R

Radiowissen

Bayerischer Rundfunk

2197 Folgen · Zuletzt aktualisiert am 06.11.2026


Über den Podcast

Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

In diesem Podcast suchen

Finde Themen, Personen und Marken, über die in Radiowissen gesprochen wurde.

Folgen

Neueste zuerst

  1. Schnecken - Die starken Schleimer

    09.07.2025 · 23 Min.

    Schnecken haben sich im Laufe der Evolution fast jeden Raum der Erde erobert. Sie leben im Wasser und an Land. Als Delikatesse sind Schnecken beliebt, bei vielen Gärtnern dagegen verhasst. Autorin: Claudia Steiner (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Frank Halbach Es sprachen: Christoph Jablonka, Jenny Güzel Technik: Stefan Oberle Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Elisabeth Tova Bailey, US-Autorin. Doris Kampas, Biogarten- und Hochbeet-Expertin. Prof. Dr. Michael Schrödl, Zoologische Staatssammlung München. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Wespenschwärmerei - WirTier Erik wird gerufen, um sie zu töten. Doch dann passiert dieser eine Moment, in dem der Schädlingsbekämpfer zum ersten Mal spürt, dass Wespen soziale Wesen sind. Bei WirTier erzählt Erik von seiner lebensverändernden Begegnung und stellt Host Vici vor eine Herausforderung, bei der es für die Wespen um alles geht. HIER geht es zur Folge. Intelligenter Oktopus - Gehirn im ganzen Körper JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Michael Schrödl, Schneckenplage muss nicht sein! So vermeiden und bekämpfen Sie rotbraune Nacktschnecken, Books on demand Michael Schrödl, Unsere Natur stirbt: Warum jährlich bis zu 60.000 Tierarten verschwinden und das verheerende Auswirkungen hat, Komplett Media Doris Kampas, Biogärten gestalten, Löwenzahn. Elisabeth Tova Bailey, Das Geräusch einer Schnecke beim Essen, Piper. Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege HIER gehts zur Website Rote Liste Zentrum HIER gehts zur Website Nabu HIER gehts zur Website Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Sie können der Schwerkraft trotzen und kopfüber kriechen. Sie bewegen sich langsam wie in Zeitlupe, aber überwinden - wenn Futter in der Nähe ist, zielstrebig fast jedes Hindernis. Schnecken. O-TON 1 Schnecken (…) leben in einer chemischen Welt, in einer Riech- und Schmeckwelt und die riechen Futterpflanzen von sehr weit weg. Und ja, und da versuchen sie hinzugelangen, egal wie. SPRECHER … sagt Professor Michael Schrödl. Der Biologe ist einer der führenden Mollusken-Experten, also Schneckenforscher, in Deutschland und arbeitet an der Zoologischen Staatssammlung in München. MUSIK SPRECHER Mit ihren Tentakeln – manche haben zwei, andere vier – können Schnecken riechen, schmecken und tasten. Zumindest einige Arten haben am Ende ihrer längeren Tentakel einfache Augen sitzen, mit denen sie allerdings nur Hell und Dunkel unterscheiden können. Wenn sie auf ein Hindernis stoßen, ziehen Schnecken ihre Fühler blitzschnell ein. Sie werden eingestülpt wie ein zu enger Handschuh, aus dem man die Finger zieht und der sich mit umdreht. Gehäuseschnecken können ihren ganzen Körper in ihr schützendes Haus zurückziehen. Musik ENDE MUSIK privat Take 007 „Silken Shadows“; Album: The Ambient Snail; Label: 2733800 Records DK; Interpret: Thrilling Snail; Komponist: Thrilling Snail; ZEIT: 00:42 SPRECHER Gehäuse bestimmter Schneckenarten galten lange Zeit als wertvoll und wurden zum Beispiel in Amuletten verarbeitet. Das etwa münzgroße, eiförmige, schimmernde Gehäuse der Kaurischnecke, die in tropischen Meeren heimisch ist, diente gar über Jahrhunderte als Zahlungsmittel. So zahlte man unter anderem in China, Korea, Japan, Thailand, Ost- und Zentralafrika mit Kauris. Nacktschnecken dagegen schienen schon früher nicht sonderlich beliebt gewesen zu sein. In der Bibel, Psalm 58, heißt es über Frevler: MUSIK ENDE ZITATORIN Sie sollen vergehen wie verrinnendes Wasser, wie Gras, das verwelkt auf dem Weg, wie die Schnecke, die sich auflöst in Schleim. ATMO (Garten) SPRECHER Das wünschen sich auch viele Gärtner. Gartenexpertinnen wie Doris Kampas, die in Österreich Pflanzenbau studiert hat, bekommt Jahr für Jahr Anfragen verzweifelter Gärtner. Besonders verhasst ist die sogenannte ‚Gemeine Wegschnecke‘. Früher wurde die rot-braune, manchmal auch orangefarbene Nacktschnecke auch als Spanische Wegschnecke bezeichnet. Tatsächlich aber – so zeigten Gen-Analysen – sind Spanische und Gemeine Wegschnecke verschiedene Schneckenarten und die Spanische Wegschnecke ist nur in einem kleinen Gebiet in Portugal verbreitet. Die bei uns gefürchtete Gemeine Wegschnecke, die eigentlich schon vor der letzten Eiszeit in Mitteleuropa heimisch war, ist weit verbreitet – begünstigt durch Obst- und Gemüsetransporte quer durch Europa. Das Problem: Die Nacktschnecken haben einen riesigen Appetit. Doris Kampas: O-TON 2 Junge Pflanzen, frisch gesetzte Pflanzen haben die Schnecken besonders gerne und auf das stürzte sie sich regelrecht, dann, wenn wir es nicht bemerken, nämlich am Abend oder sehr zeitig in der Früh und die jungen Salatpflänzchen können dann quasi am Vortag gesetzt worden sein. Am nächsten Morgen sind sie wieder weg, und man sucht sie ganz verzweifelt. Und dann halt alle Arten von jungen Pflanzen wie Kohlrabi, Brokkoli, Rosenkohl, (…) Radieschen, Spinat (…) also, sie mögen sehr viel. SPRECHER Da Schnecken ein relativ gut entwickeltes Gehirn haben, merken sie sich Stellen mit gutem Futter und kehren immer wieder an alte Fressplätze zurück. Die Weichtiere haben eine starke, aus Muskeln bestehende Raspelzunge, Radula genannt. Diese ist mit vielen, kleinen Hornzähnen aus Chitin besetzt und kann selbst hartes Futter zerkleinern, erklärt Michael Schrödl: O-TON 3 Die Zunge mit den Raspelzähnen drauf wird übrigens auch nicht wie ein Schaufelradbagger zur Schnecke hinbewegt, sondern von der Schnecke weg. Also die Schnecke raspelt vom Tier weg und nimmt dann unter der Oberlippe sozusagen die Nahrung auf. MUSIK privat Take 003 „Moonlit Antennae“; Album: The Ambient Snail; Label: 2733800 Records DK; Interpret: Thrilling Snail; Komponist: Thrilling Snail; ZEIT: 00:47 SPRECHER Wenn es ganz still ist, kann man das Abraspeln des Futters sogar hören. Die US-amerikanische Autorin Elisabeth Tova Bailey beobachtete eine Schnecke über eine sehr lange Zeit. Sie war aufgrund einer schweren Erkrankung ans Bett gefesselt. Eine Freundin, die ihr zur Aufmunterung eine Topfpflanze schenkte, brachte ihr mit der Pflanze versehentlich eine etwa fünf Zentimeter lange Gehäuseschnecke ins Haus. Weil die Autorin so geschwächt war, dass sie sonst nichts tun konnte, schaute sie dem Tier einfach zu – monatelang ... MUSIK ENDE O-TON 4 Overvoice weiblich Mir hat es geholfen, dieses Tier zu sehen, das sich ganz anders bewegt, so viel langsamer und auf einer kleineren Fläche. Ich konnte es so eher aushalten, dass mein Leben ebenfalls so langsam geworden war. Ich bin damals irgendwie aus dem normalen Leben gefallen und in einer Schneckenwelt gelandet. SPRECHER Später recherchierte sie über die Weichtiere und schrieb einen Bestseller mit dem Titel „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“. O-TON 5 Overvoice weiblich Diese spezielle Schneckenart hat 2.640 Zähne und die funktionieren wie eine Küchenreibe, also die Zähne schaben das Futter ab. Wenn das Futter eher trocken ist, dann hört man ein Knuspern, wenn es eher porös ist wie bei Pilzen, dann klingt es weicher. ATMO (Garten) SPRECHER Weil viele Schneckenarten mehrere Hundert Eier legen und sich ein bis zwei Mal pro Jahr paaren können, ist es für Gärtner wichtig, Gelege schnell abzusammeln. Die Eier der Wegschnecke zum Beispiel sehen aus wie kleine, weißliche Perlen und kleben oft in Häufchen zwischen den Wurzeln junger Pflanzen. Doris Kampas. O-TON 6 Viele kaufen Jungpflanzen jetzt im Frühling, und das setzen sie dann direkt ins Gemüsebeet, ins Hochbeet. Aber was man oft übersieht: Man setzt sich die Schneckeneier mit ein, weil mir ist das selbst schon sehr oft passiert, dass einfach zwischen den Jungpflanzen in diesen Töpfchen, den man da mit kauft, sind schon die Schneckeneier drinnen oder grad frischgeschlüpfte Schnecken. Die hat man sich halt leider mit eingekauft, also immer bitte jede Jungpflanze gut kontrollieren. SPRECHER Wenn Salate löchrig oder gar abgefressen sind, greifen viele Gärtner zu Salz. Dabei verenden die nachtaktiven Schnecken qualvoll. Zudem gelangt das Salz in den Boden. Andere verstreuen giftiges Schneckenkorn, das die Tiere zwar in der Regel tötet, aber auch eine Gefahr für andere Lebewesen oder auch Kinder darstellt. Zudem überschreiten viele Hobbygärtner die empfohlene Höchstmenge. Wieder andere rücken mit der Gartenschere an und schneiden die Tiere auseinander – weil Schnecken als wirbellose Tiere nicht unter das Tierschutzgesetz fallen, ist dies nicht verboten. Wer die toten Tiere aber liegen lässt, lockt damit wieder andere Schnecken an, denn viele Arten fressen auch Aas. Andere verzweifelte Gärtner stellen Bierfallen auf. Zwar ertrinken einige Tiere, doch der Hefegeruch des Gerstensaftes lockt sogar noch Tiere aus dem Nachbargarten an. Doris Kampas hat einen anderen Rat: O-TON 7 Dass man am Abend entweder so zwischen 19 und 21 Uhr, zur Zeit der Dämmerung einen großen Eimer nimmt, ein paar Handschuhe und dann durch den Garten marschiert und absammelt, absammelt, absammelt und vor allem wirklich so unter Holzbretter schauen, unter Kisten schauen, die herumstehen und dort verstecken sich oder verkriechen sich die Schnecken. SPRECHER Doch wohin mit dem gefüllten Schneckeneimer? In Biotopen oder Wildblumenwiesen haben die Tiere nichts zu suchen. Sie würden dort über Pflanzen herfallen und wären Konkurrenten für Würmer und Insekten. Michael Schrödl: O-TON 8 Man kann Schnecken absammeln und zum Beispiel auf so fette Wiesen in Parks bringen, wo die Hunde immer ihre Häufchen hin machen. Rotbraune Nacktschnecken fressen gerne Kot und fressen gerne Aas, also da sind es dann sogar Nützlinge ja, die kriechen über weite Strecken hin zu einem gut duftenden Hundekothaufen und beseitigen den kostenlos und sauber. ATMO (Garten) SPRECHER Tatsächlich fallen nicht alle Schnecken über frischen Salat her. Viele Arten fressen Pflanzenreste und welke Blätter, vermodertes Gras, Pilzfäden, Eier von Schadschnecken und sogar Aas. Sie bauen organische Stoffe ab und tragen dazu bei, dass Nährstoffe und Mineralien zurück in den Boden gelangen. Der größte Teil der heimischen Schnecken sind also nützliche Tiere. Doch manche Gärtner machen Schadschnecken so sehr zu schaffen, dass sie sich indische Laufenten anschaffen. Die adulten, also erwachsenen Schnecken werden allerdings meist verschmäht, weil sie zu bitter schmecken. Andere Tiere wie Ingel, Amseln, Kröten, Laufkäfer, Spitzmäuse oder Glühwürmchen-Larven fressen zumindest Baby-Schnecken. Doch natürliche Feinde von Schnecken fühlen sich nur in Naturgärten wohl. Doris Kampas: O-TON 9 Sprich: das ist halt jetzt kein super aufgeräumter Garten, wo alles nur mit dem Rasenroboter abgemäht ist, sozusagen und wo nichts blüht, da kommen keine Glühwürmchen und kein Igel. Aber wenn man halt auch seine wilden Ecken hat und viele verschiedene blühende Pflanzen, dann lockt man einfach automatisch ganz viele Insekten an. SPRECHER Andere Gartenbesitzer setzen auf Hochbeete und hoffen, Pflanzen so außerhalb der Reichweite der Weichtiere zu bekommen. Doris Kampas: O-TON 10 Also ein Hochbeet ist grundsätzlich nicht geschützt vor Schnecken, außer man schützt es quasi gezielt. Und das kann man halt im Hochbeet leichter als in einem großen Gemüsegarten. Zum Beispiel, weil ein Hochbett ja doch ein begrenzter Raum ist. Und am besten man bringt eine Schneckenkante rund ums Hochbeet an. Zum Beispiel, wir haben ein Modell, wo eben quasi ein Handlauf rund ums Hochbett ist. Und darunter befindet sich eine Schneckenkante, das ist eigentlich ein gebogenes Metall und die Schnecken können den Winkel nicht überwinden. Es ist eine rein mechanische Sperre, und da kommen sie dann nicht wirklich drüber. SPRECHER Doch die Tiere sind clever – wenn irgendwo ein Zweig oder ein Blatt über die Kante hängt, finden sie diese Brücke und überwinden den Zaun. Wer Schneckenzäune um Beete am Boden anbringt, muss darauf achten, dass der Zaun mehrere Zentimeter im Boden eingelassen ist – Nacktschnecken können sich sonst einen Tunnel graben. MUSIK privat Take 004 „Gastropod Groove“; Album: The Ambient Snail; Label: 2733800 Records DK; Interpret: Thrilling Snail; Komponist: Thrilling Snail; ZEIT: 00:42 SPRECHER Auf der Suche nach Futter rutschen Schnecken zielstrebig auf ihrer eigenen, schützenden Schleimspur dahin. So überwinden sie selbst messerscharfe Kanten ohne jede Verletzung. Nacktschnecken – die ohne Haus wendiger und mobiler als Gehäuseschnecken sind - können sich sogar kopfüber hängend an einem Schleimfaden abseilen, um zu duftendem Pflanzen zu gelangen, weiß Michael Schrödl: MUSIK ENDE O-TON 11 Also der Schleim, der vorn und über den Fuß produziert wird, der ist dann hinten übrig am Schwanz und da können Sie sich vorn aktiv vom Untergrund lösen und an ihrem eigenen Schleimfaden abseilen. Und wenn man zum Beispiel Pflanzen in Kübeln aufhängt, um sie vor Schnecken zu schützen, so wie ich das auch daheim gemacht habe, dann schaut man ziemlich doof, wenn irgendwann die dicke, fette Nacktschnecke sich vom Terrassendach an einem eigenen Schleimfaden abseilt, genau zu den Blumentöpfen hin, die hängen in der freien Luft. SPRECHER Der je nach Art mehr oder weniger klebrige Schleim wird vor allem vom vorderen Teil des Fußes abgesondert. Der Schleim schützt die Tiere vor dem Austrocknen, vor Krankheiten und teilweise auch vor Fressfeinden. Geräusch Schleim SPRECHER Inzwischen hat die Kosmetikindustrie Schneckenschleim entdeckt und produziert Schneckencremes. Die Produkte werden als natürliches Anti-Aging-Mittel angepriesen und sollen unter anderem gegen Akne oder auch trockene Haut helfen. Doch Tierschützer kritisieren dies. Die Schnecken würden meist gezielt unter Stress gesetzt und zum Beispiel mechanisch gereizt, um möglichst viel Schleim abzusondern. Auch die Pharmaindustrie nutzt Medikamente, die Wirkstoffe von Schnecken enthalten. So gibt es ein Medikament gegen Harnblasenkrebs, das aus der Hämolymphe, einer Art Blutersatz, der kalifornischen Schlüssellochschnecke Megathura crenulata produziert wird. Forschungen finden auch mit der Kegelschnecke statt, die mit einer Gift-Harpune Fische oder Muscheln betäubt und frisst. Das von der Schnecke produzierte Nervengift, kann bei Menschen die Weiterleitung von Schmerzreizen unterbinden und kommt deshalb bei Schmerzpatienten zum Einsatz. MUSIK privat Take 003 „Moonlit Antennae“; Album: The Ambient Snail; Label: 2733800 Records DK; Interpret: Thrilling Snail; Komponist: Thrilling Snail; ZEIT: 00:47 SPRECHER Der Aktionsradius von Schnecken ist in der Regel klein. Die meisten Schnecken kriechen wortwörtlich im Schneckentempo – je nach Art nur wenige Millimeter, Zentimeter oder Meter pro Stunde. Manche Arten können sich auch anders fortbewegen: Die bis zu 40 Zentimeter großen braun-schwarzen Seehasen haben eine flügelartige Verbreiterung des Fußes und können schwimmen. Die Meeresschnecken leben an der französischen Atlantikküste. MUSIK ENDE O-TON 13 Es gibt auch Schnecken, die hüpfen. Gerade im Meer gibt es da ein paar. Zum Beispiel Fechterschnecken können sich mit ihrem Horndeckel vom Meeresboden abstoßen. Viele Schnecken, wenn sie schnell wegwollen und an Klippen wohnen, Unterwasser-Hügeln, die lassen sich einfach runter plumpsen. Es gibt Schnecken, die können sich im Meer schlangenförmig bewegen. SPRECHER Weltweit sind etwa 60.000 Schneckenarten bekannt. Doch Experten wie Michael Schrödel gehen von einer mindestens doppelt so hohen Zahl aus. O-TON 14 Also den Rest hat man einfach noch nicht entdeckt. Und bei uns in Deutschland gibt es ungefähr knapp 300 Schneckenarten. Das ist eine ganze Menge. SPRECHER Die kleinsten, bisher bekannten Exemplare haben ein Gehäuse und sind kleiner als ein Sandkorn. Die Art mit dem Namen Angustopila psammion lebt in Vietnam und misst nur etwa einen halben Millimeter. Die größte bekannte Art, die Große Rüsselschnecke, ist im Indischen Ozean heimisch. Sie hat ein spindelförmiges Gehäuse und kann bis zu 90 Zentimeter groß werden. Im Laufe der Evolution haben Schnecken fast jeden Raum der Erde erobert. Sie leben an Land, in Süß- und Salzwasser. O-TON 15 Der einzige Ort, wo man früher gedacht hat, dass es keine Schnecken gibt an Land, das sind Eisgebiete oder gefrorene Bereiche der Ozeane. Aber selbst da hat man gefunden: Wenn Meereis gefriert, dann bilden sich sogenannte Solekanälchen, da wo konzentriertes Salzwasser dann drin ist, also nur das Süßwasseranteil gefriert, und das Salz konzentriert sich in so Kanälchen. Und da gibt es eine Schneckenart (…) in der Antarktis, die darin sogar sich reproduziert, also die leben in den Solekanälchen so lange, bis das Eis wieder schmilzt und dann kann man wieder im freien Wasser leben. SPRECHER Auch wenn manche Schnecken unter extremen Bedingungen wie in der Antarktis überleben können, für viele Arten wird es zunehmend schwieriger. Denn viele Schnecken sind eng an die von ihnen besiedelten Biotope und damit ganz spezifische Bedingungen angewiesen. Doch die Habitate verändern sich – zum Beispiel durch intensive Landnutzung oder auch die Auswirkungen des Klimawandels. So steht zum Beispiel die Weinbergschnecke – die als Delikatesse beliebt ist und extra für den Verzehr gezüchtet wird – in Deutschland unter Naturschutz. In Deutschland gelten inzwischen etwa zwei Drittel der Landschneckenarten als bedroht. Damit gehören Schnecken zu den am meisten bedrohten Organismen. Der Schneckenforscher Michael Schrödl: O-TON 16 Sie sind Bioindikatoren für uns Menschen, weil Schnecken eben nicht sehr mobil sind in der Regel und spezielle Anforderungen an Nahrungspflanzen an Umweltparameter haben. Wenn es vorher an einer Stelle Schnecken gab und hernach nicht mehr, dann weiß man, hopsa da haben sich vermutlich die Lebensbedingungen geändert. Und andersrum, wo es empfindliche Schnecken oder sehr spezifische Schnecken für bestimmte Habitate gibt und man findet sie noch, dann heißt es okay, das Habitat ist noch ziemlich in Ordnung. MUSIK privat Take 007 „Silken Shadows“; Album: The Ambient Snail; Label: 2733800 Records DK; Interpret: Thrilling Snail; Komponist: Thrilling Snail; ZEIT: 01:14 Verschiedene SPRECHER/IN Hain-Bänderschnecke. Tigerschnegel. Braune Wegschnecke. Gefleckte Schnirkelschnecke. Gemeine Bernsteinschnecke. Schlanke Zwerghornschnecke. Schwarzer Schnegel. Genetzte Ackerschnecke. Posthornschnecke …. SPRECHER … heißen einige der Schneckenarten bei uns. Oft deutet die deutsche Bezeichnung auf ihre Farbe und Musterung des Körpers oder auch das Aussehen ihres Gehäuses hin. Schneckenhäuser bestehen aus Kalk, also Calciumcarbonat. Diesen Baustoff nehmen die Tiere über die Nahrung auf. Die Behausung ist fest mit dem Körper verbunden. Bei Gefahr, Trockenheit oder im Winter ziehen sich die Tiere in ihr Gehäuse zurück. Einige Arten haben am Ende des hinteren Fußes einen Schalendeckel, mit dem sich die Gehäuseöffnung verschließen lässt. Das Haus wächst im Laufe eines Schneckenlebens mit. Jeder Streifen ist so ein Ausbau. Auf diese Weise bildet sich langsam die spiralförmige Windung des Hauses. Michael Schrödl: MUSIK ENDE O-TON 17 Normalerweise sind Weinbergschnecken rechtsdrehend, und ab und zu gibt es auch linksdrehende Exemplare. Man hat früher gesagt unter einer Million gibt es eine linksdrehende, und die hat man Schneckenkönige genannt. SPRECHER Wie viele Schneckenkönige es tatsächlich gibt, ist unklar. Andere Quellen nennen ein Verhältnis von 1:10.000. Fest steht nur: sie sind sehr selten, Grund ist übrigens eine Punktmutation auf ihrer DNA, also ihrer Erbinformation. So oder so: Die Schneckenkönige haben ein Problem. Nicht nur ihr Haus windet sich in die andere Richtung, auch ihre Organe und damit auch die Geschlechtsöffnung sind seitenvertauscht. Sie kommen daher nicht mit anderen potenziellen Geschlechtspartnern zusammen. Theoretisch ist bei Weinbergschnecken zwar eine Selbstbefruchtung möglich – sie sind nämlich Zwitter. Doch in der Natur wird - um den besten genetischen Mix zu erhalten - Selbstbefruchtung in der Regel vermieden. Die Tiere finden oft keinen Partner. Auch bei anderen Arten gibt es Besonderheiten bei der Fortpflanzung, sagt der Biologe Michael Schrödl: O-TON 18 Die allermeisten Schnecken bei uns an Land zumindest sind simultane Zwitter. Das heißt, sie kopulieren gegenseitig und befruchten sich auch gegenseitig. Da gibt es Ausnahmen: Zum Beispiel die Weinbergschnecke ist zwar auch eigentlich ein simultaner Zwitter, aber weil es energetisch günstiger ist, als Männchen aufzutreten und seinen Nachwuchs als Männchen zu zeugen, gibt es bei Schnirkelschnecken, zu der die Weinbergschnecke auch gehört, (…) ein spezielles Fortpflanzungssystem, nämlich den sogenannten Liebespfeil. Das ist ein Kalkstacheln, den der eine Partner bei der Kopulation dem anderen in die Seite rammt. Und an diesem Kalkstachel hängen Pheromone dran, und die unterdrücken anscheinend die männliche Funktion des Geschlechtspartners. Der Partner, der zuerst den Liebespfeil in die Seite des anderen rammt, darf dann als Männchen fungieren. SPRECHER Nicht alle Schneckenarten sind Zwitter, viele Pflanzen sich auch als Männchen und Weibchen fort. Nicht nur die Fortpflanzung unterscheidet sich von Art zu Art, auch das Aussehen und die Verhaltensweisen sind sehr verschieden. Michael Schrödl: O-TON 19 Zum Beispiel haben wir ja gesagt, nicht alle Schnecken haben Schalen. Aber nicht mal alle Schnecken haben einen Fuß. (…) Es gibt Schnecken, die sind überhaupt nicht als Schnecken erkennbar zum Beispiel gibt es Schnecken, die in Sandsystemen leben und die schauen einfach bloß aus wie ein Wurm. Und es gibt parasitische Schnecken, die schauen (…) gar nicht mehr aus wie Schnecken oder Würmer, sondern das sind einfach bloß noch Beutel irgendwo an oder in Seegurken oder Seesternen. Da ist es einfach bloß noch ein Sack. MUSIK privat Take 007 „Silken Shadows“; Album: The Ambient Snail; Label: 2733800 Records DK; Interpret: Thrilling Snail; Komponist: Thrilling Snail; ZEIT: 01:20 SPRECHER Auch wenn viele Menschen Schnecken einfach nur eklig finden, so sind die Weichtiere auch faszinierend und werden wie die aus Afrika stammende Achatschnecken gerne auch als Haustier gehalten. Viele Menschen hatten zumindest als Kinder mal eine Schnecke im Einmachglas und beobachteten die Tiere wie die US-Autorin Elisabeth Tova Bailey. Die US-Autorin erklärt sich die Faszination so: O-TON 2 Overvoice weiblich Ich denke, wir sind alle fasziniert von der Schnecke, die ja ihr eigenes Haus hat, vor allem Kinder finden das toll. Und wir waren ja alle mal Kinder, selbst wenn man jetzt keine direkten Erfahrungen mit Schnecken hat, erinnert man sich daran, wie das damals war, als wir Kinder waren. Kinder beobachten ja viel mehr als Erwachsene. Und ich denke, es ist einfach ein ungewöhnliches Tier, das mobil ist, das sein eigenes Haus mit sich trägt, das Fühler hat. Man kann erkennen, dass es ein neugieriges Tier ist, es ist neugierig auf die Welt.

  2. Die Toleranz - Respekt für das Andere

    09.07.2025 · 23 Min.

    Über Jahrhunderte haben Gesellschaften sich in Toleranz geübt. Jetzt gerät die edle Haltung an ihre Grenzen. Wie tolerant sollen wir gegenüber Menschen sein, die die Werte der Toleranz selbst mit Füßen treten? Von Fabian Mader (BR 2019) Credits Autor dieser Folge: Fabian Mader Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Ruth Geiersberger, Christian Baumann, Hemma Michel, Carsten Fabian und Martin Fogt Technik: Fabian Zweck Im Interview: Prof. Dr. Rainer Forst; Prof. Dr. Dr. h.c. Karl-Josef Kuschel Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zugatmo ... ZITATOR Ist hier noch frei? ZITATORIN Ja … aber natürlich … Warten Sie, ich mache Ihnen Platz. ZITATORIN leise zu sich selbst: Mein Gott, diese Jacke und jetzt … och ne!!! … Jetzt legt der seine Jacke auf meine, das gibt‘s doch nicht ...?! ZITATOR Geht das so? ZITATORIN Kein Problem …! Hier haben Sie Platz für Ihre Sachen! ZITATOR Stört es Sie, wenn ich etwas esse? ZITATORIN Nein, nein, … natürlich nicht! Lassen Sie es sich schmecken! ZITATORIN leise zu sich selbst: Wie das stinkt, was soll das sein, gekochter Hund!? Ist das ekelhaft, … das stinkt ja das ganze Zugabteil voll! Wie soll ich das nur bis Berlin aushalten?! Musik SPRECHER Die Hölle, das sind die anderen! Schreibt Jean-Paul Sartre, französischer Existentialist. SPRECHERIN Sobald wir unseren privaten Raum verlassen, sind wir diesen anderen ausgesetzt. Und damit ihren Meinungen, ihrem Verhalten, ihrem Geschmack. Genau hier aber zeigen sich die Unterschiede der Menschen. Sartre spricht von der Hölle, weil sie, ‚die anderen‘ uns in unserer Freiheit einschränken. SPRECHER Die moderne Gesellschaft braucht aber eine Methode, um diese Unterschiede zu moderieren. Und diese Methode heißt: Toleranz. SPRECHERIN Der Philosoph Rainer Forst hat eine 750 Seiten lange Abhandlung über die Debatte um diese Tugend geschrieben. Aus seiner Sicht wird der Begriff oft falsch verwendet. Viele halten sich für tolerant - obwohl sie es eigentlich gar nicht sind: O-Ton 1 – Rainer Forst: Wer mit dem glücklich ist, was die anderen machen, obwohl er es fremd findet, der ist nicht tolerant, sondern begrüßt einfach nur das Fremde. Also zum Tolerieren gehört, dass man wirklich ein Problem sieht, mit dem, was andere denken oder tun. SPRECHER Wenn wir also mit den Dingen um uns herum einverstanden sind, dann sind wir eigentlich nicht tolerant, sagt Rainer Forst. Wir sind nur konform mit unserem Umfeld: O-Ton 2 – Rainer Forst Das ist prima, wenn Leute kein Problem mit Andersartigkeit, mit anderen Lebensformen, Überzeugungen und so weiter haben, aber dann tut’s mir leid, dann sind die einfach nicht tolerant, dann sind die nur einfach freundliche Zeitgenossen, die an dem Fremden was Gutes sehen, oder weder was Gutes noch was Schlechtes, weil sie indifferent sind. Wer tolerant ist, der hat ein Problem mit dem, was die anderen sagen. Wer kein Problem mehr mit dem, was die anderen sagen oder tun, hat, der kann auch nicht tolerant sein. SPRECHER Toleranz bedeutet dann, trotz der Ablehnung, trotz vielleicht sogar der Abscheu, das Fremde und Andere zu respektieren. Ihm Existenz zuzubilligen, obwohl wir es vielleicht lieber hätten, es wäre gar nicht da - oder zumindest weniger laut und weniger auffällig. … O-Ton 2 a (optional) Rainer Forst: Nehmen wir einen Kölner Katholiken, dem es ein Graus ist, dass in der Silhouette von Köln eine Moschee aufragt, der aber, weil Muslime in Köln dieselben Rechte haben, Gotteshäuser zu bauen, sagt, ich respektiere dieses Recht, obwohl es mir einen gewissen Schmerz verursacht. SPRECHERIN In früheren Jahrhunderten war Toleranz weniger relevant. Die meisten Menschen konnten kaum reisen, sprachen nur ihren Dialekt und blieben in ihrer Region. Die Nachbarn hatten denselben Glauben, ähnliche Berufe und gehörten zur selben Klasse. Heute leben auf wenigen Quadratkilometern oft zahllose Nationen und Weltanschauungen zusammen. Und müssen auf Augenhöhe miteinander klarkommen. O-Ton 3 – Rainer Forst Nicht nur, dass verschiedene Religionen existieren, sondern auch verschiedene Lebensformen, und natürlich auch Leute, die überhaupt keine Religion sinnvoll finden. Also überall dort, wo ernsthaft gestritten wird, wo man ernsthaft unterschiedlicher Meinung über das richtige und gute Leben ist. Da ist die Toleranz nötig. Musik SPRECHER Der Begriff kommt vom Lateinischen ‚tolerare‘. Wörtlich übersetzt heißt das: ertragen, aushalten. Die Römer verstanden unter „tolerantia“ vor allem Selbsttoleranz. Also: Bestimmte Schwächen auszuhalten und mit ihnen zu leben. Minderheiten wurden zwar toleriert, Menschen außerhalb des Römischen Reichs waren aber Barbaren. Und folglich abzulehnen. SPRECHERIN Es brauchte schon eine Katastrophe, um die Menschen von der Notwendigkeit des Toleranz-Gedankens zu überzeugen, sagt der Theologe Karl-Josef Kuschel von der Universität Tübingen: O-Ton 4 – Karl-Josef Kuschel Er ist aufgekommen im 17. Jahrhundert, nachdem die christlich-europäischen Mächte übereinander hergefallen sind im 30-Jährigen Krieg eine schreckliche Verwüstung zu verantworten hatten. Erst danach, nachdem eben halb Europa verwüstet war und Hekatombe von Leichen auf den Schlachtfeldern zurückblieben im Namen der Religion, hat man sich überlegt, ob man nicht vielleicht doch andere Begründungen für ein Zusammenleben finden sollte. Da kam die Idee auf: Wir müssen uns zumindest, um diese Massaker zu verhindern, wechselseitig dulden. Musik SPRECHER Am Anfang steht also der 30-Jährige Krieg. Halb Europa liegt in Trümmern. Etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung ist dem Krieg selbst zum Opfer gefallen - oder den in seinem Fahrwasser grassierenden Seuchen und Hungersnöten. SPRECHERIN Man kann von einer ‚Stunde Null‘ sprechen. Der Dichter Andreas Gryphius versucht das Leid in Worte zu fassen: ZITATOR 2 Die Jungfern sind geschändt, und wo wir hin nur schaun Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret. Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut. Dreimal sind schon sechs Jahr, als unsrer Ströme Flut von Leichen fast verstopft sich langsam fort gedrungen. SPRECHER 1648 beenden die westfälischen Friedensverträge diesen schrecklichen Krieg. In ihnen wird festgelegt: Alle Konfessionen sind vor dem Gesetz gleich! Ein neuer Gedanke. SPRECHERIN Alle Menschen haben dasselbe Existenzrecht. Protestanten und Katholiken müssen sich notgedrungen miteinander arrangieren. O-Ton 5 – Karl-Josef Kuschel: Die Erfahrung von Intoleranz war ja genau das Gegenteil und hat eben auch zu schrecklichen gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt. Toleranz heißt zunächst einmal Dulden. Und es ist eine große Errungenschaft dann der Europäischen Aufklärung aufgrund dieser negativen geschichtlichen Erfahrungen, dass man sich unter den Religionen und Konfessionen zunächst einmal überhaupt hat leben lassen. Nebeneinander leben lassen. SPRECHER Mit der rechtlichen Gleichstellung sind natürlich nicht alle Fragen geklärt. Es kommt darauf an, dass Menschen diese Toleranz nun auch leben und das Fremde wirklich respektieren – doch wie soll das genau funktionieren? SPRECHERIN Dafür ist ein Gedanke wichtig, der sich nach und nach in der Aufklärung durchsetzt. Im Mittelalter stand noch fest: Ein Fürst oder ein König bestimmt, woran seine Untertanen zu glauben haben. Das ändert sich nun. Immer mehr Fürsten und Könige akzeptieren, dass der Glaube eine Frage des Gewissens ist. Und nicht staatlich verordnet werden kann. Religion wird so Privatsache. SPRECHER Musik Bereits 100 Jahre nach dem Ende des 30-jährigen Kriegs schreibt der Preußische König Friedrich der Große: ZITATOR 2 Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, die sie professieren, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen, und wollten das Land peuplieren, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen. Ein jeder kann bei mir glauben, was er will, wenn er nur ehrlich ist. SPRECHERIN Friedrich der Große stand in engem Kontakt zu Voltaire, dem französischen Philosophen der Aufklärung. Voltaire hatte für die Fanatiker seiner Tage wenig übrig. Sie alle hätten die gleiche Binde vor den Augen: ZITATOR 2 Sei es, um die Städte und Dörfer ihrer Feinde anzuzünden und die Bewohner zu erwürgen, oder sei es, um zu betrügen, sich zu bereichern und zum Herrn aufzuwerfen. Ihr Fanatismus macht sie blind. SPRECHERIN Kein Wunder, dass Voltaires Schriften in den vergangenen Jahren wieder in Mode gekommen sind. Nach den Anschlägen auf die Redaktionsgebäude der Zeitschrift „Charly Hebdo“ durch Islamisten schaffte es sein Philosophisches Wörterbuch wieder in die Bestsellerlisten. SPRECHER Voltaire hatte einen Ansatz, den viele Aufklärer teilten: Er wollte eine sogenannte ‚Vernunftreligion‘ etablieren. Sie sollte aus wenigen Prinzipien bestehen, aus vernünftigen Grund-Sätzen. Religiösen Kult hingegen hielt er für Aberglauben. So wollte er den Konfessionen ihren ‚Stachel‘ nehmen. SPRECHERIN Voltaires Lösung also waren Religionen ohne spezifische Kulte und Traditionen. Das verhindert womöglich Konflikte, ebnet aber auch die Vielfalt der Religionen ein. Voltaires Konzept klingt daher noch nicht nach dem, was wir uns heute unter Toleranz vorstellen. Musik SPRECHER Dem kommt John Stuart Mill deutlich näher - kaum jemand hat die Unterschiedlichkeit von Menschen so vehement verteidigt, wie der englische Denker im 19. Jahrhundert. SPRECHERIN Mill fürchtete nichts mehr als Konformismus. Die Meinung der Mehrheit hielt er für eine Tyrannei. Sie könne Menschen erdrücken, sie zu Sklaven machen, die dadurch nicht ihre eigenen Ansichten und individuellen Eigenschaften entwickeln könnten. SPRECHER Dabei hielt er gerade diese für wertvoll. Nur mit starken Persönlichkeiten ließen sich große Dinge erreichen. SPRECHERIN Eine möglichst große Meinungsvielfalt ist für ihn auch Grundlage dafür, die Wahrheit zu finden - wenn Meinungen unterdrückt würden, gingen relevante Aspekte einer Sache unter. SPRECHER Die Gesellschaft braucht also unterschiedliche Lebensweisen, Gewohnheiten und Ansichten. SPRECHERIN Mill bringt so einen Gedanken zum Ausdruck, der in der Aufklärung immer mehr Raum gewinnt: Gerade die Talente, die Eigenheiten eines Menschen, sind wertvoll. Damit er sie entwickelt, damit er so sein kann, wie er ist, damit er sagen kann, was er denkt, braucht es aber die Toleranz der anderen. SPRECHER Diese Überzeugung war nicht unumstritten. Sie ist es bis heute nicht. Rainer Forst hat sich mit vielen Konflikten um Toleranz in der Geschichte auseinandergesetzt. Er unterscheidet mehrere Aspekte, die den Begriff ausmachen: O-Ton 6 – Rainer Forst Zum Tolerieren gehört, dass man wirklich ein Problem sieht mit dem, was andere denken oder tun. Musik SPRECHERIN Erster Aspekt also: Ablehnung der Position des anderen! O-Ton 7 – Rainer Forst Aber was Zweites muss hinzukommen: Man muss Gründe dafür sehen, weshalb das, was die anderen tun, was eigentlich falsch ist, dennoch toleriert werden sollte SPRECHER Zweiter Aspekt der Toleranz nach Rainer Forst: die Akzeptanz der abgelehnten Position. Ich akzeptiere also etwas, das ich eigentlich ablehne. Doch, warum sollte ich das tun? O-Ton 8 – Rainer Forst Das kann die Wertschätzung für andere sein, das kann aber auch ein bestimmter Respekt für die anderen als Person mit gleichen Rechten sein. Diese gleichen Rechte implizieren, dass die auch das Recht haben, Dinge zu tun oder zu sagen, die mir nicht passen und die ich grob falsch finde. SPRECHERIN Der dritte Aspekt der Toleranz ist besonders heikel und kompliziert. Forst nennt ihn: Zurückweisung. Das bedeutet: Toleranz braucht immer eine Grenze. Das hat schon der große Mathematiker und Philosoph Karl Popper erkannt: O-Ton 9 – Karl Popper Voltaire begründet die Toleranz damit, dass wir einander unsere Torheiten verzeihen sollen. Aber eine weit verbreitete Torheit, die der Intoleranz findet Voltaire mit Recht schwer zu tolerieren. In der Tat: Hier hat die Toleranz ihre Grenzen. Wenn wir der Intoleranz den Anspruch zugestehen, toleriert zu werden, dann zerstören wir die Toleranz und den Rechtsstaat. SPRECHER Wir werden später noch dazu kommen, wie sich diese Grenze ziehen lässt. Und warum genau das so kompliziert ist. SPRECHERIN Aber zunächst zu einer Begründung, warum Toleranz überhaupt sinnvoll ist. Die hat bereits ein Zeitgenosse von Voltaire im 17. Jahrhundert herausgearbeitet – aus Sicht des Philosophen Rainer Forst ist sie bis heute gültig: SPRECHER Pierre Bayle formulierte damals ein zentrales Prinzip: Die Reziprozität. Im Grunde ist damit die ‚Goldene Regel Jesu‘ gemeint: ZITATOR 2 Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen. SPRECHER Ich kann für mich nur in Anspruch nehmen, was ich anderen zugestehe. Wenn ich mich kleiden möchte, wie es mir gefällt, dann muss ich das auch anderen zugestehen. Ich kann andere Modestile hässlich finden, ich muss aber akzeptieren, dass es sie gibt. SPRECHERIN Im Umkehrschluss heißt das: Schränke ich die Freiheit von anderen ein, so darf ich mich nicht beschweren, wenn mir dasselbe geschieht. Es gilt das Prinzip der Wechselseitigkeit. Und zwar in beide Richtungen, sagt Theologe Karl-Josef Kuschel: O-Ton 10 – Karl Kuschel Es muss auf Gegenseitigkeit beruhen, natürlich! Sonst wäre es ja auch wieder schal, nicht wahr - und dumpf, wenn man nur den anderen wertschätzt und wechselseitig keine Wertschätzung bekommt für das eigene Sosein. Das ist dann sicher eine ganz falsch gelaufene Entwicklung. Zugatmo …/ Handyklingeln ... ZITATORIN (geht ans Handy) Ja Hallo? Ach grüß dich, ja ich bin gerade unterwegs Richtung Berlin. … Ja bisher sind wir pünktlich ... OFF-Text (als gedämpfte Atmo) Also ich denke, ich komme so gegen 6 an. Dann können wie ja vielleicht noch was essen gehen. LACHT. Ach so, der Italiener - nein, also den muss ich nicht nochmal haben. Aber bei dir um die Ecke gibt es doch diesen Inder ... ZITATOR zu sich selbst – ärgerlich: Was soll d a s denn jetzt, muss die jetzt telefonieren? Ich kann mich so echt nicht konzentrieren. Das halt ich nicht aus! Wieder normale Zugatmo ZITATOR Tschuldigung …! Tschuldigung (lauter)!!! Könnten Sie bitte woanders telefonieren, ich muss mich hier auf einen Text konzentrieren! ZITATORIN Warte mal ... bitte? ZITATOR Ja!!! Sie stören hier das gesamte Abteil - ich muss mich wirklich auf diesen Text hier konzentrieren! ZITATORIN Gut … Wir telefonieren später weiter… ok? Bis dann! ZITATORIN leise-wütend zu sich selbst Was für ein Vollidiot - ich sage kein Wort, wenn der hier sein ekelhaftes Essen auspackt und dann … was glaubt der eigentlich?! SPRECHERIN Nun ist die Frage, ob telefoniert werden darf oder nicht, noch vergleichsweise harmlos. Anders verhält es sich, wenn es um Politik geht, um gesellschaftliche Minderheiten, um Gewalt: O-Ton 11 – Karl-Josef Kuschel Die Toleranz kann ja nicht so weit gehen, zu sagen: Ich lass mich vom Anderen auch noch einsperren, umbringen, verletzen. Da muss ich Gegenzeichen setzen. Denn die Toleranz ist ja nur dann sinnvoll, wenn sie wechselseitig ist. SPRECHERIN Damit sind wir zurück bei Karl Popper und der Frage, wo Toleranz enden muss. Er spricht von einem Paradoxon. Wenn Toleranz so weit geht, dass ihre Feinde toleriert werden, dann wird sie von ihren Feinden abgeschafft. Popper hat auch das größte Problem seiner eigenen Position erkannt: SPRECHER Wer legt fest, was eine intolerante Haltung ist – die daher keine Toleranz mehr verdient? Wo soll eine offene, demokratische Gesellschaft die Grenze ziehen? Für Philosoph Rainer Forst eine komplexe Angelegenheit: O-Ton 12 – Rainer Forst Dieser Slogan: ‚Keine Toleranz der Intoleranz!‘, ist an sich sinnvoll, man muss nur genauer hinschauen, denn die Geschichte lehrt uns, dass die Grenzen der Toleranz oft zu eng, manchmal auch zu weit gezogen wurden. Also muss man genauer hinschauen, um welche Feinde der Toleranz es geht. SPRECHERIN Das zeigt ein Vorfall an der Universität Frankfurt: Eine Professorin wollte einen Kongress veranstalten. Titel: ‚Das islamische Kopftuch - Symbol der Würde oder der Unterdrückung?‘ Eingeladen waren Befürworter und Gegner des Kopftuchs. SPRECHER Eine Reihe von Studenten wollte die Veranstaltung verhindern. Sie forderten im Netz die Entlassung der Professorin wegen antimuslimischen Ressentiments. Sie warfen ihr also im Grunde Intoleranz vor. SPRECHERIN Sich selbst sahen die Studenten offenbar als Verteidiger einer toleranten, offenen Gesellschaft. SPRECHERIN Karl Popper hätte ihnen mit Sicherheit widersprochen. Er stellt für die Grenzen der Toleranz zwei Regeln auf. Nicht akzeptieren darf die offene Gesellschaft Menschen, die Musik ERSTENS: SPRECHER Gewalt gegen Andersdenkende anwenden oder befürworten. und ZWEITENS: SPRECHERIN Eine rationale Debatte ablehnen. SPRECHER Eine rationale Debatte wollte die Universität Frankfurt ja gerade führen. Ihr ging es darum, verschiedenen Meinungen zum Kopftuch Raum zu geben. Die Studenten wollten die Debatte verhindern. SPRECHERIN Den Studenten sind daher zwei Denkfehler vorzuwerfen. Sie haben ERSTENS SPRECHER Das zentrale Prinzip der Toleranz missachtet: die Wechselseitigkeit. Wenn sie in wissenschaftlichen Debatten ihre Argumente vorbringen möchten, sollten sie das auch anderen zugestehen. Oder einer generellen Begrenzung der Redefreiheit zustimmen, die dann auch für sie selbst gelten müsste. SPRECHERIN Die Studenten machen aber noch einen zweiten Denkfehler: Sie bewegen sich in Stereotypen. Wer das Kopftuch kritisiert, ist aus ihrer Sicht rassistisch und gegen Muslime eingestellt. Sie versuchen gar nicht erst, die Motive der Kritiker zu verstehen. SPRECHER Für den Theologen Karl-Josef Kuschel kommt es aber immer darauf an, den Einzelfall genau zu betrachten. Nur so lässt sich abschätzen, wo die Grenze dessen verläuft, was wir ertragen sollten. SPRECHERIN Bleiben wir bei der Debatte um das Kopftuch von Musliminnen. Nicht wenige würden sich ein Verbot wünschen. Gerade in Zeiten des islamischen Terrors. Für Karl-Josef Kuschel kommt das nicht in Frage. SPRECHER Weil es die Toleranz erfordert, genauer hinzusehen. Er hält es mit einer Maxime des früheren Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel: O-Ton 13 – Karl-Joseph Kuschel Der sagt: Für mich ist nicht entscheidend, was Frauen auf dem Kopf tragen, sondern was sie im Kopf tragen. Ich nehme mir die Freiheit genau zu fragen: wenn Du ein Kopftuch trägst, was bedeutet das für Deine Gesinnung? Ist das ein Ausdruck eben sozusagen einer Mode oder einer kulturellen Prägung oder ist es Ausdruck einer totalitären Gesinnung? Also man muss sich dann schon die Mühe machen, im Einzelfall zu schauen. Ich habe hier in Tübingen unter meinen Islamstudierenden wunderbare Frauen kennengelernt, die Kopftuch tragen, aber hell im Kopf waren und das ist mir das Entscheidende. SPRECHERIN Auch aus Sicht des Philosophen Rainer Forst gilt es hier zu differenzieren. Selbst ein gewisser Fundamentalismus ist aus seiner Sicht noch zu tolerieren: O-Ton 14 – Rainer Forst Wenn das Leute sind, die davon überzeugt sind, dass ihre eigene Religion wahr ist und andere Religionen falsch, ist das noch kein Anlass sie nicht zu tolerieren. SPRECHER Für Forst gibt das Grundgesetz der Toleranz letztlich ihren Rahmen vor. Die Meinungsfreiheit ist daher geschützt. Eine fragwürdige Überzeugung zu äußern, muss noch erlaubt sein: O-Ton 15 – Rainer Forst Wenn Sie daraus aber das Recht ableiten, vielleicht sogar die Pflicht, ihre wahre Religion mit Gewalt durchzusetzen, dann sind die Grenzen der Toleranz erreicht. Musik SPRECHER Pauschale Urteile sind also wenig hilfreich – über die Grenze der Toleranz lässt sich nur im Einzelfall entscheiden. Schon deshalb, weil es manche Fälle gibt, in denen Toleranz gar nicht der richtige Ansatz ist. SPRECHERIN Es ist nämlich nicht gesagt, dass jeder Mensch auch toleriert werden will. Oder zumindest: nur toleriert werden will, sagt Philosoph Rainer Forst: O-Ton 16 –Rainer Forst Manchmal ist auch die Indifferenz die bessere Antwort. Beispiel Homosexualität: Die Negativbeurteilung der Homosexualität ganz aufzugeben, also gar keinen Anlass für Toleranz mehr dort zu sehen, ist noch besser. Also manchmal ist Indifferenz die bessere Haltung gegenüber der Toleranz. SPRECHER Homosexuelle Menschen wollen nicht toleriert werden. Denn das hieße ja: Ihre Vorlieben werden abgelehnt und nur geduldet. Sie wünschen sich natürlich, dass sie ihren Mitmenschen egal sind. SPRECHERIN Johann Wolfgang von Goethe hat diese Problematik schon im 18. Jahrhundert erkannt, sagt Theologe Karl Joseph Kuschel: O-Ton 17 - Karl Joseph Kuschel „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein“, schreibt er, „Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen. Interessantes Wort.“ SPRECHER Goethe hatte die Voraussetzung von Toleranz genau erkannt: Die Ablehnung einer Sache, wenn ich auch akzeptiere, dass sie da ist - beispielsweise um des guten Friedens Willen: O-Ton 18 – Karl-Josef Kuschel: Da hat Goethe völlig recht. Dazu kann es führen, also Dulden im Sinne von Beleidigen. Ich möchte nicht nur das Gefühl haben, ich werde gerade noch geduldet vom anderen, ich glaube was Anderes, ich lebe was Anderes, ich habe ein anderes Geschlecht. Und ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der man sagt: Wir lassen Dich grade noch leben. Ich möchte ja in meinem Menschsein, meiner völligen menschlichen Würde auch respektiert werden. SPRECHERIN Karl Josef Kuschel folgt also Goethe in dessen Analyse: Toleranz kann nur der Anfang sein – das Ziel ist eigentlich etwas Anderes: O-Ton 19 – Karl-Josef Kuschel Das ist nur sozusagen die niedrigste Stufe dessen was man leben soll, indem man einfach den anderen duldet neben sich. Wir wollen uns ja zunächst einmal wechselseitig überhaupt existieren lassen. Ohne uns gewalttätig sozusagen an die Gurgel zu gehen. Aber Toleranz reicht natürlich bei weitem nicht, es ist, wenn man so will, die rechtlich garantierte Plattform. Aber vorübergehend: diese Gesinnung muss abgelöst werden von Anerkennung. Musik SPRECHERIN Wir sollten im Anderen also eigentlich etwas suchen, das wir irgendwie gut finden. Und das ist meist nicht schwer, wenn wir unsere Stereotype und Pauschalurteile überwinden. Denn jeder Mensch hat etwas Interessantes, Bewundernswertes, Überraschendes zu bieten. Etwas, das sich lohnt, kennenzulernen. Wir müssen nur bereit sein, genau hinzusehen.

  3. Hochwasserschutz - Polder, Deiche, mobile Wände

    08.07.2025 · 23 Min.

    Wenn der Flusspegel steigt, können Polder die Wassermassen aufnehmen. Doch es gibt zu wenige - stattdessen zwängen Deiche die Flüsse ein. Mit mobilen Wänden versuchen Städte sich vor Hochwasser zu schützen. Von Renate Ell Credits Autorin dieser Folge: Renate Ell Regie: Kirsten Böttcher Es sprach: Rahel Comtesse Technik: Wolfgang Lösch Redaktion: Hellmuth Nordwig Im Interview: Dr. Albert Göttle, früherer Präsident des Bayerischen Landesamtes für Umwelt und des Bayerischen Landesamtes für Wasserwirtschaft Prof. Dr.-Ing. Arnd Hartlieb, Versuchsanstalt für Wasserbau und Wasserwirtschaft, Technische Universität München Prof. Dr.-Ing. i.R. Wolfgang Günthert, Forschungszentrum RISK, Universität der Bundeswehr München, Neubiberg Reinhard Riku Vogt, HochwasserKompetenz-Centrum e.V. Linktipps: IQ – Wissenschaft und Forschung Vor der Sturzflut JETZT ENTDECKEN Bayerisches Landesamt für Umwelt: Hochwasserschäden vorbeugen HIER TU München, Lehrstuhl für Wasserbau und Wasserwirtschaft HIER Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V HIER HochwasserKompetenzCentrum e.V.: Hochwasser-Pass für Immobilien HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Das Wasser steigt. Überwindet die Ufer, kriecht die Straße entlang, erreicht das Grundstück. Jetzt bleibt nicht mehr viel Zeit, um zu handeln – schon dringen die ersten schlammigen Rinnsale durch die Kellerfenster ein, dann immer mehr. Und die Pegel steigen weiter! ATMO NOCHMAL HOCH Musik 2: Affected cities – 41 Sek ERZÄHLERIN Das könnte durch den Klimawandel in Zukunft öfter Realität werden, immer mehr Menschen treffen: Ein Tiefdruckgebiet bleibt sozusagen hängen über einer Region, und lässt mit wochenlangem Regen die Flüsse in einem großen Gebiet über die Ufer treten. Oder, ebenfalls in den nächsten Jahrzehnten häufiger zu befürchten: Extremwetterlagen mit so starkem Regen, dass Orte innnerhalb kurzer Zeit überschwemmt werden. Sturzfluten können Straßen in reißende Flüsse verwandeln. Aber zumindest wenn es bei Sachschäden bleibt, zeigt die Erfahrung: (1. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Der Eindruck von einem Hochwasser verbleibt nicht allzu lange, nach wenigen Jahren sind die Folgen mehr oder weniger beseitigt, und die Menschen haben es wieder aus dem Hinterkopf bekommen. ERZÄHLERIN Weiß Albert Göttle – Jahrzehnte lang in Bayern mit Hochwasser befasst, an der Technischen Universität München, im Landesamt für Wasserwirtschaft und später im Landesamt für Umwelt. Und deshalb gibt es einen idealen Zeitpunkt, den Hochwasserschutz zu verbessern, das zeigte sich nach dem Pfingst¬hochwasser 1999 im Allgäu. (2. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Diese damalige Situation war so brisant, man hat Krankenhäuser evakuieren müssen, man hat Gebäude, Industrieanlagen, Altersheime hat man räumen müssen, ich war in diesem Krisenstab und habe das alles hautnah erlebt, und anschließend war der Eindruck groß genug, dass es auch eine hohe Bereitschaft in allen Ebenen gegeben hat, und die Phasen, die wir anschließend erlebt haben, in anderen Standorten, die sind wesentlich schwieriger gewesen. ERZÄHLERIN Deshalb gelang es nur im Illertal, innerhalb weniger Jahre einen Polder zu bauen. Also eine große Ausweichfläche für Hochwasser in einer Flussaue. Das Wasser kann in die Breite gehen, der Pegel sinkt. (3. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Ein Problem bei den Flutpoldern: Man hilft nicht dem, der den Flutpolder auf seinem Gebiet bauen lässt, man hilft dem Unterlieger. ERZÄHLERIN Dafür müssen Landwirte ihre Flächen zur Verfügung stellen; nach einer Überschwemmung werden sie natürlich für eine verlorene Ernte entschädigt. Außerdem braucht man einige technische Einrichtungen, um das Wasser im richtigen Moment in den Polder zu leiten. Die Solidarität der Menschen im Illertal wurde allerdings schnell belohnt. (4. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE 2005 wo man es wirklich brauchen konnte, wurde die Stadt Kempten durch die Nutzung dieses Flutpolders, das Abschöpfen der Hochwasserwelle, dann geschont. Musik 3: Black Ostsee (c) – 48 Sek ERZÄHLERIN Der Polder an der Iller war einer von vielen, die nach dem Hochwasser 1999 ins bayerischen „Aktionsprogramm 2020“ und später „2020 plus“ aufgenommen wurden , die meisten an der Donau. Dort dauerte es 20 Jahre, bis der erste Polder fertig war: bei Riedensheim, rund 30 Flusskilometer oberhalb von Ingolstadt. Alle anderen sind entweder im Bau oder sogar noch in der Planung. Vielerorts wehren sich Bürgerinitiativen gegen die Polder. Da heißt es dann auch manchmal: Warum hier so viel Geld ausgeben, warum unsere Wiesen und Äcker mit schlammigem Wasser überfluten lassen, „das bringt nur ein paar Zentimeter in Passau“. Aber: (5. ZUSP.) ARND HARTLIEB Die paar Zentimeter können entscheidend sein. ERZÄHLERIN Sagt Professor Arnd Hartlieb von der Versuchsanstalt für Wasserbau und Wasserwirtschaft der Technischen Universität München. (6. ZUSP.) ARND HARTLIEB Weil in den unterliegenden Städten wird natürlich dann der Hochwasserschutz auch so ausgelegt, dass er zusammenspielt mit den Flutpoldern. ERZÄHLERIN Etwa die Höhe von Deichen und Mauern am Ufer. Diesem geplanten Zusammenspiel liegen penible Berechnungen zugrunde, und natürlich Hochwasser-Daten über viele Jahrzehnte, teils sogar über hunderte Jahre. Diese Daten liefern die so genannte Bemessungsgrundlage: in Bayern wird der Schutz auf ein hundertjährliches Hochwasser ausgelegt. (7. ZUSP.) ARND HARTLIEB Das heißt, es tritt in jedem Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu 100 auf. Also: Sie haben in jedem Jahr die gleiche Wahrscheinlichkeit, dass es wieder auftritt. Selbst wenn jetzt ein Riesenereignis war, heißt es nicht jetzt haben wir die nächsten Jahrzehnte Ruhe; sondern das kann im nächsten Jahr wieder passieren. Musik 4: Black Ostsee – siehe oben – 25 Sek ERZÄHLERIN Die Versuchsanstalt der TU München, in der Arnd Hartlieb arbeitet, liegt idyllisch in der Nähe des Walchensees. Dort kann der Forscher mit Experimenten herausfinden, wie ein Polder oder ein Deich gestaltet sein muss, um seine Aufgabe optimal zu erfüllen. Computermodelle helfen ihm dabei. Aber in vielen Fällen genügt das nicht. (8. ZUSP.) ARND HARTLIEB Dann bauen wir die Landschaft nach, teilweise vereinfacht, teilweise in Ausschnitten im Freigelände, teilweise wirklich im Eins-zu-Eins-Maßstab, weil es auch durchaus Probleme gibt, die man eben nicht verkleinern kann, teilweise eben auch verkleinert, aber so, dass es nicht zu klein wird, dass wir diese Übertragung immer noch gegeben haben von dem Modellergebnissen dann auf die Realität. ERZÄHLERIN Auf diese Weise zeigt sich nicht nur, welche Fläche ein Polder haben muss, um die Hochwasserwelle flussabwärts um ein bestimmtes Maß zu senken. Sondern auch, wie das so genannte Einlassbauwerk gebaut und gesteuert werden muss. Das ist eine Art Tor in dem Deich, der sich zwischen Fluss und Polderfläche erstreckt. (9. ZUSP.) ARND HARTLIEB Das ist häufig auch eine Möglichkeit, um Kosten einzusparen, wir können ja da auch zum Beispiel dann mal eine Planung abspecken, weil man dann in den Modellversuchen merkt: So groß muss es gar nicht werden oder so kompliziert, weil es auch anders funktioniert. Wenn das nicht funktioniert, das Einfache, dann hat man den Nachweis: Wir brauchen die teurere, komplexere Lösung, damit es funktioniert. ERZÄHLERIN Auch der richtige Zeitpunkt, das Tor zu öffnen, den Polder zu fluten, ist Teil der Modelle. Neben dem Wasserstand im Fluss kann dabei die Wettervorhersagen eine Rolle spielen. Keinesfalls darf ein Polder zu früh geflutet werden – weil seine Wirkung verpufft, wenn die Spitze der Hochwasserwelle erst danach den Fluss entlang rollt. Und weil man auch nicht unnötig die Wiesen oder Äcker im Polder überfluten will. (10. ZUSP.) ARND HARTLIEB Im einen Fall kann es sinnvoll sein, schon zu fluten, weil man jetzt weiß: Bei dem Wasserstand und im Abfluss habe ich annähernd schon die Spitze erreicht, und ich muss schon entlasten. Aber wenn ich weiß, es kommt noch mehr, dann würde ich das Bauwerk wahrscheinlich eher erst noch weniger aufmachen. Musik 5: Conspiracy – 1:14 Min ERZÄHLERIN Aus der Wasserwirtschaft kam vor einigen Jahren die Idee einer simplen und preiswerten Alternative zu einem aufwendigen Stahl-Tor zwischen Deich und Polder, die Arnd Hartlieb auch auf die Probe gestellt hat. Auf einer längeren Strecke wird ein Betonsockel gebaut, der etwas niedriger ist als der Deich. Darauf liegt ein Aufsatz aus Sand und Kies, der auf der gleichen Höhe endet wie der Deich. Damit hat der Deich eine geplante Schwachstelle – Fachleute nennen sie „erodierbare Überlaufstrecke“. Ein Film der Modell-Experimente zeigt, wie das steigende Wasser erst langsam in diesen Aufsatz einsickert – und dann plötzlich Wasser, Sand und Kies in einem Schwung den Betonsockel hinab in den Polder rauschen. Dadurch sinkt der Wasserstand im Fluss sehr schnell. Eine solche Konstruktion wird an der Donau bei Straubing gebaut. Entscheidend ist die passende Kombination von Sand und Kies, die Arndt Hartlieb in Experimenten ermittelt hat: Sie soll halten, solange das Wasser noch niedrig steht. (11. ZUSP.) ARND HARTLIEB Ich kann dann eigentlich sehr gut vorhersagen, wann dieser große Abfluss dann auf 90 Meter Breite zum Beispiel in diesen Flutpolder fließt. Wenn ich das mit einem gesteuerten Einlass-Bauwerk haben wollte, dann müsste das sehr, sehr groß sein und sehr, sehr breit und sehr, sehr teuer. ERZÄHLERIN Polder werden in Bayern vor allem an der Donau gebaut, einer am Main und demnächst auch einer am Inn. Dort, das haben Experimente mit einem nachgebauten Flussbett gezeigt, braucht man ein vergleichsweise kleines Überflutungsgebiet, weil man im Fluss selbst Platz schaffen kann für zusätzliches Wasser. Denn vor den Stauwehren der Wasserkraftwerke sammelt sich im Lauf der Zeit an der Sohle des Flussbetts Sand und Geröll aus den Alpen an. Bei Hochwasser werden die Stauwehre geöffnet. (12. ZUSP.) ARND HARTLIEB Dann hat man plötzlich viel höhere Geschwindigkeiten in Stauräumen, und sehr, sehr viel Sohlmaterial kommt in Bewegung, wird weiter transportiert, und die Sohle sinkt stark ab. Und damit entsteht eben dann Volumen im Hochwasserfall, da bleibt mehr Wasser im Inn, als wenn ich jetzt von dieser Sohle im normalen Betriebszustand ausgehen würde. ATMOS Wiese + Fluss ERZÄHLERIN An kleineren Flüssen braucht man keine aufwändigen Polder, um das Hochwasser erstmal in die Breite gehen zu lassen und damit die Welle flussabwärts zu kappen. Einfacher ist es, den Fluss bei Hochwasser dort aufzustauen, wo sich das Wasser in Auwiesen verteilen kann. Ein solches Hochwasser-Rückhaltebecken gibt es etwa an der Paar südlich von Augsburg. Dazu wird ein unauffälliges Stauwehr in den Fluss gebaut. (13. Zusp.) Arnd Hartlieb Bis zu einem gewissen Hochwasserabfluss fließt einfach das Gewässer weiterhin fröhlich durch die Landschaft, und erst, wenn eben ein bestimmter Abfluss erreicht wird, den die Unterlieger nicht mehr verkraften können, beginnt dann automatisch eine Drosselung, und da entsteht dann eben ein sehr großflächiger See, der allerdings relativ geringe Wassertiefen hat. Musik 6: Aortic... aus: The Knick - Original Series Soundtrack – 25 Sek ERZÄHLERIN Immer wieder wird auch die Renaturierung von Flussauen gefordert, um dem Hochwasser Raum zu verschaffen. Arnd Hartlieb hat die Wirkung solcher Maßnahmen an der Donau untersucht, mithilfe rund 200 Jahre alter Landkarten und einem Computermodell. So konnte er das gleiche Hochwasser einmal durch die historische Landschaft schicken und einmal durch die heutige. (14. ZUSP.) ARND HARTLIEB Da kann man dann halt wirklich nachweisen, dass gerade bei diesen großen Hochwasserabflüssen sich gar nicht viel verändert, was Wasserstände und auch Zeitpunkte der Hochwasser Spitze sozusagen angeht, dass aber bei kleineren Hochwasserabflüssen diese Renaturierung schon einen deutlichen Effekt hat und eine Verbesserung bringt. ERZÄHLERIN Ist ein Fluss renaturiert, werden Polder also nur bei großen Hochwassern gebraucht – und an vielen Stellen ist auch ein Deich nötig, der Siedlungen und Infrastruktur schützt. In Stadtzentren stehen oft Mauern am Flussufer. Aber deren Höhe sind gestalterische Grenzen gesetzt. Und es gibt Extremsituationen, für die kein Deich, keine Mauer hoch genug sein kann. Etwa wenn im Winter Dauerregen und Schneeschmelze auf einen bereits wassergesättigten Boden treffen. Dann kommt die große Stunde des mobilen Hochwasserschutzes. Der Klassiker: Sandsäcke. (15. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Sandsäcke sind für mich Steinzeit. ERZÄHLERIN Sagt Riku Reinhard Vogt vom Hochwasser-Kompetenz-Centrum, einem gemeinnützigen Verein; bis 2014 war er für den Hochwasser-Schutz der Stadt Köln verantwortlich. (16. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Man brauche so viele Leute dafür. Das Ganze ist meistens undicht. Die sind nachher kontaminiert, sie sind nicht wiederverwendbar. ERZÄHLERIN Sandsäcke eignen sich, um schnell einen Deich zu flicken, aus dem das Hochwasser Stücke herausgerissen hat. Aber um etwa eine Siedlung zu schützen, auf die das Wasser zuströmt, gibt es bessere Systeme. Zum Beispiel riesige Schläuche. Die Feuerwehr befüllt sie am Einsatzort mit Wasser; sie hat Pumpen, mit denen das sehr schnell geht. (17. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Und hat dann den Hochwasserschutz meistens bis zu einer Höhe von einem Meter, aber es gibt auch Systeme, wo mehrere Schläuche übereinander sind die also auch ohne weiteres drei Meter Höhe schaffen. ERZÄHLERIN Viel simpler und deshalb für Privathaushalte geeignet sind L-förmige Elemente, die man in einer Reihe nebeneinander aufstellen kann. Der kurze Schenkel am Boden zeigt in die Richtung, aus der das Hochwasser kommt und wird dann vom steigenden Wasser nach unten gedrückt, so steht die Wand stabil. Schnell aufgebaut ist auch ein Baukastensystem aus Europaletten oder anderen Platten, die mit Stützen aufrecht gestellt werden, plus einer kräftigen Folie. (18. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Die Folie wird dann in den Rasen kurz mit einem Spaten hineingebracht, sodass da die Verbindung da ist, und diese Platten Systeme haben wir zum Beispiel 600 Meter in viereinhalb Stunden aufgebaut. Für 600 Meter braucht man 60.000 Sandsäcke, die hat man nicht in vier Stunden gefüllt, und die sind auch nicht so wirksam. ERZÄHLERIN Beliebt in hochwassergefährdeten Gemeinden sind so genannte Dammbalken-Wände, die man sich wie hochkant gestelltes Parkett vorstellen kann. Wobei die einzelnen Balken aus Aluminium bestehen, mit einer Gummidichtung. Damit lassen sich schnell enge Durchlässe schließen oder Mauern erhöhen – vorausgesetzt, man hat vorher entsprechende Halterungen für die Stützen und Wandanschlüsse installiert. Das erfordert also Planung und verursacht Kosten in trockenen Zeiten. (19. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Mobiler Hochwasserschutz ist eine Investition, auch wenn sie sich auf Dauer rechnet. Aber keiner weiß natürlich, wann das nächste Hochwasser ist. Musik 7: Conspiracy – siehe oben – 29 Sek ERZÄHLERIN Riku Reinhard Vogt berät Städte und Gemeinden in ganz Deutschland im Auftrag der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall. Er schaut sich an, wie gut sie auf Hochwasser vorbereitet sind und was sie verbessern können. Wie sieht der Bebauungsplan aus, welche Infrastruktur ist gefährdet? Hat die Gemeinde Alarmpläne und Gefahrenkarten? Wie sieht die Öffentlichkeitsarbeit aus? (20. ZUSP.) RIKU REINHARD VOGT Ich schlage immer wieder vor: Warum macht ihr nicht einfach an Laternenpfählen eine Marke für ein Extremhochwasser, so hoch kann es stehen, dann kann kein Mensch jemals sagen, er hat es nicht gewusst. Und jeder sich darauf vorbereiten. Musik 8: Black Ostsee – siehe oben – 22 Sek ERZÄHLERIN In Bayern fördert das Landesamt für Umwelt diese so genannten Hochwasser-Audits. Und das Hochwasser-Kompetenz-Centrum, bietet etwas ähnliches für Privatleute und Firmen an, den Hochwasser-Pass, der auch als Gutachten für eine Elementarschaden-Versicherung anerkannt wird. ATMO GEWITTER + STARKREGEN ERZÄHLERIN Wer sich aber jetzt zurücklehnt und meint, ich wohne weit weg von einem Fluss oder Bach – mich kann es nicht treffen – liegt falsch: (21. ZUSP.) WOLFGANG GÜNTHERT Starkregen ist etwas, was kurzzeitig innerhalb von Stunden passiert, ist eine Überflutung direkt vor Ort, und dann kann es jeden Ort treffen. ATMO Kanalisation ERZÄHLERIN Warnt Professor Wolfgang Günthert vom Forschungszentrum RISK der Universität der Bundeswehr München. Weil immer mehr Flächen versiegelt sind, fließt das Wasser auf Straßen oder Feldwegen in die Orte. (ATMO Unterwasser) Und dort erstmal in den Kanal unter der Straße. (22. ZUSP.) WOLFGANG GÜNTHERT Man sagt, der Kanal nimmt üblicherweise ein seltenes Ereignis auf, was so alle drei bis fünf Jahre eintritt. Uns bei einem zehnjährigen, 15-jährigen Ereignis fließt es oben aus dem Kanaldeckel raus. ERZÄHLERIN Und von dort womöglich in den nächsten Keller. Starkregen werden durch den Klimawandel häufiger, deshalb versuchen einige Städte inzwischen, das Wasser an der Oberfläche in bestimmte Bahnen zu lenken; etwa auf einer Straße in einen Park, wo es versickern kann. Für solche Konzepte gibt es das griffige Schlagwort „Schwammstadt“. (23. ZUSP.) WOLFGANG GÜNTHERT Im Baugesetzbuch gibt es schon Vorgaben für die Bauleitplanung, dass Niederschlagswasser möglichst vor Ort wieder versickert werden soll, das steht da ganz klar drin. Auch im Wassergesetz steht es drin. Niederschlags¬wasser soll möglichst versickert werden. ERZÄHLERIN Um Schäden zu vermeiden und um das Grundwasser wieder aufzufüllen, das durch einige sehr trockene Jahre stark abgesunken ist. Aber Wolfgang Günthert sagt auch: Die Gemeinden sind nicht allein dafür zuständig, die Habe ihrer Bürgerinnen und Bürger vor Wasser zu schützen. (24. ZUSP.) WOLFGANG GÜNTERT Das erste ist, dass man in den Keller geht und schaut: Habe ich unwieder¬bringliche Dinge im Keller und die sofort aus dem Keller entfernen, nach oben bringen. Das zweite ist, im Keller zu schauen: Habe ich eine Rückstau¬sicherung vom Kanal. Wenn ich Starkregen habe, ist der Kanal ja bis zur Straßenoberkante voll, und wenn die Rückstausicherung bei mir im Haus nicht funktioniert, dann flute ich meine eigenen Keller. Und das ist etwas, da bin ich selbst verantwortlich, das wissen viele nicht. Und das dritte ist, was ich auch jedem rate: eine Elementarschadenversicherung zu haben. MUSIK 9: BLACK OSTSEE – S.O. – 35 SEK ERZÄHLERIN Alle sollten sich also Gedanken darüber machen, wie sie sich vor Wasser schützen können. Aber vieles bleibt doch die Aufgabe von Kommunen oder dem Land – vor allem die Genehmigung großer Bauprojekte an Flüssen. Nur Polder, Deiche oder Mauern können Siedlungen, Industrieanlagen und Infrastruktur vor starkem Hochwasser in Flüssen bewahren. Viele dieser Baumaßnahmen wurden in Bayern nach großen Hochwassern geplant, etwa 1999 oder 2013 – und kamen dann ins Stocken. In den letzten Jahren zum Teil aufgrund steigender Baukosten. (25. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Und die Bürgerbeteiligung kann sich ein Jahrzehnt oder länger hinziehen, ERZÄHLERIN weiß Albert Göttle, der Jahrzehnte lang für Hochwasser-Themen verantwortlich war. In den Debatten geht es etwa um die Befürchtung, dass, wenn ein Polder geöffnet wird, auch die Keller in benachbarten Wohngebieten voll laufen. Und die Grundbesitzer müssen überzeugt und ihre Entschädigung im Überflutungs-Fall geregelt werden. Dafür sind die Wasserwirtschaftsämter zuständig – die aber im Zuge der Entbürokratisierung in Bayern verkleinert oder zusammengelegt wurden. Viele Arbeiten mussten Ingenieurbüros übernehmen. Keine optimale Lösung, findet der Fachmann: (26. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Die Ingenieurarbeit, die kann man auslagern. Aber zu wissen, was geplant werden muss, die Moderation zum Beispiel mit den Kommunen, wir haben dies und jenes Konzept: So etwas kann ein Ingenieurbüro bedingt machen. Eine Fachbehörde hat einen ganz anderen Zugang zu den Kommunen, weil sie in vieler Hinsicht – Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung und so weiter – Partner der Kommune ist. Und diese Planungsleistung, Vorplanungsleistung, die wurde erschwert, indem man gutes Personal nicht erneuern konnte, wenn sie ausgeschieden sind, oder nicht so erneuern konnte, wie man es gebraucht hätte. ERZÄHLERIN Behörden sind auch gefragt, wenn es darum geht, gesetzliche Regelungen umzusetzen. (27. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE Durch eine EU-Vorschrift ist es auch Pflicht, dass alle Länder in der EU sogenannte Hochwasserrisiko-Managementpläne machen. ERZÄHLERIN In Bayern findet man die Pläne auf den Webseiten des Landesamtes für Umwelt – einschließlich der wichtigen Gefahrenkarten. Die deutlich zeigen, welche Orte zu stark gefährdet sind, um dort ein neues Bau- oder Gewerbegebiet zu errichten. Was heute auch durch das Wasser-Haushaltsgesetz verboten ist. Früher war das anders. (28. ZUSP.) ALBERT GÖTTLE In Überschwemmungsgebieten wurden Siedlungen errichtet in den 60er 70er-Jahren, es gab Landratsämter, die waren so geführt von ihrem Landrat, dass man manches durchgewunken hat gegen den fachlichen Rat der Wasserwirtschaft, später kam dann die Wahrheit, und dann war Wehklagen und dann Ruf nach Entschädigung. Die Objekte, die im Hochwassergebiet wissentlich hineingebaut werden, sind weniger geworden, weil die Rechtsnormen, die man heute erfüllen muss und die lokale Entscheidungs-Kompetenz ein Stück verändert ist. ERZÄHLERIN Auch der Einspruch eines Wasserwirtschaftsamts hat heute mehr Gewicht. Damit nicht noch mehr Flächen versiegelt, einem Fluss nicht noch mehr Platz genommen wird für Hochwasser. Zum Schaden der Menschen flussabwärts. MUSIK 10: BLACK OSTSEE – SIEHE OBEN – 41 SEK ERZÄHLERIN Hochwasserschutz – das sind große Bauwerke wie Deiche und Polder; kleinere wie ein Stauwehr oder eine Mauer; oder mobile Barrieren. Hochwasserschutz ist aber auch: Nicht zu bauen – im Überschwemmungsgebiet eines Flusses. Flächensparsam zu bauen, um nicht noch mehr Boden zu versiegeln. Hochwasserschutz ist: Forschen und Experimentieren, planen und debattieren, um die optimale Lösung für den jeweiligen Ort zu finden. Und es ist auch: Solidarität mit den Menschen, die im Nachbarort leben, oder weit flussabwärts. MUSIK 11: TRUTH DEVELOPMENT INC – 46 SEK Von den sieben Poldern die nach dem Pfingsthochwasser 1999 geplant wurden, sollten sechs an der Donau entstehen – bis heute gibt es dort nur einen. Die Menschen in Regensburg oder Passau können nur hoffen, dass die anderen fertig werden, bevor das nächste Hochwasser kommt. Kempten hingegen hatte die Solidarität der Menschen flussaufwärts im Illertal: Dort wurde innerhalb weniger Jahre ein Polder gebaut – als die Eindrücke vom Pfingsthochwasser 1999 noch frisch waren. Solidarität und schnelles Handeln – das sind also wichtige Erfolgsfaktoren für den Hochwasserschutz.

  4. Aufforstung in Afrika - Die grüne Mauer

    08.07.2025 · 23 Min.

    Eine "Große Grüne Mauer" quer durch Afrika zu pflanzen, ist ein geradezu utopisches Projekt der Afrikanischen Union. Seit 2005 konnten trotz hoher Investitionen erst 15 Prozent verwirklicht werden. Dann haben die Macher umgedacht. Autorin: Bettina Rühl (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Bettina Rühl Regie: Sabine Kienhöfer Technik: Robin Auld Redaktion: Anne Kleinknecht Im Interview: Hamoud Abdoulaye, Bauer, Niger Mahamoud Kader Goni, Bauer, Niger Elvis Tangem, AU-Kommission, Koordinator „Große Grüne Mauer“ Tony Rinaud, alternativer Nobelpreisträger Constantin Zohner, Ökologe, ETH Zürich Marcus Lindner, leitender Wissenschaftler, Europäisches Forstinstitut Bonn Peter Maurer, Präsident IKRK Ibrahim Thiaw, Direktor UNCCD Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN: Trockene Blätter rascheln unter Hamoud Abdoulayes Füßen, der kräftige Wind bläht sein weißes, bodenlanges Gewand. Der Bauer geht über sein Feld im Südwesten von Niger. Der westafrikanische Staat liegt im Sahel, also in der trockenen Übergangszone zwischen der Wüste Sahara und der feuchten Savanne weiter südlich. Wer an den Anblick der fruchtbaren Böden in Deutschland gewöhnt ist, käme vermutlich nicht auf die Idee, dass die karge Fläche hier ein Feld ist: Das helle Erdreich ist trocken, die Erdkrume dünn, hier und da wachsen Bäume und Büsche - Arten wie Kalgo, Sabara oder Gao. Abdoulaye zeigt auf einen von ihnen: OT 03 HAMOUD ABDOULAYE ÜBERSETZER: Ich kenne das genaue Alter aller Bäume auf meinem Feld, weil ich jeden einzelnen gesehen habe, als er aus dem Boden kam, und weil ich sie pflege. Der kleine hier ist zum Beispiel ein Jahr alt. SPRECHERIN: Abdoulaye hat erst 2018 angefangen, sich für Bäume zu interessieren und dafür zu sorgen, dass auch auf seinem Feld welche wachsen, neben der Hirse und den Kuhbohnen, die er vor allem anbaut. Die Not habe ihn zum Umdenken gezwungen, sagt der 67jährige Familienvater. OT 04 HAMOUD ABDOULAYE ÜBERSETZER: Die Situation vorher hat mir und den anderen Bauern im Dorf große Angst gemacht. Es gab keinen Schatten mehr, an vielen Stellen unserer Felder kam nacktes Gestein durch, der Wind hatte die Erde abgetragen, die Böden waren fast unfruchtbar geworden. Überall war Staub. Dann kamen Leute von einem Entwicklungsprojekt und haben uns erklärt, welche Vorteile es hat, wenn wir Bäume auf unseren Feldern haben. Sie hatten Recht, wir erleben seitdem, wie viel die Bäume verändern. REGIE: Die ersten vier Sekunden der Musik unter dem Ende des O-Tons einblenden, so dass der erste Rhythmuswechsel frei, dann weiter unter dem Text MUSIK ERZÄHLERIN: Abdoulaye ist einer von hunderttausenden Afrikanerinnen und Afrikanern, die dafür kämpfen, dass die trockene Sahelzone wieder grün wird. Ihr Engagement ist Teil eines geradezu utopischen Megaprojektes, das die Afrikanische Union 2007 auf den Weg gebracht hat: die Anpflanzung einer „Großen Grünen Mauer“ quer durch den Kontinent. Vom Senegal im Westen bis Dschibuti im Osten, also durch elf Länder der Sahara oder der Sahelzone. Die „Große Grüne Mauer“ soll bis 2030 eine Fläche von 100 Millionen Hektar bedecken, etwa drei Mal die Größe Deutschlands. REGIE: nochmal kurz frei, dann am Anfang des O-Tons ausblenden OT 05 ELVIS TANGEM The Great Green Wall is one program that have really supported the whole idea of this UNCCD, which is the convention to combat desertification. ÜBERSETZER: Die Große Grüne Mauer ist ein Programm, das die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung sehr unterstützt hat. ERZÄHLERIN: Elvis Tangem koordiniert das Projekt für die Kommission der Afrikanischen Union. OT 06 ELVIS TANGEM The whole vision about the Great Green Wall is about sustainability in the Sahel to ensure that those who are living in the drylands of Africa, which is about 55% to 60% of the entire continent can be able to stay, to develop in their natural environment. ÜBERSETZER: Bei der Großen Grünen Mauer geht es um Nachhaltigkeit in der Sahelzone. Wir wollen dadurch sicherstellen, dass die Menschen in den trockenen Gebieten Afrikas, die 55 bis 60 % Prozent des gesamten Kontinents ausmachen, in ihrer natürlichen Umgebung bleiben und sich dort weiterentwickeln können. Musik: ARD Open Music Mystery Action Percussion Mix ERZÄHLERIN: Die Vision: Durch den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit die Ernten verbessern und die Ernährung von mehreren Millionen Menschen sichern, die zu den ärmsten der Welt gehören. Außerdem 100 Millionen Jobs im ländlichen Raum schaffen. Das soll, so die Idee, vor allem jungen Menschen eine Alternative bieten zur Migration nach Europa. REGIE: Musik kurz frei als Zäsur, dann weiter unter dem Text ERZÄHLERIN: Der Klimawandel stand am Anfang nicht im Fokus der geplanten Mega-Baumpflanzaktion. Aber mit den Jahren wurde die Klimakrise auch in Afrika immer spürbarer. Unter anderem durch die steigende Zahl bewaffneter Konflikte um Wasser und fruchtbares Land, beides wird immer knapper. Das Projekt der „Großen Grünen Mauer“ gewann dadurch noch mehr an Bedeutung, sagt Elvis Tangem von der AU-Kommission: OT 07 ELVIS TANGEM Many countries have now understood that there was a clear link between climate change, land degradation, desertification, so, the survival of the countries. ÜBERSETZER: Viele Länder haben inzwischen verstanden, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen Klimawandel, Bodendegradation, Wüstenbildung und dem Überleben in diesen Ländern gibt. ERZÄHLERIN: Das gigantische Aufforstungsprojekt soll helfen, CO2 in der Atmosphäre zu reduzieren. Kritiker bemängeln allerdings die hohen Kosten des Projektes. Wie viel Geld genau bereits ausgegeben wurde, sei nicht ganz einfach zu berechnen, sagt Elvis Tangem: Weil es unterschiedliche Programmbereiche gibt und viele internationale Geber, außerdem die Investitionen der beteiligten afrikanischen Staaten selbst. OT 08 ELVIS TANGEM So, if we have to estimate all the funds that have been mobilized at the international level up to let’s say 2020, we were looking at almost like about 2 billion to 3 billion. And then, when you look at what has been mobilized locally, it’s also almost of equal amount, you know. ÜBERSETZER: Wenn wir schätzen wollen, wie viele Mittel auf internationaler Ebene bis 2020 mobilisiert worden sind, kommen wir auf etwa zwei bis drei Milliarden US-Dollar. Die beteiligten afrikanischen Staaten vor Ort haben zusätzlich fast noch einmal den gleichen Betrag aufgebracht. ERZÄHLERIN: Also insgesamt bis zu sechs Milliarden US-Dollar bis 2020. Im Frühjahr 2021 kam nochmal ein Vielfaches an finanziellen Zusagen hinzu: OT 09 ELVIS TANGEM When you look at the current rate of pledges and investment that is then pumped in as of January this year with the pledges and mobilization from the One Planet Summit which was about $19 something billion, which is, you know, it’s a huge amount of money that we are now grappling, and we’re putting in place the necessary structures and strategies on how we’re going to invest that money into ensuring impact, you know. ÜBERSETZER: An aktuellen Zusagen und Investitionen wurden seit Januar 2021 durch den „One Planet“ - Gipfel in Paris nochmal rund 19 Milliarden Dollar mobilisiert und in das Projekt gepumpt. Das ist eine riesige Menge Geld, die wir jetzt in die Hand nehmen. Wir sind dabei, die notwendigen Strukturen und Strategien zu schaffen um herauszufinden, wie wir dieses Geld investieren können, damit wir Wirkung erzielen. ARD-Openmusic-Safari-part-2 Länge: ERZÄHLERIN: Genau da sehen Kritiker, beispielsweise Entwicklungsexperten, schon jetzt das Problem: in der Wirksamkeit des Projektes, vor allem angesichts der hohen Kosten. Das Ergebnis der bisherigen Investitionen in Milliardenhöhe sei enttäuschend. Noch nicht einmal aus den Worten von Moussa Faki Mahamat ist eine Erfolgsgeschichte herauszuhören, dabei ist er der Vorsitzende der AU-Kommission, also der oberste Verantwortliche des Projektes. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte er Anfang 2021: OT 10 MOUSSA FAKI MAHAMAT années après le lancement de cette initiative, le rêve s’est quelque peu estompé. Seulement quatre million d’hectares de terre ont été aménagés sur les 100 millions prévus. ÜBERSETZER: Jahre nach dem Start dieser Initiative ist der Traum in gewisser Weise verblasst. Bis jetzt wurden nur vier Millionen von den geplanten 100 Millionen Hektar wieder fruchtbar gemacht. ERZÄHLERIN: Für die Geber war das ernüchternde Ergebnis allerdings kein Argument, weniger, sondern stattdessen sogar noch mehr Geld zu investieren. Dafür hatte auch AU-Kommissionspräsident Mahamat plädiert: Ohne eine weitere, bedeutsame Investition sei es unmöglich, die Ziele zu erreichen. Eines der Hauptprobleme ist die geringe Überlebensrate der Setzlinge, räumt Tangem ein. OT 11 ELVIS TANGEM Most of the trees that are brought into the, brought from other areas, yes, the survivor rate over few months is very difficult because apart from the periodical lack of water, you also have, if you do like with animal browsing. So, sometimes you can have about 40% survival rate. Planting is easy, growing is the main thing. ÜBERSETZER: Von den Bäumen, die aus anderen Gebieten hierhergebracht wurden, überleben nicht genug die ersten Monate. Sie bekommen nicht ausreichend Wasser, außerdem werden sie von Tieren gefressen. Die Überlebensrate liegt deshalb manchmal nur bei etwa 40 Prozent. Das Pflanzen ist einfach. Es kommt aber darauf an, die Setzlinge groß zu kriegen. ERZÄHLERIN: Kritiker werfen den Initiatoren der spektakulären „Grünen Mauer“ durch Afrika denn auch vor, genau das nicht ausreichend bedacht zu haben: dass Aufforstung nicht nur bedeutet, Setzlinge in die Erde zu bringen. Vielleicht noch schwerer wiegt der Vorwurf, für das Projekt werde viel zu viel Geld ausgegeben. Denn es gibt eine deutlich billigere und zudem noch erfolgreichere Methode, als Millionen von Setzlingen in die trockenen Regionen des Kontinents zu schaffen. Nämlich die Wurzeln der einheimischen Baumarten wieder austreiben zu lassen, die unter der baumlos wirkenden Oberfläche überdauern. AT 02 Feld vorbereiten ERZÄHLERIN: Im Südwesten des Niger bereitet der Bauer Mahamoud Kader Goni sein Feld für die Aussaat vor: Die Regenzeit steht bevor, erste ergiebige Güsse waren deren Vorboten. Kader Goni arbeitet aufmerksam und konzentriert: Anders als früher, hackt er nicht einfach drauf los, sondern guckt genau hin, was ihm vor sein Feldwerkzeug kommt. Sind es die Triebe von Bäumen, arbeitet er sorgsam um sie herum. Der 66Jährige erklärt, worauf es ankommt. OT 12 MAHAMOUD KADER GONI ÜBERSETZER: Das eine ist, dass ich überhaupt keine lebenden Äste mehr schlage. Wenn ich Holz brauche, sammele ich nur die toten Äste von meinem Feld. Das andere: Es gibt immer wieder kleine Triebe, die aus dem Boden kommen, die pflege ich. Wenn zum Beispiel viele Triebe dicht nebeneinander sprießen, suche ich drei oder vier von ihnen aus, die anderen entferne ich, damit sie sich nicht gegenseitig den Platz wegnehmen. Ich beschneide sie immer wieder, bis daraus ein großer Baum mit einem kräftigen Stamm geworden ist. ERZÄHLERIN: Damit habe er 2017 begonnen. Inzwischen möchte er die Bäume, die auf seinem Feld zwischen Hirse-, Bohnen- und Erdnusspflanzen wachsen, nicht mehr missen, beispielsweise den Gao-Baum, botanisch: Faidherbia oder Acacia Albida, eine Akazienart. OT 13 MAHAMOUD KADER GONI ÜBERSETZER: Wir schützen die Bäume aus mehreren Gründen. Erstens spenden sie Schatten. Sie merken es ja selbst: Wir stehen gerade im Schatten eines Baumes und unterhalten uns. Ohne den Baum wäre die Hitze unerträglich. Zweitens regnet es da, wo Bäume sind. Drittens: Ohne die Bäume hat der Wind immer sehr viel Sand mitgebracht, meine Saat ist regelrecht versandet. Jetzt brechen die Bäume den Wind. Die toten Blätter, die auf den Boden fallen, decken die fruchtbare Krume ab und werden zu Dünger, wenn sie zerfallen. ERZÄHLERIN: Der Bauer Abdoulaye, der das Alter jedes Baumes auf seinem Feld kennt, arbeitet nach derselben Methode. Er gießt die kleinen Triebe sogar wenn es nicht regnet, damit sie nicht vertrocknen. Der Aufwand habe sich für ihn schon gelohnt, versichert Abdoulaye: OT 14 HAMOUD ABDOULAYE ÜBERSETZER: Bevor ich damit angefangen habe, waren meine Ernten mager, weil mein Feld nicht mehr fruchtbar war. Jetzt ernte ich mehr. ERZÄHLERIN: Im Durchschnitt holt er vier- bis fünfmal so viel Hirse ein, wie vor dem Beginn der Aufforstung auf seinem Feld. Abdoulaye versichert, dass nicht nur sein Feld so viel fruchtbarer geworden sei, sondern die Flächen aller Bauern in seinem Dorf in der Region Tillabery im Südwesten Nigers. ARD Open Music Solarwind Er rät allerdings davon ab, die anderen Felder zu besuchen, weil sie weiter von der Landstraße entfernt sind – eine Fahrt dorthin sei gefährlicher. Denn die Sicherheitslage in Niger ist angespannt, was auch für die benachbarten Sahelstaaten gilt: Burkina Faso, Mali, Nigeria, Tschad. Überall sind islamistische Terrorgruppen aktiv, mit Verbindungen zum Al-Kaida-Netzwerk oder dem so genannten Islamischen Staat. Sie terrorisieren die Bevölkerung, verüben Anschläge auf die Sicherheitskräfte. OT 15 HAMOUD ABDOULAYE ÜBERSETZER: Unser Dorf haben sie zum Glück noch nicht angegriffen, aber was wir hören, macht uns Angst. ERZÄHLERIN: Die islamistischen Terrorgruppen sind in der Region auch deshalb so erfolgreich, weil sie lokale Konflikte schüren - zum Beispiel um Ackerflächen, Weideland und Wasser. Konflikte, die wegen des hohen Bevölkerungswachstums, aber auch wegen der Klimakrise eskalieren: Fruchtbare Flächen werden immer knapper. Umso wichtiger ist es, degradierte Böden wieder nutzbar zu machen. Musikende Die Methode, nach der die beiden Bauern Mahamoud Kader Goni und Hamoud Aboulaye vorgehen, gehörte ursprünglich nicht zum Mega-Projekt der Afrikanischen Union. Sie wurde von dem australischen Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo entwickelt - fast könnte man sagen: entdeckt. Beim Interview über eine Internetverbindung erzählt der Australier, wie es vor Jahren dazu kam.

  5. Die Geschichte der Bergretter - Helden und Heldinnen der Alpen

    07.07.2025 · 23 Min.

    Standen dem Bergretter vor 100 Jahren lediglich Seil, Pickel und pure Körperkraft zur Verfügung, so kann er sich heute zahlloser technischer Entwicklungen bedienen. Dennoch: Ein alpiner Rettungseinsatz bedarf einer gehörigen Portion Handarbeit und Geschick. Und: Der technische Fortschritt ist nicht immer nur ein Segen! Von Markus Mähner (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Markus Mähner Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Caroline Ebner, Jennifer Güzel, Friedrich Schloffer Technik: Laura Picerno Redaktion: Hellmuth Nordwig Im Interview: Robert Zimmermann, Bergwacht Steingaden-Peiting Roland Ampenberger, Bergwacht Bayern Spannende Beiträge zu diesem Thema: BR BERGE: Mehr Storys, Infos & Tipps vom Berg: Der Instagram-Kanal von BR Berge. Einfach abspeichern und rausgehen! https://www.instagram.com/br_berge/ Bergwacht Bayern HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN 2 Es ist der 12. November 2023. 16 Uhr. Bei der Leitstelle der Bergwacht Bayern geht ein Hilferuf ein: Vier Bergsteiger sind am ausgesetzten Gjaidsteig im Karwendel in einen Schneesturm geraten und kommen weder vor noch zurück. Bereits eine halbe Stunde später stapfen 7 Bergwachtler den verschneiten Gjaidsteig entlang. Alles Ehrenamtliche. GERÄUSCH Hallentür öffnen SPRECHERIN So wie Robert Zimmermann. ROBERT 1 Wir sind jetzt hier in der Bergrettungswache Steingaden. Das ist eben unsere Garage, in der wir die Fahrzeuge deponiert haben und unsere Ausrüstung zwischengelagert ist. SPRECHERIN Robert Zimmermann ist Mitglied der Bergwacht Steingaden-Peiting. Schon als Jugendlicher gerne in den Ammergauer Bergen unterwegs, stieß er einmal mit einem Freund nach einer Klettertour am Geiselstein - im Bergmassiv zwischen Schloss Linderhof und Schloss Neuschwanstein gelegen - auf ein paar Ehrenamtliche der Bergwacht: ROBERT 2 Wir waren eben am Geiselstein klettern, sind auf dem Runterweg an der Kenzenhütte vorbeikommen. Die Bergwachtler waren dagesessen und man hat mit denen halt geratscht: Und? Was ist bei euch so alles los? Und dann hat es geheißen: man würde mal wieder Anwärter brauchen. Wie schaut es aus: Du bist doch einer, der geht in´n Berg. Und ja, eigentlich: Warum nicht? Ich war früher mal bei der Feuerwehr - vielleicht ist da auch so ein gewisses Helfersyndrom. Und dann habe ich gesagt: ja ich schaue mir das gerne mal an! Und dann war eben zwei Jahre lang Ausbildung, bei der du ja dann als Anwärter mit dabei bist. Du darfst noch keine Einsätze machen. Dann habe ich natürlich die ganze Ausbildung mitgemacht und dann die Sommer- und die Winterprüfung absolviert. SPRECHERIN In dieser Ausbildung lernen die Bergwachtanwärter den Umgang mit den technischen Hilfsmitteln, diverse Abseiltechniken, und sie bekommen eine notfallmedizinische Ausbildung, so wie Rettungssanitäter. Was Robert neben der Bergbegeisterung mitbringen musste, war natürlich auch dass er sich im schwierigen Gelände sicher bewegen kann und im Bedarfsfall sogar klettern. Und: Ja, auch den Wunsch Menschen helfen zu können. Roland Ampenberger, Sprecher der Bergwacht Bayern: AMPENBERGER 1 Grundsätzlich: Bergrettung ist Solidarität von Menschen in einer vermeintlich lebensfeindlichen Umgebung, die die Berge ein Stück weit darstellen. Und in sofern glaube ich, gab es das schon immer, dass man sich beisteht in so einer Umgebung. Musik 2: Zeitloser Duft 37 Sek SPRECHERIN Bereits im 12.Jahrhundert gründeten auf dem großen St. Bernhard-Pass auf knapp 2500 Meter Höhe Augustiner-Chorherrn ein Hospiz, das nicht nur Reisenden eine Schutzunterkunft versprach. Die Ordensbrüder kamen auch Jahrhunderte lang Erschöpften, Verletzten und Verirrten zu Hilfe. Ihnen gehörte auch einer der berühmtesten Bergretter der Geschichte an: Der Lawinenhund Barry, ein Bernhardiner, der um das Jahr 1800 im Hospiz seine Ausbildung bekam und über 40 Menschen das Leben rettete. Musik 3: The Berensen Lectures 1:06 min Im 19.Jahrhundert ging es dann richtig los mit dem Tourismus im Alpenraum. Das ungebremste Gipfelsammeln der ausschließlich wohlhabenden - und meist britischen - Abenteurer erhielt 1865 einen Dämpfer als während der Erstbesteigung des Matterhorns vier Alpinisten zu Tode stürzten. Woraufhin Queen Victoria verlautbaren ließ: Man solle doch endlich mit dem Wahnsinn in den Bergen aufhören! Sie erwog sogar alpinistische Expeditionen zu verbieten. Dazu kam es zwar nicht, doch die Tragödie am Matterhorn hat den Alpinisten erst klar gemacht, wie gefährlich die Berge sein können. 20 Jahre später, 1885, erließen die Alpenvereine die sogenannte "Hilfsverpflichtung der Bergführer im Alpenraum" - was heute als die Geburtsstunde des organisierten Bergrettungswesens angesehen wird. AMPENBERGER 2 Die einzige Institutionalisierung waren die Bergführerbüros vor Ort, und die wurden tatsächlich dann eben verpflichtet, wenn sie nicht geführt haben, wenn eine Alarmierung, eine Meldung, eingegangen ist, dass Hilfe notwendig ist, dann auch zu gehen. Die wurden auch dafür bezahlt, muss man sagen. Also da gab es dann aber tatsächlich schon so eine hohe Erwartungshaltung - das lässt sich ein Stück weit nachlesen - dass man erwartet hat: Ok, wenn der mit Gästen am Berg unterwegs ist und er bekommt Kenntnis eines Notfalls, dann muss er seine Gäste ins Tal runter schicken, sobald es möglich ist, und muss dann zur Hilfe eilen am Berg an anderer Stelle. Musik 4: Signatur Folge 1 23 Sek SPRECHERIN Doch wie bekommen die Bergretter überhaupt mit, dass etwas passiert ist? Klar: Heute ist das Handy immer dabei und meistens setzt der Verunglückte einfach selbst einen Notruf ab - sofern er Empfang hat! Das ist in den Alpen aber längst nicht immer der Fall. Als noch die Bergführer für die Rettung zuständig waren sah dies ganz anders aus. AMPENBERGER 3 ((Das war natürlich das Hauptthema. Wie bekommt man überhaupt einen Notruf dorthin abgesetzt, wo er dann auch weiterverarbeitet werden kann? Und)) da waren diese alpinen Meldestellen, das war das zentrale strukturierte Element, das der Alpenverein aufgebaut hat an den Hütten dorten. Sieht man auch heute manchmal noch an verschiedenen Hütten: so kleine Schilde, da steht dann drauf: Alpine Meldestelle. Das waren eben Orte, die dann auch über ein Telefon verfügt haben, um dann auch die Nachricht weiterzugeben an des Bergführerbüro eben oder im Tal an eine Institution zu sagen: Hier ist ein Hilfebedarf und man muss eine Rettungsmannschaft eben aufbieten. SPRECHERIN Von den technischen Möglichkeiten, die heute den Bergrettern zur Verfügung stehen, konnte eine Rettungsmannschaft früher nur träumen. Konkret sieht man das in der Bergrettungswache Steingaden. Robert Zimmermann: ROBERT 3 Der Einsatzleiter, der den Einsatz dann eben übernimmt von der Rettungsleitstelle, der positioniert sich hier: hat dann eben Funkgeräte, die er einschalten kann und dementsprechend auch zum Beispiel mit Weilheim als Rettungsleitstelle Oberland oder mit der Leitstelle Kempten für das Allgäu kommuniziert. Dann haben wir hier zwei Bildschirme, die an einen Rechner angeschlossen sind, der entsprechende Software draufhaut wie Kartenmaterial, Wetterberichte. Dann natürlich auch Ortung mittlerweile über die Handys: Wär so eine Option, dass man Patienten da orten können, wenn er jetzt nicht genau weiß, wo er ist, dass man zumindest dann über Koordinaten rausfinden kann: Also da müsste er eigentlich sein. ((Und ansonsten gibt es halt hier mit der Karte im Hintergrund auch mal abzustecken: Machen wir zum Beispiel so ein Szenario einer Vermisstensuche: dass man halt dann wirklich hergehen und sagen kann: so okay, da in dem Bereich haben wir schon mal gesucht. Da waren jetzt drei, vier Leute unterwegs, dann deckt man mal die drei, vier Wege noch ab. Die Karten sind so ausgestattet, dass man mit dem Filzstift kurz darauf malen kann und einfach mal sich ganz klassisch analog einen Überblick gestaltet. Und das ist natürlich dann immer recht hilfreich, um das zu koordinieren.)) Musik 5: Frozen Landscapes – siehe oben – 50 Sek + Atmo Sturm SPRECHERIN 2 (darüber) Zurück zum Gjaidsteig. Inzwischen ist es 7 Uhr abends und bereits dunkel geworden. Da erkennen die Kräfte der Bergwacht Licht und hören Hilferufe. Sie haben die Eingeschneiten entdeckt! Doch das Gelände und der hohe Schnee lassen kein Durchkommen zu. Lawinenmassen donnern die mächtigen Nordwände der Raffelspitze herab. Ein Weitergehen wäre zu riskant. Um 20:15 kehren die Bergwacht-Helfer um und alarmieren die Kollegen aus Tirol, die es nun, zu zwölft, von der anderen Seite versuchen. Ebenso erfolglos. Die vier Bergsteiger müssen während der Nacht ausharren. Die Bergwacht gibt ihnen über Handy Hilfestellung, wie sie ein Notlager einrichten können. SPRECHERIN Zog die Rettungsmannschaft früher noch zu Fuß, lediglich mit Seil und Pickel los, so stehen Robert und seinen Kollegen heute gleich mehrere Fahrzeuge zur Verfügung - vollgepackt mit Equipment. ROBERT 4 Also zum einen sieht man jetzt hier das Fahrzeug mit einem besonderen Aufbau, dass wir eben auch einen Patienten transportieren können. Wir haben eine Gebirgstrage drin, wir haben entsprechend Bergsäcke drin. Wir haben natürlich das ganze Arztequipment, Notfallausrüstung sozusagen, auch mit dabei. Und ja: Wenn es dann losgeht, geht es halt rein ins Fahrzeug. Wenn man jetzt ins Auto einsteigt, dann schalte ich gleich wieder den Funk mit dazu. Wenn es ganz brisant ist, haben wir auch Blaulicht und Martinshorn, das dann eingeschaltet wird, um dann wirklich möglichst schnell zum Patienten zu gelangen. Da ist zum Beispiel jetzt wirklich dieser große Rucksack, der ein paar Kilo hat und dem Arzt-Rucksack entspricht. Der ist auch von unseren Gerätewarten so vorbereitet, dass man sofort nachschauen kann, was drin ist. Weil wir so Listen haben, die dann entsprechend mit hinterlegt sind. Wenn man ihn also gebraucht hat, ist immer das Thema: danach wieder so aufzuräumen, wieder aufzufüllen, dass dann alles wieder für den nächsten Einsatz parat wäre. ATMO Quad SPRECHERIN Neben dem Einsatzfahrzeug steht zudem noch ein großes, geländegängiges Quad. Bis zum Beginn der Sommersaison im Mai ist es mit Ketten statt Reifen ausgestattet. Hier können zwar nicht so viele Einsatzkräfte mitfahren, dafür kommen Robert und seine Kollegen damit viel näher an die Verunglückten heran. ROBERT 5 Wir hatten schon mal eine Patientin, die unterwegs war, zu Fuß im Winter und in einer Schneewächte eingebrochen ist. Aber wir reden jetzt nicht von tausend Höhenmeter irgendwo auf einem Berg, sondern es war ein Wanderweg in der Nähe vom Hohen Peißenberg. Und da hat die aus eigener Kraft sich da aus dieser Schneewehe nicht mehr befreien können. Sie hat dann einen Notruf abgesetzt, und man konnte halt dann mit dem Fahrzeug relativ weit an die Patientin eben auch hinkommen. Das war natürlich schon sehr hilfreich, weil sonst hätten wir uns ja selber durch den Schnee so tief durchwühlen müssen, bis dass wir die dann bergen hätten können. SPRECHERIN Das Einsatzgebiet der Bergwacht Steingaden ist hauptsächlich in den Ammergauer Alpen rund um die Kenzenhütte und den beliebten Kletterberg Geiselstein. ROBERT 6 Aber unsere Statistik zeigt auch, dass wir nicht nur Einsätze in dem Bereich haben, sondern auch in Naherholungsgebieten, wie zum Beispiel um Steingaden rum, es gibt Wanderwege Richtung Wieskirche, es gibt den Auerberg in der Nähe, es gibt dann sogar im Landkreis Weilheim-Schongau den Hohen Peißenberg auch ganz klassisch. SPRECHERIN Denn Robert Zimmermann und seine Kollegen sind überall gefragt, wo das Gelände unwegsam ist und ein herkömmlicher Krankenwagen und Sanitäter nicht hinkommt. Und das ist gut so: Denn wenn heute jemand abstürzt, so kann er fast immer gerettet werden. Früher war das nicht so sicher, einfach weil die Einsatzkräfte viel länger brauchten, um zum Verunglückten zu gelangen. Denn sie sind zu Fuß statt mit dem Auto angerückt. GERÄUSCH AUTO SPRECHERIN (darüber) Heute sieht das anders aus. Und selbst wenn die Ehrenamtlichen Bergretter gerade nicht zuhause sind, so sind sie doch immer und überall erreichbar mittels eines kleinen Gerätes, das Textnachrichten schicken kann. Robert Zimmermann: ROBERT 7 (Auto) Der Einsatz kommt bei uns über diese Pieps rein, der dann eben zumindest schon mal andeutet, was denn sein kann. Also Trauma, dass jemand abgestürzt ist und verletzt ist. Das sind so Kurzinformationen, die dann da im Prinzip auf dem Pieps drauf sind. Und dann trifft sich die Mannschaft an der Bergrettungswache in Peiting oder eben in Steingaden. Und dann fährt die Einsatzgruppe auf jeden Fall schon mal mit dem Amarok los. Wenn wir jetzt noch mehr Leute brauchen, dann wäre der VW-Bus von Peiting eben noch mit im Einsatz. Und dann können wir also auf einen Schlag gut 14 Leute ins Einsatzgeschehen losschicken. SPRECHERIN Doch nicht immer sind alle verfügbar. Robert zum Beispiel ist Lehrer und somit unter der Woche vormittags immer im Unterricht - zudem noch im Kempten, relativ weit von Steingaden entfernt. ROBERT 8 (Auto) Das Ganze läuft ehrenamtlich ab natürlich. Wir haben alle unsere Berufe, wir sind alle irgendwo im Arbeitsleben. Entsprechend ist halt dann wieder das Thema: Wann ist der Einsatz? Wenn er unter der Woche in den frühen Morgenstunden oder frühen Nachmittag ist, kann man davon ausgehen, dass die meisten in der Arbeit sind. Und entsprechend gibt es da natürlich schon auch Regelungen, dass man je nachdem, wie der Arbeitgeber das handhabt, dass man jemandem freistellt. ((Also bei der Feuerwehr zum Beispiel ist das ähnlich, dass für bestimmte Einsätze auf jeden Fall die Leute freigestellt werden in dem Moment, dass die zum Einsatz gehen dürfen.)) Musik 6: Kreisen 1 Minute SPRECHERIN Zurück ins 19. Jahrhundert, den Anfängen der organisierten Bergrettung: Wenige Jahre nach der Hilfsverpflichtung für Bergführer gründeten die Alpenvereine eigene Bergrettungsdienste. 1896 den "Alpinen Rettungsausschuß Wien", 1898 dann Einrichtungen in Innsbruck und München. Die Bergwacht Bayern wurde 1920 gegründet - und zwar nicht als Rettungsorganisation, sondern um den in den Jahren nach dem Erstem Weltkrieg stark zunehmenden Massentourismus in geordnete Bahnen zu lenken. Und um der zunehmenden Wilderei und den vermehrten Vieh- und Holzdiebstählen und Hütteneinbrüchen Herr zu werden. Oder, wie es in der Gründungsschrift hieß: ZITATOR: "zur Bewahrung der guten Sitten und dem Schutz fremden Eigentums im Kontext des Bergsteigens und des alpinen Skilaufs.“ SPRECHERIN Roland Ampenberger: AMPENBERGER 5 Der Fritz Berger war einer der Gründer im Münchner Hofbrauhaus aus der Sektion Bayerland, und darum ging es ihm auch genau: Diese Werte des Bergsteigens am Berg zu schützen, weil eben die Massen ins Gebirge geströmt sind. Also es ging jetzt nicht nur darum, Blumen am Berg zu schützen, sondern es hat angefangen: Wie verhalfen sich die Menschen in den Zügen? Wie verhalten sich die Menschen auf den Hütten bis hin natürlich auch: Wie verhalten Sie sich gegenüber den Tieren, gegenüber den Bergbauern, gegenüber dem Sammeln von Edelweiß? SPRECHERIN Deswegen ist heute noch das Zeichen der Bergwacht Bayern ein Edelweiß. Doch schon bald übernahm sie auch Rettungsaufgaben - da ihre "Berg-Wächter" ja ohnehin bereits vor Ort waren. Allerdings noch mit nahezu derselben Ausrüstung wie ihre Kollegen im 19.Jahrhundert. Der große Sprung in der Entwicklung von Rettungsgeräten fand in den 1950er Jahren statt. AMPENBERGER 6 Und da gibt es so drei Namen im deutschsprachigen Raum: der Wastl Mariner aus Tirol, der Doktor Rudolf Campell von den Schweizern und der Wickerl Gramminger aus Bayern. Und diese drei Personen die stehen ganz stark für diese Rettungsgeräte-Entwicklung: also für Tragehilfen, für Seiltechniken, die optimiert waren auf die Anwendung am Berg. Und wenn man sich zum Beispiel den Akja anschaut - da gibt es unterschiedliche Formen - der Akja, dieser Schneeschlitten, mit dem man verletzte Personen liegend vom Berg bringen kann: Der wurde da in dieser Zeit optimiert, weiterentwickelt und dann tatsächlich auch in Serie gebaut. Und Dann ist natürlich das Thema Luftrettung ein ganz großer Entwicklungsschritt gewesen. Und das hat Ende der 50er-Jahre angefangen, wo Hubschrauber verfügbar geworden sind. In der Schweiz ganz bekannt auch die Rettungsflieger. Also: die mit kleinen Flugzeugen in Österreich und der Schweiz am Berg auch gelandet sind. Also die Luftrettung in der Hilfe am Berg, das ist so ganz großer Epochenschritt. Und dann die Kommunikation am Berg: einerseits unter den Rettungskräften mit Funkgeräten, das war der erste große Schritt und daran aufbauend das gesamte Alarmierungssystem. Also wenn man heute in den bayerischen Alpen unterwegs ist, dann wird man immer wieder auf Hütten treffen - auf Hütten der Bergwacht. Diese Hütten der Bergwacht haben den Zweck gehabt eben genau diese Alarmierungswege zu verkürzen. SPRECHERIN Auch Robert Zimmermann und seine Kollegen haben außer ihrer Rettungsstelle in Steingaden noch eine Berghütte, ganz in der Nähe ihres Einsatzgebietes um die Kenzenhütte zu Fuße der mächtigen Nordwand der Ammergauer Hochplatte. ROBERT 9 (inkl Geräusche) So, jetzt sind wir an unserer Diensthütte. Wir haben drüben, da gehen wir jetzt gleich rüber, die Zentrale. Das ist ein älterer Raum. Da war früher mal eine Zollhütte installiert. Weil wir sind ja nicht weit weg von der Grenze. Und hier haben wir unsere Telefon- und Funkzentrale nochmal herin. Und die Räumlichkeit agiert jetzt ungefähr so wie unten die Einsatzzentrale. SPRECHERIN In den Sommermonaten sind an jedem Wochenende ein paar von Roberts Kollegen auf der Hütte und verrichten dort ihren Dienst, damit sie schneller vor Ort sein können, falls ein Wanderer oder Kletterer in Not gerät. Deswegen ist die Hütte auch so eingerichtet, dass sie unabhängig vom Tal agieren können. Musik 7: Signatur Folge 1 – siehe oben – 35 Sekunden SPRECHERIN Im Gegensatz zu den Anfängen der Bergrettungsgeschichte können heute fast alle in Not geratenen Bergsteiger gerettet werden - auch dank der zahlreichen technischen Hilfsmittel und der überall präsenten Bergretter. Trotzdem gibt es Jahr für Jahr in den bayerischen Bergen noch bis zu 100 Menschen, die nur noch tot geborgen werden können. Viele davon sind allerdings nicht abgestürzt, sondern erliegen Herzproblemen oder einem Kreislaufversagen. Im Durchschnitt rückt die Bayerische Bergwacht um die 8000 Mal pro Jahr aus. Und das kostet natürlich auch. Roland Ampenberger: AMPENBERGER 7 Die gesamte Bergwacht in Bayern hat ungefähr einen Aufwand von 11 Millionen Euro jedes Jahr und - ganz grob, das stimmt jetzt nicht genau - aber ein Drittel kommen aus den Einsätzen, ein Drittel finanziert der Staat und ein Drittel kommen von den Spenden dazu. Und ich denke, das ist schon auch ein großer Wert, der da geschaffen worden ist: Egal, ob wir jetzt am Marienplatz auf der Rolltreppe verunglückten oder auf Autobahnen einen Verkehrsunfall haben oder eben am Berg verunglücken: Egal ob beim Skifahren, beim Klettern oder beim Wandern: dass dann die Krankenkasse eben diesen Einsatz auch übernimmt dazu. Und jetzt kommt immer gleich die große Frage: ja, aber der war doch selber schuld, oder? Das wäre doch vermeidbar gewesen. Grundsätzlich immer dann, wenn man nicht verletzt ist, also wenn man klassischerweise in Bergnot ist, dann muss man den Einsatz selber bezahlen. SPRECHERIN Und das kommt im Zeitalter der Smartphones immer häufiger vor - nicht nur weil immer mehr Menschen auf die Berge stürmen. AMPENBERGER 8 Aber natürlich, so wie unser gesamtes Sicherheitsgefühl auch im Tal sich verändert hat, wird natürlich heute auch schon bei Unfällen alarmiert, wo man vielleicht 1950 gesagt hat: Na ja, dafür kommt jetzt keine Bergrettung! Und schon gar nicht 1890, sondern da hat man selber geschaut, wie man ins Tal kommt. Das eigenverantwortliche Bergsteigen das gehört ja auch zu der Ehre dazu: Ich versuche so lange wie möglich mir selbst zu helfen, wie es irgendwie geht. Das ist natürlich in der Breite der Masse von Menschen, die heute am Berg unterwegs sind, nicht mehr vorhanden. Das ist auch ganz klar. SPRECHERIN Einen Grund dafür sieht Roland Ampenberger, Sprecher der Bayerischen Bergwacht, auch in den sozialen Medien: AMPENBERGER 9 Berge sind immer und überall verfügbar - sei es in den sozialen Medien: Das schaut immer für jeden zu jeder Zeit machbar und verfügbar aus. Und das beschäftigt uns schon in Einsätzen: jetzt nicht in der Masse, was die Anzahl angeht. Aber wenn immer wieder, gerade an den Hotspots - sei es in den Berchtesgadener Alpen oder im Wettersteingebirge - dass wir auf Menschen treffen, wo die Urteilsfähigkeit oder die Einschätzung einfach auf eine gewisse Unbedarftheit letztendlich schließen lässt. Musik 8: ARD Labelmusik No trace 28 Sek SPRECHERIN Doch auch wenn die Bergretter sehr gut ausgestattet sind und die meisten Bergsteiger ein Handy dabei haben: Nicht überall ist Handyempfang, bei schlechter Sicht oder schlechtem Wetter kann der Hubschrauber nicht fliegen und auch die Bergretter sind, wenn auch Helden, so doch keine Übermenschen. AMPENBERGER 10 Es geht nicht immer und überall! Also dieser Slogan: zu jeder Zeit in jedem Gelände bei jedem Wetter. Ehrlicherweise muss man dazu sagen: ja, fast immer. Aber es gibt natürlich auch Grenzen dessen. SPRECHERIN Und das kann dann auch für die Einsatzkräfte, die ihrer Hilfeleistung wegen Lawinengefahr, Schneemassen, Dunkelheit oder Wetter nicht nachkommen können, belastend sein. In solchen Fällen ist es wichtig, dass der Zusammenhalt unter den Kollegen der Bergwacht gut ist, so Robert Zimmermann: ROBERT 11 Dieser Einsatz, wenn er jetzt zum Beispiel abgeschlossen ist, dann man kommt da eben auch zusammen, dann ist es halt auch: „Ja wie war´s denn?“ Einfach mal hinhocken, wieder was zusammen trinken. Belastende Einsätze sind natürlich dann auch eine gewisse Notwendigkeit, dass man sich wirklich hinhockt und sagt: „Du, wie geht es denn? Was waren gerade los?“ Ansonsten ist es einfach auch mal wieder: sich bewusst machen, wie schnell einfach was sein kann. Musik 9: Frozen Landscape – siehe oben – 27 Sek + GERÄUSCH Hubschrauber SPRECHERIN 2 (darüber) Inzwischen ist es der 13.November am Gjaidsteig im Karwendel. In der früh um 8 Uhr lässt das Schneetreiben für kurze Zeit nach. Sofort startet der Rettungshubschrauber "Christoph Murnau" mit einem Mittenwalder Bergwachtler und rettet die stark unterkühlten Bergsteiger. Sie werden in das Klinikum Garmisch-Partenkirchen gebracht. Gerade noch einmal gut gegangen. Musik aus

  6. Die Rückkehr der Wölfe - Wie kann eine Co-Existenz gelingen?

    07.07.2025 · 28 Min.

    Wie kann eine friedliche Co-Existenz mit dem Wolf gelingen? Die Rückkehr des Wolfs ist ein heiß diskutiertes Thema, bei dem sich Landwirte, Alm-Betreiber und Naturschützer oft unversöhnlich gegenüberstehen. Dabei bemühen sich zahlreiche Biologen und Wildtiermanager um umsetzbare Lösungen. Autor: Lutz Reidt (BR 2025) Credits Autor dieser Folge: Lutz Reidt Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Rahel Comtesse Technik: Adele Meßmer Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Wolfgang Schröder, Wildbiologe, Uni München (emeritiert) Josef Glatz, Alpenwirtschaftlicher Verein Oberbayern Peter Strohwasser, Untere Naturschuzbehörde am Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen Marcel Züger, Biologe und Naturschützer, Salouf (Schweiz) NDR Moderator und Stadtkind Andreas Kuhlage und Landwirtin Maja Mogwitz plaudern über das Leben auf einem Traditionshof und diskutieren auf Augenhöhe verschiedenste landwirtschaftliche Themen. Denn es gibt häufig Missverständnisse, Vorurteile und verhärtete Fronten zwischen Verbrauchern und Landwirten. Ob nun Massentierhaltung, Gentechnik oder Agrarsubventionen. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Eine besondere Empfehlungen der Redaktion: Biber-Fieber - WirTier Christian und Tina sind Wildlife-Fotografen. Mit viel Geduld und Verständnis haben sie das Vertrauen von Bibern gewonnen. Jetzt gehören sie zur tierischen Familie dazu, dürfen als "Biber ehrenhalber" hautnah dabei sein und sogar die Biber-Babies sitten. Ob WirTier-Host Julius auch ein Schnappschuss gelingt? HIER geht es zur Folge. Geschichte der Almwirtschaft - Wirtschaftsbetrieb und Sehnsuchtsort Ziegen - Weidetiere im Klimawandel Bären und Wölfe - Wieviel Wildnis wollen wir? Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher: In den Ammergauer Alpen oberhalb von Garmisch-Partenkirchen scheint die Welt noch in Ordnung. Friedlich grasen braune, beigefarbene und schwarzweiße Rinder auf den sattgrünen Almweiden. Sanft steigt das Gelände nach Westen und Norden an. Weiter talwärts haben sich einige Kühe zur Tränke versammelt, in einer kleinen Mulde unterhalb der Enningalm. Atmo: Bimmelnde Kuhglocken Sprecher: Die beliebte Einkehr von Bergwanderern und Mountainbikern hat heute an diesem sonnigen Vormittag auch Josef Glatz angesteuert, Vorstand des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern. Entspannt lässt der Garmischer Landwirt die Postkartenidylle auf sich wirken: 01 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Josef Glatz „Da haben wir Fleckvieh heroben, dann haben wir sogar einzelne Schwarzbunte und natürlich die aussterbende Rasse Murnau-Werdenfelser, was bei uns die Bauern noch halten, Die Murnau-Werdenfelser haben eine braun-rötliche Färbung und haben schwarze Flecken drinnen so. Die sind halt bestens geeignet für die Abweidung, weil die ziemlich alles nutzen. Auch, wenn die Weide nicht so gut ist, die Murnauer Werdenfelser gibt trotzdem mehr Milch, weil sie eben aus einer schlechten Weide auch noch was macht.“ Sprecher: Josef Glatz lässt seinen Blick nach Süden schweifen, hinüber zum gut 1.900 Meter hohen Hirschbichel, der majestätisch über der Enningalm thront. Die grasgrüne Bergflanke fällt steil nach Nordosten ab und ist übersät mit hellen, stecknadelkopfgroßen Punkten. Dutzende von Schafen, fast bis zum Gipfel rauf - als klebten sie fest, oben im steilen Gelände. Im Sommer 2022 ging es dort nicht ganz so friedlich zu. Der Wolf war nämlich da: 02 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Josef Glatz „Der hat halt die gleich in der Nase. Da war er dem Hirschbichel gegenüber, da waren die Risse, wo jetzt die Schafe drüben sind. Und da waren drei Tage hintereinander Risse. Und dann haben wir sie über den Gipfel rübergetrieben, zum Steppberg. Und dann ist er da gekommen; die Rinder - (Da) ist der Hirte erschrocken bei der Nacht um drei - haben sich da drüben auf dem Buckel versammelt und haben sich wehrhaft gestellt. Dann ist der Wolf weitergezogen und ist fort zur Gießenbachalm und hat da vorne wieder Risse getätigt.“ Musik Sprecherin: ((Mehr als vierzig Schafe kamen um. Kaum eines wurde vollständig vertilgt. Die meisten waren nur angefressen. Oder sind bei ihrer panischen Flucht in die Tiefe gestürzt. Und)) Das dürfte nur der Anfang gewesen sein, fürchtet Peter Strohwasser Der langjährige Leiter der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt in Garmisch-Partenkirchen wertet diese Schafsrisse als ein Wetterleuchten am Horizont, das ein heftiges Gewitter ankündigt: 03 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Peter Strohwasser „Denn uns werden Dutzende von Wölfen in mehreren Rudeln prognostiziert, wenn das hier mal so aufgesiedelt ist wie an der Lausitz oder in anderen östlichen und nördlichen Gebieten. Das heißt, wir kriegen hier mehrere Wolfsrudel. Und diese Wölfe werden sich ganz anders bemerkbar machen. Wir haben bis jetzt ein Wetterleuchten am Horizont. Aber wir wollen vorsorgen, dass uns das nicht kaputtgeht, was jetzt der Naturschutz mit Millionen von Geldern und die Bauern mit literweise Schweiß geschaffen und erhalten haben. Das ist viel zu kostbar, als dass wir jetzt auf das Gewitter zusteuern können, ohne vorzusorgen.“ Sprecherin: Doch wie diese Vorsorge aussehen soll, ist umstritten. Elektrozäune und Herdenschutzhunde sollen den Wolf von den Weidetieren fernhalten. Noch mehr Hirten auf sie aufpassen und notfalls die Tiere abends in Pferche treiben. Doch kann das wirklich die Lösung sein auf dem Weg zu einer friedlichen Co-Existenz zwischen Wolf und Weidetieren? Atmo: Bimmelnde Kuhglocken (langsam ausblenden unter Sprecherin oder Kreuzblende mit folgender Musik, falls gewüscht)) Musik Sprecherin: Wolfsrudel gibt es noch keine in den bayerischen Alpen, wohl aber einzelne Wölfe, die meist unauffällig durch die Bergwälder streifen. Wahre Musterwölfe sind dies, meint Wolfgang Schröder. Der Wildbiologe nennt als Beispiel einen Rüden, dessen Spuren vor allem im Rohrmoostal westlich von Oberstdorf gefunden werden. 04 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Also wenn es einen Wunschwolf gibt, dann ist es (dieser GW 999 M), dieser männliche Wolf im Oberallgäu. Der ist seit mindestens 2018 genetisch dokumentiert und lebt heute noch. Also schon relativ alt für einen Wolf in freier Wildbahn. Wahrscheinlich hat er schon vor 2018 einige Tiere in diesem Gebiet gerissen. Wildtiere gerissen.“ Sprecherin: Dieser „Rohrmooswolf“ pendelt zwischen dem Allgäu und dem Bregenzer Wald in Vorarlberg. Zwar hat er schon mal ein Rotwildgatter heimgesucht. Aber grundsätzlich meidet er - ganz Musterwolf - Menschen und Siedlungen: 05 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Unweit des bayerischen Schwerpunktes der Alpung von Rindern! Im Oberallgäu werden an die 30.000 Rinder gealpt. Aber in diese Bereiche der Alpen geht dieser Wolf nicht. Er bleibt da in den benachbarten Bergen, wo in allererster Linie Hirsche, Rehe und Gämsen existieren.“ Musik Sprecher: Während seiner Studienjahre in Nordamerika hat Wolfgang Schröder das dort übliche Wildtiermanagement kennengelernt und diesen Ansatz später als Professor für Wildbiologie an den Münchner Universitäten eingeführt und über Jahrzehnte hinweg gelehrt. Der Wildbiologe gilt als Freund der Wölfe. Und er begrüßt die Rückkehr dieser charismatischen Tiere nach Mitteleuropa. Gleichwohl sieht er die Herausforderungen, die damit verbunden sind. Denn: Willkommen ist der Wolf nicht überall - vor allem auf dem Lande nicht. Dort sorgen sich die Tierhalter um ihre Schafe, Ziegen und Kälber auf den Weiden, Jäger um ihre Rehe und Hirsche in den Wäldern und Eltern um ihre Kinder beim Ausflug in die Natur. Im Gegensatz dazu überwiegt die große Freude vieler Menschen, vor allem im städtischen Umfeld. Für sie ist der Wolf das Symbol für ein kleines Stück Wildnis, ein Hauch von Yellowstone oder Alaska im sonst so dicht besiedelten Europa. Seine Rückkehr werten sie als Chance, einstmals begangenes Unrecht wiedergutzumachen - nämlich die Ausrottung vor mehr als hundert Jahren. Und da ja der Wolf von Natur aus scheu ist - so die Vorstellung - wäre seine Rückkehr ein immenser Gewinn für den Artenschutz. Doch: Ist das wirklich so? Ist jeder Wolf ein Rohrmooswolf? 06 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Ja, das ist eine weit verbreitete Meinung, dass der Wolf von Natur aus scheu ist. Das ist er überhaupt nicht! Der Wolf ist, (ein Spitzenprädator;) ein Tier, das nie eine Scheuheit ausprägen musste, vor anderen Tieren oder auch vor den Menschen, solange ihm nicht nachgestellt wurde.“ Sprecher: Der Wolf ist keineswegs von Natur aus scheu. Dieses Verhalten wurde ihm antrainiert. Über Jahrhunderte hinweg hatte der Mensch ihn verfolgt - bis er in Mitteleuropa ausgerottet war. In Osteuropa jedoch, in Italien und auch auf dem Balkan, dort haben Wölfe in abgeschiedenen Bergen und weitläufigen Wäldern überleben können - und zwar jene, die den Menschen gemieden haben. Der Rohrmooswolf zeigt dieses tradierte Verhalten auch heute noch: 07 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Das hat mit Sicherheit eine genetische Komponente. Aber es hat in allererster Linie eine Verhaltenskomponente: Die Wölfe haben einfach gelernt, den Menschen zu meiden. Und was wir heute sehen, wenn dem Wolf nicht mehr in der gleichen Art und Weise nachgestellt wird, dann ändert er relativ rasch wieder sein Verhalten, wird vertraut, er meidet den Menschen nicht mehr in der gleichen Art und Weise und nutzt auch die Gelegenheit, auf den Menschen zuzugehen, wenn er ihn mit Nahrung verbindet.“ Sprecherin: Weniger scheu heißt nicht unbedingt „aggressiv“ - zumindest nicht gegenüber dem Menschen, betont Wolfgang Schröder. Nur dreister könnten die Wölfe schon werden, wenn sie erst einmal verinnerlicht haben, dass Menschen keine Bedrohung für sie sind: 08 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Diese Situation heute ist ein Novum, dass wir wieder Wölfe haben, dass Wölfe sich ausgebreitet haben in Gebiete der Nutztierhaltung und gleichzeitig geschützt werden. Das kann nicht gut gehen. Die Wölfe sind zu lernfähig, als dass sie diese Situation nicht, jetzt sage ich einmal, schamlos ausnutzen würden. Auch durch immer neues Verhalten.“ Musik: Sprecherin: Problematisch wird es vor allem dann, wenn Wölfe ihre historisch tradierte Scheu nach und nach ablegen und die Wälder verlassen. Leichte Beute lockt, auf den Almen, und in der Nähe der Dörfer. Schafe und Ziegen vor allem, aber auch Fohlen und Kälber. In Siedlungsnähe rät Wolfgang Schröder zum präventiven Schutz durch Elektrozäune. Die bestehen entweder aus einem Maschengeflecht oder aus einem Verbund aus mehreren Drähten - sogenannten Litzen - die waagerecht verlaufen. 09 Zsp. Rückkehr der Wölfe - Wolfgang Schröder „Im Talgebiet, in Hofnähe, ungeschützte Schafherden oder Ziegenherden zu halten, geht im Wolfsgebiet nicht mehr. Und dort ist es aber auch relativ, ich sage relativ einfach und auch bezahlbar, dass Herdenschutzmaßnahmen durchgeführt werden. Da würden Elektrozäune reichen; auf kleinerer Fläche Elektrozäune reichen. Musik: Sprecher: Im Norden und Osten Deutschlands gibt es diesen Wolfsschutz schon länger, und er hat sich dort im Flachland als so genannter Grundschutz bewährt - nicht immer, aber doch relativ häufig. Denn: Für einen unerfahrenen Jungwolf, der auf der Suche nach Beute einen Elektrozaun überwinden will, könnte so ein Stromschlag ein derart „durchdringendes“ Erlebnis werden, dass er künftig anderweitig auf Nahrungssuche gehen dürfte. Und auch manchem Leitwolf bleibt diese schmerzvolle Erfahrung im Gedächtnis haften, so dass er fortan die jüngeren Tiere in seinem Rudel davor bewahren möchte. Wölfe sind lernfähig. Sie geben Erfahrungen an ihre Nachkommen weiter. Im Guten - aus Sicht des Menschen - wenn sie Elektrozäune meiden lernen. Aber eben auch im Schlechten. Nämlich dann, wenn einige schneidige Wölfe herausfinden, dass sie diese Barrieren durchaus überwinden können. Selbst wenn ein Wolf beim Überspringen die oberste Litze eines Elektrozaunes touchiert, bleibt es für ihn ohne schmerzhafte Folgen, weil er ja beim Sprung keinen Kontakt zum Erdboden hat.

  7. Piraten der Adria - Wilde Zeiten an Kroatiens Küste

    04.07.2025 · 23 Min.

    Wo heute Urlauber über Inseln wandern trieben in früheren Jahrhunderten gefürchtete Piraten ihr Unwesen: Uskoken aus Senj, Narentaner aus Brac, Hvar, Korcula oder der Kacic-Clan aus Omiš überfielen Handelsschiffe, die zwischen Venedig und dem Nahen Osten verkehrten. Autor: Bernd-Uwe Gutknecht Credits Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht Regie: Martin Trauner Es sprachen: Berenike Beschle, Florian Schwarz, Katja Amberger, Katja Schild Technik: Andreas Lucke Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Srecko Cecuk, Piratenverein, Omis Neven Cagal, Fischer, Omis Dr. Vanja Kovacic, Archäologin, Split Nikolas Jaspert, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg Senka Vlahovic, Piraten-Guide, Omis Karlo Kovacic, Wanderverein, Omis Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Linktipps: Uni Heidelberg Prof Jasper HIER Website von Omis HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzählerin: Männer mit Tüchern auf dem Kopf und Säbeln in der Hand klettern bedrohlich brüllend von ihren kleinen Holzbooten auf ein großes Segelschiff. Im idyllisch gelegenen Hafenbecken von Omis (sprich: Omiesch, Betonung auf i) im südlichen Kroatien herrscht normalerweise eine entspannte Stimmung: neben Fischkuttern liegen hier Segelboote für Urlauber. Einmal im Jahr, immer am 18. August, verwandelt sich der ruhige Küstenort aber in ein lautes, grelles und schrilles Piraten-Nest! Ein örtlicher Verein veranstaltet eine Piratenschlacht nach historischem Vorbild. Srecko Cecuk (sprich: Srezko Tschetschuck) ist der Vorsitzende: Zusp. 1 Schlacht OV männl.: SPRECHER 1 „Wir spielen die Schlacht nach, als Papst Honorius der Dritte seine Marine hierherschickte, um gegen die Seeleute aus Omis zu kämpfen. Die Piraten besiegten den Papst! Wir haben Details über den Verlauf der Schlacht in italienischen Archiven gefunden. Also wir wissen ungefähr, was passiert ist: die Seeleute aus Omis attackierten mit kleinen wendigen Booten die wenig beweglichen großen Schiffe des Papstes und enterten sie. Um das Ganze für unsere Besucher spektakulärer zu machen, verwenden wir auch Kanonen, die es damals ja noch gar nicht gab.“ Erzählerin: Im Jahr 1221 mussten die päpstlichen Schiffe diese empfindliche Niederlage gegen die Omiser Seeräuber einstecken. Sieben Jahre später kamen die Schiffe des Papstes wieder, diesmal behielten sie die Oberhand. Die Angriffe der Piraten aus Omis blieben eine Zeitlang aus, aber schon wenige Jahre später trieben die dalmatinischen Freibeuter wieder ihr Unwesen. ATMO 2 Motor Erzählerin: Ein paar Hundert Meter neben dem Hafenbecken mündet der Fluss Cetina (sprich: Setina, Betonung auf e) ins adriatische Meer. Der Fluss kommt aus den Bergen und trägt Sedimente mit sich, deren bräunliche Farbe vermischt sich mit dem Azurblau des Meeres. Der einheimische Fischer Neven Cagal (sprich: Newen Tschagall) kennt die Küste hier wie seine Westentasche. Kurz hinter der Mündung drosselt er den Motor seines Holzbootes: ATMO 3 Boot Zusp. 2 Mostina OV männl.: SPRECHER 2 „Jetzt sind wir genau über der Mostina (Betonung auf o)! Da unten am Meeresboden, diese Stein-Mauer, die reichte früher bis anderthalb Meter unter die Meeresoberfläche, große Militär-Schiffe mit Tiefgang sind da aufgelaufen. Sie hatten also keine Chance, vom Meer aus in die Schlucht hineinzufahren. Die sogenannten Omis-Pfeile dagegen waren so flach gebaut, dass sie ohne Probleme drüberfahren konnten. So ruderten die Piraten ein paar Kilometer ins Hinterland und waren dort absolut sicher.“ Erzählerin: Unter anderem wegen dieses natürlichen Schutzraumes in der Cetina-Schlucht konnten die Seeräuber aus Omis über 300 Jahre lang den Küstenraum im mittleren Dalmatien beherrschen. EIN Piratenclan dominierte den Seeraub: die berüchtigten Kacic! (sprich: Katschitsch): Zusp. 3 Handel OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Die Kacic waren eine Fürstenfamilie, diese Seeräuber waren also Adlige! Einige Vornamen der Kacic-Seeräuber sind bekannt: Malduk, Osor, Jodimir oder Miroslav. Man muss verstehen: Seeraub war damals eine ganz normale Form der Geldbeschaffung. Man trieb Handel, wenn die Geschäfte aber nicht gut liefen, hat man eben Zwangszölle, Wegegeld, Lösegeld etc. eingetrieben. Das war gang und gebe im Mittelalter. Im Stadtarchiv von Dubrovnik gibt es dazu einige Dokumente. Etwa einen Vertrag zwischen Omis und Kotor, in dem die Piraten den Handelsreisenden freie Durchfahrt garantierten. Natürlich gegen ein Entgelt.“ MUSIK 2 Erzählerin: Dr. Vanja Kovacic (sprich Wanja Kowatschitsch) ist Archäologin, hat lange am Staatlichen Institut für Konservierung in Split gearbeitet und hat ein Buch über die Piratenfamilie Kacic geschrieben. Zusp. 4 Omis OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Die ersten schriftlichen Quellenangaben zu Piraten in Omis sind aus dem 12. Jahrhundert. Sie kontrollierten den gesamten Küstenstreifen von Trogir in Nord-Dalmatien bis zur Insel Korcula (sprich: Kortschula, Betonung auf o) in Süd-Dalmatien. Sie attackierten vor allem venezianische Schiffe, aber auch der Überfall auf ein Schiff des deutschen Kaisers Friedrich des Zweiten ist überliefert. Und nicht zuletzt päpstliche Schiffe waren Ziele der Seeräuber. Sie mussten Tribut zahlen, sonst wurden sie geplündert.“ Erzählerin: Kaiser Friedrich residierte in Süditalien, seine Handelsschiffe fuhren von dort Richtung Konstantinopel. Die Freibeuter aus Omis hatten ihre Beutezüge also bis ins südliche Italien ausgedehnt. Ihre Lieblings-Opfer waren aber die reich beladenen Schiffe aus Venedig, die quasi direkt vor der Haustüre vorbeifuhren: Zusp. 5 Levante OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Die Venezianer segelten nach Osten: ins Heilige Land, an die Levante, nach Konstantinopel, um Handel zu treiben. Viele dieser Handelsschiffe kamen aber nicht weit weg von Venedig, nur bis hierher! An Bord wurden sogar Pferde transportiert, ansonsten Wein, Getreide, das berühmte Glas aus Venedig, und auf dem Weg zurück unter anderem Metalle oder Gewürze. Davon haben wir detaillierte Warenlisten im Archiv gefunden.“ Erzählerin: Außer den schriftlichen Erwähnungen ist vom Kacic-Clan nicht viel erhalten. Im Stadtmuseum von Omis liegt aber ein etwa drei Meter langer Steinblock, vermutlich ein Grabstein der Freibeuter. Die Archäologin liest die kurze Inschrift vor: Zusp. 6 Miroslav OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Hier ruht Miroslav Kacic zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder. - Diese Steintafel wurde am Friedhof außerhalb der Stadtmauer entdeckt. Was wir auch in Omis gefunden haben, ist ein Dokument eines gewissen Burgherren Jura, in dem er den Bewohnern ausdrücklich die Piraterie erlaubt.“ (((ATMO 4 Friedhof Erzählerin: Am alten Friedhof kennt Vanja Kovacic praktisch jedes Grab, hier hat sie intensiv geforscht. Um eine Kapelle herum liegen rund zwei Dutzend Sarkophage auf dem Erdboden. Namen sind kaum noch zu erkennen, aber Wappen: Zusp. 7 Stein OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Für uns sind diese Wappen auf den Grabsteinen besonders interessant, wie dieses hier mit dem Schwert. Leider haben wir keine Gräber der Kacic-Familie entdeckt, aber in Makarska (Betonung auf erstem a) wurde ein Grabstein mit dem Namen Kacic gefunden, ihr Wappen ziert ein Drache! Wir sind allerdings sehr sicher, dass auch Seeräuber aus dem Kacic-Clan auf diesem Friedhof beigesetzt wurden. Hier drüben ist ein besonderes Wappen: mit drei Köpfen, die dunkelhäutige Soldaten darstellen. Wir vermuten, dass hier Seeleute liegen, die gegen die Osmanen gekämpft haben, denn damals wurden die Osmanen mit solchen klischeehaften Köpfen abgebildet“.))) MUSIK 3 Erzählerin: Auch Nikolas Jaspert, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg, forscht über Piraten in der Adria. Er ist Autor des Buches „Seeraub im Mittelmeerraum“. Mit dem Hollywood-Image der Piraten aus der Karibik, also mit Papagei auf der Schulter, Rumflasche in der Hand und Totenkopf auf der Fahne, hat die historische Realität der dalmatinischen Akteure nicht viel zu tun: Zusp. 8 Adlige (Jaspert): „Keine Totenköpfe, nein, nicht trinkfest! Man kann aber diese Karrieren verfolgen, das sind verarmte Adlige. Und wie auf dem Land manche verarmte Adlige zu Räubern werden, andere überfallen, so entschließen manche verarmte Kleinadlige auch, zur See zu gehen. Denn das, was sie können, ist kämpfen.“ Erzählerin: Neben den Kacic aus Omis gab es im Mittelalter weitere Seeräuber-Gruppierungen entlang der dalmatinischen Küste. Sie hatten sich die Reviere wohl aufgeteilt, ähnlich wie das heute die Mafia tut. Und auch an der westlichen, italienischen Küste der Adria, im westlichen Mittelmeer oder der Ägäis terrorisierten Piraten Handelsreisende. Teilweise agierten diese Freibeuter im Auftrag von Herrschenden: Zusp. 9 halbstaatlich (Jaspert): „Es handelt sich – wenn man so will – um eine Form halbstaatlicher Gewalt. Das sind Personen, die etwa von der Republik Venedig oder der Krone Aragon oder Genua oder wem auch immer Kaperbriefe und die Erlaubnis erhalten, die Feinde dieser Herrschaften anzugreifen. Und es gibt auch – und das ist überraschend – Kaufleute, die auch mal zu Gewalt greifen. Das heißt also der Berufspirat, wie wir es uns vorstellen, so Blackbeard und Captain Sparrow und so, den gibt es im Mittelalter so gut wie gar nicht, sondern die anderen beiden Typen sind vorherrschend.“ Erzählerin: Nikolas Jaspert ist Mitglied einer internationalen Forschungsgruppe, die eine Datenbank über Piraterie im Mittelmeerraum aufbaut. Die Wissenschaftler durchforsten dafür Stadt - und Kirchenarchive, analysieren Handelsverträge und Register, kartographieren regionale Brennpunkte und berechnen die Gewinne der Raubzüge. Laut dem Heidelberger Historiker ein bislang vernachlässigtes Forschungsfeld: Zusp. 10 Archiv (Jaspert): „Da ist noch viel zu finden über Gewalt zu See. Also wenn so ein Seeraub, so eine Prise gemacht wurde, also ein Schiff gekapert wurde, dann hat das häufig diplomatische Konsequenzen gehabt, dann wurden Gesandte hin und hergeschickt und es ging um Schadensausgleich und die Androhung von Repressalien und sowas konnte sich über Monate, Jahre, ja Jahrzehnte hinziehen. Und hat auch Texte hinterlassen, die weitgehend unbekannt sind. Und die gilt es erst einmal zu lesen und auszuwerten und zwar so, dass man die Karrieren und die Handlungen von einzelnen Seeräubern, Individuen verfolgen kann und auch ihre Verbindungen zu unterschiedlichen politischen Einheiten, Herrschaften, Staaten, wenn man so möchte, auch verfolgen kann. Und das ist bislang nicht möglich gewesen, weil die Forschung in der Regel national orientiert ist, also die Italiener forschen zur italienischen Geschichte und die Spanier zur spanischen. Aber diese Seeräuber waren – das liegt in der Natur der Sache – grenzüberschreitend tätig.“ ATMO 5 Stufen Erzählerin: Von der Altstadt von Omis aus führen einige steile Stufen zur Mirabela-Festung hinauf. Sie wurde im 13. Jahrhundert erbaut und überragt die Stadt. Von der Original-Anlage ist noch der Turm erhalten. Senka Vlahovic (sprich: Senka Wlahowitsch) veranstaltet für Interessierte Piraten-Touren durch Omis, vermittelt Wissen aus der Zeit an Schulkinder und spielt auf Festivals eine Kacic-Fürstin. Vom Turm der Festung aus schaut sie auf´s Meer und zur vorgelagerten Insel Brac (sprich: Braatsch): Zusp. 11 fortress OV weibl.: SPRECHERIN 2 „Die Festung wurde zur Verteidigung benutzt, hatte verschiedene Zwecke: der Turm war natürlich Aussichtspunkt, von hier aus hat man einen Blick über die Adria, auf den Kanal zwischen Festland und der Insel Brac, über die ganze Insel hinweg, und auf der anderen Seite zum Cetina-Fluss und den Anfang der Schlucht. Außerdem war es ein Leuchtturm. Mit dem Feuer konnten sie ihren eigenen Booten nachts signalisieren, wo ihr Hafen ist. Und die Burg war der letzte Rückzugsort. Wenn Gegner in die Stadt eindringen konnten, hätte sich die Kacic-Familie für die letzte Schlacht hier verschanzt.“ MUSIK 4 Zusp. 12 wall OV weibl.: SPRECHERIN 2 „Von diesem Ort aus regierten sie. Vor der Kacic-Ära hatte sich hier ein anderes Fürstentum zwischen den Flüssen Neretva (sprich: Neretwa) und Cetina etabliert. Die Kacic-Familie hat ihnen die Herrschaft über diesen Landstrich entrissen. Die geografische Lage ist prädestiniert für Herrschende: die Stadt wurde nicht nur durch die Burg beschützt, sondern auch durch eine Stadtmauer und wo heute die Hauptstraße ist, war ein schützender Wasserkanal.“ Erzählerin: Bereits in der Antike sorgten illyrische Piraten für Angst und Schrecken an der Adria. Die Illyrer waren eine Ansammlung verschiedener Stämme wie den Japoden, Liburnern oder Histriern, die der Region Istrien ihren Namen gaben. Sie jagten schon in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende römische oder griechische Handelsschiffe. Laut Nikolas Jaspert nutzten sie vor allem versteckte Buchten auf den vielen Inseln vor der kroatischen Küste: Zusp. 13 zerklüftet (Jaspert): „Insofern sind solche zerklüfteten Küsten für Seeräuber perfekt, weil die Opfer gewissermaßen an den Küsten entlangfahren und dann kann man von einer Küstenbucht aus oder von hinter einer Küste relativ schnell vorstoßen. Und deshalb ist die Küste Dalmatiens schon seit vielen Jahrhunderten und auch im frühen Mittelalter ein Gebiet, von dem erzählt wird, wo sich sehr häufig Seeraub ereignete. Da sind die illyrischen Seeräuber nur ein Beispiel für eine lange Tradition.“ Erzählerin: Was für heutige Urlauber an den Adriastränden kaum vorstellbar ist, war mehr als Tausend Jahre lang Normalzustand: Segelschiffe mit wertvoller Fracht wurden von Freibeutern überfallen und ausgeraubt. Piratenboote gehörten quasi zur maritimen Landschaft wie heute touristische Ausflugsdampfer. Laut Archäologin Kovacic liegt das an der unterschiedlichen Beschaffenheit der italienischen und kroatischen Küstenlandschaften: Zusp. 14 Adria OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Entlang der kroatischen Adriaküste sind Tausende Inseln. Hier gibt es unzählige Buchten, wo Schiffe anlegen konnten. Auf der italienischen Seite ist die Küste ewig lang, ohne schützende Buchten. Deshalb fuhren venezianische oder päpstliche Schiffe lieber auf unserer Seite. Gleichzeitig waren diese Buchten perfekte Verstecke für die Piraten. Die Seeräuber überfielen aber auch konkurrierende Städte an der Küste. So ist bekannt, dass die Bewohner von Omis einmal fast alles verloren, weil die Stadt von anderen Piraten eingenommen wurde.“ Erzählerin: Von den Neretva (sprich: Neretwa) -Piraten ist die Taktik überliefert, in Inselbuchten Feuer zu entzünden und damit Handelsreisende anzulocken. Die mussten immer wieder anlanden und ihre Vorräte auffüllen. Näherten sie sich den Feuerstellen vermeintlicher Siedlungen, so tappten sie in die Piratenfalle. Am 18. September 887 ereignete sich vor Makarska eine legendäre See-Schlacht: die Neretva-Seeleute verteidigten ihre Stadt gegen eine übermächtige Flotte mit 12 Kriegsschiffen aus Venedig. Der venezianische Doge Urso I. verlor in der Schlacht sein Leben. Am 18. September wird jährlich der „Tag der kroatischen Marine“ gefeiert. MUSIK 5 Erzählerin: In der frühen Neuzeit, also im 16. und 17. Jahrhundert, war eine andere Piratengruppe aus dem heutigen Kroatien sehr erfolgreich: die Uskoken! Dieser militärisch organisierte Verband rekrutierte seine Mitkämpfer unter anderem aus Flüchtlingen osmanisch besetzter Gebiete in Süd-Dalmatien, aber auch aus anderen Bevölkerungsgruppen des westlichen Balkans. Zentrum der Uskoken war der Küstenort Senj (sprich: Sen) in der Nähe des heutigen Zadar (sprich: Sadar, Betonung auf erstem a). Laut Quellen konnten die Uskoken dauerhaft auf 1000 Kämpfer zurückgreifen und legten sich erfolgreich sowohl mit den Venezianern als auch mit den Osmanen an. In Italien nannte man sie „Venturini“, also Glücksritter. Spezialität der Uskoken waren Angriffe nicht auf offener See, sondern im Hafen: Zusp.15 Uskoken (Jaspert): „Das sind Überfälle auf Schiffe, die gerade im Hafen sind, und das passiert sehr häufig. Also unser Bild des Seekrieges, das wir aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert kennen, mit den großen Schlachtschiffen und vielen Kanonen, das gilt für die frühe Zeit und auch für die Zeit der Uskoken weniger. Sie haben schnelle Schiffe, mit denen sie auch Handelsschiffe überfallen. Also ihr Vorteil ist, dass sie das Gelände natürlich gut kennen und in dieser Inselwelt zuhause sind und notfalls auch in Flüsse hochfahren können. Und zum zweiten, dass sie eben kleinere, schnellere, wendigere Schiffe haben.“ Erzählerin: Zur rein materiellen Motivation kam auch eine religiöse hinzu. Die Seeräuber aus Senj raubten vorzugsweise Schiffe der Osmanen aus. Zusp. 16 Andersgläubige (Jaspert): „Die religiösen Gegensätze zwischen Muslimen und Christen erleichtern den Seeraub, weil man als Christ problemlos einen Muslim überfallen darf, weil er eben ein Glaubensfeind ist. Und umgekehrt gilt es genauso, während man sonst schon darauf achten muss, wenn man als Genuese einen Christen überfällt, weil das diplomatische Schwierigkeiten bedingt. Also der Seeraub zwischen Andersgläubigen ist schlichtweg risikoärmer für die Gewaltakteure, für die Piraten.“ Erzählerin: Was oftmals bei Piraten-Erzählungen unberücksichtigt bleibt, ist die Versklavung der Opfer. Seeräuber nahmen nicht nur sämtliche Waren der eroberten Schiffe mit, sondern oftmals auch die Besatzung oder Reisende. Und Archäologin Kovacic hat Aufzeichnungen ausgewertet, die sogar Entführungen in Küstenorten erwähnen: Zusp. 17 Hvar OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Aus dem 16. und 17. Jahrhundert haben wir Belege, dass osmanische Piraten hierherkamen und vor allem auf den Inseln Männer und Frauen entführt haben, die nach kräftigen Arbeitskräften aussahen. Teilweise wurden alle Bewohner von kleineren Inseln mitgenommen, so dass diese Eilande über Nacht unbewohnt waren. 1571 drangen ottomanische Piraten nach Zentraldalmatien ein, sie griffen die Siedlungen auf der Insel Hvar an und brannten praktisch alles nieder. Aber aus welchem Grund auch immer sind sie nicht ins nahegelegene Omis gekommen.“ (((Zusp. 18 Opfer (Jaspert): „Wir haben nicht nur in der Forschung, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung gerne auf die Akteure geschaut, also auf die sogenannten Piraten, aber viel zu wenig danach gefragt, was passiert eigentlich mit den Menschen, die geraubt werden. Und Seeraub hat ganz viel mit Menschenhandel zu tun, also mit dem Kidnappen, dem Entführen von Menschen, die dann gegen Lösegeld entweder verkauft werden oder die auf den Sklavenmärkten verkauft werden. Denn die Sklaverei ist ein Alltagsgeschäft, sowohl von Seiten der christlichen Europäer als auch von Seiten muslimischer Herrschaften. Und die Opfer sind ganz unterschiedlich, das können Kaufleute sein, können Pilger sein, es sind auch ganz häufig Küstenbewohner.“))) Erzählerin: Der Heidelberger Historiker Niklas Jaspert macht in seinen Veröffentlichungen immer wieder deutlich, dass Piraterie von der Antike bis zur Neuzeit eine breite gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Bedeutung hatte. Das Bild der freiheitsliebenden Revolutionäre unter dem Totenkopf, die den Reichen das Geld stahlen und es den Armen gaben, ist ihm zufolge stark romantisierend. Ein Freibeuter im Mittelmeer war eher Wirtschaftskrimineller als Robin Hood. Und letztlich war ein großer Teil der Bevölkerung beteiligt: als Täter, Opfer oder Nutznießer: Zusp. 19 Küstenbewohner (Jaspert): „Man tut gut daran, wenn man eine Geschichte des Seeraubs in Dalmatien und an der Küste schreibt, dann immer die Küstenbewohner mitzuschreiben, die ganz unterschiedlich involviert sein können. Als Opfer natürlich von Überfällen, als Täter, die selbst zur See gehen und rauben, aber nicht zuletzt auch als Käufer und als Teil dieses Handels-Netzwerks, auf dem ja auch der Seeraub beruht, dass man die Beute verkaufen können muss.“ Erzählerin: Die kroatische Archäologin Vanja Kovacic ergänzt, dass man Piraterie in früheren Epochen nicht mit heutiger Moral beurteilen dürfe: Zusp. 20 Zoll OV weibl.: SPRECHERIN 1 „Das war keine Frage von gut und böse, das war normal. Sie forderten Geld oder Ware dafür, dass fremde Schiffe durch die hiesigen Seegebiete fahren durften. Wenn man so will, tun wir das heute auch, in dem wir Zölle, auf der Autobahn Gebühren von den Durchreisenden oder in den Häfen Liegegebühren verlangen, freilich ohne Gewalt!“ Zusp. 21 zeitlos (Jaspert): „Ich halte Seeraub schon für ein zeitloses Phänomen, wir haben es ja immer noch! Also am Golf von Aden und anderswo, man muss sich nur die Zahlen anschauen, werden Jahr für Jahr Schiffe überfallen. Und das kriegen wir in Deutschland nur bedingt mit. Am Horn von Afrika eine Zeitlang schon, da war es auch in den Nachrichten. Und Reedereien reagieren zum Beispiel damit darauf, dass sie Söldner, Privattruppen anstellen, um Schiffe zu verteidigen. Also das ist ein Phänomen, das die Zeiten überdauert.“ MUSIK 6 ATMO 1 Schlacht Erzählerin: Wenn alljährlich im August im Hafenbecken von Omis die Piratenschlacht tobt, hat man von der Festung Fortica Starigrad (sprich: Fortizza Starigrad, nicht Schtari) aus den besten Ausblick. 300 Meter über der Stadt ist diese Anlage aus dem 15. Jahrhundert. Auch sie diente den Piratenfamilien als Hochburg, Aussichtspunkt und Rückzugsort. Erobert wurde sie nie. Wann genau und warum die Herrschaft der Kacic-Freibeuter endete, ist nicht überliefert. Ihre Nachfolger in Dalmatien, die Uskoken, gerieten im sogenannten „Krieg um Gradiska“, den Venedig und Habsburg ausfochten, zwischen die Fronten. Nach dem Friedensschluss der beiden Großmächte von 1617 wurden alle Schiffe der Uskoken verbrannt, sie mussten ins Hinterland umsiedeln. Viele von ihnen schlossen sich als Söldner den Habsburgern an, die übrigen zerstreuten sich zwischen Balkan und Österreich, die Piraterie an der kroatischen Küste löste sich fast über Nacht in Luft auf! ATMO 7 Festung Erzählerin: Karlo Kovacic ist Mitglied der örtlichen Sektion des kroatischen Wanderverbandes und kümmert sich mit seinem Team um die Instandhaltung der Wanderwege zu den Burgen und Höhlen der Gegend. Er beobachtet die Piratenschlacht immer von oben, ganzjährig führt er Wandergruppen auf den Spuren der Piraten durchs Gelände. (((Vor allem in der Cetina-Schlucht vermutet er noch spannende Funde, die auf Archäologen warten: Zusp. 22 Cetina OV männl.: SPRECHER 1 „Am Flussufer lagerten die Piraten ihre Boote. Und sie trieben auch dort Handel, z.B. mit Salz, das damals sehr wertvoll war. Es wurden Überreste von Windmühlen entdeckt, d.h. die Bewohner hier haben ihr Mehl gemahlen. Das war eine wichtige Nahrungsquelle auch für die Piraten. Entlang des Flusses sind auch zahllose sehr alte Natursteinmauern zu sehen. Leider gibt es dazu noch keine archäologischen Untersuchungen. Da gibt´s noch viel zu erforschen, was die Piraten hier taten. Es war auf jeden Fall die Speisekammer der Piraten. Sehr gut kann man all die Mauern und Ruinen vom Fluss aus bei einer Raftingtour sehen“))) Erzählerin: Und auf EINE Entdeckung warten die Bewohner von Omis seit langem: irgendwo muss doch ein Piratenschatz vergraben liegen!? Zusp. 23 Schatz OV männl.: SPRECHER 1 „Leute aus Omis suchen seit Jahrhunderten nach möglichen Piratenschätzen, zum Beispiel in den vielen kleinen Höhlen hier. Bisher hatte aber noch kein Schatzjäger Glück, es wurde nichts Wertvolles gefunden. Wir wissen nicht, wohin die Kacic ihre Schätze geschafft haben oder ob sie hier irgendwo ruhen. Zur Bank haben sie die Schätze sicher nicht gebracht!“

  8. Maltechnik - Der Stoff aus dem die Kunst ist

    04.07.2025 · 24 Min.

    Wer über Malerei spricht, meint meist Motiv und Stil, also das WAS und WIE der Darstellung, die Farben und Formen, die Stimmung im Bild. Dabei ist Malen zunächst mal ein technischer Vorgang: ohne Handwerk kein Gemälde. Julie Metzdorf mit einem Blick auf die technische Kunstgeschichte, auf rollbare Leinwände, schimmelnde Fresken und Kunstwerke aus Hasenhaut und Eigelb. Von Julie Metzdorf (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Julie Metzdorf Regie: Kirsten Böttcher Es sprachen: Christian Baumann, Susanne Schroeder Technik: Anton Wunder Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Kathrin Kinseher, Leiterin Studienwerkstatt Maltechnik an der Akademie der Bildenden Künste München David Kremer, Farbmittelhersteller Kremer Pigmente Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Am Anfang waren Fels und Stein. Die ersten Menschen nutzten für ihre Malereien Holzkohle, Blut oder zu Pulver geriebenes Ockergestein, das sie mit Wasser oder Speichel zu Farbe vermischten und direkt auf die Höhlenwand aufbrachten. Als Pinsel dienten fasrig angekaute Zweige. Die Farbe konnte aber auch durch ein Röhrchen aufgesprüht werden, Hände dienten dann gern als Schablonen. Musik 2: Parovskapproved - 27 Sek Schon die ersten Menschen nutzten also ganz verschiedene Materialien und Techniken. Im Lauf der Jahrtausende kamen unzählige weitere hinzu. Das beginnt beim Untergrund: Mauerputz und Tonvasen, Buchseiten aus Pergament oder Glasscheiben für Kirchenfenster, selbst die menschliche Haut kann als Malgrund dienen: beim Body Painting. ERZÄHLERIN Heute denken wir beim Stichwort Malerei vor allem an transportable Gemälde, „Öl auf Leinwand“ scheint dabei so etwas wie der Standard zu sein. Doch Leinwände aus Stoff sind erst seit 500 Jahren üblich. Zuvor wurde vor allem auf Holz gemalt, man spricht dann von „Tafelbildern“. Die Mona Lisa hat beispielsweise Pappelholz im Rücken, Albrecht Dürers Selbstbildnis im Pelzrock ist auf Linde gemalt. 1 OT Kinseher Also wenn wir zurückschauen, in die Malereigeschichte, dann sind es immer massive Holztafel. Im Mittelalter ist es immer die sogenannte Kerntafel, also ohne Splintholz, die ist am stabilsten, mit stehenden Jahresringen. Die verbiegt sich am wenigsten… ERZÄHLER Dr. Kathrin Kinseher leitet die Studienwerkstatt Maltechnik an der Akademie der Bildenden Künste in München. Sie ist studierte Restauratorin und kennt sich deshalb sowohl mit historischen, als auch mit aktuelle Maltechniken aus. Die Qualität der Holztafeln war entscheidend für den Wert des gesamten Gemäldes. War das Holz zu frisch oder schlecht verleimt, konnte es sich in verziehen, Risse bilden und das Bild letztlich zerstören. Musik 3: Melancholy Pavan – 13 Sek ERZÄHLERIN Etwa um das Jahr 1500 entschlossen sich immer mehr Maler dazu, statt auf Holz, auf Leinwand zu malen, also auf einem flexiblen Gewebe, weil… 2 OT Kinseher …die Leinwand einfach sehr viel leichter ... ist. Das Gemälde von A nach B zu tragen, zu transportieren, ist sehr, sehr viel einfacher. Musik 4: Manifest - 36 Sek ERZÄHLER Gemälde konnten nun viel größer werden. Das Große Jüngste Gericht von Peter Paul Rubens in der Alten Pinakothek in München misst fast fünf mal sechs Meter, die Leinwand musste aus vier einzelnen Bahnen zusammengenäht werden. Auf Holz wäre solch ein Gemälde undenkbar, zumindest hätte man es nie und nimmer von Antwerpen nach Bayern bekommen. Das Leinwandbild aber konnte zum Transport gerollt werden. 3 OT Kinseher Das geht natürlich tatsächlich nur bei jüngerer Kunst, bei junger Malerei ein Gemälde, das 50 oder 100 Jahre ist oder noch älter würde man natürlich absolut vermeiden ist zu rollen. Ja, auch wenn man das nach allen Regeln konservatorischen Regeln macht, sagen es ist natürlich eine extreme Strapaze und extremer Stress. ERZÄHLERIN Trotzdem wurde der Rubens später noch zweimal aufgerollt: 1945 bei der Evakuierung der Alten Pinakothek und noch einmal für eine Restaurierung in den 90er Jahren. Das Gemälde hätte sonst einfach nicht durch die Tür gepasst. ERZÄHLER Um die Leinwand bemalen zu können, muss sie zunächst einmal auf einen Rahmen gespannt werden. So wird das flexible Leinen zur einigermaßen stabilen Wand, also zur Leinwand. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts setzten sich Keilrahmen durch. 4 OT Kinseher Wenn man die Leinwand aufspannt, hat es erstmal eine gewisse Straffheit. Aber diese Spannung kann auch nachlassen mit der Zeit. Und dann ist es natürlich hilfreich über dieses sogenannte Auskeilen auf der Rückseite der Leinwand, also ganz sachten, zarten Schlägen mit dem Hammer auf die sogenannten Keile, die in diese Ecken gesetzt werden, die Spannung wieder leicht zu erhöhen. ERZÄHLERIN Ursprünglich bestand das Gewebe aus Leinen oder Flachsfasern, heute spricht man auch von Leinwand, wenn es sich um Hanf, Jute oder Baumwolle handelt. Zum Schutz und für zusätzliche Stabilität wird das Gewebe mit Leim bestrichen, danach kommt die Grundierung, meist mehrere Schichten einer weißen Kreide-Leimmischung. Die Grundierung gleicht Unebenheiten aus und sorgt für perfekte Saugfähigkeit beim späteren Farbauftrag. Gerade in Kombination mit Ölfarben ist sie extrem wichtig. 5 OT Kinseher Die Grundierung ist hier vor allem auch Schutz zwischen dem textilen Gewebe der Naturfaser und dem Öl. Denn sonst ohne Grundierung würde das Öl durchdringen, würde sich einbauen in die textile Faser und die Oxidation und den Alterungsprozess der Faser extrem beschleunigen. Das Gewebe wird dann sehr viel schneller spröder, brüchiger. Musik 5: Cavendish lab – 35 Sek ERZÄHLER Doch nicht nur Haltbarkeit, auch ästhetische Gründe spielen für die Grundierung eine Rolle: Sie reflektiert das Licht. Ölfarben sind teilweise lichtdurchlässig: Das Licht dringt in die Malschichten ein. An manchen Stellen dringt es bis auf die Grundierung und wird von dort zurückgeworfen. Die Farbe der Grundierung kann die Wirkung des Bildes deshalb entscheidend beeinflussen. Eine helle Grundierung bringt ein Gemälde zum Strahlen, ein Rot oder Ockerton lässt es leicht goldig und wärmer wirken. Musik 6: Walks – 40 Sek ERZÄHLERIN Es gibt allerdings auch Maler, die ganz ohne Grundierung gearbeitet haben: Der deutsche Expressionist Otto Mueller beispielsweise hat Anfang des 20. Jahrhunderts vorwiegend mit Leimfarbe auf Rupfen gearbeitet, einem Jutegewebe. Die grobe Struktur der Juteleinwand ist in seinen Gemälden sichtbar, hier und da liegt das Gewebe ganz frei. Mueller ging es in seiner Kunst um die Einheit von Mensch und Natur. Mit Vorliebe hat er Mädchen und Jungen beim Baden an einem See gemalt, nackt in der freien Natur, zwischen Bäumen und Büschen. 6 OT Kinseher Da passt eigentlich alles zusammen, … also so der Mensch ganz pur unbekleidet in der Natur. Und auch die Wahl dieser einfachen Materialien, die Jute, die er einfach auch zeigt. ERZÄHLER Nackte Menschen auf nacktem Malgrund: Thema und Technik, Motiv und Gesamtwirkung greifen hier nahtlos ineinander. Auch der britisch-kenianische Maler Michael Armitage ist dafür bekannt, seinen Malgrund ein Wörtchen mitreden zu lassen. In seinen Gemälden sind oft Risse, Nähte oder gar Löcher zu sehen. Armitage malt auf Lubugo, einem Stoff aus der Rinde der Natalfeige, der in Ostafrika für Kleidung oder auch als Leichentuch verwendet wird. Als Grundlage seiner Malerei steht Lubugo symbolisch für die kenianischen Wurzeln des Malers. 7 OT Kinseher Das ist ja die Herausforderung in der Wahl der Materialien, dass man mit den Materialien arbeitet oder aber auch bewusst sich dagegenstellt, das kann auch interessant sein. Musik 7: fach - 30 Sek ERZÄHLERIN Das Angebot an Farben ist heute kaum noch überschaubar: Es gibt Dispersionsfarben, Schulfarben, Fingerfarben, Plakatfarben, Acryl-, Tempera-, Wasser-, Aquarell-, Textil- und Wandfarbe, das alles in Eimern, Tuben, Dosen, Plastikbechern oder -flaschen, beim Künstlerbedarf oder im Baumarkt. In früheren Jahrhunderten mussten die Malerinnen und Maler ihre Farben erst einmal anrühren, also selbst herstellen. Einige und vor allem die Restauratoren, machen das immer noch. Geräusche Holztor 8 OT Kremer Das ist unser Kollergang, der kommt aus Italien wurde ursprünglich für Olivenölproduktion vermutlich verwendet oder auch zum Vermahlen von Getreide, also sehr weiche Stoffe. Die Mühlräder selber sind aus Granit und werden über ein Riemenmotor angetrieben. Ich kann denn auch mal anmachen: Geräusch Kollergang ERZÄHLER David Kremer von der Farbmühle in Aichstetten im Allgäu, Der Familienbetrieb „Kremer Pigmente“ ist spezialisiert auf die Herstellung von historischen Pigmenten und Farbstoffen. Im Angebot sind mehr als 1000 verschiedene Farbpigmente. 9 OT Kremer, über Geräusch Kollergang Hier haben wir jetzt im Moment Azurit drauf … eigentlich eher ein hellblaues (Pulver) auf dem Mahlteller hier liegen. Und wir wollen natürlich vorwiegend die dunkelblauen Teilchen hinterher, das heißt, der muss jetzt erst gewaschen werden, sortiert werden, so dass nachher ein Pigment und schönes Dunkelblau entsteht. ERZÄHLERIN Vereinfacht gesagt: werden in der Farbmühle bunte Steine zu Pulver gemahlen, dem Pigment. Aber was ist eigentlich ein Pigment? Und was ist der Unterschied zu Farbstoff? Pigment und Farbstoff verhalten sich etwa wie Sand und Salz: Schüttet man Salz in einen Becher Wasser, löst es sich auf. Die Sandkörner hingegen bleiben erhalten, nach einiger Zeit setzen sie sich am Boden ab. So etwa kann man sich auch Pigmente vorstellen, nur dass die Teilchen viel kleiner als Sandkörner sind. 10 OT Kremer Das Pigment Teilchen bleibt immer ein Teil. Pigmente sind sehr viel stabiler als Farbstoffe. Sie sind nicht so lichtempfindlich, sie sind nicht so säureempfindlich und werden deshalb vorwiegend in der Malerei eingesetzt. ERZÄHLER Im Showroom in Aichstetten reiht sich ein farbenprächtiges Pigment neben das andere. Alle haben eine erstaunliche Strahlkraft. Die meisten Pigmente sind aus Erden oder Mineralien gewonnen: grüner Malachit, roter Jaspis, rosa Rubin, Schiefergrün oder andalusischer gelber Ocker. Organische Pigmente aus Pflanzen wie Krapplack, Indigo, Algen oder Sandelholz gibt es weniger. 11 OT Kremer Der Nachteil von den Pflanzen-Pigmenten oder auch Farbstoffen ist, dass sie nicht lichtstabil sind. Das Licht zerstört einfach den Farbstoff sehr viel schneller als bei einem mineralischen Pigment. ERZÄHLERIN Viele Maler haben aber den Anspruch, ihre Bilder in den strahlendsten und haltbarsten Farben zu malen, die es gibt. Das verlangt oft schon das Bildmotiv. Der Mantel der Jungfrau Maria darf schließlich nicht verblassen! Legendär ist die Farbe Ultramarin. Ultramarin wird aus Lapislazuli gewonnen, einem Gestein, das hauptsächlich aus Afghanistan kommt. 12 OT Kremer Wenn man ein Kilo Stein hat, dann hat man am Ende 50 Gramm Pigment und Lapislazuli oder allgemein die mineralischen Pigmente sind eher transparent, weshalb man dann mehrere Malschichten eigentlich auch benötigt. ERZÄHLER Die wenigen, teils schwer erreichbaren Vorkommen und die aufwändige Herstellung machen Lapislazuli zu einem der teuersten Pigmente der Welt, im Mittelalter wurde es mit Gold aufgewogen. ERZÄHLERIN Doch Kremer Pigmente arbeitet nicht nur mit jahrhundertealten Rezepturen. Künstler von heute freuen sich auch über ganz neue Farben – zum Beispiel über ein Pigment aus Maw Sit Sit bzw. Kosmochlor, ein Gestein, das einst per Meteor auf die Erde kam. Geräusche Mühlen 13 OT David Kremer Hier sind wir in unserer Werkstatt, wo verschiedene Mühlen laufen. Man hört das Rasseln hier hinten. Und das ist das sagenumwobene Maw Sit Sit. Und das sieht ja wirklich sehr leuchtend aus, Schwefelgrün könnte man vielleicht sogar sagen. Musik 8: micromanaged – 30 Sek ERZÄHLERIN Doch egal ob Alge, Lapislazuli oder Kosmochlor: Mit dem Pigment allein kann man nicht malen. Damit das Pigmentpulver auf dem Untergrund hält, braucht es ein sogenanntes Bindemittel, eine Art Kleber. Möglich sind Gummiarabikum, Leim, Harz, Wachs oder Lack. Eines der häufigsten Bindemittel in der europäischen Malerei ist Öl. Aber Öl ist nicht gleich Öl: 14 OT Kremer Walnussöl … ist ein sehr helles Öl im Vergleich zum Leinöl, trocknet sehr viel langsamer als das Leinöl. Der Vorzug beim Walnussöl ist, es gilbt nicht so stark, weshalb man das auch eher bei blauen und weißen Pigmenten verwendet, sonst hat man nachher beim Leinöl mit einem blauen Pigment vergrünt das nachher. ERZÄHLER Jedes Öl hat andere Eigenschaften, manche neigen zum Vergilben, andere trocknen schneller. Olivenöl nutzt man zum Beispiel nicht zum Malen, das trocknet praktisch nie. Nächstes Problem: Pigmente und Öl lassen sich nicht so einfach vermischen: Das Pigment muss in das Öl eingerieben werden. In früheren Zeiten beschäftigten die großen Maler deshalb Lehrlinge, die ausschließlich mit dem Anrühren der Farben beschäftigt waren. 15 OT Kremer Das macht man klassisch auf so einer Platte wie hier zum Beispiel auf einer Marmor-, auf einer glatten, nicht saugenden Oberfläche. Mit einem Glasläufer oder früher haben die auch einfach solche glattgeschliffenen Steine genommen, wo das Pigment nachher in das Öl eingerieben wird, sodass man eine Paste hat. Und mit der Paste kann man natürlich sehr pastös auf die Leinwand malen, so dass die Farbe steht. ERZÄHLERIN Ist die Paste zu dick, muss man sie verdünnen. Dazu nimmt man Terpentinöl, das aus Nadelholz gewonnen wird und für den markanten Geruch in vielen Künstlerateliers sorgt. Es ist auch nicht ganz ungiftig. Kurz gesagt: Die ganze Sache mit dem Malen ist ziemlich kompliziert. Da wundert es nicht, dass Maler lange Zeit als Handwerker galten. Etwa bis ins Jahr 1800 unterstanden sie der Zunftordnung und bewegten sich auf der gleichen Stufe wie ein Bäcker oder Schornsteinfeger. Zwischen Malen und Schuhflicken wurde also kein Unterschied gemacht. Musik 9: Parovskapproved – siehe vorn – 48 Sek ERZÄHLER Jede Maltechnik hat ihre Vor- und Nachteile: Ölfarbe trocknet langsam, man kann lange nass in nass malen. Was nicht gefällt, kann man mit einem Tuch oder Spachtel gut wieder wegkratzen. Doch die Farben neigen zum Vergilben und zu Rissbildung. Eine Alternative sind Temperafarben. Als Bindemittel dient hier Ei, also ganz normales Hühnerei. Eigelb ist eine natürliche Emulsion, das macht die Farbe gut vermalbar. Die Technik ist bereits seit der Antike bekannt. Aber Temperafarben werden schnell fest und die Herstellung ist recht umständlich. Kathrin Kinseher: 16 OT Kinseher Für manche Malerinnen und Maler ist es ganz wunderbar. Es ist ein Einstieg in den Tag, ja, erstmal die Temperafarben selbst zu binden, zubereiten, weil es ist auch am besten in der Regel immer frisch zu machen. Aber andere sagen, also das geht für mich überhaupt nicht, … das kostet zu viel Zeit. Ich will sofort ans Bild. Musik 10: Manifest – siehe vorn – 35 Sek ERZÄHLERIN Das Malen selbst kostet ebenfalls viel Zeit. Öl-Farben werden meist in Schichten, den sogenannten Lasuren aufgetragen. Jede Schicht ist leicht transparent, so dass die Farbe darunter sichtbar bleibt. Die endgültige Farbwirkung eines Ölgemäldes entsteht im Zusammenspiel aller Schichten miteinander. Das Gesicht seiner Madonnen zum Beispiel hat Lukas Cranach nicht einfach mit Rosa gemalt. Unter den Rot-Tönen liegt eine Schicht sogenannter Grüner Erde. Das ergibt einen natürlichen, lebendigen Hautton und man konnte die Gesichter so perfekt modellieren: Augenringe sind ein bisschen grünlicher, auf die höher liegenden Wangenknochen kam nochmal ein extra Schicht rot. ERZÄHLER Eine neue Farbe kann man erst auftragen, wenn die untere Schicht ein wenig angetrocknet ist. Tizian aber malte zum Beispiel selten weniger als 40 Schichten übereinander. Da wundert es nicht, dass manche Maler Monate oder gar Jahre für ihre Ölgemälde brauchten. Zumal in vorelektrischer Zeit nur wenige Stunden Tageslicht zum Malen blieben. ERZÄHLERIN Die langsame Trocknungszeit von Ölfarben hat aber auch Vorteile: Will man zum Beispiel Übergänge schaffen, kann man mit der neuen Farbe in die noch feuchte untere Farbschicht hineinmalen und sie auf der Leinwand miteinander vermischen. Bei einem Sonnenuntergang etwa stehen die einzelnen Farbtöne nicht abgegrenzt nebeneinander: Vom weiß der Sonne über die verschiedensten Nuancen von Gelb bis zu Orange und Blutrot hinein in einen blauen Himmel oder das Meer, gehen sie nahtlos ineinander über. Für solche Farbverläufe sind Ölfarben besonders geeignet. Musik 11: Boating for beginners – 54 Sek ERZÄHLER Zugleich sind Malerinnen und Maler natürlich Kinder ihrer Zeit. Neue Maltechniken haben ganze Kunststile entscheidend beeinflusst: Die Erfindung der Tubenfarben 1841 ermöglichte es, in der freien Natur zu malen, direkt vor dem Motiv, „en plein air“. Und zwar nicht nur Skizzen, sondern große Formate. Die Malerinnen und Maler konnten so den Eindruck, den eine Landschaft auf sie machte, unmittelbar wiedergeben. Die Impressionisten wie Claude Monet, aber auch van Gogh, Franz Marc oder Gabriele Münter: sie alle stellten ihre Staffeleien gern an Strand, Feld und Wiesen auf. 17 OT Kinseher Das war natürlich wirklich eine riesige Innovation… die Tubenfarben können mit auf Reisen genommen werden. Es sind diese Malkästen, dass man ein überschaubares Sortiment der wichtigsten Farbtöne als Tubenfarbe im hölzernen Malkasten bereithält. Musik 12: erupting light – 53 Sek ERZÄHLERIN Leicht zu handhaben sind auch Aquarellfarben. Aquarellfarben werden mit sehr viel Wasser aufgetragen, als Untergrund dient besonders saugfähiges Büttenpapier. Korrekturen sind in der Aquarell-Technik unmöglich, man kann weder ausradieren, noch abschaben und auch nicht übermalen, jeder Pinselstrich muss sitzen. Damit das Papier nicht trocknet, muss man außerdem noch recht schnell malen. Doch die Umstände lohnen: die Nass-in-Nass-Technik sorgt für wunderbare Farbverläufe, die Farben fließen ganz wörtlich ineinander und verschmelzen. Maler wie William Turner, Albrecht Dürer oder Paul Klee schätzten das Aquarell sehr, sie alle aquarellierten viel auf Reisen. 18 OT Kinseher Ein wunderbarer Begleiter, ja, also man kann damit die Skizze kolorieren, aber einfach auch nur in dieser flüssigen, Farbmaterial-Sprache arbeiten, … diese fluide Kraft des Wassers spielt da eine ganz, ganz große Rolle. Und das ist natürlich auch extrem reizvoll, diese Fließfähigkeit zu nutzen. ERZÄHLER Für alle Maltechniken gilt: Man kann sie auch miteinander kombinieren. Seinen Hasen malte Dürer zunächst in braunen Aquarellfarben, die feinen Härchen und Lichter setzte er mit Gouachefarben. Allerdings muss man sich bei der Kombination von Farbsorten an bestimmte Regeln halten. Die wichtigste lautet: von mager zu fett. Das heißt, dass die unteren Schichten eines Gemäldes weniger Öl als die oberen enthalten dürfen, sonst bildet sich ein hässliches Kraquelee. 19 OT Kinseher Es geht in so einem Maltechnik-System oder Bildaufbau-System eigentlich immer um Haftung und Adhäsion und eine gute Verbindung der Schichten untereinander. … so dass man nicht fürchten muss, dass schnell Schichtentrennungen, Krakelees und Absplitterungen stattfinden. ERZÄHLERIN Zum Glück gibt es auch Farben, über die man sich kaum Gedanken machen muss: Acryl zum Beispiel. Acrylfarben haften auf den meisten Oberflächen, sie trocknen schnell und man kann sie gut übermalen. Genau genommen handelt es sich bei Acryl um eine Plastik-Dispersion, die Farbwirkung ist sehr gleichmäßig. Anders gesagt: lasierend aufgetragene Ölfarben wirken deutlich lebendiger und natürlicher. Aber das wollen manche Künstler gar nicht. Die Pop-Art beispielsweise schätze genau diese „künstliche“ Ästhetik einer Malerei, die an gedruckte Comics erinnert. 20 OT Kinseher Also Acrylfarbe bewegt sich mehr sozusagen an dieser Oberfläche und das wirkt plakativer. Zum Beispiel die Arbeiten von Roy Lichtenstein, der mit Klebebändern arbeitet um eine klare Kante zu schaffen… Da eignet sich einfach eine schnell trocknende Farbe extrem gut dafür … und dadurch konnte gewissermaßen eine neue Bildsprache entwickelt werden. …Diese ganze Pop-Art-Malerei ist auch zum Teil Acryl-Malerei und der ist so was Plakatives zu eigen. Musik 13: Infinite – 57 Sek ERZÄHLER Als letzte Handlung werden Gemälde gern mit einem Firnis überzogen, einem klaren Lack. Er schützt das Gemälde und kann zugleich die Farbwirkung noch einmal unterstreichen. Das Wort Firnis kommt aus dem Französischen, „vernis“ ist der Lack. Im Lauf der Zeit entstand der Brauch, dieses „Firnissen“ im Kreis von Freunden und Auftraggebern vorzunehmen. Diese öffentliche „Vernissage“ kennen wir heute als Ausstellungs-Eröffnung. Und spätestens zur Vernissage ist es egal, was für ein Malgrund, Pigment oder Bindemittel verwendet wurden. Dann wird aus all dem nüchternen Material faszinierende Malerei.

  9. Henry David Thoreau - Rebell und Öko-Pionier

    03.07.2025 · 23 Min.

    Anpassung oder Aufbegehren? Zerstörung der Natur oder verantwortungsvoller Umgang mit ihr? Die Antworten des US-amerikanische Dichters Henry David Thoreau, vor über 150 Jahren geschrieben, sind von beeindruckender Aktualität. (BR 2018) Credits Autor dieser Folge: Michael Reitz Regie: Irene Schuck Es sprachen: Beate Himmelstoß,Thomas Lettow Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Prof. Dr. Dieter Schulz, Anglistik an der Universität Heidelberg; Frank Schäfer, Thoreau-Biograf, Braunschweig; US-amerikanischer Vietnam-Soldat Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: Alles Geschichte – Der History-Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Washington, D.C, am 23. April 1971. Auf den Stufen des Capitols, dem Sitz des US-Kongresses, haben sich circa 1.000 Soldaten und Offiziere versammelt. Sie demonstrieren für das Ende des Krieges in Vietnam. Ein Krieg, an dem sie selbst teilgenommen haben. Höhepunkt des Protests ist eine Aktion, die wohl einmalig ist in der Geschichte: MUSIK ENDE O-TON US-AMERIKANISCHER VIETNAM-SOLDAT I got those medals and people had to die for … ERZÄHLERIN „Menschen mussten sterben, damit ich diesen Orden bekommen konnte“, ruft ein junger Mann ins Mikrophon. Daraufhin reißt er sich die Rang- und Divisionsabzeichen von der Uniform und wirft sie zusammen mit seiner Tapferkeitsmedaille in einen Müllcontainer (O-TON ENDE). Hunderte seiner Kameraden tun es ebenfalls. Es ist ein Akt des zivilen Ungehorsams – ein Begriff, der auf den Philosophen, Pionier der ökologischen Bewegung und Schriftsteller Henry David Thoreau zurückgeht. In seiner Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ schrieb er im Jahr 1849: ZITATOR Wenn tausend Menschen dieses Jahr ihre Steuern nicht bezahlten, so wäre das keine gewaltsame und blutige Maßnahme – was aber wäre, wenn sie bezahlten und damit den Staat in die Lage versetzten, Gewalt anzuwenden und unschuldiges Blut zu vergießen? MUSIK ERZÄHLERIN Henry David Thoreau wird am 12. Juli 1817 als Sohn eines Bleistiftfabrikanten in Concord im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Damals ein idyllischer Ort in ländlicher Gegend. Im Unterschied zu vielen amerikanischen Familien ist Henrys Elternhaus in Fragen der Religion tolerant. Es gibt keinen vorgeschriebenen Glauben, den er und seine drei Geschwister streng befolgen müssen – ein Umstand, der für sein späteres Leben bestimmend sein wird. Nach der regulären Schulzeit bekommt er ein Stipendium für die renommierte Harvard-Universität. Zwar fällt er beim Aufnahmetest beinahe durch, aber in den folgenden Jahren wird er zu einem wahren Bücherwurm und universal gebildeten Menschen, der Ovid, Homer und Goethe im Original lesen kann. Doch schon früh geht ihm der akademische Betrieb gegen den Strich (MUSIK ENDE). Der Heidelberger Anglistik-Professor Dieter Schulz gilt als Thoreau-Experte. Er beschreibt dessen Einstellung so: O-TON DIETER SCHULZ Bücher bieten keine Rezepte etwa für die Lebensführung oder irgendwelche Wahrheiten, irgendwelche Weisheiten, die unerschütterlich, nur weil sie gedruckt sind, dann zu akzeptieren wären. Von daher also würde ich eher sagen, es ist ein zwiespältiges Verhältnis zu Büchern. Er war ein – wie ein Kritiker das genannt hat – ein Chain Reader, also ein Kettenleser einerseits. Andererseits hat er aber nichts, was er da gelesen hat, für bare Münze genommen, sondern alles einem Realitätstest unterworfen, in dem Sinne, dass er sich fragte: Stimmt das mit meiner eigenen Erfahrung überein? MUSIK ERZÄHLERIN Der junge Mann ist auf der Suche nach seinem Platz im Leben. Nach einer weltanschaulichen Orientierung, die er durch ein enormes Lektürepensum zu finden hofft (MUSIK: priv. CD „Ride Home“ aus „Moonlight“ [00‘25‘‘]). Im Frühjahr 1837 findet er in der Universitätsbibliothek ein Buch, das soeben erschienen ist und dessen Autor ebenfalls in Concord lebt: „Natur“ von Ralph Waldo Emerson, dem Begründer des sogenannten „Transzendentalismus'“. Hierbei handelt es sich um eine Mischung aus Spiritualität und Philosophie, wie Dieter Schulz erläutert: MUSIK ENDE O-TON DIETER SCHULZ Was die Transzendentalisten immer wieder ins Feld geführt haben, war, dass die Dinge, so wie sie sind, nicht der Weisheit letzter Schluss sein müssen, sondern dass es gewisse Prinzipien gibt, gewisse Ideale, die über die Wirklichkeit hinausgehen. Die pragmatische Seite kommt dann dadurch herein, dass man sagt, Ideale für sich, schön und gut – aber sie müssen dem Test des Lebensvollzugs unterworfen werden. MUSIK ERZÄHLERIN Das Göttliche, so Ralph Waldo Emerson und die Transzendalisten, ist nichts Äußeres, sondern liegt im Menschen selbst. Um es freizulegen, muss der Einzelne die Natur als Quelle der göttlichen Offenbarung erfahren und im Einklang mir ihr leben. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Dasein nur in einem abgeschotteten Wolkenkuckucksheim gelebt werden soll: Die tiefen Erfahrungen, die der Mensch in der Natur machen kann, sollen in die Wirklichkeit getragen werden. Für Henry David Thoreau wird die Lektüre zu einem Erweckungserlebnis (MUSIK ENDE), wie sein Biograph, der Braunschweiger Schriftsteller Frank Schäfer, beschreibt: O-TON FRANK SCHÄFER Der Mensch in der Masse, der erschreckt ihn, weil er sieht – was passiert mit den Menschen? Die verlieren im Grunde ihre Autonomie, die verlieren ihre Einzigartigkeit. Die sind eben Teil der Masse. Und das muss ihn irgendwie sehr beunruhigt haben, dieses Gefühl. Und auch das lässt sich im Grunde ableiten aus dem Transzendentalismus: In jedem steckt sozusagen ein göttlicher Funke. Und den muss jeder für sich im Austausch mit sich selbst finden. Und das geht eben nicht als Teil der Masse. Das geht nur in Vereinzelung, das geht auch nur im Austausch mit der Natur, laut Thoreau. Und es geht auch nur eigentlich allein. ERZÄHLERIN Als Henry David Thoreau Emerson kennenlernt, entwickelt sich sehr bald eine tiefe Freundschaft. Der vierzehn Jahre ältere Philosoph wird nicht nur zu seinem geistigen Ziehvater. Er weckt auch einen Berufswunsch in dem jungen Mann, wie Dieter Schulz erzählt: O-TON DIETER SCHULZ Nach der Begegnung mit Emerson wird das eigentlich sein Traum: sich als freier Schriftsteller durchzuschlagen. Und alles andere, was er sonst noch gemacht hat – also als Landvermesser arbeiten, dann hat er ja ausgeholfen in der Bleistiftfabrik seines Vaters, er hat den Leuten Bäume gepflanzt, er hat mitgeholfen, Sümpfe trockenzulegen und alles Mögliche –, das waren wirklich mehr Gelegenheitsarbeiten. Das sieht man dann auch später an seinem Tagesablauf. Ein paar Stunden draußen rumlaufen, Notizen machen, dann schreiben, zwischendurch natürlich auch lesen. MUSIK ERZÄHLERIN Doch zunächst muss Henry David Thoreau nach dem Universitätsabschluss seinen Lebensunterhalt verdienen. Er wird Lehrer an einer allgemeinen Schule. Dabei verfolgt er Erziehungsideale, die auf die Transzendentalisten zurückgehen. Und die nicht unbedingt im Einklang mit dem Lehrplan stehen. Als er sich weigert, die Prügelstrafe anzuwenden, fliegt er von der Schule. Daraufhin gründet er mit seinem Bruder eine eigene private Lehranstalt. Was dort im Mittelpunkt steht, erläutert Frank Schäfer: MUSIK ENDE O-TON FRANK SCHÄFER Nicht nur theoretische Kenntnisse vermitteln, alte Sprachen pauken und so was, sondern tatsächlich auch praktische Fähigkeiten vermitteln. Das Ganze anschaulich machen. Also das sind alles Sachen, die da das erste Mal eigentlich auftauchen, und die im Grunde sich aber tatsächlich herleiten aus diesem Glauben: Man geht in die Natur und kann da eben sehen, was Gott im Inneren zusammenhält. MUSIK ERZÄHLERIN Als sein Bruder an Wundstarrkrampf stirbt, schließt Henry die Schule. Er wohnt nach wie vor in seinem Elternhaus, hilft dem Vater in seiner kleinen Fabrik und eignet sich Kenntnisse in der Landvermessung an. Er ist ein praktischer Mensch, ein Intellektueller, der mit Hammer, Spaten und Säge umgehen kann. Dabei ist er kein einfacher Zeitgenosse. Oft brüskiert er seine Mitmenschen damit, dass er sagt, was er denkt. Für Frauen oder gar das Heiraten interessiert er sich wenig, Henry ist ein in sich gekehrter Mensch (MUSIK: priv. CD „Ride Home“ aus „Moonlight“ [01‘00‘‘]). Vor diesem Hintergrund ist auch ein Lebensabschnitt zu sehen, der ihn heute zur Galionsfigur der ökologischen Bewegung, vor allem der Landkommunen und der Hippiekultur in den USA werden lässt. Er will ein paar Jahre allein in einem Wald von seiner eigenen Hände Arbeit leben. In sein Tagebuch notiert er: ZITATOR Es ist jetzt Zeit, dass ich anfange zu leben. Ich möchte so sein wie ihr meine Wälder, und werde nicht eher ruhen, bis ich eure Unschuld erlangt habe. Ich möchte bald fortgehen und am See leben, wo ich nur den Wind im Schilf flüstern höre. Das wird ein Erfolg sein, sofern es mir gelingt, mich selbst zurückzulassen. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN Doch worin besteht Thoreaus Überdruss, seine Zivilisationskritik? In erster Linie darin, dass der Mensch der Moderne ein aufgespaltenes Wesen ist. Es verliert seine Sinnlichkeit, sein Empfinden dafür, dass er nur Teil der Natur und nicht ihr Beherrscher ist. Früh kritisiert Thoreau damit ein Leitbild, wie es heute gang und gäbe ist: das des Machers, des ökonomischen Menschen, der alles inklusive der Natur als Ressource sieht, die es auszubeuten gilt. Damit dies überhaupt möglich ist, muss dieser Menschentyp sich zunächst selbst als Produktionsmittel sehen, das nur noch auf der praktisch-technischen Ebene funktioniert. Henry David Thoreau stellt dem das Bild des vollständigen Menschen entgegen, wie es sein intellektueller Ziehvater Ralph Waldo Emerson formuliert hatte: ZITATOR Dieser Mensch ist weder Bauer noch Professor, noch Ingenieur – er ist all das zugleich. Dieser Mensch ist Priester und Gelehrter, Politiker, Unternehmer und Soldat. ERZÄHLERIN Am 4. Juli 1845, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, ist es dann soweit. Ralph Waldo Emerson hatte unweit des Wohnortes Thoreaus am Ufer des Walden-Sees ein kleines Stück Wald gekauft, um es vor der Abholzung zu bewahren. Er erlaubt seinem Freund und Schüler, dort eine kleine Hütte zu errichten. Und der beginnt sofort mit der Arbeit. Er legt ein zwei Morgen großes Feld an, auf dem er Rüben, Karotten, Bohnen, Kartoffeln und Mais anbaut und schafft mit einem Pferdekarren seine Habseligkeiten in die Einöde. Bei aller Verklärung, die dieser Umzug in der Geschichte der ökologischen Bewegung erfahren hat, darf man sich das allerdings nicht so vorstellen, als habe Henry David Thoreau in der Wildnis fernab jeder Zivilisation gelebt. Gerade mal ein paar Kilometer ist die Stadt Concord entfernt, das Einsiedler- und Aussteigerleben findet also in einem abgesicherten Modus statt. Für seinen Biographen Frank Schäfer ist das jedoch kein Widerspruch: O-TON FRANK SCHÄFER Deswegen konnte er diese Natur auch in einer Weise feiern, wie das bei einem Urwald gar nicht möglich gewesen wäre. Dieses Menschenfeindliche war da eben schon so etwas an den Rand gedrängt. Und deswegen hat es tatsächlich für ihn was Liebliches, ja was Mythisches. Und das muss ihn einfach schon früh unglaublich beeindruckt haben. ERZÄHLERIN Seine Motivation beschreibt Henry David Thoreau in seinem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“, das 1854 erscheint. Es ist heute ein Klassiker des verantwortungsvollen Umgangs mit der Natur: MUSIK ZITATOR Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde. ERZÄHLERIN Nicht nur in der Natur leben, sondern mit ihr – Henry David Thoreau ist es ernst mit seinem Experiment, das zwei Jahre dauern wird (MUSIK ENDE). Er lebt von den Früchten, die er selbst zieht, von Waldbeeren und Pilzen, verkauft das, was er nicht zum Überleben braucht, auf dem Markt. Dabei macht er gleich im ersten Jahr eine interessante Entdeckung: das angelegte Gemüsefeld ist für seine Bedürfnisse viel zu groß. Der zivilisierte Mensch neigt offenbar zu Überproduktion und Naturausbeutung (MUSIK: priv. CD „Main Theme“ aus „The Seventh Fire“ [00‘30‘‘]). Henry David Thoreau verkleinert sein Feld und kommt zu dem Schluss: ZITATOR Dass, wenn jemand einfach leben und nur das verzehren will, was er selber baut, nicht mehr braucht, als er isst, und die Ernte nicht für eine unzureichende Menge kostspieligerer und überflüssigerer Dinge eintauscht, er nur ein paar Quadratmeter Grund zu bepflanzen braucht. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN Wenn Thoreau trotzdem einmal Geld braucht, verdingt er sich als Tagelöhner. Dieses Leben als Selbstversorger in relativer Abgeschiedenheit, unabhängig von äußeren Umständen sieht er dabei als Vorbereitung für die Art von Existenz, die ihm immer vorschwebte: die eines Schriftstellers und Denkers, der seine Ideen nicht isoliert am Schreibtisch entwirft, sondern aus der Erfahrung eines tätigen Lebens heraus. Es ist ein individueller Reifungsprozess, den Thoreau sucht und findet. Die Langzeitwirkung dieser Einstellung erläutert Frank Schäfer: O-TON FRANK SCHÄFER Das ist ja dann auch ein Moment, der bei den Hippies dann später aufgenommen wird, dass man nicht unbedingt die politischen Strukturen verändern muss, sondern die persönlichen Strukturen verändern muss und dass die Folge daraus ist eine politische Veränderung. ERZÄHLERIN Henry David Thoreau selbst schreibt dazu: ZITATOR Wenn jemand vertrauensvoll in die Richtung seiner Träume vorwärtsschreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildete, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nichts träumen ließe. Er wird mancherlei hinter sich lassen. Neue, allgemeine und freiere Gesetze werden sich um ihn und in ihm bilden. ERZÄHLERIN Während heutige Menschen zur Neuorientierung im Leben ein Sabbatical machen oder für ein paar Wochen in ein Kloster gehen, sah Thoreau die Natur als Lehrmeisterin und Inspirationsquelle. Doch warum brach er sein Experiment nach zwei Jahren wieder ab? Frank Schäfer versucht eine Antwort: O-TON FRANK SCHÄFER Er wusste, was passiert, und er hätte im Grunde sagen können, wie das dritte Jahr wird. Er glaubte, jetzt eigentlich alles erlebt zu haben und wollte eben tatsächlich noch mal was anderes machen, und ist deshalb von da aus wieder weggezogen – im Grunde dann auch erst begonnen, als professioneller Autor zu arbeiten. Also, hat dann Vortragstätigkeiten angenommen und so was. Das ist eigentlich im Grunde erst nach dieser Walden-Erfahrung passiert. ERZÄHLERIN Durch Vermittlung Ralph Waldo Emersons, in dessen Haus er bald lebt, kann Henry David Thoreau immer mehr veröffentlichen. Doch was ihn nun stark bewegt ist die Frage, wo der Nutzen einer persönlichen Entwicklung liegt, wenn die keine Rückwirkungen auf andere Menschen, auf die Gesellschaft und den Staat hat. In der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die politische Situation in den Vereinigten Staaten angespannt, das Land ist uneins. Von 1846 bis 48 haben die USA einen in der Bevölkerung höchst umstrittenen Angriffs- und Eroberungskrieg gegen Mexiko geführt, der ihr Territorium bis an den Pazifik ausdehnt. Hinzu kommt die Sklaverei, die laut einem Gesetz aus dem Jahr 1820 nur südlich des 36. Breitengrads erlaubt ist. De facto ist das eine Spaltung des Landes in zwei Rechtsbereiche. Thoreau fragt sich nun: Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, in einem Staat Steuern zu zahlen, der grundlos einen Krieg anfängt? Und der darüber hinaus ein System mitfinanziert, das schwarze Menschen wie Nutztiere behandelt? Seine Antwort ist pragmatisch: Er zahlt keine Steuern mehr. Seine Argumentation, so Dieter Schulz: O-TON DIETER SCHULZ Wenn möglichst viele auf ihr Gewissen hören – das ist zunächst eine individuelle Instanz, die nur das Individuum betrifft. Aber da wir alle im Grunde an ein und dasselbe höhere Prinzip angeschlossen sind, daran partizipieren, wird dadurch keine Anarchie entstehen, sondern auch kollektives Handeln im Sinne sozialer Transformation. ERZÄHLERIN Zur Eintreibung der Steuern landet Henry David Thoreau im Gefängnis. Obwohl er nach kurzer Zeit wieder frei kommt, wird diese Erfahrung zur Basis seiner wohl berühmtesten Schrift. Sie erscheint 1849 und trägt den schlichten Titel „Civil disobedience“, zu Deutsch „Ziviler Ungehorsam“. Darin heißt es: ZITATOR Unter einer Regierung, die irgendjemanden unrechtmäßig einsperrt, ist das Gefängnis der angemessene Platz für einen gerechten Menschen. Der entflohene Sklave und der Indianer mit seinen Anklagen gegen das Unrecht, das man seiner Rasse zufügt: nur hier sollen sie ihn finden, im Gefängnis. Es ist das einzige Haus in einem Sklavenstaat, das ein freier Mann in Ehren bewohnen kann. MUSIK: ERZÄHLERIN „Civil disobedience“ ist eine Kampfschrift, die im 20. Jahrhundert von Bürgerrechtlern wie Martin Luther King oder Nelson Mandela ihren Anhängern zur Lektüre empfohlen wird, Mahatma Gandhi verteilte sie während des indischen Unabhängigkeitskampfes an seine Mitstreiter. Ihre Kernaussage: Der Einzelne hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht gegen einen Unrechtsstaat Widerstand zu leisten. MUSIK: ZITATOR Tausende, die im Prinzip gegen Krieg und Sklaverei sind, und die doch praktisch nichts unternehmen, um sie zu beseitigen. Die ruhig sitzen bleiben, die Hände in den Taschen. Sie zögern, sie bedauern, und manchmal unterschreiben sie auch Bittschriften, aber sie tun nichts ernsthaft und wirkungsvoll. MUSIK ENDE O-TON DIETER SCHULZ Das ist ja wohl ein Kerngedanke seines einflussreichsten Essays Civil Disobedience. Der Gedanke, dass die entscheidende Instanz für individuelles und, davon abgeleitet, dann auch kollektives Handeln das Gewissen des Einzelnen ist. Und was er dann selber vorexerziert, indem er sich weigert, Steuern zu entrichten an einen Staat, der das Sklaverei-System stützt, ist eben diese Instanz des Gewissens, die sagt, das ist unmoralisch, was da passiert, da mache ich nicht mit. Und daraus speist sich ja dann auch der Gestus des Protests. ERZÄHLERIN Aber es bleibt nicht bei der Geste. Um flüchtende Sklaven zu unterstützen, entwickeln Bürger der Nordstaaten – unter ihnen ist auch Thoreau – die „Underground Railroad“. Das sind geheime und sichere Fluchtwege aus dem Süden nach Neuengland oder Kanada. Doch im Jahr 1850 einigen sich Nord- und Südstaaten auf das „Gesetz über flüchtige Sklaven“. Es verpflichtet die Nordstaaten zur Herausgabe von Flüchtlingen, wenn dies von Südstaatlern beantragt wird. Daraufhin kommt es in Massachusetts und anderen nördlichen Regionen zu regelrechten Aufständen. Gefängnisse, in denen schwarze Sklaven interniert sind, um in den Süden abgeschoben zu werden, gehen mehr als einmal in Flammen auf. Als bei einer dieser Aktionen ein Marshall der Nordstaaten stirbt, rechtfertigt Henry David Thoreau dies als eine bedauerliche aber meist unumgängliche Begleiterscheinung eines Kampfes gegen das Unrecht. Damit hat er eine Frage aufgeworfen, die bis heute immer wieder neu beantwortet werden muss: Ab wann sind Widerstand und Gewalt gegen die Obrigkeit erlaubt? Frank Schäfer erläutert Thoreaus Position: O-TON FRANK SCHÄFER Der Punkt dabei ist, dass man nicht grundsätzlich sagen kann, Gewalt ist richtig. Man muss jeweils immer diese Abwägung machen. Ist dieses moralische Unrecht, das da gerade passiert ,so schlimm, dass es diese andere Gewalt rechtfertigt? ERZÄHLERIN Henry David Thoreau gilt heute zu Recht vielen Menschen als Vorbild für Zivilcourage, bürgerschaftliches Engagement, ökologisch unbedenkliches Leben und Wirtschaften. Seine Kompromisslosigkeit im Denken und Handeln war beispielhaft. Ebenso sein Prinzip, sich niemals einer dogmatischen Religion oder politischen Ideologie anzuschließen. Im Idealfall, so Thoreau, käme man ohne Regierung aus. Doch wie dieses Denken missbraucht werden kann, beschreibt der Heidelberger Anglistik-Professor und Thoreau-Forscher Dieter Schulz anhand eines aktuellen Beispiels aus der amerikanischen Politik: O-TON DIETER SCHULZ Die Kehrseite der Medaille ist die – ja – libertäre Bewegung, die ja in Amerika auch sehr stark ausgebreitet ist und sich zum Teil auch auf jemanden wie Thoreau beruft – weg mit jeder Regierung, weg mit jeder Regierung. Und das ist ja so ein Teil des Erfolgsrezepts von Trump gewesen, dass er sagt, also das Establishment ist durch und durch korrupt, und man muss irgendwie den Stall Washington – den muss man ausmisten. MUSIK ERZÄHLERIN Henry David Thoreau war zeitlebens von schwacher Gesundheit, erblich bedingt litt er an einer Schwäche der Atemwege. Dass er früh sterben könnte, hat er wohl geahnt, was vielleicht einer der Gründe dafür gewesen ist, niemals zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ausgerechnet dieser gesund lebende Naturmensch stirbt am 6. Mai 1862 in seiner Heimatstadt Concord im Alter von gerade einmal 45 Jahren.

  10. Luxusgut Olivenöl - Bringt der Klimawandel die Olive nach Deutschland?

    02.07.2025 · 24 Min.

    In Europa bricht die Olivenernte ein. Fehlendes Wasser und hohe Temperaturen setzen den Bäumen in den Anbauregionen rund ums Mittelmeer zu. Während es im Süden zu heiß wird, experimentieren Landwirte im Norden Europas mit dem Anbau von Oliven. Werden Olivenbäume auch bei uns heimisch? Und was für Hindernisse gibt es? Im Süden wird es den Oliven zu heiß, also ab in den Norden mit ihnen. Der Klimawandel macht es möglich, dass Olivenbäume bald bei uns heimisch werden könnten. Unterwegs mit den Agrorebellen, die unsere Landwirtschaft revolutionieren wollen. Von Anna Küch (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Anna Küch Regie: Irene Schuck Es sprachen: Anna Küch Technik: Stefan Oberle Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Erich Welleschitz Landwirt Matthias Welleschitz Landwirt Markus Fink, Agrorebels Carmen Sánchez, Olivenöl-Expertin Michael Becker, Gärtner Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Besser leben. Der Bayern 1 Nachhaltigkeitspodcast. Kaum ein Putz-Hack in den sozialen Medien kommt ohne Natron aus. In dieser Episode von "Besser leben" erläutern Melitta Varlam und Florian Kienast, was Natron eigentlich genau ist, wogegen es wirklich hilft und wie umweltfreundlich Natron ist. Plus: Gibt es einen Unterschied zwischen Backpulver und Natron? Und was hat es mit Soda auf sich? JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-TON 1 Erich Welleschitz „Da sind sie wieder... sehen Sie die Kaninchen, diese Biester... Autorin: Erich Welleschitz ist wütend. Der Biolandwirt steht auf seinem Feld und deutet auf den Abhang. In der Ferne hoppeln drei Kaninchen. O-TON 2 Erich Welleschitz „Das größte Problem bei uns hier sind eigentlich die Wildkaninchen. Das muss man sagen. Wildkaninchen, die haben schon 40 Bäume erledigt. das heißt, sie graben gerne, sie graben sich zu den Wurzeln, fressen die Wurzeln ab oder nagen die Rinde ab und somit der Fall erledigt. Und eine Reihe haben sie in einer Nacht geschafft. Musik 1 "Always turns to spring" - Komponist und Ausführender: Bill Frisell - Album: Ghost Town - Länge: 0'42 Autorin: Und es ist nicht irgendeine Reihe. Erich Welleschitz hat hier im Marchfeld östlich von Wien einen Olivenhain gepflanzt. 135 junge Bäume, die ihre silbrig-grünen Blätter in die kalte Frühlingsluft recken. Die Gegend gilt als Korn- und Gemüsekammer Österreichs. Doch der Anbau verändert sich. Neben Zwiebeln, Erbsen, Spargel, Karotten, Getreide werden auch immer mehr Exoten angebaut. Feigenbäume, Granatapfel, Melone und seit neustem Oliven - wie beim Landwirt Welleschitz: O-TON 3 Erich Welleschitz „Also ganz ehrlich, war es eine ganz unbedingte Idee meiner Frau. Sie hat gesagt du wir müssen das unbedingt machen. Ja, und sie hat einfach nicht mehr loslassen von dem Gedanken und hat gesagt habt ihr keine geeigneten Flächen, irgendwo muss doch was geben. Da hab ich gesagt oh ja, wir haben schon eine geeignete Fläche. Dann machen wir das. Und der Klimawandel selbstverständlich spielt da auch a Rolle. Autorin: Welleschitz zupft ein paar Blätter von den Olivenbäumen. Der Hain macht viel Arbeit. In diesen Wochen müssen die Zweige geschnitten werden. Die ganze Familie hilft mit. Sohn Matthias zeigt, was zu tun ist: O-TON 4 Matthias Welleschitz: „Ja, der Ast und der Ast. Grundsätzlich geht es ja beim Schnitt dann darum, dass jedes Blatt möglichst viel Licht bekommt und dass das kein riesenhoher Baum wird, sondern ja, wie man sich einen Olivenbaum halt vorstellt. Dass das eben klar und in die Breite hin ausfallen wird, er klar und in die Breite hin ausfallend wird. Dadurch kriegen die einzelnen Blätter ziemlich viel Licht....“ Autorin: Die Landwirte in der Gegend bemerken den Klimawandel deutlich: Die Winter werden immer milder, die Sommer heißer. Vieles, was Erich Welleschitz früher angebaut hat, funktioniert mit den hohen Temperaturen nicht mehr so gut. O-TON 5 Erich Welleschitz: 40 Grad sind keine Seltenheit. 40 Grad ist schon normal, vor allem starke Südwinde. Und wenn dann so der Südwind geht tagelang, das ist wirklich heiß und unangenehm. Es ist halt so, dass man in der Landwirtschaft ganz anders betroffen ist. Autorin: Die Nachbarn von Welleschitz pflanzen jetzt Bananen an. Die wachsen wie Unkraut, sagt der Landwirt. Er selbst probiert es mit Olivenbäumen Musik 2 "Un Héros Très Discret - Départ en Train" - Album: Jacques Audiard - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'59 Autorin: Hitze, Trockenheit, karge Böden. So wachsen die Olivenbäume seit Jahrtausenden von Jahren vor allem im Mittelmeerraum. In Spanien, Griechenland, Italien. Portugal. Es gibt über 1.000 verschiedene Arten. Die Stämme sind knorrig, der Busch weit verzweigt. Olivenbäume können uralt werden. Sie zählen zu den ältesten Kultur- und Nutzpflanzen der Menschheit. Und das Olivenöl war immer schon wertvoll. Könnte das grüne Gold auch bald bei uns entstehen? Markus Fink ist überzeugt davon, dass der Olivenbaum auch hierzulande wachsen kann. Er sieht den Klimawandel als Problem und Chance zugleich. Zusammen mit zwei Mitstreitern hat er den Verein Agrorebells gegründet. Die Agrorebellen erforschen exotische Obstsorten und bringen sie nach Österreich. Über 5.000 Olivenbäume haben sie schon zusammen mit Landwirten aus ganz Österreich gepflanzt: O-TON 6 Markus Fink: „Wir sagen halt nicht, was tut der Klimawandel mit uns, sondern was machen wir mit dem Klimawandel. Wir wollen umgehen damit, umkehren können wir ihn nicht. Wir können ihn verlangsamen, so gut es geht, Und wir haben uns zur Aufgabe gemacht, den Bauern / den hiesigen Landwirten zu helfen, sie zu beraten. Was können sie mit ihren Äckern machen, um weiterhin gut bestehen zu können? Autorin: Markus Fink ist eigentlich Physiker. Er hat lange Jahre mit der Weltraumbehörde ESA zusammengearbeitet. Früher hat er Pflanzen im Weltall erforscht: O-TON 7 Markus Fink: „Wo man geschaut hat, wie sichert man das Überleben für den Astronauten auf der ISS? Wie kann man eine bemannte Mars-Mission durchführen und so weiter? Wie können Pflanzen in unwirtlichen, unter unwirtlichen Bedingungen gedeihen? Diese Fragestellung hat mich auch fasziniert. Irgendwo und so ist dann daraus das Projekt irgendwann Aggro-Rap geworden. Wenn man Tomaten auf der ISS zum Wachsen bringt ... wir versuchen halt die Olive in Mitteleuropa zum Wachsen zu bringen. Musik 3 "Un Héros Très Discret - Départ en Train" - Album: Jacques Audiard - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'31 Autorin: Als Markus Fink 2019 damit loslegte, titelte eine Zeitschrift: „Der Astronaut, der die Oliven nach Österreich bringt“. Das war der Beginn des Erfolgs. Viele Landwirte in Österreich lasen den Artikel und waren Feuer und Flamme. Am Anfang mussten die Agrorebellen viel experimentieren. Sie legten Forschungshaine an, pflanzten verschiedene Olivenbäume. Und hatten auch den Mut zu scheitern: O-TON 9 Markus Fink: „Wenn es einen Totalausfall gab, dann war das ein einziges Mal, und zwar in Kärnten in der Testphase. Da hatten wir eine geschlossene Schneedecke von 40 bis 50 Zentimeter über mehrere Wochen. Und das hat kein Olivenbaum überlebt. Da war nicht unbedingt das Temperaturminimum, sondern die geschlossene Schneedecke.“ O-TON 10 Markus Fink „Hallo? Ja das ist jetzt ganz schlecht.“ Autorin: Mittlerweile wollen immer mehr Landwirte von Markus Fink und den Agrorebellen beraten werden. Dauernd klingelt sein Telefon. Markus Fink liebt seine Arbeit. Er ist in Größenbrunn östlich von Wien aufgewachsen. Seine Großeltern hatten einen bäuerlichen Betrieb, dazu gehörte ein kleiner Weinberg. Ein Weingarten sagen die Österreicher. Dort kelterten die Landwirte früher den Wein für den Eigenbedarf: O-TON 11 Markus Fink „Das wurde dann nicht mehr rentabel, sehr viel Arbeit. Mittlerweile sind die Flächen größtenteils als Brachflächen geblieben. Nur wenige Landwirte bauen hier noch Trauben an, und aus diesen Flächen werden jetzt hoffentlich sukzessive Olivenhaine. Der Boden ist gut. Es sind Südhänge.“ Autorin: In der Ferne liegt die Slowakei. Weit ist es nicht zur Grenze. Mit dem Auto fahren wir durch die Gegend, die sich nach und nach verändert: O-TON 12 Markus Fink „Schauens mal da, da haben wir Palmen, sieht man überall an jeder Ecke. Da Zwergpalmen kleine Olivenbäume. Das wäre in den 1980er Jahren unmöglich gewesen!“ Autorin: Klimatisch ist der Anbau kein Problem. Fink und seine Kollegen haben mit verschiedenen Sorten experimentiert. Sie sind in den Mittelmeerraum gefahren, nach Italien, Portugal und Spanien, um die richtigen Bäume zu finden. Am Anfang erklärten sie die Landwirte - zum Beispiel in Spanien - für verrückt: O-TON 13 Markus Fink „Die spanischen Bauern kennen Österreich als allererstes als Skifahrergebiet, wenn sie es überhaupt kennen. Und die meinen, ich wäre ein bisschen „loco“. „Loco“ bedeutet verrückt oder crazy. Ja, dann erklärt man halt na ja, wie schaut in Zentralspanien das Klima aus zum Beispiel in Madrid? Wie viel Minusgrade bekommts Ihr in Madrid eigentlich? Naja, also vielleicht minus sechs, minus sieben, minus acht der mal. Ja, naja, wir kommen hier dann auf minus neun, minus zehn. Das ist gar nicht so weit weg und wie lange auch nur ein, zwei Tage im Jahr. Und damit sehen dann auch die Landwirte dort, dass es vielleicht gar nicht so crazy ist, im Osten Österreichs sage ich jetzt einmal, im pannonischen Gebiet, Olivenbäume zu pflanzen, zumindest das auszuprobieren, diese zu pflanzen.“ Musik 4 "Always turns to spring" - Komponist und Ausführender: Bill Frisell - Album: Ghost Town - Länge: 0'29 Autorin: Das pannonische Gebiet ist eine Tiefebene, die sich von Ungarn bis nach Österreich erstreckt. Die Winter sind mild und feucht. Die Sommer heiß mit viel Sonnenschein. Ein submediterranes Klima. Ideal für die Olivenbäume sagt Markus Fink. Er stoppt das Auto, steigt aus und führt auf einen Aussichtspunkt. Dort stehen ein paar dürre Pflanzen vom Wind zerzaust. O-TON 14 Markus Fink „Das ist unser zweiter Forschungshain. Der befindet sich auf der Parndorfer Platte. Das ist eine typische sehr windige Gegend, extrem heiß und trocken im Sommer und annähernd kein Schnee im Winter, heute ist ein gefühlter Wintertag, fünf Grad und Regen.“ Autorin: Markus Fink greift in die Erde und lässt sie durch die Finger rieseln, dann flüchtet er ins Auto. Der Regen ist zu stark. O-TON 15 Markus Fink „Wir versuchen, verschiedene Sorten verschiedenen Alters zu vergleichen, verschiedene Substrate zu setzen, mit Hanglage, ohne Hanglage, mit Schotter drunter, lehmig oder nicht lehmig oder was auch immer. Und dann zu vergleichen. Wie entwickeln sich die Bäume? O-TON 16 Carmen Sánchez „Schlürfgeräusch ... Hörst Du das? Das ist damit etwas Luft hereinkommt und sich vermischt.“ Autorin: Olivenölprobe bei Carmen Sanchez in Köln Pulheim. Die Spanierin hat zwei Schälchen mit verschiedenen Oliven-Ölen vorbereitet und lässt mich vergleichen: O-TON 17 Carmen Sánchez: „Das schmeckt nach Tomate, hinten raus die Schärfe. Genau! Und nach dem Runterschlucken hast du vielleicht noch das Gefühl der Bitterkeit und Schärfe.“ Autorin: Die Schärfe und Bitterkeit sind Merkmale für ein gutes Olivenöl. Und es gibt noch mehr. O-TON 18 Carmen Sánchez „Auch ein sehr gutes Zeichen ist: Wenn das ein Olivenöl ist fettig. Aber diese gute Qualität ist er eher seidig. Also die Zunge wird nicht so von eine Schicht aus Fett bedeckt. Diese seidige Flüssigkeit ist total sauber und hinterlässt keine Spuren. Das ist auch ein sehr gutes Zeichen.“ Autorin: Carmen Sanchez weiß, wovon sie spricht, sie ist diplomierte Oliven-Öl Sommeliere, genauer gesagt sie sich an der Universität von Jaen in Andalusien zur Expertin für natives Olivenöl ausbilden lassen. Ihre Mission: den Menschen beibringen, was wirklich gutes Oliven-Öl ist. Oder besser Oliven-Saft. O-TON 19 Carmen Sánchez: „Schau mal, die Olive ist eine Frucht. Alle anderen Öle kommen aus Kernen, und die Olive als da mehr ist eine Frucht. Und wenn ich sie auspresse, dann bekomme ich einen Saft.“ Autorin: Viel von diesem Saft ist gerade nicht auf dem Markt. Europas Olivenbauern haben schlechte Jahre hinter sich, die Ernten sind eingebrochen, die Preise auch für minderwertiges Öl drastisch gestiegen. Das gab es bislang noch nicht, erzählt Carmen Sanchez: O-TON 20 Carmen Sánchez „Spanien ist Hauptproduzent von Oliven-Öl. Und es ist das erste Mal in der Geschichte vom Oliven-Anbau, dass zwei Ernten direkt hintereinander katastrophal sind. Das passiert 2023 und davor 2022. Das hat sicherlich mit dem Klimawandel zu tun.“ MUSIK 5 "Always turns to spring" - Komponist und Ausführender: Bill Frisell - Album: Ghost Town - Länge: 1'03 Autorin: Dürre und Hitze führten dazu, dass die Blüten an den Olivenbäumen geradezu verbrannt sind und keine Oliven entstehen konnten. Das heißt, die Ernten in Spanien haben sich halbiert. Eine Katastrophe! Spanien vermarktet etwa 50 Prozent des weltweit konsumierten Olivenöls. Auf einmal fehlten riesige Mengen an Öl. Und die Preise für das grüne Gold kletterten in die Höhe. Auch Italien und Griechenland hatten schlechte Ernten. Hier hatte es vergangenen Mai und Juni zu viel geregnet. Also in der Blütezeit. Dadurch klappte es mit der Bestäubung nicht. Normalerweise weht der Wind den Pollen einer anderen Olivenpflanze heran. Doch durch den Dauerregen war es zu nass, die Blüten konnten sich nicht bestäuben, also gab es keine Frucht. Die Feuchtigkeit lockt auch die Olivenfruchtfliege an, einen gefürchteten Schädling: O-TON 21 Carmen Sánchez „Genau bei Feuchtigkeit. Genau dann fühlt sich diese Fliege sehr wohl. Sie bohrt die Frucht an. Und das bedeutet Sauerstoff in Kontakt mit den Fruchtfleisch. Das bedeutet dass die Oxidation, die Fermentationsprobleme bei dem Olivenöl direkt da sind. Egal, wie toll der Bauer ist. Egal, wie toll die Ölmühle ist. Geschmacklich wird das Öl nix mehr werden.“ Autorin: Der Mittelmeerraum ist das Zentrum der Olivenbäume, doch auch andere Regionen holen auf. In Australien und Kalifornien werden schon lange Oliven angebaut. Sie kamen mit den Missionaren und Reisenden, Entdeckern und Erobern in die Länder. In Verkostungen probiert Carmen Sanchez jetzt ganz oft Oliven-Öl, das aus anderen Weltregionen stammt. Immer wieder sind sie und ihre Kollegen überrascht, wie gut Oliven-Öl aus Südafrika, Brasilien oder Uruguay ist: Könnte dann nicht auch Deutschland zum Anbaugebiet werden? Jetzt, wo es gefühlt jeden Sommer heißer wird? O-TON 23 Carmen Sánchez „Im Prinzip ja. Der Olivenbaum ist sehr bescheiden, das ist ein Kerl, der sehr bescheiden und ist und der kann wachsen, ohne große verwöhnt zu werden. Nur Wasser tut gut und vor allem was er braucht, und was er deutlich vermisst, ist die Sonne. Er braucht den Sommer. Warum? Weil was eine Blüte schafft ist unglaublich. Also erstmal kommt irgendwann eine kleine Frucht, die wie eine Erbse aussieht. Da gibt es noch nicht einen harten Kern ist nichts und bis Anfang des Sommers. Ich rede jetzt so zum Beispiel von Spanien. Bis Juni hat er es geschafft einen Stein zu bekommen. Dann macht er Urlaub bis September. Und im September fängt die Olive an, die Frucht also, das Öl zu machen.“ Autorin: Bis das alles passiert, kann es jahrelang dauern. Erst wenn Olivenbäume etwa sechs Jahre sind, werfen sie Ertrag ab. Musik 6 "Paean (Original Composition For Replica Lyre in the Ancient Greek Dorian Mode)" - Album: The Ancient Greek Lyre - Ausführender: Michael Levy - Länge: 0'42 Autorin: Viele Geschichten ranken sich um den Baum und seine schmackhaften Früchte. Schon zum Ende der Bronzezeit wurden Ölbäume im östlichen Mittelmeerraum systematisch kultiviert. Auf Kreta waren Oliven bereits 6.000 vor Christus ein wichtiges Lebensmittel. Die antiken Griechen waren Spitzenreiter im Verbrauch. Ein Kämpfer verbrauchte 30 Liter jährlich zur Körperpflege, 20 weitere Liter für seine Ernährung und einen halben Liter als Medizin. Auch in der Bibel spielt der Olivenzweig eine Rolle als Symbol des Friedens. Carmen Sanchez ist jeden Tag aufs Neue fasziniert: O-TON 24 Carmen Sánchez: „Der Olivenbaum ist so unglaublich, weil der Olivenbaum, wenn wir hören, dass er es schafft, so alt zu werden ist, Manchmal erlebt er ganz böse Sachen, und aus dem Nichts treibt wieder Leben. Das hieß ich kriege ein. Es ist unglaublich. (schluckt ...stockt ...)“ Autorin: Als Carmen Sanchez nach Deutschland kam, traute sie ihren Augen kaum. Direkt im Nachbardorf in Stommeln bei Köln wuchsen: Olivenbäume. Musik 7 "Un Héros Très Discret - Départ en Train" - Album: Jacques Audiard - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'23 Autorin: Dicht an dicht stehen die 115 Olivenbäume beim Gartenhof Becker, die langen Zweige mit den grünen Blättern recken sich nach oben. Dem Regen entgegen. Es ist ein kühler Maitag. Inhaber Michael Becker hat seinen Schirm aufgespannt. Trotz der kühlen Temperaturen trägt er kurze Hosen: O-TON 25 Michael Becker: „2008/2009 dieser Winter war hier zwei oder drei Tage lang unter 20 Grad. Und da haben wir gemerkt, dass das eine Sorte ist, die auch die Kälte verträgt - das ist die Sorte Leccino aus der südlichen Toskana und die anderen Sorten sind uns fast alle kaputtgegangen.“ Autorin: „Der Oliven-Hain in der Kölner Bucht ist nach Angaben von Michael Becker, der nördlichste der Welt. Und hat es mittlerweile in der Gegend zu einiger Berühmtheit gebracht. Jedes Jahr veranstaltet der Gärtner ein Oliven-Fest zu dem tausende Besucher pilgern, im Hain sitzen, gute Olivenöle probieren und einiges über den Baum erfahren. Dabei hatte alles 2005 als Experiment begonnen sagt Becker, der zu sich in die Küche eingeladen hat.“ O-TON 26 Michael Becker: „Im Prinzip hab ich gedacht das muss funktionieren. Die Kölner Bucht ist einer der wärmsten Regionen, die es in Deutschland gibt im Winter. Also im Sommer nicht. Es ging ja eigentlich nur darum, ähm zu gucken, können die die Kälte ab oder können die das nicht? Und ja, ich, mein Vater hat gesagt jetzt bist du ganz bekloppt. Er als alter Obstbauer. Wir hatten immer schon eine Apfelplantage Pflaumen, Birnen und da lag die Olive ja auch irgendwie so dazwischen, das passte schon irgendwie.“ Autorin: Und es passte wirklich. Nach ein paar Jahren gab es dann die ersten Ernten. 2020 waren es sogar 300 Kilo Oliven. Zusammen mit Freunden und Bekannten spannten sie Netze auf, pflückten die Oliven klassisch per Hand. Und dann? Dann war da der Traum vom eigenen Olivenöl aus Köln: O-TON 27 Michael Becker „Also das Problem bei Olivenöl ist, von der Ernte bis zur Presse, soll möglichst 24 Stunden sein. So was. Was machen Sie? 24 Stunden von hier also die nächste Presse wäre dann mehr oder weniger am Gardasee? Ah, das ist kaum zu schaffen. Und so mussten wir halt versuchen, irgendwoher eine Presse zu kriegen. Und dann haben wir dann im Prinzip in Italien eine Presse bestellt, die es halt im Baumarkt gibt, um die anscheinend wohl viele italienische Familien, die zwei, drei Bäume haben. Die machen da ihr eigenes. Aber das hat bei uns dann eben nicht ganz so gut funktioniert.“ Autorin: Aus hundert Kilo Oliven wurden gerade einmal dreieinhalb Liter Öl: O-TON 28 Michael Becker „Das war natürlich ein Witz, Aber es war das erste hergestellte Olivenöl in Deutschland. Ich habe immer gesagt, das muss Olio di Cologne heißen.“ Autorin: Der Geschmack war fantastisch, ähnlich einem italienischen Öl. Doch der Aufwand ist bislang zu groß. Jetzt experimentiert der Gärtner mit eingelegten Oliven. O-TON 29 Michael Becker: Das ist so sehr pikante Einlegemethode. Also natürlich Wasser, Kochsalz, Pökelsalz und Rosmarin, Thymian, Knofi, Lorbeerblätter, schon mal eine Zitrone oder Peperoncino. Das gibt dann so ein eigentlich ein Geschmackserlebnis. Und jeder, der das probiert ist eigentlich begeistert und ich mein, Oliven aus dem Rheinland wäre natürlich auch schon eine schöne Sache.“ Autorin: Wenn da nicht noch einige Hürden wären: O-TON 30 Michael Becker: „Da muss dann auch auf Nährwerte geachtet werden. Also das Gesundheitsamt stand, nachdem wir das erste Öl gemacht haben, standen die am nächsten Tag schon bei uns. Und ja, sie verkaufen doch noch nicht das Öl. Und ich könnte mir aber vorstellen, dass das mit den Oliven eingelegt schon funktionieren würde, da würden wir jetzt mal so eine Testphase machen.“ Autorin: Seit 19 Jahren stehen die Olivenbäume hier in Köln. Sie haben den Gärtner Michael Becker verändert. Mittlerweile ist er nicht mehr für seine Äpfel, Pflaumen und Rosen bekannt, sondern für den Oliven-Hain. Manchmal geht er abends durch die Reihen spazieren … O-TON 31 Michael Becker: „Also, ich muss Ihnen ehrlich sagen im Winter mache ich das sehr oft, weil ich dann auch immer, wenn ich merke, es wird ein bisschen kälter, Schiss kriege. Und in den ersten Jahren war das auch ganz extrem. Also, da bin ich immer, da war ich auch irgendwie total stolz. Ich bin ich auch jetzt noch stolz darauf. Das ist auch heute immer noch für mich irgendwie so ein so ein Highlight. Und wir machen im Olivenhain ja auch Olivenöl-Verkostungen, die auch immer total schön sind. Und ich habe dann vor ein paar Jahren noch mal neu geheiratet. Und dann haben wir tatsächlich auch einen Olivenhain, so halbwegs die Hochzeit gefeiert.“ Autorin: Michael Becker glaubt fest daran, dass es die Olivenbäume auch in Deutschland schaffen könnten. Noch ist er der Einzige in der Kölner Bucht. O-TON 32 Michael Becker: „Aber ich denke einfach, wenn der eine oder andere Pionier da auch noch mal versucht, was zu machen, also hier in der Region, kann das funktionieren.“ Musik 8 "Un Héros Très Discret - Départ en Train" - Album: Jacques Audiard - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'28 Autorin: Noch kann es dauern, bis die Olivenbäume hier heimisch werden. Vor allem bis es das erste Olivenöl gibt. Doch diese Versuche sind vielversprechend. In Österreich haben die Agrorebellen große Pläne. Sie tüfteln zusammen mit der Uni Wien und dem Institut für Bodenkultur an einer Neuzüchtung. Die erste österreichische Olivensorte, sagt Markus Fink: O-TON 33 Markus Fink: „Nämlich aus einer alten italienischen Sorte. Die haben wir gekreuzt mit einer sehr tragefreudigen selbstfruchtenden und spanischen Sorte. Und aus dieser Kreuzung haben wir jetzt erste Pflanzen gewonnen und mal sehen, ob die auch wirklich selbstfruchtend sind und auch wirklich sehr freudig sind und auch wirklich so frostresistent sind wie die alte italienische Sorte. Aber da sind wir auf einem guten Weg.“ Autorin: Und viele Landwirte sind auch offen dafür. Gerade die neuen Generationen. Im Marchfeld im Osten von Österreich steht der 25jährige Matthias Welleschitz im Olivenhain. Angesichts des Klimawandels muss man umdenken, findet er: O-TON 34 Matthias Welleschitz: „Es sind halt andere Herausforderungen als vor 30 Jahren. Und Landwirte sind ja bekannt dafür, dass sie kreativ sind. Und irgendwie wird es zu meistern sein. Ansonsten schauts für alle schlecht aus.“ Autorin: Matthias Welleschitz hofft jetzt auf seine ersten Olivenernten. Fallen die gut aus, will er zusammen mit seiner Familie weitere Olivenbäume pflanzen. Genug Flächen sind vorhanden

  11. Deutsche und Amerikaner - Wie 1945 aus Feinden Freunde wurden

    02.07.2025 · 24 Min.

    Die US-Armee rückte 1945 in deutsches Feindesland vor und brachte statt Hass und Furcht Schokolade, Kaugummi, Coca Cola - und die Grundlagen für einen demokratischen Neuanfang. In Windeseile wurden Amerikaner und Deutsche im beginnenden Kalten Krieg zu engen Verbündeten. Von Florian Kummert Credits Autor dieser Folge: Florian Kummert Regie: Sabine Kienhöfer Es sprach: Katja Amberger Technik: Laura Picern Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Helmut Markwort, Journalist Wolfgang Reinicke, Historiker Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die deutsch-amerikanische Freundschaft - Eine wechselhafte Beziehung JETZT ENTDECKEN Die German Americans - Was wurde aus den deutschen Wurzeln? JETZT ENTDECKEN Amerika in unserem Alltag - Fastfood, Popkultur, Sprache JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Durch den wilden Westen der USA, zu einigen der grandiosesten Orte der Welt: In der fünften Staffel 50 STATES ist DirkRohrbach wieder mit seinem Vintage Pick-Up-Truck „Loretta“ und Mini-Wohnwagen „Conway“ on the road. Es geht quer durch die Rocky Mountains, große Natur und Menschen mit besonderen Geschichten. JETZT ENTDECKEN Linktipps: Zeitzeugen-Berichte, Haus der Bayerischen Geschichte, Regensburg HIER geht es zur Website Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: OTON 1 Helmut Markwort 1 Ich bin ja im Hessischen aufgewachsen. Mein Vater war Justizbeamter in Darmstadt. Und da waren aber so viele Luftangriffe immer auf Darmstadt, dass die Familie gesagt hat, wir gehen aufs Land, wir ziehen nach Rodach, bei Coburg. Heute heißt das ganz vornehm Bad Rodach. Aber wir sind zu weiblichen Vorfahren nach Rodach. Und da habe ich als Achteinhalbjähriger den Einmarsch der Amerikaner erlebt. ERZÄHLERIN Erinnert sich Helmut Markwort, vor allem bekannt als langjähriger Herausgeber des Nachrichten-Magazins Focus. Der Journalist und Politiker ist Jahrgang 1936. OTON 2 Helmut Markwort 2 Natürlich hatte man uns Angst gemacht vor den Amerikanern. Die fressen Kinder und was nicht alles. Musik: Minimal melancholy underscore 0‘34 ERZÄHLERIN Am 10. April 1945 marschieren die Amerikaner in Rodach ein, nachdem die Stadt einige Tage zuvor durch Artilleriefeuer beschossen wurde. Dabei ging auch die Spielzeugfabrik von Helmut Markworts Großvater in Flammen auf. OTON 3 Helmut Markwort 3 Ich habe kurz vor dem Einmarsch die lächerlichen Anstrengungen des sogenannten Volkssturms miterlebt. Die alten Männer, die noch da waren und Frauen, die haben Panzersperren auf der Hauptstraße, wo wir wohnten, errichtet, die Straße aufgerissen. Panzersperren gegen die Amis. Dann kamen die Amerikaner, sind da drüber gefahren wie über nichts. Schwupp, waren die Panzersperren weg. Geräusch Panzer, berstendes Holz ERZÄHLERIN Tagelang sind zuvor nur vereinzelte deutsche Soldaten zu sehen, auf der Flucht vor den Amerikanern, am Ende ihrer Kräfte, mit einer kaum mehr funktionierenden Ausrüstung. Die Amerikaner dagegen rücken mit neuesten Panzern und Jeeps an, technisch weit überlegen. Die verbliebenen Rodacher empfangen die US-Streitkräfte, stehen aufgereiht am Rand der Hauptstraße, und sind – so erzählt Markwort - erleichtert. OTON 4 Helmut Markwort 4 Also dieses Rodach liegt ja an der Grenze zu Thüringen. Und als man hörte, der Krieg ist verloren, alles aus, gab es unter meinen Tanten - die Männer waren ja alle im Krieg, ich war ja umzingelt von Tanten und Dienstmädchen und nur Frauen - da gab es nur ein Gerede: hoffentlich kommen nicht die Russen. Das war die größte Angst: vor den Russen. Und tatsächlich war ja zwei Kilometer hinter Rodach, Hildburghausen in Thüringen, bis dahin sind die Russen gekommen, und die Amerikaner sind zu uns gekommen. Deswegen wurden die wie Befreier begrüßt. Die haben freundlich gewinkt und die waren sehr nett. Das war ein herzliches Willkommen. Und da sind wir Kinder immer hingelaufen. Und die haben Kaugummi rausgeworfen. MUSIK: Glenn Miller - American Patrol 0‘37 ERZÄHLERIN Chewing Gum. Die Wunderwaffe der Amerikaner, die die Herzen der deutschen Kinder erobert. Ebenso effektiv und beliebt: Hersheys Schokolade. Und natürlich dieses dunkelfarbige, süße Getränk in den kleinen, elegant geschwungenen Glasflaschen. OTON 5 Helmut Markwort 5 Das sensationelle Getränk Coca-Cola. Das kannte ja kein Mensch. Ihr Coke, das war natürlich ein Hammer. MUSIK Glenn Miller - American Patrol (unter nächstem Absatz wieder ausblenden) ERZÄHLERIN Die Siegermacht USA, hier gefeiert als Befreier. Doch während der nicht einmal neunjährige Helmut Markwort seine erste Cola genießt und sich in Windeseile mit den amerikanischen Soldaten anfreundet, wird in anderen Teilen Bayerns noch erbittert gekämpft. Tag für Tag arbeitet sich die US-Armee nach Süden vor, nimmt Bayreuth und Nürnberg ein. Am 23. April erreichen die Gis die Donau bei Regensburg. OTON 6 Wolfgang Reinicke 1a Regensburg wurde auch beschossen durch die Amerikaner. Es gab aber eine Bewegung im April 1945, wo sich mutige Bürgerinnen und Bürger dafür eingesetzt haben, dass die Stadt eben friedlich den Amerikanern, die schon vor den Toren der Stadt standen, übergeben würde. Das ist dann vereitelt worden von den NS-Machthabern, die sich noch halten konnten. ERZÄHLERIN Erzählt der Historiker Wolfgang Reinicke. Er hat die Dauerausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg mitkonzipiert. Ein Blick zurück in die Vergangenheit. Die Tragik der letzten Kriegstage wird anhand etlicher Objekte spürbar. Auf einem Pappschild steht geschrieben: „Hier starb ein Saboteur.“ OTON 7 Wolfgang Reinicke 1b Wir stehen hier gerade an einer sehr berührenden Hinterlassenschaft. Domprediger Johann Mayer, der sich sehr stark für diese friedliche Übergabe der Stadt an die Amerikaner eingesetzt hat und dafür dann mit seinem Leben bezahlen musste, wurde von den Nationalsozialisten noch wenige Tage vor Kriegsende gelyncht und gehängt. Und seine Leiche hing dann in der Stadt eine gewisse Zeit und um seinen Hals herum wurde ein sehr fieses Schild gehängt. „Hier starb ein Saboteur.“ Das sollte abschreckend wirken und nochmal die ganze Verachtung der NS-Machthaber für diesen Versuch des aus ihrer Sicht schändlichen Verrats darstellen. ERZÄHLERIN Nur vier Tage später, am 27. April 1945, wird Regensburg kampflos den US-Truppen übergeben. Aus den Häusern, von den Balkonen und selbst von Kirchtürmen hängen nun weiße Fahnen. Ein erhaltenes Exemplar ist auch im Haus der Bayerischen Geschichte zu sehen. OTON 8 Wolfgang Reinicke 2 Die weiße Fahne, wahrscheinlich das Symbolobjekt schlechthin vom Kriegsende, nicht nur in Bayern 1945, sondern in ganz Deutschland. Man muss sagen, eine ehemals weiße Fahne, diese weiße Fahne, der sieht man das Weiß gar nicht mehr so richtig an. Das war ein ehemals weißes Bettlaken aus Neuendettelsau, der Diakonie dort, aus dem Lazarett. Und dieses Bettlaken wurde an einen Kiefernstamm dran geknüpft und mit diesem Kiefernstamm zusammen aus dem Nordturm der Laurentiuskirche in Neuendettelsau gehängt. Und zwar war das im April 1945, um den Amerikanern, die eben auch vor den Toren standen, zu signalisieren, bitte, wir ergeben uns, bitte nicht mehr schießen. Musik: Moderate moods (red.) 0‘28 ERZÄHLERIN Zeitzeugen, die noch aus erster Hand vom Aufeinandertreffen der Deutschen und Amerikaner erzählen können, gibt es immer weniger. Doch das Haus der Bayerischen Geschichte hat ein umfangreiches Archiv an Zeitzeugen-Interviews angelegt. Gespräche – geführt von den 1990er Jahren bis heute. Sie halten die Erinnerungskultur lebendig. OTON 9 Ludwig Steinherr 1 In aller Herrgottsfrüh hieß es plötzlich, die Amerikaner sind da, die Amerikaner sind da! Und ich bin ans Fenster gesaust und da sind sie gekommen, so hintereinander in einer langen Reihe in den Ort einmarschiert, an den Hausreihen entlang, haben dann gleich Maschinengewehre aufgebaut und so kleine Granatwerfer. ERZÄHLERIN Erzählt Ludwig Steinherr über den Einmarsch im oberfränkischen Ebrach. Die Gis und die Germans. Ein Aufeinandertreffen mit Sprachbarrieren. OTON 10 Ludwig Steinherr 2 Dann kam einer ins Haus rein und hat nach Guns gefragt. Have you Guns? Jetzt hat niemand von uns gewusst, was denn nun Gans sind. Eine Cousine, die bei uns war, die hat das Abitur gerade gemacht gehabt, hat Englisch gesprochen, dann haben wir die geholt. Die wusste aber auch nicht, was Gans waren. Ich habe mir schon gedacht, er macht das immer so, das sieht so aus wie ein Gewehrspannen. Aber sie hat ihm dann erklärt, wir hätten also keine Gänse und dann ist er wieder abgezogen. Musik: Hectic hiding (reduziert) 0‘37 ERZÄHLERIN Am 4. Mai 1945 ist - mit der Kapitulation von Berchtesgaden - der Krieg in Bayern endgültig vorüber. Zu den GIs gehören auch jüdische Soldaten, die nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland auf Seiten der Amerikaner gekämpft haben. Wolfgang Robinow (Aussprache: Roobino, Betonung auf erstem o, w hinten stumm), Jahrgang 1918, ist einer der ersten US-Soldaten, der am 30. April 1945 den Münchner Marienplatz erreicht. 1998 erinnert er sich an diesen Moment, nach einem äußerst zähen Vormarsch. OTON 11 Wolfgang Robinow Erstens mal waren die Straßen ja nicht gerade frei, wie sie heute sind. Es war völlig blockiert durch alle möglichen Bombardierungs-geschichten, was da übrig blieb. Und außerdem sind wir sehr langsam und vorsichtig gefahren, weil wir ja nie wussten, wo ist eine Mine. Wir hatten gewisse Erfahrungen mit Minen auf dem Weg nach München. Und dann kamen wir also zum Marienplatz. Und bis wir ungefähr bis zu Stachus kamen, haben wir keine Menschenseele gesehen, nicht eine Person. Und wie wir auf den Marienplatz kamen, da waren auf einmal Deutsche da, sehr alte Männer, kleine Jungs, Mädchen und Frauen, die uns als die großen Befreier begrüßten, ein paar hatten sogar ein paar Blumen, haben uns geküsst und so weiter. Also ein großer Empfang. ERZÄHLERIN Dabei war das besiegte Nazi-Deutschland von den Ausbildern der amerikanischen Einmarschtruppen ganz klar als feindliche Nation deklariert worden, als „enemy nation“. Es gab das Gebot der „Non-Fraternization“. Als US-Soldat sollte man tunlichst keinen Kontakt zur Bevölkerung aufnehmen und auch den Deutschen war es eigentlich untersagt, mit den GIs zu interagieren. Doch Theorie und Praxis gingen schnell getrennte Wege, betont Historiker Wolfgang Reinicke. OTON 12 Wolfgang Reinicke 3 Das ist ein großes Glück gewesen. Vielleicht hat da gerade geholfen, dass viele Kinder an den Straßen auch standen und eben den Amerikanern zugewunken haben und die ihrerseits dann eben diese Candys dabei hatten und die Süßigkeiten verteilt haben. Das war natürlich ein großes Pfund, quasi psychologisch, aber auch materiell, was die amerikanischen Besatzungssoldaten damit dabei hatten. Zum einen diese Süßigkeiten, andererseits auch ihre Verpflegungsrationen. Die Amerikaner waren sehr gut ausgerüstet. So gut, dass sie wirklich auch selber einen Teil von ihrer täglichen Ration dann abgeben konnten, um sich damit vielleicht etwas einzutauschen, wie auf dem Land frische Eier oder sonst was. Das hat, glaube ich, eine Art Eigendynamik entwickelt, die denjenigen, die diesen Einmarsch quasi geplant und befehligt hatten, so in dieser Dimension gar nicht bewusst gewesen ist. ERZÄHLERIN So fanden sich viele Deutsche direkt nach dem Einmarsch der Amerikaner in deren Diensten, darunter auch Helmut Markwort. Ein knapp neunjähriger Einser-Schüler, aufgeweckt, leutselig und sprachbegabt. OTON 13 Helmut Markwort 6 Wie durch ein Pfingstwunder, ich kann es Ihnen nicht erklären, konnte ich Amerikanisch sprechen. Ich konnte mit den Amis reden, das fanden die toll, da haben die mich rausgefischt. Und einer der Höhepunkte war, dass der Panzerspähwagen in Rodach in die Volksschule reinfuhr und da kam der Sarge da zu dem Lehrer und sagte, we need him as an interpreter, wir brauchen ihn als Dolmetscher. Da hat er natürlich seinen Bückling gemacht und schwupp war ich frei. Ich bin da an die Grenzen hingefahren. Ich bin auch mit den Jeeps mitgefahren zu den amerikanischen Außenpatrouillenstationen, wo auf der anderen Seite die Russen waren mit dem Maschinengewehr. Und wurde so ein kleiner Schwarzhändler auch. Die Amerikaner waren ja faul, die haben sich nicht bemüht Deutsch zu sprechen, ich habe das für die gemacht. Die Amerikaner hatten Seife und Zigaretten und Schokolade und Coca-Cola. Und da sind wir zu den Bauern gefahren, ich habe dann gedolmetscht, die haben dafür Eier und Hühner und Speck gegeben und so. Meine ganze Verwandtschaft, meine Mutter und ihre Schwester, viele Geschwister haben alle von den Amis gelebt. Die haben die Wäsche gebracht und abgeholt. Ich war natürlich das Maskottchen dieser Einheiten, jahrelang. CD Out of this world 0‘45 ERZÄHLERIN Der Name Helmut ist den GIs zu kompliziert, also nennen sie den Jungen „Jimmy“. Der spricht auch die Fräuleins an, an denen die Soldaten Gefallen gefunden haben und muss regelmäßig die Grenzstationen anrufen. Alles in Ordnung? Keine besonderen Vorkommnisse auf Seiten der russischen Armee? Helmut Markwort alias „Jimmy“ meldet dann alles dem diensthabenden Offizier. Zum Dank bekommt er eine maßgeschneiderte US-Kinder-Uniform, mit passender Mütze. Dienstrang Master Sergeant. Die Uniform trägt er auch, als sein Vater einige Monate später aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wird. OTON 14 Helmut Markwort 7 Mein armer Vater, der hat einen Todesschreck bekommen. Er stieg da aus dem Lastwagen aus, den hat einer mitgenommen als entlassener Kriegsgefangener. Und da guckt sein Sohn in einer Ami-Uniform aus der Wohnung raus. Er ist bald umgefallen. Der wollte nie wieder was mit Politik zu tun haben. Aber seine Stimmung ist schnell umgeschwungen, weil ich ihn massenweise mit Zigaretten versorgt habe. Lucky Strike, der war ein Kettenraucher. Ich hatte alles. Geräusch: Baseball schlagen, spielende Kinder Musik: Out of this world 0‘26 ERZÄHLERIN Mit den GIs kam auch eine neue Sportart nach Bayern: Baseball. Im Haus der Bayerischen Geschichte hängt ein Foto, das bayerische Buben lachend mit Baseball-Schlägern zeigt, im Sommer 1945. Einer von ihnen, Heinrich Huber, erinnert sich 2013 im Interview: OTON 15 Heinrich Huber Eine erste Amtshandlung war für die G.I.s, sich einen Baseballplatz zu schaffen auf der Stadlerwiese. Und wir Jungs, wir sind am Rande gestanden, haben da zugeschaut und haben gedacht, hey, was machen die da? Und die Amis haben dann gemerkt, dass wir interessiert waren. Wir waren so sieben, acht, neun, zehn, elf Jahre alt. Und ja, die sagten dann: Hello boys, what about you? Would you like to play baseball with us? Ja, really? Okay. Also uns ging es ganz herrlich in der Zeit und wir Buben, wir sind ja sofort zu den Amerikanern übergelaufen und haben ja die Gelegenheit gehabt, mit den Lastwägen mitzufahren und vor allem auch, wir haben dann in der Zeit jeden Nachmittag Baseball gespielt auf der Stadlerwiese. Musik: Out of this world 0‘21 ERZÄHLERIN Es erwacht die Liebe zur US-Kultur, ob Baseball oder Rock’n’Roll, zu Jazz, Jeans und zu Hollywood-Filmen. Und es erwacht auch die Liebe der Soldaten zu den German Fräuleins. Annäherungen, die nicht allen in der US-Regierung gefallen. Insbesondere nicht Henry Morgenthau (AUSSPRACHE: 'Morrgntau, 'Hännri), US-Finanzminister. 1945 veröffentlicht er das Buch „Germany is our problem“, indem er den nach ihm benannten Morgenthau-Plan skizziert und sich für eine raue, alles andere als freundliche Behandlung des besiegten Deutschlands einsetzt. Das Ziel: Deutschland darf nie wieder einen Angriffskrieg führen. Dazu will er das Land komplett demilitarisieren und in einen Agrarstaat verwandeln, die Industrie demontieren und Großgrundbesitz zerschlagen. Vielen in der US-Regierung ist der Morgenthau-Plan aber zu radikal, so dass er letztlich für die tatsächliche Besatzungspolitik der Alliierten im Nachkriegsdeutschland keine Rolle spielt. MUSIK upbeat, z.B. Glenn Miller Little Brown Jug 0‘43 ERZÄHLERIN Von zentraler Bedeutung dagegen wird der Marshall-Plan, benannt nach US-Außenminister George Marshall (AUSSPRACHE: Mahschl (sch=stl.), Dschohdsch): ein umfangreiches Hilfsprogramm, das viele westeuropäische Staaten beim Wiederaufbau unterstützt. Bis 1952 fließen über 13 Milliarden US-Dollar, davon über 1,4 Milliarden Dollar nach Westdeutschland. Für damalige Verhältnisse gewaltige Summen. Finanzielle Mittel, aber auch technische Hilfe, die die wirtschaftliche Stabilität und den Wiederaufstieg Deutschlands massiv fördern. Ein Meilenstein in der Annäherung der beiden Nationen, da der Marshall-Plan den Status der USA als Partner und Förderer Deutschlands zementiert, und vor allem Vertrauen schafft. Ein Vertrauen, das bereits vor dem Marshall-Plan ab 1946 durch private Hilfspakete gefestigt wurde, so der Regensburger Historiker Wolfgang Reinicke. OTON 16 Wolfgang Reinicke 4a Eine private Initiative, CARE, aus den USA, war aufs Ganze gesehen mindestens genauso wichtig dafür, dass die Amerikaner von der deutschen Bevölkerung als positiv wahrgenommen wurden. Denn jetzt kam wirklich professionelle Hilfe aus den USA, sogenannte Liebesgaben, wie sie sehr schnell geheißen haben, in Paketform. Wo man dann sehr genau sich angeschaut hatte, für die hungernde Bevölkerung, was braucht man da: hochkalorienhaltige Lebensmittel, die auch natürlich in Konserven sein mussten oder getrocknet, um nicht zu verderben. ERZÄHLERIN Der Nährwert jedes CARE-Pakets betrug etwa 40.000 Kilokalorien. Mit Rindfleisch in Kraftbrühe, Steaks, Leber, Corned Beef, Speck, Margarine, Schweineschmalz, Zucker, Honig, Schokolade, Rosinen, Aprikosen-Konserven, Eipulver, Vollmilch-Pulver und zwei Pfund Kaffee. OTON 17 Wolfgang Reinicke 4b Die wurden unter anderem nach Deutschland geschickt und dort verteilt. Und dass eben die ehemalige oder eigentliche Feindmacht, die das Land besetzt und den Krieg beendet und das NS-Regime zum Teufel gejagt hatte, dass die jetzt auch noch ein Jahr nach dem Krieg anfängt, in großem Maßstab solche CARE-Pakete hierher zu schicken, an die Bevölkerung, die Hunger leidet. Das gab den, glaube ich, ganz wichtigen Turnaround, dass man doch Zutrauen fand, dass die Amerikaner so schlecht nicht sein konnten und dass man sich gerne an denen orientiert. Musik: Himmelfaden 0‘44 ERZÄHLERIN Allerdings nicht in allen Bereichen. Die US-Militärregierung will eigentlich auch in Bayern das amerikanische Schulsystem installieren, aber High Schools und Colleges unter weiß-blauem Himmel? Ein Vorstoß, der in allen Regierungsbezirken auf Widerstand stößt. Es gibt eine parteiübergreifende Koalition, die gegen die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems protestiert. Grund- und Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien sollen bleiben. Mit Erfolg. Die angedachte Schulreform scheitert. Auf politischer Ebene hingegen werden die Institutionen der US-Demokratie eine wichtige Blaupause für den Neuanfang. OTON 18 Wolfgang Reinicke 5 Der Bayerische Landtag wurde 1946 wieder einberufen und das konnte nur passieren, diese ganz schnelle Re-Demokratisierung, weil Bayern eben Teil der amerikanischen Besatzungszone geworden ist. Weil die Amerikaner ganz starken Wert gelegt haben darauf, dass diese Demokratisierung so schnell wie es irgendwie geht wieder Fuß fasst. Und es wuchs von der Gemeindeebene bis rauf zur Landesebene und Bayern hat auch Ende 1946 schon eine eigene demokratische Verfassung wieder gehabt. Auch das nur, weil die Amerikaner dafür die Grundlagen gelegt haben. Und warum haben die Amerikaner das gemacht? Natürlich, weil sie wollten, dass ihre Vorstellung, ihr Way of Life sich in den von ihnen besetzten Zonen durchsetzt. Aber man sorgt auch dafür, dass diejenigen, die man befreit hat, jetzt auch ganz schnell wieder auf die eigenen Füße kommen und sich selber organisieren können. Denn man brauchte ja auch Partner für den sich abzeichnenden neuen Konflikt zwischen Ost und West, zwischen USA auf der einen Seite und Sowjetunion und dem sogenannten Ostblock auf der anderen Seite. ERZÄHLERIN Nach dem Tod des US-Präsidenten Roosevelt im April 1945 und vor allem nach dem republikanischen Sieg in den Kongresswahlen von 1946 setzen sich Vertreter eines strikt antikommunistischen Kurses durch, darunter US-Präsident Harry S. Truman. Musik: Perdido 0‘28 Ein Kurs, der vor allem ein Ziel hat: der möglichst rasche Wiederaufbau West-Deutschlands als Bastion gegen den Kommunismus - militärisch, ökonomisch, und politisch. Die ersten Amerikahäuser werden gegründet und Austauschprogramme mit US-Universitäten, in denen vor allem deutsche Nachwuchspolitikerinnen und -Politiker Nachhilfe in Demokratie erhalten. OTON 19 Hildegard Hamm-Brücher 1 Also ich behaupte, wir hätten es in Deutschland nicht geschafft, eine Demokratie aufzubauen, die sich so positiv doch in den Fundamenten entwickelt hat, ohne diese amerikanische Wegweisung. ERZÄHLERIN So schätzte es Hildegard Hamm-Brücher ein, Jahrgang 1921. Im Mai 1948 wird sie für den Münchner Stadtrat auf die Liste der Bayern-FDP gewählt und erhält 1949 ein einjähriges Studium an der renommierten Harvard-Universität. Im Gespräch für das Zeitzeugen-Projekt im Haus der Bayerischen Geschichte erinnert sie sich 1998: OTON 20 Hildegard Hamm-Brücher 2 Ich hatte ja noch in der Schule eingedrillt bekommen: Demokratie, das passt für Deutsche nicht, diese Quatschbuden und Parteienstreits, wie schrecklich! Und einer hat befohlen und alle haben zu gehorchen, das war doch das große Unglück und das umzudenken, das lernen umzudenken und nach dem Umdenken anders zu handeln, sich anders zu verhalten, das ist ja nicht vom Himmel gefallen und das haben die Amerikaner in einer geradezu rührenden Geduld bis weit in die 50er-Jahre hinein uns dabei geholfen. Und diese Programme waren eben gerade für junge Menschen wie mich ein Startkapital, wie ich es nirgendwo anders herbekommen hätte. MUSIK: Glenn Miller, In the Mood 0‘30 ERZÄHLERIN Mit gleichberechtigtem Zugang für Männer und Frauen. Ein Mosaikstein in einem vielschichtigen Netzwerk, das zwei Nationen aufs Engste verbinden sollte. Das Gegensätze überwinden konnte und mit Hilfe von politischen Ideen, wirtschaftlichen Kräften und auch der Macht der Popkultur in kürzester Zeit aus Feinden Freunde machte.

  12. Hitze in der Stadt - Kühlbringende Ideen und Lösungen

    01.07.2025 · 22 Min.

    Die Zahl der Hitzesommer nimmt zu. In Städten sind die Auswirkungen besonders stark, sie entwickeln sich zu Glutöfen. Viele Stadtplaner steuern inzwischen gegen - mit Bächen, Parks und begrünten Fassaden. Von Claudia Steiner (BR 2021) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Katja Amberger, Katja Bürkle, Peter Veit Technik: Roland Böhm Redaktion: Matthias Eggert, Iska Schreglmann Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Stephan Pauleit (Professor am Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung der TU München); Sabrina Erlwein (Doktorandin am Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung der TU München); Espeth Oppermann (Vom Rachel Carson Centre der LMU München); Stefan Petzold (Referent beim Naturschutzbund Deutschland); Giovanni Betti (Assistenz-Professor für Architekturdesign an der Universität in Berkeley/USA) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hitze, Hagel, Hochwasser - Städte wappnen sich für Extremwetter JETZT ANHÖREN Wasserknappheit bei uns - Rauscht es bald nicht mehr? JETZT ANHÖREN El Niño und la Niña - Wie sie das Weltwetter aufmischen JETZT ANHÖREN Kühltechnik - Wie künstliche Kälte unser Leben beeinflusst JETZT ANHÖREN Linktipps: Hintergrundinfos des Naturschutzbundes zum Stadtklima und umweltpolitische Forderungen, um die Städte gegen die Klimakrise zu rüsten: EXTERNER LINK | https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/ressourcenschonung/bauen/stadtklima/index.html Handlungsempfehlungen für Kommunen aus dem Projekt "Klimaschutz und grüne Infrastruktur in der Stadt" der Technischen Universität München: EXTERNER LINK | https://www.zsk.tum.de/fileadmin/w00bqp/www/PDFs/Berichte/180207_Leitfaden_ONLINE.pdf Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  13. Der Kölner Dom - Ein Riese der deutschen Geschichte

    01.07.2025 · 22 Min.

    Der Kölner Dom: Über 600 Jahre dauerte es, bis er stand. Als er 1880 vollendet war, war der Dom sogar für kurze Zeit das höchste Gebäude der Welt. - Aber der Kölner Dom fasziniert nicht nur durch seine schiere Größe, sondern als Monument der Kultur- und Kunstgeschichte. (BR 2024) Credits Autor und Regie dieser Folge: Martin Trauner Es sprachen: Katja Bürkle, Peter Veit Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Dr. Mathias Deml – Kunsthistoriker am Dombauarchiv in Köln Weiterführende Links zum Kölner Dom: Geschichte des Kölner Doms Hier geht es zur Website Mathias Deml erklärt den Altar der Stadtpatrone von Stephan Lochner Hier geht es zu YouTube Literaturtipps: Arnold Wolff, „Der gotische Dom in Köln“ – da entdeckt man viele Kleinigkeiten aus der Geschichte des Doms. Und vor allem: Schöne Fotografien Harald Friese, „Der Kölner Dom“ – eine umfassende Darstellung mit vielen Bildern Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Da gibt es dieses Bild aus der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs. - Die Stadt Köln liegt in Schutt und Asche. - Die Hohenzollernbrücke, die auf den Dom zuführt, ist von der deutschen Wehrmacht gesprengt worden - die Altstadt: ein Skelett. - Nur der Dom, der Kölner Dom, der hat das alles überstanden… 001 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und wenn man sich die Stadt zu diesem Zeitpunkt anguckt, ist die Kölner Innenstadt eine einzige Trümmerwüste und zumindest, aus der Ferne heraus betrachtet, wirkt der Dom so, als ob er den Krieg fast unversehrt überstanden hätte. ERZÄHLERIN Der Dom zu Köln, entworfen im Mittelalter, gebaut im Stile der Gotik, ein Mythos - ein Monument für die Ewigkeit? MUSIK: „Sederunt principes“ ZITATOR (Helmcken 1899) Der Dom zu Köln — welch heiliger, unergründlicher Zauber liegt in diesem Bilde, in diesem Worte verborgen! Der Dom zu Köln ist für die deutsche Kunst und Kultur, was der Rhein ist für die Herrlichkeit der deutschen Nation. Das Symbol des Rheines ist der Dom! ERZÄHLERIN Schreibt ein Kirchenführer aus dem Jahr 1899. Also: der Kölner Dom, der scheint unvergänglich. Unbezwingbar. Und da gibt es ja noch dieses Bild aus den Kriegszeiten 1945, vom Dom, der alles unbeschadet überstanden habe… 002 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Weswegen dann auch teilweise das Gerücht entstanden ist, der Dom sei ganz bewusst im Krieg verschont worden. - Das stimmt so nicht ganz. MUSIK aus ERZÄHLERIN Sagt Mathias Deml, Kunsthistoriker am Dombauarchiv in Köln. Denn: nicht nur die Alliierten, selbst die deutsche Wehrmacht hat den Dom beschossen. Aber: 003 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Dass der Dom im Vergleich zu den anderen Bauten in Köln noch so gut aussah, ist letzten Endes seiner Konstruktionsweise zu verdanken. Die meisten der Bomben sind durch die Gewölbe oder auch mal durchs Fenster in den Dominnenraum eingeschlagen, dort detoniert. Da der Dom aber in erster Linie aus gewaltigen Fensterflächen und relativ schmalen Pfeilern besteht, konnte ein Großteil der Druckenergie, die entstanden ist, durch die Fenster wieder nach außen gelangen. Das heißt, die Pfeiler wurden durchgeschüttelt. Ein großer Teil der oberen Gewölbe ist eingestürzt. Die Grundsubstanz blieb allerdings stehen. Atmo Glocke ERZÄHLERIN Der Dom hat also den Krieg – obwohl nicht unversehrt - überstanden, und konnte so 1948, drei Jahre nach Kriegsende, ganz besonders gefeiert werden. : 004 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Ja, es gibt tatsächlich 1948 ein großes Jubiläum in Köln. Da feiert man 700 Jahre Grundsteinlegung. ERZÄHLERIN Die Dombauhütte in Köln hatte davor viel zu tun… Eine Radioreportage von 1948 berichtet: 005 ZUSPIELUNG (Radioreportage 1948) Gründonnerstag im Kölner Dom Jahr 1948. Es ist nicht das würdige Bild, das ansonsten an diesem Tag des Kirchenjahres in einer Kathedrale herrscht. ERZÄHLERIN Ein knappes halbes Jahr vor dem Jubiläum im Sommer 1948 besucht der Radioreporter Bernhard Ernst den Kölner Dom… 006 ZUSPIELUNG (Radioreportage 1948) Und der Rundfunksprecher steigt – etwas wider der Würde des Tages, die Feuerwehrleiter, eine 40 Meter hohe hinauf, um auf eines der Gerüste des Kölner Doms zu gelangen, zum Dombaumeister … ERZÄHLERIN Zum amtierenden Dombaumeister Willy Weires. Der berichtet ganz nüchtern von den Restaurierungsarbeiten nach den Kriegsschäden… 007 ZUSPIELUNG (Radioreportage 1948) Das ist ein schweres Laufgerüst, das wir dort angebracht haben, um die Arbeiten schneller voranzutreiben. Denn sie werden sehen, dass uns dieser Termin sehr auf dem Nacken liegt und dass wir uns sehr anstrengen müssen, um den Dom zur angegebenen Zeit wieder zugänglich zu haben… ERZÄHLERIN Der Reporter freilich ist gerührt von der Erhabenheit dieses Bauwerkes… 008 ZUSPIELUNG (Radioreportage 1948) und dann Orgelmusik aus dem O-Ton (Und) ich glaube, wir können am 15. August, wenn wir hier im feierlichen Rahmen stehen, dann von dem Feste der Auferstehung aus den Trümmern sprechen … MUSIK (Orgel aus dem O-Ton und dann weg) ERZÄHLERIN Der 15. August ist das wohl wichtigste Datum in der Geschichte des Kölner Doms. An diesem Tag, im Jahr 1248, soll der Erzbischof Konrad von Hochstaden den Grundstein für die neue Kirche gelegt haben. – Ganz nah am Rhein. - Aber erstmal: Selbst wenn man sich den Kölner Dom an keinem anderen Platz mehr vorstellen könnte als direkt vor dem Hauptbahnhof, stellt sich trotzdem die Frage: Gibt es einen speziellen Grund, warum genau hier der Grundstein gelegt wurde? 009 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Darüber können wir nur spekulieren. Es gab mal in früheren Zeiten die Theorie, dass an der Stelle ein Tempel gestanden haben könnte. Für den gibt es allerdings keinerlei Hinweise. Wir wissen, dass eine erste große Kirchenanlage an dieser Stelle um das Jahr 500 errichtet worden ist. ERZÄHLERIN Und bei Ausgrabungen hat man tatsächlich etwas gefunden. 010 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Aus dieser frühen fränkischen Zeit haben wir unter anderem ein Taufbecken gefunden, das älteste Taufbecken, das im Rheinland erhalten ist. Also nicht so, wie wir heute in Kirchen an Taufbecken kennen, sondern wirklich ein großes Becken für die erwachsenen Taufe, wo man dann zwei Treppenstufen hinab gestiegen ist. (…) Ein ganz sensationeller Fund. ERZÄHLERIN Vermutlich im 9. Jahrhundert errichtet man dann hier eine sehr große karolingische Kirche, den so genannten „Alten Dom“ - Aber warum braucht es dann ein paar hundert Jahre später einen „Neuen Dom“? 011 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Ja, darüber haben wir leider keine Quelle, die uns das ganz genau sagt, aus dem und dem Grund beginnen wir zu bauen. Wir können nur darüber spekulieren und es gibt sicherlich eine Vielzahl von Gründen. ERZÄHLERIN So Mathias Deml. – Ein entscheidender Grund dürfte gewesen sein, dass im Jahr 1164 der damalige Kölner Erzbischof Reinhard von Dassel Gebeine aus Mailand nach Köln gebracht hat – die Gebeine der Heiligen Drei Könige. 012 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Die Mailänder haben die natürlich nicht ganz freiwillig hergegeben. Es war sozusagen eine Kriegsbeute. Zwei Jahre vorher hatte Kaiser Friedrich Barbarossa zusammen mit seinem Kölner Erzbischof die Stadt Mailand belagert und erobert und als Dank für die geleisteten Dienste hat Reinhard von Dassel diese Gebeine vom Kaiser geschenkt bekommen. MUSIK: „Ascolta“ ERZÄHLERIN Die Heiligen Drei Könige sind jetzt in Köln! - Nun muss man wissen, dass diese drei Könige sehr umstrittene und auch nur „so genannte Heilige“ sind. Förmlich „Heiliggesprochen“ wurden sie bis heute nicht. - Im neuen Testament werden sie nur vom Evangelisten Matthäus mit einem Satz erwähnt. Und der nennt sie die „Magoi apo anatolon“ – Also die „Sternendeuter aus dem Osten“. - Wie viele Magier es waren oder gar, wie sie hießen, darüber schweigt sich Matthäus aus. MUSIK aus 013 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) In Mailand scheinen diese Reliquien relativ unbekannt gewesen zu sein, aber Reinhard von Dassel war ein sehr gewiefter Politiker auch und er reiste nun mit weiten Umwegen nach Köln, unter anderem durchs Burgund, und machte überall, wo er vorbeikam, kräftig Werbung dafür, dass er nun im Besitz der Gebeine der heiligen drei Könige - nach mittelalterlichen Vorstellungen, die Gebeine der ersten christlichen Könige überhaupt - ist. Und als sie in Köln ankamen, wurde Köln zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte des Christentums … ERZÄHLERIN Für die Reliquien der Heiligen Drei Könige baut man gegen Ende des 12. Jahrhunderts einen prunkvollen Schrein, da fehlt also nur noch eine prachtvolle Kirche, um die Gebeine auszustellen, und eine große Kirche auch für die Pilger, die zunehmend in die Stadt kamen. Denn nach Köln zu wallfahren hat sich für viele als doch einfacher erwiesen, als die schwere Reise nach Santiago de Compostela in Spanien anzutreten oder gar das Abenteuer nach Jerusalem zu wagen. Zu den anderen wichtigen Heiligen Stätten der Christenheit. MUSIK: „Tanec“ ERZÄHLERIN In Köln beruft man nun einen Dombaumeister. Der erste in einer sehr langen, aber auch einer sehr langen unterbrochenen Tradition. - Heute kennt man von ihm gerade noch seinen Namen: Meister Gerhard. 014 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Wir wissen, dass er wahrscheinlich in den 1260er -Jahren gestorben ist. Aufgrund der Architektur des Kölner Domes können wir darauf schließen, dass er entweder aus Frankreich kam oder zumindest in Frankreich geschult worden war. Und dort die neuesten großen Kirchenbauunternehmungen sehr gut kannte. ERZÄHLERIN Die neuesten „Kirchenbauunternehmungen“ in Frankreich, das sind etwa die Kathedralen von Amiens oder die von Saint-Denis. Und diese Kathedralen sehen so ganz anders aus als die alten romanischen Kirchen. Die es in Köln zuhauf gibt. Diese neuen Gemäuer streben in die Höhe, der Innenraum ist nicht finster, wie bei den alten Kirchen, sondern Licht durchflutet die riesigen Fenster und erhellt den Chorraum. - Heute übrigens nennt man diesen Stil: „Gotik“. Entstanden in Frankreich… 015 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Der Kölner Dom ist tatsächlich ein erstaunlich französischer Bau, was seine Architektur angeht. Der sich in vielen Dingen etwa im Grundriss an der Kathedrale von Amiens orientiert, im Wandaufbau und in Details, aber auch an der modernsten Pariser Architektur des frühen 13. Jahrhunderts, etwa der Saint-Chapelle in Paris. - Und wie unser ehemaliger Dombaumeister Arnold Wolf immer hervorgehoben hat, neigt der Kölner Dom dazu, die dort gefundenen Formen noch mehr weiter zu entwickeln und zu perfektionieren. Das ist natürlich jetzt schwierig, ohne Bilder, im Radiointerview zu beschreiben… MUSIK: „Eros“ ERZÄHLERIN Der Schauspieler August Wilhelm Iffland hat es 1790 trotzdem versucht. ZITATOR (August Wilhelm Iffland - 1790) Die Pracht des himmelan sich wölbenden Chors hat eine majestätische Einfalt, die alle Vorstellung übertrifft. In ungeheurer Länge stehen die Gruppen schlanker Säulen da, wie die Bäume eines uralten Forstes (…) ERZÄHLERIN August Wilhelm Iffland war hingerissen, als er den Dom betrat. ZITATOR (August Wilhelm Iffland - 1790) Lässt sich auch schon das Unermessliche des Weltalls nicht im beschränkten Raume versinnbildlichen, so liegt gleichwohl in diesem kühnen Emporstreben der Pfeiler und Mauern das Unaufhaltsame, welches die Einbildungskraft so leicht ins Grenzenlose steigert… MUSIK aus ERZÄHLERIN Aber noch einmal zurück ins Mittelalter, als in Köln das Unternehmen „Dombau“ Fahrt aufnimmt. 016 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und am Anfang hat man auch relativ schnell gebaut, 1322 war der Domchor als wichtigster und bedeutendster Teil des Kölner Domes in voller Höhe fertig gestellt und konnte feierlich eingeweiht werden. ERZÄHLERIN Also schon nach knapp 70 Jahren Bauzeit… Für mittelalterliche Verhältnisse ganz flott… Danach beginnt man mit dem Bau von Langhaus, Querhaus und den Türmen. Zwei sollen es werden. Ein Südturm und ein Nordturm. MUSIK: „Tanec“ ZITATOR (Francesco Petraraca 1333) „Vidi templum urbe media pulcherimum quamvis inexpletum“ – ERZÄHLERIN Im Jahr 1333 soll der italienische Dichter Francesco Petrarca durch Köln gereist sein. ZITATOR (Francesco Petraraca 1333) Ich sah mitten in der Stadt die herrliche Domkirche, die man nicht ohne Grund die allerherrlichste nennt, obwohl … ERZÄHLERIN Petrarca schiebt ein „quamvis“, also ein--- „obwohl“ hinterher. Was das wohl bedeutet? - Ihm ist halt nicht verborgen geblieben: ZITATOR (Francesco Petraraca 1333) Der Dom ist unvollendet… MUSIK aus ERZÄHLERIN Mathias Deml von der Kölner Dombauhütte ergänzt: 017 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und da merkt man, dass dann der Bauprozess allmählich ins Stocken geraten ist. Und irgendwann zwischen 1520 und 1530, ganz genau wissen wir es nicht, hat man dann die Bauarbeiten tatsächlich für über 300 Jahre unterbrochen. ERZÄHLERIN Warum eigentlich der Dombau zu dieser Zeit eingestellt wurde, weiß man auch nicht genau. Vermutlich war die Zeit der großen Kathedralen nach französischem Vorbild einfach vorbei… Der Dom bleibt also über viele Jahrhunderte ein Fragment. Trotzdem prägt er das Kölner Stadtbild des Mittelalters, und das, obwohl von den Türmen nicht viel zu sehen gewesen ist. Vom Nordturm stehen nur wenige Mauern, gerade mal fünf Meter groß, aber immerhin, zumindest der Südturm ist etwas über 56 Meter hoch, er hat so ungefähr ein Drittel der heutigen Höhe erreicht. Oben auf dem unvollendeten Südturm sieht man eine verwaiste Baustelle… 018 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) (Und) oben auf diesem Turmstumpf stand ein gigantischer hölzerner Baukran, wahrscheinlich eine der größten Baumaschinen des Mittelalters überhaupt, der bis ins 19. Jahrhundert dann das Wahrzeichen von Köln war. ERZÄHLERIN In vielen zeitgenössischen Kupferstichen wird der Dom mit dem Kran abgebildet. Und erstaunlich, obwohl der Dombau ruht, den Kran hält man in Stand, nach einem Blitzeinschlag im frühen 17.Jahrhundert wird er sogar repariert. Der Baukran wird für viele Generationen zum Sinnbild dafür, dass der Dom irgendwann fertig gestellt werden wird… So hofft man das zumindest … 019 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Dieser Baukran war wirklich weltberühmt, sogar in „Moby Dick“, einem amerikanischen Roman von Herman Melville, wird er erwähnt als Symbol dafür, dass die wirklich großartigen Werke der Menschheit viele, viele Generationen brauchen, um vollendet zu werden. MUSIK: „The vikings & Barons“ ERZÄHLERIN Hermann Melville bemüht sich, in einem Kapitel von Moby Dick über alle Erscheinungsformen von Walen zu schreiben. Also: Welche Arten von Walen gibt es? Wie sehen die aus? - In der Fachsprache nennt man dieses Vorhaben eine „Cetologie“ - Ein schwieriges, sogar unmögliches Unterfangen. - ZITATOR (Melville – „Mobby Dick“ - Übersetzung 1922) „Doch nun lasse ich mein cetologisches System im Stich, so unfertig, wie der erhabene Kölner Dom gelassen wurde, mit dem Kran hoch auf der Plattform des unvollendeten Turms. Denn kleine Bauwerke können von dem beendet werden, der sie zuerst geplant hat; die großen, die wahren, sie überlassen es immer der Nachwelt, den Schlussstein einzufügen… MUSIK aus ERZÄHLERIN Über Jahrhunderte ist also nicht viel passiert, an dem Kölner Domrohbau. Der gotische Stil war zunehmend aus der Mode gekommen. Selbst ein Johann Wolfgang von Goethe hält die Gotik lange Zeit für eine Ansammlung von „Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem“. - Doch plötzlich tut sich was in Köln… Denn im späten 18. Jahrhundert findet man die Gotik plötzlich gar nicht mehr ganz so schlecht. Aber nun muss man den Dom erstmal vor einem äuß0eren Feind schützen… 020 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) 1794 ist Köln von französischen Revolutionstruppen erobert worden… MUSIK: „Holcane attack“ ERZÄHLERIN Die Mitglieder des Domkapitels fliehen mitsamt dem Dreikönigsschein und der Dombibliothek auf die andere Seite des Rheins nach Osten, genauer gesagt weit in den Kölner Osten, ins Sauerländische Arnsberg. - Und die französischen Soldaten besetzen den Dom. Das Gebäude dient jetzt als Magazin und als Kriegsgefangenenlager. Die französischen Soldaten verheizen alles Holz, das greifbar ist. Erstaunlicherweise verschonen sie das mittelalterliche Chorgestühl – Aber: die letzte Messe im Dom scheint gelesen zu sein… 021 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und genau in dieser Zeit eigentlich der größten Gefährdung für den Dom gab es nun hier in Köln einige Leute, die den Bau wieder entdeckten. An erster Stelle muss hier Sulpiz-Boisserée, ein Kaufmannsohn aus Köln genannt werden, der nun alles dafür tat, bei seinen Zeitgenossen dafür zu werben, diesen gewaltigen Bau, der sehr, sehr stark auch heruntergekommen war, zu restaurieren und vielleicht dann auch, wie es dann tatsächlich passiert ist, zu vollenden. ERZÄHLERIN Sulpiz-Boisserée ist gerade mal 24 Jahre alt, als er seine Mission beginnt. Die französischen Truppen besetzen immer noch Köln, aber der junge Kaufmannssohn wirbt und wirbt für sein neues Dombauvorhaben. Er kann sogar einen gewissen Johann Wolfgang von Goethe für sich gewinnen, der sich mittlerweile vom Saulus zum Paulus gewandelt hat. Goethe lehnt die Gotik jetzt nicht nur nicht mehr ab, er hält sie für „d i e“ deutsche Baukunst. Natürlich sei die Gotik erfunden worden von einem Genie, so wie er selbst eines ist … 022 (Teil1) ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Das Ganze hat sich dann noch vermengt mit nationalen Ideen. Nach den gewonnenen Befreiungskriegen gegen Napoleon hat man lange darüber debattiert, wo man ein großes deutsches Nationaldenkmal errichten könnte. - Und da hat bereits 1814 Josef Görres vorgeschlagen, man könne doch den Kölner Dom, alle Deutschen gemeinsam, egal welcher Konfession, fertig bauen. Görres vertrat die Meinung, die viele seiner Zeitgenossen fälschlicherweise vertraten, die Gotik wäre ein typisch deutscher Baustil. Und in die Diskussion hat sich dann am Ende auch noch der Kronprinz von Preußen eingemengt, der ganz begeistert vom Kölner Dom war. Und nun versprochen hat, wenn ich mal König geworden bin, gebe ich viel Geld dafür aus, den Dom fertig zu bauen. MUSIK: „Sederunt principes“ - ERZÄHLERIN Und dann geht es tatsächlich sehr schnell. Also nicht nur nach mittelalterlichen Maßstäben … Schon 1824 ist eine neue Dombauhütte gegründet worden, die zunächst erst einmal die vielen Schäden des bestehenden Baus beseitigen musste. Und der Kronprinz von Preussen? 022 (Teil2) ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Er hat 1842 Wort gehalten und als Friedrich Wilhelm IV. den Grundstein zum Dombau gelegt ERZÄHLERIN Dann geht man den Dominnenraum an. Vollendet das Lang- und das Querhaus. - Und in nur 15 Jahren errichtet die Dombauhütte mit Hilfe neuer Techniken, etwa mit Hilfe der Dampfmaschine, die beiden Türme genauso und in der Gestalt, wie sie ursprünglich, 600 Jahre zuvor, geplant worden sind. 023 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Wir haben aber tatsächlich aus dem Mittelalter einen über vier Meter hohen Pergamentplan. Und der zeigt die beiden Türme bis ins Detail so durchgezeichnet, wie sie mit relativ wenigen Abweichungen tatsächlich dann im 19. Jahrhundert fertig gestellt worden sind. ERZÄHLERIN Mit 157 Metern Höhe ist der Kölner Dom bei seiner Vollendung im Jahre 1880 für einige Jahre das größte Bauwerk der Welt… MUSIK ein wenig pathetisch und dann weg ERZÄHLERIN Und nun hatte man kurz gedacht, nach über 700 Jahren Bauzeit müsste doch jetzt mal Ruhe sein. – Köln hat endlich seinen Dom. Und endlich zu Ende gebaut, aber… 024 (Teil1) ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Aber natürlich auch nachdem der Kölner Dom fertig war, 1880, waren die Arbeiten nicht ganz abgeschlossen. Es gab noch Arbeiten im Innenraum, an der Ausstattung, Nachbesserungsarbeiten. Das Ganze hat bis ins frühe 20.Jahrhundert gedauert. Und dann hat der damalige Dombaumeister, der auch die Domvollendung im Amt erlebt hatte, Richard Voigtel, zwei Jahre vor seinem Tod (…) gesagt, die nächsten 100 Jahre müssen wir am Dom nichts mehr machen. ERZÄHLERIN Das war im Jahre 1900. 024 (Teil2) ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Und nur zwei Jahre nach seinem Tod (…) fiel ausgerechnet auch noch nach einem sonntäglichen Pontifikalamt im Kölner Dom der Flügel einer Engelfigur direkt über dem Hauptportal herunter. ERZÄHLERIN Aber es bleibt nicht bei dem einen Flügel. Den ersten Weltkrieg überstand der Dom noch unbeschadet. Doch im zweiten Weltkrieg erlitt der Nordturm einen Treffer, die Orgel ging verloren, das Hochschiffgewölbe des Langshauses stürzte ein. - Aber trotz dieser Kriege ist erstaunlich, dass sich im Kölner Dom etwas erhalten hat, das vielen anderen Kirchen nicht vergönnt war: Glocken aus dem Mittelalter… 025 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Der Kölner Dom hatte das große Glück, dass im Ersten Weltkrieg nur eine seiner Glocken eingeschmolzen wurde und da auch erst ganz am Ende des Krieges, die sicherlich gar nicht mehr für Rüstungszwecke verwendet worden, die so genannte Kaiserglocke. - Und im Zweiten Weltkrieg schaffte das Domkapitel durch geschicktes Taktieren tatsächlich zu verhindern, dass überhaupt eine Glocke des Domes eingeschmolzen worden ist, so dass der Kölner Dom ein relativ besonderes Geläut hat, zudem unter anderem auch noch vier mittelalterliche Glocken heute gehören. Atmo: Geläut „Kölner Dom“ ERZÄHLERIN Also, wenn wir heute die Glocken des Doms hören, machen wir vielleicht eine akustische Zeitreise. Denn vor 700 Jahren klang das Geläut, wer weiß es, wohl gar nicht so anders wie heute … 026 ZUSPIELUNG (Mathias Deml) Das sind einmal zwei kleine Glocken aus dem frühen 14. Jahrhundert, die bereits 1322 wahrscheinlich zur Weile des Domchors zu hören war, und zwei Großglocken des 15. Jahrhunderts, die Pretiosa und die Speciosa. ERZÄHLERIN Der Kölner Dom hat über viele Jahrhunderte die deutsche Geschichte überstanden und begleitet Und, na ja, er wird vielleicht wohl auch die Irrungen und Wirrungen der nächsten Jahrhunderte überdauern…

  14. Die Goldjungs und die Herstatt-Bank - Eine spektakuläre Pleite mit Folgen

    01.07.2025 · 21 Min.

    Die Pleite der Kölner Herstatt Bank war eine der spektakulärsten in der deutschen Geschichte. Tausende Bankkundinnen und Bankkunden verloren Geld. Dabei hatte es so gut angefangen, als die Devisenhändler - intern Goldjungs genannt - begannen, auf Währungen zu wetten. Von Maike Brzoska (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Maike Brzoska Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Friedrich Schuler, Christian Schuler Technik: Ruth-Maria Ostermann, Lorenz Kersten Redaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Ulrich Klüh, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Darmstadt Christoph Kaserer, Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der Technischen Universität München Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Köln, den 27. Juni 1974. Vor der Haupt-Filiale der Herstatt Bank, unweit des Kölner Doms, finden sich ab acht Uhr in der Früh immer mehr Menschen ein. Sie sind aufgebracht, wütend und rufen: ZITATOR Halunken, Gauner, Betrüger SPRECHERIN Einige versuchen in die Schalterhalle der Bank zu gelangen. Mit aller Kraft stemmen sie sich gegen die Glastür. Vergeblich. Erst zwei Stunden später öffnet sich die Tür. Ein Mann kommt raus, mit einem roten Megaphon in der Hand. Es ist der Generalbevollmächtigte der Bank. Er versucht die Menschen zu beruhigen – und weist gleichzeitig jede Verantwortung von sich. Auch er sei von der „Dany-Dattel-Devisen-Show“ überrollt worden. So zitiert ihn das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dany wer? 01 O-TON (Klüh) Dany Dattel – das war durchaus eine schillernde Persönlichkeit. SPRECHERIN Sagt der Ökonom Ulrich Klüh. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Darmstadt. 02 O-TON (Klüh) Er war also der, der mit seinem Team diese spekulativen Währungsgeschäfte betrieben hat. Dieses Team wurde dann auch in Zeitungen als die Goldjungs beschrieben, weil die haben der Bank in den ersten Jahren dieser Geschäfte sehr, sehr viel Geld eingebracht. Musik: Financial supermarkets 0‘24 SPRECHERIN Die Goldjungs waren eine Zeitlang die Stars der Herstatt Bank. Sie wetteten im großen Stil auf Währungen und machten enorme Gewinne. Das war möglich, weil Anfang der 1970er vieles im Umbruch war, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. 03 O-TON (Kaserer) Die 1970er Jahre, also vor allem 71 bis 74, waren eine wirklich schwierige Zeit. Vielleicht in gewisser Weise auch vergleichbar mit dem, was wir heute erleben. SPRECHERIN Sagt der Ökonom Christoph Kaserer. Er ist Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der Technischen Universität München. 04 O-TON (Kaserer) Wir hatten massive geopolitische Krisen: den Jom Kippur Krieg im Nahen Osten. Wir hatten immer noch den Vietnamkrieg. Der Jom Kippur Krieg war ja dann auch der Auslöser dafür, dass es dann Ende 73 zum Ersten Ölpreisschock kam und damit ausgelöst eben alle negativen wirtschaftlichen Effekte, also Rezession usw. SPRECHERIN Damit endete in der Bundesrepublik eine – in wirtschaftlicher Hinsicht – relativ ruhige Phase, in der so etwas wie Bankenpleiten kaum denkbar waren. 05 O-TON (Klüh) Es hatte nämlich fast drei Jahrzehnte keine Pleitebank mehr gegeben, in Deutschland und sogar weltweit nicht. Und das lag wiederum daran, dass das Finanzsystem seit dem Zweiten Weltkrieg so aufgebaut war, dass es super stabil war. SPRECHERIN Super stabil, vor allem weil es feste Wechselkurse gab. 06 O-TON (Klüh) Also für eine DM hat man so und so viel Dollar bekommen, für eine Lira hat man so und so viel Franc bekommen. SPRECHERIN Das war das sogenannte System von Bretton Woods. Benannt nach dem Städtchen, wo sich die Regierungen 1944 darauf geeinigt hatten. 07 O-TON (Kaserer) Und das ist eben jetzt mit der Ankündigung von Präsident Nixon, die Goldbindung des Dollars aufzugeben, ins Wanken geraten. SPRECHERIN In einer berühmten Fernsehansprache sagte der damalige US-Präsident Richard Nixon: ZITATOR 2 (Nixon) Ich habe Finanzminister Conally angewiesen, vorübergehend die Konvertibilität des Dollars in Gold oder andere Reservemittel auszusetzen. Musik: Dark deeds (A) 0‘17 SPRECHERIN Das läutete 1971 das Ende von Bretton Woods ein, zwei Jahre später wurde es dann auch formal abgeschafft. Die Folge war, dass die Wechselkurse von da an sehr stark schwankten. 08 O-TON (Kaserer) Der US-Dollar ist allein im Jahr 1973 vom Höchst- zum Tiefstkurs um mehr als 30 Prozent gefallen. Daran kann man sehen, wie groß die Schwankungen in den Währungen waren. SPRECHERIN Und genau hier schlug die Stunde der Goldjungs. Das waren sechs sehr junge Devisenhändler, teilweise erst Anfang 20, die für Herstatt Bank arbeiteten. 09 O-TON (Kaserer) Die Herstatt-Bank ist das, was man als Privatbank bezeichnet und Iwan Herstatt war dann in der fraglichen Zeit der Geschäftsführer der Bank. SPRECHERIN Iwan David Herstatt – genannt Iwan der Große, auch wegen seiner Körperlänge von fast zwei Metern. Er war ein rheinisches Urgestein und bestens vernetzt in der Kölner Gesellschaft. 10 O-TON (Klüh) Er war so richtig, ich würde sagen, Teil des kölschen Klüngels. Also das ist so ein spannender Seitenaspekt, hat vielleicht auch dazu beigetragen, dass das so spektakulär war. Is this together (Quintett) 0‘39 SPRECHERIN Herstatt war in mehr als 30 Karnevalsgesellschaften und 20 weiteren Vereinen aktiv. Mehr als 20 Jahre lang organisierte er als Schatzmeister die Finanzierung des Kölner Rosenmontagsumzugs. Daneben saß er in zahlreichen Aufsichts- und Beiräten namhafter Unternehmen. Kaum ein Kölner Ereignis fand ohne ihn statt. Sein Netzwerk nutzte er, um Geschäfte zu machen. Von der Stadt Köln über den Kölner Erzbischof bis zum Verleger Alfred Neven-Dumont – sie alle hatten ein Bankkonto beim Iwan dem Großen. Übernommen hatte er die Bank 1955, für ihn ein Lebenstraum. Das Geld dafür kam unter anderem von seinem Freund Hans Gerling, Eigentümer des gleichnamigen Versicherungskonzerns. Unter Iwan Herstatt entwickelte sich die Bank zur größten Privatbank Deutschlands, mit starkem Fokus auf Außenhandelsgeschäfte. Diese Geschäfte waren der Grund dafür, dass die Devisenhändler, also die Goldjungs, so wichtig waren für die Bank. Denn wenn Unternehmen im Ausland handeln, sichern sie sich oft gegen schwankende Wechselkurse ab. 11 O-TON (Kaserer) Ein ganz einfaches Beispiel kann man sich wie folgt vorstellen: Angenommen, es gibt einen Exporteur, der hat einen Vertrag abgeschlossen über die Lieferung einer Ware. Er weiß, dass diese Ware in einem oder zwei Monaten bezahlt wird. Er fakturiert in, sagen wir US-Dollar, so dass er also heute nicht genau weiß, was werden dann diese US-Dollar dann wert sein, wenn die Bezahlung der Rechnung erfolgt. Und deswegen geht er zur Bank und vereinbart mit der Bank heute einen festen Wechselkurs für die Dollarzahlung, die erst in einem Monat, dann tatsächlich erfolgt. Das nennt man ein Devisentermingeschäft. Und damit hat er das Wechselkursrisiko vom Unternehmen auf die Bank übertragen. Und die Bank muss natürlich ihrerseits dann sich überlegen, ob sie selber dieses Wechselkursrisiko trägt oder ob sie sich wiederum entsprechend dagegen absichert. SPRECHERIN Zum Beispiel indem sie ihrerseits ein Devisentermingeschäft mit einer Bank abschließt. Diese Geschäfte nahmen mit dem Ende von Bretton Woods stark zu, nicht nur bei Herstatt, sondern bei den meisten Banken. Aber die Goldjungs waren dennoch etwas Besonderes. Das lag auch an Dany Dattel, Chef der Devisenabteilung. 12 O-TON (Klüh) Er hatte auch ein spannendes Team, und hat mit diesem Team mit modernsten Computern gearbeitet. Das war alles sehr futuristisch und das hat die Leute fasziniert. Musik: Ballet 0‘45 Atmo Computer SPRECHERIN „Raumstation Orion“ nannte man die Handelsräume der Goldjungs, nach der gleichnamigen Science-Fiction-Serie, die damals populär war. Sie telefonierten mit New York, machten Geschäfte mit London, schoben per Knopfdruck Millionen hin und her. Die Kölner Herstatt Bank war Teil der schillernden Finanzwelt und korrespondierte mit der Chase Manhattan genauso wie mit der sowjetischen Narodny Bank. Ein aufregendes Geschäft, das so ganz anders war als die traditionellen Bankgeschäfte, die bald als langweilig, als „boring“ galten. 13 O-TON (Klüh) Es ist einfach so, dass bis in die 60er Jahre hinein Banken, vor allem in Deutschland, aber auch weltweit, sich beschränkt haben auf ganz einfache Geschäfte, langweilige Geschäfte. Deswegen Boring Banking. Sie haben die Ersparnisse von Leuten verwaltet auf der einen Seite, und andererseits haben sie Kredite vergeben an die lokale Wirtschaft. Und es war ein relativ einfaches Geschäft, weil die Zinsen auch oft vom Staat festgelegt wurden. SPRECHERIN Ganz anders beim Währungshandel. Hier setzte man zum Beispiel darauf, dass der Dollar steigt oder fällt. Und weil das wegen der starken Schwankungen zunächst große Gewinne abwarf, spekulierten in der Herstatt Bank bald alle mit. 14 O-TON (Kaserer) Was dann in der Bank passierte, ist, dass man offensichtlich im ersten Schritt sich nicht mehr vollständig gegen diese Dollargeschäfte, die man mit Kunden gemacht hat, abgesichert hat, aber darüber hinaus wohl dann auch angefangen hat, unabhängig von Kundengeschäften, Eigenhandel zu betreiben und gegen den Dollar sozusagen zu spekulieren. SPRECHERIN Rückblickend läuteten diese neuartigen Finanzgeschäfte eine neue Epoche ein, sagt Ulrich Klüh. 15 O-TON (Klüh) Mit der Möglichkeit zu spekulieren, ist das Bankwesen ganz anders geworden. Nicht nur das Bankwesen, sondern das Finanzwesen insgesamt. Man kann sogar sagen, dass sich eine ganz neue Art von Kapitalismus entwickelt hat. Dass der Kapitalismus bis Anfang der 70er Jahre ein langweiliger, auf die Realwirtschaft, auf die normalen Unternehmen fokussierter Kapitalismus war, der Kapitalismus seit Anfang der 70er Jahre sich immer mehr zu einem Finanzmarktkapitalismus entwickelt hat. Und damit ist dann auch eine Abkehr vom langweiligen Banking verbunden. Die Banken machen ganz andere Sachen. Sie engagieren sich mit neuen Finanzprodukten, die sehr viel riskanter sind insbesondere. Musik: Dry and neutral (reduziert) 0‘45 Financial supermarkets 0‘8 SPRECHERIN Wobei es auch damals schon Menschen gab, die vor den hohen Risiken dieser Geschäfte warnten. Zum Beispiel die internen Revisoren der Herstatt Bank. Aber so lange die Goldjungs Gewinne machten, wurden die Warnungen beiseite gewischt. Kritiker galten auf der Raumstation Orion als Spielverderber. Die Währungs-Party war wohl einfach zu schön. Aber irgendwann ging es dann eben schief. Die Goldjungs verspekulierten sich. Sie setzten auf einen steigenden Dollar, aber er fiel – es kam zu großen Verlusten. Wann genau wie viele Schulden aufliefen, ist nicht ganz klar, denn nicht alle Verluste wurden ordnungsgemäß in der Bilanz ausgewiesen. Christoph Kaserer: 16 O-TON (Kaserer) Von den Jahren 71 bis 73 hat die Devisenabteilung erhebliche Gewinne erwirtschaftet. Wobei im Nachhinein man davon ausgehen muss, dass die Gewinne von 1973 eigentlich keine Gewinne waren, sondern die wurden sozusagen fingiert. Bestimmte Geschäfte sind nicht verbucht worden. Und wären diese Geschäfte ordnungsgemäß verbucht worden, dann wäre vermutlich – weiß man jetzt nicht ganz genau – aber man kann davon ausgehen, dass man wahrscheinlich schon 1973 Verluste erzielt hätte. SPRECHERIN Gerüchte machten die Runde. Denn auch den Währungshändlern der anderen Banken fiel auf, wie hoch der Einsatz der Goldjungs war. Das wurde auch der deutschen Aufsicht zugetragen. 17 O-TON (Klüh) Die Bundesbank hatte tatsächlich schon relativ früh gesteckt bekommen, und zwar aus London, dass da ihre Kölner Bank ein ziemlich großes Rad dreht und große Risiken eingeht. Aber die Bundesbank und die Bankenaufsicht, die waren nicht in der Lage, diese Informationen zu verwerten und dann einzugreifen. Musik: Wrong 0‘16 SPRECHERIN Misstrauen breitete sich in der Bankenbranche aus. Weil nicht klar war, wie es um Herstatt steht, reduzierten andere Banken ihre Geschäfte mit den Kölnern. Dadurch verschlechterte sich deren Lage weiter. 18 O-TON (Kaserer) Das war letztlich sozusagen der letzte Auslöser für die Pleite –, dass sich die anderen Banken geweigert haben, mit Herstatt so Kursabsicherungsgeschäfte abzuschließen. So dass also Herstatt sich gar nicht mehr von diesen Risiken lösen konnte, weil sie keine Partner mehr gefunden haben, die ihnen diese Devisenrisiken abgenommen haben. SPRECHERIN Mitte Juni meldete Herstatt einen Verlust von rund einer halben Milliarde D-Mark – ein Vielfaches des Eigenkapitals der Bank. In den folgenden Tagen versuchte Bundesbank-Chef Karl Klasen eine Rettung zu organisieren. Es gab Gespräche mit Vertretern des Gerling-Konzerns und auch mit den Großbanken, der Dresdner, der Deutschen und der Commerzbank. Ohne Erfolg. 19 O-TON (Kaserer) Niemand war dann bereit, diese Bank zu retten. Und auch Gerling konnte das nicht mehr bewerkstelligen. Dann war es zu spät und das war dann der Auslöser dafür, dass es gar keinen anderen Weg mehr gegeben hat, als die Bank zu schließen. Musik: Secret proofs red. 0‘43 SPRECHERIN Am 26. Juni 1974 entzog die damalige Aufsicht, das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen, Herstatt die Banklizenz. Die Bank musste alle Zahlungen einstellen. Wer konnte, brachte vorher noch schnell sein Geld in Sicherheit. Darunter waren viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Herstatt, aber auch andere Banken, die Wind von der Schließung bekommen hatten, wie die Chase Manhattan. Die meisten Sparerinnen und Sparer standen am nächsten Morgen allerdings vor verschlossenen Türen. 20 O-TON (Kaserer) Die Privatkunden waren natürlich die letzten, die dann reagiert haben. Dann war es auch schon zu spät. Musik: Z8037260119 Incorrectness 0‘ 24 Atmo: Menge SPRECHERIN Vor mehreren Filialen von Herstatt gab es Tumulte. 21 O-TON (Kaserer) Zunächst mal gibt es Panik, weil niemand weiß, wie viel Geld kriegt er zurück. Und wenn natürlich die Menschen dann auf der Straße stehen und versuchen in die Bank zu kommen, um ihr Geld in Sicherheit zu bringen, hat das natürlich eine politische Dimension. SPRECHERIN Eine aufgeregte politische Debatte folgte – und natürlich kam die Frage auf: Wer ist schuld an der Pleite? Iwan Herstatt schob auf einer Pressekonferenz Anfang Juli jede Verantwortung von sich. Er habe von den enormen Summen, mit denen spekuliert wurde, nichts gewusst. 22 O-TON (Iwan Herstatt) Ich bekam jeden Abend die Tagesmeldung und da interessierte ich mich dafür, wie der Saldo war. Der war niemals höher als 25 Millionen. Das war also alles in Ordnung. SPRECHERIN Über viele Monate gab es eine öffentliche Schlammschlacht mit Schuldzuweisungen und Verleumdungen. Dabei ging es auch darum, wer Entschädigungen zahlen muss. Das wurde auch im Bonner Bundestag diskutiert. Dort meinte der Unionspolitiker Rudolf Sprung: ZITATOR In diesem traurigen Fall (…) hat sich keiner der Beteiligten, weder die Bundesbank, noch das Bundesaufsichtsamt, noch die Großbanken, noch die Großgläubiger, mit Ruhm bekleckert. Geradezu als skandalös aber muß das Verhalten, Finassieren und Taktieren des Aufsichtsratsvorsitzenden und Mehrheitsaktionärs des Instituts, Hans Gerling, bezeichnet werden. Musik: Serious affair red. 0‘39 SPRECHERIN Gerling war mit mehr als 80 Prozent der Anteile Hauptaktionär der Herstatt Bank. Allerdings verwies Gerling auf die Verantwortung der Großbanken, die seiner Meinung nach bei der Rettung von Herstatt versagt hätten. Die Großbanken hielten dagegen und meinten, dass Gerling die Sparerinnen und Sparer entschädigen müsse. Jürgen Ponto, damals Vorstandssprecher der Dresdner Bank, ließ sich im „Spiegel“ mit den Worten zitieren: ZITATOR 2 Zur Not muss Frau Gerling ihren Schmuck verkaufen. SPRECHERIN Viele zeigten damals aber auch auf Dany Dattel, schließlich war er der Chef der Goldjungs. 23 O-TON (Klüh) Wovor man warnen muss, ist, das zu tun, was dann nach der Krise häufig passiert ist, ihm die ganze Schuld an der Krise zuzuschreiben. Es war nämlich so, dass diese Krise durchaus auch Konsequenz war des Drucks, der von der Geschäftsleitung und von den Eignern der Bank ausging, wirklich viel zu spekulieren und Gewinn zu machen in diesen Bereichen. So eine Krise ist immer ein System-Versagen. Eine Krise ist nie nur die Verantwortung eines Einzelnen. Zum System gehören hier die Chefs vom Dany Dattel, die Eigner der Bank, auch die Aufsicht, die eben nicht genug aufgepasst hat und nicht stark genug interveniert hat. SPRECHERIN Weshalb es nach der Herstatt Pleite eine ganze Reihe von rechtlichen und organisatorischen Änderungen in der Bankenbranche gab. Zum Beispiel ist das Kreditwesengesetz verschärft worden. Und auch für die privaten Sparer und Sparerinnen änderte sich etwas Grundlegendes. 24 O-TON (Kaserer) Das Allerwichtigste ist, dass es dann 1975 zur Einführung einer allgemeinen Einlagensicherung kam, die es ja bis heute noch gibt. Das ist die Einlagensicherung der Privatbanken. SPRECHERIN Bis 100.000 Euro sind heute alle Spar-Guthaben geschützt. Zur Zeit der Herstatt Pleite gab es lediglich den sogenannten Feuerwehrfonds. 25 O-TON (Kaserer) Das war eine Art freiwillige Einlagenversicherung, die Bankeinlagen bis zu 20.000 D-Mark abgesichert hat. Also bis dorthin gab es gar keine Verluste. SPRECHERIN Wer mehr als 20.000 D-Mark bei Herstatt auf dem Sparkonto hatte, musste allerdings Abstriche machen. 26 O-TON (Kaserer) Im Großen kann man sagen, dass die Sparer etwas über 80 Prozent ihrer Gelder wiederbekommen haben. Und bei den Banken und Kommunen waren es etwas über 70 Prozent. Musik: Obscure intrigue 0‘35 SPRECHERIN Das Geld, das an die Gläubiger verteilt wurde, stammte aus mehreren Quellen: dem restlichen Vermögen der Herstatt Bank, dem privaten Vermögen von Iwan Herstatt – er war persönlich haftender Gesellschafter – und von Hans Gerling, der dafür – nein, nicht den Schmuck seiner Frau –, sondern 51 Prozent der Anteile seiner Versicherungs-Holding verkaufte. Daneben gab es eine Reihe von Gerichtsprozessen. Bis 2006, also 22 Jahre nach der eigentlichen Pleite, zogen sie sich hin. Warum so lange? 27 O-TON (Kaserer) Ein Grund war auch die Tatsache, dass das die Gläubiger, insbesondere die Sparer, auch noch versucht haben, die Bundesrepublik Deutschland, also die Aufsichtsbehörde letztlich, in die Haftung zu nehmen, was dann eben nicht gelungen ist. Aber schon allein das war ein Gerichtsverfahren, das sich viele Jahre hingezogen hat. Musik: Still waiting red. 0‘52 SPRECHERIN Daneben wurde Dany Dattel und Iwan Herstatt persönlich der Prozess gemacht. Wobei Dany Dattel schnell für schuldunfähig erklärt wurde. Er war als Kind im Vernichtungslager Auschwitz und litt seitdem unter dem sogenannten KZ-Syndrom, das mit schweren posttraumatischen Störungen verbunden ist. Iwan Herstatt wurde zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde allerdings wieder aufgehoben und in zwei Jahre Haft auf Bewährung umgewandelt. Ein Grund für die mildere Strafe war, dass er unter dem sogenannten Pickwick-Syndrom litt. Betroffene dieses Syndroms haben schwerwiegende Probleme mit der Atmung, was unter anderem zur Folge hat, dass sie plötzlich einschlafen. Das alles wurde in der damaligen Öffentlichkeit breit diskutiert und kommentiert. Weitgehend ausgeblendet wurde in der Debatte, dass es auch in anderen Ländern Banken-Pleiten gab. 28 O-TON (Klüh) Wir in Deutschland denken immer, es war die Herstatt-Krise, aber in Wirklichkeit war es die erste globale Bankenkrise. Es war so, dass überall spekuliert wurde auf einmal und überall die Aufsicht darauf nicht vorbereitet waren und überall nicht genug Regulierung war, und eben dieser Switch von der einen Art des Kapitalismus zur neuen Art des Kapitalismus mit einer Krise einherging. SPRECHERIN Aber so dramatisch die Herstatt-Pleite damals auch war – aus heutiger Sicht bot sie nur einen Vorgeschmack auf das, was danach kam. 29 O-TON (Klüh) Ich würde sagen, das sind Vorboten dessen, was dann später in viel größerem Umfang passiert ist. Die ist sozusagen der Beginn einer Entwicklung, wo dann immer mehr dereguliert wird, immer mehr Abkehr vom Boring Banking passiert, immer mehr Finanzmarktkapitalismus gemacht wird. Und insofern ist es so ein Vorbote. Danach, über mehrere Jahrzehnte, wird das weiter intensiviert und das Ganze kulminiert dann, hat seinen Höhepunkt in der Krise von 2008, die dann das Ende erstmal darstellt dieser verrückten Phase des Finanzmarktkapitalismus. Den haben wir zwar immer noch nicht ganz überwunden, aber danach wurde das System wieder stärker reguliert. Musik: Media rumors 0‘26 SPRECHERIN Weshalb man am Ende festhalten kann: Die Pleite der Herstatt-Bank war zwar die erste in der Geschichte der Bundesrepublik – aber noch lange nicht die letzte.

  15. Sonnenschutz für die Haut - Wie wirken UV-Filter?

    30.06.2025 · 23 Min.

    Sonnenschutzmittel schützen unsere Haut mit UV-Filter. Einige wandeln die UV-Energie in Wärme um, andere wirken wie kleine Spiegel und reflektieren das Sonnenlicht. Inzwischen sind Sonnenschutzmittel eine Wissenschaft für sich. Autorin: Katrin Kellermann (BR 2023) Credits Autorin dieser Folge: Katrin Kellermann Regie: Axel Wostry Es sprachen: Julia Fischer, Hans-Jürgen Stockerl Technik: Susanne Herzig Redaktion: Matthias Eggert Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Im Interview: Carola Berking (Professorin; Dr.; med. Oberärztin, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, LMU München); Heinz Langhals (Professor; Dr.; Organische und makromolekulare Chemie, LMU München); Sebastian Lorenz (Dr.-Ing.; Physiker BfS); Cornelia Baldermann (Dr.; Bundesamt für Strahlenschutz) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Haut - Empfindliche Schutzbarriere JETZT ANHÖREN Hautveränderungen - Muttermal, Altersfleck, Warzen JETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN

  16. Hexen - Die Geschichte von Angst, Folter und Mord

    30.06.2025 · 23 Min.

    Für viele Menschen sind Hexen auch heute real. US-Forscher fanden bei einer Befragung in 95 Ländern heraus, dass mehr als 40 Prozent glauben, dass böse Hexen anderen schaden können. Im frühneuzeitlichen Europa fielen Schätzungen zufolge Zehntausende Frauen den Hexenverfolgungen zum Opfer. Autorin: Claudia Steiner (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Claudia Steiner Regie: Sabine Kienhöfer Es sprachen: Katja Amberger, Gudrun Skupin Technik: Christine Frey Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Dr. Stefan Eisenhofer, Kurator im Museum Fünf Kontinente. Gertrude Nkrumah, Historikerin und Gender-Forscherin an der University of Education in Winneba in Ghana. Dr. Sarah Rafajlovic, Ethnologin, Ann-Christine Woehrl, Fotografin. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Hexer und Heiler - Eine Schattengeschichte der Deutschen Deutschland 1949 - Im Gründungsjahr der Bundesrepublik geschieht Ungeheuerliches: Die Menschen fürchten den Weltuntergang, Zehntausende ziehen Wunderheilern hinterher. Sie glauben an Hexen und Verschwörungen. Eine Reise in die Schattengeschichte der Nachkriegszeit. JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Das Verbrechen lauert überall – auch zwischen Mensch und Tier. "Wild Crimes" liefert packende Storys von True Crime im Tierreich. In Staffel eins erzählen wir euch vom "Problembären" Bruno. Der war erst bei uns willkommen, dann wurde er gejagt und getötet. Wie kam es zu dieser dramatischen Wende? Wer hat ihn abgeschossen? Und war es gerechtfertigt, ihn zu töten? JETZT ENDTECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Sie fliegen auf Besen, tanzen um Feuer, haben feuerrote Haare und schwarze Katzen, Kontakt zu Geistern und sogar dem Teufel, dem sie den Hintern küssen, um sich dann mit ihm zu vermählen. MUSIK kurz hochkommen lassen Sie praktizieren magische Rituale, murmeln Zaubersprüche und können mit ihren übernatürlichen Kräften anderen schaden: Hexen. MUSIK hochkommem SPRECHERIN Die meisten denken vermutlich sofort an Hexenverbrennungen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Doch der Glaube an Hexerei und die Angst davor sind kein Phänomen der Vergangenheit. Für viele Menschen sind Hexen real – auch im 21. Jahrhundert. MUSIK: Evil forest 0‘22 The dark lord 0‘52 SPRECHERIN Ein Forschungsteam der American University in Washington befragte mehr als 140.000 Menschen in 95 Ländern. Demnach glauben mehr als 40 Prozent, dass Hexen anderen Leid zufügen können. Die Studie ergab, dass der Glaube an die dunkle Macht von Hexen vor allem in Ländern mit schwachen Institutionen, geringem sozialen Vertrauen und geringer Innovationskraft präsent ist. Besonders verbreitet ist der Hexenglaube zum Beispiel in Marokko, Tunesien, Tansania und Kamerun, Mittel- und Südamerika, dem Nahen Osten und Russland. Auch in Teilen Ghanas werden immer wieder Frauen als Hexen diffamiert, verstoßen, bedroht oder sogar getötet. Die Historikerin und Gender-Forscherin Gertrude Nkrumah unterrichtet an der University of Education in Winneba in Ghana (Aussprache bei "Hexen iXm6011_00003 Gertrude Nkrumah Historikerin und Genderforscherin Ghana" in „Wissen und Forschung“ 0.34 Sek). O-TON 1 (Gertrude, 3, 3.34 The point …. about it, 4.48 Usually … chicken) – Overvoice Was ich betonen möchte, ist, dass es solche Vorkommnisse nur in bestimmten Regionen Ghanas gibt. Die meisten Menschen in Ghana aber wissen darüber kaum etwas. / Normalerweise ist es so, wenn eine Person beschuldigt wird, über Hexenkräfte zu verfügen, dann wird die Person in ihr Dorf gebracht, wo mit besonderen Ritualen versucht wird herauszufinden, ob die Frau eine Hexe ist oder nicht, zum Beispiel indem man ein Huhn schlachtet. MUSIK: Secret proofs red 0‘27 SPRECHERIN Bei dem Ritual wird einem Huhn die Kehle durchschnitten. Die Art, wie der Vogel nach seinem Tod auf der Erde liegt, entscheidet dann darüber, ob es sich bei der beschuldigten Frau um eine Hexe handelt oder nicht. Manchmal findet auch eine Beschau der Eingeweide des Tieres statt. Die deutsch-französische Fotografin Ann-Christine Woehrl porträtierte in der abgeschiedenen Northern Region Frauen, die als Hexen bezichtigt werden. In ihrer Schau mit dem Titel „Witches in Exile“ – also Hexen im Exil – 2023/24 im Museum Fünf Kontinente in München porträtiert sie Frauen, die in sogenannten Witch Camps leben - das sind einfache Dörfer, in denen ausschließlich Frauen leben, die als Hexen stigmatisiert werden. Ann-Christine Woehrl: O-TON 2 (2 Woehrl, 00.48) Alle Frauen tragen natürlich das gleiche Schicksal, dass sie meist lebenslänglich aus ihren Dörfern, also Dorfgemeinschaften und Familien, ausgegrenzt wurden und Zuflucht in einem sogenannten Witch Camp gefunden haben. Und insofern ist natürlich das Schicksal, was sie da tragen, die sind da schon auch sehr gezeichnet davon. SPRECHERIN Manchmal haben die Frauen noch Kontakt zu ihren Familien, oft aber sind sie ganz auf sich alleine gestellt. Sie bestellen ein kleines Feld oder klauben auf Märkten Körner zusammen, die auf den Boden gefallen sind. Andere Menschen fürchten sich vor ihren vermeintlich bösen Kräften und meiden sie. Die Frauen selbst sehen sich nicht als Hexen, sagt Ann-Christine Woehrl: O-TON 3 (2, Woehrl, 01:40) Von den Frauen, die ich dort getroffen hat, hat keine von sich behauptet, dass sie eine Hexe sei, aber grundsätzlich das Phänomen haben sie nicht in Frage gestellt. Ich habe ganz konkret auch die Frage damals gestellt: Siehst du dich als Hexe? Und alle haben gesagt: Nein, ich wurde falsely accused. Aber ich glaube, um die Existenz von Witches, von Hexen, daran wird gar nicht gezweifelt, dass es die gibt, weil eben dieser Glaube so verankert ist. MUSIK: Nocturnal research red. 0‘25 SPRECHERIN Es gibt in Ghana auch den Glauben an Hexer, also Männer, denen magische Kräfte nachgesagt werden. Doch für Männer ist dieses Label meist nicht so gefährlich, sagt Gertrude Nkrumah: O-TON 4 (3, Gertrude, ca 10.48, Mostly … protection) Overvoice Meistens denken Menschen, dass auch Männer über Hexenkräfte verfügen können, aber sie glauben, sie nutzen es für Gutes, anders als Frauen. Meiner Ansicht nach ist das vor allem deshalb so, weil Frauen in einer verletzlicheren Position sind. Es ist leichter, sie zu beschuldigen, besonders wenn sie keinen Schutz haben. SPRECHERIN Oft treffen die Vorwürfe die Schwächsten der Gesellschaft. Je nach Land, Region und gesellschaftlicher Situation werden neben Frauen auch marginalisierte Gruppen wie Waisen, mittellose, junge Männer oder Menschen mit Albinismus an den Pranger gestellt. Doch wie kommt es, dass jemand als Hexer oder Hexe bezichtigt wird? Die Frauen in Ghana erzählen, dass manchmal Neid und Missgunst eine Rolle spielen. Teilweise werden die Frauen auch für Krankheiten, Epidemien, Unfälle, Dürren oder Todesfälle verantwortlich gemacht. Meist sind die Ankläger keine Unbekannten. Die Fotografin Christine Woehrl: O-TON 5 (2, Woehrl, 5.05) Oft sind es aber natürlich auch Familienmitglieder, die diese Frauen anklagen. (…) Also es ist ja oft auch ein Thema in der polygamen Gesellschaftsstruktur, dass natürlich eine Frau auch von einer Rivalin verstoßen wird oder sie eine Traumerscheinungen hat. SPRECHERIN Eine Frau aus dem Witch Camp erzählte Ann-Christine Woehrl zum Beispiel, dass die Zweitfrau ihres Mannes sie beschuldigt habe, für die Krankheit ihres Sohnes verantwortlich zu sein. Die erste Ehefrau wurde daraufhin als Hexe verstoßen und musste das Dorf verlassen. Die Zweitfrau aber stieg dadurch gesellschaftlich auf und wurde zur Hauptfrau. MUSIK: Dark figures 0‘47 SPRECHERIN In der ghanaischen Gesellschaft ist der Glaube an Hexen tief verankert. Die Frauen dienen als Sündenböcke für Probleme. Indem vermeintliche Hexen verstoßen und vertrieben werden, sollen Konflikte zum Beispiel im Dorf gelöst werden. Für die geächteten Außenseiterinnen können die Anschuldigungen fatale Folgen haben: 2020 machte in Ghana die Ermordung von Akua Denteh Schlagzeilen (Aussprache: https://www.youtube.com/watch?v=my8AQYLXyww Aussprache des Namens bei 00.10). Die als Hexe diffamierte 90-Jährige wurde auf der Straße erschlagen – eine Gruppe von Menschen beobachtete die Tat. Videos des Mordes landeten in den sozialen Medien. Dies veranlasste die Regierung dazu, gegen Hexenverfolgung und Hexenanklagen vorzugehen. Die beiden Haupttäterinnen wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Inzwischen gibt es Bestrebungen, die Verfolgung von Hexen als Straftatbestand zu etablieren, sagt Stefan Eisenhofer, Kurator der Ausstellung im Museum Fünf Kontinente. Doch der Weg der ghanaischen Regierung dahin ist nicht einfach: O-TON 6 (4, Eisenhofer, 6.06) Wenn die sagen, wir folgen vielen Menschen der eigenen Bevölkerung, für die Hexerei eine soziale Realität ist und die das als integralen Bestandteil auch vom Gerechtigkeitsempfinden und Strafverfolgung sehen, damit kicken sich die afrikanischen Staaten sozusagen aus der Weltengemeinschaft der anderen Staaten aus. Wenn sie dann aber Hexerei für nicht existent betrachten, dann hat man zum Teil aus der eigenen Bevölkerung Gegenwind, weil die sagen: Ja, ihr folgt wieder europäischen, kolonial-zeitlichen Vorgaben und tretet auf afrikanischem Kulturerbe mit Füßen herum. MUSIK: Deserted and destroyed (reduziert) 0‘38 SPRECHERIN Es gibt afrikanische Länder, in denen die Kolonialgesetzgebung weiter besteht, die Hexerei schlicht als nicht existent betrachtet. Doch Gesetze helfen wenig, wenn es um Angst geht. Erfolgreicher sind zum Beispiel Ansätze von Pfingstkirchen, in denen der Heilige Geist eine große Rolle spielt. Viele der christlichen Gemeinschaften akzeptieren den Glauben an Hexerei, an die Macht des Bösen und die Kräfte des Teufels. Der Ethnologe Stefan Eisenhofer. O-TON 7 (Eisenhofer, 4, 16.02) Und sowohl die Menschen, die sich verhext fühlen, können Zuflucht finden in dieser christlichen Gemeinschaft als auch diejenigen, denen Hexerei vorgeworfen wird, weil dann sozusagen die göttliche Kraft diese Mächte überstrahlt und ja, in den Griff bekommt und aufhebt und ins Positive wenden kann. Also den größten Erfolg haben sozusagen nicht die, die so mit einer europäischen Aufklärungsidee ‚Jetzt müssen die Menschen mal besser gebildet werden, dann erledigt sich das von alleine‘… So einfach ist es offenbar nicht. Oft haben diejenigen größeren Erfolg, die sich so irgendwie in vertrauteren Argumentationsmustern bewegen. MUSIK: Foreboding fate 0‘45 SPRECHERIN In einigen Ländern wie zum Beispiel Kamerun gilt Hexerei als Tatbestand im Strafgesetzbuch. Hexen, die von Hexenfindern identifiziert werden, drohen langjährige Gefängnisstrafen. In Ghana versuchen Menschenrechtsorganisationen die Bevölkerung mit drastischen Plakaten wach zu rütteln. Es sind Zeichnungen von Frauen, die verfolgt oder geschlagen werden. Die Botschaft lautet: „Auch Du könntest an der Stelle dieser Frau sein“ oder „Das könnte auch deine Mutter sein.“ Ab und an gelingt es durch Verhandlungen mit Dorfgemeinschaften, dass Frauen aus den Witch Camps wieder zu ihren Familien zurückkehren können. Doch manche müssen erneut in das Witch Camp flüchten, weil sie neuen Anschuldigungen oder Verfolgungen ausgesetzt sind. Stefan Eisenhofer betont, dass der Glaube an Hexen in vielen Regionen unabhängig vom Bildungsniveau verbreitet ist. O-TON 8 (Eisenhofer, 4, 2.04) Ein anderer wichtiger Punkt ist für mich: Das ist kein Phänomen irgendwelcher rückständiger Gebiete ist (…), sondern dass Hexenglauben auch für viele großstädtische, gebildete Menschen einfach soziale Realität ist. Und das betrifft auch Diaspora-Kreise. Wenn wir jetzt zum Beispiel diese Bilder hier sehen, dann ist es für uns in Mitteleuropa sozialisierte Menschen, erwirkt das ja eher Mitleid, Sympathie, Empathie. Aber es gibt eben auch Menschen, die den Bildern vielleicht skeptischer gegenüberstehen und denken: Na ja, so ganz von ungefähr werden die schon nicht in diesem Hexenlager sein. Und das ist tatsächlich (…) für mich als Ethnologe immer so eine Gratwanderung, weil ich halt vor allem auch vermeiden will, mit dem mitteleuropäischen, urbanen, deutschen Zeigefinger zu zeigen: Wir haben wieder die Weisheit mit Löffeln gefressen. Und jetzt bringen wir dann mal ein bisschen Bildung und unsere Werte und unsere Weltsicht in andere Weltenteile und dann wird alles gut. MUSIK: Main title from The name oft he rose 1‘07 SPRECHERIN In Europa dauerte es lange, bis Hetzjagden auf vermeintliche Hexen ein Ende fanden. In Deutschland zum Beispiel wurde 1775 die letzte angebliche Hexe umgebracht, in der Schweiz 1782. In den Jahrhunderten zuvor wurden infolge der Inquisition – der kirchlichen Verfolgung – aber auch durch Urteile weltlicher Schöffengerichte Zehntausende Menschen – überwiegend Frauen - qualvoll getötet. Sie starben durch Folter, bei Hexenprüfungen oder auf dem Scheiterhaufen. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN Die Kirche spielte in dem dunklen Kapitel der europäischen Geschichte eine wichtige Rolle: Der im 13. Jahrhundert lebende Kirchentheoretiker Thomas von Aquin ging davon aus, dass Hexerei wie die Tierverwandlung, Hexenflüge oder Unwetterzauber mit Hilfe des Teufels ausgeführt werden kann. Die römische Kurie ernannte Inquisitoren, die durch Bistümer zogen, um Hexenverfolgungen zu organisieren - so auch der Dominikanermönch Heinrich Kramer. Grundlage vieler Hexenprozesse war sein Werk, ein fast 700 Seiten umfassendes Buch mit dem Namen „Hexenhammer“. Das 1487 erschienene Buch diente als Anleitung zur Überführung und Verurteilung von vermeintlichen Hexen. Die Münchner Ethnologin Sarah Rafajlovic (Aussprache - "Hexen Sarah Rafajlovic iXm6127_00001" bei 0.28 Sek.): O-TON 10 (Sarah Rafajlovic, 8.03 /11.37) Der Hexenhammer liefert ein ganzes Spektrum an Dingen, wie man herausfinden kann, ob jemand eine Hexe ist. Da ist auch klar definiert, was Hexe bedeutet und Anweisungen für den Inquisitor sind vorhanden. / Er wurde alleine zwischen dem 16. und dem 17. Jahrhundert 16-mal neu aufgelegt. Das ist für eine Zeit, in der der Buchdruck und das Lesen noch gar nicht so verbreitet waren, richtig viel. Und das hat es auch ermöglicht, dass dieser Glaube zum Beispiel nach Nordamerika exportiert wurde und dass dort auch Hexenpogrome stattfinden konnten. MUSIK: Dark activities 0‘20 Atmo Pesttrommel 0‘15 SPRECHERIN Die Hexenverfolgung in Europa fiel in die sogenannte „kleine Eiszeit“, eine Kältewelle mit langen Wintern, schlechten Ernten und Hunger. Auch die Pest wütete. Ihren Höhepunkt erreichten die Hexenprozesse während des Dreißigjährigen Kriegs. Die Frauen dienten als Sündenböcke für Missernten, Schäden, Krankheiten und den Tod. Ihnen wurde vorgeworfen, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben und mit ihm zu buhlen. Überführt wurden sie unter anderem mit der sogenannten „peinlichen Befragung“, gemeint ist Folter, unter der die Beschuldigten Schadenzauber oder Tanzorgien mit dem Teufel gestanden und oft auch weitere Menschen als Hexen beschuldigten, die dann ebenfalls ermordet wurden. Manchmal dienten auch Muttermale dazu, um eine angebliche Hexe zu identifizieren – teilweise in Kombination mit der Nadelprobe, bei der in ein Muttermal gestochen wurde. Floss kein Blut, war die Verdächtige als Hexe entlarvt. Teilweise spielte aber auch nur die Form oder die Körperstelle, an der sich ein Muttermal befand, eine Rolle. Sarah Rafajlovic: O-TON 11 (Sarah Rafajlovic, 10.05) Das kann alles sein, das kann auch ein Leberfleck irgendwie in einer seltsamen Form am Rücken oder auf dem Hintern sein, was der Inquisitor quasi als solches definiert. Es gibt verschiedene Dinge, die durch den Hexenhammer als Zeichen einer Hexe gesehen wurden. MUSIK: Howling moon 0‘42 SPRECHERIN Eine andere Methode, um herauszufinden, ob es sich bei einer Frau um eine Hexe handelte, war die Wasserprobe. Dafür wurden die vermeintlichen Hexen in ein fließendes Gewässer geworfen, teilweise wurden Steine an sie gebunden. Gingen die Frauen unter, war ihre Seele rein, der Vorwurf falsch. Viele Frauen überlebten die Probe aber nicht und ertranken. Wenn die Frauen aber an der Oberfläche trieben, war für die Inquisitoren klar, dass sie mit übernatürlichen Mächten im Bunde standen – diese Frauen landeten auf dem Scheiterhaufen. Sarah Rafajlovic: O-TON 12 (Sarah Rafajlovic, 8.50) Man muss sich vorstellen, dass Frauen zu der Zeit mehrere Unterröcke auch anhatten, wo sich Luftpolster bilden konnten, was die logische, rationale Erklärung dafür ist, warum Frauen nicht untergegangen sind. Ich habe in meiner Forschung diese Wasserprobe auch in Südosteuropa gefunden, wo der Magieglaube ambivalent geprägt ist - also weder gut noch böse, sowohl schädlich als auch nützlich. Und da hat man diese Frauen an einem Seil ins Wasser geworfen und hat beide Frauen wieder rausgezogen und beide Frauen haben überlebt - mit dem Unterschied, dass diejenige, der der Hexereivorwurf gemacht wurde, der negativen Magie abschwören musste. Sie durfte aber weiterhin als Heilerin in die Gesellschaft tätig sein. MUSIK: Healing process 0‘42 SPRECHERIN Als die Schulmedizin in Serbien noch nicht etabliert war - hatten dort Heilerinnen die Funktion von Ärztinnen. Sie kannten sich mit Kräutern aus, wussten, welche Pflanzen bei verschiedenen Beschwerden helfen. Anders als in vielen europäischen Ländern schaffte es die orthodoxe Kirche nicht, die Heilerinnen als Hexen zu diffamieren, sagt Sarah Rafajlovic, die über Frauen, Magie und das Okkulte im post-sozialistischen Serbien promovierte. O-TON 13 (1, Rafajlovic, 20.54) Es gab nie ein so großes Erstarken der eigenen Kirche, dass diese Kirche das Bedürfnis gesehen hätte, das irgendwie (…) zu vertreiben. Im Gegenteil - die Regierung hat im 19. Jahrhundert proklamiert, dass Leute, die andere Leute als Hexen diffamieren, vor Gericht gestellt werden. (…) Und das hat dazu beigetragen, dass die traditionelle Magie immer noch vorhanden ist. SPRECHERIN Noch heute gibt es vor allem in ländlichen Regionen sogenannte Babas, denen magische Kräfte nachgesagt werden. Baba bedeutet Großmutter. Hilfesuchende finden die Frauen durch Mund zu Mund-Propaganda. Aufgesucht werden sie bei verschiedensten Problemen und Sorgen, sagt Sarah Rafajlovic: O-TON 14 (1, Sarah, 21.50) Auch wenn man glaubt, jemand hätte den bösen Blick über einen gebracht. (…) Der häufigste Grund sind Bettnässen bei Kindern zum Beispiel oder wenn ein Kind viel weint, oder wenn man Eheprobleme hat, dann ist das auch ein Anlaufpunkt oder auch Angst, also grundsätzlich Depressionen und Angstzustände. SPRECHERIN In serbischen Städten wiederum gibt es heutzutage Frauen, die sich selbst als Heilerinnen bezeichnen und die auf Basis der traditionellen Magie ein neues Magieverständnis entwickeln, oft angereichert durch esoterische Elemente. Einen ähnlichen Trend gibt es auch in Deutschland. Hier geben selbst ernannte Hexen zum Beispiel auf dem Videoportal TikTok ihr Wissen weiter. Sie posten kurze Clips mit Kerzen, Kristallen und Tarotkarten, erklären Rituale und Sprüche, die gegen Liebeskummer oder auch bei Geldproblemen helfen sollen. Die Frauen sehen sich als gute Hexen, die einen Missstand beheben und ein Problem zum Positiven wenden wollen. MUSIK: Die kleine Hexe 0‘38 SPRECHERIN Ende des 19. Jahrhunderts machte „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe die Walpurgisnacht populär. Faust und Mephisto machten sich in dem Werk auf den Weg zum Brocken und trafen unterwegs auf eine Hexe. Die Sagen rund um Hexen nutzt inzwischen der örtliche Tourismusverband. In der Nacht zum 1. Mai strömen viele Menschen – auch wenn sie nicht wirklich an Hexen glauben - auf den „Blocksberg“, den Brocken im Harz, um die Walpurgisnacht zu feiern. Mit Hilfe von gruseligen Masken und Feuern werden böse Geister vertrieben. Benannt ist die Walpurgisnacht übrigens nach der angelsächsischen Benediktinerin Walburga, die im 8. Jahrhundert nach Deutschland kam. Der 1. Mai ist der Tag ihrer Heiligsprechung – mit dem Hexenreigen hat die Ordensfrau nichts zu tun, vielmehr gilt sie als Schutzpatronin gegen schlechte Ernten, Seuchen und böse Geister. MUSIK: Waldgebirge 0‘46 SPRECHERIN Das Bild von Hexen war auch lange nach dem Ende der Hexenverfolgung in Europa noch lange negativ geprägt. In vielen Märchen der Gebrüder Grimm, die im 18. Jahrhundert entstanden sind, kommt eine böse Hexe vor. In „Brüderchen und Schwesterchen“ ist zum Beispiel die böse Stiefmutter eine Hexe. Im „Froschkönig“ verwandelt eine Hexe einen Prinzen in einen hässlichen Frosch. Und in „Hänsel und Gretel“ sperrt die Hexe im dunklen Wald Hänsel in einen Käfig ein, weil sie ihn mästen und verspeisen möchte. Sarah Rafajlovic: O-TON 15 (1, Rafajlovic, 32.44) Das fußt immer noch auf der inquisitorischen Hexen-Vorstellung. Das habe ich so auch in der Sagen- oder Märchenwelt in Südosteuropa gefunden. Da gibt es eine Hexe, in Russland heißt die Baba Jaga, in Südosteuropa ist es die Baba Roga, die im Wald in einem Haus wohnt, das auf Hühnerbeinen steht, umzäunt von Menschen-Gebeinen und die quasi auch verirrte Wanderer verspeist oder ihr Unwesen im Wald treibt. MUSIK: Ein neuer Tag 0‘36 SPRECHERIN Es hat einige Zeit gedauert, bis Hexen in Geschichten auch gut sein konnten. Mit der „Kleinen Hexe“ im Kinderbuch von Otfried Preußler hat der Leser eher Mitleid, denn sie wird mit ihren 127 Jahren von den anderen, viel älteren Hexen nicht für voll genommen und ausgeschlossen. Auch verbreitet sie keine böse, schwarze Magie, sondern hilft armen Frauen, die im Wald Klaubholz sammeln, rettet einen Ochsen vor dem Schlachter und lässt an Fastnacht zur Freude der Kinder Krapfen regnen. Sarah Rafajlovic: O-TON NEU 16 (1, Sarah, 33.25) Es hat sich riesig was verändert, wenn wir gerade Harry Potter anschauen und dann die Entwicklung (…) wie 80er und 90er-Jahre, (…) was so für ‚Coming of age‘ steht, (…) Übergang von der Kindheit und Pubertät, der auch so ein bisschen magisch konnotiert ist, (…) wo das Thema ganz gut passt. Aber das ist (…) nur dadurch möglich, dass dieses Bild romantisiert wurde und dann auch in den 70er und 80er-Jahren positiv umgedeutet wurde. MUSIK: Dark vision 0‘39 SPRECHERIN Der Glaube an Hexen, Zauberer und Zwischenwesen zieht sich durch alle Kulturkreise und Zeiten. Er prägt Sagen und Erzählungen, oft aber auch den Alltag vieler Menschen, für die Hexen real sind. Der Glaube an Hexen lässt sich nicht einfach verbieten. Denn selbst wenn es entsprechende Gesetze gibt - die Angst von dunklen Mächten ist in vielen Kulturen dennoch tief verwurzelt.

  17. Film Noir - Düsternis auf der Leinwand

    30.06.2025 · 24 Min.

    Privatdetektive, die in Geschichten voller Gier, Lust und Mord gezogen werden, in denen gefährliche Frauen die Männer mit ihren Reizen in den Abgrund reißen und die Moral als erstes auf der Strecke bleibt - das ist Film Noir. Kein Genre, eher ein Gefühlszustand, der das US-Kino der 1940er und 1950er Jahre geprägt hat. Von Florian Kummert (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Florian Kummert Regie: Rainer Schaller Es sprachen: Susanne Schroeder, Carsten Fabian Technik: Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Paul Duncan, Filmhistoriker und Autor, „Film Noir“ (Taschen Verlag) Christian Keßler, Filmwissenschaftler und Autor, „Hollywood Blackout“ (Martin Schmitz Verlag) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Los Angeles. Die Stadt der Engel wird sie genannt, dabei steckt sie doch voller Teufel und Dämonen. Die Hügel von Hollywood versprechen das ganz große Geld und den ganz großen Ruhm. Und andere Verlockungen flüstern süßes Gift ins Ohr, das einen wie der Gesang der Sirenen ins Verderben stürzt. So wie den Versicherungsvertreter Walter Neff (engl.). (Musik ausfaden lassen…) Mit Vollgas rast er durch Downtown L.A., rote Ampeln stoppen ihn nicht, ebenso wenig der Lastwagen, in den er beinahe kracht. Egal, der Mann hat nur ein Ziel: das Büro seiner Versicherung. Mit quietschenden Reifen bringt er das Auto vor dem Gebäude zu stehen. Mühsam schleppt sich Walter Neff über den Bürgersteig durch den Eingang zum Aufzug. Jeder Schritt eine Qual. Dafür sorgen die blutende Wunde und die Pistolenkugel in seiner Schulter. (SOUND Aufzugtür öffnet sich) Das Büro ist zu dieser nächtlichen Stunde so gut wie leer. Nur Neffs Schatten zeichnet sich deutlich an der Wand ab, wie ein unheimlicher, stiller Gast, der Walter zu seiner letzten Reise begleitet. Die in dieser Julinacht 1938 vor dem Diktiergerät seines Chefs endet. Walter Neff nimmt das Mikrofon in die Hand und beginnt die Beichte. ZITATOR Der Versicherungsfall Diedrichson (SPRICH engl, Diidrikksn). Kein Unfall, sagten Sie? Richtig. Und Selbstmord auch nicht? Richtig. Sie meinten Mord. Richtig. Aber was Ihnen entgangen ist: Ich habe Diedrichson umgebracht. Ich, Walter Neff, Versicherungskaufmann, 35, ledig, keine sichtbaren Narben. Bis vor kurzem zumindest. Ja, ich hab’ ihn umgebracht. Es ging um viel Geld und um eine Frau. Ich habe das Geld nicht bekommen. Und die Frau auch nicht. MUSIK Suite Double Indemnity ERZÄHLERIN Mit diesem Geständnis beginnt „Frau ohne Gewissen“ aus dem Jahr 1944. Regisseur Billy Wilder (AUSSPRACHE: 'Billi 'Waillde) schuf damit eines der Meisterwerke des so genannten „Film Noir“. Eine abgrundtief schwarze Geschichte über Gier, Lust und Mord, über einen Mann, der einer Frau verfällt, der das große Ding drehen will und am Ende scheitert. Alles, was Film Noir ausmacht, steckt hier drin. OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 1 Film Noir is a state of mind. … what noir is about. Film Noir ist ein Geisteszustand, eine Gefühlslage, die der Frage nachgeht: Kann ich den Menschen, die ich liebe, vertrauen? Allein diese Frage zu stellen, trifft den Kern von Noir. ERZÄHLERIN Sagt der britische Filmhistoriker und Film Noir-Experte Paul Duncan (SPRICH: engl. Poohl Dannkn). In mehreren Büchern für den Taschen-Verlag hat er das Phänomen Film Noir untersucht und dabei auch Listen der besten Noir-Filme erstellt. Immer ganz oben dabei ist für ihn „Frau ohne Gewissen“, der den Komödiendarsteller Fred McMurray (SPRICH: engl Mekk'Möhri) in einer für ihn ungewohnten dramatischen Rolle zeigt: Versicherungsvertreter Walter Neff, zu Beginn ein liebenswerter Charmeur, auf den der Abgrund wartet. OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 2 He’s a bit cheeky… could do, but don’t. Er ist um keinen Spruch verlegen, witzig, intelligent. Aber er trifft eine Frau, die ihn zur Straße der Verdammnis führt. Soll heißen: Er ist per se kein schlechter Mensch, aber er ist verführbar. Er kann überredet werden. Und so sind wir doch eigentlich alle. Wir treffen auf bestimmte Leute und tun vielleicht Dinge, die gegen unsere Natur sind. Oder Dinge, die wir insgeheim gerne tun würden, aber davor zurückschrecken. ERZÄHLERIN Eigentlich will Walter Neff nur die Autoversicherung eines Kunden verlängern, doch dieser Mister Diedrichson ist nicht zu Hause. Stattdessen trifft er dessen Ehefrau, Phyllis (SPRICH engl, Fillis, Betonung vorne), gespielt von Barbara Stanwyck ('Bahrbre 'Stännwikk (S=scharf, w=engl.), mit blonder Perücke, Goldkettchen am Fußknöchel, und einem durchdringenden, selbstbewussten Blick. Ein Blick, für den Walter zum Mörder wird. Gemeinsam mit Phyllis arbeitet Walter einen perfiden Plan aus, den scheinbar perfekten Mord. Dazu jubelt er dem Ehemann eine Lebensversicherung unter. Die schüttet im seltenen Fall eines Eisenbahnunglücks die doppelte Versicherungssumme aus, eine „double indemnity“, wie der Film im englischen Original heißt. Also muss Diedrichson bei einer Bahnreise sterben, scheinbar durch einen eindeutigen Unfall, so dass die Kontrolleure bei der Versicherung nicht anders können, als die 100.000 Dollar auszuzahlen. Davon träumt Walter, von den Dollarnoten und von Phyllis. OTON Christian Keßler 1 Er stolpert über seinen eigenen Hochmut. Er sieht gut aus, ist sicherlich auch ein gewiefter Verkäufer. Nur er denkt irgendwie, er würde ganz groß rauskommen, würde den richtig großen Coup landen. Und damit übernimmt er sich. In dem Moment, wo man sieht, wie Barbara Stanwyck die verdammte Treppe herunterkommt, mit diesem tollen Kettchen am Fußknöchel, weiß man, was die Stunde geschlagen hat und dass der McMurray keine Chance hat. ERZÄHLERIN Analysiert der Bremer Filmwissenschaftler Christian Keßler, der die Welt des Film Noir liebt, und ihm ein Buch gewidmet hat: „Hollywood Blackout“. ((OTON Christian Keßler 2 Beim Film Noir handelt es sich nicht um ein klar umrissenes Genre wie den Western oder Kriminalfilm oder Horrorfilm, sondern eher um eine filmische Tradition, die sich Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre entwickelt hat im Hollywood-Kino und sowohl formal als auch inhaltlich sehr mit vorangegangenen Kriminalfilmen brach. Also eine besondere Form des Kriminal-Kinos.)) MUSIK Audrey’s Dance - Twin Peaks ERZÄHLERIN Film Noir - französisch für „schwarzer Film“, denn der Begriff wird von der französischen Filmkritik geprägt, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Frankreich war zuvor, ab 1940, von Nazi-Deutschland besetzt; während der Kriegsjahre waren amerikanische Filme von den Leinwänden verbannt. Nach Kriegsende laufen dann die cineastischen Höhepunkte gleich mehrerer Jahrgänge dichtgedrängt in den französischen Kinos an, darunter US-Filme wie „Frau ohne Gewissen“, „Die Spur des Falken“ oder „Murder, My Sweet“. Eine Flutwelle der Finsternis, von der der Filmkritiker Nino Frank (dt. ausgesprochen!) nachhaltig beeindruckt ist. „Kriminelle Abenteuer“ betitelt Frank seinen Artikel über die Werke, die sich deutlich von den Kriminalfilmen unterschieden, die er vor dem Krieg gesehen hatte. ATMO Maschinengewehr ERZÄHLERIN Die Gangsterfilme der 1930er Jahre waren auch Geschichten voller Mord und Totschlag, aber mit einer eindeutigen Moral, einem klar gezeichneten Gut-Böse-Schema und einem Fokus auf die Handlung. Nun aber schiebt sich die Atmosphäre in den Vordergrund, Landschaften voller nebelverhangener Häfen, einsame, nasskalte Straßen, in denen sich das wenige Licht der Laternen in Pfützen und Schlaglöchern spiegelt. Die Handlung selbst ist oft ein verworrenes Labyrinth, durch das Privatdetektive in Trenchcoats stolpern. Die Auflösung, wenn überhaupt, ist zweitrangig. Es dominiert die Charakterzeichnung der Figuren, die im Off-Kommentar von ihren unmoralischen Taten und Gefühlen erzählen. Das Publikum wird in die Psychologie des Verbrechens eingeführt und geht so gezwungenermaßen eine Mittwisser- oder Komplizenschaft mit korrupten Polizisten, psychopathischen Killern, Außenseitern auf der Flucht und verlorenen Großstadtseelen ein. Erpressung, Bespitzelung, Drogenhandel: diese klassischen Krimi-Themen werden in Abenteuergeschichten verwebt, mit Anti-Helden, auf die der Tod wartet. Für diese Art von „kriminellen Abenteuern“ prägt Nino Frank 1946 den Begriff „Film Noir“. Denn das Schwarz der Nacht wird das bestimmende Element. Paul Duncan über die Welt der Schatten: OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 3 The best, the most intelligent … the pits of hell. Die besten, intelligentesten Noirs wussten, dass sie mit dieser Idee der Schatten spielen konnten, und dass die Dunkelheit die Abgründe im Inneren der Figuren symbolisieren. Diese Filme malen mit Licht und Schatten und schaffen dabei eine Atmosphäre, die sich deutlich von anderen Filmen der Zeit abheben. Ein gutes Beispiel ist das Finale von „Die Macht des Bösen“. Dort geht Hauptdarsteller John Garfield (Dschonn 'Gahrfihld) eine Treppe nach der anderen hinunter. Sie scheint gar kein Ende zu nehmen. Unten am Ufer liegt der Leichnam seines Bruders. Die Szene spielt in New York, aber so wie das Ganze gefilmt ist, hat man das Gefühl, er steigt hinab in den Schlund der Hölle. MUSIK subtil, dissonant, z.B. Night Life in Twin Peaks ERZÄHLERIN Die Gangsterfilme der 1930er Jahre, oft leichtfüßig, eher oberflächlich. Sie transformieren sich in den 1940er Jahren in die psychologisch düsteren, vielschichtigen Film Noirs. Und greifen dabei den Wandel der Gesellschaft auf. Amerika, Japan und Europa sind im Würgegriff des Zweiten Weltkriegs. All die Entwurzelten und Fliehenden, all die Toten und schließlich das Grauen des Holocaust. Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen, und zu einem eigenartigen, dunklen Fleck im Universum zu werden. Zudem sind die Nachwehen der Großen Depression immer noch zu spüren. Diese Ängste und der düstere Weltblick manifestieren sich auf der Leinwand. Etwa die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Die Furcht, von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Oder die Paranoia vor Mächten, die sich gegen einen verschwören. Der Typus der Heldenfigur, die Ordnung ins Chaos bringt, verschwindet dabei, sagt Filmwissenschaftler Christian Keßler. OTON Christian Keßler 3 Diese Ordnung wird zu Anfang durch einen Mord oder eine Entführung, einen Banküberfall oder so in Schieflage gebracht. Dann kommt der Ermittler, also ein Privat- oder Polizeidetektiv, und mit Hilfe seines Intellekts oder seiner Muckis rückt er das dann alles wieder gerade. Das waren dann so unfehlbare Helden, Tausendsassas. Und naja, ab den 30er-Jahren glaubten die Leute nicht mehr so richtig an solche alleskönnenden Helden. Das war die Zeit, in Folge der Weltwirtschaftskrise, als immer mehr im Kinopublikum aus dem Alltag eigentlich die dauernde Niederlage gewöhnt waren, teilweise auch an Armenspeisungen anstehen mussten, hinter Jobs her waren, die es nirgendwo gab. Und in den 40er-Jahren, als halt eben auch das Kriegserlebnis noch hinzu kam, entwickelte sich dann diese düstere Thriller-Form. ((ERZÄHLERIN Existentialistische Krisengeschichten auf Zelluloid. Über eine Welt voll Pessimismus, in der das Vertrauen in die Mitmenschen schwindet. Man weiß nie, wer ein Messer hinter seinem Rücken versteckt hält. Und das Schicksal? Das schlägt sowieso gnadenlos zu, mögen die Träume noch so groß sein. Das ewige Leid der Film Noir-Figuren. OTON Christian Keßler 4 Sie sind eher so ein bisschen existenzialistische Wassertreter, also Leute, die einige Niederlagen im Leben gehabt haben, einen Knick in der Vita. Und dann passieren irgendwelche tollen Sachen. Teilweise wie eine Flipperkugel werden die dann durch die Gegend geschossen. Das hat ja auch immer sehr viel mit realem oder eingebildetem Schicksal zu tun. Also diese Schicksalshaftigkeit, die ist gerade in den 40er-Jahre-Noirs sehr deutlich drin.)) MUSIK, melancholisch, Saxofon, z.B. Theme from Twin Peaks - Film ERZÄHLERIN Viele Noirs beginnen mit dem Ende. Die Figuren sind geschlagen, gescheitert, desillusioniert und blicken dann zurück, auf die vergebene Zeit der Hoffnung. So wie Walter Neff in „Frau ohne Gewissen“, der Versicherungsmakler, der sich nach dem Mord am Mann seiner Geliebten selbst wie ein Todgeweihter fühlt. Rückblickend beichtet er: ZITATOR Der Plan war perfekt. Nichts war schiefgegangen, nichts wurde übersehen, nichts konnte uns verraten. Und dennoch… als ich die Straße hinunterlief, hatte ich das Gefühl, dass alles scheitern würde. Es klingt verrückt, aber es war so, tatsächlich. Ich konnte meine eigenen Schritte nicht mehr hören. Es war der Gang eines Toten. Aufblende SOUND Schreibmaschine, blendet über in… ERZÄHLERIN Sätze aus der Feder von Raymond Chandler ('Räimmennd 'Tschänndlerr (sch=stl.), der das Drehbuch zu „Frau ohne Gewissen“ mit seiner abgebrühten Poesie und doppeldeutigen Anspielungen anreichert, gemeinsam mit Billy Wilder. Das Ganze basiert auf einer Geschichte des Journalisten und Autoren James M. Cain ('Dschäimms Emm 'Käinn), der mit dem Roman „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ berühmt-berüchtigt wurde. Billy Wilder will erst mit Cain direkt arbeiten, aber der ist bereits bei einem anderen Studio unter Vertrag. Also fällt die Wahl auf Raymond Chandler. Wilder ist begeistert von dessen Roman „The Big Sleep“, der unter dem Titel „Tote schlafen fest“ mit Humphrey Bogart erfolgreich verfilmt werden wird. MUSIK z.B Miles Davis, „Fahrstuhl zum Schafott“ ERZÄHLERIN Persönlich hassen sich die beiden so gegensätzlichen Typen. Billy Wilder, der leutselige Österreicher, bringt mit seiner wuseligen Art den introvertierten Raymond Chandler zur Weißglut. Chandler flutet die Paramount Büros mit Beschwerdebriefen und beginnt wieder zu trinken. Eine Sucht, der viele Noir-Autoren verfallen, etwa Dashiell Hammett. Sie trinken, wie ihre literarischen Geschöpfe, Whisky, Bourbon, und anderes Hochprozentiges und rauchen stangenweise Zigaretten, aber sie bringen auch den Sound der Straße in die amerikanische Literatur und Filmwelt. ZITATOR Wir beide gehören zusammen. Ich weiß nicht, wie. Vielleicht so, wie Kanonen und Munition zusammengehören. ERZÄHLERIN Knappe Dialoge, wie hier aus „Gefährliche Leidenschaft“, die nur ein Minimum an Gefühlen zur Schau stellen, Gefühle, die sich stattdessen in inneren Monologen Bahn brechen. Für Noir-Fan Paul Duncan bis heute große schriftstellerische Kunst. OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 4 These voiceovers, … coming into the world. Diese innere Monologe stammen aus den Vorlagen, den Kurzgeschichten und Romanen, von Autoren wie Raymond Chandler und Dashiell Hammett, 'Däschell (sch=stl.) 'Hämmitt, (im Vornamen KEIN i sprechen) die oft aus der Sicht von Privatdetektiven erzählen. Es gibt so viele tolle Romane, etwa von Horace McCoy,('Horress Me'koi) Jim Thompson, (Dschimm (sch=sth.) 'Tommsenn (s=scharf)) David Goodis, ('Däiwwidd 'Guddiss (ss=scharf)) die auch heute noch fantastisch zu lesen sind, da man wirklich in die Gedanken der Figuren eintauchen kann. Wie bei „Der Fremde“ von Albert Camus (All'bähr Ka'mü) passen die Noir-Romane philosophisch zum Existentialismus und auch zu einer nihilistischen Stimmung, die immer mehr um sich griff. ZITATOR Ich sah sie nie im Tageslicht - wir schienen bei Nacht zu leben. Was vom Tage übrig blieb, verflog wie der Rauch einer Schachtel Zigaretten. MUSIK düster, z.B. Can’t Sleep 2, Thomas Newman, Soundtrack „In the Bedroom“ ERZÄHLERIN Stilistisch blickt der Film Noir zurück in die deutsche Filmgeschichte und orientiert sich am expressionistischen Film der Weimarer Republik, an Werken wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder die Dr. Mabuse-Filme von Fritz Lang. Der wandert nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amerika aus, und dreht in Hollywood düstere Noirs, wie auch seine Regiekollegen Billy Wilder und Robert Siodmak (dt. gesprochen). MUSIK düster, z.B. Beginn „North on 73“, Thomas Newman ERZÄHLERIN Den inneren Aufruhr der Figuren extern darstellen, durch klaustrophobische, verzerrte Kulissen, extreme Licht- und Schattensetzung, durch schräge, fallende Winkel und ungewöhnliche Perspektiven. Diese Standards des Expressionismus entfalten ihre Wirkung wieder im Film Noir. Wenn Walter Neff in „Frau ohne Gewissen“ zum ersten Mal die Wohnung von Phyllis Diedrichson betritt, erstrahlen die Räume noch im Tageslicht, doch von Mal zu Mal verfinstert sich das Haus, so wie die Seelen des mörderischen Paares. ZITATOR Es war ein heißer Nachmittag und ich wundere mich heute noch über den Jasmin-Duft, der über den Gärten lag. Wie sollte ich ahnen, dass Mord zuweilen nach Jasmin duftet? ERZÄHLERIN Mord duftet nach Jasmin und dem Parfum von Phyllis Diedrichson. Die Frau, die Walter um den Finger wickelt. Die zentrale Figur vieler Film Noirs: die Femme Fatale. MUSIK, z.B. Ava, Soundtrack Sin City 2 - A Dame to Kill for OTON Christian Keßler 5 Die böse Frau, die klassische Femme Fatale, die Männer in den Untergang lockt, die den Femme Fatales dann folgen wie die Motte dem Licht und die dann quasi wie Lemminge über die Klippe springen, dem eigenen Selbstzerstörungsdrang folgend. Den grundsätzlichen Femme Fatale-Gedanken finde ich relativ sexistisch eigentlich. ERZÄHLERIN Denn - so Christian Keßler - er ist ein Männer-Konstrukt und dämonisiert das Weibliche. (MUSIK Ava langsam ausfaden) Im Zweiten Weltkrieg wandeln sich in den Vereinigten Staaten die traditionellen Familienwerte. Frauen müssen in Abwesenheit der Männer arbeiten gehen, werden die Brotverdienerinnen, werden zu wichtigen Stützen der Gesellschaft, und verspüren ein Gefühl der Freiheit und der Macht. Female Empowerment… All das führt zur Femme Fatale. In ihr spiegeln sich die Ängste der bislang männlich dominierten Gesellschaft wider: die klassischen Machtstrukturen zwischen Männern und Frauen werden untergraben. OTON Christian Keßler 6 Filmisch war ja so die Norm, dass es sich bei Frauen um das schöne Beiwerk handelt, die dem männlichen Charakter dann am Schluss als Preis sozusagen in die Arme fliegen. Da gab es zwar auch Ausnahmen, aber meistens war das wirklich so, dass die halt nett Kaffee gemacht haben, in irgendwelche fürchterlichen Situationen geraten, wo die Helden sie dann rausboxen müssen. Im Noir Kino hingegen sieht das nicht so aus. Da sind die Frauen häufig deutlich die stärkeren Charaktere als die Männer. Double Indemnity ist ein perfektes Beispiel dafür. Die nimmt die Sache selber in die Hand, ist nicht nur ein schönes Anhängsel, wie das die traditionelle Frauenrolle damals vorgesehen hätte, im Kino und auch anderswo. Sondern sie schlägt die Männer auf ihrem eigenen Terrain sozusagen. ERZÄHLERIN Die Femme Fatale ist dabei weit mehr als eine Männerfantasie, als ein bösartiges, mordendes Spinnenwesen, das die Opfer kaltherzig ausnutzt. Femme Fatales wie Phyllis Dietrichson kann man auch als starke Frauen interpretieren, die in einer von Männern beherrschten Welt gefangen sind, und für Chancengleichheit sorgen wollen. Dazu sind sie willens, jede Waffe einzusetzen, ihre Sexualität und Schusswaffen. PISTOLENSCHUSS ERZÄHLERIN Phyllis schießt in „Frau ohne Gewissen“ tatsächlich auf Walter, trifft ihn aber nur an der Schulter. Doch als er näher kommt, schafft sie es nicht, nochmals auf ihn zu schießen. Erst jetzt - so gesteht sie - habe sie wahre Gefühle für ihn verspürt, lässt die Pistole sinken und umarmt ihn. Doch Walters Blick ist zu Eis erstarrt. Jetzt hat er die Waffe in der Hand. ZITATOR Leb wohl, Baby! zwei PISTOLENSCHÜSSE, schnell hintereinander dann MUSIK Ende Double Indemnity, darüber: ERZÄHLERIN Das Ende von Phyllis Diedrichson läutet auch das Ende von „Frau ohne Gewissen“ ein. Walter Neff kehrt in sein Büro zurück und beginnt seine Beichte. Der Bogen zum Filmbeginn schließt sich. MUSIK hoch bis Ende ERZÄHLERIN Der finanzielle Erfolg von Billy Wilders Film, ebenso wie lukrative Werke wie die Humphrey-Bogart-Detektivgeschichten „Die Spur des Falken“ und „Tote schlafen fest“ führen zu einer Welle an Noirs von großen und kleinen Studios, mal aufwendig, mal schnell heruntergekurbelt, von den 1940er bis in die späten 1950er Jahre hinein. Orson Wells’ „Im Zeichen des Bösen“ von 1958 gilt oft als Endpunkt der klassischen Film-Noir-Phase in Hollywood, die aber auch in anderen Ländern Widerhall findet, etwa in Frankreich, wo François Truffaut 1959 „Schießen Sie auf den Pianisten“ dreht. MUSIK Georges Delerue, Rencontre (Soundtrack Schießen Sie…) ERZÄHLERIN In den 1960ern dominiert farbenprächtiger Technicolor die Kinokassen: Epen wie „Lawrence von Arabien“, exotische, augenzwinkernde Action wie die James-Bond-Reihe und Musicals wie „My Fair Lady“. Noir-Krimistoffe wandern ins Fernsehen ab, in Form von Polizeiserien wie „Stahlnetz - Dragnet“. Doch die Noir-Sensibilität bleibt der großen Leinwand erhalten, denn sie hat viele Genres infiziert, sagt Paul Duncan. OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 5 You can have noir westerns… in us as well. Es gibt Noir-Western, Noir-Kriegsfilme, Noir-Musicals, Noir-Melodramen, denn Noir selbst dreht sich um die zwiespältige Gefühlslage, ob man seinen Mitmenschen trauen kann, oder ob sie einen hintergehen. Das macht Noir so zeitlos gültig. Es spricht Bereiche unseres Lebens an, die schmerzhaft sind, über die wir nur schwer reden können. Doch in diesen Filmen werden sie auf besondere Weise thematisiert und geben uns zu verstehen: die Abgründe der Noir-Figuren stecken in uns allen drin. MUSIKBETT Soundtrack Sieben ERZÄHLERIN So bleibt die Düsternis im Kino erhalten, besonders in Form der Neo-Noir-Filme, die mal mehr, mal weniger unverhohlen, eine Hommage an die Klassiker sind. ZITATOR Das wird ganz sicher kein Happy End geben. ERZÄHLERIN Sagt Detective Somerset (SPRICH engl. Sammaset) zu seinem Partner Mills im Thriller „Sieben“. Im Dauerregen einer gnadenlosen, unmenschlichen Großstadt müssen sie Morde nach Art der sieben Todsünden aufklären. MUSIK Vangelis, Blade Runner (kurz, als Trenner) ERZÄHLERIN Es können düstere Zukunftswelten sein, wie im Science-Fiction-Noir „Blade Runner“, oder der Blick zurück ins Hollywood der späten 1930er Jahre wie in Roman Polanskis „Chinatown“. MUSIK Twin Peaks Theme ERZÄHLERIN Oder die albtraumhaften Visionen eines David Lynch, der in „Twin Peaks“, „Blue Velvet“, oder „Mulholland Drive“ (Mall'hollennd 'Draiww) die Schattenseiten im Unterbewusstsein erforscht. (kurz Musik frei) Ob in Schwarz-Weiß oder in Farbe, die Schattierungen des Film Noir sind noch längst nicht alle filmisch erforscht. OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 6 It’s not the black…there will always be noir. Bei Noir denken viele an schwarz-weiß Bilder, an extreme Gegensätze, dabei sind gerade die Graubereiche die spannendsten. Vor allem die psychologischen Graubereiche. Die lassen einen nicht mehr los. Die Macht des Noir: So lange Menschen Probleme haben oder Albträume, sie um ihr Leben fürchten oder glauben dass die Liebe ihres Lebens sie nicht zurückliebt, so lange wird es Noir geben.

  18. Wer hat die Hosen an? - Geschichte einer Bekleidung

    27.06.2025 · 23 Min.

    Von Männern in Strumpfhosen zu Frauen im Hosenanzug - jahrhundertelang war die Hose in Europa Symbol von Männlichkeit und Macht, Klassenkonflikten und Geschlechtsunterschieden. Und deshalb heiß umstritten, in der Französischen Revolution wie im Kampf um die Emanzipation und der Jugendrevolte des 20. Jahrhunderts. Autorin: Ulrike Rückert (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Rückert Regie: Irene Schuck Es sprachen: Berenike Beschle, Stefan Wilkening, Katja Bürkle Technik: Susanne Herzig Redaktion: Nicole Ruchlak Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Die Sängerin Esther Ofarim trug edlen schwarzen Samt und Perlenkette, als sie an einem Abend im September 1966 die Bar im Hamburger Grandhotel Atlantic betrat. Ein Angestellter forderte sie auf, die Bar zu verlassen und sich umzuziehen, wenn sie wiederkommen wolle. Der Grund für den Affront: das todschicke Outfit des Weltstars war – ein Hosenanzug. MUSIK 2 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'42 ERZÄHLERIN Die Sache schlug Wellen. Einer Reporterin erklärte der Hoteldirektor, man erwarte von den Gästen „vorschriftsmäßige Garderobe“, und sobald die Damenhosen „offiziell anerkannt“ seien, werde man sie selbstverständlich akzeptieren. Die Hamburger Hosenaffäre ist ein Beispiel für das Konfliktpotential in der Geschichte des zweigeteilten Beinkleids. ZITATOR Hosen. Sind eine bekannte Kleidung, womit die Manns-Personen den Unter-Leib bedecken. ERZÄHLERIN So definiert ein Lexikon aus dem 18. Jahrhundert und erläutert weiterhin: ZITATOR „Hosen ihres Mannes hat das Weib.“ Ist ein bekanntes Sprüchwort, so von denen herrschsüchtigen Weibern gesaget wird, welche ihren Männern in allen befehlen und das Regiment über selbige führen wollen. ERZÄHLERIN Die Geschichte der Hose ist lang. Ötzis Beinlinge aus Fell waren ein Vorläufer. Die ältesten richtigen Hosen, die Archäologen ausgegraben haben, gehörten asiatischen Reiten vor dreitausend Jahren. Germanen und Kelten trugen Hosen, Griechen und Römer allerdings fanden die Dinger barbarisch. Auch ist die Hose nicht von Natur aus männlich, zwischen Indien und Grönland finden sich in der Geschichte der Menschheit viele Völker mit behosten Frauen. Aber im Mittelalter wurde die Hose in Europa zum Symbol von Männlichkeit und von Macht im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Die Redensart von der Frau, die die Hosen anhaben will, war schon im 13. Jahrhundert geläufig, jedoch ging es damals nicht um das Oberbekleidungsstück, das im Deutschen heute Hose heißt. Denn das war auch bei Männern aus der Mode. MUSIK 3 Tante belleçe in questa donna stanno- Künstler: La Reverdie - Album: Landini: L'Occhio del Cor - Komponist: Francesco Landini ZITATOR Der Gast schritt an das Bett, da war ein weißes Gewand für ihn bereitet. Einen Bruchgürtel von Gold und Seide zog man darunter. Rote Hosen aus Scharlach streifte man ihm über. ERZÄHLERIN So beschreibt Wolfram von Eschenbach in seinem Roman „Parzival“ um das Jahr 1200 das Outfit eines Ritters bei Hofe. Das Gewand war lang, und „Hosen“ ist das mittelhochdeutsche Wort für Strümpfe oder Beinlinge. Die trugen auch Frauen unterm Kleid. Der „Bruchgürtel“ hielt die Bruch – eine Unterhose. Musik 4 "Poiché partir convienmi, donna cara" - Künstler: La Reverdie - Album: Landini: L'Occhio del Cor - Komponist: Francesco Landini ERZÄHLERIN: In Heinrich Wittenwilers Satire „Der Ring“, verfasst rund zweihundert Jahre später, bekommt der Bräutigam bei einer Bauernhochzeit guten Rat: ZITATOR Das sag ich dir ganz grad heraus: Du bist der Herr in deinem Haus! Wiss’, und trägt dein Weib die Bruch, Sie wird dein Unglück und dein Fluch wider Gott und sein Gebot! Hierzu wirst du der Leute Spott. ERZÄHLERIN Die Unterhose machte den Mann. Und der Mann hatte dafür zu sorgen, dass er der Herr im Haus war, wie es auch die Bibel bestimmte. Frauen galten als launisch, eitel, gierig und herrschsüchtig, und hielt man sie nicht unter Kontrolle, geriet die Welt aus den Fugen. So waren französische Schwänke, italienische Novellen und deutsche Fastnachtsspiele bevölkert von Frauen, die – oft ganz handgreiflich – versuchten, ihrem Mann die Hose zu entreißen. Die Geschichten warnten unbotmäßige Frauen vor drastischen Strafen oder führten dem männlichen Publikum vor, welche Demütigungen ihm bei einer Niederlage drohten: Musik 5 "Hal with Reznor" - Komponist und Ausführender: Daniel Pemberton - Album: The Haunted Airman (Soundtrack) ZITATOR Die Betten machen, kehren, waschen, sudeln und prudeln in der Aschen. Eine Revolution in der Männermode nach der Großen Pest im 14. Jahrhundert brachte die Hose als Oberbekleidung zurück. In einer Chronik ist zu lesen: ZITATOR Nachdem das Sterben ein Ende hatte, da hob die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein, und machten die Männer neue Kleidung. Die Röcke waren so eng, dass ein Mann nicht darin schreiten konnte, und waren eine Spanne über die Knie. Danach machten sie die Röcke ganz kurz, eine Spanne über den Gürtel. ERZÄHLERIN Die jungen Männer schnitten immer mehr von ihren Gewändern ab, bis nur ein Wams übrigblieb, das kaum noch den Po bedeckte. Das rückte wohlgeformte Beine – Gipfel männlicher Schönheit – in vorteilhaftes Licht, aber zwischen dem Wams und den langen Strümpfen blitzte die Bruch und womöglich blanke Haut hervor. Zur Abhilfe nähte man die Beinlinge hinten zusammen und setzte vorn einen Latz ein. Voilà, die Hose war wieder da, und im Deutschen trug sie nun auch diesen Namen. Von nun an war sie das männliche Kleidungsstück. Und bald in den wunderlichsten Erscheinungen zu sehen. MUSIK 6 "Rondes I & VII" - Album: Hirschfelder - Elizabeth (Original Motion Picture SoundTrack) - Komponist: Tielman Susato - Länge: 0'37 ZITATOR Mir kann keiner eine zu abenteuerliche Form eines Kleids aufbringen, denn je seltsamere Kleidung, nach Schnitt von Hosen, Wams und Schuhen, einer aufbringt, je lieber trag ich’s. ERZÄHLERIN … bekannte der Augsburger Konrad Schwarz im 16. Jahrhundert, durchaus typisch für den modebewussten Mann der Renaissance. Männer von Adel und nun auch die stolzen Bürger der Städte zeigten nicht nur Figur, sondern auch, wer sie waren und was sie sich leisten konnten. Wie ein Pfau spreizte man das schillernde Gefieder. Nach der Strumpfhosenphase waren Hosen für drei Jahrhunderte mehr oder weniger kurz und meist farbenfroh. Die Hosenwissenschaft kennt Dutzende von Namen für Modestile, die miteinander konkurrierten oder sich abwechselten - eng anliegend oder bauschig weit, kugelig rund ausgepolstert, geschlitzt mit kontrastfarbig herausquellendem Futter, bestickt, mit Bändern und Schleifen verziert. Und das Gemächt verpackt in protzig großen Schamkapseln. ZITATOR Und möchte mancher meinen, er sehe einen Kramladen aufgetan, so mit mancherley Farben von Nesteln, Bändeln, Schlüpffen sind sie an Haut und Haaren, an Hosen und Wambs, an Leib und Seel behenket, beschlencket, beknöpfet und beladen. ERZÄHLERIN … spottete der Satiriker Johann Michael Moscherosch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Und dann kam die Rheingrafenhose – die ein Rock war. Ein knielanger, weiter Rock, üppig garniert mit Spitzen, Bänderbüscheln und Schleifen, und darunter schaute eine Pluderhose mit breiten Spitzenvolants heraus. Eine Zeitlang war das der Hit an Europas Fürstenhöfen. Zur selben Zeit sah Samuel Pepys in London Irritierendes: ZITATOR In den Gallerien finde ich die Hofdamen in ihrer Reitkleidung, mit Mänteln und Wämsern gerade wie meine, mit Perücken und mit Hüten, so dass, würde nicht ein langer Unterrock unter ihren Männermänteln schleifen, niemand sie für Frauen halten könnte, was ein seltsamer Anblick war und mir nicht gefiel. MUSIK 7 "Quanta Qualia" - Komponist: Michael Riessler - Album: Héloise - Länge: 1'06 ERZÄHLERIN Die Ordnung der Geschlechter verlangte auch sichtbare Verschiedenheit, was ebenfalls auf biblischem Gebot beruhte: ZITATOR Ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen und ein Mann soll nicht Weiberkleider antun. ERZÄHLERIN Das Verbot galt für beide Geschlechter, doch es ist nicht für beide dasselbe, wenn die Frau dem Mann untergeordnet ist. Der Unterschied besteht darin, so der Schriftsteller Eugen Isolani, dass … ZITATOR … die erhabene und herrschende Stellung des Mannes nicht erniedrigt werden solle durch das Weib, das sich als Mann zeigt, und nicht durch die Selbsterniedrigung des sich als Weib gebärdenden Mannes. ERZÄHLERIN Wenn Frauen sich Männerkleider aneigneten, sah man die Männermacht bedroht. Das war nicht nur eine Frage der Optik - man hegte den Verdacht, dass die Kleidung Frauen auch ein anderes Selbstgefühl gebe. Im 16. Jahrhundert schrieb der englische Humanist Richard Hyrde: ZITATOR Eine Frau soll nicht Männerkleidung verwenden, denn es ließe sie denken, sie hätte den Stolz eines Mannes. ERZÄHLERIN Etwas prosaischer bemerkte das Journal des Luxus und der Moden 1802 über die damals aktuellen absatzlosen Frauenschuhe: ZITATOR Flache Sohlen geben Sicherheit und Bestimmtheit, der Gang wird selbständiger, und niemand kann läugnen, daß die hohen Hacken jedem Weibe ungesehene Fesseln anlegen, wodurch die Hülfe des Mannes ihm auf jedem Schritte nöthig wurde. ERZÄHLERIN Hutformen, Jackenschnitte und Absätze waren eine Sache, doch die Hose blieb ein Tabu. Aber auch dieses wurde oft gebrochen. Viele Frauen reisten in Hosen, weil es bequemer war. Englische Aristokratinnen gingen in Hosen auf die Jagd. Königin Christina von Schweden trug gern Männerkleider. Katharina die Große und Marie Antoinette ritten im Herrensitz in Hosen, Männerrock und Dreispitz, und ließen sich auch so malen. Und was ist mit dieser Anmerkung in einem Lexikon aus den Siebzehnhundertachtzigern gemeint? ZITATOR Bisweilen trägt auch das Frauenzimmer, besonders zur Winters=Zeit, Beinkleider, um sich desto besser vor der Kälte zu verwahren; und es wäre zu wünschen, daß sich das Frauenzimmer, der Gesundheit wegen, dieser Tracht mehr bediente. ERZÄHLERIN Um 1700 herum hatte die Männerhosenpracht ein Ende. Man trug nun schlichte Kniebundhosen, die fast völlig verschwanden unter langen Jacken mit weiten Schößen. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die Silhouette schlanker, die Jacken offen getragen und die Schöße schräg zurückgeschnitten. Man zeigte wieder Bein, in knallengen Hosen. Wer keine muskulöse Adonis-Statur vorweisen konnte, packte gern Polster und Wachsprothesen unter die Hosen. MUSIK 8 "Marseillaise St Cyr Defile Avec Tambours Et Clairons..." Ausführende: "Garde Républicaine & Roger Boutry" - Album: Musiques Militaires Garde Republicaine - Länge: 0'26 ERZÄHLERIN Die Revolution in Frankreich war auch eine Revolution der Hosen. Die radikalsten Umstürzler erklärten die Kniebundhose, die „Culotte“, zum Symbol der aristokratischen Willkürherrschaft, weshalb man sie „Sansculotten“ nannte, „ohne Kniehosen“. Zeichen des republikanischen Geistes sollten die „Pantalons“ sein, lange Hosen. Musik 9 "Let that door open" - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play ERZÄHLERIN Mit diesen zeigten sich auch einige Revolutionärinnen. Frauen waren überall dabei, sie diskutierten in der Öffentlichkeit mit, gründeten politische Clubs und forderten gleiche Bürgerrechte für ihr Geschlecht. Das ging den Herren dann doch zu weit. Sie verboten den Frauen die Clubs und Versammlungen, und die Männerhosen auch. Da vermeldete das Journal des Luxus und der Moden eine neue Revolution: Musik 10 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'20 ZITATOR Der Anzug der Damen ist ganz ohne Beyspiel. Sie tragen nemlich, wie die Männer, Pantalons von fleischfarben seidnem Zeuche, und darüber einen Rock von feinstem Mousseline, der an der Seite bis aufs Knie aufgeschürzt, und mit einer Agraffe befestigt wird. ERZÄHLERIN Tatsächlich hatten diese Pantalons mit denen der Männer nichts gemein, es waren Leggings aus Trikotstoff - so ziemlich das einzige, was die Pariserinnen noch unter hauchdünnen Kleidern trugen, nachdem sie Korsetts und Unterröcke beiseite geworfen hatten. Dennoch hielt man sie offensichtlich für gewagter als die sogenannte „Nuditäten-Mode“ der durchsichtigen Chemisenkleider. Diese Welle überrollte Europa, doch die Pantalons machten nur wenige mit. Die spätere Schriftstellerin Bettina Brentano schrieb an Goethes Mutter: ZITATORIN Jetzt raten Sie einmal, was der Schneider für mich macht! Ein paar Hosen? Ja! Vivat! jetzt kommen andre Zeiten angerückt. ERZÄHLERIN Andere Zeiten kamen in der Tat, allerdings brachten sie keine größeren Freiheiten, nicht einmal modische. In der auf göttliches Gebot gegründeten Weltordnung war jedem sein Platz zugewiesen, bestimmt durch Stand und Geschlecht, und man hatte sich dementsprechend zu verhalten. Mit der Aufklärung und der Erschütterung des Ständesystems war diese Ordnung obsolet geworden. Die Unterordnung der Frauen war damit nicht abgeschafft, aber sie brauchte eine neue Begründung. Sie fand sich im Geschlechtscharakter. Frauen und Männer seien, so Wilhelm von Humboldt, von Natur aus völlig verschieden, mit ganz gegensätzlichen Eigenschaften, so dass … ZITATOR … vernünftiger Weise auch nicht einmal der Gedanke entstehen kann, den Charakter des einen mit dem des anderen zu vertauschen. ERZÄHLERIN Bislang waren Sanftmut, Geduld und Fügsamkeit Verhaltensweisen, die von Frauen erwartet wurden. Nun war es ihre Natur. Benahmen sie sich anders, galten sie nicht mehr als widerspenstig, sondern als unnatürlich, krankhaft. Eine richtige Frau war der liebevolle Engel im Haus und verlangte weder in der Ehe noch in der Gesellschaft gleiche Rechte. Damit war das Thema des Zanks um die Hosen keineswegs aus der künstlerischen Welt geschafft. Die Frau, die die Hosen anhaben will, war im 19. Jahrhundert ein höchst beliebtes Sujet für Karikaturisten. Eine Zeichnung allein wurde über Jahrzehnte in mehreren Ländern mit kleinen Veränderungen immer wieder kopiert: ein Mann und ein Frau zerren an einer Hose, angefeuert von einem anderen Paar, bei dem er schon der Hose beraubt ist, die sie unter ihrem Rock trägt. Aus den Bildtexten der deutschen Version: Musik 11 "Winners" - Album: Tommy's Honour (Original Score) - Komponist und Ausführende: Christian Henson ZITATORIN Grosser Zank, Zwischen einem Mann und seiner Frau: wer von beyden die Hosen tragen und im Haus die Ober-Herrschaft haben soll. ZITATOR Lieber sterbe ich, als meiner Frau die Hosen zu lassen; der Mann soll immer der Herrscher seyn. ERZÄHLERIN Dabei lassen sich in den verschiedenen Versionen dieser Karikatur auch die Hosenmoden der Zeit verfolgen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigten sich die Männer in engen Pantalons zu Frack und Weste noch figurbetont und gedämpft farbenfreudig, am Ende steckten sie in der Uniform des dunklen Anzugs. Industrialisierung und Gründerboom verlangten Effizienz statt eitler Selbstpräsentation. Mit den Worten des Ästhetikprofessors Friedrich Theodor Vischer aus dem Jahr 1879: ZITATOR Das männliche Kleid soll überhaupt nicht für sich schon etwas sagen, nur der Mann selbst, der darin steckt, mag durch seine Züge, Haltung, Gesicht, Worte und Thaten seine Persönlichkeit geltend machen. MUSIK 12 "Excellent Notion" Ausführender und Komponist: Patrick Doyle - Album: Sense and Sensibility - Länge: ERZÄHLERIN Zur Ausstellung des männlichen Erfolgs war die Ehefrau da, in dekorativen Kleidern, in denen man schwerlich arbeiten konnte, selbst wenn man das musste. Um 1850 waren Frauen wieder fest ins Korsett geschnürt und schleppten unter ihren weiten Röcken ein halbes Dutzend steife Unterröcke mit sich herum. Zu dieser Zeit lebte Elizabeth Cady Stanton in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat New York. Einige Jahre zuvor hatte sie hier die erste Frauenrechtsversammlung in den Vereinigten Staaten organisiert und radikale Forderungen nach Gleichberechtigung gestellt. ZITATORIN Mrs. Miller kam mich besuchen, gekleidet im türkischen Stil – kurzer Rock, weite Hosen aus feinem schwarzem Tuch, ein spanischer Umhang, der bis zum Knie reichte, ein sehr kleidsames Kostüm und überaus geeignet zum Gehen bei jedem Wetter. Meine Kusine zu sehen, wie sie, mit einer Laterne in einer Hand und einem Baby in der andern, mit Leichtigkeit und Anmut die Treppe hinaufstieg, während ich, mit wallenden Gewändern, mich mit Mühe hinaufzog, von Laterne und Baby gar nicht zu reden, überzeugte mich sogleich, dass eine Reform der Frauenkleidung sehr nötig war, und ich legte umgehend einen ähnlichen Anzug an. ERZÄHLERIN Ähnliche Kostüme hatten schon andere ausprobiert. Aber Stanton und ihre Freundin Amelia Bloomer, die eine kleine Frauenzeitschrift herausgab, rührten die Trommel dafür. Es wurde bekannt als „Bloomer-Kostüm“, schlug Wellen in den USA und in Europa und löste eine Flut von Karikaturen, bissigen Pressekommentaren und Spottliedern aus. Vermutlich verstanden die Lästermäuler durchaus, dass es Elizabeth Cady Stanton und Amelia Bloomer keineswegs nur um praktischere Kleidung ging. ZITATORIN Mir scheint, wenn die Frau völlige Freiheit genösse, würde sie sich genau wie ein Mann anziehen. In männlicher Kleidung könnten wir reisen, durch alle Straßen unserer Städte gehen ohne einen Beschützer, siebenhundert Dollar im Jahr fürs Unterrichten bekommen statt dreihundert und zehn Dollar fürs Nähen eines Mantels statt zwei oder drei, wie wir es jetzt haben. ERZÄHLERIN … schrieb Stanton an einen Freund. Einige hundert Frauen in Amerika, über mehrere Staaten verteilt, trugen das Bloomer-Kostüm. Dafür wurden sie auf der Straße begafft, von johlenden Kindern verfolgt und mit Hohn übergossen. Nach zwei, drei Jahren hatten fast alle Frauen entnervt aufgegeben. Die radikalen Suffragetten der Jahrhundertwende vermieden solche Experimente. Sie wollten nicht schrullig wirken und damit andere Frauen abschrecken. Die Hosenfrage war damit nicht gestorben, allerdings tauchte sie nun in einem anderen Bereich wieder auf: als Frauen sich den Sport eroberten. ZITATORIN Man redet der Frau ein, daß sie kränklich sei und schwach und daher des männlichen Schutzes bedürfe; denn ahnte sie die ihr angeborne Kraft und Gesundheit, so könnte der souveräne Mensch in ihr erwachen ERZÄHLERIN … schrieb die Schriftstellerin Hedwig Dohm 1874. Mediziner warnten eindringlich, dass Sport Frauen zu Mannweibern mache und die Gebärfähigkeit beeinträchtige. Sie sollten sich auf maßvolle Gymnastik und Reigentanz beschränken. Sportbegeisterte Frauen ließen sich damit aber nicht von Hockey, Schwimmen, Skifahren, Rudern, Bergsteigen und Boxen abhalten und mussten dabei Lösungen für die Kleiderfrage finden. In der Turnhalle setzten sich knielange Pluderhosen als Sportdress durch. Ansonsten verwandten Frauen viel Erfindungsgabe darauf, um selbst auf Alpengipfeln nicht in einer Hose gesehen zu werden. Lieber konstruierten sie textile Verwandlungsapparate, wie die Rockhose dieser Bergtouristin: ZITATORIN Über der Wäsche trage ich eine Hose, am Knie seitlich geknöpft und durch einige Falten so erweitert, dass ich frei ausschreiten kann. Der fußfreie Rock ist sehr faltig. Ich kann ihn entweder rings mit einem Riemen schürzen, oder ich ziehe ihn an der Stelle empor, welche durch den An- und Abstieg freie Bewegung fordert. ERZÄHLERIN Mit dem Fahrrad-Hype um 1900 wurden Frauenbeine in Hosen dann auch öffentlichkeitstauglich. Die Knickerbocker-Trägerinnen riskierten dennoch, von aufgebrachten Passanten mit Matsch beworfen oder in Ausflugslokale nicht eingelassen zu werden. MUSIK 13 "O wie praktisch ist die Berlinerin" - Album: Perlen der Kleinkunst - Ausführende: Claire Waldoff - Komponist: Hollaender - Länge: 0'13 Musik 14 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'36 ERZÄHLERIN 1907 wollte die Sängerin Claire Waldoff in einem Berliner Kabarett kess in Herrenanzug und Zylinder auftreten, doch da griff die Obrigkeit ein. Sie durfte nur im Kleid auf die Bühne. Ein paar Jahre später später kreierten Pariser Modeschöpfer „Hosenkleider“. Wagemutige Damen flanierten damit durch europäische Metropolen und ernteten Hohn und Spott. In München allerdings blieb man gelassen. ZITATOR Die neuen Kostüme, die man bei der Parademusik vor der Residenz, des Nachmittags im Englischen Garten und des Abends im Hoftheater sah, fanden ein aufmerksames Interesse, das sich aber in schicklichen Formen kundgab. ERZÄHLERIN Im Ersten Weltkrieg übernahmen Frauen viele bisherige Männerjobs, aber nicht die männlichen Arbeitshosen. Wenn ein Rock ganz unbrauchbar war, wurden von der Männerkleidung verschiedene Modelle eingeführt. So bekamen Streckenläuferinnen bei der Eisenbahn und Arbeiterinnen in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets Kniebundhosen. In den Zwanzigerjahren schnitten sich Frauen die Haare und die Röcke ab und Fliegerinnen in Hosen und Lederjacke waren die Idole junger Mädchen. Trotzdem hieß es auch in den Dreißigern kategorisch: ZITATORIN Hosen? Nur im Heim, für den Strand und den Sport! ERZÄHLERIN Als Marlene Dietrich sich in einem Hosenanzug im Herrenschnitt sehen ließ, verbot ihr Filmstudio ihr das prompt, doch sie hatte schon eine neue Mode gestartet. In den USA brachte Levi’s „Lady Levi“ auf den Markt, die erste Jeans speziell für Frauen. In der Schweiz trat Nelly Diener, Europas erste Stewardess, ihren Dienst an. Ihre selbstkreierte Uniform bestand aus Sakko und Hosenrock. Nach drei Monaten kam sie bei einem Absturz ums Leben. Erst vierzig Jahre später durften die ersten Flugbegleiterinnen wieder Hosen tragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Keilhose und die Capri-Hose erfunden. Als Audrey Hepburn in dem Film “Sabrina” eine schwarze Capri-Hose trug, prophezeite eine Zeitschrift: Musik 15 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'14 ZITATOR Mehr Frauen als je zuvor werden in diesem Sommer „die Hosen anhaben“, daran besteht kein Zweifel! Glücklicherweise nur im modischen Sinn. ERZÄHLERIN In den Sechzigern und Siebzigern waren Hosen aus der Mode für Frauen schon nicht mehr wegzudenken, von den jungen Jeansträgerinnen bis zur Pariser Haute Couture. In der Bundesrepublik kauften Frauen schon mehr Hosen als Röcke. Aber in Büros waren Hosen immer noch tabu, bei offiziellen Anlässen galten sie als unpassend, und Esther Ofarim war nicht die einzige Frau, die wegen ihrer Hose aus einem Restaurant oder Hotel verwiesen wurde. Heute sind Hosen für Frauen kein Thema mehr. Und Männer experimentieren mit Röcken, wenn auch nur eine winzige Minderheit.

  19. Heimweh - Sehnsucht oder Krankheit?

    27.06.2025 · 24 Min.

    Heimweh, diese bohrende Sehnsucht nach Wohlvertrautem, die einen in der Fremde packen kann. Viele zwickt es nur ein wenig, andere sind so arg gebeutelt, dass es sie regelrecht krank macht und einschränkt: Kinder kann es genauso treffen, wie Erwachsene oder Alte. Gut zu wissen, wie Heimweh sich lindern lässt. Von Anja Mösing (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Anja Mösing Regie: Christiane Klenz Es sprachen: Stefan Wilkening, Florian Schwarz Technik: Regina Staerke Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview: Dr. Gerd Schuster, Psychologe, Pflegewissenschaftler, Nürnberg Brigitte Reysen-Kostudis, Psychologin und Psychotherapeutin der psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin Josefina, Studentin, Wien Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Nostalgie – Der Traum vom besseren Gestern Nostalgische Gefühle verklären vergangene Ereignisse und Zustände. Bei aller Wehmut verbessern sie deshalb die Stimmung und können über aktuelle Notlagen hinwegtrösten. So birgt die gute, alte Zeit auch ein zukunftsweisendes Potential - bei aller Gefahr, die im rückwärtsgewandten Denken liegt. Autorin: Justina Schreiber JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | Radiowissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Fortwährende Traurigkeit, häufige Seufzer, fortwährendes Denken an die Heimat, unruhiger Schlaf, Abnahme der Kräfte, geringerer Appetit, Herzensängste und unregelmäßiger Herzschlag, Fieber, Störung der Verdauung, Abmagerung und Schwächung und schließlich: Tod. ERZÄHLER So wurden im 18. Jahrhundert die typischen Symptome von Heimwehkranken beschrieben. Heimweh - ein Krankheitsbild, das zuerst der junge Elsässer Medizinstudent Johannes Hofer im Jahr 1688 erforscht hat. MUSIK 2 Kuhreihen für Alphorn solo 0’30 ERZÄHLER Schweizer Krankheit wurde es auch genannt, nach Schweizer Söldnern, oft arme Bauernsöhne aus den Bergen, die in der Fremde an dieser rätselhaften Todesursache starben. Traditionelle Hirtenlieder wie den Schweizer Kuhreihen zu singen, wurde angeblich verboten, um Heimweh nicht ausbrechen zu lassen. Als einzige Kur gegen die Krankheit galt damals: die Leidenden umgehend nachhause zu schicken. ZSP 1 Reysen Ich würde sagen, 20 bis 30 Prozent der Neuankömmlinge haben doch sehr große Probleme und entwickeln dann eben auch Heimweh. MUSIK 3 Kings Of Convenience – Homesick 0’21 ERZÄHLER Für Neuankömmlinge in einer Stadt, Studierende zum Beispiel, ist Heimweh auch heute noch ein großes Thema. Das weiß Brigitte Reysen-Kostudis aus 30 Jahren Erfahrung in der psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin. Die Studierenden, die zu ihr in die Beratung kommen, sind zwischen 20 und 27 Jahre alt: ZSP 2 Reysen In der Regel kommen die jungen Menschen nicht zu mir und sagen gleich zu Beginn: Ich habe Heimweh. Es fällt gerade den jungen Leuten in dieser Schwellensituation zwischen Kindsein und Erwachsensein oft schwer, das von sich selbst zu sagen. Weil das oft als nicht passend zum Erwachsensein angesehen wird. Aber im Verlauf des Gespräches kommen wir darauf: Warum hast du diese Symptome? Ist es vielleicht tatsächlich deshalb, weil Du ganz oft an Dein altes Zuhause denkst? MUSIK 4 Kings Of Convenience – Homesick 0’47 ERZÄHLER Im Englischen sagt man homesickness, im Französischen mal du pays und immer noch mal du Suisse. Das Wort Krankheit steckt in jedem dieser Begriffe. Auch das deutsche Heimweh klingt wie Bauchweh und Zahnweh nach körperlichem Schmerz. Als tödliche Krankheit wird Heimweh aber nicht mehr gefürchtet: ZSP 3 A Reysen Weil da ja keine körperliche Erkrankung im Hintergrund ist, die behandelt werden müsste. Es ist schon ein seelisches Leiden und das kann Schmerzen verursachen, das kann Magenprobleme verursachen, Kopfschmerzen verursachen, die dann allerdings psychische Ursachen haben. ZSP 3 B Josefina Bei mir hat es immer im Bauch angefangen, wie wenn man so einen Klumpen im Bauch hat. Und dann kommt es oft auf Herzhöhe. Und dann hat man so eine Enge ums Herz. Und man ist ganz-ganz vorsichtig und starr in so einer Habacht-Haltung. Ich bin ganz, ganz still geworden und habe alles beobachtet, als ob jetzt gleich was Schlimmes passieren könnte. Und irgendwann ist es dann so hoch im Kopf gestiegen, dass man gar nicht mehr an anderes denken konnte als: Da kommt jetzt gleich was. Und ich muss Heim! Und ich will in Sicherheit sein! Und Sicherheit war halt daheim sein. MUSIK 5 Regina Spektor – Open 0‘28 ERZÄHLER Josefina ist Mitte 20 und unfreiwillig Heimweh-Expertin, sie kennt das Gefühl seit frühester Kindheit. Einen allerersten Auslöser, ein traumatisches Erlebnis, so etwas gab es für ihr Heimweh nicht: ZSP 4 Josefina Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es irgendwann angefangen hat, sondern es war halt immer schon da. ERZÄHLER Zur Zeit des Interviews studiert Josefina im vierten Semester Psychologie in Wien. Aufgewachsen ist sie in München. Ihr letztes großes Heimweh, das hatte sie zu Beginn ihres Studiums: ZSP 5 Josefina Da war ich 22 und bin nach Wien gezogen. Das Heimweh war da zum ersten Mal dieses Gefühl: Okay, du kannst traurig sein! Du darfst das vermissen! Du darfst Sehnsucht haben! Und du darfst weinen deshalb, das ist okay, das ist ein Grund! Und vom Gefühl her Heimweh, aber in dem Fall positive Sehnsucht eher. MUSIK 6 Jonathan Jeremiah – Happiness 0’50 ERZÄHLER Der Entwicklungsschritt vom Heimweh hin zur bloßen „Sehnsucht nach zuhause“ war für Josefina groß. Denn Heimweh hatte sie oft komplett besetzt. Dass sie jetzt so selbständig und fröhlich in Wien studieren kann, hat sich Josefina hart erarbeitet, sagt sie. Mit zwei Jahren Psychotherapie. Kandidatinnen oder Kandidaten für starke Heimwehsymptome sind vor allem Menschen, die Angst vor unvorhergesehenen Ereignissen haben, egal ob als Kind oder als Erwachsene. Das erklärt die Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis,: ZSP 6A Reysen Das gehört schon zusammen: Dieses Bedürfnis nach Kontrolle und die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Und in einer neuen Umgebung habe ich natürlich nicht die Kontrolle über das, was passieren kann. Also alles ist noch neu. Es können Dinge passieren, die ich vorher noch nie erlebt habe. Und das ist für manche eine große Herausforderung. Für andere ist es toll, dass ständig neue Sachen passieren, neue Begegnungen möglich sind. Für andere ist es totaler Stress. MUSIK 3 Gerd Baumann – Martha 0‘47 ZSP 6 B Josefina Schullandheim zum Beispiel: Da war nicht unbedingt ein Auslöser. Also, das stapelt sich dann so: Das Essen ist doof. Und dann bin ich mit jemandem im Zimmer, mit der ich mich davor gestritten habe. Oder es ist ein sehr-sehr großes Zimmer, wo viel Trubel ist und ich mich nicht mal eine Minute zurückziehen kann und sagen: Okay, tief durchatmen, das wird wieder. Und das waren dann alles Faktoren, wo ich gesagt habe: ich fühle mich hier ganz-ganz unwohl. Und ich habe keine Kontrolle mehr über diese Situation, von meiner Sicht aus. Und anstatt zu sagen: Ja gut, jetzt ist die Bettdecke ungemütlich, meine Güte! Es gibt nicht mein Lieblingsessen, okay kann man ne Woche mit leben! Das ist dann viel-viel größer geworden als es eigentlich war. ERZÄHLER Für Außenstehende wirkt es oft, als wolle ein Kind plötzlich nach Hause, nur weil das Essen nicht schmeckt wie gewohnt. Der Grund fürs Nachhause wollen liegt aber viel tiefer: ZSP 6 C Reysen Auf dieser diagnostischen Ebene fällt Heimweh unter eine Anpassungsstörung. Das ist so der medizinische Terminus. Wenn jemand Schwierigkeiten hat, sich an neue Umgebungen und neue Bedingungen anzupassen. MUSIK 8 Deine Freunde – Heimweh 0’47 ZSP 6 D Josefina Heimweh war für mich immer ein bisschen wie so eine Überforderung, weil ich mich so unwohl in der Situation gefühlt habe, wo ich quasi dann alleine war und keinen Anker hatte, wo ich wusste, da kann ich einfach ganz entspannt sein. Sondern ich war immer komplett angespannt. Und diese Anspannung war da natürlich irgendwann zu viel. ERZÄHLER Heimweh kann so dominierend werden, dass es sich wie ein grauer Schleier auf Dinge legt, auf die man sich eigentlich gefreut hätte: Eine Einladung zum Wochenendausflug, eine Geburtstagsübernachtung oder eine Fackelwanderung im schneeverwehten Wald. Allein schon die Angst davor, Heimweh zu bekommen, schränkt die Betroffenen ein: ZSP 7 Josefina Weil dir einfach ganz viele schöne Momente von dem Gefühl kaputt geschossen werden. Weil du dann in deinem kleinen pessimistischen Kokon sitzt und eigentlich hättest du den Spaß des Lebens. MUSIK 9 Gerd Baumann – Sophies Thema 0‘37 ERZÄHLER Schon mit sechs Jahren hat Josefina zusammen mit den Eltern Strategien entwickelt, um Heimwehsituationen durchzustehen: Alles, was neu sein könnte, haben sie vorher besprochen. Und Josefina hat immer einen Talisman von daheim mitgenommen, eine Halskette ihrer Mutter. Solche so genannten Übergangsobjekte sind tröstende Klassiker für Heimwehkinder! Auch ein heimliches Not-Handy kann mit, falls die Sehnsucht nach zu Hause zu groß wird. ZSP 8 Reysen Was ich eine ganz schöne Strategie finde, ist, wenn so ein kleines Klassenfahrt-Tagebuch geführt wird. Wenn dann die Begleitpersonen sagen: Ach, mal doch mal ein Bild für deine Mutter oder deinen Vater. Und wenn du wiederkommst, kannst du das zeigen, damit sie auch sehen, wie es hier ausgesehen hat. Das ist auch eine Art und Weise dem Kind zu signalisieren: Ja, du wirst wieder zurückkommen! Das gibt Sicherheit. Das kommt bei Kindern oft total gut an, weil die sich dann auch ernst genommen fühlen als Handelnde. Solche Strategien helfen dabei, dass das Kind sich aktiv mit der Situation auseinandersetzen kann. ERZÄHLER Aktiv sein, ist wichtig! Wenn Studierende in Berlin zu Brigitte Reysen-Kostudis in die Psychologische Beratung der Universität kommen, haben sie oft schon viel Heimweh und Ängste durchlitten. Die jungen Leute haben sich darauf gefreut, endlich in der großen Stadt zu studieren. Und irgendwann stehen sie vor lauter ungeahnten Problemen: ZSP 9 Reysen Entweder: Ich kann die Aufgaben nicht erledigen, die ich eigentlich machen sollte. Ich habe Antriebsstörungen, Schlaflosigkeit, merke, dass ich mich auf bestimmte Dinge gar nicht mehr konzentrieren kann. Ich kann Texte nicht lesen. Ich sitze zu Hause und bin traurig. Oder aber es sind extreme Ängste da. Ich traue mich nicht, mit der U-Bahn zu fahren, mit Straßenbahn zu fahren, das sind mir alles viel zu viele Leute. Und ich habe vielleicht sogar auch schon mal eine Panikattacke gehabt. Und jetzt habe ich so enorme Ängste, dass so etwas wieder passieren könnte. MUSIK 10 Gerd Baumann – Vom Ende 1‘07 ERZÄHLER Heimweh kann theoretisch jeden treffen. Aber ängstliche Menschen trifft es häufiger als andere, so die Psychologin: ZSP 10 A Reysen Ja, ich denke, dass Angst ein wesentlicher Faktor ist. Heimweh in einem Maße, wo es wirklich beunruhigend ist und stark einschränkend ist, vor allem für Menschen, die eben Probleme haben, auf andere zuzugehen, die in Situationen, die neu sind, sich oft nicht wohlfühlen. Also alles, was in dies Spektrum von ängstlichen Persönlichkeiten hineingehört. ZSP 10 B Josefina Ich habe sehr-sehr viel nachgedacht immer über Situationen. War sehr vorsichtig und bin nie einfach ins Wasser gesprungen, sondern habe mir das alles immer erst mal angeschaut. Und habe andere Leute beobachtet, wie die ins Wasser gesprungen sind. Und dann bin ich auch reingesprungen. Und ich glaube, das kann überhandnehmen, dass man sich dann so reinsteigert, dass das einfach der Mechanismus ist, wie man so durch die Welt geht. ERZÄHLER Die konträre Haltung wäre: Was soll schon passieren? Mache ich halt einfachmal, das wird dann schon! ZSP 11 Reysen Ich finde es immer sehr bewundernswert, wenn Leute zu mir sagen: Ah, ich habe wirklich eine schöne Kindheit gehabt und Jugend und da haben wir das und das gemacht. Und ich fühlte mich wohl. Das ist ein Schatz, den sie bewahren können. Aber es geht weiter. Weil gerade dieses Gefühl verbunden zu sein, auch mit einer Landschaft verbunden zu sein, mit Menschen verbunden zu sein, kann ja auch Kraft geben, noch einmal neu zu starten, für neue Herausforderungen, die ich bestehen muss. Weil ich ja weiß, es gibt Menschen und Orte, die mir vertraut sind. Und warum sollte es mir nicht gelingen, das woanders auch aufzubauen? ERZÄHLER Heimweh ist Teil der Suche nach sich selbst, glaubt Reysen-Kostudis. Wer Heimweh hat, ist auf der Suche nach der eigenen Heimat, nach einem Ort, wo man glücklich werden kann. Manchmal hilft es sogar, Verbindung zur alten Heimat aufzunehmen. ZSP 12 Reysen Das kann sein, dass ich mein Lieblingsgericht zubereite, was aus einer bestimmten Region kommt. Das kann sein, dass ich sage, ich telefoniere regelmäßig, Skype regelmäßig mit Menschen, die mir wichtig sind. Aber nicht ständig! Dass ich versuche, das ein bisschen zu regeln, dass ich dann bestimme, an welchen Tagen, zu welchen Zeiten ich mich diesem Gefühl auch überantworten kann und das auch genießen kann. Die Verbundenheit mit diesem Ort hört ja nicht auf. MUSIK 11 Gerd Baumann – Flimmern 1‘10 ERZÄHLER Um schneller heimisch zu werden hilft vor allem eins: Neu geknüpfte Beziehungen! ZSP 13 Reysen Was in allen Forschungen über Glück oder auch Zufriedenheit immer drin ist, ist dieses Eingebundensein. Das kann Eingebundensein in Bezug auf zwischenmenschliche Kontakte, aber auch so eingebunden zu sein in ein Wertesystem. Wenn ich mich zugehörig fühle einer bestimmten Gruppierung, das kann eine religiöse Gemeinschaft sein, das kann eine politische Gemeinschaft sein, dann hilft das auch, um in ungewohnten neuen Situationen auch gleich so andocken zu können, zu einem bestimmten Thema. Wo dann diese direkten menschlichen, persönlichen Kontakte nachträglich kommen können, aber erst einmal auch ein Gefühl von Eingebundensein entstehen kann. ERZÄHLER Ob es der Skaterpark ist, wo man Gleichgesinnte findet oder das Studentenradio, der Arbeitskreis für eine vegane Lebensweise oder die Tangogruppe: Heimwehkranke, die freiwillig in eine fremde Umgebung gezogen sind, haben gute Chancen ihr Leiden mit solchen Strategien zu überwinden. Wie hartnäckig Heimweh in der Fremde auftritt, hängt aber immer auch von den Gründen ab, aus denen das alte Zuhause verlassen wurde: ZSP 14 Reysen Ganz extrem bei Geflüchteten, die wir auch in der Studierendenschaft haben, die eben nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben. Sondern gegangen sind, weil Krieg, Notzustände, Verfolgung da war. Weil dann die Gedanken da sind: Was passiert jetzt eigentlich in meiner Heimat? Ich bin jetzt hier. Aber irgendwie komme ich gar nicht an, weil ich in Gedanken immer noch woanders bin. MUSIK 12 Sting – Shape Of My Heart 0‘23 ERZÄHLER Wer nicht freiwillig am Ort ist, der die neue Heimat werden soll, braucht besonders gute Strategien, um heimisch zu werden. Das konnte auch der Psychologe und Gerontologe Gerd Schuster feststellen. Für seine Dissertation Heim und Heimweh befragte Schuster alte Menschen nach ihrem Umzug ins Pflegeheim: ZSP 15 Schuster Und das sind natürlich besonders krasse Umstände des Umzugs! ERZÄHLER So unterschiedlich die Biographien der Hochbetagten waren, so häufig hörte Schuster von den Befragten, dass es besonders die Art des Umzugs war, die Heimweh ausgelöst hatte: ZSP 16 Schuster Der Eintritt in ein Pflegeheim war für die allerallermeisten eine sehr traumatische Situation. Vor allen Dingen deshalb, weil sehr viele ältere Menschen nicht aus einer vorbereiteten Situation von daheim ins Pflegeheim übersiedeln, sondern schnell: Nach Schlaganfällen zum Beispiel, nach Aufenthalten im Krankenhaus, wo dann im Krankenhaus festgestellt wird: dieser Mensch kann nicht mehr daheim in die eigene Wohnung. Das heißt, sie können von dieser Wohnung überhaupt kein Abschied mehr nehmen. ERZÄHLER Alle Befragten hatten unter Heimweh gelitten. Dabei galt Heimweh bei alten Menschen bisher als wenig verbreitet. Weil es nur bei Kindern und jungen Leuten erforscht wurde, sagt Schuster. Inzwischen ist die Lebenserwartung gestiegen, und viele Menschen müssen nun im letzten Lebensabschnitt noch einmal an einen fremden Ort umziehen: ZSP 17 Schuster Beispielsweise ein älterer Mann, der war ein Kunstschreiner gewesen, der sehr schöne Möbel selber hergestellt hat, ein sehr selbstbewusster Mensch. Der fand sich jetzt, nach einer solchen Situation, in einem Pflegeheim. Und am nächsten Tag kam sein Schwiegersohn und brachte ihm - das muss man sich mal geben - in Müllsäcken ein bisschen Kleidung vorbei und ein bisschen Habseligkeiten. MUSIK 13 Moon Over Bourbon Street 0’27 ERZÄHLER Sich nach einem langen Leben in einer Wohnung oder sogar im selbstgebauten Haus plötzlich in einem Zimmer von 16 Quadratmetern wieder zu finden, wo gerade noch Platz ist für eine kleine Kommode und einen kleinen Schrank, in denen die Habseligkeiten verstaut werden können, das ist oft schlimm für Neuankömmlinge im Pflegeheim, sagt Schuster: ZSP 18 A Schuster Das ist natürlich ein schockhafter Zustand. Und dann spielt sich das ab, was wir so unter Heimweh-Symptomatik verstehen: Appetitlosigkeit, man denkt nur noch an zu Hause, man weint, man kann nicht schlafen. Man kann an nichts anderes denken als an zu Hause. Man verweigert sich sozialen Kontakten, man igelt sich in seinem Zimmer ein. Man will nicht reden, man will niemanden sehen. ZSP 18 B Reysen Heimweh ist ja auch so ein Gefühl von Ausgeliefertsein, wie auch bei anderen Schmerzen, die ich habe. Da fühle ich mich immer als jemand, der eine Wunde hat, einen inneren Schmerz hat und darunter leidet. Und je mehr ich erkennen kann: Ich kann was dagegen tun! Es gibt aktive Möglichkeiten, etwas zu verändern! Oder ich kann meine Umgebung verändern, desto weniger tut es auch weh. ERZÄHLER Diese Art von Aktivität können Hochbetagte oft nicht mehr leisten. Umso wichtiger, dass Pflegende die alten Menschen in ihrem neuen Zuhause gut empfangen, sagt Gerd Schuster, der inzwischen mehr als 20 Pflegeheime geleitet hat: ZSP 19 Schuster Darauf sind die Interviewpartnerinnen immer wieder zurückgekommen: Es hat mir sehr geholfen, dass ich so herzlich begrüßt worden bin vom Pflegepersonal. Dass man mir mein Zimmer gezeigt hat, dass man ein Gespräch mit mir geführt hat, dass man mich willkommen geheißen hat, mich anderen Bewohnerinnen und Bewohnern vorgestellt hat, mir das Haus gezeigt hat, vielleicht sogar manchmal ein bisschen gedrückt, also umarmt, also diese menschlichen Zeichen. MUSIK 14 Kings Of Convenience – Homesick 0’047 ERZÄHLER Sich angenommen zu fühlen am neuen Ort und vertraute Dinge um sich zu haben: vielleicht den Lesesessel, das Lieblingsbild für die Wand und ein kleines Schränkchen. All das hilft, heimisch zu werden. Wichtig ist auch, zu spüren, ich bin nicht ausgeliefert, sondern kann noch handeln und selbst entscheiden! Ich wähle zum Beispiel meine Kleidung selbst aus und meine Mahlzeiten. Die Studentin Josefina empfiehlt noch einen Trick, den sie als Kind in Heimwehsituationen angewendet hat: Rückbesinnung auf schöne Situationen im Leben! Vielleicht unterstützt durch Fotos von geliebten Menschen oder Orten: ZSP 20 A Josefina Es funktioniert wahnsinnig gut, wenn man sich denkt: Okay, ich beschwöre mir jetzt eine glückliche Erinnerung rauf und fühl einfach die, anstatt dem Heimweh. Und das funktioniert, glaube ich, auch gegen Angst und gegen alles. ZSP 20 B Schuster Aber ich würde davon abraten, die alten Menschen nur noch unter dieser musealen Perspektive wahrzunehmen! Nach der Devise: alles, was möglichst früh gewesen ist, ist gerade richtig und gut als Erinnerungs-Gegenstand mit ins Pflegeheim zu geben. Wir nageln ja dann den älteren Menschen in seiner ganz-ganz frühen Vergangenheit fest und nehmen ihn nur noch unter dieser Perspektive war. Anstatt das wir mal sagen: Mensch, du hast so schöne Augen! Dieser Mensch ist jetzt präsent in dem Pflegeheim! ERZÄHLER Wie aber hilft man einem Hochbetagten, wenn er das Heimweh immer wieder überdeutlich äußert mit dem Satz: Ich will nach Hause! ZSP 21 Schuster Die Fragestellung, die ist für die Psychologen natürlich sehr interessant, was verbirgt sich denn hinter diesem: Man will nach Hause! Wie es oft von dementen Menschen geäußert wird. Dann ist es gar nicht das Elternhaus. Ich habe ja selber einen Großvater gehabt, der an Demenz erkrankt war, und der redete auch immer davon, er will nach Hause. Und mein Vater ist ganz verrückt gewesen, weil er diesen Wunsch vor allen Dingen nachts geäußert hat, also war sehr anstrengend. Und dann hat mein Vater einfach mal gesagt: So ich setz dich jetzt ins Auto. Ich fahre dich jetzt, dorthin, wo du als Kind aufgewachsen bist. Und dann hat er ihn tatsächlich ein paar Kilometer gefahren, an sein Elternhaus. Das erkannte mein Großvater gar nicht. Also, das zeigt auch, dass in dieser Metapher des nach Hause Wollens anderes steckt als tatsächlich das physische Elternhaus. Sondern es hat sehr viel mit Sehnsüchten zu tun, mit dem Gefühl des sich Wohlbefindens, mit dem Gefühl der Geborgenheit auch. MUSIK 15 Agnes Obel – Chord Left 1’05 ERZÄHLER Wer sich ernstgenommen fühlt, wohl und geborgen, der will in der Regel gar nicht heim. Denn Heimweh zeigt immer ein Verlorenheitsgefühl an, ob bei Kindern, jungen oder alten Leuten. Und Hochbetagten steht eine zusätzliche Möglichkeit zur Verfügung, um diese Gefühlslage zu überwinden: ZSP 22 Schuster Ja, in der Tat. Es ist ein Verlorenheitsgefühl zunächst! Aber ein Verlorenheitsgefühl, wenn man das ein bisschen blumig ausdrücken mag, das Ausschau hält nach dem Rettenden. Und dieses Rettende findet sich eben oft in der eigenen Biografie, schon allein in der Erkenntnis, dass das ganze Leben irgendwo unbeständig ist. ERZÄHLER Gerade weil alte Menschen aus langer Erfahrung wissen, dass das Leben aus Schönem und aus Schwierigem, aus Verlusten und aus Neuanfängen besteht, können sie alle Arten von Erfahrungen in ihr Leben integrieren - auch die, dass es notwendig ist, an einem neuen Ort heimisch zu werden.

  20. Schwaben- und Hütekinder - Schwerstarbeit statt Schule

    26.06.2025 · 22 Min.

    Über 300 Jahre lang machen sich Scharen von Kindern im Frühjahr aus den Alpengebieten nach Oberschwaben auf, um sich dort als saisonale Arbeitskräfte zu verdingen. Sie sind zwischen sechs und 14 Jahren alt und leisten als so genannte Schwaben- oder Hütekinder Schwerstarbeit, statt zur Schule zu gehen. Das Phänomen des "Schwabengehens" endet erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Autorin: Ulrike Beck (BR 2024) Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Beck Regie: Frank Halbach Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Julia Fischer Technik: Andreas Lucke Redaktion: Andrea Bräu Im Interview: Sabine Mücke, Historikerin, Leiterin des Museums Humpis Quartier in Ravensburg Dr. Tanja Kreutzer, Kunsthistorikerin, Leiterin des Bauernhaus Museums Wolfegg Literaturtipps: Regina Lampert, „Die Schwabengängerin - Erinnerungen einer jungen Magd aus dem Vorarlberg 1864-1874“. Ein anschaulicher und lebendiger Einblick in Regina Lamperts Leben und Alltag als Schwabenkind. Diese Memoiren hat Lampert 1929 im Alter von 75 Jahren in Heften für ihre Familie niedergeschrieben. Elmar Bereuter, „Die Geschichte des Kaspanaze - Die Schwabenkinder“. Der Roman erschien 2002 und diente Jo Baier als Vorlage für seinen Film „Schwabenkinder“. Eine sehr berührende und anschauliche Darstellung der Erfahrungen des Schwabenkindes Kaspar. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitatorin (Lampert Die Schwabengängerin S. 66) Eines Tages sagte der Bauer etwa Ende Juli: “Die Gäns verlieren schon viel Federn, die müssen gerupft werden, bevor die Ernte angeht, denn dann hat man keine Zeit mehr, die Viecher zu rupfen. So zehn Stück solltest rupfen können im Tag.“ …Zuerst ging es nicht gut; an der ersten hatte ich fast ein halben Tag, bittere Tränen hab ich geweint dabei, bis ichs endlich gemerkt habe, wie das geht.“ Erzähler Das schreibt Regina Lampert in ihren autobiografischen Memoiren „Die Schwabengängerin - Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg“. Erzählerin Sie ist zehn Jahre alt, als sie im Frühjahr 1864 zum ersten Mal aus ihrem Heimatdorf Schnifis aufbrechen muss, um bis zum Herbst auf einem Bauernhof in Berg am Bodensee zu arbeiten. MUSIK ENDE Erzähler Sie ist eine von zigtausenden so genannten Schwabenkindern, die sich über 300 Jahre lang in der Fremde verdingt haben. Aber sie ist die Einzige, deren Erlebnisse 1996 als Buch erscheinen, das eine Welle der Erinnerung auslöst. Erzählerin Und mit den Impuls gibt für grenzüberschreitende Projekte in Europa, für die sich Historiker und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Italien ab 2006 auf die Spuren der Schwabenkinder machen. Erzähler Im Bodenseekreis und im Landkreis Ravensburg durchforsten sie Dienstbotenverzeichnisse und werden fündig. Dort sind die Namen aufgelistet, genau wie das Alter, der Herkunftsort und der jeweilige Dienstherr. Erzählerin Zusammen mit den Informationen aus den Schulakten, sowie Zeitzeugenberichten, die die Nachfahren der ehemaligen Schwabenkinder und Archive beisteuern, setzt sich ein Puzzle zusammen, wie das Leben der bis dahin meist Unbekannten ausgesehen haben könnte. Erzähler Am Ende sind es 14.000 Biografien, die in die Schwabenkinderdatenbank aufgenommen und abgerufen werden können. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:05 Erzähler Die Geschichte des Schwabengehens beginnt bereits Ende des 16., Anfang des 17.Jahrhunderts. Als die ersten Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, Südtirol, der Schweiz und Liechtenstein sich nach Oberschwaben aufmachen – so nannte man damals die Gegend im südöstlichen Baden-Württemberg und im südwestlichen Bayern. Erzählerin Eine Gegend, die durch den Getreideanbau und auch den Getreideexport in die Schweiz und nach Österreich längst als Kornkammer im Alpenraum bekannt ist. Eine Gegend, in der auch Kinder als Arbeitskräfte an den großen Höfen gebraucht werden. Erzähler Die Historikerin Sabine Mücke leitet das Museum Humpis Quartier in Ravensburg und hat sich im Rahmen der EU-geförderten Projekte intensiv mit der Geschichte des besonderen Phänomens des Schwabengehens beschäftigt. MUSIK ENDE 1.O-Ton (Mücke Ausstellung Humpis Museum ab 5:46) Der Grund (…) dass sehr viele Menschen aus den Alpenregionen, vor allen Dingen Tirol, auch Graubünden bis hin nach Südtirol, Vorarlberg natürlich auch nach Oberschwaben kamen, war die Tatsache, dass es schon nach dem Dreißigjährigen Krieg ja hier ein Bevölkerungsvakuum gab. Die Bevölkerung war durch Kriegseinwirkungen, durch Seuchen, Pest und so weiter stark reduziert worden in einem ohnehin schon dünn besiedelten Gebiet. Hier gab es eben große Höfe, die einfach auch Arbeitskräfte benötigten. (…) Und deswegen war es eigentlich fast natürlich, dass es diese Arbeitsmigration gab. Das waren auch Erwachsene, die saisonal sich dann hier Arbeit gesucht haben und diesen Migrationsbewegungen folgten dann letztlich auch die Kinder. Erzähler Im Laufe der Jahrhunderte etabliert es sich, dass die Kinder allein geschickt werden und die Eltern daheim bleiben. Anfang bis Mitte des 19.Jahrhunderts erreichen die Kinderwanderungen ihren Höhepunkt. Erzählerin Laut Schätzungen sind es pro Jahr 5000 Buben und Mädchen, die aus dem nördlichen Alpenraum ins Schwabenland ziehen, um auf den Höfen als Hütejungen, Mägde oder Knechte zu arbeiten. Kinder, die zwischen sechs und 14 Jahre alt sind. 2.O-Ton (Mücke Ausstellung ab ca. 9:11) Man muss aber sagen, dass die Zahlen so hoch waren, weil das eine Zeit war, die durch Hungerkrisen also gerade 1816/ 17 und die folgenden Jahre auch hier durch hohe Auswanderung, also auch im Königreich Württemberg oder in Baden gab es viel Armut und Auswanderung nach Amerika, was aber gleichzeitig dann wieder Arbeitskräftemangel hier evoziert hat und so lag also dieser Höhepunkt dieser Wanderung dann in diesen Jahrzehnten. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:55 Erzählerin Es ist die Armut, die ihre Eltern dazu bringt, eines oder mehrere ihrer zahlreichen Kinder in die Fremde zu schicken. Die die beschwerliche Wanderung aber nicht allein bewältigen müssen, sondern sich als Gruppe mit anderen Kindern aus dem Dorf aufmachen. Erzähler Sie sind nicht ganz ohne Schutz unterwegs, sondern immer in Begleitung eines Erwachsenen. Wie notwendig diese Begleitung ist, das geht aus der nachgestellten Erzählung des ehemaligen Schwabenkindes Katharina hervor. Die so im Bauernhaus-Museum Wolfegg zu hören ist. Katharina ist 11 Jahre alt, als sie sich 1836 von Graubünden aus auf den Weg macht: MUSIK ENDE 3.O-Ton [0:00:09] (Katharina) : Wie wir aufbrechen am frühen Morgen ist wie gsagt überall noch Schnee. Acht Kinder sind wir und die Frau, die uns begleitet. Der Vater sagt: die bringt euch ins Schwabenland und holt euch wieder ab im Herbst. Tut, was sie sagt. Der Weg ist steil von Samnaun hinunter ins Inntal. Wir laufen hintereinander, ich bin hinten und habe Mühe im Schnee. Vor mir ist mein Bruder und hinter mir noch die kleine Anna. Aber plötzlich, als ich zurückschaue, ist sie nicht mehr da. Die Anna schrie ich. Die Führerin hält sofort an, schaut, kommt zurück und geht eilig den Berg hinauf. Ich gehe mit, und wir finden sie. Anna hockt im Schnee. Sie ruft nach ihrer Mutter und weint. Und auch bei mir kommen die Tränen. Unsere Führerin kniet bei der Anna, hält sie fest, redet ihr leise zu und beide stehen auf. Sie führt sie an der Hand. Ich folge den beiden stumm. MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:20 Erzählerin Neben dem Heimweh und der Ungewissheit, was sie im Schwabenland erwartet, ist auch der Weg für die Jungen und Mädchen eine Tortur. Sabine Mücke: 4.O-Ton (Mücke Int. ab 1:07) Da die Kinder um Mitte März herum schon in Oberschwaben sein mussten, weil da beginnt einfach dann so das bäuerliche Arbeitsjahr mit Aussaatarbeiten, mussten sie sich eben dann auch auf den Weg machen. Und Mitte März lag eben in den Alpen in den höheren Regionen auf jeden Fall immer noch Schnee. Das heißt vor allen Dingen für die Kinder (1:31), die aus Südtirol, auch aus Tirol kamen, stand der Arlberg im Weg. (…) Und man muss sich eben vorstellen, wenn dann diese Kinder sich zu Fuß durch den noch meterhohen, schweren Schnee auf den Weg machen mussten (ab 02:09…) Also da gibt es wirklich auch beeindruckende Schilderungen, wie gefährlich und auch wie unheimlich und wie anstrengend das war. (…) Erzähler Die Kinder sind mit sehr wenig Proviant, zu dünner Kleidung und schlechtem Schuhwerk unterwegs.Mit dem Bau der Arlbergbahn 1884 wird der Weg zumindest für diejenigen aus Tirol deutlich unbeschwerter. 5.O-Ton (Mücke Int. ab ca. 4:00) Und dann sind auch die Kinder aus Südtirol, die ja sowieso auch noch erst einmal über den Reschenpass kommen mussten und dann hat man sich eben in Landeck in den Zug setzen können, konnte bis Bregenz mit dem Zug fahren. Und dann eben teilweise sind die Kinder dann mit dem Schiff nach Friedrichshafen oder eben zu Fuß weiter nach Oberschwaben oder auch ins oberschwäbische Allgäu. Erzähler Je jünger die Kinder sind, desto größer ist das Heimweh. Je älter sie sind, desto häufiger sind sie auch stolz, im Schwabenland ein paar Gulden für ihre Familie daheim dazu zu verdienen. Und sich hoffentlich satt essen zu können. 6.O-Ton (Mücke Int. ca. 6:00) Weil sie wussten auch zuhause wird das Essen eben knapp gerade am Ende vom Winter. Man muss, glaube ich immer sich vor Augen halten, dass sie nicht so viele Wahlmöglichkeiten hatten, nun das dann einfach mehr oder weniger so auf sich genommen haben. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:25 Erzählerin Kaum in Friedrichshafen oder Lindau angekommen, geht es auf einen der Hütekindermärkte, die bis ins Zwanzigste Jahrhundert hinein regelmäßig um Josephi, also am 19.März stattfinden. Es ist der Ort, wo die Arbeitsstellen vergeben werden. Erzähler Kindergesindemärkte gibt es in Ravensburg, Friedrichshafen, Kempten und - je nach Bedarf auch in Wangen, Weingarten, Tettnang und Bad Waldsee. Die zentrale Anlaufstelle ist Mitte des 19.Jahrhunderts der in Ravensburg. MUSIK ENDE 7.O-Ton (Mücke Int. ab 9:51 Humpis Quartier) (9:51) Der Treffpunkt war in der unteren Bachstraße im Bereich des damaligen Gasthaus Krone (…) Und eben vor diesem Gasthaus war der Kindergesindemarkt, Hütekindermarkt, Schwabenkindermarkt. (weiter ab 10:18) Dort trafen sowohl die Kinder ein (…) 11:04 Und dann kamen (…) die Bauern, sprachen verschiedene Kinder oder auch deren Begleiter an, je nachdem, was sie halt suchten. Die einen suchten eine Gänsemagd wie das Regina Lampert ja auch schön erzählt oder vielleicht jemand, der in der Küche im Haushalt hilft. Erzählerin Andere suchen nach einem Knecht, der das Vieh hüten, sich um die Kühe kümmern und bei der Ernte mithelfen kann. Erzähler Die Bauern begutachten die Kinder, fragen wie alt sie sind und sobald die Wahl getroffen ist, geht es um den Lohn, den die Buben und Mädchen für ihre Arbeit bekommen sollen. Der meist höher ausfällt, wenn die Person die Verhandlungen übernimmt, die sie auf dem Weg begleitet hat: 8.O-Ton (Mücke Int. ab 12:01) Da gab es natürlich so übliche Bedingungen, wieviel Lohn für so einen Schwabenkind sein sollte. Von fünf bis zehn Gulden ist oft die Rede. Aber ganz wichtig war natürlich auch die Zusatzleistung wie das berühmte doppelte Häs, also ein doppeltes Gewand Kleidung mit Schuhen am besten noch und das eben in zweifacher Ausführung. Kost und Logis natürlich mit dabei. Manchmal wurde auch so was - sie hat am Sonntag frei noch mit verhandelt. Aber es gibt auch Aussagen von Kindern, die sagen, sie haben eigentlich gar keinen Geldlohn bekommen, sondern wirklich nur dieses Essen. Und wurden am Schluss in Naturalien ausbezahlt, also durch Kleidung. MUSIK privat Take 011 „Frühlingstraum“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:22 Erzählerin Um die Kinder vor der Willkür ihrer Dienstherren zu schützen, gründen Venerand Schöpf und Josef Anton Geiger 1891 den Tiroler Hütekinderverein. Schöpf ist damals Pfarrer und war als Kind selbst ein Schwabengänger. MUSIK ENDE Geiger ist Gemeindevorsteher aus Pettneu am Arlberg. Erzähler Sie erstellen nicht nur Muster-Dienstverträge und versuchen damit, einen gerechteren Lohn für die Kinder festzulegen. Sondern besuchen auch die jungen Mägde und Knechte während des Sommers auf den Höfen. Erzählerin Um nachzusehen, ob es den Kindern gut geht, wie die Kunsthistorikerin Tanja Kreutzer ausführt. Sie ist Leiterin des Bauernhaus-Museums in Wolfegg. 9.O-Ton (ab 1:44 Kreutzer Nachgestellte Stimmen - zum Verein) Es sind (…) Geistliche, die sich um das Wohl dieser Kinder sorgen und sagen: Nein, da muss man was tun. Und dann muss man reglementieren. Vor allem auch hier in Oberschwaben. Pfarrer, die sagen, sie fahren mit dem Fahrrad jeden einzelnen Hof auch ab. Deswegen ist auch hier das Fahrrad noch einmal ausgestellt. Um eben zu gucken: Wird dieser Vertrag auch eingehalten, der jetzt erstmals eben auch schriftlich fixiert wird? Und geht es den Kindern gut in ihrer jeweiligen Arbeitsstätte? Erzähler Der Hütekinderverein kümmert sich auch um die Bildung der Schwabenkinder. Denn auch wenn im Königreich Württemberg seit 1836 die Schulpflicht besteht, gilt sie bis 1921 nicht für ausländische Kinder. Erzählerin Bis dahin sind die Jungen und Mädchen in ihren Heimatregionen jedes Jahr für die Zeit des Schwabengehens von der Schulpflicht befreit. Ihnen bleiben damit nur die vier Wintermonate, in denen sie zu Hause sind, um ein bisschen Stoff nachzuholen. 10.O-Ton: (Kreutzer Int. ab ca. 12:00) Das ist natürlich auch etwas, dass diese Kinder prägt. Wobei es durch den Tirolerhüte Kinderverein die Bemühungen gab, dass man wenigstens den sonntäglichen Kirchgang und die anschließende Betschule auch für diese Kinder öffnete. Und dass die tatsächlich dann auch vom hiesigen Pfarrer in Oberschwaben eine Bestätigung brauchten, dass sie da teilgenommen haben, was sie dann wiederum in ihren Heimatorten abgeben mussten. MUSIK privat Take 010 „Rast“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:30 Erzähler Die Kinder werden sehr unterschiedlich behandelt, wie aus den Quellen hervorgeht, die Tanja Kreutzer durchforstet hat. Je nachdem, ob sie auf einem reichen oder armen Bauernhof arbeiten. Dabei es kommt es sehr auf den Dienstherren an, für den sie arbeiten. MUSIK ENDE 11.O-Ton (Kreutzer Int. ab ca. 7:30) So unterschiedlich wie die Menschen sind, so unterschiedlich ist dann auch die Behandlung, die diese Kinder erfahren haben. Also zum Teil gibt es eben auch Berichte von Misshandlungen. Das wissen wir auch aus einigen Gerichtsakten oder amtlichen Zeugnissen, dass eben auch Anzeige erstattet wurde, weil ein Kind wieder nach Hause gehen musste, weil es so verhauen wurde und misshandelt wurde, dass es Verletzungen hatte, die erst Monate später geheilt sind. Erzählerin In den Berichten ist auch von sexuellen Übergriffen die Rede, die auch Regina Lampert in ihren Erinnerungen andeutet: 11.O-Ton (Kreutzer Int. ab 8:18) Dass sie eben tatsächlich vom Bauern aufgefordert worden sei, einmal als sie da auf der Weide saß, ihren Rock zu lüften. Und erst als sie dann den weggestoßen hat, hat sie gemerkt: das ist der Bauer, der sie hier angeht. Aber wir haben aber eben auch Zeugnisse und das ist durchaus die Mehrheit, dass es diesen Kindern durchaus gar nicht schlecht ging auf den Höfen. Dass da ein recht gutes Verhältnis mit der Familie auch vorhanden war im Rahmen dessen, was man als Gesinde in der Zeit auch erwarten konnte, als relativ weit unten stehend in der Hierarchie und eben auch entsprechend den Anweisungen des Bauern verpflichtet. Erzähler Jacob Stoffel ist eines der Kinder, das gute Erfahrungen macht. Er geht 1896 zusammen mit 20 Kindern aus der Gemeinde Vals ins Schwabenland, um bis zum Herbst auf einem Hof im Niederwangen zu arbeiten. Erzählerin Jacob Stoffel ist damals 13 Jahre alt und schreibt später in einem Aufsatz: MUSIK privat Take 013 „Die Post“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:17 Erzähler (als Zitator) So flog die Zeit in strenger Arbeit vorüber. Das Essen war einfach, aber immer gut zubereitet. Auch die Behandlung war recht gut. Etwa um den 20.Oktober kam unsere Führerin, um uns wieder abzuholen. Mein Meister bezahlte mir den vereinbarten Lohn und gab mir einige Mark als Reisgeld mit. Dankbar verabschiedete ich mich von den Meistersleuten und seiner Familie, sowie von den Diensten und versprach, das nächste Jahr wiederzukommen. Die Reise wurde bis Bregenz zu Fuß zurückgelegt. Auf der Heimreise aus der Fremde waren wir alle „Kapitalisten“. Somit erlaubten wir uns mit der Eisenbahn von Bregenz-Feldkirch-Buchs bis Chur zu fahren. Erzählerin Davon unabhängig ist es aber Schwerstarbeit, die die Kinder leisten. Zu den Aufgaben der Jungen zählt es nicht nur, Gänse, Schweine und Kühe zu hüten, sondern auch, bei der Stallarbeit und der Ernte zu helfen. Erzähler Zu den Aufgaben der Mädchen gehört es, auf die Kinder der Bauernfamilie aufzupassen und beim Kochen, Backen, Waschen mitzuhelfen. Was leichter klingt, als es noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein war. Sabine Mücke: MUSIK ENDE 12.O-Ton (Mücke Int. ab 27:21) Alles Mögliche musste erst noch geschält, gestampft, Gänse mussten gerupft werden. Eben Feuer musste gemacht, am Laufen gehalten werden, die Kessel waren groß und schwer, alles musste hinterher geschrubbt und von Hand wieder abgespült werden. (…) Dann kam dazu das ganze Wäschewaschen. (…weiter ab ca. 30:30) Also sie wurden wirklich als kleine Arbeitskräfte eingesetzt, die aber eigentlich mehr oder weniger eine Magd oder einen Knecht ersetzt haben. Aber zu dann zu einem Drittel vom oder und Viertel vom Lohn. Erzähler Es sind lange Arbeitstage, die die sechs- bis 14-jährigen Kinder jeden Tag aufs Neue vor sich haben. Die früh morgens um vier oder fünf Uhr beginnen und im Sommer während der Ernte erst um zehn Uhr abends enden. Dann, wenn die Sonne untergeht. Nur unterbrochen von den Essenszeiten, wie Tanja Kreutzer ausführt: 13.O-Ton (Kreutzer Int. ab ca. 1:50) Da gab es fünf Mahlzeiten am Tag, wo man dann auch zusammen mit der Familie gegessen hat. Das waren durchaus nahrhafte Gerichte, die es da gab, aber einfache Gerichte. Brenzmus zum Beispiel, dass ist so ein Haferbrei mit Butterschmalz obendrauf. (…ab ca. 2:28) Und eben auch Bratkartoffeln oder Speck. Zum Teil auch (…) Suppengemüse, also durchaus nahrhafte und vitaminreiche Kost, die man hier während der Sommermonate auch bekommen hat. Erzählerin So etwas wie Freizeit gibt es für die Kinder nur selten. Nach dem harten Arbeitstag sinken sie auf ihr Bett, das meist aus einer mit Stroh gefüllten Matratze besteht. Oft teilen sie sich nicht nur das Zimmer mit einem Knecht oder einer Magd, sondern auch das Bett. MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:10 Erzähler Dabei ist auf vielen Höfen immer wieder Thema, dass viele der Kinder ins Bett machen. MUSIK ENDE 14.O-Ton (Kreutzer Int. ab 5:32) Tatsächlich dieses Bettnässen scheint ein Phänomen gewesen zu sein, wo man einfach wirklich merken kann, dieser psychische Druck, der hier da war, das Heimweh, auch das in die Fremde gehen. Auch erst mal keine Schutzperson zu haben. Man ist jetzt vollkommen von der Familie und von allen, die man kennt und die für einen da sind erst einmal getrennt. (…) (6:11) Und man geht auch davon aus, dass durchaus auch der Schlafmangel da eine Rolle gespielt haben mag, dass die Kinder einfach wirklich reihenweise nachts ins Bett gemacht haben. MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:25 Erzählerin Mit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts werden es immer weniger Kinder, die im Frühjahr aufbrechen. Aber es dauert noch bis in die 1950er Jahre, bis das Phänomen des Schwabengehens endgültig aufhört. Sabine Mücke: MUSIK ENDE 15.O-Ton (Mücke Int. ab 24:41) Also das, was man so wirklich als Schwabengängerei bezeichnet, hörte eigentlich schon mit dem Ersten Weltkrieg auf. (…) Die Grenzen waren zu, und damit kam das schon ganz stark zum Erliegen. (…) Es gab aber natürlich dann in den 20er-Jahren und in den 30er-Jahren (…) Kinder, die kamen. Vor allen Dingen waren es dann die Kinder aus Vorarlberg, (ab 25:35) die dann zur Arbeit noch ins Schwabenland gekommen sind. Aber (…) nach dem Zweiten Weltkrieg war das Thema zu Ende. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:10 Erzähler Dass die Geschichte des „Schwabengehens“ nicht in Vergessenheit geraten ist, ist vor allem für die Nachkommen der Schwabenkinder von besonderer Bedeutung. Erzählerin Viele von ihnen haben nun die Gewissheit, dass es wirklich ihre Großmutter oder der Urgroßvater war, die sich als Schwabenkinder verdingen mussten. Erzähler Sie finden heute in Museen oder auf Wanderwegen Orte, die einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte veranschaulichen. Erzählerin Darüber hinaus bleibt das Schwabengehen als sozialgeschichtliches Phänomen der Arbeitsmigration von Kindern als Saisonarbeiter ein aktuelles Thema. Denn Kinderarbeit gibt es bis heute.