideologie der Volksgemeinschaft „zu dienen“. ATMO Marschieren Wenige Stunden, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden ist, marschierten Kolonnen der SA, SS und anderer Nationalsozialistischer Organisationen mit lodernden Fackeln in einem pompösen Siegeszug durch das Brandenburger Tor. SPRECHER Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte! SPRECHERIN Kommentiert der weltberühmte Maler Max Liebermann, als die braunen Horden unter seinem Fenster vorbeidefilieren. SPRECHER Joseph Goebbels, der spätere Reichspropagandaleiter, hingegen ist hellauf begeistert: Ein Marsch für die Ewigkeit, der Aufbruch in ein tausendjähriges Reich. Für die Nachwelt eindrucksvoll festgehalten – SPRECHERIN Allerdings hatten die für die Nachwelt dokumentierenden Hitler-Begeisterten noch wenig Erfahrung mit Medien wie Fotografie oder Film, so dass vom pompösen Fackelzug lediglich ein Haufen verwackelter Bilder blieb. SPRECHER Weshalb Goebbels den Triumphzug im Fackelschein ein paar Monate später nachstellen ließ. SPRECHERIN Gewissermaßen nachgestellt wird auch der etablierte Große Zapfenstreich in einer Variante, die dem ideologischen Charakter des Dritten Reichs besser entsprechen soll. Wilhelm Schierhorn, Musikinspizient der Deutschen Polizei, komponiert den sogenannten „Großen Zapfenstreich der Deutschen Polizei“. SPRECHER Veröffentlicht 1939, wird Schierhorns Werk ein Jahr später in „Großer Abendruf der Deutschen Polizei“ umbenannt – ein Zeichen für die Eigenständigkeit der Reichspolizei im Verhältnis zur Wehrmacht, auch in musikalischer Hinsicht. Die Aufführung bleibt allein den Musikkorps der Polizei und der SS vorbehalten. In Runderlassen wird Schierhorns Marsch „Schutz und Trutz“ für die Feuerwehren angeordnet sowie die propagandagerechte Pflege von Marsch- und Chorgesang geregelt. SPRECHERIN Die Nationalsozialisten versuchen sich den Großen Zapfenstreich wie so viele andere wirkmächtige Rituale, Musik und Ästhetik, zu eigen zu machen, versuchen ihn für ihre Zwecke zu missbrauchen und zu politisieren. Mit weniger Erfolg als bei der Marschmusik allgemein. SPRECHER Denn militärische Symbolik vereinnahmt das Dritte Reich allzu gerne: Bilder von Massenaufmärschen von Uniformierten mit Fackeln haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und erzeugen unmittelbar Unbehagen. Kein Wunder also, dass in der jungen Bunderepublik die Missbilligung von Militärritualen wächst. SPRECHERIN Dementsprechend gerät der Große Zapfenstreich in die Kritik. Dass sich die Bundeswehr bis heute ausdrücklich darauf beruft, dass die aktuelle Zeremonie im frühen 19. Jahrhundert zur Zeit der Befreiungskriege entstanden sei, hilft nur bedingt. SPRECHERIN Die Gründung der Bundewehr 1955 stößt in der westdeutschen Bevölkerung keineswegs auf einhellige Begeisterung. Vielmehr werden zahlreiche öffentliche Aufführungen der Bundeswehr-Musikkorps von Anti-Militaristen massiv gestört und können teilweise nur unter Polizeischutz abgehalten werden. SPRECHERIN Während im 19. Jahrhundert der Große Zapfenstreich nach Wieprecht auch von zivilen Kapellen gespielt wurde, und seine Aufführung beim Militär lediglich die Entscheidung des Dirigenten bzw. Kommandanten war, wird der Zapfenstreich in der Bundesrepublik genehmigungspflichtig. SPRECHER „Die Genehmigung zum Spielen des Großen Zapfenstreiches ist bei den Inspekteuren von Heer, Luftwaffe und Marine bzw. dem Befehlshaber der Territorialen Verteidigung einzuholen.“ SPRECHERIN Heißt es in einem ersten Erlass vom September 1958. Und weiter: SPRECHER Wenn die Bundeswehr den Großen Zapfenstreich nur zu herausragenden militärischen Anlässen spielt, wird die Öffentlichkeit wieder Verständnis seine Bedeutung gewinnen und ihn in Festprogrammen ziviler Veranstaltungen als unpassend empfinden.“ SPRECHERIN Die Bundeswehr erhebt den Großen Zapfenstreich also zu zur feierlichen Veranstaltung der Truppe und damit zu einem Zeremoniell. Dass Wieprechts Zyklus für Schützenfeste, Stadtjubiläen und ähnliche Feste seine Bedeutung verliert, ist gewünschter Nebeneffekt. Er soll für die bürgerliche Musikkultur nur noch eine Ausnahme sein. MUSIK 9 „Zapfenstreichfinale“; ZEIT: 00:45 SPRECHER Nicht nur die Bundesrepublik, auch die DDR führte 1962 den Großen Zapfenstreich wieder ein. Er wurde dort 1981 für die Nationale Volksarmee um „Elemente des progressiven militärischen Erbes“ ergänzt, wie etwa um das Lied „Für den Frieden der Welt“ des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. MUSIK ENDE SPRECHERIN Statt politisch programmatischer Elemente, die in den Großen Zapfenstreich integriert wurden, erregen heutzutage ganz andere musikalische Elemente die mediale Aufmerksamkeit. ATMO Zapfenstreich SPRECHER Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“ und Hildegard Knefs „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“ 2021 bei der Verabschiedung von Bundeskanzlerin Angela Merkel… SPRECHERIN „My Way“ in der Version von Frank Sinatra für Gerhard Schröder 2005, „Smoke on the Water“ von Deep Purple für den zurückgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg 2011… ATMO ENDE MUSIK 11 „Die glorreichen Sieben“; ZEIT: 00:55 SPRECHER „Over the rainbow“ 2012 nach dem Rücktritt des Bundepräsidenten Christian Wulff… SPRECHERIN …“Wind of Change“ der Scorpions 2019 zur Verabschiedung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen… SPRECHERIN …oder „Die glorreichen Sieben“ für ihre Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer… MUSIK ENDE SPRECHERIN Bis zu vier eigene Musik-Wünsche sind möglich. Das geht drauf zurück, dass das von der Bundeswehr ausgeführte Zeremoniell traditionell vor dem Beginn des tatsächlichen Zapfenstreiches eine sogenannte Serenade enthält, die streng genommen nicht zum eigentlichen Ablauf gehört. Bei der Ehrung einer Einzelperson kann dem Ablauf so eine individuelle Prägung verliehen werden. SPRECHER Die Regenbogenpresse interessiert sich stets brennend für die individuellen Musikwünsche der Politikprominenz. Seriöse Medien diskutieren weiterhin das prinzipielle Für und Wider der Zeremonie. O-Ton 9 Bacher (11:00) Was viele vergessen: Mit dem Großen Zapfenstreich wird nicht nur die Person ausgezeichnet, sondern das Amt als solches. Daneben steht die militärische Truppe im Zentrum mit ihrem Abendritual. SPRECHERIN Ein Signal des Respekts vor der Bundeswehr, die teilweise in gefährliche Einsätze weltweit entsandt wird – als Parlamentsarmee ausschließlich von den Volksvertretern. MUSIK 12 „Zapfenstreich-Marsch“; ZEIT: 01:23 SPRECHER Aber erscheint statt des staatstragenden militärischen Zeremoniells für scheidende Minister, Präsidentinnen und Kanzler für so manche oder manchen nicht ein freundlicher Abschiedsbrief der Truppe angemessener? SPRECHERIN Der Historiker Julien Reitzenstein stellt die Gegenfrage: Mit welchem Recht maßen sich manche Kritiker an, darüber bestimmen zu wollen, mit welchen Zeremonien innerhalb einer „Firma“ verdiente „Mitarbeiter“ geehrt werden? SPRECHER Negative Assoziationen angesichts fackeltragender Soldatenaufmärsche erscheinen nachvollziehbar, sind Anlass zu Diskussionen, die geführt werden müssen… SPRECHERIN Oder zu grellen Schlagzeilen in aufgeregt beschleunigten Internet-Debatten auf Twitter und Co führen. Leichtfertig Nazi-Assoziationen Einzelner zum Gegenstand politischer Debatten zu machen, erscheint doch recht problematisch. SPRECHER Bislang zumindest unterliegen Zeremonien wie der Große Zapfenstreich unserer demokratischen Kontrolle. Es liegt an uns allen, dass es dabei bleibt.

  18. Die Pfütze - Ein Versteck zum Überleben

    20.03.2025 · 24 Min.

    Pfützen gelten als kleinste Gewässer. Die Ökosysteme, die sich darin ausbilden, sind hingegen bunt und vielfältig. Bakterien und Algen, Bärtierchen und Amöben, Mückenlarven und Kaulquappen. Gleich nach dem Regen wuselt das Leben und selbst in ausgetrockneten Lachen ist noch was los. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Susi Weichselbaumer Regie: Susi Weichselbaumer Es sprachen: Katja Amberger, Burchard Dabinnus, Diana Gaul Technik: Andreas Lucke Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Rainer Meckenstock, Professor für Aquatische Mikrobiologie an der Universität Duisburg-Essen ; Herwig Stibor, Professor für Aquatische Ökologie an der LMU; Lars Hendrich, Insektenspezialist an der Zoologischen Staatssammlung München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Gartenteich - Paradies für Seerosen und Co JETZT ANHÖREN Grundwasser - Ein geheimnisvoller Lebensraum JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Spielplatz 1/ MUSIK Sandbath 0.47 min ERZÄHLERIN Am Nachmittag auf dem Spielplatz – es hat den ganzen Morgen über geregnet. Zwischen Rutsche und Klettergerüst stehen große, kleine, mittlere Pfützen. 1 ZU 4 V: Ihhhh / W: Da versickert man! GELÄCHTER ERZÄHLERIN Für die Kinder in den knallbunten Gummistiefeln ist es ein einziges Schlammfest. 2 ZU 5 Q: Ja!!! PLATSCH Juhu!!! ATMO/ MUSIK ENDE ERZÄHLER Herwig Stibor teilt diese Begeisterung. Er ist Professor für Aquatische Ökologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München – ERZÄHLERIN Und leidenschaftlicher Pfützenforscher: 3 ZU Stibor 16:53 Allein die faszinierenden Abläufe in diesem Ökosystem sollten einem Respekt abfordern. ERZÄHLERIN Denn: Obschon die Forschung sie führt als die kleinsten stehenden Gewässer, die obendrein oft nur kurze Zeit existieren: In Pfützen und Lachen tobt enorm viel – ERZÄHLER Und vielfältiges Leben. MUSIK Lightfooted reduced 0.10 min ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Wasser im Wald. ATMO WALD/ MUSIK Field Day 0.47 min ERZÄHLERIN Die Waldbäume reihen sich dicht an dicht. Durch die grünen Wipfel dringt ab und an ein Sonnenstrahl. Der Regenschauer ist vorbei. Es riecht nach feuchter Erde. In den Kuhlen auf dem Waldboden stehen Wasserlachen. Wenn das Licht durch die Äste auf die Wasseroberfläche trifft, schillern Regenbogenfarben in bunten Schlieren. Es spiegelt und glänzt. ERZÄHLER Wie ein Ölfilm. ERZÄHLERIN Ist aber keiner! 4 ZU Meckenstock (0.00) Sondern das ist ein ganz hauchdünner Eisen- oder Manganfilm. ERZÄHLERIN Erklärt Prof. Rainer Meckenstock. Er ist Umweltmikrobiologe an der Universität Duisburg-Essen. 5 ZU Meckenstock (0.00) Und der entsteht dadurch, dass da Mikroorganismen sind, die reduziertes Eisen, was aus dem Untergrund rauskommt, oxidieren. Und dann fällt es als Rost praktisch aus an der Grenzschicht zwischen Wasser und Luft. Und bildet so einen ganz dünnen Film, der eben aussieht wie ein Ölfilm. ERZÄHLER Schnappt man sich einen herumliegenden Stock oder ein Stück abgefallener Rinde und stochert damit in der Pfütze, verziehen sich die Schlieren nicht wie bei einem Ölfilm und bilden neue buntschillernde Muster. ERZÄHLERIN Sondern: Sie brechen. ERZÄHLER Wie Eisschollen. ERZÄHLERIN Quasi Eisen-Eisschollen. MUSIK Tangerine ERZÄHLER Mikroorganismen, die Pfützen quasi rosten lassen, sind nicht die einzigen, die sofort aktiv werden, sobald sich auf dem Waldboden oder überhaupt auf lehmig-erdigem Untergrund irgendwo in einer Mulde Wasser ansammelt. Abermillionen Kleinstlebewesen warten im Untergrund nur darauf, dass sich etwas Neues tut. ERZÄHLERIN Eine Pfütze entsteht. ERZÄHLER Um selbst tätig zu werden und zu nutzen, was die Lache hergibt. ATMO/ MUSIK ENDE 6 ZU Meckenstock (1.33) Wenn da viel Organik ist in der Pfütze, sagen wir mal im Wald sind viele Blätter runtergefallen, dann ist da viel organisches Material. Dann gibt es sofort Mikroorganismen, die sich darüber her machen und das abbauen. ERZÄHLERIN Da sind Bakterien, die Sauerstoff umsetzen. Die nächsten verzichten auf Sauerstoffe und bauen Nitrat um. Daraus bilden sie elementaren Stickstoff. ERZÄHLER Wieder andere Bakterien mögen Sulfat und reduzieren es zu Schwefelwasserstoff. 7 ZU Meckenstock (1.33) Und dann stinkt es so. Das ist der Schlamm, der sich im Boden bildet, der dann so stinkt und so schwarz ist. Das sind meistens Eisensulfide, die eben durch die mikrobielle Atmung da entstanden sind. MUSIK Going to work ERZÄHLERIN Millionen verschiedener Bakterienarten übernehmen also verschiedenste Umsetzungsjobs in der Pfütze. Und: Sie arbeiten nach System. ERZÄHLER Exakter nach einem Schicht-Plan. An der Oberfläche dümpelt etwa, wer Sauerstoff braucht. Organismen, die Nitrat bevorzugen und veratmen, ziehen ein paar Stockwerke tiefer ein… 8 ZU (Meckenstock (3.42)) Und dann zum Schluss, ganz unten, da sind die Methanogenen, und die machen aus dem organischen Material Methan. Und das bubbelt dann so hoch. Wenn man mit dem Stock reingeht in den Schlamm, dann kommen die Blasen hoch. Das ist meistens Methan und CO2. MUSIK ENDE/ ATMO WALD ERZÄHLER Mikrobieller Schichtbetrieb also… ERZÄHLERIN Und zwar von ziemlich jetzt auf gleich in dieser kleinen Lache, die sich eben erst auf dem Waldboden gebildet hat. Da ist der Regen noch gar nicht vorbei, wirbelt es schon. Forschende wie Rainer Meckenstock zählen bis zu einer Milliarde Mikroorganismen pro Milliliter Pfützenwasser. Und diese Winzlinge ackern kräftig. MUSIK Moviated Work 0.56 min ERZÄHLERIN Nach wenigen Tagen zieht sich da durchaus ein ansehnlicher Biofilm über die Wasseroberfläche. Grünalgen und Jochalgen machen sich breit. Goldalgen – die aussehen wie kleine Schmuckstücke, wenn man sie unter dem Mikroskop anschaut. ERZÄHLER Die mikrobielle Gemeinschaft gedeiht. ERZÄHLERIN Und bekommt kontinuierlich Zuwachs, beschreibt der Münchner Professor für Aquatische Ökologie, Herwig Stibor. 9 ZU (4 Stibor 1.46) Dann kann so eine Pfütze recht schnell genug Bakterien und Algen haben, um andere Tiere wie kleine einzellige Pantoffeltierchen oder Glockentierchen zu ernähren. ERZÄHLER Eingetragen werden neue Bewohner auch per Wind, als blinde Passagiere im Federkleid von Vögeln, die einen Trinkstopp einlegen oder Badepause machen. MUSIK Sandbath 0.45/ ATMO Spielplatz 1 ERZÄHLERIN Manch Zuzügler klebt an der Sohle des Kindergummistiefels und platscht mit von Wasserloch zu Wasserloch. 10 ZU (4 Stibor 1.46) Und dann reicht es irgendwann auch für Insektenlarven. ERZÄHLERIN Mücken lieben Lachen, auch schon die ganz flachen hier auf dem Spielplatz. Ungefähr sechs Zentimeter tief ist das Wasser. Breit ist die Pfütze vielleicht wie zweimal die Arme von Mama, Papa, Oma oder Babysitter ausgestreckt. 11 ZU (0.29) 6 M: Da schwimmen so weiße kleine Dinger rum und ich glaube, das sind so eine Art Eier, die Mücken oder Fliegen abgelegt haben. ERZÄHLER Könnte sein und wäre typisch für kleine stehende Gewässer wie diese Art Pfütze: MUSIK Lightfooted 0.10 min ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Die Spielplatz-Pfütze. MUSIK Healthy balance 0.48 min ERZÄHLERIN Baut man fleißig Matschdämme oder lässt Schiffchen aus Blättern in den Lachen zwischen Bolzplatz und Schaukel treiben, stößt man nicht selten auf längliche Eier, kleiner als ein Millimeter, weiß bis bräunlich-schwarz, die aneinanderkleben wie Stifte in einer Box. Oder zusammen winzige Kreise bilden, die aussehen wie Unterteller. ERZÄHLER Viele verschiedene Mückenarten verteilen ihre Eier in Pfützen, oft bis zu 200 (Eier) auf einen Rutsch. Die Larven sind in so einer Spielplatzlache rundum versorgt. Sie ernähren sich von Pflanzenteilchen im Wasser. Zum Atmen rudern sie regelmäßig an die Oberfläche. Nach zwei bis drei Wochen starten sie los in die Luft – als fertige Mücken. MUSIK ENDE / ATMO SPIELPLATZ ERZÄHLERIN Das Ökosystem Pfütze kennt viele Lebensläufe. Die meisten erkundet man am besten unterm Mikroskop. In jedem Tropfen Wasser aus der Pfütze auf dem Spielplatz – ERZÄHLER Ist etwas geboten. MUSIK Bonsai dub (f) 1.10 min ERZÄHLER Wasserflöhe wuseln umher. Das sind winzige Krebse, ein bis drei Millimeter etwa. Durchsichtig-weiß wirken ihre runden Körperchen ein bisschen pummelig. Die im Verhältnis großen schwarzen Knopfaugen schauen immer etwas erstaunt drein. ERZÄHLER Und Achtung: Sie heißen Flöhe, weil sie auf ihren langen verästelten Fühlern hüpfen wie Flöhe. ERZÄHLERIN Richtig scharf stellen muss man das Mikroskop, um Wimperntierchen zu sehen. Die sind in der Regel nur 10 bis 300 Mikrometer lang. Überall am ovalen Körper stehen kleine Haare ab – ERZÄHLER Wie eine Punk-Frisur, nur eben rundherum. ERZÄHLERIN Mit den Härchen rudern die Wimperntierchen durchs Wasser. Den nahezu durchsichtigen Rädertierchen stehen auch die Haare zu Berge, allerdings nur am Kopf. Fürs Vorwärtskommen setzen sie statt auf Wimpernkraft auf den langen Schwanz, mit dem sich prima rudern lässt. Auch wenn er kaum länger ist als 0,1 Millimeter. ERZÄHLER Eine gewisse Manövrierfähigkeit ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil: Das Ökosystem Pfütze ist kein Mikro-Idyll. MUSIK Dust Bowl 0.32 min ERZÄHLER Da müssen Rädertierchen und Fadenwurm beispielsweise durchaus den knubbeligen Bärtierchen entkommen. Die steuern sie sonst mit ihren acht moppeligen Beinchen an, stechen den Rüssel ein und saugen das Opfer aus. Ist mal kein Opfer in Sicht, mögen es Bärtierchen genauso vegetarisch. Pflanzenteile und Algen genügen. ERZÄHLERIN Genügen ist denn auch eines der Schlagworte, wenn es um Leben, besser Überleben in der Pfütze geht. Und das schon seit geraumer Zeit. Charles Darwins Evolutionstheorie löst Mitte des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Pfützenbegeisterung bei Forschenden aus. Bald ranken sich zahlreiche Theorien und spekulative Erklärversuche darum, wie Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien, Menschen – einfach alles entstanden sein könnte aus Matsch. ERZÄHLER Die Idee von der Pfütze als alleiniger Ursuppe ist inzwischen passé. Jüngste Studien zeigen, dass die Bausteine des Lebens wohl von Meteoriten auf die Erde gebracht wurden. Kohlenstoff, Wasserstoff, Aminosäuren, Metalle und so weiter. ERZÄHLERIN Trotzdem: Irgendwo und wie mussten diese Elemente auf der Erde zusammengesetzt werden. ERZÄHLER In Pfützen vielleicht, meinen manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. MUSIK House of glass (d) 1.10 min ERZÄHLER 2012 testeten Forschende der Universität Oldenburg in einem Experiment folgende Hypothese: Nicht die großen weiten Ozeane sind der Ursprung des Lebens, sondern kleine Lachen. Diese überschaubaren Wasserstellen seien durch Dämpfe und Gase entstanden, die aus den Tiefen der Erde aufgestiegen sind. ERZÄHLERIN Zeitlich reden wir da von irgendwann vor rund 3,8 Milliarden Jahren. Vulkane gibt es damals etliche auf dem Planeten, es brodelt und kocht. In der Atmosphäre ist kaum Sauerstoff, dafür jede Menge Kohlendioxid. ERZÄHLER In den vulkanischen Gebieten dampft es kräftig, Gase treten aus und kühlen an der Oberfläche ab. Dadurch bilden sich temporäre Teiche und Tümpel. Darin sammeln sich Mineralien und andere Grundbausteine für Einzeller. Voilá: Erstes Leben entsteht. ERZÄHLERIN Zumindest theoretisch und im Modell. MUSIKENDE ERZÄHLERIN Ob die Pfütze nun wirklich der Anfang allen Seins ist – darüber diskutiert die Forschung bestimmt noch eine geraume Weile weiter. Was hingegen klar ist: Eine unscheinbare Pfütze kann genügen, um in kürzester Zeit ein vielfältiges Ökosystem aufblühen zu lassen. ERZÄHLER Aber nicht jede Kategorie von Lache taugt fürs pralle Leben: MUSIK Lightfooted reduced ZITATORIN Nächstes Pfützenbeispiel: Die Pfütze auf der Straße. ATMO Straße ERZÄHLER Unmittelbar nach dem Regenguss steht das Wasser in den Schlaglöchern auf der Fahrbahn. In kleinen Senken sammelt es sich neben dem Bürgersteig. Autoreifen lassen es hoch aufspritzen. Triefende Passanten schimpfen hinterher. 12 ZU (Meckenstock (18.47)) Also eine Pfütze auf dem Asphalt, die wird zu schnell austrocknen. ERZÄHLERIN Urteilt der Duisburger Umweltökologe Rainer Meckenstock. Ein paar Tage braucht es schon, bis sich ein Ökosystem entwickelt. Am besten einige Wochen. Zudem ist auf Teer, Asphalt und Beton oft wenig geboten an organischem Material, woraus mehr entstehen könnte als mikrobakterielles Leben. ERZÄHLER Andere Untersuchungsobjekte sind da idealer für Pfützenforscher: 13 ZU (Meckenstock (18.47)) Der Truppenübungsplatz, der ist ziemlich gut, nicht. Dadurch, dass die schweren Fahrzeuge den Boden so verdichten, dass der wasserundurchlässig wird. Und dann kann sich da schon sehr gut das Wasser stauen und bleibt jetzt auch längere Zeit da drin. Und das reicht ja dann sogar aus, dass da dann Frösche kommen und Kröten und drin laichen und Molche. ATMO Wiese/ Tümpel ERZÄHLER Kröten, Unken und Molche wählen solche länger stehenden und etwas tieferen Lachen auf Übungsplätzen oder Äckern gerne als Kinderstube für ihre Kaulquappen. Kein Wunder: Hier gibt es kaum Feinde. ERZÄHLERIN In Tümpel oder See wird man schnell mal von Fischen gefressen. MUSIK Tangerine 1.10 min ERZÄHLER In der Lache darf man in Ruhe groß werden. Zudem ist es kuschelig, das Wasser wärmt sich schnell auf, die Pfütze wirkt wie ein Brutkasten. Nach 41 Tagen wird aus einer Larve mit Kiemen und Schwanz eine fertige kleine Gelbbauchunke. Fünf Zentimeter groß. Wittert sie Gefahr, stülpt sie ihr Hinterteil nach oben. Eine quietschgelbe Bauchseite schlägt den Angreifer in die Flucht. ERZÄHLERIN Nett! ERZÄHLER Effektiv. Gelbbauchunken gab es auf der Erde schon vor den Dinosauriern. ERZÄHLERIN Trotzdem: 41 Entwicklungstage sind für Pfützenbewohner reichlich. Minikreuzottern schaffen das erheblich schneller: 17 Tage im Pfützenwasser und man schlängelt an Land weiter. ERZÄHLER Wobei, auch das ist womöglich zu lange. Denn: Pfützen werden zunehmend rar. 14 ZU (Meckenstock (18.47)) Bei uns wird jeder Graben unnützerweise immer sauber gemacht, damit das ordentlich aussieht, und dementsprechend läuft alles ab und durch. Und dann bleiben wenig Lebensräume zurück für solche Tiere. MUSIK Field Day 0.45 min ERZÄHLERIN Rauchschwalben sieht man immer seltener. Ein Grund: Es fehlen Pfützen. Schwalben nutzen den Lehm aus Lachen für den Nestbau. Wo keine Lache, da keine Schwalbenfamilie. ERZÄHLER Und auch keine Schmetterlingsnachkommen. Schmetterlinge mögen am liebsten Blumennektar. Der ist reich an Zucker, hat aber wenig Nährstoffe. ERZÄHLERIN Vor allem keine, die Schmetterlinge benötigen für die Fortpflanzung. ERZÄHLER Der Kurort Schlammpfütze ist voller Salze und Mineralien. ERZÄHLERIN Schmettterlings-Männchen machen sich damit fit. ERZÄHLER Weibchen auch. ERZÄHLERIN Lachenmatsch verbessert die Lebensfähigkeit der Eier. MUSIK ENDE ERZÄHLER Tatsächlich ist in den letzten Jahrzehnten immer weniger Platz für Kurschlammpackungen für Schmetterlinge oder Matschbaumärkte für nistende Schwalben. Kleinstgewässer wie Pfützen verschwinden. Mehr und mehr Flächen werden versiegelt. Wege und Stege sind muldenfrei begradigt. Wasser soll in erster Linie ablaufen. Auch weil der Klimawandel zunehmend Starkregen bringt, der eben keine heimeligen Lachen entstehen lässt, sondern wertvollen fruchtbaren Boden wegschwemmt. Zugleich machen Hitze- und Dürreperioden Pfützen den Gar aus. ERZÄHLER Aber: Einige Pfützenbewohnerinnen und -bewohner haben sich in den vielen Jahrtausenden der Evolution darauf vorbereitet, dass es eben in der Natur der Pfütze liegt, auch mal auszutrocknen. ERZÄHLERIN Manchmal hat man Glück und kann per Anhalter eine Pfütze weiterreisen, die vielleicht länger nass bleibt: Im Gefieder eines trinkenden Vogels. Im Fell eines Hundes, der durchs Wasser springt. An der Sohle eines Kindergummistiefels. ERZÄHLERIN Nicht selten hat man aber auch Pech. Aus winzigem Wellengang wird weite Wüste… MUSIK Lightfooted reduced 0.10 min ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Die ausgetrocknete Pfütze MUSIK Sandbath 1.15 min ERZÄHLER Fast schon philosophisch mutet die Erkenntnis von Pfützenforschenden wie dem Münchner Aquaökologen Stibor an: Nur weil man eine Pfütze nicht sieht, heißt das nicht, sie wäre nicht da. Sie ist halt für den Moment – ERZÄHLERIN Oder eine geraume Weile – ERZÄHLER Schlichtweg wasserlos. 15 ZU Stibor 0.19 Das bedeutet, dass die Organismen, die in einer Pfütze leben, damit gut klarkommen müssen. ERZÄHLERIN Fürs Klarkommen nennt Stibor verschiedene Strategien: ERZÄHLER Strategie 1: Die Generationszeiten etlicher Pfützenbewohner sind kurz, vielleicht nur einen Tag lang oder weniger, wie bei Bakterien, Amöben oder Pantoffeltierchen. ERZÄHLERIN Strategie 2: Nur die ersten Entwicklungsstadien finden in der Pfütze statt. Nach zwei Wochen startet die erwachsene Mücke ins luftige Leben, nach zwei drei Wochen hüpft die Unke an Land. ERZÄHLER Besonders spannend für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist Strategie 3: Viele Organismen, die in Pfützen leben, können sogenannte Dauerstadien einnehmen. Sich flexibel anpassen, wenn es trocken wird um sie herum. 16 ZU Stibor 1.46 Die wissen, dass diese Pfütze austrocknet und können rechtzeitig Stadien ausbilden, also Eier oder Dauerstadion von adulten oder juvenilen Tieren, die dann dieses Austrocknen überstehen können. Und wenn die dann per Wind oder einen anderen Transportweg wieder in eine Pfütze oder ein Gewässer kommen, dann würde dieses Dauerstadium wieder zum aktiven Dasein erweckt werden. Und dann schlüpft zum Beispiel wieder ein Moostierchen oder Bärtierchen. ERZÄHLERIN Auch Lars Hendrich, Insektenspezialist an der Zoologischen Staatssammlung München, interessiert sich speziell für diese Dauerstadien. Dazu weiß die Forschung noch gar nicht viel. ERZÄHLER Lange dachte man, es wäre einfach eine Art Sicherheitsmodus, um Wochen, Monate, Jahre zu überdauern. ERZÄHLERIN Offenbar gibt es jedoch Arten, die eine Trockenperiode sogar unbedingt brauchen. 17 ZU Hendrich 4.25 Dann ist diese Trockenphase absolute Bedingung, dass die Eier sich entwickeln und wenn irgendwann dann Wasser kommt, dass die aufgehen können. Das gilt für die ganzen Urzeitkrebse, die bei vielen Kindern beliebt sind, die kann man ja so als Baukasten kaufen und zuhause dann züchten. MUSIK Dust Bowl ERZÄHLERIN Kiemenfußkrebse gehören in diese Kategorie Urzeit. Die kompakte Körperform mit den langen Fühlern vorne und den auslaufenden Schwanzenden hat sich seit Jahrmillionen nicht verändert. Deshalb hielten sie die Expertinnen und Experten für unverwüstlich. Internationale Vergleichsstudien zeigen jetzt: Diese Tiere sind anspruchsvoll. 18 ZU Hendrich 7.00 Die brauchen ausschließlich diese temporären Gewässer in unterschiedlichen Ausprägungen, manche eben diese reinen Sandgewässer, mit Lehmboden, anderen kommen auch im Wald vor oder auf überstauten Wiesen. ERZÄHLER Welcher Kiemenfußkrebs wo was warum am liebsten mag – diese Frage ist offen. Forschende der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung haben zum Beispiel Fußspuren von Elefanten in Namibia untersucht, in denen sich Wasser angesammelt hat. Schon binnen weniger Tage hatten mehr als 400 Organismen die rund 30 Zentimeter tiefen Löcher besiedelt. Neben Urzeitkrebsen auch Wasser- und Schwimmkäfer und jede Menge Stechmücken. Und die erwiesen sich als besonders reisefreudig. Wie sich einzelne Stämme verteilen in die umliegenden Pfützen, das ist eines der großen Forschungsthemen derzeit. Vor allem, wenn es um die Verbreitung von lebensbedrohlichen Krankheiten geht wie Dengefieber oder Zika. ERZÄHLERIN Ein anderes Augenmerk der Forschenden: Mikroorganismen, die aus dem Boden Metalle holen und verstoffwechseln, so dass sich oben auf der Pfütze Schlieren bilden – ERZÄHLER Wie die das machen – ERZÄHLERIN Ist ein Rätsel. 19 ZU (Meckenstock (22:49)) Was mich interessieren würde, das wären zum Beispiel diese Eisen- und Manganfilme auf diesen Wasseroberflächen, welche Mikroorganismen sind daran beteiligt diese zu bilden, welche findet man da drin? Wie sind die Prozesse dazu? ERZÄHLERIN Erzählt Umweltökologe Mertenstock. 20 ZU (Meckenstock (22:49)) Eine Kollegin von mir, die junge Wissenschaftlerin bei mir die Lisa Voskuhl, die entwickelt jetzt ein ganz tolles Forschungsgebiet, wo sie sich Ölfilme auf dem Wasser anschaut und sich anschaut: Wie schnell werden denn solche Ölfirmen abgebaut? Und was sind da für Prozesse dahinter? Wann werden diese Ölfilme schnell abgebaut? Wann werden sie langsam abgebaut? Was ja da eine sehr praktische Anwendung hat in Bezug auf Ölunfälle, im Meer oder auch im Süßwasser in Seen, Flüssen, Teichen, Pfützen. Wie schnell werden solche Ölfirmen abgebaut, und welche Prozesse sind daran beteiligt? ERZÄHLERIN Das Kleinstgewässer Pfütze als Modell für die ganz großen Ökosysteme. Diesen Ansatz wollen die Forschenden weiter nutzen und mehr erfahren, über die Entwicklung des Lebens auf der Erde. ATMO SPIELPLATZ ERZÄHLER Und auch die zweite große Gruppe der Lachen-Fans, neben der Wissenschaft, wird weiter den Pfützen auf den Grund gehen: Die Gummistefel-Fraktion. MUSIK Lightfooted / Sandbath C1587790 103 ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Die von Kinderfüßen durchtobte Pfütze ERZÄHLERIN Auf dem Spielplatz wird es langsam dunkel. Die Matschhosen sind starr vor Dreck. Die Zehen nass und klamm. Abendessen ist längst überfällig. ERZÄHLER Macht nichts. Man hat noch nicht geklärt, zu welcher Tierart welche Nachkommen gehören… 21 ZU (1.45) M: In der Lache hüpfen kleine Sachen rum, das sind vielleicht die Kinder von denen.

  19. Déja-vu- Ein Phänomen mit mystischer Aura

    19.03.2025 · 24 Min.

    Das hab ich genauso schon einmal erlebt! Obwohl man dieses Gefühl hat, weiß man: das kann eigentlich nicht sein. Das Déjà vu: Ein Stück weit bleibt es Rätsel, aber es gibt mehrere Versuche, das Phänomen zu erklären. Von der Kunst über die Philosophie bis hin zu Psychologie und Neurologie. Und einige Ansätze scheinen plausibel. Von Susanne Brandl Credits Autorin dieser Folge: Susanne Brandl Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Laura Maire, Thomas Loibl, Carsten Fabian Technik: Susanne Harasim Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Florian Schöberl, Neurologe Hans Markowitsch, Psychologe Arthur Funkhouser, Psychoanalytiker (Overvoice) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Linktipps: deja-experience-research.org Günther Oesterle (Hrsg.): Déjà-vu Hans Joachim Markowitsch: Dem Gedächtnis auf der Spur. Vom Erinnern und Vergessen C.G. Jung: Synchronizität. Der Sinn des Zufalls Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

  20. Die Feministin bell hooks - Liebe ist Heilung

    19.03.2025 · 22 Min.

    Die 2021 verstorbene US-Amerikanerin bell hooks war Visionärin und Wegbereiterin eines Schwarzen Feminismus. In ihren oft sehr persönlichen Texten beschreibt sie, wie Schwarze Frauen in der patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft ausgebeutet werden - und wie sich das ändern ließe. Von Maike Brzoska (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Anja Scheifinger Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Wilkening, Karin Schumacher, Hemma Michel Technik: Regina Staerke Redaktion: Nicole Ruchlak, Yvonne Maier Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Interviewpartner/innen: Birgit Bockschweiger, Referentin für Antidiskriminierung und Diversity an der Universität Regensburg; Shadee Malaklou, Direktorin des bell hooks Centers am Berea College Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Misogynie - Die Abwertung des Weiblichen JETZT ANHÖREN Linktipp: Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: hooks, bell: Bone Black. Memories of a Girlhood. Holt Paperbacks. Henry Holt and Company. 1996. hooks, bell: Feminismus für alle. Unrast Verlag. 2021. hooks, bell: Die Bedeutung von Klasse. Unrast Verlag. 2021. hooks, bell: Alles über Liebe. Neue Sichtweisen. Harper Collins. 2022. hooks, bell: Lieben lernen. Alles über Verbundenheit. Harper Collins. 2022. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN